Die „Hyäne von Auschwitz“ – eine queere Frau? Ad: Carolin Emcke & Hass

Ein Glotzer auf den Hintern, ein Grapscher an den Busen, dumme Anmachen, Bemerkungen à la „Dose auf Dose klappert gut!“ und „Die ist doch viel zu hässlich um heterosexuell zu sein!“ oder: „Ich will aber nicht mit ihr reden, ich will sie nur f…!“, usw.. Nicht alles, was ich hier aufgezählt habe, kam von Frauen. Und nicht alle Frauen, die sich so gebärden, definieren sich als homo- oder bisexuell, queer, transgender, genderqueer, usw.. Dennoch machen die, die es tun, den Löwenanteil aus.

Warum wird eindeutig sexistisches und homophobes Verhalten von Frauen ausgeübt, gedeckt, großzügig toleriert oder zumindest geflissentlich „übersehen“ (bzw. „überhört“)? Zumal von Frauen, die sich fast alle als „Feministinnen“ bezeichnen und ansonsten eigentlich eher damit auffallen, dass sie – so lange es um sie selbst und die eigene Peer-Group geht – Bemerkungen und Verhaltensweisen sehr schnell als sexistisch und/oder homophob („heterosexistisch“) deuten, auch wenn es vielleicht nicht wirklich Anhaltspunkte dafür gibt.

Kaum jemand kann sich Frauen als Täterinnen vorstellen. Noch bis in die 1970er Jahre hinein beharrten namhafte Psychoanalytikerinnen wie Margarete Mitscherlich darauf, dass Frauen von ihrer psychischen Grundstruktur her nicht in der Lage seien, Verbrechen wie den Holocaust, Gewalt von unvorstellbarer Grausamkeit, auszuüben. Dass Frauen im Nationalsozialismus allerdings allenfalls „Mitläuferinnen“ gewesen sein sollen, ist mittlerweile widerlegt.

Frauen können durchaus auch Gewalt. Das beste und zugleich absonderlichste Beispiel dafür ist „die Hyäne von Auschwitz“: Irma Grese (1923 – 1945), deren kurze, aber turbulente Biographie man auf Wikipedia überblicksartig nachlesen kann. 1945 von der britischen Besatzungsmacht als Kriegsverbrecherin erhängt, hatte die zum Zeitpunkt ihres Todes erst 23 Jahre alte Frau ein Register an Gräueltaten auf dem Buckel, bei dem es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft. Unter anderem ist auch von „Sexsklavinnen“ und sadistischen Quälereien von KZ-Insassinnen die Rede, die u. a. dem sexuellen Lustgewinn gedient haben sollen, wie Ulrike Janz in einem Aufsatz in dem Sammelband „Homosexuelle im Nationalsozialismus“* schreibt. Grese soll lesbisch oder bisexuell gewesen sein, war aber wohl auch nicht die einzige, die sich zu sexuellen Misshandlungen an inhaftierten Frauen hinreißen ließ.

Bestätigt das das Bild der bösartigen, psychisch gestörten Lesbe? Eine Frau, die brutaler noch als misogyne Männer einen krankhaften Frauenhass hemmungslos auslebt? Wohl kaum. Es bestätigt nur nicht das Bild der warmherzigen, gefühlvollen und fürsorglichen Frau, genauso wenig, wie es die einseitige Darstellung queerer Frauen als Opfer des Hasses der „Mehrheitsgesellschaft“ und diskriminierender „heteronormativer Strukturen“ bekräftigt, wie es die Publizistin Carolin Emcke und andere heutzutage gern sehen möchten.

Janz schreibt nämlich auch, dass es schwer festzustellen sei, welche der SS-Frauen, die KZ-Insassinnen körperlich und sexuell misshandelten, tatsächlich homosexuelle Neigungen hatten und wo es um eine – zum Teil auch nachträgliche – Sexualisierung sadistischer Verhaltensweisen ging (Janz zitiert hier Insa Eschenbach, die von einer „retrospektive(n) Sexualisierung“ spricht, die sie bei einigen Täterinnen vermutet).

Was hat das alles aber mit dem hier und jetzt zu tun? Der Nationalsozialismus ist als Folie für eine Kritik an der heutigen Queer-Bewegung oder am zeitgenössischen Feminismus zweifelsohne zu stark und natürlich wäre ein inhaltlicher Vergleich absurd. Dennoch fällt, was mögliche sadistische Neigungen betrifft, auf, wie vehement Essstörungen, Borderline („sich ritzen“) und eine aggressive sexuelle Selbstdarstellung („Polyamory“) in beiden Milieus – also sowohl in der Queer-Bewegung als auch im Feminismus – hochgehalten werden.

