Das A-Wort und die Mitte Europas. In Sachen Soros …

Ein zähnefletschend grinsender Opa vor kühlem Royalblau – „Lassen wir nicht zu, dass es Soros ist, der am Ende lacht!“ ist fettgedruckt auf den Plakaten zu lesen, die überall in Ungarn prangen und seit ein paar Tagen auch in Deutschland für Furore sorgen. In Ungarn weiß man offenbar, wo der Feind steht, nämlich in den eigenen Reihen. Immerhin ist der US-Milliardär George Soros, der durch die Kampagne diskreditiert werden soll, gebürtiger Budapester. Sohn eines Esperanto-Schriftstellers, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, geboren 1930. Seine Familie entging nur knapp den nationalsozialistischen Häschern, er selbst machte später in den USA mit Börsenspekulationen ein Vermögen. Und investiert, mit der „Open Society“ u. a. in die Demokratisierung Ungarns und anderer mittel- und osteuropäischer Länder.

politische Einflussnahme in Mittelosteuropa – kein Ein-Mann-Geschäft

Klar dass Soros, zumindest aus einer linken Perspektive, nicht gerade zur über jeden Zweifel erhabenen Lichtgestalt taugt. „Kasinokapitalismus“, eben jene außer Rand und Band geratenen Finanzmärkte, die Soros zum Milliardär gemacht haben, kann und sollte man ja kritisieren. Auch ist es sicherlich kritikwürdig, wenn Demokratisierungsprozesse ausgerechnet von Spekulanten angeschoben werden, zumal in den mittelosteuropäischen wirtschaftlichen Ruinen, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hat, und auf die sich in den 00er Jahren allerlei geldgierige Raubtiere – Investoren, windige Geschäftsleute und nicht minder fragwürdige „Influencer“ – gestürzt haben wie die Aasgeier auf ein verendendes Rind.

Nur – wenn nicht Soros die „Open Society“ gegründet hätte, dann hätte eben jemand anderes mehr Einfluss gehabt, vielleicht jemand mit weit weniger edlen Hintergedanken. Es ist ja gerade das Problem kritischer, vielleicht auch oppositioneller Gruppen in armen Ländern, dass sie auf ein finanzielles Backing von dritter, meist ausländischer Seite angewiesen sind, um sich eine gewisse politische Infrastruktur aufbauen zu können, zumindest, wenn sie nicht auf illegale Methoden zurückgreifen wollen, um an Geld zu kommen. Damit laufen sie natürlich theoretisch immer Gefahr, vor den Karren fremder Interessen gespannt zu werden, oder – wie Lenin es ausgedrückt hätte – als „nützliche Idioten“ herhalten zu müssen, die man gut für die eigene Sache vereinnahmen kann.

Fragt sich allerdings, wessen „nützlicher Idiot“ man lieber sein will – denn George Soros ist lange nicht der einzige auf dem Markt der politischen Einflussnahme in Mittel- und Osteuropa. Russland hat ein Interesse daran, die politische Linie Wladimir Putins möglichst breit durchzudrücken, es gibt andere „Gönner“, so ziemlich jede politische Stiftung und jedes Kulturinstitut sowie zahlreiche kleinere und größere NGOs sind bemüht, im Kampf um Köpfe und Multiplikatoren nicht das Nachsehen zu haben.

Kritik an Soros oder Antisemitismus?

Aber darum geht es wohl nicht, zumindest nicht in erster Linie. George Soros ist Jude – ein schwerreicher Jude, der sich als liberaler Philantrop und Demokratiebringer im Sinne Karl Poppers sieht. Offenbar löst das antisemitische Reflexe aus, auch hierzulande. So mutmaßt Ken Jebsen, der im linken friedensbewegten und palästinafreundlichen Milieu nicht irgendwer ist, dass Soros als ominöser Hintermann und Drahtzieher hinter dem „Womens March“ steckt, einer großen feministischen Protestdemonstration, die im Frühjahr gegen die Präsidentschaft Donald Trumps mobil gemacht hatte und international in den Medien viel wohlwollende Beachtung fand. Jebsen behauptet zudem, wie ihn der Berliner Tagesspiegel zitiert, dass Soros den Feminismus fördere, um Frauen zur Abtreibung zu verleiten und mit den toten Embryonen Geld zu verdienen.

