„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzistische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

Mir kam das Ganze nämlich auch bekannt vor. Ich hatte es offline schon oft genug erlebt, z. B. die „an amerikanischen Comics geschulte Sprache“, derer ich mich angeblich bediene (Das kam von einer älteren Frau, in Kreuzberg, Nähe Amerika-Gedenk-Bibliothek). Vielleicht, so könnte man fast argwöhnen, ist „MarkusWiedmann“ am Ende sogar jemand, der offiziell die Emanzipation von Frauen befürwortet und sich für die Rechte Homosexueller stark macht, ein wahrhaft linker Aktivist, zumindest dem Anschein nach?.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Ein trojanisches Pferd? – die junge Rechte macht mobil

„Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben auf Staatskosten finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul!“ – ein junger Mann mit blondem Rauschebart spricht Tacheles – Das soll wohl die Message sein. Und er deutet an, dass er eine „Alternative“ wählen wird. Bald sind Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Es geht also um Wahlwerbung. So klar ist das auf den ersten Blick nicht, denn da ist kein Logo und kein Parteiname, der einem auf die Sprünge helfen würde. Deshalb muss man auch ein bisschen überlegen, bis man darauf kommt, dass mit „Alternative“ die „Alternative für Deutschland“, die rechtspopulistische AfD, gemeint ist.

Ein bisschen fühlt man sich an der Nase herumgeführt. Klar, der Spruch klingt rechts, aber die Ästhetik erinnert einen eher an hastig zusammengeschusterte Antifa-Reader, improvisiert und ein bisschen roh, Do-it-yourself eben. In einem Kommentar im Stern von Sophie Albers Ben Chamo liest man dann auch, dass die AfD-Wahlwerbung an die Kunstaktionen von „Barbara“ angelehnt sei.

„Barbara“ agiert anonym. Ob sich eine Frau oder ein Mann hinter dem Namen verbirgt, weiß man nicht. Aber die Streetart-Aktionen von „Barbara“ wenden sich gegen Rassismus, Diskriminierung und – wer hätte das gedacht?! – auch gegen Rechtspopulismus à la AfD. Juliane Hanka hat dem „Menschen mit Namen Barbara“ einen längeren Artikel in der taz gewidmet und der Anonyma auch ein paar Fragen gestellt. Das bestätigt, was man über ihre Kunstaktionen landläufig so sagt.

Natürlich muss man es nicht unbedingt für erstrebenswert halten, dass Kunst politische Botschaften transportiert, aber, ganz gleich wie man darüber denkt, das Gute an „Barbara“ ist: an ihrer Botschaft besteht inhaltlich kein Zweifel. Inhalt und Ästhetik passen zueinander. Als Betrachter weiß man deshalb, womit man es zu tun hat.

DAS SPIEL MIT DER WAHRNEHMUNG ALS POLITISCHES KONZEPT?

Bei der AfD-Wahlwerbung ist es dagegen wie mit einem surrealistischen Bild: Man bemerkt zwar sofort, dass etwas nicht stimmt, versucht aber trotzdem, Elemente, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, zusammen wahrzunehmen, so gut es eben geht. Man könnte auch an diese Vexierbildchen aus der Wahrnehmungspsychologie denken, wo man mal das Profil einer alten Frau sieht und mal das Portait jungen Frau mit leicht abgewendetem Kopf, je nachdem, welches „Vorbild“ man im Kopf hat, wonach man die schwarzen Linien also „abscannt“.

Auf die soziale Ebene übertragen, könnte man ein solches Spiel mit der Wahrnehmung durchaus als Zeitgeist deuten. Ich kannte es bisher v. a. von der queerfeministischen Bewegung, die sich auf Theoretikerinnen wie Judith Butler beruft. Von Butler auf die AfD zu schließen ist aber sicherlich ein bisschen gewagt – dass es da personelle oder ideologische Querverbindungen gibt, ist kaum anzunehmen – aber was wäre, wenn die Rechte nachgezogen hat und jetzt einfach auch up-to-date ist?

RECHTS SOLL TRENDY SEIN – DIE „IDENTITÄRE BEWEGUNG“

Als vor drei, vier Jahren eine neue politische Jugendbewegung in Erscheinung trat, die ihren Ausgangspunkt in Frankreich hat und mittlerweile in mehreren Ländern Europas vertreten ist, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die neue Rechte eine radikale kulturelle Wende vollziehen würde: Die sog. „Identitäre Bewegung“ existierte zunächst nur im Internet. Von Anfang an agierte sie jedoch ausgesprochen publicitywirksam: eine grelle Optik in schwarz-gelb, bei der man unwillkürlich an Wespenstiche denkt, und der griechische Buchstabe Lambda im Logo sichern den „Identitären“ einen hohen Wiedererkennungswert. Ästhetisch und ideengeschichtlich sehen sie sich ansonsten, so scheint es, in der Tradition der bündischen Jugend* und des Jugendstils. Nicht von ungefährt heißt eine ihrer Zeitschriften „Sezession“. Was einem spontan dazu einfällt, sind Namen wie Franz von Stuck und Nietzsche. Den Working-Class-Style irgendwelcher dahergelaufener Stiefelnazis assoziiert man eher nicht so.

Aber für die „Identitären“ darf es offenbar gern auch eindeutig rechtsextrem sein: So haben sie sich z. B. mit dem Denken des faschistischen Philosophen Julius Evola befasst und verwenden auch schon mal ein Evola-Zitat als Sinnspruch für ihre Selbstdarstellung im Internet**. Die Theorien des italienischen Metaphysikers und Futuristen sind jedoch alles andere als harmlos, stellen sie doch eine krude, geistig abgehobene Variante des Faschismus dar: Elitebewusstsein mit sehr viel Esoterik, ein bisschen Mystik und eine kräftige Prise Rassismus und Antisemitismus – eine explosive Mischung, die gegenwärtig wieder den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Besonders gefährlich daran ist allerdings, dass es Deutschen aufgrund ihrer spezifischen historischen Erfahrung oft schwer fällt, einen Zusammenhang zum politischen Faschismus zu erkennen. Hierzulande denkt man eben doch eher an rohe, physische Gewalt und nicht so sehr an einen raffinierten, intellektuell überhöhten Diskurs.

