Migration & Multikulti – Hat der Nationalstaat ausgedient? Ad Michael Wolffsohn

Der Nationalstaat sei nur eine Fiktion – sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Mann hat recht. Und eigentlich dürfte ein solches Statement auch kaum für Aufruhr sorgen, denn für sich genommen ist es doch ein Gemeinplatz oder zumindest eine allgemein akzeptierte Idee. Oder täusche ich mich da?

Multikulti im „Reich“ & Herrscher in weiter Ferne

In jedem Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass es Deutschland erst seit 1871 gibt. Das Gebilde, das zuvor an seiner Stelle jahrhundertelang politisch wirksam war, war ein Konglomerat recht unterschiedlicher regionaler Fürstentümer – das „Heilige Römische Reich“, ab der frühen Neuzeit mit dem Zusatz „deutscher Nation“, dominiert mal von Franken, mal von Staufern, mal von Welfen, später dann von Preussen, das seinen härtesten Gegner südöstlich, in „Habsburg“ bzw. Österreich-Ungarn fand, wo man ebenfalls in weiten Teilen Deutsch sprach. „Im Reich“, wie Historiker im Allgemeinen abkürzen, wurde auch Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Jiddisch, Romanes, Sorbisch, Wendisch und Polnisch gesprochen. Der „Österreicher“ parlierte neben Deutsch – also z. B. Wienerisch oder das eher dem Schweizerdeutschen ähnelnde Tirolerisch – auch Ungarisch (politisch bedeutsam, in Budapest hatte man etwas zu sagen!), Tschechisch (das geistige Zentrum Habsburgs oder eben Österreich-Ungarns war lange Zeit Prag!), Slowakisch, Ruthenisch, Ukrainisch, Polnisch, Jiddisch, Slowenisch, Kroatisch, Rumänisch, Italienisch, Ladinisch, Russisch, Romanes und Griechisch – oft sogar zugleich bzw. nebeneinander her – Mehrsprachigkeit war damals (in Österreich(-Ungarn) noch länger als in Deutschland) auch für das „einfache Volk“ in Reichweite, denn es mussten keine aufwendigen Sprachdiplome abgelegt werden, niemand interessierte sich dafür, wie gut man Hochliteratur in einer Fremdsprache verstand, man musste nicht einmal zwingend lesen können – Zuhören reichte. Kirchenmänner und Wissenschaftler verständigten sich auf Latein, für den Adel galt es lange Zeit als chic, Französisch zu lernen.

Jemand aus dem Großherzogtum Oldenburg etwa, das im Nordwesten des heutigen Deutschland gelegen ist, kam sprachlich mit Seeleuten aus den nahe gelegenen Niederlanden oder aus England gut zurecht – Bayern dagegen war fremd, „Ausland“, nicht nur in linguistischer Hinsicht, auch kulturell. Der Lothringer war zwar „Deutscher“, weil er Deutsch oder besser gesagt „Moselfränkisch“ sprach und fleißig Sauerkraut aß – ein echter „Kraut“ also! – er lebte jedoch längere Zeit in Frankreich und es war kein Problem für ihn.

Die Leute hatten keinen Internetzugang und es war nicht möglich, schnell mal den Flieger irgendwohin zu nehmen. Dennoch war man durchaus mobil: Handwerker gingen z. B. auf die Walz. Man fürchtete sich nicht, in die Fremde hinauszugehen – „Heimat“ war jedoch die Region, aus der man stammte.

Die Idee des Nationalstaates oder: Wer ist eigentlich „das Volk“?

Im 19. Jahrhundert, als Multikulti-Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich – Der „kranke Mann am Bosporus“, wie man in Westeuropa höhnte – ins Wanken gerieten und Preussen sich eine nunmehr unangefochtene Vormachtstellung im „Reich“ erkämpft hatte, kam die Idee des Nationalstaates auf. „Nationalität“ war damals, noch bevor Rassetheorien die Oberhand gewannen, an Sprache gebunden und machte sich, anders als heute, nicht in erster Linie an ethnischer Zugehörigkeit fest, die ja – nebenbei bemerkt – ohnehin schwammig definiert ist: Neben ein paar physiognomischen Besonderheiten: jemand, der dunkle Haare und Augen hat, wird wohl kein Däne oder Friese sein, jedenfalls nicht „von Natur aus“, aber da es sowohl in (Nord-)Deutschland als auch in Polen und Skandinavien viele hellhäutige Menschen gibt, muss dann eben doch wieder die (Mutter-)sprache herhalten oder „Abstammung“, sofern man zurückverfolgen kann, wo der eigene Urururgroßvater herkam und in welchem Idiom er einst seine ersten Worte brabbelte.

Ist Sprache Identität?

Jedenfalls wäre heute ein Türke, der in Deutschland geboren ist und nur gebrochen Türkisch spricht, nichtsdestoweniger in erster Linie Türke. Damals, im 19. Jahrhundert, ging man davon aus, dass Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, auch eine gemeinsame Kultur haben, dass sie irgendwie zusammengehören, also „ein Volk“ sind. Heute tritt der physiognomische Aspekt, der sich nach dem Holocaust, der eine Einteilung von Menschen nach „Rasse“ und „Abstammung“ für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst – glücklicherweise! – diskreditiert hatte, wieder stärker hervor. Dennoch spielt auch Sprache nach wie vor eine Rolle. Jemand, bei dem wir beim Sprechen muttersprachliche Deutschkenntnisse heraushören, nehmen wir als „gleich“ wahr, auch wenn er (oder sie) dunkelhäutig und damit „exotisch“, also „anders“ aussieht, in dem Sinne, dass wir voraussetzen, dass er oder sie – wie wir – auch „hier“ (in Deutschland) aufgewachsen ist und somit viele Gemeinsamkeiten mit uns hat, viele Erfahrungen teilt – vermutlich hat man doch als Teenie die gleiche Musik gehört und die gleichen Soaps geguckt, man hat über die gleichen Stars und Lehrer gelästert, sich in der Schule durch die Werke von Schiller und Goethe gequält, in Englisch Schwierigkeiten mit dem „th“ gehabt und man weiß, was unter „Aldi“, „Autobahn“ und „Biotonne“ zu verstehen ist. Wenn jemand zwar (ethnisch-)deutscher Abstammung ist, aber im Ausland aufgewachsen, ist das nicht so ohne Weiteres der Fall …

Nation Building oder: Was braucht es, um einen Staat zusammenzuhalten?

Im 19. Jahrhundert, sogar noch nach dem Ersten Weltkrieg war der Gedanke „ein Volk, ein Land“ noch revolutionär, galt als links, emanzipatorisch, denn es ging darum, sich nicht mehr von irgendeiner fremden Macht in Wien, Istanbul oder anderswo dominieren lassen zu müssen. Das „Volk“ sollte bestimmen, seine Kultur, seine Bedürfnisse, seine Art zu leben sollten richtungsweisend sein für die Politik und für die Geschicke eines Landes und nicht mehr die Interessen irgendwelcher fernen Fürsten. Die Idee des Nationalstaates hängt also mit der – wenn auch damals noch in weiter Ferne am Hoizont stehenden idee der Demokratie zusammen, obwohl, wie wir wissen, Demokratie auch ohne ethnische „Reinheit“ oder auch nur eine gemeinsame Sprache geht – etwa in der Schweiz oder in Belgien.

Irgendwie aber muss ein Staat zusammengehalten werden: Entweder autoritär, eben durch jemanden an der Spitze, der den Daumen drauf hat oder – in der Demokratie – durch ein „Wir-Gefühl“. Joseph Joffe hat darüber in der „Zeit“ geschrieben, man kann es auch „nation building“ nennen, jedenfalls das Gefühl, irgendetwas verbindet uns alle, deshalb macht es Sinn, dass wir in einer Einheit, eben in einem Staat zusammenleben. „Verfassungpatriotismus“ ist dazu, zu wenig, denn auf Demokratie und Menschenrechte setzen auch andere Staaten – zum Glück!

So schnell lässt sich der Mensch nicht in eine Schublade stecken …

Michael Wolffsohn hat allerdings recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass sich die Identität eines Menschen (die er mit „Heimat“ umschreibt) aus vielen Schichten zusammensetzt. Wieder – zum Glück! Zwar tendieren die derzeitigen Identitätsdiskurse immer stärker dazu, Menschen auf holzschnittartige Kontrukte – Deutscher, Araber, Muslim, Christ, Jude, Queer, Frau, Mutter, Mann, … – zu reduzieren, aber absolut gesetzt würde das zu einer Homogenisierung führen, die gefährlich ist: Nur noch Deutscher, alles andere tritt dahinter zurück! Nein danke! Das hatten wir doch schon einmal. Und wie armselig ist eine gleichgeschaltete Masse, die sich allein über ein behelfsmäßiges Konstrukt – die Kultur, die Geschichte oder auch der Körpertyp, der Lifestyle, usw. – definiert …

Wir sind also immer auch der Ovid-Leser, der Heavy-Metal-Fan, der Schüchterne, die Extravertierte, die Akademikerin, die Krankenschwester, die Soap-Guckerin, der gerne-Koch und früh-zu-Bett-Geher, der oder die AfD-, Merkel-, Linkspartei- oder Nicht-WählerIn und so weiter. Klar. Ein Zuviel an Atomisierung hilft aber auch niemandem, denn damit lässt sich kein Staat machen.

In zwei Ländern zu Hause: Putins & Erdogans Leute in Deutschland

Binationalität ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Diskriminierung – Xenophobie oder Antisemitismus – aber auch die Erfahrung von Vertreibung und Diaspora machten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Notwendigkeit. Ein Jude ist Deutscher, Franzose oder Amerikaner, aber da ist immer auch die zweite Heimat Israel im Hinterkopf, das einzige Land der Welt, in dem es völlig normal – Mehrheitsgesellschaft! – ist, Jude zu sein. In abgeschwächter Form gilt das auch für den Deutschtürken, der in Deutschland eben oftmals „der Türke“ ist. Kann man es ihm (oder ihr) da verdenken, auch oder sogar in erster Linie die Türkei als seine (oder ihre) Heimat zu betrachten? Sogar dann, wenn er (oder sie) dort aber nur „Almanci“ – Deutscher – ist? Was ist – muss man leider auch fragen -, wenn es da eines Tages ein Problem mit der Loyalität gibt? Zu viele Erdogan-Fans, die für die Todesstrafe stimmen? Vielleicht sogar eines Tages eine anti-demokratische „5. Kolonne“ eines totalitären Herrschers in Deutschland? Das Gleiche könnte man auch über Russlanddeutsche sagen, die sich Putin eher verbunden fühlen als der Bundesrepublik. Aber hat man so etwas wie „5. Kolonne“, „Handlager“ oder „Agenten“ von irgendwas nicht auch an anderer Stelle schon erwähnt, im Bezug auf Juden zum Beispiel? Ist das vergleichbar?

