Harvey und die Kunsthistoriker*

Stimmt schon, Harvey Weinstein ist wohl nicht der angenehmste Zeitgenosse. Warum aber drangsaliert man eigentlich andere Leute? Und wann und warum muss es denn sexuell werden?

Die falsche Annemarie?

Etwa im Frühjahr 2001 (oder früher?), erinnere ich mich, dass meine feministische Professorin in Kunstgeschichte, ich glaube, es war auf einer Exkursion, einmal bemerkte, ich würde sie so sehr an Annemarie Schwarzenbach erinnern. Das sei eine Schriftstellerin gewesen. Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Da ich mich nicht für Literatur interessierte, war mir das schnuppe, an wen ich diese Frau angeblich erinnerte. Kurz darauf – 2001/2002 war ich in Italien. Einen Platz in dem allen Erasmusstudenten angebotenen Sprachkurs erhielt ich – angesichts der Masse an Interessenten – erst, als meine Zeit schon halb vorüber war (Dafür habe ich dann später aber ein Stipendium der italienischen Uni an Land ziehen können. Die Mühe, die ich als (bis auf einen Uni-Grundkurs + ein paar Brocken) nicht im Italienischen Vorgebildete aufbringen musste, um mir gute Italienischkenntnisse anzueignen, hatte sich also gelohnt). Zwei andere Studierende von meiner Uni – ein Pärchen – war ebenfalls nicht schnell genug gewesen. Die Frau saß mit mir im Oberkurs.

Eines Tages kamen gegen Ende unseres Sprachkurses ein paar Leute, u. a. ein Mann, der als „Alexis Schwarzenbach“ vorgestellt wurde. Genau der warf einen Blick auf meine Mitschriften und rief aus „Wie Annemarie!“. Ich konnte das damals nicht einordnen. Der Mann kam mir einfach komisch vor: theatral, irgendwie aufgesetzt. Erst Jahre später, 2007, als ich mich selbst für Annemarie Schwarzenbach zu interessieren begonnen hatte, fiel mir die Sache wieder ein. Auch das mit der Professorin. Ein paar Klicks im Internet reichten, um herauszufinden, was ich geahnt hatte: Alexis Schwarzenbach, ein prominenter Verwandter der Annemarie Schwarzenbach hatte tatsächlich einen Draht zu der Stadt in Italien, in der ich studiert hatte. Es war nur eindeutig nicht der Mann, der zu uns in den Sprachkurs gekommen war. Vielmehr war es wohl jemand, dem man von der Bemerkung der feministischen Professorin erzählt hatte – ein Künstler oder Schauspieler vielleicht, jemand, der an einer der deutschen Forschungsinstitute in Florenz oder Rom einen Job hatte oder den Leuten sonstwie bekannt war – und der mich mal ein bisschen veräppeln sollte. Ich hatte also recht mit dem komischen Gefühl gehabt, dass mich da jemand manipulieren und mit Nachdruck zu einer bestimmten Annahme bewegen wollte, die aber nicht zutraf. Vermutlich hatte irgendjemand von den Kunsthistorikern gedacht, mir hätte der Vergleich mit der Schwarzenbach damals von der Professorin geschmeichelt und ich hätte sicher umgehend versucht, alles rund um die Literatin in Erfahrung zu bringen und würde jetzt glauben, ihr Verwandter hätte mich auch sofort mit der prominenten Dichterin identifiziert.

Carolin Emcke für Arme

Was für ein Spaß! Vermutlich liegt es auch an diesen Leuten, dass ich in Kreuzberg auf der langen Nacht des Buches mal neben „Carolin Emcke“ saß und locker mit ihr plauderte. Die Frau sah der Emcke, von der ich zu dem Zeitpunkt noch nie gehört hatte, nur vage ähnlich, legte es aber darauf an, zu suggerieren, sie sei die „Carolin“. Auch spürte ich, wie in meinem Rücken Frauenstimmen giggelten („Die setzt sich zu der!“ ). Allerdings hat auch das hat seine Wirkung aber erst ein Jahr später entfaltet, als ich mal im „Streitraum“ in der Schaubühne war. Da es um Armut ging und ich selbst unter der Armutsgrenze lebe, meldete ich mich zu Wort. Eigentlich hatte ich sogar unterstützt, was die Emcke gesagt hatte, nur dass die regelrecht angewidert zu sein schien und mich schnell mit einem barschen „Ja. Danke.“ abblockte (Daraufhin googelte ich die Frau im Internet und begriff, was mit der kleinen Show-Einlage in Kreuzberg gemeint war). Vermutlich hatten die Kunstleute sich das so gedacht, dass ich erst einmal glauben sollte, bei der falschen Carolin „einen Stein im Brett“ zu haben. Während ich also annehmen sollte, ich sei der Frau sympathisch und sie habe Interesse an Leuten wie mir (was ich, wie gesagt, nicht glaubte. Ich ging nur auch nicht davon aus, dass sie mich nicht leiden kann, obwohl sie mich nicht kennt.) – und ich dann mein blaues Wunder erleben sollte, nämlich dass die Emcke mit einer „instinktiven Abscheu“ auf mich reagiert (wie auch „Ines Pohl“, die mich eher als minderbemittelte kleine „Fickmaus“ zu betrachten schien – so wirkte es auf Veranstaltungen bei der taz (allerdings wurde dort auch gemunkelt, die Chefredakteurin ließe sich gelgentlich „vertreten“. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Teilweise hoffte ich es, also dass die Frau in Wirklichkeit nicht so widerlich ist, sondern von alldem vielleicht nichts weiß, zumal ich auf den Veranstaltungen bei der taz weiter angefeindet wurde, auch nach dem Weggang der umstrittenen Chefredakteurin) – und die Frauen beim Gunda-Werner-Institut und bei diversen anderen Institutionen. So oft empfing mich eine plötzliche Aggressivität, als seien die Leute tollwütige Köter, oder eine aufgesetzte Freundlichkeit, meist begleitet von sexuellen Anzüglichkeiten, dass ich irgendwann mit gar nichts anderem mehr rechnete …), haben sich vermutlich die Kunstleute eingeschleimt.