Das ist noch eine Stufe härter als Viktor Orbán, der selbst zwar mit einem Stipendium der „Open Society“ in Oxford studieren durfte, nun aber überzeugt ist, dass Soros illegale Einwanderung fördere, um damit Geschäfte machen zu können.

Sicher, illegale Einwanderung ist ein Segen für Leute, die von Mindestlöhnen, Arbeitsschutz und Sozialversicherung nicht viel halten. Immerhin kostet das. Donald Trump wird nachgesagt, dass er bevorzugt illegale Lateinamerikaner auf seinen Baustellen arbeiten ließ. In Deutschland waren es v. a. konservative Politiker, die hofften, mit den Flüchtlingen den Mindestlohn unterlaufen zu können. Dadurch werden die Fluchtursachen – der Krieg in Syrien, die prekäre wirtschaftliche Lage in Afrika – jedoch nicht minder real. Sie sind nicht das Werk weder Donalds Trumps, noch des deutschen Arbeitgeberverbandes, des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder eben des „Open Society“-Gründers George Soros.

Unterstützung von israelischer Seite: Zur Not auch für Antisemiten

Schützehilfe erhalten die Kritiker des ungarischen Philantropen jetzt jedoch von unerwarteter Seite – nämlich aus Israel. Nachdem der israelische Botschafter in Ungarn, Yossi Amrani, die antisemitische Kampagne mit den königsblauen Plakaten scharf kritisiert hatte, pfiff ihn Benjamin Netanjahu sogleich zurück, wie man u. a. auf Spiegel-Online nachlesen kann. Soros dürfe man ruhig kritisieren, so der israelische Premierminister.

Na ja, sicher, wie gesagt … Aber muss es eine antisemitische Hetzkampagne, unter der dann eben die gesamte jüdische Bevölkerung Ungarns zu leiden hat? Ist das immer noch besser, als wenn sich „die Falschen“ in Mittelosteuropa zu sehr einbringen? Vermutlich interessiert sich Netanjahu nicht allzusehr für Soros‘ Heimat Ungarn. Die „Open Society“ soll allerdings mittlerweile auch in Israel aktiv sein und – ein pikantes Detail, dass der deutschen Linken sauer auftoßen dürfte – dort v. a. eine linksliberale Politik fördern, die Kritik an den jüdischen Siedlern übt und eine Aussöhnung mit den Palästinensern anstrebt. Genau das aber wollen die Leute um Ken Jebsen, die Friedensbewegung und das Querfront-Milieu um die DKP und Teile der Linkspartei in Deutschland ja eigentlich auch. Netanjahu dagegen bevorzugt, wie Allison Kaplan-Sommer unter dem Titel „Why Netanjahu hates George Soros so much“ vorige Woche auf Haretz ausgeführt hat, eher jemanden wie Sheldon Adelson – ein us-amerikanischer Milliardär, dessen Eltern aus Russland in die USA auswanderten, interessanterweise ist er fast im gleichen Alter wie Soros. Sheldon ist außerdem ein „Kasinokapitalist“ im wahrsten Sinne des Wortes: Immerhin ist er in Las Vegas mit Kasinos reich geworden. Anders als Soros‘ deutsche Feinde hat er auch kein Herz für Palästina sondern begrüßt und unterstützt jüdische Siedlungen im Westjordanland. Darüber hinaus steht der Milliardär politisch den Republikanern nahe und förderte sowohl George W. Bush als auch Donald Trump  – wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt.

Es geht noch viel schlimmer: Faschismus in der Slowakei

Doch kehren wir mental nach Europa zurück, reisen wir gedanklich mit dem Zug von Budapest nordostwärts, in Richtung ukrainische Grenze. Die Mitte Europas befindet sich, wie einmal jemand gesagt haben soll, geographisch gesehen angeblich auf dem Marktplatz von Banská Bystrica, einem kleinen Universitätsstädtchen in der Zentralslowakei. Hier marschiert gern jemand in einer martialisch-angsteinflößenden schwarzen Uniform herum, der rein äußerlich fast eine jüngere Ausgabe von George Soros sein könnte. Damit allerdings enden die Gemeinsamkeiten auch schon, denn Marian Kotleba, der klotzige, dickliche Slowake mit dem spärlichen, gepflegten Oberlippenbärtchen, dem u. a. die „Welt“ ein Portrait gewidmet hat, steht politisch ganz weit rechts, so weit, dass er es vermutlich nicht einmal entrüstet von sich weisen würde, wenn man ihn als Faschisten bezeichnet. Er ist nämlich einer: wettert gegen Roma und Juden, glorifiziert die faschistischen slowakischen Hlinka-Garden und Adolf Hitler. Globalisierungskritik formuliert Marian Kotleba kurz und griffig: „Yankees raus!“. 2013 wurde er zum Landeshauptmann der Zentralslowakei gewählt.

