Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Arroganz der Eliten? Eine Bestandaufnahme der Linken heute

Sind die Linken Schuld am Sieg von Donald Trump? Nils Markwardt weist allein die Frage in einem Beitrag in der Zeit entschieden zurück. Ich würde eher mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip Nein, aber …“.

Aber … wo soll ich anfangen? Am besten hier, in Deutschland, meiner eigenen Erfahrungswelt. Da drängt sich die Frage auf, sind die Linken eigentlich so links, wie sie behaupten? Und ist ihnen Trumps Wahlsieg wirklich so unangenehm?

1. Positive Diskriminierung … oder einfach nur Diskriminierung

Das fing schon an der Uni an, in den letzten Semestern. Meine feministische Professorin fand das ja ganz toll, dass ich mich für antirassistische Arbeit interessiere und auch privat in einer multkulturellen Initiative engagierte, sogar in einer feministischen Hochschulgruppe war. Gefördert hat sie aber die konservativen Frauen. Es machte nichts, dass einige darunter waren, die in den ersten Semestern noch über die Wissenschaftlerin gelästert hatten. Die Professorin lobte sie auch dann, wenn offensichtlich war, dass ihnen nichts einfiel, was sie sagen sollten. Wir inhaltlich interessierteren Frauen zogen uns zurück, weil überdeutlich war, dass wir den anderen keine Redezeit streitig machen sollten. Dennoch war ich erstaunt, als eine andere Studentin, die immer intelligent und engagiert gewirkt hatte, aber brav und angepasst genug schien, um im Haifisch-Pool zu überleben, ebenfalls das Handtuch schmiss und der Uni erklärungslos den Rücken zu kehrte. Für die anderen waren üppige Stipendien reserviert, für sie wurden Jobs extra geschaffen, keine akademischen Handlangerdienste, Interessantes zu Feminismus, Rassismus, Queer. Zwei scheiterten trotz aller Extra-Förderung an ihren Doktorarbeiten, andere aber machten Karriere.

Heute weiß ich, dass die Professorin es nicht persönlich gemeint hatte. Sie hatte ein klares Weltbild, in dem die Frauen hilflos und entrechtet waren und sie sie gegen Leute wie mich verteidigen musste. Ihre Mädels und sie waren eine eingeschworene Truppe. Es wurde viel und oft von „Shoa“ gesprochen und frau identifizierte sich mit den Opfern des Holocaustes, obwohl es offensichtlich war, dass einige von ihnen schon allein von ihrer gesellschaftlichen Stellung her aus Nazi-Familien stammen mussten, die Eltern und Großeltern vermutlich schwere Schuld auf sich geladen hatten. Aber der Holocaust war „Männergewalt“. Genau wie sich keine von ihnen beim Thema „Critical Whiteness“ angesprochen fühlen musste, denn sie redeten sich ein, in gewisser Weise auch „Schwarze“ zu sein, wenn auch eher im übertragenen Sinne.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb einige Leute aus diesem Milieu es in der Zeit nach Sarrazin mit der Angst zu tun kriegten, ich könnte das „Judengen“ haben (Na und? Ich bin ja keine Jüdin und habe das sogar mehrfach öffentlich klargestellt) und sie nicht. Immerhin hatte man den anderen „Affirmative Action“ oder auch „positive Diskriminierung“ zuteil werden lassen, d. h. alles war gut und sollte positiv bewertet werden, was diese Frauen sagten, taten, dachten, während ich kritisch begutachtet und entmutigt werden sollte, eben um den anderen den Rücken zu stärken, dass sie sich nicht von „Eierköpfen“ wie mir einschüchtern lassen müssten. Irgendwann galt das auch für junge deutsche Männer aus besserem Hause. Es sollte links sein. Es war aber einfach nur diskriminierend.

2. Na, eifersüchtig? Manche sind halt einfach besser!

Auch Michaela, wie ich sie hier einmal nennen werde, hatte die volle Unterstützung meiner feministischen Professorin, obwohl sie Mitarbeiterin des konservativen, „männlichen“ Lehrstuhls war. Vielleicht ist Michaela so etwas wie die große Schwester von zeitgenössischen Feministinnen wie Margarete Stokowski, denn eigentlich sagt man über Frauen wie sie, dass sie „den Feminismus gar nicht nötig“ haben. Michaela selbst sagte, dass sie den Feminismus „schon lange hinter sich gelassen“ hätte. Aus einer angesehenen Familie im beschaulichen Basel* stammend, hatte sie, wie man heute sagen würde, einen Migrationshintergrund. Der einzige Wehrmutstropfen der bildhübschen, blitzgescheiten jungen Frau, über die man bewundernd sagte, dass sie jedesmal, wenn sie den Mund aufmachte, „wie gedruckt“ formuliere, war, dass ausgerechnet sie als Schweizerin sich ein bisschen schwer mit Fremdsprachen tat. Ich glaube, wenn man (oder frau) Michaela näher gekannt hätte, wäre einem noch mehr aufgefallen: ein bisschen kurzbeinig, eine Fernbeziehung, ohne dass je Hochzeitsglocken geläutet hätten, dass das Dessert immer vollkommen ausreichend war – süß wie die Sünde, klein, aber fein wie die Frauen. Nur dass mir der Magen bis zu den Kniekehlen hing, wenn auf Uni-Exkursionen oder Tagesseminaren alle Frauen nach einem ultrateuren Schoko-Croissant „schon voll“ waren und es mich nervte, nie allein auf Klo gehen zu können, weil immer ein Schatten hintendran war, ohne Pinkelgeräusche oder das Rauschen einer Spülung, nur ein Tapsen und angespanntes Horchen. Ich musste erst eine taz-Kolumne von Margarete Stokowski lesen, um zu begreifen, dass die Frauen auf Würgegeräusche und den bitteren Gestank von Kotze gehofft hatten.

