Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

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Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Was ist Faschismus? Laila Phunk erklärt die 10 wichtigsten Aspekte

faschismus

Faschismus geht auch ohne Rassenhass und Vernichtungslager. Macht es das deshalb aber gleich viel harmloser? Der Nationalsozialismus jedenfalls ist für dumpfe Nazi-Schläger, die provozieren wollen, eine Art Punk von rechts, könnte man denken. Die neue Rechte, die in den intellektuellen Salons Europas und der USA zu Hause ist und sich anschickt, die Parlamente zu erobern, bezieht sich eher auf den italienischen Faschismus. Ist Donald Trump aber ein neuer Benito Mussolini, wie u. a. die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen nahelegt? Und was hat was zu bedeuten, dass Steve Bannon, der us-amerikanische Chefstratege und Chef des neurechten Online-Magazins „Breitbart“, sich als „Leninist“ bezeichnet? Steht uns ein neues Zeitalter der Totalistarismen ins Haus? Immerhin wird sogar Hannah Arendt herangezogen, um das Phänomen Trump, die neue Rechte und ihre Erfolge zu erklären.

Maßlos übertrieben oder angemessene Warnung zur rechten Zeit? Vielleicht liegt es an der Hysterie des Internets. Immerhin sind mit Panikmache und Katastrophenmeldungen mehr Klicks zu machen als mit nüchternen Analysen. Vielleicht ist es aber auch eine neue Kopflosigkeit, die dazu führt, dass so viele historische Vergleiche gezogen werden. Man weiß, dass Trump kein zweiter Mussolini ist und Bannon ganz sicher kein neuer Lenin. Aber man weiß auch, dass etwas Machtvolles und Gefährliches am Horizont lautert, etwas, das antidemokratisch ist und auf Überlegenheitsgefühlen und Abschottung beruht. Was ist, wenn die Unkenrufe im Internet nun doch nicht so übertrieben sind? Außerdem, dass der faschistische italienische Philosoph Julius Evola, der Esoterik und Metaphysik mit elitärer Dünkelhaftigkeit, Rassismus und Antisemitismus verband, von Russland bis Frankreich, übrigens auch in Deutschland, in der Rechten so eifrig rezipiert wird, sollte zu denken geben. Was stimmt also: Wiederholt sich Geschichte immer oder wiederholt sich Geschichte nie? Stehen wir am Vorabend einer neuen faschistischen Ära oder haben wir es mit einem gänzlich neuen Phänomen zu tun? Oder können am Ende eben doch die Rechten damit auftrumpfen, dass sie „ja gar nicht so schlimm“ sind, eigentlich eher Konservative, denen man brutal Unrecht tut?

1. Alles fascho oder was?

Wenn Marine Le Pen sich um jüdische Wählerstimmen bemüht, dann nimmt man ihr das nicht wirklich ab. Zu gut sind die antisemitischen Ausfälle von Jean-Marie, Le Pen „père“, in Erinnerung. Und doch hat der französische Front National mit Florian Philippot z. B. einen chicen Schwulen in ihren Reihen, der schwarze Komiker Dieudonné hat sich sogar zu früheren Zeiten selbst aktiv gegen Rassismus engagiert. Der Verfasser des „Alt-Right“-Manifests, Milo Yiannopoulos, wiederum hat das Zeug zum Shooting-Star jeder hippen, metrosexuellen Großstadtszene und auch in der deutschen AfD tauchen hier und da Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Juden auf. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Hat man es wirklich mit Rechten zu tun? Oder ist die neue Rechte nicht wirklich eine Rechte, nicht im klassischen Sinne jedenfalls?

Tja, wenn da nur nicht die Schönheitsfehler wären: Dieudonné z. B. ist ein strammer Antisemit, nicht „nur“ entschieden „pro Palästina“, nein, auch mit Verbindung zu Holcaust-Leugnern. 2014 hat er deshalb sogar Einreiseverbot für Großbritannien erhalten. Und Milo Yiannopoulos hält im Manifest der Alt-Right-Bewegung nicht damit hinterm Berg, dass er für Frauenrechte nicht viel übrig hat und für das „natürliche Konservative“, den Drang, den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen zu beschützen, eintritt. Dass er am Ende des Manifests relativiert, es gehe ja eigentlich nur gegen die „Political Correctness“ der Linken, beteuert, sie selbst hätten ganz viele jüdische homosexuelle Freunde, seien ihrerseits „racially mixed“ und hätten mit Allum Bokhari sogar einen „Kebab“ in ihren Reihen, nimmt sich eher schwach aus. Man fragt sich: Ja, was denn nun? Den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen schützen oder Party mit dem internationalen Jet-Set machen? Vielleicht ist Evola die Antwort darauf, der italienische Faschismus, jedenfalls nicht der deutsche Holocaust. Das wäre zu sehr mit dem Vorschlaghammer.

