Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

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Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

Ein trojanisches Pferd? – die junge Rechte macht mobil

„Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben auf Staatskosten finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul!“ – ein junger Mann mit blondem Rauschebart spricht Tacheles – Das soll wohl die Message sein. Und er deutet an, dass er eine „Alternative“ wählen wird. Bald sind Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Es geht also um Wahlwerbung. So klar ist das auf den ersten Blick nicht, denn da ist kein Logo und kein Parteiname, der einem auf die Sprünge helfen würde. Deshalb muss man auch ein bisschen überlegen, bis man darauf kommt, dass mit „Alternative“ die „Alternative für Deutschland“, die rechtspopulistische AfD, gemeint ist.

Ein bisschen fühlt man sich an der Nase herumgeführt. Klar, der Spruch klingt rechts, aber die Ästhetik erinnert einen eher an hastig zusammengeschusterte Antifa-Reader, improvisiert und ein bisschen roh, Do-it-yourself eben. In einem Kommentar im Stern von Sophie Albers Ben Chamo liest man dann auch, dass die AfD-Wahlwerbung an die Kunstaktionen von „Barbara“ angelehnt sei.

„Barbara“ agiert anonym. Ob sich eine Frau oder ein Mann hinter dem Namen verbirgt, weiß man nicht. Aber die Streetart-Aktionen von „Barbara“ wenden sich gegen Rassismus, Diskriminierung und – wer hätte das gedacht?! – auch gegen Rechtspopulismus à la AfD. Juliane Hanka hat dem „Menschen mit Namen Barbara“ einen längeren Artikel in der taz gewidmet und der Anonyma auch ein paar Fragen gestellt. Das bestätigt, was man über ihre Kunstaktionen landläufig so sagt.

Natürlich muss man es nicht unbedingt für erstrebenswert halten, dass Kunst politische Botschaften transportiert, aber, ganz gleich wie man darüber denkt, das Gute an „Barbara“ ist: an ihrer Botschaft besteht inhaltlich kein Zweifel. Inhalt und Ästhetik passen zueinander. Als Betrachter weiß man deshalb, womit man es zu tun hat.

DAS SPIEL MIT DER WAHRNEHMUNG ALS POLITISCHES KONZEPT?

Bei der AfD-Wahlwerbung ist es dagegen wie mit einem surrealistischen Bild: Man bemerkt zwar sofort, dass etwas nicht stimmt, versucht aber trotzdem, Elemente, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, zusammen wahrzunehmen, so gut es eben geht. Man könnte auch an diese Vexierbildchen aus der Wahrnehmungspsychologie denken, wo man mal das Profil einer alten Frau sieht und mal das Portait jungen Frau mit leicht abgewendetem Kopf, je nachdem, welches „Vorbild“ man im Kopf hat, wonach man die schwarzen Linien also „abscannt“.

Auf die soziale Ebene übertragen, könnte man ein solches Spiel mit der Wahrnehmung durchaus als Zeitgeist deuten. Ich kannte es bisher v. a. von der queerfeministischen Bewegung, die sich auf Theoretikerinnen wie Judith Butler beruft. Von Butler auf die AfD zu schließen ist aber sicherlich ein bisschen gewagt – dass es da personelle oder ideologische Querverbindungen gibt, ist kaum anzunehmen – aber was wäre, wenn die Rechte nachgezogen hat und jetzt einfach auch up-to-date ist?

