Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

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Jupiter-Menschen oder: warum Demokratie manchmal verletzend sein muss

Emmanuel Macron sei ein zweiter Jupiter, heißt es. Hm. Jupiter, die römische Version des griechischen Gottvaters und Himmelsherrschers Zeus – die oberste Gottheit im Olymp. Ziemlich hoch gegriffen für einen frisch gewählten Präsidenten. Ob der Mann bzw. seine Anhänger wissen, dass er für viele nur das kleinere Übel war, die Freude über seinen Sieg eher eine Art freudige Erleichterung, dass Le Pen einem noch mal erspart geblieben war? In etwa das gleiche Gefühl, wie wenn einem der Arzt sagt, dass der Tumor doch gutartig ist und kein Krebs …

Vielleicht wird Größenwahnsinn langsam zu einem neuen Herrschaftsgestus, ein leiser Abgesang auf die Demokratie, die hinter Sachzwängen und Technokraten hier, hinter einer stärker werdenden Sehnsucht nach neuer Größe dort in den letzten Jahren immer fadenscheiniger geworden ist. Donald Trump ist jedenfalls nicht der einzige. Es gibt auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Victor Orbán. Und eben Macron. Das ist wohl nicht nur mir aufgefallen.

Milo Yiannopoulos – ein Kind des linken Zeitgeistes?

„Autoritär“ ist das neue „Rebellisch“ – sagt die neue Rechte. Umso mehr fühlt man sich wie vor den Kopf geschlagen, wenn einem dann im „Spiegel“ das Konterfei von Milo Yiannopoulos entgegenhöhnt: als neckisches Betthäschen inszeniert, mit aufgesetzter Unschuldsmiene kulleräugig an einem Lolli nuckelnd – Der Mann nennt sich ja nicht „Jupiter“, sondern „dangerous fag“ – „gefährliche Schwuchtel“. Und überhaupt ist er kein „böser weißer Mann“, sondern ein „anderer“: Vater Grieche, obwohl sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag über ihn berichtet, dass er eigentlich Hanrahan heißt – Das ist aber irisch. Nicht ganz so exotisch. Für den „Spiegel“ hat er eine deutsche Mutter, weiter hinten im Artikel steht, dass er mit seinem scharzen Freund in Miami wohnt. Ich habe auch schon irgendwo gelesen, dass er Jude sei – schwierig, denn wegen der Loblieder auf „Father Michael“, dank dessen pädophiler Neigungen der kleine Milo angeblich seine Homosexualität entdeckt hat, ist Yiannopoulos bei der rechtspopulistischen Medienplattform „Breitbart“ rausgeflogen. Aber vielleicht werden Rabbis ja in Großbritannien „Father“ – „Pater“ – genannt und ich habe das in meiner Engstirnigkeit mal wieder nicht geschnallt, dass das nicht unbedingt katholisch sein muss.

Spinner, die sich interessant machen wollen, gibt es genug, doch Yiannopopoulos setzte das Image des exotischen, marginalisierten – ja sogar „mehrfachdiskriminierten“ – Minderheitenvertreters Werbung gezielt für sich ein. Und ist dabei stramm rechts. Genau das soll ja offenbar gerade der Clou sein. Der abgebrochene Literaturstudent, der es dennoch in der Medienwelt zu etwas gebracht hat, kann sich nämlich etwas herausnehmen. Zum Beispiel „Gamergate“, wo Milo und ein paar andere Jungs Frauen plattmachten, die vorwitzig genug gewesen waren, der Männerwelt die angestammte Domaine der Computerspiele streitig zu machen – und zwar als Designerinnen und Programmiererinnen. Selbst Morddrohungen gingen bei Milo und Co. noch als launige Scherze durch. Oder über schwarze Frauen herziehen, gern auch gespickt mit ein paar deftigen, rassistischen Bemerkungen – da ist ja der schwarze Boy-Friend in Miami. Also bitte.

Sagen wir es ruhig offen: Es war im Grunde die Gegenseite, die Leute wie Milo Yiannopoulos stark gemacht hat. Der junge Schwule mit Migrationshintergrund, der Studienabbrecher und ambitionierte zukünftige Dichterfürst dürfte noch vor ein paar Jahren, als noch nicht allzu offensichtlich war, dass er mit „tolerant“ leider nichts anfangen kann, die Beschützerinstinkte der etablierten Linken geweckt haben – jener Leute, die Kontakte, Jobs und Chancen zu vergeben haben.

falsche „Sozialfälle“ oder wie setze ich mich unter Linken durch?

Die Lektion, dass nicht nur „Sex sells“ gilt, sondern eine möglichst exotische Sexualität in bestimmten Kreisen geradezu ein „must“ ist, das mit stolz geschwellter Brust vor sich hergetragen wird, lernte ich gleich zu Anfang meiner Zeit in Berlin. Damals machte ich in einem Kunstprojekt der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ in Kreuzberg mit und wunderte mich. Schon in meinen letzten Semestern an einer kleinen Uni in Südwestdeutschland hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Claims sofort abgesteckt werden: So ziemlich alle „angesagten“ und bei den Professoren beliebte Kommilitonen stammten offiziell aus „kleinen Verhältnissen“, auch wenn der Vater Galerist oder Museumsdirektor war, und es an Geld nie fehlte. Irgendwann gab es mal Krach, weil die vielen studentischen Kleinwagen der „sozialen Härtefälle“ (dabei ging es auch um Hiwi-Jobs!) auf dem Uni-Parkplatz keinen Platz mehr fanden. Mich, die mit dem Bus fuhr, betraf es nicht nicht, aber „Arbeiterkind“ übersetze ich mittlerweile automatisch im Kopf mit „aus besserem Hause“. Die eine hatte eine polnische Mutter (Vor- und Nachname waren dummerweise urdeutsch, nicht einmal der leiseste Hauch eines -skys oder -czyks, und die Kommilitonin sprach auch kein einziges Wort Polnisch, aber, hey, egal: Migrationshintergrund), in den Adern der anderen floss – wiederum von mütterlicher Seite – dänisches Blut (Tjaha, das skandinavische Element, das immer zu kurz kam. Auch ein Migrationshintergrund), usw..

Ich hätte locker mithalten können: Ich habe südeuropäische Vorfahren (doof, die sehen auch noch so richtig sonnig-südländisch aus!), Familie in Osteuropa (ja, die wohnen da auch wirklich und nein, es ist nicht die „deutsche Minderheit“, dafür sind sie aber ebenfalls „heimatvertrieben“ – nur so, falls das eine Rolle spielen sollte.). Alles in allem gibt es trotzdem nichts als „Migrationshintergrund“ her und das hatte ich auch nicht behauptet

(Ehrlich gesagt, irgendwie muss das „frisch“ sein, also erste, maximal zweite Generation, und dann muss mensch auch richtig zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sein, so mit zweisprachig, interkultureller Konflikt, usw. … idealerweise sieht man das „Ausländische“ bitte auch am Teint (wie gesagt: sonnig-südländisch, führt öfters mal zu unschönen Erfahrungen mit der Umwelt, sprich: Diskriminierung, daher sind Minderheitenrechte dann eher gerechtfertigt) und die Person stammt zudem aus eher ärmlichen Verhältnissen (Da „class“, was Jobs und sozialen Aufstieg betrifft, eine „gläserne Decke“ noch lange vor „race“ und „gender“ bedeutet, „class“ UND „race“ beides aber nahezu unmöglich machen, ist „Empowerment“ hier wirklich nötig – anders als bei jemandem mit blonder dänischer oder herbeiphantasierter polnischer Mutter …).