2. Schuld sind die Italiener!

Nein, am Holocaust sicherlich nicht. Aber der Faschismus ist eine italienische Erfindung. Rechts und totalitär, aber – und das dürfte für Deutsche erst einmal merkwürdig klingen – m Kern nicht antisemitisch – Mussolini soll sogar eine jüdische Geliebte gehabt haben, die Kunstkritikerin Margherita Sarfatti. Obwohl es Antisemtismus in Italien gab und gibt. Nur war er eben nicht der Dreh- und Angelpunkt der faschistischen Ideologie. Rassistisch war der italienische Faschismus auch nicht bzw. – an dieser Stelle kommt man um ein entschiedenes „jein“ nicht herum: 1938 traten in Italien unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands die „faschistischen Rassegesetze“ („Leggi razziali fasciste“) in Kraft. Sie richteten sich, in Anlehnung an die „Nürnberger Gesetze“, tatsächlich gegen die jüdische Bevölkerung und in dem Manifest „La difesa della razza“ („Die Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) wird ausdrücklich gefordert: „Es ist an der Zeit, dass die Italiener sich ohne wenn und aber als rassistisch betrachten!“ („E‘ tempo che gli Italiani si proclamino francamente razzisti!“, zit. nach: Wikipedia, Übersetzung Laila Phunk). Italiener gehörten, so das Manifest, zu den „Ariern“ und würden sich daher grundlegend von der restlichen Mittelmeerbevölkerung, insbesondere den Nordafrikanern, unterscheiden. Also doch Antisemitismus und Rassismus. Allerdings muss man sagen, dass Juden in Italien nicht so eifrig verfolgt wurden wie in Deutschland. Es war eben doch eine Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland, auch wenn es in Italien unter den Faschisten auch welche gab, die die Nazi-Linie aus persönlicher Überzeugung befürworteten, z. B. Roberto Farinacci.

3. Law and Order

Eigentlich ging es im italienischen Faschismus, anders als in Deutschland, aber vor allem um Law and Order. Es sollte wieder Ruhe einkehren und eine Regierung mit harter Hand sollte die radikale Kehrtwende von allem, was bisher war, bringen. Die konservativ-liberale „Ära Giolitti“, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti, war durch Krisen, soziale Unruhen und Korruption gekennzeichnet, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem sog. „Biennio Rosso“ („den zwei roten Jahren“) in Fabrikbesetzungen und Massenstreiks kulminierte. Der Hintergrund: Italien war (auf Seiten der Alliierten) in den Ersten Weltkrieg eingetreten, obwohl von vornherein klar war, dass es sich den Kriegsbeitritt wirtschaftlich gar nicht leisten konnte. Die fatalen Folgen bekamen vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten zu spüren, was sich in einer rabiaten Wut gegen die Machthaber und in Forderungen nach einem sozialistischen Umsturz entlud.

Allerdings: Es waren die Leute um den ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini, die den Kriegseintritt gefordert hatten …

Heute bedeutet Krieg wenn dann eher „Krieg gegen den Terror“. Natürlich hat die Bevölkerung in Europa und in den USA ein Recht darauf, sich vor terroristischen Anschlägen bestmöglich schützen zu wollen. Es ist aber fraglich, ob willkürlich verhängte Einreiseverbote, ein straffes Hochfahren des Sicherheitsapparates und möglichst viel staatliche Überwachung den gewünschten Effekt bringen. Man muss sehr genau hinschauen, welche Maßnahme wirklich zu einem besseren Schutz beiträgt und sich auf Menschen beziehen, die aufgrund tragfähiger Beweise als „Gefährder“ eingestuft werden. Immerhin ist man das dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit schuldig. Dass vor dem Gesetz alle gleich sind, gleiche Rechte und Pflichten haben und den gleichen Schutz genießen ist eine der tragenden Säulen der Demokratie, sprich: ohne Rechtsstaat ist Demokratie nicht machbar. Mal ganz abgesehen davon, dass wer behauptet, Korruption zu bekämpfen, den verkommenen Eliten eine klare Absage zu erteilen und politischer Destabilisierung entgegenwirken zu wollen, wenig glaubwürdig wirkt, wenn dann Willkür die Antwort ist.

4. Immer wichtig: Die soziale Frage

Dass die sog. „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, wie der Soziologe Helmut Schelsky es nannte, also eine Gesellschaft, in der es keine krassen sozialen Gegensätze gibt und der soziale Aufstieg durchaus machbar ist, weniger anfällig für politische Extreme ist, ist vielleicht kein ehernes Gesetz, aber es ist schon auffällig, dass das politische Klima oft umso rauher wird, je härter, unsicherer und konkurrenzbetonter das Leben für die meisten Menschen im Allgemeinen wird. Sowohl in Italien als auch in Deutschland waren die Folgen des Ersten Weltkrieges für weite Teile der Bevölkerung verheerend. In Deutschland brachte dann der Börsenkrach von 1929 das Fass zum Überlaufen. Da hatte sich der Faschismus in Italien allerdings längst etabliert.

Auch wenn man heutzutage in Europa und in den USA nicht wirklich von einer Verelendung der breiten Masse sprechen kann, ist die Parallele hier unübersehbar. Immer wieder heißt es, die Kinder würden nicht den mehr in dem gleichen Wohlstand wie ihre Eltern leben können, die soziale Absicherung lässt nach, Freelance-Tätigkeiten und Altersarmut nehmen zu, der Globalisierungsdruck, der sich für manche Arbeitgeber als „Auslese der Besten“ darstellt, bedeutet für den Durchschnittsbürger langfristig eine nicht nur gefühlte Bedrohung.