RECHTS SOLL TRENDY SEIN – DIE „IDENTITÄRE BEWEGUNG“

Als vor drei, vier Jahren eine neue politische Jugendbewegung in Erscheinung trat, die ihren Ausgangspunkt in Frankreich hat und mittlerweile in mehreren Ländern Europas vertreten ist, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die neue Rechte eine radikale kulturelle Wende vollziehen würde: Die sog. „Identitäre Bewegung“ existierte zunächst nur im Internet. Von Anfang an agierte sie jedoch ausgesprochen publicitywirksam: eine grelle Optik in schwarz-gelb, bei der man unwillkürlich an Wespenstiche denkt, und der griechische Buchstabe Lambda im Logo sichern den „Identitären“ einen hohen Wiedererkennungswert. Ästhetisch und ideengeschichtlich sehen sie sich ansonsten, so scheint es, in der Tradition der bündischen Jugend* und des Jugendstils. Nicht von ungefährt heißt eine ihrer Zeitschriften „Sezession“. Was einem spontan dazu einfällt, sind Namen wie Franz von Stuck und Nietzsche. Den Working-Class-Style irgendwelcher dahergelaufener Stiefelnazis assoziiert man eher nicht so.

Aber für die „Identitären“ darf es offenbar gern auch eindeutig rechtsextrem sein: So haben sie sich z. B. mit dem Denken des faschistischen Philosophen Julius Evola befasst und verwenden auch schon mal ein Evola-Zitat als Sinnspruch für ihre Selbstdarstellung im Internet**. Die Theorien des italienischen Metaphysikers und Futuristen sind jedoch alles andere als harmlos, stellen sie doch eine krude, geistig abgehobene Variante des Faschismus dar: Elitebewusstsein mit sehr viel Esoterik, ein bisschen Mystik und eine kräftige Prise Rassismus und Antisemitismus – eine explosive Mischung, die gegenwärtig wieder den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Besonders gefährlich daran ist allerdings, dass es Deutschen aufgrund ihrer spezifischen historischen Erfahrung oft schwer fällt, einen Zusammenhang zum politischen Faschismus zu erkennen. Hierzulande denkt man eben doch eher an rohe, physische Gewalt und nicht so sehr an einen raffinierten, intellektuell überhöhten Diskurs.

Vielleicht liegt es daran, dass über die „Identitären“ im deutschsprachigen Raum bislang nur wenig geschrieben worden ist. So gesehen kann das kleine Taschenbuch mit dem Titel „Die Identitären“ von Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natscha Strobl, das 2014 im Münsteraner Unrast Verlag erschienen ist, als echte Pionierarbeit gelten. Lesenswert ist es auf jeden Fall, denn es gibt nicht nur einen informativen, ersten Überblick über die neue Rechte, sondern versucht auch, mit unzähligen Beispielen und Belegen deren politische Strategien offen zu legen.

Schlägern und offenkundige Einschüchterungsversuche sind, wie es aussieht, nicht das, womit die „Identitären“ in Verbindung gebracht werden möchten. Das Bild, das sie vermitteln, spricht eher dafür, dass es darum geht, dass Rechts trendy sein soll, nicht ordinär, Popkultur für junge „Leistungsträger“ also, nicht ein Aktionsraum, wo „erlebnisorientierte“ Proleten Dampf ablassen können. Man will offenbar das gehobene Bildungsbürgertum ansprechen, nur dass sich das in weiten Teilen eher mit dem in rechtspopulistischen Kreisen verfehmten „versifften links-rot-grünen-Alt-68er“-Denken, wie es Jörg Meuthen auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart verächtlich nannte, identifiziert, zumindest formal.

FÜR DIE VIELFALT DER KULTUREN & TROTZDEM STRAMM RECHTS

Also kopieren die „Identitären“ linke Agitationsformen, schreiben Bruns, Glösel und Strobl, und versuchen, sie links „umzunutzen“ – Flashmobs, linke Parolen und „Spaßguerilla“*** „unter falscher Flagge“ sozusagen. Am 10. August 2012 soll es in Rostock z. B. einen ersten Flashmob mit dem Titel „Hardbass gegen Demokraten“ gegeben haben, wo zu fetzigen Elektrorhythmen getanzt und „NS jetzt“ oder „NS fetzt“ skandiert wurde***. Manchmal tanzten Passanten mitgerissen von der Partystimmung einfach mit, ohne zu wissen, worum es ging***, so Bruns, Glösel und Strobl. Plakate, auf denen fett gedruckt zu lesen ist „Für die Vielfalt der Kulturen“ und kleiner darunter: „Gegen Imperialismus und Multikulti!“ setzen diese Strategie der gezielten Verwirrung fort***.

