Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Que(e)rfront-Treffen

Wenn man sich abreagieren will, muss man nur den Namen „Carolin Emcke“ bei Googel eingeben. Ich hatte einen nervigen Hipster am Hals. Ich wollte mich abreagieren. Gleich als erstes ploppte der Site des neurechten „Compact“-Magazins auf. Todesmutig hatte der Redakteur, Marc Dassen, ein Bachelor der Geschichte und Philosophie, wie auf „Compact“ berichtet wurde, sich offenbar auf eine Lesungen der Emcke begeben, und dort alles, was er über „linke Lesben“ dachte, bestätigt gesehen. Schon das stieß mir auf. In meinen Augen ist die Emcke nicht wirklich links. Sie ist mir auch nicht lesbisch, nicht jüdisch, nicht „farbig“ genug, wenn ich ehrlich bin. Einfach eine sehr reiche, deutsche Frau? Trifft es das nicht eher?

Ich mag diese Menschen, speziell diese Frauen nicht, die sich selbst für den Inbegriff der Andersartigkeit halten, so dass niemand sich mehr beschweren kann, er oder sie würde unfair behandelt. Irgendwie darf sich ja nur diskriminiert fühlen, wen Emcke & Co. für des „sich diskriminiert Fühlens“ würdig erachten. Schlimmer noch, sich „anders“ zu fühlen, rechtfertigt es sogar, andere zu diskriminieren. Ich mag diese Willkür nicht. Ich finde nicht, dass man sich alles so für sich aussuchen kann, wie’s einem gerade am besten in den Kram passt. Rechte sind nichts wert, wenn sie nur bestimmten Menschen zugestanden werden. Und es ist nicht nur albern, sondern irgendwie sogar zynisch, wenn sich die ganzen höheren Töchter als „diskriminierte Minderheit“ aufführen und anderen dann homophobe Sprüche oder Beleidigungen à la „unwertes Leben“ an den Kopf knallen. Ich weiß, dass auch viele, die aus „gutem Hause“ stammen, Schwierigkeiten haben, ihre Karriere, speziell im geisteswissenschaftlichen Bereich, in geregelte Bahnen zu leiten, aber das rechtfertigt es nicht. Ich habe keine Lust, als „homophobe Kuh“ beschimpft zu werden, weil ich selbst homosexuelle Neigungen habe. Ich habe keine Lust, als „Rassistin“ dargestellt zu werden, weil ich mich als Studentin gegen Rassismus engagiert habe. Es stört mich, als „antizigan“ zu gelten, weil ich Familie in Osteuropa habe. Ich habe etwas dagegen, wenn man uns im Restaurant nicht bedient, weil einige von uns zu dunkel sind und einige Deutsch mit Akzent sprechen.

Ja, ich bin Deutsche. Stimmt. Ich definiere Nationalität „sozial“, nicht „genetisch“. Wer weiß, vielleicht käme ansonsten heraus, dass Compact-Chef Jürgen Elsässer jüdische Ursprünge hat und Thilo Sarrazin entfernte nordafrikanische Wurzeln („Nafri“?)? Dafür aber die Emcke nicht.

Schon an der Uni stieß es mir auf, dass die Lieblinge des Genderforschungslehrstuhls eher und mehr Frauen, eher und mehr Unterdrückte waren als ich, einfach so, qua Definition, denn in einem Fach mit etwa 90 % Frauenanteil musste ja irgendwer für die Rolle des „bösen weißen Mannes“ herhalten. Mich nervten die ewig mahnenden Blicke. Ich fand, dass die Frauen begreifen müssten, dass es, wenn sie von „Critical Whiteness“ oder „Shoa“ sprachen, darum ginge, Selbstkritik zu üben. Ich wusste, dass sie das leider nicht so verstanden wissen wollten und verachtete sie dafür. Wenn man etwas gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Frauenverachtung, usw.. tun will, ist es doch eher kontraproduktiv, wenn es nur darum geht, wer von solchen Dingen per se freigesprochen ist, und wem man sie anlasten kann, sogar dann, wenn die Person sich keinerlei diskriminierender Verhaltensweisen schuldig gemacht hat, oder etwa nicht?

Diskriminierung ist etwas Soziales. Sie macht sich nicht am Körper fest. Es ist eine Handlung und das ist es auch, was erklärt, warum es auch rechte Juden (Breitbart), rechte Schwarze (Dieudonné) und rechte Homosexuelle (Ernst Röhm, Michael Kühnen) gibt bzw. gab. Damit ist ja nicht gesagt, dass Antisemitismus, Rassismus und Homophobie deshalb weniger schlimm seien. Nur, dass theoretisch jeder Unterdrücker und Unterdrückter sein kann. Vielleicht sage ich besser dazu, dass es natürlich trotzdem stimmt, dass im wirklichen Leben etwa Schwarze in Deutschland eher diskriminiert werden als umgekehrt Weiße von Schwarzen diskriminiert werden. Allerdings ist die Emcke eine Weiße.

Zu ihren Fans gehöre ich nicht, wegen ihrer Auftritte im Streitraum (fast so schlimm wie taz-Veranstaltungen, aber es sind ja mehr oder weniger auch die gleichen Leute) und weil sie die große Beschützerin meiner Feinde ist, leider sogar namentlich. Marc Dassen ist deshalb jedoch nicht weniger mein Feind.

Dennoch hatte man in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, mir klarzumachen, dass ich, überall, wo es um „queer“ ging, „unerwünscht“ sei. Und es ist geradezu ein Treppenwitz meiner Existenz, dass die Emcke vermutlich sogar noch glaubt, sie müsse Marc Dassen gegen Menschen wie mich in Schutz nehmen. Aber sehr wahrscheinlich bin ich kein Einzelschicksal und auf die gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen erklärt es irgendwie das politische Fiasko, in dem wir stecken …

„Critical Whiteness“ – heute: Das Judentum

Da baumelt er, ein kleiner goldener Davidstern. In Italien ist es vollkommen normal, einen zu tragen. Es bringt noch nicht einmal eine besondere Religiosität zum Ausdruck, genauso wenig, wie das berühmt-berüchtigte Halskettchen mit Kreuz an behaarter Brust oder anderswo. Das bedeutet übrigens nicht, dass es in Italien keinen Antisemitismus gibt. Nur, dass es in Italien Juden gibt. Aber gut, dieser Davidstern, den ich hier meine, der baumelt nicht an einem jüdischen Hals, sondern an dem eines deutschen Transmannes. Ist ja fast das Gleiche, könnte, ja sollte man vielleicht denken. Aber dafür waren schon zu viele Deutsche die „neuen Juden“. Man denke nur an die Heuschreckendebatte 2005, die eine unglückliche Äußerung des SPD-Politikers Franz Müntefering ausgelöst hatte. Da waren es die Manager und Superreichen, die sich plötzlich antisemitisch an die Wand gestellt gefühlt hatten. Hatte man nicht einst auch den Juden vorgeworfen, reiche Geldsäcke zu sein, die sich auf Kosten anderer ein Vermögen zusammenscheffelten?

Wer oder was ist hier eigentlich antisemitisch?

Ich fand damals, dass der Antisemitismus gerade in der Instrumentalisierung des Judentumes und – mehr noch – des Holocaustes für wohlhabende Deutsche, die sich falsch – rücksichtslos und gierig – verhalten hatten, lag. Da hätte man auch gleich offen sagen können, dass man „Judentum“ mit „Ausbeutung“ und „Turbokapitalismus“ gleichsetzt. Zahlreiche Beispiele aus der Geschichte belegen, dass es nicht so war: Etwa die osteuropäischen Juden, die in Folge der Progrome in Russland, etwa 100 Jahre vor der Heuschreckendebatte, nach Berlin eingewandert waren: armselige Bauern, allenfalls Kleinbürger waren es gewesen, über die das wohlsaturierte liberale und assimilierte jüdische Berliner Großbürgergertum allenfalls verächtlich die Nase rümpfte. Oder eben Italien, wo Juden z. T. als Handwerker tätig waren, solide bodenständige Menschen. Ein Blick nach Israel, wo keineswegs jeder reich ist, dürfte auch die letzten Zweifel ausräumen. Dafür sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass der Stereotyp des „gerissenen, geldgierigen Juden“, dem die Schuld sowohl für kapitalistische Auswüchse in die Schuhe geschoben werden sollte, als auch für die „kommunistische Gefahr“, ein nationalsozialistischer Stereotyp ist.

Keine Frage, es gab solche Juden, aber es gab und gibt eben auch Christen, die sich so verhalten. Siehe Heuschreckendebatte. Der Holocaust als „Schutzschild“ stand den deutschen Managern jedenfalls nicht zu.

