Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

„Critical Whiteness“ – heute: Das Judentum

Da baumelt er, ein kleiner goldener Davidstern. In Italien ist es vollkommen normal, einen zu tragen. Es bringt noch nicht einmal eine besondere Religiosität zum Ausdruck, genauso wenig, wie das berühmt-berüchtigte Halskettchen mit Kreuz an behaarter Brust oder anderswo. Das bedeutet übrigens nicht, dass es in Italien keinen Antisemitismus gibt. Nur, dass es in Italien Juden gibt. Aber gut, dieser Davidstern, den ich hier meine, der baumelt nicht an einem jüdischen Hals, sondern an dem eines deutschen Transmannes. Ist ja fast das Gleiche, könnte, ja sollte man vielleicht denken. Aber dafür waren schon zu viele Deutsche die „neuen Juden“. Man denke nur an die Heuschreckendebatte 2005, die eine unglückliche Äußerung des SPD-Politikers Franz Müntefering ausgelöst hatte. Da waren es die Manager und Superreichen, die sich plötzlich antisemitisch an die Wand gestellt gefühlt hatten. Hatte man nicht einst auch den Juden vorgeworfen, reiche Geldsäcke zu sein, die sich auf Kosten anderer ein Vermögen zusammenscheffelten?

Wer oder was ist hier eigentlich antisemitisch?

Ich fand damals, dass der Antisemitismus gerade in der Instrumentalisierung des Judentumes und – mehr noch – des Holocaustes für wohlhabende Deutsche, die sich falsch – rücksichtslos und gierig – verhalten hatten, lag. Da hätte man auch gleich offen sagen können, dass man „Judentum“ mit „Ausbeutung“ und „Turbokapitalismus“ gleichsetzt. Zahlreiche Beispiele aus der Geschichte belegen, dass es nicht so war: Etwa die osteuropäischen Juden, die in Folge der Progrome in Russland, etwa 100 Jahre vor der Heuschreckendebatte, nach Berlin eingewandert waren: armselige Bauern, allenfalls Kleinbürger waren es gewesen, über die das wohlsaturierte liberale und assimilierte jüdische Berliner Großbürgergertum allenfalls verächtlich die Nase rümpfte. Oder eben Italien, wo Juden z. T. als Handwerker tätig waren, solide bodenständige Menschen. Ein Blick nach Israel, wo keineswegs jeder reich ist, dürfte auch die letzten Zweifel ausräumen. Dafür sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass der Stereotyp des „gerissenen, geldgierigen Juden“, dem die Schuld sowohl für kapitalistische Auswüchse in die Schuhe geschoben werden sollte, als auch für die „kommunistische Gefahr“, ein nationalsozialistischer Stereotyp ist.

Keine Frage, es gab solche Juden, aber es gab und gibt eben auch Christen, die sich so verhalten. Siehe Heuschreckendebatte. Der Holocaust als „Schutzschild“ stand den deutschen Managern jedenfalls nicht zu.

„Critical Whiteness“ – oder: darf man sich als Deutsche(r) für Israel interessieren?

In der Debatte um „Critical Whiteness“, Minderheitenrechte und speziell der Kritik an der „Aneignung“ fremden Kulturgutes durch Weiße Europäer, Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“, erlangt auch die Heuschreckendebatte neue Brisanz. Dass Deutsche eine gewisse historische Schuld empfinden und sich schon deshalb hierzulande über mehrere Generationen viele Menschen intensiv mit dem Judentum befasst haben, ist eigentlich eine eher normale Reaktion. Man möchte „die Anderen“, denen so viel Unrecht und Leid widerfahren ist durch die Hände der eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßeltern, kennen lernen, ihre Kultur verstehen, hofft auf eine gegenseitige Annäherung. Und es hat ja auch wirklich dazu beigetragen, dass Verhältnis von (nicht-jüdischen) Deutschen und Juden (generell) zu entspannen.

Die „Jüdin“ Merkel: Antisemitismus gegen Nicht-Juden

Aber dürfen Deutsche sich mit dem Judentum identifizieren, dergestalt, dass vielleicht dann sogar andere Deutsche als Antisemiten dastehen, wenn sie einen kritisieren? Die Frage ist viel schwerer zu beantworten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Immerhin wird in den sozialen Netzwerken nur zu gern verbal auf die „Jüdin“ Merkel eingedroschen. Angela Merkel ist keine Jüdin. Der Zusammenhang zwischen ihrer Flüchtlingspolitik (wo es vorwiegend um Menschen aus muslimischen Ländern geht) und dem Judentum, wie ihn die zumeist rechtsextremen Accounts herstellen, ist nicht nur frei assoziiert, sondern einfach nur absurd. Kann man jetzt aber hämisch grinsen, wie es solche Menschen gern tun, und behaupten, dass es doch dann auch kein Antisemitismus ist, da die Merkel ja tatsächlich keine Jüdin ist, und ihnen das ja vollkommen klar war? Har, har. Nein, so einfach geht es leider nicht. Ansonsten könnte man jemandem ja auch „Du Arschloch!“ ins Gesicht knallen und es wäre keine Beleidigung, weil man das später immer noch aufklären und sagen kann: „Aber ich fand doch gar nicht, dass XY ein Arschloch ist!“ Mal ganz abgesehen davon, dass „Jude“ eigentlich ein neutraler Begriff ist, der aber hier negativ, als Beleidigung, gewendet wird. Das relativiert auch die Political Correctness ein wenig, denn „Du scheiß Roma! Das hast du doch bestimmt geklaut!“ wäre eine diskriminierende Äußerung, und zwar antizigan, auch wenn das Wort „Zigeuner“ gar nicht gefallen ist. Es kommt aufs Abwerten an, die Wortwahl ist nicht immer das Entscheidende. Allerdings, um ehrlich zu sein, „Du Roma!“ habe ich noch nie gehört.

Der jüdische „Halsabschneider“ – und wenn’s wirklich einer ist?

Was die Manager betrifft, wären sie als „geldgierige Raffkes“ beschimpft worden, hätte man ihnen zugleich noch „Bolschevismus“ unterstellt und eine „kalte, berechnende Intelligenz“, die man gegen „vielleicht nicht ganz so schlaue Menschen, aber eben GEMÜTSmenschen“ abgegrenzt hätte, oder hätten sich diese Leute zumindest selbst auch kritisch über einen allzu rüden Turbokapitalismus geäußert, dann hätte man es vielleicht schon so sehen können, dass ihnen da ein antisemitischer Stereotyp aufgedrängt werden soll und das wäre natürlich tatsächlich diskriminierend gewesen. Aber nicht jeder, der andere ausbeutet, darf sich deshalb als „Jude ehrenhalber“ fühlen. Übrigens darf man sogar jüdische Halsabschneider auch so nennen, wenn es eben Halsabschneider sind. Man darf es aber eben nicht verallgemeinern und jedem Juden anhängen und dann auch noch geflissentlich darüber hinwegsehen oder Ausreden erfinden, wenn sich andere so verhalten. DAS ist das Diskriminierende daran, nicht die Kritik an einem ausufernden Manchester-Kapitalismus.

Ich fühle mich aber auch ausgegrenzt!

Allerdings ist es fast schon bizarr, dass neben der verstörenden neuen rechten Unbefangenheit gegenüber antisemitischen (und anderen) Diskriminierungen ein demonstrativer Philosemitismus steht, der manchmal recht enervierend ist, weil man den Eindruck hat, dass einem das etwas sagen soll. Irgendwie fragt man sich, ob es da wirklich um ein besonderes Interesse an der jüdischen Religion und Kultur, vielleicht auch an Israel geht, oder eher darum, anderen Schuldgefühle einzujagen. Ist das ein schmaler Grad? Dürfen Menschen sich genau so verfehmt und sozial an den Rand gedrängt fühlen, wie einst die Juden im Nationalsozialismus? Und wenn ja, unter welchen Umständen? Oder ist die Schulddebatte um den Holocaust – aus welchen Gründen auch immer – wieder so sehr hochgekocht, dass es Deutsche gibt, die gern jüdischer als die Juden wären? Hat das mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und Schlimmerem (soziale Netzwerke, siehe oben) zu tun? Oder ist es eine ganz andere Form von Abgrenzung?

Der Holocaust als Identitätsstifter?

Im Prinzip ist gerade das eine Form von kultureller Aneignung und zwar – folgt man der „Critical Whiteness“-Debatte – eine Aneignung einer Opferkultur durch ein Tätervolk, oder zumindest durch einige Personen, die zum Tätervolk gehören. Eine prominente Deutsche, die sich sehr mit dem Judentum identifiziert, ist z. B. die Publizistin Carolin Emcke. Sicher, ich setze jetzt voraus, dass Emcke KEINE Jüdin ist. Zum einen wäre es ansonsten nicht in der Schwebe gehalten worden, man hätte es sich ganz im Gegenteil nicht nehmen lassen, ausführlich über die „jüdische Identität“ der Publizistin und Friedenspreisträgerin zu berichten. Zum anderen war Emckes Patenonkel, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen einst Schüler einer Napola, einer NS-Eliteschule, u. a. der Deutschlandfunk hat sich damit befasst. Anders als andere Deutsche hatten solche Menschen zweifelsfrei nachzuweisen, nicht einmal einen Hauch jüdische Vorfahren, auch nicht weitläufiger, zu haben. Dadurch wird Herrhausen nicht gleich posthum zum bösen Buben schlechthin auf den Deutschland mit dem Finger zeigen kann – er mag sich später davon distanziert haben, das weiß ich nicht. Außerdem war der Rest der Republik, zumal diejenigen, die (wieder) in Fürhungspositionen saßen, auch nicht besser -, aber die Emcke wird dadurch ein Stück weit weißgewaschen.

Auch Hengameh Yaghoobifarah, die die aktuelle Debatte um „Critical Whiteness“ angestoßen hat, hat sich, wie sie schreibt, bewusst einen Tarnnamen gesucht, der auch jüdisch gedeutet werden könnte, um die Besucher eines aus ihrer Sicht allzu weißen Musikfestivals ein bisschen einzuschüchtern. Carolin Emcke ist lesbisch, Hengameh Yaghoobifarah hat iranische Wurzeln (und betrachtet sich offenbar auch als „queer“/lesbisch/trans, keine Ahnung). Ganz gleich, wie lächerlich und an den Haaren herbeigezogen man die Kritik an der vermeintlichen „kulturellen Aneignung“ z. B. außereuopräischer Speisen auch finden mag: Die Diskriminierung von Randgruppen existiert ja wirklich. Darauf haben Anna Böcker und Lalon Sander in der taz aufmerksam gemacht. Dürfen Emcke und Yaghoobifarah also etwas, das andere Deutsche nicht dürfen, so, wie der kleine goldene Davidstern an einem dürren deutschen Transmannhals seine Berechtigung hat, woanders aber deplaziert wirken würde?