3. Toleranz den Intoleranten?

Damals war alles vielleicht noch ein bisschen ehrlicher. Man bzw. frau sollte sich vor Frauen wie Michaela klein fühlen. Daraus wurde kein Hehl gemacht. Dann befand man, dass es unfair und diskriminierend sei, dass Frauen wie ich sich nicht auch vor Frauen wie Sally und Heike klein fühlten. Auch Sally und Heike heißen in Wirklichkeit anders und ihre Lebensumstände sind etwas anders als ich sie hier wiedergebe. Beide Frauen weckten keine Neidgefühle, obwohl sie tatsächlich intelligent und belesen waren und obwohl man auch sie überall hoch- und hineinhob. Sie wirkten einfach ein bisschen tantig und gehemmt. Heike war sogar ziemlich hochnäsig und auch Sally hielt sich eigentlich für etwas Besseres, zumindest mir gegenüber. Warum soll man Menschen Sympathien entgegenbringen, die versuchen, einem das Gefühl zu geben, man sei minderwertig? Warum soll man Verständnis für die Komplexe solcher Frauen aufbringen, wenn sie umgekehrt nur darauf lauern, es einem mal geben zu können?

Offenbar ist das Tagebuch, das man mir einmal aus dem Rucksack geklaut hatte, solchen Frauen in die Hände gefallen und es muss sie schockiert haben, dass ich etwas mit Männern anfangen konnte und das auch getan habe, auch wenn ich Frauen nie verstanden habe, die jeden Kontakt mit einem XY-Chromosomen-Träger auf einen potentiellen Flirt hin abgeklopft haben, auch wenn die Albträume dieser konservativen Wachteln und Weibchen sich bestätigt haben und das mit der „hässlichen Lesbe“, die ich damals für sie sein sollte, sich zum Teil bestätigt hat.

Doch Queer war für Frauen wie Sally und Heike da. Sogar für Michaela. Nicht für mich. Da lag es vermutlich nahe, dass sie mich für das „Image“, das ihnen so wichtig war, „ausbeuten“ wollten, wie sich einige Frauen aus der Frauenszene brüsteten.

4. Der große Bluff

Schon nach wenigen Monaten in Berlin fiel mir auf, wie viele Gemeinsamkeiten ich mit der Vorzeigefeministin der taz hatte. Da war ein Buch über Frauen in der Arbeitswelt, das ich aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Ein paar Tage, nachdem ich es zurückgegeben hatte, las ich in der taz, dass das Buch „gerade im Freundeskreis“ der Feministin „herumginge“. Es war nur gar keine Neuerscheinung, sondern schon ein paar Jahre alt. Vielleicht war es Zufall. Möglich. Egal.

Irgendwem aus dieser Frauenszene gegenüber hatte ich auch mal erwähnt, dass ich Simone de Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“ schon als Teenager, mit 18, geradezu verschlungen hatte. Ich hatte mich sogar durch das französische Original gequält, was mir später für ein Romanistik-Seminar an der Uni zu Gute kam. Überrascht stellte ich fest, dass es Margarete Stokowski ja genauso ging. Sie war nur noch sehr viel jünger gewesen, als sie angefangen hatte, sich mit de Beauvoir zu beschäftigen. Außerdem hatte ich in dieser Frauenszene mal beiläufig davon erzählt, dass mir in der Mittelstufe in der Schule Mathe ziemlich leicht gefallen ist und ich sogar viele Jungs in den Schatten gestellt hatte. Stokowski war offensichtlich sowohl in Mathe als auch in Physik ein Ass in der Schule. Kann ja sein. Ist ja gut. Ich habe auch nie behauptet, dass Margarete Stokowski dumm ist. Ist sie ganz sicher nicht, selbst wenn man ihr nicht so wohlgesonnen ist, wird man ihr damit nicht kommen können. Das hervorstechenste Talent, dass man öffentlich an ihr wahrnimmt ist allerdings eher literarisch. Damit hatte ich mich selbst nie gebrüstet. Warum auch? Das kann ich wirklich nicht besonders gut.

5. Hopp oder top und dazwischen gar nichts?

Ich hatte nur etwas dagegen, ständig mit allem Möglichen zusammengestaucht zu werden, auch dann, WENN ich etwas gut konnte oder exakt eingeschätzt hatte oder sonstwie vollkommen richtig lag. Ich wehrte mich dagegen, dass die Frauen aus der Stokowski-Entourage öffentlich Bemerkungen über meine Brüste machten (Veranstaltung der taz in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu Rassismus und Sprache). Ich wollte nicht, dass man mich „unwertes Leben“ nennen durfte (Hipsterpärchen in Kreuzberg, Kottbusser Tor, die Frau war auch bei der taz und auf der Veranstaltung zu „Rassismus und Sprache“). Oder „Krüppel“ (Türkin aus dem Umfeld Heinrich-Böll-Stiftung/taz). Oder „Fickmaus“ (dicke Frau in Kreuzberg, Adalbertstraße). Dass man mich ruhig antatschen könnte (blonde Frau, Berlinale), weil – so ein Hipster im taz-Café – ich „das ja schon so gewohnt“ sei.

