Edition F: Frauen zwischen Business-Etage & Latte macchiato

… MUSS JA NICHT UNBEDINGT ETWAS SCHLECHTES SEIN

She-Boss: Frauen und Business, ein heikles Thema, denn die moderne Frau von heute will nicht Heimchen am Herd sein und trotzdem ist „Karrierefeminismus“ à la Sheryl Sandberg out. Das zu betonen ist v. a. den zur Zeit so angesagten Queerfeministinnen wichtig und die geben immerhin was Frauenthemen betrifft, die Marschrichtung vor. In diesem Dilemma ein Online-Magazin für Frauen zu gründen, das seine Zielgruppe erreicht und den Schwerpunkt „Business“ dabei nicht aus den Augen verliert, ist zweifelsohne ein gewagtes Unterfangen. Dennoch, der Erfolg scheint Edition F recht zu geben, wie Nora Burgert-Arp das Magazin Ende 2014, nur kurz nach der Gründung, auf Meedia bereits euphorisch gelobt hat. Und es stimmt, selbst wenn frau sich kaum für Feminismus interessiert und keinerlei Anbindung an die hippe, großstädtische Frauenszene hat – Edition F kennt man irgendwie.

Allerdings ist das Stichwort Vernetzung gleich wieder ein Dämpfer: Vielleicht muss man nur ein bisschen hinter die Kulissen schauen und dann wirkt es eher so, als ob hier junge, hippe Frauen, wie – vielleicht – Nora Burgard-Arp, junge, hippe Magazine wie Edition F pushen, weil dahinter ebenfalls junge, hippe Frauen stehen und frau die Connection vielleicht noch einmal brauchen kann. Das klingt hart und missgünstig, aber es ist das, was der Kommentar von UserIn „Foska“ nahelegt, die Burgard-Arps Artikel als „unnötig einseitig“ kritisiert und darauf verweist, dass es „zahllose andere, ähnliche Initiativen“ gebe, die nur weitaus weniger mediale Aufmerksamkeit als Edition F erhielten. Das stimmt. Aber Nora-Burgard-Arp hat auch recht, wenn sie Edition F ein „Alleinstellungsmerkmal“ attestiert: Tatsächlich haben andere Business-Magazine von Frauen für Frauen andere Schwerpunkte: Jedes für sich genommen lohnt, gelesen zu werden – vorausgesetzt eben, einen interessiert die jeweilige Schwerpunktsetzung.

Auch bei Edition F macht’s die Mischung: Zu den Artikeln gibt’s eine regelmäßig aktualisierte Jobbörse mit handverlesenen Jobangeboten, alle aus dem Bereich Medien und Kreatives, und Webinare, also Online-Seminare, als berufliches Weiterbildungsangebot. Der Anspruch, nicht nur ein Magazin für Frauen mit beruflichen Ambitionen sein zu wollen, sondern auch eine Community, eventuell sogar ein Karrierenetzwerk für Frauen, ist gut umgesetzt: Die entsprechende Zielgruppe wird konsequent und zielstrebig angesprochen: Hauptsächlich, so der erste Eindruck, geht es um junge Akademikerinnen, zumeist Geisteswissenschaftlerinnen, die „was mit Schreiben“ machen wollen und irgendwie eine kreative Ader haben. Die ideale Leserin von Edition F ist vermutlich die typische „Prenzlauer-Berg“- oder auch „Latte-macchiato-Mutti“, die Germanistik, Pädagogik oder Kunstgeschichte studiert hat und, da es ihr in den hart umkämpften Wunschberufen Journalismus, PR, Öffentlichkeitsarbeit und Digitales zunächst nicht gelungen ist, beruflich Fuß zu fassen, jetzt für’s erste zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert.