Vielleicht liegt es daran, dass über die „Identitären“ im deutschsprachigen Raum bislang nur wenig geschrieben worden ist. So gesehen kann das kleine Taschenbuch mit dem Titel „Die Identitären“ von Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natscha Strobl, das 2014 im Münsteraner Unrast Verlag erschienen ist, als echte Pionierarbeit gelten. Lesenswert ist es auf jeden Fall, denn es gibt nicht nur einen informativen, ersten Überblick über die neue Rechte, sondern versucht auch, mit unzähligen Beispielen und Belegen deren politische Strategien offen zu legen.

Schlägern und offenkundige Einschüchterungsversuche sind, wie es aussieht, nicht das, womit die „Identitären“ in Verbindung gebracht werden möchten. Das Bild, das sie vermitteln, spricht eher dafür, dass es darum geht, dass Rechts trendy sein soll, nicht ordinär, Popkultur für junge „Leistungsträger“ also, nicht ein Aktionsraum, wo „erlebnisorientierte“ Proleten Dampf ablassen können. Man will offenbar das gehobene Bildungsbürgertum ansprechen, nur dass sich das in weiten Teilen eher mit dem in rechtspopulistischen Kreisen verfehmten „versifften links-rot-grünen-Alt-68er“-Denken, wie es Jörg Meuthen auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart verächtlich nannte, identifiziert, zumindest formal.

FÜR DIE VIELFALT DER KULTUREN & TROTZDEM STRAMM RECHTS

Also kopieren die „Identitären“ linke Agitationsformen, schreiben Bruns, Glösel und Strobl, und versuchen, sie links „umzunutzen“ – Flashmobs, linke Parolen und „Spaßguerilla“*** „unter falscher Flagge“ sozusagen. Am 10. August 2012 soll es in Rostock z. B. einen ersten Flashmob mit dem Titel „Hardbass gegen Demokraten“ gegeben haben, wo zu fetzigen Elektrorhythmen getanzt und „NS jetzt“ oder „NS fetzt“ skandiert wurde***. Manchmal tanzten Passanten mitgerissen von der Partystimmung einfach mit, ohne zu wissen, worum es ging***, so Bruns, Glösel und Strobl. Plakate, auf denen fett gedruckt zu lesen ist „Für die Vielfalt der Kulturen“ und kleiner darunter: „Gegen Imperialismus und Multikulti!“ setzen diese Strategie der gezielten Verwirrung fort***.

In der Schweiz haben sich „Identitäre“ mit der Aktion „Wir kämpfen für Felipe“ sogar für das Bleiberecht eines von Abschiebung bedrohten Brasilianers eingesetzt***. Hört man von solchen Sachen, reibt man sich erst mal die Augen. Sind das wirklich Rechte?

Allerdings stellen die „Identitären“ klar, worum es ihnen geht: „Die guten schickt man weg, die schlechten bekommen Kick Box Training!!“*** wie Bruns, Glösl und Strobl die „Identitäre Bewegung Schweiz“ (IBS) zitieren.

Dass die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland personell eng verbandelt ist mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD, ist kein Zufall. So erklärt sich vielleicht auch die Wahlwerbung mit dem Kiffer, der sich über seinen marokkanischen Dealer beschwert.

Natürlich ist niemand allein deshalb rechts, weil er oder sie sich über Dealer, Drogenhandel und Kriminalität beschwert – Das sind ja wirklich gesellschaftliche Missstände – aber wem ist damit geholfen, wenn man versucht, solche Dinge zu ethnisieren? Und geht es eher um Gefahren, etwa Beschaffungskriminalität und Gewalt im Drogenmilieu, oder ist das Allerschlimmste, dass der eine oder andere Dealer dem Staat „auf der Tasche liegt“ (wie so manch eingefleischter Kiffer – egal, ob deutsch oder nicht – auch)?

Man muss nicht gleich nach ganz weit rechts rutschen, nur weil man hier und da Kritik hat. Aller zeitgenössischen „Verwirrung der Wahrnehmung“ zum Trotz sollten wir uns jedenfalls den klaren Blick auf die Dinge nicht vernebeln lassen.

Quellen:

Art.: „Liebe AfD, man kann gar nicht so viel kiffen, dass es Sinn macht!“v. Sophie Albers Ben Chamo, in: Stern v. 21. 07. 2016.

Art. “ Den Rechten einfach eine kleben“ v. Juliane Hanka, in: taz v. 19. 03. 2016.

*Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung Bayern v. 31. 05. 2016 (Zugriff am 23. 07. 2016).

** Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung (deutschsprachig) v. 01. 11. 2014, auf dem ein Zitat von Evola als Leitspruch gepostet ist (Zugriff am 23. 07. 2016).

***Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl, „Die Identitären“, Münster 2014.

 

 

Die AfD – eine Partei für Hipster?

Die AfD überlegt, mit dem französischen Front National zusammenzuarbeiten. Das stand in der FAZ. Auch, dass man sich nicht ganz einig ist. Dass der Front National bei den Régionales im letzten Dezember erschreckend gute Ergebnisse eingefahren hat, ist noch in unguter Erinnerung. Marine Le Pen, die resolute Frontfrau des FN hat die Partei auf Vordermann gebracht. Ihr Erfolsgrezept wurde verschiedentlich in den Medien besprochen: Der Rausschmiss von Vater Jean-Marie, der das unschöne Bild des rechtsextremen Rambos verkörperte, eine Identfikationsfigur für den unterbelichteten Unterschichtsschläger, den kleinen Mann aus der „France profonde“, dem provinziellen Frankreich oder auch für den tapferen Kämpfer der „Légion étrangère“, der „Fremdenlegion“, der Soldat, der die Ehre der „Grande Nation“ in Algerien und anderswo verteidigt hat. Einiges davon war Le Pen selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Ohne ihn ist der Front National moderner geworden, weniger antisemitisch, wählbar für eine zu Wohlstand gelangte, durchaus akademisch gebildete Mittelschicht: Menschen, die national denken und denen Einwanderung ein Dorn im Auge ist, die sich aber nicht mit jedem faschistischen Rüpel gemein machen wollen, der lieber Ausländer „klatschen“ geht, als sich eine Arbeit zu suchen …

