Jupiter-Menschen oder: warum Demokratie manchmal verletzend sein muss

Emmanuel Macron sei ein zweiter Jupiter, heißt es. Hm. Jupiter, die römische Version des griechischen Gottvaters und Himmelsherrschers Zeus – die oberste Gottheit im Olymp. Ziemlich hoch gegriffen für einen frisch gewählten Präsidenten. Ob der Mann bzw. seine Anhänger wissen, dass er für viele nur das kleinere Übel war, die Freude über seinen Sieg eher eine Art freudige Erleichterung, dass Le Pen einem noch mal erspart geblieben war? In etwa das gleiche Gefühl, wie wenn einem der Arzt sagt, dass der Tumor doch gutartig ist und kein Krebs …

Vielleicht wird Größenwahnsinn langsam zu einem neuen Herrschaftsgestus, ein leiser Abgesang auf die Demokratie, die hinter Sachzwängen und Technokraten hier, hinter einer stärker werdenden Sehnsucht nach neuer Größe dort in den letzten Jahren immer fadenscheiniger geworden ist. Donald Trump ist jedenfalls nicht der einzige. Es gibt auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Victor Orbán. Und eben Macron. Das ist wohl nicht nur mir aufgefallen.

Milo Yiannopoulos – ein Kind des linken Zeitgeistes?

„Autoritär“ ist das neue „Rebellisch“ – sagt die neue Rechte. Umso mehr fühlt man sich wie vor den Kopf geschlagen, wenn einem dann im „Spiegel“ das Konterfei von Milo Yiannopoulos entgegenhöhnt: als neckisches Betthäschen inszeniert, mit aufgesetzter Unschuldsmiene kulleräugig an einem Lolli nuckelnd – Der Mann nennt sich ja nicht „Jupiter“, sondern „dangerous fag“ – „gefährliche Schwuchtel“. Und überhaupt ist er kein „böser weißer Mann“, sondern ein „anderer“: Vater Grieche, obwohl sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag über ihn berichtet, dass er eigentlich Hanrahan heißt – Das ist aber irisch. Nicht ganz so exotisch. Für den „Spiegel“ hat er eine deutsche Mutter, weiter hinten im Artikel steht, dass er mit seinem scharzen Freund in Miami wohnt. Ich habe auch schon irgendwo gelesen, dass er Jude sei – schwierig, denn wegen der Loblieder auf „Father Michael“, dank dessen pädophiler Neigungen der kleine Milo angeblich seine Homosexualität entdeckt hat, ist Yiannopoulos bei der rechtspopulistischen Medienplattform „Breitbart“ rausgeflogen. Aber vielleicht werden Rabbis ja in Großbritannien „Father“ – „Pater“ – genannt und ich habe das in meiner Engstirnigkeit mal wieder nicht geschnallt, dass das nicht unbedingt katholisch sein muss.

Spinner, die sich interessant machen wollen, gibt es genug, doch Yiannopopoulos setzte das Image des exotischen, marginalisierten – ja sogar „mehrfachdiskriminierten“ – Minderheitenvertreters Werbung gezielt für sich ein. Und ist dabei stramm rechts. Genau das soll ja offenbar gerade der Clou sein. Der abgebrochene Literaturstudent, der es dennoch in der Medienwelt zu etwas gebracht hat, kann sich nämlich etwas herausnehmen. Zum Beispiel „Gamergate“, wo Milo und ein paar andere Jungs Frauen plattmachten, die vorwitzig genug gewesen waren, der Männerwelt die angestammte Domaine der Computerspiele streitig zu machen – und zwar als Designerinnen und Programmiererinnen. Selbst Morddrohungen gingen bei Milo und Co. noch als launige Scherze durch. Oder über schwarze Frauen herziehen, gern auch gespickt mit ein paar deftigen, rassistischen Bemerkungen – da ist ja der schwarze Boy-Friend in Miami. Also bitte.

Sagen wir es ruhig offen: Es war im Grunde die Gegenseite, die Leute wie Milo Yiannopoulos stark gemacht hat. Der junge Schwule mit Migrationshintergrund, der Studienabbrecher und ambitionierte zukünftige Dichterfürst dürfte noch vor ein paar Jahren, als noch nicht allzu offensichtlich war, dass er mit „tolerant“ leider nichts anfangen kann, die Beschützerinstinkte der etablierten Linken geweckt haben – jener Leute, die Kontakte, Jobs und Chancen zu vergeben haben.

falsche „Sozialfälle“ oder wie setze ich mich unter Linken durch?

Die Lektion, dass nicht nur „Sex sells“ gilt, sondern eine möglichst exotische Sexualität in bestimmten Kreisen geradezu ein „must“ ist, das mit stolz geschwellter Brust vor sich hergetragen wird, lernte ich gleich zu Anfang meiner Zeit in Berlin. Damals machte ich in einem Kunstprojekt der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ in Kreuzberg mit und wunderte mich. Schon in meinen letzten Semestern an einer kleinen Uni in Südwestdeutschland hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Claims sofort abgesteckt werden: So ziemlich alle „angesagten“ und bei den Professoren beliebte Kommilitonen stammten offiziell aus „kleinen Verhältnissen“, auch wenn der Vater Galerist oder Museumsdirektor war, und es an Geld nie fehlte. Irgendwann gab es mal Krach, weil die vielen studentischen Kleinwagen der „sozialen Härtefälle“ (dabei ging es auch um Hiwi-Jobs!) auf dem Uni-Parkplatz keinen Platz mehr fanden. Mich, die mit dem Bus fuhr, betraf es nicht nicht, aber „Arbeiterkind“ übersetze ich mittlerweile automatisch im Kopf mit „aus besserem Hause“. Die eine hatte eine polnische Mutter (Vor- und Nachname waren dummerweise urdeutsch, nicht einmal der leiseste Hauch eines -skys oder -czyks, und die Kommilitonin sprach auch kein einziges Wort Polnisch, aber, hey, egal: Migrationshintergrund), in den Adern der anderen floss – wiederum von mütterlicher Seite – dänisches Blut (Tjaha, das skandinavische Element, das immer zu kurz kam. Auch ein Migrationshintergrund), usw..

Ich hätte locker mithalten können: Ich habe südeuropäische Vorfahren (doof, die sehen auch noch so richtig sonnig-südländisch aus!), Familie in Osteuropa (ja, die wohnen da auch wirklich und nein, es ist nicht die „deutsche Minderheit“, dafür sind sie aber ebenfalls „heimatvertrieben“ – nur so, falls das eine Rolle spielen sollte.). Alles in allem gibt es trotzdem nichts als „Migrationshintergrund“ her und das hatte ich auch nicht behauptet

(Ehrlich gesagt, irgendwie muss das „frisch“ sein, also erste, maximal zweite Generation, und dann muss mensch auch richtig zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sein, so mit zweisprachig, interkultureller Konflikt, usw. … idealerweise sieht man das „Ausländische“ bitte auch am Teint (wie gesagt: sonnig-südländisch, führt öfters mal zu unschönen Erfahrungen mit der Umwelt, sprich: Diskriminierung, daher sind Minderheitenrechte dann eher gerechtfertigt) und die Person stammt zudem aus eher ärmlichen Verhältnissen (Da „class“, was Jobs und sozialen Aufstieg betrifft, eine „gläserne Decke“ noch lange vor „race“ und „gender“ bedeutet, „class“ UND „race“ beides aber nahezu unmöglich machen, ist „Empowerment“ hier wirklich nötig – anders als bei jemandem mit blonder dänischer oder herbeiphantasierter polnischer Mutter …).

Übrigens macht nicht einmal das einen zum besseren Menschen. Auch im sonnigen Süden gibt es A… löcher. Genau genommen gibt es da sogar alles sowohl an menschlichen Schwächen, aber eben auch an Vorzügen, was es hier auch gibt. Dennoch irritierte es mich schon ein wenig, dass im „Spiegel“ dieser Woche eine italienische „Gastarbeiter“-Familie portraitiert wurde, deren Hamburger Restaurant bereits 1905 gegründet wurde. Na ja …).

