„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.

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„Israelfreunde“, die so ihre Zweifel am Holocaust haben

Eher zufällig griff ich neulich in der Bücherei zum neuesten „Neon“-Heft. Undercover auf einer Leserreise des rechtsextremen Blogs „Politically Incorrect“ nach Israel – Das interessierte mich. Ich wusste, wie brachial sich die Leute hierzulande um Israel streiten. Den einen geht es – leider muss man das so offen sagen – in erster Linie darum, den Antisemitismus ihrer Landsleute „aufzudecken“, manchmal ohne dass die sich irgendwelcher „verdächtigen“ Äußerungen schuldig gemacht hätten, ja, manchmal fühlen sich sogar gerade die Denunzianten ihrerseits als Antisemiten abgestempelt und behaupten, es „zurückgeben“ zu müssen. Paranoia und spießbürgerliches Spitzel- und Denunziantentum gehen hier wohl ineinander über. Im Grunde ist es nicht mehr als das Streben des „Radfahrertyps“, andere in den Dreck treten und sich selbst nach oben „empfehlen“ zu wollen, wie wir es bereits aus dem Nationalsozialismus und auch aus der DDR kennen. Nichts Neues also. Kommunikation wäre jedenfalls besser. Andere wiederum – meist aus der westdeutschen Linken – sehen in der israelischen Siedlungspolitik eine Art „Holocaust“ an den Palästinensern, als hätte es den Nationalsozialismus nie gegeben. Oder zumindest muss man sich dann als Deutsche(r) nicht mehr so dafür schämen. rgendwie so etwas in der Richtung. Es geistern auch auffällig viele „antisemitische Juden“ durch deutsche Publikationen und Blogs. Von „Selbsthass“ ist die Rede, angeblich sind solche Leute sogar „antisemitischer als die einheimischen Antisemiten“.

Verbundenheit mit Israel oder schlicht Islamhass?

Die Frage drängt sich schon auf: Wer hat eigentlich das Judentum für sich gepachtet? Für einen Teil der selbsterklärten „Israelfreunde“ steht auch wohl nicht so sehr das Interesse an Israel oder dem Judentum oder die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Vordergrund. Diese Leute scheinen – in krassem Widerspruch zu Verständigung und Aussöhnung – mit ihrer Liebe zu Israel in erster Linie ihren Islamhass kaschieren zu wollen. Als ob eine besondere, vielleicht auch aufgesetzte Sympathie für die einen den Hass auf die anderen rechtfertigen würde. Blogs wie „Politically Incorrect“ oder die „Achse des Guten“ sind die Sprachrohre dieses Teils der deutschen Gesellschaft.

Harte Kost – der Nahostkonflikt

Sicher, Israel ist ein schwieriges Thema. Das kleine Land ist umzingelt von Feinden. Die meisten Menschen, die um den schmalen Streifen am östlichen Mittelmeer herum leben, wünschen sich nichts sehnlicher, als dass Israel ein für alle mal von der Landkarte radiert werden solle. Antisemitismus gehört in vielen islamisch geprägten Ländern zum guten Ton. Man erinnere sich nur an das Jahr 2014, als auf Anti-Israel-Demos in Deutschland abwechselnd „Allahu Akbar!“ („Gott ist groß!“) und „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas!“ gerufen wurde, wie u. a. die FAZ berichtete.

Andererseits werde ich wohl nie die Bilder aus dem (israelischen) Film „Waltz with Bashir“ (Israel/Frankreich/Deutschland 2008, Regie: Ari Folman) los: Was als Trickfilm startet und eine Jugend im Krieg, ein Land im permamenten Belagerungszustand zeigt, endet mit Schwarz-Weiß-Fotos von dem Massaker von Sabra und Schatila 1982, als christliche libanesische Milizen ein palästinensisches Flüchtlingslager im Süden Beirouts überfielen – mit Wissen und Rückendeckung nicht nur der israelischen Armee, sondern auch der israelischen Regierung.

Was wird wohl aus einem kleinen Jungen, der mitansehen muss, wie seine Mutter vergewaltigt und sein Vater ermordert wird? Diese Frage könnte man wohl gleichermaßen für einen palästinensischen wie für einen israelischen Jungen stellen. Der eine muss damit leben, dass nur ein martialisch hochgerüsteter Sicherheitsapparat ihm sein Überleben garantieren kann. Den anderen erwartet ein Leben als Mensch zweiter Klasse, als allerhöchstens widerwillig geduldeter Flüchtling oder als Tagelöhner, dessen armseliges Dorf jederzeit von einem Panzer plattgewalzt werden kann. Vielleicht sitzen in dem Panzer Teenager, die lieber in der Disco wären oder ihre Zeit im Eiscafé vertrödeln würden. Es ist jedenfalls nicht leicht, sich eine Meinung zum Nahostkonflikt zu bilden …

Genauso schwerverdaulich ist es für mich allerdings, dass Deutsche sich für Israel begeistern und gleichzeitig rechtsradikal sein können. Klar, ich wusste, dass es auch rechte Juden gibt. Es hatte sogar welche gegeben, die Adolf Hitler damals gar nicht mal so schlecht fanden, deutschnationale Juden, die das mit dem Antisemitismus für vernachlässigenswert gehalten hatten, ein bisschen dummes Gerede eben, aber ansonsten ein Mann, wie ihn Deutschland brauchte. Klar, ein fataler Irrtum, aber warum sollte man von Juden andere Meinungen als von Deutschen, Italienern, Amerikanern oder wem auch immer erwarten? Trotzdem gehörten für mich immer Israel/Holocaust auf die eine und Nazis/Rechtsradikale auf die andere Seite.

Israelfreundliche Holocaustleugner

Als ich Marco Maurers bericht „inside PI“ von der „Politically Incorrect“-Leserreise nach Israel las, konnte ich es zunächst nicht glauben. Ich meine, Medien müssen Auflage und Quote machen, Klicks generieren. War „inside PI“ eine Art „Schtonk“, wie die gefälschten Hitlertagebücher, die der „Stern“ 1983 veröffentlicht hatte? Oder hatte Maurer die Dinge vielleicht einfach nur ein bisschen knackiger dargestellt? Ein bisschen auf Sensation getrimmt, damit die Leute sich auch schön heftig erregen? Eine Gruppe Männer, auch ein paar Frauen, Ehepaare – alles gutbürgerliche Leute, alle stramm AfD -, die sich in Israel im Häuserkampf ausbilden lassen wollen. Zwei, die früher FDP waren, zwei von der Linkspartei. Der eine von der Linkspartei, der in Maurers Artikel als Programmierer, der in der Schweiz lebt, vorgestellt wird, meldet unbefangen seine Zweifel am Holocaust an. Nur vergleichsweise wenige Opfer seien Juden gewesen. Darf man das in der Schweiz so sehen? In Deutschland wäre es Holocaustleugnung und Volksverhetzung. Wie passt das zu dem zwar rechtskonservativen, aber eben dennoch solide bürgerlichen Anstrich, den sich die AfD geben will? Und was zur Hölle haben solche Leute in Israel verloren? Warum ist man dort gern bereit, ihnen ein bisschen militärische Nachhilfe zu geben?

Vielleicht passt hier der Spruch „Die dümmsten Kälber wählen sich ihre Schlächter selber!“. Oder aber man war in Israel sicher, es mit Deutschen zu tun zu haben, die Israel vorbehaltlos unterstützen. Immerhin hatten sich die Leute im Internet, wie Maurer schreibt, hebräische Decknamen gegeben, der israelischen Reiseleiterin war offenbar weißgemacht worden, die Gruppe sei links.

Nazis mit jüdischem Appeal

Dass eingefleischte Antisemiten sich hebräische oder zumindest demonstrativ jüdisch klingende Kampfnamen geben, ist nicht neu. Eines der widerlichsten Beispiele ist „Thora Ruth“, eine nach dem zweiten Weltkrieg nach Argentinien ausgewanderte deutsche Nationalsozialistin, die von dort aus bis in die 1970er Jahre weiterhin für die „nationalsozialistische Sache“ agitierte. In diesem Fall ging es um eine weitere, hämische Demütigung der Opfer des Nationalsozialismus. Man nahm einfach deren Identität an und bekämpft sie – buchstäblich in ihrem eigenen Namen – weiter.

Innerer Widerspruch oder knallharte Strategie?