Vielleicht sollte man George Soros und der „Open Society“ doch noch mal eine Chance geben …

 

Punkte machen mit dem A-Wort? Wie Antidiskriminierungspolitik zum Eigentor wird

A wie Antisemitismus. Wer dagegen ist – „anti“ – könne es aber auch wiederum übertreiben, meint Jakob Augstein. Der Anti-Antisemitismus könne schnell zur Obsession werden, schreibt er in seiner  Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Das A-Wort“ (Print, Spiegel 2017/25). Aufhänger ist die umstrittene Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, die WDR und Arte zunächst nicht zeigen wollten. Dann zeigte Bild-Online sie und schließlich lief sie dann, versehen mit einigen Korrekturen, doch noch regulär im Fernsehen.

Warum so viel Aufregung um einen Film? Sicher, der Film ging das Thema parteiisch an, sehr fokussiert auf den Nahostkonflikt, vor allem wohl aus der Perspektive der israelischen Regierung. Das wurde nicht nur im Pro-Palästina-Lager kritisiert. Auch die Journalistin Sylke Tempel merkte im NDR an, dass der Film diskussionswürdig sei. Aber kann man Filme eigentlich nicht mehr mit einer kritischen Distanz sehen? Man muss sich doch nicht mit allem, was man sich so medial zu Gemüte führt, voll und ganz identifizieren.

Oder ist es das Thema? Antisemitismus. Ist es nicht merkwürdig, dass sich heutzutage, so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust, die Geister mehr denn je daran scheiden? Gerade in dem Moment, wo das Land eine Nation in Europa wie alle anderen sein will, wo von „Verfassungspatriotismus“ und einem „gesunden Nationalstolz“ die Rede ist, reiben sich die Leute wieder ganz besonders daran. Dabei könnte man sich sagen, dass der Nahe Osten weit weg ist. Juden sind in Deutschland wirklich eine Minderheit und so viele Palästinenser leben hier auch nicht. Rein zahlenmäßig sind es in den letzten Jahren vielleicht etwas mehr Araber geworden. Gut, die Flüchtlinge – ist es das?

Aber was haben damit zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu tun? Jedes Kind hat vor 20 Jahren noch in der Schule gelernt, dass es sich dabei um eine antisemitische Fälschung handelt. Deshalb glaubt man auch zuerst, man habe sich verhört, als in der Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ ein junger Mann in einem buntgewebten Pulli freundlich sagt, wenn die „Protokolle von Zion“ eine Fälschung seien, dann habe sich da aber doch jemand ein paar wirklich gute Gedanken gemacht – Wie bitte?

Leider gibt es solche Leute. Die Frage ist nur, warum schenkt man dem Gehör? Oder sind solche Ansichten etwa weiter verbreitet und tiefer verankert in unserer Gesellschaft als man gemeinhin so annehmen sollte?

Es erschüttert schon, zu hören, dass in Berlin ein jüdischer Junge die Schule verlassen hat, weil er offenbar antisemitisch gemobbt wurde. Die Schule soll die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus“ getragen haben, wie u. a. im Berliner „Tagesspiegel“ steht. Das gibt zu denken. Sind die Leute jetzt so erpicht darauf, die „Araberfreunde“ zu geben, dass man einem jüdischen Schüler gegen Mobbing nicht mehr beistehen kann? Als in der taz (Print) dann irgendwo (leider weiß ich nicht mehr wo) auch noch treuherzig versichert wurde, es schlösse sich ja nicht aus, gegen Rassismus UND gegen Antisemitismus zu sein, geriet ich ins schlingern. Natürlich schließt es sich nicht aus. Wäre ich Lehrerin, würde ich auch einem christlichen, blonden, bio-deutschen, heterosexuellen Jungen aus gutem Hause helfen, wenn er zum Mobbing-Opfer würde. Es geht doch darum, Mobbing zu unterbinden. Oder etwa nicht?