Zumindest den Frauen vom feministischen Lehrstuhl dürfte daran gelegen gewesen sein, einen guten Draht, insbesondere zu Silvia Fehrmann, der Partnerin Carolin Emckes, herzustellen, denn die hat ja Chancen im Haus der Kulturen der Welt zu vergeben (Daran war sicher auch der/die eine oder andere aus meiner schönen norddeutschen Heimatstadt interessiert, aber da snur am Rande. Was Kunst betrifft, so kannte man sich ja, wie ich hier mal etwas kryptisch formuliere ….). Vermutlich erschien es opportun, sich einfach das Interesse an linken Themen, an Feminismus und antirassistischer Arbeit anzudichten, dass ich damals hatte, und das man einfach ätzend fand (dazu, auch dazu, dass ich die Kunsthistoriker „zufällig“ immer wieder in Berlin traf, um einen höheren Geldbetrag angehauen wurde und vom allgemeinen Klima unter #Kulturkonservativ).

Aber – wie man mir immer wieder predigte – Es ging ja darum, dass diese Leute jetzt „meine Rolle“ haben.

Kinderpornos für einen guten Zweck?

Nicht nur die Kunsthistoriker waren in Berlin zufällig oft genau da, wo ich war, sondern auch „queere Menschen“, insbesondere viele Frauen mit Adipositas (War da so etwas mit einer Schwester, die Psychologie studiert hat? Ich kann mich irren, aber an meiner Uni gab und gibt es in Psychologie einen Kompetenzschwerpunkt Essstörungen …). Mehrfach drohten die Frauen, dass sie mir ja mal einen Kinderporno hochladen könnten (Was für ein lustiger Gag!). Mehrfach hieß es „Iiih! Die steht ja auf Kinder!“.

Nun wollte man, wie man sagte „nur“ meine „Ideen, aber nichts mit“ mir „als Person zu tun haben.“. Da ich eigentlich immer schon ein Faible für Pädagogik hatte (Ich habe auch schon ein pädagogisches Dossier verfasst, allerdings im Ausland) und es mir, wie vielen Geisteswissenschaftlern, schwer viel, einen bezahlten Job zu finden, sah ich, als bekannt wurde, dass in ganz Deutschland ein Lehrermangel droht und insbesondere Kunst ein Mangelfach sei, meine Chance gekommen. Leider sagte man mir überall, dass mir die praktischen Kompetenzen fehlten – meine anderen Fächer – Geschichte und Französisch – waren nicht so gefragt. Also hakte ich nach und fragte per E-Mail bei der UdK nach, ob es möglich sei, mit einem Kunstgeschichtsstudium einige praktische Veranstaltungen für Lehramt nachzuholen. Man antwortete rasch: Ich könne nur wenig einbringen, müsse von Grund auf neu Kunst auf Lehramt studieren, aber da sie eine anspruchsvolle Institution seien, täte ich diesbezüglich vielleicht besser daran, mich an einer kleineren Uni umzusehen. Daran war sicher nichts falsch, aber der arrogant Tonfall irritierte mich dennoch. Woher sollte die Frau schon wissen, ob in mir ein zweiter Picasso steckt oder nicht (tut es eher nicht, aber wie gesagt, so über eine E-Mail kann man das ja wohl nicht seriös beurteilen)?

Der Beweis wurde nachgeliefert. Kurze Zeit später nahm ich nämlich an der NGBK in Kreuzberg als Besucherin an einem interaktiven Kunstprojekt teil. Ich fertigte Collagen an und unterhielt mich mit einem türkischen Jungen aus dem Viertel. Eine mittelalte Frau strich um uns herum und begutachtete, was ich zu Papier brachte. Dann ging sie zu einer anderen und zischte gut hörbar: „Pah! Und DIE wollte Kunst studieren?“ Es war offenbar alles schon rumgegangen ….

Vielleicht war es doof, dass ich mich, als ich später, 2015 auf dem Lageso mit den Flüchtlingen helfen wollte, von der Künstlerin einlullen ließ, die offen und nett auf mich zugegangen war. Ziemlich schnell wollte die Frau dann auch wissen: „Und womit verdienst du so dein Geld?“ Ich gestand, dass es da nicht viel gab, nur kleinere Jobs. Aber auch das interessierte die gut gekleidete Frau mit eigenem Auto und sie ließ nicht locker, nohrte hartnäckig nach, bis ich zugab, mein Geld mit Nachhilfe zu verdienen.

Den Traum, Lehrerin zu werden, hatte ich eigentlich schon aufgegeben. Dann aber wurden wegen der Flüchtlinge plötzlich händeringend Grundschullehrer gesucht. Ich stamme selbst aus einer Multikulti-Familie und habe auch schon in einem muslimischen Land gelebt. Außerdem hatte ich, wie gesagt, jahrelang Nachhilfe gegeben. Also recherchierte und fragte ich. Etwa zu der Zeit wurde dann tatsächlich von einem Kinderporno zu meinem Blog verlinkt. Ich machte einen Screenshot und ging zur Polizei. Bis heute interessiert mich, ob man „unbekannt“ einen Namen geben könnte.

*Note! sexuelle Belästigung kann ich bislang keinem Kunsthistoriker und keiner Kunsthistorikerin vorwerfen (und tue dies auch nicht). Das fing erst nach meinem Studium an, als ich einen ersten Job hatte und noch ab und zu an der Uni war (und genau dort kam es auch zu den Belästigungen!). Allerdings haben die Kunsthistorikerinnen die Dicken aus Berlin angeschleppt (und wer weiß, wen alles noch) und mich vermutlich „empfohlen“ (von denen kam dann nämliche sexuelle Belsätigungen, in meiner Studienstadt waren das eher so kleine niedliche „Schneckchen“ und es hatte einen homophoben Schwerpunkt („Iiih, die Lesbe!“ – vermutlich sollte mir das beizeiten „ausgetrieben“ werden, also, dass ich mich nur ja nicht irgendwie mit dieser Queer-Sache identifizieren soll -, weil die Kunstfrauen ja dann auch in Berlin „meine Rolle“ innehatten, siehe oben.)

The Rest is – as always – from Oldenburg with Hate!

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Wie konservativ sind Kultur & Medien (V): Frauenpolitik – viel konservativer als frau denkt?