Bei „Politically Incorrect“ ist das vielleicht etwas anders. Der Blog tritt tatsächlich ausdrücklich als israel- und amerikafreundlich auf. Das Verblüffende ist eben nur, dass in dieser Lesart auch Holocaustleugner „israelfreundlich“ sein können. Ein innerer Widerspruch? Camouflage? Oder etwas, dass psychotische Züge hat und sich logisch nicht erklären lässt? Vielleicht geht es auch ums Verarschen. Es ist ja bitter, gegen die Israelliebhaber von „P. I.“ als „antisemitisch“ dazustehen und sich gleichzeitig deren antisemitische Hasstiraden anhören zu müssen. Gerade diese Strategie, dass Rechte ihre Gegner als die eigentlichen Antisemiten, Rassisten, usw. darstellen und sie zugleich damit verhöhnen, dass sie selbst sich den Antisemitismus, Rassismus, usw. „leisten können“ – immerhin gibt es Juden, Schwarze, Türken, Homosexuelle, …, die die Linken auch nicht mögen – ist eigentlich im Moment hochaktuell. Immerhin ist die AfD in letzter Zeit sowohl mit antisemitischen Äußerungen als auch mit einem aufdringlich zur Schau getragenen Philosemitismus aufgefallen.

Erste Anzeichen – tapfer ignoriert

Vielleicht ist es „Fabian“ aus Maurers Story vor 10, 15 Jahren ja noch um Palästina gegangen. Vielleicht war ihm damals noch klar, dass der Holocaust von vornherein als Vernichtung des europäischen Judentums geplant war, auch wenn es natürlich stimmt, dass ihm auch viele andere Menschen zum Opfer gefallen sind. Allerdings hatte es, was „Fabian und Co.“ betrifft, genug Warnzeichen gegeben: Ein Politiker der Linkspartei zum Beispiel, der mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen war, in der tiefsten südwestdeutschen Provinz, so um 2006/2007. Man wollte den nicht ausschließen, hieß es, weil der „so ein netter Kerl“ war. Ausdiskutieren war in dem Fall wohl auch nicht so nötig. Das war das erste Mal, dass ich dachte, dass die Linkspartei eigentlich nicht mehr wählbar ist. Oder der Uni-Dozent, ein lässiger Oskar Freysinger-Typ, eher Alt-68er als rechte Dumpfbacke, der völlig unbefangen auf einer Abendveranstaltung erklärte „Tja, meine Eltern waren nun einmal Nazis. Das hat eben auch mich geprägt.“ Eine launige Selbstkritik? Ein unglücklicher Scherz? Oder ein hässlicher Spritzer des braunen Morasts, der die ganze Zeit im Untergrund unserer Gesellschaft gelauert hat?

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass vorschnelle Schuldzuweisungen und leichtfertige Bezichtigungen helfen. Aber Maurers „inside PI“ ist gefährlich nahe an dem dran, was ich selbst erlebt habe.

 

Kalte Worte, Querfront-Logik

hass2blog

Was ist schlimmer, wenn man von Sexismus spricht: Ein bisschen Jungstalk in der Umkleide? Oder ist es nicht eigentlich viel rassistischer, wenn in Libyen reihenweise Frauen umgebracht werden?

Der bekannte Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen brachte das Thema auf, in einem Interview mit dem taz-Journalisten und Hanf-Aktivisten Mathias Bröckers. (Sowohl zu Bröckers als auch zu Jebsen gibt es Wikipedia-Einträge). In dem Interview geht um Donald Trump. Bröckers holt weit aus, redet von „Cowboys“ und „Yankees“. Er beantwortet die Frage nicht wirklich. Als er auf „die Rothschilds“ zu sprechen kommt, schalte ich das Youtube-Video aus. Ich habe genug gehört.

Eingeschaltet hatte ich „KenFM“ überhaupt nur, weil ich in der Berliner Bibliothek, die viele Gratis-Internetplätze bereit hält, gesehen hatte, dass das Video mit dem Bröckers-Interview auf mehreren Bildschirmen flimmerte.

Die erschütternde rhetorische Frage, die die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen Donald Trump mit dem Krieg in Libyen verglich, folgte einem Strickmuster, das mir nicht unbekannt war.

Als 2012 in Toulouse drei Kinder (und ein Erwachsener) ermordet wurden, weil sie eine jüdische Schule besuchten und der Täter einen Hass auf Juden hatte (auf Wikipedia ist das Attentat dokumentiert), war das für mich ein Schock. Entsetzt berichtete ich von dem grausigen Anschlag. Es blieb still. Schließlich ließ sich ein Mann, der, wie ich später erfahren sollte, zu Bröckers Kreisen gehörte, zu einer Reaktion herab. Er guckte mich kalt an. „Schalt mal dein Gehirn ein!“ sagte er barsch: „In Palästina sterben täglich Kinder! Und du bemitleidest die drei toten Kinder in Toulouse jetzt. Nur weil sie Juden sind?!“

Nein, natürlich taten mir auch die palästinensischen Kinder leid. Und natürlich ist es der ultimative Gewaltakt gegen Frauen (bzw. gegen Menschen überhaupt), sie umzubringen. Aber deshalb darf man anderen, lebenden Frauen in den Schritt grapschen, um sie öffentlich zu demütigen? Deshalb darf man jüdische Kinder, tausende Kilometer entfernt vom Nahostkonflikt, in Westeuropa, einfach abknallen?

Es ist die Brutalität dieser Rhetorik, die mich erschreckt, obwohl ich mittlerweile daran gewöhnt sein sollte.

Aber was wäre, wenn man mit diesen Leuten ebenso umspringen würde? Man könnte die Frauen aus diesem verschwörungstheoretischen Querfront-Milieu dann ruhig hemmungslos sexuell belästigen. Macht doch nichts. Mault eine, sagt man einfach: „Denk mal daran, wie viele Frauen jeden Tag in Syrien sterben. Ja, sag mal schämst du dich denn gar nicht mit deinen Luxusproblemchen?“ Man könnte ruhig mit einem Motorroller an einer Kita oder Schule in Kreuzberg vorbeirollen, von der man weiß, dass Kinder aus dem wohlhabenden Öko-Milieu sie besuchen, Kinder von Journalisten, Künstlern, Theatermachern, … Man könnte eine Waffe ziehen und einfach abdrücken – „Palästina!“ würde als Erklärung wohl reichen …

Ich schreibe das, weil ich euch die Grausamkeit solcher Argumente klarmachen will. Ich will euch teilhaben lassen an dem Gefühl, wenn es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft, wenn man erst einmal einen Moment braucht, um zu begreifen, dass die Worte, die da gerade gefallen sind, wirklich gefallen sind.

Es geht mir nicht darum, Leute leichtfertig als Antisemiten abzustempeln. Vielleicht steckt ja wirklich „nur“ eine verquere, kalte Logik dahinter, die sich mir nicht erschließt. Ganz abgesehen davon, dass man locker auch jede andere soziale Gruppe, vielleicht in einer ein bisschen anders gelagerten Konstellation, einsetzen könnte. Aber einige Leuten täten wirklich gut daran, sich mal konkret auszumalen, wie es wäre, wenn man über sie redete, über Unrecht, das ihnen angetan wurde. Und wenn man dann eben auch keine Lust hätte, ihnen auch nur ein Fünkchen Empathie entgegenzubringen. Ist das wirklich die Welt, die ihr haben wollt?

Rechts & durchgeknallt? Ein bunter Berliner Reigen quer durch die Querfront

Berlin ist bunt. Vor allem kann es auch mit einer Fülle an Braunschattierungen aufwarten. Das Problem ist allerdings: Man trifft immer da auf sie, wo man gar nicht mit ihnen rechnet. Zumindest war mir persönlich lange Zeit nicht klar, wie ich ältere Frauen aus der höheren Gesellschaft, die vollkommen fixiert darauf waren, mir nachzuweisen, dass sie sehr viel bessere Fremdsprachenkenntnisse haben als ich (weiß der Teufel, wieso) mit Kiffern, ehemaligen Stasi-Agenten und künstlerisch-esoterisch angehauchten Freigeistern zusammenbringen sollte. Der Tipp „BRD GmbH“ brachte schließlich den Durchbruch:

„BRD GmbH“: Der Staat als Unternehmen – Kapitalismuskritik 2.0

Irgendwo in Kreuzberg auf einer Abendveranstaltung drang es mal so halb an mein Ohr: „BRD GmbH“. Ich hatte das als etwas blumig ausgedrückte Kritik am „Kapital“ und seiner erdrückenden Ominpräsenz in Politik und Gesellschaft gewertet. Die Nuller Jahre gingen ihrem Ende entgegen, die „Bolkestein-Direktive“ war als Idee, kostspielige Sozialsysteme und aufwendigen Arbeitnehmerschutz endgültig Geschichte werden zu lassen, gerade ausgestanden. Die weltweite Finanzkrise dagegen war in vollem Gange und hielt auch die Hauptstadt in ihrem Würgegriff. Von daher fand ich es nicht ganz unberechtigt, es zu kritisieren, dass ein wildgewordener Manchesterkapitalismus der Politik in scheinbarer Alternativlosigkeit seinen Kurs aufzwang: Der Staat also sozusagen als Unternehmen, das nach den Prinzipien „Cashflow“ und „erster am Markt sein“ geleitet werden sollte. Gut.