Die besseren Vermittler: Binationalität als Stärke

Binationalität kann eine Stärke sein. In der Psychologie hat man festgestellt, dass Menschen aus binationalen Familien, Menschen, die damit aufgewachsen sind, zwischen den Stühlen zu sitzen, „weder Fisch noch Fleisch“ zu sein, sich leichter damit tun, die Standpunkte und Erfahrungswelten anderer Menschen nachzuvollziehen und deshalb besonders gut vermitteln können. Dies gilt übrigens nicht für den Türken oder Russlanddeutschen, der sich vor allem mit seinem Herkunftsland (oder dem seiner Eltern) identifiziert, also eben ein Türke oder Russe ist, der (oder die) halt zufällig in Deutschland lebt, in der Diaspora, und es gilt auch nicht für den (oder die) voll assimilierten Migranten, der oder die also Deutsche(r) ist, zufällig eben mit ausländischen Wurzeln.

Der Nomade des 21. Jahrhunderts: Nationalismus im Gepäck

Es erscheint zeitgemäß, dieses Potenzial der Binationalität, des „sowohl als auch“ zu stärken. Eigentlich wäre es sogar dumm, das nicht zu tun, aber es liegt auch eine Gefahr darin. Das Problem dabei ist der Typus des ultraflexiblen, nomadischen Menschen, wie er vor allem in den Nuller-Jahren als Ideal der Globalisierung hochgehalten wurde – im besten Falle sehr gut ausgebildet – IT-Experte, Wissenschaftler, Top-Manager, literarische Größe und/oder kreativer Kopf – zieht er immer zur nächsten saftigen oder noch saftigeren Weide, nachdem zuvor alles abgegrast worden ist. Seine Kultur, seine Heimat und damit seine Identität trägt der Nomade des 21. Jahrhunderts komprimiert als eine Art Schneckenhaus auf dem Rücken und hat sie so immer bei sich.

Es ist klar, dass es hierbei nicht um Vertreibung, um die Flucht vor Kriegen und Gewalt, um politische Verfolgung oder Armutsmigration geht, sondern darum, das Optimum für sich herauszuholen. Der Nomade des 21. Jahrhunderts will das Beste für sich: Das beste Gehalt, die besten Konditionen, ein optimales und optimiertes Leben. Er hat kein Interesse daran, sich irgendwo zu integrieren und die Probleme der Gesellschaften, in denen er lebt, sind für ihn (oder sie) nicht von Belang. Er (oder sie) ist ja überall immer nur vorübergehend. Wichtig ist für den Nomaden des 21. Jahrhunderts nur, dass er überall einen Freiraum findet, seine Kultur leben zu können – oder, in der Fremde das komprimierte, quasi auf die Essenz reduzierte, damit aber auch radikalisierte und verkitschte Erinnerungsbild seiner Kultur – : Man sollte mit Englisch durchkommen, die Burka tragen können und überall Zutaten vorfinden, um z. B. asiatisches Essen zubereiten zu können.

Die Globalisierung: Verdrängung der Schwächeren durch Migration?

Nun stört sich niemand an einem Asia-Shop – ganz im Gegenteil! -, deutsche Kinder lernen schon im eigenen Interesse Englisch in der Schule und die meisten Deutschen können irgendwie damit leben, wenn eine Frau im Niqab durch die heimische Fußgängerzone schlendert. Kultur, die Konfrontation mit fremden Sitten und Gebräuchen, ist also nicht das eigentliche Problem. Das was aufstößt, ist das Gefühl, abgehängt zu werden, nicht mehr mithalten zu können mit den sehr gut ausgebildeten Ivy-League-Absolventen aller Herren Länder, für die Geld keine Rolle spielt und die überall einmal „Erfahrungen“ machen wollen, es ist die – nicht ganz aus der Luft gegriffene – Angst, die Globalisierung könnte in eine Art Sozialdarwinismus ausarten.

Beispiel Jugoslawien: Wenn aus Gemeinsamkeiten Unterschiede werden

Allerdings – und das hat die Geschichte gezeigt – werden die Brüche einer Gesellschaft zuerst an vermeintlich unüberwindlichen kulturellen Unterschieden sichtbar. Im ehemaligen Jugoslawien war einst die gemeinsame Kultur und Sprache, das was alle „Jugo-“ also „Südslawen“ miteinander verband, gegen Osmanen und Habsburger ins Feld geführt worden, denn das „südslawische“ Volk sollte einen eigenen Staat, eine Heimat, eine Nation haben. In den 1990er Jahren schließlich waren aus den vormaligen Gemeinsamkeiten unterdessen nicht mehr hinnehmbare Differenzen geworden, die das Zusammenleben nunmehr als unmöglich erscheinen ließen – Man erinnerte sich daran, dass man eigentlich über viele Jahrhunderte keine gemeinsame Geschichte gehabt hatte – einige Landesteile hatten ja zu Österreich-Ungarn gehört, andere zum Osmanischen Reich -, Menschen, die bis dato nur auf dem Papier eine Religionszugehörigkeit gehabt hatten, hielten plötzlich die Religion als etwas hoch, das sie klar und deutlich voneinander unterschied. Ein blutiger Krieg war die Folge. Jugoslawien zerfiel.

Multikulti oder Nationalstaat – ist das wirklich die Frage?

Auf heute und Deutschland übertragen bedeutet das, dass die Frage nicht ist, ob unsere Gesellschaft „bunter“ werden muss, wenn wir noch zeitgemäß sein wollen, oder ob uns ein Verlust unserer kulturellen Identität droht, den es um jeden Preis abzuwehren gilt, ob und wie viele Kreuze, Halbmonde, Davidsterne, Regenbogen oder andere sekuläre Symbole in den Himmel unserer Städte ragen sollen, ob man Grenzen rigoros dicht machen muss oder ganz im Gegenteil Anreize für Migration schaffen und massig Werbung dafür machen sollte, ob wir nur den Ingenieur hereinlassen sollten – weil wir den wirklich brauchen – oder auch den Künstler, vielleicht sogar den Drogendealer und den Terroristen.

Fazit: Sowohl-als-auch statt entweder-oder

Jedes Entweder-Oder führt uns nur in eine Sackgasse. Deshalb kann es nur um ein Sowohl-als-Auch gehen, um eine Balance, ein soziales Gleichgewicht, das unsere Gesellschaft wiederfinden muss. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, Steuergelder für Kindergartenplätze und sprachliche Frühförderung – für alle Kinder! – auszugeben, als dafür, Künstler, Theatermacher und Literaten aus aller Welt anzulocken. Die wiederum dürfen aber durchaus auch kommen (wie unangenehm wäre es, anderen das Entdecken der eigenen Kultur zu verweigern, wo man doch selbst so gern reist!), nur können sie eben als „Internationals“ nicht den Vorzug erhalten. Jemand, der vor einem Krieg oder vor politischer Verfolgung flieht, hat ein Anrecht auf Asyl, auch wenn er oder sie ökonomisch nicht „nützlich“ für unser Land ist (und andererseits auch dann, wenn er oder sie ziemlich wohlhabend, also materiell keineswegs bedürftig ist) – Das muss man trennen, das sind zwei Paar Stiefel! Die Kinder irgendwelcher Dritt-Welt-Diktatoren und -Kleptokraten, die sich ins Berliner Nightlife stürzen wollen, allerdings als „Armutsflüchtlinge“ auszugeben, ist mehr als frech und man muss sich nicht wundern, wenn das dann Aggressionen provoziert. Dafür macht z. B. der Klimawandel das Leben in Afrika tatsächlich schwerer – auch für Menschen, die nicht am Hungertuch nagen und auch keine politischen Gründe haben, ihr Land zu verlassen. Die Digitalisierung braucht Rohstoffe, die wiederum sind am ehesten und am billigsten da zu haben, wo Menschenleben wenig zählen und „Recht“ sich notfalls auch mit der Kalaschnikow durchsetzen lässt. Gerechtigkeit zu fordern ist keine Unverschämtheit, sondern unbestritten ein gutes Recht, nur kann ein deutscher Hartz-IV-Empfänger nichts dafür, dass ein Zahnarzt in Pakistan einen geringeren Lebensstandart hat als einer in Deutschland. Ein „Armutssoli“ für Afrika, wie er hier und da vorgeschlagen wurde, würde bedeuten, dass dem Wohlstandswachstum hierzulande gewisse Grenzen gesetzt werden müssten. Am oberen Ende der Gesellschaft wäre das sicherlich zu verschmerzen, aber ist es auch durchsetzbar? Inwieweit? Oder wollen wir uns weiterhin mit müßigen „Diversity“-Debatten darüber hinwegtäuschen, dass wir überfragt sind?

Summa summarum geht es gar nicht so sehr darum, wie viel Fremdheit und kulturelle Vielfalt unsere Gesellschaft aushält. Die eigentliche Frage ist: Gibt es noch etwas, was uns zusammenhält? Und was könnte das sein?

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Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

Das A-Wort. Oder: Die Hilflosigkeit des neuen Deutschlands

Antisemitismus! Was ist eigentlich antisemitisch? Nur richtig brutale Holocaustleugnerei? Israelkritik? Israel am liebsten von der Landkarte gefegt haben wollen? „Du Jude!“-sagen? Wenn man „Breitbart“ doof findet? Und wenn es Juden gibt, die das aber genauso sehen wie man selbst?

