Terror! (Teil III)

… Wer’s verpasst hat: hier zu Teil I und Teil II der Geschichte

Nanni, Prato bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Mit einem schwungvollen Krachen flog die Tür auf. Alè und Giò traten nacheinander ein. „Ist die Demo schon zu Ende?“ erkundigte sich Nanni. „Nein“ antwortete Alè „Aber wir sind nicht mehr auf die Piazza della Signoria+ gekommen. Es war schon zu voll.“ „Wir waren dann noch kurz auf der Piazza Santa Croce+.“ ergänzte Giò. „Da habe ich Maria vom Arbeiterzirkel aus Rifredi+ getroffen. Sie haben Volksküche gemacht. Na ja, nur lauwarme Pizza. Maria sagt, im kommenden akademischen Jahr wollen die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät die Uni besetzen. Ich denke, die politikwissenschaftliche Fakultät wird sich wohl anschließen…“

Maria’s linker Professor würde zumindest niemandem, der mitmachte, einen Strick daraus drehen und auch ihr Doktorandenjob wäre nicht in Gefahr, dachte Nanni. Aber Streiks, Demos, Unibesetzungen – ob das wirklich half? Am Ende standen sie ja doch nur als Faulpelze und Unruhestifter da und Cossigas++ Leute würden umso mehr versuchen, alles, was schief lief, auf die Linken zu schieben. Nanni seufzte. „Ist der Deutsche schon da?“ fragte Giò.

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Cristina hatte schon beim ersten schrillen Läuten gewusst, wer am Apparat sein würde. Widerwillig nahm sie den Hörer. „Cristina, Kindchen, ich brauche deine Hilfe.“ Das versprach nichts Gutes. „Tesoro, Schätzchen, du weißt doch, wie man Druck aufbaut. Ich habe ja nicht umsonst ein Heidengeld in dein Studium investiert …“ „Papá, Sie wissen, dass ich mit derlei Dingen nichts zu tun haben will.“ versuchte Cristina eine Entgegnung. „Es ist zum Wohle Italiens, Cristina. Da müssen sich andere Dinge unterordnen. Italien ist das Land der Familie, der christlichen Werte. Genau deshalb schwärmen deine deutschen Freundinnen doch so für die italienische Lebensart …“ Papà machte eine bedeutungsvolle Pause. „Meine Freunde und ich wollen, dass das auch so bleibt. Deshalb wirst du morgen zu dem Treffen mit dem Deutschen gehen und …“

Cristina nahm den Rest wie in Trance war. Sie hatte Psychologie studiert, weil sie Menschen wie Enrico helfen wollte. Ihr Bruder war derzeit wieder im Sanatorium oder „auf Kur“, wie Papá zu sagen pflegte. Bevor die Krankheit ausgebrochen war, als Teenager, hatten Cristina und Enrico einander nahe gestanden. Doch dann wurde aus dem sensiblen, künstlerisch veranlagten jungen Mann plötzlich jemand mit eigenartigen Ideen. Er nahm Drogen und wurde immer unberechenbarer. Auch Cristina verlor den Zugang zu ihm.

Manchmal fragte Cristina sich, ob sie selbst auch so enden würde. Sie hatte gelesen, dass psychische Krankheiten bei Frauen etwas später ausbrachen als bei Männern. War „es“ ein Vorbote? In Paris, an der Uni, hatte sie zwar gelernt, dass Homosexualität keine psychische Störung * war, aber sie wusste, dass einige italienische Experten anders darüber dachten.

„Ich war auch einmal jung, mein Täubchen. Dir fehlt einfach meine Erfahrung, glaube mir.“ Papás Stimme hatte einen öligen Ton angenommen.

Lutz & Micha, Prato, in der WG von Nanni, Giò & Alè, Abend des 01. August 1980:

Was bisher geschah: Lutz, der sich in West-Berlin politisch engagiert, hat einen Kontakt zu dem Italiener Giovanni „Nanni“ in Florenz aufgebaut und will zu ihm fahren. Seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter Michaela in einem Hausprojekt in Berlin-Kreuzberg lebt, kann er den wahren Grund seiner Reise nicht verraten, so dass Sigrid nur versteht, dass er in den Urlaub fahren will und ihn drängt, Micha mitzunehmen, was Lutz dann auch widerwillig tut. Am Abend des 01. August treffen sie in Nannis WG in Prato, einer kleinen, touristisch wenig reizvollen Stadt bei Florenz, deren Hauptwirtschaftsfaktor die Textilindustrie ist, ein.

Micha stopfte die dampfenden Spaghetti heißhungrig in sich rein. Lutz saß eher mit langen Zähnen vor den labberigen Nudeln, die Alè schnell aufgewärmt und mit etwas Fertigsoße verrührt hatte, aber er mochte nichts sagen. Sigrid hätte eher verschimmeltes Vollkornbrot gegessen, als sich so eine Chemiepampe aus Zucker, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen reinzuziehen.

„Schwanzträger pinkeln bei uns im Sitzen! Dass das mal klar ist!“ bellte Giò. „Giò ist es wichtig, dass du dich auf dem Klo hinsetzt“ übersetzte Nanni. Giò, die etwas üppigere, größere der beiden Frauen erinnerte Lutz an die frigiden Hexen, mit denen Sigrid immer herumhing. Seiner Meinung nach hatten diese Frauen einen guten Teil dazu beigetragen, dass seine Beziehung zu ihr in die Brüche gegangen war, aber gut … Optisch war diese Giò gar nicht mal so übel: dichtes, dunkelblondes Kraushaar, ein sommersprossiges Gesicht, das hätte freundlich wirken können, wäre da nicht diese barsche Art. Die andere, die scharf geschnittene Gesichstzüge, dunkle Ringe unter den Augen, einen olivfarbenen Teint und pechschwarze kurze Haare hatte, war nicht eben der Typ italienische Beauty, den Lutz immer im Kopf gehabt hatte, wenn er an Italien dachte. Lesbisch vermutete Lutz. Er hatte nicht gewusst, dass es das auch in Italien gab. Trotzdem wirkte Alè weitaus weniger eisig als Giò.

„Warum heißt du Nanni?“ wollte Micha wissen. „Das ist doch ein Mädchenname! Meine beste Freundin aus der Schule heißt auch so!“ „Ich heiße eigentlich Giovanni. Aber meine Freunde sagen Nanni“ erklärte Nanni. Micha hätte sich kringelig lachen können. Der redete ja wie die Türkenkinder! Aber Sigrid hatte ihr klargemacht, dass die Türkenkinder genauso über sie lachen würden, wenn sie Türkisch sprechen müsste. Deshalb kritisierte Micha Nanni nicht.

„Und ich habe auch einen Freund, der heißt Momo. Aber eigentlich Moritz. Der Papa von dem ist aus Ghana. Der Momo ist nämlich ein Nee-gärr!“ Micha walzte das letzte Wort genüsslich aus, wohl wissend, dass es Lutz auf die Palme bringen würde. Sie war müde.

Lutz hätte Micha am liebsten eine geklebt. Aber sie wollten Micha gewaltfrei erziehen. Darin waren er und Sigrid sich ausnahmsweise einmal einig. „Du weißt, was man sagt!“ erwiderte er knapp. „Aber Opa Rolf fragt auch immer ‚Na, wie isses denn bei euch in Berlin mit den ganzen Negern und dem Ivan vor der Haustür!’“ entgegnete Micha aufsässig. „Ach ja, Opa Rolf …“ Lutz wollte nicht näher darauf eingehen. Die besseren Menschen wohnten offenbar in Siegen. Typen, wie Sigrids Vater Rolf und seine sauberen Freunde vom Schützenverein. Der Adolf-Hitler-Devotionalienraum im Keller, der dem „Führer“, dem sie einst alle nachgelaufen waren, huldigen sollte, setzte dem ganzen die Krone auf. Lutz hatte immer bei sich gedacht, dass es vermutlich daran lag, dass Sigrid manchmal so komisch war.

„Cos’ha detto la bimba?“ („Was hat die Kleine gesagt?“) wollte Alè von Nanni wissen. „Siehste! Bimbo sagt man nämlich erst recht nicht! Hat Sigrid gesagt!“ bretterte Micha patzig in die Unterhaltung. Giò, die ein paar Brocken Deutsch in der Schule gelernt hatte, bot an, sie und Alè würden mit Micha noch ein Eis essen gehen. Das war Lutz und Nanni mehr als recht, denn sie hatten zu tun …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

+Piazza della Signoria, Piazza Santa Croce: Plätze in der historischen Innenstadt von Florenz, Rifredi: Arbeiterstadtteil von Florenz.

++Francesco Cossiga (1928 – 2010): Politiker der kosnervativen Democrazia Cristiana, hatte im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Ämter inne. U. a. war er 1979 – 80, zu dem Zeitpunkt, als unsere Geschichte spielt, Ministerpräsident Italiens, also Chef der italienischen Regierung. Die Position entspricht der des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin in Deutschland.

*Homosexualität wurde in Italien überraschend früh legalisiert: schon 1887. Auch betraf die strafrechtliche Verfolgung hauptsächlich Männer. Nähere Informationen hierzu u. a. auf Wikipedia (Italienisch). In Frankreich ist Homosexualität sogar seit 1791 nicht mehr strafbar, wie man ebenfalls auf Wikipedia (Deutsch) nachlesen kann. Dennoch ist „nicht strafbar“ nicht gleichbedeutend mit „akzeptiert“, wie man u. a. aus den Diskussionen um die Ehe für alle in Frankreich weiß, wo es heftige Gegenreaktionen von konservativer Seite gab. Bis in die 1970er Jahre galt Homosexualität vielfach als psychische Krankheit. Zum Teil wurde der Wegfall strafrechtlicher Verfolgung „humanitär“ begründet, da der Betroffene (Frauen standen weitaus weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses) nichts dafür könne. Um 1980 ist die Einschätzung von Homosexualität als einer normalen Variante des menschlichen Sexualverhaltens noch relativ neu.