Es scheint darum zu gehen, dass einige Menschen sich zu Herrenmenschen stilisieren und andere völlig entwertet werden. Das ist falsch. Vermutlich hat es eine lange Vorgeschichte (siehe oben), aber es ist zynisch, so etwas als „Feminismus“ oder als „links“ verkaufen zu wollen. Vielleicht geht es auf das Konto von Frauen wie Heike, die einen guten Draht zu Linken hat. Oder es war Sally oder Michaela oder eine andere. Sie alle hat es zeitweise oder ganz nach Berlin verschlagen. Und es gibt hier unendlich viele Frauen, die ganz genauso sind.

Die de Beauvoir war übrigens Gleichheitsfeministin, d. h. sie trat für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, wohingegen die Queerfeministinnen wie Margarete Stokowski Differenzfeministinnen sind, d. h. sie gehen davon aus, dass es zwischen Mänern und Frauen erhebliche Unterschiede gibt, dass Weiblichkeit in unserer Gesellschaft aber oft zu negativ bewertet wird. Dass ich mir das nicht aus reiner Bösartigkeit herbeifantasiere, kann man u. a. im österreichischen Standart nachlesen. In der taz stand kurze Zeit, nachdem ich das erwähnt hatte, (was wohl keine Rolle gespielt hat, ich glaube, das Thema beschäftigte die Frauen ohnehin, eben weil sie alle so sehr nach der de Beauvoir krallen), das seien Übersetzungsfehler (kann ich nicht beurteilen). Sehr wohl habe sich die de Beauvoir viele Gedanken über den weiblichen Körper gemacht. Kann ja sein, dass sie sich damit AUCH befasst hat. Allein dieses Verdrehen nervt. Dass es immer darauf hinauslaufen soll, dass andere sich irren und angeblich alles ganz falsch wahrnehmen, nur damit diese Frauen sich einreden können, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Aber eigentlich geht es hier gar nicht um Feminismus. Diese Geschichte könnte man in unzähligen Varianten schreiben. Sie hätte sich so auch in Frankreich und in den USA abspielen können. Vermutlich müssen die Linken begreifen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie sie etwas oder sich selbst DARSTELLEN. Es geht darum, Empathie neu zu lernen, selbst ein bisschen weniger zu werden, dafür aber an Profil und Menschlichkeit zu gewinnen und anderen auch einen Platz in dieser Gesellschaft zu lassen.

So lange aber die Linke nur eine Spielart der Konservativen ist, wird sie nichts bewirken. Und daran wird nicht einmal Donald Trump als Präsident etwas ändern, auch wenn die US-Wahl jetzt alle aufgescheucht hat.

*Namen, Umstände der im Text namentlich genannten Personen geändert. Alles, was Margarete Stokowski betrifft, habe ich aus der Zeitung. Die taz-Veranstaltungen, auch die über „Rassismus und Sprache“ 2013 in der Heinrich-Böll-Stiftung, habe ich selbst erlebt und meine Erfahrungen aus Kreuzberg sind leider auch keine „literarische Freiheit“, sondern haben sich so zugetragen, wie ich es dargestellt habe. Sollte sich jemand darin allzu konkret beschrieben sehen, würde ich die Gelegenheit nutzen und Anzeige wegen Beleidung erstatten.

 

 

Also doch Trump!

Ich hatte es für einen schlechten Scherz gehalten, aber es ist wahr: Donald Trump ist Präsident der USA geworden. Irgendwie herrscht jetzt eine Art angespannte Stille. Hierzulande zumindest, denn in den USA scheinen ja jeden Tag Unmengen an Leuten auf die Straße zu gehen, um gegen Trump zu protestieren. Das ist einerseits beruhigend, denn es zeigt, wie knapp der Sieg war und wie viele Menschen eher abgestoßen von Trumps sexistischen und rassistischen Eskapaden waren und sind. Andererseits: Tagelang andauernde Massenproteste, wütende Menschen, und das in der ohnehin schon angeheizten Stimmung – Man denke nur an die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt und die Schüsse auf weiße Polizisten vor ein paar Monaten – hat es nicht in Syrien auch so angefangen?

Ist das jetzt die Apokalypse und der Anbruch eines neuen, autoritären, wenn nicht faschistischen Zeitalters oder wird letztendlich alles nicht so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt? Vielleicht wird Donald Trump ein zweiter Ronald Reagan oder George W. Bush. Nicht schön, wenn man an die Spannungen in der arabischen Welt denkt, aber vielleicht auch irgendwie vier Jahre durchzuhalten, zumal Trump sich außenpolitisch ja offenbar zurückhalten will.

Was geht’s uns also in good ol‘ Europe an? Müssen wir befürchten, dass nächstes Jahr schon Frontisten in Frankreich mit Marine Le Pen an der Spitze und die AfD in Deutschland stramm in die Parlamente und Regierungskabinette durchmarschieren? Geht es um Denkzettelwahlen oder um die Dummheit des „kleinen Mannes“, der nicht sehen kann, dass Faschismus nicht die Lösung ist?

Und wenn hinter dem Stereotyp der rechtswählenden Dumpfbacke aus der Provinz ein paar Leute stehen, die sehr gut wissen, was sie tun? Leute mit Geld und Universitätsabschlüssen, denen es nicht darum geht, das Establishment für seine hochnäsige Ego-Politik abzuwatschen?