„Deutsche“ und „Minderheiten“ – keine glückliche Allianz

Hm. Geht so. Vielleicht kann ich da nicht mitreden. Ich bin nicht dunkler als die Emcke oder die Yaghoobifarah. Ich bin bisexuell und allerhöchstens ein bisschen burschikos, aber nicht trans. Gegen Menschen, die mit Vollkaracho „anders“ sind, bin ich wohl eher „normal“. Nur eben sehr viel ärmer als die meisten. Allerdings – das was mir zu „mit Vollkaracho ‚anders'“ gleich als erstes in den Kopf kommt, ist eine Bekannte: groß, stämmig, flachsblonde lange Haare, die als ich mich zum  ersten Mal outete, sofort darauf kam, dass sie auch „bi“ ist. Später fiel ihr dann noch ein, auch „trans“ zu sein. Sie habe sich mir gegenüber schon immer ziemlich „männlich“ gefühlt. Würde so jemand sich von mir auch noch „verfolgt wie eine Jüdin im Nationalsozialismus“ fühlen, müsste ich kotzen. Das kann man meiner Bekannten aber nicht vorwerfen. Dafür gab es da genug andere. Ich kotzte. Einmal musste ich mich vor so einer Frau tatsächlich übergeben, nur dass ich zum Glück nicht viel gegessen hatte.

Irgendwie packt einen dann die Wut, wenn Carolin Emcke dann auch noch zum Besten gibt: „(…) eine mögliche Antwort darauf ist, dass ich eben zunächst einfach erst mal (…) ja, mich auch so verliebt habe, wie das eben üblich war. Und vielleicht hatte ich einfach nur gar nicht die Fantasie, dass ich auch (…) also, ich habe mich erst mal in Jungs und in Männer verliebt. (…)“ (zitiert nach: Interview mit Frank Meyer, auf Deutschlandradio Kultur, v. 28. 03. 2012). Really? Also auch nicht wirklich lesbisch.

Emanzipation oder Stalinismus?

Man fühlt sich irgendwie veräppelt, weil es unehrlich wirkt, obwohl niemand so richtig gelogen hat. Wie die Schweine in George Orwells „Animal Farm“, die energisch gegen alles Menschliche wettern und am Ende selbst doch menschliche Betten für sich selbst brauchen. Oder der rumأ¤nische Diktator Nicolae Ceausescu, der als Vorkämpfer für die Sache des Volkes und in der Tradition einer Reihe entschiedener Kämpfer gegen jede Form von Faschismus auftrat, sich aber „Conducator“ („Führer“) wie sein faschistischer Vorgänger Antonescu nennen und goldene Wasserhähne in seinen Palast einbauen ließ. Obwohl es unfair und sachlich falsch wäre, Emcke oder Yaghoobirfarah mit Ceausescu oder den Schweinen in „Animal Farm“ zu vergleichen. Es geht eher darum, dass Menschen vorgeben, an vorderster Front für eine – eigentlich gute und gerechte – Sache einzutreten, sich selbst als fleischgewordenes Symbol dieser Sache feiern lassen, andere zurückdrängen und als „Verräter“ an der Sache und „Feinde im Inneren“ denunzieren, Entbehrungen und Zugeständnisse verlangen (etwa: „Jobs und Förderung erst einmal für die Minderheiten!“, eventuell sogar: andere müssen „ausgebeutet“ werden, weil es doch sonst immer umgekehrt war, als „Rache“ gewissermaßen, oder – Affirmative Action: Man stärkt erst einmal der Minderheit den Rücken und straft andere ab, auch wenn die eigentlich im Recht sind, das, was die Minderheit sagt, ist in jedem Fall zu loben, während andere eher kein positives Feedback kriegen sollten, um sie „von ihrem hohen Ross zu holen“ …), und dann irgendwann herauskommt, dass sie selbst die ganze Zeit über die verbotenen Früchte reichlich genossen und sich kaum auch nur an ein einziges ihrer angeblich „ehernen Prinzipien“ gehalten haben.

Der harte Kampf um den Minderheitenstatus

Dazu passt es, dass man mir oft genug eingebläut hatte, dass man bzw. frau sich das aber „aussuchen“ könne. Also, die sexuelle Orientierung und auch ob, man/frau sich „cis-„, „trans-“ oder irgendwie „inbetween“ fühle. Dafür hatte aber ich keine Wahl mehr. Alle traten beinhart homosexuell auf, auch Frauen, von denen ich genau wusste, dass es nicht stimmte. Und ein bisschen „trans“, jedenfalls aber sehr „männlich“ (siehe oben) waren sie auch alle. Immer wieder hatte ich „Transmenschen“ (weiblicher Körper, „männliches“ Auftreten) am Hals, die mich belästigten und es sogar als Affront betrachteten, wenn ich auch nur etwas zu breitbeinig in der U-Bahn saß. Man/frau ließ mich wissen, dass man mir „klarmachen“ wolle, dass ich „keine Dyke“ sei. Soviel Aufwand und Aggression, nur um den Status der „Andersartigkeit“ eifersüchtig zu bewachen und möglichst exklusiv für sich selbst zu beanspruchen? Und dafür „verfolgt wie die die Juden im Nationalsozialismus“??? Es hatte eher den Anschein, als ob es darum ginge, eine Trophäe, die man anderen abgejagt hatte, zu verteidigen, wie ein Hund, der irgendwo einen Rinderknochen gestohlen hat und jeden böse anknurrt, der ihn ihm wieder entreißen will, mit dem Unterschied vielleicht, dass ich diesen Frauen nicht einmal zu Nahe getreten war und ihnen auch nichts hatte „entreißen“ wollen …

Die Willkür dieses Minderheitendiskurses hat Doris Akrap in einem Beitrag zur „Critical Whiteness“-Debatte in der taz auf den Punkt gebracht: „Wer weiß ist, bestimme ich“.  Thema war hier einmal wieder „kulturell enteignetes“ Essen, diesmal in den USA. Und – es ist fast schon ironisch! -, aber es war auch in diesem Fall eine Weiße Lena Dunham, eine der Pop-Ikonen des Queerfeminismus, die die Kritik losgetreten hat. Immerhin, und für deutsche Ohren sicherlich von Bedeutung: Dunham ist wirklich Jüdin.

Aber lassen wir derartige Spitzfindigkeiten einmal beiseite. Als Deutsche(r) den Davidstern und – mehr noch – den Holocaust zu missbrauchen, um sich selbst eine Aura des „Andersartigen“ zu verschaffen und andere damit zu erpressen, ja, vielleicht im schlimmsten Falle sogar noch Diskriminierung anderen gegenüber zu rechtfertigen, wäre reichlich widerlich. Es würde die Heuschreckendebatte von 2005 noch um einiges toppen.

 

Homosexuell und rechts – geht das?

Anmerkung: Meine Geschichte „Terror!“ werde ich wegen des Terroranschlags in Berlin zu einem späteren Zeitpunkt weiter erzählen …

Mittlerweile ist es durchgesickert. Es gibt sie: homosexuelle AfD-Mitglieder, ob Mirko Welsch oder Alexander Tassis, Alice Weidel oder Jana Schneider, queer geht also auch rechtspopulistisch. Warum bloß? … werden sich jetzt viele fragen. Steht Homosexualität, mehr noch Queer, nicht für Liberalismus und eine fortschrittliche Gesinnung, für Weltoffenheit und Toleranz. Na ja. Wenn man denkt, dass alle Schwarzen begnadete Soulsänger sind, mag man sich die Welt so zurechtbiegen. Klar ist: Homosexualität gibt es überall auf der Welt. Sie kommt in allen sozialen Schichten vor und wenn man sie sich nicht gerade im Zuge eines trendy Queer-Chic „aussucht“, ist mit der sexuellen Orientierung auch keine bestimmte Weltsicht verbunden. Alle politischen Überzeugungen, Weltsichten und Lebensstile, die es so in einer Gesellschaft gibt, gibt es also auch unter den Homosexuellen dieser Gesellschaft.

Jan Schnorrenberger formuliert es auf seinem Blog „Spektrallinien“ in dem Blogbeitrag „Der rosarote Dolchstoß“ folgendermaßen: „Schwuler Rechtspopulismus ist eine Ergänzung zu klassischen Argumentations- und Deutungsmustern des westlichen Rechtspopulismus.“ Er hebt hervor, dass die rechtspopulistische AfD für sich reklamiert, den „bürgerlichen“ Teil der LGBT-Community zu vertreten, der als der nicht „linksgrüne“ Teil der Community gedeutet wird. Vielleicht wählt, wer schwul ist und die Grünen und die Linkspartei nicht so prickelnd findet, deshalb nicht unbedingt gleich die AfD – es gibt ja auch noch FDP und CDU und die Möglichkeit, sich gar nicht irgendwie politisch zu positionieren. Aber, und das erwähnt auch Schnorrenberger, Parteien mit klar islamfeindlichen Positionen können natürlich bei Schwulen Punkte machen, die Angst haben, von jungen Türken und Arabern zusammengeschlagen zu werden. Immerhin sind solche Ängste nicht ganz unbegründet und wer allzu scharf darauf beharrt, im Rahmen einer etwas überspitzt aufgefassten Willkommenskultur Partei für junge Muslime zu ergreifen, muss sich vielleicht nicht wundern, wenn andere Minderheiten sich allein gelassen fühlen. Aber vielleicht geht es in solchen Fällen auch eher um eine plumpe und aufgesetzte Parteilichkeit als um echte Toleranz, die eher auf Ausgleich und freie Entfaltungsmöglichkeiten für alle setzen würde. Jan Schnorrenberger zieht jedenfalls für sich den Schluß: „Eines muss uns klar sein: Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen. Aber unsere Emanzipation kann und wird niemals auf dem Rücken anderer Minderheiten erfolgen können.“

Querfront: Oder Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (I)

Kaum jemand traut sich wirklich an das Thema LGBT und Rechtspopulismus heran, denn zu hartnäckig halten sich Vorurteile, wie etwa, dass Schwule generell sexuell freizügig seien und sexuelle Libertinage gleichbedeutend mit einem liberalen Denken ist oder dass Schwule als Randgruppe und „Opfer dieser Gesellschaft“ zwangsläufig solidarisch mit anderen seien, die Diskrimierung und Ausgrenzung erleben. Vielleicht besteht auch eine gewisse Furcht, die – ja, das denke ich – tatsächlich mit einem Minderheitendiskurs zu tun hat, der mittlerweile heillos überzogen und oft einfach nur noch hysterisch ist, und man möchte die LGBT-Gemeinde nicht brüskieren. Dabei tut man allerdings niemandem einen Gefallen. Außer vielleicht den Rechten: Denn wer darauf beharrt, dass auch Leute, die eigentlich rechts sind, als „links“ wahrgenommen werden sollen – eben weil es so gut in das eigene Weltbild passt – der provoziert damit nicht nur den Unmut derer, die sich dadurch gegängelt fühlen. Man arbeitet auch der neuen Rechten fleißig in die Hände, die wie ihr Vordenker, der Franzose Alain de Benoist (geb. 1943), auf Querfrontstrategien setzt und – in Anlehnung an den linken (!) italienischen Theoretiker Antonio Gramsci (1891 – 1937) – das Einsickern rechtsextremen Gedankengutes in die Gesellschaft als neue, hippe (Sub-)Kultur vorrantreiben möchte.