Deutschland hat ein Problem – den Holocaust. Na ja, ist natürlich wirklich ein furchtbares Kapitel der deutschen Geschichte – den schlimmsten Genozid auf Erden begangen zu haben … Manche Leute wünschen sich insgeheim oder ganz offen, mit der herzlichen Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien solle der Holocaust jetzt endlich abgegolten sein. Andere – fast immer vom rechten Rand – jammern, dass es mit dem elenden „Schuldkult“ doch endlich einmal ein Ende haben müsse. Wieder andere identifizieren sich mit dem Judentum und Israel und zücken das A-Wort als Waffe gegen die lieben Landsleute. Wenn’s ganz hart kommt, sind angeblich sogar die Juden selbst die eigentlichen Antisemiten. Oder die Geschichte wird einmal um 180 Grad gedreht und es sind plötzlich die „Zionisten“, die sich in Israel – so wird behauptet – „wie die Nazis“ aufführen – den Palästinensern gegenüber.

Die Flüchtlinge machen es nicht leichter, denn gerade wegen des Nahostkonfliktes ist Antisemitismus im arabischen Raum verbreitet. Wohlmeinende Versuche, zu erklären, Antisemitismus gehe gar nicht so sehr von Ausländern aus, sondern meistens eben doch von Deutschen, sind wenig hilfreich, denn einerseits stimmt es natürlich: Antisemitismus darf man jetzt wieder – bilden sich zumindest manche Leute ein, andererseits – es sind eben doch auch Ausländer. Gerade das greift begierig die AfD auf, wie u. a. die „Zeit“ berichtete und die Rechtspopulisten können sogar einige Juden in ihren eigenen Reihen verzeichnen, z. B. Wolfgang Fuhl, dem der Deutschlandfunk ein längeres Portrait gewidmet hat. In der gewohnten ungenierten Frechheit tanzt die AfD der erschütterten Öffentlichkeit auf der Nase herum, denn ihre diversen antisemitischen Ausfälle und auch einige Aussagen, die sich hart am Rande der Holocaustleugnerei bewegen, kann sie sich ja erlauben, denn es gibt ja Juden, die kein Problem damit haben, oder etwa nicht?

Oder ist es vielleicht so, dass immer der Holocaust herhalten muss, ein abscheuliches Stück Vergangenheit, dass die Deutschen sich gegenseitig um die Ohren hauen? Allen, die sich einbilden, Juden, Homosexuelle, queere Menschen und Muslime gehörten irgendwie zusammen – nach links, als Minderheit, als Holocaustopfer oder zumindest als Nicht-Betroffene von etwaiger Schuld – sei gesagt, dass das nicht funktioniert. Klar, sind homosexuelle Männer im Zuge des Holocaustes ebenfalls grauenvoll verfolgt und ermordet worden und es ist mehr als selbstverständlich, dass auch sie einbezogen werden in die Erinnerung und Aufarbeitung des furchtbaren Genozids. Allerdings steht das auch Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas, Alkoholikern, Asozialen, psychisch Kranken, Behinderten, sog. „Erbkranken“ (schon eine Rückgratverkrümmung reichte u. U. aus), usw. zu.

Dann wieder ist es kompliziert. Lesben steht die Einreihung in die Opferliste schon nicht mehr so ohne Weiteres zu: Irma Grese, die „Bestie von Ausschwitz“, die sich darin gefiel, KZ-Insassinnen sexuell, körperlich und psychisch zu misshandeln, war lesbisch. Aber, unter dem schwarzen Winkel für „asozial“ wurden, wie u. a. Ulrike Janz in dem von Michael Schwartz 2014 herausgegebenen Sammelband „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ festgehalten hat, auch Frauen eingeliefert, für die als Inhaftierungsgrund tatsächlich (wenn auch wohl zusätzlich) „homosexuell“ angegeben wurde – Frauen aus armen Verhältnissen, einige Prostituierte, Frauen, die als irgendwie „merkwürdig“ erachtet wurden. Das Gleiche könnte man von Alkoholikern, psychisch Kranken, Behinderten und „Erbkranken“ sagen: stammten sie aus politisch wohlgelittenen Verhältnissen oder waren sie selbst in der NSDAP aktiv, konnten sie durchaus als „gesund“ durchgehen und reihten sich damit automatisch in die Reihe der Täter ein. Bürgte nichts und niemand für sie oder waren sie aus anderen Gründen lästig, konnte das schnell ihr Todesurteil sein.

Aber ist es nicht auch irgendwie etwas überzogen, wenn Menschen HEUTE, deren Eltern oder Großeltern eben sehr wohl „mitgemacht“ haben oder sogar mehr, sich selbstgefällig zurücklehnen und das Judentum eifersüchtig für sich (und bitte auch für niemanden anders!) reklamieren oder sogar anderen Deutschen mit der Auschwitz-Keule drohen? Ist das nicht irgendwie auch eine Form von Holocaustrelativierung?

Und dann sind da eben noch die rechten Juden – das amerikanische Internetportal „Breitbart“, das der rechtsextremen „Alt-Right“-Bewegung angehört, ist ja auch ausgesprochen philosemitsch. Kunststück – Andrew Breitbart, der Gründer, war Jude.

Nein, auch hier kann sich aber niemand zurücklehnen und den „Siehste! Die selber sind ja auch so!“-Zeigefinger erheben. Klar, auch in den frühen 1930er Jahren gab es Juden, die das „ganz vernünftig“ fanden, was der Hitler da vorhatte. Es waren deutschnationale Juden, rechte Juden eben, die hofften, der Antisemitismus (der im Übrigen auch in anderen Kreisen der Gesellschaft vertreten war, nur eben nicht so rabiat) sei eine „Kinderkrankheit“ und würde sich „schon noch auswachsen“. Den Rest des NSDAP-Parteiprogrammes fanden sie aber gut. Die Geschichte belehrte sie auf grausame Weise eines Besseren.

Aber mal ehrlich – das konnten die Leute wirklich nicht wissen und kann man von Minderheiten verlangen, dass sie moralisch besser sein müssen, als der Rest der Gesellschaft, damit ihnen der Opferstatus zusteht?

Schwierig – allgemein gesprochen kann, wer Ausgrenzung für andere natürlich regelrecht fordert oder sogar Gewalt gegen sie toleriert, – quasi als „Kronzeuge“ dafür steht, dass das nicht so schlimm, jedenfalls nicht rassistisch, homophob oder antisemitisch ist -, für sich selbst eigentlich auch keinen Schutz beanspruchen – Man denke etwa an die Migranten in der AfD, die kein Problem damit haben, dass die Partei unter der Hand, wie mehrfach bekannt geworden ist, auch Kontakte zu den rechtsextremen „Identitären“ und damit teilweise auch zu richtigen Neonazis pflegt.

Das Gehöhne geht als Rechnung nicht auf. Aber die deutschnationalen Juden damals haben keinen Holocaust für andere gefordert. Sie lebten im Jahr, na sagen wir mal zum Beispiel 1930, und konnten nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Die waren halt einfach total rechts, aber eben nicht „selbst auch antisemitisch“. Außerdem waren es eben nur einige wenige. Genau wie es einige wenige Juden gab und gibt, die zum Beispiel tatsächlich knallharte Ausbeuter oder sogar Mafiosi waren oder sind.

Ja, die gibt es. Aber es ist im linken Milieu zum Teil wieder populär geworden, vom „jüdischen Ausbeuter“ und vom „jüdischen Kapitalismus“ zu schwadronieren. Angeblich soll George Soros zum Beispiel sogar hinter der Flüchtlingskrise stecken, weil er sich angeblich Geschäfte davon verspricht und darüber hinaus die europäischen Staaten zu Grunde richten will. Hier schließt sich der Kreis nach rechts – Es ist einfach eine ziemlich abstruse Verschwörungstheorie. Und logisch ist es auch nicht, denn George Soros – der Name, der im Zusammenhang mit linkem Antisemitismus immer wieder fällt – ist zwar Geschäftsmann und Börsenspekulant, aber er hat auch viel in seine linksliberale Idee von der „offenen Gesellschaft“ nach Karl Popper investiert. Es gäbe also wirklich Schlimmere, wenn man dem Judentum anlasten wollte, den Turbokapitalusmus vorantreiben zu wollen und die Völker dieser Erde auszubeuten – Beny Steinmetz zum Beispiel oder, warum nicht mal diverse chinesische Geschäftsleute und andere asiatische Oligarchen, die z. B. in Afrika ähnlich brutal um Pfründe und v. a. um Schürfrechte an Afrikas üppigem Vorrat an Bodenschätzen kämpfen? Warum nicht Donald Trump, der bis in die 1990er Jahre eher als skrupelloser Geschäftsmann bekannt war, als als Politiker? Oder – hierzulande – Anton Schlecker? Wenn man einmal in Ruhe darüber nachdenkt, fallen einem noch viele andere Namen zum Thema ein – alle nicht-jüdisch.

Pikanterweise setzt ausgerechnet George Soros sich in Israel für die Aussöhnung mit den Palästinensern ein – und Palästina ist neben dem eher neuen Topos der – vorgeschobenen – „Kapitalismuskritik“, ja der Hauptbeweggrund unter Linken für Antisemitismus. Warum ist also Soros der Buhmann und nicht jemand anders? Und wie weit darf man mit Kritik an Israel gehen? Die Siedlungspolitik zum Beispiel wird doch auch von Juden selbst kritisiert – siehe eben Soros. Darf man da also als Deutsche(r) gar nichts sagen – wegen der Vergangenheit? Oder ist das wieder der „die Juden selbst sagen ja auch“-Kniff?

Weder noch. Israel das Existenzrecht absprechen geht nicht. Geht gar nicht und schon gar nicht als Deutsche(r) – immerhin war es der Holocaust, der dafür gesorgt hat, dass Juden, die überleben wollten oder – nach 1945 – zumindest nicht mehr in einem Land leben wollten, in dem man sie noch vor kurzem massenweise umgebracht hatte – dass der Staat Israel als Heimat aller Juden absolut notwendig geworden ist.

Aber – wenn ich mal doch einen schiefen Vergleich bringen darf: Wie wäre das denn, wenn man jetzt Deutschland einfach mal von der Landkarte löschen würde – so noch nachträglich als Rache für den Holocaust, das wäre ja nun ein wahrlich triftiger Grund – was, wenn man es 1945 getan hätte?