Verschiedentlich wurde ein Zusammenhang zwischen Pornographie und einer Hypersexualisierung im Alltag auf der einen Seite und einer abnehmenden sexuellen Aktivität, sogar sexueller Unlust auf der anderen Seite festgestellt. Stark vergröbert könnte man sagen: je attraktiver und sexuell aktiver Frauen sein sollen, desto eher sind sie vermutlich sexuell unzufrieden. Das Gleiche trifft auch auf Männer zu. Je wichtiger aber das „sexy Bitch“-Image ist, desto leichter lassen sich Frauen auch als „dumme Schlampen“, „hässliche Lesben“ und/oder „frigide Hexen“ abwerten. Das erklärt vielleicht, warum heterosexuelle Frauen in einigen Fällen bereit sind, misogyne und homophobe Denkmuster von sexistischen Männern zu übernehmen und sie gegen andere Frauen zu verwenden.

Weitere „Gründe“ für sexuell übergriffiges und homo- bzw. lesbophobes Verhalten, die mir persönlich zu Ohren gekommen sind, waren u. a.:

  1. „sexuelle Macht“ (Zitat) über andere Frauen zu haben (zu glauben, sie gegen ihren Willen durch Blicke und anzügliche Bemerkungen „erregen“ zu können (sie „nass machen“, Hipster, Berlin-Kreuzberg).
  2. überhaupt Macht über andere Frauen haben zu können (Eine „schwache“ Frau soll „immer unter dem Pantoffel einer anderen Frau stehen“ (Zitat)), „ihr Schicksal“ zu „sein“ bzw. zu „besiegeln“ (Zitat), sie vorzuführen, immer zuvorzukommen, usw..
  3. andere Frauen aufhetzen und als „homo-“ oder „transphob“ vorzuführen (vermutlich in einer Konkurrenzsituation oder um sich als „Opfer“ aufzuspielen)
  4. andere Frauen in der Öffentlichkeit lächerlich machen (als „Dummchen“ vorführen)
  5. andere Frauen „frigide machen“ (Zitat, ältere Frau, Berlin-Charlottenburg) bzw. „trocken legen“ (Zitat, Hipster, Berlin-Kreuzberg) bzw. eine zügellose Sexualität, ein für Frauen als „zu stark“ empfundenes sexuelles Interesse auf ein als „normaler“ empfundenes Maß zurückzustutzen (jüngere Frau, Berlin Kreuzberg)
  6. andere Frauen „nachträglich“ sexuell zu traumatisieren (vermutlich als „Rache“ für selbst in der Kindheit erlebten sexuellen Missbrauch), sie zu einem gestörten Essverhalten oder zu sonstigen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen zu verleiten (sie „dick machen“ (Zitat), „Diese Frauen hat doch auch niemand vor sich selbst geschützt!“ (Zitat))

Der brachiale, teilweise extrem pubertäre Sexismus und der starke Bezug zu Esstörungen, sexuellem Missbrauch und Borderline (selbstzerstörerische Verhaltensweisen) dürfte sofort ins Auge fallen. Außerdem scheint es eine große Rolle zu spielen, Macht über andere Frauen auszuüben und sie autoritär nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen, sich zumindest zu wünschen, die Kräfteverhältnisse wären derart asymmetrisch.

Hier schließt sich der Kreis zu Frauen wie Irma Grese. Grese, die Bauerntochter aus dem ländlichen Mecklenburg-Vorpommern, war schon als Teenager Halbwaise. Die Mutter hatte Selbstmord begangen, wie Wikipedia einen informiert. Dysfunktionale Familienverhältnisse also. Später bemühte sich die junge Grese vergeblich um eine Ausbildung zur Krankenschwester. Mit nicht einmal 19 Jahren war sie dann bereits Aufseherin im KZ Ravensbrück und kletterte von da an unaufhaltbar die nationalsozialistische „Karriereleiter“ hoch. Auch das steht in ihrem Wikipedia-Eintrag.

Sicherlich sollte man nicht den Fehler machen und vorschnelle Schlüsse ziehen. Nicht jeder und jede, der/die aus zerrütteten Verhältnissen stammt, mutiert im späteren Leben zur grausamen Bestie. Und umgekehrt kommt soziopathisches Verhalten auch in den besten Kreisen vor.

Seit je her ist eigentlich bekannt, dass z. B. Frauen, die als Kinder sexuellen Missbrauch erlebt haben, in lesbischen Beziehungen emotionale Geborgenheit suchen und z. T. auch finden. Schwierig wird es erst, wenn es nicht gelingt, Traumatisierungen und psychische Störungen dergestalt in den Griff zu kriegen, dass sie nicht für andere zum Problem werden.

Wenn also Borderline nicht mit Transsexualität verwechselt wird oder nebenher besteht, sondern – allen Bemühungen um Entpathologisierung zum Trotz – die Ursache einer Unsicherheit über die Geschlechtsidentität ist, wenn Frauen sich in der Rolle des „Transmannes“ oder der lesbischen „Butch“ sehen und damit vor allem die Unterdrückung und Erniedrigung anderer Frauen meinen und wenn ein eigenes sexuelles Trauma „weitergegeben“ werden soll, dann geht es nicht mehr um einen legitimen „Minderheitendiskurs“ und auch nicht um „Frauenrechte“.

