Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

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Vive la République!

„Guerre civile“, „Bürgerkrieg“ – das Wort war am Freitag plötzlich da, machte die Runde im Internet. Der französische Premierminister Manuel Valls (Parti socialiste) hatte sich in einem Interview mit dem französischen Radiosender France Inter dahingehend geäußert, dass ein Wahlsieg des rechtsradikalen Front National eine Spaltung Frankreichs bedeuten und letztendlich sogar zum Bürgerkrieg führen könne (vgl. das entsprechende Video, abgerufen von dem Site der frz. Zeitung Le Monde). Markige Worte. Vielleicht ist das mit dem Bürgerkrieg ein bisschen zu hoch gegriffen. Ich war in letzter Zeit nicht mehr in Frankreich. Ich weiß nicht, wie es da im Moment aussieht. Trotzdem glaube und hoffe ich, dass es so schnell nicht zum Bürgerkrieg kommen wird.

KRIEG GEGEN MENSCHEN, DIE KEINE FEINDE SIND

Dennoch hat Valls nicht ganz Unrecht. Und die Spaltung der westlichen Gesellschaften ist vielleicht auch genau das, was der IS will. Der Westen befindet sich so oder so in einer Zwickmühle. Am Beispiel Frankreich lässt sich das ganz gut ablesen: Das Land befindet sich nach dem Attentaten vom 13. November immer noch im Schockzustand und die Attentate waren nicht die ersten – Man denke nur an den Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar diesen Jahres und die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt – Es werden vielleicht auch nicht die letzten sein. Liest man die Nachrufe auf die – zumeist noch jungen – Menschen, die am 13. November gestorben sind, wie sie verschiedene französische Zeitungen veröffentlicht haben, fühlt man v. a. eins: Beklemmung – Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden, einfach nur, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren, weil sie das Leben genießen wollten und anderen das ein Dorn im Auge war. Wahrscheinlich hätten viele von ihnen sich – hätte man sie darauf angesprochen – für Weltoffenheit und Toleranz ausgesprochen. „Feinde“ sehen jedenfalls anders aus.

DER TEUFELSKREIS

Die französische Bevölkerung lebt in Angst und sucht nach Schutz. Der Front National, der bekannt dafür ist, nicht gerade zimperlich mit Einwanderern umzugehen, scheint zu versprechen, diesen Schutz am ehesten gewährleisten zu können. Es ist ein Teufelskreis: Menschen mit Migrationshintergrund werden sozial an den Rand gedrängt, einige reagieren mit Frustration, Aggression, Radikalisierung, werden zur leichten Beute für Islamisten. Attentate richten sich blind gegen „den Westen“, der zum Synonym für alles Böse in der Welt geworden ist. Es fühlen sich schließlich auch die verprellt, die immer Offenheit und kulturelle Vielfalt gepredigt haben. Die Frage kommt auf, ob es auch falsche Toleranz gibt, ob man es damit nicht vielleicht übertrieben hat. Alle sind sich einig, dass Grenzen gesetzt werden müssen. Rechte Kräfte sehen sich bestätigt. Haben sie es nicht schon immer gesagt? Zunehmende Fremdenfeindlichkeit macht es auch den (vielen) Migranten schwer, die sich immer wieder von Islamismus und Terrorismus distanziert haben. Wozu haben sie das eigentlich getan, wenn man sie ohnehin nicht ernst nimmt?! Haben nicht vielleicht doch die recht, die gesagt haben, dass der Westen sie nicht will, dass sie hier nie zu Hause sein werden?! Lohnt es sich, zu kämpfen? Und wenn ja, mit welchen Mitteln?

Versteht man es als Mahnung, dann ist das mit dem „Bürgerkrieg“ vielleicht nicht so übertrieben, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Antwort darauf kann allerdings nur darin bestehen, einen kühlen Kopf zu bewahren, zu versuchen, Freund und Feind voneinander zu trennen, auch wenn die Hinterhältigkeit des Terrorismus‘ des 21. Jahrhunderts einem das nicht gerade einfach macht. Ich drücke euch da drüben westlich des Rheins die Daumen, uns hier übrigens auch! In diesem Sinne: Vive la République! Keine Chance den Feinden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!