Dass es in Israel und unter Juden unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema (und zu anderen Themen) gibt und dass man sich logischerweise nicht mit allem identifizieren kann, muss man aber akzeptieren – egal WELCHE Meinung das jetzt ist. Evelyn Hecht-Galinskis Ansichten beispielsweise mögen für den einen oder anderen schwer verdaulich sein (und das darf man auch durchaus so sehen und sagen), aber auch Hecht-Galinski ist keine „jüdische Antisemitin“, sondern Tochter eines Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen. Also, mit anderen Worten, Henryk M. Broder hat nicht das Abo auf das Judentum. Und mit dem muss man ebenfalls nicht einer Meinung sein, um „alles richtig zu machen“.

Die „richtige Seite“ gibt es nicht. In Berlin hat die taz hat jetzt offenbar eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Hoffentlich geht die Diskussion weiter und hoffentlich kann sie geführt werden, ohne dass Deutsche sich damit in erster Linie gegenseitig an den Kragen gehen. Dann lacht nämlich vor allem die AfD, die ja ihre Vorzeige-Juden als Schutzschild vor sich halten kann, und deshalb gar nicht erst diskutieren muss, sondern auch so richtig derbe antisemitisch ohne wenn und aber sein kann. Zur Nachahmung jedenfalls nicht empfohlen!

Vielfalt in blau getönt. Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf

Als ich aus der U-Bahnstation komme, sticht sie mir sofort ins Auge. Nein, es war keine „Liebe auf den ersten Blick“. Vermutlich hatten sie und die Leute am Stand mich ausdauernd angegafft, während ich nichtsahnend um die Ecke bog, in Richtung des Platzes, wo sich die Bushaltestelle befand – und wo der in grelles Königsblau gehüllte Wahlkampfstand aufgebaut war. Schweiß perlt mir von der Stirn, Adrenalin schießt mir ins Blut, ich merke, wie meine Handflächen feucht werden und sich mein Magen zusammenkrampft. Am liebsten möchte ich wegrennen, – schnell! – in die U-Bahnstation zurück!

Der dicke Hintern der Frau wackelt auf seinen kurzen, stämmigen Beinchen, die drallen Ärmchen mit den kurzfingerigen Patschändchen fuchteln in der Luft, ein fahlblonder Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Rucksack, anständiges T-Shirt – die Frau lacht breit, die Unterhaltung mit dem hochgewachsenen, hohlwangigen Mann am Stand, dessen bleiche Haut in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen kohlrabenschwarzen Haaren und dem ebenfalls tiefschwarzen Schnauzbart steht, scheint entspannt und sehr angeregt zu sein.

Hass, sexuelle Übergriffe, Blicke, die sich aggressiv in meinem Gesäß festbeißen und an meinem Busen festkrallen, bis ich die Schultern unweigerlich nach vorn kippe und den Blick beschämt senke, jedes zufällige Lächeln vor das eine Frau springt, eine vermeintliche Anmache, ein Beleg, dass ich es doch angeblich „so gewollt“ habe – ‚Die muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird!‘, ‚Hi, hi, die kannste ruhig vergewaltigen!‘, ‚Hö, hö, dann wird sie eben NOCH MAL vergewaltigt!‘, ‚J’ai un zizi maintenant, je peux violer Laila!‘, ‚Hu, hu, j’ai le sida, je peux la violer, Laila!‘, ‚Ouah – elle pue!‘, ‚C’est son odeur naturelle, beurk!‘ – Grinsen, Lachen, – „Die vergewaltigen wir mit Blicken!“ – eine Frauenstimme. Fett. „He, he, voll pervers halt!“, kleine, fiese Augen, die hasserfüllt und winzig klein, tief eingesunken wie Rosinen aus moppligen Gesichtern funkeln – die queere Frau,“ denke ich panisch, „der Liebling aller Minderheiten!,“ ich sehe plötzlich wieder die alte, faltige Frau auf der Veranstaltung bei der taz, mit Heide Oestreich, die alte Frau, die nach mir greift und süffisant lächelt, „der Liebling!“ denke ich atemlos, die abnormal dicke Frau auf der taz-Veranstaltung schiebt sich in mein Gedächtnis, ein unförmiger Körper, der grunzt: ‚Ich bin nun einmal Mutter! Das ist meine Identität!‘, ‚Nein, nein, die ist nicht transgender!‘, Heide Oestreich, die abwiegelnde, abwehrende Gesten macht, als ob sie sich vor mir schützen wollte, ‚Na, aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!‘, der blonde Hipster mit den hervorquellenden Froschaugen, der das gesagt hat und dessen ebenfalls semmelblonde Freundin, die ein gern gesehener Gast bei der taz und in der Heinrich-Böll-Stiftung ist oder war oder wie auch immer.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dicken Knüppel, der auf den fröhlichen Pummel am AfD-Stand eindrischt – die runden, kurzen Ärmchen hilflos zappelnd. Ein Blutbad. Ich blinzele. Am wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne friedlich vor sich hin.

Grelles Blau kreischt mir entgegen. AfD. Neben dem großen Schwarzhaarigen steht ein kleinerer Mann mit kurzgeschorenem, blonden Haar, sportlich gekleidet, bürgerlich – jemand, dessen Budget begrenzt ist – so sieht es jedenfalls aus – der sich aber dennoch ordentlich anziehen kann. Er sieht nach „ehemals Jobcenter“ aus – „aber Kurve nochmal gekriegt!“. Ein „ehrlicher Arbeiter“? Unter dem kurzen Ärmel seines karierten Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Bizeps hervor. Ich will gar nicht wissen, was es darstellt, frage mich dann aber doch – Gang? Rocker? Nazi?

Nach „früher mal Subkultur“ sieht auch die mollige, etwas größere Frau am Stand aus, die ganz in schwarz gekleidet ist, und sich die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt gesteckt hat. Bei ihr sieht das schwarze Haar eindeutig künstlich aus, aber das soll wohl so. Eine dicke Strähne im Pony ist weiß blondiert. „Früher mal schwarze Szene?“ frage ich mich und denke an eine Frau aus Bayern, die mit mir im Studentenwohnheim gewohnt hat. Die war richtig szenig, total ausgeflippt, aber auch erzkonservativ. Das hat mich irgendwie immer ein bisschen irritiert, denn normalerweise haben so extreme Menschen in einem bieder-konservativen Umfeld nichts zu lachen – „Trauerklöße“ allenfalls, vielleicht auch „Perverslinge“. Bei ihr war das aber offensichtlich nicht so. Sie hat BWL gemacht. Was aus ihr geworden ist und ob sie dem Rechtspopulismus etwas abgewinnen kann oder nicht, weiß ich aber nicht. Auch nicht übrigens, ob die Berliner AfD-Frau wirklich einmal Gruftie war.

Ein gediegen und großbürgerlich wirkender Mann mit eiriger Glatze taucht neben mir auf, – Er hat eine seltsam breiten Stirn, das fällt mir richtig auf! Der Mann hält mir etwas grob einen blauen Flyer vor die Nase. „Hier, hier!“ – der Tonfall des Mannes ist aggressiv. Ich schüttele höflich den Kopf. „Hier, für den Nachttisch!“ – der Mann lässt nicht von mir ab, sein Atem bläst mir ins Ohr. Ich wehre ihn mit den Händen ab, gehe schneller.

Auch wenn man es hätte denken können – ich vermute, dass es nicht Nicolaus Fest war, der immerhin in dem Viertel, wo ich wohne, von jedem dritten Laternenpfahl grinst. – Der hat nicht so einen eirigen Kopf -, aber wollte man es vielleicht so aussehen lassen? Oder sind die Plakate mit dem Fest nur sehr stark retouchiert? Ich weiß es nicht. Ich warte auf den Bus. Vor mir stehen zwei Alt-68er, ein Pärchen, Öko-Style, der aber sichtlich gekostet hat, nicht die abgerissenen Querfronttypen aus Kreuzberg, eher Studienräte oder was Höheres, „leitende Funktion“ in irgendeiner sozialen Einrichtung oder in einer Behörde. „Eine von den Grünen liest ernsthaft einen AfD-Flyer?!“ schießt es mir entsetzt durch den Kopf. Doch dann sehe ich, dass die Frau einen ganzen Stapel AfD-Flyer in der Hand hält, und sie an die Passanten verteilt. Wie man sich doch irren kann.

Mein Bus lässt auf sich warten. Die AfD hat unterdessen ihren knallblauen Stand abgebaut. Der Eierkopf wechselt ein paar Worte erst mit dem „Ex-Jobcenter“, dann mit dem Öko-Pärchen und steigt schließlich auf ein sich eher bescheiden ausnehmendes Fahrrad. Das Öko-Pärchen bleibt stehen. Der Bus kommt. Einer Intuition folgend, schiele ich aus dem Busfenster in die Seitenstraße, die von dem Platz abgeht. Und richtig getippt – da lehnt der Schwarzhaarige lässig an einem funkelnagelneuen BMW-Cabriot und unterhält sich mit dem „ehrlichen Arbeiter“. Die Ampel schaltet auf grün, der Bus fährt an und ich habe das Gefühl, irgendwie nochmal entronnen zu sein.

Ein paar Tage später lese ich, dass auch Alice Weidel angeblich mal grün gewählt haben will. „Eher hat sie vor 15 Jahren noch Jagd auf Frauen gemacht, die sie für lesbisch hielt!“, denke ich böse. Aber das weiß ich natürlich nicht. Alice Weidel und ich sind ungefähr im selben Alter. Ich schaue mir kurz etwas auf Youtube an. Die gepflegte, sorgfältig geschminkte Frau mit den straff zurückgebundenen Haaren spricht in gewohnt abgehakten Sätzen, hart, nicht nur im Tonfall, auch im Inhalt. Sie trägt eine eine blauweiß gestreifte Bluse mit steifem Kragen. Es sieht so aus, als hätte sie tiefe Falten unter dem dicken Make-Up, aber vielleicht sieht es nur so aus.