Stattdessen müsste man/frau sich eher für eine bessere psychosoziale Versorgung stark machen. Und für eine Frauenpolitik, die von Fairness und wechselseitiger Unterstützung geprägt ist, statt von Machtkämpfen und Aggressionen. Schließlich könnte man bzw. frau auch einen liebevollen Blick auf das eigene Geschlecht haben. Ganz frei von Sexualisierungen. Immerhin gibt’s im Leben noch mehr als f….

*Ulrike Janz: Das Zeichen lesbisch in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: Michael Schwartz (Hg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus, München 2014.

Sich Ritzen oder einfach nicht mehr das Opfer sein?

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„Hass. Gefällt mir.“ Der Titel passt gut in unsere Zeit. Eigentlich richtet sich das Buch von Johanna Nilsson an Jugendliche, aber ich wollte etwas über Mädchen wie Gloria lernen. Solche Mädchen kenne ich – als Frauen – nicht wenige. Man bzw. frau fühlt sich manchmal machtlos gegen sie, aber es stimmt, dass sie eigentlich Mitleid verdienen. Soweit meine persönlichen Gefühle. Gloria – die aus dem Buch – ist ein bisschen dick, betreibt einen Beauty-Blog und lebt irgendwo in einem wohlhabende-Leute-Viertel im kalten Schweden. Gloria ritzt sich die Arme auf. Berlin ist voller Glorias. Nach hiesigem Verständnis wäre sie queer, kann ich nicht umhin, zu denken, ein bisschen grimmig. Aber das sind jetzt meine eigenen, unangenehmen Erfahrungen, die sich hier als Hintergrundfolie in den Vordergrund drängeln. Gloria ist nämlich – wie gesagt – auch ein Opfer. Irgendwie. Die auf Mode und Lifestyle versessene Mutter promoted Glorias jüngere Schwestern, die etwas schlanker sind und daher Kindermodels sein können, nein, sein sollen. Außer auf äußerlichen Erfolg scheint es auf nichts anzukommen. Daher erfährt man auch nur am Rande, dass Gloria in der Schule, wo sie vorher war, entsetzlich gemobbt worden ist. Jetzt hat sie Jonna, das Mädchen aus dem Problem-Elternhaus, als Freundin. Jonna ist ein Nobody, eine Streberin, die auch Fußball spielt und deren Mutter am Fließband steht und mit dem arbeitslosen Freund so etwas wie ein Familienleben aufrecht zu erhalten versucht.

Wenn man bzw. frau dabei ist, erwachsen zu werden, reicht eine Jonna aber nicht. Gloria will mehr: Robin zum Beispiel, den gut aussehenden Fußballstar der Schule. Dafür, dass er ihre Freundschaftsanfrage auf Facebook annimmt, schickt Gloria ihm gern ein Nacktfoto. Nach dem Lucia-Fest entgleitet ihr dann die Kontrolle: Rummachen mit Robin, ja, das ist gut. Als nach dem Kater am nächsten Morgen ein Video auf Facebook kursiert, auf dem Gloria Robin einen bläst, ist es nicht mehr nur ein harmloser Spaß unter Jugendlichen, ein bisschen zu viel Alkohol und Herumgefummele, das zu weit gegangen ist. Gloria schafft es nicht mal, sauer zu sein, obwohl die gehässigen Kommentare der Mitschüler nicht auf sich warten lassen. Dafür ist Jonna sauer. Man bzw. frau darf sich nicht alles bieten lassen! Egal, wie gut Robin aussieht, egal, wie beliebt er ist. Da kann man als Leser(in) eigentlich nur zustimmen.

Dann jedoch eskaliert die Sache. Plötzlich ist es Robin, der gemobbt wird. Zuerst denkt man noch: „Recht so! So ein Schwein soll es ruhig mal zurück kriegen!“ Nur steigert sich Gloria, die – da muss man nicht lange raten – hinter der ganzen Sache steckt, immer mehr in ihre neue Rolle hinein. Es scheint, als hätte sie Blut geleckt. „Gloria und Robin. Robin und Gloria“ summt es beim Lesen wie ein Mantra in meinem Kopf. Sind die beiden einander nicht ähnlich? Eitle Menschen, die um jeden Preis im Mittelpunkt stehen und alle Felder für sich besetzen wollen, Bullies, Mobber, die nicht von ihrem Opfer ablassen können, auch dann, wenn es längst am Boden liegt und mehr als genug Denkzettel verpasst gekriegt hat. „Robin und Gloria“ sind aber auch verletzte, innerlich zutiefst verstörte Menschen. Erik, Robins bester Kumpel, soll – so will es Gloria – sagen, dass Robin ihn in der Umkleide immer so komisch anguckt. Das ist der Moment, wo ich unmerklich auf Robins Seite rutsche, auch wenn er als echtes Arschloch dargestellt wird. Trotzdem – der „Homo“ soll seine Abreibung kriegen – von allen. Die kriegt er dann auch. Unerbittlich. Eigentlich ist Robin nicht homosexuell, auch wenn er wirklich mit „abweichender“ Sexualität zu tun hat. Vielleicht trifft es daher um so mehr. Nicht zuletzt auch, weil Robins Familie streng christlich ist.