Das heißt übrigens nicht, dass man gegen Migration und für geschlossene Grenzen sein müsste. Vermutlich ist es eher eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wer sich über konkurrenzlos billige illegale Einwanderer aus Lateinamerika freut und in Bürgerkriegsflüchtlingen vor allem robuste, fleißige und dankbare Arbeitskräfte sieht, wer in Europa den Kampf der klügsten, bestausgebildetsten, jüngsten, vitalsten, flexibelsten und genügsamsten Köpfe und Menschen um die heißbegehrten Arbeitsplätze in wohlhabenden Ländern wie Deutschland to the max anheizen will, der muss sich nicht wundern, wenn die Leute dem erstbesten Demagogen, der verspricht, dem ganzen ein Ende zu machen, hinterherlaufen. Vielleicht sollte man Menschen einfach nicht zu sehr gegeneinander ausspielen. Immerhin steckt in dem neoliberalen Globalisierungseifer mit seinem Sozialdarwinismus auch ein prinzipiell faschistoides Element. Wahrscheinlich kann dem nur eine auf Ausgleich, Fairness und Offenheit zugleich bedachte Politik entgegenwirken.

5. Wenn alle an einem Strang ziehen: Korporativwirtschaft

So wenig, wie die AfD eine „Partei der kleinen Leute“ ist, war der italienische Faschismus die Antwort auf die soziale Frage. Ganz im Gegenteil: Mussolini beendete die Arbeitskämpfe, die um 1919/20 ihren Höhepunkt erreicht hatten, mit der sog. „Korporativwirtschaft“: Anstatt dass Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern vertreten sollten, sollten alle an einem Strang ziehen: Der Chef z. B. der Druckerei ebenso wie die Drucker. Begründet wurde das damit, dass es ja, wenn die Druckerei gut läuft, auch den Beschäftigten besser gehen würde. Es gelte also, die Interessen der Druck- und Papierindustrie gemeinsam zu vertreten.

Das faschistische Element liegt vor allem in einem politischen Angebot, das sich an alle gleichermaßen richtete: Arbeiter, Bauern und Mittelständler ebenso wie Chefs, Adlige, Eliten.

6. Schwarzhemden und rote Faschisten? Totalitarismus

Hier kommt Hannah Arendt (siehe Link oben) ins Spiel. Denn Faschismus ist immer totalitär, totalitär ist aber nicht immer faschistisch. Wie der Sozialismus richtete sich der Faschismus an die breite Masse. Zumindest war das sein Anspruch. Man wollte sich in der Rolle der „Vollstrecker“ des Volkswillens sehen. Das unterscheidet den Faschismus von anderen rechtskonservativen Diktaturen und autoritären Regimes, wo es eher um den Machterhalt eines Diktators und seiner Clique geht, für den das Volk unter dem Deckel gehalten und eventueller Widerstand ausgeschaltet werden muss. Faschismus und Sozialismus dagegen stützen sich auf das Volk. Allerdings halten auch sie es unbarmherzig unter Kontrolle, jedoch so, dass es glauben soll, im eigenen Interesse zu handeln. Sowohl der Nationalsozialmus als auch der real existierende Sozialismus waren bekannt dafür, von der Wiege bis zur Bahre Organisationen geschaffen zu haben, in denen das Volk im Sinne der herrschenden Ideologie erzogen, kontrolliert und bei Verfehlungen bestraft werden sollte. Der Staat drang so tief in den Alltag und in das Privatleben seiner Bürger ein. In Italien war dies weniger ausgeprägt. Dafür wurde hier das Konzept der Korporativwirtschaft, Arbeiter und Chefs an einen Tisch zu bringen ausgearbeitet und so ein gemeinsamen „Volkswillen“ als moderner Gegenentwurf zur Demokratie künstlich hinaufbeschworen. Hier zeigte der Faschismus seine politische Durchschlagkraft als effizientes Bollwerk gegen den Sozialismus, denn der hatte nur den „kleinen Mann“ und dessen Belange im Auge, nicht die Interessen der Eliten. Ganz abgesehen davon natürlich, dass dem Sozialismus, sieht man mal von einigen Varianten, etwa unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu ab, auch das nationalistische und sozialdarwinistische Element fehlten.

7. Make Italy great again! Nationalchauvinismus

„Make America great again!“ wohl jeder kennt den Wahlkampfslogan von Donald Trump. Auch von Wladimir Putin und Recep Erdogan ist bekannt, dass sie Russland bzw. die Türkei wieder „hochgeholt“ hätten. Wer das marode, politische instabile, von mafiösen Clans und sozialer Verelendung geprägte Russland der Ära Jelzin in den 1990er Jahren vor Augen hat, versteht leicht, warum Putin so erfolgreich ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ wusste schon Bertholt Brecht. Nun kann sich auch der russische Mittelstand Ferien in der Türkei leisten und den Türken selbst geht es auch nicht mehr ganz so schlecht.

Nur kann man Trump, Putin und Erdogan allein deshalb natürlich nicht als „Faschisten“ bezeichnen. Wirtschaftlicher Aufschwung, gemischt mit ein bisschen nationaler Romantik, macht einen ja noch nicht gleich zum Rechtsextremisten. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt es ist und welche Elemente noch hinzukommen.