„böser weißer Mann“ ehrenhalber

An der Uni zählte das auch tatsächlich nicht. Eher reagierten die Leute aggressiv. Besser nichts von „Vorfahren aus Südeuropa“ schwadronieren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich den anderen das nicht wegnehmen soll, weil das ja irgendwie schon denen gehört. Jawoll. Nicht dass meine „Minderheiten“-KommilitonInnen deshalb netter zu „echten“ Ausländern gewesen wären, zumindest nicht, wenn sie der Ansicht waren, dass die vom „Stil“ her nicht zu ihnen passten. Dafür gab es mahnende Blicke in meine Richtung, wann immer von „Shoah“ die Rede war (ganz klar das Werk von Menschen wie mir, die anderen waren ja, wie gesagt, „Minderheit“. Als ob das den NS-Entscheider in der Ahnenreihe oder den SS-Opa wieder gutmachen würde – eine Art Tauschhandel: Leider die Katze überfahren, aber man klaut dem Nachbarskind den Stoffhund und überreicht ihn als „Schmerzensgeld“ und schon ist alles wieder gut, wobei der gestohlene Stoffhund der Minderheitenstatus ist, und die überfahrene Katze der Holocaust. Nicht, dass man das vergleichen könnte. In dem Fall sind Vergleiche immer makaber, aber meine Professorin liebte es nun einmal, über die „Shoah“ zu sprechen …) oder „Critical Whiteness“ (dito). Ich weiß nicht nicht, was ich davon halten soll: unverschämt oder einfach nur krank. Jedenfalls nicht „legitim“.

Irgendwie war ich damals der „böse weiße Mann“, obwohl ich eine Frau bin (ohne Zweifel, ich vermute, sowohl eine Genanalyse als auch eine medizinische Introspektion meines Körpers würden zu dem gleichen Ergebnis kommen). Aber meine feministische Professorin war der Meinung, dass man zuerst einmal feminine Frauen fördern müsse – die, die so aussehen, als ob sie jeden Morgen mindestens drei Stunden im Bad stehen, um so auszusehen, wie die Titelmädchen von „Glamour“ und „Jolie“ oder die jungen Frauen, die Heidi Klum regelmäßig und äußerst publikumswirksam vor laufender Kamera bei „Germany’s next Topmodel“ zusammenstaucht. Böse Zungen nennen solche Frauen „Mieze“, „Bratze“ oder „Modepüppchen“. Meine Professorin dagegen fand, dass sie am meisten unter männlicher Ignoranz zu leiden hätten – die wahren Opfer des Patriarchats. Die Intelligenz dieser Frauen würde übersehen, ihr Potenzial ginge verschütt.

Klar gibt es Frauen, die feminin wirken, sich für Mode interessieren, und auch intellektuell ziemlich fit sind. Aber muss man deshalb jedem Modepüppchen per se unterstellen, es sei ja im Grunde viel intelligenter als andere, nur dass es niemand erkannt habe, ein ungeborgener Schatz, den man erst in mühsamer Feinarbeit ans Tageslicht befördern müsse? Ist das nicht mehr oder weniger ein Blankoscheck fürs Diät halten und Lockenwicklertragen? Dass frau dann auch automatisch schlau ist und wer was anderes sagt, ist halt „FrauenhasserIn“, „MaskulinistIn“, „Patriarchat“ oder schlicht „DiskriminiererIn“, „Mehrheitsgesellschaft“?

Die Rolle des „Patriarchats“ hatte damals ich inne. Es sollte ja auch gezeigt werden, dass Feministinnen gar nicht so sehr gegen Männer sind, wie viele Leute immer denken – Ganz im Gegenteil, das war ein neuer, junger sexy-Feminismus, auch wenn meine Profesorin und viele feministisch gesonnene Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelbau natürlich nicht mehr ganz so jung waren. Wenn es also nicht gegen die Männer gehen sollte, wer blieb da noch zum Draufrumtreten übrig? Richtig.

„Anders“ als Massenphänomen

Die Erfahrung in Berlin, in der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ toppte das Ganze unerwarteterweise noch: Wir waren ein kleines Grüppchen wildfremder Menschen. Als es daran ging, einander kurz vorzustellen, sagte jeder seinen Namen und Beruf und dann sofort: „Lesbe, obwohl ich mal mit einem Mann verheiratet war“ oder „bisexuell“ oder „Ich glaube, ich war immer schon schwul.“. Eine Frau erzählte, dass sie auf Sadomasochismus stehe, am liebsten Fesselspiele. Trotz der bereitwillig gegebenen intimen Geständnisse hatte ich nicht das Gefühl, besser zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Die einzige Erkenntnis, die ich gewonnen hatte, war, dass hier jeder irgendwie „sexuell abweichend“ war. Vorsichtig merkte ich an, dass ich wohl in vielerlei Hinsicht „zwischen den Stühlen sitzen“ würde. Das sei wohl meine Position. Ich bin bisexuell. Gerade wegen des in dieser Hinsicht freieren Klimas war ich auch nach Berlin gekommen. Aber muss man das Leuten, die man gerade mal 5 Minuten kennt, auf die Nase binden? Ich meine, ich hatte einfach nicht, wie unter meinen Mitstudentinnen, als „hässliche Lesbe“ an einem Ring durch die Manege geführt werden wollen, aber damit war es auch schon gut. Einfach ok sein, wie man nun mal ist, reichte mir. Genau danach hatte ich gesucht. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht, wie ich sagen muss, auch im weltoffenen Berlin nicht viel vorgefunden.#

Homophobie als „Schutzschild“

(Das mit der „hässlichen Lesbe“ war zu Unizeiten in meinem – eigentlich übrigens ziemlich konservativen Fachbereich – offenbar eine Art Kompromiss: Zwar ist sie eine Frau, aber jedenfalls keine, der der Feminismus zusteht, wenn frau es recht bedenkt sogar viel böser als die „bösen, weißen Männer“, … Später würde allerdings behauptet werden, ich hätte nur als „Schutzschild“ für andere Frauen gedient, die – „echte“ Lesben, wenn auch damals noch sehr wohl an Männern interessiert – sich einfach noch nicht aus dem Schrank getraut hätten – Na ja, kann man ja verstehen, dass IN DEM FALL sogar Homophobie ein Gebot der Stunde war (ich meine das sarkastisch) -, aber das wusste ich in meiner Anfangszeit in Berlin noch nicht.)

Irgendwer muss ja die „frigide Hexe“ sein

Später begriff ich, dass ich eigentlich auch nicht bisexuell bin – Da gäbe es „ganz andere“ hieß es – und leider – wie es der Zufall nun einmal wollte – hatten die alle was gegen mich. Genau genommen handelte es sich um einen Bunch stylischer, wahnsinnig angesagter, wenn auch eher nur mittel-attraktiver Frauen, die man mir bzw. ganz allgemein als „für Emanzipation und Freiheit kämpfende Lesben“ vorgestellt hatte. Allerdings konnten die Frauen offenbar auch mit Männern. Vielleicht auch NUR mit Männern, aber das kann ich im Einzelfall nicht sagen. Ich kenne diese Frauen ja wirklich nicht näher. Umgekehrt schien das merkwürdigerweise nicht so zu sein. Die wussten nämlich ganz genau, dass ich angeblich „einen kranken Hass auf Männer“ hätte, überhaupt, keiner wolle mich, die „frustrierte Zicke“. Manchmal grunzten mich auf der Straße in Kreuzberg Hipstermänner an und die Freundin im Schlepptau säuselte betont freundlich: „Lass! DIR hat sie doch jetzt nichts getan!“. Das war in etwa, wie wenn man nichtsahnend in ein Café geht und einen Kaffee ohne alles bestellt und die Bedienung ziemlich unwirsch ist, derart dass man tatsächlich geneigt ist, es persönlich zu nehmen, und dann ruft jemand von hinter der Theke: „Sei doch nicht so. Zwar ist sie mit dem Ufo hier gelandet und hat sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gefressen, aber zu UNS  jetzt war sie doch ganz passabel …“ Nennt man das „nett“ oder „total plemplem“ oder „Mobbing“? Ich weiß es nicht …

Zu allem Überfluss war ich dann plötzlich auch noch „rechts“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese queeren Frauen, die ich als ziemlich arrogant und überheblich in Erinnerung hatte, alle total links sind, dass sie auch ganz ernsthaft von verschiedenen linken Parteien und Stiftungen gefördert werden. Da hatte ich auch überall verschissen. Dafür wollte jedeR irgendetwas an mir „rächen“: ich hatte dickliche, betont jungenhaft zurechtgemachte Frauen – „Transmänner“ – am Hals, denen missfiel, dass ich zu breitbeinig in der U-Bahn saß – stand mir nicht zu -, ziemlich viele adipöse Menschen, die mich belauerten, hänselten, mal wollten sie nichts Geringeres als „meine Seele ermorden“ oder mir als ganzer Person „den Gar ausmachen“, mal hatte ich „damit“ (womit war unklar) „mein Todesurteil unterschrieben“, dann wieder sollte ich mich „richten“ für das, „was ich GETAN“ hätte. – Ich wusste nicht was. Ich kannte die Leute nicht, hatte ihnen nichts GETAN. Diffus erinnerte ich mich, dass meine Kommilitoninnen damals desöfteren beleibten Besuch aus Berlin über den Uni-Campus geführt hatten – zu mir waren diese Frauen ziemlich komisch gewesen, aber getan hatte ich ihnen nichts. Auch eine frühere Studienfreundin tauchte in meinem Gedächtnis auf – sie selbst war schlank und sportlich, litt jedoch an Bulimie und hatte eine stark übergewichtige Freundin, über die sie mal sehr bösartig lästerte und wollte, dass ich „einfach mal mit ihr solidarisch“ sein und auch mithelfen sollte, die andere in der Cafeteria zu schikanieren, obwohl ich die Frau gar nicht kannte und nicht wusste, was genau vorgefallen war (Deshalb hatte ich auch keine Lust, „solidarisch“ mit dieser Freundin zu sein, obwohl ich sie damals wirklich mochte. Vermutlich war ich eine „Rabenfreundin“ …), dann wieder waren die beiden ganz dicke miteinander, immer abwechselnd. Zu dem Zeitpunkt wäre es mir aber noch nicht in den Sinn gekommen, mir Gedanken über den KÖRPERTYP eines Menschen zu machen. Warum auch?