Übrigens macht nicht einmal das einen zum besseren Menschen. Auch im sonnigen Süden gibt es A… löcher. Genau genommen gibt es da sogar alles sowohl an menschlichen Schwächen, aber eben auch an Vorzügen, was es hier auch gibt. Dennoch irritierte es mich schon ein wenig, dass im „Spiegel“ dieser Woche eine italienische „Gastarbeiter“-Familie portraitiert wurde, deren Hamburger Restaurant bereits 1905 gegründet wurde. Na ja …).

„böser weißer Mann“ ehrenhalber

An der Uni zählte das auch tatsächlich nicht. Eher reagierten die Leute aggressiv. Besser nichts von „Vorfahren aus Südeuropa“ schwadronieren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich den anderen das nicht wegnehmen soll, weil das ja irgendwie schon denen gehört. Jawoll. Nicht dass meine „Minderheiten“-KommilitonInnen deshalb netter zu „echten“ Ausländern gewesen wären, zumindest nicht, wenn sie der Ansicht waren, dass die vom „Stil“ her nicht zu ihnen passten. Dafür gab es mahnende Blicke in meine Richtung, wann immer von „Shoah“ die Rede war (ganz klar das Werk von Menschen wie mir, die anderen waren ja, wie gesagt, „Minderheit“. Als ob das den NS-Entscheider in der Ahnenreihe oder den SS-Opa wieder gutmachen würde – eine Art Tauschhandel: Leider die Katze überfahren, aber man klaut dem Nachbarskind den Stoffhund und überreicht ihn als „Schmerzensgeld“ und schon ist alles wieder gut, wobei der gestohlene Stoffhund der Minderheitenstatus ist, und die überfahrene Katze der Holocaust. Nicht, dass man das vergleichen könnte. In dem Fall sind Vergleiche immer makaber, aber meine Professorin liebte es nun einmal, über die „Shoah“ zu sprechen …) oder „Critical Whiteness“ (dito). Ich weiß nicht nicht, was ich davon halten soll: unverschämt oder einfach nur krank. Jedenfalls nicht „legitim“.

Irgendwie war ich damals der „böse weiße Mann“, obwohl ich eine Frau bin (ohne Zweifel, ich vermute, sowohl eine Genanalyse als auch eine medizinische Introspektion meines Körpers würden zu dem gleichen Ergebnis kommen). Aber meine feministische Professorin war der Meinung, dass man zuerst einmal feminine Frauen fördern müsse – die, die so aussehen, als ob sie jeden Morgen mindestens drei Stunden im Bad stehen, um so auszusehen, wie die Titelmädchen von „Glamour“ und „Jolie“ oder die jungen Frauen, die Heidi Klum regelmäßig und äußerst publikumswirksam vor laufender Kamera bei „Germany’s next Topmodel“ zusammenstaucht. Böse Zungen nennen solche Frauen „Mieze“, „Bratze“ oder „Modepüppchen“. Meine Professorin dagegen fand, dass sie am meisten unter männlicher Ignoranz zu leiden hätten – die wahren Opfer des Patriarchats. Die Intelligenz dieser Frauen würde übersehen, ihr Potenzial ginge verschütt.

Klar gibt es Frauen, die feminin wirken, sich für Mode interessieren, und auch intellektuell ziemlich fit sind. Aber muss man deshalb jedem Modepüppchen per se unterstellen, es sei ja im Grunde viel intelligenter als andere, nur dass es niemand erkannt habe, ein ungeborgener Schatz, den man erst in mühsamer Feinarbeit ans Tageslicht befördern müsse? Ist das nicht mehr oder weniger ein Blankoscheck fürs Diät halten und Lockenwicklertragen? Dass frau dann auch automatisch schlau ist und wer was anderes sagt, ist halt „FrauenhasserIn“, „MaskulinistIn“, „Patriarchat“ oder schlicht „DiskriminiererIn“, „Mehrheitsgesellschaft“?

Die Rolle des „Patriarchats“ hatte damals ich inne. Es sollte ja auch gezeigt werden, dass Feministinnen gar nicht so sehr gegen Männer sind, wie viele Leute immer denken – Ganz im Gegenteil, das war ein neuer, junger sexy-Feminismus, auch wenn meine Profesorin und viele feministisch gesonnene Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelbau natürlich nicht mehr ganz so jung waren. Wenn es also nicht gegen die Männer gehen sollte, wer blieb da noch zum Draufrumtreten übrig? Richtig.

„Anders“ als Massenphänomen

Die Erfahrung in Berlin, in der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ toppte das Ganze unerwarteterweise noch: Wir waren ein kleines Grüppchen wildfremder Menschen. Als es daran ging, einander kurz vorzustellen, sagte jeder seinen Namen und Beruf und dann sofort: „Lesbe, obwohl ich mal mit einem Mann verheiratet war“ oder „bisexuell“ oder „Ich glaube, ich war immer schon schwul.“. Eine Frau erzählte, dass sie auf Sadomasochismus stehe, am liebsten Fesselspiele. Trotz der bereitwillig gegebenen intimen Geständnisse hatte ich nicht das Gefühl, besser zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Die einzige Erkenntnis, die ich gewonnen hatte, war, dass hier jeder irgendwie „sexuell abweichend“ war. Vorsichtig merkte ich an, dass ich wohl in vielerlei Hinsicht „zwischen den Stühlen sitzen“ würde. Das sei wohl meine Position. Ich bin bisexuell. Gerade wegen des in dieser Hinsicht freieren Klimas war ich auch nach Berlin gekommen. Aber muss man das Leuten, die man gerade mal 5 Minuten kennt, auf die Nase binden? Ich meine, ich hatte einfach nicht, wie unter meinen Mitstudentinnen, als „hässliche Lesbe“ an einem Ring durch die Manege geführt werden wollen, aber damit war es auch schon gut. Einfach ok sein, wie man nun mal ist, reichte mir. Genau danach hatte ich gesucht. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht, wie ich sagen muss, auch im weltoffenen Berlin nicht viel vorgefunden.#

Homophobie als „Schutzschild“

(Das mit der „hässlichen Lesbe“ war zu Unizeiten in meinem – eigentlich übrigens ziemlich konservativen Fachbereich – offenbar eine Art Kompromiss: Zwar ist sie eine Frau, aber jedenfalls keine, der der Feminismus zusteht, wenn frau es recht bedenkt sogar viel böser als die „bösen, weißen Männer“, … Später würde allerdings behauptet werden, ich hätte nur als „Schutzschild“ für andere Frauen gedient, die – „echte“ Lesben, wenn auch damals noch sehr wohl an Männern interessiert – sich einfach noch nicht aus dem Schrank getraut hätten – Na ja, kann man ja verstehen, dass IN DEM FALL sogar Homophobie ein Gebot der Stunde war (ich meine das sarkastisch) -, aber das wusste ich in meiner Anfangszeit in Berlin noch nicht.)

