Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Auf ein buntes 2017!

Yes. 2016 geht zu Ende. Wurde auch langsam Zeit. Irgendwie ist jetzt ein Peak erreicht. Man kann nur noch auf der einen oder anderen Seite runterrutschen. Vor ein paar Tagen ploppte vor mir auf Twitter unter irgendeinem Hashtag ein Video zur Frauenfrage auf: Mahnende junge Gesichter, mit steinernen Mienen verlesene Anklagen gegen Gewalt gegen Frauen. Es hätte irgendwie „Grün ist das neue Lila“ oder etwas in der Richtung sein können. Es war ein Video der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Nach ein paar Sekunden unterbrach ich das Video angewidert. Nichts an dem, was die jungen Frauen mit dem gebotenen Ernst vorgetragen hatten, war falsch. Alle Taten hatten stattgefunden. Sie waren jede für sich genommen so grauenvoll, dass ein psychisch halbwegs normal strukturierter Mensch sich unweigerlich empört und nicht glauben will, dass so etwas vor seiner Haustür geschehen kann: Vergewaltigungen, die Frauen ermordet und weggeworfen wie ein Stück Müll, ein Frauenkörper, der an ein fahrendes Auto gebunden und beim Fahren mitgeschleift wurde, eine andere Frau, bei lebendigem Leib verbrannt, … Es stimmt, dass die Täter immer Flüchtlinge oder zumindest Männer mit muslimischem Migrationshintergrund waren.

Aber etwas an dem Video war falsch und es wäre auch falsch gewesen, wenn es von „Grün ist das neue Lila“ gewesen wäre. Man hatte einfach instinktiv das Gefühl, dass etwas fehlte. Fürchterliche Gewalttaten, die Deutsche oder Menschen mit nicht-muslimischem Hintergrund begangen hatten, blieben unerwähnt. Als hätte es das Folterpaar von Höxter nicht gegeben, dass eine Frau zu Tode gequält haben soll (kein Link wegen der unvorstellbaren Grausamkeit der Taten). Oder die Serienmorde des Belgiers Marc Dutroux in den 1990er Jahren.

In der „Zeit“ von dieser Woche (Print) wurde gefragt: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Massenweise junge Männer aus einem Kulturkreis, in dem Frauen Menschen zweiter Klasse sind, gewaltbereite, traumatisierte Männer. Der Kontrast zu der Berichterstattung von vor gut einem Jahr könnte nicht größer sein. Damals hieß es, wir sollten nur frohgemut in die Zukunft blicken: lauter junge, gesunde Männer kämen da, die vor Tatendrang nur so strotzten und es nicht abwarten könnten, hier zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Deutschland, ein Märchen an Toleranz und christlicher Nächstenliebe, eine Nation, die sich vielleicht ein bisschen zu sehr selbst gefeiert hat, eitel und ohne Maß. Das war ein bisschen zu demonstrativ auf Hochglanz poliert und das Aufgesetzte, Falsche daran stieß mir unangenehm auf. Obwohl ich Hilfsbreitschaft und offene Grenzen gut finde und sicher bin, dass viele Leute, die „nur so“ geholfen haben, jenseits des Medienrummels, es auch so gemeint haben.

Aber vielleicht hatte die teilweise etwas zu euphorische Darstellung in den Medien ihre Gründe. Lag es daran, dass „wir“ nicht mehr die barbarische Nazi-Nation sein wollten, die die europäischen Juden um ein Haar vollständig ausgerottet hätte – obwohl das Ganze schon mehr als 70 Jahre zurück liegt. Ich meine, Erinnerungskutlur ist wichtig und ein gewisses Verantwortungsgefühl, aus der kollektiven Schuld heraus erwachsen, hat einiges dazu beigetragen, dass Europa wieder näher zusammenrücken konnte. Oder sollte Deutschland – in seiner Außendarstellung – einfach  nicht mehr als die unerbittliche, egozentrische Großmacht im Herzen Europas angesehen werden, die in jüngster Zeit den Griechen und Italienern hartherzige Sparkurse aufgezwungen hat, ohne Rücksicht darauf, dass „0 Euro im Portemonnaie“ auch im sonnigen Süden fatal ist.

Vielleicht liegt es aber auch an Texten, wie „Karneval der Kulturlosen“, den Hengameh Yaghoobifarah für das queerfeministische „Missy Magazine“ verfasst hat. Darin beklagt sich Yaghoobirfarah worgewandt und mit dem distanziert-ironischen Blick des Großstadt-Dandys über ein Musik-Festival, dass ihr viel zu „weiß“ gewesen sei. Das Selfie, das dem Artikel beigefügt ist, zeigt eine blasse junge Frau mit dunklen Haaren. Na ja. Aber gut. Yaghoobirfarah: Iran, die Eltern vermutlich mit dem Ende des Schah-Regimes nach Deutschland gespült, zu Recht, denn Ayatollah Khomeini war ja auch so einer, der den „kleinen Leuten“ den Rücken stärken wollte und dabei mitunter sehr brutal gegen Leute vorging, die zuvor allerdings ihrerseits rücksichtslos auf Kosten der verarmten breiten Masse einem märchenhaften Luxus gefrönt hatten, der wiederum in Deutschland in der Tabloid-Presse bewundert und begeistert bis ins noch so kleinste, unwichtigste Detail beschrieben wurde.

Ok, vielleicht ist es auch anders. Aber ich habe schon ein paar Kolumnen von Yaghoobirfarah im „Missy Magazine“ gelesen. Ich fand  sie immer gut geschrieben, aber – trotzdem sie „queer“ gelabelt waren – wurden sie mit den strengen Geruch heteronormativer Straightness irgendwie nicht los: Mode, Pink, sexy, süß und selbstbewusst, wenn auch nicht ganz schlank. Ist ja gut. Hat ja niemand etwas dagegen, wenn Frauen sich auch dann attraktiv fühlen, wenn sie nicht in dem Körper von Melania Trump (bzw. in dessen von plastischer Chirurgie noch unangetasteten Urzustand) geboren worden sind. Nein. Ich habe wirklich nichts dagegen. Ich finde es nur nicht „lesbisch“ oder „trans“ oder überhaupt irgendwie „anders“. Obwohl Yaghoobirfarah auch die fehlende Queerness beim Fusion-Festival anprangert. Alle ihre Freunde seien schließlich „queer“ oder „of color“. Na ja, würde man das . von außen betrachtet – auch so sehen? Oder würde man denken: „Boah, die haben Kohle!“ Oder „Wäre mir ein bisschen zu bunt, dieser Techno-Mooshammer-Look!“ Oder „Hoffentlich erwarten die nicht, hier als „Männchen“ „gelesen“ zu werden. Ich würde gern ohne dumme Anmachen und Arschgeglotze von irgendwelchen Pseudo-Lesben auskommen!“ Klar, das wären auch Vorurteile. Schade eigentlich.

Yaghoobirfarah dagegen beschwert sich, dass Weiße sich erdreisteten, „black and brown food“ zu servieren. Ich habe mir fest vorgenommen, ihr, sollte ich ihr je persönlich begegnen, die Pizza aus der Hand zu reißen, falls sie gerade dann eine essen würde (Das darf sie nicht essen! Das ist nicht ihrs! Die ist nicht Spaghetti genug!). Auch dann übrigens, wenn es eine arabische Pizza wäre und keine italienische. Wusstet ihr, dass Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus das Licht der Welt in Ägypten erblickt hatte? Dort lebte zu früheren Zeiten eine italienischstämmige Minderheit. Marinetti, ein glühender Nationalist, verfasste sogar das futuristische Manifest auf Französisch. Nein, es erschien nicht, wie man es von einer rechten, nationalchauvinistischen Bewegung erwarten dürfte, in einem politisch entsprechend ausgerichteten italienischen Blatt, sondern im französischen „Figaro“! Marinetti, der französische Schulen besucht hatte, fühlte sich schlicht nicht sicher genug in der italienischen Sprache. Das ist in etwa so, als ob Alexander Gauland in den USA aufgewachsen und dort an teuren Elite-Instituten intellektuell herangebildet worden wäre. Er würde vielleicht immer „ick“ statt „ich“ sagen und das „r“ komisch aussprechen. Und dann würde er in der us-amerikanischen „Washington Post“ ein Manifest der AfD veröffentlichen, auf Englisch natürlich, so dass es der doch so eifrig umworbene „kleine Mann“ gar nicht lesen könnte. In dem Manifest wäre die Rede davon, dass die deutsche Nation zu neuem Glanz und neuer Kraft auferstehen sollte und sich eine neue ur-eigene Kultur auf der Höhe der Zeit erschaffen solle, mit der sie wieder die ihr gebührende Führungsposition in der Welt einnehmen könnte. Also, so in ungefähr.

Wer jetzt lacht, kann ja mal überlegen, wie das mit Pop-Musik ist. Na, ist der Teint der Yaghoobirfarah nicht doch etwas zu hell, um sich Musik reinzuziehen, die von afrikanischen Sklaven – jawohl: Schwarzen! – wesentlich geprägt wurde?! In Ordnung, es steckt auch eine Menge europäischer Unterschichtsmusik drin. Aber das ist der Yaghoobirfarah ja, so wie ich sie verstehe, zu weiß. Und sie ist immerhin weder Unterschicht noch Afrikanerin. Auch wenn es vielleicht so gemeint war, dass sie sich damit doch irgendwie auch „identifizieren“ darf, genau wie auch mit dem Judentum (Yaghoobirfarah schreibt in „Karneval der Kulturlosen“, dass sie sich zur Tarnung „Sara“ genannt habe, weil man den Namen auch jüdisch lesen könne. Gut. Verschweigen wir an dieser Stelle lieber, dass z. B. der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seinen antisemitischen Tiraden zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Der Iraner an sich ist aber selbst auch irgendwie Jude. Er ist ja auch „der andere“. Basta.). Mehr jedenfalls als so richtig Weiße, also mehr als die falschen Weißen, nicht dass jemand noch auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob die langhaarigen blonden Mitstreiterinnen des „Missy Magazine“ nicht irgendwie absolut dem Stereotyp deutsche Upper-Class-Whiteness entsprechen, also „white as white can be“ sind.