Alle Personen & Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden, außer natürlich, es geht um Querverweise zu historischen Persönlichkeiten & Ereignissen, die aber nur den Rahmen der Geschichte darstellen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Terror! (Teil II)

Wer’s verpassst hat: hier zu Teil I der Story

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, später Nachmittag des 01. August 1980:

Cristina saß mit ihrer Freundin Elke in einer schattigen Ecke im Garten des kleinen Palazzos ihrer Familie. Sie verspürte keinen Drang, den brüllend heißen August in ihrem Stadthaus in Rom zu verbringen. Elke Lorenz war eine gute Freundin von ihr. Sie arbeitete am Kunsthistorischen Institut, wollte aber Ende September heiraten, eine jungen Rechtsanwalt und Compagnon ihres Vaters, der schon länger ein Auge auf sie geworfen hatte. Deshalb verbrachte die junge Frau eigentlich die meiste Zeit damit, ihre Hochzeit zu planen. Aber die Forschungsarbeit, sagte Elke, war ihr ohnehin immer ein bisschen zäh erschienen.

Cristina lächelte freundlich. „In Hamburg ist es wenigstens schön kühl, nicht wahr?“ „Ach ja, die Hitze!“ seufzte Elke. „Aber schau mal, was ich hier habe! Gestern gekauft!“ wisperte sie verschwörerisch und zog ein weißes, spitzenbedecktes Etwas aus einer Plastiktüte, ein Steckkissen für Babies. „Ja, ist es denn schon … Ich meine, du bist, ihr habt schon…?“ flüsterte Cristina. „Nein, natürlich nicht.“ wehrte Elke rasch ab und errötete. „Das wäre Vater auch sicher nicht recht, wenn er eine Tochter mit Bäuchlein als Brautvater zum Altar führen müsste.“ Sie lachte. Es klang etwas künstlich. „Aber ich möchte sehr bald Kinder haben. Du nicht? Überhaupt, was ist mit Pietro?“

Cristinas innerer Horizont überzog sich mit dicken schwarzen Wolken. Pietro war ihr Zukünftiger. Rechtsanwalt, wie Elkes Verlobter. Er arbeitete bei einer Zweigstelle der renomierten Privatbank Banca delle Tre Stelle in Paris und Papá war die Verbindung wichtig. Er hatte ihn für sie ausgesucht, aber gedacht, dass er ihr damit eine Freude machen würde, denn Cristina hatte in Paris studiert und dachte immer gern an die Zeit zurück. Die Diskussionen mit ihren Freunden aus Algerien über Sozialismus und Entwicklungsländer, die Abende im Café mit ihren französischen Freundinnen, die Freude darüber, die greise Simone de Beauvoir noch aus nächster Nähe gesehen zu haben. Bei ihrer Rückkehr, mit Pietro, würde Paris eine andere Stadt sein, ein goldener Käfig, wie Rom und Florenz. Aber Cristina dachte sich, dass es besser wäre, sich ihrer Freundin nicht zu weit zu öffnen und ihr von ihrem kleinen – nun ja – Problem zu erzählen. Cristina mochte keine Männer, jedenfalls nicht so, dass sie hätte Kinder mit ihnen haben wollen. Rasch setzte sie ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es herzlich wirkte, und strich andächtig über das weiße Satinkissen: „Wie schön!“ murmelte sie.

Piazza della Signoria, Florenz, Abend des 01. August 1980:

„Wollt ihr euch noch länger verarschen lassen?!“ Der Mann brüllte mit einer Entschiedenheit ins Mikrofon, als würde er den Leuten gerade erklären, dass die Erde rund ist und keine Scheibe. „Hat Moro* etwas geändert? Hat Andreotti* etwas geändert? Nein! Glaubt ihr etwa, Cossiga* ändert etwas? Man schießt uns Flugzeuge vom Himmel** und man könnte meinen, wir befänden uns im Krieg! In der Tat, wir befinden uns im Krieg! Man schiebt uns Verbrechen in die Schuhe, die in Wirklichkeit die Faschisten und die NATO begangen haben! Man will die italienische Bevölkerung gegen uns aufhetzen! Die Amerikaner wollen aus Italien ein zweites Chile** machen!“ „Cossiga Boia!“ (=“Cossiga Henker!“) erquoll wie auf ein unsichtbares Kommando hin ein einstimmiger Sprechchor aus der Menge, nur um dann überzugehen zu „Carter*** Boia!“ Um Michelangelos altehrwürdige David-Statue, die steinern und bleich in den Abendhimmel ragte, wehten rote und rot-schwarze Fahnen. Die Menge stimmte das Partisanenlied „Bella Ciao“ an. Ein altes Mütterchen reckte ihren Gehstock hoch: „Recht so! Dafür haben wir die Schwarzhemden+ nicht vertrieben! Jagt den Verbrecher aus dem Palazzo Chigi++“

Palazzo Pitti, Florenz, Abend des 01. August 1980:

Giancarlo Albanese legte auf. Er war ganz blass im Gesicht, als er sich seinem Kollegen Marcolini zuwandte. „Anruf aus Rom.“ sagte er knapp. „Höchste Sicherheitsstufe morgen für den Deutschen.“ „Dieser Nato-General, Brennecke?“ fragte Marconi. „Ja, aber wir sollen uns nicht darum kümmern. Die Amerikaner wollen die Leute aussuchen. Militär. Bonn+++ ist offenbar informiert.“ antwortete Albanese. „Ich weiß auch nichts genaues. Nur, dass nicht wir Carabinieri den Job machen sollen.“ setzte er hinzu, als er Marcolini fragenden Gesichtsausdurck sah. „Dafür braut sich gerade auf der Piazza della Signoria etwas zusammen.“ gab Marcolini zu bedenken. „Ach, wie vor drei Wochen! Wir schauen mal pro forma vorbei, aber unter uns: so Unrecht haben die Leute doch gar nicht. Weißt du, Florenz ist nicht Rom …“ Albanese ließ den Satz unvollendet. Marcolini wusste auch so, was er meinte: So lange der Palazzo Vecchio nicht in Flammen aufging, ließen die Leute, die in ihm tagten, um die Geschicke der Stadt zu bestimmen, die Linksradikalen machen …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

*Aldo Moro, Giulio Andreotti und Francesco Cossiga (alle: Democrazia Cristiana, entspricht in etwa der deutschen CDU): italienische Regierungschefs, zur Zeit unserer Geschichte ist Cossiga im Amt (seit 1979). Er wird jedoch im September 1980 bereits zum Rücktritt gezwungen sein. Die kurze Amtszeit Cossigas, über den es einen aufschlussreichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt, zeigt, wie sehr Italien damals politisch in der Krise steckte.

**gemeint ist der mysteriöse Absturz des Fluges 870 nördlich der italienischen Insel Ustica im Juni 1980, bei dem 81 Menschen ums Leben kamen, darunter 13 Kinder, wie man auf Wikipedia (italienisch) nachlesen kann. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt, aber es gibt immer wieder Gerüchte, das Passagierflugzeug auf dem Weg von Bologna nach Palermo sei von einem NATO-Kampfjet abgeschossen worden. Drohungen gegen Zeugen und Journalisten, sowie eine Reihe seltsamer Todesfälle scheinen eine Verwicklung internationaler Akteure zu bestätigen. Einen Überblick dazu gibt u. a. Italien-Korrespondent Michael Braun in der taz. Auch konservative deutschssprachige Medien beschreiben den Fall ähnlich. Allerdings kann ich hier nicht alle auflisten. Wer sich näher informieren will, googelt es halt einfach mal.

Vorkomnisse, wie der Flugzeugabsturz bei Ustica und eine Reihe blutiger terroristischer Anschläge mit vielen Toten, die zunächst linksextremistischen Terrororoganisationen in die Schuhe geschoben werden sollten, sich aber später z. T. als das Werk faschistischer Gruppierungen herausstellten, bilden den Hintergrund der Rede des Demo-Redners, der u. a. eine NATO-Beteiligung vermutet. Der fiktive Redner spielt u. a. auch auf die rechte Diktatur Augusto Pinochets in Chile (1973 – 1990) an, der durch einen Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (1970 – 73 Präsident Chiles) unter Beihilfe des amerikanischen CIAs ins Amt gehieft wurde.

***Jimmy Carter, 39. Präsident der USA, Demokrat, von 1977 bis 1981 im Amt

+Schwarzhemden: italienische Faschisten

++Palazzo Chigi: Sitz der italienischen Regierung in Rom

+++Bonn: zur Zeit unserer Geschichte Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland, Bundeskanzler war damal Helmut Schmidt (SPD, 1974 – 1982 Kanzler, sozialliberale Koalition)

Wie schon in Teil I sind alle Persönlichkeiten, außer den historischen, die in dieser Geschichte auftreten, sowie ihre Handlungen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Auch der Nato-General Brennecke, der in dem Gespräch der beiden Carabinieri im Palazzo Pitti erwähnt wird, ist frei erfunden.

Die in dem Abschnitt über Signorina Cristina erwähnte Banca delle Tre Stelle ist ebenfalls ein Produkt meiner Fantasie.

Terror! (Teil I)

Erstveröffentlichung am 8. Dezember 2016. Die Fortsetzungsstory wurde wegen des furchtbaren Terroranschlags am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz (Kurfürstendamm) unterbrochen. Der Anschlag kostete 12 Menschen das Leben. 55 wurden z. T. schwer verletzt. Der Täter, Anis Amri, handelte im Auftrag des sog. „Islamischen Staates“. Er wurde am 23. Dezember in Mailand von einer Polizeistreife erschossen. Mittlerweile verdichten sich Hinweise darauf, dass Amri den deutschen Behörden als sog. „Gefährder“, d. h. als möglicher Attentäter bekannt war. Wikipedia berichtet, der marokkanische Geheimdienst habe BND und BKA bereits im September 2016 auf Amri aufmerksam gemacht. In Anris Heimat Tunesien haben radikale islamistische Gruppen hohen Zulauf, obgleich sich die tunesische Regierung mit allen erdenklichen Mitteln versucht, den Islamismus einzudämmen. Eine auffällige Parallele zum Islamismus ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien: Sie lag 2016 noch bei rund 35%. Mehr als ein Drittel der 15 – 24jährigen hat also keine Arbeit. Gewiss wäre es zu oberflächlich und bei näherer Betrachtung auch nicht haltbar, die Ursachen von Terrorismus prinzipiell monokausal in Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu sehen. Immerhin bringt nicht jedeR, der/die arm ist, massenweise Leute um. Auf der anderen Seite zog der Linksterrorismus in Westeuropa in den 1970er und 1980er Jahren v. a. junge Leute aus den gebildeten, eigentlich privilegierten Schichten an. Um dem Terrorismus als gewaltsamer Bankrotterklärung an die Dialogfähigkeit einer Gesellschaft etwas entgegensetzen zu können, muss man die Wurzeln analysieren. Was treibt Menschen dazu, Terroranschläge zu begehen? Aus welchen Gründen radikalisieren sich junge Leute? An welchen Alarmzeichen kann man erkennen, dass die Schwelle zur Gewalt bedrohlich gesunken ist? Die Internet-Story „Terror“ kann darauf sicherlich keine Antworten geben, die politisch bedeutsam wären. Zum Nachdenken anregen kann und möchte sie aber schon. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen! (Laila Phunk am 30. Mai 2017).