„Critical Whiteness“ – oder: darf man sich als Deutsche(r) für Israel interessieren?

In der Debatte um „Critical Whiteness“, Minderheitenrechte und speziell der Kritik an der „Aneignung“ fremden Kulturgutes durch Weiße Europäer, Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“, erlangt auch die Heuschreckendebatte neue Brisanz. Dass Deutsche eine gewisse historische Schuld empfinden und sich schon deshalb hierzulande über mehrere Generationen viele Menschen intensiv mit dem Judentum befasst haben, ist eigentlich eine eher normale Reaktion. Man möchte „die Anderen“, denen so viel Unrecht und Leid widerfahren ist durch die Hände der eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßeltern, kennen lernen, ihre Kultur verstehen, hofft auf eine gegenseitige Annäherung. Und es hat ja auch wirklich dazu beigetragen, dass Verhältnis von (nicht-jüdischen) Deutschen und Juden (generell) zu entspannen.

Die „Jüdin“ Merkel: Antisemitismus gegen Nicht-Juden

Aber dürfen Deutsche sich mit dem Judentum identifizieren, dergestalt, dass vielleicht dann sogar andere Deutsche als Antisemiten dastehen, wenn sie einen kritisieren? Die Frage ist viel schwerer zu beantworten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Immerhin wird in den sozialen Netzwerken nur zu gern verbal auf die „Jüdin“ Merkel eingedroschen. Angela Merkel ist keine Jüdin. Der Zusammenhang zwischen ihrer Flüchtlingspolitik (wo es vorwiegend um Menschen aus muslimischen Ländern geht) und dem Judentum, wie ihn die zumeist rechtsextremen Accounts herstellen, ist nicht nur frei assoziiert, sondern einfach nur absurd. Kann man jetzt aber hämisch grinsen, wie es solche Menschen gern tun, und behaupten, dass es doch dann auch kein Antisemitismus ist, da die Merkel ja tatsächlich keine Jüdin ist, und ihnen das ja vollkommen klar war? Har, har. Nein, so einfach geht es leider nicht. Ansonsten könnte man jemandem ja auch „Du Arschloch!“ ins Gesicht knallen und es wäre keine Beleidigung, weil man das später immer noch aufklären und sagen kann: „Aber ich fand doch gar nicht, dass XY ein Arschloch ist!“ Mal ganz abgesehen davon, dass „Jude“ eigentlich ein neutraler Begriff ist, der aber hier negativ, als Beleidigung, gewendet wird. Das relativiert auch die Political Correctness ein wenig, denn „Du scheiß Roma! Das hast du doch bestimmt geklaut!“ wäre eine diskriminierende Äußerung, und zwar antizigan, auch wenn das Wort „Zigeuner“ gar nicht gefallen ist. Es kommt aufs Abwerten an, die Wortwahl ist nicht immer das Entscheidende. Allerdings, um ehrlich zu sein, „Du Roma!“ habe ich noch nie gehört.

Der jüdische „Halsabschneider“ – und wenn’s wirklich einer ist?

Was die Manager betrifft, wären sie als „geldgierige Raffkes“ beschimpft worden, hätte man ihnen zugleich noch „Bolschevismus“ unterstellt und eine „kalte, berechnende Intelligenz“, die man gegen „vielleicht nicht ganz so schlaue Menschen, aber eben GEMÜTSmenschen“ abgegrenzt hätte, oder hätten sich diese Leute zumindest selbst auch kritisch über einen allzu rüden Turbokapitalismus geäußert, dann hätte man es vielleicht schon so sehen können, dass ihnen da ein antisemitischer Stereotyp aufgedrängt werden soll und das wäre natürlich tatsächlich diskriminierend gewesen. Aber nicht jeder, der andere ausbeutet, darf sich deshalb als „Jude ehrenhalber“ fühlen. Übrigens darf man sogar jüdische Halsabschneider auch so nennen, wenn es eben Halsabschneider sind. Man darf es aber eben nicht verallgemeinern und jedem Juden anhängen und dann auch noch geflissentlich darüber hinwegsehen oder Ausreden erfinden, wenn sich andere so verhalten. DAS ist das Diskriminierende daran, nicht die Kritik an einem ausufernden Manchester-Kapitalismus.

Ich fühle mich aber auch ausgegrenzt!

Allerdings ist es fast schon bizarr, dass neben der verstörenden neuen rechten Unbefangenheit gegenüber antisemitischen (und anderen) Diskriminierungen ein demonstrativer Philosemitismus steht, der manchmal recht enervierend ist, weil man den Eindruck hat, dass einem das etwas sagen soll. Irgendwie fragt man sich, ob es da wirklich um ein besonderes Interesse an der jüdischen Religion und Kultur, vielleicht auch an Israel geht, oder eher darum, anderen Schuldgefühle einzujagen. Ist das ein schmaler Grad? Dürfen Menschen sich genau so verfehmt und sozial an den Rand gedrängt fühlen, wie einst die Juden im Nationalsozialismus? Und wenn ja, unter welchen Umständen? Oder ist die Schulddebatte um den Holocaust – aus welchen Gründen auch immer – wieder so sehr hochgekocht, dass es Deutsche gibt, die gern jüdischer als die Juden wären? Hat das mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und Schlimmerem (soziale Netzwerke, siehe oben) zu tun? Oder ist es eine ganz andere Form von Abgrenzung?

Der Holocaust als Identitätsstifter?

Im Prinzip ist gerade das eine Form von kultureller Aneignung und zwar – folgt man der „Critical Whiteness“-Debatte – eine Aneignung einer Opferkultur durch ein Tätervolk, oder zumindest durch einige Personen, die zum Tätervolk gehören. Eine prominente Deutsche, die sich sehr mit dem Judentum identifiziert, ist z. B. die Publizistin Carolin Emcke. Sicher, ich setze jetzt voraus, dass Emcke KEINE Jüdin ist. Zum einen wäre es ansonsten nicht in der Schwebe gehalten worden, man hätte es sich ganz im Gegenteil nicht nehmen lassen, ausführlich über die „jüdische Identität“ der Publizistin und Friedenspreisträgerin zu berichten. Zum anderen war Emckes Patenonkel, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen einst Schüler einer Napola, einer NS-Eliteschule, u. a. der Deutschlandfunk hat sich damit befasst. Anders als andere Deutsche hatten solche Menschen zweifelsfrei nachzuweisen, nicht einmal einen Hauch jüdische Vorfahren, auch nicht weitläufiger, zu haben. Dadurch wird Herrhausen nicht gleich posthum zum bösen Buben schlechthin auf den Deutschland mit dem Finger zeigen kann – er mag sich später davon distanziert haben, das weiß ich nicht. Außerdem war der Rest der Republik, zumal diejenigen, die (wieder) in Fürhungspositionen saßen, auch nicht besser -, aber die Emcke wird dadurch ein Stück weit weißgewaschen.

Auch Hengameh Yaghoobifarah, die die aktuelle Debatte um „Critical Whiteness“ angestoßen hat, hat sich, wie sie schreibt, bewusst einen Tarnnamen gesucht, der auch jüdisch gedeutet werden könnte, um die Besucher eines aus ihrer Sicht allzu weißen Musikfestivals ein bisschen einzuschüchtern. Carolin Emcke ist lesbisch, Hengameh Yaghoobifarah hat iranische Wurzeln (und betrachtet sich offenbar auch als „queer“/lesbisch/trans, keine Ahnung). Ganz gleich, wie lächerlich und an den Haaren herbeigezogen man die Kritik an der vermeintlichen „kulturellen Aneignung“ z. B. außereuopräischer Speisen auch finden mag: Die Diskriminierung von Randgruppen existiert ja wirklich. Darauf haben Anna Böcker und Lalon Sander in der taz aufmerksam gemacht. Dürfen Emcke und Yaghoobifarah also etwas, das andere Deutsche nicht dürfen, so, wie der kleine goldene Davidstern an einem dürren deutschen Transmannhals seine Berechtigung hat, woanders aber deplaziert wirken würde?

„Deutsche“ und „Minderheiten“ – keine glückliche Allianz

Hm. Geht so. Vielleicht kann ich da nicht mitreden. Ich bin nicht dunkler als die Emcke oder die Yaghoobifarah. Ich bin bisexuell und allerhöchstens ein bisschen burschikos, aber nicht trans. Gegen Menschen, die mit Vollkaracho „anders“ sind, bin ich wohl eher „normal“. Nur eben sehr viel ärmer als die meisten. Allerdings – das was mir zu „mit Vollkaracho ‚anders'“ gleich als erstes in den Kopf kommt, ist eine Bekannte: groß, stämmig, flachsblonde lange Haare, die als ich mich zum  ersten Mal outete, sofort darauf kam, dass sie auch „bi“ ist. Später fiel ihr dann noch ein, auch „trans“ zu sein. Sie habe sich mir gegenüber schon immer ziemlich „männlich“ gefühlt. Würde so jemand sich von mir auch noch „verfolgt wie eine Jüdin im Nationalsozialismus“ fühlen, müsste ich kotzen. Das kann man meiner Bekannten aber nicht vorwerfen. Dafür gab es da genug andere. Ich kotzte. Einmal musste ich mich vor so einer Frau tatsächlich übergeben, nur dass ich zum Glück nicht viel gegessen hatte.