Dennoch ist fraglich, ob der Konservative, der zufällig auch schwul ist, wirklich der einzige Fixpunkt eines queeren Rechtspopulismus ist oder ob nicht ganz andere Akteure eine viel größere Rolle spielen, Menschen, die von außen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht unbedingt als „konservativ“ im Sinne von „altmodisch“ und „traditionsbewusst“ erkennbar sind.

Da ist zum Beispiel der Brite Milo Yiannopoulos (geb. 1983), ein abgebrochener Literaturstudent, der einen griechischem Vater hat und queer ist – eigentlich ganz der Prototyp des modernen, fluide Identitätskonzepte und sexuelle Offenheit bejahenden jung-dynamischen Kosmopoliten. Yiannopoulos, der als Journalist über Tech-Culture schreibt, fiel das erste Mal im Rahmen des sog. „GamerGate“ auf: Auslöser der frauenfeindlichen Hexenjagd, bei der es angeblich nur darum ging, Korruption im Tech-Journalismus kritisieren, war der Ex-Freund der amerikanischen Spiele-Entwicklerin Zoe Quinn, der Quinn vorwarf, mit einem Tech-Journalisten ins Bett gegangen zu sein, damit dieser ihre Spiele wohlwollender rezensiere. Yiannopoulos mischte kräftig mit.

Masculinism & Tribalism: Eine neue, kernige Männlichkeit

Der hippe Brite, der auch für den designierten US-Präsidenten Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und als Protagonist der „Alt-Right“, der „Alternative Right“ gilt, einer neu-rechten Bewegung in den USA, macht aus seiner Verachtung für Frauen keinen Hehl. Damit steht er weder in der neuen Rechten noch in der queeren Szene allein da. Gegen Jack Donovan (geb. 1974) etwa ist die abstrus muskelbepackte Berliner Szene-Größe Rummelsnuff (über dessen politische Ansichten mir nichts bekannt ist) eher ein kleines Licht. Donovan vertritt eine archaische, körperbetonte Männlichkeit, die ohne Frauen auskommt bzw. sie in die Rolle bloßer Statistinnen der Menschheit verweist. Dabei wird das eigene „Mann-sein“ durch Tribal-Symbole aus der Techno-Szene unterstrichen. Ebenso wird die Bildsprache des Death Metal aufgegriffen und hier und da eine stilisierte faschistische Symbolik eingestreut. Donovan selbst umschreibt sein Lebensgefühl mit Begriffen wie „Masculinism“, „Tribalism“ und „Barbarism“. Er wurde auch bereits von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Europa und speziell auch im deutschsprachigen Raum rezipiert. Bei soviel testosteronstrotzender homosexueller Männlichkeit im rechten Lager wundert es nicht, dass auch der Publizist Martin Lichtmesz (geb. 1976) (bürgerlich: Martin Semlitsch) , der der österreichischen neuen Rechten zugeordnet wird und lange in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, bereits 2010 in dem neu-rechten Online-Magazin „Sezession“ eine neue maskuline Art des Schwulseins beschrieben hat.

Natürlich ist nicht jeder, der eine kernige, muskelbepackte Männlichkeit sexuell anziehend findet, deshalb rechts. Außerdem spiegelt der Gedanke des „Masculinism“ im Grunde nur differenzfeministische Konzepte à la „die Frauen bleiben unter sich und machen es sich miteinander nett“. So gesehen nimmt es sich wie ein bizarrer, ins Homosexuellenmilieu verlegter „Kampf der Geschlechter“ aus, bei dem sich beide Parteien trotzig auf sich selbst zurückziehen. Aber so lange eine konservative, auf strikte Differenz angelegte Wahrnehmung der Geschlechter – anders als bei Yiannopoulos und Donovan – nicht mit einer Abwertung des anderen Geschlechtes einhergeht und keine gesamtgesellschaftlichen politischen Forderungen daraus gezogen werden, kann man solche Sichtweisen vielleicht als „Geschmackssache“ abhaken.

Das Manifest der Alt-Right-Bewegung

Allerdings ist fraglich, ob das neue „Traditionsbewusstsein“ in Punkto Geschlechterrollen so gedacht ist, dass es sich auf ein subkulturelles Milieu beschränken soll. Immerhin hat Milo Yiannopoulos im März diesen Jahres gemeinsam mit dem halb britisch- halb-pakistanischen Publizisten Allum Bokhari das Manifest der „Alt-Right“-Bewegung zu Papier gebracht, das in dem neu-rechten us-amerikanischen Online-Magazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde. Angesprochen werden darin sowohl das Provokative, jugendlich-Rebellische, das die neue Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als auch das „natürliche Konservative“, bei dem es v. a. um den Erhalt des eigenen „Stammes“, der eigenen Sippe gehen soll und das in etwa dem Ethnopluralismus der europäischen „Identitären Bewegung“ entspricht, auf die sich Yiannopoulos und Bokhari auch beziehen. Man hebt außerdem die eigene Intellektualität hervor, die die „Alt-Right“-Bewegung von den dumpfen, ordinären und aggressionsgeladenen britischen Skin-Heads der 1970er und 1980er Jahre abgrenzen soll. Ebenso sind Yiannopoulos und Bokhari bedacht darauf, nicht mit offen rassistisch auftretenden Extremisten in einen Topf geworfen zu werden.

Schließlich betonen beide, dass sie rassistische und antisemitische Äußerungen – sofern sie selbst oder ihre Freunde sie machen – als „ironisch gemeinten“ Witz verstanden wissen wollen – eine Auflehnung gegen das starre Korsett der Political Correctness also, weiter nichts. Der beste Beweis: Sowohl Yiannopoulos als auch Bokhari sind „racially mixed“, haben jeweils ein Elternteil mit Migrationshintergrund, Yiannopoulos ist dazu noch schwul, sie haben einen Haufen schwuler jüdischer Freunde, überall steckt also ein bisschen „Minderheit“ in der „Alt-Right“-Bewegung. Können solche Menschen Rassisten sein? Antisemiten?

Eigentlich könnte ich diese eher rhetorische Frage mit einem Verweis auf den Anfang dieses Textes beantworten. Rassismus kommt sogar in Afrika vor. Nein, nicht unbedingt nur gegen Weiße, sondern auch Schwarze gegen andere Schwarze. In dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste wurde Ausländerfeindlichkeit um das Jahr 2000 sogar zu einem richtigen Problem. Und klar, allen, die den Antisemitismus der „Alt-Right“-Bewegung ( zu Recht!) beklagt haben, wäre leicht eins reinzuwürgen: „Breitbart“, das Sprachrohr der Bewegung ist nicht nur von einem Juden gegründet worden. Das Online-Magazin hat außerdem eine Dependance in Jerusalem. Rechtes Denken kommt eben auch in Israel an. Das Bedürfnis nach sozialer Ab- und Ausgrenzung und von außen besehen meist vollkommen abstrus erscheinende Überlegenheitsgefühle existieren leider überall auf der Welt. Und faschistische Experimente hat es auf so ziemlich jedem Kontinent gegeben. Das Gegenteil, so sollte man hier allerdings nicht vergessen, zu erwähnen, gilt allerdings auch: Ideen von sozialer Gerechtigkeit und Toleranz sind etwa so alt wie die Menschheit. Kulturelle Differenz scheint in dieser Hinsicht wohl eher nicht den Ausschlag zu geben.

Minderheitenrechte: Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (II)

Eines fällt allerdings auf: Yiannopoulos und Bokhari stürzen sich geradezu auf linke Diskurse zur „selbstbewussten Aneignung“ diskriminierender Begriffe. So hat Yiannopoulos 2015 eine Vortragstour durch us-amerikanische Universitäten „The Dangerous Faggot Tour“ – „die Tour der gefährlichen Schwuchtel“ – genannt und Bokhari bezeichnet sich im Internet als „resident kebab at Breitbart Tech“. Ein derartiges Pochen darauf, die diskriminierte Minderheit zu sein, wirkt irgendwie weinerlich und zynisch bei Menschen, die für sich selbst sehr wohl das Recht beanspruchen, andere zu mit Verachtung und Herablassung zu behandeln. Zudem wirkt Bokhari, zumindest auf Fotos im Internet, kaum dunkler als Laila Phunk. Warum also sollte man/frau es sich gefallen lassen, sich von einem solchen Mann, der sich selbst als rassistische Sprüche klopfender „schlimmer Finger“ gerieren will und sich dabei auf seinen eigenen Status als „Man of Color“ beruft, als RassistIn abstempeln zu lassen? Gilt hier nicht eher der berühmt-berüchtigte Kategorische Imperativ nach Kant? Zu gut Deutsch: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch niemand anderem zu?