Auch in Deutschland brachte Hitler den Deutschen eine spürbare Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage: Es gab wieder Jobs, Radios (der „Volksempfänger“) und Kleinwagen („Volkswagen“) wurden erschwinglich, der „kleine Mann“ und seine Familie konnten in den Urlaub fahren und für Deutsche, die dennoch durch das soziale Netz fielen, gab es ein Winterhilfswerk. Leider müsste man „Deutsche“ präziser mit „Menschen, die als Deutsche anerkannt wurden“ umschreiben. Die Nationalsozialisten selbst sprachen auch eher von „Volksgenossen“. „Untermenschen“, Juden, Roma und Sinti, Schwule, Depressive, Alkoholiker, „Schwachsinnige“, „Erbkranke“, usw., alle, die nicht dem Bild des starken, vitalen „Herrenschmenschen“ entsprachen, kamen nicht in den Genuss sozialer Unterstützung (auch wenn man, sofern es sich um eine angesehene Nazi-Familie handelte, natürlich bereit war, Ausnahmen zu machen, und geflissentlich über einen schwulen Onkel, ein kleines Alkoholproblem oder Angehörige mit gewissen körperlichen oder mentalen Einschränkungen hinwegsah, sofern es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Zur Doppelmoral siehe oben: Rechtspopulisten heute). An dieser Stelle sollte man sich fragen, ob das in Europa im christlichen Glauben verankterte Leitprinzip, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind, ganz gleich, wer sie sind und woher sie kommen, nicht doch sozialer ist, als eine „Solidarität“, die nur für bestimmte Menschen gilt und jederzeit erlöschen kann, wenn jemand den Ansprüchen der „Volksgemeinschaft“ nicht mehr genügt. Was ist denn besser, die Sicherheit zu haben, auf jeden Fall Hilfe in Notlagen zu erhalten? Oder aber ausdrücklich bevorzugt zu werden, aber eben abhängig von der Willkür anderer, die sich jederzeit auch gegen einen richten kann?

Was in Deutschland die „Dolchstoßlegende“ war, die angebliche „Erniedrigung“ deutscher „Größe“ durch Sozialisten und Juden, das war in Italien die späte Nationwerdung, deren Prozess sich noch viele Jahrzehnte über die Gründung der italienischen Nation hinauszog. Zwar ist Italien knapp zehn Jahre „älter“ als Deutschland, allerdings war das Land im 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr viel zerklüfteter durch regionale und soziale Unterschiede. Insbesondere das starke Nord-Süd-Gefälle sorgte dafür, dass das sog. „inner nation building“, die Entwicklung einer Selbstwahrnehmung in der Bevölkerung als zusammengehörige Nation und einheitliches Staatsvolk, sich in die Länge zog.

Viele Italiener fühlten sich einfach nicht als Italiener sondern als Neapolitaner, Piemontesen, Florentiner oder Sizilianer. Dem gegenüber stand ein brachialer Nationalismus, der sich auf das antike Römische Reich als Quelle eines modernen italienischen Nationalgefühls bezog und eine vergleichbare politische und kulturelle Stellung der jungen Nation im Europa des frühen 20. Jahrhunderts forderte.

8. Faschismus kann sehr modern sein

In Deutschland verbindet man rechtes Gedankengut in erster Linie mit röhrenden Hirschen und laut trötender Volksmusik für die Ü80-Generation. Miefig und spießig finden die einen, „traditionsbewusst“ sagen die anderen.

Dynamische Formgebung, eine Ästhetik, die ausdrücklich „technisch“ wirken möchte und auf „Fortschritt“ abzielt, kühle Zweckbauten, streng geometrische Kompositionen und klare, zum Teil fast fluoreszierend grelle Farben – Dass auch das, was als „klassische Moderne“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, rechts, ja sogar faschistisch sein kann, ist aus einer deutschen Perspektive nur schwer vorstellbar, galt hierzulande moderne Kunst doch als Antipode des Nationalsozialismus, nicht zuletzt weil viele moderne Kunstwerke im Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ gebrandmarkt wurden.

Im italienischen Faschismus gab es keine einheitliche Kunstpolitik. Futurismus und Rationalismus standen neben Kunstströmungen, die sich ebenfalls als „modern“ verstanden, aber andererseits stark auf das antike römische Erbe abhoben.

Mussolini betrachtete Kunstförderung als PR – das moderne Italien, auf der Höhe der Zeit oder ihr sogar voraus, ließ sich so ebenso fiktional entwerfen, wie die antike imperiale Größe, die es mental wieder zu beleben galt. Die Kunstschaffenden – damals wie heute prekär lebend – warfen sich dem Regime zum größten Teil mit Verve an den Hals und überschlugen sich darin, den neuen Zeitgeist zum Ausdruck zu bringen.

Nicht ganz zufällig und in dieser Hinsicht nicht anders als der Nationalsozialismus legte auch das faschistische Regime selbst Wert auf ästhetische Inszenierung, etwa in Aufmärschen und Propaganda. Auf den Zusammenhang von moderner Kunst und einer Ästhetisierung der Politik, wie sie der Faschismus betrieben hat, hat der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin bereits 1936 in seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ hingewiesen und ist dabei auch explizit auf den italienischen Futurismus eingegangen.

