Hater. Ein Nachruf auf Sylke Tempel, eine Replik auf einen Mann, der nicht im Namen des Islam spricht

Erraten. Dies ist ein False-flag-Artikel. Ich kannte Sylke Tempel nämlich gar nicht, die Berliner Journalistin, die am letzten, durch Orkan „Xavier“ extrem stürmischen Donnerstagnachmittag, von einem Baum erschlagen wurde und ums Leben kann. D. h. ich kannte Sylke Tempel vom Presseclub und aus dem Deutschlandfunk. Was sie sagte, schien mir, als Nicht-Nahostexpertin ganz plausibel zu sein, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich immer richtig verstanden habe. Ich glaubte, gelegentlich herauszuhören, dass sie auch versuchte, die palästinensische Position zu erläutern.

Ich kenne jede Menge selbst ernannter Nahostexperten, unter ihnen sicherlich Menschen, die sich sehr viel besser auskennen als ich, weil sie oft in Israel und Palästina waren, weil sie viel Kontakt zu den Menschen haben, weil sie sich lange Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Ich weiß nur, dass Palästinenser wirklich leiden, dass es wirklich Rassismus in Israel gibt. Ich weiß auch, dass den meisten Palästinensern nichts lieber wäre, als wenn Israel und mit ihm auch der letzte Jude ein für alle mal aus der Region verschwinden würden. Ich weiß, dass Israelis Angst haben, irgendwie gelernt haben, mit der ständigen Terrorgefahr zu leben und damit, dass sie von Feinden umzingelt sind. Ich weiß, dass es rechte, linke, politisch „mittige“ und unpolitische Juden gibt, einige sogar der Querfront um Ken Jebsen nahestehen, andere sogar in der AfD aktiv sind, die immer wieder mit rüden antisemitischen Ausfällen von sich reden macht. Israel (und Palästina) sind der liebste Zankapfel der Deutschen und es hat irgendwie mit unserer Vergangenheit zu tun – soviel weiß ich auch – und dass ich selbst den Nahostkonflikt nicht zu meiner Herzensangelegenheit machen möchte.

Ich mag Menschen, die versuchen, andere an einen Tisch zu bringen. Deeskalation, Kompromissbereitschaft, einander zuhören – all das ist heutzutage wichtiger denn je, denn die Fanatiker, die Trolle und die Hater dominieren jeden Diskurs. Wer die eine Wahrheit hat und sie vehement gegen jeden auch noch vorsichtig hervorgebrachten Hauch an Kritik verteidigt, hat das Sagen – in den Medien, in der Öffentlichkeit und – leider – auch in der Politik. Der Rest ist dann nur noch PR in eigener Sache: Die Gegner verarschen, sich wie die Karikatur eines Gorilla-Männchens in die Brust hauen und auf den Applaus der Menge warten. Heute gibt es „Tribes“, „Stämme“, sektenartige Grüppchen, bei denen man mitmachen kann, aber nur wenn man eine Art Initiationsritus erfolgreich durchläuft, bei dem einem dann auch gleich ein fester Platz in der Gruppe zugewiesen wird: Wie sehr, wie energisch, wie überzeugt steht man zu der Sache, wie gefestigt ist der Glaube an sie?

Wenn man die Burka kritisiert, darf ein klares Bekenntnis zu der Politik Benjamin Netanjahus nicht fehlen. Ansonsten gehört man vielleicht doch eher in die Reihen der „Israelkritiker“ und damit zu den verkappten Antisemiten, den schlimmsten Antisemiten vielleicht überhaupt. Auch wenn man die israelische Siedlungspolitik, sofern man darüber auf dem Laufenden ist, kritisiert, hört das andere Lager trotzdem „Islamkritik“ heraus. Irgendwie ist man dann auch ein Babykiller, der die Menschen in Libyen auf dem Gewissen hat und ein böser Rassist natürlich sowieso.

Manchmal muss man tatsächlich vorsichtig sein, denn wer behauptet nur gegen den „politischen Islam“ zu sein (unbedarfte Gemüter könnten meinen, es ginge um den IS und so etwas), der sagt im nächsten Satz meistens: „Und der Islam als solcher ist sowieso keine Religion, sondern Teufelszeug!“. Bamm! Allein die Rhetorik ist finsterstes Mittelalter und Anders Breivik war nicht weniger ein Massenmörder als die ganzen fanatisierten Selbstmordattentäter, die im Auftrag des IS handeln.