Von den Dicken wurde ich ständig angemacht, auch von eher dürren, ältlichen Frauen. Die wollten „es“ mir austreiben. Ein Hipster sprach von „Trockenlegen“. Gemeint war „die schönste Nebensache der Welt“ – Sex, über den sich in Berlin alle zu definieren schienen, interessanterweise gerade die, die man nicht gerade in erster Linie mit dem Wort „Sexbombe“ assoziieren würde. Mir wurde ein Tagebuch geklaut. Gerüchte besagen, dass es in diversen Szenekneipen öffentlich vorgelesen worden sein soll – als abendlicher Kneipengaudi. Offenbar wurde es in der queeren Szene herumgereicht, vielleicht auch unter Journalisten – Ich hatte damals ein paar Mal für größere Zeitungen Kunstkritiken geschrieben. Im rechten Lager höhnte jemand: „Dafür hat aber Anja Kofbinger (lesbische Berliner Politikerin der Grünen) das Tagebuch gehabt!“ Ob bzw. was davon stimmt, weiß ich nicht. Nachweisen kann ich niemandem etwas und ich bezweifle, dass die – kicher! kicher! – Andeutungen hier und da alle der Wahrheit entsprechen. Denn mir war schnell klar, dass die Leute sich einen Spaß daraus machten, mich in die Irre zu leiten und in meinen schlimmsten Befürchtungen zu bestärken – ohne dass deshalb zwingend etwas dran sein musste oder aber komplett Entwarnung hätte gegeben werden können. Am Ende – so hatten sie sich das wohl gedacht – könnten sie ja ihre Hände in Unschuld waschen und ich stünde als hysterische Bekloppte da, die sich wutendbrannt auf Leute stürzt, die ihr – ja, genau! – überhaupt nichts getan haben. Dafür haben andere „etwas getan“ und ich sollte nur weiter im Dunkeln tappen.

„Schutzschild“ (II): Prügel für die einen, Empowerment für die anderen

Als von einem Kinderporno (ein Porno, der, wie der Titel erahnen ließ, die Vergewaltigung eines arabischen Babys zum Inhalt hatte) aus zu meinem Blog verlinkt wurde, ging ich zur Polizei. Natürlich konnte ich niemanden ins Blaue hinein beschuldigen. Mehrfach wurde ich auch körperlich angegangen – zum Glück nicht wirklich schlimm, nur dass ich komischerweise im Nachhinein manchmal in irgendeinem Blättchen oder „Zine“ der lokalen queeren Szene las, dass eine ominöse andere – queere! – Frau oder „Person“ ja genau den gleichen Vorfall erlebt hatte. Sie hatte sogar genau gleich reagiert wie ich.

Obwohl die Leute mich angeblich so „rechts“ fanden, passierte es auch öfters, dass irgendjemand aus der queerfeministischen, linken Szene viel Beifall erhielt für ein Statement, das ich so ähnlich eine Weile zuvor gemacht hatte, und das da, also in meinem Fall, entweder als „dumm“, „neoliberal“ oder „fast schon Pegida!!!“ abgetan worden war. Offenbar ging es weniger um die Aussagen an sich, als um den KÖRPER, der sie aussendete – meiner war „böse“ – „rechts“ -, andere waren „gut“. Auf einer Veranstaltung bei der taz belehrte mich eine Frau über den Israel-Palästina-Konflikt, im Hintergrund hörte ich, wie eine andere das mit „Da kann sie ja froh sein, dass jetzt auch mal jemand mit ihr spricht!“ kommentierte. Das wiederholte sich fast wortwörtlich auf einer anderen linken Veranstaltung. Irgendwie hatte ich die Nase langsam voll. Für wen hielten sich die Leute eigentlich? Als ob man nur darauf brennen würde, irgendwie in Kontakt mit ihnen zu kommen, um an ihrer erhabenen Menschlichkeit teilhaben zu können. Eigentlich konnte man sich doch glücklich schätzen, wenn man nicht von denen behelligt wurde.

Auf einer taz-Veranstaltung, die im Sommer 2013 in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, äußerte sich dann eine Frau vor versammelter Mannschaft und für alle gut hörbar betont gönnerhaft: „Aber einen schönen Busen hat sie!“ Es hieß, ich würde die Frauen angeblich nicht ernst nehmen. Sie würden es mir ja nur „zurückgeben“. Die meisten kannte ich gar nicht. Einige „Transgender“ wollten mich wegen „transphober Hetze“ verklagen. Es wurde gehöhnt, ich müsse halt immer „nehmen, was andere Frauen übrig lassen.“, „Jetzt zu Monatsende sei Schmalhans wohl Küchenmeister“ und ich solle doch am besten „in der U-bahn betteln gehen.“, dann könne ich ja als „Identifikationfigur“ für die Obdachlosen herhalten – kicher! kicher! Schließlich wurde ich als „unwertes Leben“ beschimpft – von jungen Leuten, die offensichtlich der Heinrich-Böll-Stiftung nahe standen. Also keine rechten A… löcher. Oder etwa doch?

Eine ganze Reihe Frauen aus meiner Vergangenheit tauchten plötzlich in Berlin auf. Sie alle waren jetzt auch lesbisch oder transgender oder mit Transgender liiert und deshalb jetzt auch lesbisch oder zumindest war ihnen bewusst geworden, dass sie einen „ungewöhnlichen Körper“ hatten (sprich: ein paar Kilo zu viel auf den Rippen oder aber plötzlich abgemagert oder zumindest streng Diät haltend oder ein paar Zentimeter größer als das „süße, kleine Püppchen“, wobei das Gardemaß für „Püppchen“ flexibal gehandhabt und nach Bedarf angepasst werden kann, so dass frau ihm mal zu 100% entspricht (wenn es darauf ankommt, das „süße, kleine Püppchen“ zu sein) und mal dramatisch davon abweicht (wenn es darum geht, der „Freak“ zu sein)) – jedenfalls QUEER!

Emanzipation oder „Frauen zurück an den Herd!“?

Es hieß, ich sei ja immer so eifersüchtig. Carolin Emcke beschrieb  in ihrem Buch „Hass“ über die bittere Armut und das chancenlose, entbehrungsreiche Leben am Rande der Gesellschaft von Transmenschen. Tatsächlich haben, zumindest hier in Deutschland, auffällig viele von denen gute Jobs an der Uni (oder aber an einem der renommierten Berliner Theater). In der Huffington Post ließ sich ein Transmann (Mann, als Frau geboren) darüber aus, wie viel mehr er jetzt, nach der Transition, wo er keine Frau mehr sei, verdiene, und wie viel einfacher es sei, einen Job zu finden, falls man(n) dann doch mal keinen hätte. Stimmt schon, vielerorts auf der Welt müssen sich Transfrauen (Frauen, als Männer geboren) und männliche Transvestiten (Männer, die sich als Frauen verkleiden) ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdienen, sofern sie nicht im Show-Biz unterkommen. Transmänner, also Männer, die als Frauen geboren sind, aber tatsächlich „männlich“ fühlen und sich (von Natur aus, ohne dass es eingeübt oder geschauspielert werden müsste) „männlich“ verhalten, gibt es nur sehr wenige. Hat irgendwie was mit Biologie und Hormonen zu tun. Offenbar läuft bei männlichen Föten sexuell öfters mal etwas aus dem Ruder. Lesben gibt es auch sehr viel weniger als Schwule. Zumindest echte Lesben, Bio-Lesben. Nicht Frauen, die das aus politischen (das berühmte Credo des Differenzfeminismus der wilden 70er: „Männer sind Schweine!“) oder anderen Gründen machen. Sich als „Transmann“ zu „definieren“ (Die meisten „Transmänner“ sind übrigens „schwul“ und möchten auch gern schwanger werden. Kinderkriegen geht ja jetzt auch für Männer.) ist aber auch „politisch“: „Transfeminismus“. Manchmal könnte man kotzen, wenn man in der taz oder anderswo mal wieder liest: „Als Frau hätte ich natürlich nicht … können, aber als Mann ja schon!“ oder „Frauen machen … ja nicht, aber als Mann kein Problem!“. Klar: Frauen gehören an den Herd und Männer (und „Transmänner“) gehen auf die Jagd. Glauben die diesen Schwachsinn wirklich? Und dass das Feminismus sein soll?