…. Vielleicht hätte ich auf derlei Unverschämtheiten vorbereitet sein sollen, also, besser gesagt, darauf, dass diese Probleme auch in Berlin auftreten würden. Immerhin hatten meine Profs alle gute Beziehungen in die Stadt, mehrere Kommilitonen & Kommilitoninnen waren hier an Museen und Universitäten „untergebracht“ worden, wie es so schön hieß.

Vielleicht hätte mich auch die ältliche Frau nicht wundern sollen – der kurzhaarige, lang ergraute Typ, wie er gern mit einer Regenbogenflagge mahnend auf Demonstrationen und Veranstaltungen auftaucht, die gar nichts mit „Queer“ zu tun haben. Auch bei der taz dominiert dieser Frauentyp auf Veranstaltungen. Die Frau lauerte mir am Halleschen Tor auf und bellte: „Ha! Eine an amerikanischen Comics geschulte Spache! Wie furchtbar!“ Was gemeint war, erschloss sich mir erst auf einer taz-Veranstaltung, als gehöhnt wurde: „Die kann doch überhaupt nicht schreiben!“ als ich vorbeiging. Vielleicht war es ja eine Verwechslung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon jahrelang nicht mehr für Zeitungen geschrieben. Aber ich wurde bei der taz ständig angefeindet.

Das letzte Mal war ich dort bei einer Podiumsdiskussion mit der bekannten Feminismus-Redakteurin Heide Oestreich. Ich hatte mich zu Wort gemeldet, konnte zunächst sprechen, war dann aber abgewimmelt worden. Was die anderen Frauen beizutragen hatten, klang in meinen Ohren ehrlich gesagt nicht eloquent und intellektuell ausgereift genug, als dass an wirklich Panik hätte haben müssen, dass die Frauen auch nur ja nicht zu kurz kommen. Eine Frau grunzte zum Thema Beruf und weibliche Führungskraft: „Ich bin nun einmal Mutter! Das ist nun einmal meine Identität!“ Schön! dachte ich. Spätestens wenn die Kinder in der Pubertät sind, muss man aber den Kollegen nicht mit dem Thema Lätzchen auf den Geist gehen, um zu demonstrieren, dass man/frau/wie auch immer sich fortgepflanzt hat. Es ging irgendwie zu sehr in Richtung Eva Herrmann. Eine andere Frau – ebenfalls älteren Semesters – verwies darauf, dass im Ernstfall ja nun immer die Männer ran müssten und die Frauen sich vornehm zurückhielten. Ich nickte. Etwas voreilig, denn ich bin zwar für die radikale Gleichstellung von Männern und Frauen, aber die Frau führte weiter aus, dass es um den Dienst am Vaterland ginge, beim Bund. Eine jüngere Teilnehmerin  kritisierte, dass nicht auch Männer auf dem Podium seien. Tja, wahrscheinlich hält man dich jetzt für lesbisch! Also, wo mal 45 Minuten kein Mann dabei ist … dachte ich, Wobei dir das sicher recht ist, gibt ja Minderheitenrechte dafür, nur dass eben nicht der Eindruck entstehen soll, du könntest etwa nichts mit Männern anfangen. Nicht, dass das ein Widerspruch für solche Frauen wäre …. Oestreich herself klagte, dass man feministische Frauen ja oft für verrückt hielte. Dem konnte ich innerlich nur zustimmen. Den Eindruck hatte ich bei diesem Differenzfeminismus auch oft. Ganz abgesehen davon ging es ja auch explizit um Essstörungen. Da ich von diesen Frauen mit allen möglichen negativen Eigenschaften belegt worden war – vermutlich hatte man so ziemlich alles ihnen nachgesagt oder sie hatten sich das vielleicht eingebildet, befürchtet, jemand KÖNNTE es sagen … – verspürte ich wenig Lust, mich um Verständnis und Mitgefühl für Frauen zu bemühen, die mich jahrelang verhöhnt und gehänselt hatten und deren größte Sorge offenbar war, ich könnte „zu selbstbewusst“ (vermutlich für meinen sozialen Stand) sein. Eine ale Frau pirschte sich von hinten an mich heran und grapschte nach mir. Als ich mich empört umdrehte, grinste sie maliziös. Beim Rausgehen fixierte mich eine der Alten ungeniert und sagte dann abfällig zu einer anderen: „Und eine gute Rednerin ist die auch nicht!“.

Trigger Nummer, ich weiß nicht wieviel. „Ho ho! DIE kann reden!“ – das hatte keine Feministin gesagt. Es kam aus der Ecke von Horst Bredekamp himself, auf einer Tagung in Magdeburg, die ich kurz nach meinem Studienabschluss besucht hatte. Bildwissenschaft faszinierte mich und ich überlegte, bei Bredekamp zu promovieren, obwohl ich wusste, dass er konservativ ist und seine Studentinnen in den Winterferien zum Skilaufen nach Saint Maurice fahren. Ich wollte keine Genderforschng mehr, sondern einen großen Namen, ein Stipendium und ein intellektuell herausforderndes Kolloquium. Das Lob auf meine rhetorischen Fähigkeiten war keineswegs als Ermunterung und Bestärkung einer zukünftigen Starrednerin gedacht und das begriff ich sehr wohl. Es ging eher in Richtung: „Vielleicht hätte sie besser ihre vorlaute Klappe gehalten!“. Doch ich war bereits Postgraduate mit hart erkämpftem 1,0-Abschluss und 5 Fremdsprachen. Ich hatte keine Lust, wieder die Position der bestärkenden Feedbackgeberin für die vermeintlich „wichtigeren“ Studentinnen einzunehmen. So ein Kolloquium wollte ich nicht.

