Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.

#Orly. Oder: Unheilige Allianzen

Teil I: #Orly. Oder: Mach die Hunde scharf!

Am Pariser Flughafen Orly ging gestern erst einmal gar nichts mehr. Ein Mann ist erschossen worden, der möglicherweise Unheil anrichten wollte, ein „Gefährder“: Araber, Islamist, eine Vergangenheit als Kleinkrimineller, vielleicht psychisch labil – kurz: Das übliche Profil des modernen Attentäters. „Einsame Wölfe“, Menschen, die viel Ablehnung und Ungerechtigkeit erfahren haben und deren Möglichkeiten in den prosperierenden Gesellschaften des Westens von vornherein begrenzt waren lassen sich offenbar sehr gut für die menschenverachtenden Ziele von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat einspannen.

Doch wie wird aus einem aggressiven Kleinkriminellen ein potentieller Massenmörder? Was macht aus jemandem, der Halt und Identität suchte, jemanden, der bereit ist, wahllos Menschen umzubringen? Wie kann jemand, der sich über eine demonstrative Religiosität ein positives Selbstbild aufbauen wollte, gegen eine Gesellschaft, die ihn als „Beur“ oder „Kanaken“ verachtete, zu dem Schluss kommen, dass im Namen dieser Religion Hass und Gewalt gesäht werden müsse?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich glaube, dass sich extremistische Gruppierungen gezielt labile Menschen mit geringem Selbstwertgefühl herauspicken, weil sie davon ausgehen, dass sie sich leicht manipulieren und aufhetzen lassen: Menschen, die man scharf machen kann wie eine Handgranate oder einen Pitbullterrier und die man vor den eigenen Karren spannen kann, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen.

Das geht auch am anderen Rand der Gesellschaft. Rechtsextremismus, so könnte man denken, verträgt sich nicht mit dem Einsatz für schwache, marginalisierte Menschen. Weiß man nicht aus dem Nationalsozialismus, dass die selbsternannten „Herrenmenschen“ nichts als Verachtung z. B. für psychisch Kranke übrig hatten? Und ist nicht allgemein bekannt, dass rechtspopulistische Parteien wie die AfD einen rüden, wirtschaftsliberalen Kurs verfolgen, der kaum vorsieht, z. B. Langzeitarbeitslose auf Rosen zu betten? Gerade sozial schwache Menschen müssten eigentlich ein vitales Interesse daran haben, dass das Recht des Stärkeren nicht gilt.

Dennoch bietet sich auf AfD-Veranstaltungen, soweit man es von außen sehen kann, ein bizarres Bild von Herrschaften in luxuriöser Abendgarderobe und vereinzelten Menschen in abgerissen wirkender Alltagskleidung, die eher nach Jobcenter und miefiger Dauerarmut aussehen als nach gediegen-konservativer Elite und deutschnationalen Altherren-Netzwerken mit Schmiss.

Und unter den Rechstextremen finden sich paradoxerweise sogar überraschend viele psychisch Kranke, man denke nur an die sog. „Reichsbürger“ oder die „Druiden“, rechtsextreme Mittelalterfans, von denen einige auch nicht erst seit gestern mit einem elitären, esoterischen Denken à la Evola sympathisieren.

Teil II: 7 Gesichter des Hasses – Unheilige Allianzen

Aber kommt es wirklich nur von rechts? Selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir insbesondere Menschen zürnen und mit Aggressionen begegnen, die eigentlich doch ähnlich denken müssten wie ich. Nur dass sie meine Feinde lieber mögen. Ja, genau genommen ist es sogar so, dass sogar jeder Nazi sind ihnen immer noch lieber sind als ich. Vermutlich stimmt das.

Nach allem, was ich bislang weiß, haben meine Feinde allerdings ein paar Gemeinsamkeiten:

  1. Adipositas

Fast überall, wo ich Ärger hatte und angefeindet wurde, spielte bislang jemand (nicht nur Frauen, auch Männer) mit Adipositas bzw. sehr starkem Übergewicht eine Rolle. Ist mir nur so aufgefallen …