Wenn Künstlertypen ungemütlich werden

Ich ging jedenfalls davon aus, es mit Künstlertypen zu tun zu haben und schob den etwas bizarren Begriff darauf. Dass diese Leute nicht in erster Linie Gesellschaftskritik üben wollten, sondern sich nicht als Bürger der Bundesrepublik Deutschland ansehen, dafür aber als sog. „Reichsbürger“, wusste ich nicht. Genau genommen wusste ich überhaupt nicht, was „Reichsbürger“ sind. Ein Prominenter, dem eine Nähe zu den „Reichsbürgern“ nachgesagt wird, ist Pop-Sänger Xavier Naidoo, der Deutschland um ein Haar im letzten Jahr beim Grand Prix de la Eurovision vertreten hätte. Nähere Informationen dazu findet man auf Wikipedia. Allerdings – und so kontrovers der Fall Naidoo auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist – muss man fairerweise sagen, dass die „Reichsbürgerszene“ sehr heterogen ist. Einen ersten Überblick dazu gibt ein Interview, das Ute Welty mit dem Politologen Steffen Kailitz auf Deutschland Radio Kultur geführt hat: Im besten Fall ist das mit den „Reichsbürgern“ offenbar mehr oder weniger ein Trick, um keine Steuern zahlen zu müssen. Im schlimmsten Fall geht es um „Deutschland in den Grenzen von 1939“, also das „Deutsche“ (oder auch „Dritte“) „Reich“ und das ist genauso rechts, wie es klingt.

Eine kreative Methode, um Steuern zu hinterziehen?

Vielleicht holen die Harmloseren unter den „Reichsbürgern“ einfach ein bisschen sehr weit aus, um Behörden klar zu machen, dass sie keine Steuern zahlen werden (Wozu? Man lebt ohnehin im eigenen Königreich mit eigener Flagge und eigener Gesetzesgebung). Sich an irgendeine Steueroase zu wenden, wäre jedenfalls einfacher.

Der braune Faden in der „Reichsbürgerszene“ zieht sich dann weiter durch Milieus, wo von „Chemtrails“ und „Mondnazis“ die Rede ist. Die Annahme, dass unsere Luft mit Chemikalien verseucht wird, um die Bevölkerung mürbe zu machen, klingt nach „von Aliens entführt“ und in genau die Ecke gehört es wahrscheinlich auch. Warum ich das denke? Na ja, Leute wie Angela Merkel und Lothar de Maizière müssen ja die gleiche Luft einatmen, wie die „Reichsbürger“ (und alle anderen) auch. Schon im eigenen Interesse würde man sich also darum kümmern, wenn da etwas dran wäre.

Ob auf dem Mond Nazis leben, weiß ich nicht. Für sehr wahrscheinlich halte ich es nicht, aber vielleicht könnte man bei Gelegenheit ein paar Vorräte anlegen, nur so für den Fall, dass eine faschistische Alieninvasion droht.

Antisemitismus mit psychotischen Zügen

Mögliche Gründe dafür, warum ausgerechnet einige altehrwürdige Mitglieder der „guten Gesellschaft“ mit Rechtsdrall ihr Herz für (bestimmte) Menschen mit skurillen Ansichten – und in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch psychischen Problemen – entdeckt haben, erfährt man in den sozialen Netzwerken: #brdgmbh ist sogar ein eigener Hashtag auf Twitter. Weiter geht es um die „Jüdin“ Angela Merkel, die zur zweiten Rosa Luxemburg stilisiert wird (und ich hatte die CDU immer für eine konservative Partei gehalten!), „ethnische Säuberungen“, die angeblich – quasi ein „Genozid“ – durch Einwanderung an Deutschen begangen würden, die „Familie Rothschild“, die, so wird behauptet, die deutsche Politik vom fernen Amerika aus steuert, den „Rassewahn“, den man paradoxerweise gerade Linken gerne vorwirft (neben „Genderwahn“, überhaupt scheint „Wahn“ in diesem Milieu ein beliebter Begriff zu sein, vielleicht, um von sich selbst abzulenken?). Und obendrauf gibt es noch jede Menge moralische Twitter-Unterstützung für den US-Präsidentschaftskandidaten und Geschäftsmann Donald Trump.

Dass Antisemitismus so unverblümt geäußert und in die krudesten Verschwörungstheorien eingebettet wird, kann einen eigentlich nur verstört zurücklassen. Allerdings gibt es auch Accounts, die sich ausdrücklich als „pro-israelisch“ bezeichnen und sich ganz auf den Islam als vermeintliche „Wurzel allen Übels dieser Welt“ einschießen. In den meisten Fällen wird jedoch ein Zusammenhang gesehen zwischen einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, Kanzlerin Angela Merkel (die auf jeden Fall weg muss, wie immer wieder betont wird) und islamistischem Terror. Auch Kriminalität, die ausschließlich als Einwandererproblem betrachtet wird, ist häufig Thema am rechten Rand des Internets, weshalb man sich mit Verve auf jede Tat stürzt, in die Flüchtlinge und Migranten irgendwie involviert sind.

Ein x-beliebiger Polizeibericht müsste eigentlich ausreichen, um solche Denkweisen zurechtzurücken. Und natürlich klingt das, was man im Internet so liest, ein bisschen, als hätten sich die (vielleicht berechtigten) Ängste von ein paar Leuten, sozial an den Rand gedrängt zu werden, zu wahnhaften Ideen ausgewachsen.

#Kudla: Die „Sorgenkinder“ der ehrenwerten Gesellschaft?

Dass der verschwörungstheoretische, in einigen Fällen psychotisch anmutende Ansatz zum Teil durchaus anschlussfähig an das rechtskonservative Lager ist, bewies in den letzten Tagen die Affaire um die CDU-Politikerin Bettina Kudla. Kudla hatte auf Twitter von einer drohenden „Umvolkung“ gesprochen – den Tweet und einen entsprechenden Bericht findet man u. a. auf Spiegel Online – und sie ist nicht die einzige, die versucht, mit Nazi-Vokabular Aufmerksamkeit zu erregen. Auch Frauke Petry hatte sich kürzlich öffentlich dafür ausgesprochen, den Begriff „völkisch“ wieder positiv zu deuten. Offenbar sind 70 Jahre für die Generation Internet eine zu lange Zeitspanne, um sich noch daran zu erinnern, wie das mit dem Nationalsozialismus damals geendet ist. Leider.

Die Frage ist aber: warum heizen konservative und rechtspopulistische Politiker, denen doch eigentlich daran gelegen sein müsste, „regierungsfähig“, also seriös zu erscheinen, diesen Schwachsinn auch noch an, anstatt sich klar davon abzugrenzen? Oder birgt das verschwörungstheoretische Milieu am Ende ein Wählerpotenzial, auf dessen Beifall keine ehrgeizige rechtskonservative Strömung in diesem Land verzichten möchte?

Die Friedensmahnwachen: Das linke Milieu kippt nach rechts

Nicht immer ist das Internet ein Spiegel der Wirklichkeit. Manchmal allerdings schon: In den sozialen Netzwerken ist in der rechten Ecke von AfD-Manga-Figuren über Meme-Frösche bis hin zu altertümlich anmutenden Wappen und anderen einschlägigen Insignien alles vertreten. Ein ähnlich buntes Bild dürften offline auch die Berliner Friedensmahnwachen von 2014 geboten haben. Bei dem Wort „Frieden“ reibt man sich erst einmal die Augen. Eigentlich kann man das beim besten Willen nicht mit rechtslastigem Gedankengut in Verbindung bringen und man fragt sich, ob man da nicht etwas falsch verstanden hat.