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen internen Logik, dass die queerfeministischen Frauen sich für sich selbst vorbehalten, auch Männer zu sein (Dann ist man bzw. frau gleichberechtigt bzw. ist man dann ja selbst ein „Mann“), aber aggressiv werden, wenn andere Frauen leider auch nicht die „Frauchen“ sein wollen. Ein bisschen ist es an dem gespiegelt, was meine alte feministische Professorin erreichen wollte: Gleichberechtigung soll bloß nicht für alle Frauen da sein – Gott bewahre! Es gibt immer welche, die Privilegien haben müssen (seien es nun die femininen „Modepüppchen“ oder die queerfeministischen „Transmänner“. Meistens sind es sogar DIE GLEICHEN FRAUEN) und andere, die frau zurückdrängen muss, damit sie den Privilegierten nicht ins Gehege kommen. Eigentlich ist es zynisch, dass ausgerechnet die Queerfeministinnen nicht müde werden, auf die Menschenrechte und auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu verweisen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt nämlich nicht das Recht ein, auch für andere zu bestimmen – über deren Sexualität, ihre Intelligenz, ihre Chancen im Berufsleben, was sie sich gefallen lassen und zu wem sie aufschauen müssen, usw.. Auch in den Menschenrechten steht nichts davon, außer eben, dass alle diese Dinge gerade nicht fremdbestimmt sein dürfen. Die „Transmänner“ aber jammern, es sei „Transphobie“, wenn eine Frau wie ich sie nicht in ihrer Rolle als Männer bestätigt oder auf Anmachen und überhebliches, selbstherrliches Verhalten sogar ungehalten reagiert, denn: – „Männer sind nun einmal so!“. Wirklich?

Menschenrechte & Grundgesetz – für alle da!

Eigentlich sind die Menschenrechte  bzw. das Grundgesetz gerade dann für einen da, wenn man bzw. frau das nicht so sieht. Da steht nämlich was von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ (und nicht: „Mann und Transmann“). Aber vermutlich wird man auch nicht jeden eingefleischten Rechtspopulisten dazu bringen, dem zuzustimmen. Es ist nur so: in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss man es aushalten, dass Menschen anders denken und anders leben möchten als man/frau/mensch selbst. Das geht in alle Richtungen und es bedeutet auch, dass mensch Leute in Ruhe lassen muss, die mensch doof findet, anstatt ihnen nachzulaufen und sie zu „erziehen“ bzw. ihnen mit Nachdruck, Psychoterror, sexuellen Übergriffen oder sogar köperlicher Gewalt die gewünschten Verhaltensweisen abzupressen. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der queeren Szene gewesen. In Ruhe gelassen haben mich die Leute bis heute nicht.

„Beißreflexe“

Vor ein paar Monaten sorgte dann ein kleines, unscheinbares Büchlein in der queeren Szene für Aufruhr. Es trägt den Namen „Beißreflexe“ und wurde von „Polittunte“ Patsy l’Amour lalove herausgegeben. Das Buch, das den zunehmend autoritären Einschlag der Szene kritisiert, schlug ungeahnt hohe Wellen, sein Ruf scheint ihm jetzt sogar bis in die USA vorausgeeilt zu sein und das, obwohl es eigentlich nur in Micro-Auflage in einigen wenigen ausgewählten linken Szeneläden deutscher Groß- und Universitätsstädte zu haben ist. Für die einen ist „Beißreflexe“ eine Offenbarung – Da steht, dass auch andere bemerkt haben, was alles nicht in Ordnung war oder sogar total daneben. Auch ich begriff, dass ich nicht die einzige war, der mensch übel mitgespielt hatte (wenn auch die einzige, die nach einem kurzen Ausflug die queere Szene ziemlich schnell wieder verlassen hatte. Die meisten anderen Opfer dieser Leute kommen „von innen“, haben, sofern sie in Berlin waren oder sind, vielleicht auch mich mitgedisst. Traurig, das so schreiben zu müssen, aber leider wahr.) – ein paar Albernheiten der „Gender-Stasi“ hat Peter Rehberg in der „Zeit“ beschrieben. Zu meiner Überraschung war frau offenbar sogar in der „Emma“ reichlich indigniert. Dort fragte frau sich, was das noch mit Feminismus zu tun hat. Tja, das frage ich mich, wie gesagt, schon seit geraumer Zeit …

Jetzt hat das queerfeministische Lager in der „Zeit“ zum Gegenschlag ausgeholt und schießt dabei – wenn man bedenkt, dass es sich um eine subkulturelle Streitschrift handelt, die den meisten Leuten gar nichts sagen dürfte – mit Kanonen auf Spatzen. Die Berliner Soziologie-Professorin und Queerfeministin Sabine Hark hat Judith Butler, die us-amerikanische Begründerin der Queer-Theorie, als Verstärkung hinzugezogen und in einem längeren Artikel in der „Zeit“ ziehen beide gegen die Abtrünnigen aus der Szene zu Felde: von „Verleumdung“ ist die Rede, gleich im Titel, Kritik sei ja in Ordnung, aber bislang seien doch nur Aggression und Verletzungen gegen Queer hervorgebracht worden. Eine neue „Grammatik der Härte“ bringe das zum Ausdruck, es sei Hate Speech, infam, roh und einfach nur asozial klagen Hark und Butler.

Wo ist Eure Empathie?

Moment mal: „unwertes Leben“ ist ok, aber sich dagegen zu wehren, so bezeichnet zu werden, ist „infame, verletzende Hate Speech“? Nein, sorry – ohne jetzt die „Beißreflex“-Leute zu sehr in Schutz nehmen zu wollen – ich weiß, wie gesagt, auch nicht, ob der/die eine oder andere mich nicht auch kräftig mitgemobbt hat -, aber vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn man die Dinge einmal umdreht. Haben die Frauen bzw. die VerfechterInnen der Queer-Theorie sich schon einmal gefragt, wie viele Leute SIE verletzt haben?! Wie viele Leute sich elend gefühlt haben, mit ihren Hänseleien, Nachstellungen, Verhöhnungen, Demütigungen und Verleumdungen?! Wie es einem, mir zumindest, damit geht, mehr oder weniger mit einer Art feministischen „Fatwa“ (Ich fühle mich manchmal wie Salman Rushdie, aber christlicher gedacht können wir’s auch „Exkommunikation“ und „Bann“ nennen) belegt zu werden und überall die Tür vor der Nase zugeschlagen zu kriegen – UND DASS DAS AUCH NOCH FEMINISMUS SEIN SOLL?! Dass man immer angehalten ist, das nicht so zu nehmen bzw. gefälligst gar nicht erst etwas Böses zu unterstellten, nichts sagen darf, gute Miene zum bösen Spiel machen muss und sich idealerweise auch noch selbst schuldig – „falsch“ – fühlen soll?! NUR UM DIE FRAGILEN EGOS IRGENDWELCHER MIMOSEN NICHT ZU BRÜSKIEREN?!

Über jeden Zweifel erhaben?

Nein, sorry – aber intelligent zu sein oder sich auch nur mit intellektuellen Inhalten zu beschäftigen, steht nicht nur bestimmten Menschen zu – nicht, weil es so feminine Frauen sind, von denen man das ja sonst nicht so denkt, nicht, weil sie umgekehrt eigentlich ja so „männlich“ wären und denken nun einmal „männlich“ (oder „Oberschicht“, die „besseren Gene“, Sarrazin und Co.) sei (gruselig, so etwas von Menschen zu hören, die sich für „feministisch“ halten und behaupten, „links“ zu sein!) und auch aus keinem anderen Grund!