9. „Ich will eine herrische, grausame Jugend …“: Sozialdarwinismus

„Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“ forderte Adolf Hitler (Rede „Meine Pädagogik ist hart“, zitiert nach wissensreise.de). In dem futuristischen Manifest „La Riscostruzione futurista dell-Universo“, das Giacomo Balla und Fortunato Deperso 1915 verfasst haben, sprachen die beiden Künstler davon, Spielzeug zu entwerfen, das das Kind zu Kreativität und körperlicher Agilität, aber auch zu Aggression und kriegerischer Kampfbereitschaft erziehen sollte.

Sicherlich ist es ein Stück Weg von der „genetischen Überlegenheit“ und „Gebärprämien“, wie sie 2010 im Umfeld des SPD-Politiers Thilo Sarrazin im Gespräch waren, hin zu einer Erziehung zur Grausamkeit, wie sie Hitler und die Futuristen der zweiten Generation forderten. Nicht von ungefähr stammen die deutschen Anhänger der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ allerdings aus der „Sarrazin-Bewegung“, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Spätestens dann, wenn Jugend- und Vitalitätskult mit Überlegenheitsgefühlen, offen geäußerten Zweifeln an der Gleichwertigkeit aller Menschen und einem nur schlecht kaschierten Sozialdarwinismus zusammentrefffen, sollte man jedenfalls hellhörig werden.

10. Gewalt und politische Morde

Sind Faschisten einmal an der Macht, bedeutet das noch nicht, dass sie auch fest im Sattel sitzen. Dazu ist fast immer eine Konsolidierungsphase nötig. Masha Gessen (siehe Link oben in der Einleitung) hat die schleichende Aushöhlung demokratischer Institutionen am Beispiel Russland mehrfach beschrieben. Sicherlich hat sie recht, dass man auch genau beobachten sollte, was Trump in Amerika veranstaltet. dennoch finde ich den  der Vergleich mit Mussolini nicht ganz so glücklich. Immerhin hatte der sich in politischer Hinsicht seine Sporen als Sozialist verdient, während Trump jahrzehntelang den kapitalistischen Unternehmer schlechthin verkörperte. Außerdem hat Mussolini von Anfang an bedenkenlos rohe Gewalt als politisches Mittel eingesetzt. Die „squadre fasciste“, auch „Schwarzhemden“ („camice nere“) genannt, waren paramilitärische Einheiten, die, ähnlich wie die SA in Deutschland schon lange vor dem „Marsch auf Rom“, mit dem Mussolini 1922 die Macht ergriff, in Italien Gewalt und Terror verbreitetet haben. Der Mord an dem sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti 1924 durch faschistische Schläger machte schließlich auch jenen, die die Augen vor dem wahren Charakter Mussolinis hatten verschließen wollen, endgültig klar, um was es ging. Weniger als zwei Wochen vor seiner Ermordung hatte Matteotti noch, wie auf Wikipedia zu lesen ist, in einer öffentliche Rede eindringlich vor den Gefahren des Faschismus gewarnt. Die Italiener waren auch damals keine dummen Schäfchen, die ihrem „Duce“ brav hinterhergetrottet sind. Es hatte Kritiker gegeben. 1924 war der Punkt erreicht, wo der Faschismus sein wahres Gesicht gezeigt und vorgeführt hatte, wie er mit ihnen zu verfahren gedachte.

Hoffen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Seien wir klüger als unsere Ahnen. Immerhin können wir, im Gegensatz zu ihnen, nicht sagen, wir hätten von nichts gewusst.

Alle Übersetzungen durch Laila Phunk. Ohne Gewähr.

 

Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

Auf ein buntes 2017!

Yes. 2016 geht zu Ende. Wurde auch langsam Zeit. Irgendwie ist jetzt ein Peak erreicht. Man kann nur noch auf der einen oder anderen Seite runterrutschen. Vor ein paar Tagen ploppte vor mir auf Twitter unter irgendeinem Hashtag ein Video zur Frauenfrage auf: Mahnende junge Gesichter, mit steinernen Mienen verlesene Anklagen gegen Gewalt gegen Frauen. Es hätte irgendwie „Grün ist das neue Lila“ oder etwas in der Richtung sein können. Es war ein Video der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Nach ein paar Sekunden unterbrach ich das Video angewidert. Nichts an dem, was die jungen Frauen mit dem gebotenen Ernst vorgetragen hatten, war falsch. Alle Taten hatten stattgefunden. Sie waren jede für sich genommen so grauenvoll, dass ein psychisch halbwegs normal strukturierter Mensch sich unweigerlich empört und nicht glauben will, dass so etwas vor seiner Haustür geschehen kann: Vergewaltigungen, die Frauen ermordet und weggeworfen wie ein Stück Müll, ein Frauenkörper, der an ein fahrendes Auto gebunden und beim Fahren mitgeschleift wurde, eine andere Frau, bei lebendigem Leib verbrannt, … Es stimmt, dass die Täter immer Flüchtlinge oder zumindest Männer mit muslimischem Migrationshintergrund waren.