„Radikal“: das Buch zur politischen Großwetterlage

Radikal

In Brüssel ging am Wochenende gar nichts mehr: keine U-Bahn fuhr, die Einkaufzentren blieben geschlossen, die Bevölkerung war angehalten, zu Hause zu bleiben. Ein martialisches Aufgebot an Polizei und Militär fandete nach islamistischen Terroristen. Medien und Internet begleiteten die Aktion. Auch die mittelgroße Stadt Charleroi blieb nicht verschont. Charleroi? Eine Industriekloake, eine Art belgisches Bitterfeld, demnach, was man so hört, hat sicher auch schöne Seiten, aber trotzdem … 2013 waren mehr als 27 % der Bevölkerung in Charleroi arbeitslos, wie auf dem österreichischen Nachrichtenportal „News“ zu lesen ist, die Jugendarbeitslosigkeit soll sogar bei über 40 % gelegen haben. Charleroi also: Heimat von Tristesse und Perspektivlosigkeit, ein Ort, an dem Terror zweifelsohne gut gedeihen kann.

Szenenwechsel: Schlaglicht auf Berlin, die deutsche Hauptstadt, die bislang noch keine Terrorwarnung erhalten hat. Alles wirkt viel aufgeräumter, heller, freundlicher. Hier haben Bionade-Bürger alle Chancen der Welt, egal, woher sie kommen. Das Gleiche gilt allerdings nicht, wenn man Migrant ist und in einem der sozialen Brennpunkte lebt. Trotzdem ist Berlin eine Stadt, in der Vielfalt groß geschrieben wird, zu groß vielleicht, wenn es um weltanschauliche Fragen geht. Ich habe jedenfalls nie eine Stadt erlebt, die derart zersplittert und aufgespalten war in die unterschiedlichsten politischen und philosophischen Mikrokosmen. Hysteriker, Fanatiker und Esoteriker jeglicher Couleur schlagen sich hier gegenseitig die Köpfe ein. Es scheint mehr auf das anzukommen, was einen voneinander trennt, als dass man wirklich miteinander diskutieren könnte. Vielleicht ist auch das ein Klima, in dem Terror und Gewalt gedeihen können …

Als ich den Thriller „Radikal“ des Berliner Journalisten Yassin Musharbash in der Hand hielt, war ich zunächst skeptisch. Würde das Buch sich als intelligent, aber eher „pädagogisch“ erweisen, ein bewusstes Statement gegen Islamophobie? Das wäre durchaus lobenswert, immerhin ist Islamophobie ja ein ernstes Thema, aber kann so etwas gute Unterhaltung sein?

„Radikal“ ist sogar mehr als das: ein Thriller der Extraklasse, dessen Realitätsbezug einem gelegentlich Gänsehaut macht. Da ist der aus Ägypten stammende Grünenpolitiker Lutfi Latif, der integrativ wirken will. Als gemäßigter Muslimer versucht er, Migranten, die sich in keiner Welt so richtig zu Hause fühlen und um ihre kulturelle Identität ringen, mit Deutschen, für die „Probleme“ und „Migrationshintergrund“ nicht zwei Worte für ein- und dieselbe Sache sind, an einen Tisch zu bringen. Historisch gesehen hatten es Menschen, die für Ausgleich sorgen und Kompromisse erwirken wollten, nie leicht. Auch Latif fällt einem Anschlag zum Opfer. Doch wer steckt dahinter? Wirklich Al-Qaida, denen ein „weichgespülter“, „verwestlichter“ Muslim möglicherweise ein Dorn im Auge war? Oder wäre es auch denkbar –  nur so theoretisch – dass jemand, der etwas gegen Muslime hat, so tut, als hätten islamistische Terroristen einen Anschlag verübt, um die Bevölkerung aufzuhetzen? Aber wer würde so weit gehen? Und wie leicht gerät man unter Verdacht?

„Radikal“ ist 2011 erschienen, den Hintergrund des Thrillers bildet – das schwingt beim Lesen immer mit – Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, das Migration scharf kritisiert und sich v. a. an der schwierigen Integration der Nachfahren der sog. „Gastarbeiter“ abarbeitet. Allerdings erzählt „Radikal“ auch von einer paranoiden Stimmungslage, bei der Vorurteile zu Gewissheiten werden, an die man sich in unsicheren Zeiten klammern kann und ist damit hochaktuell. Davon abgesehen ist es ein intelligenter Krimi, den man sich nicht entgehen lassen sollte – meine Meinung: nicht nur Prädikat „pädagogisch wertvoll“ sondern absolut empfehlenswert!

*„Radikal“ von Yassin Musharbash, 2011 im Kiepenheuer & Witsch-Verlag (Köln) erschienen.