In Deutschland sieht man die AfD – noch – als die Partei zu kurz gekommener Kleinbürger und frustrierter Hartz-IV-Empfänger. Gern wird darauf verwiesen, dass solche Leute doch nicht mithalten könnten – Globalisierungsverlierer eben – und sich deshalb vor Flüchtlingen und anderen „Andersartigen“ fürchteten, an ihnen ihren Zorn auf eine Welt, die sie nicht begünstigt hat, auslassen wollen. Dass das falsch ist, ein Konstrukt, das vor allem den Menschen eine Identität geben soll, die selbst nicht die frustrierten Kleinbürger sein wollen, ist nur allzu durchsichtig. Einst als „Professorenpartei“ gegründet, besteht die AfD vor allem aus Erfolgsmenschen: Frauke Petry, promovierte Chemikerin und Unternehmerin, Alexander Gauland, Jurist, langjähriges CDU-Mitglied, Herausgeber der Märkischen Allgemeinen und Kolumnist beim Berliner Tagesspiegel, wie man u. a. auf Wikipedia nachlesen kann. Nein, das sind nicht die Biographien dumpfer Proleten, die ihren Hass an wehrlosen Minderheiten rauslassen wollen. Selbst rechts von der AfD wird man diesen Stereoptyp nicht unbedingt bestätigt sehen: Lutz Bachmann von Pegida ist – mehr oder weniger – ein Kollege von mir. Na ja, er hatte eine Werbeagentur. Dass er auch im Rotlichtmilieu aktiv war und mehrere Straftaten begangen hat – von Körperverletzung über Diebstahl und Einbruch bis hin zu Drogenhandel ist so ziemlich alles dabei – auch das kann man auf Wikipedia nachlesen – dürfte nicht jeden, der sich für etwas Besseres hält, stören. Bachmann ist erfolgreich. Er hat Geld. Kein „Verlierertyp“ also. Oder nehmen wir – ganz rechts – den NPDler Udo Pastörs, der im Goldhandel tätig war und in Kontakt mit der Colonia Dignidad in Chile stand, wie einen Wikipedia informiert. Auch er ist kein armer Schlucker, der Angst vor der großen weiten Welt hat.

Aber zurück zur AfD, die sicherlich ein anderes Publikum ansprechen möchte als die NPD. Was macht den Rechtspopulismus so attraktiv, dass man „aus Protest“ eine Partei wählt, die auch auf Frauen und Kinder schießen lassen würde. Auch wenn man angeblich nur mit der Maustaste ausgerutscht ist und das alles nicht so gemeint gewesen ist. Allein das dumm-freche Verhalten würde mich abhalten. Ehrlich. Egal, wie frustriert ich wäre. Ich glaube aber, dass die AfD vor allem von den Fehlern der anderen profitiert. Und an deren Wählermilieu heranwill.

Fangen wir mit einem der linken Parade-Themen an: Queer. Queer ist in Mode. Immer mehr Frauen, vor allem jüngere Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten, bezeichnen sich als „lesbisch“, „bisexuell“, „genderqueer“, „genderfluid“, „transgender“ oder einfach nur „queer“: Eine ganze Reihe an Begriffen, einige davon sind eher Blasen. Worthülsen. Man weiß nicht so recht, was sich dahinter verbirgt. Und manchmal hat man den Eindruck, dass das auch gar nicht so festgelegt sein soll. Die Frauen pochen darauf, dass sie sich das aussuchen können. Manchmal geht es um „Minderheitenförderung“. Aber kann man noch von „Minderheit“ sprechen, wenn man sich das aussuchen kann? Wenn es vor allem um junge Frauen aus „besserem Hause“ geht, die ohnehin in dieser Gesellschaft einen Wettbewerbsvorteil haben? Dann geht es oft um Essstörungen. Und darum, dass viele junge Fauen sich die Arme aufritzen. Borderline. Psychische Krankheiten. Die junge britische Feministin Laurie Penny hat sich u. a. im Interview mit L-Mag dazu geäußert. Natürlich ist es richtig, offen mit diesen Dingen umzugehen. Sie zu thematisieren. Andererseits hat man jahrelang versucht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Homosexualität keine psychische Krankheit ist. Jetzt bringt man es genau damit wieder in Verbindung. Wasser auf die Mühlen der AfD. „Genderismus“. Das hätte man besser trennen müssen.

Dann Feminismus: In den späten 90er Jahren, als ich studiert habe, wollte man vor allem Frauen fördern, die dem weiblichen Rollenklischee entsprachen. Diese Frauen – so war das Argument – hätten es besonders schwer, sich in einer männlich dominierten Welt durchzusetzen. Also zuerst denen helfen, die Hilfe am meisten brauchen. Gut. Leider hat man damit aber auch gesagt, dass es von Vorteil ist, dem weiblichen Rollenklischee zu entsprechen. Dann wird man ja besonders gefördert und am Ende winken einem tolle Jobs. Eine Belohung also für traditionelles Rollenverhalten. Zwar ist es legitim, zu fordern, dass lange Haare, ein ansehnliches Äußeres und Pumps nicht länger mit „dumm“ gleichgesetzt werden sollten, aber es ist eben doch eine Absage an die Frauenbewegung – die leider von ihr selbst kam. Frauen sind feminin, Männer maskulin. Ein Schubladendenken in rosa und hellblau, das von der AfD so weit nicht entfernt ist. Die – politische – Transbewegung (damit meine ich nicht Transsexuelle grundsätzlich) hat das übrigens aufgegriffen, zwar unter der Prämisse, dass man das (biologische) Geschlecht und damit auch die (soziale) Geschlechtsrolle wechseln könne – aber das macht es nicht wirklich wett. Das Denken, das dahintersteht, ist ja das gleiche.