Wäre ich Sylke Tempel je begegnet, hätten wir einander vermutlich als erbitterte Feinde gegenübergestanden. Zumal man ihr vermutlich erzählt hätte, dass es sich in meinem Fall um eine wirre Antisemitin und „Muslimfreundin“ handelt (Ich deutete bereits an, dass das andere Lager glaubt, eine brutale Rassistin und „transatlantische Babykillerin“ vor sich zu haben.) Zumal ich auf Twitter den Nachruf von Hannes Stein bei den „Salonkolumnisten“ in der Timeline habe. Tempel war offenbar Katholikin und hatte dazu geschwiegen (Ich dagegen muss bei jedem Statement zu Israel und zum Judentum hinzufügen, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst haben die Leute das angeblich so verstanden.) Dennoch ist auch Tempel ein Opfer von Antisemitismus, genau wie Angela Merkel. Das ist keine Sympathiebekundung meinerseits, sondern eine Tatsache: Diskriminierung trifft Leute, weil sie für etwas gehalten werden oder man ihnen einen unangenehmen Stereotyp zuschieben möchte. Und es ist nicht weniger diskriminierend, wenn sich dann herausstellt, dass die Person gar nicht der angefeindeten Gruppe angehört.

Ich googele Hannes Stein, weil ich schon so etwas ahne. Ich kenne diesen Typ irgendwoher. Und richtig. Es kommt sogar noch schlimmer: In einem taz-Interview von 2011, das Deniz Yücel führte, stellt sich Stein, der Duz-Freund der Sylke Tempel auch als Freund Henryk M. Broders heraus, einer, der nichts dabei findet, Mohammed als „Pädophilen“ zu bezeichnen. Natürlich relativiert Stein. Wohl kaum ist er einer vom Schlage Anders Breiviks. Aber es sind leider genau diese Leute, die die Stimmung hinter den Kulissen immer wieder erbarmungslos anheizen.

Auf der berühmt-berüchtigten „Achse des Guten“, wo sich das philosemitische, islamfeindliche Milieu mit kräftigem Rechtsdrall austauscht, findet sich auch ein Artikel von Sylke Tempel aus dem Jahr 2008. Er ist mit „Hausfrau im Rampenlicht“ übertitelt und offenbar zuerst in der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“ erschienen. Dort ergreift Tempel ziemlich rüde Partei für Henryk M. Broder gegen Evelyn Hecht-Galinski. Es geht mal wieder ums Ganze, was darf oder darf nicht wer – Jude/Jüdin, Nicht-Jude/-Jüdin – für oder gegen Israel sagen. Ich möchte mich da, wie gesagt, nicht einmischen. Den Namen Uri Avneri habe ich mal diffus irgendwo gehört, im Zusammenhang mit einer Meinung, die ich auch nicht teilen möchte. An Broder störte mich schon immer der garstige, verletzende Tonfall, selbst dann, wenn er, wie im Falle Ken Jebsens, den Richtigen trifft. Tempel vermag es in dem „Achgut“-Artikel ebenso wenig, einen für den eigenen Standpunkt einzunehmen. Recht hochnäsig wird Hecht-Galinski, Tochter des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Heinz Galinski, gleich eingangs als Verfasserin „von Leserbriefen“ (also keine ernstzunehmende Journalistin, keine renommierte, mit Titeln hochdekorierte Verfasserin einschlägiger Literatur) abgestempelt. Das ist ein Tonfall, von dem im Presseclub oder auf Deutschlandradio nichts zu hören war.

Sylke Tempels Buch „Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem“ (erschienen 2003) habe ich dagegen vor vielen Jahren geradezu verschlungen. Sie hat es mit den beiden Mädchen Amal Rifai und Odelia Ainbinder verfasst, um deren Annäherung aneinander es geht – ein tolles Buch, das man nur jedem ans Herz legen kann und eine schöne Vision, dass eine Palästinenserin und eine Jüdin Freundinnen sein könnten, dass ihre Heimatstadt Jerusalem auch wirklich beider Heimat sein darf …

Journalisten eignen sich, glaube ich, als Lichtgestalten kaum. Wer weiß also, wer die Kippfigur Sylke Tempel wirklich war – eine seriöse politische Berichterstatterin, die versuchte, den Menschen beide Seiten nahezubringen oder tatsächlich eine „Islamkritikerin“, für die Mohammed der „pädophile Räuberhauptmann“ ein Schenkelklopfer gewesen ist? Vielleicht ist es letztendlich nicht wichtig, das zu wissen. Journalisten stehen unter Stress, müssen sich ständig im Gespräch halten und darauf achten, bei den richtigen Leuten auf Gegenliebe zu stoßen, um weiter empfohlen zu werden. Ansonsten, sehr schnell: Ende der Karriere. Nahostexperten oder solche, die sich dafür halten, und auch Experten für so ziemlich alles andere, gibt es schließlich genug.