*Hinweis: Um Verschwörungstheorien nicht anzuheizen  – denn das wäre sicher das schlimmste, was man derzeit tun kann – Laila Phunk ist der Meinung, dass es in brenzligen Situationen (und auch sonst) immer das Beste ist, Stimmungsmache – für oder gegen wen auch immer – zu vermeiden. Genau um dieses Problem dreht sich „Radikal“.

Nous n’avons pas peur! Wir haben keine Angst! … oder vielleicht doch?

Im Sommer 2014 gerieten der Islamwissenschaftler und – wie er selbst sagt – „Reformsalafist“ Tariq Ramadan (vgl. Wikipedia) und der französische Rapper Booba (vgl. Wikipedia) im Internet aneinander. Stein des Anstoßes war der Israel-Palästina-Konflikt. Booba fand es verlogen, im Internet großmäulig aufzutreten und positionierte sich „ni pro-Israélien ni pro-Palestinien ni pro-zobi“. Ramadan hielt dagegen, dass es erst recht verlogen sei, den unterdrückten Palästinensern nicht zumindest moralisch zu Hilfe zu kommen (genau nachzulesen ist die Debatte u. a. im Figaro). „Wesh Tarik (sic) t’as un C.A.P. secrétariat ou quoi?“ (sinngemäß etwa: „Yo, Tariq, hast Du den Horizont von ’ner Tippse, oder was?“) ereiferte sich daraufhin der Rapper. Die meisten der Maulhelden, die im Internet mit markigen Worten Krieg auf Seiten der Palästinenser führten, seien Afrikaner (bzw. afrikanischsstämmige Franzosen), „(…) mais on n’les entend pas quand ca se passe quotidiennement sur leur propre continent“ (sinngemäß etwa:“(…) aber keiner hört sie, wenn das auf ihrem eigenen Kontinent Alltag ist.“) … heißt es in einem musikalisch unterlegten Positionspapier, das auf Youtube im Rahmen der Debatte veröffentlicht wurde (hochgeladen unter dem Account „akounach ismail“, Zugriff am 17. Nov. 2015). Die Reaktionen anderer frankophoner Rapper, wie z. B. Cortex sind dort ebenfalls  zu finden.

DIE KULTUR DER UNDERDOGS?

Man kann sich fragen, was ein Haufen martialisch auftretender Typen mit Basecap und Goldkettchen mit den grausamen Attentaten zu tun hat, die sich am letzten Freitag in Paris ereignet haben. Eigentlich nichts. Genau wie der Israel-Palästina-Konflikt ein anderes Thema ist als der Krieg in Syrien. Die Attentäter von Paris handelten im Auftrag des „Islamic States“ („Daesh“). Es besteht kein Zweifel daran, dass sie vor allem die westliche Art zu leben angreifen wollten – Musik, Cafés, Bars, Amüsement, damit auch Rap. Die Diskussionen, die Booba, Cortex und andere im Internet geführt haben, haben nichts mit den Attentaten zu tun, aber vielleicht sind sie eine Art Spur, die zu dem Setting führen kann, in dem – manchmal – Terror gedeiht: Aggression und Frustration, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, der Wunsch, endlich mal stark zu sein, hart durchzugreifen und etwas zu bewegen, den – aus der eigenen Sicht – Schwachen zu helfen und es dann doch dabei zu belassen, ein paar Zeilen in die Tastatur vom Computer zu tippen, über die sich die Welt aufregen kann oder auch nicht.