Es gibt kein Recht darauf, dass andere sich klein, unzulänglich und wertlos fühlen und stets unterwürfig und dienstbar sein müssten, auf Dinge verzichten, die ihnen Freude breiten, dass sie ihre Talente nicht entfalten dürften – und sei es nur in Form eines Hobbys -, sich für ihre Körperlichkeit schämen müssten – Ja, ja, die adipösen Frauen wären ja auch lieber schlank, so wie die Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ und andere Frauen SIND schlank wie die Frauen bei „Germany’s next Topmodel“, nur dass sie an Esstörungen leiden und sich deshalb trotzdem nicht gut mit sich fühlen – ABER WAS ZUR HÖLLE KANN ICH DAFÜR?!,  dass man nicht lachen oder tanzen dürfte oder breitbeinig in der U-bahn sitzen, ganz zu schweigen von ener eigenen Meinung, dass andere gegängelt und kontrolliert werden müssen – NUR WEIL SICH IRGENDWELCHE NEUROTISCHEN ARSCHLÖCHER ANGEBLICH SONST „NICHT WOHL FÜHLEN“???

Man muss Menschen nicht mögen, weil sie „anders“ sind (auch nicht, weil sie NICHT „anders“ sind) und den grundlegenden Respekt, so von Mensch zu Mensch, den hat schließlich jedeR verdient. Alle Menschen sind GLEICH, im Sinne von „gleichwertig“. DAS steht in den Menschenrechten und nichts anderes. Punkt.

Man muss auch anderen nicht von vornherein einen Kredit für politische Einstellungen geben, die sie womöglich gar nicht haben und sich selbst in die rechte Ecke abdrängen lassen, obwohl man nicht rechts ist und auch nichts dafür spricht, dass man es je gewesen ist.

Tatsächlich sind übrigens einige der Transgender ganz schön rechts: Wer’s nicht glaubt, kann es nachlesen, z. B. in: Amjahdi, Mohamed „Unter Weißen“ (2017), S. 113 ff. oder – Surprise! – in der taz. Trotzdem geht es mir hier auch nicht darum, Transgender für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen – Das ist doch Quatsch! -, nur darum, in Frage zu stellen, ob es „Körper“ gibt, die per se, als solche „gut“ sind und „Körper“, die „schlecht“ sind, dass also die Definition als „queer“ einen nicht automatisch „links“ macht und schon gar nicht das Recht damit verbunden ist, jedeN, den/die mensch nicht leiden kann, dann eben umgekehrt als „rechts“ zu brandmarken. Nicht zuletzt ist das ja auch gegen die Meinungsfreiheit, die ebenfalls nicht nur „queeren“ Menschen zusteht.

Genauso müssten die Leute auch anderen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, auf das sie selbst so sehr pochen, zugestehen. Was wäre denn z. B., wenn sich jetzt alle Frauen plötzlich als „Transmänner“ definieren und von den „angestammten“ „Transmännern“ mit der gleichen Empfindlichkeit, die letztere immer vorgehen, verlangen, auch enstprechend in ihrer Rolle als „Männer“ bestätigt zu werden. Dann hätten wir zwar Gleichberechtigung – JedeR könnte sich selbstbewusst und stark fühlen – aber mit dieser Minderheitensache und der damit verbundenen Sonderförderung wäre es das gewesen.

Die „neue Härte“ – oder: Was hat Queer gebracht?

Hark und Butler schreiben von den neuen Freiheiten, für die sie kämpfen. Tut mir leid, aber davon habe ich nichts mitbekommen.

Last but not least waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler die sich die Henker der Toleranz selbst herangezogen haben: Milo Yiannopoulos – der dumme Junge, der arme Schwule, der Migrant – halb wenigstens – der eventuell-Jude und vielleicht-Lover eines Schwarzen, aber auch das Arschloch, das glaubt, Frauen wie Dreck behandeln zu können, der „Mein-Freund-ist-Person-of-Color-und-der-mag-dich-auch-nicht!“-Rassist, der sich einbildet, mit ein paar Lügengeschichten sei alles wieder hinzubiegen – es kommt ja nur darauf an, andere ins Unrecht zu setzen, nicht darauf, selbst im Recht zu sein -, Yiannopoulos, das Schwein, das für sozial Schwache nichts übrig hat, – aber man sollte nur ja nicht auf die Idee kommen, dass er als Studienabbrecher eines „Laberfaches“ vielleicht gar nicht so überzeugend in der Rolle des „Leistungsträgers“ ist, auf die Beine geholfen hat ihm ja immerhin der linke Zeitgeist, dem er weißgemacht hat, selbst der sozial Schwache zu sein. Nur was wäre, wenn man Milo Yiannopoulos mal so hängen lassen würde, wie er es für andere haben will? Wenn man keine Lust mehr auf die verlogene kleine Schwuchtel hat – Ja, „Schwuchtel“ ist in dem Fall okay, andere Schwule mag man, da sagt man das ja auch nicht. Sagen Leute wie er doch auch immer. Tja, was, wenn man eben auch mal homophob sein möchte und einem Yiannopoulos darüber hinaus gern mal sämtliche Steine in den Weg legen würde, über die seinesgleichen sonst so gern Migranten, Frauen und – ja! – Schwarze stolpern lässt – oder Leute, die nicht den richtigen sozialen Hintergrund haben. Was wäre dann noch übrig von einem wie Milo Yiannopoulos? Ist die Frage fies? Verletzend? Was ist dann Yiannopoulos selbst?

Tja, nur leider waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler, die sogar darauf bestanden haben, dass Frauen wie ich Typen wie Milo nicht im Weg sein sollten. Yiannopoulos ist ihr Baby. Oder, auf Berliner Verhältnisse übertragen, Menschen wie Gerwald „Faxe“ Brunner, der Piratenpolitiker, der Suizid beging, – u. a. der „Stern“ (Print) und die „Welt“ haben ausführlich über ihn berichtet – , und an dem, wie sich posthum herausstellte, so ziemlich alles frei erfunden war. „Faxe“, der in einem offenbar auf fast schon sektenhafte Weise rechtsextremen Elterhaus aufgewachsen war, gehörte selbst zu den „Anderen“, er hatte homosexuelle Neigungen – die waren wohl halbwegs echt an ihm, auch wenn er, wie es scheint, bisweilen auf eher eigenartige Weise liebte – einen Mann stalkte und ermordete er schließlich. Für Frauen dagegen hatte Faxe kaum mehr übrig als Milo Yiannopoulos, seine Verachtung für sie soll zu Lebzeiten sprichwörtlich gewesen sein. Trotzdem war Brunner (dessen politische Ansichten ansonsten, wie ich fairerweise hinzufügen muss, nicht denen der neuen Rechten entsprachen) ein Darling der Linken, kurioserweise auch der feministischen Frauen.

Selbst wenn man Yiannopoulos und Brunner als „Sonderfälle“ abtut – immerhin hatte die Gender- und Queerforschung in den letzten 15 Jahren vielerorts Machtpositionen inne und konnte Einfluss nehmen. Was hat sie erreicht? Die „Ehe für alle“ (nebenbei bemerkt ein längst überfälliges Gesetz zur Gleichstellung, von dem auch niemand einen Nachteil hat) ist erst nach viel Gedruckse und im Endeffekt vielleicht lediglich als „auf den letzten Drücker vor der Wahl noch mal Punkte machen“ gekommen. Dafür ist der Zeitgeist insgesamt viel konservativer geworden, die Rechte ist aus der Versenkung wieder aufgetaucht und Thilo Sarrazin und andere haben uns eine Reihe „Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen“-Bücher beschert, in denen es v. a. darum geht, dass Vorurteile gar nicht so schlimm sind und hier und da vielleicht sogar was dran ist. „Autoritär“ und „links“ schließen einander auch nicht mehr aus, wie nicht zuletzt „Beißreflexe“ deutlich gemacht hat.

Das alles kann man nicht nur kritisieren, man MUSS es sogar kritisieren. Und wenn das so „verletzend“ ist, dann bleibt nur zu sagen: Vielleicht muss Demokratie manchmal „verletzend“ sein. Zumindest um ihrer selbst willen.

Cut! Warum man sich von Queer distanzieren können dürfen muss.

„Beißreflexe“ – Das Buch der „Polittunte“ Patsy LaLove L’Amour ist seit Monaten der Hot Topic schlechthin der Berliner queeren Szene. Ich bin darüber natürlich nur zufällig im Internet gestolpert, denn in der queeren Szene habe ich nur vor vielen Jahren mal hier und da geschnuppert. Da ich überall angefeindet und belästigt wurde, habe ich es dann gelassen. Die Leute widerten mich an: Turnschuhe an den Füßen, die so teuer aussehen, dass ich meine Miete davon bezahlen könnte, Koksrotz um die Nase und Ecstasy-vergrößerte Pupillen, konsumgeil bis zum geht nicht mehr. Entsprechend arrogant treten die Leute auf und man kann nicht umhin, zu glauben, dass man es mit einer gelangweilten, vollkommen übersättigten Jeunesse Dorée zu tun hat, die gar nicht mehr weiß, wie sie ihr Geld noch zum Fenster rausschmeißen soll. Nicht mein Fall.