Berlin: Kosmopolitismus und SS-Ästhetik

Der Kosmopolitismus und die Buntheit von „Alt-Right“-Akteuren, wie Yiannopoulos und Bokhari, gemischt mit frivoler SS-Ästhetik und einem ziemlich dünkelhaften Wohklstandschauvinismus findet sich auch in der Berliner queeren Szene wieder. Ebenso das aggressive Pochen auf den Minderheitenstatus und das Beharren auf „Mikroaggressionen“, die einem angeblich entgegengebracht werden. Damit ist so ziemlich jedes Verhalten gemeint, das nicht nett, entgegenkommend und bewundernd-bestärkend ist. Klar, dass natürlich jede und jeder „weiß“ in jeglicher Hinsicht ist und natürlich hetero- bzw. cis- bzw. idealerweise sogar assexuelle, der den Leuten mit ihrem „besonderen“ Lifestyle nicht so schmeckt. Gelegentlich möchte man den knallharten Macho-Lesben, die sich über die fiese „Mehrheitsgesellschaft“ echauffieren, am liebsten ins Gesicht spucken, wenn dann wieder herauskommt, dass diese Frauen eigentlich ja bi sind. Vielleicht noch nicht einmal das. Jedenfalls sollte frau nicht den Fehler machen, irgendeinen x-beliebigen Mann in einem Kreuzberger Szene-Club nach dem Weg zum Klo zu fragen. Es wird nachher heißen, man habe sich an irgendjemanden „herangemacht“, der eigentlich einer anderen „gehörte“. Womit natürlich die eigene Heterosexualität und Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ein für alle Mal unverbrüchlich nachgewiesen ist. Mit Männern sprechen dürfen sowieso nur diese Frauen. Einige haben sich mittlerweile allerdings selbst als assexuell, also als eigentlich gar nicht an Sexualität interessiert (oder unfreundlicher: „frigide“), geoutet. Das hätte ich mir denken können. Gerade weil ich es oft genug am eigenen Leib erfahren hatte, wie speziell die Frauen (aber auch einige „queere“ Männer) einen manisch als „für Männer unattraktiv“ abwerten, lag es nahe, anzunehmen, dass es mit der „Homosexualität“ dieser Frauen eigentlich nicht so weit her ist. Dafür sprechen auch die sexuelle Übergriffe auf andere Frauen, die angeblich „zu notgeil“ sind, was man bzw. frau ihnen dann „austreiben“ muss. Dann wieder wird behauptet, man habe sie „angemacht“ (meist gerade die Frauen, die man – vorsichtig formuliert – nicht ganz so atraktiv findet), weshalb auf „Rache“ gesonnen wird. Wenn erwachsene Frauen (also Frauen, die Ende 20, über 30, z. T. sogar über 40 sind!) sich zudem selbst in aller Öffentlichkeit dauernd als unersättliche Sex-Bomben produzieren, die mehr oder weniger jede Nacht quer durch alle Betten hoppen, kommt man einfach irgendwann darauf, dass da irgendwie ein problematisches Verhältnis zur Sexualität dahinter steht.

Wahnsinn und Gewalt – die dunkle Seite von Queer

Der sog. „Queerfeminismus“ und seine diversen Unterströmungen wie „Sex Positive“ und „Fat Empowerment“ haben das immer wieder thematisiert. Und es ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Frauen sich mit ihrem Körper und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Essstörungen auseinandersetzen. Aber es wird bedenklich, wo die Grenzen anderer Menschen für die Selbsterfahrung und -findung solcher Frauen verletzt werden. Das passiert tatsächlich und es wird zumindest zum Teil durch linke Minderheitendiskurse und queerfeministische Theorien gedeckt, wie u. a. die Geschichte von Megi und Melina zeigt. Eigentlich waren es wohl zwei pubertierende Mädchen, die einmal ganz eng miteiander waren, wie das bei Mädchen in dem Alter manchmal der Fall ist. Dann beginnt Melina, sich für Jungs zu interessieren. Die Busenfreundin kann sie nicht gehen lassen und rastet aus. Megi schlägt Melina einfach tot und bereut es hinterher nicht einmal wirklich. Auf Spiegel Online berichtet Benjamin Schulz von dem Mordprozess in Münster. Es ist von „schwere(r) seelischer Abartigkeit“ die Rede. In der „Zeit“ werden die Mädchen dagegen zu einem jungen lesbischen Paar. Daniel Müller, der Autor des im Mai 2016 erschienen Artikels beschreibt Megi, die Mörderin zwar als Mobbingopfer aus desolaten familiären Verhältnissen, aber in seiner Version der Geschichte ist sie auch eine „Leitwölfin“, eine starke, von allen geachtete Anführerin also. Genau das wollen vermutlich viele Frauen aus der queeren Szene hören: „Transmänner“, genderqueere „dominante“ Frauen und „Pascha“-Lesben, nicht wenige mindestens ebenso pfundig bzw. stark adipös wie Megi, viele aber sicher mit einem stabileren familiären Hintergrund.

Megi ist leider kein Einzelfall. Der Berliner Piratenpolitiker Gerwald Claus (geb. 1972) erfand sich von einem zweiten Nachnamen, über den Geburtstort bis hin zu einer imaginären „schweren Krankheit“ an der er angeblich litt, sein Leben einfach neu. Der stämmige blonde und ausgesprochen große Mann, der aus einem rechtsradikalen Elternhaus stammte, war schwul oder bisexuell und ermordete im September diesen Jahres einen jungen Mann, der seine Liebe nicht erwiderte und dem er offenbar seit geraumer Zeit nachstellte.

Selbst mit sehr viel Schönfärberei kann man wohl getrost festhalten, dass Claus unter psychischen Problemen litt. Er fiel zudem offenbar, wie Naemi Goldapp in der „Welt“ schreibt, desöfteren als aggressiv und frauenfeindlich auf. Auch von Mobbingvorwürfen ist die Rede.

Vermutlich hätte man sowohl die junge Megi als auch den aggressiven, orientierungslosen Gerwald Claus davor bewahren können, zu Mördern zu werden. Zumindest Claus fehlte es ja auch nicht an Menschen, die ihn unterstützten und wertschätzten, die seinen Ausfällen und schrillen Aktionen mit Nachsicht begegneten und immer neue Ausreden und Entschuldigungen für ihn bereit hielten. Manchmal ist Toleranz allerdings nicht die beste Wahl. Sozialarbeiter und gute Therapeuten hätten Megi sicher helfen und ihr die Perspektive bieten können, die Gerwald Claus nicht einmal missen musste, aber anstatt zwei antisoziale Persönlichkeiten als „Exoten, für die man Verständnis haben muss“ schönzureden, wäre es zu allererst nötig gewesen, ihnen rechtzeitig Grenzen aufzuzeigen.

Milo Yiannopoulos, Allum Bokhari, Gerwald „Faxe“ Claus und „Megi“: Sie alle sind Menschen, de zwar Toleranz und Nachsicht für sich einfordern, sich selbst aber davon entbunden sehen, ganz gleich ob aus psychischem Unvermögen oder aus knallhartem politischen Kalkül. Der Opferstatus verspricht solchen Leuten jedenfalls eine bizarre Macht. Das kann sich in einer agressiven Verächtlichkeit und Herablassung anderen gegenüber äußern und bläst so manches labile Ego derart monstruös auf, dass man sich fragt, ob der Schritt zu einer politisch-faschistisch aufgeladenen Bösartigkeit vielleicht nicht mehr allzu groß ist.

Die neue Rechte: Alles eine Frage der Minderheiten?

Da es hier ausschließlich um rechtskonservative bis -extremistische Einstellungen unter Homosexuellen und sich als „queer“ definierenden Menschen ging, sollte ich abschließend vielleicht das eine oder andere gerade rücken: Weder sind Homo-, Bi- und Transsexuelle „anfälliger“ für rechte Ideologien als andere Menschen, noch macht sich der Rechtsruck, der derzeit durch unsere Gesellschaft geht, vor allem am Queer-Milieu fest. Dieser Text ist keinesfalls als „Anklage“, „Schlechtmachen“ der Szene oder „Nestbeschmutzerei“ zu verstehen, sondern soll eine Hilfestellung im Umgang mit der neuen Rechten bieten. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe u. a. solche Leute am Hals und bin mir sicher, dass es einen Zusammenhang – perverserweise! – zum linken Milieu und zur queeren Szene gibt. Die neue Rechte ist gerade deshalb gefährlich, weil es nur ein loser Zusammenschluss verschiedener rechter Strömungen ist, eine Art Gewebe oder eine politische Landkarte mit unterschiedlichen Zentren. Alle diese rechten Bewegungen und Subströmungen arbeiten mit Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber wenn man sie damit konfrontiert, wird jede darauf verweisen, dass sie doch gar nicht (homophob, ausländerfeindlich, antisemtisch, elitär, usw.) seien (Sie haben doch solche Leute sogar in ihren eigenen Reihen!) Was aber Freunde oder Leute, mit denen sie mal zusammen auf einem rednerpult machen, dafür können sie schließlich nicht …. Deshalb ist es wichtig, sich nicht auf einen plakativen Minderheitendiskurs zu versteifen, der eine breite, bunte „Minderheitenfront“ gegen die graue, böse und tendenziell rechtslastige „Mehrheitsgesellschaft“ auffahren will und pedantisch auf einer überzogenen Form von politischer Korrektheit pocht. Stattdessen sollte man lieber verstärkt Diskriminierung im Allgemeinen, als Handlung an sich bekämpfen. Das würde Neu-Rechten den Wind aus den Segeln nehmen und nur so, denke ich, wird man ihnen auch langfristig etwas entgegensetzen können.

 

 

Sozialpolitik oder Unisex-Klos?

Tja, das Thema Carolin Emcke bewegt die Gemüter offenbar immer noch. Jetzt geht es offenbar darum, wer das Soziale und die Armut für sich gepachtet hat. „Der opportunistische Ruf nach ‚dem Sozialen’ führt eben nicht zu Inklusion, im Gegenteil: Er markiert Menschen in prekären Lebensumständen auch als geistig arm, als der geforderten Anerkennung nicht fähig.“ schreibt Birte Förster im Merkur.

Aber wer hat das denn behauptet, dass Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf jeden Fall schon einmal von vornherein Feinde „der anderen“ sind, der Flüchtlinge und Migranten, Homo- und Transsexuellen, Schwarzen und People of Color, Juden, Behinderten, usw.? Waren es nicht gerade jene Menschen um Carolin Emcke herum, die glaubten, jedes soziale Engagement, das nicht in erster Linie Flüchtlingen zu Gute kommen sollte, sei ein „rechts Blinken“? Vorsicht also vor dem Sozialstaat und vor Mitgefühl mit Armut, sonst ist es nicht mehr weit bis zu einem neuen nationalsozialistischen Terrorregime?

Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ angemerkt, „Man wird den wütenden Einwohnern von sozialen Brennpunkten in westdeutschen Städten wie Duisburg, die einer konfliktreichen Armutszuwanderung ausgesetzt sind, kaum mit dem Argument zu Leibe rücken können, sie hätten eine nostalgische „Phantasie der gemeinsamen Zugehörigkeit“ oder lebten in der irrigen Annahme von „organischer Einheitlichkeit“ einer Nation, Gesellschaft oder ihres Stadtviertels.“

Das habe ich als konstruktive Kritik an Carolin Emcke verstanden, denn der Verdrängungsprozess, dem arme „Inländer“ – und zwar sowohl Deutsche als auch Migranten! – durch Zuwanderung ausgesetzt sind, ist kein Konstrukt und keine rechtsextreme Wahnphantasie, sondern leider höchst real. Das Problem ist, und das merkt auch Soboczynski an, dass es hier, sehen wir mal von rechtspopulistischen Parolen ab, keine einfachen Antworten gibt.