Irgendwie packt einen dann die Wut, wenn Carolin Emcke dann auch noch zum Besten gibt: „(…) eine mögliche Antwort darauf ist, dass ich eben zunächst einfach erst mal (…) ja, mich auch so verliebt habe, wie das eben üblich war. Und vielleicht hatte ich einfach nur gar nicht die Fantasie, dass ich auch (…) also, ich habe mich erst mal in Jungs und in Männer verliebt. (…)“ (zitiert nach: Interview mit Frank Meyer, auf Deutschlandradio Kultur, v. 28. 03. 2012). Really? Also auch nicht wirklich lesbisch.

Emanzipation oder Stalinismus?

Man fühlt sich irgendwie veräppelt, weil es unehrlich wirkt, obwohl niemand so richtig gelogen hat. Wie die Schweine in George Orwells „Animal Farm“, die energisch gegen alles Menschliche wettern und am Ende selbst doch menschliche Betten für sich selbst brauchen. Oder der rumأ¤nische Diktator Nicolae Ceausescu, der als Vorkämpfer für die Sache des Volkes und in der Tradition einer Reihe entschiedener Kämpfer gegen jede Form von Faschismus auftrat, sich aber „Conducator“ („Führer“) wie sein faschistischer Vorgänger Antonescu nennen und goldene Wasserhähne in seinen Palast einbauen ließ. Obwohl es unfair und sachlich falsch wäre, Emcke oder Yaghoobirfarah mit Ceausescu oder den Schweinen in „Animal Farm“ zu vergleichen. Es geht eher darum, dass Menschen vorgeben, an vorderster Front für eine – eigentlich gute und gerechte – Sache einzutreten, sich selbst als fleischgewordenes Symbol dieser Sache feiern lassen, andere zurückdrängen und als „Verräter“ an der Sache und „Feinde im Inneren“ denunzieren, Entbehrungen und Zugeständnisse verlangen (etwa: „Jobs und Förderung erst einmal für die Minderheiten!“, eventuell sogar: andere müssen „ausgebeutet“ werden, weil es doch sonst immer umgekehrt war, als „Rache“ gewissermaßen, oder – Affirmative Action: Man stärkt erst einmal der Minderheit den Rücken und straft andere ab, auch wenn die eigentlich im Recht sind, das, was die Minderheit sagt, ist in jedem Fall zu loben, während andere eher kein positives Feedback kriegen sollten, um sie „von ihrem hohen Ross zu holen“ …), und dann irgendwann herauskommt, dass sie selbst die ganze Zeit über die verbotenen Früchte reichlich genossen und sich kaum auch nur an ein einziges ihrer angeblich „ehernen Prinzipien“ gehalten haben.

Der harte Kampf um den Minderheitenstatus

Dazu passt es, dass man mir oft genug eingebläut hatte, dass man bzw. frau sich das aber „aussuchen“ könne. Also, die sexuelle Orientierung und auch ob, man/frau sich „cis-„, „trans-“ oder irgendwie „inbetween“ fühle. Dafür hatte aber ich keine Wahl mehr. Alle traten beinhart homosexuell auf, auch Frauen, von denen ich genau wusste, dass es nicht stimmte. Und ein bisschen „trans“, jedenfalls aber sehr „männlich“ (siehe oben) waren sie auch alle. Immer wieder hatte ich „Transmenschen“ (weiblicher Körper, „männliches“ Auftreten) am Hals, die mich belästigten und es sogar als Affront betrachteten, wenn ich auch nur etwas zu breitbeinig in der U-Bahn saß. Man/frau ließ mich wissen, dass man mir „klarmachen“ wolle, dass ich „keine Dyke“ sei. Soviel Aufwand und Aggression, nur um den Status der „Andersartigkeit“ eifersüchtig zu bewachen und möglichst exklusiv für sich selbst zu beanspruchen? Und dafür „verfolgt wie die die Juden im Nationalsozialismus“??? Es hatte eher den Anschein, als ob es darum ginge, eine Trophäe, die man anderen abgejagt hatte, zu verteidigen, wie ein Hund, der irgendwo einen Rinderknochen gestohlen hat und jeden böse anknurrt, der ihn ihm wieder entreißen will, mit dem Unterschied vielleicht, dass ich diesen Frauen nicht einmal zu Nahe getreten war und ihnen auch nichts hatte „entreißen“ wollen …

Die Willkür dieses Minderheitendiskurses hat Doris Akrap in einem Beitrag zur „Critical Whiteness“-Debatte in der taz auf den Punkt gebracht: „Wer weiß ist, bestimme ich“.  Thema war hier einmal wieder „kulturell enteignetes“ Essen, diesmal in den USA. Und – es ist fast schon ironisch! -, aber es war auch in diesem Fall eine Weiße Lena Dunham, eine der Pop-Ikonen des Queerfeminismus, die die Kritik losgetreten hat. Immerhin, und für deutsche Ohren sicherlich von Bedeutung: Dunham ist wirklich Jüdin.

Aber lassen wir derartige Spitzfindigkeiten einmal beiseite. Als Deutsche(r) den Davidstern und – mehr noch – den Holocaust zu missbrauchen, um sich selbst eine Aura des „Andersartigen“ zu verschaffen und andere damit zu erpressen, ja, vielleicht im schlimmsten Falle sogar noch Diskriminierung anderen gegenüber zu rechtfertigen, wäre reichlich widerlich. Es würde die Heuschreckendebatte von 2005 noch um einiges toppen.

 

Homosexuell und rechts – geht das?

Anmerkung: Meine Geschichte „Terror!“ werde ich wegen des Terroranschlags in Berlin zu einem späteren Zeitpunkt weiter erzählen …

Mittlerweile ist es durchgesickert. Es gibt sie: homosexuelle AfD-Mitglieder, ob Mirko Welsch oder Alexander Tassis, Alice Weidel oder Jana Schneider, queer geht also auch rechtspopulistisch. Warum bloß? … werden sich jetzt viele fragen. Steht Homosexualität, mehr noch Queer, nicht für Liberalismus und eine fortschrittliche Gesinnung, für Weltoffenheit und Toleranz. Na ja. Wenn man denkt, dass alle Schwarzen begnadete Soulsänger sind, mag man sich die Welt so zurechtbiegen. Klar ist: Homosexualität gibt es überall auf der Welt. Sie kommt in allen sozialen Schichten vor und wenn man sie sich nicht gerade im Zuge eines trendy Queer-Chic „aussucht“, ist mit der sexuellen Orientierung auch keine bestimmte Weltsicht verbunden. Alle politischen Überzeugungen, Weltsichten und Lebensstile, die es so in einer Gesellschaft gibt, gibt es also auch unter den Homosexuellen dieser Gesellschaft.

Jan Schnorrenberger formuliert es auf seinem Blog „Spektrallinien“ in dem Blogbeitrag „Der rosarote Dolchstoß“ folgendermaßen: „Schwuler Rechtspopulismus ist eine Ergänzung zu klassischen Argumentations- und Deutungsmustern des westlichen Rechtspopulismus.“ Er hebt hervor, dass die rechtspopulistische AfD für sich reklamiert, den „bürgerlichen“ Teil der LGBT-Community zu vertreten, der als der nicht „linksgrüne“ Teil der Community gedeutet wird. Vielleicht wählt, wer schwul ist und die Grünen und die Linkspartei nicht so prickelnd findet, deshalb nicht unbedingt gleich die AfD – es gibt ja auch noch FDP und CDU und die Möglichkeit, sich gar nicht irgendwie politisch zu positionieren. Aber, und das erwähnt auch Schnorrenberger, Parteien mit klar islamfeindlichen Positionen können natürlich bei Schwulen Punkte machen, die Angst haben, von jungen Türken und Arabern zusammengeschlagen zu werden. Immerhin sind solche Ängste nicht ganz unbegründet und wer allzu scharf darauf beharrt, im Rahmen einer etwas überspitzt aufgefassten Willkommenskultur Partei für junge Muslime zu ergreifen, muss sich vielleicht nicht wundern, wenn andere Minderheiten sich allein gelassen fühlen. Aber vielleicht geht es in solchen Fällen auch eher um eine plumpe und aufgesetzte Parteilichkeit als um echte Toleranz, die eher auf Ausgleich und freie Entfaltungsmöglichkeiten für alle setzen würde. Jan Schnorrenberger zieht jedenfalls für sich den Schluß: „Eines muss uns klar sein: Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen. Aber unsere Emanzipation kann und wird niemals auf dem Rücken anderer Minderheiten erfolgen können.“