Ich weiß, es geht um Klicks. Aber leider auch nicht nur. Es ist immer nur „Top oder flop“, „guter Flüchtling – böser Flüchtling“, ein trotz aller Wortakrobatik erschreckend schlichtes, oder sagen wir es ruhig: ein strunzdoofes Denken. Aber vielleicht hilft es ja, dass die „Identitäre Bewegung“ irgendwann dann doch als hip dastehen kann. Einfach weil jeder sich nur noch Gedanken darüber macht, wie er (oder sie) sich als „anders“ gegen andere abgrenzen kann – eine in miteinander um Vorherrschaft ringende Kleingruppen zerfallene Gesellschaft, in der die innen und außen hochgezogenen Grenzen unüberwindlicher nicht sein könnten. Oder wir geben uns einen Ruck und suchen uns ein intellektuell etwas fruchtbareres Tal. Wird ja auch langsam Zeit. Herzlich willkommen 2017!

Also doch Trump!

Ich hatte es für einen schlechten Scherz gehalten, aber es ist wahr: Donald Trump ist Präsident der USA geworden. Irgendwie herrscht jetzt eine Art angespannte Stille. Hierzulande zumindest, denn in den USA scheinen ja jeden Tag Unmengen an Leuten auf die Straße zu gehen, um gegen Trump zu protestieren. Das ist einerseits beruhigend, denn es zeigt, wie knapp der Sieg war und wie viele Menschen eher abgestoßen von Trumps sexistischen und rassistischen Eskapaden waren und sind. Andererseits: Tagelang andauernde Massenproteste, wütende Menschen, und das in der ohnehin schon angeheizten Stimmung – Man denke nur an die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt und die Schüsse auf weiße Polizisten vor ein paar Monaten – hat es nicht in Syrien auch so angefangen?

Ist das jetzt die Apokalypse und der Anbruch eines neuen, autoritären, wenn nicht faschistischen Zeitalters oder wird letztendlich alles nicht so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt? Vielleicht wird Donald Trump ein zweiter Ronald Reagan oder George W. Bush. Nicht schön, wenn man an die Spannungen in der arabischen Welt denkt, aber vielleicht auch irgendwie vier Jahre durchzuhalten, zumal Trump sich außenpolitisch ja offenbar zurückhalten will.

Was geht’s uns also in good ol‘ Europe an? Müssen wir befürchten, dass nächstes Jahr schon Frontisten in Frankreich mit Marine Le Pen an der Spitze und die AfD in Deutschland stramm in die Parlamente und Regierungskabinette durchmarschieren? Geht es um Denkzettelwahlen oder um die Dummheit des „kleinen Mannes“, der nicht sehen kann, dass Faschismus nicht die Lösung ist?

Und wenn hinter dem Stereotyp der rechtswählenden Dumpfbacke aus der Provinz ein paar Leute stehen, die sehr gut wissen, was sie tun? Leute mit Geld und Universitätsabschlüssen, denen es nicht darum geht, das Establishment für seine hochnäsige Ego-Politik abzuwatschen?

Trugschluss Nr. 1: böse weiße Männer

Selbst mir geht es mittlerweile auf die Nerven: Immer ist da jemand, meist eine arrivierte weiße Frau, die was von der „Angst alter weißer Männer“ schwafelt, Macht an Minderheiten und Frauen zu verlieren. Machen wir uns nichts vor: Marine Le Pen ist eine Frau, Frauke Petry auch. Sowohl der Front National als auch die AfD haben genug Homosexuelle in ihren Reihen, die AfD kann sogar hier und da mit rechtskonservativen Migranten punkten. Es gibt auch böse weiße Frauen, die nichts dabei finden, wenn einer anderen in den Schritt gegrapscht wird oder jemand unverhohlen offen lästert, neben einem schwarzen Fussballspieler wolle doch niemand wohnen. Gucken wir uns an, was die Leute sagen, nicht, ob sie rein äußerlich irgendwie den Eindruck machen, nicht zum ol‘ Boys Network zu gehören. Soviel Respekt ist man Frauen und Minderheiten eigentlich auch schuldig.

Trugschluss Nr. 2: Es sind die Abgehängten und Frustrierten

Nein, es sind überraschend viele Leute, denen es finanziell richtig gut geht. Vielleicht sogar besser als noch vor 20 Jahren, wenn man bedenkt, dass die soziale Schere ja immer weiter auseinanderklafft, die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man kann natürlich darüber sinnieren, dass auch die obere Mittelschicht Abstiegsängste hat, angesichts der Globalisierung und der vielen gut und sehr gut ausgebildeten Ingenieure und IT-Experten, die aus allen Ländern der Welt herbeiströmen und ihren Kindern den Parkplatz vor dem Luxus-Club streitig machen.

Aber ich persönlich glaube nicht so recht daran. Zumindest, was Deutschland betrifft (mit den USA kenne ich mich wirklich zu wenig aus). Ich glaube eher, dass diese Leute den Eindruck haben, dass die Zeit reif ist, für eine Bundesrepublik an der jemand wie Franz-Josef Strauß seine helle Freude gehabt hätte: Offiziell „nur“ konservativ, aber ohne allzuviel demokratischen Firlefanz, gerne offen mit dem Faschismus flirtend. Immerhin fand Strauß seinerzeit nichts dabei, der faschistischen deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile einen Besuch abzustatten. Warum also sollte sich einer wie Alexander Gauland zusammenreißen?

Ja, man muss den Turbo-Kapitalismus irgendwie eindämmen. Globalisierung geht nicht unbegrenzt. Und ja, man muss den Leuten wieder Chancen geben, Hoffnungen, Perspektiven. Und natürlich darf man die terrorristische Gefahr nicht unterschätzen. Das zeigt das Beispiel Frankreich sehr gut, aber hierzulande kann Gewalt auch von anderer Seite, auch von rechts kommen.

Vielleicht muss man aber gleichzeitig, und da muss ich Leuten wie Carolin Emcke recht geben, auch generell ein bisschen am gesamtgesellschaftlichen Klima arbeiten. Dieses ganze Foppen und Verarschen, dass Gruselclowns so lustig sind, Hasskommentare durchaus legitim und immer mal wieder jemand kalkuliert „mit der Maus ausrutscht“. Vielleicht hat ja auch Donald Trump auf diese Karte gesetzt. Ich weiß es nicht. Wenn, dann kann man nur hoffen, dass die Strategie wie Zuckerwatte in sich zusammenfällt, bevor Rechtspopulisten in Europa nennenswert Kapital daraus schlagen könnten.

 

Rechts & durchgeknallt? Ein bunter Berliner Reigen quer durch die Querfront

Berlin ist bunt. Vor allem kann es auch mit einer Fülle an Braunschattierungen aufwarten. Das Problem ist allerdings: Man trifft immer da auf sie, wo man gar nicht mit ihnen rechnet. Zumindest war mir persönlich lange Zeit nicht klar, wie ich ältere Frauen aus der höheren Gesellschaft, die vollkommen fixiert darauf waren, mir nachzuweisen, dass sie sehr viel bessere Fremdsprachenkenntnisse haben als ich (weiß der Teufel, wieso) mit Kiffern, ehemaligen Stasi-Agenten und künstlerisch-esoterisch angehauchten Freigeistern zusammenbringen sollte. Der Tipp „BRD GmbH“ brachte schließlich den Durchbruch:

„BRD GmbH“: Der Staat als Unternehmen – Kapitalismuskritik 2.0

Irgendwo in Kreuzberg auf einer Abendveranstaltung drang es mal so halb an mein Ohr: „BRD GmbH“. Ich hatte das als etwas blumig ausgedrückte Kritik am „Kapital“ und seiner erdrückenden Ominpräsenz in Politik und Gesellschaft gewertet. Die Nuller Jahre gingen ihrem Ende entgegen, die „Bolkestein-Direktive“ war als Idee, kostspielige Sozialsysteme und aufwendigen Arbeitnehmerschutz endgültig Geschichte werden zu lassen, gerade ausgestanden. Die weltweite Finanzkrise dagegen war in vollem Gange und hielt auch die Hauptstadt in ihrem Würgegriff. Von daher fand ich es nicht ganz unberechtigt, es zu kritisieren, dass ein wildgewordener Manchesterkapitalismus der Politik in scheinbarer Alternativlosigkeit seinen Kurs aufzwang: Der Staat also sozusagen als Unternehmen, das nach den Prinzipien „Cashflow“ und „erster am Markt sein“ geleitet werden sollte. Gut.

Wenn Künstlertypen ungemütlich werden

Ich ging jedenfalls davon aus, es mit Künstlertypen zu tun zu haben und schob den etwas bizarren Begriff darauf. Dass diese Leute nicht in erster Linie Gesellschaftskritik üben wollten, sondern sich nicht als Bürger der Bundesrepublik Deutschland ansehen, dafür aber als sog. „Reichsbürger“, wusste ich nicht. Genau genommen wusste ich überhaupt nicht, was „Reichsbürger“ sind. Ein Prominenter, dem eine Nähe zu den „Reichsbürgern“ nachgesagt wird, ist Pop-Sänger Xavier Naidoo, der Deutschland um ein Haar im letzten Jahr beim Grand Prix de la Eurovision vertreten hätte. Nähere Informationen dazu findet man auf Wikipedia. Allerdings – und so kontrovers der Fall Naidoo auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist – muss man fairerweise sagen, dass die „Reichsbürgerszene“ sehr heterogen ist. Einen ersten Überblick dazu gibt ein Interview, das Ute Welty mit dem Politologen Steffen Kailitz auf Deutschland Radio Kultur geführt hat: Im besten Fall ist das mit den „Reichsbürgern“ offenbar mehr oder weniger ein Trick, um keine Steuern zahlen zu müssen. Im schlimmsten Fall geht es um „Deutschland in den Grenzen von 1939“, also das „Deutsche“ (oder auch „Dritte“) „Reich“ und das ist genauso rechts, wie es klingt.