Trugschluss Nr. 1: böse weiße Männer

Selbst mir geht es mittlerweile auf die Nerven: Immer ist da jemand, meist eine arrivierte weiße Frau, die was von der „Angst alter weißer Männer“ schwafelt, Macht an Minderheiten und Frauen zu verlieren. Machen wir uns nichts vor: Marine Le Pen ist eine Frau, Frauke Petry auch. Sowohl der Front National als auch die AfD haben genug Homosexuelle in ihren Reihen, die AfD kann sogar hier und da mit rechtskonservativen Migranten punkten. Es gibt auch böse weiße Frauen, die nichts dabei finden, wenn einer anderen in den Schritt gegrapscht wird oder jemand unverhohlen offen lästert, neben einem schwarzen Fussballspieler wolle doch niemand wohnen. Gucken wir uns an, was die Leute sagen, nicht, ob sie rein äußerlich irgendwie den Eindruck machen, nicht zum ol‘ Boys Network zu gehören. Soviel Respekt ist man Frauen und Minderheiten eigentlich auch schuldig.

Trugschluss Nr. 2: Es sind die Abgehängten und Frustrierten

Nein, es sind überraschend viele Leute, denen es finanziell richtig gut geht. Vielleicht sogar besser als noch vor 20 Jahren, wenn man bedenkt, dass die soziale Schere ja immer weiter auseinanderklafft, die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man kann natürlich darüber sinnieren, dass auch die obere Mittelschicht Abstiegsängste hat, angesichts der Globalisierung und der vielen gut und sehr gut ausgebildeten Ingenieure und IT-Experten, die aus allen Ländern der Welt herbeiströmen und ihren Kindern den Parkplatz vor dem Luxus-Club streitig machen.

Aber ich persönlich glaube nicht so recht daran. Zumindest, was Deutschland betrifft (mit den USA kenne ich mich wirklich zu wenig aus). Ich glaube eher, dass diese Leute den Eindruck haben, dass die Zeit reif ist, für eine Bundesrepublik an der jemand wie Franz-Josef Strauß seine helle Freude gehabt hätte: Offiziell „nur“ konservativ, aber ohne allzuviel demokratischen Firlefanz, gerne offen mit dem Faschismus flirtend. Immerhin fand Strauß seinerzeit nichts dabei, der faschistischen deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile einen Besuch abzustatten. Warum also sollte sich einer wie Alexander Gauland zusammenreißen?

Ja, man muss den Turbo-Kapitalismus irgendwie eindämmen. Globalisierung geht nicht unbegrenzt. Und ja, man muss den Leuten wieder Chancen geben, Hoffnungen, Perspektiven. Und natürlich darf man die terrorristische Gefahr nicht unterschätzen. Das zeigt das Beispiel Frankreich sehr gut, aber hierzulande kann Gewalt auch von anderer Seite, auch von rechts kommen.

Vielleicht muss man aber gleichzeitig, und da muss ich Leuten wie Carolin Emcke recht geben, auch generell ein bisschen am gesamtgesellschaftlichen Klima arbeiten. Dieses ganze Foppen und Verarschen, dass Gruselclowns so lustig sind, Hasskommentare durchaus legitim und immer mal wieder jemand kalkuliert „mit der Maus ausrutscht“. Vielleicht hat ja auch Donald Trump auf diese Karte gesetzt. Ich weiß es nicht. Wenn, dann kann man nur hoffen, dass die Strategie wie Zuckerwatte in sich zusammenfällt, bevor Rechtspopulisten in Europa nennenswert Kapital daraus schlagen könnten.

 

Knackpunkt Burka: Alles nur Stimmungsmache?

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Wenn man die Burka verbieten lassen will, müsste man auch Weihnachtsmann- und Nikolauskostüme verbieten lassen. An markigen Statements fehlte es im letzten Sommer, als das Burka-Verbot auch in Deutschland zur Debatte stand, nicht. So sorgte sich z. B. der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger um Karnevals- und Weihnachtsmannkostüme. Der Rechtsanwalt, Blogger und Kolumnist Heinrich Schmitz zog im Debattenportal „Causa“ des Berliner Tagesspiegel einen Vergleich zu „weiße(n) Socken in Sandalen zu kurzen Hosen“. Kultur ist eben nicht nur die Kultur des kartoffeligen Deutschen mit seinen Tennissocken an den käsigen Beinen und dazu die spießig-religiös verbrämten Winterriten, die ja doch nur die Supermarktkassen klingeln lassen. Röhrende Hirsche und die „Eiche rustikal“-Schrankwand haben ausgedient, so wollte man klarstellen. Jetzt bricht ein neues Zeitalter an, in dem Diversity, die Verschiedenheit der Kulturen Trumpf ist, Migration sollte eine Selbstverständlichkeit sein und die Globalisierung bildet den Hintergrund-Soundtrack zu alldem. Wenn eine Frau Burka tragen will, dann trägt sie sie eben. Basta! So einfach ist das! Oder auch nicht.

Es stimmt schon: Man muss sich überlegen, was man alles verbieten will. Ansonsten trifft es eines Tages vielleicht auch einen selbst. Nur ist das Weihnachtsmannkostüm das falsche Argument. Immerhin kann man nicht im Weihnachstmannkostüm zur Schule gehen oder in einer Bank arbeiten. Solchen Restriktionen, was die Kleidung betrifft, unterlag man hierzulande also schon immer.