Zwar soll, wie die taz berichtete, 2014 alles in gewohnter Ostermarsch-Manier unter dem Label der Friedenstaube gelaufen sein, nur dass Redner aufgetreten sind, deren Glaubwürdigkeit als Linke sich in Grenzen hält – etwa Ken Jebsen, dessen Karriere als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg 2011 abrupt endete, als Antisemistismus-Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, oder der „Compact“-Herausgeber Jürgen Elsässer, der auf seinem Blog keinen Hehl daraus macht, dass er die AfD und sogar die ins Visier des Verfassungsschutz geratene „Identitäre Bewegung“ unterstützt. NPD-Mitglieder sollen, wie Erik Peter in der taz schreibt, auf der Berliner Montagsmahnwache gesehen worden sein und auch deren Organisator Lars Mährholz werden Kontakte ins rechtsextreme Milieu nachgesagt. Dass da etwas dran ist, hat Stefan Lauer in einer Kolumne auf Vice belegt. Allerdings ging es, wie die Berichte der taz und von Vice nahelegen, auch auf den Montagsmahnwachen für den Frieden um einen kruden Mix aus Verschwörungstheorien, verbrämtem Antisemitismus und schrilleren antiamerikanischen Tönen, der auch im Internet häufig anzutreffen ist. Anlass für den von außen widersinnig erscheinenden Schulterschluss von rechts und links war offenbar der Krieg in der Ukraine. Getragen wurden die Proteste aber, so scheint es, eher von einem Milieu, dass schon vorher diffus „dagegen“ und offen für die abstrusesten Welterklärungen war, also u. a. auch von Leuten, die sich in der „Reichsbürgerszene“ bewegen, in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der sog. „alternativen Medien“ im Internet.

Vielleicht hilft es, an dieser Stelle einen Blick auf eben diese „alternativen Medien“ zu werfen und sich, da es ja um den Ukraine-Konflikt geht, v. a. „Russia Today deutsch“ genauer anzuschauen.

Nicht-p. c. als Kassenschlager: „alternative Medien“ im Internet

Der Erfolg der „alternativen Medien“, der in den letzten Jahren immer wieder mit wachsender Besorgnis beobachtet wurde, ist nicht ganz zufällig. Es scheint irgendwie mit „Political Correctness“ und dem Gefühl zu tun zu haben, dass man im Fernsehen und in der Tagespresse nur noch einen Bruchteil von dem, was los ist, mitbekommt. Natürlich, wir leben nicht in einer Diktatur und von daher kann man wohl kaum von einer „staatlichen Lenkung“ der Medienwelt sprechen. Andererseits sind Journalisten auch nur Menschen und auch der ein oder andere Politiker dürfte schwach werden bei der Option, sich medial etwas unterstützen zu lassen und dafür vielleicht im Gegenzug einige Karrieren zu pushen. Wie so oft liegt auch bei einer vollkommen überzogenen, lächerlich erscheinenden Kritik nicht unbedingt immer richtig, wer alles damit abzubügeln versucht, dass doch in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall sei. Irgendwann kommt sie raus, die Bestechungsgeldaffaire, der Filz, die Verstrickung von Macht, da wo sie nicht hätte sein dürfen und selbst der unglaubwürdigste Verschwörungstheoretiker fühlt sich bestätigt. Hatte er es nicht gesagt?

Beziehungsweise: es kommt darauf an: Klar, es gibt keine „jüdische Weltverschwörung“ und keine „Protokolle der Weisen von Zion“, aber es gibt menschliche Schwächen und Korruption. Mit der „Political Correctness“ ist es wie mit dem medialen Mainstream: Sie hat ihren Sinn, aber eben nur mit Maß: Manche Menschen erkennen einfach überall Rassismus, selbst da, wo keiner ist. Andere wiederum bestehen darauf, dass „Neger“ etwas ist, was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Auch dann, wenn es jemand als verletztend empfindet und es eigentlich mindestens 100 andere Worte gäbe, die weitaus weniger diskriminierend wären. Manchmal nimmt der Krieg um Worte befremdliche Züge an. Und es ist einfach nur abstoßend, wenn man sich anschaut, wie rechtspopulistische Politiker mit Nazi-Vokabular und unverhohlener Diskriminierung um sich werfen, als gäb’s dafür etwas zu gewinnen (siehe oben: #Kudla, #Petry).

In rechten Kreisen legt man es nach Selbstaussage (Inhalt diverser Tweets) offenbar geradezu darauf an, Linke mit solchen Aussagen zu „triggern“. Sprich: sie alle wollen die bösen Kinder vom Schulhof sein, die dem Lehrer den nassen Schwamm auf den Stuhl legen, damit der sich mächtig ärgert und man selbst die Lacher auf seiner Seite hat. Wenn man Nazi-Witzchen nicht lustig findet, bleibt einem dann nur noch, still bei sich zu denken, dass manche wirklich besser daran täten, ab und zu einfach mal den Mund zu halten. Man sagt es aber eben nicht, weil es irgendwie auch ein ungeschriebenes Gesetz gibt, dass man den Leuten nicht leichtfertig unterstellen darf, sie seien rechts, eine Art „Maulkorb“ von der anderen Seite sozusagen. „Political Correctness“ kann also nervtötend und eine Last sein, wenn sie übertrieben wird, aber ob sie tatsächlich gesellschaftlich so tief verankert ist, wie ihre Gegner gern behaupten, ist fraglich.

Ausdrücklich NICHT politisch korrekt sein zu wollen und alles offen auf den Tisch zu packen (oder zumindest den Eindruck zu erwecken, das zu tun), ist längst eine Marktlücke, die Medien wie „Russia Today deutsch“ bedienen. Dass „RT deutsch“ nicht unbedingt Stimmung gegen die Politik von Wladimir Putin macht, kann man sich sicherlich denken. Davon abgesehen aber hat sich der Sender auf die Fahnen geschrieben, „neutral“ und schonungslos offen zu berichten, was – je nach Standpunkt in den „Qualitätsmedien“ oder in der „Pinocchio-Presse“ – unerwähnt bleibt. Ob damit gemeint ist, dass öffentlich in die Kritik geratenen Persönlichkeiten wie Eva Hermann oder den Montagsmahnwachesprechern Ken Jebsen und Andreas Popp ein Forum gegeben werden soll, ob Aspekte, die in den Mainstreammedien vernachlässigt werden, mehr Gewicht erhalten oder ob generell der russische Standpunkt näher beleuchtet werden soll, auch wenn es um innerdeutsche Angelegenheiten geht, sei mal dahingestellt. Ganz so einfach ist es nun auch nicht, ein Medienkonzept als Ganzes zu analysieren. Daher will ich es hier bei einigen Aspekten belassen, die mir persönlich aufgefallen sind.

Eine Alternative oder einfach die russische Perspektive?

Akademisch-penibel ausgearbeitet wirkten die Beiträge von „RT deutsch“, die ich mir stichprobenartig angesehen habe, nicht unbedingt. Dafür schien alles eingängig aufbereitet und ähnlich knallig präsentiert zu sein wie z. B. „Compact“. Vielleicht handelt es sich um die Internetversion des „Unterschichtenfernsehens“ oder aber ich habe die wirklich guten, auf meine Zielgruppe zugeschnittenen Sachen zufällig einfach nicht gesehen. „Rechte Hetze“ kann man „Russia Today deutsch“ nicht wirklich vorwerfen, wohl aber, wie gesagt, eine „parteiische“ Berichterstattung zu Gunsten Russlands.

Das spiegelt sich auch in den Kommentaren wieder, die es politisch z. T. in sich haben. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Kommentatoren einander der „Russophobie“ verdächtigen, auch wenn es in dem kommentierten Beitrag gar nicht um Russland geht. Beim Thema AfD scheint die „RT deutsch“-Community allerdings gespalten zu sein. Das wird u. a. in einem Stream zu einem am 30. Mai 2016 ausgestrahlten Interview mit der AfD-Politikerin Frauke Petry deutlich: User „Cobra“ kommentierte noch am selben Tag: „Europas Kinder werden zur Schlachtung freigegeben. (…) Eine neue Welle von brutale Gewaltmenschen aus Afrika rollt auf Europa zu, (…)“. Andere äußerten sich dagegen klar ablehnend zur AfD. Auch die Themen „Meinungsfreiheit“ und „Gegenöffentlichkeit“ werden in der „RT deutsch“-Community angesprochen: Zu dem Beitrag „Die Anti-Deutschen: Antifa oder doch pro fa“ vom 02. April 2015, bei dem auch Ken Jebsen zu Wort kommt, schrieb User „Kakud“ z. B. am gleichen Tag: „Ja, wer in Deutschland sich gegen Neokapitalismus und Unterdrückung wehren möchte, ist schnell ein Nazi oder Antisemit. Die Strategie hat schon über Jahrzehnte geholfen uns Mundtod zu machen. Ein Beispiel: Wer das Wort „Lügenpresse“ verwendet, der soll angeblich ein Wort verwenden, den die Nazis benutzt haben.“

Der Top-Spion und die Piratin

Ob Leute wie „Topas“ wissen, dass man im „Russia Today deutsch“-Umfeld z. T. recht wenig Berührungsängste mit dem rechten Rand hat? Und würde das eine Rolle spielen? „Topas“ war, so stellt ihn zumindest sein Wikipedia-Eintrag dar, einmal einer jener westdeutschen Linken, die nicht nur Däumchen drehen wollten. Mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Rupp und stammt ursprünglich aus der Nähe von Trier im beschaulichen Rheinland-Pfalz. Dass Rupp nicht nur ein unbescholtener Bürger war, der sich sein kleines Leben in der westdeutschen Provinz eingerichtet hatte, kam erst sehr viel später heraus. Als Top-Spion für die Stasi habe er einst einen Atomkrieg verhindert, sagt der Rupp über sich selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Heute arbeitet er als Journalist, u. a. für das „Neue Deutschland“ und bis 2016 auch für die „Junge Welt“. „RT deutsch“ hat ihm ein Interview gewidmet. „Ken FM“ übrigens auch. Die Welt der Informationen und „Gegeninformationen“ ist für den Mann gewiss keine unbekannte.