  1. Linkspartei, Querfront, bürgerlich-rechtes & rechtsextremes Spektrum

Viele meiner Feinde haben einen Bezug zur Linkspartei (ich übrigens selbst nicht), einige auch zu alten Stasi-Seilschaften, andere wiederum sind zu den Grünen gewechselt oder friedenspolitisch aktiv. Es muss auch ein Bezug zum rechtsliberalen und konservativen Milieu geben (AfD, ALFA, rechter Rand der FDP und der CDU, mit ausgeprägter Islamfeindlichkeit und einem Draht nach Frankreich, bei den Linken eher eine Tendenz zum Antisemitismus) sowie zu den rechtsextremen „Identitären“ und zu den „Autonomen Nazionalisten“. Interessanterweise kenne ich übrigens dieses Triezen mit z. B. „Die eigentliche Rassistin/Antisemitin bist aber doch du!“, „Die Homosexuellen/Ausländer/Juden mögen dich aber nicht! (sondern nur mich!)“ eigentlich auch eher von Rechnten und Konservativen. Einige der Menschen, die mir über den Weg gelaufen sind, kann man ideologisch mit an Sicherheit grenzender Wahrhscheinlichkeit dem sog. „Querfrontmilieu“ zuschlagen (Ken Jebsen, Kopp-Verlag). Das trifft sowohl auf Leute aus meiner Vergangenheit zu (auch wenn ich nicht weiß, auf wen genau, nur dass sich in der Stadt, wo ich studiert habe, im linken Milieu ebenfalls ein Rechtsruck vollzogen hat. Ich hoffe, es ist niemand dabei, auf den oder die ich mal große Stücke gehalten habe!) als auch auf Leute, die ich in Berlin kennen gelernt habe.

  1. Frauen- und Genderforschung, Queerfeminismus

Viele meiner Feinde haben oder hatten mit Frauen- und Genderforschung zu tun und engagieren sich für den Queerfeminismus. Die meisten betrachten sich auch selbst als „Queer“. Hier kann ich ziemlich sicher sagen, dass es um Frauen von meiner Uni geht, zumal die auch schon damals versucht hatten, mir dicke Frauen „aus Berlin“, wie es hieß, aufzuhalsen und es zu der Zeit (nach meinem Uni-Abschluss) auch mit den sexuellen Belästigungen durch andere Frauen („Iiih, die Lesbe!“) und der Idee, mir alles Unangenehme aufzuhalsen, anfing. Trotzdem – dass jede Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, eine gestörte Existenz ist, die es nur darauf anlegt, andere Frauen zu demütigen, ist nun auch mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht geht es eher um eine oder mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die sich offiziell zwar auch für Feminismus stark gemacht haben (oder es zu einem späteren Zeitpunkt getan haben), evtl. sogar Geld damit verdient haben (oder jetzt Geld damit verdienen), denen aber Äußerlichkeiten, heterosexuelle Weiblichkeit und (überlegene!) Attraktivität für Männer ausgesprochen wichtig war – Stichwort: „Germany’s next Topmodel“ …

  1. „Opfer“, die es besser getroffen haben als ihre „Unterdrücker“

Fast allen meiner Feinde geht es besser als mir (obwohl ich umgekehrt als der „Unterdrücker“ und „Klassenfeind“ erscheinen soll): Fast alle haben irgendwie die Rolle des „kleinen Lieblings“ inne. Man kennt das ja, das Lieblingskind, oft das kleine Nesthäkchen, der Augapfel seiner Eltern, der (oder die) sich alles erlauben kann und es weidlich ausnutzt.

Meine Feinde sind, falls sie studiert haben, an der Uni speziell gefördert worden und haben generell einen guten Draht zur Macht (zu Professoren oder aber z. B. zu Politikern, zu Mitarbeitern im Jobcenter, usw.), aber nicht unbedingt zu ihrer Peer-Group.

  1. Mobbing – nicht zum ersten Mal

Fast alle meiner Feinde sind schon öfters mit Mobbing aufgefallen. Es sind im Großen und Ganzen eher unbeliebte Menschen, die aggressiv und arrogant auftreten und andere, zumindest da, wo Höflichkeit vermeintlich nicht nötig ist, mit Herablassung oder sogar Verachtung behandeln.

  1. Menschen, die Beschützerinstinkte wecken

Zu vielen dieser Leute muss man aber trotzdem nett sein, weil sie in irgendeiner Weise Beschützerinstinkte wecken (z. B. weil sie Adipositas haben, sonstwie psychisch krank sind, sich besonders feminin geben (das „hilflose Weibchen“, dem man dann wieder den Rücken stärken muss), sich als „Transgender“ geoutet haben).

Die meisten sind auch trotz ihrer guten Beziehungen „nach oben“ und ihrer ausgeprägten Ellenbogen nicht besonders erfolgreich (nach oben buckeln und nach unten treten funktioniert also wohl nicht immer), obwohl die wenigsten wirklich arm oder marginalisiert sind oder sich in solchen Fällen auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen verlassen können.