Eine kreative Methode, um Steuern zu hinterziehen?

Vielleicht holen die Harmloseren unter den „Reichsbürgern“ einfach ein bisschen sehr weit aus, um Behörden klar zu machen, dass sie keine Steuern zahlen werden (Wozu? Man lebt ohnehin im eigenen Königreich mit eigener Flagge und eigener Gesetzesgebung). Sich an irgendeine Steueroase zu wenden, wäre jedenfalls einfacher.

Der braune Faden in der „Reichsbürgerszene“ zieht sich dann weiter durch Milieus, wo von „Chemtrails“ und „Mondnazis“ die Rede ist. Die Annahme, dass unsere Luft mit Chemikalien verseucht wird, um die Bevölkerung mürbe zu machen, klingt nach „von Aliens entführt“ und in genau die Ecke gehört es wahrscheinlich auch. Warum ich das denke? Na ja, Leute wie Angela Merkel und Lothar de Maizière müssen ja die gleiche Luft einatmen, wie die „Reichsbürger“ (und alle anderen) auch. Schon im eigenen Interesse würde man sich also darum kümmern, wenn da etwas dran wäre.

Ob auf dem Mond Nazis leben, weiß ich nicht. Für sehr wahrscheinlich halte ich es nicht, aber vielleicht könnte man bei Gelegenheit ein paar Vorräte anlegen, nur so für den Fall, dass eine faschistische Alieninvasion droht.

Antisemitismus mit psychotischen Zügen

Mögliche Gründe dafür, warum ausgerechnet einige altehrwürdige Mitglieder der „guten Gesellschaft“ mit Rechtsdrall ihr Herz für (bestimmte) Menschen mit skurillen Ansichten – und in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch psychischen Problemen – entdeckt haben, erfährt man in den sozialen Netzwerken: #brdgmbh ist sogar ein eigener Hashtag auf Twitter. Weiter geht es um die „Jüdin“ Angela Merkel, die zur zweiten Rosa Luxemburg stilisiert wird (und ich hatte die CDU immer für eine konservative Partei gehalten!), „ethnische Säuberungen“, die angeblich – quasi ein „Genozid“ – durch Einwanderung an Deutschen begangen würden, die „Familie Rothschild“, die, so wird behauptet, die deutsche Politik vom fernen Amerika aus steuert, den „Rassewahn“, den man paradoxerweise gerade Linken gerne vorwirft (neben „Genderwahn“, überhaupt scheint „Wahn“ in diesem Milieu ein beliebter Begriff zu sein, vielleicht, um von sich selbst abzulenken?). Und obendrauf gibt es noch jede Menge moralische Twitter-Unterstützung für den US-Präsidentschaftskandidaten und Geschäftsmann Donald Trump.

Dass Antisemitismus so unverblümt geäußert und in die krudesten Verschwörungstheorien eingebettet wird, kann einen eigentlich nur verstört zurücklassen. Allerdings gibt es auch Accounts, die sich ausdrücklich als „pro-israelisch“ bezeichnen und sich ganz auf den Islam als vermeintliche „Wurzel allen Übels dieser Welt“ einschießen. In den meisten Fällen wird jedoch ein Zusammenhang gesehen zwischen einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, Kanzlerin Angela Merkel (die auf jeden Fall weg muss, wie immer wieder betont wird) und islamistischem Terror. Auch Kriminalität, die ausschließlich als Einwandererproblem betrachtet wird, ist häufig Thema am rechten Rand des Internets, weshalb man sich mit Verve auf jede Tat stürzt, in die Flüchtlinge und Migranten irgendwie involviert sind.

Ein x-beliebiger Polizeibericht müsste eigentlich ausreichen, um solche Denkweisen zurechtzurücken. Und natürlich klingt das, was man im Internet so liest, ein bisschen, als hätten sich die (vielleicht berechtigten) Ängste von ein paar Leuten, sozial an den Rand gedrängt zu werden, zu wahnhaften Ideen ausgewachsen.

#Kudla: Die „Sorgenkinder“ der ehrenwerten Gesellschaft?

Dass der verschwörungstheoretische, in einigen Fällen psychotisch anmutende Ansatz zum Teil durchaus anschlussfähig an das rechtskonservative Lager ist, bewies in den letzten Tagen die Affaire um die CDU-Politikerin Bettina Kudla. Kudla hatte auf Twitter von einer drohenden „Umvolkung“ gesprochen – den Tweet und einen entsprechenden Bericht findet man u. a. auf Spiegel Online – und sie ist nicht die einzige, die versucht, mit Nazi-Vokabular Aufmerksamkeit zu erregen. Auch Frauke Petry hatte sich kürzlich öffentlich dafür ausgesprochen, den Begriff „völkisch“ wieder positiv zu deuten. Offenbar sind 70 Jahre für die Generation Internet eine zu lange Zeitspanne, um sich noch daran zu erinnern, wie das mit dem Nationalsozialismus damals geendet ist. Leider.

Die Frage ist aber: warum heizen konservative und rechtspopulistische Politiker, denen doch eigentlich daran gelegen sein müsste, „regierungsfähig“, also seriös zu erscheinen, diesen Schwachsinn auch noch an, anstatt sich klar davon abzugrenzen? Oder birgt das verschwörungstheoretische Milieu am Ende ein Wählerpotenzial, auf dessen Beifall keine ehrgeizige rechtskonservative Strömung in diesem Land verzichten möchte?

Die Friedensmahnwachen: Das linke Milieu kippt nach rechts

Nicht immer ist das Internet ein Spiegel der Wirklichkeit. Manchmal allerdings schon: In den sozialen Netzwerken ist in der rechten Ecke von AfD-Manga-Figuren über Meme-Frösche bis hin zu altertümlich anmutenden Wappen und anderen einschlägigen Insignien alles vertreten. Ein ähnlich buntes Bild dürften offline auch die Berliner Friedensmahnwachen von 2014 geboten haben. Bei dem Wort „Frieden“ reibt man sich erst einmal die Augen. Eigentlich kann man das beim besten Willen nicht mit rechtslastigem Gedankengut in Verbindung bringen und man fragt sich, ob man da nicht etwas falsch verstanden hat.

Zwar soll, wie die taz berichtete, 2014 alles in gewohnter Ostermarsch-Manier unter dem Label der Friedenstaube gelaufen sein, nur dass Redner aufgetreten sind, deren Glaubwürdigkeit als Linke sich in Grenzen hält – etwa Ken Jebsen, dessen Karriere als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg 2011 abrupt endete, als Antisemistismus-Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, oder der „Compact“-Herausgeber Jürgen Elsässer, der auf seinem Blog keinen Hehl daraus macht, dass er die AfD und sogar die ins Visier des Verfassungsschutz geratene „Identitäre Bewegung“ unterstützt. NPD-Mitglieder sollen, wie Erik Peter in der taz schreibt, auf der Berliner Montagsmahnwache gesehen worden sein und auch deren Organisator Lars Mährholz werden Kontakte ins rechtsextreme Milieu nachgesagt. Dass da etwas dran ist, hat Stefan Lauer in einer Kolumne auf Vice belegt. Allerdings ging es, wie die Berichte der taz und von Vice nahelegen, auch auf den Montagsmahnwachen für den Frieden um einen kruden Mix aus Verschwörungstheorien, verbrämtem Antisemitismus und schrilleren antiamerikanischen Tönen, der auch im Internet häufig anzutreffen ist. Anlass für den von außen widersinnig erscheinenden Schulterschluss von rechts und links war offenbar der Krieg in der Ukraine. Getragen wurden die Proteste aber, so scheint es, eher von einem Milieu, dass schon vorher diffus „dagegen“ und offen für die abstrusesten Welterklärungen war, also u. a. auch von Leuten, die sich in der „Reichsbürgerszene“ bewegen, in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der sog. „alternativen Medien“ im Internet.

Vielleicht hilft es, an dieser Stelle einen Blick auf eben diese „alternativen Medien“ zu werfen und sich, da es ja um den Ukraine-Konflikt geht, v. a. „Russia Today deutsch“ genauer anzuschauen.

Nicht-p. c. als Kassenschlager: „alternative Medien“ im Internet

Der Erfolg der „alternativen Medien“, der in den letzten Jahren immer wieder mit wachsender Besorgnis beobachtet wurde, ist nicht ganz zufällig. Es scheint irgendwie mit „Political Correctness“ und dem Gefühl zu tun zu haben, dass man im Fernsehen und in der Tagespresse nur noch einen Bruchteil von dem, was los ist, mitbekommt. Natürlich, wir leben nicht in einer Diktatur und von daher kann man wohl kaum von einer „staatlichen Lenkung“ der Medienwelt sprechen. Andererseits sind Journalisten auch nur Menschen und auch der ein oder andere Politiker dürfte schwach werden bei der Option, sich medial etwas unterstützen zu lassen und dafür vielleicht im Gegenzug einige Karrieren zu pushen. Wie so oft liegt auch bei einer vollkommen überzogenen, lächerlich erscheinenden Kritik nicht unbedingt immer richtig, wer alles damit abzubügeln versucht, dass doch in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall sei. Irgendwann kommt sie raus, die Bestechungsgeldaffaire, der Filz, die Verstrickung von Macht, da wo sie nicht hätte sein dürfen und selbst der unglaubwürdigste Verschwörungstheoretiker fühlt sich bestätigt. Hatte er es nicht gesagt?

