Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.

Minderheiten gegen soziale Gerechtigkeit? Gegenessay zu Christian Volk (II. Version)

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist daher – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Darauf kann man im Prinzip nur mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip ja, aber …“.

Sicher, richtig, die historische Linke hat sich immer gleichermaßen sowohl gegen die Diskriminierung von Minderheiten und sozial marginalisierten Menschen gewendet als auch eine Politik vertreten, die sich soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit als Leitprinzip auf die Fahnen geschrieben hat.

Allerdings ist „gegen Diskriminierung“ nicht das Gleiche wie „für Minderheiten“, die liberale Gesellschaft oder auch linke Politik macht sich nicht am Umgang mit Minderheiten fest. Schon gar nicht verkörpern etwa Minderheiten das linke Prinzip gegen die rechte „Mehrheitsgesellschaft“. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Bashar al-Assad u. a. den Schutz der dort lebenden Minderheiten zum Vorwand nahm, um demokratische Reformen zu unterdrücken. Außerdem ist nicht jeder, der einen Minderheitenstatus für sich beansprucht, liberal in dem Sinne, dass er auch anderen die gleichen Freiheiten zugestehen würde. Der Brite Milo Yiannopoulos ist vielleicht das beste, zumindest aber ein sehr aktuelles Beispiel dafür.

Christian Volk hat zwar recht, wenn er das rechte Denkmuster vom „Volk“ im Sinne von „völkisch“, als ethnische Kategorie kritisiert und ihm die Bevölkerung, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, entgegensetzt.

Jedoch wird man den Eindruck nicht los, dass er selbst genau dieses Denkmuster übernimmt, nur eben in die umgekehrte Richtung. Nicht die Betonung der Unterschiedlichkeit der Interessen macht aber die gerechtere, freiere, demokratischere Gesellschaft aus. Wer Partikularinteressen über die Idee der sozialen Gerechtigkeit stellt, quasi als Wettbewerb der verschiedenen „Communties“ bzw. „Interessensgruppen“ um die Förderung ihrer Belange von staatlicher Seite, ist damit nicht der bessere Demokrat / die bessere Demokratin.

Die Minderheitenpolitik – ein akademisches Projekt der 90er

Tatsächlich ist auch die Idee eines „selbstbewussteren“ Auftretens von Minderheiten als eigenständige Communities nicht genuin mit der historischen Linken verknüpft, die eher auf Egalisierung abhob, also jene, die nicht mithalten konnten, zu unterstützen versuchte. Die gegenwärtige Minderheitenpolitik ist eigentlich ein Kind der späten 1990er Jahre. Nicht ganz zufällig parallel zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Liberalisierung und dem Abbau sozialsstaatlicher Hilfestellung, sickerte sie im Zuge der Gender-, Queer- und Black Studies aus den universitären Elfenbeintürmen in die Gesellschaft ein. Nur sind hermeneutisch abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragbar.

Ganz abgesehen davon, dass es in den USA, wo die Gender-, Queer- und Black Studies entwickelt wurden, Sinn macht z. B. von der schwarzen (oder indigenen) Community sprechen, deren Mitglieder alle die Erfahrung historisch tradierter Benachteiligung und Ausgrenzung teilen. In Deutschland käme ein solcher Status allenfalls den Juden zu. Gerade diese stehen aber, nebenbei bemerkt, gar nicht so sehr im Zentrum der Minderheitenförderung, sondern sind nach wie vor merkwürdig unsichtbar.

Das bedeutet nicht, dass es Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Deutschland etwa nicht gäbe oder dass es zumindest nur ein vernachlässigenswertes Problem wäre. Ganz im Gegenteil: Gerade die brutalen Abschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen hatten die deutsche Linke in den 1990er Jahren besonders für diese Problematik sensibilisiert.

Jugoslawien als Vorbild?

Dennoch scheinen mir z. B. die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre eine geeignetere Hintergrundfolie für die aktuelle Minderheitenpolitik zu sein. Im Prinzip hatte keine der kriegführenden Parteien in ihrer theoretischen Argumentation gänzlich Unrecht: Die „Jugoslawische“ nicht, die die „Südslawen“ im Grunde für ein „Volk“ hielt – das ist plausibel mit der gemeinsamen Sprache begründbar. Es gibt nur geringfügige dialektale Abweichungen zwischen „Kroatisch“, „Bosnisch“ und „Serbisch“ -, aber auch die Separatisten und Ethnokrieger, die sich auf historisch gewachsene Unterschiede beriefen, haben nichts wirklich Falsches gesagt: Immerhin hatte das katholische Kroatien zu Österreich-Ungarn gehört, Bosnien und Serbien zum Osmanischen Reich. Die christlich-orthodoxen Serben hatten sich die Unabhängigkeit als erste erkämpft, das überwiegend muslimische Bosnien dagegen hatte sich den Osmanen über die Jahrhunderte kulturell und religiös angenähert.

„Verschieden“ oder „gleich“ sind hier eine Frage des Blickwinkels. Gesiegt hat seit den 1990er Jahren die „separatistische“ Sichtweise, die möglichst kleine Entitäten einander kulturell, religiös, sprachlich und ethnisch möglichst ähnlicher Menschen hervorbringen wollte.