  1. überdimensionierte Egos & wenig Selbstwertgefühl

Fast allen meiner Feinde ist es wichtig, sich überlegen zu fühlen (zumindest mir gegenüber), viele fühlen sich schon angegriffen, wenn ich überhaupt irgendwo auftauche, auch wenn ich den Mund gar nicht erst aufmache und mich auch sonst defensiv verhalte, so nach dem Motto: „Entschuldigung, dass ich geboren worden bin!“. Das zumindest scheint genau das zu sein, was man (bzw. frau) auch glaubt, von mir erwarten zu können. Zwar geht es sehr wohl um die Konkurrenz um Jobs (fast alle meine Feinde suchen auch oder immer mal wieder, möchten sich „verbessern“ oder sich noch einmal neu in einem ganz anderen Bereich, nämlich in meinem, ausprobieren), aber auch um Image oder schlicht ums Unterdrücken. Es scheint, dass diese Leute den Löwenanteil ihres Selbstbewusstseins daraus beziehen, dass andere nichts haben und nichts sein dürfen.

Vielleicht geht es genau darum, dass jemand, der oder die wenig Selbstwertgefühl hat, sich besser fühlen soll, weil es ja immer noch jemanden gibt, der oder die noch weniger wert ist als man selbst. Dadurch schafft man dann wieder Menschen die chronisch gekränkt sind und auf jede Kleinigkeit aggressiv reagieren – ein Teufelskreis! … und leider auch exakt das Angebot, dass der Nationalsozialismus seinerzeit der deutschen Bevölkerung gemacht hat. Sollte man/frau sich also besser noch mal überlegen ….

Ich vermute, dass in meinem Fall jemand alles losgetreten hat, der oder die unter einer Essstörung leidet – Adipositas oder etwas, das man der Person äußerlich vielleicht auf den ersten Blick gar nicht anmerkt – und mit mir zusammen studiert hat oder zu der Zeit promoviert oder zum Lehrkörper der Uni gehört hat (ohne in einer höheren Position gewesen zu sein). Möglicherweise ist es auch jemand, der „es“ für eine adipöse / essgestörte Freundin / Ehefrau oder einen adipösen / essgestörten Freund / Ehemann „getan“ hat. Theoretisch könnte es sogar (für) eine Frau gewesen sein, die nicht zierlich genug war, um in einem ihr gebührenden Job, etwa als Tänzerin oder Modell erfolgreich zu sein. Solche Frauen kannte ich genug. Sie ergreifen oft meinen Studiengang als „zweite Option“. Dort allerdings werden unattraktive Frauen stillschweigend verachtet, weil es eben wirklich sehr stark auf die „äußeren Werte“ ankommt. Queer ist einfach zu sehr auf meine Kommilitoninnen zugeschnitten, passt aber auch auf die eine oder andere Studienfreundin oder Bekannte von mir. In solchen Fällen fände ich es irgendwie schade, wenn Frauen, die eigentlich mehr zu bieten hatten, als einen „perfekten“ Körper (den hatten sie tatsächlich alle nicht, ebenso wenig wie ich), sich selbst genau darauf reduzieren … Aber – vergessen wir nicht – letztendlich läuft Queer unter einem linken Label (Das wurde in meinem Studienfach eher belächelt, obwophl Frauen- und Genderforschung später eine große Rolle spielte).

Meine gesuchte Person X ist vermutlich sehr eitel, tritt vielleicht auch intellektuell hochtrabend auf, obwohl sie genau das wahrscheinlich von mir behaupten wird. Sie kann sich zu Studienzeiten genau wie ich für linke Inhalte begeistert haben (und tut es vielleicht heute noch), sie kann mit mir oder jemandem aus dem hochschulpolitisch linken Spektrum befreundet gewesen sein und war vielleicht selbst unpolitisch, „mittig“ (SPD, Jusos, …) oder sogar konservativ bis rechts, repräsentiert aber den Menschentypen, den Linke heutzutage gern fördern wollen oder hat sich immer „links-leger“ gegeben, ohne aber seine /ihre wahren Ansichten preiszugeben. Schon irgendwie bizarr, dass es sich ständig alles um Körperbilder und Essstörungen drehte, obwohl ich selbst eigentlich damit gar nichts zu tun habe und mich auch nie negativ über Dicke oder Menschen mit Esstörungen geäußert habe. Außerdem war ich als sehr junge Frau bekannt dafür, mich eher weniger um mein Äußeres zu kümmern (obwohl ich manchmal auch ein bisschen eitel bin) und sehe ziemlich durchschnittlich aus, eine Normalo-Woman, keine, auf die man (bzw. frau) neidisch sein müsste, aber auch kein „hässliches Entlein“. Ich glaube aber, dass es neben physischer Attraktivität auch um „überlegene“ Intelligenz geht – kurz: um Menschen, die sich mir gegenüber tatsächlich für etwas Besseres gehalten haben. Daher vielleicht auch der Link zum rechten Rand, selbst wenn es eine „linke“ Idee gewesen sein sollte.