Ich denke daran, dass damals auf der Uni die Klos in dem Gebäude, in dem Jura und Wirtschaftswissenschaften untergebracht waren, immer am dreckigsten waren. Da hatte öfters mal eine daneben gekackt und überall an die grauen Plastikwände waren zotige Sprüche geschmiert. Musste ich da mal drauf (Ich habe nebenher ein bisschen was mit Wirtschaft gemacht), dann ekelte es mich immer leicht, wenn ich draußen die ganzen Jura- und BWL-Studentinnen in ihren frisch gestärkten Blüschen, mit den obligatorischen Perlenohrringen und dem Hermès-Täschlein sah und mich unwillkürlich fragte, welche von ihnen psychisch so sehr aus dem Takt war, dass sie nicht umhin konnte, fein säuberlich auf die Klobrille zu kacken oder gleich ganz daneben, auf den Boden. Dass sich eine von ihnen bequemt hätte, es wegzumachen, das konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Aber das fällt mir zu Alice Weidel jetzt nur wegen der Bluse ein. Sie soll sich beschwert haben, dass man sie als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet hat. Bei der AfD fand man offenbar, dass damit auch die harten Worte gerechtfertigt seien, die Alexander Gauland der SPD-Politikerin Aydan Özoguz an den Kopf geworfen hat – sie solle mal sehen, was deutsche Kultur sei – und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“. Alice Weidel sagt, sie hätte das vielleicht anders ausgedrückt. In der Sache findet sie aber richtig, was Gauland gesagt hat.

Vielleicht ist in der Sache das mit der „Nazi-Schlampe“ dann auch nicht so ganz falsch, denke ich grimmig. Diese Leute betteln ja förmlich darum, in die ganz rechte Ecke gestellt zu werden und dann war im Nachhinein angeblich alles immer nicht so gemeint. Beleidigend ist das mit der „Nazi-Schlampe“ natürlich trotzdem. Das mit dem „entsorgen“ hat aber was von Gaskammer, zumindest vom Stil her. Das ist schon ein bisschen härter. Man kann durchaus „Aufhetzung zum Rassenhass“ dazu sagen, ohne sich groß verrenken zu müssen, da hat der ehemalige Bundesrichter, der Gauland deshalb verklagen will, schon recht.

„Unwertes Leben!“ denke ich. Und dass man das zu mir ja auf jeden Fall sagen darf. Ich balle meine Faust in der Tasche. Das mit dem „unwerten Leben“ war aber der Hipster, den sie bei der taz und bei den Grünen mögen bzw. sie mögen seine blonde Freundin, aber dann mögen sie ihn wahrscheinlich auch.

Irgendwo lese ich, dass viele der jüngeren AfDler aus linksliberalen, eher „grünen“ Elternhäusern stammen. Ist es sowas in der Richtung? Oder will man es wieder einmal nur so aussehen lassen? Geht es darum, verschiedenen Zielgruppen rechtskonservatives, hier und da vielleicht auch rechtsextremes Denken schmackhaft zu machen, obwohl sich doch für die Zoten und das Kokettieren mit dem rechten Rand sehr wahrscheinlich nur wenige begeistern?

Ich denke an meine feministische Professorin und an Heide Oestreich – dass sie alle beide Frauen wie Alice Weidel fördern wollten – weil dieser Frauentyp vor 10, 15 Jahren noch als „zu weiblich“ galt, um sich in der Männerwelt durchsetzen zu können und das offenbar den feministischen Beschützerinstinkt geweckt hat, ganz gleich, wie sehr die Jura-BWL-„und Freundinnen“-Fraktion sich auch über die „Emanzen“ schlappgelacht hat – und eben den fröhlichen Pummel vom AfD-Stand, den wollten sie auch fördern – weil der nicht aussieht, wie die Frauen in „Germany’s next Topmodel“ und deshalb angeblich „queer“ ist, genau wie die Weidel ja auch.

Was genau der Streitpunkt zwischen Alexander Gauland und Aydan Özoguz war, weiß ich allerdings nicht. Irgendwas mit Kultur. Dass ich das hier nicht will, das weiß ich aber ganz genau!

Kultur im Elfenbeinturm: Das Humboldt Forum in Berlin & der deutsche Kolonialismus

Kreuz rauf auf die Kuppel, weil das im Original auch so war, oder Kreuz runter, weil das Christliche nicht allzu sehr betont werden muss, preussische Größe – Pickelhauben und Säbelrasseln – oder koloniale Großmacht ohne Rücksicht auf Verluste, Weltoffenheit, Critical Whiteness, kritische Wissenschaft, Postmoderne oder aufgeblasener, neurechter Popanz – die Debatten über das Humboldtforum, als das das Berliner Schloss wieder auferstehen soll, reißen nicht ab.

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier nicht so sehr ein mittlerweile lästig gewordenes Stück Kulturpolitik verhandelt werden soll, sondern dass die Beteiligten allesamt nach Höherem streben – die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die das Projekt als eine Art „Tschernobyl“ bezeichnet haben soll, wie die „Welt“ berichtete, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, „Zeit“-Feuilletonist Jens Jessen, sowie Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldtforums, der bis vor kurzem Professor für Kunstgeschichte an der Humbold-Universität war.

Eigentlich geht es wohl v. a. darum, wie sich das neue Deutschland der Ära Merkel in der Hauptstadt präsentieren soll.

Repräsentationsbau des neuen oder des alten Deutschland?

Wäre das mit dem Kreuz auf der Kuppel also unglücklich, weil es dem Image der „Rainbow“-Nation Abbruch tun würde, nicht nur Critical-Whiteness-AnhängerInnen und Burka-VerfechterInnen wie Judith Butler brüskieren würde, sondern vielleicht auch saudische Geschäftsleute? Was genau soll dann aber in den Berliner Himmel ragen? Nur der Mercedes-Stern am Zoologischen Garten?

Oder ist es nicht eher so, dass Kultur in Deutschland nicht mehr zwangsläufig unter dem lateinischen Kreuz stehen muss, dass keine Notwendigkeit besteht, symbolisch aufzutrumpfen, um sich noch mal selbst zu vergewissern, wessen Geistes Kind man ist. Immerhin soll das Schloss, das das Humboldtforum beherbergen soll, ohnehin nicht nur wiederaufgebaut, sondern laut Eigendarstellung der Initiatoren auch architektonisch „ins 21. Jahrhundert überführt“ werden. Von der zweckentfremdeten Nutzung – die sich gewissermaßen von selbst versteht – mal ganz abgesehen. Zumindest die Wissenschaft ist sollte sich um weltanschauliche Neutralität bemühen und das jedenfalls war auch schon vor Angela Merkel und der Willkommenskultur so.

Viel brisanter als ein läppisches Kreuz, das man problemlos auch nachträglich an- oder abmontieren könnte, scheint die ethnologische Sammlung zu sein, die im Humboldtforum präsentiert werden soll.

Ethnologie, Kolonialherrschaft & ein ambivalentes kulturelles Erbe

Ein symbolischer Verweis auf Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit, auf die Neugier auf alles Fremde, die schon im alten Preussen geherrscht und in Deutschland somit eine gewisse Tradition habe, sagen die einen, unter ihnen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der sich in der „Zeit“ von dieser Woche (Print) zum Humboldtforum geäußert hat und als Kernargument anführt, dass Deutschland eigentlich nur sehr kurz, erst ab 1884 Kolonialmacht gewesen sei und es doch außerdem eine Geste von einer gewissen Bedeutsamkeit sei, ethnologische Exponate im Herzen der deutschen Hauptstadt zu präsentieren. Die exponierte Darbietung, so Bredekamp, würde die außereuropäischen Kulturen symbolisch aufwerten und ihre Bedeutung sowohl für das alte preussische als auch für das neue Deutschland unterstreichen. Das wäre dann in Europa einzigartig, etwa wie wenn man ethnologische Ausstellungsstücke im Louvre präsentieren würde. Dort aber zeigt sich die französische Kapitale stolz Hüterin der Glanzlichter abendländischer Kultur. Deutschland könnte es anders machen, es könnte Avantgarde im Umgang mit nicht-europäischen Kulturerzeugnissen sein ….

„Critical Whiteness“ oder legitime Neugier am „Anderen“?

Zudem sei es unfair, wie Bredekamp ausführt, das Interesse deutscher Regenten und Wissenschaftler an fremden Kulturen grundsätzlich als Akt „kolonialer Ermächtigung“ darzustellen. Wolle man dann etwa auch das Erlernen einer Fremdsprache verbieten? Natürlich nicht. Das würde niemand fordern, sieht man mal von einigen extremen VertreterInnen der „Critical Whiteness“ ab, die tatsächlich verlangen, dass Weiße ihre Finger von „nicht-weißen“ Kulturen lassen sollen und zwar vollständig, also auch beim Kochen, Tanzen oder in Kleidungsfragen nicht kulturell „fremdgehen“.

Auf derartig akademisch-verquaste und weltfremde Theoriegebäude sollte man sich gar nicht erst einlassen, nicht zuletzt auch, weil diese Leute, so sehr sie sich auch als „Antirassisten“ gebärden, letztendlich in einer Art intellektuellem Kurzschluss bei der AfD oder ideell noch weiter rechts landen, denn folgt man ihnen, wäre man sehr schnell bei einer „reinen“ deutschen Kultur, „gesäubert“ von allen fremden Einflüssen, ganz so wie es die extreme Rechte fordert, ohne dabei aber konkret festmachen zu können, was das genuin „Deutsche“ eigentlich sein soll.

Was das Humboldtforum betrifft, geht es aber wohl nicht darum, dass keine englischsprachigen Info-Tafeln angebracht werden dürfen, und deshalb wirkt auch das, was Bredekamp an Argumenten vorbringt, etwas bemüht und am Thema vorbei.

Beutekunst & Globalisierung

Natürlich bilden Kolonialismus und Rassetheorien zumindest im 19. Jahrhundert den Rahmen für das „Interesse“ deutscher Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Privatleute an außereuropäischen Kulturen – ganz gleich wie arglos und frei von böswilligen Intentionen es im Einzelfall auch gewesen sein mag. Anders als Bredekamp behauptet, ging es im damaligen Denken – als Zeitgeist, nicht nur als theoretisches Postulat einzelner Wissenschaftler – keinesfalls um ein wertfreies Nebeneinander von Kulturen und Menschen. Es war sehr wohl eine Wertung damit verbunden, die den weißen Europäer als Krone der Schöpfung und Blüte der Menschheit verstanden wissen wollte und in anderen bestenfalls „edle Wilde“ sah.