Prolog:

Sandrine: Paris, in der Nähe des Parc de la Villette, 19. Arrondissement, Februar 2014:

Lustlos setzte Sandrine sich an den Computer. Sie wollte sich zwingen, jeden Tag eine kleine Einheit von dem Selbstlernkurs im Internet zu machen. Vielleicht würde es ihr helfen, eine Arbeit zu finden, denn die Zeiten waren lange vorbei, als Sandrine noch eine strahlende Absolventin der Kommunikationswissenschaft war, die siegessicher und voller Selbstvertrauen in die Zukunft blickte Zwar hatte sie sehr gute Noten gehabt – sie hatte ja auch hart dafür gearbeitet – aber wer brauchte schon Kommunikationswissenschaftler? Davon gibt es doch mehr als genug, dachte Sandrine traurig. Und bestimmt sind sie alle gut…

Papa ging es früher genauso, erinnerte sich Sandrine. Gedankenverloren drehte sie sich auf ihrem Stuhl hin- und her. Damals hatte kaum jemand von den jungen Leuten Arbeit. Das hatte sie alle furchtbar zornig gemacht, hatte Papa erzählt, eine ganze Generation, die vor Wut nur so schäumte. Sandrines Vater war leider schon lange tot, aber sie erinnerte sich an sein freundliches, immer ein wenig zurückhaltendes Lachen, an Papas laute Freunde, die immer auf François Mitterrand* herummeckerten. Obwohl sie ihn eigentlich mochten. Sie hatten ihm ja auch viel zu verdanken…*

Sandrine entschloss sich, den Computerkurs sein zu lassen und ein bisschen in Papas altem Kästchen herumzuwühlen. Der Brief aus Deutschland, der alles verändert hatte… Ohne ihn hätte es Sandrine vielleicht gar nicht gegeben…

Daniela: Campo Azul, südlich von La Plata, Argentinien, Mai 1966:

„Lupo! Lupo!“ die zehnjährige Daniela schrie sich die Seele aus dem Leib. Wo war ihr kleiner Mischlingshund nur abgeblieben? Ein scharfer Wind bließ dem Mädchen um die Ohren. „Papa, Babbo! Lupo ist weg!“ Der gedrungene, gutmütige Señor Della Chiesa, der einen kleinen Laden im Ort betrieb, hatte sein Jagdgewehr im Anschlag. Er hatte mehr gesehen, als seine Tochter. Mit dem Zeigefinger deutete er auf das staubfarbene Pelzknäuel. Durch den Wind vernahm nun auch Daniela das bösartige Knurren. Es wirkte irre, nicht von dieser Welt. Was hatte Lupo dem anderen Hund denn bloß getan? Der graubraunen Bestie quoll der Schaum aus dem Mund, vermischt mit Blut. Señor Della Chiesa drückte Daniela das Jagdgewehr in die Hand. „Du musst es tun! Er wird sonst andere Tiere töten. Vielleicht auch uns.“ „Aber Babbo!“ erwiderte Daniela. „Lupo! Was ist, wenn ich ihn erwische?“. „Er wird sowieso sterben.“ murmelte Señor Della Chiesa. Daniela wurde klar, was das bedeutete. Sie weinte. „Schieß!“ drängte Señor Della Chiesa und Daniela drückte ab.

„Así me gustas! So gefällst du mir!“ Der stämmige Mann, der in diesem weiten kargen Land nie heimisch geworden war, versuchte eine unbeholfene, freundliche Geste. „El pequeño lobo….“ versuchte er, das weinende Mädchen zu trösten.

Lutz: Gries am Brenner/Brennero, Österreich, Grenzübergang nach Italien, Morgen des 01. August 1980:

Aussteigen, ja, bitte schön! Lutz verfluchte dieses chaotische Land schon, bevor er dessen Landesgrenze überhaupt überschritten hatte. Fahrzeugpapiere und Personalausweis reichten dem Grenzbeamten, der einen griesgrämigen österreichischen Dialekt sprach, offenbar nicht. Er hatte gestern schon den ganzen Tag in der Scheißkarre gesessen, sich auf der Transitautobahn von Westberlin nach Hof mit den Wonnen des real existierenden Sozialismus herumgeschlagen, die nölende Micha beschwichtigt, die Sigrid ihm aufgedrängt hatte, weil er den Fehler gemacht hatte, etwas von „Urlaub in Italien“, „Freunde in der Toscana besuchen“ zu schwafeln. Er könne seinen väterlichen Pflichten ja auch mal nachkommen, hatte Sigrid geschnauzt. Es reichte langsam!

Gestern Abend hatten sie immerhin noch eine der angenehmeren Begegnungen gemacht. Sie hatten auf einer gottverlassenen Wiese am Straßenrand neben einem knallbunt angemalten Bulli haltgemacht, der Stefan und Jo gehörte, 2 Hippies, die schon lange ausgestiegen waren, aus dem hirnverbrannten Trott der stockkonservativen Alpenrepublik. Den Joint, den die beiden später in gemütlicher Runde kreisen ließen, hatte Lutz schweren Herzens abgelehnt. Er wollte dem italienischen Zoll nicht mit knallroten Augen in die korrupten Arme laufen. Wegen Micha machte er sich keine Sorgen. Sie kannte das sicherlich aus dem Hausprojekt in Kreuzberg, in das Sigrid nach ihrer Trennung mit der gemeinsamen Tochter gezogen war. Er jedenfalls kannte Sigrid, die nie ein Kind von Traurigkeit gewesen war …

Micha: Gries am Brenner/Brennero:

„Guck mal, Papa!“ quiekte Micha „Auch Deutsche, die Ärger haben!“ Micha hatte den klapprigen Passat erblickt, vor allem das kleine Mädchen mit dem glatten, dunklen Pferdeschwanz und den schwarzen Lackschuhen, die süße kleine rosa Schleifchen vorne drauf hatten und Riemchen an den Gelenken. Solche Schuhe würde sie nie bekommen, dachte Micha voller Neid. Sigrid und Lutz ließen sie ja immer nur Bauernklamotten tragen mit denen sie aussah wie aus dem Mittelalter. Und immer bloß Birkenstock-Latschen, weil die ja sooo gesund sind. Pah!

Das Mädchen lächelte freundlich. „Lutz, LU, was ist das für ein Kennzeichen?“ wollte Micha wissen. „Ludwigshafen“ gab Lutz genervt zurück. „Ich bin übrigens Paola! Und du?“ unbemerkt hatte sich das Mädchen an Micha herangepirscht. „Micha. Aus Berlin und du?“ „Ludwigshafen.“ Das wusste Micha ja bereits. „Papa arbeitet bei der BASF und verdient viel Geld, damit wir uns bald ein eigenes Haus bauen können, a Casa, unten in der Basilicata. Obwohl es da sterbenslangweilig ist. Da fahren wir nämlich gerade hin und meine Cousine Ilaria würde alles dafür geben, um zu uns nach Deutschland zu kommen.“ plapperte das Mädchen fröhlich. „Und ihr, fahrt ihr in den Urlaub?“ wollte sie von Micha wissen. „Na ja, geht so. Zu Freunden von Lutz. Aber ich darf nicht drüber reden.“ druckste Micha. „Lutz?“ Paola guckte irritiert. „Mein Vater“ gab Micha gedehnt zurück. Paola war ja ganz nett, aber sie lebte doch wohl noch im vorigen Jahrhundert, dachte Micha sich. „Ist ja echt ein Schweinesystem hier mit dem Zoll!“ Micha ließ die coole Berliner Göre raushängen. „Ja!“ pflichtete Paola ihr unerwartet bei „Wir sollen erst mal all den Kram vom Rücksitz packen, wenn wir weiterfahren wollen. Aber das wird die Hölle auf Erden, wenn wir denen da unten keine Geschenke mitbringen. Die können doch nur die Hand aufhalten!“ pampte Paola abfällig.

Eine dicke Frau kam mit einem Kleinkind in einem Buggy hinter dem überladenen, bis an den Rand vollgepackten Passat hervor und ein Schwall fremder Worte ergoss sich über Paola. Es klang als meckerte die Fau sie ordentlich aus, wie Micha vermutete. Vielleicht war es doch besser, eine Mutti wie Sigrid zu haben. Mit der hatte man kaum Ärger, wenn man sie nicht nervte und sie immer schön ihre Nase in ihre Bücher stecken ließ. „So, wir müssen auch. Komm Micha, wir können weiterfahren!“ Lutz bugsierte Micha zum Auto zurück.

US-Militärdepot Camp Darby, bei Livorno, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Die brütende toskanische Sommerhitze machte Colonel Buchanan zu schaffen. Er schwitzte wie ein abgestochenes Schwein. Auch hier in der Offizierslounge, trotz des Ventilators an der Decke und des zusätzlichen Standventilators, den Buchanan neben sich, an seinen Tisch gestellt hatte. General Henderson hatte sich einen starken Espresso kommen lassen. „Auch einen, meine Herren? Wir haben eine lange Nacht vor uns!“. Buchanan winkte ab. Er bekam Magenkrämpfe von dem italienischen Kaffee. Colonel Steinberg ließ sich die mit Wasser verlängerte Plörre kommen, die sie hier „Americano“ nannten.