Aber ganz gleich, was man über die Stasi denkt, in der rechten, AfD-nahen Ecke kann man sich einen wie Rupp nicht vorstellen. Auch Lea Frings passt da nicht hin. Die „Russia-Today deutsch“-Mitarbeiterin engagiert sich, so ließt man in ihrer Selbstdarstellung, seit Jahren politisch, erst in der Linkspartei, jetzt bei den Piraten. Frings war u. a. Yogalehrerin, bevor sie in den Medienbereich wechselte. Mittlerweile hat sie bei „RT deutsch“ laut Vice ihre Kündigung eingereicht und sieht ihre Mitarbeit rückblickend kritisch. Die junge Frau mit den auffälligen blonden Dread-Locks und dem bunten Techno-Look wirkt keineswegs so, als wolle sie sich in den Zirkeln „Eingeweihter“ von der Außenwelt und vom Mainstream abgrenzen. Sie scheint ganz im Gegenteil das junge, kreative und weltoffene Berlin geradezu symbolhaft zu verkörpern – sowohl von ihrer Biographie als auch rein vom Äußerlichen her.

Ein guter Draht zur Businesswelt?

Ein etwas anderer Typ scheint da die „RT deutsch“-Vorzeige-Moderatorin Jasmin Kosubek zu sein: sehr jung, adrett gekleidet, weich fallende, perfekt fristierte lange Haare und ein sorgfältig geschminktes Gesicht. Kosubek ist, was den Medienbereich betrifft, genau wie Lea Frings eine Quereinsteigerin, wie ihr Wikipedia-Eintrag bestätigt: Die studierte Betriebswirtin soll, so heißt es weiter in einem Blogbeitrag bei „BerlinMag“, zunächst für das renommierte Beratungsunternehmen KPMG gearbeitet haben. Das klingt, als habe sie ursprünglich eine ganz andere Karriere geplant, aber die Wege in den Journalismus sind ja oft verschlungen und unergründlich. Auffällig ist jedenfalls, wie verschieden die Menschen bei „Russia Today deutsch“ und um „Russia Today deutsch“ herum offenbar sind. Von linksaußen bis zum Rechtspopulismus, von cooler urbaner Hipness bis hin zu einer pragmatischen Businessorientierung scheint alles dabei zu sein. So wirkt es jedenfalls.

Zwischen hipper Coolness & Gegenöffentlichkeit: Das neue Berlin

Was alle diese Menschen miteinander verbindet und ob es überhaupt etwas gibt, das sie miteinander gemein haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lea Frings, die Ex-„RT deutsch“-Mitarbeiterin, sich 2014 mit ihrem Freund, dem in der veganen Szene bekannten Marsili Cronberg für die umstrittenen Berliner Friedensmahnwachen engagierte. Vielleicht hat der Konflikt in der fernen Ostukraine in Berlin und anderen deutschen Großstädten aber auch nur nur hochgespült, was schon lange im Untergrund gärte: Unzufriedenheit, das Gefühl, politisch und auch sonst in der Sackgasse zu stecken, dass es da noch etwas anderes geben müsste als den Ist-Zustand, Gegenöffentlichkeit: eine Menge brauner Morast und schrille Esoterik als Protest des 21. Jahrhunderts, aber sicher auch Menschen, die eigentlich etwas anderes wollten und sich, bei Tageslicht betrachtet, auf solche Dinge nicht einlassen würden. Ein Fazit lässt sich jedenfalls nicht ziehen, außer eben, dass man die weitere Entwicklung sehr genau beobachten sollte.

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Wie braun bist Du? Mach den Test!

NaziTestBlog

Und so geht’s:

Such Dir einfach bei jedem Themenblock eine Aussage aus, die am ehesten für Dich in Frage kommt. Zähle am Ende zusammen, welchen Buchstaben (am Ende jeder Aussage) Du am häufigsten hast. Los geht’s!

1. soziale Ungleichheit
– Manche sind fleißig, manche nicht. Daher ist eine gewisse soziale Ungleichheit unvermeidbar. Allerdings hat es jede(r) selbst in der Hand. (D)
– Lebenschancen sind auch in unserer Gesellschaft ganz schön ungleich verteilt. Da liegt noch vieles im Argen. Man sollte mehr in Schulbildung und Berufsförderung investieren. (C)
– Ich sag’s nicht gern, aber es ist doch nun einmal so, dass manche Menschen intelligenter, robuster und leistungsfähiger sind als andere. Eine gewisse Ungleichheit ist ganz natürlich. (A)
– Ich mag diesen ganzen Leistungsdruck nicht. Menschen werden doch eigentlich nur nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit bewertet. Ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen. (B)

2. Europa
– Ich bin für den Dexit. Deutschland sollte aus der EU austreten. Warum sollen wir die Zeche dafür zahlen, dass die ganzen Südländer ihr Geld mit vollen Händen zum Fenster rausschmeißen? Dolce Vita ist ja schön und gut, aber nicht auf meine Kosten! (D)
– Ich finde, dass die EU jungen, motivierten Menschen ungeheure Chancen bietet. Und unsere Wirtschaft boomt wie nie zuvor. Gerade Deutschland profitiert von der Freizügigkeit der EU und dass es vielen östlichen EU-Mitgliedern wirtschaftlich mittlerweile sehr viel besser geht, sollte doch für sich sprechen, oder? (D)
– Eine „Festung Europa“? Nein Danke! Ich lehne jede Form von Grenzen ab! (B)
– Ich weiß nicht. Natürlich bin ich für offene Grenzen, aber durch die Freizügigkeit auf dem innereuropäischen Arbeitsmarkt ist auch sehr viel Druck aufgebaut worden. Dass das vielen Menschen nicht behagt, merkt man, finde ich, auch daran, dass der Rechtspopulismus in vielen Ländern im Aufwind ist. Vielleicht könnte man da noch ein bisschen nachbessern. (C)

3. Flüchtlinge
– Jetzt kommen so viele kräftige, gesunde und motivierte junge Menschen zu uns. Unsere Wirtschaft kann nur davon profitieren. Schon deshalb finde ich, sollte man den Flüchtlingen auch in kultureller Hinsicht entgegenkommen. Überhaupt ist das oberste Gebot jetzt eine schnelle Integration derjenigen, die bei uns Schutz suchen. Dafür ist es wichtig, dass die Schutzsuchenden möglichst schnell in Arbeit kommen. Deshalb denke ich, dass es unumgänglich sein wird, beim Mindestlohn Abstriche zu machen. (D)
– Also, dass die Flüchtlinge wirklich unsere Renten erwirtschaften werden, bezweifle ich. Die meisten schielen doch wohl eher danach, es sich in unserem Wohlfahrtsstaat gemütlich zu machen. Ich finde, Deutschland braucht endlich ein vernünftiges Einwanderungsgesetz, z. B. wie in Canada. Dann können wir die Spreu etwas besser vom Weizen trennen. Schließlich sind wir nicht das Sozialamt der ganzen Welt, wie schon Horst Seehofer sagte. Da hat er doch recht! (D)
– Natürlich muss man Menschen, die vor Terror, Krieg und Unterdrückung fliehen, helfen. Aber ich denke, man muss das Asylrecht von Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen trennen. Es sind einfach im Moment zu viele auf einmal, so dass man Wirtschaftsmigranten vielleicht auf einen späteren, günstigeren Zeitpunkt vertrösten muss. Außerdem sollten sich andere Länder bei der Hilfe für die geflüchteten Syrer mehr in der Verantwortung sehen. (C)
– Tut mir leid, aber der Islam passt einfach nicht zu uns. Ich möchte hier keinen Terror, keine Scharia und auch keine Burka. Für die Syrer ist es doch auch besser, wenn sie in einem Land Schutz suchen, das ihrem eigenen kulturell ähnlicher ist. (A)