Der eine oder andere wird sich vielleicht fragen, ob das nicht doch etwas schräg ist, was ich hier auf meinem Blog präsentiere, ein bedauerliches Einzelschicksal vielleicht. Aber in Berlin werden ja öfters Hexenjagden veranstaltet. Genau. Die Frage ist nämlich, ob es nicht irgendwie auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist.

Teil III: Fazit – Neue deutsche Realitäten

Allerdings – der Queerfeminismus dreht sich tatsächlich schwerpunktmäßig um Essstörungen, Körperbilder und sexuelle Attraktivität.

Und auch die sog. Querfront gibt es wirklich. Dass der ehemalige Stasi-Spion Rainer Rupp, der auch für „Russia Today“ schreibt und mit Ken Jebsens Vlog KenFM zusammenarbeitet, sich mittlerweile für den Geschäftsmann und überzeugten Kapitalisten Donald Trump stark macht, wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt (Zugriff am 20. 03. 2017), sollte einen aufmerken lassen. Auch, dass der Ex-Stahlhelm Jürgen Todenhöfer jetzt Herausgeber des linken „Freitag“ ist und es nicht einmal eine Erklärung wert war, dass Todenhöfer einst als Teil des rechten Randes der CDU dem linken, demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende Entwicklungshilfegelder verweigert hatte, die er dem rechten Diktator Augusto Pinochet, der Allende gestürzt hatte, dann gern bewilligte. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen (Zugriff am 20. 03. 2017)

Glaubt jemand wirklich, dass eine bessere, gerechtere Gesellschaft sich nur durch Mobbing, Hass und Konkurrenzkampf erreichen lässt? Oder sind es nicht vielleicht ganz andere Menschen, die im Hintergrund sitzen und die Strippen ziehen? Menschen, denen daran gelegen ist, die Leute gegeneinander aufzuhetzen und diese Gesellschaft zu zerstören – ob es nun Linke sind, die sich etwas davon versprechen, die Gegensätze zu verschärfen – weil es vielleicht dann doch irgendwann eine richtige Revolution gibt, wie Marx es vorausgesagt hatte – oder Konservative, die darauf bauen, sich Wählerstimmen – und zwar auch die Stimmen linker und linksliberal gesonnener Wähler – damit erpressen zu können, dass die Leute genauso viel Angst vor dem erstarkenden Rechtspopulismus haben wie vor dem islamistischen Terror, ob es die rechten und rechtsextremen Kräfte selbst sind, die von einer Diktatur à la Pinochet auf deutschem Boden oder aber noch unverhohlener von einem „Vierten Reich“ – diesmal aber wirklich „tausendjährig“ – träumen und davon ausgehen, dass die Linken (und sicher auch einige von den Queerfeministinnen) schon willfährig die Drecksarbeit für sie erledigen werden indem sie schön brav sticheln und hetzen und „Diskriminierung“ wittern, wo keine ist, dafür aber großzügig darüber hinwegsehen, wenn sich tatsächlich mal jemand rassistisch, antisemitisch, homophob und/oder frauenfeindlich äußert, indem sie immer neue „Opfergruppen“ (Essgestörte, verhinderte Supermodels, Oberschichstgören, denen das gewisse Etwa zur ganz großen Karriere fehlt, usw..) aufmachen, deren Selbstbewusstsein angeblich mit der Abwertung und Ausgrenzung anderer erkauft werden muss, kurz: indem sie das ursprünglich rechte Projekt, die Menschen gegeneinander aufzuwiegeln und ein Gefühl der Unzufriedenheit zu erzeugen, fortführen. So lange man ihnen nur Jobs, Anerkennung und eine gewisse Macht, wenigstens im Kleinen gibt und ab und zu mal eine Adipositasfrau in KiK-Klamotten an sein in edle Luxusgewänder gehülltes Herz drückt, wird es schon klappen. Oder ob es eben die Islamisten sind, die Europa gern zum Vassallenstaat eines zukünftigen glorreichen „Kalifats“ machen wollen – Das weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie einfach alle den gleichen Gedankengang.

