Terror! (Teil 31)

Wer den Anfang der Internetstory verpasst hat oder irgendwo noch mal quer einsteigen will, findet alle Folgen unter #TerrorTheStory. Eine Übersicht dessen, was bislang geschah, gibt es hier.

Bernd, Gießen, 17. Januar 1986, ca. 19 Uhr

Bernd war heute mal in die Eckkneipe gegangen. Das tat er sonst nicht. Aber er wollte allein sein. Er wollte ein ordentliches Bier trinken und nachdenken. Sigrid war mit Micha nach Frankfurt gefahren. Ihr Ex-Mann Lutz hatte dort heute seinen Prozess. Angeblich sollte Lutz die Rote Armee Fraktion unterstützt haben und zwar nicht nur mit markigen Parolen. Ihm, Bernd, war das zu viel, wenn er ehrlich war. Er hatte selbst viel Kritik. Er wusste nicht, was das noch geben sollte, dass ein ehemaliger Schauspieler jetzt US-Präsident war, eine Rolle, die Ronald Reagan eher als Cowboy ausfüllte, der die Welt wie eine Herde unwilliger Rinder vor sich herzutrieb.

Eigentlich machte Bernd sich nicht viel aus Politik. Er war gern in der Natur. Umweltschutz war ihm wichtig und ihm war bewusst, dass die Menschheit sich langfristig würde zurücknehmen müssen, wenn dieser Planet für zukünftige Generationen noch bewohnbar sein sollte. Aber er fand nicht alles gut, was die Linken machten. Er sah nicht ein, warum jemand, der in den Tag hinein lebte und keine Lust hatte, einer geregelten Arbeit nachzugehen oder sich den Strapazen einer anstrengenden Ausbildung auszusetzen, das Gleiche haben sollte, wie er, der sich durch ein langes, anspruchsvolles Studium gekämpft hatte und vier Tage die Woche von morgens früh bis in die Abendstunden in der Praxis stand, freitags nur bis zum Mittag, aber immerhin.

Und Gewalt als Mittel, um die eigenen politischen Ziele durchzusetzen – das lehnte Bernd entschieden ab. Er fragte sich, ob Menschen wie Lutz sich mal überlegt hatten, wie das wäre, wenn es alle so machen würden. Was wäre, wenn jemand Sigrids Ex-Mann einfach eine Kugel in den Kopf jagen würde, einfach so, weil irgendwer sich an seiner Visage und an seinen Überzeugungen störte? Dann wäre das Geschrei doch groß ….

Bernd nahm noch einen Schluck Bier. Er hatte gewusst oder sich zumindest denken können, dass Sigrid selbst nicht viel besser als ihr Ex-Mann gewesen war. Aber es war nicht die Politik, die einen Keil in ihre Beziehung getrieben hatte. Sigrid hatte versucht, diese Sache mit Lutz zu vertuschen, bis es nicht mehr anders ging, weil es in der Zeitung gestanden hatte. Jeder schmierige Reporter hatte also offenbar eher ein Recht, in ihrer Vergangenheit zu wühlen als er, der ja immerhin mit ihr verheiratet war. Es war der Vertrauensbruch, der Bernd schmerzte. Als ob sie ihm nicht zutraute, mit der Wahrheit umgehen zu können. Oder vielleicht konnte sie es selbst nicht?

Er hatte gewusst, dass Sigrid sich schwer damit tat, ihre Gefühle zu zeigen. Sie ahnte nicht, wie sehr sie darin seiner Ex-Frau Barbara ähnelte. Barbara hatte oft Gefühle zur Schau gestellt, die sie gar nicht empfand oder jedenfalls nicht so sehr, wie es den Anschein hatte, einfach, weil sie glaubte, das müsse so sein. In Wirklichkeit war sie ein feinfühliger Mensch, der viel über sich selbst und die Welt nachdachte und anderen viel zu oft Dinge durchgehen ließ, über die sie sich eigentlich ärgerte. Barbara hatte immer alles in sich hineingefressen. Sigrid gab sich oft schroff und unterkühlt und wirkte erst menschlicher und gefühlvoller, wenn man sie näher kannte, aber selbst dann nicht immer, wie er ja jetzt gemerkt hatte.

Barbara hatte sich gegrämt, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Ihm war das nicht so wichtig gewesen. Wenn er ehrlich war, wollte er sogar eigentlich gar keine Kinder. Aber er hatte ihr den Schmerz nicht nehmen können. Er hatte sich hilflos gefühlt und zunehmend den Eindruck gehabt, Barbara mache ihn dafür verantwortlich. Sie war oft launenhaft und kratzbürstig gewesen, ohne dass sie hätte artikulieren konnte, was sie denn eigentlich so sehr störte. Er wusste dann immer nicht, was er schon wieder falsch gemacht hatte und irgendwann war auch er mit seiner Geduld am Ende gewesen. Jetzt erging es ihm mit Sigrid ganz ähnlich und er hatte für sich beschlossen, dass er das nicht noch einmal in voller Länge durchmachen wollte. So alt war er noch nicht. Er konnte andere Frauen haben und das Leben war zu kurz, um es sich von den Problemen und dem Missmut anderer Menschen kaputt machen zu lassen.

Bernd, fast 41 Jahre zuvor, irgendwo im heutigen südöstlichen Deutschland, Anfang Juni 1945

„Heil Hitler!“ grüßte der braungebrannte, sommersprossige Junge zackig. „Seid ihr Tschechen oder Polacken?“ Bernd wunderte sich über die Frage. Es war doch klar, dass sie das nicht waren. „Heil Hitler! Nein, wir sind Deutsche.“ antwortete er. Er hatte ein wenig Angst, denn der Junge war etwas älter als er und vor allem größer und kräftiger. Wenn er ihn verkloppen wollte, dann würde das für ihn, Bernd, auf jeden Fall böse ausgehen. Außerdem würde Mutti schimpfen, wenn er mit zerrissenen Hosen und blauen Flecken zurückkäme, ohne etwas erreicht zu haben.

„Wir sind aus Böhmen und wollen zu meiner Großtante nach Frankfurt …“ Der Junge lachte, als sei das ein guter Scherz „Na, da habt ihr aber noch ein gutes Stück vor euch. Die Russen lassen euch bestimmt nicht durch und die Amerikaner wollen euch gar nicht haben!“ Bernd schwieg. Dann sagte er, was seine Mutti ihm aufgetragen hatte: „Mein Schwesterchen ist sehr krank. Ich soll fragen, ob ihr ein bisschen Milch habt.“ bettelte er. Der Blick des Jungen wurde hart: „Und für dich auch. Und Brot. Und in unserer Scheune schlafen wollt ihr auch noch. Sag’s doch gleich.“ Bernd blickte betreten zu Boden. Er schämte sich. Mutti schickte ihn immer vor, weil die Leute einem kleinen Jungen lieber helfen wollten als einem Erwachsenen.

Vor ein paar Tagen waren die Tschechen gekommen, Soldaten, wütende Männer, die nach ihnen schlugen und sie aus ihrem Haus gejagt hatten. Bernd war es so vorgekommen, als seien sie, Mutti, er und seine kleine Schwester Gitti, böse Kinder, die die Nachbarskatze gequält hatten und jetzt ihre verdiente Abreibung bekamen*. Dabei hatte er gar nichts gemacht. Mutti hatte Gitti, die erst ein paar Monate alt war, an sich gepresst und sie hatten unter der Aufsicht der tschechischen Soldaten hastig ein paar Habseligkeiten zusammengepackt. Dann hatten sie sich gemeinsam mit Tante Schmittke aus dem Nachbarhaus auf den Weg gemacht. Die Soldaten hatten ihnen Gemeinheiten auf Tschechisch hinterhergerufen und einer hatte mit dem Gewehr in die Luft gefeuert. Es waren noch andere Leute gekommen. Tschechen. Bernd hatte die zornigen, harten Laute, mit denen sie sie beschimpft hatten, noch im Ohr. Er hatte sich ängstlich an Mutti gepresst, obwohl er schon fast sieben war. Dann war ein Stein geflogen, knapp an Bernds Kopf vorbei. Bernd fragte sich, was wäre, wenn es den Soldaten einfiele, auf sie zu schießen.

Sie waren gelaufen und gelaufen. Es war warm und die Riemen seines Rucksacks schnitten Bernd hart in den Nacken. Seine Füße brannten und der Rücken tat ihm weh, aber Bernd wollte nicht klein beigeben. Er war doch kein Mädchen, das bei jeder Kleinigkeit heulte. Gitti war krank geworden. Rotz lief ihr aus der Nase und statt dass sie kackte wie jeder normale Mensch, selbst ein Säugling, lief nur eine undefinierbare Flüssigkeit aus ihr raus. Mutti war verzweifelt, weil sie ihr die Windeln nicht wechseln konnte. Sie hatte keine frischen mehr. Bernd versuchte, nicht zu nah an Gitti heran zu kommen, denn sie stank erbärmlich, wie er fand, aber er wagte es nicht, das zu sagen. Er fragte sich, wie Mutti das aushielt. Tante Schmittke, deren Söhne beide tapfere Soldaten gewesen waren und bis zum Letzten für den Führer gekämpft hatten, redete Mutti gut zu. Bernd trottete vor sich hin. Die Erwachsenen beachteten ihn nicht groß. Mutti schickte ihn nur immer vor, damit er nach Milch und Essen und einem Quartier für die Nacht fragte. So wie jetzt. Bernd versank jedesmal vor Scham fast im Boden.

„Ich kann ja mal fragen.“ sagte der Junge gedehnt und riss Bernd aus seinen Gedanken. „Weißt du, wir helfen gern. Aber es kommen so viele von euch. Ihr fresst uns noch die Haare vom Kopf und am Ende haben wir selbst nichts mehr.“ Bernd nickte. Das verstand er. Ihm wäre es auch lieber gewesen, alles wäre noch wie Weihnachten, als sie alle gemütlich zu Hause beisammen gesessen hatten. Sogar Tante Schmidtke. Dafür war Vati nicht da gewesen, aber Vati war sowieso nur selten da und wenn dann nur für ein paar Tage, denn er musste an die Front, kämpfen, damit die Russen nicht kommen und den Deutschen alles kaputt machen könnten. Dann waren die Russen leider doch gekommen. Und die Tschechen waren frech geworden. Das hatte Tante Schmittke gesagt. Die Tschechen hatten angefangen, die Deutschen wie Hunde zu behandeln. Deshalb musste Bernd jetzt bei den Bauern um Milch und um einen Platz zum Schlafen betteln.

Diesmal hatten sie Glück. Sie konnten bei dem Bauern in der Scheune schlafen. Rosemarie, die Schwester des sommersprossigen Jungen, die in etwa so alt wie Bernd war, hatte Bernd an die Hand genommen und ihm die Kuhweide gezeigt. Dort roch es würzig und frisch, so richtig nach Sommer. Die paar Kühe, die dort grasten, schauten Bernd aus warmen, gutmütigen Augen an und kauten gemütlich vor sich hin. Eine durfte Bernd sogar streicheln. Rosemarie hatte gesagt, dass sie ganz lieb sei und Bernd erinnerte sich noch an den warmen Kuhbauch, an das weiche Fell und dass die Kuh an seiner Hand geleckt hatte. Es hatte sich rauh angefühlt und Rosemarie hatte gesagt: „Die mag dich!“. Rosemarie hatte gelacht und Bernd hatte gesehen, dass sie vorne eine Zahnlücke hatte. Bernd war stolz, denn er hatte schon seine Zweiten, auch wenn sie ein wenig groß waren und er damit wie ein Hase aussah.

In der Nacht war Bernd schnell eingeschlafen. Einmal war er aufgewacht und hatte gehört, wie die Erwachsenen sich leise unterhielten. Ihre Stimmen hatten besorgt geklungen. Bernd war wieder eingeschlafen und hatte schlecht geträumt: Von aufgebrachten Tschechen, die nach ihm schlugen und böse Worte sagten, die Bernd nicht verstand. Er verstand nur, dass es böse Worte waren. Dann waren Mutti, Gitti, Tante Schmittke und er an einer langen Straße entlanggegangen. Mutti hatte den Kinderwagen mit Gitti geschoben. An der Straße entlang floss ein kleines Bächlein. Plötzlich sah Bernd, wie aus dem Bach Tschechen stiegen: Männer und Frauen, auch Kinder, aber Kinder, die größer als er waren. Ein Junge hatte Sommersprossen und grinste höhnisch. Die Tschechen stiegen aus dem Bach. Es wurden immer mehr und sie hatten Steine, Knüppel und Gewehre in der Hand. Bernd, der allein ein Stück vorgegangen war, drehte sich um, aber Mutti, Gitti im Kinderwagen und Tante Schmittke waren nicht mehr da. Dann hörte er einen markerschütternden Schrei und wachte auf.

Mutti schluchzte und hielt Gitti vor sich. Gitti war ganz steif und ihre Lippen hatten einen bläulichen Farbton angenommen. Tante Schmittke zog Bernd weg. „Gell, Bernd, du bist ja schon ein großer Junge. Die Gitti ist jetzt im Himmel bei unserem Herrn, dem Schöpfer, und spielt mit den Engeln. Du musst jetzt tapfer sein und der Mutti beistehen …“

Irgendwann waren sie in Frankfurt angekommen. Bernds Großtante hatten sie nicht gefunden. Sie lebte nicht mehr unter der Adresse, die Mutti gehabt hatte, und das rote Kreuz hatte ihnen auch nicht helfen können. Erst waren sie bei einer Familie untergekommen, die allerdings nicht gerade glücklich darüber war, sie bei sich zu haben. Dann hatten sie eine Weile in einer Baracke gelebt. Bernds Vater wurde in Bernds Erinnerung zu einem schemenhaften Schatten. Er kehrte auch aus keinem Kriegsgefangenenlager zurück. Schließlich wurde er für „verschollen“ erklärt.