Vielleicht ist es auch irgendwie so etwas, das Martin Lejeune, ebenfalls Journalist, dazu bewogen hat, ansässlich Sylke Tempels Tod zu twittern: „Die Gebete der Muslime wurden erhört Der Baum ist die Strafe Gottes für Sylke Tempel’s Taten Gottes Gerechtigkeit siegt“. Der Deutschen Welle zufolge wurde dafür gegen Martin Lejeune Strafanzeige gestellt. Zu Recht. Es wäre sozusagen der Gipfel der Aggressionen und das Ende jeglicher Zivilisation, wenn wir jedem den Tod wünschen würden, dessen Meinung wir nicht teilen können oder dessen Haltung uns vermessen, arrogant, überheblich oder sonstwie unsympathisch zu sein scheint.

Lejeune soll, so schreibt die Deutsche Welle, von 2007 – 2014 für verschiedene renommierte Medien gearbeitet haben. Dann kam offenbar der Abstieg und mit ihm die Aggressionen.

Wenn wir nicht noch mehr Anders Breiviks und Anis Amris wollen, müssen wir haargenau – und auch jenseits des Medienbetriebs – dort ansetzen – Warum all die Aggros?

* … fragt sich Laila Phunk, die – gäbe es die Aggros nicht – an einem Sonntag Besseres zu tun hätte, als einen Blogtext zu verfassen.

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Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Zauberwort Toleranz. Eine Replik auf eine Kolumne von Josef Joffe

Darf man das noch sagen? Jeder kennt sie, Menschen, die einem jedes Wort im Mund herumdrehen, und einen bereits zum Rassisten abgestempelt haben, noch bevor man das Wort überhaupt aussprechen kann. Ein Zuviel an Political Correctness ist schädlich. Nicht selten verkehrt sich ein solcher Übereifer sogar in sein Gegenteil.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Da sind sich wohl alle einig. Doch sie hat auch Grenzen. Man darf nicht behaupten, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, auch wenn man treuherzig versichert, dass man aber nun einmal fest daran glaubt. Und für die meisten Menschen steht es gar nicht erst zur Debatte, ob man andere als „Nigger“, „Bimbo“, „Fidschi“, „Fickmaus“ oder „Schwuchtel“ abtitulieren kann oder nicht. Lügen oder Beleidigungen sind nämlich keine Meinungen. Ganz einfach. Basta.

Was aber ist mit der Grauzone, mit allem, was dazwischen liegt? Charles Murray habe den Zorn der Verfechter der Political Correctness auf sich gezogen, schreibt Josef Joffe in seiner aktuellen Kolumne in der „Zeit“, weil der Wissenschaftler die These aufstellte, es gäbe, was die Intelligenz betrifft, genetisch bedingte Unterschiede zwischen den „Rassen“. Murray habe zwar eingeräumt, dass auch soziale Faktoren eine Rolle spielten, aber seine Gegner seien nicht zu besänftigen gewesen.

Kann man akademische Diskurse, bei denen es – allein um der Erkenntnis willen – ohne eine gewisse „Streitkultur“ nicht geht, überhaupt noch frei führen, wenn jede abweichende Meinung durch Denk- und Redeverbote sogleich im Keim erstickt wird, fragt sich Joffe.

Allein – die Frage ist, ob man auch sachliche Argumente gegen Thesen wie die von Murray vorbringen darf, ohne sich gleich in die Ecke der „übereifrigen Verfechter der Political Correctness“ gedrängt zu sehen. Dass schon der Rassebegriff an sich problematisch ist, werden alle bestätigen, die eine (oder mehrere) Migrationsgeschichte(n) in der Familie haben. Hat man nun die guten oder die schlechten Eigenschaften von Omas oder Opas „Rasse“ geerbt? Und wie kommt es, dass andere, die dieser „Rasse“ nicht „angehören“, über die gleichen (guten oder schlechten) Eigenschaften verfügen?