#FuckDeniz. Oder: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler

… ein Drama in vier Akten:

Der „Türke vom Dienst“ betreibt „Hetze gegen die Türkei“. Da komme ich, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr mit. Die Debatte um den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat allerdings eine Wendung genommen, die absehbar war.

Eigentlich lagen die Dinge klar auf der Hand: Angela Merkel hat den Böhmermann rausgepaukt, dann muss sie sich jetzt eben auch für den Yücel einsetzen. Immerhin bot Böhmermanns Gedicht, in dem er Recep Erdogan als „Ziegenficker“ bezeichnete, tatsächlich Reibungsfläche. Ich wusste auch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich ist es ziemlich paranoid, wenn der Staatschef eines tausende Kilometer entfernten Landes das Mediengeschehen in Deutschland so penibel überwachen lässt, dass ihm auch Nebensächlichkeiten wie eine etwas überzogene Comedy-Aktion ins Auge stechen. Aber „Ziegenficker“ ist eindeutig beleidigend, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Schenkelklopfer für geifernde Islamhasser ist, den Propheten Mohammed als „Pädophilen“ zu verunglimpfen.

Yücel dagegen hat in der Türkei doch eigentlich, wenn man es genau nimmt, nur seine Arbeit gemacht und das auch noch für eine deutsche Zeitung. Da in der Türkei andere Bedingungen herrschen als hier und Yücel zudem deutscher Staatsbürger ist, musste das Auswärtige Amt sich einschalten. Das Gleiche gilt ja auch, wenn ein Deutscher mit Drogen in Malaysia erwischt wird. Drogenschmuggel ist auch hierzulande eine Straftat, aber dafür gleich die Todesstrafe zu verhängen, das geht dann eben doch zu weit. Yücel hat keine Drogen geschmuggelt. Ihn erwartet keine Todesstrafe. Er ist einfach den beunruhigenden politischen Entwicklungen in der Türkei zum Opfer gefallen. Und wenn auch die Türkei ausländischen Journalisten Zugang zu Bereichen verweigern kann, die man für sensibel erachtet, so kann niemand diktieren, was in deutschen Zeitungen stehen darf. Umgekehrt würde man es ja auch befremdend finden, wenn die türkische Community in Deutschland quasi als Geisel genommen würde, um die Türkei politisch zu beeinflussen.

Der „Türke vom Dienst“: Multikulti, die Erste

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Aber das passt nicht zur Hysterie des Internets und zu der emotional aufgeladenen Debatte um Migranten, ethnische Vielfalt und Einwanderung. „Einmal Türke, immer Türke“ regt sich der (deutsche) ehemalige Türkeikorrespondent Michael Martens in der FAZ auf und moniert, dass Auslandsberichterstattung mittlerweile zu stark ethnisch aufgeladen sei. Warum sollten nur Türken über die Türkei schreiben? Wäre das alles nicht passiert, wenn die „Welt“ statt Yücel einen Biodeutschen geschickt hätte? Deniz Yücel sei für Recep Erdogan eben Türke und werde daher behandelt wie die einheimischen unliebsamen Journalisten, so Martens.

Im Netz wird der Kommentar auf das Schlagwort „Türke vom Dienst“ komprimiert. Entsprechend entrüstete Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Andere Journalisten mit Migrationshintergrund weisen daraufhin, dass auch sie ihre Herkunftländer (oder die ihrer Eltern) liebten und deshalb über sie berichteten, so wie Deniz Yücel die Türkei liebe. Deutsche Kollegen von Yücel bezeichnen den Text als „infam“ und sprechen von „Niedertracht“.

Ja, stimmt, aus Martens Worten spricht nicht gerade sehr viel Mitgefühl mit dem inhaftierten Kollegen. Eher schon konnte man darin den rivalisierenden Journalisten herauslesen, der die Chance gekommen sieht, die eigene Stellung als Auslandkorrespondent zu verteidigen gegen die Konkurrenz „mit Blutsbande“ in die enstprechenden Länder.

Nur hatte die Gegenseite leider keine besseren Argumente – ethnische Zugehörigkeit, „Vaterlandsliebe“, Journalismus dürfe, ja solle ruhig auch „parteiisch“ sein, fordert Klaus Raab in der taz. Er zitiert die Politikredakteurin der „Zeit“ Özlem Topçu, die zu der Debatte um Deniz Yücel angemerkt hat, dass allzu lange der weiße, westliche männliche Blick den Journalismus bestimmt habe.