Querfront: Oder Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (I)

Kaum jemand traut sich wirklich an das Thema LGBT und Rechtspopulismus heran, denn zu hartnäckig halten sich Vorurteile, wie etwa, dass Schwule generell sexuell freizügig seien und sexuelle Libertinage gleichbedeutend mit einem liberalen Denken ist oder dass Schwule als Randgruppe und „Opfer dieser Gesellschaft“ zwangsläufig solidarisch mit anderen seien, die Diskrimierung und Ausgrenzung erleben. Vielleicht besteht auch eine gewisse Furcht, die – ja, das denke ich – tatsächlich mit einem Minderheitendiskurs zu tun hat, der mittlerweile heillos überzogen und oft einfach nur noch hysterisch ist, und man möchte die LGBT-Gemeinde nicht brüskieren. Dabei tut man allerdings niemandem einen Gefallen. Außer vielleicht den Rechten: Denn wer darauf beharrt, dass auch Leute, die eigentlich rechts sind, als „links“ wahrgenommen werden sollen – eben weil es so gut in das eigene Weltbild passt – der provoziert damit nicht nur den Unmut derer, die sich dadurch gegängelt fühlen. Man arbeitet auch der neuen Rechten fleißig in die Hände, die wie ihr Vordenker, der Franzose Alain de Benoist (geb. 1943), auf Querfrontstrategien setzt und – in Anlehnung an den linken (!) italienischen Theoretiker Antonio Gramsci (1891 – 1937) – das Einsickern rechtsextremen Gedankengutes in die Gesellschaft als neue, hippe (Sub-)Kultur vorrantreiben möchte.

Dennoch ist fraglich, ob der Konservative, der zufällig auch schwul ist, wirklich der einzige Fixpunkt eines queeren Rechtspopulismus ist oder ob nicht ganz andere Akteure eine viel größere Rolle spielen, Menschen, die von außen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht unbedingt als „konservativ“ im Sinne von „altmodisch“ und „traditionsbewusst“ erkennbar sind.

Da ist zum Beispiel der Brite Milo Yiannopoulos (geb. 1983), ein abgebrochener Literaturstudent, der einen griechischem Vater hat und queer ist – eigentlich ganz der Prototyp des modernen, fluide Identitätskonzepte und sexuelle Offenheit bejahenden jung-dynamischen Kosmopoliten. Yiannopoulos, der als Journalist über Tech-Culture schreibt, fiel das erste Mal im Rahmen des sog. „GamerGate“ auf: Auslöser der frauenfeindlichen Hexenjagd, bei der es angeblich nur darum ging, Korruption im Tech-Journalismus kritisieren, war der Ex-Freund der amerikanischen Spiele-Entwicklerin Zoe Quinn, der Quinn vorwarf, mit einem Tech-Journalisten ins Bett gegangen zu sein, damit dieser ihre Spiele wohlwollender rezensiere. Yiannopoulos mischte kräftig mit.

Masculinism & Tribalism: Eine neue, kernige Männlichkeit

Der hippe Brite, der auch für den designierten US-Präsidenten Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und als Protagonist der „Alt-Right“, der „Alternative Right“ gilt, einer neu-rechten Bewegung in den USA, macht aus seiner Verachtung für Frauen keinen Hehl. Damit steht er weder in der neuen Rechten noch in der queeren Szene allein da. Gegen Jack Donovan (geb. 1974) etwa ist die abstrus muskelbepackte Berliner Szene-Größe Rummelsnuff (über dessen politische Ansichten mir nichts bekannt ist) eher ein kleines Licht. Donovan vertritt eine archaische, körperbetonte Männlichkeit, die ohne Frauen auskommt bzw. sie in die Rolle bloßer Statistinnen der Menschheit verweist. Dabei wird das eigene „Mann-sein“ durch Tribal-Symbole aus der Techno-Szene unterstrichen. Ebenso wird die Bildsprache des Death Metal aufgegriffen und hier und da eine stilisierte faschistische Symbolik eingestreut. Donovan selbst umschreibt sein Lebensgefühl mit Begriffen wie „Masculinism“, „Tribalism“ und „Barbarism“. Er wurde auch bereits von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Europa und speziell auch im deutschsprachigen Raum rezipiert. Bei soviel testosteronstrotzender homosexueller Männlichkeit im rechten Lager wundert es nicht, dass auch der Publizist Martin Lichtmesz (geb. 1976) (bürgerlich: Martin Semlitsch) , der der österreichischen neuen Rechten zugeordnet wird und lange in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, bereits 2010 in dem neu-rechten Online-Magazin „Sezession“ eine neue maskuline Art des Schwulseins beschrieben hat.

Natürlich ist nicht jeder, der eine kernige, muskelbepackte Männlichkeit sexuell anziehend findet, deshalb rechts. Außerdem spiegelt der Gedanke des „Masculinism“ im Grunde nur differenzfeministische Konzepte à la „die Frauen bleiben unter sich und machen es sich miteinander nett“. So gesehen nimmt es sich wie ein bizarrer, ins Homosexuellenmilieu verlegter „Kampf der Geschlechter“ aus, bei dem sich beide Parteien trotzig auf sich selbst zurückziehen. Aber so lange eine konservative, auf strikte Differenz angelegte Wahrnehmung der Geschlechter – anders als bei Yiannopoulos und Donovan – nicht mit einer Abwertung des anderen Geschlechtes einhergeht und keine gesamtgesellschaftlichen politischen Forderungen daraus gezogen werden, kann man solche Sichtweisen vielleicht als „Geschmackssache“ abhaken.

Das Manifest der Alt-Right-Bewegung

Allerdings ist fraglich, ob das neue „Traditionsbewusstsein“ in Punkto Geschlechterrollen so gedacht ist, dass es sich auf ein subkulturelles Milieu beschränken soll. Immerhin hat Milo Yiannopoulos im März diesen Jahres gemeinsam mit dem halb britisch- halb-pakistanischen Publizisten Allum Bokhari das Manifest der „Alt-Right“-Bewegung zu Papier gebracht, das in dem neu-rechten us-amerikanischen Online-Magazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde. Angesprochen werden darin sowohl das Provokative, jugendlich-Rebellische, das die neue Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als auch das „natürliche Konservative“, bei dem es v. a. um den Erhalt des eigenen „Stammes“, der eigenen Sippe gehen soll und das in etwa dem Ethnopluralismus der europäischen „Identitären Bewegung“ entspricht, auf die sich Yiannopoulos und Bokhari auch beziehen. Man hebt außerdem die eigene Intellektualität hervor, die die „Alt-Right“-Bewegung von den dumpfen, ordinären und aggressionsgeladenen britischen Skin-Heads der 1970er und 1980er Jahre abgrenzen soll. Ebenso sind Yiannopoulos und Bokhari bedacht darauf, nicht mit offen rassistisch auftretenden Extremisten in einen Topf geworfen zu werden.

Schließlich betonen beide, dass sie rassistische und antisemitische Äußerungen – sofern sie selbst oder ihre Freunde sie machen – als „ironisch gemeinten“ Witz verstanden wissen wollen – eine Auflehnung gegen das starre Korsett der Political Correctness also, weiter nichts. Der beste Beweis: Sowohl Yiannopoulos als auch Bokhari sind „racially mixed“, haben jeweils ein Elternteil mit Migrationshintergrund, Yiannopoulos ist dazu noch schwul, sie haben einen Haufen schwuler jüdischer Freunde, überall steckt also ein bisschen „Minderheit“ in der „Alt-Right“-Bewegung. Können solche Menschen Rassisten sein? Antisemiten?

Eigentlich könnte ich diese eher rhetorische Frage mit einem Verweis auf den Anfang dieses Textes beantworten. Rassismus kommt sogar in Afrika vor. Nein, nicht unbedingt nur gegen Weiße, sondern auch Schwarze gegen andere Schwarze. In dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste wurde Ausländerfeindlichkeit um das Jahr 2000 sogar zu einem richtigen Problem. Und klar, allen, die den Antisemitismus der „Alt-Right“-Bewegung ( zu Recht!) beklagt haben, wäre leicht eins reinzuwürgen: „Breitbart“, das Sprachrohr der Bewegung ist nicht nur von einem Juden gegründet worden. Das Online-Magazin hat außerdem eine Dependance in Jerusalem. Rechtes Denken kommt eben auch in Israel an. Das Bedürfnis nach sozialer Ab- und Ausgrenzung und von außen besehen meist vollkommen abstrus erscheinende Überlegenheitsgefühle existieren leider überall auf der Welt. Und faschistische Experimente hat es auf so ziemlich jedem Kontinent gegeben. Das Gegenteil, so sollte man hier allerdings nicht vergessen, zu erwähnen, gilt allerdings auch: Ideen von sozialer Gerechtigkeit und Toleranz sind etwa so alt wie die Menschheit. Kulturelle Differenz scheint in dieser Hinsicht wohl eher nicht den Ausschlag zu geben.