Beziehungsweise: es kommt darauf an: Klar, es gibt keine „jüdische Weltverschwörung“ und keine „Protokolle der Weisen von Zion“, aber es gibt menschliche Schwächen und Korruption. Mit der „Political Correctness“ ist es wie mit dem medialen Mainstream: Sie hat ihren Sinn, aber eben nur mit Maß: Manche Menschen erkennen einfach überall Rassismus, selbst da, wo keiner ist. Andere wiederum bestehen darauf, dass „Neger“ etwas ist, was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Auch dann, wenn es jemand als verletztend empfindet und es eigentlich mindestens 100 andere Worte gäbe, die weitaus weniger diskriminierend wären. Manchmal nimmt der Krieg um Worte befremdliche Züge an. Und es ist einfach nur abstoßend, wenn man sich anschaut, wie rechtspopulistische Politiker mit Nazi-Vokabular und unverhohlener Diskriminierung um sich werfen, als gäb’s dafür etwas zu gewinnen (siehe oben: #Kudla, #Petry).

In rechten Kreisen legt man es nach Selbstaussage (Inhalt diverser Tweets) offenbar geradezu darauf an, Linke mit solchen Aussagen zu „triggern“. Sprich: sie alle wollen die bösen Kinder vom Schulhof sein, die dem Lehrer den nassen Schwamm auf den Stuhl legen, damit der sich mächtig ärgert und man selbst die Lacher auf seiner Seite hat. Wenn man Nazi-Witzchen nicht lustig findet, bleibt einem dann nur noch, still bei sich zu denken, dass manche wirklich besser daran täten, ab und zu einfach mal den Mund zu halten. Man sagt es aber eben nicht, weil es irgendwie auch ein ungeschriebenes Gesetz gibt, dass man den Leuten nicht leichtfertig unterstellen darf, sie seien rechts, eine Art „Maulkorb“ von der anderen Seite sozusagen. „Political Correctness“ kann also nervtötend und eine Last sein, wenn sie übertrieben wird, aber ob sie tatsächlich gesellschaftlich so tief verankert ist, wie ihre Gegner gern behaupten, ist fraglich.

Ausdrücklich NICHT politisch korrekt sein zu wollen und alles offen auf den Tisch zu packen (oder zumindest den Eindruck zu erwecken, das zu tun), ist längst eine Marktlücke, die Medien wie „Russia Today deutsch“ bedienen. Dass „RT deutsch“ nicht unbedingt Stimmung gegen die Politik von Wladimir Putin macht, kann man sich sicherlich denken. Davon abgesehen aber hat sich der Sender auf die Fahnen geschrieben, „neutral“ und schonungslos offen zu berichten, was – je nach Standpunkt in den „Qualitätsmedien“ oder in der „Pinocchio-Presse“ – unerwähnt bleibt. Ob damit gemeint ist, dass öffentlich in die Kritik geratenen Persönlichkeiten wie Eva Hermann oder den Montagsmahnwachesprechern Ken Jebsen und Andreas Popp ein Forum gegeben werden soll, ob Aspekte, die in den Mainstreammedien vernachlässigt werden, mehr Gewicht erhalten oder ob generell der russische Standpunkt näher beleuchtet werden soll, auch wenn es um innerdeutsche Angelegenheiten geht, sei mal dahingestellt. Ganz so einfach ist es nun auch nicht, ein Medienkonzept als Ganzes zu analysieren. Daher will ich es hier bei einigen Aspekten belassen, die mir persönlich aufgefallen sind.

Eine Alternative oder einfach die russische Perspektive?

Akademisch-penibel ausgearbeitet wirkten die Beiträge von „RT deutsch“, die ich mir stichprobenartig angesehen habe, nicht unbedingt. Dafür schien alles eingängig aufbereitet und ähnlich knallig präsentiert zu sein wie z. B. „Compact“. Vielleicht handelt es sich um die Internetversion des „Unterschichtenfernsehens“ oder aber ich habe die wirklich guten, auf meine Zielgruppe zugeschnittenen Sachen zufällig einfach nicht gesehen. „Rechte Hetze“ kann man „Russia Today deutsch“ nicht wirklich vorwerfen, wohl aber, wie gesagt, eine „parteiische“ Berichterstattung zu Gunsten Russlands.

Das spiegelt sich auch in den Kommentaren wieder, die es politisch z. T. in sich haben. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Kommentatoren einander der „Russophobie“ verdächtigen, auch wenn es in dem kommentierten Beitrag gar nicht um Russland geht. Beim Thema AfD scheint die „RT deutsch“-Community allerdings gespalten zu sein. Das wird u. a. in einem Stream zu einem am 30. Mai 2016 ausgestrahlten Interview mit der AfD-Politikerin Frauke Petry deutlich: User „Cobra“ kommentierte noch am selben Tag: „Europas Kinder werden zur Schlachtung freigegeben. (…) Eine neue Welle von brutale Gewaltmenschen aus Afrika rollt auf Europa zu, (…)“. Andere äußerten sich dagegen klar ablehnend zur AfD. Auch die Themen „Meinungsfreiheit“ und „Gegenöffentlichkeit“ werden in der „RT deutsch“-Community angesprochen: Zu dem Beitrag „Die Anti-Deutschen: Antifa oder doch pro fa“ vom 02. April 2015, bei dem auch Ken Jebsen zu Wort kommt, schrieb User „Kakud“ z. B. am gleichen Tag: „Ja, wer in Deutschland sich gegen Neokapitalismus und Unterdrückung wehren möchte, ist schnell ein Nazi oder Antisemit. Die Strategie hat schon über Jahrzehnte geholfen uns Mundtod zu machen. Ein Beispiel: Wer das Wort „Lügenpresse“ verwendet, der soll angeblich ein Wort verwenden, den die Nazis benutzt haben.“

Der Top-Spion und die Piratin

Ob Leute wie „Topas“ wissen, dass man im „Russia Today deutsch“-Umfeld z. T. recht wenig Berührungsängste mit dem rechten Rand hat? Und würde das eine Rolle spielen? „Topas“ war, so stellt ihn zumindest sein Wikipedia-Eintrag dar, einmal einer jener westdeutschen Linken, die nicht nur Däumchen drehen wollten. Mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Rupp und stammt ursprünglich aus der Nähe von Trier im beschaulichen Rheinland-Pfalz. Dass Rupp nicht nur ein unbescholtener Bürger war, der sich sein kleines Leben in der westdeutschen Provinz eingerichtet hatte, kam erst sehr viel später heraus. Als Top-Spion für die Stasi habe er einst einen Atomkrieg verhindert, sagt der Rupp über sich selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Heute arbeitet er als Journalist, u. a. für das „Neue Deutschland“ und bis 2016 auch für die „Junge Welt“. „RT deutsch“ hat ihm ein Interview gewidmet. „Ken FM“ übrigens auch. Die Welt der Informationen und „Gegeninformationen“ ist für den Mann gewiss keine unbekannte.

Aber ganz gleich, was man über die Stasi denkt, in der rechten, AfD-nahen Ecke kann man sich einen wie Rupp nicht vorstellen. Auch Lea Frings passt da nicht hin. Die „Russia-Today deutsch“-Mitarbeiterin engagiert sich, so ließt man in ihrer Selbstdarstellung, seit Jahren politisch, erst in der Linkspartei, jetzt bei den Piraten. Frings war u. a. Yogalehrerin, bevor sie in den Medienbereich wechselte. Mittlerweile hat sie bei „RT deutsch“ laut Vice ihre Kündigung eingereicht und sieht ihre Mitarbeit rückblickend kritisch. Die junge Frau mit den auffälligen blonden Dread-Locks und dem bunten Techno-Look wirkt keineswegs so, als wolle sie sich in den Zirkeln „Eingeweihter“ von der Außenwelt und vom Mainstream abgrenzen. Sie scheint ganz im Gegenteil das junge, kreative und weltoffene Berlin geradezu symbolhaft zu verkörpern – sowohl von ihrer Biographie als auch rein vom Äußerlichen her.

Ein guter Draht zur Businesswelt?

Ein etwas anderer Typ scheint da die „RT deutsch“-Vorzeige-Moderatorin Jasmin Kosubek zu sein: sehr jung, adrett gekleidet, weich fallende, perfekt fristierte lange Haare und ein sorgfältig geschminktes Gesicht. Kosubek ist, was den Medienbereich betrifft, genau wie Lea Frings eine Quereinsteigerin, wie ihr Wikipedia-Eintrag bestätigt: Die studierte Betriebswirtin soll, so heißt es weiter in einem Blogbeitrag bei „BerlinMag“, zunächst für das renommierte Beratungsunternehmen KPMG gearbeitet haben. Das klingt, als habe sie ursprünglich eine ganz andere Karriere geplant, aber die Wege in den Journalismus sind ja oft verschlungen und unergründlich. Auffällig ist jedenfalls, wie verschieden die Menschen bei „Russia Today deutsch“ und um „Russia Today deutsch“ herum offenbar sind. Von linksaußen bis zum Rechtspopulismus, von cooler urbaner Hipness bis hin zu einer pragmatischen Businessorientierung scheint alles dabei zu sein. So wirkt es jedenfalls.

Zwischen hipper Coolness & Gegenöffentlichkeit: Das neue Berlin

Was alle diese Menschen miteinander verbindet und ob es überhaupt etwas gibt, das sie miteinander gemein haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lea Frings, die Ex-„RT deutsch“-Mitarbeiterin, sich 2014 mit ihrem Freund, dem in der veganen Szene bekannten Marsili Cronberg für die umstrittenen Berliner Friedensmahnwachen engagierte. Vielleicht hat der Konflikt in der fernen Ostukraine in Berlin und anderen deutschen Großstädten aber auch nur nur hochgespült, was schon lange im Untergrund gärte: Unzufriedenheit, das Gefühl, politisch und auch sonst in der Sackgasse zu stecken, dass es da noch etwas anderes geben müsste als den Ist-Zustand, Gegenöffentlichkeit: eine Menge brauner Morast und schrille Esoterik als Protest des 21. Jahrhunderts, aber sicher auch Menschen, die eigentlich etwas anderes wollten und sich, bei Tageslicht betrachtet, auf solche Dinge nicht einlassen würden. Ein Fazit lässt sich jedenfalls nicht ziehen, außer eben, dass man die weitere Entwicklung sehr genau beobachten sollte.

rechte Rebellen – oder: Was heutzutage cool ist

bully6Sexportale, die sich offensichtlich Ausschnitte aus meinem Blog in die Description ihrer Seiten kopiert haben. Sehr wahrscheinlich sind sie nicht von allein darauf gekommen, sondern es hat jemand nachgeholfen: In Kreuzberg hängen Queer, Porno und leider auch Rechtsextremismus zum Teil zusammen, wie ihr hier nachlesen könnt. Zum Glück ist das nicht grundsätzlich so, aber die Frage stellt sich eben schon: Was ist heute noch links und was ist rechts? Oder ist das alles eine Soße?