Das heißt, mittlerweile würde irgendetwas in mir kurz zögern, die heimlich lauernde Angst, die Eltern des Jungen würden mich, sobald ihr Kind wieder gut in die Klasse integriert ist, bei der nächstbesten Gelegenheit wegen irgendeiner Lappalie zur „Rassistin“ abstempeln. Irgendwie klingt das paradox und leicht plemplem, aber ich habe derlei leider oft genug erlebt – dass die Menschen sich abstrampeln, um ja nicht selbst irgendwie in den Verdacht zu geraten, irgendwie NICHT mit den Refugees klarzukommen, dass man dafür dann lieber andere umso kräftiger in die Pfanne haut. In was für einem Land leben wir eigentlich?

Allerdings handelt es sich, anders als man meinen könnte, nicht unbedingt um ein typisch deutsches Phänomen. Kein „Schuldkult“ also, wie der rechte Rand ja gern höhnt. Da ist zum Beispiel der Fall Kamel Daoud: Der algerische Schriftsteller hatte das Frauenbild im Islam kritisiert, auch im Hinblick auf die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht in Köln 2015/16. Daraufhin wurde er von französischen Intellektuellen harsch angegriffen. Weiße Franzosen warfen dem in seiner immer wieder von islamistischen Wellen erschütterten Heimat nicht ganz problemlos arbeitenden arabischen Intellektuellen plötzlich „Orientalismus“ und „Islamophobie“ vor. In Deutschland wurde Daoud gar nicht erst beachtet. Man kann den Vorfall aber u. a. in der „Welt“ nachlesen, auch mit einem Link zu einem Artikel von Fawzia Zouari in der „Libération“ (kostenpflichtig!), in dem sie Daoud verteidigt und den neokolonialen Einschlag kritisiert, der ihrer Ansicht nach aus einigen Statements linker europäischer Intellektueller herauszuhören sei.

„Orientalismus“, „Neokolonialismus“, „Islamophobie“ – und eben das berühmt-berüchtigte „A-Wort“. Da schwirrt einem doch wirklich der Kopf. Sicher, es gibt Araber, Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich auf die Seite der europäischen Rechtspopulisten gestellt haben – Necla Kelek und Aayan Hirsi Ali sind vielleicht die hierzulande bekanntesten Namen. Genauso werden gerade in letzter Zeit auch gern Juden von der neuen Rechten umworben und vereinnahmt. Wenn man liest, dass sogar die rechtsextremen „Identitären“ sich gegen Antisemitismus stark machen, zögert man. Damit will man nichts zu tun haben. Auch nicht mit den „Breitbart“-Typen, dem AfD-Milieu, das – obschon selbst mehrfach mit kruden antisemitischen Ausfällen aufgefallen – sich gern auf jeden stürzt, der andeutet, dass die Palästinenser im Nahen Osten vielleicht wirklich kein leichtes Leben haben, dass die Aggression bis zu einem gewissen Grad vielleicht nachvollziehbar sei, auch wenn man damit keinen Hass auf Juden oder auf Israel unterstützen möchte.

Aber das wird dann eben geflissentlich überhört. Die Rechtskonservativen können Punkte machen, indem sie sich umso entschiedener hinter „Israel“ stellen oder zumindest hinter das, was sie für „die israelische Meinung“ halten. Glauben sie jedenfalls. Das erinnert an den Vorfall mit dem jüdischen Jungen, der von der Schule „gegen Rassismus“ weggemobbt wurde, nur eben anders herum. Muss so viel Übereifer wirklich sein? Und mehr noch – muss man sich davon drangsalieren lassen?

Moshe Zimmermann merkte in der „Zeit“ an, dass es antisemitisch sei, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Ansonsten, wenn man das weiter fasste, seien nämlich auch viele Israelis „antisemitisch“. Nicht jeder ist dafür, Araber wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Vielleicht sind es gar nicht mal so viele, die dafür sind. Aber das zu beurteilen, überlasse ich lieber anderen, denn für mich persönlich ist der Nahe Osten wirklich sehr weit weg.