Die taz-Feminismusredakteurin Heide Oestreich hat 2014 auf Facebook gepostete Wahlplakate der „jungen Alternative“, der Jugendporganisation der AfD besprochen und kam zu dem Ergebnis, dass sie – natürlich! – antifeministisch seien. Dem kann man sich nur anschließen. Allerdings fiel mir auch auf, dass die AfD ästhetisch mit dem sexuell Abweichenden arbeitet: Neben dem Slogan „Kriminalität härter angehen!“ sieht man den Oberkörper einer jungen Frau im knallengen SM-Suit, die Haare streng zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, die Lippen blutrot geschminkt, in der Hand ein paar Handschellen. Man wird geradezu dazu gedrängt, zu denken: „Jau, die AfD ist sexy!“. Das Raubkätzchen, das wild ist und gebändigt werden muss, aber auch ganz sanft schnurren kann. Man fragt sich, wie groß der Unterschied zu einem Hipsterhumor à la #nippelstatthetze ist. Auch wenn es da darum ging, ein Zeichen gegen rassistische Postings auf Facebook zu setzen. Aber trotzdem.

Noch ein Ausflug an den rechten Rand, weit rechts von der AfD: In einem Fernsehbeitrag des WDR über rechtsextreme Frauen – „Weiblich, sexy rechtsextrem“ erfahre ich etwas über Sigrid Schüßler, NPD, Akademikerin übrigens auch sie, vierfache Mutter und Sexbombe. Das hätte man in Nazikreisen nicht erwartet, wo doch die Frau vor allem die Gebärerin „erbgesunder“ Kinder sein soll. So kennt man es zumindest aus dem Geschichtsunterricht. Im Fernsehen räkelt sich Schüssler, die nicht mehr ganz junge Frau, stark geschminkt im SM-Dress auf einem Bett. Aufnahmen für einen Kalender. Porno für’s Vaterland, so wie’s aussieht. Queer kommt offenbar auch hier gut an, als der besondere Thrill. Mehr über Schüssler kann man, wenn man will, in einem Portrait mit dem Titel „Weiblich, selbstbewusst, rechtsextrem“ von Charlotte Theile, das am 28. September 2013 in der Süddeutschen erschienen ist, lesen.

Sexy und selbstbewusst. Sexuelle Selbsterfahrung. Auch ein Thema für Frauen aus der queeren Szene, oft mit ähnlichen weiblichen Stereotypen besetzt. Natürlich ist es trotzdem unzulässig, hier ideologische Parallelen zu ziehen. Aber es fällt auf, dass es ein Zeitgeistthema ist, das auch die Rechten und Rechtsextremen für sich nutzen.

Last but not least: Drogenpolitik: Die AfD will, so ein Entwurf für ein Parteiprogramm, den der Rechercheverbund Correctiv! geleakt hatte, Drogen legalisieren, „um den Schwarzmarkt auszutrocken“, wie das geleakte Dokument u. a. in der Zeit zitiert wird. Mehr oder weniger wortwörtlich hatte ich das gleiche Argument auch von Hipstern in Kreuzberg gehört. Na ja, wird ja auch von den Grünen vertreten. Andererseits: hat jemand ernsthafte Probleme mit Drogen oder Alkohol, sieht es – so will es die AfD – düster aus. Auch für psychisch Kranke will man Verwahrung statt Therapie. Sicher, nur wenn sie gefährlich werden. Allerdings könnte man viele psychische Probleme gut behandeln und damit auch eventuellen Straftaten durch aggressive oder leicht beeinflussbare psychisch Kranke vorbeugen. Aber das wäre aufwendig. Und teuer.

Ich denke an den jungen Mann, der mir in Kreuzberg „Na, die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“ hinterhergerufen hat. Es ging um Sarrazin und mir wurde klar zu verstehen gegeben, dass er nichts gegen Türken hat. Nur gegen Menschen wie mich. Die gleiche Doppelmoral. Ein Mix aus einer aufgesetzten Liberalität und Grausamkeit gegenüber Menschen, die nicht mithalten können. Eine Politik für die Jungen und Starken. Eine Frau, die sich ritzt, aber hippe Klamotten trägt, eher als eine, die arm ist und unter Mobbing und Depressionen leidet. Nein, nicht mit mir. Egal, unter welcher Maske ihr auftretet!

 

 

 

Queer à la Bohème – total crazy!

Vor über hundert Jahren, am 9. September 1901, verstarb in einem Schloss in Südfrankreich ein noch junger Mann. Der Maler und Graphiker Henri de Toulouse-Lautrec wurde nicht älter als 36 Jahre, wie einen Wikipedia informiert. Ohne ihn wäre der Geist des Pariser Künstlerviertels Montmartre nicht zu weltweiter Berühmtheit gelangt. In unzähligen Zeichnungen, Plakaten und Lithographien hat Toulouse-Lautrec das wilde Leben von Künstlern, Lebemännern und Freigeistern festgehalten. Aber auch Prostituierte und Trinker bevölkern seine Bilder. Der junge Adlige portraitierte schonungslos, was oder besser gesagt wen er sah. Auch die Schattenseiten der Pariser Bohème: gescheiterte Existenzen, Armut und Elend am Rande der Eskapaden wohlhabender Dandys. Toulouse-Lautrec selbst wusste, wie es ist, ein Außenseiter zu sein: kleinwüchsig aufgrund einer Erbkrankheit, verfiel der begnadete Künstler auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft dem Alkohol. Anders als für viele andere im Montmartre gab es für ihn zwar einen Rückzugsort im sonnigen Süden und der Reichtum seiner Eltern dürfte ihn vor existentiellen Sorgen bewahrt haben, aber niemand konnte ihn vor der Verzweiflung einer Außenseiterexistenz schützen. Das Leben zwischen Künstlertum und Halbwelt, zwischen Lebenswut und langen Partynächten auf der einen Seite und dem Kater am Morgen danach, der Depression, auf der anderen, ist hart. An kaum jemandem geht das spurlos vorbei.