Irgendwer muss ja die „frigide Hexe“ sein

Später begriff ich, dass ich eigentlich auch nicht bisexuell bin – Da gäbe es „ganz andere“ hieß es – und leider – wie es der Zufall nun einmal wollte – hatten die alle was gegen mich. Genau genommen handelte es sich um einen Bunch stylischer, wahnsinnig angesagter, wenn auch eher nur mittel-attraktiver Frauen, die man mir bzw. ganz allgemein als „für Emanzipation und Freiheit kämpfende Lesben“ vorgestellt hatte. Allerdings konnten die Frauen offenbar auch mit Männern. Vielleicht auch NUR mit Männern, aber das kann ich im Einzelfall nicht sagen. Ich kenne diese Frauen ja wirklich nicht näher. Umgekehrt schien das merkwürdigerweise nicht so zu sein. Die wussten nämlich ganz genau, dass ich angeblich „einen kranken Hass auf Männer“ hätte, überhaupt, keiner wolle mich, die „frustrierte Zicke“. Manchmal grunzten mich auf der Straße in Kreuzberg Hipstermänner an und die Freundin im Schlepptau säuselte betont freundlich: „Lass! DIR hat sie doch jetzt nichts getan!“. Das war in etwa, wie wenn man nichtsahnend in ein Café geht und einen Kaffee ohne alles bestellt und die Bedienung ziemlich unwirsch ist, derart dass man tatsächlich geneigt ist, es persönlich zu nehmen, und dann ruft jemand von hinter der Theke: „Sei doch nicht so. Zwar ist sie mit dem Ufo hier gelandet und hat sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gefressen, aber zu UNS  jetzt war sie doch ganz passabel …“ Nennt man das „nett“ oder „total plemplem“ oder „Mobbing“? Ich weiß es nicht …

Zu allem Überfluss war ich dann plötzlich auch noch „rechts“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese queeren Frauen, die ich als ziemlich arrogant und überheblich in Erinnerung hatte, alle total links sind, dass sie auch ganz ernsthaft von verschiedenen linken Parteien und Stiftungen gefördert werden. Da hatte ich auch überall verschissen. Dafür wollte jedeR irgendetwas an mir „rächen“: ich hatte dickliche, betont jungenhaft zurechtgemachte Frauen – „Transmänner“ – am Hals, denen missfiel, dass ich zu breitbeinig in der U-Bahn saß – stand mir nicht zu -, ziemlich viele adipöse Menschen, die mich belauerten, hänselten, mal wollten sie nichts Geringeres als „meine Seele ermorden“ oder mir als ganzer Person „den Gar ausmachen“, mal hatte ich „damit“ (womit war unklar) „mein Todesurteil unterschrieben“, dann wieder sollte ich mich „richten“ für das, „was ich GETAN“ hätte. – Ich wusste nicht was. Ich kannte die Leute nicht, hatte ihnen nichts GETAN. Diffus erinnerte ich mich, dass meine Kommilitoninnen damals desöfteren beleibten Besuch aus Berlin über den Uni-Campus geführt hatten – zu mir waren diese Frauen ziemlich komisch gewesen, aber getan hatte ich ihnen nichts. Auch eine frühere Studienfreundin tauchte in meinem Gedächtnis auf – sie selbst war schlank und sportlich, litt jedoch an Bulimie und hatte eine stark übergewichtige Freundin, über die sie mal sehr bösartig lästerte und wollte, dass ich „einfach mal mit ihr solidarisch“ sein und auch mithelfen sollte, die andere in der Cafeteria zu schikanieren, obwohl ich die Frau gar nicht kannte und nicht wusste, was genau vorgefallen war (Deshalb hatte ich auch keine Lust, „solidarisch“ mit dieser Freundin zu sein, obwohl ich sie damals wirklich mochte. Vermutlich war ich eine „Rabenfreundin“ …), dann wieder waren die beiden ganz dicke miteinander, immer abwechselnd. Zu dem Zeitpunkt wäre es mir aber noch nicht in den Sinn gekommen, mir Gedanken über den KÖRPERTYP eines Menschen zu machen. Warum auch?

Von den Dicken wurde ich ständig angemacht, auch von eher dürren, ältlichen Frauen. Die wollten „es“ mir austreiben. Ein Hipster sprach von „Trockenlegen“. Gemeint war „die schönste Nebensache der Welt“ – Sex, über den sich in Berlin alle zu definieren schienen, interessanterweise gerade die, die man nicht gerade in erster Linie mit dem Wort „Sexbombe“ assoziieren würde. Mir wurde ein Tagebuch geklaut. Gerüchte besagen, dass es in diversen Szenekneipen öffentlich vorgelesen worden sein soll – als abendlicher Kneipengaudi. Offenbar wurde es in der queeren Szene herumgereicht, vielleicht auch unter Journalisten – Ich hatte damals ein paar Mal für größere Zeitungen Kunstkritiken geschrieben. Im rechten Lager höhnte jemand: „Dafür hat aber Anja Kofbinger (lesbische Berliner Politikerin der Grünen) das Tagebuch gehabt!“ Ob bzw. was davon stimmt, weiß ich nicht. Nachweisen kann ich niemandem etwas und ich bezweifle, dass die – kicher! kicher! – Andeutungen hier und da alle der Wahrheit entsprechen. Denn mir war schnell klar, dass die Leute sich einen Spaß daraus machten, mich in die Irre zu leiten und in meinen schlimmsten Befürchtungen zu bestärken – ohne dass deshalb zwingend etwas dran sein musste oder aber komplett Entwarnung hätte gegeben werden können. Am Ende – so hatten sie sich das wohl gedacht – könnten sie ja ihre Hände in Unschuld waschen und ich stünde als hysterische Bekloppte da, die sich wutendbrannt auf Leute stürzt, die ihr – ja, genau! – überhaupt nichts getan haben. Dafür haben andere „etwas getan“ und ich sollte nur weiter im Dunkeln tappen.

„Schutzschild“ (II): Prügel für die einen, Empowerment für die anderen

Als von einem Kinderporno (ein Porno, der, wie der Titel erahnen ließ, die Vergewaltigung eines arabischen Babys zum Inhalt hatte) aus zu meinem Blog verlinkt wurde, ging ich zur Polizei. Natürlich konnte ich niemanden ins Blaue hinein beschuldigen. Mehrfach wurde ich auch körperlich angegangen – zum Glück nicht wirklich schlimm, nur dass ich komischerweise im Nachhinein manchmal in irgendeinem Blättchen oder „Zine“ der lokalen queeren Szene las, dass eine ominöse andere – queere! – Frau oder „Person“ ja genau den gleichen Vorfall erlebt hatte. Sie hatte sogar genau gleich reagiert wie ich.

Obwohl die Leute mich angeblich so „rechts“ fanden, passierte es auch öfters, dass irgendjemand aus der queerfeministischen, linken Szene viel Beifall erhielt für ein Statement, das ich so ähnlich eine Weile zuvor gemacht hatte, und das da, also in meinem Fall, entweder als „dumm“, „neoliberal“ oder „fast schon Pegida!!!“ abgetan worden war. Offenbar ging es weniger um die Aussagen an sich, als um den KÖRPER, der sie aussendete – meiner war „böse“ – „rechts“ -, andere waren „gut“. Auf einer Veranstaltung bei der taz belehrte mich eine Frau über den Israel-Palästina-Konflikt, im Hintergrund hörte ich, wie eine andere das mit „Da kann sie ja froh sein, dass jetzt auch mal jemand mit ihr spricht!“ kommentierte. Das wiederholte sich fast wortwörtlich auf einer anderen linken Veranstaltung. Irgendwie hatte ich die Nase langsam voll. Für wen hielten sich die Leute eigentlich? Als ob man nur darauf brennen würde, irgendwie in Kontakt mit ihnen zu kommen, um an ihrer erhabenen Menschlichkeit teilhaben zu können. Eigentlich konnte man sich doch glücklich schätzen, wenn man nicht von denen behelligt wurde.

Auf einer taz-Veranstaltung, die im Sommer 2013 in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, äußerte sich dann eine Frau vor versammelter Mannschaft und für alle gut hörbar betont gönnerhaft: „Aber einen schönen Busen hat sie!“ Es hieß, ich würde die Frauen angeblich nicht ernst nehmen. Sie würden es mir ja nur „zurückgeben“. Die meisten kannte ich gar nicht. Einige „Transgender“ wollten mich wegen „transphober Hetze“ verklagen. Es wurde gehöhnt, ich müsse halt immer „nehmen, was andere Frauen übrig lassen.“, „Jetzt zu Monatsende sei Schmalhans wohl Küchenmeister“ und ich solle doch am besten „in der U-bahn betteln gehen.“, dann könne ich ja als „Identifikationfigur“ für die Obdachlosen herhalten – kicher! kicher! Schließlich wurde ich als „unwertes Leben“ beschimpft – von jungen Leuten, die offensichtlich der Heinrich-Böll-Stiftung nahe standen. Also keine rechten A… löcher. Oder etwa doch?