Das Glück war in Bernds Leben getreten, als seine Mutter Fritz Schumann kennenlernte. Fritz Schumanns Frau und seine Kinder waren bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Er heiratete Bernds Mutter und adoptierte Bernd. Und so wurde aus Bernd Novak Bernd Schumann. Fritz Schumann war Zahnarzt und Bernd fand das stark, den großen Zahnarztstuhl und den Bohrer und die anderen Instrumente, mit denen sein Adoptivvater den Leuten im Mund herumstocherte und ihnen Plomben oder Kronen setzte, so dass sie keine Schmerzen mehr hatten und wieder unbeschwert lächeln konnten. Am Wochenende ging Fritz mit Bernd angeln und erklärte ihm die verschiedenen Vogel- und Insektenarten. Ansonsten raufte sich Muttis großer Junge, er spielte mit den anderen Kindern Fußball und er fand zu der unbeschwerten Kindheit zurück, die der Krieg jäh unterbrochen hatte ….

*“böse Kinder, die die Nachbarskatze gequält hatten und jetzt ihre verdiente Abreibung bekamen“: Im September 1938 musste die Tschechoslowakei (CSR, heute: Tschechien und Slowakei) im Zuge des Münchner Abkommens das in weiten Teilen deutsch besiedelte Sudetenland an das nationalsozialistische Deutschland abtreten. Im südöstlichen Landesteil der CSR, der heutigen Slowakei, war die rechtsextreme, klerikalfaschistische Hlinka-Partei unter der Führung Jozef Tisos sehr erfolgreich. Der ausgeprägte Antisemismus und Antiziganismus passten ideologisch sehr gut zu den Nationalsozialisten. Mit deren Unterstützung löste sich im März 1939 die Slowakei aus der CSR, blieb jedoch in den folgenden Jahren bis zum Kriegsende ein Marionettenstaat der Nationalsozialisten. Diese marschierten zeitgleich in den verbleibenden Teil der CSR ein und proklamierten das sog. „Protektorat Böhmen und Mähren“. Dort führten sich die Nationalsozialisten nicht nur als Besatzer auf, sondern ließen die tschechische Bevölkerung ihre rassistisch motivierte Verachtung in aller Deutlichkeit spüren. Um der tschechische Intelligentsia den Boden zu entziehen, wurden unter einem windigen Vorwand sämtliche Universitäten des Landes geschlossen. Auch kam es zu Vertreibungen der tschechischen Bevölkerung und zu grausamen Massakern, von denen das Massaker von Lidice am 10. Juni 1942 nur das bekannteste ist.

Da die Tschechoslowakei bis 1918 Teil des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn gewesen war, war das Territorium ethnisch nicht einheitlich besiedelt. Es lebten auch Deutsche in Böhmen und Mähren (zu denen die Familie von „Bernd“ hier in der Geschichte gehört) und es gab einige wenige versprengte deutschsprachige Ortschaften in der Slowakei (die sog. „Karpatendeutschen“). Im Mai/Juni 1945 kam es zu sog. „wilden Vertreibungen“ der deutschsprachigen Bevölkerung. Man kann (und sollte!) sich vorstellen, dass die Tschechen dabei sehr rabiat vorgingen und auch Rachegefühle im Spiel waren. Die sog. „Beneš-Dekrete“, von denen ein Teil erst im Oktober 1945 in Kraft trat und durch die die Ausweisung der deutsch- und ungarischsprachigen Bevölkerung aus dem Territorium der neu und diesmal unter sozialistischen Vorzeichen gegründeten Tschechoslowakei (CSSR) gesetzlich geregelt werden sollte, wurden kaum wirklich beachtet. Einige Deutsche wurden in Zügen an die Grenze verfrachtet, andere mussten in sog. „Gewaltmärschen“ von tschechischen Soldaten begleitet zu Fuß gehen. Mehr zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei in dem gleichnamigen Wikipedia-Eintrag.

Den heutigen Umgang mit der Vetreibung der Deutschen aus Mittelosteuropa finde ich persönlich problematisch. Zwar gibt es heute, anders als in den 1990er Jahren, keine Rückforderungen von einst verlassenen Grundstücken und Immobilien mehr, aber es wird m. E. zu stark auf das Leiden der deutschen Bevölkerung abgehoben, das zwar sehr real war – und es liegt mir fern, jemandem den Schmerz der eigenen Vertreibung oder der der Eltern, der Großeltern oder der Urgroßeltern ausreden zu wollen -, doch einseitig aus dem Zusammenhang gerissen und, wie teilweise seit etwa 2015 im Zuge der Flüchtlingspolitik Angela Merkels geschehen, exotisiert als „ausländisches“, „östliches“ Erbe, ergibt sich dadurch ein falsches, verzerrtes Geschichtsbild. Genau deshalb heißt „Bernd“ in der Geschichte übrigens eigentlich „Novak“ und hat vielleicht auch tatsächlich irgendwo tschechische Vorfahren, aber er ist Deutscher und stammt aus einer nationalsozialistischen Familie und Umgebung (die Nachbarin).

Das Statement zur Vertriebenenproblematik, das mich selbst am meisten beeindruckt hat, stammt von einem polnischen Journalisten, den ich einmal auf einer Konferenz zum Thema gehört habe, die eine Freundin organisiert hatte. Der Mann, an dessen Namen ich mich nicht mehr genau erinnere (Sorry, aber Polen – und darum ging es hauptsächlich – ist nicht so ganz mein Thema), sagte sinngemäß, man müsse das Leid der Deutschen und das der Polen zusammendenken. Wer es sich einmal erlaubt, sich auszumalen, wie es den Menschen z. B. in Leningrad zu Zeiten der Hungerblockade durch die Wehrmacht oder in den von den Nationalsozialisten bombardierten Städten Europas, wie z. B. London, Coventry oder Warschau erging, der kann sich auch an das Leid und den Schmerz der eigenen Großeltern oder Urgroßeltern während der Bombenangriffe z. B. auf Hamburg erinnern, ohne dabei einen Teil der deutschen Geschichte zu verleugnen. Wer bereit ist, einzusehen, dass die Gewalt gegen Deutsche durch die Rote Armee oder im Zuge der Vertreibungen aus Polen und aus der Tschechoslowakei tatsächlich durch das Prinzip „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ begründet waren, dass es also Racheakte waren, die durch das Wüten der Nationalsozialisten nachvollziehbar werden, der darf sich auch an das Leid der eigenen Großeltern oder Urgroßeltern auf der Flucht erinnern, das dann zu einem individuellen Leid und zu einem Teil der Familiengeschichte wird, nicht aber Teil eines bestimmten, politisch erwünschten Deutschlandbildes ist.

Das ist aber nur meine Meinung. „Bernd“ und seine Geschichte sind, wie alle in „Terror!“ auftretenden Personen – außer den historischen Persönlichkeiten – frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher zufällig und nicht beabsichtigt.

Advertisements

Terror! (Teil 30)

Wer den Anfang verpasst hat oder quer einsteigen will (eine Zusammenfassung dessen, was bislang geschah, gibt es hier) findet alle Folgen unter #TerrorTheStory. Klar, dass das hier eine rein fiktive Story ist. Also viel Spaß dabei …

Lutz, Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt (Main), 17. Januar 1986, ca. 17 Uhr

Lutz war schwindelig. In seinem Kopf pochte es und er konnte sich kaum auf die Verhandlung konzentrieren. Dieser merkwürdige Brief, den sein Kumpel Frank angeblich aufgesetzt haben sollte, war jetzt zur Sprache gekommen. Der BKA-Bulle, Ingo Schneider, der in den Zeugenstand gerufen worden war, schwitzte. Aber niemand hatte das Schwein dazu gezwungen, sich eine Uniform überzuziehen und Jagd auf seine Mitmenschen zu machen. Lutz fragte sich, ob Frank wirklich der war, für den er ihn gehalten hatte. Frank selbst war nicht da. Aber irgendetwas in Lutz hatte Angst, er könne gleich auftauchen und eine Aussage machen, die klar werden ließ, auf wessen Seite er stand und zwar nicht auf der von Lutz. Wie leicht ließen sich Menschen, auch Linke, korrumpieren? Und gab es wirklich Leute, die anderen vorheuchelten, sich für die linke Sache stark zu machen, sogar bereit zu sein, dafür am Rande der Gesellschaft zu leben, und die dann mit Faschos gemeinsame Sache machten? Er wusste, dass ein paar von den Neonazis den Anschlag der RAF in Frankfurt* beklatscht hatten. Sie quasselten selbst auch von US-Imperialismus, gegen den sie angeblich zu Felde ziehen wollten, und ein Teil der Glatzen und ihrer Hintermänner im Anzug versuchte tatsächlich, linke Themen zu besetzen und den Leuten vorzumachen, sie seien für’s Soziale – Ja, aber nur für „Volksdeutsche“ -, dachte Lutz bitter. Genau wie „USA“ in den Augen der Nazis das gleiche war wie „Weltjudentum“ – obwohl Reagan**, soweit Lutz wusste, keineswegs Jude war, niemand jedenfalls, der eine Nummer eintätowiert hatte***. „Heimatschutz“ wollten sie als „Umweltschutz“ verkaufen. Lutz hatte gehört, dass sich sogar bei den Grünen ein paar Braune eingeschlichen haben sollten, aber er wusste nicht, ob das stimmte. War Frank so eine tickende braune Zeitbombe, die sich als links ausgab? Nein, das konnte nicht sein. Eher noch stand er auf der Gehaltsliste vom VS+ oder dessen niederländischem Pendant ….

Dann hörte er Brockmann sagen: „Ich rufe Christa Seiffert in den Zeugenstand.“ Statt Frank Dijkstra erschien seine Mutter. Sie war nicht mehr die jüngste und Lutz war es unangenehm, dass sie da mit reingezogen wurde. Seine Eltern hatten ihn nie fallen gelassen, obwohl sie das meiste, was er machte, nicht gut fanden. Trotzdem hatte insbesondere sein Vater als junger Mann eine harte Lektion darin erteilt bekommen, was passierte, wenn man die da oben machen ließ. Als Lutz‘ Vater aus dem Krieg zurückgekehrt war, war er nicht mehr derselbe gewesen, nicht der jedenfalls, dem seine Mutter einst ewige Treue geschworen hatte. Lutz und seine Schwester waren allerdings erst nach dem Krieg geboren worden. Gabi war nicht da. Sie lebte mit ihrem Mann und den Kindern irgendwo auf dem Lande und ihr ging es offenbar ganz gut damit.

„Christa Seiffert, in welcher Beziehung stehen sie zu dem Angeklagten?“ fragte Brockmann Lutz‘ Mutter. „Er ist mein Sohn.“ antwortete die. „Hatten sie in den letzten Jahren viel Kontakt?“ wollte Brockmann wissen. „Nein.“ antwortete Christa. „Wussten Sie, wo er lebte?“ Christa zögerte. „Nein.“ sagte sie dann. „Er hat doch eine Tochter, Michaela. Kümmerte er sich irgendwie um die, wussten Sie davon?“. Lutz‘ Mutter zögerte wieder. „Doch das tat er. Wenn auch indirekt.“ Brockmann hakte nach: „Inwiefern?“. „Er überwies monatlich Geld, das heißt, jemand anderes tat es für ihn. Das ist nichts Unrechtes. Wir haben das respektiert. Wir sind davon ausgegangen, dass er einfach noch nirgends Wurzeln geschlagen hatte. Lutz wollte sich nicht mehr zu sehr in Michas Leben hineindrängen. Er wollte sie nicht mit seinen Problemen belasten. Aber er wusste, dass er ihr was schuldig war. So haben wir ihn auch erzogen, mein Mann und ich, dass er Verantwortung übernehmen muss.“

„Wer genau überwies das Geld?“ fragte Brockmann. „Frank Dijkstra.“ antwortete Christa. „Woher wussten Sie, dass er es für Lutz tat?“ wollte der Anwalt wissen, obwohl er die Antwort bereits kannte. „Nun, da es für Micha war, konnte ich mir das denken …“ setzte Lutz‘ Mutter an „… Dieser Dijkstra hat uns geschrieben, damit alles seine Ordnung hat.“

„Ist es dieser Brief hier?“ Brockmann zog ein etwas vergilbtes Blatt Papier hervor, auf das jemand mit ungelenker Handschrift ein paar Zeilen in blassblauer Tinte gekrakelt hatte. Christa nickte. „Darf ich es mal vorlesen?“ fragte der Anwalt. Wieder nickte Lutz‘ Mutter. „Einspruch!“ verlangte der Staatsanwalt „Private Korrespondenz tut hier nichts zur Sache. Daraus geht nicht hervor, ob Herr Seiffert sich an Anschlägen der RAF beteiligt hat oder nicht. Da geht es doch vermutlich eher um Unterhaltsstreitigkeiten“ Brockmann wirkte entspannt. „Vielleicht, aber wir erfahren zumindest Näheres darüber, in welcher Beziehung Frank Dijkstra zu meinem Mandanten stand und ob der Brief, den Sie gerade als Beweismittel angeführt haben und der meinen Mandanten damit belastet, der Roten Armee Fraktion angeblich logistische Hilfe für ihren Anschlag in Frankfurt geleistet zu haben, also ob dieser Brief wirklich so authentisch ist. Daran habe ich nämlich erhebliche Zweifel …“ „Abgelehnt.“ entschied der Richter. Er machte eine laxe Handbewegung in Richtung Brockmann: „Fahren Sie fort.“