Von welcher Seite kommt die „konservative Revolution“?

Auf taz.de macht sich Dirk Knipphals Gedanken über Konservative. Das ist das Gebot der Stunde, denn die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben gezeigt: Zwar haben „nur“ gut 20 % AfD gewählt, aber zusammen mit der CDU immerhin 40 % konservativ. Wenn man die Wahl wirklich als „Test“ für die Bundestagswahlen 2017 sehen will, muss man sich dieser Frage stellen: Weht ein neuer konservativer Zeitgeist durch die Republik? Und warum sind links-liberale Ideen für viele Menschen nicht mehr so attraktiv? Ist das ein weltweiter Trend? Oder ist das links-liberale Denken irgendwie nicht mehr so ganz glaubwürdig? Liegt es daran, dass links und rechts allzu oft nur zwei Kehrseiten einer Medaille sind? Wenn sie es sind.

Sicher ist es nicht angebracht, die Kalte-Kriegsrhetorik von den zwei Totalitarismen Faschismus und Sozialismus aufzuwärmen. Und es ist fraglich, ob das Modell vom „Populismus“ als neuer großer Gefahr, die sowohl von links als auch von rechts kommen kann, den Kern der Sache trifft. Zudem – und das verkompliziert das Ganze: Die Rechten machen Mimikry: die rechtsextreme europaweit agierende „Identitäre Bewegung“ versucht z. B., mit den Strategien der Kommunikationsguerilla – eigentlich eine linke Erfindung – auf sich aufmerksam zu machen. Poppig-bunte Internetauftritte und Flugblätter, radikale abenteuerliche Aktionen, wie die Erklimmung des Brandenburger Tors in Berlin, sowie ein Style, der Sozialromantik und Jugendstil mischt und ins 21. Jahrhundert holen soll, geben den jungen Rechten einen linken, revoluzzerhaften Touch. Sogar die AfD, die an sich ja ausdrücklich gediegen-konservativ erscheinen will, macht mit (pseudo-)rebellischen Auftritten von sich reden.

rechte Hetze als neues Rebellentum

Bitter, aber wahr: provokant ist es heute nicht mehr, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu fordern, sondern zu sagen, dass man nicht neben einem wie Jerôme Boateng wohnen will. Das ist Revoluzzertum von rechts, eine verkehrte Welt, wenn man so will. Oder ist es am Ende eine Rebellion gegen zuviel „Gleichmacherei“?

Vermutlich würde letzteres als Deutung sowohl der AfD und ihren Wählern als auch den „Identitären“ gefallen. Ich persönlich glaube allerdings nicht daran. Dafür ist unsere Welt in den letzten 20 Jahren zuviel „ungleicher“ geworden: Man muss ja nur an die soziale Schere denken, die immer weiter auseinanderklafft.

Allerdings würden mir wohl auch viele Linke widersprechen, wenn ich behauptete, dass auch die Frauenrechte faktisch ein ganzes Stück zurückgenommen worden sind, Homosexuelle höchstens oberflächlich besser akzeptiert werden und es eher mehr Rassismus, insbesondere latenten, gibt, als weniger.

Fangen wir mit dem Rassismus an – ein Problem, das wegen der Flüchtlinge ganz besonders drückt: Rassistische Übergriffe gibt es nach wie vor. Daran hat sich seit den frühen 1990er Jahren nicht viel geändert. Neu ist, dass man mittlerweile ganz unbefangen mit rassistischen Statements umgeht. Nicht nur AfD-Politiker Björn Höcke sorgt sich beispielsweise um blonde Frauen, die er glaubt, vor vermeintlich notgeilen Flüchtlingen schützen zu müssen (Bei den Dunkelhaarigen macht das offenbar nicht so viel, wenn man die mal antatscht oder ein bisschen vergewaltigt), auch ein armenischer Bäcker hat offenbar, wie Grünen-Politiker Volker Beck vor ein paar Monaten twitterte, in einer Talkshow zum Besten gegeben, dass er bevorzugt blonde Frauen als Thekenkräfte einstelle. Dann würde mehr gekauft.

Das ist Rassismus zum Wohlfühlen. Immerhin denkt „der Ausländer“ ja genau wie die einheimischen Rassisten. Macht es das besser? Und ist da überhaupt etwas dran? Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, bei einem Bäcker zu kaufen, weil er blonde Verkäuferinnen hat. Ich kann einfach solche Gedankengänge nicht nachvollziehen.

Minderheitenpolitik und Mimikry

Andererseits geht es in der Linken sehr stark um Identifikation. Tennisspielerin Angélique Kerber z. B. vertritt das neue, exotisch bunte Deutschland, auf das man gerne stolz sein möchte. Ich musste wirklich lange überlegen und grübeln und die Frau erst einmal googeln, bevor ich begriff, was an der blonden Tennisspielerin mit dem deutschen Namen so multikulturell ist: Ihre Eltern sind aus Polen eingewandert. Genauer gesagt sind es wohl Spätaussiedler, Kerber selbst erblickte aber in Deutschland das Licht der Welt. Fast könnte man unken, dass da ja sogar CDU-Politikerin und Berufsheimatvertriebene Erika Steinbach noch mehr Migrationshintergrund hat. Aber gut.

Es dürfte nicht wundern, dass Rechtsextreme genau da andocken. Der Österreicher (Achtung Migrationshintergrund! Ja, wirklich!) Martin Semlitsch etwa, firmierte im ehemals linken Berliner Szene-Stadtteil Kreuzberg als Martin „Lichtmesz“. Klar, klingt irgendwie nach „Judenname“, ein bisschen polnisch auch – Galizien lässt grüßen. Lichtmesz, der offenbar im Medienbereich tätig ist, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, macht sich in der neurechten Internetpostille „Sezession“ außerdem für Homosexuelle stark und soll selbst (Achtung Hete! Ja, wirklich!) mit einer Italienerin liiert sein oder gewesen sein. Auch das erfährt man im Internet, auf dasgespraech.de. Dort steht auch, dass Lichtmesz alias Semlitsch, „Fachmann für Subkulturen“ sei, ein „Comic-Experte“ und „Cineast“ – mit anderen Worten: Jemand, der eigentlich mit allem aufwarten kann, was im hippen Kreuzberg gut ankommt. Nur dass Semlitsch* eben wirklich rechts ist. Sorry.

Weniger aggressiv als der falsche Jude, der eigentlich ein Rechter ist, machen einen da spätberufene oder zumindest nicht ganz glaubwürdige Lesben wie die Ex-Moderatorin Ramona Leiß. Schön, die Frau hat vor kurzem wirklich eine Frau geheiratet. Genauso war sie aber in den 1980er und 1990er Jahren – als Frauen, wie die Tennisspielerin Martina Navratilová und die Comédienne Ellen DeGeneres sich outeten – noch ein Inbegriff heterosexueller Weiblichkeit. Heute heißt es (u. a. auf t-online.de), Leiß habe damals angeblich nur „offiziell“ mit Männern zusammengelebt und ihr spätes Outing habe für sie einen „Karriereknick“ bedeutet. Dass der Karriereknick schon sehr viel früher erfolgte und andere Gründe hatte, ist allerdings allgemein bekannt. Eher dürfte sich Leiß mit der neuentdeckten Homosexualität noch einmal ins Gespräch gebracht haben.

Emanzipation von der Gleichberechtigung?

Der dritte Punkt im „zuviel des Guten“-Reigen sind die neuen Transsexuellen. Es war ein langer Kampf, bis – übrigens nicht nur Transsexualität sondern auch Homosexualität – nicht mehr als „psychische Erkrankung“ angesehen wurde. Allerdings sind nur sehr wenige Menschen wirklich transsexuell. Wie den Migrationshintergrund und die Homosexualität öffnete man jedoch auch das Label „transsexuell“: Wer sich als „transgender“ definiert, darf sich auch als „Minderheit“ fühlen, wenn er oder sie gelegentlich mal Kleidung des anderen Geschlechtes trägt. Das ist fatal, wenn es um Frauen geht: Immerhin tragen heutzutage fast alle Frauen in der westlichen Welt Hosen, viele sogar Anzug. „Transident“ oder „sexuell abweichend“ sind sie deshalb nicht. Wenn man so etwas als „Minderheit“ darstellen will, würde das in letzter Konsequenz bedeuten, den Frauen wieder das Hosentragen zu verbieten, einfach weil die meisten von ihnen „zu normal“ dafür sind. Im Grunde ist die Fixierung der Transbewegung auf „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ konservativ, zumal es in den meisten Fällen tatsächlich eher um die Geschlechtsrolle geht, als um den Körper. Und das ist dann leider tatsächlich eher eine Rebellion gegen „Gleichmacherei“, als dass es irgendwie „progressiv“ wäre.

Wo das endet, macht der oben eingefügte Screeshot deutlich. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass Engagement für Migranten, Homo- und Transsexuelle etwa nicht wichtig und gut wäre. Knipphals schreibt in der taz von Liberalität und Toleranz: Beides gilt es hochzuhalten, um rechten und konservativen Kräften wieder etwas entgegensetzen zu können. Es kommt also nicht darauf an, selbst „anders“ zu sein, sondern nichts dagegen zu haben, wenn jemand anders anders ist. Ist doch eigentlich ganz einfach.