Eine ganze Reihe Frauen aus meiner Vergangenheit tauchten plötzlich in Berlin auf. Sie alle waren jetzt auch lesbisch oder transgender oder mit Transgender liiert und deshalb jetzt auch lesbisch oder zumindest war ihnen bewusst geworden, dass sie einen „ungewöhnlichen Körper“ hatten (sprich: ein paar Kilo zu viel auf den Rippen oder aber plötzlich abgemagert oder zumindest streng Diät haltend oder ein paar Zentimeter größer als das „süße, kleine Püppchen“, wobei das Gardemaß für „Püppchen“ flexibal gehandhabt und nach Bedarf angepasst werden kann, so dass frau ihm mal zu 100% entspricht (wenn es darauf ankommt, das „süße, kleine Püppchen“ zu sein) und mal dramatisch davon abweicht (wenn es darum geht, der „Freak“ zu sein)) – jedenfalls QUEER!

Emanzipation oder „Frauen zurück an den Herd!“?

Es hieß, ich sei ja immer so eifersüchtig. Carolin Emcke beschrieb  in ihrem Buch „Hass“ über die bittere Armut und das chancenlose, entbehrungsreiche Leben am Rande der Gesellschaft von Transmenschen. Tatsächlich haben, zumindest hier in Deutschland, auffällig viele von denen gute Jobs an der Uni (oder aber an einem der renommierten Berliner Theater). In der Huffington Post ließ sich ein Transmann (Mann, als Frau geboren) darüber aus, wie viel mehr er jetzt, nach der Transition, wo er keine Frau mehr sei, verdiene, und wie viel einfacher es sei, einen Job zu finden, falls man(n) dann doch mal keinen hätte. Stimmt schon, vielerorts auf der Welt müssen sich Transfrauen (Frauen, als Männer geboren) und männliche Transvestiten (Männer, die sich als Frauen verkleiden) ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdienen, sofern sie nicht im Show-Biz unterkommen. Transmänner, also Männer, die als Frauen geboren sind, aber tatsächlich „männlich“ fühlen und sich (von Natur aus, ohne dass es eingeübt oder geschauspielert werden müsste) „männlich“ verhalten, gibt es nur sehr wenige. Hat irgendwie was mit Biologie und Hormonen zu tun. Offenbar läuft bei männlichen Föten sexuell öfters mal etwas aus dem Ruder. Lesben gibt es auch sehr viel weniger als Schwule. Zumindest echte Lesben, Bio-Lesben. Nicht Frauen, die das aus politischen (das berühmte Credo des Differenzfeminismus der wilden 70er: „Männer sind Schweine!“) oder anderen Gründen machen. Sich als „Transmann“ zu „definieren“ (Die meisten „Transmänner“ sind übrigens „schwul“ und möchten auch gern schwanger werden. Kinderkriegen geht ja jetzt auch für Männer.) ist aber auch „politisch“: „Transfeminismus“. Manchmal könnte man kotzen, wenn man in der taz oder anderswo mal wieder liest: „Als Frau hätte ich natürlich nicht … können, aber als Mann ja schon!“ oder „Frauen machen … ja nicht, aber als Mann kein Problem!“. Klar: Frauen gehören an den Herd und Männer (und „Transmänner“) gehen auf die Jagd. Glauben die diesen Schwachsinn wirklich? Und dass das Feminismus sein soll?

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen internen Logik, dass die queerfeministischen Frauen sich für sich selbst vorbehalten, auch Männer zu sein (Dann ist man bzw. frau gleichberechtigt bzw. ist man dann ja selbst ein „Mann“), aber aggressiv werden, wenn andere Frauen leider auch nicht die „Frauchen“ sein wollen. Ein bisschen ist es an dem gespiegelt, was meine alte feministische Professorin erreichen wollte: Gleichberechtigung soll bloß nicht für alle Frauen da sein – Gott bewahre! Es gibt immer welche, die Privilegien haben müssen (seien es nun die femininen „Modepüppchen“ oder die queerfeministischen „Transmänner“. Meistens sind es sogar DIE GLEICHEN FRAUEN) und andere, die frau zurückdrängen muss, damit sie den Privilegierten nicht ins Gehege kommen. Eigentlich ist es zynisch, dass ausgerechnet die Queerfeministinnen nicht müde werden, auf die Menschenrechte und auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu verweisen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt nämlich nicht das Recht ein, auch für andere zu bestimmen – über deren Sexualität, ihre Intelligenz, ihre Chancen im Berufsleben, was sie sich gefallen lassen und zu wem sie aufschauen müssen, usw.. Auch in den Menschenrechten steht nichts davon, außer eben, dass alle diese Dinge gerade nicht fremdbestimmt sein dürfen. Die „Transmänner“ aber jammern, es sei „Transphobie“, wenn eine Frau wie ich sie nicht in ihrer Rolle als Männer bestätigt oder auf Anmachen und überhebliches, selbstherrliches Verhalten sogar ungehalten reagiert, denn: – „Männer sind nun einmal so!“. Wirklich?

Menschenrechte & Grundgesetz – für alle da!

Eigentlich sind die Menschenrechte  bzw. das Grundgesetz gerade dann für einen da, wenn man bzw. frau das nicht so sieht. Da steht nämlich was von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ (und nicht: „Mann und Transmann“). Aber vermutlich wird man auch nicht jeden eingefleischten Rechtspopulisten dazu bringen, dem zuzustimmen. Es ist nur so: in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss man es aushalten, dass Menschen anders denken und anders leben möchten als man/frau/mensch selbst. Das geht in alle Richtungen und es bedeutet auch, dass mensch Leute in Ruhe lassen muss, die mensch doof findet, anstatt ihnen nachzulaufen und sie zu „erziehen“ bzw. ihnen mit Nachdruck, Psychoterror, sexuellen Übergriffen oder sogar köperlicher Gewalt die gewünschten Verhaltensweisen abzupressen. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der queeren Szene gewesen. In Ruhe gelassen haben mich die Leute bis heute nicht.

„Beißreflexe“

Vor ein paar Monaten sorgte dann ein kleines, unscheinbares Büchlein in der queeren Szene für Aufruhr. Es trägt den Namen „Beißreflexe“ und wurde von „Polittunte“ Patsy l’Amour lalove herausgegeben. Das Buch, das den zunehmend autoritären Einschlag der Szene kritisiert, schlug ungeahnt hohe Wellen, sein Ruf scheint ihm jetzt sogar bis in die USA vorausgeeilt zu sein und das, obwohl es eigentlich nur in Micro-Auflage in einigen wenigen ausgewählten linken Szeneläden deutscher Groß- und Universitätsstädte zu haben ist. Für die einen ist „Beißreflexe“ eine Offenbarung – Da steht, dass auch andere bemerkt haben, was alles nicht in Ordnung war oder sogar total daneben. Auch ich begriff, dass ich nicht die einzige war, der mensch übel mitgespielt hatte (wenn auch die einzige, die nach einem kurzen Ausflug die queere Szene ziemlich schnell wieder verlassen hatte. Die meisten anderen Opfer dieser Leute kommen „von innen“, haben, sofern sie in Berlin waren oder sind, vielleicht auch mich mitgedisst. Traurig, das so schreiben zu müssen, aber leider wahr.) – ein paar Albernheiten der „Gender-Stasi“ hat Peter Rehberg in der „Zeit“ beschrieben. Zu meiner Überraschung war frau offenbar sogar in der „Emma“ reichlich indigniert. Dort fragte frau sich, was das noch mit Feminismus zu tun hat. Tja, das frage ich mich, wie gesagt, schon seit geraumer Zeit …