Aber etwas an dem Video war falsch und es wäre auch falsch gewesen, wenn es von „Grün ist das neue Lila“ gewesen wäre. Man hatte einfach instinktiv das Gefühl, dass etwas fehlte. Fürchterliche Gewalttaten, die Deutsche oder Menschen mit nicht-muslimischem Hintergrund begangen hatten, blieben unerwähnt. Als hätte es das Folterpaar von Höxter nicht gegeben, dass eine Frau zu Tode gequält haben soll (kein Link wegen der unvorstellbaren Grausamkeit der Taten). Oder die Serienmorde des Belgiers Marc Dutroux in den 1990er Jahren.

In der „Zeit“ von dieser Woche (Print) wurde gefragt: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Massenweise junge Männer aus einem Kulturkreis, in dem Frauen Menschen zweiter Klasse sind, gewaltbereite, traumatisierte Männer. Der Kontrast zu der Berichterstattung von vor gut einem Jahr könnte nicht größer sein. Damals hieß es, wir sollten nur frohgemut in die Zukunft blicken: lauter junge, gesunde Männer kämen da, die vor Tatendrang nur so strotzten und es nicht abwarten könnten, hier zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Deutschland, ein Märchen an Toleranz und christlicher Nächstenliebe, eine Nation, die sich vielleicht ein bisschen zu sehr selbst gefeiert hat, eitel und ohne Maß. Das war ein bisschen zu demonstrativ auf Hochglanz poliert und das Aufgesetzte, Falsche daran stieß mir unangenehm auf. Obwohl ich Hilfsbreitschaft und offene Grenzen gut finde und sicher bin, dass viele Leute, die „nur so“ geholfen haben, jenseits des Medienrummels, es auch so gemeint haben.

Aber vielleicht hatte die teilweise etwas zu euphorische Darstellung in den Medien ihre Gründe. Lag es daran, dass „wir“ nicht mehr die barbarische Nazi-Nation sein wollten, die die europäischen Juden um ein Haar vollständig ausgerottet hätte – obwohl das Ganze schon mehr als 70 Jahre zurück liegt. Ich meine, Erinnerungskutlur ist wichtig und ein gewisses Verantwortungsgefühl, aus der kollektiven Schuld heraus erwachsen, hat einiges dazu beigetragen, dass Europa wieder näher zusammenrücken konnte. Oder sollte Deutschland – in seiner Außendarstellung – einfach  nicht mehr als die unerbittliche, egozentrische Großmacht im Herzen Europas angesehen werden, die in jüngster Zeit den Griechen und Italienern hartherzige Sparkurse aufgezwungen hat, ohne Rücksicht darauf, dass „0 Euro im Portemonnaie“ auch im sonnigen Süden fatal ist.

Vielleicht liegt es aber auch an Texten, wie „Karneval der Kulturlosen“, den Hengameh Yaghoobifarah für das queerfeministische „Missy Magazine“ verfasst hat. Darin beklagt sich Yaghoobirfarah worgewandt und mit dem distanziert-ironischen Blick des Großstadt-Dandys über ein Musik-Festival, dass ihr viel zu „weiß“ gewesen sei. Das Selfie, das dem Artikel beigefügt ist, zeigt eine blasse junge Frau mit dunklen Haaren. Na ja. Aber gut. Yaghoobirfarah: Iran, die Eltern vermutlich mit dem Ende des Schah-Regimes nach Deutschland gespült, zu Recht, denn Ayatollah Khomeini war ja auch so einer, der den „kleinen Leuten“ den Rücken stärken wollte und dabei mitunter sehr brutal gegen Leute vorging, die zuvor allerdings ihrerseits rücksichtslos auf Kosten der verarmten breiten Masse einem märchenhaften Luxus gefrönt hatten, der wiederum in Deutschland in der Tabloid-Presse bewundert und begeistert bis ins noch so kleinste, unwichtigste Detail beschrieben wurde.

Ok, vielleicht ist es auch anders. Aber ich habe schon ein paar Kolumnen von Yaghoobirfarah im „Missy Magazine“ gelesen. Ich fand  sie immer gut geschrieben, aber – trotzdem sie „queer“ gelabelt waren – wurden sie mit den strengen Geruch heteronormativer Straightness irgendwie nicht los: Mode, Pink, sexy, süß und selbstbewusst, wenn auch nicht ganz schlank. Ist ja gut. Hat ja niemand etwas dagegen, wenn Frauen sich auch dann attraktiv fühlen, wenn sie nicht in dem Körper von Melania Trump (bzw. in dessen von plastischer Chirurgie noch unangetasteten Urzustand) geboren worden sind. Nein. Ich habe wirklich nichts dagegen. Ich finde es nur nicht „lesbisch“ oder „trans“ oder überhaupt irgendwie „anders“. Obwohl Yaghoobirfarah auch die fehlende Queerness beim Fusion-Festival anprangert. Alle ihre Freunde seien schließlich „queer“ oder „of color“. Na ja, würde man das . von außen betrachtet – auch so sehen? Oder würde man denken: „Boah, die haben Kohle!“ Oder „Wäre mir ein bisschen zu bunt, dieser Techno-Mooshammer-Look!“ Oder „Hoffentlich erwarten die nicht, hier als „Männchen“ „gelesen“ zu werden. Ich würde gern ohne dumme Anmachen und Arschgeglotze von irgendwelchen Pseudo-Lesben auskommen!“ Klar, das wären auch Vorurteile. Schade eigentlich.