In der Schweiz haben sich „Identitäre“ mit der Aktion „Wir kämpfen für Felipe“ sogar für das Bleiberecht eines von Abschiebung bedrohten Brasilianers eingesetzt***. Hört man von solchen Sachen, reibt man sich erst mal die Augen. Sind das wirklich Rechte?

Allerdings stellen die „Identitären“ klar, worum es ihnen geht: „Die guten schickt man weg, die schlechten bekommen Kick Box Training!!“*** wie Bruns, Glösl und Strobl die „Identitäre Bewegung Schweiz“ (IBS) zitieren.

Dass die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland personell eng verbandelt ist mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD, ist kein Zufall. So erklärt sich vielleicht auch die Wahlwerbung mit dem Kiffer, der sich über seinen marokkanischen Dealer beschwert.

Natürlich ist niemand allein deshalb rechts, weil er oder sie sich über Dealer, Drogenhandel und Kriminalität beschwert – Das sind ja wirklich gesellschaftliche Missstände – aber wem ist damit geholfen, wenn man versucht, solche Dinge zu ethnisieren? Und geht es eher um Gefahren, etwa Beschaffungskriminalität und Gewalt im Drogenmilieu, oder ist das Allerschlimmste, dass der eine oder andere Dealer dem Staat „auf der Tasche liegt“ (wie so manch eingefleischter Kiffer – egal, ob deutsch oder nicht – auch)?

Man muss nicht gleich nach ganz weit rechts rutschen, nur weil man hier und da Kritik hat. Aller zeitgenössischen „Verwirrung der Wahrnehmung“ zum Trotz sollten wir uns jedenfalls den klaren Blick auf die Dinge nicht vernebeln lassen.

Quellen:

Art.: „Liebe AfD, man kann gar nicht so viel kiffen, dass es Sinn macht!“v. Sophie Albers Ben Chamo, in: Stern v. 21. 07. 2016.

Art. “ Den Rechten einfach eine kleben“ v. Juliane Hanka, in: taz v. 19. 03. 2016.

*Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung Bayern v. 31. 05. 2016 (Zugriff am 23. 07. 2016).

** Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung (deutschsprachig) v. 01. 11. 2014, auf dem ein Zitat von Evola als Leitspruch gepostet ist (Zugriff am 23. 07. 2016).

***Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl, „Die Identitären“, Münster 2014.

 

 

Fuck! Endstation Armut!

„Angst vor der Parallelgesellschaft. Kann Deutschland Integration?“ hat man sich gestern in der ZDF-Talkshow „Maybritt Illner“ gefragt. Sineb Al-Masrar, die marokkanischer Abstammung ist und bereits mehrere Bücher zu Thema verfasst hat, spricht in aller Deutlichkeit aus, was sich bislang viele nicht getraut haben, zu sagen – dass schlechtes Benehmen keine Religion ist. Es ist nicht „typisch“ für den Islam. Man kann noch einen draufsetzen und darauf bestehen, dass man „schlechtes Benehmen“, sprich: Frauenfeindlichkeit, Kriminalität, all das, wovor sich viele Menschen im Moment fürchten, weder entschuldigen muss, noch aber den Islam als solchen verteufeln oder auf allen herumhacken, die irgendwie damit zu tun haben. Gäbe es keine Muslimen in Deutschland, wäre das Problem nicht aus der Welt.

Aber das Problem gibt es eben auch mit Muslimen. Darauf hat die Polizeibeamtin Tania Kambouri hingewiesen. Eine unangenehme Fußnote ist vielleicht, dass Kambouri immer wieder gezwungen war, sich von politisch rechten Positionen abzugrenzen. Es zeigt, wie schwierig es geworden ist, differenzierte Diskussionen zu führen. Aber vielleicht sind Pauschalisierungen und Stimmungsmache einfach bequemer.