Jetzt hat das queerfeministische Lager in der „Zeit“ zum Gegenschlag ausgeholt und schießt dabei – wenn man bedenkt, dass es sich um eine subkulturelle Streitschrift handelt, die den meisten Leuten gar nichts sagen dürfte – mit Kanonen auf Spatzen. Die Berliner Soziologie-Professorin und Queerfeministin Sabine Hark hat Judith Butler, die us-amerikanische Begründerin der Queer-Theorie, als Verstärkung hinzugezogen und in einem längeren Artikel in der „Zeit“ ziehen beide gegen die Abtrünnigen aus der Szene zu Felde: von „Verleumdung“ ist die Rede, gleich im Titel, Kritik sei ja in Ordnung, aber bislang seien doch nur Aggression und Verletzungen gegen Queer hervorgebracht worden. Eine neue „Grammatik der Härte“ bringe das zum Ausdruck, es sei Hate Speech, infam, roh und einfach nur asozial klagen Hark und Butler.

Wo ist Eure Empathie?

Moment mal: „unwertes Leben“ ist ok, aber sich dagegen zu wehren, so bezeichnet zu werden, ist „infame, verletzende Hate Speech“? Nein, sorry – ohne jetzt die „Beißreflex“-Leute zu sehr in Schutz nehmen zu wollen – ich weiß, wie gesagt, auch nicht, ob der/die eine oder andere mich nicht auch kräftig mitgemobbt hat -, aber vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn man die Dinge einmal umdreht. Haben die Frauen bzw. die VerfechterInnen der Queer-Theorie sich schon einmal gefragt, wie viele Leute SIE verletzt haben?! Wie viele Leute sich elend gefühlt haben, mit ihren Hänseleien, Nachstellungen, Verhöhnungen, Demütigungen und Verleumdungen?! Wie es einem, mir zumindest, damit geht, mehr oder weniger mit einer Art feministischen „Fatwa“ (Ich fühle mich manchmal wie Salman Rushdie, aber christlicher gedacht können wir’s auch „Exkommunikation“ und „Bann“ nennen) belegt zu werden und überall die Tür vor der Nase zugeschlagen zu kriegen – UND DASS DAS AUCH NOCH FEMINISMUS SEIN SOLL?! Dass man immer angehalten ist, das nicht so zu nehmen bzw. gefälligst gar nicht erst etwas Böses zu unterstellten, nichts sagen darf, gute Miene zum bösen Spiel machen muss und sich idealerweise auch noch selbst schuldig – „falsch“ – fühlen soll?! NUR UM DIE FRAGILEN EGOS IRGENDWELCHER MIMOSEN NICHT ZU BRÜSKIEREN?!

Über jeden Zweifel erhaben?

Nein, sorry – aber intelligent zu sein oder sich auch nur mit intellektuellen Inhalten zu beschäftigen, steht nicht nur bestimmten Menschen zu – nicht, weil es so feminine Frauen sind, von denen man das ja sonst nicht so denkt, nicht, weil sie umgekehrt eigentlich ja so „männlich“ wären und denken nun einmal „männlich“ (oder „Oberschicht“, die „besseren Gene“, Sarrazin und Co.) sei (gruselig, so etwas von Menschen zu hören, die sich für „feministisch“ halten und behaupten, „links“ zu sein!) und auch aus keinem anderen Grund!

Es gibt kein Recht darauf, dass andere sich klein, unzulänglich und wertlos fühlen und stets unterwürfig und dienstbar sein müssten, auf Dinge verzichten, die ihnen Freude breiten, dass sie ihre Talente nicht entfalten dürften – und sei es nur in Form eines Hobbys -, sich für ihre Körperlichkeit schämen müssten – Ja, ja, die adipösen Frauen wären ja auch lieber schlank, so wie die Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ und andere Frauen SIND schlank wie die Frauen bei „Germany’s next Topmodel“, nur dass sie an Esstörungen leiden und sich deshalb trotzdem nicht gut mit sich fühlen – ABER WAS ZUR HÖLLE KANN ICH DAFÜR?!,  dass man nicht lachen oder tanzen dürfte oder breitbeinig in der U-bahn sitzen, ganz zu schweigen von ener eigenen Meinung, dass andere gegängelt und kontrolliert werden müssen – NUR WEIL SICH IRGENDWELCHE NEUROTISCHEN ARSCHLÖCHER ANGEBLICH SONST „NICHT WOHL FÜHLEN“???

Man muss Menschen nicht mögen, weil sie „anders“ sind (auch nicht, weil sie NICHT „anders“ sind) und den grundlegenden Respekt, so von Mensch zu Mensch, den hat schließlich jedeR verdient. Alle Menschen sind GLEICH, im Sinne von „gleichwertig“. DAS steht in den Menschenrechten und nichts anderes. Punkt.

Man muss auch anderen nicht von vornherein einen Kredit für politische Einstellungen geben, die sie womöglich gar nicht haben und sich selbst in die rechte Ecke abdrängen lassen, obwohl man nicht rechts ist und auch nichts dafür spricht, dass man es je gewesen ist.

Tatsächlich sind übrigens einige der Transgender ganz schön rechts: Wer’s nicht glaubt, kann es nachlesen, z. B. in: Amjahdi, Mohamed „Unter Weißen“ (2017), S. 113 ff. oder – Surprise! – in der taz. Trotzdem geht es mir hier auch nicht darum, Transgender für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen – Das ist doch Quatsch! -, nur darum, in Frage zu stellen, ob es „Körper“ gibt, die per se, als solche „gut“ sind und „Körper“, die „schlecht“ sind, dass also die Definition als „queer“ einen nicht automatisch „links“ macht und schon gar nicht das Recht damit verbunden ist, jedeN, den/die mensch nicht leiden kann, dann eben umgekehrt als „rechts“ zu brandmarken. Nicht zuletzt ist das ja auch gegen die Meinungsfreiheit, die ebenfalls nicht nur „queeren“ Menschen zusteht.

Genauso müssten die Leute auch anderen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, auf das sie selbst so sehr pochen, zugestehen. Was wäre denn z. B., wenn sich jetzt alle Frauen plötzlich als „Transmänner“ definieren und von den „angestammten“ „Transmännern“ mit der gleichen Empfindlichkeit, die letztere immer vorgehen, verlangen, auch enstprechend in ihrer Rolle als „Männer“ bestätigt zu werden. Dann hätten wir zwar Gleichberechtigung – JedeR könnte sich selbstbewusst und stark fühlen – aber mit dieser Minderheitensache und der damit verbundenen Sonderförderung wäre es das gewesen.

Die „neue Härte“ – oder: Was hat Queer gebracht?

Hark und Butler schreiben von den neuen Freiheiten, für die sie kämpfen. Tut mir leid, aber davon habe ich nichts mitbekommen.