Das spiegelt sich – im positiven Sinne! – auch in den Artikeln wieder: immer gut geschrieben und professionell für’s Web aufbereitet, dabei aber zwischen „Leser(in)artikel“ und klassischem Journalismus changierend, wird der Community-Gedanke glaubwürdig und gewissermaßen als „Corporate Identity“ vermittelt. Thematisch kommen z. B. „Mompreneurinnen“ zu Wort, Mütter, die nebenher ein kleines Start up am Laufen haben, z. B. einen Online-Shop, und junge Geisteswissenschaftlerinnen, die Zweifel, Sehnsüchte und Probleme in der Berufswelt offen ansprechen, über die wohl jede Frau aus diesem Bereich schon mal nachgegrübelt hat. Lena Lammers z. B. schreibt „Vieles spricht gegen meinen Berufswunsch – warum ich es trotzdem durchziehe“. Von da aus werden einem viele andere, für prekär lebende „brotlose Künstlerinnen“ mindestens ebenso interessante Artikel empfohlen und wie bei jedem guten Online-Magazin erlaubt es die Kommentarfunktion, miteinander ins Gespräch zu kommen, sofern man bzw. frau das will. Die Strategie von Edition F, von Frau zu Frau zu sprechen, geht jedenfalls auf. Lifestyle-Artikel mit aussagekräftigen Titeln, wie „Maxine: „Fast alle Ballettschülerinnen hatten eine Esstörung und die Lehrer wussten das““ (von Marcia Scharf) oder „Warum wir jetzt alle Yoga zu Hause machen wollen“ (von Edition F) sorgen außerdem dafür, dass es nicht beim trockenen „Business only“ bleibt und halten die ursprünglich vielleicht nur mäßig wirtschaftsaffine Community bei der Stange.

Allerdings – so toll der Community-Gedanke auch ist und so sehr er dem Zeitgeist entsprechen mag, wie Nora Burgard-Arp schon 2014 auf Meedia geschrieben hat – in der engen Zuspitzung der Zielgruppe liegt gleichzeitig auch eine Schwäche von Edition F bzw. es ist der Grund, weshalb es eben doch kein „richtiges“ Business-Magazin für Frauen ist und in dem Bereich wohl die anderen, kleineren, aber inhaltlich focussierteren Angebote, von denen UserIn „Foska“ gesprochen hat, die Nase vorn haben: Edition F ist eben wirklich für die „Prenzlauer-Berg-Mutti“ (auch wenn die in München-Schwabing oder Düsseldorf wohnt), sprich für junge, materiell angesicherte Frauen, denen es weniger ums Geld verdienen geht, als um berufliche Selbstverwirklichung und die Eitelkeit, nicht nur „Mutti“ oder „Ehefrau von …“ zu sein. Das ist nichts Falsches. Ganz im Gegenteil: Es ist ein wichtiger Motor und warum sollten Frauen denn auch nicht ihren Beitrag zum öffentlichen Leben leisten wollen? Nur kommt der Aspekt „Geld“, der ansonsten beim Thema „Business“ das A & O ist, bei Edition F eben trotzdem ein bisschen zu kurz.

Dabei gehen die Macherinnen Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert selbst eigentlich ganz bodenständig damit um: Das Magazin kann jede gratis lesen, für die Webinare muss jedoch gezahlt werden und offenbar ist, wie Eva Fischer auf Meedia schreibt, auch ein kostenpflichtiger Premiumbereich geplant. Die Mischung Gratis-Basisangebot und Premium-Account mit allerlei Extras gegen Geld hat sich im Internet mittlerweile bewährt und ist den UserInnen gegenüber auch verhältnismäßig fair. Immerhin können alle partizipieren und ein bisschen Geld kommt trotzdem in die Kasse.

Dennoch: Edition F hat bereits mehrere Investitionsrunden hinter sich, wie Eva Fischer berichtet, und als jemand, der nicht in der Welt der Start ups zu Hause ist, stolpert man beim Lesen von Fischers Besprechung des Frauenmagazins unweigerlich über den Satz: „Die schwarzen Zahlen sind nicht mehr weit weg.“. Zwar ist das noch mal ein dickes ein Lob für Edition F, denn bekanntlich gelingt es jungen, ambitionierten Start ups gerade im journalistischen Bereich kaum, sich überhaupt nennenswert lange am Markt zu halten, aber nichtsdestoweniger ist damit auch gesagt: ohne mehrfache kräftige Finanzspritzen und ein solides finanzielles Backing der Macherinnen, vermutlich von privater Seite, wäre Edition F nicht möglich. Fazit: Zum Lesen wärmstens empfohlen, in punkto „Business“ jedoch, da hat KommentatorIn „Foska“ (siehe oben) recht, eher eine von vielen. Aber das muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein …

Quellen:

  • Art. „6 Gründe, warum alle Edition F lieben“ v. Nora Burgard-Arp, Meedia, 04. 12. 2014.
  • Art.: „Edition F: das Webmagazine für karrierebewusste Frauen macht selbst Karriere“ v. Eva Fischer, Meedia, 29. 09. 2016.
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Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

Wieviel Berlin steckt in Bernie Sanders?

„Louisiana for Bernie“ – der Tweet fiel mir gestern in der Timeline zu den #USElections sofort auf. Ich habe nur „Bernie“und irgendwas mit „Pizza“ gelesen, Bernie Sanders offenbar, der linksaußen Shootingstar, der es bei den US-Demokraten mit Hillary Clinton aufnehmen will. Der Tweet sah ein bisschen nach Berlin aus: hellblau mit Wölkchen, eine kleine Gestalt, die sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt hat, gezeichnet und mit Schreibschrift, so betont handmade, der absolute Gegenentwurf zu unserer durchtechnisierten Welt. So etwas verbinde ich normalerweise mit alternativen Designermärkten und Upcycling, Orte, wo sich junge, hippe Leute ‚rumtreiben. Ist Sanders so ein Hipsterpolitiker? Der Sohn polnischer Einwanderer bringt ganz schön frischen Wind in die US-Politik: Gegen Studiengebühren, für – vielleicht – die Legalisierung von Hanf und eine Reichensteuer. Das jedenfalls spuckt einem Wikipedia zu Sanders aus.

Andererseits kommen mir Hipster oft eher konservativ vor: freie Drogen, freie Liebe, klar, aber auch sehr konservative Moralvorstellungen. Manchmal sind sie homophob, oft frauenfeindlich und manchmal erschreckend neoliberal, geradezu wirtschaftshörig. Wobei man aber sagen muss – es ist sehr schwer, Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden. Bedeutet Sharing Economy z. B., dass man aus allem, selbst aus dem Privatesten noch ein Business machen muss, wie Harald Staun es nahelegt, der sich als Feuilletonist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem recht aussagekräftigen Titel „Der Terror des Teilens“ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und macht Sharing Economy ehemals stolze Vollzeitberufe, mit denen man noch eine Familie ernähren konnte, zu bloßen Zuverdiensten, wie man es dem Fahrservice Uber nachgesagt hat? – Einen Artikel, der die Lage in Berlin resümiert, kann man u. a. bei der Berliner Zeitung nachlesen – Oder ist die Ökonomie des Teilens am Ende eine Art Selbsthilfe von Leuten, die etwas von der Welt sehen und face-to-face interagieren wollen, die aber wissen, dass sie irgendwie auch Geld verdienen müssen. Den geraden Weg über eine kaufmännische Ausbildung und/oder ein BWL-Studium sind die wenigsten von ihnen gegangen. Was machen kreative Köpfe also? Intelligente Menschen, die niemand praktisch angeleitet hat, denen man aber irgendwie zutraut, dass sie schon wissen, was sie tun?