Leider ließen die Leute aber nicht von mir ab. „Beißreflexe“ und viel mehr noch die Debatte darum, erklärt, warum. Für einen Teil der Leute in der queeren Szene sind mittlerweile offenbar sogar Homosexuelle zum Feind geworden. Auch ist nicht jedeR für die Ehe für alle. Das erklärt vermutlich die homophoben Ausfälle. Auch wenn die Leute es so verstanden wissen wollten, dass ich ja „keine queere Identität“ hätte und es daher „nichts mache“. Also nicht gegen Homophobie bzw. nur wenn einem selbst irgendeine Laus über die Leber läuft. dann ist es „homophob“. Obwohl die Leute darauf bestehen, Avantgarde im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zu sein, ist ein Teil der Leute islamfeindlich und rassistisch, wie man u. a. in dem Buch „Unter Weißen“ des Zeit-Journalisten Mohamed Amjahid (S. 113 ff) nachlesen kann. Auch Antisemitismus ist offenbar – v. a. im Zuge des Engagements „gegen Imperialismus“ und für Palästina verbreitet. Nicht wenige queere Menschen leiden unter psychischen Krankheiten. Ein Teil davon wollte mich daher auch „krank machen“. Warum sollte ich es denn besser haben? Ein großer Teil,. v. a. der Frauen, leidet an Essstörungen und ist mit seinem Körper unzufrieden. Also sollte ich mich auch nicht mehr in meinem Körper wohlfühlen dürfen. Daher die sexuellen Übergriffe, gern begleitet von dem Verweis darauf, dass ich ja „keine Dyke“ sei, nicht „transgender“. Ich bin tatsächlich nicht „transgender“. Die anderen aber auch nicht. Dass das Geschlechterbild dieser Leute mit seinen klar definierten Rollenvorstellungen für Männer und Frauen, die aber eben „Transgender“ – und offenbar nur die! – durchbrechen können, am rechten Rand dieser Gesellschaft durchaus mit einem gewissen Wohlwollen zur Kenntniss genommen wird, kann man in den Leserbriefen der „Zeit“ von dieser Woche nachlesen.

Ein Teil der Leute wollte mich in der U-Bahn betteln gehen sehen. „Tja, jetzt am Monatsende ist Schmalhans wohl Küchenmeister!“ höhnte eine der Frauen einmal. Man könnte an Psychoterror denken oder an einen Klassenkampf über sexuelle Gewalt – die ständigen Anmachen, die Frauen/Männer sollten ja endlich „ihre Sexualität“ „leben“ dürfen. Dennoch ist es die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die hier fördert. Das heißt, Schützenhilfe und Fördergelder erhalten die Leute auch von der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung und anderen Institutionen. Carolin Emcke – ihres Zeichens Publizistin und Patentochter des ehemaligen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, setzt sich leidenschaftlich für Queer ein, aber auch die Alfried-Krupp-Stiftung scheint queerer Forschung gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Dabei ist es durchaus diskussionswürdig, ob queere Wissenschaft so seriös ist. Die queere Juniorprofessorin Nanna Lüth beispielsweise sollte ihre Juniorprofessur in Kunstpädagogik an der UDK Berlin vorzeitig beenden, wie man im Berliner „Tagesspiegel“ nachlesen kann. In dem sich weit links positionierenden „Neuen Deutschland“ steht, wie Lüth um ihren Posten kämpfte: Mit der Diversity-Keule: Auch ein schwarzer Medienkünstler sei geschasst worden. Man habe wohl etwas gegen Minderheiten. Allein – der Mann war wohl nicht bereit, für sich für die Dauer des Lehrauftrages ein Zimmer in Berlin zu mieten. Zu viele Verpflichtungen hätten es dem Kanadier allenfalls erlaubt, wie gewohnt gelegentlich nach Berlin zu jetten, um angehende Berliner Kunstlehrer zu instruieren. Tja. Warum sieht man sich dann nicht einfach nach einem ähnlich qualifizierten Medienkünstler um, der zumindest ein Semester lang in Berlin wohnen kann? Wenn das denn so wichtig ist, dann eben mit schwarzer Hautfarbe.

Lüth selbst wurden Dogmatismus und wissenschaftliche Mängel vorgeworfen. Ein Blick auf ihre Vita lässt darauf schließen, dass das so weit hergeholt vielleicht nicht ist. Die Frau hat Film-und Fotodesign studiert, mehrere Aufbaustudiengänge in Großbritannien und den USA zum Thema Medienkunst absolviert und schließlich noch einmal „Kunst im Kontext“ an der UdK, dann die Promotion in Kulturwissenschaften an der Universität Oldenburg und eine Tätigkeit als Kunstvermittlerin im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in der nordwestdeutschen Provinzstadt. Vermutlich ist die Frau fit, was Medienkunst betrifft und nachweisliche Erfahrung in der Museumsarbeit – im weiteren Sinne, hat sie auch – aber eine qualifizierte Wissenschaftlerin? Eine Erfahrene Kunstpädagogin?

Ohne es zu wissen hatte ich selbst einmal mit Nanna Lüth zu tun. Ich bin geboren und aufgewachsen in Oldenburg, aber das tut nur indirekt zur Sache. In Berlin hatte ich 2008 an einem interaktiven Ausstellungsprojekt in der Kreuzberger Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst teilgenommen, das offenbar von Nanna Lüth organisiert wurde. Ich staunte nicht schlecht, als sich eines Tages vor dem Video, in dem ich mitgewirkt hatte, zwei Männer einfanden, die mir entfernt, sehr entfernt bekannt vorkamen. „Ha! Die kennen wir doch!“ rief der eine aus, als ich in dem Video zu sehen war. Dennoch, ich war sicher, dass da etwas nicht stimmte. Die beiden hatten zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit meinem alten Kunstlehrer und einem Sportlehrer der Schule in Oldenburg, auf der ich gewesen war, aber in meinem Hirn meldete sich ein Alarm: „Das sind die nicht! Das sind die nicht! Jemand will dich ver-aaarschen.“ Keiner der beiden sprach mich auch im Ausstellungsraum an, obwohl sie doch laut hinausposaunt hatten, dass sie mich angeblich kennen. Der Typ, der eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Kunstlehrer hatte, begegnete mir noch zwei Mal in Berlin.

Erst Jahre später wurde mir klar, warum ich so sicher war, dass es NICHT mein alter Kunstlehrer war: Ich erinnerte mich, dass ich 2004 bei den Eltern einer Freundin in Oldenburg zur Gast war. Wir trafen meinen ehemaligen Kunstlehrer in der Innenstadt. Der reagierte ziemlich unwirsch und schien mich auch nicht einordnen zu können. Ich nahm es nicht persönlich, obwohl mich die Mutter der Freundin darauf ansprach, denn ich wusste aus der Schule, dass der Mann ziemlich grob sein konnte, es aber nicht unbedingt so meinte. Kein Typ, der überbordendes Interesse an seinen Schülern gezeigt hätte, aber wir Schüler mochten ihn damals, weil er als einer der wenigen linken Lehrer galt. Wir haben sogar in der Oberstufe mal ein Kurstreffen bei mir gemacht.

Die UdK mied ich, seit ich mir dort eine Meisterschülerausstellung angeschaut hatte und wieder belästigt worden war. Als mir 2012 in den Kopf kam, selbst Kunstlehrerin zu werden, mailte ich ihnen allerdings nichts ahnend, um in Erfahrung zu bringen, ob ich Teile meines kunsthistorischen Studiums einbringen könnte. „Nur wenig“ – so die knappe Antwort. Außerdem müsse mir klar sein, dass die Anforderungen hoch seien. Ich bewarb mich nicht, denn ich hatte kein Geld, um nochmal richtig zu studieren und ein wirkliches Kunsttalent bin ich eigentlich auch nicht. Wenn dann, hätte es vielleicht allenfalls an einer Provinzuni geklappt. Als ich ein paar Wochen später in einem Kunstprojekt in der NGBK teilnahm, wo die Ausstellungsbesucher selbst zeichnen durften, bemerkte ich,wie eine mittelalte Frau schmallippig meine Zeichnung begutachtete, während ich mich mit einem Jungen mit Migrationshintergrund aus dem Viertel unterhielt. „Und so was wollte Kunstpädagogik studieren!“ schnauzte die Frau halblaut zu einem Künstlertypen, der wohl zu den Mitorganisatoren gehörte. „Die kann doch gar nicht malen!“. Vielleicht stimmte das. Bloß woher wusste die Frau, dass ich die EMail mit der Anfrage an die UdK geschickt hatte???