DIE BURKA: FRAUENFEINDLICH & RECHTSLASTIG

Und machen wir uns nichts vor: Natürlich steht die Burka für eine Frauenfeindlichkeit, die nicht nur hartgesottene Feministinnen im Westen erschaudern lässt. Als die syrische Stadt Manbidsch im August von kurdischen Kampfeinheiten befreit wurde, rissen sich die Frauen den Gesichtsschleier förmlich vom Gesicht, Burkas brannten, Befreiungs-Zigaretten wurden geraucht und die Männer ließen sich als erste Amtshandlung in Freiheit die Bärte abschneiden.

Burka und Niqab sind Symbole einer Rückwärtsgewandtheit und eines religiösen Fanatismus, wie sie u. a. der Islamische Staat und andere Terrorgruppierungen vertreten. Anders, als einige vielleicht annehmen, handelt es sich nicht um ein, wenn auch altertümliches „Kulturgut“ der Herkunftsländer der Refugees, das im Rahmen eines Diversity Managements verteidigt werden müsse. Ganz im Gegenteil: Es ist etwas Fremdes, aus anderen Kulturen Übernommenes: Die Burka ist eigentlich eine vorislamische zentralasiatische Tradition und der Niqab eine saudi-arabische konservativ-salafistische Bekleidungsvorschrift für Frauen. Beides steht allerdings in der heutigen Zeit für einen Rechtsruck und eine neue religiöse Frömmigkeit und Eiferei in der arabischen Welt.

Bezeichnenderweise habe ich in Berlin unter den Flüchtlingen bislang keine einzige Burka- oder Niqabträgerin gesehen. Wohl schienen die Frauen mehrheitlich ziemlich konservativ zu sein – fast alle trugen „Abaya“, weite, den Körper verhüllende Gewänder und „Hidschab“, ein Kopftuch, aber eben keinen Gesichtsschleier. Niqab-Trägerinnen sind vielleicht, wenn dann, eher die Frauen saudischer und pakistanischer Geschäftsleute, nicht so sehr Einwandererinnen und Flüchtlinge.

DER BURKINI: SYMBOLPOLITIK A LA FRANÇAISE

Trotzdem, es wäre unklug, die französischen Fehler in Deutschland zu wiederholen und zu glauben, mit Verboten könnte man Fanatismus und Terror eindämmen: Das Burka-Verbot von 2010 hat die grausigen Terroranschläge, die sich in Frankreich ereignet haben, nicht verhindert: „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, die Attentate vom 13. November 2015, der furchtbare Anschlag von Nizza am 14. Juli 2016 oder die Enthauptung eines Priesters in Rouen wenige Wochen später, um nur eine Auswahl der traurigsten Höhepunkte zu bringen.

Die Burkini-Verbote an einzelnen Stränden im letzten Sommer haben die Stimmung eher noch angeheizt. Es war Symbolpolitik, das stimmt: Wenn man der omnipräsenten Terrorgefahr schon hilflos ausgeliefert ist, dann sollte man wenigstens etwas dagegen tun, dass der kulturell-religiöse Background dazu nicht auch noch an Boden gewinnt, so das Denken, das dahinterstand.

Viele französische Muslime, die sich in der Vergangenheit immer wieder von Extremismus und Gewalt distanziert hatten, fühlten sich jedoch verprellt. Gerade die laizistische Objektivität und Zurückhaltung des französischen Staates allen Religionen gleichermaßen gegenüber müsste es muslimischen Frauen ermöglichen, zumindest den Burkini zu tragen, kritisierte u. a. Feïza Ben Mohamed, die Sprecherin des Collectif contre l’islamophobie en France (CCIF) dem französischen Auslandssender RFI gegenüber.

DEUTSCHLAND: INTEGRATION VON MINDERHEITEN & GEFAHR VON RECHTS

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es geht nicht nur darum, die muslimische Minderheit zu integrieren, anstatt gerade perspektivlose Jugendliche, die leichte Beute für den IS und andere Terrororganisationen sind, immer stärker an den Rand zu drängen und ihnen das Gefühl zu geben, sie gehörten nicht dazu. Mittlerweile ist in Deutschland auch eine sich radikalisierende und gelegentlich auch gewaltbereit auftretende neue Rechte zum Problem geworden.

„Islamkritik“, wie es beschönigend heißt, ist ein wesentlicher Fixpunkt des rechten Spektrums und das Milieu der Islamfeinde ist sehr heterogen. Es erstreckt sich von gemäßigt-neokonservativ-proisraelischen Gruppierungen über Verschwörungstheoretiker mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bis hin zur rechtspopulistischen AfD, den offen islamfeindlich auftretenden Pegida- und Pro-AktivistInnen und dem traditionellen harten Kern der rechten Szene.

Der in diesen Milieus heraufbeschworene „Untergang des Abendlandes“ steht nicht bevor. Nicht einmal im kosmopolitischen Berlin mit seinem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil überwiegen bislang die Minarette, ganz abgesehen davon, dass die Existenz eines Minarettes ja nicht bedeuten muss, dass es keine Kirchtürme mehr geben darf. Hier werden also tatsächlich Ängste geschürt, die keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit haben.

STIMMUNGMACHE & EINSCHÜCHTERUNG STATT BRÜCKEN BAUEN

Die Frage ist nur, ob man „Islamkritiker“ und Islamhasser durch Einschüchterung kleinhalten kann oder ob man sie nicht mit der allzu eifrigen Verteidigung der Burka sogar indirekt noch unterstützt hat.