Minderheitenrechte: Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (II)

Eines fällt allerdings auf: Yiannopoulos und Bokhari stürzen sich geradezu auf linke Diskurse zur „selbstbewussten Aneignung“ diskriminierender Begriffe. So hat Yiannopoulos 2015 eine Vortragstour durch us-amerikanische Universitäten „The Dangerous Faggot Tour“ – „die Tour der gefährlichen Schwuchtel“ – genannt und Bokhari bezeichnet sich im Internet als „resident kebab at Breitbart Tech“. Ein derartiges Pochen darauf, die diskriminierte Minderheit zu sein, wirkt irgendwie weinerlich und zynisch bei Menschen, die für sich selbst sehr wohl das Recht beanspruchen, andere zu mit Verachtung und Herablassung zu behandeln. Zudem wirkt Bokhari, zumindest auf Fotos im Internet, kaum dunkler als Laila Phunk. Warum also sollte man/frau es sich gefallen lassen, sich von einem solchen Mann, der sich selbst als rassistische Sprüche klopfender „schlimmer Finger“ gerieren will und sich dabei auf seinen eigenen Status als „Man of Color“ beruft, als RassistIn abstempeln zu lassen? Gilt hier nicht eher der berühmt-berüchtigte Kategorische Imperativ nach Kant? Zu gut Deutsch: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch niemand anderem zu?

Berlin: Kosmopolitismus und SS-Ästhetik

Der Kosmopolitismus und die Buntheit von „Alt-Right“-Akteuren, wie Yiannopoulos und Bokhari, gemischt mit frivoler SS-Ästhetik und einem ziemlich dünkelhaften Wohklstandschauvinismus findet sich auch in der Berliner queeren Szene wieder. Ebenso das aggressive Pochen auf den Minderheitenstatus und das Beharren auf „Mikroaggressionen“, die einem angeblich entgegengebracht werden. Damit ist so ziemlich jedes Verhalten gemeint, das nicht nett, entgegenkommend und bewundernd-bestärkend ist. Klar, dass natürlich jede und jeder „weiß“ in jeglicher Hinsicht ist und natürlich hetero- bzw. cis- bzw. idealerweise sogar assexuelle, der den Leuten mit ihrem „besonderen“ Lifestyle nicht so schmeckt. Gelegentlich möchte man den knallharten Macho-Lesben, die sich über die fiese „Mehrheitsgesellschaft“ echauffieren, am liebsten ins Gesicht spucken, wenn dann wieder herauskommt, dass diese Frauen eigentlich ja bi sind. Vielleicht noch nicht einmal das. Jedenfalls sollte frau nicht den Fehler machen, irgendeinen x-beliebigen Mann in einem Kreuzberger Szene-Club nach dem Weg zum Klo zu fragen. Es wird nachher heißen, man habe sich an irgendjemanden „herangemacht“, der eigentlich einer anderen „gehörte“. Womit natürlich die eigene Heterosexualität und Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ein für alle Mal unverbrüchlich nachgewiesen ist. Mit Männern sprechen dürfen sowieso nur diese Frauen. Einige haben sich mittlerweile allerdings selbst als assexuell, also als eigentlich gar nicht an Sexualität interessiert (oder unfreundlicher: „frigide“), geoutet. Das hätte ich mir denken können. Gerade weil ich es oft genug am eigenen Leib erfahren hatte, wie speziell die Frauen (aber auch einige „queere“ Männer) einen manisch als „für Männer unattraktiv“ abwerten, lag es nahe, anzunehmen, dass es mit der „Homosexualität“ dieser Frauen eigentlich nicht so weit her ist. Dafür sprechen auch die sexuelle Übergriffe auf andere Frauen, die angeblich „zu notgeil“ sind, was man bzw. frau ihnen dann „austreiben“ muss. Dann wieder wird behauptet, man habe sie „angemacht“ (meist gerade die Frauen, die man – vorsichtig formuliert – nicht ganz so atraktiv findet), weshalb auf „Rache“ gesonnen wird. Wenn erwachsene Frauen (also Frauen, die Ende 20, über 30, z. T. sogar über 40 sind!) sich zudem selbst in aller Öffentlichkeit dauernd als unersättliche Sex-Bomben produzieren, die mehr oder weniger jede Nacht quer durch alle Betten hoppen, kommt man einfach irgendwann darauf, dass da irgendwie ein problematisches Verhältnis zur Sexualität dahinter steht.

Wahnsinn und Gewalt – die dunkle Seite von Queer

Der sog. „Queerfeminismus“ und seine diversen Unterströmungen wie „Sex Positive“ und „Fat Empowerment“ haben das immer wieder thematisiert. Und es ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Frauen sich mit ihrem Körper und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Essstörungen auseinandersetzen. Aber es wird bedenklich, wo die Grenzen anderer Menschen für die Selbsterfahrung und -findung solcher Frauen verletzt werden. Das passiert tatsächlich und es wird zumindest zum Teil durch linke Minderheitendiskurse und queerfeministische Theorien gedeckt, wie u. a. die Geschichte von Megi und Melina zeigt. Eigentlich waren es wohl zwei pubertierende Mädchen, die einmal ganz eng miteiander waren, wie das bei Mädchen in dem Alter manchmal der Fall ist. Dann beginnt Melina, sich für Jungs zu interessieren. Die Busenfreundin kann sie nicht gehen lassen und rastet aus. Megi schlägt Melina einfach tot und bereut es hinterher nicht einmal wirklich. Auf Spiegel Online berichtet Benjamin Schulz von dem Mordprozess in Münster. Es ist von „schwere(r) seelischer Abartigkeit“ die Rede. In der „Zeit“ werden die Mädchen dagegen zu einem jungen lesbischen Paar. Daniel Müller, der Autor des im Mai 2016 erschienen Artikels beschreibt Megi, die Mörderin zwar als Mobbingopfer aus desolaten familiären Verhältnissen, aber in seiner Version der Geschichte ist sie auch eine „Leitwölfin“, eine starke, von allen geachtete Anführerin also. Genau das wollen vermutlich viele Frauen aus der queeren Szene hören: „Transmänner“, genderqueere „dominante“ Frauen und „Pascha“-Lesben, nicht wenige mindestens ebenso pfundig bzw. stark adipös wie Megi, viele aber sicher mit einem stabileren familiären Hintergrund.

Megi ist leider kein Einzelfall. Der Berliner Piratenpolitiker Gerwald Claus (geb. 1972) erfand sich von einem zweiten Nachnamen, über den Geburtstort bis hin zu einer imaginären „schweren Krankheit“ an der er angeblich litt, sein Leben einfach neu. Der stämmige blonde und ausgesprochen große Mann, der aus einem rechtsradikalen Elternhaus stammte, war schwul oder bisexuell und ermordete im September diesen Jahres einen jungen Mann, der seine Liebe nicht erwiderte und dem er offenbar seit geraumer Zeit nachstellte.

Selbst mit sehr viel Schönfärberei kann man wohl getrost festhalten, dass Claus unter psychischen Problemen litt. Er fiel zudem offenbar, wie Naemi Goldapp in der „Welt“ schreibt, desöfteren als aggressiv und frauenfeindlich auf. Auch von Mobbingvorwürfen ist die Rede.

Vermutlich hätte man sowohl die junge Megi als auch den aggressiven, orientierungslosen Gerwald Claus davor bewahren können, zu Mördern zu werden. Zumindest Claus fehlte es ja auch nicht an Menschen, die ihn unterstützten und wertschätzten, die seinen Ausfällen und schrillen Aktionen mit Nachsicht begegneten und immer neue Ausreden und Entschuldigungen für ihn bereit hielten. Manchmal ist Toleranz allerdings nicht die beste Wahl. Sozialarbeiter und gute Therapeuten hätten Megi sicher helfen und ihr die Perspektive bieten können, die Gerwald Claus nicht einmal missen musste, aber anstatt zwei antisoziale Persönlichkeiten als „Exoten, für die man Verständnis haben muss“ schönzureden, wäre es zu allererst nötig gewesen, ihnen rechtzeitig Grenzen aufzuzeigen.