Fast alle in der queeren Szene machen was mit Kunst, Politik und Medien. Meistens sogar alles zusammen. Auch Patsy LaLove L’Amour, die übrigens, wie man ihrer Homepoage entnehmen kann, ebenfalls von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wird. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wer hier wen beißt, nur dass alle mich gebissen haben. Vielleicht kämpft ja sogar mein alter Kunstlehrer als Linker mittlerweile einen mit allen Mitteln geführten queerfeministischen Kampf gegen eine verarmte ehemalige Schülerin, die er so auf der Straße noch nicht einmal mehr wiedererkennen kann. Dann wäre auch er Teil der „Gender-Stasi“, wie es Peter Rehberg in der „Zeit“ so treffend auf den Punkt gebracht hat. Vielleicht ist es aber auch nicht so. Das ist mir eigentlich egal. Hauptsache, ich werde in Ruhe gelassen. Denn an die Gurgel gehen sie einander allesamt, wie auch Hannah Wettig in der „Emma“ schreibt. Glücklich, wer nie in die Fänge dieser Menschen gerät!

Punkte machen mit dem A-Wort? Wie Antidiskriminierungspolitik zum Eigentor wird

A wie Antisemitismus. Wer dagegen ist – „anti“ – könne es aber auch wiederum übertreiben, meint Jakob Augstein. Der Anti-Antisemitismus könne schnell zur Obsession werden, schreibt er in seiner  Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Das A-Wort“ (Print, Spiegel 2017/25). Aufhänger ist die umstrittene Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, die WDR und Arte zunächst nicht zeigen wollten. Dann zeigte Bild-Online sie und schließlich lief sie dann, versehen mit einigen Korrekturen, doch noch regulär im Fernsehen.

Warum so viel Aufregung um einen Film? Sicher, der Film ging das Thema parteiisch an, sehr fokussiert auf den Nahostkonflikt, vor allem wohl aus der Perspektive der israelischen Regierung. Das wurde nicht nur im Pro-Palästina-Lager kritisiert. Auch die Journalistin Sylke Tempel merkte im NDR an, dass der Film diskussionswürdig sei. Aber kann man Filme eigentlich nicht mehr mit einer kritischen Distanz sehen? Man muss sich doch nicht mit allem, was man sich so medial zu Gemüte führt, voll und ganz identifizieren.

Oder ist es das Thema? Antisemitismus. Ist es nicht merkwürdig, dass sich heutzutage, so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust, die Geister mehr denn je daran scheiden? Gerade in dem Moment, wo das Land eine Nation in Europa wie alle anderen sein will, wo von „Verfassungspatriotismus“ und einem „gesunden Nationalstolz“ die Rede ist, reiben sich die Leute wieder ganz besonders daran. Dabei könnte man sich sagen, dass der Nahe Osten weit weg ist. Juden sind in Deutschland wirklich eine Minderheit und so viele Palästinenser leben hier auch nicht. Rein zahlenmäßig sind es in den letzten Jahren vielleicht etwas mehr Araber geworden. Gut, die Flüchtlinge – ist es das?

Aber was haben damit zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu tun? Jedes Kind hat vor 20 Jahren noch in der Schule gelernt, dass es sich dabei um eine antisemitische Fälschung handelt. Deshalb glaubt man auch zuerst, man habe sich verhört, als in der Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ ein junger Mann in einem buntgewebten Pulli freundlich sagt, wenn die „Protokolle von Zion“ eine Fälschung seien, dann habe sich da aber doch jemand ein paar wirklich gute Gedanken gemacht – Wie bitte?

Leider gibt es solche Leute. Die Frage ist nur, warum schenkt man dem Gehör? Oder sind solche Ansichten etwa weiter verbreitet und tiefer verankert in unserer Gesellschaft als man gemeinhin so annehmen sollte?

Es erschüttert schon, zu hören, dass in Berlin ein jüdischer Junge die Schule verlassen hat, weil er offenbar antisemitisch gemobbt wurde. Die Schule soll die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus“ getragen haben, wie u. a. im Berliner „Tagesspiegel“ steht. Das gibt zu denken. Sind die Leute jetzt so erpicht darauf, die „Araberfreunde“ zu geben, dass man einem jüdischen Schüler gegen Mobbing nicht mehr beistehen kann? Als in der taz (Print) dann irgendwo (leider weiß ich nicht mehr wo) auch noch treuherzig versichert wurde, es schlösse sich ja nicht aus, gegen Rassismus UND gegen Antisemitismus zu sein, geriet ich ins schlingern. Natürlich schließt es sich nicht aus. Wäre ich Lehrerin, würde ich auch einem christlichen, blonden, bio-deutschen, heterosexuellen Jungen aus gutem Hause helfen, wenn er zum Mobbing-Opfer würde. Es geht doch darum, Mobbing zu unterbinden. Oder etwa nicht?

Das heißt, mittlerweile würde irgendetwas in mir kurz zögern, die heimlich lauernde Angst, die Eltern des Jungen würden mich, sobald ihr Kind wieder gut in die Klasse integriert ist, bei der nächstbesten Gelegenheit wegen irgendeiner Lappalie zur „Rassistin“ abstempeln. Irgendwie klingt das paradox und leicht plemplem, aber ich habe derlei leider oft genug erlebt – dass die Menschen sich abstrampeln, um ja nicht selbst irgendwie in den Verdacht zu geraten, irgendwie NICHT mit den Refugees klarzukommen, dass man dafür dann lieber andere umso kräftiger in die Pfanne haut. In was für einem Land leben wir eigentlich?

Allerdings handelt es sich, anders als man meinen könnte, nicht unbedingt um ein typisch deutsches Phänomen. Kein „Schuldkult“ also, wie der rechte Rand ja gern höhnt. Da ist zum Beispiel der Fall Kamel Daoud: Der algerische Schriftsteller hatte das Frauenbild im Islam kritisiert, auch im Hinblick auf die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht in Köln 2015/16. Daraufhin wurde er von französischen Intellektuellen harsch angegriffen. Weiße Franzosen warfen dem in seiner immer wieder von islamistischen Wellen erschütterten Heimat nicht ganz problemlos arbeitenden arabischen Intellektuellen plötzlich „Orientalismus“ und „Islamophobie“ vor. In Deutschland wurde Daoud gar nicht erst beachtet. Man kann den Vorfall aber u. a. in der „Welt“ nachlesen, auch mit einem Link zu einem Artikel von Fawzia Zouari in der „Libération“ (kostenpflichtig!), in dem sie Daoud verteidigt und den neokolonialen Einschlag kritisiert, der ihrer Ansicht nach aus einigen Statements linker europäischer Intellektueller herauszuhören sei.

„Orientalismus“, „Neokolonialismus“, „Islamophobie“ – und eben das berühmt-berüchtigte „A-Wort“. Da schwirrt einem doch wirklich der Kopf. Sicher, es gibt Araber, Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich auf die Seite der europäischen Rechtspopulisten gestellt haben – Necla Kelek und Aayan Hirsi Ali sind vielleicht die hierzulande bekanntesten Namen. Genauso werden gerade in letzter Zeit auch gern Juden von der neuen Rechten umworben und vereinnahmt. Wenn man liest, dass sogar die rechtsextremen „Identitären“ sich gegen Antisemitismus stark machen, zögert man. Damit will man nichts zu tun haben. Auch nicht mit den „Breitbart“-Typen, dem AfD-Milieu, das – obschon selbst mehrfach mit kruden antisemitischen Ausfällen aufgefallen – sich gern auf jeden stürzt, der andeutet, dass die Palästinenser im Nahen Osten vielleicht wirklich kein leichtes Leben haben, dass die Aggression bis zu einem gewissen Grad vielleicht nachvollziehbar sei, auch wenn man damit keinen Hass auf Juden oder auf Israel unterstützen möchte.

Aber das wird dann eben geflissentlich überhört. Die Rechtskonservativen können Punkte machen, indem sie sich umso entschiedener hinter „Israel“ stellen oder zumindest hinter das, was sie für „die israelische Meinung“ halten. Glauben sie jedenfalls. Das erinnert an den Vorfall mit dem jüdischen Jungen, der von der Schule „gegen Rassismus“ weggemobbt wurde, nur eben anders herum. Muss so viel Übereifer wirklich sein? Und mehr noch – muss man sich davon drangsalieren lassen?

Moshe Zimmermann merkte in der „Zeit“ an, dass es antisemitisch sei, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Ansonsten, wenn man das weiter fasste, seien nämlich auch viele Israelis „antisemitisch“. Nicht jeder ist dafür, Araber wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Vielleicht sind es gar nicht mal so viele, die dafür sind. Aber das zu beurteilen, überlasse ich lieber anderen, denn für mich persönlich ist der Nahe Osten wirklich sehr weit weg.