4. Demokratie
– Gerade um unsere Demokratie zu schützen, sollten wir skeptisch gegenüber zu vielen Einwanderern sein. Man hat es doch auch an der Erdogan-Demonstration in Köln gesehen. Sollen wir eines Tages wieder die Todesstrafe einführen, nur damit Ausländer hier nicht den Eindruck haben, sie hätten nicht genug Mitspracherechte? Wollen wir wirklich die Errungenschaften der Frauenbewegung und die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten preisgeben, nur um ein paar jungen Männern aus einer uns fremden Kultur entgegenzukommen? (D)
– Ich rede mir seit Jahren den Mund fusselig und jetzt sind es ausgerechnet unsere türkischen Mitbürger, die diesen Alt-68ern Bescheid stoßen. Die Türken habe ich nämlich hinter mir! Ihr Präsident zeigt gerade allen, wie man sein Land aus einer misslichen Lage wieder hinausmanövriert. Und zwar nicht mit ewig langen Debatten, sondern mit Entschlossenheit und Führungswillen. Der Erdogan ist einwandfrei als Politiker! Und in Russland macht Wladimir Putin es vor, wie man ein Land wieder hochbringt. (A)
– Sorry, aber Demokratie ist für mich die einzig richtige Gesellschaftsform. Und es ist doch klar: Wer sie abschaffen oder die Rechte anderer einschränken will, den muss man stoppen, aber das gilt für alle gleichermaßen und in jede Richtung: Deutsche, Ausländer, Männer, Frauen, Minderheiten, Mehrheitsgesellschaft, Rechte, Linke, Muslime, Christen, usw. …. (C)

5. Autorität
– Ein gebieterisches, autoritäres Auftreten verleiht einem Charisma und unterstreicht, dass man der geborene Anführer ist. (A)
– Ich lehne Autorität ab! Immer diese selbsternannten „Herrenmenschen“ und „Leistungsträger“. Ich bin selbstbewusst genug, um mir von solchen Leuten nichts gefallen zu lassen! Ich habe genug Leute hinter mir, die mir den Rücken stärken, damit auch mal gemacht wird, was ich sage! (B)
– Ich kann diese kleinen Diktatoren einfach nicht ausstehen! Klar, manchmal muss man sich unterordnen, weil andere kompetenter und erfahrener sind oder sonst einfach nichts klappt, wenn jeder nur seine Launen durchsetzen will. Aber über diese Hanswurste, die immer den Ton angeben müssen, kann ich eigentlich nur lachen! (C)
– Ich denke, wir sollten mehr Mut zu „Leadership“ haben. Kompetente Leute werden allzuoft ausgebremst, nur weil niemand sich traut, die Dinge mal in die Hand zu nehmen. (D)

6. Gesundheit, Körper & Reproduktion
– Ich möchte mich wohl in meinem Körper fühlen! Deshalb beschäftige ich mich viel mit gesunder Ernährung und natürlichen Körperbildern. Frauen sind nun einmal von Natur aus etwas mollig. Hand aufs Herz! Glaubt hier jemand ernsthaft, diese Hungerhaken aus der Werbung könnten gesunde Kinder zur Welt bringen? (B)
– Manche Frauen sollten bevorzugt Kinder zur Welt bringen. Evtl. sollte man dies auch mit finanziellen Anreizen fördern. Nur so können wir verhindern, dass Menschen, die unsere Gesellschaft nicht braucht, zu viele Kinder in die Welt setzen. Ansonsten produziert man doch ganze Dynastien von Hartz-IV-Empfängern! (D)
– Männer gehen bei der sexuellen Auslese instinktiv danach, dass die Frau gesund ist, damit keine Erbkrankheiten weitergetragen werden. Das ist bei den Naturvölkern noch viel ausgeprägter als bei uns. (A)
– Manche Rassen sind physisch robuster als andere. Das ist nun einmal so. Deshalb sind die Flüchtlinge so gut zu harter körperlicher Arbeit geeignet, während wir eher auf intellektuellem Gebiet punkten. (A)
– An der Physiognomie kann ich erkennen, ob jemand intelligent ist oder z. B. einen Hang zur Kriminalität hat. Das sind alte Weisheiten, da ist schon etwas dran. In unserer rationalistischen Kultur wagt man es nur nicht mehr, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. (A)
– In der Natur werden schwache und kranke Tiere doch auch ausgesondert. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum man hier gleich als Nazi gilt, wenn man etwas in die Richtung sagt! Ich kenne sogar jemanden, der ist behindert und sitzt im Rollstuhl. Der sieht das ganz genauso! Der will dieses aufgesetzte, verlogene Mitgefühl auch nicht! (A)
– Sorry, aber wenn ich das hier lese: Sag mal, geht’s noch?! Das ist doch alles kackbraun! Sind wir schon wieder so weit? Menschen sehen unterschiedlich aus und haben unterschiedliche Begabungen. Das sagt aber doch nichts über ihre Güte als Menschen aus! Kranken, alten und schwachen Menschen muss man helfen, das möchte man doch auch für sich, wenn es einen mal selbst trifft. Das sind aber alles Selbstverständlichkeiten, ohne die eine Gesellschaft nicht bestehen könnte! (C)

Auflösung:

*Note: Für eine ernsthafte Einschätzung Deiner politischen Gesinnung und um die dazu passenden Parteien (deren Programme hier nicht zur Debatte stehen) herauszufinden, musst Du Wahl-O-Mat machen. Hier geht es um grobe politische Denkrichtungen und die Entwicklung, die sie vielleicht nehmen könnten.

A: Stramm rechts: Sorry, aber Du bist richtig rechts. Auch wenn Dir das vielleicht nicht klar ist, aber das meiste von dem, was Du findest und forderst, findet sich auch bei den Nationalsozialisten wieder. Ach, was – dann können die ja wohl nicht so schlimm gewesen sein?! Und überhaupt – Du hast ja nicht gesagt, dass Du einen Holocaust verüben willst! Ganz im Gegenteil – einer deiner besten Freunde ist ja sogar Ausländer! Weißt Du – überleg es Dir einfach noch mal. Ferndiagnosen können hier eh keine gestellt werden. Politisch stehst Du – je nach Radikalisierungsgrad und Schwerpunktsetzung – zwischen klassischen Neo-Nazis, „Autonomen Nationalisten“, NPD, Pegida, dem rechten Flügel der AfD und der Querfront. Gefallen könnte Dir aber vielleicht auch der Front National in Frankreich. Wladimir Putin, Recep Erdogan und Donald Trump sind Politiker, von deren Erfolgen Du Dich in Deinen Ansichten bestätigt fühlst. Und stimmt: Nazis sind die nicht. Nein, auch nicht die von der AfD, von Pegida oder vom FN. Das habe ich auch nicht behauptet, auch wenn einige Aussagen, die AfD-Politiker öffentlich gemacht haben, schon ganz schön rechte Schlagseite hatten. Die Jungs, die Asylbewerberheime anzünden, sind aber sehr wohl rechtsextrem und da gibt es auch nichts zu deuteln. Sieh zu, dass Du Dich wenigstens von denen fernhältst. Auch in ideologischer Hinsicht.

A/B: Querfront: Du bist ganz bestimmt nicht rechts. Denkst Du. Behauptest Du. Und vielleicht warst Du auch mal links, so richtig mit Antifa und allem drum und dran. Die Globalisierung und Dein dickes Ego haben Dich allerdings nach rechts gedrückt. An der Uni immer Maximo Líder, dem/der alle an den Lippen gehangen haben? Oder ein Event-Talent, ein(e) verkannt(e) Künstler(in), ein Freigeist, dessen Ideen bis vor kurzem noch nur Ausgewählte aufgeschlossen gegenüberstanden? Weißt Du, auch andere haben Bauch- und Bruchlandungen hingelegt und ja, ich erinnere mich, Du hast es Dir nicht nehmen lassen, auf ihnen herumzutrampeln. Anstatt zuzugeben, dass Dich die gleichen Ängste plagen, wolltest Du Dich lieber „dem Kapital“ andienen und gleichzeitig hast Du auf andere, wenn sie das Gleiche getan haben, mit dem Finger gezeigt und sie als „neoliberale-Leistungsträger-Nazis“ verunglimpft. Letztendlich, erinnere ich mich, hattest Du dazu geraten, „das jüdische Element“, wie Du es nanntest, „nicht zu stark werden zu lassen.“ Et voilà: Da wären wir. Der Nazi bist Du. Fast jedenfalls, denn ein Körnchen links kann man Dir nicht absprechen. Das und deine – zugegeben – wirklich guten rhetorischen Fähigkeiten machen Dich ja auch so anziehend für andere, ebenso gekränkte Existenzen.