PLÖTZLICH EUROPÄER

Als am Wochenende in einer Talkshow, ich glaube, es war bei Jauch, gesagt wurde, dass die Attentäter von Paris ja Franzosen gewesen seien, so wie die islamistischen Gefährder überhaupt Einheimische seien: Deutsche, Franzosen, Europäer, hat mich das erst einmal wütend gemacht. Ich weiß, gemeint war: es waren keine Flüchtlinge. In Deutschland muss man so etwas vor dem Hintergrund der neu erstarkten Rechten lesen. Es bringt nichts, auf Flüchtlinge loszugehen, wenn man Islamisten bekämpfen will. Damit trifft man nicht nur die Falschen, man heizt auch ein Klima der Feindseligkeit und der Gewalt immer weiter an. Das sehe ich genauso. Aber dass man die „Gefährder“ jetzt kurzerhand zu „Deutschen“ und „Franzosen“ erklärt hat, finde ich trotzdem nicht richtig. Auch wenn vielleicht immer mal der eine oder andere Konvertit aus der gutbürgerlichen deutschen Mittelschicht dabei ist, es sind eigentlich Migranten – damit will ich sagen: „Deutsche“ und „Franzosen“ „zweiter Klasse“. Das rechtfertigt die Attentate ganz sicher nicht und ich denke, dass man für so etwas auch keine Rechtfertigungen finden kann, aber es ist irgendwie peinlich, wenn die wirklichen „Underdogs“, diejenigen, die Ausgrenzung und Diskriminierung tagtäglich hautnah erfahren, plötzlich zu einem „Teil dieser Gesellschaft“ werden, der sie nicht sind und nie sein durften. Vielleicht ist es unangenehm, zuzugeben, dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht nur bloße Worthülsen sind, sondern höchstreal und dass sie im Zweifelsfall zu Gewaltausbrüchen führen können. Man halte sich – als Gegenbeispiel – nur mal die ganzen Upper-Class-Kids der letzten Jahre vor Augen, die unbedingt „anders“ sein wollten – als ob etwas dabei gewesen wäre, zu sagen, dass man selbst Vorteile im Leben gehabt hat und sich trotzdem oder gerade deshalb gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung stark machen will. Das hätte ich cool gefunden und da hätten ja auch alle mitmachen können. Aber dann war da der schlesische Opa, der einem die Aura des „Migrationshintergrundes“ geben sollte oder die sexuelle Orientierung, die man so lange gedreht und gewendet hat, bis daraus ein „Lifestyle“ wurde, etwas, das allen „zustand“, jedenfalls allen mit dem „richtigen“ sozialen Background. Das haben Lifestyles ja so an sich.

INVESTIERT IN DEN ZUSAMMENHALT DER GESELLSCHAFT!

„Diversity“ und „Minderheitenförderung“ war viel zu lange vor allem eine auf Hochglanz polierte Fassade, die an die Werbeplakate der italienischen Modefirma Benetton aus den 1980er Jahren erinnerte: „United Colors“, bunt und smart, aber irgendwie auch brav, jedenfalls lange nicht so provokant wie behauptet. Leider waren es die kleinen Möchtegern-Gangstaz, die die „Minderheitenförderung“ dringend gebraucht hätten. Und sie hätte ihnen auch zugestanden, sehr viel mehr als vielen anderen. Leider hat man aber zu lange versäumt, z. B. „Deutsch als Zweitsprache“ an Schulen in sozialen Brennpunkten als Unterrichtsfach einzurichten. Es schien, als sei es nicht so nötig, da zu investieren, wo allein schon die Adresse auf dem Bewerbungsschreiben zu einer Absage für die Wunschausbildung oder den favorisierten Job führen würde. Die Migranten, die vor den Flüchtlingen kamen, hat man einfach zu lange allein gelassen. Immerhin waren da ja auch noch die Kinder der migrantischen Oberschicht, die als „Vorzeigemigranten“ herhalten konnten, wenn man sagen wollte „Es geht doch, wenn man nur will.“

FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT – FÜR ALLE!

Es geht eben nicht, womit ich nicht sagen will, dass aus Menschen mit Migrationshintergrund entweder Kleinkriminelle oder Terroristen werden, wenn sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen und im Ghetto aufwachsen – damit täte man den vielen Unrecht, die einfach nur in Frieden leben wollen und ökonomisch irgendwo im ehrbaren unteren Mittelfeld herumkraxeln. Die Schlussfolgerung: Migrant, arm, Muslim = Gefahr ist falsch. Ebensowenig ist jeder Flüchtling aus dem Nahen oder Mittleren Osten ein potentieller Kämpfer im Dienste des „Kalifats“. Die meisten fliehen gerade davor – und es ist sicherlich richtig, das auch noch einmal klarzustellen, wie es viele Politiker und Medienleute in den letzten Tagen getan haben. Einige wenige sind aber vielleicht auch doch dabei, die aus den Regionen, wo IS und Al-Qaida stark sind, stammen und mit dem islamistischen Extremismus sympathisieren. Leider haben Bürgerkriege es so an sich, dass es verschiedene Fronten gibt und alle Beteiligten leiden. Man weiß es nicht. Alle über einen Kamm zu scheren, wird uns trotzdem nicht besser vor Terror schützen. Das kann nur eine starke Zivilgesellschaft, die Platz für Andersartigkeit und Vielfalt lässt und immer wieder Chancen gibt, aber auch da Grenzen setzt, wo die Gefahr besteht, dass die Freiheiten und die Würde anderer herabgesetzt werden oder sogar ihr Leben bedroht ist, egal, wer diese „anderen“ sind. Das ist nicht gerade einfach, aber es ist vielleicht der einzige Weg …

Dans la mémoire des victimes des attentats du 13. novembre.