Last but not least waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler die sich die Henker der Toleranz selbst herangezogen haben: Milo Yiannopoulos – der dumme Junge, der arme Schwule, der Migrant – halb wenigstens – der eventuell-Jude und vielleicht-Lover eines Schwarzen, aber auch das Arschloch, das glaubt, Frauen wie Dreck behandeln zu können, der „Mein-Freund-ist-Person-of-Color-und-der-mag-dich-auch-nicht!“-Rassist, der sich einbildet, mit ein paar Lügengeschichten sei alles wieder hinzubiegen – es kommt ja nur darauf an, andere ins Unrecht zu setzen, nicht darauf, selbst im Recht zu sein -, Yiannopoulos, das Schwein, das für sozial Schwache nichts übrig hat, – aber man sollte nur ja nicht auf die Idee kommen, dass er als Studienabbrecher eines „Laberfaches“ vielleicht gar nicht so überzeugend in der Rolle des „Leistungsträgers“ ist, auf die Beine geholfen hat ihm ja immerhin der linke Zeitgeist, dem er weißgemacht hat, selbst der sozial Schwache zu sein. Nur was wäre, wenn man Milo Yiannopoulos mal so hängen lassen würde, wie er es für andere haben will? Wenn man keine Lust mehr auf die verlogene kleine Schwuchtel hat – Ja, „Schwuchtel“ ist in dem Fall okay, andere Schwule mag man, da sagt man das ja auch nicht. Sagen Leute wie er doch auch immer. Tja, was, wenn man eben auch mal homophob sein möchte und einem Yiannopoulos darüber hinaus gern mal sämtliche Steine in den Weg legen würde, über die seinesgleichen sonst so gern Migranten, Frauen und – ja! – Schwarze stolpern lässt – oder Leute, die nicht den richtigen sozialen Hintergrund haben. Was wäre dann noch übrig von einem wie Milo Yiannopoulos? Ist die Frage fies? Verletzend? Was ist dann Yiannopoulos selbst?

Tja, nur leider waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler, die sogar darauf bestanden haben, dass Frauen wie ich Typen wie Milo nicht im Weg sein sollten. Yiannopoulos ist ihr Baby. Oder, auf Berliner Verhältnisse übertragen, Menschen wie Gerwald „Faxe“ Brunner, der Piratenpolitiker, der Suizid beging, – u. a. der „Stern“ (Print) und die „Welt“ haben ausführlich über ihn berichtet – , und an dem, wie sich posthum herausstellte, so ziemlich alles frei erfunden war. „Faxe“, der in einem offenbar auf fast schon sektenhafte Weise rechtsextremen Elterhaus aufgewachsen war, gehörte selbst zu den „Anderen“, er hatte homosexuelle Neigungen – die waren wohl halbwegs echt an ihm, auch wenn er, wie es scheint, bisweilen auf eher eigenartige Weise liebte – einen Mann stalkte und ermordete er schließlich. Für Frauen dagegen hatte Faxe kaum mehr übrig als Milo Yiannopoulos, seine Verachtung für sie soll zu Lebzeiten sprichwörtlich gewesen sein. Trotzdem war Brunner (dessen politische Ansichten ansonsten, wie ich fairerweise hinzufügen muss, nicht denen der neuen Rechten entsprachen) ein Darling der Linken, kurioserweise auch der feministischen Frauen.

Selbst wenn man Yiannopoulos und Brunner als „Sonderfälle“ abtut – immerhin hatte die Gender- und Queerforschung in den letzten 15 Jahren vielerorts Machtpositionen inne und konnte Einfluss nehmen. Was hat sie erreicht? Die „Ehe für alle“ (nebenbei bemerkt ein längst überfälliges Gesetz zur Gleichstellung, von dem auch niemand einen Nachteil hat) ist erst nach viel Gedruckse und im Endeffekt vielleicht lediglich als „auf den letzten Drücker vor der Wahl noch mal Punkte machen“ gekommen. Dafür ist der Zeitgeist insgesamt viel konservativer geworden, die Rechte ist aus der Versenkung wieder aufgetaucht und Thilo Sarrazin und andere haben uns eine Reihe „Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen“-Bücher beschert, in denen es v. a. darum geht, dass Vorurteile gar nicht so schlimm sind und hier und da vielleicht sogar was dran ist. „Autoritär“ und „links“ schließen einander auch nicht mehr aus, wie nicht zuletzt „Beißreflexe“ deutlich gemacht hat.

Das alles kann man nicht nur kritisieren, man MUSS es sogar kritisieren. Und wenn das so „verletzend“ ist, dann bleibt nur zu sagen: Vielleicht muss Demokratie manchmal „verletzend“ sein. Zumindest um ihrer selbst willen.

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Tierlaute. Oder: „Mein Kopf! Mein Kopf!“ – Schauspielkunst at its best!

Förderung speziell für Akademiker

„Speziell für Akademiker!“ pries man mir die Maßnahme damals im Jobcenter an. Das ist nun schon viele Jahre her. Ich lebte von der sprichwörtlichen Hand im Mund, u. a. auch weil ich als ehemalige Selbstständige eine saftige Steuernachzahlung ins Ausland zu leisten hatte, die den Rest meines sog. „Schonvermögens“ mit einem einzigen gierigen Haps auffraß. Damals war mir noch nicht klar, dass sich die Menschen im großen, bunten Berlin „selbstbestimmt“ definieren. Die meisten waren also eher „gefühlt“ Akademiker oder hatten, wie sie selbst sagten, z. B. eine kaufmännische Ausbildung absolviert – nicht, dass das etwa für Dummies sei. Ich hatte schnell gelernt, meine Zunge im Zaume zu halten, da Menschen sich, wenn ich mein Studium auch nur erwähnte, schnell angegriffen fühlten – als ob ich ihnen unterstellt hätte, etwa weniger intelligent zu sein. Hatte ich nicht. Punkt. Basta.

Ein Mann, der angab, gelegentlich für den „Freitag“ zu schreiben, wurde in der Maßnahme freudig mit „Und an der Uni machen Sie ja auch immer noch mal was!“ begrüßt und sogleich auf einen Außenposten geschickt. Wir andere galten dafür als nicht „reif“ genug. Ein anderer Mann sehnte sich seinerseits nach einem der „Schonjobs“ an der Uni. Wie er es darstellte, sei man dort dem Alltagsstress nicht so ausgesetzt und könne seine intellektuellen Fähigkeiten voll entfalten. Das sagte mir, dass der Mann höchstwahrscheinlich nie eine Uni von innen gesehen hatte. Ansonsten hätte er gewusst, dass es ein Haifischbecken ist, wo sich die Leute – zweifelsohne intelligent und ich hatte auch nicht behauptet, dass er das nicht sei – von einem Zeitvertrag zum nächsten hochmobben und sich glücklich schätzen kann, wer es überhaupt bis zum „PostDoc“, „Juniorprofessor“ oder „Privatdozenten“ schafft.

„Mein Kopf, mein Kopf!“ – die „Gewalttäterin“

Dann war da noch Frau Ranke, wie ich sie hier mal nennen werde. Die zierliche Frau – „wilde Locken und Katzenaugen – das mögen Männer!“, wie eine andere Teilnehmerin der Maßnahme ihr bescheinigte – war damals schon 43, wie sie gleich zu Beginn mit einem tiefen Seufzer sagte. Sie sah aber wie Mitte oder maximal Ende zwanzig aus und hatte ein denkbar tragisches Schicksal – sie litt an einer schweren Epilepsie. Deutlich wurde das, als ich mich – nichtsahnend – einmal leise mit Herrn Mayrhofer – auch er heißt eigentlich anders – unterhielt. Nach etwa zehn Minuten wurde das Gespräch durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Aaahrg! Mein Kopf! Mein Kopf!“ rief Frau Ranke panisch aus. Sofort eilte eine Mitarbeiterin der Maßnahme herbei. „Na ja, Laila wusste ja nicht, dass dieses Gerede bei mir einen schweren Anfall auslösen kann.“ klärte Frau Ranke die Sache freundlich auf. Sie brauchte eben Ruhe und besondere Schonung. Zehn Minuten später plauderte Frau Ranke fröhlich mit Herrn Mayrhofer.