„Brennecke hat vor, diesen langhaarigen Bombenlegern in Deutschland Beine zu machen.“ Henderson grinste. „Er will von den Italienern ein paar Tipps, wie man das macht. Nachdem diese linken Schwachköpfe vor drei Jahren** gedacht haben, sie könnten den deutschen Autoritäten auf der Nase herumtanzen, soll jetzt wieder Ruhe einkehren.“ Henderson nickte bedächtig. „Hanns Martin Schleyer war ein persönlicher Freund von Brennecke. Ein guter Mann, sagt er …“ „Dass die Deutschen die Palästinenser eingeschaltet haben** wundert mich nicht.“ merkte Steinberg an. „Das steckt denen noch in den Knochen, dieser Hass auf Israel und die freie Welt.“ „Da hast du aber auch hier in Italien schnell Ärger**“ wandte Buchanan ein. „… sogar bei den Konservativen.“ „Ja, die haben Angst, dass die Araber ihnen sonst ihre schönen katholischen Kathetralen in die Luft jagen.“ knarrzte Henderson. „General Brennecke wird morgen früh in Florenz sein, wo wir uns mit einigen von den Italienern zusammensetzen und ein bisschen plaudern werden. Meine Herren. Ich erwarte dass Sie den Report bis heute Abend für mich bereit liegen haben!“ beendete er das Gespräch.

Nanni, Prato bei Florenz, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Nanni hustete. Die Smog-Glocke, die über Florenz lag, hatte seinen Lungen ihren Tribut abgefordert. Klatschnass geschwitzt stieg er von seinem Motorino und war froh, endlich zu Hause zu sein. Alè und Giò wollten heute Abend noch auf die Demo auf der Piazza della Signoria und Lutz müsste bald hier sein. Wenn er sich nicht verfahren hatte. Aber eigentlich war das baufällige Haus an der Ausfallstraße von Florenz aus nordwärts leicht zu finden.

An guten Tagen arbeitete Nanni im Tourist Office, nahe der berühmten Kirche Santa Maria Novella in Florenz. An schlechten Tagen verdiente er nichts und hatte genug Zeit zum Nachdenken. Trotzdem konnte er sich glücklich schätzen, den Job an Land gezogen zu haben. Dass er fließend Deutsch, Englisch und Französisch sprach und sein Studium mit Bestnoten abgeschlossen hatte, hatte seine mangelnden Beziehungen, seine geringe Herkunft und sein linkes Engagement wettgemacht. Aber eben nur für den schlechtbezahlten Tourist-Office-Job. Natürlich hätte Nanni sich etwas Besseres vorstellen können. Als 20jähriger Studienanfänger, der sich zäh durch die akademischen Jahre jobben sollte, hatte er davon geträumt, die Welt zu sehen. Viel reisen wollte er, aber auch italienischen Kindern aus armen Familien Fremdsprachen beibringen und den Kindern der illegalen Einwanderer Italienisch. Seine Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Er war eben kein Kind der ehrenwerten Gesellschaft, das man sich hätte ausprobieren lassen, dachte Nanni bitter.

Seine Mitbewohnerin Alè arbeitete als Näherin in Prato, obwohl sie einen Abschluss in Philosophie hatte. Nur Alès Freundin Giò, die „etwas Besseres“ war, wie sie manchmal selbstironisch scherzte, konnte sich das Akademikerleben leisten. Giò promovierte in Politikwissenschaften. Sie hatte Glück, dass ihr Doktorvater ein Linker war. Er unterstützte Berlinguer** und ließ Giò freie Hand. Ein Assistenzjob sorgte dafür, dass sie sich finanziell keine Sorgen machen musste. Zusätzlich hatte sie noch ein liberales Elternhaus im Rücken. Nie im Leben hätte Giòs Mutter ihre Tochter etwa in eine Ehe gedrängt, nur um sie materiell versorgt zu wissen. Viele andere Italienerinnen hatten dieses Glück nicht. Aber es brodelte. Kaum eine hatte noch Lust, einen ewig nörgelnden Pascha zu umsorgen, der, wenn sie Pech hatten, auch noch arbeitlos war und den ganzen Tag nur herumsaß, erst in der Bar, die „Gazzetta dello Sport“ lesend, dann zu Hause, schließlich erschöpft vom Nichtstun und schlecht gelaunt, was dann die Ehefrau zu spüren bekam.

*François Mitterrand (1916 – 1996): französischer Politiker (Parti socialiste) und Staatspräsident Frankreich (1981 – 1995). Mehr Infos zu ihm und seiner Bedeutung für diese Geschichte später…

**Henderson bezieht sich auf das Jahr 1977 als die Rote Armee Fraktion (RAF)  den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordete. Die Ereignisse um die Entführung und Ermordung Schleyers werden oft auch als „Deutscher Herbst 1977“ bezeichnet. Ein Wikipedia-Artikel bietet einen guten ersten Überblick.

Der „Deutsche Herbst 1977“ gipfelte in der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch ein palästinensisches Terrorkommando. Damit sollte die Freilassung inhaftierter Mitglieder der RAF erzwungen werden. Die „Landshut“ landete schließlich in somalischen Hauptstadt Mogadischu, wo sie von der deutschen Antiterroreinheit GSG 9 gestürmt wurde.

Kurz darauf wurden in der JVA Stuttgart-Stammheim die Leichen mehrerer prominenter Mitglieder der RAF aufgefunden. Immer wieder wurde bezweifelt, dass es sich dabei tatsächlich um Selbstmord handelte. Auch zur sog. „Todesnacht von Stammheim“ gibt es einen Wikipedia-Artikel, der eine Zusammenfassung verschiedener Haltungen, auch Verschwörungstheorien, bietet.

Möglicherweise will der (fiktive) General Henderson auch auf das „Oktoberfestattentat“ anspielen: Am 26. Oktober 1980 (also aus der Perspektive unserer Geschichte in der „Zukunft“) verübte ein Anhänger der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ein Attentat auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen starben und 211 Menschen z. T schwer verletzt wurden. Auch um das Oktoberfestattentat ranken sich viele Spekulationen und Verschwörungstheorien. Tatsächlich wurden 2014 die Ermittlungen aufgrund neuer Zeugenaussagen wieder aufgenommen, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.

Bis heute weiß man nicht, ob das „Oktoberfestattentat“ Teil einer sog. „Strategie der Spannung“ gewesen ist, bei der faschistische Terrororganisationen gezielt Anschläge begingen, um sie linksterroristischen Vereinigungen in die Schuhe zu schieben. Diese Strategie der Attentate „unter falscher Flagge“ sollte ein Klima der Angst und v. a. natürlich Hass auf Linke erzeugen und wurde v. a. in Italien über mehrere Jahrzehnte angewandt. Allerdings muss man vorsichtig sein. Der italienische Politiker Aldo Moro (1916 – 1978, Democrazia Cristiana, entspricht der deutschen CDU) wurde nach heutigen Erkenntnissen z. B. sehr wahrscheinlich wirklich von den linksextremen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet. Andere Anschläge lassen sich dagegen relativ eindeutig faschistischen Gruppierungen zuschreiben.

Camp Darby gibt es wirklich. Henderson, Buchanan, Steinberg und Brennecke sind, wie alle anderen Personen (außer den historischen Persönlichkeiten), die in dieser Geschichte auftreten, frei erfunden. Ebenso natürlich ihr Gespräch. Auch den Ort „Campo Azul“ in Argentinien gibt es nur in meiner Fantasie. Für die ganze Geschichte gilt, wie gesagt: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

*** Enrico Berlinguer (1922 – 1984): italienischer Politiker des PCI (Partito Communista Italiano = kommunistische Partei), der den sog. „Eurokommunismus“, eine Abwendung der westeuropäischen kommunistischen Parteien von der Sowjetunion, vertrat. Auch er hat einen Wikipedia-Eintrag.

 

 

 

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Was ist Faschismus? Laila Phunk erklärt die 10 wichtigsten Aspekte

faschismus

Faschismus geht auch ohne Rassenhass und Vernichtungslager. Macht es das deshalb aber gleich viel harmloser? Der Nationalsozialismus jedenfalls ist für dumpfe Nazi-Schläger, die provozieren wollen, eine Art Punk von rechts, könnte man denken. Die neue Rechte, die in den intellektuellen Salons Europas und der USA zu Hause ist und sich anschickt, die Parlamente zu erobern, bezieht sich eher auf den italienischen Faschismus. Ist Donald Trump aber ein neuer Benito Mussolini, wie u. a. die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen nahelegt? Und was hat was zu bedeuten, dass Steve Bannon, der us-amerikanische Chefstratege und Chef des neurechten Online-Magazins „Breitbart“, sich als „Leninist“ bezeichnet? Steht uns ein neues Zeitalter der Totalistarismen ins Haus? Immerhin wird sogar Hannah Arendt herangezogen, um das Phänomen Trump, die neue Rechte und ihre Erfolge zu erklären.

Maßlos übertrieben oder angemessene Warnung zur rechten Zeit? Vielleicht liegt es an der Hysterie des Internets. Immerhin sind mit Panikmache und Katastrophenmeldungen mehr Klicks zu machen als mit nüchternen Analysen. Vielleicht ist es aber auch eine neue Kopflosigkeit, die dazu führt, dass so viele historische Vergleiche gezogen werden. Man weiß, dass Trump kein zweiter Mussolini ist und Bannon ganz sicher kein neuer Lenin. Aber man weiß auch, dass etwas Machtvolles und Gefährliches am Horizont lautert, etwas, das antidemokratisch ist und auf Überlegenheitsgefühlen und Abschottung beruht. Was ist, wenn die Unkenrufe im Internet nun doch nicht so übertrieben sind? Außerdem, dass der faschistische italienische Philosoph Julius Evola, der Esoterik und Metaphysik mit elitärer Dünkelhaftigkeit, Rassismus und Antisemitismus verband, von Russland bis Frankreich, übrigens auch in Deutschland, in der Rechten so eifrig rezipiert wird, sollte zu denken geben. Was stimmt also: Wiederholt sich Geschichte immer oder wiederholt sich Geschichte nie? Stehen wir am Vorabend einer neuen faschistischen Ära oder haben wir es mit einem gänzlich neuen Phänomen zu tun? Oder können am Ende eben doch die Rechten damit auftrumpfen, dass sie „ja gar nicht so schlimm“ sind, eigentlich eher Konservative, denen man brutal Unrecht tut?