Fast genau hundert Jahre später tobt ein anderer junger Mann durch die Subkultur, London diesmal. Der spätere Politiker Adrian Hyyrylainen-Trett schildert in einem ausführlichen Interview mit Patrick Strudwick, das am 30. Mai 2015 auf Buzzfeed veröffentlicht wurde, wie er in einen Strudel aus Drogen, Pornographie und harten Sexparties geriet und sich schließlich mit HIV infizierte. Trotz dieser bitteren Erfahrung scheint sich Hyyrylainen-Tretts Leben irgendwann zum Besseren gewendet zu haben, wie er in dem Interview berichtet. Allerdings, es war wohl, so wie es sich anhört, ein langer Weg für den in der Schule gehänselten Jungen und den von Depressionen und Einsamkeit gequälten jungen Mann. Adrian Hyyrylainen-Trett ist ein Außenseiter, weil er homosexuell ist.

Wer das Interview mit Hyyrylainen-Trett liest, ist erschüttert von der Gewalt, der menschlichen Kälte und dem Zerstörerischen, das der Londoner queeren Szene offenbar anhaftet. Man denkt vielleicht – oberflächlich besehen – eher an lustige Einhörner, viel glitzerndes Pink und nette schwule Modedesigner. Und liegt damit vollkommen falsch. Warum aber sind Menschen, die doch eigentlich im Denken vieler für Kreativität und Lebensfreude stehen, so hart?

Berlin, zwischen 00er und 10er Jahren: Auch hier geht es um Partys, Drogen und – mit einem leicht pädagogisch-therapeutischen Touch – um Selbsterfahrung. Dicke Frauen, Frauen, die sich selbst als sexuell attraktiv erleben wollen. Macho-Frauen, Frauen, die die herkömmlichen Geschlechterrollen sprengen wollen und Transgender. Frauen, die sich verführerisch und leicht bekleidet auf Plakaten und in Performances räkelten. Etwas widersprüchlich – im Zuge von Fat Empowerment und Selbstakzeptanz – ist, dass diese Frauen eher nach Fitnessstudio, Yoga und makrobiotischer Ernährung aussehen, nicht nach „anders“. Außer vielleicht, dass sie nicht gerade atemberaubend schön sind. Eher Typ „Mädchen von nebenan“, Do-it-yourself, eine Art Beauty-Glamour, wie man ihn sonst nur von internationalen Laufstegen kennt, aber eben für Normalo-Frauen. Egal. Was nicht ins Bild passt und mir von Anfang an auffällt, sind die ständigen dummen Anmachen, die Belästigungen und Beleidigungen. Einmal pirscht sich in einer queeren Kneipe eine Frau an mich heran und schnüffelt an mir wie ein Hund, nur um dann laut auszurufen „Uah! Sie stinkt!“. Die Frau ist um die 30. Eine 13Jährige hätte man vielleicht zurechtgewiesen und es mit Unreife abgetan. Aber so? Kann man das wirklich als ein besonders properes Selbstbewusstsein bezeichnen, das, was engagierte Queer-AktivistInnen und Feministinnen als „nachahmenswert“ empfehlen würden? Ist es ein Ausdruck der vielbeschworenen Unbekümmertheit und Lebensfreude der Frauen, die sich ihren Bahn bricht, sofern sie sich nicht mit den Normen der Mehrheitsgesellschaft belasten müssen? Oder eher drogig und ziemlich durchgeknallt?

Homo- und besonders auch Transsexualität hat man lange genug als psychische Krankheiten oder zumindest als Symptome psychischer Krankheiten betrachtet. Es war ein langer Prozess, dass das heute medizinisch nicht mehr vertreten wird. Glücklicherweise! Andererseits, manchmal fragt man sich, ob es nicht auch Leute gibt, die das Bild des „Krankhaften“ von LGBT bestätigen. Was soll man denn denken, wenn Frauen z. B. darauf bestehen, als Männer wahrgenommen zu werden – mit allem Drum und Dran! – und dann doch Kinder kriegen wollen, wie z. B. der us-amerikanische Transmann Thomas Beatie. Über ihn gibt es u. a. einen Artikel auf Wikipedia. Oder was ist, wenn eine junge Frau sich sicher ist, dass sie nicht als Frau leben kann, sondern nur als Mann, aber trotzdem weiter Röcke tragen will, wie es in einem – unter Pseudonym veröffentlichten – Leserartikel in der Zeit beschrieben wird? Und wenn ein als Junge geborener Australier sich zur Frau umoperieren lässt, versucht, das Ganze rückgängig zu machen und sich letztendlich – übrigens mit Erfolg – durch alle Instanzen klagt, weil er/sie/es fortan als Neutram betrachtet werden will – auch offiziell? Der Fall „Norrie“ ist ausführlich u. a. in der taz besprochen worden. Man fragt sich schon: Handelt es sich hier um einen Fortschritt? Um sexuelle Befreiung, auch von den Fesseln der Biologie? Oder ist es Schrei nach Aufmerksamkeit? Eine Masche, um Geld zu verdienen? Eine Identitätsverwirrung? Steckt am Ende vielleicht doch eine psychische Problematik dahinter?

Im Moment ist Transsexualität in aller Munde. Pop-Magazine berichten darüber. Stars wie Caitlyn Jenner outen sich als transsexuell. Transsexuelle erobern das Fashion-Biz. Es scheint absolut en vogue zu sein. Allerdings – und das ist vielleicht ein Dämpfer – ist das schwierige Verhältnis der Generation Y zu ihrem Körper ein mindestens ebenso wichtiges Thema: Essstörungen, sich Ritzen und Borderline. Das hippe Online-Magazin Vice hat der Borderline-Störung gleich mehrere Artikel gewidmet, die ein verstörendes Bild zeichnen: Junge Frauen, die völlig aus der Bahn geworfen werden, sich mit Alkohol, Drogen und Autoaggressionen zu Grunde richten, fressen, kotzen, hungern und dabei aber trotzdem eigentlich ganz appetitlich anzusehen sind. Ein Bericht von Harriet Williamson auf Vice – „How Borderline Personality Disorder Put an End to My Party Days“ – liefert einen eindrucksvollen Einblick. Ein paar Fotos, die dem Artikel beigefügt sind, zeigen eine hübsche junge Frau, die geradezu ein Model sein könnte. Sie hat das Äußere, für das viele Frauen, auch in der queeren Szene, so einiges einsetzen würden. Akademikerin ist sie auch. Und Journalistin. Eigentlich ein Rundum-Perfekt-Leben. Aber was ist, wenn es vielleicht gerade darum geht?