Bredekamp schien einen ähnlich zweifelnden Eindruck zu haben. Zwar ließ er sich via E-mail meine Magisterarbeit schicken, teilte mir dann aber höflich mit, dass er im Moment keine Kapazitäten für weitere Doktoranden hätte, vielleicht im nächsten Jahr …. Im Unibetrieb ist das eine unmissverständliche Absage, zumindest im kulturwissenschaftlichen Bereich. Ich fand einen Job im Ausland. Wahrscheinlich war es wohl Schicksal, denn ich habe es nie bereut, nicht promoviert zu haben, auch wenn in den Stellenanzeigen im Kulturbereich damals fast überall eine Promotion verlangt wurde. Ich wusste, dass die nicht das Papier wert war, auf dem sie geschrieben war, sofern niemand einen auf die Stelle hievte. Noch mehr Kunst war nicht meins. Ich liebte Kreativität, hatte immer schon Freude an visuellen Spielereien gehabt, aber ich hatte auch andere Interessen. Genau genommen sollte es endlich in den Beruf gehen.

Wahrscheinlich hätte ich trotzdem aufmerken sollen, als in Berlin später eine dieser älteren Frauen, die mir neben den Dicken an den Hacken klebten, verächtlich schnauzte: „Die Magisterarbeit war doch absolut das Letzte! Die hat ihre Note kein Stück verdient! Ü-ber-haupt-nichts hat die fachlich drauf!“. Damals schrieb ich gerade Kunstkritiken. Unter anderem für die taz.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (IV): Polnisch für Anfänger

… Die Blenderei und Aufschneiderei der Leute war schon ein Problem. Mein letzter Schein war eine große Pflichtexkursion nach Tschechien und Polen mit Herrn N., den ich später ebenfalls „zufällig“ in Berlin wiedergetroffen habe. Eigentlich hatte ich auch meine Magisterarbeit bei Herrn N. schreiben wollen (über italienischen Faschismus, promoviert habe ich letztendlich nicht mehr), aber auf der Exkursion wurde schnell klar, dass ich nicht zum „inneren Zirkel“ gehörte, mit dem Herr N. abends essen ging, sondern zum Fußvolk, dass man notgedrungen mit durch die Exkursion schleifen musste. Ich beschloss, dass das keinen Sinn machte. Vielleicht hatte Herr N. insgeheim darauf gehofft, aber das weiß ich nicht.

Eine Frau, die zu den Lieblingen gehörte (die jeder Prof hatte, ich gehörte nirgends dazu, mal war das aber deutlicher zu spüren, mal war es ein ambivalenteres Gefühl, in Frauen- und Genderforschung wurde beispielsweise Wert darauf gelegt, dass ich die In-People moralisch unterstütze. Insofern, also in dieser Rolle war ich durchaus willkommen, aber eben nur in dieser Rolle.), einer der Lieblinge von Herrn N. also plusterte sich während der Exkursion mit ihren Polnischkenntnissen auf, also, sie erwähnte immer wieder, dass sie Polnisch spreche, sprechen hörte man sie es aber nie.

Eines Tages, in Polen, war mit dem Frühstück organisatorisch etwas durcheinandergegangen. Wir irrten durch ein Gebäude. Als wir schließlich jemanden zu fassen bekamen, mussten wir feststellen, dass die Leute weder Englisch noch Deutsch sprachen. Der Liebling hielt sich vornehm zurück. Genauer gesagt: Die Frau blieb stumm. Unserem Professor schien nichts einzufallen. Also ergriff ich die Initiative, obwohl ich gar kein Polnisch spreche (mich aber in einer Sprache verständlich machen kann, die – sagen wir mal – etwas ähnlich ist. Bin halt echt multikulti!): Ich erklärte, dass wir eine Gruppe von der Uni T. seien und man uns gesagt habe, dass wir hier unser Frühstück einnehmen könnten. Wir üssten aber nicht, wo das sei. Zehn Minuten später saßen wir an reich gedeckten Tischen. Ein Dankeschön an meine Person sparte man sich. Vielleicht, so vermutete ich, wollte man dem Liebling, der mit seinen Polnischkenntnissen geprahlt hatte, die Schmach ersparen. Ich legte keinen Wert darauf, mit der Frau zu konkurrieren. Immerhin spreche ich tatsächlich kein Polnisch. Das ließ ich also auf sich beruhen. Irgendwie war aber wohl etwas zu der Herberge, in der wir nächtigten durchgesickert. Der Mann von der Rezeption winkte mir eines Abends, ich solle mal herkommen. Wo der Professor sei, wollte der Mann wissen. „Inder Stadt“ sagte ich „er isst mit den anderen zu Abend.“. Der Rezeptionist sagte, da sei ein dringender Anruf für Herrn N.. Er bedeutete mir, ich könne mit Stift und Papier alles notieren. Genau genommen hielt er mir beides direkt vor die Nase. Schweißnass ergriff ich den Hörer. Nie im Leben würde ich eine längere Konversation auf  Polnisch bestreiten können. Wahrscheinlich würde ich nur jedes fünfte Wort verstehen und es wäre ein Fiasko. Nichts würde ich ausrichten können. Zu meiner Überraschung erklärte mir am Telefon eine freundliche Frauenstimme in fließendem Deutsch, dass sie bestellt worden sei, um ein paar Details mit Herrn N. abzuklären. Ich notierte und versprach erleichtert, alles weiterzuleiten. Den Zettel hinterlegte ich mit freundlichem Gruß an der Rezeption. Der Rezeptionist lächelte.