Nur soviel: Auch wenn Antisemitismus in der arabischen Welt verbreitet ist – da muss man sich nichts vormachen – der algerische Raï-Sänger Khaled fand zum Beispiel nichts dabei, in Israel aufzutreten, wo er nämlich auch viele Fans hat. In der arabischen Welt hat sich der Musiker damit Feinde gemacht. Zur Lichtgestalt eignet er sich trotzdem nicht, Khaled ist ziemlich homophob, hat wegen der „Ehe für alle“ sogar Frankreich verlassen. Dafür setzt sich der muslimische Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für die „Ehe für alle“ ein – und nimmt dafür in kauf, u. a. von streng gläubigen Muslimen attackiert zu werden.

Vielleicht brauchen wir nicht so sehr die Menschen, die sich als „Freunde der Minderheiten“ und „Musterschüler“ in Sachen Antidiskriminierung aufspielen und versuchen, einander dabei zu übertrumpfen, der/die entschiedenere, „authentischere“, leidenschaftlichere „Verteidiger(in)“ der Araber oder eben auch Juden zu sein. Vielleicht sollten wir lieber auch all jenen eine Chance geben, die anecken, weil sie Zwischentöne zulassen und Widersprüche aushalten. Letztendlich sind sie nämlich diejenigen, die eine offene, pluralistische Gesellschaft am ehesten zusammen halten können und es wäre fatal, gerade in deren Namen jede Brücke, die mühsam aufgebaut worden ist, ohne Rücksicht auf Verluste niederzureißen.

 

 

 

Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

#SansMoile7Mai: Warum der Jubel über Macron auch bei Le Pen-Gegnern verhalten ist. Eine deutsche Perspektive

Am Sonntagabend machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schon gegen 20 Uhr, als viele Wahllokale gerade erst dabei waren, zu schließen, war klar: Der eindeutige Gewinner des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist Emmanuel Macron. Dann der Kloß im Magen, der gefühlt immer größer wurde, als ginge einem da ein ganzer Pizzateig im Bauch auf: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National ist immerhin in der Stichwahl am 7. Mai. Und wäre Emmanuel Macron wirklich so toll als nächster französischer Präsident? Steht er nicht für alles, was François Hollande in Frankreich, aber auch die Agenda-2010-SPD, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel in Deutschland, der immer aggressiver werdende Neoliberalismus in Europa und der Welt, vergeigt haben?

Im deutschen Netz wurden am Sonntagabend nicht nur die Hochrechnungen der Wahl in Frankreich kommentiert. Auch das neue Duo an der Spitze der hiesigen rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland und Alice Weidel, wurde eifrig betwittert. Mehrere Tweets, wohl aus dem linken oder zumindest (Macron freundlichen,) liberalen Lager, wunderten sich, dass eine Frau mit einem so „progressiven Lebensstil“ wie Alice Weidel rechts sein kann. Und in der Tat: Weidel lebt lesbisch, in einer Regenbogenfamilie mit Frau und zwei Kindern, Unternehmerin, welterfahren – sie soll lange in China gelebt haben – polyglott und – ja – liberal, zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft.

Eigentlich müsste Alice Weidel der feuchte Traum der Frauen- und Genderforschung sein. Genau solche Frauen hatte man mir jedenfalls immer als „Vorbild“ vor die Nase gehalten bzw. es ging darum, Frauen wie mir klarzumachen, dass es da – ich zitiere mal – „ganz andere Frauen“ gäbe: Nicht nur umwerfend aussehend, auch blitzgescheit, beliebt, sexy, die Sorte Mensch, der einfach alles gelingt. Oder zumindest zu gelingen scheint. Solchen Frauen wollte man (bzw. frau) – so wurde man (bzw. frau) nicht müde, mir zu predigen, „das Leben leichter machen“, das war Feminismus 2.0, ich sollte „aufschauen“. Viele andere wahrscheinlich auch.