Nur soviel: Auch wenn Antisemitismus in der arabischen Welt verbreitet ist – da muss man sich nichts vormachen – der algerische Raï-Sänger Khaled fand zum Beispiel nichts dabei, in Israel aufzutreten, wo er nämlich auch viele Fans hat. In der arabischen Welt hat sich der Musiker damit Feinde gemacht. Zur Lichtgestalt eignet er sich trotzdem nicht, Khaled ist ziemlich homophob, hat wegen der „Ehe für alle“ sogar Frankreich verlassen. Dafür setzt sich der muslimische Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für die „Ehe für alle“ ein – und nimmt dafür in kauf, u. a. von streng gläubigen Muslimen attackiert zu werden.

Vielleicht brauchen wir nicht so sehr die Menschen, die sich als „Freunde der Minderheiten“ und „Musterschüler“ in Sachen Antidiskriminierung aufspielen und versuchen, einander dabei zu übertrumpfen, der/die entschiedenere, „authentischere“, leidenschaftlichere „Verteidiger(in)“ der Araber oder eben auch Juden zu sein. Vielleicht sollten wir lieber auch all jenen eine Chance geben, die anecken, weil sie Zwischentöne zulassen und Widersprüche aushalten. Letztendlich sind sie nämlich diejenigen, die eine offene, pluralistische Gesellschaft am ehesten zusammen halten können und es wäre fatal, gerade in deren Namen jede Brücke, die mühsam aufgebaut worden ist, ohne Rücksicht auf Verluste niederzureißen.

 

 

 

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

Zauberwort Toleranz. Eine Replik auf eine Kolumne von Josef Joffe

Darf man das noch sagen? Jeder kennt sie, Menschen, die einem jedes Wort im Mund herumdrehen, und einen bereits zum Rassisten abgestempelt haben, noch bevor man das Wort überhaupt aussprechen kann. Ein Zuviel an Political Correctness ist schädlich. Nicht selten verkehrt sich ein solcher Übereifer sogar in sein Gegenteil.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Da sind sich wohl alle einig. Doch sie hat auch Grenzen. Man darf nicht behaupten, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, auch wenn man treuherzig versichert, dass man aber nun einmal fest daran glaubt. Und für die meisten Menschen steht es gar nicht erst zur Debatte, ob man andere als „Nigger“, „Bimbo“, „Fidschi“, „Fickmaus“ oder „Schwuchtel“ abtitulieren kann oder nicht. Lügen oder Beleidigungen sind nämlich keine Meinungen. Ganz einfach. Basta.

Was aber ist mit der Grauzone, mit allem, was dazwischen liegt? Charles Murray habe den Zorn der Verfechter der Political Correctness auf sich gezogen, schreibt Josef Joffe in seiner aktuellen Kolumne in der „Zeit“, weil der Wissenschaftler die These aufstellte, es gäbe, was die Intelligenz betrifft, genetisch bedingte Unterschiede zwischen den „Rassen“. Murray habe zwar eingeräumt, dass auch soziale Faktoren eine Rolle spielten, aber seine Gegner seien nicht zu besänftigen gewesen.

Kann man akademische Diskurse, bei denen es – allein um der Erkenntnis willen – ohne eine gewisse „Streitkultur“ nicht geht, überhaupt noch frei führen, wenn jede abweichende Meinung durch Denk- und Redeverbote sogleich im Keim erstickt wird, fragt sich Joffe.

Allein – die Frage ist, ob man auch sachliche Argumente gegen Thesen wie die von Murray vorbringen darf, ohne sich gleich in die Ecke der „übereifrigen Verfechter der Political Correctness“ gedrängt zu sehen. Dass schon der Rassebegriff an sich problematisch ist, werden alle bestätigen, die eine (oder mehrere) Migrationsgeschichte(n) in der Familie haben. Hat man nun die guten oder die schlechten Eigenschaften von Omas oder Opas „Rasse“ geerbt? Und wie kommt es, dass andere, die dieser „Rasse“ nicht „angehören“, über die gleichen (guten oder schlechten) Eigenschaften verfügen?

Zwar stimmt es, dass unter Schwarzen mehr hochgewachsene Menschen zu finden sind als unter Asiaten, so wie die Mehrheit der Schweden nicht schwarz- oder braunhaarig ist, sondern hellblond, was wiederum am Mittelmeer eher selten ist. Aber da hört es auch schon auf. Wer an den gefühligen schwarzen Soulsänger, Hip Hopper oder Basketballstar denkt, vergisst den (ebenfalls schwarzen) ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der in dem Ruf stand, für ein amerikanisches Staatsoberhaupt merkwürdig intellektuell und eher weniger volkstümlich „zum Anfassen“ daherzukommen. Das Image, begnadete Basketballspieler zu sein, hatten dafür zu früheren Zeiten in den USA offenbar die Juden inne. Aber denen schlägt schon das – zum Teil durchaus wohlwollende – Vorurteil entgegen, sie seien wohlhabende und gebildete Leute, zumeist sogar hochintelligent. Das sei auf ein spezielles Gen zurückzuführen – das „Judengen“ – ein Topos, den 2010 der ehemalige (nicht-jüdische) Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin aufgriff. Unzählige Schüler in Israel wünschten wahrscheinlich, da wäre etwas dran.

Das lässt sich also alles ziemlich leicht widerlegen. Aber so wenig stichhaltig diese Ideen zu „Rasse“ und „Genetik“ auch sind, stillschweigend existiert neben den eingangs erwähnten rabiaten, heillos überzogenen Formen der Political Correctness auch das Gebot, Menschen wie Murray erst einmal anzuhören und sie nicht sofort als Rassisten zu brandmarken. Gerade wer sich eigentlich eher dem linksliberalen Lager zuordnet, ist oft vorsichtig. Schließlich möchte man nicht als verkniffen und hysterisch, als Tugendwächter(in) und Spinner(in) dastehen, während andere nur „kein Blatt vor den Mund nehmen“ und „ehrlich sagen, was sie denken“.

So wie ein Student an meiner Uni, der, wohlwissend dass ich mich für Französisch begeisterte, damit kokettierte, dass er aber den „Vlaams Blok“ cool fände („Vlaams Blok“, heute: „Vlaams Belang“, eine rechtsextreme belgische Partei, die vorgibt, die Interessen der Niederländisch sprechenden Belgier zu vertreten). Natürlich stempelte ich ihn deshalb nicht gleich als rechts ab. Hatte er nicht einfach nur einen kleinen Scherz gemacht, wenn auch auf Kosten der „blöden, verbiesterten“ Linken? Das zumindest war die Lesart, die man von mir erwartete und ich war so freundlich, sie auch zu liefern.

Oder die Frau, die ich in Berlin kennen gelernt hatte: Anders als der eben zitierte (eher konservative) Student war es eine Linke, die in der Welt herumgekommen war und sich für alternative Lebensformen und Entwicklungshilfe begeisterte. „Die Neger“ eröffnete sie mir, als wir einmal in Kreuzberg einen Kaffee miteinander tranken, seien aber „nun einmal dreckig.“, zumindest in der Karibik, wo die Frau im Urlaub offenbar unangenehme Erfahrungen gemacht hatte. Darauf konnte ich recht wenig entgegnen. Mag sein, dass in der Karibik andere Standarts gelten, was Müll betrifft. Das ist auch in Italien so. Aber da liegt es an der Mafia.

Trotzdem fragte ich mich, warum ausgerechnet jemand, der sich so demonstrativ links gibt, nicht einfach sagen kann: „In der Karibik ist das mit dem Müll wirklich ein Problem!“. Am Tisch hinter uns saß ein Pärchen zweier adipöser Frauen. Die Frauen grinsten. Ich ging mit der linken Bekannten nie wieder einen Kaffee trinken.

Sicherlich ist es, so könnte man vielleicht als Quintessenz festhalten, überzogen, jeden, der Worte wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ in den Mund nimmt, zum Feind der liberalen Demokratie, der Weltoffenheit und der Menschlichkeit schlechthin zu stilisieren, zumal die Leute, auf die das Vorurteil vom „selbsternannten Tugendwächter und Moralapostel“ zutrifft, oftmals gut daran täten, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wer eine(n) andere(n) ungewollt beleidigt hat, ist sicher gern bereit, das aus der Welt zu räumen und sich zu entschuldigen. Wer sich aber immer nur angegriffen fühlt, sich selbst als über alle Zweifel erhabene Lichtgestalt präsentiert und andere mit immer neuen vermeintlich erlittenen Ehrverletzungen in die Enge zu treiben versucht, der (oder die) muss sich fragen, ob er (oder sie) nicht vielleicht letztendlich selbst der (oder die) Aggressor(in) ist. Das gilt für die Linken und die Minderheiten, aber auch für die Konservativen und die Rechten. Oder – um es kurz zu machen: Toleranz ist das Zauberwort!