Dabei wäre es tatsächlich von vordringlicher Wichtigkeit, zu überlegen, wie man diese sozialen Verdrängungsprozesse aufhalten und die durch Zuwanderung entstehenden sozialen Probleme abfedern kann. Dazu aber braucht es mehr Hirnschmalz, Kreativität und Kompetenz in sozialpolitischen und volkswirtschaftlichen Fragen, als viele aufzubringen bereit sind (oder können, klar!). Carolin Emcke ist der Frage, wie Soboczynski schreibt, ausgewichen. Man kann ihr das nicht persönlich anlasten, aber es macht auch niemanden „rechts“ sich etwas konkreter mit sozialem Sprengstoff auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: wenn es weiter so läuft, wie bisher, dann haben wir es irgendwann, dass neue nationalsozialistische Terrorregime.

Und nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Gewichtung. Dass es z. B. nicht zuviel verlangt ist, wenn Transsexuelle die Toilette benutzen möchten, die ihrem Geschlecht entspricht, auch wenn es nicht ihr biologisches Geschlecht ist, erschließt sich leicht. Da geht’s nur ums Pinkeln. Jede und jeder für sich in der Klokabine. Was kann man schon dagegen haben?

Wenn nun aber das Thema „Unisex-Toiletten“ und zwar flächendeckend und verpflichtend für alle, Thema Nummer 1 auf jeder sozialen Agenda sein muss, ist das etwas anderes. Es ist zumutbar, dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ihre Identität auf dem Klogang zum Ausdruck bringen möchten, dann eben abwechselnd das Männerklo und die Frauentoilette benutzen. Das sind einfach Luxusproblemchen, die nur eine verschwindend geringe Zahl an Menschen betreffen, denn sogar die meisten Intersexuellen sind äußerlich einem Geschlecht zuzuordnen und identifizieren sich meist auch damit. Auch wirklich transsexuelle Menschen, die sich von Kindesbeinen an als das andere Geschlecht identifizieren, sind sehr viel seltener, als man mittlerweile denken könnte. Dafür weiß jeder, der mit dem Thema Queer ein bisschen Erfahrung hat, dass die Zahl derer, die Aufmerksamkeit wollen und denen es Vergnügen bereitet, andere damit zu drangsalieren, dass sie sie angeblich nicht „als die, die sie wirklich sind“ „erkennen“ (was auch immer mal wieder wechseln kann. Ganz abgesehen davon, dass solche Leute meistens nicht eine Sekunde daran verschwenden, darüber nachzudenken, wer denn ihr Gegenüber ist und welche Gefühle es vielleicht hat, außer vielleicht, dass klar sein muss, dass es kein Anrecht auf was auch immer hat) und wie sie sich ihnen gegenüber zu verhalten haben.

Was denken sich solche Leute eigentlich? Ich hatte mal eine (stark übergewichtige) Ostdeutsche am Hals, die mich des „ausgrenzenden Sprachgebrauchs“ schuldig gesprochen hatte, weil ich von „wir“ und „ihr“ gesprochen hatte, also von der BRD und der DDR, von der Zeit, als es noch zwei Staaten waren. Hätte ich „wir“ gesagt, nur „wir“, hätte die Frau mir vorgeworfen, sie nicht in ihrer Besonderheit erkannt zu haben. Offenbar rechtfertigt es ein solcher Schwachsinn aber, Menschen ganz konkret auszugrenzen und sie über Jahre zu mobben.

Tut mir leid, aber wer so argumentiert, muss sich auch nicht wundern, wenn man für das angebliche „Leid“ solcher Menschen unempfindlich wird. Ganz abgesehen davon, dass ich es wirklich pervers finde, wie sehr sich diese Leute um die Position des „anderen“, Ausgegrenzten, prügeln. Warum muss man hier Mitleid haben, braucht es hier eine Menge Empowerment und Affirmative Action, während man sich da Ausfälle wie „unwertes Leben“ und „Dose auf Dose klappert gut!“ gern erlauben darf?

Es ginge um den Körper, versicherte man mir. Ja, aber gerade der dickliche, große, blonde Frauenkörper hat eigentlich in Deutschland keinerlei Berechtigung, als „andersartig“ wahrgenommen zu werden, entspricht er doch dem von den Nationalsozialisten propagierten Ideal des „Herrenmenschen“. Sarkastisch könnte man anmerken, dass schon einmal ein paar Millionen Menschen für das „Selbstbewusstsein“ solcher Frauen sterben mussten. Bitte nicht wieder!

Wobei ich nicht werten will. Auch kleine, schmale, androgyne, dunkelhäutige und -haarige Menschen sind nicht die besseren Menschen. Gerade nach der Erfahrung von Auschwitz und weil die Menschenrechte keine neue Mode sind, an die man sich erst noch gewöhnen müsste, müsste eigentlich klar sein, dass Dinge wie Körper, Hautfarbe, Ethnie (oder auch „Rasse“, je nachdem, wie man will) einfach nichts damit zu tun haben, wie ein Mensch so ist. Es geht eben nur darum, dass Bevorzugtwerden nicht drin ist, wenn man den historisch tradierten Idealvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Daran kann auch der linguistic turn nichts ändern. Man kann „Andersartigkeit“ nicht einfach herbeirreden, indem man von „Ausgrenzung“ spricht und „Privilegierung“ meint.

Aber diese Leute wollten es sich aussuchen können. Das ist das Problem und vielleicht auch der Grund, warum so viele „Lesben“ homophob sind und warum Frauenhass, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der queeren Subkultur durchaus ihren Platz haben. Man war ja nicht immer so, v. a. nicht immer homo-, bi- und/oder transsexuell. Dafür war ein Großteil der Leute, die so sehr darauf bestehen, mit völkischem Vokabular und Nazi-Phrasen um sich zu werfen, um andere damit zu demütigen, wahrscheinlich auch vorher schon rechts und jetzt ist es eben (wieder) legitim. Weil man sich das in der Rolle „der anderen“ ja leisten kann.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal öffentlich darüber reden, dass z. B. ihr Patenonkel Alfred Herrhausen aus einer nationalsozialistischen Elitefamilie stammt, als Jugendlicher eine sog. „NS-Ausleseschule“ besuchte, wie sein Wikipedia-Eintrag ihm bescheinigt. Nein, damit will ich nicht behaupten, dass sich Herrhausen auch im späteren Leben etwa noch mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätte. Davon weiß ich ja gar nichts und da maße ich mir kein Urteil an. Nur geht es um das „personifizierte Gute“, das sich mit Flecken auf der weißen Weste (die im übrigen jeder hat) nicht halten lässt und es vielleicht sogar etwas (wirklich) Gutes wäre, über diese Flecken zu reden, im Sinne einer Auseinandersetzung und eines Zugehens auf die Bevölkerung, nicht im Sinne einer öffentlichen Selbst- oder Fremdkritik.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal darüber reden, wie es ist, unwahrscheinlich reich zu sein und von Kindesbeinen an der deutschen Elite angehört zu haben. Warum wäre das schlimm? Da mag es ja auch negative Aspekte geben, die vielleicht Menschen wie ich nicht verstehen. Vielleicht wäre es interessant, wenn Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen innehaben und nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Erfahrungen machen, sich darüber austauschen könnten.

Im Moment macht es nur eben oft den Eindruck, dass dieses Pochen auf der Position „des anderen“, der damit einhergehenden Unangreifbarkeit, der Identifikation mit allem, was irgendwie vom Mainstream abweicht und dass man anderen das abspricht, dass das in einigen Fällen möglicherweise auch nur eine Form des kaschierten, bildungsbürgerlich verbrämten Hasses ist, im Endeffekt nicht anders und nicht besser als bei den altbekannten Wutbürgern und Hatern aus dem rechten Milieu auch.

Selbst würde ich mir jedenfalls wünschen, dass, wenn mir das nächste Mal jemand „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterherruft, Menschen wie Carolin Emcke die Homophobie darin ankreiden. Dazu wäre nicht einmal eine Sympathie mit meiner Person notwendig, die ehrlicherweise auch niemand haben kann, der oder die mich nicht kennt. Anstatt laut zu überlegen, ob jemand wie ich denn überhaupt homosexuelle Neigungen haben kann – eben weil man sich da bereits ein festes Bild gemacht hatte, von einer Weiblichkeit, die zwar dominant und herrisch ist (und keineswegs burschikos), aber eben auch feminin und altmodisch auftritt und einen bestimmten Körpertyp und seine Attraktivität in den Vordergrund rückt – und ob das nicht eigentlich doch legitim ist, mich zu diskriminieren, ob nicht am Ende sogar ich die Böse bin, die versucht, etwas für sich zu beanspruchen, dass ihr doch gar nicht zusteht.

rechte Rebellen – oder: Was heutzutage cool ist

bully6Sexportale, die sich offensichtlich Ausschnitte aus meinem Blog in die Description ihrer Seiten kopiert haben. Sehr wahrscheinlich sind sie nicht von allein darauf gekommen, sondern es hat jemand nachgeholfen: In Kreuzberg hängen Queer, Porno und leider auch Rechtsextremismus zum Teil zusammen, wie ihr hier nachlesen könnt. Zum Glück ist das nicht grundsätzlich so, aber die Frage stellt sich eben schon: Was ist heute noch links und was ist rechts? Oder ist das alles eine Soße?

Von welcher Seite kommt die „konservative Revolution“?

Auf taz.de macht sich Dirk Knipphals Gedanken über Konservative. Das ist das Gebot der Stunde, denn die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben gezeigt: Zwar haben „nur“ gut 20 % AfD gewählt, aber zusammen mit der CDU immerhin 40 % konservativ. Wenn man die Wahl wirklich als „Test“ für die Bundestagswahlen 2017 sehen will, muss man sich dieser Frage stellen: Weht ein neuer konservativer Zeitgeist durch die Republik? Und warum sind links-liberale Ideen für viele Menschen nicht mehr so attraktiv? Ist das ein weltweiter Trend? Oder ist das links-liberale Denken irgendwie nicht mehr so ganz glaubwürdig? Liegt es daran, dass links und rechts allzu oft nur zwei Kehrseiten einer Medaille sind? Wenn sie es sind.