Yaghoobirfarah dagegen beschwert sich, dass Weiße sich erdreisteten, „black and brown food“ zu servieren. Ich habe mir fest vorgenommen, ihr, sollte ich ihr je persönlich begegnen, die Pizza aus der Hand zu reißen, falls sie gerade dann eine essen würde (Das darf sie nicht essen! Das ist nicht ihrs! Die ist nicht Spaghetti genug!). Auch dann übrigens, wenn es eine arabische Pizza wäre und keine italienische. Wusstet ihr, dass Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus das Licht der Welt in Ägypten erblickt hatte? Dort lebte zu früheren Zeiten eine italienischstämmige Minderheit. Marinetti, ein glühender Nationalist, verfasste sogar das futuristische Manifest auf Französisch. Nein, es erschien nicht, wie man es von einer rechten, nationalchauvinistischen Bewegung erwarten dürfte, in einem politisch entsprechend ausgerichteten italienischen Blatt, sondern im französischen „Figaro“! Marinetti, der französische Schulen besucht hatte, fühlte sich schlicht nicht sicher genug in der italienischen Sprache. Das ist in etwa so, als ob Alexander Gauland in den USA aufgewachsen und dort an teuren Elite-Instituten intellektuell herangebildet worden wäre. Er würde vielleicht immer „ick“ statt „ich“ sagen und das „r“ komisch aussprechen. Und dann würde er in der us-amerikanischen „Washington Post“ ein Manifest der AfD veröffentlichen, auf Englisch natürlich, so dass es der doch so eifrig umworbene „kleine Mann“ gar nicht lesen könnte. In dem Manifest wäre die Rede davon, dass die deutsche Nation zu neuem Glanz und neuer Kraft auferstehen sollte und sich eine neue ur-eigene Kultur auf der Höhe der Zeit erschaffen solle, mit der sie wieder die ihr gebührende Führungsposition in der Welt einnehmen könnte. Also, so in ungefähr.

Wer jetzt lacht, kann ja mal überlegen, wie das mit Pop-Musik ist. Na, ist der Teint der Yaghoobirfarah nicht doch etwas zu hell, um sich Musik reinzuziehen, die von afrikanischen Sklaven – jawohl: Schwarzen! – wesentlich geprägt wurde?! In Ordnung, es steckt auch eine Menge europäischer Unterschichtsmusik drin. Aber das ist der Yaghoobirfarah ja, so wie ich sie verstehe, zu weiß. Und sie ist immerhin weder Unterschicht noch Afrikanerin. Auch wenn es vielleicht so gemeint war, dass sie sich damit doch irgendwie auch „identifizieren“ darf, genau wie auch mit dem Judentum (Yaghoobirfarah schreibt in „Karneval der Kulturlosen“, dass sie sich zur Tarnung „Sara“ genannt habe, weil man den Namen auch jüdisch lesen könne. Gut. Verschweigen wir an dieser Stelle lieber, dass z. B. der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seinen antisemitischen Tiraden zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Der Iraner an sich ist aber selbst auch irgendwie Jude. Er ist ja auch „der andere“. Basta.). Mehr jedenfalls als so richtig Weiße, also mehr als die falschen Weißen, nicht dass jemand noch auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob die langhaarigen blonden Mitstreiterinnen des „Missy Magazine“ nicht irgendwie absolut dem Stereotyp deutsche Upper-Class-Whiteness entsprechen, also „white as white can be“ sind.

Ich weiß, es geht um Klicks. Aber leider auch nicht nur. Es ist immer nur „Top oder flop“, „guter Flüchtling – böser Flüchtling“, ein trotz aller Wortakrobatik erschreckend schlichtes, oder sagen wir es ruhig: ein strunzdoofes Denken. Aber vielleicht hilft es ja, dass die „Identitäre Bewegung“ irgendwann dann doch als hip dastehen kann. Einfach weil jeder sich nur noch Gedanken darüber macht, wie er (oder sie) sich als „anders“ gegen andere abgrenzen kann – eine in miteinander um Vorherrschaft ringende Kleingruppen zerfallene Gesellschaft, in der die innen und außen hochgezogenen Grenzen unüberwindlicher nicht sein könnten. Oder wir geben uns einen Ruck und suchen uns ein intellektuell etwas fruchtbareres Tal. Wird ja auch langsam Zeit. Herzlich willkommen 2017!

Also doch Trump!

Ich hatte es für einen schlechten Scherz gehalten, aber es ist wahr: Donald Trump ist Präsident der USA geworden. Irgendwie herrscht jetzt eine Art angespannte Stille. Hierzulande zumindest, denn in den USA scheinen ja jeden Tag Unmengen an Leuten auf die Straße zu gehen, um gegen Trump zu protestieren. Das ist einerseits beruhigend, denn es zeigt, wie knapp der Sieg war und wie viele Menschen eher abgestoßen von Trumps sexistischen und rassistischen Eskapaden waren und sind. Andererseits: Tagelang andauernde Massenproteste, wütende Menschen, und das in der ohnehin schon angeheizten Stimmung – Man denke nur an die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt und die Schüsse auf weiße Polizisten vor ein paar Monaten – hat es nicht in Syrien auch so angefangen?