 

Rechts bringt’s nicht! Rechte Politmythen im Faktencheck bei Laila Phunk

Pegida, Hogesa, Kö – was? Das Spektrum rechter und rechtspopulistischer Gruppierungen wird immer unübersichtlicher, aber sie sind fast täglich in den Medien und scheinen mächtig Zulauf zu haben. Klar, dass so viele Flüchtlinge kommen, macht vielen Angst. Trotzdem – muss man deshalb gleich rechten Rattenfängern hinterherlaufen? Und – haben die politisch überhaupt etwas Sinnvolles zu bieten? Laila Phunk macht den Faktencheck und wirft dabei auch mal einen Blick zurück in die Geschichte. Wenn Opa sagt, dass früher alles besser war, hat er nämlich so einiges unterschlagen!

1. „Gewalt – denn manchmal muss man schon etwas deutlicher werden!“

Asylbewerberheime anzünden oder das Attentat auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker – manche scheuen sich nicht, auch Gewalt anzuwenden, um ihrer politischen Meinung Nachdruck zu verleihen. Allein schon der Name „Hogesa“ – „Hooligans gegen Salafisten“ sollte einen aufhorchen lassen. Klar, das rechte Spektrum ist breit und Rechtspopulisten kann man sicherlich nicht immer mit Nazischlägern in eins setzen. Dennoch – hier und da gibt es Querverbindungen und wer mit dem rechten Milieu liebäugelt, sollte vorsichtig sein. Schließlich erinnert sich doch wohl jeder daran, wie es war, als man selbst 6 Jahre alt war und die großen Jungs auf dem Schulhof einen immer schikaniert haben. Da war man doch froh, als die Lehrerin eingegriffen und ein Machtwort gesprochen hat. Auch wenn man erwachsen ist, gibt’s immer mal Momente, in denen man unterlegen ist. Das sollte man sich vor Augen halten, dass das Recht des Stärkeren – wenn man schon darauf pocht – eben auch dann gilt, wenn es sich gegen einen selbst richtet. Ganz abgesehen davon, dass, wer aus „politischen Gründen“ zuschlagen muss, offenbar keine Argumente hat – und will man solchen Leuten wirklich die Geschicke unseres Landes anvertrauen? Ganz klar NEIN!

2. „Islamistischen Terror bekämpfen!“

Wer damals nicht noch im Kindergarten war, erinnert sich wahrscheinlich an den Horror von Nine-Eleven. Natürlich ist islamistischer Terrorismus eine Gefahr und klar, je mehr Muslime im eigenen Land leben, desto mehr erhöht sich rein rechnerisch die Gefahr, dass auch Terroristen unter ihnen sind. Allerdings nur rein rechnerisch, denn wer Böses vorhat, kann das auch von außen tun: Die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sind das beste Beispiel dafür. Leider sind Terroristen meistens so hinterhältig, dass sie gerade dann zuschlagen, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet.

3. „Der Islam passt nicht zu uns!“

Ja, der Islam ist eine fremde Religion, aber dass er nicht zu Europa gehört, ist nicht ganz korrekt. In Bosnien-Herzegowina und Albanien leben seit vielen Jahrhunderten Muslime. Da diese Länder auch lange Zeit sozialistisch waren, sind viele ältere Menschen nicht so besonders gläubig. Andere, denen Religion wichtig ist, leben das wie viele gläubige Katholiken in Deutschland: Sie bemühen sich, während des Ramazans Verzicht zu üben, meiden Schweinefleisch, beten Freitags in der Moschee und pflegen vielleicht auch ein etwas konservativeres Weltbild. „Bedrohlich“ ist das ganz sicher nicht, außer man stört sich auch an einem eher provinziellen, altbackenen Katholizismus. Zum Glück haben solche Leute aber heute nicht mehr über alles zu bestimmen und in Deutschland wird niemand mehr ausgegrenzt, nur weil er oder sie nicht dem Geschmack einiger verbohrter Traditionalisten entspricht. Zumindest sollte das so sein.