Sicher ist es nicht angebracht, die Kalte-Kriegsrhetorik von den zwei Totalitarismen Faschismus und Sozialismus aufzuwärmen. Und es ist fraglich, ob das Modell vom „Populismus“ als neuer großer Gefahr, die sowohl von links als auch von rechts kommen kann, den Kern der Sache trifft. Zudem – und das verkompliziert das Ganze: Die Rechten machen Mimikry: die rechtsextreme europaweit agierende „Identitäre Bewegung“ versucht z. B., mit den Strategien der Kommunikationsguerilla – eigentlich eine linke Erfindung – auf sich aufmerksam zu machen. Poppig-bunte Internetauftritte und Flugblätter, radikale abenteuerliche Aktionen, wie die Erklimmung des Brandenburger Tors in Berlin, sowie ein Style, der Sozialromantik und Jugendstil mischt und ins 21. Jahrhundert holen soll, geben den jungen Rechten einen linken, revoluzzerhaften Touch. Sogar die AfD, die an sich ja ausdrücklich gediegen-konservativ erscheinen will, macht mit (pseudo-)rebellischen Auftritten von sich reden.

rechte Hetze als neues Rebellentum

Bitter, aber wahr: provokant ist es heute nicht mehr, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu fordern, sondern zu sagen, dass man nicht neben einem wie Jerôme Boateng wohnen will. Das ist Revoluzzertum von rechts, eine verkehrte Welt, wenn man so will. Oder ist es am Ende eine Rebellion gegen zuviel „Gleichmacherei“?

Vermutlich würde letzteres als Deutung sowohl der AfD und ihren Wählern als auch den „Identitären“ gefallen. Ich persönlich glaube allerdings nicht daran. Dafür ist unsere Welt in den letzten 20 Jahren zuviel „ungleicher“ geworden: Man muss ja nur an die soziale Schere denken, die immer weiter auseinanderklafft.

Allerdings würden mir wohl auch viele Linke widersprechen, wenn ich behauptete, dass auch die Frauenrechte faktisch ein ganzes Stück zurückgenommen worden sind, Homosexuelle höchstens oberflächlich besser akzeptiert werden und es eher mehr Rassismus, insbesondere latenten, gibt, als weniger.

Fangen wir mit dem Rassismus an – ein Problem, das wegen der Flüchtlinge ganz besonders drückt: Rassistische Übergriffe gibt es nach wie vor. Daran hat sich seit den frühen 1990er Jahren nicht viel geändert. Neu ist, dass man mittlerweile ganz unbefangen mit rassistischen Statements umgeht. Nicht nur AfD-Politiker Björn Höcke sorgt sich beispielsweise um blonde Frauen, die er glaubt, vor vermeintlich notgeilen Flüchtlingen schützen zu müssen (Bei den Dunkelhaarigen macht das offenbar nicht so viel, wenn man die mal antatscht oder ein bisschen vergewaltigt), auch ein armenischer Bäcker hat offenbar, wie Grünen-Politiker Volker Beck vor ein paar Monaten twitterte, in einer Talkshow zum Besten gegeben, dass er bevorzugt blonde Frauen als Thekenkräfte einstelle. Dann würde mehr gekauft.

Das ist Rassismus zum Wohlfühlen. Immerhin denkt „der Ausländer“ ja genau wie die einheimischen Rassisten. Macht es das besser? Und ist da überhaupt etwas dran? Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, bei einem Bäcker zu kaufen, weil er blonde Verkäuferinnen hat. Ich kann einfach solche Gedankengänge nicht nachvollziehen.

Minderheitenpolitik und Mimikry

Andererseits geht es in der Linken sehr stark um Identifikation. Tennisspielerin Angélique Kerber z. B. vertritt das neue, exotisch bunte Deutschland, auf das man gerne stolz sein möchte. Ich musste wirklich lange überlegen und grübeln und die Frau erst einmal googeln, bevor ich begriff, was an der blonden Tennisspielerin mit dem deutschen Namen so multikulturell ist: Ihre Eltern sind aus Polen eingewandert. Genauer gesagt sind es wohl Spätaussiedler, Kerber selbst erblickte aber in Deutschland das Licht der Welt. Fast könnte man unken, dass da ja sogar CDU-Politikerin und Berufsheimatvertriebene Erika Steinbach noch mehr Migrationshintergrund hat. Aber gut.

Es dürfte nicht wundern, dass Rechtsextreme genau da andocken. Der Österreicher (Achtung Migrationshintergrund! Ja, wirklich!) Martin Semlitsch etwa, firmierte im ehemals linken Berliner Szene-Stadtteil Kreuzberg als Martin „Lichtmesz“. Klar, klingt irgendwie nach „Judenname“, ein bisschen polnisch auch – Galizien lässt grüßen. Lichtmesz, der offenbar im Medienbereich tätig ist, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, macht sich in der neurechten Internetpostille „Sezession“ außerdem für Homosexuelle stark und soll selbst (Achtung Hete! Ja, wirklich!) mit einer Italienerin liiert sein oder gewesen sein. Auch das erfährt man im Internet, auf dasgespraech.de. Dort steht auch, dass Lichtmesz alias Semlitsch, „Fachmann für Subkulturen“ sei, ein „Comic-Experte“ und „Cineast“ – mit anderen Worten: Jemand, der eigentlich mit allem aufwarten kann, was im hippen Kreuzberg gut ankommt. Nur dass Semlitsch* eben wirklich rechts ist. Sorry.

Weniger aggressiv als der falsche Jude, der eigentlich ein Rechter ist, machen einen da spätberufene oder zumindest nicht ganz glaubwürdige Lesben wie die Ex-Moderatorin Ramona Leiß. Schön, die Frau hat vor kurzem wirklich eine Frau geheiratet. Genauso war sie aber in den 1980er und 1990er Jahren – als Frauen, wie die Tennisspielerin Martina Navratilová und die Comédienne Ellen DeGeneres sich outeten – noch ein Inbegriff heterosexueller Weiblichkeit. Heute heißt es (u. a. auf t-online.de), Leiß habe damals angeblich nur „offiziell“ mit Männern zusammengelebt und ihr spätes Outing habe für sie einen „Karriereknick“ bedeutet. Dass der Karriereknick schon sehr viel früher erfolgte und andere Gründe hatte, ist allerdings allgemein bekannt. Eher dürfte sich Leiß mit der neuentdeckten Homosexualität noch einmal ins Gespräch gebracht haben.

Emanzipation von der Gleichberechtigung?

Der dritte Punkt im „zuviel des Guten“-Reigen sind die neuen Transsexuellen. Es war ein langer Kampf, bis – übrigens nicht nur Transsexualität sondern auch Homosexualität – nicht mehr als „psychische Erkrankung“ angesehen wurde. Allerdings sind nur sehr wenige Menschen wirklich transsexuell. Wie den Migrationshintergrund und die Homosexualität öffnete man jedoch auch das Label „transsexuell“: Wer sich als „transgender“ definiert, darf sich auch als „Minderheit“ fühlen, wenn er oder sie gelegentlich mal Kleidung des anderen Geschlechtes trägt. Das ist fatal, wenn es um Frauen geht: Immerhin tragen heutzutage fast alle Frauen in der westlichen Welt Hosen, viele sogar Anzug. „Transident“ oder „sexuell abweichend“ sind sie deshalb nicht. Wenn man so etwas als „Minderheit“ darstellen will, würde das in letzter Konsequenz bedeuten, den Frauen wieder das Hosentragen zu verbieten, einfach weil die meisten von ihnen „zu normal“ dafür sind. Im Grunde ist die Fixierung der Transbewegung auf „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ konservativ, zumal es in den meisten Fällen tatsächlich eher um die Geschlechtsrolle geht, als um den Körper. Und das ist dann leider tatsächlich eher eine Rebellion gegen „Gleichmacherei“, als dass es irgendwie „progressiv“ wäre.

Wo das endet, macht der oben eingefügte Screeshot deutlich. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass Engagement für Migranten, Homo- und Transsexuelle etwa nicht wichtig und gut wäre. Knipphals schreibt in der taz von Liberalität und Toleranz: Beides gilt es hochzuhalten, um rechten und konservativen Kräften wieder etwas entgegensetzen zu können. Es kommt also nicht darauf an, selbst „anders“ zu sein, sondern nichts dagegen zu haben, wenn jemand anders anders ist. Ist doch eigentlich ganz einfach.

*Nur so als Nachschlag: Klar könnte sich der Neurechte Semlitsch einreden, eigentlich ein „südländischer“ Semlic zu sein. Wer weiß. Vielleicht ist er auch ein strammdeutscher Semlitz. Genau wie der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg kein Jude war, wohl aber der deutsche Entertainer Hans Rosenthal. Hitler selbst werden z. T. jüdische Vorfahren nachgesagt, was aber den Holocaust leider nicht relativiert. Auch nicht, dass schon damals viele -skis und -czyks im Ruhrgebiet lebten. Die waren aus Schlesien gen Westen migriert bzw. man hat sie eigentlich als Fachkräfte im Bergbau angeworben, weil man damals, als das mit der Kohle im Westen noch neu war, zwischen Duisburg und Dortmund nicht viel davon verstand. Einige dieser Leute waren Polen, andere Deutsche oder „gemischt“. Alle aber waren Schlesier. Ihre Nachfahren sind Deutsche. Das macht sie nicht schlechter sondern ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es Migration immer schon gab. Übrigens auch aus dem Süden. Martin Semlitsch dürfte es vielleicht freuen, dass mit Safet Babic (NPD) und Dubravko Mandic (AfD) sogar zwei echte „Südslawen“ auf „seiner“ Seite, d. h. auf der rechten, sind. So, wie es – zugegeben! – auch rechte Rossis und Bianchinis gibt. Und „Laila“ nicht nur ein arabischer Name ist, sondern auch ein finnischer … Ich denke, dass nichts davon es rechtfertigt, andere unter Druck zu setzen oder gar ein „Freibrief“dazu ist, andere Menschen zu diskriminieren oder rechtes Gedankengut zu bagatellisieren. Siehe Screenshot.

Wer ist hier die Minderheit?

Prügeln sich Rechte und Linke jetzt um die Minderheiten? In der „Zeit“ wird die Emanzipation von Schwarzen, „People of Color“, zu denen sich in Deutschland auch Spanier zählen dürfen, anderen Minderheiten und Frauen als neue linke Studentenrevolte im Geiste von 1968 gefeiert. Das begeistert offenbar gerade die, die es eigentlich mit der Angst zu tun kriegen müssten: privilegierte weiße, deutsche, heterosexuelle Frauen und Männer: Immerhin bedeutet es eigentlich, dass u. a. sogar Personen wie ich sich gegen sie auflehnen und ihnen ihre Privilegien streitig machen könnten. Und zwar mit Nachdruck. Was ist, wenn es vielleicht sogar eines Tages in gewalttätigen Aufständen endet? Angesichts dessen, was in den letzten Tagen passiert ist, wäre das doch so weit hergeholt nicht? Die „Welt“  dagegen berichtet von der anderen Seite, schreibt, dass die rechtspopulistische AfD ihre Wahlkampfstrategie um die Stimmen der Minderheiten – Kiffer, Homosexuelle und Migranten – für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wie angekündigt fortsetzt.