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Gloria jedenfalls berauscht sich an ihrer Macht: Die Puppen tanzen zu lassen, alle Schüler der Schule vor ihren Karren zu spannen. Die vielen, die bislang willig mitgemacht haben, erpresst sie. Anstatt die Outsiderin mit Herablassung zu behandeln, begegnet man ihr jetzt mit Respekt. Nein, es ist eher Angst. Und vielleicht liegt es daran, dass Gloria sich immer mehr und heftiger die Arme aufritzt. Nur die blasse Jonna hat schließlich den Mut, Gloria zu stoppen. Sie stellt sie vor ein Ultimatum. Vergeben und ein Neuanfang mit echter Freundschaft oder …. Das „oder“, Zuneigung zu verlieren, die nicht davon abhängig ist, die Stärkere zu sein, ist eine Alternative, die für das dickliche, ungeliebte Mädchen eigentlich nicht in Frage kommt ….

Vielleicht ist Johanna Nilssons Buch keine Hochliteratur und kein neuartiges literarisches Experiment, aber es hat alles, was ein gutes Jugendbuch ausmacht: Es liest sich gut und inhaltlich fand ich persönlich es sehr berührend und hochaktuell. Ich weiß, wie sich Demütigung anfühlt und welche Gefühle eine immense, über einen langen Zeitraum angestaute Wut auslösen kann. Aufgrund meiner Erfahrungen aus der queeren Szene weiß ich auch, dass „Gloria“ und „Robin“ heutzutage keine Einzelfälle sind. Mir kommt es manchmal eher so vor, als ob eine (oder vielleicht auch mehrere) Generationen von Frauen (oder jüngeren Leuten) einem Kreislauf aus Leistungsdruck, Ego-Shooting und Hass – auf sich selbst und andere – anheim fallen. Wie gut, dass es auch immer noch die Jonnas gibt. Möge jede von uns die Schlichterin in sich entdecken, die, die im letzten Moment noch anhält, bevor es zu spät ist.

Pädophilie-Debatte – Nachschlag

Vor einigen Tagen gab es gewissermaßen einen „Nachschlag“ zur Pädophilie-Debatte von 2013*. Es kam heraus, dass es in den frühen 1980er Jahren bei den Grünen nicht nur Strömungen innerhalb der Partei gegeben hat, die dafür eintraten, sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu entkriminalisieren, sondern dass auch Mitglieder der Grünen aktiv in sexuellen Missbrauch an Kindern involviert waren*.

*Einen Überblick zur Pädophilie-Debatte von 2013 bietet Wikipedia.

Über die Enthüllungen der letzten Tage (Mai 2015) haben mehrere Medien berichtet. Vgl. u. a. Art. „Pädophilie-Debatte bei den Grünen: „Wir schämen uns für dieses Versagen“ v. Peter Maxwill, in: Spiegel Online v. 20. Mai 2015.

Hm. Das konnte man sich doch eigentlich denken, oder? Das macht es gewiss nicht besser und die Grünen werden noch Einiges zu tun haben, um ihre pädophile Vergangenheit aufzuarbeiten und die Opfer angemessen zu entschädigen, aber bei aller Abscheu vor sexuellem Missbrauch von Kindern sollte man eines trotzdem nicht tun: Die Errungenschaften der sexuellen Befreiungsbewegung und des Engagements für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten preisgeben.

SEXUALFEINDLICHES KLIMA

Sicher, Kindesmissbrauch ist ein sehr ernstes Thema. Man hilft sexuell missbrauchten Kindern aber nicht, wenn man Missbrauch vor allem in ein links-alternatives, sich für sexuelle Befreiung engagierendes Milieu verortet. Man muss bedenken, dass Menschen, die sich zu Beginn der 1980er Jahre den Grünen politisch nahe fühlten und aus der so genannten „Sponti-“ oder auch „Alt-68er-Bewegung“ stammten, gegen eine muffige sexuelle Verklemmtheit angekämpft haben, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Vergewaltigung hieß lange Zeit noch beschönigend „Notzucht“, Jugendlichen wurde eingebläut, dass Onanieren blind mache und Sex unter Männern stand bis 1969 grundsätzlich unter Strafe*.

*Detailliertere Informationen über die historische Entwicklung des §175, des so genannten „Schwulenparagraphen“ finden sich auf Wikipedia.