*Nur so als Nachschlag: Klar könnte sich der Neurechte Semlitsch einreden, eigentlich ein „südländischer“ Semlic zu sein. Wer weiß. Vielleicht ist er auch ein strammdeutscher Semlitz. Genau wie der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg kein Jude war, wohl aber der deutsche Entertainer Hans Rosenthal. Hitler selbst werden z. T. jüdische Vorfahren nachgesagt, was aber den Holocaust leider nicht relativiert. Auch nicht, dass schon damals viele -skis und -czyks im Ruhrgebiet lebten. Die waren aus Schlesien gen Westen migriert bzw. man hat sie eigentlich als Fachkräfte im Bergbau angeworben, weil man damals, als das mit der Kohle im Westen noch neu war, zwischen Duisburg und Dortmund nicht viel davon verstand. Einige dieser Leute waren Polen, andere Deutsche oder „gemischt“. Alle aber waren Schlesier. Ihre Nachfahren sind Deutsche. Das macht sie nicht schlechter sondern ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es Migration immer schon gab. Übrigens auch aus dem Süden. Martin Semlitsch dürfte es vielleicht freuen, dass mit Safet Babic (NPD) und Dubravko Mandic (AfD) sogar zwei echte „Südslawen“ auf „seiner“ Seite, d. h. auf der rechten, sind. So, wie es – zugegeben! – auch rechte Rossis und Bianchinis gibt. Und „Laila“ nicht nur ein arabischer Name ist, sondern auch ein finnischer … Ich denke, dass nichts davon es rechtfertigt, andere unter Druck zu setzen oder gar ein „Freibrief“dazu ist, andere Menschen zu diskriminieren oder rechtes Gedankengut zu bagatellisieren. Siehe Screenshot.

Mobbers Corner

Was ist eigentlich ein Grundrecht? Hm, was mir da so spontan zu einfiele, wäre, dass z. B. niemand wegen seiner Hautfarbe, Nationalität, sexuellen Orientierung, Religion, seines Geschlechtes und so weiter benachteiligt werden darf. „You have the right to be nasty“ soll eine Queer-Aktivistin gesagt haben. Genau deshalb schreibe ich meistens LGBT und nicht Queer, weil ich da leider nicht zustimme. Keine Menschenrechtscharta der Welt sieht ein „Recht auf Gemeinheit“ vor.

MobberSado

Und überhaupt, „Gemeinheit“ als sexuelle Orientierung? Man könnte an Sadomasochismus denken, aber nein, Sorry! Niete! Missverständnis. Die Psychologin Lydia Benecke schreibt in ihrem Buch „Sadisten. Tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“ (Köln 2015) , dass Sadomasochismus als sexuelle Orientierung nichts damit zu tun hat, den oder die andere(n) zu misshandeln. Alles geschieht im beiderseitigen Einverständnis und nur bis dahin, wo einer eine Grenze setzt. Und – ganz wichtig! – es bezieht sich nur auf die sexuelle Ebene, es geht nicht darum, andere Menschen im Alltag zu unterjochen und zu quälen. Ansonsten, führt Benecke weiter aus, ist Sadismus krankhaft, eine psychische Störung bzw. Symptom verschiedener psychischer Pathologien.

MobberPsych

Mir sagte man, man wolle die psychisch Kranken befreien. Das sei links. Nur sehr wenige psychisch Kranke sind allerdings „nasty“, also gewalttätig oder einfach nur auf’s Mobben und Schikanieren aus. Im Queerfeminismus geht es oft um Esstörungen und Borderline. Statt zu kotzen und sich zu ritzen, sollten die Frauen lieber mal ihre Wut ‚rauslassen. Im Reallife wurde dann daraus gemacht, dass dicke Frauen einmal die Möglichkeit haben sollten, eine Schlanke fertig zu machen. Frauen wie ich oder die #Homofrau sollten ihr Fett wegkriegen. Ich wunderte mich, warum dann Heidi, die ganzen Supermodels und die auf Optimalkörper getrimmten High Society Hipstermädchen trotzdem Heldinnen für die Frauen sind.

MobberGebär

Aber eigentlich ist das doch auch gar nicht das Problem. Kaum eine Frau wird zur Magersüchtigen, Bulimikerin oder Fresssüchtigen oder fängt an, sich zu ritzen, weil sie im Fernsehen oder auf der Straße eine sieht, die schlanker und/oder hübscher als sie selbst ist. Vielleicht hat man den Frauen das so vorgelebt, vor allem denen „aus besserem Hause“. Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin spekulierte ja sogar über Gebärprämien für sie (Das Thema ging 2010 durch die Medien. Vgl. hierzu u. a. einen Beitrag auf Telepolis). Vor ein paar Jahren galt es als chic, darüber zu lästern, dass Frauen, die in materiell weniger begünstigten Verhältnissen lebten, fett und weniger intelligent seien. Man hoffte, das auf die Gene schieben zu können, nur dass die Gene nichts mit dem sozialen Background zu tun haben. Man sprach auch von Alphafrauen. Muss schlimm sein, eine Alphafrau zu sein und trotzdem Figurprobleme zu haben oder dieses oder jenes mental nicht hinzukriegen. Aber davon wird man nicht krank. Es wäre ja auch eigentlich ganz einfach, zu sagen: „Okay, ich bin auch nur normalsterblich!“

MobberVernunft

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass Frauen (oder Männer), die an Esstörungen leiden und/oder sich ritzen, dringend eine Therapie machen sollten. Weil das gefährlich ist. Weil man sich selbst keinen Gefallen tut, wenn man so tut, als sei das ein Lifestyle oder eben eine „etwas andere“ sexuelle Orientierung. Ist es nicht. Und schon gar nicht gibt es irgendwie ein Recht, „nasty“ zu sein und andere zu mobben, auch wenn das vielleicht eine Art vorrübergehender Entspannung bringt, ein berauschendes, offenbar süchtig machendes Gefühl scheinbar grenzenloser Macht, wenn es alle gegen eine(n) ist und der/die sich dann nicht wehren kann. Aber es ist shit! Das Wohlbefinden keines Menschen – egal wie schlecht es ihm oder ihr selbst geht – ist soviel wert, dass ein(e) andere(r) dafür leiden muss. Ganz abgesehen davon, dass es – wie gesagt – um ernsthafte Erkrankungen geht (wenn du ’ne Bronchitis hast, gehst du schließlich auch zum Arzt, oder?!), also um Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, nicht jemanden zum Abreagieren.

MobberTrans

Transsexualität ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Queerfeminismus. Versteht mich nicht falsch, es gibt Transsexuelle, offenbar – wie ich gehört habe – mehr weibliche, die mit einem männlichem Erscheinungsbild geboren wurden, als umgekehrt. Muss irgendwie eine Sache der Hormone sein. Die Leute machen keine Witze. Sie sind so geboren worden und können nichts daran ändern. Viele haben auch kaum eine Chance in dieser Gesellschaft. Oft bleibt z. B. Transfrauen nichts anderes übrig, als ihr Geld mit Prostitution zu verdienen, manche kommen auch im Show-Business unter, aber habt ihr schon mal ’ne Transfrau als Bankangestellte gesehen?

MobberDoof

Allerdings hat das alles nichts mit „Ich schnall mir ’nen Plastikpenis um und dann kann ich XXX vergewaltigen, hö, hö!“ zu tun. Im szenigen Berlin „entdecken“ nicht wenige Frauen in ihren Zwanzigern, mit über 30 oder noch viel später, dass sie eigentlich „Männer“ sind oder sie stellen zumindest fest, dass die „männliche Rolle“ ihnen sehr gut stehen würde: das Alphatier, der knallharte Macho, intelligent, stark und überlegen und vor allem: andere Frauen sollen das Blödchen für sie sein, unterwürfig und anschmiegsam, liebevoll auch dann noch, wenn man(n) sie mal „gegen die Tür laufen“ lässt. Klassische „männliche Rolle“ oder einfach nur hirnverbrannt? Ich hielt es jedenfalls zunächst für einen schlechten Scherz, dass das jetzt „Feminismus“ sein soll …

MobberBock

Und außerdem – was ist, wenn man bzw. frau leider nicht einsieht, dass eine andere das nun einmal braucht, „nasty“ zu sein?! Was, wenn einem das am A… vorbeigeht, dass eine andere sich sonst ritzt oder auch nur irgendwie „nicht wohl“ fühlt? Tja, „Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit“ – schon mal davon gehört, Babes? Das bedeutet einfach, dass andere nicht tun müssen, was man/frau sagt. Egal, wie sich jemand damit fühlt. Man/frau darf auch „nein!“ sagen, „nicht mit mir!“ Punkt.