Aber hm, das führt jetzt alles ziemlich weit von Bernie Sanders weg. Ich habe eigentlich nichts Neoliberales von ihm gehört. Wobei ich zugeben muss, dass ich überhaupt nur hier und da im Internet mal in den US-Wahlkampf ‚reingezappt habe. Dabei stolperte ich u. a. über den Begriff „Bernie Bros“. Vox.com klärt über das Phänomen näher auf: junge, internetaffine Männer, die Bernie Sanders supporten und dafür im Netz schon mal Menschen zu nahe treten, besonders gern Frauen. Das Foto, das den Vox.com-Artikel ziert, löste sofort Antipathien bei mir aus: Der gleiche Typ Lambswoolpulli-tragender, vitaler Jungmannen, der in Berlin regelmäßig die Veranstaltungen verschiedener linker Parteien bevölkert und auch im linken Medienbereich dominiert. Allerdings – kann man wirklich vom Aussehen auf die Anliegen dieser jungen Männer schließen? Annehmen, dass sie sich nicht aufrichtig für die Armen und Schwachen einsetzen, weil sie eben selbst doch gebildeter sind, bessere Beziehungen haben, sich besser durchsetzen können und insgesamt weniger düstere Zukunftsaussichenten haben als andere? Manches, was in Berlin passiert, ist eine Farce und eher eine Pervertierung linker Grundgedanken. Aber das gilt lange nicht für alle, die sich in diesem Bereich engagieren. Auch nicht für alle jungen Männer. Vox.com klärt seine LeserInnen dann auch darüber auf, dass die Lambswoolpulli-Träger auf dem Foto vermutlich noch nie jemanden belästigt haben.

Ich weiß nicht, was ich über den Wahlkampf der us-amerikanischen Demokraten denken soll. Irgendwie hätte ich das nie im Leben gedacht, dass aus dem Mund eines US-Amerikaners mal das Wort „Sozialismus“ kommt, auch wenn es wohl eher wie in Italien gemeint ist, wo „Sozialismus“ „Sozialdemokratie“ meint und nicht so sehr im deutschen Sinne, wo man „Gulag“ darunter versteht. Krass! Und immerhin, wer auch immer in den USA regiert, wird eine Menge Druck auf Europa ausüben …

Allerdings ich hatte gestern auch noch ein anderes Bild in der Timeline: Die „Trump_Campaign“ (wer auch immer sich dahinter verbirgt) twitterte eine zweite Amrika-Phantasie: Ein künstlich-Blonder mit Zahnpasta-Werbung-Lächeln in einem Trupp bis an die Zähne bewaffneter Polizisten – jeder eine schussichere Weste und die Maschinenpistole im Anschlag. Donald Trump, der Kandidat der Republikaner. Aber wer weiß, Rechtspopulismus wird auch in Europa immer hipper. Vielleicht wird ja auch das demnächst „typisch Berlin“ sein: der Rambo, der hart durchgreift, egal, was die linken „Heulsusen“ sagen. Egal, bin erst mal gespannt, wie das in Amerika ausgeht.

Let’s start a Start-Up!

Im Berliner Prenzlauer Berg zwischen all den Latte-Macchiato-Muttis wurde der eierlegenden Wollmilchsau der Kaffee zu teuer. Sie hatte gesehen: Manche Frauen hatten aus der Not, keinen Job gekriegt zu haben, einfach die Tugend, sich ganz besonders der Kindererziehung zu widmen, gemacht. Die eierlegende Wollmilchsau meint, dass jede Frau selbst entscheiden sollte, ob sie Vollzeitmutter sein will oder Karrierefrau oder Kinder und Beruf irgendwie unter einen Hut bringen will. Dass man ihrer Generation die Entscheidung aber gewissermaßen abgenommen hatte und nun auch noch über die ganzen „Turbo-Muttis“ gelästert wurde, fand sie irgendwie nicht fair. Die eierlegende Wollmilchsau wollte keinen „Versorger“. Heiraten kam also nicht in Frage. Sie wollte sich lieber die quirlige Berliner Kreativszene einmal genauer angucken.

EINFACH MAL WAS EIGENES MACHEN

Stadtteile wie Kreuzberg oder ganz besonders Neukölln locken mit unzähligen kleinen Galerien und Cafés, fantasievollen Shops und einfallsreichen Start-Ups. Berlin scheint nur so überzusprudeln vor Ideen und in allem steckt offensichtlich viel Herzblut drin. Die eierlegende Wollmilchsau ist begeistert. Das geht also auch: Wenn einen einfach niemand für einen Nine-to-Five-Job haben will, dann eben einfach ab in die Selbstständigkeit. Immerhin sind sowieso viele Jobs für Geisteswissenschaftler nur noch „Freelance“, also mit anderen Worten: Man ist eh‘ selbstständig und für alles allein verantwortlich: Krankenversicherung, Rente und statt ALG I eben direkt Hartz-IV, wenn man zum Leben nicht genug erwirtschaften kann.