Ist das jetzt die Apokalypse und der Anbruch eines neuen, autoritären, wenn nicht faschistischen Zeitalters oder wird letztendlich alles nicht so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt? Vielleicht wird Donald Trump ein zweiter Ronald Reagan oder George W. Bush. Nicht schön, wenn man an die Spannungen in der arabischen Welt denkt, aber vielleicht auch irgendwie vier Jahre durchzuhalten, zumal Trump sich außenpolitisch ja offenbar zurückhalten will.

Was geht’s uns also in good ol‘ Europe an? Müssen wir befürchten, dass nächstes Jahr schon Frontisten in Frankreich mit Marine Le Pen an der Spitze und die AfD in Deutschland stramm in die Parlamente und Regierungskabinette durchmarschieren? Geht es um Denkzettelwahlen oder um die Dummheit des „kleinen Mannes“, der nicht sehen kann, dass Faschismus nicht die Lösung ist?

Und wenn hinter dem Stereotyp der rechtswählenden Dumpfbacke aus der Provinz ein paar Leute stehen, die sehr gut wissen, was sie tun? Leute mit Geld und Universitätsabschlüssen, denen es nicht darum geht, das Establishment für seine hochnäsige Ego-Politik abzuwatschen?

Trugschluss Nr. 1: böse weiße Männer

Selbst mir geht es mittlerweile auf die Nerven: Immer ist da jemand, meist eine arrivierte weiße Frau, die was von der „Angst alter weißer Männer“ schwafelt, Macht an Minderheiten und Frauen zu verlieren. Machen wir uns nichts vor: Marine Le Pen ist eine Frau, Frauke Petry auch. Sowohl der Front National als auch die AfD haben genug Homosexuelle in ihren Reihen, die AfD kann sogar hier und da mit rechtskonservativen Migranten punkten. Es gibt auch böse weiße Frauen, die nichts dabei finden, wenn einer anderen in den Schritt gegrapscht wird oder jemand unverhohlen offen lästert, neben einem schwarzen Fussballspieler wolle doch niemand wohnen. Gucken wir uns an, was die Leute sagen, nicht, ob sie rein äußerlich irgendwie den Eindruck machen, nicht zum ol‘ Boys Network zu gehören. Soviel Respekt ist man Frauen und Minderheiten eigentlich auch schuldig.

Trugschluss Nr. 2: Es sind die Abgehängten und Frustrierten

Nein, es sind überraschend viele Leute, denen es finanziell richtig gut geht. Vielleicht sogar besser als noch vor 20 Jahren, wenn man bedenkt, dass die soziale Schere ja immer weiter auseinanderklafft, die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man kann natürlich darüber sinnieren, dass auch die obere Mittelschicht Abstiegsängste hat, angesichts der Globalisierung und der vielen gut und sehr gut ausgebildeten Ingenieure und IT-Experten, die aus allen Ländern der Welt herbeiströmen und ihren Kindern den Parkplatz vor dem Luxus-Club streitig machen.

Aber ich persönlich glaube nicht so recht daran. Zumindest, was Deutschland betrifft (mit den USA kenne ich mich wirklich zu wenig aus). Ich glaube eher, dass diese Leute den Eindruck haben, dass die Zeit reif ist, für eine Bundesrepublik an der jemand wie Franz-Josef Strauß seine helle Freude gehabt hätte: Offiziell „nur“ konservativ, aber ohne allzuviel demokratischen Firlefanz, gerne offen mit dem Faschismus flirtend. Immerhin fand Strauß seinerzeit nichts dabei, der faschistischen deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile einen Besuch abzustatten. Warum also sollte sich einer wie Alexander Gauland zusammenreißen?

Ja, man muss den Turbo-Kapitalismus irgendwie eindämmen. Globalisierung geht nicht unbegrenzt. Und ja, man muss den Leuten wieder Chancen geben, Hoffnungen, Perspektiven. Und natürlich darf man die terrorristische Gefahr nicht unterschätzen. Das zeigt das Beispiel Frankreich sehr gut, aber hierzulande kann Gewalt auch von anderer Seite, auch von rechts kommen.

Vielleicht muss man aber gleichzeitig, und da muss ich Leuten wie Carolin Emcke recht geben, auch generell ein bisschen am gesamtgesellschaftlichen Klima arbeiten. Dieses ganze Foppen und Verarschen, dass Gruselclowns so lustig sind, Hasskommentare durchaus legitim und immer mal wieder jemand kalkuliert „mit der Maus ausrutscht“. Vielleicht hat ja auch Donald Trump auf diese Karte gesetzt. Ich weiß es nicht. Wenn, dann kann man nur hoffen, dass die Strategie wie Zuckerwatte in sich zusammenfällt, bevor Rechtspopulisten in Europa nennenswert Kapital daraus schlagen könnten.

 

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.