Italienisches Design & „Kopftuchmädchen“: Multikulti die Zweite

Das erinnerte mich unwillkürlich an eine Zeile von Ingo Zamperoni, die ich neulich gelesen habe. Zamperoni, seines Zeichens USA-Korrespondent, ließ sich über die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aus und gab freimütig zu, dass ihm „als Deutschen“, einiges Magenschmerzen bereite, was für Amerikaner kein Problem sei, schon wegen der Geschichte. Zamperoni besitzt, so kann man auf Wikipedia nachlesen, wie Deniz Yücel zwei Pässe, neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die italienische.

Vermutlich würde man derartige Statements nicht von Journalisten wie Deniz Yücel, Özlem Topcu oder auch Margarete Stokowski hören. Man könnte argumentieren, dass Italiener in Deutschland auch keinen so schlechten Ruf hätten wie etwa Türken. Der trotzige Rückzug auf die eigene Andersartigkeit ist ja oft eine Reaktion darauf, ohnehin nicht dazugehören zu dürfen. Allerdings erinnere ich mich, in den 1990er Jahren einmal ein Buch über Migration in der Hand gehabt zu haben, ein ausdrücklich linkes Buch übrigens, in dem die türkischen Gastarbeiter gelobt wurden als stille, fleißige und anpassungsbreite Migranten, denen man oft Unrecht tue (Sicher stimmt das vielfach). Die Italiener dagegen seien faul, stritten die ganze Zeit lautstark miteinander und schleppten hier Mafia und Blutrache ein (In einigen Fällen stimmt sicher auch das. Es ist aber trotzdem ein Vorurteil.). Klar: „Albano & Romina Power“, „Caterina Valente, hat’n Arsch wie ’ne Ente“, dämliche, amüsante Leute, Schnulzen und sonstige grenzdebile Unterhaltung. Allerdings gilt das nicht, wenn man aus der Oberschicht stammt. Italienisches Design, Mode, Kunst, Oper, Töpfern in der Toscana – mit all dem wollte sich die deutsche Intelligentsia auch schon vor 20 Jahren nur zu gern identifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie dumm, willkürlich und austauschbar Vorurteile sind und dass auch gebildete Leute nicht vor ihnen gefeit sind.

Dennoch ist es keine Glanzleistung und irgendwie auch müßig, eine Ethnie gegen die andere ausspielen zu wollen, ganz gleich ob es um Deutsche, Türken, Italiener, Russen, Polen, Nordafrikaner oder wen auch immer geht. Ich kann Özlem Topçu verstehen. Man selbst kennt das Land wie seine Westentasche – Geschichte, Kultur, Mentalität. Man spricht die Sprache, hat Zugang zu den dortigen Medien, kann ohne Mühe die politischen Debatten vor Ort nachvollziehen. Man brennt nur so darauf, seinen deutschen Landsleuten etwas davon zu vermitteln. Und dann wird einem ein blonder Biodeutscher vor die Nase gesetzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich auf Englisch durchschlagen muss. Das spiegelt eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit wieder, über die man sich zu recht echauffieren kann, ja sogar sollte.

„Vaterlandsverräter“ & „Putinfreunde“: Multikulti, die Dritte

Andererseits kann man natürlich einwenden, dass Auslandskorrespondenten, die eine persönliche Verbindung zu dem Land, aus dem sie berichten, haben, in gewisser Weise befangen sind. In die Richtung ging ja in etwa, was Michael Martens geschrieben hat. Allerdings: Es hat auch immer schon deutsche Spione gegeben, Menschen, die die Seiten gewechselt und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, „verraten“ haben. Blut ist offenbar doch nicht immer dicker als Wasser.

Ein aktuelles Beispiel sind vielleicht die (deutschen) „Putinfreunde“, die in Russland und Wladimir Putin ein wegweisendes Beispiel sehen. Meist sind es Linke oder ehemalige Linke, die sich nicht scheuen, „für den Frieden“ auch mit Rechten „strategische Bündnisse“ einzugehen und sich mindestens ebenso „antideutsch“ gebärden wie es Deniz Yücel getan hat.

Nicht zu vergessen die Russlanddeutschen, von denen es heißt, viele würden AfD wählen, die Fake-News-Affaire um „naša Lisa“, das dreizehnjährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin, das angeblich von Südländern vergewaltigt worden sein sollte und im Zuge der Vorwürfe, die sich sehr schnell gezielt gegen Merkels Flüchtlingspolitik wendeten, in Russland wieder zu „unserer Lisa“ wurde. Auf Wikipedia ist der Fall dokumentiert.