Wer in den frühen 1980er Jahren für sexuelle Befreiung eintrat, wollte sich zumeist einfach nicht mehr für den eigenen Körper und seine sexuellen Bedürfnisse schämen müssen. Kinder sollten befreiter aufwachsen. Ihnen sollten die Neurosen und falschen Schuldgefühle, die durch eine rigide, körperfeindliche Sexualerziehung entstehen, erspart bleiben. Das hat nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun. Man muss hier eine klare Grenze ziehen.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE SCHWULENBEWEGUNG

Pädophile konnten zu Beginn der 1980er Jahre bei den Grünen und anderswo u. a. auf Unterstützung aus der Schwulenbewegung hoffen. Hier war es die Entkriminalisierung einer sexuellen Orientierung, die im Vordergrund stand. Sowohl homosexuelle Männer als auch Pädophile hatte man lange Zeit als „psychisch fehltentwickelt“ hingestellt und das Ausleben ihrer Sexualität zur Straftat erklärt. Man hatte im Überschwang der sexuellen Befreiung ganz einfach zuviel des „Guten“ getan oder man könnte auch sagen: Das Anliegen, liberaler mit Sexualität umzugehen, hat Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten anderer ausleben wollen bzw. – im Falle der Pädophilen keinen anderen Weg sehen – Tür und Tor geöffnet. Das war falsch! Seit Mitte der 1980er Jahre hatte sich glücklicherweise auch bei den Grünen und in ihrem Umfeld das Bewusstsein dafür, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern Kindern schadet und deshalb – anders als homosexueller Sex – nicht toleriert werden kann, überall durchgesetzt.

KLARE GRENZEN ZIEHEN

Bei der gegenwärtigen Debatte über die pädophile Vergangenheit der Grünen und dem Engagement für die Akzeptanz sexueller Minderheiten sollte man nicht den Fehler machen und Wasser auf die Mühlen rechts-konservativer Kräfte gießen.

Das, was die Leute im Kopf haben, wenn sie an Homo-, Bi- und Transsexuelle denken, ist meistens das, was z. B. mit der problematischen Minderheitenpolitik, die u. a. eben die Grünen zu Beginn der 1980er Jahre vertreten haben, assoziiert wird und mit einem oberflächlichen Bild der schwulen Subkultur, genauer: Mit den harten, von Partys, Drogen und schnellem, z. T. auch grenzwertigem Sex geprägten Szenen europäischer Metropolen wie Berlin oder London. Das mag Stoff für reißerische Hypes bieten, ist aber auch genau das, was z. B. Parteien wie die AfD und konservative Christen vor Augen haben und woran sie sich aufhängen, wenn sie Homosexualität als Gefahr für die Jugend verdammen. Nur zu gern werden Homo-, Bi- und Transsexuelle mit Pädophilie („Päderasten!“), Gewalt (z. B. falsch verstandene Auffassungen von BDSM) und Exzess (Drogen, Party, rücksichts- und zügelloser Sexualität, usw.) in Verbindung gebracht. Auch das ist falsch!

Das Subkulturelle, Extreme mag vielleicht für liberaler gesonnene Menschen gerade das Interessante sein, aber es ist nur ein Bild, ein Klischee und nicht repräsentativ für das Leben von LGBTI-Durchschnittsmenschen. Außerdem gerät darüber auch aus dem Blickfeld, dass Exzess und abweichende, auch grenzverletzende, extreme Verhaltensweisen keineswegs „typisch“ für Homo-, Bi- und Transsexuelle sind und sondern ebenso anderswo in der Bevölkerung, auch in konservativen Kreisen, vorkommen.

Wer also eine pragmatische Politik für die Akzeptanz sexueller Minderheiten machen will, die weite Teile der Bevölkerung erreicht und Betroffenen das Leben, auch und gerade im Alltag wirklich erleichtert, darf sich nicht nur auf die Faszination der Andersartigkeit und die damit verbundene Anziehungskraft urbaner Subkulturen verlassen. Es gilt eher, herauszustellen, dass Pädophilie und sexuelle Perversionen, wirklich extreme, die Grenzen anderer Menschen verletzende Verhaltensweisen unter Homo-, Bi- und Transsexuellen nicht verbreiteter sind als unter heterosexuell orientierten. Es ist wichtig, klare Grenzen zu ziehen und deutlich zu machen, dass man keine Varianten menschlicher Sexualität, die anderen schaden, tolerieren kann.

Ganz abgesehen davon, dass Pädophilie zwar tatsächlich eine sexuelle „Orientierung“ ist, auch wenn sie nicht gelebt werden kann, dass aber Kindesmissbrauch nicht nur von Pädophilen begangen wird. Auch z. B. Menschen, die selbst als Kinder missbraucht worden sind, an schweren Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Krankheiten leiden, missbrauchen Kinder. Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch muss deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen. Im Zentrum sollte immer die Stärkung der Rechte von Kindern stehen und natürlich Menschenfreundlichkeit. Auch das ist etwas, das linke Politik immer für sich beansprucht hat. Sie sollte Taten folgen lassen.

*Gute Präventionsarbeit, die pädophil veranlagten Männern helfen soll, ihre Sexualität nicht auszuleben, leistet u. a. das Projekt „Kein Täter werden„.