1. Alles fascho oder was?

Wenn Marine Le Pen sich um jüdische Wählerstimmen bemüht, dann nimmt man ihr das nicht wirklich ab. Zu gut sind die antisemitischen Ausfälle von Jean-Marie, Le Pen „père“, in Erinnerung. Und doch hat der französische Front National mit Florian Philippot z. B. einen chicen Schwulen in ihren Reihen, der schwarze Komiker Dieudonné hat sich sogar zu früheren Zeiten selbst aktiv gegen Rassismus engagiert. Der Verfasser des „Alt-Right“-Manifests, Milo Yiannopoulos, wiederum hat das Zeug zum Shooting-Star jeder hippen, metrosexuellen Großstadtszene und auch in der deutschen AfD tauchen hier und da Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Juden auf. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Hat man es wirklich mit Rechten zu tun? Oder ist die neue Rechte nicht wirklich eine Rechte, nicht im klassischen Sinne jedenfalls?

Tja, wenn da nur nicht die Schönheitsfehler wären: Dieudonné z. B. ist ein strammer Antisemit, nicht „nur“ entschieden „pro Palästina“, nein, auch mit Verbindung zu Holcaust-Leugnern. 2014 hat er deshalb sogar Einreiseverbot für Großbritannien erhalten. Und Milo Yiannopoulos hält im Manifest der Alt-Right-Bewegung nicht damit hinterm Berg, dass er für Frauenrechte nicht viel übrig hat und für das „natürliche Konservative“, den Drang, den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen zu beschützen, eintritt. Dass er am Ende des Manifests relativiert, es gehe ja eigentlich nur gegen die „Political Correctness“ der Linken, beteuert, sie selbst hätten ganz viele jüdische homosexuelle Freunde, seien ihrerseits „racially mixed“ und hätten mit Allum Bokhari sogar einen „Kebab“ in ihren Reihen, nimmt sich eher schwach aus. Man fragt sich: Ja, was denn nun? Den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen schützen oder Party mit dem internationalen Jet-Set machen? Vielleicht ist Evola die Antwort darauf, der italienische Faschismus, jedenfalls nicht der deutsche Holocaust. Das wäre zu sehr mit dem Vorschlaghammer.

2. Schuld sind die Italiener!

Nein, am Holocaust sicherlich nicht. Aber der Faschismus ist eine italienische Erfindung. Rechts und totalitär, aber – und das dürfte für Deutsche erst einmal merkwürdig klingen – m Kern nicht antisemitisch – Mussolini soll sogar eine jüdische Geliebte gehabt haben, die Kunstkritikerin Margherita Sarfatti. Obwohl es Antisemtismus in Italien gab und gibt. Nur war er eben nicht der Dreh- und Angelpunkt der faschistischen Ideologie. Rassistisch war der italienische Faschismus auch nicht bzw. – an dieser Stelle kommt man um ein entschiedenes „jein“ nicht herum: 1938 traten in Italien unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands die „faschistischen Rassegesetze“ („Leggi razziali fasciste“) in Kraft. Sie richteten sich, in Anlehnung an die „Nürnberger Gesetze“, tatsächlich gegen die jüdische Bevölkerung und in dem Manifest „La difesa della razza“ („Die Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) wird ausdrücklich gefordert: „Es ist an der Zeit, dass die Italiener sich ohne wenn und aber als rassistisch betrachten!“ („E‘ tempo che gli Italiani si proclamino francamente razzisti!“, zit. nach: Wikipedia, Übersetzung Laila Phunk). Italiener gehörten, so das Manifest, zu den „Ariern“ und würden sich daher grundlegend von der restlichen Mittelmeerbevölkerung, insbesondere den Nordafrikanern, unterscheiden. Also doch Antisemitismus und Rassismus. Allerdings muss man sagen, dass Juden in Italien nicht so eifrig verfolgt wurden wie in Deutschland. Es war eben doch eine Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland, auch wenn es in Italien unter den Faschisten auch welche gab, die die Nazi-Linie aus persönlicher Überzeugung befürworteten, z. B. Roberto Farinacci.

3. Law and Order

Eigentlich ging es im italienischen Faschismus, anders als in Deutschland, aber vor allem um Law and Order. Es sollte wieder Ruhe einkehren und eine Regierung mit harter Hand sollte die radikale Kehrtwende von allem, was bisher war, bringen. Die konservativ-liberale „Ära Giolitti“, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti, war durch Krisen, soziale Unruhen und Korruption gekennzeichnet, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem sog. „Biennio Rosso“ („den zwei roten Jahren“) in Fabrikbesetzungen und Massenstreiks kulminierte. Der Hintergrund: Italien war (auf Seiten der Alliierten) in den Ersten Weltkrieg eingetreten, obwohl von vornherein klar war, dass es sich den Kriegsbeitritt wirtschaftlich gar nicht leisten konnte. Die fatalen Folgen bekamen vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten zu spüren, was sich in einer rabiaten Wut gegen die Machthaber und in Forderungen nach einem sozialistischen Umsturz entlud.

Allerdings: Es waren die Leute um den ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini, die den Kriegseintritt gefordert hatten …

Heute bedeutet Krieg wenn dann eher „Krieg gegen den Terror“. Natürlich hat die Bevölkerung in Europa und in den USA ein Recht darauf, sich vor terroristischen Anschlägen bestmöglich schützen zu wollen. Es ist aber fraglich, ob willkürlich verhängte Einreiseverbote, ein straffes Hochfahren des Sicherheitsapparates und möglichst viel staatliche Überwachung den gewünschten Effekt bringen. Man muss sehr genau hinschauen, welche Maßnahme wirklich zu einem besseren Schutz beiträgt und sich auf Menschen beziehen, die aufgrund tragfähiger Beweise als „Gefährder“ eingestuft werden. Immerhin ist man das dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit schuldig. Dass vor dem Gesetz alle gleich sind, gleiche Rechte und Pflichten haben und den gleichen Schutz genießen ist eine der tragenden Säulen der Demokratie, sprich: ohne Rechtsstaat ist Demokratie nicht machbar. Mal ganz abgesehen davon, dass wer behauptet, Korruption zu bekämpfen, den verkommenen Eliten eine klare Absage zu erteilen und politischer Destabilisierung entgegenwirken zu wollen, wenig glaubwürdig wirkt, wenn dann Willkür die Antwort ist.

4. Immer wichtig: Die soziale Frage

Dass die sog. „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, wie der Soziologe Helmut Schelsky es nannte, also eine Gesellschaft, in der es keine krassen sozialen Gegensätze gibt und der soziale Aufstieg durchaus machbar ist, weniger anfällig für politische Extreme ist, ist vielleicht kein ehernes Gesetz, aber es ist schon auffällig, dass das politische Klima oft umso rauher wird, je härter, unsicherer und konkurrenzbetonter das Leben für die meisten Menschen im Allgemeinen wird. Sowohl in Italien als auch in Deutschland waren die Folgen des Ersten Weltkrieges für weite Teile der Bevölkerung verheerend. In Deutschland brachte dann der Börsenkrach von 1929 das Fass zum Überlaufen. Da hatte sich der Faschismus in Italien allerdings längst etabliert.

Auch wenn man heutzutage in Europa und in den USA nicht wirklich von einer Verelendung der breiten Masse sprechen kann, ist die Parallele hier unübersehbar. Immer wieder heißt es, die Kinder würden nicht den mehr in dem gleichen Wohlstand wie ihre Eltern leben können, die soziale Absicherung lässt nach, Freelance-Tätigkeiten und Altersarmut nehmen zu, der Globalisierungsdruck, der sich für manche Arbeitgeber als „Auslese der Besten“ darstellt, bedeutet für den Durchschnittsbürger langfristig eine nicht nur gefühlte Bedrohung.

Das heißt übrigens nicht, dass man gegen Migration und für geschlossene Grenzen sein müsste. Vermutlich ist es eher eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wer sich über konkurrenzlos billige illegale Einwanderer aus Lateinamerika freut und in Bürgerkriegsflüchtlingen vor allem robuste, fleißige und dankbare Arbeitskräfte sieht, wer in Europa den Kampf der klügsten, bestausgebildetsten, jüngsten, vitalsten, flexibelsten und genügsamsten Köpfe und Menschen um die heißbegehrten Arbeitsplätze in wohlhabenden Ländern wie Deutschland to the max anheizen will, der muss sich nicht wundern, wenn die Leute dem erstbesten Demagogen, der verspricht, dem ganzen ein Ende zu machen, hinterherlaufen. Vielleicht sollte man Menschen einfach nicht zu sehr gegeneinander ausspielen. Immerhin steckt in dem neoliberalen Globalisierungseifer mit seinem Sozialdarwinismus auch ein prinzipiell faschistoides Element. Wahrscheinlich kann dem nur eine auf Ausgleich, Fairness und Offenheit zugleich bedachte Politik entgegenwirken.

5. Wenn alle an einem Strang ziehen: Korporativwirtschaft

So wenig, wie die AfD eine „Partei der kleinen Leute“ ist, war der italienische Faschismus die Antwort auf die soziale Frage. Ganz im Gegenteil: Mussolini beendete die Arbeitskämpfe, die um 1919/20 ihren Höhepunkt erreicht hatten, mit der sog. „Korporativwirtschaft“: Anstatt dass Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern vertreten sollten, sollten alle an einem Strang ziehen: Der Chef z. B. der Druckerei ebenso wie die Drucker. Begründet wurde das damit, dass es ja, wenn die Druckerei gut läuft, auch den Beschäftigten besser gehen würde. Es gelte also, die Interessen der Druck- und Papierindustrie gemeinsam zu vertreten.

Das faschistische Element liegt vor allem in einem politischen Angebot, das sich an alle gleichermaßen richtete: Arbeiter, Bauern und Mittelständler ebenso wie Chefs, Adlige, Eliten.