Zwar stimmt es, dass unter Schwarzen mehr hochgewachsene Menschen zu finden sind als unter Asiaten, so wie die Mehrheit der Schweden nicht schwarz- oder braunhaarig ist, sondern hellblond, was wiederum am Mittelmeer eher selten ist. Aber da hört es auch schon auf. Wer an den gefühligen schwarzen Soulsänger, Hip Hopper oder Basketballstar denkt, vergisst den (ebenfalls schwarzen) ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der in dem Ruf stand, für ein amerikanisches Staatsoberhaupt merkwürdig intellektuell und eher weniger volkstümlich „zum Anfassen“ daherzukommen. Das Image, begnadete Basketballspieler zu sein, hatten dafür zu früheren Zeiten in den USA offenbar die Juden inne. Aber denen schlägt schon das – zum Teil durchaus wohlwollende – Vorurteil entgegen, sie seien wohlhabende und gebildete Leute, zumeist sogar hochintelligent. Das sei auf ein spezielles Gen zurückzuführen – das „Judengen“ – ein Topos, den 2010 der ehemalige (nicht-jüdische) Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin aufgriff. Unzählige Schüler in Israel wünschten wahrscheinlich, da wäre etwas dran.

Das lässt sich also alles ziemlich leicht widerlegen. Aber so wenig stichhaltig diese Ideen zu „Rasse“ und „Genetik“ auch sind, stillschweigend existiert neben den eingangs erwähnten rabiaten, heillos überzogenen Formen der Political Correctness auch das Gebot, Menschen wie Murray erst einmal anzuhören und sie nicht sofort als Rassisten zu brandmarken. Gerade wer sich eigentlich eher dem linksliberalen Lager zuordnet, ist oft vorsichtig. Schließlich möchte man nicht als verkniffen und hysterisch, als Tugendwächter(in) und Spinner(in) dastehen, während andere nur „kein Blatt vor den Mund nehmen“ und „ehrlich sagen, was sie denken“.

So wie ein Student an meiner Uni, der, wohlwissend dass ich mich für Französisch begeisterte, damit kokettierte, dass er aber den „Vlaams Blok“ cool fände („Vlaams Blok“, heute: „Vlaams Belang“, eine rechtsextreme belgische Partei, die vorgibt, die Interessen der Niederländisch sprechenden Belgier zu vertreten). Natürlich stempelte ich ihn deshalb nicht gleich als rechts ab. Hatte er nicht einfach nur einen kleinen Scherz gemacht, wenn auch auf Kosten der „blöden, verbiesterten“ Linken? Das zumindest war die Lesart, die man von mir erwartete und ich war so freundlich, sie auch zu liefern.

Oder die Frau, die ich in Berlin kennen gelernt hatte: Anders als der eben zitierte (eher konservative) Student war es eine Linke, die in der Welt herumgekommen war und sich für alternative Lebensformen und Entwicklungshilfe begeisterte. „Die Neger“ eröffnete sie mir, als wir einmal in Kreuzberg einen Kaffee miteinander tranken, seien aber „nun einmal dreckig.“, zumindest in der Karibik, wo die Frau im Urlaub offenbar unangenehme Erfahrungen gemacht hatte. Darauf konnte ich recht wenig entgegnen. Mag sein, dass in der Karibik andere Standarts gelten, was Müll betrifft. Das ist auch in Italien so. Aber da liegt es an der Mafia.

Trotzdem fragte ich mich, warum ausgerechnet jemand, der sich so demonstrativ links gibt, nicht einfach sagen kann: „In der Karibik ist das mit dem Müll wirklich ein Problem!“. Am Tisch hinter uns saß ein Pärchen zweier adipöser Frauen. Die Frauen grinsten. Ich ging mit der linken Bekannten nie wieder einen Kaffee trinken.