Milo Yiannopoulos, Allum Bokhari, Gerwald „Faxe“ Claus und „Megi“: Sie alle sind Menschen, de zwar Toleranz und Nachsicht für sich einfordern, sich selbst aber davon entbunden sehen, ganz gleich ob aus psychischem Unvermögen oder aus knallhartem politischen Kalkül. Der Opferstatus verspricht solchen Leuten jedenfalls eine bizarre Macht. Das kann sich in einer agressiven Verächtlichkeit und Herablassung anderen gegenüber äußern und bläst so manches labile Ego derart monstruös auf, dass man sich fragt, ob der Schritt zu einer politisch-faschistisch aufgeladenen Bösartigkeit vielleicht nicht mehr allzu groß ist.

Die neue Rechte: Alles eine Frage der Minderheiten?

Da es hier ausschließlich um rechtskonservative bis -extremistische Einstellungen unter Homosexuellen und sich als „queer“ definierenden Menschen ging, sollte ich abschließend vielleicht das eine oder andere gerade rücken: Weder sind Homo-, Bi- und Transsexuelle „anfälliger“ für rechte Ideologien als andere Menschen, noch macht sich der Rechtsruck, der derzeit durch unsere Gesellschaft geht, vor allem am Queer-Milieu fest. Dieser Text ist keinesfalls als „Anklage“, „Schlechtmachen“ der Szene oder „Nestbeschmutzerei“ zu verstehen, sondern soll eine Hilfestellung im Umgang mit der neuen Rechten bieten. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe u. a. solche Leute am Hals und bin mir sicher, dass es einen Zusammenhang – perverserweise! – zum linken Milieu und zur queeren Szene gibt. Die neue Rechte ist gerade deshalb gefährlich, weil es nur ein loser Zusammenschluss verschiedener rechter Strömungen ist, eine Art Gewebe oder eine politische Landkarte mit unterschiedlichen Zentren. Alle diese rechten Bewegungen und Subströmungen arbeiten mit Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber wenn man sie damit konfrontiert, wird jede darauf verweisen, dass sie doch gar nicht (homophob, ausländerfeindlich, antisemtisch, elitär, usw.) seien (Sie haben doch solche Leute sogar in ihren eigenen Reihen!) Was aber Freunde oder Leute, mit denen sie mal zusammen auf einem rednerpult machen, dafür können sie schließlich nicht …. Deshalb ist es wichtig, sich nicht auf einen plakativen Minderheitendiskurs zu versteifen, der eine breite, bunte „Minderheitenfront“ gegen die graue, böse und tendenziell rechtslastige „Mehrheitsgesellschaft“ auffahren will und pedantisch auf einer überzogenen Form von politischer Korrektheit pocht. Stattdessen sollte man lieber verstärkt Diskriminierung im Allgemeinen, als Handlung an sich bekämpfen. Das würde Neu-Rechten den Wind aus den Segeln nehmen und nur so, denke ich, wird man ihnen auch langfristig etwas entgegensetzen können.

 

 

Sozialpolitik oder Unisex-Klos?

Tja, das Thema Carolin Emcke bewegt die Gemüter offenbar immer noch. Jetzt geht es offenbar darum, wer das Soziale und die Armut für sich gepachtet hat. „Der opportunistische Ruf nach ‚dem Sozialen’ führt eben nicht zu Inklusion, im Gegenteil: Er markiert Menschen in prekären Lebensumständen auch als geistig arm, als der geforderten Anerkennung nicht fähig.“ schreibt Birte Förster im Merkur.

Aber wer hat das denn behauptet, dass Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf jeden Fall schon einmal von vornherein Feinde „der anderen“ sind, der Flüchtlinge und Migranten, Homo- und Transsexuellen, Schwarzen und People of Color, Juden, Behinderten, usw.? Waren es nicht gerade jene Menschen um Carolin Emcke herum, die glaubten, jedes soziale Engagement, das nicht in erster Linie Flüchtlingen zu Gute kommen sollte, sei ein „rechts Blinken“? Vorsicht also vor dem Sozialstaat und vor Mitgefühl mit Armut, sonst ist es nicht mehr weit bis zu einem neuen nationalsozialistischen Terrorregime?

Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ angemerkt, „Man wird den wütenden Einwohnern von sozialen Brennpunkten in westdeutschen Städten wie Duisburg, die einer konfliktreichen Armutszuwanderung ausgesetzt sind, kaum mit dem Argument zu Leibe rücken können, sie hätten eine nostalgische „Phantasie der gemeinsamen Zugehörigkeit“ oder lebten in der irrigen Annahme von „organischer Einheitlichkeit“ einer Nation, Gesellschaft oder ihres Stadtviertels.“

Das habe ich als konstruktive Kritik an Carolin Emcke verstanden, denn der Verdrängungsprozess, dem arme „Inländer“ – und zwar sowohl Deutsche als auch Migranten! – durch Zuwanderung ausgesetzt sind, ist kein Konstrukt und keine rechtsextreme Wahnphantasie, sondern leider höchst real. Das Problem ist, und das merkt auch Soboczynski an, dass es hier, sehen wir mal von rechtspopulistischen Parolen ab, keine einfachen Antworten gibt.

Dabei wäre es tatsächlich von vordringlicher Wichtigkeit, zu überlegen, wie man diese sozialen Verdrängungsprozesse aufhalten und die durch Zuwanderung entstehenden sozialen Probleme abfedern kann. Dazu aber braucht es mehr Hirnschmalz, Kreativität und Kompetenz in sozialpolitischen und volkswirtschaftlichen Fragen, als viele aufzubringen bereit sind (oder können, klar!). Carolin Emcke ist der Frage, wie Soboczynski schreibt, ausgewichen. Man kann ihr das nicht persönlich anlasten, aber es macht auch niemanden „rechts“ sich etwas konkreter mit sozialem Sprengstoff auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: wenn es weiter so läuft, wie bisher, dann haben wir es irgendwann, dass neue nationalsozialistische Terrorregime.

Und nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Gewichtung. Dass es z. B. nicht zuviel verlangt ist, wenn Transsexuelle die Toilette benutzen möchten, die ihrem Geschlecht entspricht, auch wenn es nicht ihr biologisches Geschlecht ist, erschließt sich leicht. Da geht’s nur ums Pinkeln. Jede und jeder für sich in der Klokabine. Was kann man schon dagegen haben?

Wenn nun aber das Thema „Unisex-Toiletten“ und zwar flächendeckend und verpflichtend für alle, Thema Nummer 1 auf jeder sozialen Agenda sein muss, ist das etwas anderes. Es ist zumutbar, dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ihre Identität auf dem Klogang zum Ausdruck bringen möchten, dann eben abwechselnd das Männerklo und die Frauentoilette benutzen. Das sind einfach Luxusproblemchen, die nur eine verschwindend geringe Zahl an Menschen betreffen, denn sogar die meisten Intersexuellen sind äußerlich einem Geschlecht zuzuordnen und identifizieren sich meist auch damit. Auch wirklich transsexuelle Menschen, die sich von Kindesbeinen an als das andere Geschlecht identifizieren, sind sehr viel seltener, als man mittlerweile denken könnte. Dafür weiß jeder, der mit dem Thema Queer ein bisschen Erfahrung hat, dass die Zahl derer, die Aufmerksamkeit wollen und denen es Vergnügen bereitet, andere damit zu drangsalieren, dass sie sie angeblich nicht „als die, die sie wirklich sind“ „erkennen“ (was auch immer mal wieder wechseln kann. Ganz abgesehen davon, dass solche Leute meistens nicht eine Sekunde daran verschwenden, darüber nachzudenken, wer denn ihr Gegenüber ist und welche Gefühle es vielleicht hat, außer vielleicht, dass klar sein muss, dass es kein Anrecht auf was auch immer hat) und wie sie sich ihnen gegenüber zu verhalten haben.

Was denken sich solche Leute eigentlich? Ich hatte mal eine (stark übergewichtige) Ostdeutsche am Hals, die mich des „ausgrenzenden Sprachgebrauchs“ schuldig gesprochen hatte, weil ich von „wir“ und „ihr“ gesprochen hatte, also von der BRD und der DDR, von der Zeit, als es noch zwei Staaten waren. Hätte ich „wir“ gesagt, nur „wir“, hätte die Frau mir vorgeworfen, sie nicht in ihrer Besonderheit erkannt zu haben. Offenbar rechtfertigt es ein solcher Schwachsinn aber, Menschen ganz konkret auszugrenzen und sie über Jahre zu mobben.