Mitten in der Nacht, so schien es mir, riss jemand polternd die Tür auf. Gleißendes Licht strömte in das Zimmer, das ich mir mit ein paar Kommilitoninnen teilte. „Ja, sag einmal, was für eine Frechheit!“ schrie eine Frauenstimme hysterisch auf Deutsch, nur um dann schneident fortzufahren: „Man. Hat. Uns. Aus-richten. Lassen …. Die will uns hier verarschen! Laila! Steh auf! Was hast du dir dabei gedacht?!“ Ich fühlte mich an die Gestapo erinnert, auch wenn das vielleicht nicht nett ist, das zu schreiben. In Wirklichkeit war es eine von N.’s Doktorandinnen, eine blonde, schlecht gekleidete Frau, damals vielleicht Ende 30? Jedenfalls promovierten sie und ihr Mann beide bei N.. Beide waren auch auf der Exkursion dabei und gehörten selbstverständlich zur In-Group. Das Paar hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es unter ihrer Würde war, sich mit mir abzugeben. Aber auf eine derartige Aggression war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte geglaubt, einen Gefallen zu tun. Wenn ich ehrlich war, hatte ich sogar ein kleines Lob erwartet. Es hätte nicht gerade überschwänglich sein müssen, ein schlichtes „Danke, dass Sie den Anruf entgegengenommen haben“ hätte gereicht. Und wo war überhaupt das Problem? Ich murmelte, dass ich schließlich nur weitergeleitet hätte, was man mir am Telefon ausgerichtet hatte. Die Tür fiel wieder zu. Ich schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wuselte die Blonde, deren Namen ich vergessen habe, hektisch umher, immer mit abfälligen Blicken auf meine Person. Das, was ich ausgerichtet hatte, konnte offenbar nicht stimmen. Angeblich war alles ganz anders abgesprochen gewesen. „Hör zu. ich hab’s nur ausgerichtet. Ich kann nichts dafür, dass Herr N. nicht da war.“ machte ich dem ganzen einen Punkt. „Außerdem“ fügte ich hinzu „Haben sie sogar extra jemanden organisiert, der Deutsch kann.“ Herr N. hatte nicht viel dazu zu sagen. Noch während des Frühstücks stellte sich heraus, dass ich die richtigen Infos weitergeleitet hatte. Über die Sache wurde weiter kein Wort verloren. Allerdings auch keines der Entschuldigung in meine Richtung …

Wie konservativ sind Kultur & Medien (III): „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt das Gefühl!“

kalte Intelligenz

Also wieder AfD. Ehrlich, ich habe von Kindesbeinen an unter Leuten wie Björn Höcke zu leiden gehabt. Ich hatte sie als Lehrer und habe sie später auch als Hochschullehrer gehabt. Ich könnte Kotzen. Ich erinnere mich an ein Pflichtpropädeutikum, als ich die richtige Antwort gegeben hatte und der Professor – ein lässiger Typ auch er, Typ „Kordsacko mit Flicken an den Ellenbogen“, also kein feingeistiger Ästhet – also, der Professor hielt einen Moment inne: „Das ist richtig.“ sagte er bedächtig, nur um dann hinzuzusetzen: „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt einfach das Gefühl für diese Dinge.“

Nein, danke. ich habe, ehrlich gesagt, nicht viel für die Gefühle dieser Menschen übrig. Auch bei anderen Themen kam man nicht überein. „Das ewige Gerede über Politik! Oh Gott, wie das nervt!“ raunte eine Dozentin aus der Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) auf einer Exkursion hinter meinem Rücken. Später wollten gerade diese Frauen sich das Interesse an linker Politik und auch das entsprechende Know-how auf die Fahnen schreiben. Und nicht nur das.

Der Romance Scammer aus Wetsafrika

Neulich googelte ich eine meiner Rivalinnen von damals, denn ich ahnte so etwas. Die Leute hatten mir mehrfach in Berlin aufgelauert – „zufälligs Zusammentreffen“ würden sie es wahrscheinlich nennen, interessanterweise u. a. in meiner Wohngegend. Ich hatte außerdem vor ein paar Jahren eine E-Mail von einem Kommilitonen aus Westafrika erhalten, der damals am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) promovierte. Der Mann bat mich um einen sehr hohen Geldbetrag (mehrere tausend Euro), da er angeblich in Europa in Schwierigkeiten geraten sei. Ich musste passen. Ich weiß auch nicht, ob wirklich er diese E-Mail verfasst hat. Weshalb er sich ausgerechnet an mich gewandt hat und woher er meine private E-Mail-Adresse hatte (Im Kolloquium hatte ich eine Uni-Adresse gehabt), weiß ich bis heute nicht.

Sorry, kann ich deine Freunde, deine Haarfarbe & am besten auch dein Leben übernehmen?

Jedenfalls habe ich die Leute auf dem Radar. ich weiß, wie erbittert und unfair einige kämpfen und dass sie nicht nur gute Jobs, sondern auch Prestige wollen, auch in Domänen, die eigentlich nicht die ihren sind. Ich fand meine Rivalin. Ja, es war sie. Zufällig hatte sie, die zu Studienzeiten Naturblond, so ein etwas strohiges Mittelblond, gewesen war, auf dem Foto jetzt exakt meine Haarfarbe – dunkelbraun. Und noch witziger: sie, die noch über christliche Ikonographie, irgendwas mit Romanik, wie ich mich vage erinnere, promoviert hatte, arbeitet jetzt in einer Stelle für Selbsthilfeprojekte und Vernetzung von Migrantinnen – soweit ich es übersehen konnte, als einzige Deutsche unter lauter Frauen mit Migrationshintergrund. In der Beschreibung ihrer Person war zu lesen, dass sie sich seit der Schulzeit immer für Frauenthemen und in der antirassistischen Arbeit eingesetzt habe. Was ihre Studienzeit betrifft, ist das schon einmal glatt gelogen (dafür habe ich mich 10 Jahre in einer multikulturellen Initiative engagiert & war auch in einer feministischen Hochschulgruppe aktiv, v. a. letzteres schien man mir später in Berlin nicht mehr abzunehmen. Angeblich, so hieß es, sei ich doch mal rechts gewesen. Daran kann ich selbst mich nicht erinnern. ich wüsste gern, wer es kann ….). Die Frau hatte diffus mit der linken Szene zu tun, wurde auch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert, auch wenn sie später am konservativen Lehrstuhl promovierte, wo sie schon ihren Studienschwerpunkt hatte. Sie hat sich auch neben ihrem Studium engagiert, so ist es nicht, aber für Atheismus. Das kontrastierte hart mit ihrem ausgeprägten Interesse für christliche Ikonographie und soweit ich mich erinnere, hatte es immer auch mit sexueller Befreiung zu tun – sie lebte in einer heterosexuellen Beziehung – „offen“, wie sie sagte. Später war sie mit einem Kunsthistoriker zusammen.

Ich hatte nie gewusst, was ich von der Frau halten sollte. Erst interessierte sie mich – eine der wenigen Linken, die auch Kunstgeschichte studierte. Aber als ich mich das erste Mal mit ihr in einer Kneipe getroffen hatte, kamen später noch ein paar Bekannte von mir, die ich kurz grüßte. „Madeleine“, wie ich sie hier nennen werde, auch wenn sie eigentlich anders heißt, stand abrupt auf und sagte in einem etwas barschen Tonfall: „Warum hast du mich jetzt deinen Freunden nicht vorgestellt?!“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ich kannte sie kaum. Sollte ich nur eine Art Sprungbrett sein, damit sie Leute kennen lernen konnte? Nein, das wollte ich nicht.