Kulturelle Repräsentation & Konkurrenzdruck: Multikulti, die Vierte

Multikulti ist nicht einfach. Und anders als die Debatte um „die türkische Stimme“ Yücel oder, schlimmer, „den Türken vom Dienst“ Yücel es vermuten lässt, erhält der „Welt-Journalist“ ausgerechnet von einer sozialen (bzw. ethnischen) Gruppe kaum Unterstützung: den in Deutschland lebenden Türken. Die machen, ganz im Gegenteil, auf Twitter unter dem Hashtag #FuckDeniz sogar kräftig Stimmung gegen ihn, bizarrerweise Seite an Seite mit den Rechten. In der „Welt“  heißt es, man fühle sich einmal mehr verraten – nicht nur der NSU-Skandal, Rechtsterror, der viel zu lange unter dem Label „Dönermorde“ lief – Nein, jetzt auch die Solidarität mit dem „Terroristenunterstützer“ Deniz Yücel.

Die „türkische Stimme“ gibt es also nicht. Deniz Yücel repräsentiert sie nicht, aber auch nicht die deutschtürkischen Erdogan-Anhänger, nicht biodeutsche Türkei-Korrespondenten wie Michael Martens, aber auch nicht dessen Kollegen, die sich „parteiisch“ auf der Seiten der Minderheiten wähnen.

Dieses Denken ist gefährlich und ich kann ein Lied davon singen. Immerhin habe ich in den letzten Jahren u. a. die Bekanntschaft endlos vieler Frauen gemacht, die – vermeintlich „mehr Frau“ als ich – Menschen wie mir eine Stimme geben wollten. Nur dass ich selbst deshalb leider den Mund zu halten hatte und außerdem sorgsam darauf geachtet werden musste, dass ich mich auch nur ja nirgends einbringe. Ich möchte nicht von anderen „repräsentiert“ werden, ganz gleich wie lautstark die angeblich „Partei“ für mich „ergreifen“. Und ich kann verstehen, wenn es anderen ähnlich geht.

Allerdings sind das Streitereien, die eher zunehmend aggressive Konkurrenzsituationen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt wiederspiegeln, als dass sie sich ernsthaft mit der multikulturellen Gesellschaft (oder Frauenrechten) befassen würden.

Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler!

Recep Erdogan darf in Deutschland unter den Deutschtürken, denen, die auch einen türkischen Pass haben, Wahlwerbung machen. Dann darf Deniz Yücel auch für Deutschland kritisch aus der Türkei berichten. Und wenn der deutsche Staat Jan Böhmermann in der Causa „Ziegenficker“ Händchen gehalten hat, so ist es nur recht und billig, auch den umstrittenen „Welt“-Korrespondenten zu unterstützen. Das hat nichts damit zu tun, ob man „dem Türken“ helfen möchte oder nicht, ob man Yücel als Menschen mag oder nicht, ob man seine Artikel gut findet oder nicht oder, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man für oder gegen „Multikulti“ ist. Es ist einfach eine Realität unserer Gesellschaft. Oder, etwas blumiger formuliert: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler. Wenn einem das nicht passt, braucht man sie gar nicht erst in Betrieb nehmen (Es liefe ja doch nur alles ins Leere).

#FreeDeniz? Ach, lasst ihn schmoren!

Um die Pressefreiheit in der Türkei ist es nicht gerade gut bestellt. Jetzt hat es einen deutschen Journalisten erwischt, oder besser gesagt: einen deutsch-türkischen: Welt-Korrespondent Deniz Yücel.

Die Solidarität im Internet ist überwältigend. Der Hashtag #FreeDeniz hat auch mich erreicht. Ungute Erinnerungen: taz-Veranstaltungen. Yücel war ja mal bei der taz. Die taz ist nichts für Leute wie mich nicht, ebensowenig wie die Heinrich-Böll-Stiftung, Carolin Emckes Streitraum, usw.. Vielleicht liegt es daran, dass zumindest Carolin Emcke Compact-Nachwuchs à la Marc Dassen dafür sehr nett hosted. Vielleicht sind es aber auch all die hysterischen Frauen, die Queer für sich gepachtet haben und Angst hatten, ich könnte es ihnen wegnehmen. Egal, ich habe sie eigentlich allesamt gefressen: Die Müsli-Elite mit ihren geschniegelten und glattgebügelten Generation-Smartphone-Kindern, die Adipositas-Frauen, die Minderheitenapostel, Öko-Apokalyptiker und Vegan-Fanatiker in ihren „alles in der Atkleidersammlung gefunden!“- Markenklamotten, die Falschheit und Hochnäsigkeit der Leute, die intellektuelle Dumpfheit („Ja, ich hab‘ kapiert, du bist hier die ‚Dyke‘!“), die ganzen „Homos“, „Migranten“ und „Juden“ ehrenhalber, die sich einen Spaß daraus machen, andere zu triezen und danach dann grinsend ein Bierchen mit ihren „Breitbart“-Freunden trinken gehen (Sind doch auch schwul! Sind doch auch Migranten! Was hast du denn?).