Die Diskussionen über Burka und Niqab sind in der muslimischen Welt viel kontroverser als man hierzulande gemeinhin annimmt. DEN einen, einzig wahren Islam gibt es nicht (außer natürlich im Denken von Fanatikern, aber das ist ja immer so) – ganz abgesehen davon, dass nicht alle Menschen aus muslimischen Ländern religiös im engeren Sinne sind. Wer glaubt, im Zweifelsfall auch in einem etwas rabiateren Tonfall Partei für Burka- und Niqabträgerinnen ergreifen zu müssen, hat sich damit nicht automatisch auf die „richtige“ Seite geschlagen.

Dafür dürften die arroganten Pro-Burka-Polemiken im letzten Sommer Wasser auf die Mühlen der Islamfeinde und selbsternannten „Versteher“ der sog. „kleinen Leute“ gewesen sein.

NÖTIGER DENN JE: MUT ZUR KONTROVERSE

Wer Toleranz für die Burka einfordern will, muss jedenfalls klar herausstellen, dass damit nicht auch quasi im Doppelpack Toleranz für Frauenhass und religiösen Fanatismus gemeint ist. Außerdem macht sich, wer rechtskonservativen Kräften hierzulande – zu Recht! – entschieden entgegentritt, langfristig unglaubwürdig, wenn er oder sie den gleichen rechtslastigen Konservativismus in Schutz nimmt, sobald es sich um MigrantInnen und Flüchtlinge handelt.

Einzig den Grünen war das hochbrisante Thema „Burka“ ein paar handfeste parteiinterne Kontroversen Wert, wie u. a. das Handelsblatt berichtete. Aber die Grünen gelten ja auch nicht zu Unrecht als „Multikulti“-Partei – und dafür können sie sich nun auch wirklich mal selbst kräftig auf die Schulter klopfen!

 

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzistische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

Mir kam das Ganze nämlich auch bekannt vor. Ich hatte es offline schon oft genug erlebt, z. B. die „an amerikanischen Comics geschulte Sprache“, derer ich mich angeblich bediene (Das kam von einer älteren Frau, in Kreuzberg, Nähe Amerika-Gedenk-Bibliothek). Vielleicht, so könnte man fast argwöhnen, ist „MarkusWiedmann“ am Ende sogar jemand, der offiziell die Emanzipation von Frauen befürwortet und sich für die Rechte Homosexueller stark macht, ein wahrhaft linker Aktivist, zumindest dem Anschein nach?.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Ende der Gleichheit? Die Erosion einer Idee

Die Linke ist irgendwie nicht mehr links. Jedenfalls hat sie, so der Politologe Wolfgang Merkel im Interview mit dem Magazin „Zeit Campus“*, den Bezug zur Unterschicht verloren. Im Mittelpunkt stünde nicht mehr so sehr die soziale Frage, sondern eher das Engagement für Minderheiten – Migranten, Homo- und Transsexuelle, Muslime – für deren Gleichberechtigung gekämpft werde. An Brisanz gewinnt das, was Merkel sagt, im Zusammenhang mit der Burka-Debatte: „Denn die junge Linke neigt dazu – entgegen einer aufklärerischen oder marxistischen Tradition der Religionskritik – Religion unter Immunitätsschutz zu stellen und Kritik am Islam unmittelbar als „rechts“ oder als „Phobie“ zu brandmarken. Linke Religionskritik gerät dann in Vergessenheit, kritische Diskurse werden schlicht nicht mehr geführt – und das ist ein großes Problem.“* konstatiert der Berliner Professor für Politikwissenschaften.

*Interview mit Robert Pauch, das am 22. 06. 2016 in „Zeit Campus“ erschien.

VOR DEM GESETZ SIND ALLE GLEICH

Ob man das wirklich so sagen kann, weiß ich nicht. Formale Gleichheit vor dem Gesetz steht tatsächlich jedem und jeder zu. Damit, klar, kann sich jeder/jede kleiden, wie er/sie will, man kann rechstkonservative oder sogar -radikale Ansichten vertreten – ganz gleich ob man sich dabei mit der AfD oder NPD oder eben mit entsprechenden ausländischen Parteien identifiziert – und man darf – rein formal – sogar z. B. homophob und frauenfeindlich sein. Wenn Leute, wie Beatrix von Storch offen ihre Meinung kund tun dürfen, die Familie sei die „Keimzelle“ der Gesellschaft und „Frühsexualisierung“, ja „Gender-Ideologie“ sei entschieden entgegenzutreten, muss man das gleiche auch Salafisten, „Grauen Wölfen“, französischen „Identitären“, italienischen Faschisten und erzkonservativen Flüchtlingen zugestehen.

Schwierig wird es mit dem in der Verfassung festgeschriebenen Zusatz, die Freiheit des Einzelnen ende da, wo die Rechte anderer beschnitten würden. Da hakt die „neue Linke“, da bietet sie Anknüpfungspunkte für die „neue Rechte“ und genau das bereitete vermutlich auch den Boden für das Entstehen der sog. „Querfront“, dem Bündnis aus Linken und Rechten bzw. Rechtsextremen.