Das bürgerte sich so ein. Es wurde auch zur Gewohnheit, dass Frau Ranke immer ein bisschen später kam. Erst eine halbe Stunde, dann eine, eineinhalb Stunden, manchmal kam sie auch erst gegen Mittag. Immerhin galt es zu vermeiden, durch allzugroße Hektik einen Anfall auszulösen.

Die Mitarbeiterinnen der Maßnahme zeigten sich verständnisvoll. „Immer wenn Frau Ranke kommt, geht irgendwie die Sonne auf!“ äußerte sich eine der Frauen einmal freundlich, als Frau Ranke gerade mit wie üblich ein, zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Bei dem fröhlichen, unkomplizierten Wesen!“

Manchmal vergaß ich mich und fing doch wieder an zu schwatzen. Dann gab Frau Ranke wimmernde Tierlaute von sich und ich verstummte. Vielleicht lag es daran, dass der Eindruck, den man von mir hatte, weitaus weniger positiv war: „Frau Phunk müsste mal ein Anti-Gewalt-Training machen.“ ließ sich eines Tages eine der Maßnahmen-Mitarbeiterinnen durch die geöffnete Tür für alle gut hörbar vernehmen. Ich begriff, dass es im Leben nicht nur auf Pünktlichkeit ankommt.

Sicherlich war es reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später in einem Supermarkt von einer Frau, die hinter mir in der Kassenschlange stand, tätlich angegriffen wurde. Der dicklichen Blonden ging es nicht schnell genug. Leider war mein Vordermann gerade erst dabei, seine Sachen aufs Band zu legen. Doch der Frau hinter mir platzte der Kragen. Solche Leute wollten sich halt von einer wie mir „nichts gefallen lassen“. Empört schlug sie mit Email-Töpfen, die sie offensichtlich kaufen wollte, auf mich ein. Jäh aus meinem Trott gerissen von dem Schmerz, den die auf meinen Rücken einprasselnden Töpfe verursachten, klingelte mir das mit dem „Anti-Gewalt-Training“ in den Ohren. Ich hatte einmal Kampfsport betrieben. Zwar bin ich keine Gurtträgerin, aber das monotone Einüben einfacher Schläge, Tritte und Hebel zahlte sich jetzt aus. Die Frau ließ von mir ab. Noch eine halbe Stunde später in der U-Bahn musste ich mich selbst damit beruhigen, dass Supermärkte zum Glück Kamera überwacht sind. Dass ich mich nur verteidigt hatte, war damit stichhaltig bewiesen.

Schauspieler sind die besseren Sozialarbeiter!

In der Jobcentermaßnahme arbeiteten, anders als man es erwarten sollte, keine Sozialpädagogen. Es war z. B. eine Schauspielerin, die uns ein intensives Einzeltraining bot, dass uns immerhin ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen sollte. In meinem Fall brachten die schlanke, chic gekleidete Frau mittleren Alters und ich einen Teil des Trainings damit zu, dass wir erörterten, dass die Frau genau wie ich unter Plattfüßen litt. Einmal zog sie sogar einen ihrer zierlichen hochhackigen Stiefel aus, um es mir zu beweisen. Sie müsse sogar Einlagen tragen. Ich fragte sie, wie sie es hinkriegte, die Einlagen in ihre engen Absatzschuhe zu zwängen. Das interessierte mich, denn ich selbst sollte damals Einlagen tragen, konnte aber keine dazu passenden Schuhe finden (Ich habe leichte Spreizfüße und einen relativ hohen Fußrist bei eher schmalen Füßen, nur so, falls es jemand genauer wissen will). „Na ja, nicht immer …“ entgegnete die Schauspielerin mit sanfter Stimme und warf ihr langes Blondhaar gekonnt zurück.

Eine der Mitarbeiterinnen der Maßnahme empfahl mir, mich einmal bei „Schuh-Bär“ auf dem Kurfürstendamm nach Schuhen umzusehen. Da kaufe sie auch oft. Zwar kosteten die Schuhe zwei-, dreihundert Euro, aber dafür sei es Qualität, die lange halte. „Und sooo fußgesund!“ wie die Frau hinzufügte. Ich erhielt damals 90 Euro „Aufwandsentschädigung“ für die Maßnahme plus „Arbeitslosengeld II“, da ich immer Freelancerin gewesen war und somit nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet hatte. Also quittierte ich den „Tipp“ mit einem freundlichen Lächeln und beließ es dabei. Vielleicht kam es auch eher darauf an, mich wissen zu lassen, dass die „Ingenieurin“, die sich nun als „Fachkraft“ für die Wiedereingliederung von „Akademikern“ in den Arbeitsmarkt betätigte, sich Schuhe für zwei-, dreihundert Euro leisten konnte. Und ich nicht. Ok.

Die Schauspielerin empfahl mir, Erzieherin zu werden. Das sei gesucht. Damit hatte sie zwar recht, aber als ich das „Ergebnis“ der Maßnahme beim Jobcenter vortrug, wie man mir aufgetragen hatte, reagierte man dort konsterniert. Dazu sei ein eigenes Studium nötig und ich hätte doch wohl schon studiert …

„Seien Sie ehrlich!“ – andere brauchen die Jobs viel nötiger!

Die „Expertin“ für Bewerbungen in der Maßnahme monierte, dass mein Lebenslauf viel zu unübersichtlich sei. „Stellen Sie die Lücken besser heraus! Das ist es, was potentielle Arbeitgeber interessiert!“ erklärte mir die Frau (sic!). „Und seien Sie ehrlich, bis auf das bisschen Freelance im Ausland haben Sie doch gar keine relevanten Berufserfahrungen vorzuweisen. Und überhaupt, das war doch sicher eher ein Praktikum. Das sollten Sie auch ehrlich so schreiben. (…) Ja, ja ich weiß, ‚Journalistin‘ (…)“ Ich bat die Frau, meine Arbeitsverträge aus dem Ausland zu übersetzen, wenn sie sich da so sicher sei. Die Frau sprach offenbar die Sprache gar nicht.

Frau Ranke kam irgendwann nicht mehr. Vielleicht hatte die Maßnahme bei ihr schneller zum Erfolg geführt als bei uns anderen. Ich las Bücher zum Thema Epilepsie. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich ja schon. Tatsächlich können Stress und extreme Lautstärke epileptische Anfälle auslösen. Durch einfach Gespräche ist das aber nicht möglich, auch in richtig schweren Fällen nicht.

Dafür lag man mir, auch als die Maßnahme für mich schon lange zurücklag, damit in den Ohren, dass auch die Schauspieler prekär lebten und immer auf Jobsuche seien. Und überhaupt, dieses Künstlerisch-Kreative ginge mir doch vollständig ab. Zu den empfindsamen Künstlerseelen hätte ich ja nun so gar keinen Draht und keinerlei tiefergehendes Verständnis. Mag sein. Es klingt nur so, als würden diese Leute für solche Maßnahmen beim Jobcenter arbeiten, um eine Gelegenheit zu haben, mögliche Konkurrenz rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Immerhin trauen sich diese Theaterleute (wie viele andere) selbst alles zu, was irgendwie mit Kunst, Kultur und Schreiben zu tun hat. Genau in dem Bereich hatte ich ein Studium absolviert und erste Berufserfahrungen gesammelt.

Damals standen übrigens auch eine Menge SozialpädagogInnen arbeitslos auf der Straße. Man fragt sich schon, warum das Jobcenter die eigentlich nicht eingestellt hat.