B/C: die verunsicherte Mitte: Du möchtest gerne links sein – weltoffen, tolerant, hilfsbereit – aber diese Welt macht es Dir zunehmend schwer. Von rechts drückt die Querfront, die versucht, Dich – ganz nach Lenin – als „nützlichen Idioten“ bzw. „nützliche Idiotin“ vor ihren Karren zu spannen. Denen macht es einfach Spaß, Dir Angst einzujagen und Dich vorzuführen: Sooo ungemein links bist Du ja wohl doch nicht, oder? Und eigentlich hast Du ihnen doch schon längst Recht gegeben, nicht wahr? Gar nichts hast Du! Sie halten Dich für dumm, aber Du solltest Dich nicht von einem Haufen Spinner aufhalten lassen, der sich aus den eigenen, uneingestandenen Ängsten, ein bisschen rechter Esoterik und Öko-Romantik, sowie einem Tüpfelchen DDR-Muff ein Weltbild zusammengezimmert hat, das vorne und hinten nicht passt. Von der anderen Seite kommen dann die neoliberalen Rabauken, die an der Uni in der Burschenschaft waren und/oder sich politisch in diversen eher konservativ-wirtschaftsnahen Uniablegern größerer Parteien ausgetobt haben oder aber Dir damit auf die Nerven gegangen sind, dass der Vlaams Blok (heute: Vlaams Belang) ihrer Meinung nach gar nicht mal so schlecht sei. Du weißt ja noch – da ging es – abgesehen von blödsinnigen Provokationen – nur um den maximalen Gewinn und warum es doch cool sein sollte, dass ihre Frauen sich für sie aufgespart haben und sie jeden Sonntag zur Beichte gegangen sind, weil sie schwach geworden sind und einen Blick in den „Penthouse“ oder die „Praline“ geworfen haben. Gröhl. Tja, versaut wie sie halt sind … Die Rechtskonservativen finden Dich jedenfalls genauso doof wie die Querfront (was auf Gegenseitigkeit beruht) und mit Entsetzen hast Du festgestellt, dass beide mittlerweile ganz gut miteinander können, also die ehemaligen Superlinken mit den „eher rechts als Mitte“-Leuten. Die einen finden Israel noch schlimmer als die Flüchtlinge, obwohl sie auch keine Muslims mögen und die anderen mögen Muslims nur, wenn sie Kohle einbringen und dann auch nur unter Protest. Manchmal ist Schwanken und Zweifeln aber besser als es immer besser zu wissen. Bleib lieber Du selbst. Allein bist Du damit nämlich nicht.

C/D: Schwarz-grün: Du bist Angela Merkels Musterbürger bzw. Musterbürgerin. Entweder hättest Du Dir nie träumen lassen, dass Du mit dem Kretschmann sogar mal einen grünen Politiker „ganz passabel“ finden würdest oder aber Dir bereitet der Gedanke, dass Angela Merkel bei der CDU ist, echte Bauchschmerzen. Zu Deiner Beruhigung hast Du aber festgestellt, dass sogar bei der taz jetzt viele Redakteure Merkel-Fans sind (Die taz pries sie im März als „Kanzlerin der Herzen“). Du schätzt die Stabilität, für die die Politik von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble steht und findest es gleichzeitig gut, dass Deutschland nicht nur im Sparen Weltmeister ist, sondern auch die offensten Grenzen überhaupt für Flüchtlinge und andere arme Geschöpfe aus der südlichen Hemisphäre hat. Selbst hast Du es durch eine gute Ausbildung und harte Arbeit zu etwas gebracht. Menschen, die es ähnlich halten, dürfen bei Dir immer auf Willkommenskultur hoffen. Allerdings lässt Du Dich auch nicht über den Tisch ziehen. Am Ende des Tages muss die Kasse stimmen und das möchtest Du auch politisch umgesetzt wissen. Schon im eigenen Interesse. Anfällig für rechtslastige Töne bist Du aber nicht, selbst wenn Du insgeheim das eine oder andere Mal Horst Seehofer zustimmst. Trotzdem: Für AfDler und Nazis hast Du nichts übrig. Probleme, meinst Du, sind dazu da, angepackt zu werden. Damit man keine Sisyphos-Arbeit zu leisten hat, fährst Du aber auch gelegentlich mal einem übereifrigen Sozialromantiker über den Mund. Wenn die Leute es besser wissen, so Deine Meinung, dann sollen sie es halt auch selbst besser machen.

D/A: Wirtschaftsliberal & rechtspopulistisch: Das mit dem „rechtspopulistisch“ wirst Du vielleicht von Dir weisen. Dir passt es nur nicht, dass Angela Merkel sich den Grünen so angebiedert hat. Für Einwanderung bist Du ja auch, aber eben mit ein bisschen Verstand. Andere Länder begehen auch keinen „nationalen Selbstmord“, wie Du sagst, sondern suchen sich die Leute, die sie hereinlassen, gut aus. Oder warum etwa sonst haben sich die anderen in der Flüchtlingsfrage so vornehm zurückgehalten? Und selbst die größten Multikultifanatiker werden sich eines Tages eingestehen müssen, dass ihre Schützlinge sich bei Dir politisch viel besser wiederfinden als bei ihnen, denn auch für Einwanderer ist die Familie die Keimzelle der Gesellschaft, auch sie legen Wert auf Tradition und auch sie stehen sexuellen Eskapaden eher skeptisch gegenüber. In ihren Heimatländern geht man diskret damit um und nichts anderes willst Du hier auch. Und auch wenn für Dich selbst kein Zweifel daran besteht, dass Menschen wie Du dazu geboren sind, andere zu führen, gibt es da ein paar Schönheitsfehler, an denen sich Deine Feinde immer wieder aufhängen: Bei einigen von Deiner Sorte ist es z. B. mit der „überlegenen“ Intelligenz, mit der sich Leute wie Du gern brüsten, nicht so weit her. Du hast andere schön als „Verlierertypen“ abgekanzelt und dann kam heraus, dass Dein Doktortitel gekauft, Deine Doktorarbeit abgeschrieben war (Plagiatsaffairen gab es ja u. a. bei dem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) (vgl. Wikipedia) und der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin (vgl. Wikipedia))? Dein Lebenslauf ist in einigen Passagen vielleicht sogar frei erfunden oder zumindest sehr stark aufgehübscht, damit es noch mehr nach „supersteile Karriere mit links hingelegt“ aussieht (wie bei der SPD-Politikerin (ja, ich weiß, SPD) Petra Hinz (vgl. Tagesschau) oder der britischen Konservativen Andrea Leadsom (vgl. Deutsche Welle))? Tja, und auch wenn Dir gerade das so wichtig ist – Du bist eben leistungsmäßig doch nicht so ganz Albert Einstein oder Johann Wolfgang von Goethe: Sicher, das Abi hast Du Dir hart erarbeitet, aber weil deine Noten trotzdem nicht top waren, hast Du dann immer Frauen wie Hillary Clinton als zickige Streberinnen hingestellt, weil die mit dem gleichen Arbeitsaufwand viel bessere Ergebnisse erzielt und Dich weit abgeschlagen in den Schatten gestellt haben. Deine Erfolge im Leben beruhen eben – genau wie vermutlich bei Donald Trump & Co. – leider eher auf Deinen Ellenbogen (ganz zu schweigen von Deinem äußerst wohlhabenden familiären Hintergrund und den gesellschaftlichen Beziehungen, die damit einhergehen) als auf Hirnschmalz. Versteh mich nicht falsch – es geht hier nicht um Intelligenz (vielleicht ist es ja auch so, dass es mit Dir in dieser Hinsicht wirklich so leicht keiner aufnehmen kann). Es geht um ein generelles Menschen- und Gesellschaftsbild, darum, wie man mit anderen umspringt, wie sehr von oben herab man sein darf und ab wann es legitim ist, Rechtfertigungen von jemandem wie Dir zu verlangen. Politisch stehst Du – je nachdem, was Dir persönlich am wichtigsten ist und ob Du mehr D oder mehr A hast – dem rechten Rand der CDU oder der FDP nahe oder aber Alfa oder dem wirtschaftsliberalen oder dem nationalkonservativen Flügel der AfD. Auch ein an „westlichen Werten“ orientierter Rechtspopulismus wie ihn Geert Wilders in den Niederlanden vertritt, könnte Dir vielleicht gefallen. Allerdings: Wilders macht sich auch mit Pegida gemein. In die Richtung läuft es bei Dir vermutlich auch.