Und folgerichtig, wenn man denn einer solchen, auch vom Sarrazin-Lager vertretenen Logik folgen will, wird jetzt viel über „Neid“ gesprochen. Sybille Berg hat darüber auf Spiegel Online geschrieben. Es ist aber auch sonst in der Debatte. Kaum eine Analyse des neuen Rechtsrucks in Europa kommt ohne das Wort „Neid“ aus: „Sozialneid“, „Sexualneid“, der Neid auf den Hedonismus der anderen, derer, die es sich leisten können, hedonistisch zu sein, dagegen die Abgehängten, Globalisierungsverlierer, der Zorn des „White Trash“, des „kleinen Mannes“ – Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen „Beneideten“ und „Neidern“: Winner-Typen, die „die Nase immer vorn haben“ und Menschen, die es nicht bringen, mit denen man es machen kann, ohne falsche Scham, Macron-Wähler und Le-Pen-Anhänger. Oder die, die ganz links außen Jean-Luc Mélenchon und „La France insoumise“ gewählt haben. Mélenchon, der immerhin auf satte 19% kam, sogar – und das dürfte die hedonistische Fraktion irritieren – in den französischen Übersee-Gebieten, in der farbenprächtigen, sonnenverwöhnten Karibik, unangefochten an der Spitze stand.

Mélenchon wollte seinerseits keine Wahlempfehlung für die Stichwahl im 7. Mai geben. Unter dem Twitter Hashtag #SansMoile7Mai („Ohne mich am 7. Mai“) machen sich seine Wähler und Wählerinnen jetzt Luft. Es heißt, mit dem Soziologen Didier Eribon hat es sogar jemand geäußert, der in Deutschland hohes Ansehen genießt: 5 Jahre Macron würden eine rechtsradikale Präsidentin Marine Le Pen 2022 nur umso wahrscheinlicher machen. 5 Jahre mehr Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse und Erosion des Sozialstaates, 5 Jahre mehr, die einen so richtig heftig neidisch machen sollen. „Gar nicht erst hochkommen lassen!“, „hungrig halten!“ – Ich zitiere noch einmal ein bisschen aus Berlin.

Doch halt, vielleicht ist es auch Alice Weidel: Selten blöd, einer Frau, nur weil sie mit einer Frau zusammenlebt, wohlwollend einen „guten“, linken Kern zu unterstellen, wegen des „progressiven Lebensstils“, Toleranz und Solidarität mit allen Diskriminierten und Entrechteten dieser Welt! Dabei ist es Alice Weidel, die z. B. die Ausbürgerung krimineller Migranten fordert, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen ist. Weidel ist also nicht Macron, sondern eben AfD, dicht dran am FN.

So wenig die einfältige Gleichung: liberal = wirtschaftsliberal = Macron = Minderheiten = Migration = Toleranz = EU = Weidel =“gut“ auch funktioniert – sie ist sogar grundfalsch! -, so wenig kann aber eine autoritäre, aufs Nationale bedachte und am „kleinen Mann“ orientierte Politik den Problemen unserer Zeit – ob in Frankreich oder Deutschland – etwas entgegensetzen.

Vielleicht sollte man es lieber mit denen halten, die in den erregten Diskussionen um die Präsidentschaftswahl in Frankreich bislang nur wenig Gehör fanden: Macron als das kleinere Übel wählen und sich dann mit umso mehr Elan für eine Politik engagieren, in der der „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“, die „Abgehängten“, all jene, die man „nicht mitmachen lassen“ wollte, Toleranz, Offenheit, Vielfalt – und ja, auch Europa – als etwas erleben können, das auf ihrer Seite ist. Was spricht eigentlich so sehr dagegen?

Aus Laila Phunks Buchregal: „Die Präsidentin“ von François Durpaire & Farid Boudjellal

Fast 160 Seiten an einem Abend durchgelesen? Muss wohl gut sein … Die Graphic Novel „Die Präsidentin“ von François Durpaire (Text) und Farid Boudjellal (Bilder) liest sich so spannend, dass sie, wäre sie ein Film, glatt als Blockbuster durchgehen könnte. Auch wenn Horror als Genre wohl am passensten ist, denn „Die Präsidentin“ dreht sich um die bange Frage, die im Vorfeld der anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich viele Menschen beschäftigt: Was wäre, wenn Marine Le Pen die nächste Präsidentin Frankreichs werden würde?