 

Ist Grün Gift für Kinder?

Wenn man „abweichende“ Sexualität aus der Schmuddelecke des Perversen, psychisch Kranken holen will, dann aber auch richtig. So wird es manchmal in links-alternativen Foren und Communities im Internet gefordert und was die Leute damit meinen, ist: Legalisiert Sex zwischen Kindern und Erwachsenen! Entkriminalisiert Pädophilie!

Wenn ich so etwas lese, muss ich erst einmal schlucken. Ist das ein schlechter Scherz? Oder am Ende vielleicht doch ernst gemeint? Man weiß es nicht. Im Internet sind ja viele Trolle unterwegs, denen es Spaß macht, die Leute zu verschaukeln – was in diesem Fall allerdings ganz schön makaber ist! Ich kann jedenfalls nicht drüber lachen.

DIE PÄDOPHILIE-DEBATTE

Ganz so abwegig, wie man meinen könnte, sind solche Forderungen aber offenbar nicht. 2013 war es noch einmal in der Debatte*, dass bei den Grünen um 1980 verschiedentlich die Meinung vertreten wurde, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen sollte legalisiert werden. Auch bei der FDP-Jugend soll es damals z. T. ähnliche Positionen gegeben haben*. Beides sind ja liberale Parteien, bei denen die Akzeptanz von Minderheiten fest zum politischen Programm gehört. Allerdings fällt es aus heutiger Sicht schwer, Pädophile als sexuelle Minderheit zu betrachten.

*Zu der Pädophilie-Debatte von 2013 existieren viele Texte im Internet, die das Problem jeweils aus etwas anderen Blickwinkeln beleuchten.

Einen ersten Überblick gibt Wikipedia.

Die Positionen der Grünen und der FDP-Jugend aus den frühen 1980er Jahren fasst der Artikel: „Grüne und FDP-Jugend wollten Pädophilie legalisieren“ (ohne Angabe eines Autors) in: Zeit v. 11. August 2013 zusammen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei hier angemerkt, dass weder bei den Grünen noch in der FDP heute noch Ansichten vertreten werden, denen zufolge Sex zwischen Erwachsenen und Kindern entkriminalisiert werden sollte. Dies ist seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr im Gespräch und hat auch nie die Zustimmung aller AnhängerInnen dieser Parteien bzw. ihrer Jugendverbände gefunden.

DER „SCHWULENPARAGRAPH“

Vielleicht hat es damit zu tun, dass auch Homosexualität lange Zeit als psychische „Fehlentwicklung“ angesehen wurde und homosexuelle Handlungen unter Männern bis Anfang der 1970er Jahre als Straftat galten*.

*Der §175, der so genannte „Schwulenparagraph“ wurde tatsächlich erst 1994 abgeschafft. Seit den 1970er Jahren wurde aber nur noch schwuler Sex mit Jungen und Männern unter 18 Jahren bestraft.

Auch wenn die Süddeutsche Zeitung seit kurzem eine „weiche“ Paywall hat, die es nur noch erlaubt, eine bestimmte Anzahl an Artikeln pro Woche kostenfrei zu lesen, finden sich im Rahmen ihres Projektes „Toleranz-Recherche“ von 2014  einige sehr lesenswerte Artikel zum Thema:

Art. „Wenn Recht Unrecht ist“ v. Martin Anetzberger, in: Süddeutsche Zeitung v. 12. November 2014.

Art. „Straftatbestand: Liebe“ v. Tobias Dorfer, in: Süddeutsche Zeitung v. 12. November 2014.

Dass Homosexuelle psychisch gestört seien oder die Moral der Jugend gefährdeten, daran wird heute nicht mehr festgehalten, zumindest wenn man von einigen wenigen rechts-konservativen und ultrareligiösen Strömungen in unserer Gesellschaft absieht. Insofern scheint sich das Engagement derjenigen, die sich seit Jahrzehnten für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten einsetzen, langsam auszuzahlen.

PERVERSE ALLER LÄNDER…

Aber darf man das Kind dann gleich mit dem Bade ausschütten? Ist das so in Ordnung, einfach alles als „sexuelle Orientierung“ zu deklarieren, was mal als „krank“ und „abartig“ galt? Eventuell sogar „Minderheitenschutz“ dafür einzufordern, die Leute dazu aufzufordern, toleranter zu sein und ihre Einstellungen nochmal zu überdenken?

Auch umgekehrt, allein die Vorstellung, dass da jemand kommen könnte und sagen: „Na ja, Du bist doch auch irgendwie … ein bisschen „anders“, da müsstest Du doch verstehen ….“

Nein. Da gibt es nichts zu „verstehen“. Der Unterschied liegt ja auch auf der Hand: Homosexuelle haben – genau wie Heterosexuelle – im Allgemeinen Sex mit Erwachsenen und das in den allermeisten Fällen im gegenseitigen Einvernehmen. Das schadet niemandem. Pädophile aber wollen Sex mit Kindern und auch wenn es stimmt, dass auch Kinder eine Art „Sexualität“ haben – sie hat mit der von Erwachsenen nichts zu tun. Das sind zwei Sphären, die vollkommen voneinander getrennt sind und sein müssen, damit Kinder sich körperlich und psychisch normal entwickeln können. Pädophilie ist also eine sexuelle Orientierung, die nicht ausgelebt werden kann – mal ganz abgesehen davon, dass nicht jeder, der Kinder sexuell missbraucht, ein Pädophiler ist….