Später ging ich zum Studium nach Italien. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber das Land war zunächst sehr fremd für mich. Irgendwann hatte ich mich jedoch eingelebt, beherrschte die Sprache einigermaßen, lernte fleißig – das musste ich auch, denn ich stand unter Druck – und natürlich hatte ich auch ein Studentenleben außerhalb der Uni. Gegen Ende meiner Zeit in Florenz erhielt ich eine E-Mail von „Madeleine“, mit der ich sonst nicht mehr ganz so viel zu tun gehabt hatte, schrieb, dass sie schon ein Zimmer vermittelt bekommen hätte. Aber sie habe gehört, ich hätte Kontakte zur linken Szene geknüpft. Demnächst wolle sie schon mal nach Florenz kommen und da wollte sie fragen, ob sie nicht meine Freunde übernehmen könnte. Ja, sie hat wortwörtlich „übernehmen“ geschrieben, daran erinnere ich mich noch genau. Ich lehnte höflich ab.

Ein paar Monate später traf ich sie überraschenderweise in Deutschland, in der Uni-Bibliothek. Ich fragte sie, warum sie wieder da sei. „Ja, hm, Herr W. hat mir gesagt, dass du eine Hausarbeit auf Italienisch geschrieben hast. Jetzt muss ich das auch machen!“. Ja, ich hatte neben einem italienischen Schein (eine mündliche Prüfung in Architekturgeschichte – etwa 1000 Bauten vom alten Ägypten bis zur Spätgotik waren zu lernen) auch eine Hausarbeit nach den deutschen Vorgaben schreiben müssen, für die ich allerdings einen italienischen Professor hatte finden müssen, der sie mir abnehmen und benoten wollte. Der Professor für Architekturgeschichte erklärte sich einverstanden. Ich hatte allerdings in italienischen Bibliotheken dafür recherchiert. Dass „Madeleine“ für einen Schein die gleiche Leistung erbringen sollte wie ich, fand ich, ehrlich gesagt, nur selbstverständlich. Auch ich hatte Italienisch schließlich als Fremdsprache erst lernen müssen. Was bildeten sich diese Frauen eigentlich ein? Dass es eine Art natürliche Ordnung der Dinge ist, dass sie mit weniger durchkommen? Ich glaube, „Madeleine“ hat die Hausarbeit dann doch nicht geschrieben.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (II): autoritär meets Freigeist: Neo Rauch & die anderen

… In meinem Kopf ist Horst Bredekamp der „Missing Link“ – zu einem MEINER ehemaligen Professoren nämlich. Der Mann ist, glaube ich, mittlerweile ebenfalls Professor an der HU, eine Koryphäe seines Faches, ein guter Hochschullehrer, der lebendig zu vermitteln weiß, aber auch berühmt für – na, sagen wir mal – eine gewisse exklusive Art. Jedenfalls verließ der große, imposante Mann einen Raum, eine Veranstaltung meistens wirkungsvoll, indem er sich davon schlich, im Hinausgehen aber eine Hand neben der Hüfte auf- und zuschnappen ließ, eine Geste, die man vielleicht mit „Ciao, ciao!“ übersetzen könnte. Die gleiche Geste hatte Alice Weidel gemacht, als sie die TV-Sendung bei Marietta Slomka verließ … Der nächste „Trigger“.

Bleiben wir bei der Kunst (und lassen wir für einen Moment mal die Rechtspopulisten außer Acht, ich komme darauf zurück): Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“ der vorigen Woche. Ich hätte mich fast kringelig gelacht, musste aber auch ein paar Mal heftig schlucken: Nun wusste ich, wer Pate gestanden hatte für die Art, wie sich einer meiner Dozenten gab: Ein Typ wie der Schweizer Rechtspopulist Oskar Freisinger, obwohl ich dem Mann, also meinem Dozenten hier keine bestimmte politische Denkweise aufdrängen will – ich sollte der Fairness halber erwähnen, dass er über ein faszinierend breites Fachwissen verfügte, Kunsthistoriker mit Leib & Seele. Auch gab sich der Mann immer viel Mühe, dies an seine Studenten zu vermitteln -: Es ist nur so, äußerlich lässig, wie der Freisinger, fast Alt-68er-mäßig, man tippt also auf Linksintellektueller und dann kommen Äußerungen, wie „Meine Eltern waren eben Nazis und das hat auch mich geprägt.“ Das ist wie mit diesen Kippbildern aus der Psychologie – Man weiß nicht, ist es ein Hase oder eine Ente? Wie hat man das zu sehen? Immerhin wurden bei uns am Fach Späße damit gemacht, dass man den Vlaams Blok nunmal cool fände. Spaß. Klar. Man wollte das auch so verstanden wissen, dass man ziemlich freigeistig drauf sei, tolerante Sinnenmenschen und Geistegrößen, die sich nicht einengen lassen wollen. In der Frauen- und Genderforschung kam das nicht sehr überzeugend rüber. Neo Rauch liefert jedoch eine Erklärung für die Konservativen: Der Mann, eine Art ostdeutscher, in die Jahre gekommener Brad Pitt, ein Mann der komplizierte, schwülstige Sätze baut, mit zig Partizipialkonstruktionen, schon beim Lesen anstrengend, gehört vermutlich kaum verständlich – Drama, Baby! – nicht schwul, obwohl man das denken könnte, sondern ein mann der Frauen, wie der – leider weitaus weniger attraktive und kürzlich verstorbene – Lehrer Arno Rink. Beide begnadete Künstler – zweifeslohne -, aber Rink, der selbst Studenten auffordert, aufzustehen, wenn er den Raum betritt, Rauch, der sagt, dass ihm das keine Probleme bereitet habe, er sei ja seinerzeit direkt von der NVA gekommen und habe daher „Haltung“ zeigen können – Autoritäres Gehabe meets Freigeister, erzkonservativ trifft auf „irgendwie bizarr“, manirierte, überzogene Vergleiche, zum Teil auch eine verzerrte Wahrnehmung, wie es scheint.