Die Berliner Journalistin Margarete Stokowski hat auf Spiegel Online in einer gestern erschienen Kolumne mit dem Titel „Körperhass will früh gelernt sein“ scharf kritisiert, dass es in unserer Gesellschaft zwischen Schönheitsindustrie, Selbstoptimierungswahn und frühkindlichem Drill kaum noch möglich ist, ein entspanntes Verhältnis zu seinem Körper zu entwickeln. Sind die Kinder der sog „Helikopter-Eltern“ eine Art „Generation körperfeindlich“?. Verwöhnte Bälger, die mit Chinesisch bilingual im Kindergarten und Baby-Yoga aufgewachsen sind, und die in ihren jungen Erwachsenenjahren in einem mehrere Jahre andauernden Wutanfall versuchen, den Leistungsdruck, den ihre Eltern aufgebaut haben, abzuschütteln? Ist das ein Grund für Borderline? Und hat Transsexualität – zumindest in einigen Fällen – vielleicht doch mit Borderline zu tun, wie man früher angenommen hat? Als „Gender dysphoria“, eine Verwirrung, was die Geschlechtsidentität betrifft?

In dem Internetforum reddit wird das Thema eingehend besprochen*. Nutzer versuchen, beides gegeneinander abzugrenzen, liefern Anhaltspunkte, Beispiele. Gleich zu Anfang der Diskussion wird geraten, sich im Zweifel therapeutischen Rat zu holen, am besten einen in der Genderthematik erfahrenen Spezialisten zu konsultieren. Und es wird auch die Frage aufgeworfen, was eigentlich zuerst da war, das Huhn oder das Ei? Die psychische Störung oder das in Frage stellen der eigenen Geschlechtsidentität. In einem Explainer vom 21. September 2015 widmet sich der Journalist German Lopez auf Vox.com dem Thema Transsexualität. Dort steht auch, dass Transsexuelle meistens schon als Kleinkinder sicher wissen, dass sie transsexuell sind. Das klingt nicht so sehr nach Identitätsstörung. Oder kann, wie auf reddit angesprochen, beides der Fall sein? Entwickelt jemand, der sich von Kindesbeinen an als Exot fühlt und dauernd gemobbt und ausgegrenzt wird, irgendwann psychische Stressymptome? Oder eben eine Borderline-Störung? Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin. Ich weiß es nicht. Patrick Cash hat sich auf Vice gefragt: „LGBT Mental Health: Are we doing enough?“ – Tun wir genug, wenn es um die psychische Gesundheit von LGBT-Menschen geht? Vielleicht könnte man mehr machen. Sicherlich, denke ich. Und vielleicht wäre das besser, als handfeste Probleme mit ein paar Glitzerbildern zu Bohème, Lifestyle und Modeerscheinungen zu verklären. Da war Henri de Toulouse-Lautrec, der Portraitist der Pariser Künstlerszene und Demi-Monde uns heute vielleicht schon vor über hundert Jahren einen Schritt voraus ….

*Achtung! Auf diesem Blog kann kein psychologischer Rat erteilt werden. Wenn du psychisch labil bist, z. B. an Essstörungen oder Depressionen leidest, dir nicht sicher über deine Geschlechtsidentität bist und/oder Selbsmordgedanken hast, solltest du unbedingt fachlichen Rat einholen, sprich: zum Psychologen oder Psychiater (zur Psychologin oder Psychiaterin) gehen. Internetforen und -plattformen zum Thema bitte nur aufsuchen, wenn du dir sicher bist, dass sie von vertrauenswürdigen Leuten moderiert werden, wo also niemand posten kann, der z. B. versucht, Essstörungen als Lifestyle zu verkaufen oder Menschen zu autodestruktiven Handlungen oder sogar zum Selbstmord anzustacheln. In dem reddit-Thread, den ich besprochen habe, schienen v. a. Leute gepostet zu haben, die sich mit dem Thema auskannten und wirklich helfen wollten. Das kann man natürlich nicht für alles, was auf reddit veröffentlicht wird, garantieren. Also, Vorsicht im Internet!

 

 

 

 

Lieber nicht lesbisch?

Freiwillig sei wohl keine Frau lesbisch – schreibt Tania Witte, der lesbische Shootingstar und literarische Liebling der Berliner Szene in ihrer jüngsten Kolumne auf Zeit Online. Immerhin – führt Witte an – werden Homosexuelle in den USA immer noch den gefährlichen Konversionstherapien unterzogen, um sie heterosexuell zu „machen“ und damit auf den „Pfad der Tugend“ zurückzubringen.

Wo Witte recht hat, hat sie recht. Und auch in Deutschland quälen sich Teenager damit, „perverse“ Gefühle gegenüber dem eigenen Geschlecht zu empfinden. „Normal“ zu sein, wie alle anderen, ist wohl immer noch das Erstrebenswerteste, v. a. dann, wenn man bzw. frau noch auf die Unterstützung der Eltern angewiesen ist (die sich vielleicht etwas anderes für ihren Sohn oder ihre Tochter gewünscht hätten) und gleichzeitig Akzeptanz unter Gleichaltrigen – in der Peer-Group – wichtig ist (wo es eben doch darum geht, wer schon mal „hat“, wie süß dieser oder jener Teenie-Star ist, usw.).

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ALPHAFRAUEN & ERSSSTÖRUNGEN

Allerdings – nicht alles, was als „Queer“ verkauft wird, ist auch Queer. Die britische Feministin Laurie Penny, eine der Ikonen des Pop-Feminismus – etwa hat sich – wie ich mich erinnere – im Interview mit L-Mag dafür ausgesprochen, dass Frauen ruhig auch mal in die „männliche“ Rolle schlüpfen sollten. Das sei hilfreich, auch um z. B. Essstörungen zu überwinden. Penny selbst gab an, wegen Essstörungen in der Psychiatrie gelandet zu sein. Man habe sie dort zunächst auch für lesbisch gehalten, da sie sich als Teenager die Brüste abgebunden habe.