Auch ist das Thema „Beutekunst“ eigentlich keine Frage des kulturellen Selbstverständnisses, sondern vielmehr eine juristische: Was man gestohlen hat, muss man wieder hergeben. Nur muss das nicht im Bildersturm enden: Exponate könnten formal an ihre Herkunftsländer zurückgegeben und als Leihgabe erbeten werden, im Zweifelsfall als Kopie ausgestellt, via Internet und mittels Computersimulation könnten Museen etwa in Namibia zugeschaltet und Ausstellungsstücke im virtuellen Raum präsentiert werden. Das wäre nicht nur ein Eingeständnis kolonialer Schuld – ohne dabei aber jemandem das Interesse am „anderen“ madig machen zu wollen – , sondern auch eine museale Darbietung, die für den/die BetrachterIn sowohl das Exponat an sich erfahrbar machen würde, als auch auch den historischen Kontext, in dem es nach Deutschland gelangt ist, und eine moderne, zeitgemäße interkulturelle Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen könnte. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass gerade unter der Ägide Horst Bredekamps, der u. a. die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Technik intensiv erforscht hat, nicht weiter in diese Richtung gedacht wurde.

Zu guter Letzt und immer wieder: der Holocaust

Am Ende der Ausführungen des Berliner Kunsthistorikers in der „Zeit“ stolpert man dann aber regelrecht darüber, dass Bredekamp schnell noch ein paar Gedanken zur Erinnerungskultur an den Holocaust anfügt, nur um dann einige Sätze weiter zu klagen, dass man immer „gleich in die Nähe der AfD gerückt“ werde, wenn man dafür eintrete, dass „die deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham“ beruhen solle. Also doch.

Offenbar hadert Deutschland eher mit den Flüchtlingen als mit dem Humboldforum. Oder warum ist der Holocaust jetzt plötzlich, seit die Refugees da sind, ständig Thema? Wer sind wir? Eine Nation, die – konfrontiert mit dem Fremden – auf sich selbst zurückgeworfen ist? Aber vielleicht ist am Ende alles ganz simpel und Deutsche sind nicht anders als andere Menschen auch – weder besonders gut noch besonders böse – genau wie die Leute in Syrien, Namibia, Israel, Palästina oder anderswo. Nur dass es eben die Geschichte nicht ungeschehen macht, dafür aber die Zukunft auch nicht vorherbestimmt.

Wenn man sich die Äußerung Alexander Gaulands, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz solle mal sehen, was deutsche Kultur ist, und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“, allerdings auf der Zunge zergehen lässt, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Debatte noch lange nicht zu Ende ist – und dass das Berliner Schloss dabei wohl nur eine Nebenrolle spielt.

6 Lessons from Nazi Germany

6 Dinge, die wir tun können, damit Nazis keine Chance haben:

„Die Linken haben Waffen gehortet – brandgefährlich!“ – „Margot Käßmann wittert braunen Wind, wo Deutsche Kinder bekommen! – wie lange wollen wir uns das gefallen lassen?!“ – „In Schorndorf feiern Flüchtlinge Grapschparty – deutsche Professoren in Freiburg haben Angst um ihre blonden Töchter!“ –

Quatsch ist das! Fake News, Gerüchte, gestreut, um die Menschen aufzuwiegeln – immerhin ist am 24. September Bundestagswahl und allzuoft steckt hinter derartigen Falschmeldungen, die sich wie bei der stillen Post in Windeseile in immer neuen Variationen im Internet verbreiten, die rechtskonservative AfD. Jürgen Klöckner hat in der Huffington Post neben diesen noch ein paar andere Falschmeldungen, die die Partei in die Welt gesetzt hat, zusammengestellt. Lediglich das erste oben genannte Statement bezieht sich auf die vor ein paar Tagen verbotene linksalternative Plattform linksunten.indymedia. Die Information stammt aus dem Innenministerium, das sie mittlerweile korrigiert hat.* Natürlich stimmt das mit den sich militarisierenden Linken genauso wenig wie alles andere, aber vermutlich ist es mindestens ebenso geeignet jetzt, so kurz vor der Wahl, noch einmal kräftig Stimmung zu machen. Nicht, dass ich das de Maizière unterstellen wollte, nur häuft es sich eben, dass da etwas „falsch verstanden“ wurde und komischerweise richtet es sich immer gegen Linke, Migranten oder Menschen, die sich für ein offenes Miteinander einsetzen, richtet. Leider hat das konservative Lager nicht nach den Ausschreitungen im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor ein paar Wochen allzu eilfertig die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um die Linke als solche, also auch das gemäßigte linke Lager, zu diskreditieren. So sah der CDU-Politiker Jens Spahn, der sich auch im Deutschlandfunk dazu äußerte, bei SPD, Linken und Grünen ein „gleichgültiges Verhältnis zum Terrorismus“. Mit Verlaub, aber zumindest SPD und Grüne sind große, politisch relativ mittige Parteien und der Vorwurf, sie drückten schon mal großzügig ein Auge zu, wenn linke Autonome randalieren, ist vollkommen haltlos.

Gewalt auf der Straße, Diskreditierungskampagnen, unverhohlene Hetzerei und verbale Schlammschlachten im Internet – fast scheint es, als seien die 1930er Jahre wieder auferstanden, aber ganz so schlimm ist es dann zum Glück doch noch nicht. Damals waren Straßenschlachten zwischen linken und rechten Jugendgruppen, die eher, auch auf linker Seite, paramilitärische Einheiten waren, mehr oder weniger an der Tagesordnung, ständig lauerte die Gefahr von Putschversuchen, heute ist unser Land eben doch politisch sehr viel stabiler, wir haben ein besseres Sozialsystem, Armut ist nicht mehr so schnell so existenziell bedrohlich, wie sie es damals war …

Doch von dem allgegenwärtigen Antisemitismus damals, den es leider auch in anderen europäischen Ländern gab, und einer kleinen, rechtsextremen Splitterpartei – zunächst ein Sammelbecken für allerlei skurille Gestalten, Militärs, enttäuschte, z. T. auch verelendete Kleinbürger und Deutschnationale, denen die bürgerlichen Parteien nicht weit genug gingen – über reißerische Meldungen im „Stürmer“ bis hin zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, auf der die sog. „Endlösung“ – also die massenweise Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge waren, in Gaskammern – offiziell gemacht wurde, war es ein weiter Weg.

Sicherlich wäre es, wie gesagt, verfehlt, zu suggerieren, am Am Horizont zeichnete sich eine Neuauflage des sog. „Dritten Reiches“ ab und es liegt mir fern, die rechtskonservative AfD etwa in die Nähe der NSDAP zu rücken oder ihr auch nur zu unterstellen, politischer Gewalt Vorschub leisten zu wollen – das ist gewiss falsch! – , aber – und ohne dabei das Singuläre am Holocaust und seiner kalten, durchorganisierten Bestialität in Frage stellen zu wollen – politische Radikalisierung, Grausamkeit, Massenmord, ja sogar Genozid hat es leider auch in anderen Zusammenhängen gegeben – Man denke nur an an die Gräueltaten der Khmer Rouge in Cambodia in den 70er Jahren, an den Bürgerkrieg und Völkermord in den 90er Jahren in Rwanda oder an das Massaker von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina im Sommer 1995. Man muss nicht gleich den Teufel an die Wand malen und das Schlimmste fürchten, nur ist es eben so – die Zeiten sind härter geworden, in Osteuropa etwa gibt es mittlerweile durchaus wieder politische Gruppierungen, die sich auf den Nationalsozialismus oder zumindest den italienischen Faschismus beziehen – z. B. Marian Kotleba in der Slowakei oder auch einzelne Akteure in Russland und ihre Gefolgsleute, und auch die „Identitären“ in Westeuropa verehren u. a. den faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola, der in seinem Denken – elitär, rassistisch, antisemitisch, antimodern und metaphysisch – wesentliche Aspekte auch der – nebenbei bemerkt nicht weniger eklektizistischen – nationalsozialistischen Ideologie vereinte.

Vorsicht ist also geboten. Dennoch meint ein „Wehret den Anfängen!“ nicht, dass man Maulkörbe verhängen und politische Meinungen unterdrücken muss oder überhaupt sollte, sobald einem da etwas nicht passt. Ein paar Lessons from Nazi Germany, die helfen können, zu erkennen, wann jemand eine rote Linie überschritten hat und Vorsicht angebracht ist, gibt es aber trotzdem:

  1. Nicht nur extreme, vielleicht auch psychisch gestörte Menschen – Psychopathen! – üben politische (und andere, hier geht es aber um die politische) Gewalt aus. Hannah Arendt ging sogar so weit, von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen. Denk Dir deshalb zu jedem Nazi-Schläger im Hintergrund einen Biedermann im Anzug dazu, der kein Wässerchen trüben zu können scheint …
  2. Manchmal werden Menschen grausam und misshandeln andere aus einem einfachen Grund: weil es geht! Das ist u. a. die Quintessenz des sog. „Stanford Prison Experiments“, das 1971 unter der Leitung des renommierten Psychologen „Dr. Evil“ Philip Zimbardo an der Stanford University in den USA durchgeführt (und vorzeitig abgebrochen) wurde. Haben Menschen Macht und eine entsprechende soziale Rolle, fehlen Kontrolle und Sanktionen, wird man – nur wenige widerstehen einem solchen sozialen Setting! – schnell sadistisch. Gebe Menschen nicht so viel Macht, dass sie andere misshandeln und wie Dreck behandeln können.
  3. Gewalt hat immer zwei Seiten: einer übt sie aus und einem wird sie angetan. Es fällt leichter, Menschen wie Abfall zu behandeln, wenn man sie auch als „Abfall“ betrachtet. Also geht es darum, dass Menschen dehumanisiert oder auch dämonisiert werden. Die Dämonisierung ist eine Unterform der Dehumanisierung und bedeutet, dass Menschen nicht nur als „zu minderwertig“ dargestellt werden, um noch wirklich der menschlichen Spezies anzugehören, sondern darüber hinaus auch noch als brandgefährlich gelten – ein Gegner aller Menschen, „die diesen Namen auch verdienen“. Im Nationalsozialismus hatten die Juden diese Rolle inne. Es wird also immer einer, eine bestimmte soziale Gruppe, zum Sündenbock stilisiert. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt, wie niederträchtig und minderwertig, wie schuldig und gefährlich diese Menschen sind, so lange bis auch die große, schweigende Mehrheit bald nichts mehr dabei findet, wenn solche Menschen ausgegrenzt und misshandelt – „gedisst“ – werden. Damit ist eine Legitimation für Gewalt geschaffen – Man tut schließlich niemandem etwas an, der es nicht auch irgendwie „verdient“ hätte und außerdem – machen es nicht alle so? Wenn sich mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft (In-Group) die Finger schmutzig macht, muss sich der einzelne im Endeffekt nicht so schuldig fühlen. Also kann man ruhig nochmal zutreten! Im Kleinen kann man solche Dynamiken bei Mobbing feststellen, auf einer breiteren, gesamtgesellschaftlichen Ebene kann es einen Genozid vorbereiten. Versuche – um dem entgegenzuwirken – , ein möglichst ausgewogenes, objektives Bild von Menschen und sozialen Gruppen zu zeichnen. Leugne Verfehlungen nicht, spiele sie nicht herunter und gebe keinen Anlass dazu, dass Leute das Gefühl haben, da solle etwas vertuscht werden – das spielt nur den Rechten in die Hände, wie man an den sexuellen Übergriffen in Köln an Silvester 2015/16 gesehen hat. Berichte stattdessen auch, wenn sich Angehörige der angefeindeten sozialen Gruppe normal oder positiv verhalten. Hebe hervor, dass es sich um Individuen mit unterschiedlichen Meinungen, Verhaltensweisen, etc. handelt. Vermeide es, die Leute v. a. als „Kollektiv“ – fremde Ethnie oder Kultur – darzustellen. Mache darauf aufmerksam, dass auch Angehörige anderer sozialer Gruppen gewalttätig oder sexuelle übergriffig werden, sonstige Straftaten begehen, sich ausbeuterisch und/oder (vermeintlich) exzentrisch verhalten (letztere Eigenschaften spielten bei der Stigmatisierung der Juden im Nationalsozialismus und vorher eine gewisse Rolle). Stelle klar, dass KEIN Kausalzusammenhang besteht, im Sinne von: „Er ist Araber, Jude – die machen nun einmal dieses oder jenes … , will man sexuelle Übergriffe, Raubtierkapitalismus, etc. also aus der Welt schaffen, muss man nur ihn/sie loswerden!“.
  4. Stilisiere Menschen nicht zu „Herrenmenschen“! Vermeide es, dass die Leute immer „parteiisch“ auf der Seite bestimmter Leute sind, auch wenn Du denkst, dass man ihnen großes Unrecht getan hat, das nun wieder gutgemacht werden soll. Auch damals wurde von der „Schmach von Versailles“ gesprochen, Menschen, denen es objektiv schlecht ging – körperlich versehrte Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, die in bitterer Armut lebten, vielfach sogar auf der Straße bettelten und Leute, die durch die Weltwirtschaftskrise alles verloren hatten, ebenfalls hungerten und zum Teil obdachlos waren, mussten den Nationalsozialisten als Vorwand für ihre von Anfang an auf Vertreibung und – sofern es nicht reichte, den Leuten das Leben so ungemütlich wie möglich zu machen – auch Vernichtung anderer  – insbesondere der Juden – angelegte Politik herhalten, die schließlich in einem technokratisch durchorganisierten Massenmord gipfelt, der zum Glück bislang ohnegleichen geblieben ist. „Ariern“ stand dagegen ab 1933 die Welt offen. So manch einer wird nur zu gern einen Job an der Uni oder in irgendeiner Behörde eingenommen haben, von dem man zuvor einen Juden vertrieben hatte. Für „Arier“ gab es plötzlich das „Winterhilfswerk“, „Volksempfänger“ und „Kraft durch Freude“-Ferien – für viele Menschen vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben … Wer es nicht glaubt, lässt sich vielleicht einfach mal den Nazi-Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ (Deutschland 1933, Regie: Hans Steinhoff) aus dem Giftschrank irgendeiner universitären Mediathek holen: Dort wird ein einfacher Arbeiterjunge – ein blonder, blauäugiger „Arier“ – dessen verkommene Eltern – Sozialisten! – ihr armseliges Leben nicht auf die Reihe kriegen und ihm nichts bieten können, von einem Nazi unter die Fittiche genommen. Der macht dem Jungen klar, dass er – trotz seiner bescheidenen Herkunft – jemand ist, als Mensch „nordischen Typs“ anderen sogar heillos überlegen, ein aristokratischer Mensch mit profanen sozialen Ursprüngen sozusagen. Natürlich ist es schmeichelhaft, zu den „Lieblingen“ zu gehören und anderen grundsätzlich vorgezogen zu werden. Nicht immer muss es übrigens der helle Teint sein, der einen in eine solche Position katapultiert. Im Grunde ist es auch egal, was es ist – so lange andere dafür leiden müssen, ist es nicht in Ordnung!  Lasse Dich also von derlei Dingen nicht korrumpieren! Sei zufrieden damit, ein Mensch unter anderen Menschen zu sein – nicht mehr und nicht weniger …
  5. Vermeide soziale Spannungen! Trete dafür ein, dass die soziale Schere wieder etwas mehr zusammengeht! Es ist ein Gemeinplatz aus der Sozialpsychologie, dass soziale Ungerechtigkeit die Menschen aggressiv macht. Auch die Weimarer Republik war gekennzeichnet durch krasse soziale Gegensätze, die sich immer wieder in zahlreichen Konflikten entluden, ohne dass sich etwas gebessert hätte.
  6. Ermutige Menschen zur offenen Diskussion! Jeder sollte auch mal die Perspektive des anderen einnehmen. Kompromisse sollten eher das Ziel sein, als dass derjenige für sich die besten Konditionen aushandelt, der sich am besten durchsetzen kann. Vermeide es, Menschen oder soziale Gruppen abzuhängen oder den Eindruck zu erwecken, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Solche Leute werden sich trotzig in eine Gegenkultur, im schlimmsten Falle in den Untergrund zurückziehen und dort werden ihre Ideen und Gefühle vor sich hingären und andere anziehen, bis eine explosive Mischung entstanden ist, die eine Gesellschaft unter Umständen zum Kippen bringen kann. Lass auch nicht Menschen selbstgerecht und hochmütig auf der Nase anderer herumtanzen. Stelle klar, dass – nur weil man etwas ablehnt, nicht unbedingt das Gegenteil richtig sein muss! Habe den Mut, Dinge (und Menschen) differenziert wahrzunehmen!

*Update, Montag, 28. August 2017: Die Sache mit den Waffenfunden bei Indymedia und das Verhalten des Bundesinnenministeriums bleiben weiterhin mytseriös, vgl.: Faktenfinder, Tagesschau.

 

 

Dicht am Zeitgeist dran: blaue Bikini-Ärsche & erzkatholische Queerness

Sex-Appeal bei der AfD

Im Moment kann man gar nicht anders, als draufzugucken – sexy Frauenärsche in ultra-knappen Tangas knödeln einen von so ziemlich jedem Laternenmast an. „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis.“ heißt der Slogan, mit dem die AfD sich einen Ruf als freche und freiheitsliebende oder wenn nicht das, dann eben zumindest sexuell freizügige Partei geben will. Allerdings geht die sexuelle Libertinage eher in Richtung „Praline“. Man hat spontan eine Runde Männer mittleren Alters vor Augen, in irgendeiner verrauchten Eckkneipe, vielleicht auch im Dorfkrug, schon nicht mehr ganz nüchtern – mit glasigen Augen und verschwitzten Fettfingerchen gierig „Schmuddelbildchen“ abtastend und sich dabei gröhlend gegenseitig auf die Schultern klopfend – „Na, Karlheinz, nachher noch in den Puff? Merkt Deine Alte doch eh nich‘, wenn bisschen was vom Haushaltsgeld fehlt!“, „Nö, Günni, lass ma‘. Man wird ja nich‘ jünger, wa?!“ Har, har! Darauf noch ne Runde, har, har!

Das Freigeistige kommt jedenfalls nicht so ganz rüber. Vermutlich würde ein Zuviel an „locker“, sofern es droht, ins Antibürgerliche abzurutschen, aber auch die anvisierte Zielgruppe verprellen. Immerhin hat die AfD sich auf die Fahnen geschrieben, eine Partei der „kleinen Leute“ zu sein. Die Kunst besteht also darin, so weit „fortschrittlich“ zu sein, dass man Gegnern das Maul stopfen kann – „He, he zu verklemmt, was?!“ – und natürlich „erzkonservativ“ als das neue „fortschrittlich“ zu verkaufen.

Jung, hip und konservativ

Das dürfte gar nicht mal so sehr am Zeitgeist vorbeigehen. Immerhin bevorzugen junge Wähler dem Deutschlandfunk zufolge CDU und die, wie es heißt, „pragmatische Politik Angela Merkels“. Gewiss, das bedeutet nicht AfD. Aber konservativ irgendwie schon. Nix mehr mit „die Alten schocken“, eher schon „auch mal Verständnis haben“ für Typen wie Günni und Karlheinz aus der Eckkneipe.

Na ja, die CDU ist aber ja auch nicht mehr, was sie mal war und das könnte man aus einer linksliberalen Perspektive sogar durchaus positiv anmerken. War es nicht Angela Merkel, die den Atomausstieg endlich in Angriff genommen hat? Oder die Flüchtlingspolitik. Dass „wir“ in Deutschland Migration jetzt ziemlich cool finden – alles CDU, tiefschwarze Politik.

Queerfeminismus à la CDU?