„Ich lese also den Brief vor, den Frank Dijkstra, wohnhaft in Amsterdam, in den Niederlanden, am 07. Februar 1982 an Christa Seiffert, wohnhaft in Fürth bei Nürnberg geschickt hat.“ Brockmann trug jetzt eine siegessichere Miene zur Schau, wie jemand, der in der Schule eine komplizierte Mathe-Aufgabe an der Tafel vorführt und schon weiß, dass sich am Ende doch alles auflösen wird. Lutz hatte Mathe immer gehasst. „Liebe Christa,“ setzte Brockmann an: „Ich bin ein Freund von Lutz. Ich weis, du machst dir viele Zorgen um Lutz. Ihm gehts gut. Er macht sich Zorgen um Micha und wil ihr Geld geben. Ich tu das für Lutz. Er war kortz hier bei mir, aber ich weis nicht wo er jetzt ist. Er wollte nicht in den Niederlanden bleiben und er wil nicht, das ihr nach ihm zucht. Er gibt mir Geld für Micha, ich gebe es euch. Das ist alles. Viele Grüse von mir und von Lutz, Frank.“

Genau das hatte Lutz Frank aufgetragen. Brockmann machte eine Pause. „Euer Ehren“ wandte er sich an den Richter. „Zwischen beiden Briefen, zwischen dem vom Juni letzten Jahres, den Frank Dijsktra an den Neonazi Rüdiger Dombrowski geschickt haben soll und den die Anklage eingebracht hat, und dem hier an Lutz Seifferts Mutter Christa Seiffert, den ich gerade vorgelesen habe, bestehen erhebliche Unterschiede.“ Der Anwalt holte tief Luft. „Zunächst einmal hat Frank Dijkstra den Brief an Christa Seiffert handschriftlich verfasst, wenn auch in Druckschrift, während der an Dombrowski mit der Schreibmaschine getippt ist. Dann fällt auf, dass Dijkstra zu dem Zeitpunkt, als er den Brief an Christa Seiffert verfasst hat, zwar offenbar ganz gut Deutsch konnte, dass er aber dennoch Rechtschreib- und Grammatikfehler gemacht hat. Er verwendete nur einfache Satzstrukturen, so, wie jemand, der die Sprache in der Schule gelernt hat und sie gut versteht, sie aber nicht sicher beherrscht. Der Brief an Dombrowski dagegen weist nur sehr wenige Fehler auf. Die Syntax ist komplexer. Man könnte hier eher an jemanden denken, der fließend Deutsch spricht, ja dessen Muttersprache vielleicht sogar Deutsch ist ….“ Brockmann machte wieder eine Pause. dann fuhr er fort. „Frank Dijkstra hat, soweit wir wissen, nie länger in Deutschland gelebt. Er ist zwar wegen der besetzten Häuser und ein paar Drogendelikten der Polizei in den Niederlanden nicht ganz unbekannt, scheint sich aber, soweit wir wissen, bislang nicht für den bewaffneten Kampf oder für Waffenhandel erwärmt zu haben.“

Lutz begriff, worauf Brockmann hinauswollte. Der Anwalt redete weiter. Er hatte einen sachlichen, fast professoralen Tonfall angeschlagen: „… Daher halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass das Schreiben an Dombrowski authentisch ist. Vielmehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das BKA besagten Brief nicht sorgfältig genug auf seine Authentizität überprüft hat, aus welchen Gründen auch immer, dass es hier also um Schlampereien in der Polizeiarbeit geht …“

„Einspruch, Euer Ehren!“ rief der Staatsanwalt. „Abgelehnt.“

Neugierig, wie’s weitergeht? Demnächst hier auf Laila Phunk.

*Anschlag auf die US Rhein-Main Air Base in Frankfurt (Main) im August 1985 für den die RAF verantwortlich ist. Dass das die Herzen auch irgendwelcher Nazis höher schlagen lassen hat, habe ich übrigens dazu erfunden. Es ist mir nicht bekannt, ob es wirklich so war, aber ich glaube es eher nicht.

**Ronald Reagan: 1981 – 1989 Präsident der USA.

***eintätowierte Nummer: Den Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern wurde zur Kenneziechnung eine Nummer eintätowiert.

+VS: Abkürzung für Verfassungsschutz.

Tja, ich habe wohl als Kind zu viel „Matlock“ und „Richterin Barbara Salesch“ geguckt. In der Einleitung steht ja schon, dass das alles hier frei erfunden ist, so auch die Gerichtsshow und natürlich alle auftretenden Personen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 29)

Alle Folgen von „Terror!“ – der Internetstory finden sich unter #TerrorTheStory. Wer keine Lust hat, alles von Anfang an zu lesen oder irgendwo den Faden verloren hat, findet hier eine Zusammenfassung dessen, was bislang geschah. Alles hier außer den historischen Hard Facts (meistens im Anhang erläutert) ist rein fiktiv!

Hans Brockmann, Frankfurt (Main), 15. Januar 1986, ca. 12 Uhr 30

Hans vergrub die Hände tief in seinen Hosentaschen. Es war kalt und sein Atem dampfte ihm förmlich aus dem Mund. Allerdings hatte er es eilig und ging mit raschen Schritten. Er wollte sich nicht länger als unbedingt nötig in der Nähe der Justizvollzugsanstalt aufhalten, wo er soeben seinen Mandanten Lutz Seiffert getroffen hatte. Lutz saß wegen Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft und übermorgen sollte sein Prozess sein. Als Hans heute morgen noch einmal die Ermittlungsakte eingesehen hatte, hatte er dort zu seiner Überraschung einen maschinengeschriebenen Brief gefunden. Der Verfasser war ein Niederländer, Frank Dijkstra, ein Autonomer aus der Amsterdamer Hausbesetzerszene, mit dem sein Mandant Lutz nach eigenen Angaben befreundet war und der für ihn Geld für seine Tochter an seine Mutter nach Deutschland überwiesen hatte. Dieser Dijkstra hatte an einen deutschen Neonazi geschrieben und Lutz damit hoch belastet. Es ging um Waffen, mit denen Rüdiger Dombrowski, der Nazi, offenbar illegal handelte. Angeblich sollte Lutz einen Tipp gegeben haben, dass die Rote Armee Fraktion Munition für ein Attentat brauchte und es lag nahe, dass es um das Attentat auf der Rhein-Main US Air Base in Frankfurt* ging. Lutz hatte alles abgestritten. Auch Frank Dijkstra hatte laut Ermittlungsakte angegeben, nichts von besagtem Brief zu wissen. Dombrowski war unauffindbar.

Zwei Dinge irritierten Hans an der Sache: Zum einen war der Brief maschinengeschrieben, sogar die Unterschrift war maschinell getippt – irgendein Schreibmaschinentyp, wie er zu tausenden vermutlich in ganz Westeuropa verwendet wurde. Vielleicht machten das Leute, die eine schwer leserliche Handschrift hatten, aber komisch war es trotzdem. Zum anderen: warum hatte die Generalsbundesanwaltschaft Dijkstra nicht als Zeugen der Anklage geladen? Dijkstra war in Amsterdam vernommen worden und stand zweifelsohne nicht erst seit gestern unter polizeilicher Beobachtung, aber hätte die Beteiligung an Waffenhandel die Behörden nicht mehr aufscheuchen müssen? War Dijkstra am Ende ein V-Mann?

Hans blieb nicht mehr viel Zeit, aber er wusste, was er zu tun hatte. Als er an einer Straßenecke einen Münzfernsprecher** sah, ging er auf ihn zu, nahm den Hörer ab und warf ein paar Groschen** ein. Zuerst rief er die Auskunft an, dann die Nummer, die er dort erfragt hatte ….

Sigrid, auf dem Gelände des Oberlandesgerichts Frankfurt, Frankfurt (Main), 17. Januar 1986, ca. 12 Uhr

Sigrid hatte Micha bei Christa Seiffert gelassen. Sie hatte Christa schon lange nicht mehr gesehen. Aus der in die Jahre gekommenen zähen, grobknochigen Frau mit den graubraunen Löckchen und dem breiten fränkischen Akzent mit gerolltem R, den Sigrid immer irgendwie exotisch, aber auch anheimelnd gefunden hatte, war eine grauhaarige, alte Frau geworden, die mittlerweile leicht gebeugt ging. Christas Mann, Lutz‘ Vater Willy, war nicht gekommen. Er war einst als junger Mann auf dem rechten Ohr halbtaub und schwer traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt. Jetzt saß er, wie Christa erzählt hatte, im Rollstuhl. Auch Lutz‘ jüngere Schwester Gabi war nicht gekommen.

Sigrid drehte sich schnell eine Zigarette. Irgendwie musste sie ihre Nerven beruhigen. Sie blickte sich um. Dann sah sie sie. Die Künstlerin. Lutz‘ Neue. Sie stand drüben an der Mauer. Sigrid schlenderte langsam auf die Frau zu und fixierte sie aus schmalen Augen. Sie war in etwa so groß wie sie, mittelgroß und schlank, obwohl sie stark wirkte, nicht zerbrechlich und zart. Sie hatte lange, mittelblonde Haare, Mittelscheitel, ein herzförmiges, auffallend blasses Gesicht mit gesunden roten Backen und große, blaue Augen – die intensivsten blauesten Augen, die Sigrid je gesehen hatte. Sigrid dachte an Paula Modersohn-Becker***. War das nicht eine norddeutsche Malerin? Sigrid machte sich nicht viel aus Kunst oder Literatur, das war immer eher Lutz gewesen. Aber es war ihr gerade so eingefallen. Swantje, so hieß sie wohl, sah aus wie eine dieser norddeutschen Bauersfrauen aus den Gemälden von Paula Modersohn-Becker. Sigrid sah, dass sie große Hände hatte und lange, kräftige Finger. Sie trug einen alten Bundeswehrparka und Pluderhosen, die sie in klobige, gefütterte Lederstiefel gestopft hatte. Sigrid fröstelte. Sie zog ihre Winterjacke enger um sich. Vielleicht passte sie ganz gut zu Lutz, besser vielleicht, als sie selbst je zu ihm gepasst hatte. Und sie war deutlich jünger als sie – Mitte-Ende 20 vielleicht. Wortlos ließ Sigrid sich neben Swantje mit dem Rücken an die Mauer fallen. „Hast du mal Feuer?“ fragte Sigrid die andere.

„Soll das ne Anmache sein?“ rotzte Swantje sie an. „Wenn ja, dann …“ „Nein.“ schnitt Sigrid ihr barsch das Wort ab. Ihr erster Impuls war, ihr eine zu knallen. Die selbstgefällige Miene der jüngeren Frau ärgerte sie. Ja, sie war eine männerhassende Emanze, die keiner mehr wollte und die sich stattdessen auf Frauen verlegt hatte, dachte Sigrid höhnisch. Genau das war es doch, was Swantje ihr offensichtlich klar machen wollte. War das der Grund, warum ihre Tochter Micha, die jetzt 14 war, sich die Haare bis zum Arsch wachsen ließ und jedesmal in eine depressive Krise verfiel, wenn sie einen neuen Pickel im Gesicht entdeckt hatte? Weil gelästert wurde, wenn nicht alles makellos und hyperfeminin war? Sigrid selbst hatte sich in dem Alter die albernen Zöpfe, mit denen sie ihre ganze Kindheit hindurch hatte herumlaufen müssen, ein für alle mal abgeschnitten und sich seither geweigert, ihre Haare je wieder lang wachsen zu lassen. Mittellang reichte. Das war gut. Selbst ihre Eltern hatten damals eingesehen, dass eine Jugendliche in den frühen 60er Jahren nicht mehr wie ein BDM-Mädel+ aus den 40ern herumlaufen konnte, mit blonden, um den Kopf gewundenen Haarkränzen. Igitt! Sigrid, reiß dich zusammen! hatte es geheißen, Sigrid, heul nicht rum! Daran ist noch niemand gestorben! Sigrid, mach den Abwasch! Marsch, marsch! Sigrid, hilf der Nachbarin, ihre Einkäufe hochzutragen! Sigrid, sei deinen Freundinnen eine gute Kameradin, egal wie scheiße du die dummen Weiber findest! Sigrid, küss Männern die Füße und sei eine gute Ehefrau! Sigrid, mach die Beine breit! Sigrid, heul nicht, wenn er mit einer anderen pennt, das gehört dazu. Nein, danke. Nie wieder.

Sigrid schluckte. Als das mit Lutz auseinandergegangen war, hatte ihre Freundin Dorle ihr geholfen. Dorle, die selbst Soziologin war und eine Jugendeinrichtung leitete, war es auch gewesen, die ein gutes Wort für Sigrid bei Weber eingelegt hatte, dem Soziologieprofessor, bei dem Sigrid ihre Doktorarbeit geschrieben hatte. Dorle selbst hatte auch eine gescheiterte Ehe hinter sich und sie hatte die Männer endgültig satt. Seither hatte sie beschlossen, nur noch mit Frauen zusammenzuleben. „Schwanz ab!“ – Sigrid hatte damals gelacht. Sie hatte das witzig gefunden und es war ja auch etwas dran, also, wenn man es nicht gerade bierernst nahm. Sie fand schon vieles richtig, was Dorle gesagt hatte. Selbst heute noch. Aber sie konnte nicht mit Frauen. Auch wenn sie gespürt hatte, dass ihre Freundin gelegentlich versucht hatte, sie ein wenig in diese Richtung zu lenken. Frauen faszinierten Sigrid erotisch einfach nicht. Dorle hatte das als Verrat an der Frauenbewegung empfunden und Sigrid hatte sich geschämt. Gern hatte sie ihren Beistand angenommen, in dem Moment aber, wo sie Farbe hätte bekennen müssen, hatte sie einen Rückzieher gemacht. Genau das hatte ihr Lutz in politischer Hinsicht auch immer vorgeworfen. Trotzdem konnte Sigrid sich denken, was die Leute hinter ihrem Rücken redeten. Und sie war einsam gewesen, zwar erleichtert, sich nicht mehr mit den ewigen Beziehungskisten herumschlagen zu müssen, aber eben trotzdem einsam. Vielleicht hatte sie sich deshalb sofort an Bernd gekrallt, den erstbesten in Frage kommenden alleinstehenden Mann, dem sie nach Lutz begegnet war. Das war 1984 gewesen. Wie dem auch sei – Swantje hatte instinktiv einen wunden Punkt getroffen.