Die „Putinversteher“ – Querfront (V)

Man kennt sie noch vom Gymnasium, die Jungs, die eloquent und selbstsicher auftreten, einen mit Fakten bombardieren und am Ende einer Diskussion oft ziemlich dumm dastehen lassen. Wer ein Fach wie Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie oder Soziologie studiert hat, kennt sie auch aus dem Uni-Seminar. Geht es um etwas, von dem man selbst auch ein bisschen Ahnung hat, durchschaut man aber meistens schnell, dass gut gewählte Worte und ein scheinbar schier enzyklopädisches Wissen manchmal denselben Effekt haben, wie wenn jemand ein wildes Tänzchen vor einem aufführt, damit man nicht merkt, was sein Compagnon gerade macht.

Mir ging es beim Lesen von „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (erschienen 2014 im Westend Verlag, Frankfurt/Main) ein wenig so. „Klingt nicht schlecht“, dachte ich. Und dann: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“.

An Wladimir Putin scheiden sich die Geister: Politische Morde, die nie aufgeklärt wurden, Bomben in maroden Wohnblocks, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht am Ende der Staat gelegt hat, Geiselnahmen, die zwar erfolgreich beendet wurden, aber ohne jede Rücksicht auf das Leben der Geiseln und die dubiose Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin, die nie stattgefunden hat – Gründe, dem ehemaligen KGB-Agenten misstrauisch gegenüber zu stehen, gibt es genug.

Dass man trotzdem unweigerlich einen Schritt zurücktritt, sobald einer wie Putin in den Medien zum „bad guy“ aufgebaut werden soll, ist vielleicht ein Reflex aus den Zeiten des Kalten Krieges, als die Sowjetunion für den Westen noch das „Reich des Bösen“ war und „kritisch sein“ v. a. meinte, (oftmals zu Recht) kritisch gegenüber Amerika zu sein. Grundsätzlich gilt aber ja: Sollte man nicht immer erst einmal beide Seiten sehen, bevor man sich ein Urteil bildet?

Putinversteher3

Bröckers und Schreyer, die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“, heben hervor, was Putin in Russland so beliebt macht: Er beendete den Raubtierkapitalismus der Ära Jelzin, als weite Teile der Bevölkerung verelendeten, aber zwielichtige Geschäftsleute quasi über Nacht problemlos zu Multimillionären werden konnten und er sorgte für ein neues nationales Selbstbewusstsein. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hatte man so viel Glück nicht. Kaum dass ein russlandfreundlicher Politiker die politische Bühne betrat, enstand eine Protestbewegung mit publicitywirksamer Symbolik – die Farbe Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien -, bei der – fast schon als Reminiszenz an alte Zeiten – amerikanische Think Tanks im Hintergrund die Strippen zogen.

Es sei jedoch weniger die Sorge um die Menschenrechte, so Bröckers und Schreyer, die den Westen dazu antreibe, sich immer wieder einzumischen, sondern die schnöde Gier nach Rohstoffen und natürlich spielten auch geostrategische Überlegungen eine Rolle.

Ganz abgesehen davon – In den Augen der „Putinversteher“ hat Russland in der Ukraine-Krise legitime Rechte verteidigt, z. B. den Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol auf der Krim, den es gegen rechte Milizen zu schützen galt, die sich – angestachelt vom Westen und von einem faschistoiden Radau-Nationalismus, so die Sichtweise – anschickten, gen Osten zu stürmen. Außerdem sei die Entscheidung des umstrittenen Referendums, dass die Krim zu Russland gehören solle, nachvollziehbar, da die überwältigende Mehrheit der dortigen Bevölkerung russischsprachig sei.

Die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“ schleifen ihre Leser durch eine historische Tour de Force, um um Verständnis für die russische Außenpolitik zu werben: von dem griechischen Historiker Thukydides, über Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli, Carl Schmitt und Stalin bis hin zu dem ukrainischen Faschisten Stepan Bandera werden eine Menge Namen aufgeboten und die Machenschaften transatlantischer Influencer, wie Zbigniew Brzezinski und Victoria Nuland, werden penibel analysiert.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sehr viel unerwähnt bleibt: Im Schlusskapitel wird die Minderheitenthematik z. B. nur kurz gestreift und dann gleich wieder abgebügelt: Die desolate Lage etwa von Homosexuellen in Ländern wie Russland rechtfertige es nicht, dass dafür Bürgerkriege angezettelt würden, so Bröckers und Schreyer. Dass Putin politische Bündnisse mit mehreren quasi-absolutistischen „Alleinherrschern“ und Diktatoren in der Region eingeht und von Putins Gnaden eingesetzte Lokaldespoten, wie z. B. der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, in dem Ruf stehen, auch vor Folter nicht zurückzuschrecken, scheint für die „Putinversteher“ gar nicht erst von Belang zu sein.

Putinversteher2

Richtig gestolpert bin ich aber über den Namen Alexander Dugin, den Bröckers und Schreyer in der Einleitung als ideologischen „Gegenpol“ zur „globale(n) amerikanische(n) Bevormundung“ einführen. Später im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort wird ein bisschen herumgedruckst, dass es Dugin um ein „polyzentrische(s) Eurasien(…) der Traditionen, Religionen und Kulturen“ gehe, das durch einen „starken Staat“ „zusammengehalten“ werden solle. Zwar stufen Bröckers und Schreyer Dugin immerhin als „zutiefst konservativ(…)“ ein, aber sie heben hervor, dass sein Denken ein „Reflex auf den expansionistischen, universalistischen Alleinvertretungsanspruch des amerikanischen Globalismus“ (s. S. 171) sei.

Dugins Wikipedia-Eintrag ist da schon deutlicher: Dort wird Dugin als „Neofaschist“ dargestellt (Version vom 20. Juli 2916), der sich u. a. auf den italienischen Faschisten und Esoteriker Julius Evola beruft. Evola ist in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter: Sein elitäres, metaphysisches Denken spricht rechte Jugendliche, die sich für etwas besseres halten, seit je her an, auch in Deutschland: Am rechten Rand der sog. „schwarzen Szene“, Grufties, Gothics und Mittelalterfreaks, hat man sich mit Evola auseinandergesetzt, ebenso wie in den Kreisen der europaweit agierenden „Identitären“, die hierzulande eng verbandelt sind mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der rechtspopulistischen AfD.

Hier schließt sich der Kreis, denn Putin hat mehrfach die Annäherung an europäische Rechtspopulisten gesucht: Laut Spiegel Online soll der französische Front National finanzielle Unterstützung von russischer Seite erhalten haben. Und der nationalkonservative AfD-Vordenker Alexander Gauland war bereits zum freundschaftlichen Gespräch in der russischen Botschaft in Berlin geladen, wie man z. B. ebenfalls auf Spiegel Online nachlesen kann.

Die Frage ist jedoch, wie das zu linken Spontis passt. Hat sich deren Antiamerikanismus seit dem Ende des Kalten Krieges derart potenziert, dass sie sich jetzt sogar, wenn auch vielleicht nur durch die Hintertür, mit Faschisten und Rechtspopulisten gemein machen, nur um „Uncle Sam“ eins auszuwischen?

Mathias Bröckers, einer der Autoren von „Wir sind die Guten“, schreibt u. a. für die linksalternative Berliner „Tageszeitung“. Er betreute offenbar auch den Internetauftritt der taz, engagiert sich für die Legalisierung von Cannabis und war mit dem Hanfaktivisten Wolfgang Neuss befreundet, wie sein Wikipedia-Eintrag einen informiert. Neuss erlangte mit dem Statement, er würde sogar den Strick, an dem man ihn sonst erhängen würde, rauchen, eine gewisse Berühmtheit in Hippie-Kreisen. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Ich selbst habe es von jemandem, der der taz nahesteht.

Kiffer, Ex-Hippies und „Gutmenschen“ also, die sich für autoritäre Regimes begeistern und mit dem rechten Rand paktieren? Das klingt ein bisschen, als sei da jemand auf dem falschen Trip hängen geblieben. Allerdings muss man sagen, dass Bröckers in der Berliner Linken einen Stein im Brett zu haben scheint. Außerdem hat er sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und fand auch nichts dabei, sich über zwei Stunden auf KenFM von Ken Jebsen interviewen zu lassen.

Die Querfront lässt grüßen. „Wir sind die Guten“ kann vielleicht zu einem ihrer politischen Standartwerke werden.