Sicherlich ist es, so könnte man vielleicht als Quintessenz festhalten, überzogen, jeden, der Worte wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ in den Mund nimmt, zum Feind der liberalen Demokratie, der Weltoffenheit und der Menschlichkeit schlechthin zu stilisieren, zumal die Leute, auf die das Vorurteil vom „selbsternannten Tugendwächter und Moralapostel“ zutrifft, oftmals gut daran täten, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wer eine(n) andere(n) ungewollt beleidigt hat, ist sicher gern bereit, das aus der Welt zu räumen und sich zu entschuldigen. Wer sich aber immer nur angegriffen fühlt, sich selbst als über alle Zweifel erhabene Lichtgestalt präsentiert und andere mit immer neuen vermeintlich erlittenen Ehrverletzungen in die Enge zu treiben versucht, der (oder die) muss sich fragen, ob er (oder sie) nicht vielleicht letztendlich selbst der (oder die) Aggressor(in) ist. Das gilt für die Linken und die Minderheiten, aber auch für die Konservativen und die Rechten. Oder – um es kurz zu machen: Toleranz ist das Zauberwort!

PC bis der Arzt kommt! Eine Steilvorlage für die Rechten?

Man kann aus einer Mücke einen Elefanten machen und dann alle Mücken totschlagen, weil man Angst hat vor ein paar durch den Busch tobenden Elefanten. Die Frage ist nur: Bringt es was? Ein bisschen erinnert mich das an die Debatte über Political Correctness. Niemand möchte totgetrampelt werden (Theoretisch besteht die Gefahr bei Elefanten durchaus, auch wenn es an sich keine besonders aggressiven Tiere sind). Ich finde es, um auf das Thema Sprache zu kommen, nicht „mutig“, andere Menschen als „Nigger“, „Schlampen“, „Schwuchteln“, „warme Brüder“ , „kesse Väter“ oder „Muselmänner“ abzutitulieren. Den Holocaust zu leugnen oder zumindest stark zu relativieren, ist kein „Befreiungsschlag“ und ich kann nicht verstehen, warum Menschen sich „eingeengt“ fühlen, weil der Begriff „völkisch“ nicht positiv besetzt ist oder zur Debatte steht, ob Schwule und Lesben nicht doch auch ganz normal heiraten können dürfen sollten.

Aber die „Mücke“ bzw. dass man sie totschlägt, um der Elefanten Herr zu werden, ist eine übertriebene, dogmatische Form der Political Correctness. Ich glaube nicht, dass hysterische Eiferer und Tugendwächter der Welt etwas Gutes tun oder auch nur den Minderheiten, für die sie sich einsetzen, einen Dienst erweisen, wenn jede Kleinigkeit als „Microaggression“ gedeutet wird, die „den anderen“ – Migranten und Migrantinnen, People of Color, Homosexuellen und alle, die sich irgendwie damit identifizieren – angeblich entgegenschlägt. Ganz im Gegenteil.

Es ist ja auch zunächst einmal eine Frage der Gewichtung: Mich griff auf einer feministischen Veranstaltung in Berlin einmal eine (weiße, deutsche, ziemlich übergewichtige) Frau an, weil ich die Personalpronomen „ihr“ und „wir“ verwendet hatte, als ich von der DDR und der BRD, den beiden deutschen Staaten, wie sie vor 1990 existiert hatten, gesprochen hatte. Das sei „Ausgrenzung durch Sprache“ behauptete die Frau. Aber mal ehrlich, was ist denn schlimmer? Wenn ein entfesselter Mob Asylbewerberheime angreift oder Schwarze totprügelt, oder wenn jemand die falschen Pronomen verwendet? Ich denke, da gibt es Unterschiede.

Natürlich stimmt es, dass eine gewisse sprachliche Verwahrlosung dazu führen kann, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Ausgrenzung und Diskriminierung akzeptabel erscheinen. Aber „wir“ und „ihr“ gehören nicht zu den „bösen Worten“. „Nigger“ und „Samenklau“ schon eher. Ganz abgesehen davon kann man sich auch politisch korrekt ausdrücken und sich trotzdem diskriminierend verhalten. Jemand sagt zwar „Roma und Sinti“, unterstellt aber trotzdem, dass jeder von denen klaut und lässt sich gar nicht davon abbringen. Obwohl es der blonde Hipster war, der ihm oder ihr das Portemonnaie geklaut hatte.

Und was ist, wenn es wirklich ein Roma oder Sinti war? Darf man zwischenmenschliche Konflikte nicht mehr benennen? Hat man nur noch die Option, sich das Portemonnaie klauen zu lassen und lächelnd darüber hinwegzusehen („Die sind nun einmal so“ – Wirklich?) oder sich als „antizigan“ zu outen und mit fliegenden Fahnen zum rechten Lager überzulaufen? Nein, bitte nicht!