DER NEUE SOZIALDARWINISMUS

Sprüche, wie „Stell Dich schon mal darauf ein, DU kommst jedenfalls in keinem Obdachlosenheim unter!“ kenne ich zur Genüge oder heute: „Was ist, wenn wir sagen, wir haben jede Menge Jobs für die Armen, Schwachen und Kranken, aber für DICH halt nicht!“ oder: „Tja, jetzt, gegen Ende des Monats, ist Schmalhans Küchenmeister, was?!“. Eine ältere Frau hat mir einmal in der U-Bahn gewünscht, ich solle doch in der U-Bahn betteln gehen (klar, machen andere auch, was beschwere ich mich da?)

Ich kenne diese Leute nicht und weiß nicht, warum sie so hämisch und grausam sind. Es können Linke sein, die glauben, einer Akademikerin gegenüber sei das schon in Ordnung (Um die „wahren“ Schwachen dieser Gesellschaft kümmern sie sich ja dafür umso rührender und engagierter – als ob ein Flüchtlingsselfie es rechtfertigte, jemand anderen dafür verhungern zu lassen. Und gut, sehen wir besser auch darüber hinweg, dass diese Leute alle selbst Akademiker sind.) oder Rechte, die sich in ihrer Herrenmenschenideologie bestätigt sehen wollen (als „unwertes Leben“ wurde ich auch schon bezeichnet. Fragt sich, was denn „wertvolles Leben“ ist, woran sich das festmacht? Fragt sich auch, ob solche Menschen nicht einfach eine Vollklatsche haben und vielleicht mal in ein Geschichtsbuch gucken sollten. Vielleicht reicht aber der Hinweis darauf, was denn mit ihnen wäre, wenn man der Natur freien Lauf und sie sich selbst überlassen würde – Geld nützt nichts mehr, kein Doktor, kein Psychologe, kein Sozialarbeiter, keine Altenpflegerin, essen musste Dir selbst anbauen oder jagen … Selbst die Steinzeitmenschen lebten in Gruppen und halfen einander. Faschistische Experimente, in denen Sozialverhalten und Mitgefühl abtrainiert werden sollten, sind bislang meistens sehr schnell geendet. Das sollte eigentlich für sich sprechen oder?).

ELITEN IN ANGST

Allerdings war ich erstaunt, als ich letztes Wochenende in der Berliner „Morgenpost“ las, dass sich laut einer Umfrage* offenbar überraschend viele Anhänger der – zwar wirtschaftsliberalen, aber soweit ich weiß nicht fremdenfeindlichen – FDP vor den Flüchtlingen fürchten oder ihnen zumindest mit einer gewissen kritischen Distanz gegenüberstehen. 53 % und damit weit mehr Anhänger der FDP als der von anderen „bürgerlichen“ Parteien wie CDU, SPD, den Grünen und der Linkspartei empfinden die Flüchtlinge ausdrücklich NICHT als „Bereicherung“ für Berlin (wobei ich unterstelle, dass auch die meisten Leute, die sich einfach nicht an den Flüchtlinge stören, bei der Umfrage dafür optiert haben, dass sie die Flüchtlinge als „Bereicherung“ empfinden. Viele Berliner haben nämlich einfach nicht so viel mit den Flüchtlingen zu tun.).

*Art.: „Mehrheit der Berliner hält Flüchtlinge für eine Bereicherung!“ v. Joachim Fahrun, in: Morgenpost v. 18./19. August 2016.

Gerade bei FDP-Anhängern hätte ich vermutet, dass für sie die wirtschaftlichen Vorteile überwiegen würden: Immerhin bedeutet sehr viel Zuwanderung ein Überangebot an Arbeitskräften. Lohnsenkungen, evtl. die Abschaffung des Mindestlohnes und eine Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen könnten so begründet werden (müssen es aber natürlich nicht, das ist eine Frage der Einstellung). Das sollte eigentlich einen jeden Marktradikalen freuen. Und trotzdem sind die Flüchtlinge den Jüngern eines erbarmungslosen Wirtschaftsliberalismus‘ gar nicht so lieb? Oder lauert da am Ende eine leise Angst im hintersten Winkel des Herzens des einen oder anderen selbsternannten „Leistungsträgers“? Zu Studienzeiten (natürlich Jura) fleißig Seiten aus den Gesetztessammlungen gerissen, denn wer kein Geld hatte, um sich die dicken roten Bücher selbst zu kaufen, musste ja auch nicht unbedingt die Hausarbeiten mitschreiben? Dann von der „sozialen Hängematte“ schwadroniert, in der sich angeblich viel zu viele ausruhen? Und jetzt Angst, es ginge einem vielleicht selbst an den Kragen? Die Globalisierung und all die Menschen, die mit ihr nach Deutschland kommen, könnten einen da hintreiben, wo man immer nur die anderen haben wollte?

Natürlich reißen nicht alle Jura-Studenten Seiten aus Büchern, die ja immerhin auch Besitz der Uni-Bibliothek sind (Ist das nicht Sachbeschädigung? Ein Eigentumsdelikt?) und wenn dann machen es sicher nicht nur wirtschaftsliberal und konservativ Gesonnene, sondern auch Linke.

IN MEINEM, DEINEM, UNSEREM INTERESSE?

Das führt zurück zu Politikprofessor Wolfgang Merkel und seinen Thesen. Ich glaube, bei vielen Themen, die aktuell so in der Debatte sind, geht es nicht einmal so sehr um inhaltliche Differenzen zwischen „neuen“ und „alten“ Linken. Religionsfreiheit gilt, wie gesagt, für alle und eine Frau kann selbst entscheiden, ob sie sich Männern unterordnen will oder nicht. Genau da liegt allerdings der Hase im Pfeffer. Kann sie wirklich selbst entscheiden? Jede?