Bénédicte Savoy, die das Humboldt-Forum mit Tschernobyl vergleicht und sagt, sie interessiere bei ethnologischer Kunst erst einmal das Blut, das dafür geflossen sei. Ich  meine, Tschernobyl?! Horst Bredekamp, der sich einbildet, man könne auf Biegen und Brechen eine Tradition der Toleranz herbeikonstruieren, indem man Kolonialkunst einfach an exponierter Stelle präsentiert und den Kolonialismus fleißig ignoriert, weil schließlich auch damals nicht jeder Wissenschaftler ein eingefleischter Rassenhasser gewesen sei. Mag ja stimmen. Es klingt aber irgendwie dreist, das als epochenbestimmend und quasi als „preussischen Sonderweg der Toleranz“ auszugeben. Zumal es offenbar durchaus hier und da Rückforderungen der einst eben sehr wohl im Zuge des Kolonialismus erworbenen Objekte gegeben hat. Eigentlich ist das aber nicht mein Problem und ich habe auch keine Lust, mich da einzumischen.

Ich stolperte bloß – wieder einmal – darüber, dass Bredekamp sich in der „Zeit“ darüber begklagte, man werde immer gleich in die Nähe der AfD gerückt, wenn man deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham beruhend verstanden wissen wollte.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (I): Intimes über Alice – Eine Konservative packt im linken „Freitag“ aus

„Linksgrünversifft“? Oder, freundlicher, stimmt es, dass Kultur und Medien total dominiert sind vom linken Establishment? Meine Erfahrung ist da eine andere – hier ein paar Episoden …

Ich weiß nicht, was war es genau? Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“? Oder vorher noch, die Auslassungen Horst Bredekamps zum Humboldt-Forum, ebenfalls in der „Zeit“? Der beleidigte Abgang von Alice Weidel aus der Fernsehshow? Der Artikel von Anne Dippel über Alice Weidel im „Freitag“ dieser Woche?

Anne Dippel, Historikerin und Kulturanthropologin, schrieb im „Freitag“ sehr persönlich über die AfD-Spitzenkandidatin, eine Freundin, wie es scheint, aus der gemeinsamen Zeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Hier stolperte ich das erste Mal – Wie kommt es, dass jemand von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im linken „Freitag“ schreibt? Dann kam der Satz, Alice Weidel sei immer stur bei ihrer Meinung geblieben. Die Leute wollten mich doch so gern „triggern“, wie es hieß. Da war der „Trigger“, wenn auch ganz sicher unbeabsichtigt: Genau darüber hatten Leute wie Anne Dippel sich nämlich auch immer bei mir beklagt. Wobei das Ganze als Einbahnstraße gedacht war: Ziel eines jeden Gespräches schien zu sein, dass ich mich von den Ansichten meines Gesprächspartners oder meiner Gesprächspartnerin überzeugen lasse. Nicht umgekehrt, kein Kompromiss, kein neuer Gedankengang am Horizont. Manchmal wurde dann gegen Ende immer wieder rhythmisch und mit zunehmender Lautstärke wieder holt, was mein Gegenüber wollte, das ich als die „richtige“ Erkenntnis annehme.

Feministische Wissenschaftlerinnen hatten mir diese Weigerung, einfach mal zu übernehmen, wenn man mich doch schon mit Nachdruck darauf aufmerksam machte, als unangemessene Arroganz und unverschämte, weil mir nicht zustehende intellektuelle Selbstsicherheit ausgelegt, auch bei der taz. Bei anderen Frauen fanden sie das gut, wollten es ihnen sogar explizit antrainieren.

Ich habe im Laufe meines Lebens viele Diskussionen mit Konservativen geführt. Überzeugt haben mich die Leute selten, aber ich liebte es, wenn argumentativ die Fetzen flogen, mein Gegenüber mich mit plausiblen Gegenargumenten intellektuell auszuhebeln suchte und ich ins Schwitzen kam, um meinen Standpunkt zu verteidigen. Mein Gegenüber schärfte sich die Krallen an mir und ich tat es umgekehrt ebenso. Ohne Spaßbremse, die danach zu wachen trachtete, dass die andere Frau – wenn es eine Frau war – mir gegenüber nicht zu kurz kam. Im Idealfall hatte mein Gegenüber das auch nicht nötig.

Anne Dippel fährt in ihrem Text fort damit, dass Weidel sich immer als Instanz und Expertin in Sachen Wirtschaft geriert hätte. Mit Verlaub, die Frau tritt im Fernsehen selten sympathisch, oft besserwisserisch auf. Manchmal wirkt auch Alice Weidel, als hätte sie keine Argumente und müsste deshalb umso härter und nachdrücklicher sein. Es ist wohl auch ein ungehaltener, zackiger „Zeit ist Geld“-Redestil. Das hatte man jungen Frauen in den Nuller Jahren in Deutschland offensichtlich so beigebracht. Ich arbeitete zu der Zeit im Ausland und hielt bei Telefonaten mit einer Institution in Deutschland immer erst einmal den Hörer ein Stück weit vom Ohr weg, weil das rüde Gekläff zu sehr an meinen Trommelfellen zerrte. Später kam ich darauf, dass es wohl professionell wirken sollte. In dem Land, wo ich arbeitete, ließen es selbst Vertreter von Behörden gern gemütlich angehen und man musste sich oft erst einmal ein paar Stories aus deren Familienleben anhören, bevor es zur Sache gehen konnte. Alles hat also seine Vor- und Nachteile …

Dennoch, tut mir leid und so sehr ich die Weidel auch ablehne, aber die Frau ist promovierte Volkswissenschaftlerin. Ein bisschen mehr Ahnung vom Thema Wirtschaft als eine Kulturanthropologin wird sie wohl schon haben, oder? Die Sache ist die, und das verkennen Leute wie Anne Dippel oft: Man kann trotzdem anderer Meinung sein. Christoph Butterwegge und Yanis Varoufakis zum Beispiel haben mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr Ahnung von Wirtschaft als die Weidel und sehen die Dinge ganz anders. Aber das zu erwähnen, hätte vielleicht bei der Konrad-Adenauer-Stiftung nicht unbedingt Pluspunkte gegeben.