6. Schwarzhemden und rote Faschisten? Totalitarismus

Hier kommt Hannah Arendt (siehe Link oben) ins Spiel. Denn Faschismus ist immer totalitär, totalitär ist aber nicht immer faschistisch. Wie der Sozialismus richtete sich der Faschismus an die breite Masse. Zumindest war das sein Anspruch. Man wollte sich in der Rolle der „Vollstrecker“ des Volkswillens sehen. Das unterscheidet den Faschismus von anderen rechtskonservativen Diktaturen und autoritären Regimes, wo es eher um den Machterhalt eines Diktators und seiner Clique geht, für den das Volk unter dem Deckel gehalten und eventueller Widerstand ausgeschaltet werden muss. Faschismus und Sozialismus dagegen stützen sich auf das Volk. Allerdings halten auch sie es unbarmherzig unter Kontrolle, jedoch so, dass es glauben soll, im eigenen Interesse zu handeln. Sowohl der Nationalsozialmus als auch der real existierende Sozialismus waren bekannt dafür, von der Wiege bis zur Bahre Organisationen geschaffen zu haben, in denen das Volk im Sinne der herrschenden Ideologie erzogen, kontrolliert und bei Verfehlungen bestraft werden sollte. Der Staat drang so tief in den Alltag und in das Privatleben seiner Bürger ein. In Italien war dies weniger ausgeprägt. Dafür wurde hier das Konzept der Korporativwirtschaft, Arbeiter und Chefs an einen Tisch zu bringen ausgearbeitet und so ein gemeinsamen „Volkswillen“ als moderner Gegenentwurf zur Demokratie künstlich hinaufbeschworen. Hier zeigte der Faschismus seine politische Durchschlagkraft als effizientes Bollwerk gegen den Sozialismus, denn der hatte nur den „kleinen Mann“ und dessen Belange im Auge, nicht die Interessen der Eliten. Ganz abgesehen davon natürlich, dass dem Sozialismus, sieht man mal von einigen Varianten, etwa unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu ab, auch das nationalistische und sozialdarwinistische Element fehlten.

7. Make Italy great again! Nationalchauvinismus

„Make America great again!“ wohl jeder kennt den Wahlkampfslogan von Donald Trump. Auch von Wladimir Putin und Recep Erdogan ist bekannt, dass sie Russland bzw. die Türkei wieder „hochgeholt“ hätten. Wer das marode, politische instabile, von mafiösen Clans und sozialer Verelendung geprägte Russland der Ära Jelzin in den 1990er Jahren vor Augen hat, versteht leicht, warum Putin so erfolgreich ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ wusste schon Bertholt Brecht. Nun kann sich auch der russische Mittelstand Ferien in der Türkei leisten und den Türken selbst geht es auch nicht mehr ganz so schlecht.

Nur kann man Trump, Putin und Erdogan allein deshalb natürlich nicht als „Faschisten“ bezeichnen. Wirtschaftlicher Aufschwung, gemischt mit ein bisschen nationaler Romantik, macht einen ja noch nicht gleich zum Rechtsextremisten. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt es ist und welche Elemente noch hinzukommen.

Auch in Deutschland brachte Hitler den Deutschen eine spürbare Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage: Es gab wieder Jobs, Radios (der „Volksempfänger“) und Kleinwagen („Volkswagen“) wurden erschwinglich, der „kleine Mann“ und seine Familie konnten in den Urlaub fahren und für Deutsche, die dennoch durch das soziale Netz fielen, gab es ein Winterhilfswerk. Leider müsste man „Deutsche“ präziser mit „Menschen, die als Deutsche anerkannt wurden“ umschreiben. Die Nationalsozialisten selbst sprachen auch eher von „Volksgenossen“. „Untermenschen“, Juden, Roma und Sinti, Schwule, Depressive, Alkoholiker, „Schwachsinnige“, „Erbkranke“, usw., alle, die nicht dem Bild des starken, vitalen „Herrenschmenschen“ entsprachen, kamen nicht in den Genuss sozialer Unterstützung (auch wenn man, sofern es sich um eine angesehene Nazi-Familie handelte, natürlich bereit war, Ausnahmen zu machen, und geflissentlich über einen schwulen Onkel, ein kleines Alkoholproblem oder Angehörige mit gewissen körperlichen oder mentalen Einschränkungen hinwegsah, sofern es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Zur Doppelmoral siehe oben: Rechtspopulisten heute). An dieser Stelle sollte man sich fragen, ob das in Europa im christlichen Glauben verankterte Leitprinzip, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind, ganz gleich, wer sie sind und woher sie kommen, nicht doch sozialer ist, als eine „Solidarität“, die nur für bestimmte Menschen gilt und jederzeit erlöschen kann, wenn jemand den Ansprüchen der „Volksgemeinschaft“ nicht mehr genügt. Was ist denn besser, die Sicherheit zu haben, auf jeden Fall Hilfe in Notlagen zu erhalten? Oder aber ausdrücklich bevorzugt zu werden, aber eben abhängig von der Willkür anderer, die sich jederzeit auch gegen einen richten kann?

Was in Deutschland die „Dolchstoßlegende“ war, die angebliche „Erniedrigung“ deutscher „Größe“ durch Sozialisten und Juden, das war in Italien die späte Nationwerdung, deren Prozess sich noch viele Jahrzehnte über die Gründung der italienischen Nation hinauszog. Zwar ist Italien knapp zehn Jahre „älter“ als Deutschland, allerdings war das Land im 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr viel zerklüfteter durch regionale und soziale Unterschiede. Insbesondere das starke Nord-Süd-Gefälle sorgte dafür, dass das sog. „inner nation building“, die Entwicklung einer Selbstwahrnehmung in der Bevölkerung als zusammengehörige Nation und einheitliches Staatsvolk, sich in die Länge zog.

Viele Italiener fühlten sich einfach nicht als Italiener sondern als Neapolitaner, Piemontesen, Florentiner oder Sizilianer. Dem gegenüber stand ein brachialer Nationalismus, der sich auf das antike Römische Reich als Quelle eines modernen italienischen Nationalgefühls bezog und eine vergleichbare politische und kulturelle Stellung der jungen Nation im Europa des frühen 20. Jahrhunderts forderte.

8. Faschismus kann sehr modern sein

In Deutschland verbindet man rechtes Gedankengut in erster Linie mit röhrenden Hirschen und laut trötender Volksmusik für die Ü80-Generation. Miefig und spießig finden die einen, „traditionsbewusst“ sagen die anderen.

Dynamische Formgebung, eine Ästhetik, die ausdrücklich „technisch“ wirken möchte und auf „Fortschritt“ abzielt, kühle Zweckbauten, streng geometrische Kompositionen und klare, zum Teil fast fluoreszierend grelle Farben – Dass auch das, was als „klassische Moderne“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, rechts, ja sogar faschistisch sein kann, ist aus einer deutschen Perspektive nur schwer vorstellbar, galt hierzulande moderne Kunst doch als Antipode des Nationalsozialismus, nicht zuletzt weil viele moderne Kunstwerke im Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ gebrandmarkt wurden.

Im italienischen Faschismus gab es keine einheitliche Kunstpolitik. Futurismus und Rationalismus standen neben Kunstströmungen, die sich ebenfalls als „modern“ verstanden, aber andererseits stark auf das antike römische Erbe abhoben.

Mussolini betrachtete Kunstförderung als PR – das moderne Italien, auf der Höhe der Zeit oder ihr sogar voraus, ließ sich so ebenso fiktional entwerfen, wie die antike imperiale Größe, die es mental wieder zu beleben galt. Die Kunstschaffenden – damals wie heute prekär lebend – warfen sich dem Regime zum größten Teil mit Verve an den Hals und überschlugen sich darin, den neuen Zeitgeist zum Ausdruck zu bringen.

Nicht ganz zufällig und in dieser Hinsicht nicht anders als der Nationalsozialismus legte auch das faschistische Regime selbst Wert auf ästhetische Inszenierung, etwa in Aufmärschen und Propaganda. Auf den Zusammenhang von moderner Kunst und einer Ästhetisierung der Politik, wie sie der Faschismus betrieben hat, hat der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin bereits 1936 in seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ hingewiesen und ist dabei auch explizit auf den italienischen Futurismus eingegangen.

9. „Ich will eine herrische, grausame Jugend …“: Sozialdarwinismus

„Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“ forderte Adolf Hitler (Rede „Meine Pädagogik ist hart“, zitiert nach wissensreise.de). In dem futuristischen Manifest „La Riscostruzione futurista dell-Universo“, das Giacomo Balla und Fortunato Deperso 1915 verfasst haben, sprachen die beiden Künstler davon, Spielzeug zu entwerfen, das das Kind zu Kreativität und körperlicher Agilität, aber auch zu Aggression und kriegerischer Kampfbereitschaft erziehen sollte.

Sicherlich ist es ein Stück Weg von der „genetischen Überlegenheit“ und „Gebärprämien“, wie sie 2010 im Umfeld des SPD-Politiers Thilo Sarrazin im Gespräch waren, hin zu einer Erziehung zur Grausamkeit, wie sie Hitler und die Futuristen der zweiten Generation forderten. Nicht von ungefähr stammen die deutschen Anhänger der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ allerdings aus der „Sarrazin-Bewegung“, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Spätestens dann, wenn Jugend- und Vitalitätskult mit Überlegenheitsgefühlen, offen geäußerten Zweifeln an der Gleichwertigkeit aller Menschen und einem nur schlecht kaschierten Sozialdarwinismus zusammentrefffen, sollte man jedenfalls hellhörig werden.

10. Gewalt und politische Morde

Sind Faschisten einmal an der Macht, bedeutet das noch nicht, dass sie auch fest im Sattel sitzen. Dazu ist fast immer eine Konsolidierungsphase nötig. Masha Gessen (siehe Link oben in der Einleitung) hat die schleichende Aushöhlung demokratischer Institutionen am Beispiel Russland mehrfach beschrieben. Sicherlich hat sie recht, dass man auch genau beobachten sollte, was Trump in Amerika veranstaltet. dennoch finde ich den  der Vergleich mit Mussolini nicht ganz so glücklich. Immerhin hatte der sich in politischer Hinsicht seine Sporen als Sozialist verdient, während Trump jahrzehntelang den kapitalistischen Unternehmer schlechthin verkörperte. Außerdem hat Mussolini von Anfang an bedenkenlos rohe Gewalt als politisches Mittel eingesetzt. Die „squadre fasciste“, auch „Schwarzhemden“ („camice nere“) genannt, waren paramilitärische Einheiten, die, ähnlich wie die SA in Deutschland schon lange vor dem „Marsch auf Rom“, mit dem Mussolini 1922 die Macht ergriff, in Italien Gewalt und Terror verbreitetet haben. Der Mord an dem sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti 1924 durch faschistische Schläger machte schließlich auch jenen, die die Augen vor dem wahren Charakter Mussolinis hatten verschließen wollen, endgültig klar, um was es ging. Weniger als zwei Wochen vor seiner Ermordung hatte Matteotti noch, wie auf Wikipedia zu lesen ist, in einer öffentliche Rede eindringlich vor den Gefahren des Faschismus gewarnt. Die Italiener waren auch damals keine dummen Schäfchen, die ihrem „Duce“ brav hinterhergetrottet sind. Es hatte Kritiker gegeben. 1924 war der Punkt erreicht, wo der Faschismus sein wahres Gesicht gezeigt und vorgeführt hatte, wie er mit ihnen zu verfahren gedachte.