Sigrid sah, dass Swantje ihr ihr Feuerzeug hinhielt. Wortlos nahm sie es und zündete sich ihre Zigarette an. „Ich habe dich heute mittag schon rauchen gesehen. Du hast selbst Feuer. Das habe ich genau gesehen.“ sagte Swantje. „Sag mir einfach, was du von mir willst.“ setzte sie hinzu.

Swantje, auf dem Gelände des Oberlandesgerichts Frankfurt, Frankfurt (Main), 17. Januar 1986, ca. 12 Uhr 10

„Lass uns ein Stück gehen.“ hatte Sigrid gesagt. Swantje hatte nicht vorgehabt, sich von Sigrid herumkommandieren zu lassen. Lutz hatte ihr erzählt, dass Sigrid das gut konnte, andere Leute herumkommandieren. Trotzdem folgte Swantje ihr. „Warst du jedes Wochenende bei ihm?“ fragte Sigrid und blies Rauch scharf aus. „Ja.“ Swantje war nicht ganz klar, worauf sie hinauswollte. Wollte sie ihn zurückhaben? Sie hatte doch wieder geheiratet. Brauchte sie jetzt alle beide für sich? „Das musst du dann sagen.“ Sigrid stellte das eher fest, als dass es ein Vorschlag oder eine Bitte gewesen wäre. „Du musst sagen, dass du jedes Wochenende bei ihm in den Niederlanden gewesen bist.“ wiederholte sie sich.

Ein dunkler Groll stieg in Swantje hoch. Es kam so richtig tief aus der Magengrube und sie spürte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg. Ihre Wangen brannten förmlich. Als ob sie nicht wüsste, was sie nachher in der Verhandlung sagen sollte. Brockmann, Lutz‘ Anwalt hatte sie als Zeugin geladen und sie wusste genau, dass sie nichts als die Wahrheit sagen musste. Genau das hatte sie auch schon bei den Bullen getan und Brockmann war zufrieden gewesen.

Was bildete sich Lutz‘ Ex-Frau eigentlich ein? Als ob sie ihren Freund in die Pfanne hauen würde. War es nicht außerdem Sigrid gewesen, die Lutz an die Bullen verraten hatte? „Was mischt du dich eigentlich in unsere Angelegenheiten ein?“ Swantje wollte Sigrid mal ein bisschen auf den Pott setzen. Sie sah, wie die andere die Augenbrauen hochzog. „Unsere Angelegenheiten?!“ gab Sigrid wütend zurück. „Du und Lutz, ihr fabriziert irgendeine kindische Scheiße und ich soll es dann ausbaden, ja? Ich werde von der Bullerei vorgeladen, weil mein Ex-Mann auf bewaffneten Kampf steht. Das steht dann überall schön in der Zeitung. Es macht mir meinen Job kaputt, es macht mir meine Ehe kaputt, es macht meine Tochter kaputt und es macht mich kaputt! Aber es sind eure Angelegenheiten, in die ich mich gefälligst nicht einmischen soll?“

Swantje zog noch ein letztes Mal an ihrer Zigarette und trat sie dann auf dem Boden aus. In der kalten Januarluft bildete ihr Atem kleine Wölkchen. „Für mich ist das alles hier auch nicht leicht.“ sagte sie. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging.

Gespannt, wie’s weitergeht? Demnächst hier auf Laila Phunk!

*Anschlag auf die Rhein-Main US Air Base in Frankfurt: am 08. August 1985, die RAF und die französische Action Directe bekannten sich in einem Bekennerschreiben dazu.

**Münzfernsprecher: Bis zur Jahrtausendwende gab es kleine Telefonhäuschen an vielen größeren Straßen oder Straßenknotenpunkten, später v. a. als Kartentelefon.

Groschen: Bezeichnung für Zehn Pfennigstücke, Deutsche Mark (DM) und Pfennige (100 Pfennige = 1 DM, 1 DM = etwa 0,50 Euro), Währung der Bundesrepublik Deutschland bis zum 1. Januar 2002.

***Paula Modersohn-Becker (1876 – 1907): deutsche Künstlerin des Expressionismus, lebte zeitweise in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen.

+BDM: „Bund Deutscher Mädel“, nationalsozialistische Jugendorganisation für Mädchen von 10 bis 18 Jahren.

Alle Personen und ihre Handlungen außer den historischen Persönlichkeiten und Ereignissen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind daher zufällig und nicht beabsichtigt.

Tja, ich habe gesagt, dass es in dieser Geschichte keine Identifikationsfiguren gibt und das habe ich auch so gemeint. Auch übrigens, dass es wirklich Kunstfiguren sind ….

Tatsächlich ist es aber so, dass man manches häufig beobachtet und/oder erlebt, bei sich, wie auch bei, mit und von anderen, in Filmen, Büchern und im realen Leben. Die Frage ist aber, ob man eigentlich heute noch über negative Dinge, Ereignisse und Gefühle sprechen und schreiben kann und warum man es eigentlich nicht tun sollte. Sind wir nicht alle irgendwo unzulänglich, eben so, wie man eigentlich nicht sein oder sich zumindest nicht zeigen will? Das ist ja kein Freifahrtschein für alles – ganz im Gegenteil, hier und da müsste man heutzutage vermutlich sogar eher einmal wieder den Mut haben, Kontra zu geben, auch auf die Gefahr hin, dass es eben nicht „das Richtige“ ist, nicht das, was „Idols“ und „Identifikationsfiguren“ tun würden. Außerdem ist die Welt mehr als eine glatte Oberfläche oder ein Slogan à la „Du kannst alles sein und erreichen, wenn du nur willst!“. Eine auf den ersten Blick unkomplizierte, freundliche und gefühlsbetonte (oder eben je nach Perspektive „fassadenhafte, hochnäsige und falsche“, aber jedenfalls eine ideale Weiblichkeit verkörpernde) Frau wie „Barbara“ in dieser Geschichte kann ähnlich aggressiv und eifersüchtig auftreten wie „Sigrid“ und „Swantje“, aber auch jemand wie „Dorle“, eine Frau, die traditionelle Rollenverhältnisse radikal ablehnt und scheinbar alles für ihre „Schwestern“ und die „Sache der Frauen“ tut, kann unerwartet „zickig-weiblich“ sein und heftig und aggressiv rivalisieren. Das kann sogar „Lutz“, er drückt es aber wahrscheinlich ein bisschen anders aus. Da ich keine Expertin für so etwas bin und das hier auch keine tiefenpsychologische Studie sein soll – may the Show go on!

Terror! – Was bislang geschah

Zwischenbilanz der Internetstory um Terrorismus, den Zeitgeist der 70er & 80er & den Kalten Krieg in Deutschland & Italien

Lutz Seiffert, der sich eine bürgerliche Existenz in Groningen, in den Niederlanden aufgebaut hat, wird im November 1985 von einem deutschen Fahnder des BKA festgenommen. Anlass ist ein anonymer Tipp an das BKA. Jemand will Lutz auf dem im Oktober 1985 entführten italienischen Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro“ gesehen haben. Außerdem soll Lutz sich logistisch an einem Anschlag der Roten Armee Fraktion auf die Rhein-Main US Air Base im August 1985, beteiligt haben. Auch wenn letztendlich nicht nachweisbar ist, dass Lutz tatsächlich Passagier der „Achille Lauro“ war – sein Name taucht jedenfalls nicht in der Passagierliste auf – so ist dennoch ein Stein ins Rollen geraten, denn Lutz ist tatsächlich nicht ganz unschuldig. Der Grund, weshalb er West-Berlin, wo er vorher gelebt hat, verlassen hat, ist ein Sprengstoffanschlag in Florenz, der sich zeitgleich mit dem verheerenden Bombenattentat in Bologna am 02. August 1980 ereignet hat, und den Lutz gemeinsam mit dem Italiener Nanni Casini geplant und durchgeführt hat.

Lutz wollte eigentlich Lehrer werden, ist aber wegen seines politischen Engagements in Deutschland unter den Radikalenerlass gefallen und jobbt deshalb mehrere Jahre in Berlin in einer linken Kneipe. Als seine Ehe mit Sigrid, mit der er eine gemeinsame Tochter – Micha – hat, in die Brüche geht, radikalisiert er sich politisch zunehmend. Er hat von der sog. „Strategie der Spannung“ gehört, dass der Staat in Italien gewissermaßen mitbombt bzw. Anschläge mit vielen Toten verübt, die dann linksextremistischen Gruppierungen zugeschrieben werden, obwohl in Wirklichkeit Neofaschisten dahinterstecken. Ziel der „Strategie der Spannung“ ist es, die Linke als Ganzes zu diskreditieren, denn die italienischen Kommunisten (PCI) sind zu der Zeit sehr stark und erzielen bei Wahlen teilweise sogar mehr als 30% der Stimmen.

Über einige Ecken erfährt Lutz, dass der Nato-General Berthold Brennecke ein sog. Attentat „unter falscher Flagge“, also ein Attentat, dass Linken in die Schuhe geschoben werden soll, auch für Deutschland plant. Zwar ist dort die gesamtpolitische Lage etwas anders, jedoch ist nach dem sog. „Deutschen Herbst“ 1977 der RAF-Terror in eine neue Phase getreten.

Lutz fährt also im August 1980 zu Nanni nach Florenz, mit ihm seine Tochter Micha, die ihm seine Ex-Frau Sigrid, die davon ausgeht, dass er in den Urlaub fährt, mehr oder weniger aufgedrängt hat. In Florenz will sich der Nato-General Brennecke mit ein paar politischen einflussreichen, rechten Italienern treffen, um sich über das Konzept der „Strategie der Spannung“ auszutauschen. Der Sprengsatz, den Lutz und Nanni in dem Café an der Piazza della Repubblica deponiert haben, soll den Nato-General töten.

Weder Lutz noch Nanni ahnen allerdings, dass auch andere Kreise Interesse an Berthold Brennecke haben.

Cristina Nicosia, die Tochter eines einflussreichen, rechtsextremen römischen Geschäftsmannes mit dubiosen Verbindungen, soll an dem Treffen mit Brennecke teilnehmen. Cristina, die in Paris studiert hat und eigentlich lesbisch ist, kann sich nicht mit den politischen Ansichten ihres Vaters identifizieren. Sie sitzt jedoch gewissermaßen im goldenen Käfig und muss sich deshalb fügen. Das bedeutet nicht nur, dass sie gezwungen ist, an dem Treffen mit Brennecke teilzunehmen, sondern auch, dass sie eine arrangierte Ehe mit einem jungen Geschäftpartner ihres Vaters eingehen muss. Als sie von Brenneckes Plänen erfährt, ist sie entsetzt. In Cristina reift der Gedanke, Brennecke zu ermorden und durch die Verzweiflungstat auch den familiären Zwängen zu entgehen, selbst wenn das bedeuten sollte, am Ende viele Jahre im Gefängnis zu verbringen.

Außerdem greift Daniela della Chiesa in das Geschehen ein. Die gebürtige Argentinierin ist Tochter eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter. Nachdem sie im Zuge der Militärdikatur in Argentinien ihren Mann verloren hat und selbst gefoltert worden ist, schließt sie sich der ominösen „Organisation“ an, einer maoistischen Terrorgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Militärdiktaturen in Südamerika zu sabotieren, aber auch Aufträge von anderer Seite annimmt, in erster Linie, um sich finanziell und logistisch über Wasser halten zu können. Ein solcher Auftrag, von dem nicht bekannt ist, wer ihn erteilt hat, führt Daniela nach Florenz.

Die militärisch ausgebildete und kampferfahrene Daniela della Chiesa, die mit einem falschen Pass, als „Erika Müller“ (Erika Müller y della Chiesa) unterwegs ist, trifft am 02. August 1980 auf der Piazza della Repubblica auf den Nato-General und sein Gefolge, zu dem auch Cristina gehört. Daniela gelingt es, den General anzuschießen. Letztendlich tötet ihn aber Cristina, die ihrerseits von einem italienischen Soldaten, der Brennecke schützen soll, erschossen wird. Der Sprengsatz, den Lutz und Nanni in dem Café deponiert hatten, detoniert zwar, aber niemand kommt dabei um. Später wird es so dargestellt, dass der Besitzer des Cafés, der mit der italienischen außerparlamentarischen Linken sympathisiert, versucht habe, Versicherungsbetrug zu begehen.

Insbesondere Cristinas Vater ist daran gelegen, den Vorfall zu vertuschen und so werden die Ermittlungen sehr schnell eingestellt.

Als Nanni, der eigentlich für ein paar Tage nach Bologna fahren wollte, davon erfährt, dass sich in Bologna ein Anschlag ereignet hat, der sehr viele Menschenleben gekostet hat, flieht er Hals über Kopf nach Frankreich. Das Attentat von Bologna ist Teil der „Strategie der Spannung“. Obwohl in Italien fast jeder von Anfang an den Verdacht hat, dass Neofaschisten dahinter stecken, sollen Linke für den Anschlag verantwortlich gemacht werden. In Frankreich kann Nanni schließlich von der Mitterand-Doktrin profitieren. Da er vor Amtsantritt des damaligen französischen Präsidenten François Mitterand ins Land gekommen ist, sich unauffällig verhalten hat und sich letztendlich keine schwerwiegenderen Taten zu Schulden hat kommen lassen (durch einen Zufall bzw. das Eingreifen verschiedener anderer Akteure ist er ja nicht zum Mörder geworden), erhält Nanni Casini schließlich politisches Asyl in Frankreich.