VERLOGENES ENGAGEMENT?

Mal abgesehen davon, dass es merkwürdig ist, wenn Latinos sich mit den Nachfahren ihrer ehemaligen Kolonialherren, den Spaniern, gegen „die Weißen“ verbünden und auch Kiffer plötzlich eine Minderheit sind – Warum kämpft man eigentlich gerade in einem westlichen Land der nördlichen Hemisphäre, in einer wohlhabenden Industrienation so erbittert für die Rechte von Schwarzen und Latinos? Warum hat man die Ehe für alle denn noch nicht eingeführt, wenn sich doch offiziell alle einig darin sind, dass das Wohl Homosexueller oberste Priorität hat? Und warum gibt es eher wieder mehr Sexismus und mehr Gewalt gegen Frauen, obwohl sich doch auch so viele Männer mit Verve für Frauenrechte stark machen?

GLEICHE RECHTE ODER SCHÖNE WORTE?

Eigentlich wird nicht nur darum gekämpft, wer sich besser und ehrlicher für Minderheiten einsetzt und wer auf mehr Gegenliebe bei ihnen stößt (die „wahren“ Vertreter der Minderheiten), es wird auch darum gekämpft, wer sich selbst als Minderheit sehen darf. Im Grunde ist das obszön. Jede Frau, der schon mal an den Busen getatscht wurde, um darauf aufmerksam zu machen, dass man sie nun einmal leider nicht ernst nehmen kann, möchte nichts mehr, als einfach gleichberechtigt zu sein. Jeder Ausländer, der schon mal in einem Restaurant nicht bedient wurde, weil man Angst hatte, sich eine Anzeige einzufangen, hätte man ihn auf direktem Wege hinauskomplementiert, hofft, dass eines Tages sein dunkler Teint einfach keine Rolle mehr spielen wird. Jede und jeder, der und die sich schon mal homophobe Sprüche hat anhören müssen, wünschte sich, Homo- (oder Bisexualität) würde so akzeptiert, dass Leute, die homophobe Sprüche machen, höchstens einen verächtlichen Blick dafür ernten.

ES SOLLTE EINFACH SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN …

Minderheitenförderung sollte zur besseren Akzeptanz von Minderheiten beitragen. Die Idee, die ursprünglich dahintersteckte, war, dass es selbstverständlich werden sollte, dass Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Homosexuelle und soziale Aufsteiger ebenso erfolgreich in Führungspositionen sein können wie weiße deutsche Männer aus privilegierten Verhältnissen. Gezielte Förderung und eigens geschaffene Netzwerke sollten helfen, die Integration von Minderheiten möglichst schnell Wirklichkeit werden zu lassen.

WER IST HIER DIE MINDERHEIT?

Vielleicht liegt es daran, dass das Minderheitenkozept in den letzten Jahren auf der einen Seite immer stärker ausgeweitet wurde und auf der anderen Seite die reale Akzeptanz von Frauen und Minderheiten eher zurückging. Spanier sind eigentlich so ziemlich zweifelsfrei Europäer (genau wie Italiener übrigens auch, wie ich mir hier einmal erlaube, anzumerken), auch geographisch, sozial, historisch, als Abkömmlinge einer ehemaligen Kolonialmacht. Nun ist in Spanien die Arbeitslosigkeit hoch und viele hoffen, ihr Glück im wohlhabenderen Deutschland zu machen. Wirtschaftliche Probleme drücken aber auch immer noch viele Osteuropäer, die – z. T. blond und blauäugig – äußerlich aber kaum vom Stereotyp des hellhäutigen Deutschen zu unterscheiden sind. Je mehr man hier ins Detail geht und versucht, verbindliche Regeln aufzustellen, um so rassistischer wird der Diskurs: Haut-, Haar- und Augenfarbe stehen im Mittelpunkt, nicht so sehr soziale Ungerechtigkeit, obwohl es gerade darum doch eigentlich geht.

FRAUENRECHTE NUR FÜR FRAUEN, DIE NOCH WIRKLICH FRAU SIND?

Ähnlich komplex gestaltet sich die Frauenfrage. Seit den späten 1990er Jahren wurden v. a. Frauen gefördert, die sich selbst stark mit der traditionellen Frauenrolle identifizierten. Langhaarig, feminin, anschmiegsam, an Mode und den schönen Dingen des Lebens interessiert, galten sie als diejenigen, die der Vorherrschaft des „Patriarchats“ noch am ehesten ausgeliefert waren und deshalb besonderen Schutz und besondere Unterstützung brauchten. Die Lesben, Mannweiber und Lila-Latzhosenträgerinnen konnten sich doch auch so ganz gut durchsetzen, nicht wahr? Es ist eigentlich fast schon paradox, dass Feminismus vor allem den Frauen zu Gute kommen sollte, die sich über die „frigiden Emanzen“ lustig machten, aber es ging wohl auch darum, zu demonstrieren, dass Feminismus sehr wohl hübsch, modebewusst und sexy sein konnte.

LESBISCH ALS LEBENSGEFÜHL

Das führt zu Queer. Homophobie ist leider ziemlich real. Aber nicht jede Lesbe und nicht jede Transgenderperson ist wirklich echt. Absurderweise sind es z. T. alte Bekannte, die einst so hilflosen, unterdrückten femininen Frauen, die Fashion Victims und „Ich hab-Feminismus-doch-gar-nicht-nötig“-Girlies, die sich in früheren Zeiten noch so sehr vor den „hässlichen Lesben“ geekelt haben, die jetzt ihrerseits für sich in Anspruch nehmen, „sexuell abweichend“ zu sein und eben dafür „unterdrückt“ zu werden. Es wird herumgedruckst, dass es mehr um Gefühle und innige Frauenfreundschaften gehe, nicht so sehr um Sexualität. Dann wieder steht der Körper im Mittelpunkt: Gewichtsprobleme, Essstörungen, das Ringen mit den Schönheitsidealen der Modewelt – „Germany’s Topmodel“ & Co. Oder aber es geht um das Selbstbewusstsein zickiger Frauen, die erwarten, dass man (bzw. frau) mit Neid zu ihnen emporblickt und ungehalten werden, wenn man (bzw. frau) es nicht tut.

GENAU WIE MÄNNER?

„Lesbischer Machismo“ sei es halt, wenn solche Frauen andere als „Fickmaus“ verhöhnten oder ihnen penetrant auf den Busen glotzen oder auch gleich grapschen, um zu demonstrieren, dass sie sie „nun einmal nicht ernst nehmen“ könnten (siehe oben). Oder es ist Transsexualität. Oder beides. Oder vielleicht ist es am Ende einfach nur ein hilfloses Buhlen um die Sympathien sexistischer Männer? Unterdrückte Heterosexualität (Das haben Frauen wie ich euch echt voraus!)? Ein Versuch, unliebsame Konkurrenz auszuschalten?

MINDERHEITENRECHTE FÜR HÖHERE TÖCHTER?

Ich war jedenfalls erstaunt, wie sehr die neuen „Mannweiber“ die alten „Weibchen“ sind, dass ihre Interessen und ihr Lebensgefühl eigentlich zu 100% denen „höherer Töchter“ entsprechen: Klavierspielen, die Begeisterung für Hochliteratur, sich und den eigenen Körper in Tanz, Theater und Rollenspielen zu erfahren, Charity-Aktionen starten und andere, sozial niedrigrangigere Frauen anzuleiten – das 19. Jahrhundert scheint das 21. einzuholen.

EMANZIPATION ODER GLOBALISERUNGSANGST?

Nun habe ich nichts gegen Charity-Aktionen, gegen Mode, Literatur, Tanz oder Theater. Und ich finde es sogar richtig gut, sich gegen Rassismus und Homophobie zu engagieren. Die Frage ist aber: Wer kämpft hier gegen wen? Sollen die Minderheitenrechte dafür herhalten, die Privilegien der höheren Schichten wieder zurück zu holen? Eine globalisierte, internationale Elite gegen die einheimischen sozialen Verlierer, die über die eigene Scholle nicht hinauskommen? Oder ist die eigentliche Minderheit weiß, deutsch, heterosexuell und vielfach vielleicht sogar männlich? Das gebildete linksliberale Bürgertum, das vor der Globalisierung vielleicht ebenso viel Angst hat, wie die sozial benachteiligten zornigen weißen, deutschen Männer, die rechts wählen und bei Pegida mitlaufen?

Und könnte man dem noch etwas entgegensetzen? Kann man gegen Diskriminierung und für Vielfalt und offene Grenzen sein, ohne dass es in immer rabiater werdenden Verteilungskämpfen, letztendlich vielleicht sogar in Gewalt mündet? Das ist vielleicht die Preisfrage des 21. Jahrhunderts. Zumindest, wenn man nicht ins 19. zurückwill.

Politisch korrekt oder diskriminierend durch die Hintertür? Proteste 2.0

Mehr Wut oder mehr Gleichberechtigung? Wie viel Political Correctness geht, bevor alles ins Gegenteil abkippt? Eigentlich befasst sich der long-read „Die neuen Radikalen“* in der „Zeit“ von dieser Woche mit Studentenprotesten. Begehrt die Jugend 2016 auf, wie einst 1968? Stehen wir am Beginn einer neuen, rebellischen Epoche? Das sind die Fragen, die sich Rudi Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt in der „Zeit“ stellen. Allerdings wird gleich zu Beginn des Artikels klar: Es geht um Minderheitenrechte. Nur zu verständlich, denkt man. Immerhin ist die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA erschütternd, die neue Rechte macht auch diesseits des Atlantiks Angst und die Zögerlichkeit, die Politiker hierzulande an den Tag legen, wenn es um die Ehe für alle geht, zeigt, dass es – jenseits allen Party-Geglitzers – weitaus weniger gut bestellt ist um die Akzeptanz Homosexueller, als man in einem Land, das sich Weltoffenheit und Toleranz auf die Fahnen schreibt, annehmen könnte.