Hoch, Höher, Hochbegabt (antisozial IV)

Was ist aber, wenn es nicht um Jobs geht, sondern um die eigene Eitelkeit. Nehmen wir mal Frau Rena Müller-Niemann*, eine feministisch gesinnte Professorin für mittelalterliche Archäologie, bei der Sie ein Projektseminar belegt haben. Müller-Niemann ist ein Allround-Talent. Sie interessiert sich auch für Kunst und Literatur, soll aber – eine ganz andere Richtung – neben Archäologie und mittelalterlicher Geschichte auch Mathematik studiert haben. Das kann man kaum glauben, aber unter Studenten erzählt man sich, Müller-Niemann löse oft komplizierte mathematische Gleichungen nur so nebenbei zum Zeitvertreib während ihrer Seminare. Das haben Sie selbst nicht beobachtet, aber irgendwo – glauben Sie – stand sogar offiziell, dass Müller-Niemann auch Mathematik studiert hat. Vielleicht irren Sie sich aber ja.

Tja, wer in einem Exotenfach erfolgreich sein will, muss eben nicht nur gut sein, sondern besser als alle anderen. Und das schaffen, wie man an Müller-Niemann sieht, eben nur Extrem-Begabte. Dennoch ist Ihnen die grobschlächtige, semmelblonde Frau unsympathisch. Zwar wirkt sie fachlich kompetent und ihr Seminar ist auch nicht langweilig, die Frau lässt sogar gelegentlich durchblicken, politisch eher links-liberal gesonnen zu sein, was Sie eigentlich hätte ansprechen müssen, aber Sie werden nicht so recht warm mit der barschen, oft etwas herrischen Art. Auf einem Umtrunk mit der Seminargruppe reitet Sie irgendwie der Teufel. Sie wollen die unterkühlt und hochnäsig wirkende Frau aus der Reserve locken. Nebenbei erwähnen Sie, dass sie mit einem Studenten befreundet sind, der bis vor Kurzem Hiwi bei Rena Müller-Niemann war. Die Reaktion der Professorin lässt nicht auf sich warten: „Ach ja!“ verdreht sie genervt die Augen: „Der hat doch gar nichts gebacken gekriegt!“ Anstatt es dabei zu belassen, scheint Müller-Niemann eher dankbar dafür zu sein, dass man ihr einen Aufhänger geliefert hat, um sich etwas breiter auszulassen. Detailliert führt sie auf, was Klaus, so wollen wir den Studenten hier einmal nennen, alles falsch gemacht hat. „Nicht einmal mit Ordnern kam er klar!“ entrüstet sich die hochintelligente Frau. Ihr aktueller Hiwi, behaupten wir hier einmal, er hieße Andi, sieht aus, als versinke er vor Scham im Boden. „Ich kann den Klaus gut leiden. Er hat mich eingearbeitet. Und das hat er wirklich gut gemacht!“ zischelt Andi Ihnen schnell zu, während die Professorin noch dabei ist, Klaus‘ Unzulänglichkeiten in aller Farbenpracht zu schildern. Sie raunen Andi zu: „Ja, er findet dich auch nett. Ist nicht böse, oder so.“. Dennoch sind Sie erstaunt. Sie haben die Wissenschaftlerin noch nie so redselig und temperamentvoll erlebt, der Redefaden will fast gar nicht abreißen, immer fällt der Professorin noch etwas ein, dass sie zum Thema Klaus zum Besten geben muss. Die sonst eher frostige Frau mutiert mit ihren Anekdötchen, die durch deftige Lacher akzentuiert werden, zur regelrechten Stimmungskanone. Ein bisschen tut es Ihnen für Klaus leid, von dem Sie wissen, dass er sehr stolz auf den Job war und sich viel Mühe damit gemacht hat. Dass die Wertschätzung, die Klaus seiner Chefin entgegengebracht hatte, nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, haben Sie nicht gewusst. Aber, so denken Sie sich insgeheim, sicherlich ist er nicht der einzige, über den sich die Professorin hinter seinem Rücken negativ äußert.

Allerdings zeigt sich Frau Müller-Niemann letztendlich sehr zufrieden mit der Arbeit, die Ihre Arbeitsgruppe abgeliefert hat. Das überrascht Sie ein bisschen, denn Sie hatten zwar ehrgeizig an dem Projekt gearbeitet, es mit einer etwas experimentellen Herangehensweise aber auch ein bisschen darauf ankommen lassen. Dafür gibt es von Frau Müller-Niemann eine glatte 1. Ihnen persönlich bringt das nicht viel, denn Sie brauchen nur einen unbenoteten Schein, aber es ist ja irgendwie doch eine Art Lob. Als Gruppe waren Sie ja auch ein gutes Team. Nur die viel beschäftigte, aber eigentlich ganz nette Freya-Runhild*, eine zierliche, aparte Blondine, hatte nicht immer Zeit, an den Gruppentreffen teilzunehmen. Deshalb wissen Sie auch nicht so recht, was Sie sagen sollen, als Frau Müller-Niemann Ihnen eröffnet: „Und das Referat, das Sie gemacht haben, geben Sie bitte Freya-Runhild, damit sie eine Hausarbeit daraus machen kann!“ Verblüfft fällt Ihnen die Klappe runter. „Ja!“, herrscht die Professorin Sie ungehalten an „Sie haben doch gerade selbst gesagt, dass Sie die Note nicht brauchen! Außerdem habe ich ja die Gruppenleistung bewertet. Also händigen Sie bitte Ihre Notizen, Literaturliste und alles Freya-Runhild aus!“ Freya Runhild, die, wie andere aus ihrer Arbeitsgruppe dabei ist, guckt wie ein Hund, der gerade sieht, wie ihm ein saftiges Kotelett vom Tisch herab direkt vor die Füße fällt.

Das irritiert Sie. Sie sehen zwar nicht ein, warum Freya-Runhild unbedingt von Ihnen schmarotzen muss und keine eigenen Leistungen für die sehr gute Note zu erbringen braucht, tun aber, wie Ihnen geheißen wurde. Immerhin legt Rena Müller-Niemann Wert auf Sozialverhalten. Sie engagiert sich ja sehr für Frauenförderung, ist Vertrauensdozentin und hat auch immer wieder einfließen lassen, dass sie selbst aus sehr kleinen Verhältnissen stammt. „Tja, bildungsferne Schichten!“ erinnern Sie sich an den gekonnt-bitteren Tonfall der Professorin.

Später stellt sich heraus, dass Freya-Runhild ihren Magister im ersten Anlauf nicht geschafft hat. Vermutlich hatte niemand ihr eine Literaturliste und ein bereits sauber vorstrukturiertes und gut lesbar eingetipptes Referat als Vorlage eingereicht. Ob es beim zweiten Mal geklappt hat, wissen Sie nicht. Da sind Sie schon nicht mehr an der Uni.

Noch viel später stellte sich heraus, dass Rena Müller-Niemann nie Mathematik studiert hat. Das war wohl ein Missverständnis. Sie hatte neben dem Fach, das sie unterrichtete, noch Literaturwissenschaft studiert.

*“Rena Müller-Niemann“ gibt es im realen Leben nicht und wenn, dann ist es Zufall. Gestehen wir der sozial vielleicht etwas plumpen Frau zu, dass außerdem vielleicht auch Studierende oder konkurrierende Kollegen Gerüchte über ihre mathematischen Leistungen verbreitet haben könnten. Die Uni ist, wie jede(r), der/die einmal studiert hat, ein Haifischbecken. Wie viele andere Bereiche auch. Das erklärt auch, warum es natürlich viele junge Frauen wie „Freya Runhild“ gibt, es hier aber um eine literarische Figur geht. Das Gleiche gilt natürlich für „Klaus“ und „Andi“. Aber wie gesagt: vermutlich kennt jeder ein paar sympathische und engagierte Hiwis, auf die die Beschreibung zutreffen könnte.