Digitale Aufklärung

Die Video-Clip-Reihe „Frag ein Klischee“* der Leuphana Universität Lüneburg ist ein Projekt zur digitalen Aufklärung. Die Frage, die dahinter steht, ist: Wie kann man die Generation Smartphone dazu bringen, sich Gedanken über Toleranz und Vielfalt zu machen? Wahrscheinlich sind langatmige Ausführungen mit unzähligen Querverweisen zur Kulturgeschichte des Abendlandes nicht der richtige Weg. Was aber, wenn man ganz unverblümt fragen könnte, was man wissen will? Wenn man im Schutze der Anonymität des Internets einfach mal offen aussprechen könnte, was einem durch den Kopf geht, wenn z. B. von „Minderheiten“ und „Außenseitern“ die Rede ist? Und jemand, der sich auskennt, weil er/sie selbst betroffen ist, antwortet einem?

In jedem „Frag ein Klischee“-Video-Spot wird auf die Frage eines Social Web Users/einer Userin geantwortet. Manchmal ist das nicht ganz so spontan und aus dem prallen Leben gegriffen, wie es den Eindruck erwecken soll. Dafür kommt aber in einigen Clips ganz schön viel an Inhalt ‚rüber. Die Spots um den Pädophilen Ingo („Frag einen Pädophilen“) wurden z. B. gemeinsam mit dem Projekt „Kein Täter werden“* entwickelt.

Der 27jährige „Ingo“ (Name und Alter sind anonymisiert) steht auf Kinder, hat aber noch nie eines missbraucht. Die Versuchung ist zwar immer da, aber Ingo weiß genau, was er anrichten würde, wenn er seinen Trieb auslebt. In dem Spot 2/7 antwortet er auf die Frage „Fühlst Du Dich diskriminiert (wie Schwule in Russland)?“, dass er hofft, dass die Gesellschaft Pädophilie eines Tages einfach als Krankheit ansehen wird, mit der die Betroffenen irgendwie leben müssen und dass Pädophile Unterstützung dabei erhalten, alles dafür zu tun, dass sie ihre „sexuelle Orientierung“ nicht ausleben.

Man kann jetzt zwar lamentieren, dass Pädophilen in Projekten wie „Frag ein Klischee“ und „Kein Täter werden“ unangemessen viel Aufmerksamkeit und Nachsicht entgegengebracht werde, obwohl doch alle wissen, dass sexueller Missbrauch an Kindern ein Verbrechen ist, aber eigentlich stellt das – zumindest heute* – auch niemand in Frage, also niemand zweifelt daran, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern bestraft werden muss. Da sind sich wohl alle einig, bis auf vielleicht ein paar merkwürdige Spinner, die aber vermutlich vor allem provozieren wollen. Und es geht auch nicht darum, sich mehr mit den Tätern als mit den Opfern zu beschäftigen. Das, was zählt, ist doch, wie man Kinder bestmöglich vor sexuellem Missbrauch schützen kann und dazu ist es – so sehe ich es jedenfalls – wichtig, dass Pädophile dabei unterstützt werden, auf Sex mit Kindern und den Konsum  von Kinderpornos zu verzichten. Nichts anderes möchte „Ingo“.

*Tatsächlich traten einige Mitglieder der Grünen und der FDP-Jugend sowie einige links-alternative Kommunarden in den frühen 1980er Jahren für die Legalisierung von Sex zwischen Kindern und Erwachsenen ein. Vgl. dazu auch den nachfolgenden Blogbeitrag „Ist Grün Gift für Kinder?“. Alles in allem muss aber betont werden, dass die meisten Leute, die sich damals für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten und für eine allgemein freizügigere Sexualmoral eingesetzt haben, sexuellen Missbrauch an Kindern abgelehnt haben.

Das Projekt „Frag ein Klischee“ der Leuphana Universität Lüneburg hat unzählige Video-Spots rund um das Thema Toleranz und Vorurteile entwickelt. Da die Spots relativ offen auch mit grenzwertigen Fragen umgehen und Einiges vielleicht nicht ganz jugendfrei ist, hier nur ein Link zur Projektbeschreibung.

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet in verschiedenen deutschen Großstädten kostenlos und anonym therapeutische Hilfe für Pädophile an.

Mensch oder Monster?

„KRÄHENMÄDCHEN“

Man möchte am liebsten ausspuken vor Ekel, sich schütteln und laut aufschreien, aber zum Glück ist Victoria Bergman nur eine Romanfigur, Mittelpunkt des skandinavischen Thrillers „Krähenmädchen“*, der als Auftakt einer Trilogie letztes Jahr in die deutschen Buchhandlungen kam.