Vermutlich wird jede Generation junger Frauen aufs Neue damit hadern, in der Pubertät einen weiblichen Körper zu entwickeln. Und vielleicht ist es wirklich schwierig, sich mit den eigenen Rundungen anzufreunden, wenn einem Frauen, wie die AfD-Internetunternehmerin Alice Weidel als Vorbilder für die moderne Frau vor die Nase gehalten werden: erfolgsgewohnt, Doktortitel, Mutter, perfekt geschminkt und gestylt – und sehr, sehr schlank. So präsentierte sich die AfD-Frontfrau in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ und so wurde sie auch in den Medien, u. a. in der Welt dargestellt.

Man könnte statt der rechten, wirtschaftsliberalen AfD-Politikerin auch andere Frauen als Beispiel anführen: Etwa die Welt-Kolumnistin Ronja von Rönne, die nicht nur noch sehr jung ist und trotzdem bereits für überregionale Zeitungen schreibt und kürzlich sogar ein eigenes Buch herausgebracht hat, sondern auch – wen wundert’s – als Teenie auf dem Laufsteg zu sehen war. Das kann man u. a. auf der „Jugendseite“ der Süddeutschen Zeitung, in der Frankfurter Rundschau und auch woanders nachlesen.

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ALLES EINE FRAGE DES STYLINGS?

In der Berliner Siegessäule und anderswo werden immer wieder Workshops beworben, die das „Körpergefühl“ von Frauen stärken sollen und es fällt auf, dass viele Frauen in der Berliner queeren Szene sichtlich mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben, während andere wiederrum dem Ideal „Alice Weidel“ oder „Ronja von Rönne“ nachzueifern scheinen. Sicher – es gibt korpulente Lesben und sehr feminin auftretende Frauen, die trotzdem genauso homosexuell sind wie alle anderen, aber dass v. a. das „Queer“ sein soll? Nein. Sicher nicht.

Der popkulturelle Aspekt scheint auch Tania Witte nicht ganz unwichtig zu sein. In einer ihrer Zeit Online-Kolumnen, die dem berühmt-berüchtigten „Gaydar“ gewidmet ist, also dem „siebten Sinn“, mit dem Homosexuelle andere Homosexuelle erkennen, hebt Witte u. a. auf Styling-Fragen ab: Die „Butch“, die maskuline Lesbe als Rockerbitch. Witte kokettiert mit der Heavy-Metal-Band „Slayer“ – scheinbar ein Inbegriff testosterongeladener Aggressivität – ein Detail und der Grund, warum es mich ein bisschen wütend gemacht hat, ist vielleicht, dass ich die Metal-Combo mal im Gespräch mit einer Freundin in einer Kreuzberger Kneipe erwähnt hatte – ohne übrigens selbst explizit Fan zu sein. Zu der Zeit wollten mir die queeren Szenefrauen allerdings weißmachen, dass „Hodenrock“ „homophob“ und „frauenfeindlich“ sei. Elektro war nämlich angesagt. Immerhin betätigten sich mehrere queere Berliner It-Girls als D-Janes und die Idee mit dem Computer quasi „basisdemokratisch“ „Musik zu machen“ begeisterte auch die linke Szene.

Dann aber kam Ruby Rose – Schauspielerin und Top-Model, wie Cara Delevingne, die Witte in ihrem Text auch erwähnt – und der rockige Charme des sich als „genderqueer“ definierenden Star war plötzlich en vogue. Eine Fotostrecke auf BuzzFeed zeigt, dass Rose sich darauf versteht, das Image so zu inszenieren, dass es ein breites, auch heterosexuelles Publikum anspricht. Nichts ist schlimm daran, offen und sexy – auch für Männer sexy – zu sein, nur lässt sich damit schwer ein Ausschließlichkeitsanspruch formulieren, wie es manche Frauen aus der Berliner queeren Szene gern tun.

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DER FLIRT MIT DER ANDERSARTIGKEIT

Das „In-Between“-Image, ob „genderqueer“, „bi-“ oder „lesbian chic“, lässt sich mittlerweile sehr gut vermarkten. Magazine wie „Straight“ oder „Libertine“ wenden sich an ein kaufkräftiges weibliches Publikum, das mit dem Anderssein flirten möchte, ohne dabei aber gleich in eine Ecke gestellt zu werden. Dabei wird das Thema abweichende Sexualität bewusst niedrigschwellig angegangen. So ist z. B. „50 Shades of Grey“ einer der ersten Aufmacher von Straight gewesen. In dem Softporno geht es quasi um die „Arztroman“-Variante des Sadomasochismus – ein Konzept von Dominanz und Unterwerfung, das bei erfolgsgewohnten „Anführerinnen“, „Butches“ oder „genderqueeren“ Frauen, durchaus auf Gegenliebe stoßen dürfte.

Die Psychologin Lydia Benecke hat „50 Shades of Grey“ in ihrem Buch „Sadisten. Eine tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“ (erschienen 2015) scharf kritisiert. Die Darstellung von Sadomasochismus sei realitätsfern, entsprechend sexuell orientierten Menschen ginge es nicht um soziale Unterdrückung und psychische Abhängigkeitsverhältnisse sondern einzig und allein um den sexuellen Thrill eines Rollenspiels, das nur im Bett stattfindet. Ähnlich, könnte man hinzufügen, sind „Butches“ keine dominierenden Alphafrauen sondern lediglich burschikose Frauen, die auf andere Frauen stehen – seien diese nun feminin oder ebenfalls eher der „sportlich-jungenhafte Typ“

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KÄMPFENDE WEIBCHEN – ALLES EINE FRAGE DER BIOLOGIE?