Lutz kehrt mit Micha unbehelligt nach Berlin zurück. Kurze Zeit später, am 26. September 1980 ereignet sich das Oktoberfest-Attentat, das scheinbar voll und ganz nach Brenneckes Plänen verläuft. Lutz begreift, dass die Aktion in Florenz vergeblich war und beschließt, in die Niederlande zu gehen, wo er einige Jahre als Deutschlehrer an einer Gesamtschule arbeitet und schließlich ein Verhältnis mit der aus der Grenzregion stammenden deutschen Künstlerin Swantje eingeht.

Lutz Ex-Frau Sigrid hat an der Uni eine Assistentenstelle ergattert und schreibt an ihrer Doktorarbeit in Soziologie. Sigrid, die zu Studienzeiten selbst ziemlich linksradikal aufgetreten ist, ist sehr an einer wissenschaftlichen Karriere gelegen. Sie hält sich deshalb mit politischen Statements zurück, weil sie fürchtet, ansonsten wie ihr Ex-Mann Lutz unter den Radikalenerlass zu fallen. Andererseits ist Sigrid die Tochter von Eltern, die das Kriegsende und den Untergang des Nationalsozialismus nie wirklich verwunden haben. Seit ihrer Jugendzeit von einem tiefen Schamgefühl durchdrungen, versucht sie, sich von dem weltanschaulichen und emotionalen Einfluss der Eltern zu befreien und neigt daher zu radikalen Experimenten, was sich allenfalls dann ausgleicht, wenn Sigrid anfängt, genauer darüber nachzudenken, was sie jedoch oft auch tut.

Sigrid und Micha ziehen 1983 von West-Berlin nach Gießen, wo Sigrid an der Uni eine neue Stelle gefunden hat. Sigrid lernt den Zahnarzt Bernd kennen, der sich für Umweltthemen interessiert und der Friedensbewegung nahe steht, obwohl er ursprüglich eher aus einem konservativ ausgerichteten, elitären Oberschichtsmilieu stammt. Bernd und Sigrid heiraten, aber die Ehe steht unter keinem guten Stern. Es ist nicht klar, ob für Sigrid die Aussicht auf materielle Absicherung den Ausschlag gegeben hat, jedenfalls vertraut sie Bernd zumindest in politischer Hinsicht nicht und beide scheinen einander fremder zu sein, als es anfänglich den Eindruck gemacht hatte.

Durch Lutz‘ Festnahme wird Sigrid dann endgültig von ihrer Vergangenheit eingeholt. Alles, was sie sich aufgebaut hat, scheint wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Zunächst beschließt Sigrid, die Dinge einfach auszusitzen, erkennt dann aber, dass sie ihnen dadurch nur noch mehr ausgeliefert ist. Eher aus Pflichtgefühl organisiert Sigrid den linken Anwalt Hans Brockmann für Lutz.

Als kurz vor dem Prozess ein dubioser Brief auftaucht, den ein niederländischer Freund von Lutz verfasst haben soll und der als Beleg dafür herhalten muss, dass Lutz nicht nur Kontakte zur Roten Armee Fraktion hat und sich auch konkret an Anschlägen beteiligt haben soll, sondern angeblich auch noch in Verbindung mit Rechstextremisten steht, hat Brockmann erhebliche Zweifel. Allerdings bleiben ihm nur noch zwei Tage, um etwaige Zeugen anzuhören und Beweismaterial zu sammeln, das die Verdächtigungen gegen Lutz entkräften könnte ….

Alle Personen und ihre Handlungen außer den historischen Persönlichkeiten und Ereignissen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sidn daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 28)

Hier geht’s weiter mit „Terror!“ – alles Fiktion, klar! Wer den Anfang verpasst hat kann sich unter #TerrorTheStory durch alle bisher erschienen Folgen durchklicken.

Karl-Heinz Giesebrecht, JVA Frankfurt, Frankfurt am Main, 14. Januar 1986, 21 Uhr:

Karl-Heinz machte noch einmal seine Runde. Der Flur lag stumm und leer vor ihm. Zu beiden Seiten Zellen, in denen niemand saß. Ein gelbliches, funzeliges Licht ließ den Korridor unwirklich erscheinen, ein endlos langer, gleichförmiger Teil des Gefängnislabyrinthes. Hier und da befand sich ein grellweißes Lämpchen, auf dem ein grünes, im Laufen begriffenes Strichmännchen abgebildet war und ein Pfeil den Weg wies. Darüber stand in ordentlicher Blockschrift für jedermann gut lesbar „Notausgang“. Dann wieder eine leere Zelle und wieder. Monoton reihten sich die Türen mit den kleinen Sichtklappen aneinander. In der Stille hallten nur Karl-Heinz‘ Schritte. Er hörte seinen eigenen Atem, dann ein leises Knistern. Nein, da spielte ihm seine Wahrnehmung wohl einen Streich. Oder gab es Mäuser hier? Ungeziefer? Eine summende Fliege? Nein, unmöglich. Die kahlen, sterilen Betonwände boten wohl kaum eine Nische, in der sich etwas hätte einnisten können. Durch diesen Abschnitt der JVA Frankfurt zu gehen, war wie wenn man als Kind allein in den dunklen Keller musste, um Kartoffeln oder Bier zu holen, nur eben ohne Mäuse oder Ratten, dafür fühlte man sich allerdings in gewisser Weise noch einsamer und schutzloser. Karl-Heinz spürte, wie der Dienstrevolver an seine Hüfte drückte. Der Grund, weshalb er hier seine Runde machen musste, hieß Lutz Seiffert, einer von diesen langhaarigen Bombenlegern, obwohl Seiffert, wie Karl-Heinz sich erinnerte, eigentlich kurze Haare hatte. Der Terrorist trug auch eine Brille und manchmal packte Karl-Heinz die Wut: Diese Leute studierten auf Staatskosten bis in alle Ewigkeit, anstatt etwas Anständiges zu lernen, nahmen Drogen und ließen es sich mit den Mädchen gut gehen und dann sprengten sie einfach alles in die Luft, was ihnen nicht in den Kram passte. Er hätte solche Leute kurzerhand an die Wand gestellt und sie standrechtlich erschießen lassen, aber das behielt er für sich. Er versah hier schließlich nur seinen Dienst. Seiffert saß in Zelle 241. Karl-Heinz zählte in Gedanken: „238, 239, …“. Dann kam er an Tür Nr. 241. Karl-Heinz hob die Sichtklappe an und linste in die Zelle. Er ließ seinen Blick umherschweifen – da war er, Seiffert, das Bündel auf der Pritsche, nur ein Schopf dunkelblonde Haare war zu sehen. Kurz sah Karl-Heinz, wie Seiffert sich grunzend drehte, aufwachte und sich von seinem Bett erhob. Mit blutunterlaufenen Augen starrte der Terrorist ihn an. Karl-Heinz erschauerte beim Anblick des mürrischen, ausgezehrten Gesichtes. Er fragte sich, ob Seiffert gleich den Mund aufreißen würde und lange, spitze Eckzähne wie bei einem Vampir zu sehen sein würden, an denen vielleicht noch Blut klebte. Aber das spielte sich alles nur in seinem Kopf ab. Seiffert schlief immer noch ganz friedlich oder tat zumindest so. Karl-Heinz ließ die Klappe wieder herunterfallen und ging weiter.

Lutz, JVA Frankfurt, Frankfurt am Main, 15. Januar 1986, ca. 11 Uhr:

Brockmann sah wütend aus. Das irritierte Lutz. Es passte so gar nicht zu dem etwas dicklichen, gemütlichen Mann in den mittleren Jahren, der eigentlich immer entspannt wirkte und außerdem offenbar ganz gut was draufhatte. Lutz fragte sich, was vorgefallen war, dass sein Anwalt plötzlich so unwirsch und kurzab war. „Lutz, kennst du einen Frank Dijkstra?“ Brockmann hielt sich nicht lange mit einleitendem Geschwafel auf.

Das war es also. Wie hatten sie es herausgefunden? „Ja.“ Lutz zögerte. „Warum?“. „Weil …“ Brockmann lehnte sich zu ihm vor und es wirkte fast, als wolle er ihn einschüchtern. „Weil ein gewisser Frank Dijkstra einen Brief an einen gewissen Rüdiger Dombrowski geschrieben hat. Und der ist irgendwie den Bullen in die Hände gefallen. Ist jetzt alles fein säuberlich in deiner Ermittlungsakte abgeheftet.“ Brockmann holte tief Luft und hustete. „Kenne ich nicht. Was hat das mit mir zu tun?“ warf Lutz ungeduldig ein. Er war nervös. Freitag war der Prozess und wenn Brockmann jetzt kurzfristig absprang, dann hätte er wirklich ein Problem. „Dombrowski ist ein Neonazi. Er soll Waffen an die RAF verschoben haben und in dem Brief, der von Juni 1985 datiert, geht es darum, dass du Dijkstra auf ein großes Ding hingewiesen haben sollst, dass im August laufen sollte und für das die RAF Waffen und Sprengstoff brauchte. Sieht so aus, als wollten sie auf diese Sache in Frankfurt* hinaus …“ Brockmann machte eine Pause. Dann fuhr er fort: „Lutz, hast du Kontakt zu Neonazis gehabt?“ Der Anwalt klang jetzt scharf. Lutz begriff, dass das der Grund für seine plötzliche Ablehnung war. „Wusstest du, dass Dijkstra mit solchen Leuten gemeinsame Sache macht?“ hakte Brockmann nach.

„Nein, Hans.“ hier musste Lutz nicht weiter überlegen. „mit Nazis habe ich nie was zusammen gemacht, das musst du mir glauben. Ich kenne auch niemanden, der da nicht das Kotzen gekriegt hätte. Von einem Anschlag in Frankfurt wusste ich auch nichts. Ich habe niemandem einen Tipp gegeben, auch nicht Frank. Ich glaube auch nicht … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Frank sich mit diesem Abschaum abgeben würde, ich meine, mit Nazis?! Frank ist autonom. Der gibt denen eher auf die Fresse. Und überhaupt, wie sind die denn auf den gekommen?“ Brockmann nickte knapp, wirkte aber erleichtert. Trotzdem gab er die Frage zurück: „Woher kennst du denn Frank Dijkstra?“

Lutz erzählte es ihm, dass er Frank in Amsterdam kennengelernt hatte, über Leute aus Berlin, wo er bis Herbst 1980 gelebt hatte. Als er den Job als Deutschlehrer an einer Gesamtschule in Groningen gefunden hatte, hatte er angefangen, jeden Monat einen kleinen Betrag für seine Tochter Micha abzuzweigen. Das kam ihm anständig vor. Schließlich wusste er nicht, ob seine Ex-Frau Sigrid noch an der Uni war, wo sie überhaupt war und was sie machte. Nach ihrem Studium waren Lutz und Sigrid beide erst einmal arbeitslos gewesen und hatten sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und ansonsten quer durch die Gegend geschnorrt. Lutz hatte in einer Kneipe gejobbt. Sigrid hatte dann irgendwann eine Assistentenstelle an der Uni bekommen und angefangen, zu promovieren, was sie immer gewollt hatte, aber inzwischen war sie offensichtlich fertig damit. Letzte Woche hatte sie ihn mit Micha besucht. Hatte offenbar eine neue Stelle und auch wieder geheiratet. Na schön. Ihn ging es ja nichts an.

Jedenfalls hatte er Frank in Amsterdam damit beauftragt, das Geld für Micha an seine Mutter zu überweisen. Die sollte es dann an Sigrid weiterleiten. Lutz wollte Sigrid da lieber so weit wie möglich heraushalten. Sie hatten politische Differenzen gehabt. Sigrid hatte das, was er machte, zumindest das, was er ab Ende der 70er gemacht hatte, immer pubertär gefunden. Sie hatte das einfach so abgetan. Er dagegen hatte das verlogene Theoriegelaber so langsam satt gehabt – radikale Thesen aufstellen, aber dann die Hände in den Schoß legen, wenn es darauf ankam, wirklich etwas zu tun … Er hatte gewusst, dass Sigrid Karriere machen wollte – „Marsch durch die Institutionen“** – Na ja, wenn sie so naiv war, zu glauben, da könne sie irgendetwas bewirken ….

Allerdings war es nicht das, was sie auseinandergebracht hatte. Er hatte damals was mit Sibylle angefangen, die noch studierte und nebenbei in der Kneipe kellnerte, in der auch er arbeitete. Mit ihr war es entspannt gewesen, aber es war einfach nur eine lockere Sache, eine Art Urlaub von der Ehe mit Sigrid. Er hatte das für legitim gehalten. Es hatte Gerüchte gegeben, dass Sigrid sich an Jürgen herangemacht hatte, den Mann ihrer besten Freundin Jutta, oder an Jutta selbst oder zumindest mit dem Einverständnis von Jutta, vielleicht auch zu dritt, was wusste er denn schon. Im Grunde hatte er das nicht ganz geglaubt, denn Jürgen und Sigrid verstanden sich nicht besonders gut und er hatte nicht den Eindruck gehabt, dass Sigrid etwas mit Frauen anfangen konnte. Nein, das hatte auf ihn keineswegs so gewirkt. Obwohl sie ein paar Freundinnen hatte, die sich mit Frauen zusammengetan hatten, aber das war bloß aus politischen Gründen, weil die Weiber keinen Bock mehr auf Patriarchat hatten und der Meinung waren, dass niemand Schwänze brauchte, um glücklich zu sein. Dennoch und was immer da Sache war – Sigrid hatte sich ihre Freiheiten genommen, dann konnte er das ja wohl auch tun. Als sie die Scheidung gewollt hatte, war er wie vom Schlag getroffen gewesen. Er hatte Sigrid damals geliebt. Es hatte für ihn außer Zweifel gestanden, dass sie zusammen gehörten. Er war immer davon ausgegangen, dass sie das auch wusste, aber offenbar hatte er sich da geirrt ….