Tut mir leid, aber wer so argumentiert, muss sich auch nicht wundern, wenn man für das angebliche „Leid“ solcher Menschen unempfindlich wird. Ganz abgesehen davon, dass ich es wirklich pervers finde, wie sehr sich diese Leute um die Position des „anderen“, Ausgegrenzten, prügeln. Warum muss man hier Mitleid haben, braucht es hier eine Menge Empowerment und Affirmative Action, während man sich da Ausfälle wie „unwertes Leben“ und „Dose auf Dose klappert gut!“ gern erlauben darf?

Es ginge um den Körper, versicherte man mir. Ja, aber gerade der dickliche, große, blonde Frauenkörper hat eigentlich in Deutschland keinerlei Berechtigung, als „andersartig“ wahrgenommen zu werden, entspricht er doch dem von den Nationalsozialisten propagierten Ideal des „Herrenmenschen“. Sarkastisch könnte man anmerken, dass schon einmal ein paar Millionen Menschen für das „Selbstbewusstsein“ solcher Frauen sterben mussten. Bitte nicht wieder!

Wobei ich nicht werten will. Auch kleine, schmale, androgyne, dunkelhäutige und -haarige Menschen sind nicht die besseren Menschen. Gerade nach der Erfahrung von Auschwitz und weil die Menschenrechte keine neue Mode sind, an die man sich erst noch gewöhnen müsste, müsste eigentlich klar sein, dass Dinge wie Körper, Hautfarbe, Ethnie (oder auch „Rasse“, je nachdem, wie man will) einfach nichts damit zu tun haben, wie ein Mensch so ist. Es geht eben nur darum, dass Bevorzugtwerden nicht drin ist, wenn man den historisch tradierten Idealvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Daran kann auch der linguistic turn nichts ändern. Man kann „Andersartigkeit“ nicht einfach herbeirreden, indem man von „Ausgrenzung“ spricht und „Privilegierung“ meint.

Aber diese Leute wollten es sich aussuchen können. Das ist das Problem und vielleicht auch der Grund, warum so viele „Lesben“ homophob sind und warum Frauenhass, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der queeren Subkultur durchaus ihren Platz haben. Man war ja nicht immer so, v. a. nicht immer homo-, bi- und/oder transsexuell. Dafür war ein Großteil der Leute, die so sehr darauf bestehen, mit völkischem Vokabular und Nazi-Phrasen um sich zu werfen, um andere damit zu demütigen, wahrscheinlich auch vorher schon rechts und jetzt ist es eben (wieder) legitim. Weil man sich das in der Rolle „der anderen“ ja leisten kann.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal öffentlich darüber reden, dass z. B. ihr Patenonkel Alfred Herrhausen aus einer nationalsozialistischen Elitefamilie stammt, als Jugendlicher eine sog. „NS-Ausleseschule“ besuchte, wie sein Wikipedia-Eintrag ihm bescheinigt. Nein, damit will ich nicht behaupten, dass sich Herrhausen auch im späteren Leben etwa noch mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätte. Davon weiß ich ja gar nichts und da maße ich mir kein Urteil an. Nur geht es um das „personifizierte Gute“, das sich mit Flecken auf der weißen Weste (die im übrigen jeder hat) nicht halten lässt und es vielleicht sogar etwas (wirklich) Gutes wäre, über diese Flecken zu reden, im Sinne einer Auseinandersetzung und eines Zugehens auf die Bevölkerung, nicht im Sinne einer öffentlichen Selbst- oder Fremdkritik.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal darüber reden, wie es ist, unwahrscheinlich reich zu sein und von Kindesbeinen an der deutschen Elite angehört zu haben. Warum wäre das schlimm? Da mag es ja auch negative Aspekte geben, die vielleicht Menschen wie ich nicht verstehen. Vielleicht wäre es interessant, wenn Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen innehaben und nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Erfahrungen machen, sich darüber austauschen könnten.

Im Moment macht es nur eben oft den Eindruck, dass dieses Pochen auf der Position „des anderen“, der damit einhergehenden Unangreifbarkeit, der Identifikation mit allem, was irgendwie vom Mainstream abweicht und dass man anderen das abspricht, dass das in einigen Fällen möglicherweise auch nur eine Form des kaschierten, bildungsbürgerlich verbrämten Hasses ist, im Endeffekt nicht anders und nicht besser als bei den altbekannten Wutbürgern und Hatern aus dem rechten Milieu auch.

Selbst würde ich mir jedenfalls wünschen, dass, wenn mir das nächste Mal jemand „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterherruft, Menschen wie Carolin Emcke die Homophobie darin ankreiden. Dazu wäre nicht einmal eine Sympathie mit meiner Person notwendig, die ehrlicherweise auch niemand haben kann, der oder die mich nicht kennt. Anstatt laut zu überlegen, ob jemand wie ich denn überhaupt homosexuelle Neigungen haben kann – eben weil man sich da bereits ein festes Bild gemacht hatte, von einer Weiblichkeit, die zwar dominant und herrisch ist (und keineswegs burschikos), aber eben auch feminin und altmodisch auftritt und einen bestimmten Körpertyp und seine Attraktivität in den Vordergrund rückt – und ob das nicht eigentlich doch legitim ist, mich zu diskriminieren, ob nicht am Ende sogar ich die Böse bin, die versucht, etwas für sich zu beanspruchen, dass ihr doch gar nicht zusteht.

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzistische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

Mir kam das Ganze nämlich auch bekannt vor. Ich hatte es offline schon oft genug erlebt, z. B. die „an amerikanischen Comics geschulte Sprache“, derer ich mich angeblich bediene (Das kam von einer älteren Frau, in Kreuzberg, Nähe Amerika-Gedenk-Bibliothek). Vielleicht, so könnte man fast argwöhnen, ist „MarkusWiedmann“ am Ende sogar jemand, der offiziell die Emanzipation von Frauen befürwortet und sich für die Rechte Homosexueller stark macht, ein wahrhaft linker Aktivist, zumindest dem Anschein nach?.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

rechte Rebellen – oder: Was heutzutage cool ist

bully6Sexportale, die sich offensichtlich Ausschnitte aus meinem Blog in die Description ihrer Seiten kopiert haben. Sehr wahrscheinlich sind sie nicht von allein darauf gekommen, sondern es hat jemand nachgeholfen: In Kreuzberg hängen Queer, Porno und leider auch Rechtsextremismus zum Teil zusammen, wie ihr hier nachlesen könnt. Zum Glück ist das nicht grundsätzlich so, aber die Frage stellt sich eben schon: Was ist heute noch links und was ist rechts? Oder ist das alles eine Soße?

Von welcher Seite kommt die „konservative Revolution“?

Auf taz.de macht sich Dirk Knipphals Gedanken über Konservative. Das ist das Gebot der Stunde, denn die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben gezeigt: Zwar haben „nur“ gut 20 % AfD gewählt, aber zusammen mit der CDU immerhin 40 % konservativ. Wenn man die Wahl wirklich als „Test“ für die Bundestagswahlen 2017 sehen will, muss man sich dieser Frage stellen: Weht ein neuer konservativer Zeitgeist durch die Republik? Und warum sind links-liberale Ideen für viele Menschen nicht mehr so attraktiv? Ist das ein weltweiter Trend? Oder ist das links-liberale Denken irgendwie nicht mehr so ganz glaubwürdig? Liegt es daran, dass links und rechts allzu oft nur zwei Kehrseiten einer Medaille sind? Wenn sie es sind.

Sicher ist es nicht angebracht, die Kalte-Kriegsrhetorik von den zwei Totalitarismen Faschismus und Sozialismus aufzuwärmen. Und es ist fraglich, ob das Modell vom „Populismus“ als neuer großer Gefahr, die sowohl von links als auch von rechts kommen kann, den Kern der Sache trifft. Zudem – und das verkompliziert das Ganze: Die Rechten machen Mimikry: die rechtsextreme europaweit agierende „Identitäre Bewegung“ versucht z. B., mit den Strategien der Kommunikationsguerilla – eigentlich eine linke Erfindung – auf sich aufmerksam zu machen. Poppig-bunte Internetauftritte und Flugblätter, radikale abenteuerliche Aktionen, wie die Erklimmung des Brandenburger Tors in Berlin, sowie ein Style, der Sozialromantik und Jugendstil mischt und ins 21. Jahrhundert holen soll, geben den jungen Rechten einen linken, revoluzzerhaften Touch. Sogar die AfD, die an sich ja ausdrücklich gediegen-konservativ erscheinen will, macht mit (pseudo-)rebellischen Auftritten von sich reden.

rechte Hetze als neues Rebellentum

Bitter, aber wahr: provokant ist es heute nicht mehr, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu fordern, sondern zu sagen, dass man nicht neben einem wie Jerôme Boateng wohnen will. Das ist Revoluzzertum von rechts, eine verkehrte Welt, wenn man so will. Oder ist es am Ende eine Rebellion gegen zuviel „Gleichmacherei“?