MobberRegister1

Vielleicht ist es Dummheit, vielleicht sind es die vielen Partydrogen oder das viele Geld. Manche Leute raffen noch nicht einmal, dass man anderen nicht einfach mal das Tagebuch klauen kann, erst einmal überall damit rumtröten (Yap, alle haben gelesen, dass die #Homofrau auch wirklich was mit Frauen anfangen kann, nur sollte das lieber nicht so aussehen, nicht dass die auch noch Minderheitenrechte dafür kriegt, aber homophob kann man ja trotzdem mal sein, nur so, vorsorglich!) und dann, als irgendwie herauskam, dass das ein schwerer Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte ist, hatten sich einige echt gedacht, die #Homofrau könnte ja Selbstmord begehen, dann wäre das Problem aus der Welt. Oder das Geschwalle von „Damit hat sie ihr Todesurteil unterschrieben!“ und so weiter. Man kann halt niemanden so einfach umbringen, weil man ihn oder sie eben „nicht so mag“ oder einfach Lust drauf hat oder sich mal echt stark fühlen will und so. Aber angeblich waren es ja auch nur „Neckereien“, genau wie die ständigen dummen Anmachen, das ganze Belauere und Geglotze, die „Inspirationen“, die sie angeblich ständig brauchten, undsoweiterundsofort. Nicht meine Art von Humor, aber egal – sogar wenn man „nur“ Schwachsinn über andere erzählt, in der Hoffnung, sie so nachhaltig wie möglich in ein schlechtes Licht zu rücken, ist das leider Verleumdung oder üble Nachrede, jedenfalls nichts, worauf man irgendwie ein Recht geltend machen könnte …

MobberGeld

Zum Teil wurde wohl darauf spekuliert, dass die #Homofrau sich sowieso keinen Anwalt leisten kann, zum Teil lag es daran, dass die Linken den Frauen und den Hipstern, die sie im Schlepptau hatten, zu Hilfe kamen. Das war eine neue Erfahrung, dass Linke in erster Linie Menschen mit Geld unterstützen. Überhaupt, all die Jahre eine Gefahr und Bedrohung zu sein. Die #Homofrau sollte sich das mal merken, dass man auch ohne den schnöden Mammon glücklich sein kann.Das Gleiche galt natürlich nicht für diese Leute selbst. Es gilt auch nicht für die Flüchtlinge oder für wen auch immer. Die Leute haben sich wohl eher eingebildet, dass es ihnen zusteht, darüber zu bestimmen, wer arm sein soll und wer Geld haben darf. Und außerdem, wenn „kein Geld“ auch „keine Rechte“ bedeutet, na ja, ich weiß nicht, was daran so links sein soll, ehrlich! Mitleid sollte man mit denen haben, einsehen, dass andere es doch auch schwer haben. Hm, nur was kann ich dafür? Oder die #Homofrau? Ich habe es ihnen nicht schwer gemacht. Die meisten kannte ich nicht einmal, und wenn, dann nur vom Sehen. Außerdem – Mitleid, mit Menschen, die internationale Schulen besucht haben, auf dem Internat waren, geschliffenes Oxford-Englisch sprechen und in einigen Fällen ganze Studiengänge in den USA absolviert haben – die „Proletarier“ des 21. Jahrhunderts? Wohl kaum!

MobberGeil

Finally: Queer sollte so richtig lebenslustig und sinnenfroh sein – ein ganz neuer, ganz anderer Feminismus – nur dass offenbar keine der Frauen begriffen hat, dass das nicht an Leuten wie mir oder der #Homofrau liegt, wenn sie dann doch eher gehässig und zickig ‚rüberkommen. Also man bzw. frau muss dazu keine anderen Frauen aus dem Weg räumen. Ganz im Gegenteil, genau das ist es nämlich. Und überhaupt, dass auch jeder Hipsterknilch ’ne unterdrückte Minderheit sein soll – Na ja, die stehen ja auch auf Frauen, dann sind sie wohl auch „lesbisch“ und ihre verknöcherten alten Muttis erst einmal. Außer Bonmots à la „gar nicht erst hochkommen lassen!“ und „Tja, jetzt zum Monatsende ist Schmalhans wohl Küchenmeister!“ habe ich nicht viel von denen mitgekriegt. „Erstick doch an Deinem Geld, Alte!“ könnte man darauf entgegnen oder sich denken, dass unsere Gesellschaft richtig krank ist vor lauter Überfluss. Vielleicht ist das Unglück anderer wirklich das einzige, was solche Leute noch geil macht. Nur Mitleid mit denen haben? Nö, wieso eigentlich?! Lest doch einfach mal das Grundgesetz oder die Charta der Menschenrechte oder so. Da steht auch drin, welche Rechte man/frau alle nicht hat. Und wer das nicht kapiert –   Muttu weniger Ecstasy! Echt jetzt!

Lesbe ohnegleichen? Woran Du erkennst, dass eine Frau nicht ganz so lesbisch ist, wie sie tut

Auch schon aufgefallen? In der hippen Großstadt ist mittlerweile fast jede Frau oder, na, sagen wir mal, fast jede zweite Frau, „queer“, d. h. sie definiert sich als „lesbisch“, „bisexuell“ oder „transgender“. Übertreibe ich? Oder ist das eine Frage des Umgangs? Im linksalternativen Milieu sind viele der Meinung, dass man bzw. frau sich die sexuelle Orientierung einfach aussuchen könne. Wenn das so wäre, würde allerdings niemand mehr wegen Homosexualität verfolgt, weil die Leute sich in Gegenden, wo Homophobie gang und gäbe ist, eben einfach „aussuchen“ würden, heterosexuell zu sein. Leider wird man lesbisch, bi- oder transsexuell geboren, d. h. man kann es sich nicht aussuchen, man kann niemanden homo- (bi-,trans-)sexuell „machen“ und es auch niemandem „austreiben“. Paradoxerweise sind die Leute aber gerade da, wo es darum geht, „anders“ zu sein, bedacht darauf, sich abzugrenzen. Anders ausgedrückt: Da, wo man sich die sexuelle Orientierung/Identität „aussuchen“ können will, wird auch sehr genau darauf geachtet, dass sich nicht die „Falschen“ als LGBT outen. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass da, wo Feminismus großgeschrieben wird, auch nicht jede Frau wirklich eine Frau ist bzw. manche sind eben mehr „Frau“ als andere. Manchmal entbrennt darum ein richtiger Kampf. Welche ist nun die „authentischere“ Frau oder Lesbe? Wer verkörpert das am besten? Und welche Frau kann man am ehesten als „Mogelpackung“ entlarven? Laila Phunk, die Homophobie für ein ernstes Thema hält, aber findet, dass dieser ganze Identitätskram Schwachsinn ist, ist der Sache auf den Grund gegangen. Lass Dich nicht beschubsen oder schikanieren! Hieran erkennst Du, ob’s eine nötig hat:

LonelyHeart1

1. Männer, Männer, Männer
In ihrem Denken dreht sich alles um Männer? Sie mögen sie, sie finden sie sexy, sie kann sie alle um den kleinen Finger wickeln! Tja, da bist Du vielleicht neidisch – unattraktiv wie Du nun einmal bist … sie dagegen könnte an jedem Finger 10 haben, sie will bloß nicht.

Was dran ist: Ziemlich offensichtlich oder? Ich habe jedenfalls noch nie ’ne Lesbe getroffen, die lesbisch war, weil sie einfach zu attraktiv für Männer war (und andere Frauen da nicht mithalten konnten). Kleine Nebenbemerkung: Lesben sind tatsächlich lesbisch, weil sie auf Frauen stehen.

2. Männer sind Schweine
Hier geht es um’s Prinzip! Deshalb – auch wenn Du ’ne Frau bist (und durch einen Check beim Onkel Doc sogar nachweisen könntest, dass Du tatsächlich XX-Chromosomenträgerin bist), verkörperst Du irgendwie trotzdem „die Männerwelt“. Deshalb musst Du umso energischer bekämpft werden, quasi als Training für den Ernstfall. Komischerweise beobachtest Du gelegentlich, dass sie bei Männern durchaus mal alle Fünfe gerade sein lassen kann. Und es ist auch kein Widerspruch, wenn sie dann plötzlich auf Deiner Seite ist. Klar, sie hat Mitleid mit Dir, weil Männer Dich einfach nicht ernst nehmen können. Sagt sie. Sie findet Dich ja auch irgendwie „putzig“.

Was dran ist: Es geht tatsächlich um’s Prinzip, aber um das der Projektion. Ernstzunehmende Feministinnen äußern sich kritisch über gesellschaftliche Strukturen, die Frauen benachteiligen. Es geht ihnen nicht vor allem darum, andere Frauen zu diskreditieren. Allerdings ist „feministisch“ nicht das Gleiche wie „lesbisch“, auch wenn einige lesbische Frauen sich feministisch engagieren. Die Sache ist die: Ob Männer sie sexy finden oder nicht, ist Lesben eigentlich egal, von sexistischen Strukturen sind sie aber genauso betroffen wie heterosexuelle Frauen auch.

3. Germanys next Topmodel
Es ist frauenverachtend, aber es ist auch Kult – findet sie jedenfalls. „Germanys next Topmodel“ ist für sie wie eine Droge, von der sie einfach nicht loskommt. Trotzdem ärgert sie sich, weil die Frauen alle so klapperdürr sind. Die Wut darauf muss sie an Dir auslassen.

Was dran ist: Vermutlich hat „Germanys Topmodel“ so hohe Einschaltquoten, weil es so viele Frauen gibt, die gern mal Heidi sein möchten: Am laufenden Band hübsche junge Frauen ‚runterputzen – genau, das wär’s! Ich kann Dir dazu nichts Näheres sagen, weil ich es nicht gucke. Interessiert mich einfach nicht so. Klar ist das problematisch, wenn es so ‚rüberkommt, als ob nur Frauen, die überschlank sind, als sexuell attraktiv (für Männer) gelten könnten. Allerdings wird keine Frau lesbisch davon, dass sie dick ist oder sonstwie nicht dem allgemeinen Schönheitsideal entspricht. Natürlich gibt es lesbische Frauen, die Übergewicht haben, aber – damit Du mir keinen Biologismus vorwirfst – stell es Dir mal so vor, dass es eine Regenbogen-Fee gibt, die Ungeborene mit einem Puder bestäubt, das ihre sexuelle Orientierung und Identität festlegt: Also rosa Puder für homosexuell, lila für bisexuell, türkis für transsexuell und so weiter. Als die Fee den rosa Puder ausgeteilt hat, hat sie nicht darauf geachtet, ob das Ungeborene einmal schlank, dick, klein, groß, androgyn, feminin, hübsch, hässlich oder wie auch immer werden würde. Mit den anderen Farben ist es übrigens genauso. Was „Germanys next Topmodel“ betrifft: Auf der Fernbedienung gibt es einen Knopf zum Ausschalten.