Das erzählte Lutz Hans Brockmann natürlich nicht. Es ging seinen Verteidiger ja auch nichts an. Trotzdem fragte Lutz: „Woher wissen die Bullen von Frank, Hans? Hat Sigrid …“ Der Anwalt war jetzt wieder locker wie immer. Dennoch runzelte er die Stirn sorgenvoll: „Nein, aber sie hatten offenbar auch deine Mutter Christa in der Mangel …“

„Lutz, noch was …“ setzte Brockmann an „… wegen der Sache 1980 in Florenz. Aus Sigrid haben sie nur herausgeholt, dass du zu der Zeit in Italien warst.“ Mehr hatte Lutz ihr auch nicht gesagt. „Also, mit anderen Worten, die können dir da gar nichts.“ fuhr der Anwalt fort. „Da ist irgendwas mit Versicherungsbetrug nebenher gelaufen, eine Explosion in einem Café. Was die Bullen interessiert ist, dass so eine kleine Argentinierin mit deutschen Wurzeln einen Nato-General umgelegt hat. Berthold Brennecke, stand kurz in der Zeitung, ich weiß nicht, ob du’s überhaupt mitgekriegt hast.“ Lutz starrte den Anwalt regungslos an. Er wollte, dass er weiter redete. „Damals hat das hier so im Raum gestanden, dass das die Roten Brigaden waren und dass es irgendwie mit der Sache in Bologna*** zusammenhing. So wollte man es jedenfalls sehen, aber den Italienern war eigentlich von Anfang an klar, dass das mit Bologna die Faschisten waren.“ Brockmann zuckte mit den Achseln. Dann schaute er Lutz fest in die Augen: „Nur – warum sollten die einen deutschen Nato-General umlegen?“ Die Frage ergab sich irgendwie von selbst, da musste Lutz zustimmen. Er beantwortete sie trotzdem nicht. Der Anwalt hatte es ohnehin rhetorisch gemeint. „Lutz, hattest du Kontakte zu Lateinamerikanern?“ fragte Brockmann und diesmal ließ er keinen Zweifel daran, dass er auch eine Antwort von Lutz wollte.

„Nein.“ Das hatte Lutz nie wirklich interessiert. „… aber Sigrid.“

Gespannt, wie’s weitergeht? Demnächst auf Laila Phunk!

*Attentat in Frankfurt: gemeint ist der Sprengstoffanschlag auf die US Air Base in Frankfurt am 8. August 1985, zu dem sich die RAF bekannt hat. Die in meiner Internetstory in den Raum gestellte Hypothese, ein Neonazi könnte die Munition dazu bereit geschafft haben, ist natürlich frei erfunden. Dass sie selbst für die Kunstfiguren in der Geschichte nur wenig Glaubwürdigkeit hat, dürfte, glaube ich, aus dem Text hervorgehen. Ich wollte das nur noch einmal klarstellen.

**Marsch durch die Institutionen: bereits 1967 von Rudi Dutschke formulierter Aufruf an Linke, in bürgerlichen Institutionen (Schulen, Universitäten, andere Behörden, …) tätig zu werden und auf diese Weise linkes Gedankengut in die Gesellschaft zu tragen. Das stieß v. a. in konservativen Kreisen nicht unbedingt auf Gegenliebe und wurde z. T. durch den sog. „Radikalenerlass“(mehr Informationen dazu in Teil 10.) durchkreuzt.

***Attentat von Bologna: Bombenanschlag, der am 2. August 1980 den Wartesaal 2. Klasse des Bahnhofs von Bologna zerstörte und insgesamt 85 Todesopfer forderte, spielte bis Teil 16 eine wichtige Nebenrolle in dieser Internetstory.

Alle in der Geschichte auftretenden Personen, auch z. B. der Nato-General Brennecke, und ihre Handlungen – außer historischen Persönlichkeiten und Ereignissen, die aber zumeist im Anhang erläutert oder als allgemein bekannt vorausgesetzt werden – sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Terror! (Teil 27)

Schon Teil 27 der Internetstory- alles was hier also kommt, ist Fiktion! – Wer den Anfang verpasst hat oder irgendwo quer einsteigen will – alle Folgen finden sich unter #TerrorTheStory.

Sergeant Airman Melvin C. Rose, US Air Base Spangdahlem bei Bitburg, Rheinland-Pfalz, 13. Januar 1986

„Yeah, lass uns den Sowjets mal so richtig in den Arsch treten!“ Rick lachte und knuffte Mel in die Seite. „Komm schlag ein!“. Sie klatschten einander ab. „Erkundungsflug am Eisernen Vorhang“ hatte es geheißen. „Ihr gebt den Frankfurtern Rückendeckung am Fulda Gap***, damit die weiter nach Norden können. Rogers: Herleshausen, Stark: Bebra, Rose: Meiningen. Und dass mir keiner einen Ausflug nach drüben macht. Wir wollen die nur ein wenig aufscheuchen und sehen, was sich an der Grenze so tut …“

Die Anweisungen waren klar. „Gott segne euch, Jungs!“ Reverend Baxter war mit aufs Rollfeld gekommen. Mel stieg in seine Viper*. Er kam aus Jefferson, Arkansas, einem gottverdammten Kaff inmitten von Irgendwo und ein paar Monate noch in Germany, dann hätte er sich bewährt und könnte die nächste Stufe in seiner Laufbahn bei der Army erklimmen, so hoffte er jedenfalls.

Er machte die Viper startklar. „Tower an Fighting Falcon Delta C 441, on runway C?“ (Delta C 441 auf Startbahn C?) knisterte der Funk. Melvin rollte langsam auf dem Rollfeld an dem weißen Turm vorbei, in dem sich der Tower befand. Draußen war es kalt, aber trocken. Kein einziges Wölkchen war am blassblauen Winterhimmel zu sehen und es war absolut windstill. Glasklare Sicht. Ideal. Mel freute sich auf die Mission. „Yeah, Delta C 441 taxiing on runway C.“ (Ja, Delta C 441 rollt auf Startbahn C) meldete er zurück. „Delta C 441 ready to take-off?“ (Delta C 441, bereit zum Abheben?) wollte der Tower wissen. „Yeah, Delta C 441 ready to take-off.“ bestätigte Mel. „OK, Delta C 441, go!“ „Roger, message received.“ (Botschaft erhalten). Mel beschleunigte. Die liebliche, hügelige Landschaft zog an ihm vorbei, wurde zu groben, schemenhaften Flecken und verwischte schließlich zu einem einzigen grünlichen Streifen. Mel konzentrierte sich auf die Startbahn. Die Viper hatte jetzt maximale Geschwindigkeit. Ein leises Fauchen, dann hob sie ab.

Dieter, Suhl, Thüringen, Deutsche Demokratische Republik, 13. Januar 1986, ca. 18 Uhr 50:

Dieter saß auf dem Sofa vor dem Fernseher. „Täterätätä! Zeit für’s Sandmännchen, Felix!“ Jana schob ihren kleinen Bruder Felix ins Zimmer. „Haben sie sogar im Westen nachgemacht!“ Die 14jährige Jana klang mächtig stolz, aber Dieter wusste, dass sie nur nachplapperte, was man ihr bei den Thälmann-Pionieren** eingeimpft hatte. „… Damit die Kinder in der BRD auch gut schlafen können.“ fuhr Jana in einem siegessicheren Ton fort. „Wer sagt das?“ wollte Felix wissen. Er glaubte längst nicht mehr alles, was seine große Schwester sagte. Schließlich zog sie ihn gern mal auf. „Kathleen.“ Jana wurde jetzt ein wenig ungeduldig, denn eigentlich hatte sie den siebenjährigen Felix nur kurz ins Wohnzimmer vor den Fernseher verfrachten wollen. Wichtigere Dinge warteten auf sie. „Die mit der du neulich hinter dem Schu…“ „Psst!“ Jana hatte Felix abgewürgt, aber Dieter konnte sich auch so denken, was Sache war. Er hatte schon öfters den Eindruck gehabt, dass Janas Klamotten nach Rauch rochen. Jemand musste ein Machtwort sprechen. Er hoffte, dass seine Frau Ulla es tun würde.

Wenige Minuten später erklangen die Schlussakkorde des Sandmännchens. Dieter wollte noch Aktuelle Kamera** gucken. Er hatte einen harten Tag hinter sich und wollte seine Ruhe. „Mutti soll mir vorlesen!“ maulte Felix. Er wollte Kosmonaut werden wie Sigmund Jähn** und hatte zum Geburtstag ein Kinderbuch über Raumfahrt bekommen, aus dem er nun ständig vorgelesen haben wollte. „Kann ich doch machen!“ bot Jana an, wahrscheinlich in der Hoffnung, ihn und Ulla wegen der Raucherei milde zu stimmen und einer Predigt zu entgehen. Die würde aber so oder so kommen. „Och, das wäre toll, Jana!“ ließ sich Ulla aus der Küche vernehmen. Sie klapperte mit dem Geschirr. Spülwasser gluckerte. „Ich komme nachher noch gute Nacht sagen, Felix!“ setzte Ulla schnell hinzu.

Dieter rutschte ein wenig tiefer ins Sofa. Er wusste, dass er nicht so herumlümmeln sollte, denn es war nicht gut für die Wirbelsäule, aber er wollte sich entspannen und das konnte er so am besten. Fast wäre er eingepennt. Die leiernde Stimme des Nachrichtensprechers führte dazu, dass er halb abschaltete und ganz und gar in seinen Feierabendmodus glitt. Dann aber zeigten sie plötzlich Bilder im Fernsehen, die ihn aufmerken ließen. Das war ganz in der Nähe – Meiningen, an der Grenze zur BRD. „ … us-amerikanischer Kampfflieger dringt in das Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik ein. … wieder eine Provokation Reagans***, der mit seiner kriegstreiberischen Hetze versucht, Reaktionen aus der sozialistischen Staatengemeinschaft zu erzwingen … soll in erster Linie den Bürgern der BRD Angst einjagen und sie gegen die UdSSR, die DDR und die sozialistische Staatengemeinschaft aufwiegeln. … nicht gewillt, uns provozieren zu lassen. Dennoch NVA**-Aufgebot zur Grenzsicherung vorrübergehend verstärkt … Hier Bilder von einer Demonstration für den Frieden aus Bonn … längst die menschenverachtende Politik des US-Imperialismus*** durchschaut … Nur eine Frage der Zeit …“

Dieter schaltete wieder ab. Ulla hatte sich zu ihm aufs Sofa gesetzt. Er wusste nicht, ob er das Thema Jana und Zigaretten jetzt ansprechen sollte, denn sie hatten in letzter Zeit öfters Meinungsverschiedenheiten gehabt, was Jana betraf. Ulla wollte, dass sie zum Konfirmandenunterricht ging. Dieter bestand darauf, dass sie die Jugendweihe machen und der FDJ beitreten würde. Natürlich wäre auch ihm die Konfirmation lieber gewesen, aber er wollte nicht, dass seine Kinder sich zu Außenseitern machten und überall auf Misstrauen oder gar handfestere Probleme stießen. Außerdem fand er genau genommen nicht alles schlecht, was man bei den Pionieren und in der FDJ vermittelte. Warum sollten junge Menschen nicht Sozialverhalten lernen, sich anzupassen und zurückzunehmen, andere zu unterstützen und das Wohl der Gruppe im Auge zu behalten, weil man in der Gemeinschaft, im Kollektiv eben doch viel stärker war als als Einzelkämpfer?

Dieter hatte einen Cousin im Westen. Er schickte an Weihnachten Päckchen mit Süßigkeiten und allerlei Kleinigkeiten, von denen er offensichtlich annahm, dass sie sie in der DDR gebrauchen konnten. Allerdings sah man den Päckchen an, dass der Zoll sie in Augenschein genommen hatte. Manchmal waren Kekspackungen sogar einfach aufgerissen worden und jemand hatte sich frech bedient. Jedenfalls wussten Dieter und Ulla nie, was Bernd in Gießen wirklich alles reingetan hatte. Sie bedankten sich aber jedesmal herzlich, wie es sich gehörte, mit einem längeren Brief, der auch die Einladung beinhaltete, Bernd solle sie doch bald einmal wieder in Thüringen besuchen.

83 war er das letzte Mal da gewesen. Allein. Seine Frau Barbara war ihm weggelaufen, durchgebrannt mit einem anderen. Ausgerechnet Barbara. Drei Jahre zuvor, 1980, war sie zusammen mit Bernd gekommen. Dieter hatte die aparte, freundliche Frau in guter Erinnerung. Sie hatte sich die Haare ein wenig aufgehellt, war immer perfekt frisiert und geschminkt und trug Perlenohrringe. Allerdings trat Barbara überraschend unprätenziös auf und bewies manchmal mehr Feingefühl als sein Cousin Bernd. Ulla und sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Da beide gern kochten, hatten sie auch sofort ein gemeinsames Thema gehabt. Barbara hatte ursprünglich Kinderärztin werden wollen, aber sie hatte ihr Studium nach der Heirat mit Bernd abgebrochen. Die Wahrheit war, dass sie es einfach nicht geschafft hatte. In der DDR hätte niemand sie deshalb schief angeguckt. Ullas Arbeit bei Konsum war genauso viel Wert wie seine als Bibliothekar. Schließlich leisteten sie beide als Werktätige gleichermaßen ihren Beitrag. Im Westen aber zählte nur Status, mit welchen persönlichen Erfolgen man sich vor anderen groß tun konnte, und diesem Prinzip zufolge hatte Barbara eben versagt.