Beim Durchblättern einer dieser Zeitschriften – ich glaube es war „Straight“ – stach mir ein Artikel über den „Gaydar“ ins Auge. Ich erinnerte mich an das, was Tania Witte dazu geschrieben hatte. Der „Straight“-Artikel zog das Thema eher von der psychologischen Seite her auf: Bei heterosexuellen Frauen würde z. B. die Stimme heller, sobald ein Mann auftaucht, Lesben dagegen veränderten ihr Verhalten nicht. Unbewusstes Flirt- und Lockverhalten als Automatismus also? Jeder Mann unweigerlich ein eventuell in Frage kommender Paarungspartner? Seit ich den Artikel gelesen habe, beobachte ich das Verhalten tatsächlich öfters bei Frauen. Allerdings habe ich es auch schon bei sich als lesbisch definierenden Frauen beobachtet. Und andererseits wird nicht jede Hetera sofort zum Opfer ihrer Hormone, sobald ein Vertreter des anderen Geschlechtes auftaucht. Oder sind solche Frauen dann doch verkappt lesbisch?

Vielleicht ist jede „normale“ Frau wie die beiden Zicken – Tania und Nicole – die sich in dem alten australischen Film „Muriels Wedding“ (Australien 1994, Regie: P. J. Hogan) um Tanias Mann prügeln – ein höhensonnengebräuntes Minipli-Männchen, das nicht nur die frisch angetraute Ehefrau Tania mit deren Freundin Nicole, sondern auch Nicole mit anderen Frauen betrogen hat. Ein Haufen überschminkter, eingebildeter Ziegen also, denen es nur um eins geht: Die andere zu düpieren und ihr die Augen auszukratzen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Allerdings macht der Film sich über solche Frauen lustig. Kurz vor der Prügelszene versuchen die Frauen die dickliche, arbeitslose Muriel (gespielt von Toni Colette) loszuwerden, die sich an ihre Fersen geheftet hat, um etwas vom Glanz der angesagten It-Girls abzubekommen. „Weiß du – wir sind beliebt … und du …“ sagt eine der Frauen gedehnt. Nur dass es am Ende die unbeliebte Muriel ist, die ein Abenteuer nach dem anderen erlebt und auch noch ihrem aufgeblasenen Vater eins auswischt ….

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WENN FRAU SICH NOCHMAL UMENTSCHEIDED: SPÄTBERUFENE LESBEN

Queer gibt vor, sich um die Muriels dieser Welt zu kümmern. Dennoch bleiben – so wirkt es manchmal – Tania und Nicole Vorbilder. In dem Buch „Es fühlt sich endlich richtig an!“ von Helga Boschitz (erschienen 2010) kommt eine Frau zu Wort, die das Lesbischsein erst im fortgeschrittenen Alter, nach zwei gescheiterteren Ehen, für sich entdeckt hat. Schon als Teenager habe sie sich eigentlich im Kreise ihrer Mädchenclique am wohlsten gefühlt, berichtet die Frau. Damals hätten alle miteinander darum gewetteifert, welche als erste einen Freund hat. Die beste Freundin hatte einen, die „spätere Lesbe“ nicht. Also hat sie der Freundin den Freund ausgespannt. In dem Buch erwähnt die Frau triumphierend – und, nebenbei bemerkt, auch ohne sich weiter um die Gefühle der Freundin zu kümmern – dass sie dann ja auch endlich einen Freund gehabt habe.

Ist das eine frühe, pubertäre Homoerotik – wie es die Frau in dem Buch zu verkaufen versucht – oder eher ein knallharter Konkurrenzkampf unter Frauen? Die Antwort fällt hier wohl nicht schwer. Und es ist bezeichnend, dass sich die „spätberufene Lesbe“ im Weiteren immer wieder abfällig über Männer äußert – obwohl sie mit zweien verheiratet war – und hervorhebt, wie sehr sie dagegen das erotische „Prickeln“ unter lesbischen Frauen genieße. Dass es um ständige Eifersüchteleien und Rivalitäten geht, wie die Frau es wahrnimmt, scheint sie eher als belebend und anspornend zu empfinden, als dass es sie stören würde.

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INSZENIERT ODER KONVERTIERT? – EIN POSTMODERNES THEATRUM MUNDI?

Viele Frauen in der Berliner queeren Szene hatten ein heterosexuelles Vorleben. Tania Witte selbst erzählte in einem Interview mit dem BR, dass auch sie früher heterosexuell gelebt hat. Eine andere Queer-Aktivistin hat sich in ihren Dreißigern als „transgender“ geoutet. Sie scheint u. a. gute Beziehungen zum Theater zu haben. Bei so viel Transvestie und Rollenspiel ist das aber sicher auch nicht ungewöhnlich.

Theater – genau danach sieht es leider oft auch aus. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen sich neu erfinden. Jede und jeder kann sein oder ihr Leben ändern, sich für alles Mögliche interessieren und dazu auch öffentlich Position beziehen – ganz gleich, ob das anderen gefällt oder nicht.

Nur – 1.) einer Konversationstherapie, von der Witte schreibt, ist sicher keine von ihnen unterzogen worden. Im Gegenteil: alle diese Frauen (und sicher auch einige Männer) haben sich selbst so „definiert“ und die meisten sind dann auch schnurstracks dazu übergegangen, das „neue Leben“ und die „neue Identität“ gewinnbringend zu vermarkten. Die Rolle des „diskriminierten Opfers“ steht solchen Menschen deshalb eher nicht zu.

2.) Die Frage ist außerdem, wie sehr man sich auf Kosten anderer (neu) definieren und/oder inszenieren darf …

DIE SUPERREICHE UND DER UNDERDOG

Aber, gemeinerweise kann ich nicht umhin, hier zum Schluss noch hinzuzufügen: Demnach, was Carolin Emcke in ihrem Buch „Wie wir begehren“ (erschienen 2012) schreibt, scheine ich einige Gemeinsamkeiten mit ihr zu haben. Zufall? Klatsch? Egal – Eigentlich müsste die Emcke dann logischerweise eine ziemlich „widerliche“ Person sein („widerlich“ – ja, ich meine, genau das war das Wort …) … Der kleine Unterschied ist nur, dass das, was bei der einen ein unverzeihlicher Makel ist, der anderen zum Vorteil gereicht. Genau das meine ich. Das kann es nicht sein.