Hoffen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Seien wir klüger als unsere Ahnen. Immerhin können wir, im Gegensatz zu ihnen, nicht sagen, wir hätten von nichts gewusst.

Alle Übersetzungen durch Laila Phunk. Ohne Gewähr.

 

Terror! (Teil V)

Update: Terroranschlag in Berlin: Dass sich am gestrigen Abend in Berlin ein furchtbarer Terroranschlag ereignet hat, bei dem – nach dem Muster des Attentats von Nizza – ein Lastwagen in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt in der City-West, in der Nähe des Zoologischen Gartens raste, gibt dieser Geschichte, in der es um Terrorismus geht, einen schalen Beigeschmack. Laila Phunk hat sich entschieden, sie trotzdem weiter zu führen, denn zu keinem Zeitpunkt ist es ihr um eine Bagatellisierung oder gar eine nachträgliche Rechtfertigung terroristischer Anschläge in den 1970er und 1980er Jahren gegangen. Politische Diskurse können nicht mit dem Mittel der Gewalt geführt werden. Eigentlich geht Laila Phunk aber davon aus, dass ihre LeserInnen das auch so sehen.

Diese Geschichte ist zudem Fiktion. Der Terror der 1970er und 1980er Jahre war jedoch leider höchst real. Ebenso das Klima der Verdächtigungen und Verunsicherung, das nicht unerheblich dazu beigetragen hat, Menschen zu radikalisieren und Gesellschaften zu spalten. Auch wenn der „Kalte Krieg“ die Hintergrundfolie dieser Geschichte bildet und die politischen Achsen sich mittlerweile beträchtlich verschoben haben, können wir, so glaube ich, aus den „Anni di Piombo“, den „bleiernen Jahren“, die nicht nur Italien, sondern auch viele andere Länder heimgesucht haben, eine Menge lernen. So hat zum einen z. B. der islamistische Terrorismus seine Wurzeln in dieser Zeit und andererseits sind die Motive, die Menschen in die Illegalität und in den Terrorismus getrieben haben, auffallend ähnlich: der soziale Background, die Wut und allgemein vorherrschende Unzufriedenheit, die Polarisierung und z. T. auch Brutalisierung gesellschaftlicher Diskurse, vorschnelle Verdächtigungen und Präventivschläge, Opportunismus, Korruption, himmelschreiende Ungrechtigkeit, dubiose Machenschaften und Misstrauen, das Gefühl, politische Entwicklungen nicht mehr selbst mitgestalten zu können und vieles mehr. Statt zu schweigen, sollte man lieber reden.

Dennoch möchte ich hier nicht fortfahren, ohne den Opfern des Terroranschlages vom Berliner Breitscheidplatz und ihren Angehörigen mein tiefes Mitgefühl auszusprechen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass Geschichte sich nicht wiederholt. Ziehen wir unsere Schlüsse aus ihr …

Laila Phunk, 20. Dezember 2016.

… Wer’s verpasst hat – hier geht es zu Teil I, Teil II, Teil III und Teil IV.

Teniente Daniela, Buenos Aires, Argentinien, Januar 1980:

„Ich will bei euch mitmachen! Ich kann euch sicher gute Dienste erweisen …“ Daniela hatte sich mit fest entschlossener Miene vor dem wackeligen Schreibtisch in dem kleinen, schmucklosen Büro aufgepflanzt. Der Mann, der dahinter saß, fuhr sich mit der Hand durch sein öliges, leicht gewelltes dunkelbraunes Haar. Er guckte gelangweilt. „Schätzchen, und das sollen wir dir glauben? Dein Mann war Kommunist!“ „Ja, und er war ein Schwein! Immer andere Frauen! Hat mich für eine andere verlassen. Einfach weg, ohne ein Wort, über Nacht!“ entgegnete Daniela wütend.

Der große Dicke mit dem kurzegeschorenen Haar, der neben dem Schreibtisch stand, grinste anzüglich. Er schien Indio-Blut zu haben. Seine kleinen Schweinsäuglein, die fast in dem speckigen Gesicht versanken, blitzten bösartig. Er trug ein beiges, akkurat gebügeltes Hemd, das über dem gewaltigen Bauch spannte. Unter den Achselhöhlen zeichneten sich Schweißflecken ab.

Der Mestize bückte sich zu dem, der hinter dem Schreibtisch saß. Sie tuschelten „… viel zu dumm, um das zu blicken!…“ „… eine kleine Verkäuferin…“ „… Na ja, so wie sie aussieht, braucht sie wohl einen Mann …“ „… ein schnuckeliges Püppchen mit einem hässlichen Gesicht!…“ „Schicken wir sie doch mit Alfonso nach Uruguay. Dann kann der sich noch ein bisschen mit ihr vergnügen und dann…“

Beide Männer lachten schmutzig. Daniela tat, als habe sie nichts gehört. Sie dachte an die Narbe, die ihr etwas rundliches Gesicht verunzierte. Der Mann hinter dem Schreibtisch beugte sich vor. Das funzelige Deckenlicht, das den Raum nur spärlich erleuchtete, ließ seine grobschlächtige Visage erstrahlen wie eine Ikone. „Also gut, Süße. Du kannst mitmachen. Aber zuerst eine kleine Aufgabe. Ich will sehen, ob ich dir vertrauen kann…“

Lutz & Micha, an der Landstraße, in der Nähe von Pisa, Italien, in den frühen Morgenstunden des 02. August 1980:

Was bisher geschah: Lutz lebt in West-Berlin und gehört diffus zum Sympathisantenumfeld der Roten Armee Fraktion. Ursprünglich nur mäßig politisch, radikalisiert er sich zunehmend, als er von den Haftbedingungen der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof* und der „Todesnacht von Stammheim“* erfährt, bei der mehrere inhaftierte RAF-Mitglieder ums Leben kommen. Nicht nur im linksradikalen Lager wird angezweifelt, dass es sich, wie offiziell verkündet, um Selbstmord handelt. Lutz hört auch von den faschistischen „Stay-behind-Armeen“ der NATO in Europa* und beginnt, sich für Italien zu interessieren, wo sich seit Jahren immer wieder blutige Anschläge mit vielen Toten ereignen, die zunächst als das Werk linksextremer Kräfte dargestellt werden. In Wirklichkeit steckt jedoch in vielen Fällen die faschistische Terrororoganisation „Ordine Nuovo“* dahinter und einiges spricht dafür, dass sowohl der italienische Staat als auch die NATO die Anschläge mitinitiiert oder zumindest gedeckt haben*.

Lutz will eine ähnliche Entwicklung in Deutschland verhindern. Er hat wertvolle Informationen über den NATO-Hauptmann Berthold Brennecke gesammelt, der eine harte Linie gegen den Linksterrorismus zu fahren will und – wie hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird – dazu auch „unkonventionelle Methoden“ in Betracht zieht. Brennecke, der einst bei der SS war, verfügt über gute Kontakte nach Italien. Für den Morgen des 2. August ist ein informelles Treffen zwischen Brennecke, einem us-amerikanischen Vertreter der NATO und einigen rechtskonservativen, indirekt politisch sehr einflussreichen Italienern in Florenz anberaumt. Lutz fürchtet, dass Brennecke einen Anschlag in Deutschland nach dem Muster des italienischen „Ordine Nuovo“* plant. Er nimmt Kontakt zu dem den linksextremistischen „Roten Brigaden“  nahe stehenden  politischen Aktivisten Giovanni „Nanni“ auf, der in der Kleinstadt Prato bei Florenz lebt.

Lutz gähnte und reckte die steifen Glieder. Micha pennte friedlich auf dem Rücksitz. Nun würden sie also doch noch ein paar Tage Urlaub am Meer machen. Lutz nahm sich vor, Micha die heiß ersehnte Crystal-Barbie zu schenken, vielleicht zu Weihnachten auch das Barbie-Dream-House, auch wenn er wusste, dass beides bei seiner Ex-Frau Sigrid – Michas Mutter – sofort auf dem Müll landen würde. Sigrid und Micha lebten in einem alternativen Hausprojekt in Kreuzberg und Lutz sah seine Tochter viel zu selten. Sigrid, die nichts von seinem politischen Engagement wusste, hatte ihm die kleine Micha regelrecht aufgedrängt, als sie hörte, dass er Urlaub in Italien machen wollte und Lutz konnte schwerlich Nein sagen, auch wenn das hier für ein Kind eigentlich viel zu gefährlich war. Auch wenn er zugeben musste, dass die freche Göre ihm am liebsten war, wenn sie schlief, so stellte er doch immer wieder nicht ohne einen Anflug von Stolz fest, dass Micha – intelligent und rebellisch – im Grunde ganz der Papa war.

Ein paar Stunden noch, dann würden sie am Strand liegen. Micha würde Sandburgen bauen und im Thyrrenischen Meer planschen, während Lutz sich – weil Urlaub war – schon am Vormittag ein kleines Bier genehmigen würde. Zeitgleich würde in einem Café an der Piazza della Repubblica in Florenz ein Sprengsatz detonieren, der das fette NATO-Schwein Brennecke und seine sauberen Freunde in den Tod reißen würde. Etwas nagte an Lutz. Die Kellner hatten, wie er von seinem Freund Nanni wusste, Anweisung, in der Zeit Lieferungen für die Küche entgegen zu nehmen, denn der Lieferant war ein Linker und hatte exakt auf der Uhrzeit bestanden, zu der der Sprengsatz hochgehen würde. Florenz war eine linke Stadt. Lutz hoffte, dass sich nicht allzu viele Touristen in dem brutal überteuerten Café aufhalten würden. Könnte man sie mit einem extra-miesen Service noch im Vorfeld verscheuchen? Hatte Nanni dafür Sorge getragen? Die Gewissensbisse plagten Lutz, aber er glaubte, dass er dennoch richtig gehandelt hatte …

Teniente Daniela, Rio de Janeiro, Brasilien, International Airport, Juni 1980:

Daniela schwitzte unter dem dicken Make-Up, das ihre Narbe verdecken sollte. Sie vertrug die tropisch-schwüle Hitze nicht besonders gut, nur war das hier in dem künstlich mit Air-Condition heruntergekühlten Flughafenkomplex nicht das Problem. Der Beamte, der ihre Pässe entgegennahm, schien nur an sein Schichtende zu denken. Er blickte freundlich lächelnd und doch gedankenverloren in den dunkelgrünen Reisepass mit dem stilisierten Adler, den Daniela ihm entgegenstreckte.