Also: Wenn einem alle Türen verschlossen bleiben, warum nicht sich selbst einfach eine Hütte zusammenzimmern? Doch genau da liegt auch das Problem: Man braucht Baumaterial, also Startkapital und wer sagt einem, dass ein windschiefes, nur mit Sperrmüll und dem Allerbilligsten zusammengeschustertes „Eigenheim“ auch wirklich den ersten harten Winter übersteht? Selbstständigkeit ist ein Risiko, nicht nur, aber vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Und dann: Man ist ja kein Architekt, sprich: Man ist kein Experte. Eigentlich hat man von gar nichts Ahnung und muss sich alles autodidaktisch aneignen. Für das eigene Business bedeutet das: Businessplan, Buchhaltung, Grundkenntnisse in BWL, usw..

OHNE NETZ UND DOPPELTEN BODEN

Die eierlegende Wollmilchsau sieht, dass viele Cafés, Galerien und Geschäfte nicht lange Bestand haben. In One-Man- bzw. One-Woman-Unternehmen stehen die Leute den ganzen Tag im Laden und schlagen sich dann die Nächte mit dem Orga-Kram um die Ohren. Selbst wer es schafft, auf Dauer schwarze Zahlen zu schreiben, gibt irgendwann auf, weil niemand grenzenlos belastbar ist. Burn-Out ist vorprogrammiert. Da ist die Arbeit „im Kollektiv“ wahrscheinlich sinnvoller. Auch wenn auch das gewisse Probleme mit sich bringt. Denn es gibt eben genug Leute, die sich selbst die nächsten sind….

Die eierlegende Wollmilchsau tut sich um und erfährt, dass manche Start-Ups – oft die, die ihr ganz besonders gut gefallen – eine sehr lange Vorlaufphase hatten und – selbst wenn sie sich ganz gut anlassen – noch lange nicht abzusehen ist, dass die Leute, die sie gegründet haben, auch von ihnen leben können.

„ARM ABER SEXY“

Die eierlegende Wollmilchsau ärgert sich. Berlin pumpt sich mit seinem „arm, aber sexy“*-Image auf und lockt jede Menge Leute, Touristen, Investoren und Unternehmer an und alle wollen sie profitieren von der bunten Mischung der Stadt, von der Coolness und Kreativität, vom Charme des prekären Leben, aber keiner will etwas tun für die Leute, die für diesen Ruf verantwortlich sind.

Wütend schiebt sich die eierlegende Wollmilchsau an neugierigen Touristen, erlebnishungrigen Studenten und arroganten Rich-Kids vorbei. Vielleicht ist das hier ganz cool, wenn man Sohn oder Tochter eines berühmten Schauspielers ist oder aber nur für ein paar Tage in der Stadt. Ansonsten scheint hinter der farbenfrohen Fassade nicht viel zu stecken. Unterschwellig ist überall Aggression spürbar. Altlinke hetzten gegen Hipster. Hipster benehmen sich, als gehörte die Welt ihnen allein. Minderheiten gehen sich gegenseitig an die Gurgel, Schwule haben Stress mit Migranten, Migranten haben Stress mit allen anderen. Niemand mag Touristen oder Schwaben, obwohl sie doch Geld in die Stadt bringen und es ist von Verdrängung die Rede, Gentrification. In Stadtteilen wie Kreuzberg oder Neukölln leben viele von Hartz-IV. Immer mehr müssen auch ihre Wohnungen verlassen, weil die Mieten steigen. Immerhin gibt es genug Leute, denen das „Arm-aber-sexy“-Flair gutes Geld wert ist – Investoren oder Unternehmer oder ihre Kinder.

*“ Berlin ist arm, aber sexy“ ist ein Zitat, das auf den ehemaligen regierenden Oberbürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit zurückgeht.