Es ist jedoch dieses Verquicken von persönlicher Animosität – selbst wenn sie verständlich ist – und  der Unterstellung, jemand, der eigentlich erwiesenermaßen kompetent auf einem Gebiet ist, sei es doch nicht und maße sich zu viel an, obwohl man selbst es ist, der oder die keine Ahnung hat, die mich stört. Entweder man greift inhaltlich – argumentativ! – an, oder man sagt etwas in Richtung „Oh Gott, die nervte mich, diese besserwisserische Art!“ (wobei man sich selbst die gleiche Besserwisserei dann nicht leisten kann!).

Weidel kann Wirtschaft. Politik kann sie nicht. Da werden Fakten verdreht oder einfach gleich frei erfunden, es wird kräftig Stimmung gemacht, ohne Konzepte knapp und für den Bürger verständlich vorstellen zu können, auf Entgegnungen geht nicht mehr als ein barsches „Das ist aber so!“ und dann dieses ständige Verarschen, das einem einfach nur auf den Geist geht.

Dazu passt der hysterische Abgang aus der Talkshow mit Marietta Slomka. Auch wenn der mit Sicherheit im Vorfeld so geplant und knallhart kalkuliert war – Es war eben doch das schmollende Blondchen, das mit einem patzigen, tödlich beleidigten „Menno!“ von dannen zieht. Die erwünschte Wirkung, zumindest in den russischen „Alternativ“medien trat dann auch sofort ein: Alice habe gesagt, sie stehe einfach noch „total unter Wasser“. Heul, heul – wer’s glaubt. Die Kommentatoren fanden es jedenfalls überzeugend – gemein sei das gewesen, wie die Alice Weidel da gemobbt worden sei.

Mir geistert gerade der Gedanke durch den Kopf, dass Alice Weidel ja auch eine „Dyke“ ist. Ich könnte jetzt ein paar Zeilen zur Entstehung von Homosexualität schreiben, aber wenn ich schreibe, dass homosexuelle Frauen als Kinder schon nicht so „echte Mädchen“ sind, also nicht der Typ, der schon mit 11 seine ersten Schminkexperimente macht und es gar nicht abwarten kann, Muttis Pumps auszuprobieren, dann behaupten alle Frauen, genau so sei das ja bei ihnen als Kind gewesen, an ihnen sei „ein echter Junge verloren gegangen“ (Hier zitiere ich sogar eine queere Frau aus Berlin, deren Namen ich jetzt aber nicht erwähnen werde). Aber nicht jede burschikose Frau, nicht jeder „eher sportliche, praktische“ Frauentyp ist lesbisch oder hat einen Drive in die Richtung. Man erkennt Lesben nicht an den kurzen Haaren, sonst wäre Weidels Parteikameradin (so sagt man in diesen Kreisen doch wohl?) Frauke Petry ja eine. Die aber inzseniert sich auf Wahlplakaten im Moment ja eher als Supermutti und kämpferische Gebärerin für Deutschland. Darüber hinaus ist Homosexualität nicht monokausal – genetische Faktoren spielen eine Rolle neben frühkindlichen Prägungen. Dass ausgerechnet die niedliche Kleine, die schon optisch so ganz in ihrer Feminität aufzugehen scheint, eine Lesbe ist, ist trotzdem eigentlich eher unwahrscheinlich.

Mag sein, Weidel ist die berühmt-berüchtigte Ausnahme – wie hunderte andere Frauen aus der oberen Berliner Gesellschaft auch. Mir fiel das nur so ein, weil die Frauen das anderen immer „ausreden“ wollen und außerdem so sehr darauf beharren, dass Lesben und Transmänner halt durchsetzungsfähig, stark und einfach absolut die geborenen Anführerinnen seien (immer mit dem Zusatz, dass andere Frauen ihnen diese Rolle auch gefälligst zu überlassen haben – siehe oben!). Ich denke, dass gerade die Frauen- und Genderforscherinnen zickiges Verhalten und Mobben gern als „maskulin“ darstellen und dass diese Frauen von ihrer Umwelt (die sich weder gern mit diversen Intrigen ins Aus drängen noch durch bockiges Geschmolle emotional erpressen lässt) nicht verstanden würden. Ich erinnere mich nur an verschiedene Situationen, in denen mir die Schützlinge dieser Frauen penetrant auf den Hintern stierten, nur um dann juchzend loszulassen: „Oh, die ist so schön schüchtern!“. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass einige DIESER „Dykes“ echte Fashionistas mit Perlenohringen und seidigem Langhaar sind, noch dazu mit Männern zusammen oder jedenfalls überzeugt, diese würden vor ihnen nur so dahinschmelzen (falls sich dann herauskristallisiert, dass die eine oder andere der Männerwelt dann doch zu zickig ist – hat man ja immer schon gesagt, war ja immer schon so: An denen ist ein echter Junge verloren gegangen. „Dyke!“ halt.) Ok.

Anne Dippel beschreibt dann im „Freitag“ aufwendig die „kühle Erotik“ Weidels, mit so viel Dramatik, dass es fast wirkt, als sei sie verliebt in die Frau gewesen. Das Pathos kenne ich irgendwoher und weiß auch, wie es zu nehmen ist, nämlich nur halb so theatral wie es auf den ersten Blick scheint (Anne Dippel, falls du das liest: in anderen Teilen von „Wie konservativ sind Kultur & Medien“ findest Du einige recht unbefangene Beurteilungen MEINER intellektuellen & literarischen Qualitäten. Verzeih also die Offenheit. Man hat sie mir auch immer entgegengebracht. ist halt alles irgendwie Geschmackssache ….). Ich googele den Namen „Anne Dippel“ und richtig – aus dem Stall Horst Bredekamps, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität Berlin. Der Name taucht noch einmal auf dem islamfeindlichen Blog „fisch&fleisch“ auf, eine Art kleinerer „Achse des Guten“ mit dem Foto einer sehr hellhäutigen Woman of Color und ohne weitere Angaben zur Person. Die Wissenschaftlerin dagegen hat zwar ebenfalls leicht lockiges Haar, ist aber eindeutig Mitteleuropäerin.