Als eine Frau aus Kaiserslautern in die Talkrunde geholt wird, merke ich auf. Vom „Asternweg“, einem sozialen Brennpunkt in der pfälzischen Stadt, die wohl ansonsten eher durch ihren Fussballclub ein Begriff ist, hatte ich bereits gehört. Es gab eine zweiteilige Doku im Fernsehen, die ich aber nicht gesehen habe. Katharina Dittrich-Welsh macht einen robusten Eindruck: lange rote Haare, die Arme von oben bis unten tätowiert, kein zartes Pflänzchen, eher eine Biker-Lady. Sie erzählt aus dem Ghetto, wo Menschen in Wohnungen ausharren müssen, die keine Heizung, kein Warmwasser, nicht einmal Duschen haben. Unvorstellbar, dass es so etwas im wohlhabenden Deutschland gibt! Selbst Problemviertel, die zu bundesweiter, meist trauriger Berühmtheit gelangt sind, wie Berlin-Neukölln, sind nicht derart heruntergekommen.

Es gäbe keinen sozialen Wohnungsbau in Kaiserslautern, berichtet Katharina Dittrich-Welsh, die sich ehrenamtlich im Asternweg engagiert. Für die Flüchtlinge habe man zwei Blocks geräumt und etwas besser ausgestattet. Von Sozialneid sei aber bei den Einheimischen nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil, man habe sich eher solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt. Darüber stolpere ich etwas. Nicht, weil ich es nicht toll finde, sondern weil es ein bisschen nach „Sommermärchen“ klingt, oder so, wie gestandene Linke die Welt gern sehen würden – zu schön, um wahr zu sein. Aber – ist das vielleicht nur mein Eindruck? Dittrich-Welsh sieht schon etwas nach Ex-Antifa aus. Dass sie sich sehr gewandt – unverkennbar akademisch – ausdrückt, fällt mir richtig auf.

Eine Studierte in der Obdachlosensiedlung? Eine, die nicht mault, sondern anpackt? Ich meine, man kann tief sinken. Ich habe ja auch studiert und lebe trotzdem unter der Armutsgrenze. Würde ich irgendwann auch gezwungen sein, in einem Viertel, wie dem Asternweg zu leben? Oder ganz auf der Straße? Wäre ich dann nicht neidisch, auf die Flüchtlinge, die doch den etwas besseren Standart kriegen? Ich gebe den Namen „Katharina Dittrich-Welsh“ schnell bei Google ein, stolpere auf einem Portal, das sich „Finanznachrichten“ nennt, über das Wörtchen „Diplomatentochter“, also eine, die so richtig tief gesunken ist? Drogen? Alkohol? Nein, da steht auch, dass Dittrich-Welsh doch in einem der besseren Viertel Kaiserslauterns lebt. Ich werde richtig neugierig. Dann lese ich was von CDU Kaiserslautern-Mitte. Also doch nicht Antifa. Oder es ist eine andere. Ich beschließe, dass das mit dem googlen keine gute Idee ist. Nicht alles, was im Internet steht, muss wahr sein und die Frau hat ja recht: anstatt auf die Flüchtlinge neidisch zu sein, ist es besser, sich dafür einzusetzen, dass sich die Lebenssituation aller Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, bessert – eine Position, der ich mich nur anschließen kann. Wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass man natürlich auch gleich ein Sozialer Wohnungsbau-Programm hätte anleiern können. Ein schaler Beigeschmack bleibt: dass man den Leuten halt doch nicht unbedingt immer über den Weg trauen kann. „Arm“, „arm“ und „engagiert für Arme“ ist nicht das Gleiche. Schwamm drüber. Irgendwie hatte ich es ja geahnt …