Außerdem wünschte sie sich sehnlichst Kinder. Bernd wollte keine. Er war jedoch, soweit Dieter wusste, bereit, nachzugeben. Trotzdem reagierte sein Cousin gereizt auf das Thema und wollte nicht weiter darüber reden. „Vielleicht liegt es an ihm, dass es nicht klappt und er will es nicht zugeben.“ hatte Ulla abends im Schlafzimmer hinter vorgehaltener Hand gelästert. Sie freute sich, dass Barbara sich für Felix begeisterte, der damals noch unsicher in der Gegend umhertapste und gönnte der anderen von ganzem Herzen baldige Mutterfreuden. „Sieh mal, wie süß!“ hatte Barbara immer wieder entzückt ausgerufen und Bernd spielerisch in die Seite gestupst. Mit Jana, die Barbara damals ziemlich in Beschlag genommen hatte, um ihr stolz ihr Pioniertuch, Zeichnungen und Bastelarbeiten aus der Schule und ihre neuen Schlittschuhe vorzuführen, war Bernds Frau geduldig und freundlich umgegangen. So in etwa stellte sich Dieter eine gute Kinderärztin vor oder vielleicht eine Kindergärtnerin. Nie schien sie genervt zu sein, ganz gleich, wie überdreht und anstrengend seine Tochter sich aufgeführt hatte. Es schien ihr, ganz im Gegenteil, Vergnügen zu bereiten, sich mit dem Mädchen zu beschäftigen.

Über Politik hatten sie nicht viel gesprochen. Dieter fürchtete, dass Ulla Barbara ein wenig um ihre modischen Kleider beneidete. Bernds Frau trug jeden Tag ein neues Outfit und alles schien brandneu und ziemlich teuer zu sein. Eines Tages hatte sie kurzerhand Röcke und Blusen aus ihrem Koffer gezogen und sie Ulla hingehalten. „Hier, probier an! Wenn’s passt, kannst Du’s behalten.“ hatte sie leichthin gesagt. „Zu Hause in Gießen kann ich mir jederzeit etwas Neues kaufen“ – das hatte sie zwar nicht laut ausgesprochen, aber es hatte irgendwie dazu gehört. Zumindest hatten Dieter und Ulla es so verstanden. Da Ulla aber etwas größer und stämmiger war als die zierliche Barbara, konnte sie ihre Garderobe nicht um ein paar Teile bunter Westmode anreichern und Bernds Frau musste alles wieder in ihren Koffer stopfen.

Am Abend bevor sie abgereist waren, war es Barbara dann so rausgerutscht: „Warum kommt ihr nicht einfach zu uns nach Gießen? Da könntet ihr doch viel mehr aus euch machen!“

Dieter seufzte. Seither hatte Ulla ihn immer wieder bedrängt, einen Ausreiseantrag zu stellen. Auch ihm klang der Satz noch lange in den Ohren nach. Es waren nicht die chicen Klamotten. Es ging ihnen nicht um Geld oder darum, sich selbst ausprobieren zu können, einen Individualismus zu leben, der ihnen bislang versagt geblieben war. Dieter und Ulla litten unter der Repression und der Rigidität in der DDR. Alles war vorherbestimmt, alles entschieden andere für einen und man musste früh lernen, was man zu wem sagen durfte und was nicht. Das Leben verlief in geordneten Bahnen und es kam darauf an, dass man davon nicht abwich. Darauf musste man penibel, ja fast zwanghaft achten. Wer trotzdem aus der Reihe tanzte – und wenn es auch nur ein winzig kleines Stück Freiheit war, das man sich ertrotzt hatte -, der konnte sehr schnell zum Paria werden in der glücklichen Gesellschaft der Werktätigen, ausgestoßen und mit dem Rücken an die Wand gedrängt, ohne irgendwohin ausweichen zu können. Wie eine Maus in der Falle. Das war es, dachte Dieter. Sie waren Mäuse, Ulla und er, kleine, geduckte, fadgraue Nager, die tagaus tagein verzagt an den paar Krumen Käse knabberten, die die Parteiführung ihnen vor die Füße geschmissen hatte.

83 war Bernd dann allein gekommen und abends, wenn die Kinder im Bett waren, hatten sie Schnaps miteinander getrunken. Sein Cousin war düsterer Stimmung gewesen. Er hatte vom sauren Regen geredet, der ihnen in der BRD die Wälder kahlfraß. Bernd, der in seiner Freizeit gern in der Natur war, hatte sich schon immer für Umweltthemen interessiert und war einer Öko-Initiative beigetetreten. Die aggressive Kriegshetze Reagans machte auch ihm Angst. Im Westen, hatte Bernd erzählt, hatten sie Angst vor einem Atomkrieg.

Dieter stand auf und ging in die Küche. „Magst du auch ein Bier?“ fragte er Ulla. Sie überlegten noch kurz, Westfernsehen zu gucken, ließen es dann aber doch sein. ….

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 28.

*Fighting Falcon, auch „Viper“ genannt: Mehrzweckkampflugzeug der US Air Force. Detailliertere Informationen auf Wikipedia.

**Thälmann-Pioniere: Schülerorganisation in der DDR, die der Freizeitgestaltung und der politischen Bildung diente. Grundschüler waren meist bei den Jungen Pionieren. Ab 14 gab es die Möglichkeit, die Jugendweihe mitzumachen, eine Art Ersatz für die protestantische Konfirmation als säkularer Abschied von der Kindheit und Aufnahmeritus in die Erwachsenenwelt. Mit 14 konnte man auch in die DDR-Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) eintreten. Offiziell war die Teilnahme freiwillig. Tatsächlich waren damit aber erhebliche Vorteile verbunden bzw. es wurde nicht gern gesehen, wenn Kinder und Jugendliche kein Interesse an Pionieren und FDJ zeigten – mit den entsprechenden Konsequenzen.

Aktuelle Kamera: Nachrichtensendung der DDR, die täglich von 19 Uhr 30 bis 20 Uhr ausgestrahlt wurde. Näheres dazu auf Wikipedia.

Sigmund Jähn (geb. 1937): Kosmonaut (Astronaut) und 1978 als erster Deutscher im All. In der DDR wurde das natürlich groß gefeiert und Jähn wurde zum Vorbild für unzählige technik- und raumfahrtbegeisterte Kinder.

***Ronald Reagan (1911 – 2004): von 1981 bis 1989 Präsident der USA (Republikaner). Reagan galt als äußerst konservativ und trieb das atomare Wettrüsten der Supermächte entschieden vorran. Allerdings waren schon im Vorfeld zahlreiche konkrete Überlegungen für einen möglichen Dritten Weltkrieg getroffen worden.

Als besonders sensibel an der innerdeutschen Grenze galt der sog. „Fulda Gap“ („Fulda Lücke“), wo es besonders günstig für die Armeen der Warschauer Pakt Staaten gewesen wäre, in die Bundesrepublik einzumarschieren. Das Rhein-Main Gebiet und die Großstadt Frankfurt wären schnell zu erreichen gewesen und damit auch die Rhein-Main US Air Base. Sehr wahrscheinlich wären dabei auch Atomwaffen zum Einsatz gekommen und die hessische Kleinstadt Fulda wäre mehr oder weniger ausradiert worden. Diese und weitere Informationen auf der Homepage der Point Alpha Stiftung, einer Gedenkstätte zum Fulda Gap und auf Wikipedia.

Auch war von us-amerikanischer Seite die Bombardierung Ost-Berlins mit Nuklearwaffen vorgesehen. Dabei sollte laut Spiegel ausdrücklich die Bevölkerung getroffen werden und eine radioaktive Verseuchung auch West-Berlins wäre offenbar in Kauf genommen worden. Vgl. Art.: syd, „Kalter Krieg: USA wollten im Ernstfall 91 Ziele in Ost-Berlin treffen“, Spiegel-Online, 23. 12. 2015 (abgerufen am 13. 11. 2017).

1983 gilt heute als Höhepunkt des Kalten Krieges. In Deutschland wurden atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II stationiert. Im Herbst 1983 hatte die sowjetische Flugabwehr ein koreanisches Passagierflugzeug abgeschossen und Ronald Reagan ließ Truppen auf die Karibikinsel Grenada einmarschieren. Das Raketenabwehrprogramm SDI, auch „Star Wars“ nach der mehrteiligen, 1977 erstmals in die Kinos gekommenen Serie genannt, hatte Reagan bereits im März 1983 lanciert.

Im September 1983 registrierte die sowjetische Satellitenüberwachung unbekannte Flugobjekte, die als Angriff durch nukleare Interkontinentalraketen eingestuft wurde. Dennoch stufte Oberstleutnant Stanislaw Petrow den Alarm als Fehlalarm ein und verhinderte so eine Gegenreaktion die ansonsten möglicherweise tatsächlich einen Atomkrieg hätte auslösen können. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde das umsichtige Verhalten Petrows jedoch erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Ihm ist auch ein Dokumentarfilm gewidmet „The man who saved the world“ (2014, Regie Peter Anthony).

Im November 1983 fand das Nato-Manöver Able Archer 83 statt, das die Warschauer Pakt Staaten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte.

Eine Übersicht über die Ereignisse von 1983 und weitere Informationen findet man auf dem Wikipedia-Eintrag „Able Archer 83“.

1985 wurde Michail Gorbatschow (geb. 1931) Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Er erkannte, dass die UdSSR wirtschaftlich nicht stark genug war, um im Wettrüsten mit den USA mithalten zu können und schlug politisch einen neuen Kurs ein, der aber nur schrittweise vorankam. Von Glasnost und Perestroika, den tiefgreifenden politischen reformen, für die Gorbatschow später berühmt wurde, kann erst später, ab etwa 1987 wirklich die Rede sein.

Die im Rückblick vielleicht hysterisch erscheinende Angst der Menschen nicht nur aber vor allem in der Bundesrepublik erklärt sich, wenn man sich die oben geschilderten Vorkommnisse ins Gedächtnis ruft. Zwar gelangte vieles offiziell erst später, nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhanges, an die Öffentlichkeit, aber viele Menschen waren sich damals dennoch der Gefährlichkeit des Wettrüstens und damit erbunden eines möglichen Atomkriegs bewusst. Dies betraf durchaus nicht nur Anhänger der Friedensbewegung und DKPler, sondern auch gemäßigtere Kräfte oder politisch ansonsten wenig interessierte Menschen.

Ich sollte allerdings, weil ich mich hier sehr auf die Aktionen der „Westmächte“ bzw. der USA konzentriert habe, heruasstellen, dass auf beiden Seiten der Finger am berühmt-berüchtigten roten Knopf, der einen Atomkrieg hätte auslösen können, zeitweise recht locker saß. Auch darüber waren sich viele Menschen damals im Klaren. Daher auch die Heterogenität der Friedensbewegung, die zum Teil von der DDR-Führung ausspioniert und vereinnahmt wurde, was dem Charakter der damaligen Proteste allerdings nicht gerecht wird, auch wenn deren Zielscheibe Nr. 1 natürlich Ronald Reagan war.

Noch im Herbst 1985 soll im Bayerischen Wald an der tschechischen Grenze ein us-amerikanischer Aufklärungshubschrauber von tschechoslowakischen Militärflugzeug beschossen worden sein. Im orfeld soll es häufiger zu ermeintlichen oder tatsächlichen, beabsichtigten oder unbeabsichtigten Vorstößen auf das Hoheitsgebiet der Warschauer Pakt Staaten gekommen sein. Vgl. Art: „Was geschah im Herbst 1985 über Finsterau. Rätselraten um Angriff auf US-Hubschrauber“ von Helmut Weigerstorfer, auf „da Hog’n. Heimatmagazin aus dem Woid“, 25. 02. 2015 (abgerufen am 13. 11. 2017).

Auf derartige Ereignisse nimmt der hier in der Internetstory beschriebene Aufklärungsflug von Spangdahlem aus Bezug. Die US Air Base Spangdahlem in der Eifel gibt es wirklich. Alles was ich hier geschrieben habe ist jedoch frei erfunden (inklusive der Ortschaft „Jefferson“, von der ich nicht weiß, ob es sie gibt) und entspricht nicht dem realen Ablauf auf einer US Air Base, ebenso sind die Flugzeugbezeichnungen und der Dialog mit dem Tower ausgedacht und daher fiktional. Auch alle auftretenden Personen sind Produkte meiner Fantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden oder erstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Wer in der DDR aufgewachsen ist, mag mir den Abschnitt über Dieter in Suhl übelnehmen oder den DDR-Alltag falsch dargestellt finden. Tatsächlich war mir z. B. nur bekannt, dass die Berufstätigkeit von Frauen in der DDR ausdrücklich begrüßt und gefördert wurde. Dass Frauen zusätzlich aber auch die Haushaltsarbeit zu übernehmen hatten, habe ich vielleicht aus anderen Warschauer Pakt Staaten überblendet. Dort war es nämlich so. Die „westlichen“ Frauen in meiner Geschichte mögen der/dem einen oder anderen ebenfalls eher mäßig emanzipiert erscheinen. Na ja, die Geschichte spielt in den 1980er Jahren … (Obwohl ich denke, dass Frauen heute in mancherlei Hinsicht zwar selbstbewusster und „tougher“ sind, sich aber in anderen Punkten wieder sehr viel von dem, was schon einmal erreicht war, vergeben haben. Manchmal könnte man glatt denken, wir strebten auf eine neue Reagan-Ära zu. Dass Leute, die damals zur Friedensbewegung gehörten, sich heute für Donald Trump stark machen, spricht für sich …) Außerdem: Identifikation absolut unerwünscht! Die Leute sind nämlich wirklich Kunstfiguren, also niemandem „nachempfunden“. Es ist auch keine biographische Geschichte (Dazu bin ich zu jung!). Es ist eher so, dass es mich stört, dass mittlerweile so viele „Identifikationsfiguren“ und speziell auch „Wonder Women“ im öffentlichen Raum stehen, wo jede(r) sagt oder sagen soll: „Mensch ja, das bin ja ich!“ oder: „Hey, so wäre ich gern!“ (Obwohl man gar nicht so sein kann. Das ist eben auch alles nur Fiktion). Mir ist das auch in Romanen aufgefallen. Also habe ich gemeckert, dass die Helden/Heldinnen immer so sympathisch sind und im Endeffekt alles richtig machen. Eine Bekannte empfahl mir: „Schreib doch deine eigenen Geschichten, wenn dich das stört!“. Das tue ich hiermit. Obwohl „Terror!“ eher ein Experiment ist und sich nicht mit „richtigen“ Romanen messen will (letztere lese ich halt trotzdem ganz gern …). Dennoch: Ich wollte Leute, von denen man auch mal genervt sein kann oder wo man denken kann: „Oh mein Gott!“, Menschen, die Fehler haben und machen. Hier sind sie ….