Der Pass war auf den Namen Erika Müller ausgestellt, geboren am 24. Juni 1959 in La Plata, Argentinien. Niemand glaubte, dass die zähe, sehnige Daniela Della Chiesa Muller mit dem eigentümlichen Vollmondgesicht und den dunklen, widerspenstigen Haaren und die blonde, wohlproportionierte Erika Schwestern waren. Daniela hatte sich Eris Namen ausgeliehen. Der Legende nach war sie deutsche Staatsbürgerin, in Argentinien geboren und in Göttingen, dem Geburtsort ihrer Mutter Mathilde, aufgewachsen. Nun lebte „Erika“ offiziell in der überbevölkerten, chaotischen Metropole Buenos Aires, um Entwicklungshilfe zu leisten.

Einem plötzlichen Geistesblitz folgend wünschte der lethargische Beamte Daniela „gute Reise!“ und blickte sie aufmerksam an. Die harten deutschen Worte trafen sie unvorbereitet. Sie, deren Deutsch sich auf das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ beschränkte, antwortete mit einem kehligen „Ja.“ Sie zögerte. „Danke.“ Der Beamte verfiel wieder in seinen schläfrigen Tran und winkte sie gleichgültig weiter. Daniela war durch. 20 Minuten später kam der Aufruf zum Boarding für die Air France Maschine Flug 433, Direktflug Rio de Janeiro – Paris. Den Anschlussflug nach Frankfurt am Main würde Daniela verfallen lassen.

Das hatte die Organisation so vorgesehen, denn Danielas Auftrag sollte sie woanders hinführen. Bislang hatte sie sich bewährt. Sie hatte Alfonso, den faschistischen Fahrer, kurz nach der Grenze wie vereinbart exekutiert und die Gefangenen aus dem Transporter freigelassen. Weiter konnte sie nichts für die unter Drogen stehenden* Leute tun, die man, wie Daniela wusste, in Uruguay hatte töten und „verschwinden lassen“* wollen. Sie hoffte, dass Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck hatten, sie finden und ihnen helfen würden.

Daniela war voller Hass. Es war nicht einmal so, dass sie mit den Kommunisten sympathisiert hätte. Carlito und sie hatten sich nie sonderlich für Politik interessiert. Daniela hatte in Buenos Aires als Verkäuferin gearbeitet und ihr Mann Carlito hatte einen Job in einer Autowaschanlage gehabt. Eigene Kinder waren ihnen in der kurzen Zeit, die sie zusammen hatten verbringen können, nicht vergönnt gewesen. „Aber uns geht es doch so gut!“ hatte Carlito oft gesagt „Wir sollten anderen davon abgeben!“ Deshalb hatte er, der gute Christ, der einst auch ein guter Schüler gewesen war, den Kindern und auch einigen Erwachsenen in den Armenvierteln Lesen und Schreiben beigebracht. Irgendjemandem musste das ein Dorn im Auge gewesen sein. Jemand, der Carlito nicht mochte oder seinen Job in der Waschanlage haben wollte, vermutete Daniela. Solche Leute gab es in Argentinien mit seinen sozialen Problemen und den ständigen Wirtschaftskrisen genug. Jedenfalls hatte es den Schweinen** gereicht, um Carlito als „Kommunisten“ abzustempeln. Eines Abends im März 1978 war er nicht von der Arbeit zurückgekehrt. Kurze Zeit später hatte ein devoter, übereifriger Nichtsnutz seine Stelle eingenommen.

„El Gatito“ von der Organisation hatte zunächst nicht gewollt, dass Daniela den Job machte. Es war ein Himmelfahrtskommando und Leute, deren Liebste „verschwunden“ waren und die bereit waren, ihr eigenes Leben zu geben, um die Völker Lateinamerikas von dem Joch des faschistischen Terrors, unter dem sie litten, zu befreien, hatte „el Gatito“ genug an der Hand – ältere, erfahrenere Männer. Doch Daniela, die sich mit Waffen auskannte und eine gute, sichere Schützin war, hatte ihn schließlich überzeugt. Nun hatte man sie damit beauftragt, den Genossen in Europa im Kampf gegen die CIA beizustehen, die die Welt wie ein Kraken in ihrem Würgegriff hielt und jedes friedliche, demokratische Land, dessen Regierung sich nicht den Wirtschaftsinteressen der USA unterordnete, ins Chaos stürzte, nur um ein faschistisches Marionettenregime zu installieren** …

*Ordine Nuovo: faschistische italienische Terrorganisation, die im Rahmen der sog. „Strategie der Spannung“ in den 1970er und 1980er Jahren Terroranschläge verübte, die zunächst linksextremen Gruppierungen angelastet wurden. Obwohl 1973 offiziell aufgelöst, bestand die Organisation, deren Symbol die Doppelaxt war und die sich, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, der deutschen SS verbunden fühlte, im Untergrund noch jahrelang weiter

Um die „Strategie der Spannung“ ranken sich viele Verschwörungstheorien. Man kann nur mit einiger Sicherheit sagen, dass die sog. „Anni di Piombo“ (die „bleierne Zeit“), wie die 1970er und 1980er Jahre, in denen Italien unter zahlreichen Terroranschlägen mit oftmals hohen Opferzahlen zu leiden hatte, auch genannt werden, gekennzeichnet waren durch laxe Ermittlungen, mysteriöse Todesfälle und mehrfache Verwicklungen internationaler Akteure, darunter auch die NATO. Ziel der „Strategie der Spannung“ sollte es sein, linken Bewegungen ein negatives Image zu verpassen und eine von Angst und Verunsicherung geprägte Grundstimmung in der Bevölkerung zu erzeugen, um eine rechtskonservative und v. a. antikommunistische Politik möglichst widerspruchslos durchsetzen zu können.

Nähere Informationen zu der „Roten Armee Fraktion“, zu Ulrike Meinhof und der „Todesnacht in Stammheim“ gibt es in Teil IV der Geschichte (oder auf Wikipedia).

Zu den „Stay-behind-Organisationen“ der NATO in Europa, deren italienischer Ableger „Gladio“ heißt, und die die sog. „Strategie der Spannung“ (siehe oben) in Italien umsetzen sollten, gibt es (wie zu der „Strategie der Spannung“ selbst) nur wenig verlässliche Informationen. Ähnlich, wie ab 1979 im Mittleren Osten islamistische Gruppen, insbesondere die Mudschaheddin in Afghanistan, als antikommunistische Kräfte durch den CIA unterstützt wurden („Operation Cyclone“, vgl. Wikipedia), sollten in Europa bereits nach dem Zweiten Weltkrieg rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten aufgebaut werden, die im Falle einer kommunistischen Invasion Widerstand hätten leisten können. Eine überblicksartige Zusammenfassung dazu bietet Wikipedia. Nähere Informationen finden sich zudem im Werk des Schweizerischen Historikers Daniele Ganser. Allerdings sollte man – wie gesagt – hier sehr vorsichtig sein. Gerade weil man wenig Genaues weiß, bleibt viel Raum für Spekulationen, die aber eben auch in die Irre führen können.

**“Marionettenregime“: Chile ist vielleicht das bekannteste Beispiel eines lateinamerikanischen Landes, in dem sich mit Unterstützung der USA ein rechter Diktator – Augusto Pinochet – an die Macht putschen konnte. Die Aktivitäten der USA in Lateinamerika, die das Ziel hatten, nach Kuba eine weitere Ausbreitung des Sozialismus in der Region zu unterbinden, werden in einem Wikipedia-Artikel zusammenfassend beschrieben. Später wurde diese Zusammenarbeit der USA mit den rechten Militärregimes in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern im Rahmen der sog. „Operation Condor“ noch intensiviert.

Markus Deggerich beschreibt in dem Artikel „Geburtstag auf dem Foltertisch“ im Spiegel (27/01/2004) nicht nur ausführlich einige Foltermethoden der argentinischen Militärjunta, sondern erwähnt auch, dass es – wie so oft – nicht zwingend von Nöten war, sich wirklich aktiv politisch links zu engagieren, um in die Fänge des Regimes zu geraten. Allein der Verdacht, erhärtet etwa durch soziales Engagement, reichte offenbar schon aus.

Auch Carlito und Daniela in der Geschichte sind eigentlich brave Katholiken, die ihre Christenpflicht tun wollen und sich linken Ideologien nicht wirklich verbunden fühlen (wobei Daniela sich nachher – ähem – „weiterentwickelt“).

Natürlich sind sie, wie alle Personen in dieser Geschichte, auch NATO-Mann Brennecke, und ihre Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher nicht beabsichtigt und rein zufällig. Auch „die Organisation“ der Daniela sich anschließt, hat nie existiert. In der Geschichte ist es ein weltweit agierender Zusammenschluss terroristischer linker Gruppen (entfernt!) angelehnt an die Leute um den Top-Terroristen „Carlos“. Die Rekrutierungsmethoden lateinamerikanischer Militärs oder deren rechtsextremistischer, paramilitärischer Suborganisationen waren sicherlich etwas anders als beschrieben. Hier weiß man nicht genau, mit wem Daniela sich gemein macht und das ist im Rahmen der künstlerischen Freiheit auch beabsichtigt. Immerhin – die ganze Geschichte ist reine Fiktion und soll als solche auch nur subjektive Eindrücke erfundener Personen wiedergeben. Um sich einen reealistischen Überblick über die geschichte Argentiniens bzw. Lateinamerikas zu verschaffen, muss man sehr wahrscheinlich eine Menge schlauer Bücher wälzen und genau das würde ich jedem/jeder, den/die es interessiert, auch empfehlen.