Allerdings – eine Jugend die sich stark macht für Minderheiten und dazu auch durchaus bereit ist, zu radikalen Mitteln zu greifen, ist nicht das Gleiche wie die ’68er-Generation. Damals ging es um Dinge, die mehr der weniger alle betrafen: Der Vietnamkrieg in den USA, faschistischer Muff in Deutschland und Italien oder die realsozialistische Borniertheit à la UdSSR in der Tschechoslowakei, um nur einige Beispiele zu nennen. Man wollte mehr Freiheiten – geistig, kulturell und konkret – und gleiche Rechte auf allen Ebenen.

So tiefgreifend und global scheinen die Veränderungen, die junge Leute heutzutage fordern, nicht zu sein. Dafür sind die Proteste akademisch durchgestylter. Es geht um Fragen der Repräsentation, um linguistische Probleme. Die Theorien von Judith Butler oder Michel Foucault spielen eine gewisse Rolle. In dem „Zeit“-Artikel werden die Namen renommierter Universitäten genannt: Yale, Princeton, Oxford. Ob die Humbold-Universität in Berlin, die zum Schluss aufgeführt wird, auch als „Elite-Kaderschmiede“ gelten kann, sei mal dahingestellt. Trotzdem fühlt man sich ein bisschen genarrt. Dass Schwarze oder „People of Color“ an solchen Institutionen immer noch unterrepräsentiert sind, steht außer Zweifel. Aber die Schwarzen und „People of Color“, die dort studieren, sind eben auch Privilegierte, Menschen also, die es sehr viel besser haben als viele andere.

Natürlich ist es nicht so, dass sie sich deshalb nicht diskriminiert fühlen dürften. Ansonsten könnte man genauso gut behaupten, dass es weniger schlimm sei, eine Frau zu vergewaltigen, wenn sie eine Perlenkette trägt. Der Zugang zu elitärer Bildung ist kein Bleichmittel. Und auch wer Geld hat, kann wegen seiner Hautfarbe (wegen seiner/ihrer sexuellen Orientierung, Religion, usw.) ausgegrenzt werden. Vielleicht ist Diskriminierung dann weniger offensichtlich, aber auch das hintergründige, eher diffuse Gefühl, nicht ganz in der gleichen Liga zu spielen, wie die weißen Ivy-Leage-Studenten (oder wenn, dann zumindest meistens auf der Reservebank zu sitzen), kann weh tun. Für diese Art von „Diskriminierung light“ gibt es sogar ein eigenes Wort, wie die „Zeit“ schreibt –  „Microaggression“.

Andererseits – „People of Color“ aus „gutem Hause“ haben nicht die gleichen Probleme wie Ghetto- oder Mittelschichtsschwarze. Ihre Erfahrungswelt ist eine grundlegend andere. Entsprechend abstrus, zumindest aus einer weniger privilegierten Perspektive, wirken die diskriminierenden Akte, an denen sie sich abarbeiten: Z. B. das Halloween-Fest an einer der genannten Elite-Unis, von dem man in der „Zeit“ liest: Auf Kostüme mit Ethno-Elementen sollte unbedingt verzichtet werden, forderten „nicht-weiße“ Studierende. Die Angelegenheit hat sich offenbar zum Politikum ausgeweitet und am Ende soll sogar die Karriere einer Professorin daran zerbrochen sein. Bei solchen Sachen fragt man sich schon, ob hier die Verhältnismäßigkeit noch gewahrt ist. Kann eine Feder im Haar von jemandem, der nach der Meinung besonders radikaler Vertreter der Political Correctness nicht autorisiert ist, sie zu tragen, weil er (oder sie) nicht die entsprechende ethnische Zugehörigkeit hat, wirklich genauso verletzend und diskriminierend sein, wie eine Kugel aus einem Polizeirevolver, die einen trifft, weil man die falsche Hautfarbe hat? Ist es nicht fast schon peinlich, an den Haaren herbeigezogene Nichtigkeiten mit realer Herabsetzung, die leider auch reale Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat, in den gleichen Topf werfen zu wollen? Und ist ein solch penibles und selbstgerechtes Beharren auf „Minderheitenschutz“ nicht letztendlich viel aggressiver als eine unbedachte Äußerung oder eine Feder im ethnisch falsch zugeordneten Haar? Nicht ganz überraschend taucht in dem „Zeit“-Artikel irgendwann der Begriff „Hexenjagd“ auf. Das klingt anders als „Studentenrevolte“. Man denkt eher an „Inquisition“ oder „Gegenrevolution“.

Und ganz falsch ist die Assoziation nicht. Immerhin gibt es in der Geschichte genügend Beispiele dafür, wie eine an sich gute Idee, ein legitimes Anliegen sich, radikal zugespitzt und mit unverhältnismäßiger Aggressivität durchgesetzt, in ihr Gegenteil verkehren. Der heutige Minderheitendiskurs schlägt seine schillernsten Volten immer dann, wenn sogar (privilegierte) Weiße Jagd auf (weniger privilegierte) „Diskriminierer“ und alle, die sie dafür halten, machen. Die us-amerikanischen Serie „South Park“ nimmt das in einer Folge aufs Korn, wie u. a. J. Bryan Lowder auf „Slate“ berichtet: „PC Principal“, der neue Schulleiter der „South Park Elementary School“ ist ein absoluter Hardliner in Sachen Political Correctness. Wer z. B. Glamour-Transfrau Caitlyn Jenner nicht „stunning and brave“ findet, der kann sein blaues Wunder erleben, da kennt der übereifrige Verfechter des Guten keine Gnade. Und mit harten Worten spart er im Zweifelsfall auch nicht. Das Problem ist nur: „PC Principal“ selbst ist weiß, ein Bio-Mann und vermutlich heterosexuell. Nach seinen eigenen rigiden Thesen müsste er also „der Unterdrücker“ schlechthin sein. Dass so jemand glaubt, andere im Kampf gegen die Unterdrückung von Minderheiten gängeln zu müssen, ist vielleicht eine witzige Idee, so lange es um Zeichentrick geht. Im echten Leben ist es einfach nur zynisch.

Sogar Caitlyn Jenner selbst geriet übrigens schon einmal in die Kritik. J. Bryan Lowder beschreibt auf „Slate“, wie Jenner im Interview mit der Talkmasterin Ellen DeGeneres herumdruckste, als es um die Ehe für alle ging. Sie denke da eher traditionell, rang sich die politisch den Republikanern nahestehenden Amerikanerin schließlich zu einem Statement durch. Dafür stört sich Jenner nicht so sehr an der Kostüm-Frage. Wer als „Caitlyn Jenner“ zum Fasching oder zur Halloween-Feier geht, verstößt damit nicht gegen die Menschenrechte von Caitlyn Jenner. Sagt Caitlyn Jenner.

Solche Aussagen kann man finden, wie man will. Wenn in der Folge aber sogar einer Transsexuellen vorgeworfen wird, „transphob“ zu sein, wie es bei Jenner der Fall war, driftet das Ganze ins Lächerliche ab. So richtig herzhaft darüber lachen kann man trotzdem nicht, denn man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Konservative und Rechte sich auf Leute wie Jenner stürzen und ihre Äußerungen für sich ausschlachten.

Allerdings stellt sich hier auch die Frage, ob in solchen Fällen nicht ein Konflikt künstlich aufgebauscht wird: Natürlich steht Caitlyn Jenner nicht emblematisch für alles sexuell Abweichende in der Welt, aber auch die Leute, die sich mehr oder weniger professionell für die Queer-Bewegung stark machen, sprechen nicht im Namen aller LGBT-Menschen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Man muss schon ganz schön verblendet sein, um überhaupt die Notwendigkeit zu sehen, darüber diskutieren zu müssen, dass LGBT-Menschen nicht immer alle in jedem Punkt einer Meinung sind. Es sind ja Individuen, genau wie Schwarze und „People of Color“ auch. Womit im Übrigen nicht in Abrede gestellt wird, dass die Angehörigen von Minderheiten oft gemeinsame Interessen haben. Es ist jedoch zweifelhaft, ob irgendwem damit geholfen ist, wenn man Pauschalurteile als unverbrüchliche „Wahrheiten“ darstellt und „Abweichler“ rabiat zur Seite drängt.

Außerdem erleben Angehörige von Minderheiten oder Menschen, die sich selbst als „anders“ empfinden, Ausgrenzung und Diskriminierung nicht immer im selben Maße. Nicht zuletzt deshalb ist es auch ziemlich überzogen, wenn z. B. ein Yale-Student für sich beansprucht, die Rechte der indigenen Bevölkerung zu vertreten und für sie ein Bollwerk gegen das weiße, unterdrückerische Amerika sein will, selbst dann, wenn der Student schwarz ist, also selbst auch „Man of Color“.

Aber vielleicht geht es gerade darum: sich nicht bevormunden lassen zu wollen. Für die Lebenssituation eines Indigenen aus der amerikanischen Unterschicht dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ein schwarzer oder ein weißer Absolvent einer Elite-Uni ihm sagt, was seine Rechte sind und dass er sie stellvertretend für ihn einfordern und dafür vielleicht sogar im Namen der Political Correctness das Leben anderer Menschen zerstören wird. Und selbst ein indigener Absolvent einer Elite-Uni würde keinen Unterschied machen, so lange das Elitäre im Vordergrund steht und nicht die Lebenssituation des Unterschichts-Indigenen, das, was der selbst daran ändern will, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Bevor man jedoch glaubt, in jedem, der sich für etwas oder jemand anderen einsetzt, einen kleinen Diktator sehen zu müssen: Nicht jedes Engagement zielt darauf ab, anderen ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung aus der Hand zu nehmen. Es ist nicht das Gleiche, ob Menschen auf bestehende soziale Probleme aufmerksam machen und offene Diskurse darüber anstoßen wollen oder ob Fanatiker und Eiferer „Deutungshoheit“ an sich reißen und keinen Zweifel daran lassen, dass, wer nicht mit ihnen ist, gegen sie ist. Es ist sogar ein absoluter Gegensatz. Hoffen wir, dass die Rebellion der 2016er sich in die richtige Richtung bewegt. Ansonsten könnte diese Generation es schaffen, alles zunichtezumachen, wofür die 68er einst gekämpft haben. Und das wäre dann leider wirklich die Gegenrevolution.

*Quellen:

  • Art.: „Die neuen Radikalen“ v. Rudi Novotny, Khuê Pham & Marie Schmidt, in: „Zeit“ v. 14. Juli 2016.
  • Art.: „South Park Takes on PC Police, Caitlyn Jenner’s “Heroism” in Season Premiere“ v. J. Bryan Lowder, „Slate“, 17. Sept. 2015.
  • Art.: „Caitlyn Jenner vs ‚the community'“, v. J. Bryan Lowder, „Slate“ v. 09. Sept. 2015.