*Erik Axl Sund: „Krähenmädchen“. Die deutsche Ausgabe erschien 2014 im Goldmann Verlag.

Victoria Bergman wurde als Kind sexuell missbraucht. Manchmal – so wie im Falle des „Krähenmädchens“ – zieht sich Inzest wie ein unseliger roter Faden durch eine Familie und hinterlässt bis auf die Grundfesten zerstörte Menschen, die irgendwann Gewalt und Missbrauch weitergeben.

Der Thriller schildert Kindesmissbrauch als Perversion und Einblick in das Böse, das hinter der zivilatorischen Fassade einiger Menschen lauert. Vielleicht liegt das am Genre. Vielleicht hat das Albtraumhafte, das in dem Buch „Krähenmädchen“ zum Ausdruck kommt, für einige Betroffene auch etwas Reales an sich. Ich weiß es nicht, denn ich habe selbst keinen sexuellen Missbrauch erlebt. Ich kann das nur von außen beschreiben und nehme literarische Werke zu Hilfe. Man möge mir das verzeihen.

Es ist klar, dass sexueller Missbrauch nicht immer so drastische Folgen hat, wie bei Victoria Bergman. Die meisten Opfer entwickeln keine multiple Persönlichkeitsstörung und werden auch nicht zur Gefahr für andere. Es sind normale Frauen und Männer, die von Vätern, Brüdern, Onkeln oder Nachbarn, manchmal auch Frauen, missbraucht wurden und deren Verhältnis zur Sexualität ein gespanntes ist, etwas, das sie sich im Laufe vieler Therapien mühsam erarbeitet haben.

DER KINDERSCHÄNDER VON SEITE 1

Dass sexueller Missbrauch etwas Furchtbares ist, da sind sich wohl alle einig. Da darf es kein Pardon geben. „Kinderficker“ stehen sogar im Knast in der Hierarchie der bösen Jungs ganz unten. Das Problem ist nur, dass Kindesmissbrauch meistens nicht so offensichtlich ist. Zwar gibt es ihn, den fremden Mann, vor dem alle Eltern ihre Kinder warnen, dass sie unter gar keinen Umständen mit ihm mitgehen dürfen, der mit Süßigkeiten, Späßen und guten Worten lockt und versucht, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, damit er sie missbrauchen kann und alles endet dann damit, dass irgendwann eine verwesende Kinderleiche in einem abgelegenen Waldstück gefunden wird. Aber der klassische „Kinderschänder“, wie er häufig auf den Titelseiten der Boulevardpresse gezeigt wird, ist eigentlich eher selten. Mit DNA-Analysen kann man solchen Männern heute relativ leicht auf die Spur kommen, vor allem, wenn sie sich schon vorher im Umfeld ihrer Opfer aufgehalten haben. Das Risiko, erwischt zu werden, ist also nicht gerade gering.

Trotzdem ist nicht jeder freundliche, kinderliebe Mann ein potentieller „Triebtäter“. Sporttrainer, Lehrer, Jugendgruppenleiter und Kindergrärtner haben es besonders schwer, denn sie stehen schon durch ihren Beruf von vornherein unter Verdacht. Es ist zwar sicher richtig, auf die ersten Anzeichen zu achten und im Falle des Falles konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um Schlimmeres zu verhindern, aber was ist, wenn es zu Missverständnissen kommt, wenn etwas fehlinterpretiert wird? Kleine Kinder können sich noch nicht so gut ausdrücken. Sie richten sich unbewusst oft nach dem, was die Erwachsenen gerne hören möchten. Und manche Erwachsenen möchten nur zu gerne hören, dass sich etwas Furchtbares ereignet hat.

„DIE JAGD“

Wie ein bloßer Verdacht und die Hysterie der vermeintlich „anständigen“ Bürger das Leben eines Menschen zerstören kann, zeigt der dänische Spielfilm „Die Jagd“*: Kindergärtner Lucas soll sich der kleinen Klara unsittlich genähert haben. Kaum ausgesprochen, macht der Verdacht die Runde und plötzlich ist jeder erpicht darauf, Lucas zu zeigen, was er von Typen wie ihm hält. Eine Lawine der Gewalt wird losgetreten. Man fragt sich, ob hinter so manch einem der eifrigsten Eiferer nicht vielleicht selbst ein „Kinderschänder“ steckt. Lucas jedenfalls kann nicht beweisen, dass er nichts getan hat und wird immer mehr zum Tier in der Falle. Erst, als es fast zu spät ist, erkennt das kleine Mädchen, das ihm eigentlich nur ein bisschen böse war, was es angerichtet hat. Geholfen hat „die Jagd“ letztendlich nicht einem einzigen Kind.

*Spielfilm „Die Jagd“ (Dänemark 2012, Regie: Thomas Vinterberg)