Vermutlich würde letzteres als Deutung sowohl der AfD und ihren Wählern als auch den „Identitären“ gefallen. Ich persönlich glaube allerdings nicht daran. Dafür ist unsere Welt in den letzten 20 Jahren zuviel „ungleicher“ geworden: Man muss ja nur an die soziale Schere denken, die immer weiter auseinanderklafft.

Allerdings würden mir wohl auch viele Linke widersprechen, wenn ich behauptete, dass auch die Frauenrechte faktisch ein ganzes Stück zurückgenommen worden sind, Homosexuelle höchstens oberflächlich besser akzeptiert werden und es eher mehr Rassismus, insbesondere latenten, gibt, als weniger.

Fangen wir mit dem Rassismus an – ein Problem, das wegen der Flüchtlinge ganz besonders drückt: Rassistische Übergriffe gibt es nach wie vor. Daran hat sich seit den frühen 1990er Jahren nicht viel geändert. Neu ist, dass man mittlerweile ganz unbefangen mit rassistischen Statements umgeht. Nicht nur AfD-Politiker Björn Höcke sorgt sich beispielsweise um blonde Frauen, die er glaubt, vor vermeintlich notgeilen Flüchtlingen schützen zu müssen (Bei den Dunkelhaarigen macht das offenbar nicht so viel, wenn man die mal antatscht oder ein bisschen vergewaltigt), auch ein armenischer Bäcker hat offenbar, wie Grünen-Politiker Volker Beck vor ein paar Monaten twitterte, in einer Talkshow zum Besten gegeben, dass er bevorzugt blonde Frauen als Thekenkräfte einstelle. Dann würde mehr gekauft.

Das ist Rassismus zum Wohlfühlen. Immerhin denkt „der Ausländer“ ja genau wie die einheimischen Rassisten. Macht es das besser? Und ist da überhaupt etwas dran? Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, bei einem Bäcker zu kaufen, weil er blonde Verkäuferinnen hat. Ich kann einfach solche Gedankengänge nicht nachvollziehen.

Minderheitenpolitik und Mimikry

Andererseits geht es in der Linken sehr stark um Identifikation. Tennisspielerin Angélique Kerber z. B. vertritt das neue, exotisch bunte Deutschland, auf das man gerne stolz sein möchte. Ich musste wirklich lange überlegen und grübeln und die Frau erst einmal googeln, bevor ich begriff, was an der blonden Tennisspielerin mit dem deutschen Namen so multikulturell ist: Ihre Eltern sind aus Polen eingewandert. Genauer gesagt sind es wohl Spätaussiedler, Kerber selbst erblickte aber in Deutschland das Licht der Welt. Fast könnte man unken, dass da ja sogar CDU-Politikerin und Berufsheimatvertriebene Erika Steinbach noch mehr Migrationshintergrund hat. Aber gut.

Es dürfte nicht wundern, dass Rechtsextreme genau da andocken. Der Österreicher (Achtung Migrationshintergrund! Ja, wirklich!) Martin Semlitsch etwa, firmierte im ehemals linken Berliner Szene-Stadtteil Kreuzberg als Martin „Lichtmesz“. Klar, klingt irgendwie nach „Judenname“, ein bisschen polnisch auch – Galizien lässt grüßen. Lichtmesz, der offenbar im Medienbereich tätig ist, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, macht sich in der neurechten Internetpostille „Sezession“ außerdem für Homosexuelle stark und soll selbst (Achtung Hete! Ja, wirklich!) mit einer Italienerin liiert sein oder gewesen sein. Auch das erfährt man im Internet, auf dasgespraech.de. Dort steht auch, dass Lichtmesz alias Semlitsch, „Fachmann für Subkulturen“ sei, ein „Comic-Experte“ und „Cineast“ – mit anderen Worten: Jemand, der eigentlich mit allem aufwarten kann, was im hippen Kreuzberg gut ankommt. Nur dass Semlitsch* eben wirklich rechts ist. Sorry.

Weniger aggressiv als der falsche Jude, der eigentlich ein Rechter ist, machen einen da spätberufene oder zumindest nicht ganz glaubwürdige Lesben wie die Ex-Moderatorin Ramona Leiß. Schön, die Frau hat vor kurzem wirklich eine Frau geheiratet. Genauso war sie aber in den 1980er und 1990er Jahren – als Frauen, wie die Tennisspielerin Martina Navratilová und die Comédienne Ellen DeGeneres sich outeten – noch ein Inbegriff heterosexueller Weiblichkeit. Heute heißt es (u. a. auf t-online.de), Leiß habe damals angeblich nur „offiziell“ mit Männern zusammengelebt und ihr spätes Outing habe für sie einen „Karriereknick“ bedeutet. Dass der Karriereknick schon sehr viel früher erfolgte und andere Gründe hatte, ist allerdings allgemein bekannt. Eher dürfte sich Leiß mit der neuentdeckten Homosexualität noch einmal ins Gespräch gebracht haben.

Emanzipation von der Gleichberechtigung?

Der dritte Punkt im „zuviel des Guten“-Reigen sind die neuen Transsexuellen. Es war ein langer Kampf, bis – übrigens nicht nur Transsexualität sondern auch Homosexualität – nicht mehr als „psychische Erkrankung“ angesehen wurde. Allerdings sind nur sehr wenige Menschen wirklich transsexuell. Wie den Migrationshintergrund und die Homosexualität öffnete man jedoch auch das Label „transsexuell“: Wer sich als „transgender“ definiert, darf sich auch als „Minderheit“ fühlen, wenn er oder sie gelegentlich mal Kleidung des anderen Geschlechtes trägt. Das ist fatal, wenn es um Frauen geht: Immerhin tragen heutzutage fast alle Frauen in der westlichen Welt Hosen, viele sogar Anzug. „Transident“ oder „sexuell abweichend“ sind sie deshalb nicht. Wenn man so etwas als „Minderheit“ darstellen will, würde das in letzter Konsequenz bedeuten, den Frauen wieder das Hosentragen zu verbieten, einfach weil die meisten von ihnen „zu normal“ dafür sind. Im Grunde ist die Fixierung der Transbewegung auf „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ konservativ, zumal es in den meisten Fällen tatsächlich eher um die Geschlechtsrolle geht, als um den Körper. Und das ist dann leider tatsächlich eher eine Rebellion gegen „Gleichmacherei“, als dass es irgendwie „progressiv“ wäre.

Wo das endet, macht der oben eingefügte Screeshot deutlich. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass Engagement für Migranten, Homo- und Transsexuelle etwa nicht wichtig und gut wäre. Knipphals schreibt in der taz von Liberalität und Toleranz: Beides gilt es hochzuhalten, um rechten und konservativen Kräften wieder etwas entgegensetzen zu können. Es kommt also nicht darauf an, selbst „anders“ zu sein, sondern nichts dagegen zu haben, wenn jemand anders anders ist. Ist doch eigentlich ganz einfach.

*Nur so als Nachschlag: Klar könnte sich der Neurechte Semlitsch einreden, eigentlich ein „südländischer“ Semlic zu sein. Wer weiß. Vielleicht ist er auch ein strammdeutscher Semlitz. Genau wie der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg kein Jude war, wohl aber der deutsche Entertainer Hans Rosenthal. Hitler selbst werden z. T. jüdische Vorfahren nachgesagt, was aber den Holocaust leider nicht relativiert. Auch nicht, dass schon damals viele -skis und -czyks im Ruhrgebiet lebten. Die waren aus Schlesien gen Westen migriert bzw. man hat sie eigentlich als Fachkräfte im Bergbau angeworben, weil man damals, als das mit der Kohle im Westen noch neu war, zwischen Duisburg und Dortmund nicht viel davon verstand. Einige dieser Leute waren Polen, andere Deutsche oder „gemischt“. Alle aber waren Schlesier. Ihre Nachfahren sind Deutsche. Das macht sie nicht schlechter sondern ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es Migration immer schon gab. Übrigens auch aus dem Süden. Martin Semlitsch dürfte es vielleicht freuen, dass mit Safet Babic (NPD) und Dubravko Mandic (AfD) sogar zwei echte „Südslawen“ auf „seiner“ Seite, d. h. auf der rechten, sind. So, wie es – zugegeben! – auch rechte Rossis und Bianchinis gibt. Und „Laila“ nicht nur ein arabischer Name ist, sondern auch ein finnischer … Ich denke, dass nichts davon es rechtfertigt, andere unter Druck zu setzen oder gar ein „Freibrief“dazu ist, andere Menschen zu diskriminieren oder rechtes Gedankengut zu bagatellisieren. Siehe Screenshot.