Auf einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung höhnte einmal eine (wieder eher dickliche) Frau, sie wollten mich „rechts machen“. Ich traute zunächst meinen Ohren nicht. Mittlerweile glaube ich ihnen. Je mehr Leute rechts sind, desto mehr Möglichkeiten stehen jungen, engagierten Linken offen. Dann ist niemand mehr im Weg als unliebsame Konkurrenz um Jobs, oder mehr noch: um das coole linke Image. Es mag Leute geben, die wirklich so dumm, so kurzsichtig und so egozentrisch sind. Folgt man dieser Logik, dann hätten sie dann ja im Nationalsozialismus als Linke optimale Chancen gehabt, denn da war ja die breite Masse rechtsextrem. Vielleicht sollte jemand solchen Leuten mal ein Geschichtsbuch vorhalten: Linke bzw. Menschen, die den Nationalsozialismus als politischen Heilsbringer in Frage stellten, landeten damals im KZ oder wurden gleich ermordet.

Vielleicht hat „rechts machen“ aber auch noch einen anderen Aspekt. Vor vielen Jahren hatte ich im Studentenwohnheim eine arabische Nachbarin. Zunächst kamen wir gut miteinander aus. Ein paar Monate später aber störte sich jede an dem Lärm, der durch die extrem dünnen Wände ins Zimmer der anderen hinüber drang. Ich reagierte trotzig und weigerte mich, weiterhin mit Nadia, wie ich sie hier einmal nennen werde, Französisch zu sprechen. Nadia reagierte mit „Je te casse la gueule!“ („Ich schlage dir die Fresse ein!“). Ich verstand sehr gut. Der Konflikt drohte, zu eskalieren.

Unerwartet nahm mich eine andere Mitbewohnerin, mit der ich nie so richtig warm geworden war, beiseite und raunte mir zu „Ich mag die Negerin auch nicht“. Mir krampfte sich der Magen zusammen. Ich hatte Nadia nicht einmal als „farblich fremd“ wahrgenommen, aber es bestürzte mich, dass überhaupt die Idee im Raum stand, die Herkunft meiner Nachbarin sei das Problem. Ich hätte mich an ihr wohl ebenso gestört, wenn sie eine hellhäutige Deutsche, eine dunkelhaarige Portugiesin, Rumänin oder tatsächlich schwarz gewesen wäre.

Allerdings gab es bei uns auf dem Flur auch ein paar neue „Ausländerfreunde“. Keineswegs waren es, wie man erwarten sollte, übereifrige Linke, Feministinnen und „queere“ Menschen (obwohl die sicher heute in einem vergleichbaren Konflikt sofort zur Stelle wären). Nein, es waren konservative und rechte Studenten, die die Stunde gekommen sahen, mich als Linke zu demütigen und aller Welt vorzuführen, dass die angeblich so engagierte Studentin doch in Wirklichkeit die eigentliche „Rassistin“ sei.

Diese Versuche ließ ich damals jedoch an mir abprallen, denn ich hatte genug arabische Freunde. Bis heute habe ich nie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass die Menschen überall auf der Welt die gleichen sind – im Guten wie im Schlechten. Es ist mir auch allzu oft bestätigt worden.

Der Konflikt mit Nadia wurde irgendwann zu einer Art Waffenstillstand, den beide Seiten zähneknirschend einhielten. Allerdings frage ich mich schon, ob heutzutage hysterische VertreterInnen der Political Correctness und Neurechte nicht auf fatale Weise an einem Strang ziehen.

Josef Joffe hat in der neuesten Ausgabe der Zeit (Print) geschrieben, dass die Gefahr für die Demokratie möglicherweise von beiden Lagern ausgeht. Da kann ich mich nur anschließen. Jedenfalls: Dass man sich nicht mit „Microaggressionen“ und falsch verwendeten Personalpronomen gängeln lassen will, bedeutet nicht, dass man dem rechten Rand Beifall klatschen würde. Ich wünschte, viel mehr Leute würden das so in aller Deutlichkeit sagen.

Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf. Noch schlimmer: Jemand attackiert dich, gehört zufällig einer Minderheit an (oder behauptet das. Ja, das gibt es auch: falsche Lesben oder Transsexuelle zum Beispiel) – und dann bist du -phob, jedenfalls irgendwie diskriminierend.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann ja offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

Edition F: Frauen zwischen Business-Etage & Latte macchiato

… MUSS JA NICHT UNBEDINGT ETWAS SCHLECHTES SEIN

She-Boss: Frauen und Business, ein heikles Thema, denn die moderne Frau von heute will nicht Heimchen am Herd sein und trotzdem ist „Karrierefeminismus“ à la Sheryl Sandberg out. Das zu betonen ist v. a. den zur Zeit so angesagten Queerfeministinnen wichtig und die geben immerhin was Frauenthemen betrifft, die Marschrichtung vor. In diesem Dilemma ein Online-Magazin für Frauen zu gründen, das seine Zielgruppe erreicht und den Schwerpunkt „Business“ dabei nicht aus den Augen verliert, ist zweifelsohne ein gewagtes Unterfangen. Dennoch, der Erfolg scheint Edition F recht zu geben, wie Nora Burgert-Arp das Magazin Ende 2014, nur kurz nach der Gründung, auf Meedia bereits euphorisch gelobt hat. Und es stimmt, selbst wenn frau sich kaum für Feminismus interessiert und keinerlei Anbindung an die hippe, großstädtische Frauenszene hat – Edition F kennt man irgendwie.

Allerdings ist das Stichwort Vernetzung gleich wieder ein Dämpfer: Vielleicht muss man nur ein bisschen hinter die Kulissen schauen und dann wirkt es eher so, als ob hier junge, hippe Frauen, wie – vielleicht – Nora Burgard-Arp, junge, hippe Magazine wie Edition F pushen, weil dahinter ebenfalls junge, hippe Frauen stehen und frau die Connection vielleicht noch einmal brauchen kann. Das klingt hart und missgünstig, aber es ist das, was der Kommentar von UserIn „Foska“ nahelegt, die Burgard-Arps Artikel als „unnötig einseitig“ kritisiert und darauf verweist, dass es „zahllose andere, ähnliche Initiativen“ gebe, die nur weitaus weniger mediale Aufmerksamkeit als Edition F erhielten. Das stimmt. Aber Nora-Burgard-Arp hat auch recht, wenn sie Edition F ein „Alleinstellungsmerkmal“ attestiert: Tatsächlich haben andere Business-Magazine von Frauen für Frauen andere Schwerpunkte: Jedes für sich genommen lohnt, gelesen zu werden – vorausgesetzt eben, einen interessiert die jeweilige Schwerpunktsetzung.

Auch bei Edition F macht’s die Mischung: Zu den Artikeln gibt’s eine regelmäßig aktualisierte Jobbörse mit handverlesenen Jobangeboten, alle aus dem Bereich Medien und Kreatives, und Webinare, also Online-Seminare, als berufliches Weiterbildungsangebot. Der Anspruch, nicht nur ein Magazin für Frauen mit beruflichen Ambitionen sein zu wollen, sondern auch eine Community, eventuell sogar ein Karrierenetzwerk für Frauen, ist gut umgesetzt: Die entsprechende Zielgruppe wird konsequent und zielstrebig angesprochen: Hauptsächlich, so der erste Eindruck, geht es um junge Akademikerinnen, zumeist Geisteswissenschaftlerinnen, die „was mit Schreiben“ machen wollen und irgendwie eine kreative Ader haben. Die ideale Leserin von Edition F ist vermutlich die typische „Prenzlauer-Berg“- oder auch „Latte-macchiato-Mutti“, die Germanistik, Pädagogik oder Kunstgeschichte studiert hat und, da es ihr in den hart umkämpften Wunschberufen Journalismus, PR, Öffentlichkeitsarbeit und Digitales zunächst nicht gelungen ist, beruflich Fuß zu fassen, jetzt für’s erste zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert.