Dass „konservativ“ das neue „links“ ist, ist mir allerdings erst gerade eben am Zeitungskiosk so richtig klargeworden. Ich ließ meinen Blick über diverse Hochglanzmagazine für „queere Frauen“ schweifen – „Missy Magazine“, „Straight“, „Libertine“: alle a… teuer und nicht nur deshalb geschrieben für Frauen, für die Geld keine Rolle spielt und die Zeit genug haben, sich durch sehr lange, sehr klein geschriebene Texte über andere starke, hippe Frauen zu lesen, die es zu etwas gebracht haben. Dass Lesben hier ruhig auch lange, blonde Haare haben dürfen, chice, feminine Klamotten, teure Dessous und vielleicht auch mit einem Bio-Mann liiert sein – versteht sich von selbst. Auch dass das kein Widerspruch ist. Es geht ja mehr so um das Lebensgefühl, dass frau ganz Frau ist, nicht so’ne bekloppte Sheryl Sandberg mit Karrierefimmel und TROTZDEM total erfolgreich – Ja, da guckste! Aber das ist halt „Mädelspower!“ -, dass frau – wenn auch selbst ultraschlankgehungert und -gesportet – parteiisch auf der Seite der Dicken ist – Fat Empowerment! – „of Color“ sowieso und „Transphobie“ kommt ja gar nicht erst in die Tüte. Sowas in der Richtung halt. Ich mache am Zeitungskiosk Feindbeobachtung. Leisten kann ich mir sowas eh nicht.

Gerade eben stolperte ich über was Neues – „Fräulein“ – noch so’n Mag für die queere Frau mit Geld. Hastig blätterte ich das bunte, recht dicke Heft durch: Logo, ein Feature über Beth Ditto, dann ein politisches Statement von einer queeren Frau of Color: lange schwarze Haare, ein schief sitzendes Baseball-Käppi als Markenzeichen und ein eigentlich ganz nettes, unkompliziertes Lächeln: Feministin – sowieso!, für die Freigabe von Cannabis und für die Ehe für alle – Na ja, sie ist ja, wie gesagt, selbst queer! -, für Migration und Diversity auf allen Ebenen – ihre Mutter ist Filippina – und „Wir müssen die klügsten Transgenderpersonen im Land halten!“. Wirtschaftspolitisch sieht Diana Kinnert sich bei der FDP. Sie selbst ist aber in der CDU, Ende 20, Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung – offenbar studiert sie Politikwissenschaften an der Humbold-Universität – und the next big thing – die Wunderwaffe der Konservativen. Da soll noch mal einer sagen, dass die nicht auch „grün“ können! „Jamaika“ winkt ja ohnehin schon am Horizont und vielleicht geht es sogar auch ohne die Grünen, also ohne die Partei, wenn die Konservativen jetzt schon selbst so „grün“ sind …

„Leistungsträger“ & „unwerte Leben“* – der neue Liberalismus?

Irgendwie traue ich dem Braten nicht. Klar, dass erste, was mir durch den Kopf schoss, war ein kleiner, beleidigter und sehr persönlicher Gedanke: In Kinnerts Alter saß ich an meiner Magisterarbeit, die ich auch mit der Höchstnote zu Ende gebracht habe (hab auch ein paar Nächte dafür durchgearbeitet – ja, da guckste!), so ganz ohne Extra-Förderung und Stipendium (nur vom DAAD hatte ich mal ein kleines), dafür aber mit Nebenjobs, Engagement in einer multikulturellen Initiative, auch mal ein bisschen Asta und so. Irgendwie bin ich der Meinung, dass „Leistungselite“ etwas mehr bringen muss, sorry. Die Dame erwärmt sich in diesem Punkt ja für die FDP. Für die FDP ist meinesgleichen aber der letzte Dreck. Da ist was schief. Das ist immer das Erste, was ich in solchen Fällen denke.

Wer anderen Druck machen will oder noch schlimmer, sie für dumm verkaufen und möglichst für die Zukunft noch mit unter dem Mindestlohn abspeisen will (Manche Leute aus dem konservativen Lager sind genau deshalb und leider auch nur aus diesem einen Grund so sehr dafür, Migration zu fördern), muss eben wirklich besser sein, finde ich. Eigentlich finde ich dieses Denken falsch – grundsätzlich! -, aber ich kann es ansonsten noch nicht einmal ernst nehmen, also, man kann nicht die harte Tour fahren, so lange es um andere geht und sich selbst auf den Boden werfen und laut aufheulen, wenn man dann nicht alle ausstechen kann. Privilegien und soziale Ungleichheit muss man rechtfertigen können, gerade dann, wenn man für andere nach Möglichkeit weniger will, als ihnen bislang bzw. früher zugestanden wurde, wenn man Chancen nehmen will, statt sie zu geben. Da nützt auch dieses Minderheitending nicht, denn die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ müssen wir vielleicht nicht um jeden Preis umwerben und „im Land halten“ und auch nicht so tun, als sei es eben doch jemand, der (oder die) – ich zitiere hier mal die Leute, die ich ständig am Hals habe – „in einer ganz anderen Liga spielt.“ Irgendwie hat „Diversity“ hier einen trotzigen, ziemlich erpresserischen Touch – eben wie man doch noch „Überflieger“ sein kann, auch wenn man es eigentlich nicht ist, wie man es sich doch herausnehmen kann, die Nase hoch zu tragen, auch wenn man an die Messleiste, die man an andere anlegt, selbst gar nicht heranreicht. „Alle gleich (an Rechten und Chancen)!“ wäre jedenfalls die bessere Losung. Darauf könnte nämlich dann auch mit Fug und Recht die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ pochen. Genau wie alle anderen auch.

Erinnern wir uns noch mal kurz an Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Merin (FDP) und – ja! – auch Petra Hinz (SPD). Sogar im AfD-Lager gab es – laut B.Z. – schon hier und da Vorwürfe, jemand habe sich mit fremden Federn geschmückt, den eigenen Lebenslauf also ein bisschen getunt. Das mit dem „Leistungsträger“, das üben wir vielleicht noch mal. Oder einfach nicht so auf andere herabschauen. Aber nicht dass ich das Diana Kinnert jetzt vorwerfen wollte. Nein! Natürlich nicht – dafür gibt es auch keinerlei Anhaltspunkte, nur dass das konservativ-rechtsliberale Lager den Mund lieber nicht allzu voll nehmen sollte, so ganz generell – das meinte ich – und ich merke schon selbst, dass ich davon lieber wieder runterkommen sollte.

Diana Kinnert: jung, queer, klug & sehr, sehr konservativ

Also googele ich kurz mal Diana Kinnert. Als ich im Debattenportal „The European“ auf sie stoße, sehe ich bestätigt, was ich vermutet habe: Das ist eher für Tweed Sakko-Träger, der Typ älterer Bildungsbürger, gediegen, konservativer Studienrat für Geschichte, emeritierter Groß-Ordinarius oder vielleicht jemand wie Alexander Gauland, wenn er noch bei der CDU wäre – eben konservativ. Wirklich konservativ, nicht grün. Kinnert argumentiert mit der Spätantike, ruft dazu auf, christliche Werte zu stärken. Das ist nichts Anrüchiges – klar! -, aber es ist eben das, was meine Generation als das Denken (und Fühlen) der eigenen Großeltern identifiziert hätte (also, vielleicht stelle ich lieber klar: ein TEIL meiner Generation – einige, nicht wenige übrigens, der noch jungen, mittem im Leben Stehenden sind nämlich mittlerweile auch ein gutes Stück nach rechts gerutscht und andere standen immer schon dort, da will ich nichts beschönigen. Wir waren und sind keine „neuen 68“.).

Blau ist die Frau, also die Kinnert, auch nicht. Sie positioniert sich klar gegen Dr. Nicolaus Fest (das „Dr.“ steht da so, also bei der Kinnert) und dessen Islamophobie. Das kann man Diana Kinnert demnach wohl nicht vorwerfen, dass sie Rechtsdrall hätte. Dennoch – eine gewisse Furcht bleibt, die Angst, Sand in die Augen gestreut zu kriegen und verarscht zu werden – gerade mit diesen Minderheitendingen. Auch auf dem rechtsliberalen Blog „Tichy Einblick“ – der rein ideell dicht an dem, was Diana Kinnert sagt, dran sei dürfte, wohl auch an der Klientel, die sie ansprechen will – hatte man ja des Öfteren gegen die AfD angeschrieben und sich bemüht, „konservativ“ klar und deutlich gegen „rechtspopulistisch“ abzugrenzen – z. B. Annabel Schunke – nach Selbstdarstellung Fotomodell und – wie Diana Kinnert- Studentin der Politikwissenschaften. Dann gingen plötzlich Fotos von Schunke zusammen mit Alice Weidel online. Die Tichy-Kolumnistin fiel mit Fäkalwörtern und Ausfällen gegen Muslime auf, ihr Facebookaccount wurde gesperrt und bei der AfD nahm man das junge Talent, das offiziell ihre Gegnerin gewesen war, plötzlich in Schutz – Zensur sei das.

Ein etwas hipperer Site, wenn auch wohl weniger politisch als „The European“ und „Tichy’s Einblick“ – „refinery29.de“ – hat auch etwas zu Diana Kinnert zu sagen – „Mitte 20, queer und in der CDU“. Kinnerts katholisches Elternhaus reagierte offenbar sehr gelassen darauf, dass sie lesbisch ist. Konservativ und tolerant geht also wohl problemlos. Aber dann steht da in dem Artikel, der Vater habe gefragt: „Wer ist denn das Messer und wer ist die Gabel?”.

Trotzdem keine „Partei für alle“ – Sorry!

Na ja. Knödel. Har har. Ein bisschen müffelt das schon. Mein Humor ist es jedenfalls nicht. Aber vielleicht kann man Begriffe wie „tolerant“, „freiheitlich“, „liberal“ und „links“ auch einfach mit unterschiedlichen Inhalten füllen. Vielleicht sollte man das so nebeneinander stehen lassen. Und nicht CDU wählen, auch wenn die eigentlich schon alles abdecken, was cool und angesagt ist und moralisch richtig und so. AfD natürlich auch nicht, aber das war ja eh klar.

**… sagt Laila Phunk und die hat vor, am 24. September ungültig zu wählen.

*Laila Phunk ist in Berlin-Kreuzberg als „unwertes Leben“ bezeichnet worden – von Hipstern, die sich für Türken & queere Menschen stark machen und, wie es aussieht, bei der – grünen – Heinrich-Böll-Stiftung wohlgelitten sind. U. a. weil sie genau diese Leute nicht an dr Macht haben will, schreibt sie diesen Blog.