4. „Man muss sich gegen zuviel Überfremdung wehren!“

… auch dann, wenn sich das eigene Leben gar nicht ändert? Eigentlich ist es nicht so geplant, dass Deutsche kein Eisbein mit Sauerkraut mehr essen dürfen, der Advent nur noch heimlich gefeiert werden darf und Bier fortan auch Tabu ist. Also keine Panik! Sicher gibt es Leute, die schon mal unangenehme Erfahrungen mit Ausländern, vielleicht auch mit Muslimen, gemacht haben: Die Freundin wurde dumm angemacht, weil der Rock in den Augen einiger muslimischer Jungmannen zu kurz war, die türkische Gang von nebenan hat einen auf dem Kieker und in der Schule geben sie sowieso den Ton an, als Schwuler hast Du vielleicht schon mal richtig was drauf gekriegt, usw. – all das will ich hier nicht kleinreden! Natürlich gibt es Regeln, an die sich jeder halten muss, aber mach Dir klar: Idiot ist Idiot und zwar überall!!! Es liegt nicht an der Nationalität oder gar an der Ethnie, ob jemand rücksichtslos, gemein, gewalttätig und/oder kriminell ist. Und last but not least: Wenn Du gar nichts Fremdes magst und Dir alles, was anders ist, irgendwie suspekt ist: Smartphones, Internet, Games, Hip-Hop-Style, Comics, Graffiti – die Liste mit – je nach Geschmack – netten Sachen, die alle irgendwo anders her stammen, ist lang. Es ist sicher auch etwas für Dich dabei!

5. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg!“

Ja, jetzt kommen wirklich sehr viele Flüchtlinge und alle auf einmal. Klar hoffen die meisten, hier einen guten Job zu finden und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass es dadurch eng auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt werden wird. Nur muss man dafür Lösungen finden: Man kann Häuser bauen, Flüchtlinge und deutsche Schulabbrecher könnten gemeinsam eine Ausbildung machen und sich gegenseitig mit der Sprache bzw. fachlicher Kompetenz unterstützen, man könnte auch Kleinunternehmer stärken, so dass Flüchtlinge und Deutsche sich selbst eine Existenz aufbauen könnten – vielleicht gibt es noch mehr Ideen – man muss sie nur denken! Ansonsten ist es jetzt Zeit für einen Ausflug in die Geschichte, denn ich möchte mal anmerken, dass ich noch von keiner rechten Bewegung ein Sozialprogramm gehört habe, dass diesen Namen auch halbwegs verdient hätte. Die Nationalsozialisten gaben sich seinerzeit tatsächlich „sozial“. So sagt es ja auch der Name und der sagt auch, dass das alles nur für Deutsche gelten sollte. Jetzt kannst Du natürlich sagen: Kein Problem, Du bist ja Deutscher, aber um genau zu sein, hatten die Nazis nur bestimmte Deutsche im Auge: Jung, gesund und stark sollten sie sein. Jetzt kannst Du wieder sagen: Kein Problem, Du bist ja jung, gesund und stark, aber sei ehrlich: Auch Du wirst mal alt und kannst Du sicher sein, dass Du nie krank wirst? Schwäche zeigst? Außerdem haben die Nazis die Leute einfach ausgetrickst: Es gab zwar viel Arbeit für jeden (der so war, wie sie sich Deutsche vorstellten), aber nur kurzfristig: z. B. im Autobahnbau, denn die Autobahnen brauchte man für den Krieg. Ohne Krieg also keine Jobs und das ist doch von der Logik her einfach nur daneben! Die Flüchtlinge aus Syrien hätten da sicher eine ganze Menge zu zu sagen. Wenn Krieg Jobs ohne Ende bedeuten würde, würden sie nicht nach Deutschland fliehen …

6. Fazit:

Wenn Du Kritik hast an der Flüchtlingspolitik oder auch nur an der Gang bei Dir im Viertel – äußere sie! Aber distanziere Dich klar von rechts! Es bringt einfach nichts! Lass Dir auch nicht von Leuten über den Mund fahren, die meinen, jede Kritik sei irgendwie „faschistisch“ und dass Du damit angeblich schon die Nazis unterstützt! Das ist Schwachsinn! Das Gegenteil ist der Fall: Wer sagt, was ihm oder ihr nicht passt, bringt zum Ausdruck, dass er oder sie ernsthaft an einer Lösung interessiert ist. So schaffen wir das!