Das Problem ist, dass viele Linke mittlerweile zu stark darauf fixiert sind, sich zu Vorkämpfern für Partikularinteressen zu machen, die meistens nicht einmal ihre eigenen sind. Als Argumente müssen dann Klischees herhalten. Dinge werden so lange verdreht und hin- und hergebogen, bis es irgendwie passt. Und es geht – wie gesagt – um den Menschen (bzw. einige bestimmte), nicht um das, was er (oder sie) getan hat.

#koelnhbf hat vielleicht an die Oberfläche gespült, was schon längst im Verborgenen gärte: Nur wenige Feministinnen verurteilten die sexuellen Übergriffe. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker riet sogar, Frauen sollten „eine Armlänge Abstand“ halten, um nicht so schnell zur Zielscheibe sexuell übergriffiger Männer zu werden. Zwar hatte mir Reker leid getan, als sie im letzten Jahr von einem Neonazi angegriffen und lebensgefährlich verletzt wurde, aber ihre Statements zu den Ereignissen in der Silvesternacht passten irgendwie zu sehr zu dem gehässigen, stutenbissigen Hipsterfeminismus, bei dem es meiner Erfahrung nach vielfach eher darum geht, dass möglichst andere Frauen möglichst viel sexuelle Aggressionen erleben sollen, damit man bzw. hier wohl eher frau sich selbst als „attraktiv“ hervorheben kann. Das herrscht in Berlin vor und ich habe wirklich nicht viel dafür übrig.

Ist Verachtung für Frauen denn okay, wenn sie von Migranten kommt? Können andere Frauen das dann guten Gewissens absegnen? Und warum tut jemand so etwas überhaupt?

EIN MÄDCHEN VERLIERT SEIN GEFÜHL

Als ich in der „Zeit“ die Geschichte von Megi und Melina las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die jungen Frauen werden in der Überschrift als „Paar“ dargestellt (Das muss meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Ein LGBT-Thema also?). Ein paar Zeilen weiter ist allerdings von „allerbester Freundin“ die Rede. Das trifft es wahrscheinlich eher. Jedenfalls endet alles damit, dass Megi Melina umbringt. Laut Spiegel-Online soll das sehr stark übergewichtige Mädchen nach der Tat nur wenig Reue gezeigt haben. Eine Polizistin soll gesagt haben, dass das Mädchen sich „nur für sich interessiert“ habe. Das hat mich nicht so sehr überrascht. In Berlin gibt es unzählige Frauen (und vermutlich auch Männer) wie Megi. Viele identifizieren sich als lesbisch oder transsexuell und ohne Unterlass predigt man ihnen, dass ihre Gefühle, ihr Erleben allein im Vordergrund stehen und andere sich unterzuordnen zu haben. Ist es da ein Wunder, wenn so eine Frau eine andere ermordet – Sie hat ihre Gefühle doch rausgelassen, nicht „in sich reingefressen“, ganz so, wie man es ihr beigebracht hat – und danach erwartet, dass andere sich dafür interessieren, „wie es ihr damit geht“?

Natürlich sind auch Frauen wie Megi Opfer und natürlich muss man ihnen helfen. Aber muss man sich dafür selbst verleugnen? Die eigenen Interessen drangeben? Und die eigenen Gefühle permanent hinunterschlucken? Nett sein, um jeden Preis?

Während der Spiegel-Online-Artikel nüchtern von den Ereignissen berichtet, fällt richtig auf, wie sehr sich die „Zeit“ bemüht, ein positives Bild von Megi zu zeichnen. Als „Leitwölfin“ wird sie dort dargestellt. „Die anderen schauen zu ihr auf“ schreibt Daniel Müller* – Eine Charakterisierung, die bei Berliner Transmännern und Macholesben auf Gegenliebe stoßen dürfte, v. a. in Verbindung mit einem bestimmten Körpertyp. Auf Spiegel-Online steht dagegen in einem zweiten Artikel, der den Fall bespricht: „In der Schule wurde die seit Kindheit dicke Megi gehänselt“*. Das klingt anders.

*Art.: „Megi und Mel“ v. Daniel Müller, in: „Zeit“ v. 09. Juni 2016.

  Art.:“Urteil gegen 18-Jährige in Münster: Hass, Tod, Gleichgültigkeit“ v. Benjamin Schulz, Spiegel Online v. 25. Mai 2016.

EMPOWERMENT ODER DISKRIMINIERUNG?

Hässliche, psychisch gestörte Lesben und grapschende Migranten – man muss kein zweites Mal hinschauen, um zu erkennen, dass es eigentlich diskriminierende Vorurteile sind, für die hier um Toleranz oder zumindest um ein gewisses Verständnis geworben wird. Als ob alle Lesben dick, alle Dicken antisozial, alle psychisch Kranken gemeingefährlich und alle Muslimen Vergewaltiger wären.

Ist das wirklich links oder schon rechts? Kann man Frauenhass und Gewalt mit dem Wohl von Minderheiten rechtfertigen? Und wem bringt es etwas, soziale Gruppen und/oder Einzelpersonen gegeneinander auszuspielen? Die Hände reiben werden sich letztendlich weder Flüchtlinge noch Frauen mit psychischen Problemen, sondern AfD-Politiker und NPD-Kader. Nur wer das wirklich will, sollte so weiter machen wie bisher.