Das spiegelt sich – im positiven Sinne! – auch in den Artikeln wieder: immer gut geschrieben und professionell für’s Web aufbereitet, dabei aber zwischen „Leser(in)artikel“ und klassischem Journalismus changierend, wird der Community-Gedanke glaubwürdig und gewissermaßen als „Corporate Identity“ vermittelt. Thematisch kommen z. B. „Mompreneurinnen“ zu Wort, Mütter, die nebenher ein kleines Start up am Laufen haben, z. B. einen Online-Shop, und junge Geisteswissenschaftlerinnen, die Zweifel, Sehnsüchte und Probleme in der Berufswelt offen ansprechen, über die wohl jede Frau aus diesem Bereich schon mal nachgegrübelt hat. Lena Lammers z. B. schreibt „Vieles spricht gegen meinen Berufswunsch – warum ich es trotzdem durchziehe“. Von da aus werden einem viele andere, für prekär lebende „brotlose Künstlerinnen“ mindestens ebenso interessante Artikel empfohlen und wie bei jedem guten Online-Magazin erlaubt es die Kommentarfunktion, miteinander ins Gespräch zu kommen, sofern man bzw. frau das will. Die Strategie von Edition F, von Frau zu Frau zu sprechen, geht jedenfalls auf. Lifestyle-Artikel mit aussagekräftigen Titeln, wie „Maxine: „Fast alle Ballettschülerinnen hatten eine Esstörung und die Lehrer wussten das““ (von Marcia Scharf) oder „Warum wir jetzt alle Yoga zu Hause machen wollen“ (von Edition F) sorgen außerdem dafür, dass es nicht beim trockenen „Business only“ bleibt und halten die ursprünglich vielleicht nur mäßig wirtschaftsaffine Community bei der Stange.

Allerdings – so toll der Community-Gedanke auch ist und so sehr er dem Zeitgeist entsprechen mag, wie Nora Burgard-Arp schon 2014 auf Meedia geschrieben hat – in der engen Zuspitzung der Zielgruppe liegt gleichzeitig auch eine Schwäche von Edition F bzw. es ist der Grund, weshalb es eben doch kein „richtiges“ Business-Magazin für Frauen ist und in dem Bereich wohl die anderen, kleineren, aber inhaltlich focussierteren Angebote, von denen UserIn „Foska“ gesprochen hat, die Nase vorn haben: Edition F ist eben wirklich für die „Prenzlauer-Berg-Mutti“ (auch wenn die in München-Schwabing oder Düsseldorf wohnt), sprich für junge, materiell angesicherte Frauen, denen es weniger ums Geld verdienen geht, als um berufliche Selbstverwirklichung und die Eitelkeit, nicht nur „Mutti“ oder „Ehefrau von …“ zu sein. Das ist nichts Falsches. Ganz im Gegenteil: Es ist ein wichtiger Motor und warum sollten Frauen denn auch nicht ihren Beitrag zum öffentlichen Leben leisten wollen? Nur kommt der Aspekt „Geld“, der ansonsten beim Thema „Business“ das A & O ist, bei Edition F eben trotzdem ein bisschen zu kurz.

Dabei gehen die Macherinnen Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert selbst eigentlich ganz bodenständig damit um: Das Magazin kann jede gratis lesen, für die Webinare muss jedoch gezahlt werden und offenbar ist, wie Eva Fischer auf Meedia schreibt, auch ein kostenpflichtiger Premiumbereich geplant. Die Mischung Gratis-Basisangebot und Premium-Account mit allerlei Extras gegen Geld hat sich im Internet mittlerweile bewährt und ist den UserInnen gegenüber auch verhältnismäßig fair. Immerhin können alle partizipieren und ein bisschen Geld kommt trotzdem in die Kasse.

Dennoch: Edition F hat bereits mehrere Investitionsrunden hinter sich, wie Eva Fischer berichtet, und als jemand, der nicht in der Welt der Start ups zu Hause ist, stolpert man beim Lesen von Fischers Besprechung des Frauenmagazins unweigerlich über den Satz: „Die schwarzen Zahlen sind nicht mehr weit weg.“. Zwar ist das noch mal ein dickes ein Lob für Edition F, denn bekanntlich gelingt es jungen, ambitionierten Start ups gerade im journalistischen Bereich kaum, sich überhaupt nennenswert lange am Markt zu halten, aber nichtsdestoweniger ist damit auch gesagt: ohne mehrfache kräftige Finanzspritzen und ein solides finanzielles Backing der Macherinnen, vermutlich von privater Seite, wäre Edition F nicht möglich. Fazit: Zum Lesen wärmstens empfohlen, in punkto „Business“ jedoch, da hat KommentatorIn „Foska“ (siehe oben) recht, eher eine von vielen. Aber das muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein …

Quellen:

  • Art. „6 Gründe, warum alle Edition F lieben“ v. Nora Burgard-Arp, Meedia, 04. 12. 2014.
  • Art.: „Edition F: das Webmagazine für karrierebewusste Frauen macht selbst Karriere“ v. Eva Fischer, Meedia, 29. 09. 2016.