FaustPinkFlamingo

 

4. Prinzessin auf der Erbse
Du musst sie wie ein rohes Ei behandeln, denn seit sie lesbisch ist, ist sie wirklich wehleidig. Sie fühlt sich permanent angegriffen und Du kannst ihr gar nichts recht machen. Sie fühlt sich einfach nicht wohl mit Dir, denn alles, aber auch wirklich alles an Dir ist – total homophob! Behauptet sie.

Was dran ist: Offenbar steckt sie voller Hass und Aggression. Um das ungehemmt an jemandem ‚rauslassen zu können, braucht sie eine gute Ausrede. Manchmal geht es auch um projizierte Homophobie. Wenn andere immer nur homophob sind, kann es sein, dass das auf die Leute, die das behaupten, selbst zutrifft, aber sie brauchen halt jemanden, der ihre Gefühle stellvertretend übernimmt, um nicht dumm da zu stehen. Wenn der/die andere angeblich so super-„homophob“ ist, muss man/frau sich „wehren“ und darf sich dann diskrimierend verhalten und in einigen Fällen – so verdreht es auch klingt! – eben sogar selbst homophob sein. Solchen Leuten zeigst Du am besten einfach einen Vogel! Diskriminierung und andere Schikanen sind kein Menschenrecht, egal von wem sie ausgehen und gegen wen sie sich richten. Die meisten Lesben sind übrigens gar nicht so chronisch schlecht gelaunt, dass sie ständig jemandem das Leben zur Hölle machen müssten – schließlich gilt: „Make Love not War!“

5. Sie kann sich das leisten
Rumzicken, die Leute dumm anmachen, sexistische Sprüche ablassen oder zur Abwechslung auch mal ein bisschen Nazi-Sprech – Sie kann sich das leisten, denn sie ist ja lesbisch. Sowieso ist die Welt für sie klar und übersichtlich in gut und schlecht eingeteilt. Es sind Leute wie Du, die das Böse in die Welt getragen haben – ob Hiroshima, Fukushima, Tschernobyl, Kuba-Krise oder Kosovo-Konflikt – ganz zu schweigen von den Ereignissen in Syrien. Als Lesbe hat sie damit nichts zu tun. Sie steht für das Gute im Menschen und ist somit über jede Kritik erhaben. Da könntest Du Dir ruhig mal ein Beispiel dran nehmen. Meint sie.

Was dran ist: Gar nichts. Lesben sind für gewöhnlich nicht lesbisch, weil sie irgendwie einen an der Waffel haben (siehe 4.). Es steht auch nirgends geschrieben, dass Homosexuelle unfehlbar sind. Vielleicht hat Deine falsche Lesbe da etwas falsch verstanden?

6. Sie ist eine Minderheit, aber nicht nur das …
„Öch bönn eine Münderheit!“ jappst es hysterisch. Dir muss klar sein: Ob Judentum, Islam, Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Color – sie alle stehen fest zusammen gegen die „Mehrheitsgesellschaft“. Sogar die Klingonier sind auf ihrer Seite. Die „Minderheit als solche“ mag sie, weil sie weiß, dass sie auch „Minderheit ist. Du dagegen hast keine Chance. Denn die „Minderheit an sich“ wittert es quasi, dass Du der Feind bist. So sieht sie es zumindest und hält mit ihrer Meinung auch nicht hinterm Berg.

Was dran ist: Bestimmt kennst Du Migranten, Schwarze, Juden (vielleicht auch Klingonier), die Du magst und die Dich auch nett finden. Also solltest Du Dich auf so einen Quatsch gar nicht erst einlassen! Ein paar Homo-, Bi- und/oder Transsexuelle werden deinen Freundes- und Bekanntenkreis mit der Zeit sicher auch bereichern. Hängt ja auch alles ein bisschen vom Zufall ab. Trotzdem sollte man hellhörig werden, wenn jemand mit so etwas ankommt: Alle Lesben (Juden, Türken, Klingonier, …) denken und empfinden völlig gleichgeschaltet?! Im besten Fall werden Minderheiten hier instrumentalisiert, um andere an die Wand zu stellen und/oder emotional zu erpressen („Du willst doch nicht, dass ich allen erzähle, dass Du rechts bist?! Na also! Dann bist Du besser nett zu mir und machst, was ich sage!“). Es kann aber auch sein, dass ein hartnäckiger Rassismus dahinter steckt und Vorurteile als bare Münze verkauft werden (wie gesagt: vielleicht gibt es hier und da kulturelle Unterschiede, aber es gibt ganz bestimmt kein „ethnisches“ Denken und Empfinden!). Nicht einschüchtern lassen – Homo-, Bi- und Transsexuelle sind Individuen, genau wie Juden, Türken, Schwarze, usw.! Fühlt sich jemand diskriminiert, sollte man das in einem Gespräch klären. Siehe ansonsten 4. & 5..

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7. Sie tut’s ja nur für Dich! (Worauf Du allerdings dankend verzichten kannst!)
Fest steht: Frauen wie sie sollten für Frauen wie Dich ein Vorbild sein. Ja, genau: ein V-O-R-B-I-L-D! Dazu muss sie allerdings wissen, was für Dich wichtig ist. Schließlich bist Du ihre Zielgruppe. Irgendwann fällt es Dir jedenfalls auf, dass sie immer findet, was Du findest, alle Erfahrungen gemacht hat, die Du gemacht hast, alle Gefühle fühlt, die Du fühlst, was für Dich ein Problem ist, ist auch eins für sie und so weiter. In extremen Fällen hast Du am Ende das Gefühl, dass Du nicht mehr ganz „Du selbst“ bist, weil jetzt eigentlich alle so wie Du sind, selbst die niedlichsten Schneckchen sind jetzt die härtesten Butches und sogar die, die eigentlich homophob sind, sind voll homo und so. Nur Du stehst da irgendwie außen vor. Ächz!

Was dran ist: LGBT oder besser gesagt: „Queer“ ist in der Tat gerade ein Modethema. So lange nicht der Extremfall eintritt, dass „lesbisch“ das neue „Hetero“ ist und „hetero“ das neue „Lesbisch“ und Du nur noch ein Abklatsch Deiner selbst bist, kann’s Dir eigentlich egal sein – oder? Klar gibt’s eine Menge sehr femininer Frauen, die behaupten, „ur-lesbisch“ zu sein und genauso viele Frauen, die so „authentisch“ lesbisch sind, dass es schon wieder unecht wirkt – aber: who cares? Es ist eine sexuelle Orientierung! Und ich wüsste nicht, dass jemand heterosexuellen Frauen verboten hätte, die Haare kurz zu tragen oder sich burschikos zu geben oder dass man bzw. frau nicht mehr lesbisch sein dürfte, wenn sie einen Rock trägt. Das ganze Hickhack darum, wer die „bessere“, „echtere“ Lesbe ist, ist allerdings nicht ganz echt. Sorry.

8. Früher war alles anders (Da war sie nämlich noch homophob!)
Es gab Zeiten, da stand sie auf Männer. Das mit Frauen, das fand sie eklig. Da sie Dich auch nicht so mochte, hat sie jedem, der es hören wollte (und auch vielen, die es gar nicht interessierte) erzählt, dass Du lesbisch bist. Rette sich, wer kann! Man weiß ja, dass eine wie Du Hintergedanken hat, wenn sie freundlich zu einer anderen ist. Zum Glück sind darauf nur ein paar homophobe Zicken eingegangen. Jetzt, wo es in Mode ist, ist eben sie diejenige, die lesbisch ist (und überraschenderweise auch viele von den homophoben Zicken).

Was dran ist: Ob frau lesbisch ist oder nicht, merkt sie eigentlich in der Pubertät – dass sie nichts mit Männern (Jungs) anfangen kann, dafür aber mit Frauen (Mädchen). Deshalb heißt es ja auch „sexuelle Orientierung“. Etwas anderes steckt da wirklich nicht dahinter. Bisexuelle Frauen merken übrigens auch in der Pubertät (also mit 12 oder 13 Jahren!), dass Frauen sie nicht kaltlassen, stellen aber ebenso fest, dass sie auch ‚was mit Männern anfangen können. Bisexualität ist halt auch eine sexuelle Orientierung und nicht frei wählbar. Eigentlich weiß man das aber von einer Frau, die man nicht kennt, nicht. Na und? Geht’s einen überhaupt etwas an? Nö, oder?! Aber homophob muss man deshalb ja trotzdem nicht gleich werden.

9. Sie will flirten! Und sonst gar nichts!
Flirten ist ja schön und gut, aber Du standest gerade so an der Bushaltestelle herum, da kam sie – ja, sie – Ihr unterhaltet Euch und es dauert keine zwei Minuten, da schaut sie Dir schon tief in die Augen?

Was dran ist: Entweder will sie „The L-Word“ mit Dir spielen, da flirten sie auch ständig miteinander, oder sie will eine weibliche Version von Humphrey Bogart aus „Casablanca“ (na, der Film, mit Ingrid Bergman = Du, „Schau mir in die Augen Kleines“!) zum Besten geben. Oder sie hat das sexy Polyamory-„Ich kann jede haben“-Image irgendwie nötig. Aber ist das typisch lesbisch? Na ja, wenn es typisch Hetera ist, sich jedem Typen, den man an der Bushaltestelle trifft, an den Hals zu werfen, dann wahrscheinlich schon. Sonst nicht. Es soll Lesben geben, mit denen man sich durchaus ganz normal unterhalten kann.

10. Sie ist keusch und hat eine Katze
Liebe, Sex und Zärtlichkeit – irgendwie eklig! Findet sie. Obwohl sie da kein Problem hat. Natürlich nicht. Sie – ähem – legt einfach Wert auf „weibliches Benehmen“. Deshalb muss sie auch darauf achten, dass andere Frauen nicht zu sehr über die Stränge schlagen.

Was dran ist: Also, das mit der Katze passt hier nicht ‚rein. Man kann sogar Hundetyp sein und Katzen trotzdem gern mögen. Es hat nur nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Davon abgesehen – Du glaubst solchen Schwachsinn nicht wirklich – oder? Na also! Ich auch nicht!