Vielleicht tue ich hier und da jemandem Unrecht, aber es ist einfach nicht meine Welt. Ich glaube, Deniz Yücel ist auch so einer, das, was er in der taz geschrieben hat, klang danach. Migrant ist er allerdings ja wirklich. Irgendwie. Und Deutscher.

Genau da liegt das Problem: Unter #FreeDeniz erreichen einen nämlich auch Tweets, die lautstark ins World Wide Web krakeelen, dass einer, der Deutschland nicht liebt, auch ruhig zur Hölle fahren könne. Irgendwo las ich, dass Yücel die Türkei liebt. Aber ich sagte ja bereits, dass ich zu dem Typen und seiner Hood keine Affinität habe.

Ich könnte auch gleich noch hinzusetzen, dass, wäre es meine Wenigkeit, die da in einem ranzigen türkischen Knast schmorte, die Hashtags, die forderten, mich doch gleich da zu lassen und dass man/frau/mensch ja froh sein könne, dass ich weg sei, noch viel zahlreicher wären.

Es ist bloß so, was wäre, wenn man den Spieß dann einfach mal umdreht? Was wäre, wenn jetzt ich am längeren Hebel sitzen würde? Wenn ich auf die „Alternativmedien“-Blogger (Sind nicht auch ein paar tazler zu RT gewechselt? Habe ich, glaube ich, mal in der Neon gelesen) , die was von BRD GmbH faseln, keinen Bock hätte, und die Sektkorken knallen, sobald da mal jemand in der gefühlten Zweitheimat Russland Ärger kriegt? – Mother Russia wird’s schon regeln! Was, wenn ich jubeln würde, wenn es einen Hipster in Thailand erwischt, mit ein oder zwei Gramm, was in der Region tatsächlich ins Auge gehen kann?

Genau, also jedenfalls für den Fall, dass du dich jetzt entrüstest, lieber Leser, liebe Leserin: Das meinte ich nämlich: Ganz schön blöd, wenn man danach geht, ob man die Leute mag oder nicht, ob einem ihre Visage genehm ist oder nicht, ob man das, was sie sagen (oder schreiben) ganz große klasse findet, strunzblöd oder einfach keine Meinung dazu hat.

Besser nicht. Man fühlt sich selbst doch auch irgendwie wohler bei dem Gedanken, dass man trotzdem zu seinem Recht kommt, trotzdem Bürger (oder Bürgerin) dieses Staates ist, trotzdem die Meinungsfreiheit auch für sich voll ausschöpfen kann – auch wenn es Leute gibt, denen man nicht so sympathisch ist, die eben ganz anderer Meinung sind. Oder die finden, – Das muss ich jetzt noch hinzufügen, das ist in meiner langen Tirade ganz untergegangen -, dass man nicht „deutsch“ genug ist, um unter dem Schutz des deutschen Staates zu stehen.

Doof, denn dann kann man, wie gesagt, ja eben auch finden, dass das, was du sagst, denkst, findest, schreibst, irgendwie nicht so „deutsch“ ist, jedenfalls nicht das, was ich darunter verstehe (Vielleicht eher „russisch“? Sollten nicht dann die dortigen Autoritäten entscheiden?). Oder deine Kleidung, die Musik, die du hörst, deine Visage, … Ich wiederhole mich.

Also, die #FreeDeniz-Leute sind wahrscheinlich Fans, die sich für ihren Lieblingsjournalisten einsetzen. Ansonsten überlegt man sich einfach, was man denken würde, wenn da jemand in der fernen Türkei im Knast sitzen würde, den man selbst cool findet. Die deutsche Botschaft sollte sich, finde ich, einfach für alle Bürger (und Bürgerinnen) unseres Landes einsetzen, egal ob zweiter Pass oder nicht. Doppelpass heißt ja nicht „Staatsbürgerschaft light“ und Yücel ist ja darüber hinaus auch für ein deutsches Medium tätig. … Und jetzt fallen mir fast die Augen zu. Zeit für einen Log-Out und einen Kaffee …