Durpaire und Boudjellal setzen in ihrem Comic, den sie, wie es aussieht, vermutlich gegen Ende 2015 verfasst haben, in der nahen Zukunft an: In einem Wahllokal im bunten Paris-Bellevile gibt Oma Antoinette, begleitet von ihrer senegalesischen Haushalthilfe Fati, ihre Stimme für die Stichwahl zwischen François Hollande und Marine Le Pen ab. Am Abend dann der Schock vor dem Fernseher: Fassungslos erleben Antoinette, Fati und Antoinettes Enkel Stéphane und Tariq, wie die Wahlsiegerin angekündigt wird und das Gesicht der Spitzenkandidatin des rechtsradikalen Front National auf dem Bildschirm erscheint. Was man vor wenigen Jahren noch für schier unmöglich gehalten hätte, ist wahr geworden: Von nun an wird, so das Szenario, erstmals nach 1945 eine rechtsradikale Politikerin die Geschicke eines westeuropäischen Landes leiten.

Einmal an der Macht, verliert der FN keine Zeit, sondern setzt zügig in die Tat um, was den Rechten seit langem vorschwebt: Der Austritt Frankreichs aus der Euro-Zone etwa, und die Wiedereinführung des Franc, die das Land in eine tiefe Rezession stürzt. Auch die digitale Überwachung wird ausgebaut. Der Umbau Frankreichs zu einem autoritären Staat wird in Angriff genommen und natürlich lässt es sich die neue, fiktive Präsidentin nicht nehmen, den wichtigsten Punkt ihres Wahlprogrammes umgehend zu realisieren: Die Ausweisung illegal in Frankreich lebender oder straffällig gewordener Migranten. Schnell wird klar, dass man geneigt ist, das Wort „Straftat“ im Bezug auf Migranten weit auszulegen. Getreu dem rechten Motto „La France, tu l’aimes ou tu la quittes!“ („Entweder du liebst Frankreich oder du gehst dahin zurück, wo du hergekommen bist!“) trifft es zuerst die Maulhelden aus der Rapper-Szene. Kurz darauf wird auch Fati von der Polizei abgeholt und gewaltsam in ein Flugzeug zurück in den Senegal verfrachtet.

Als Leser verfolgen wir das Geschehen v. a. aus der Perspektive des arbeitslosen Stéphane, der mit seinem Blog résistance.fr versucht, Widerstand zu leisten. Durpaire, der das Szenario entworfen hat, beweist dabei politisches Fingerspitzengefühl, was seine Ausführungen auf eine gruselige Art realistisch erscheinen lässt.

Wer sich für Politik interessiert, für den dürfte „Die Präsidentin“ außerdem eine wahre Fundgrube an Informationen sein: Der Comic bietet z. B. eine Übersicht über Größen aus dem französischen Show-Biz, aber auch aus dem Kultur- und Geistesleben, die dem Front National schon jetzt nahe stehen: Die Schauspielerin Brigitte Bardot beispielsweise, der Philosoph Alain Finkielkraut oder der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala. Außerdem wird ausführlich dargelegt, welche PolitikerInnen aus dem bürgerlichen, liberal-konservativen Lager eventuell bereit wären, einer Front-National-Regierung eine Chance zu geben. Immerhin haben die Rechten ihre bisherigen Erfolge ja wirklich einer solch guten gesellschaftlichen Verankerung und Akzeptanz zu verdanken. Oder hier und da eben auch offener Zustimmung.

In der Fülle an politischen Informationen, mit denen die Graphic Novel aufwartet, liegt allerdings, zumindest für den deutschen, mit der französischen Tagespolitik weniger vertrauten Leser auch eine gewisse Schwäche: Manchmal fühlt man sich ein bisschen zu sehr mit Details bombardiert. Dennoch versteht es Durpaire, die Spannung bis zum Schluss zu halten. Die präzisen, auch inhaltlich immer treffsicheren Zeichnungen Boudjellals, die den Comic tragen, kulminieren schließlich in einer düsteren Vision: Ein gesichtsloser, kahlköpfiger Untergrund unter dem Banner des Hakenkreuzes, dem die fiktive Regierung Le Pen noch viel zu lasch ist … Ein Albtraum, der so realitätsfern, wie er auf den ersten Blick scheinen mag, auch für Deutschland nicht ist. Absolut lesenswert!

François Durpaire (Text), Farid Boudjellal (Bilder): „Die Präsidentin“, Éditions des Arènes, et Demopolis 2015, deutsch: Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2016.

„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.