 

 

Terror! (Teil 26)

Alle Folgen von „Terror!“, der Internetstory, finden sich unter #TerrorTheStory.

Swantje, Dangast bei Varel, Norddeutschland, 11. Januar 1986, ca. 15 Uhr

Sie verbrachte die Wochenenden jetzt wieder allein. Für den Markt in Groningen war es ihr zu kalt. Warum sollte sie sich alles abfrieren, wenn die Leute jetzt, so direkt nach Weihnachten, ohnehin nichts kaufen wollten? Fahl schien die Wintersonne in die großen Fenster ihres Ateliers. Es war zugig und vielleicht hätte sich jemand mal um die Isolierung kümmern müssen, aber Swantje hatte sich einfach einen dicken, ausgeleierten Wollpulli angezogen und darüber ihren alten Malerkittel gestülpt. Auf dem wackeligen Beistelltischchen stand eine Flasche billiger Chianti. Der würde auch von innen wärmen. Auf den Boden hatte Swantje zwei leere Weinflaschen gestellt, auf die sie Kerzen gesteckt hatte, die allerdings in dem zugigen Wind, der durch das Zimmer pfiff, ziemlich flackerten. Vor ihr lag die Leinwand, die sie schon gestern Abend grundiert hatte. Die alten Bodendielen knarrten, während Swantje die Farben holte. Sie nahm lieber Tempera als Öl und breite Pinsel, auch Spachtel. Swantje kaufte nicht nur im Künstler-, sondern auch im Handwerkerbedarf. Sie hatte nicht viel Geld, doch sie pflegte ihr Arbeitszeug gut. Gestern Abend hatte sie die Pinsel noch in Terpentin eingeweicht. Der eine, langborstige war allerdings an der Spitze trotzdem noch ein wenig hart. Swantje ging ins Bad und spülte die Pinsel in dem kleinen Keramikwaschbecken mit der gesprungenen Schüssel. Mit der Hand bog sie an der verhärteten Pinselspitze und versuchte, die eingetrocknete Farbe herauszureiben. Dann steckte sie alles in den blauen Putzeimer und ging zurück ins Atelier.

Sie füllte Wein in einen Einwegbecher aus Plastik und nahm einen Schluck. Dann mischte sie einen mittleren Grauton an, der sich nur leicht von der anthrazitfarbenen Grundierung abheben würde. Mit dem breiten Malerpinsel, der fast die Form eines kleinen Schrubbers hatte, strich sie Farbe auf die Leinwand. Sie strich immer hin- und her und achtete darauf, dass der Pinsel die Leinwand nur leicht berührte, so dass er nur ein paar rauhe Farbspuren hinterließ, die schnell eintrocknen würden. Dann nahm sie einen anderen Pinsel und verteilte mit schnellen Bewegungen Umbra auf dem Bild. Danach hockte sie sich vor die Leinwand und verwischte die Farbe mit einem Schwämmchen. Es war nicht einfach, quasi auf allen Vieren über der Leinwand zu hängen und Swantje verlor fast das Gleichgewicht, als sie am hinteren Bildteil angelangt war. Sie musste sich konzentrieren. Sie hatte sich die Haare zurückgebunden, doch eine Strähne löste sich trotzdem und wäre fast auf das Bild geklatscht. Swantje ließ sich davon nicht irritieren und machte weiter. Von der Kälte im Raum spürte sie jetzt nichts mehr. Sie schwitzte. Sie merkte, wie sich ihre Oberschenkelmuskulatur verkrampfte und ließ sich mit einem Ruck zurückfallen. Als sie aufstand, musste sie erst einmal ihre Glieder ausschütteln.

Swantje beschloss, eine Pause zu machen und stopfte sich eine Pfeife. Außerdem nahm sie noch einen Schluck Wein. Skeptisch begutachtete sie die Leinwand. Während sie rauchte, ging sie langsam um das Bild herum, versuchte, alles aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Langsam blies sie den Rauch aus. Er schien ihr fast eine leichte rosane Färbung zu haben. Aber das bildete sie sich nur ein. Es war der Kontrast zu dem blassgrauen Winterhimmel, den sie aus dem Fenster sah. Die Sonne schien wie ein glühender Feuerball auf die endlos flache, von Schneematsch bedeckte Landschaft. Dunkle, braune Furchen durchzogen die Erde wie brutale Einschnitte, als habe jemand eine ansonsten perfekte Oberfläche aufwühlen wollen. Hier und da wanden sich ein paar grünbraune Grasbüschel durch die schmutzigen Schneeflecken, die die Erde nur halbherzig bedeckten und vor sich hin schmolzen und vermatschten, sich aber trotzdem seit Weihnachten hartnäckig hielten. Alles bildete ein Muster, das in einem organischen Rhythmus zum Horizont hin zusammenfloss. Die tief stehende, glutrote Sonne war gewissermaßen der irritierende Kontrastpunkt, der der eintönigen, gleichförmigen Landschaft Kraft und Vitalität einhauchte. Swantje setzte sich auf den kleinen Bistrotstuhl vom Flohmarkt, der in einer Ecke stand, und zog ein Bein hoch. Nachdenklich hielt sie die Pfeife in der rechten Hand.

Dann hockte sie sich wieder vor die Leinwand und trug großzügig Zinnoberrot auf. Sie ließ die Farbe mit einer wippenden Bewegung auf die Leinwand tropfen. Als sie damit fertig war, nahm sie einen großen Pinsel und drückte ihn energisch auf die zinnoberroten Farbflecken. Sie spannte die Schultermuskulatur an und zog den Pinsel mit Schwung über die Leinwand. Dann setzte sie nochmal mit dem Pinsel an, tunkte ihn auf einen anderen zinnoberroten Flecken und zwang die Farbe wieder in einen Bogen, der ein Echo des ersten war. Und nochmal. Und nochmal. Swantje setzte mit dem Pinsel an und zog. Sie packte den Pinsel mit beiden Händen und zog, tropfte Farbe, in die sie jetzt ein wenig Purpur mischte, auf die Leinwand und zog. Die Farbe waberte und gluckerte wie Blut aus einer großen Wunde. Swantje zwang ihr ihren Rhythmus auf. Wieder und wieder. Sie packte den Pinsel, umkrampfte ihn mit ihren Händen und zog. Sie schwitzte. Sie spürte förmlich, wie es aus ihren Poren dampfte.

Dann ließ sie sich erschöpft auf den Stuhl fallen. Sie wusste, dass sich derartige Bilder nicht gut verkauften. Es war nichts genuin Kreatives, keine Idee und kein Konzept, sondern ein rein physischer Kraftakt. Es war nichts, was den Leuten den grauen Alltag verschönerte. Es war Selbstausdruck, Energie, ein quasi exorzistisches Ritual. So ähnlich hatte es auch Jackson Pollock* gesehen, ihr großes Vorbild, nach dessen künstlerischen Prinzipien sie Bilder einfach werden und wachsen ließ, und zwar in einem körperhaften, organischen Sinne. Das machte sie immer, wenn ihr der Sinn danach stand, wenn sie nicht für den Verkauf töpferte, was sie allerdings auch sehr gerne tat, oder hübsche Aquarelle anfertigte, von denen sie hoffte, dass die Leute sie irgendwie mögen und kaufen würden.

Ihr Freund Lutz saß gerade in Frankfurt in Untersuchungshaft. „Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ hieß es, aber das sollte wohl ein Witz sein. Sie hatte ja gewusst, dass Lutz, den sie in Groningen auf dem Markt kennengelernt hatte, kein Spießer war, aber er war kein gewalttätiger Typ, da war sie sich sicher, sonst hätte sie sich gar nicht erst auf ihn eingelassen. Nein, das konnte alles nicht wahr sein. Swantje traute ihrer Menschenkenntnis. Lutz war nicht diese Art aggressiver Cowboy, der sich etwas beweisen musste, indem er den Leuten mit einer Knarre vor der Nase herumfuchtelte oder sonstwie einschüchternd auftrat. Nächsten Freitag war die Verhandlung. Sie hatte ihn einmal besucht und auch mit Hans Brockmann, seinem Anwalt gesprochen. Den hatte ihm seine Ex-Frau besorgt. Sigrid. Die hatte Lutz allerdings auch an die Bullen verpetzt. Irgendsoeine Uni-Tussi war sie wohl, die früher absolut radikal gewesen war und jetzt einen auf bürgerlich machte. Swantje war misstrauisch, wenn Menschen sich so sehr wandelten, so sehr von einem Extrem ins andere fielen, dass man glatt davon ausgehen konnte, dass das eine wie das andere aufgesetzt war, eine Fassade, hinter der sich ein unsicherer und möglicherweise auch unberechenbarer Mensch versteckte.

Sie selbst hatte nichts zu sagen, was Lutz in irgendeiner Weise würde belasten können und das hatte sie Brockmann auch klargemacht. Der schnauzbärtige Anwalt, dem das schüttere Haar bis auf die Schultern fiel und der in seinem abgewetzten grünen Cordsacko so gar nicht wie ein Paragraphenreiter ausgesehen hatte, schien schon ganz in Ordnung zu sein. Er hatte versucht, Swantje darauf vorzubereiten, dass auch unangenehme Fragen kommen könnten und dass sie sie würde beantworten müssen, dass sie nicht lügen dürfte, andererseits aber auch nicht gezwungen sei, mehr preiszugeben als unbedingt nötig war, um die jeweilige Frage zu beantworten.

Swantje würde das schon packen. Da war sie sich sicher. Allerdings war es auch für sie nicht ganz einfach. Sie hatte einen neunjährigen Sohn, Arne, der am Wochenende bei seinem Vater in Oldenburg war. Wenn sie unter der Woche wegmusste, musste sie eine Freundin bitten, auf Arne, der in Varel zur Schule ging, aufzupassen. Ideal war das nicht.

Lutz und sie hatten sich nicht viel zu sagen gehabt, als sie ihn im Knast besucht hatte. Sie wusste, dass das daran lag, dass sie sich nur in einem kleinen Raum und unter Aufsicht hatten treffen können. Aber was war, wenn das nicht alles war? Genau genommen hatte sie mit Lutz keine richtige Beziehung geführt. Natürlich würde sie zu ihm halten. Das war es nicht. So eine war sie nicht, die die Leute fallen ließ, nur weil sie irgendwo beim Establishment angeeckt waren. Also, selbst wenn er Bomben gelegt hätte – damit konnte sie klarkommen, das konnte sie in gewisser Weise verstehen. Sie fragte sich nur, ob sie ihn überhaupt wirklich kannte. Was, wenn er das Ganze mit ihr nur als einen lustigen Spaß betrachtet hatte, wenn es für ihn nur eine oberflächliche Affaire gewesen war und sie, Swantje, in seiner Erinnerung bereits verblasste, während er in Untersuchungshaft saß?

Swantje hatte sich bislang vom Leben treiben lassen. Jetzt war sie 29 und hatte das Gefühl, auf eine Sandback aufgelaufen zu sein. Definitiv. Sie steckte ganz einfach fest.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 27.

*Jackson Pollock (1912 – 1956): us-amerikanischer Maler, Vertreter des abstrakten Expressionismus, der in den späten 1940er und in den 1950er Jahren die Kunstwelt beschäftigte. Die Malereien sind vollkommen gegenstandslos und wirken auf den ersten Blick oft wirr und „gekleckst“, als hätten Kinder oder Menschen unter Drogeneinfluss in einem Anfall von Furor Farbe auf die Leinwand geklatscht. Bei näherer Betrachtung lassen sich oft ein spezieller Rhythmus und eine Dynamik von Farben und Formen ausmachen, die irritierend wirken, wenn man mit „guter Malerei“ einen handwerklich versierten Realismus oder aber zumindest die Schaffung einer gefälligen Ästhetik verbindet. Wenn man aber bereit ist, sich auf abstrakten Expressionismus einzulassen, dann wird sich einem eine energiegeladene, kreative Kunst im wahrsten Sinne des Wortes erschließen, nämlich etwas, das man im Alltag so nicht mit bloßen Augen erkennen kann und das daher seine ganz spezielle Magie entfaltet. Wer glaubt: „Das kann ja jeder!“, der versucht es vielleicht am besten mal selbst zu Hause … (gut lüften! Bei Acryl Atemmaske tragen!). Nähere Informationen speziell zu Jackson Pollock, dessen Malweise des Action Painting Swantje hier in der Internetstory nachahmt, gibt es auf Wikipedia (Englisch).

Alle Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.