Ethnokitsch statt Toleranz

Auch wenn der Jugoslawienkonflikt freilich komplexer ist und ich hier nicht für eine Seite Partei ergreifen möchte – man kann darin durchaus eine politische Vorlage für die Betonung des „Partikularinteresses“ sehen. Abgrenzung statt Annäherung, Unterschiede hervorheben statt Gemeinsamkeiten. In den europäischen Einwanderercommunities ist das mittlerweile fast zu einem neuen Ethnokitsch verkommen. Vielfach und nicht nur in Deutschland ist beobachtet worden, dass heute sehr viel mehr Migrantinnen Kopftuch oder sogar Niqab tragen, als noch vor 20 Jahren. Dass Einwanderer oft konservativer sind als viele ihrer Landsleute in der Heimat und sich in der Fremde an Traditionen klammern, die im Heimatland kulturell kaum mehr eine Rolle spielen, ist nicht neu. Auch muss man natürlich konstatieren, dass auch die Türkei, die nordafrikanischen Länder und der Nahe Osten in den letzten Jahren konservativer geworden sind.

Anhand der Burka-Debatte, die im letzten Sommer in Deutschland geführt wurde, konnte man jedoch sehen, dass die Diskussionen, die dazu in den muslimisch geprägten Ländern selbst geführt wurden, viel differenzierter waren. Hierzulande wurden sie heruntergebrochen auf das Fremdartige, kulturell Verschiedene, das auf Seiten der gebildeten Eliten, im liberalen, der Globalisierung gegenüber aufgeschlossenen Lager begrüßt und in rechtskonservativen Kreisen umso vehementer abgelehnt wurde.

Dennoch kann man auf beiden Seiten eine Fixierung auf die ethnisch-kulturelle Differenz feststellen. Den in Deutschland lebenden türkische Erdogan-Anhänger, der sich voll mit den politischen Ereignissen in der fernen Heimat identifiziert, verbindet mit dem türkischen Linksintellektuellen heutzutage mehr als den türkischen Linksintellektuellen je mit einem deutschen Linken verbinden würde: Kosmopolitismus adé, es ist die „Stimme des Blutes“, die jetzt wieder eine tragende Rolle spielt. Grenzen, die in den letzten Jahren nach außen abgebaut wurden, werden nach innen um so energischer wieder hochgezogen.

Wirklich besser als die neue Rechte?

Warum verstört es im liberalen Lager dann so, wenn auch Deutsche sich wieder auf ein ethnisch-kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl berufen? Nicht, dass ich das gut fände. Natürlich ist es Quatsch, sich von einer „Islamisierung des Abendlandes“ bedroht zu fühlen. Es gibt, rational gesehen, keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass etwas Derartiges zu befürchten ist. Auch wird niemand dadurch, dass es im Viertel eine Moschee gibt, daran gehindert, den christlichen Sonntagsgottesdienst zu besuchen.

Wenn in die Moschee gehen kann, wer in die Moschee gehen möchte und in die Kirche, wer in die Kirche will, dann ist das Pluralismus. In der Tat, und da hat Christian Volk recht, ist das ein Grundpfeiler der Demokratie. Ansonsten könnte man die Grenzen auch noch etwas enger setzen und nicht nur die Moschee, sondern demnächst auch Rockmusik und Jeans als „undeutsch“ oder „nicht zum christlichen Abendland passend“ verbieten und wer will das schon?

Das Beharren aber auf der eigenen ethnischen „Identität“, die speziell gefördert werden muss, sofern es sich um eine Minderheitenidentität handelt, und auf jeden Fall nach außen hin zu verteidigen ist, nimmt sich nicht viel mit dem „völkischen“ Denken der neuen Rechten, die eben dies als „Ethnopluralismus“ bezeichnet und sich ihrerseits dafür stark macht.

Diskriminierung – viel komplexer als viele denken

Zudem kann man weder eine Minderheitenidentität noch kulturelle Differenz essen oder sich einen Wintermantel davon kaufen. Ausgrenzungsmechanismen lassen sich im realen Leben nicht auf „das Andere“ reduzieren, wonach, wer am „andersten“ ist, sich also am grellsten, plakativsten von der „Mehrheitsgesellschaft“ abhebt, auch am ausgegrenztesten ist. Ungebildete „Gastarbeiter“ und Armutsmigranten haben nicht nur geringere Chancen, sich in Deutschland sozial zu etablieren als wohlhabende, gebildete „High Potential“-Einwanderer, sie sind auch eher von Stigmatisierungen und ausländerfeindlicher Diskriminierung betroffen. Hinzu kommt, und auch das ist kein Geheimnis, dass Deutschland auch für Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ in den letzten Jahren nach oben hin sozial undurchlässiger geworden ist.

Minderheiten als Zankapfel

Formen der Diskriminierung wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus dagegen sind insbesondere seit der Flüchtlingswelle von 2015 immer wieder zum Zankapfel geworden – sind sie doch unter Einwanderern ebenso präsent wie unter konservativen und rechten Deutschen, sodass sie sich ideal dazu eignen, Minderheiten gegen die „Mehrheit“ auszuspielen. Komme ich nun den Flüchtlingen entgegen, weil ich sage, dass man es mit dem Feminismus auch nicht übertreiben sollte – schon aus Rücksicht auf die fremde Kultur? Oder kann ich mich als „Freund der Juden“ aufspielen, weil ich den – real existierenden – Antisemitismus unter muslimischen Migranten anprangere? Ist das Band zwischen Homosexuellen, „Queerpersonen“ und Flüchtlingen ein besonders enges, weil doch beides Minderheiten sind? Oder zerstört Einwanderung unsere liberale Gesellschaft?

Der Gegensatz „Minderheiten“ versus „Mehrheitsgesellschaft“, wie ihn das liberale, globalisierungsfreundliche Lager aufmacht, hat den Strategien der neuen Rechten bislang wenig entgegenzusetzen gehabt. Der Erfolg gibt den Vertretern der Gender-, Queer- und Black Studies, die derzeit alle Plätze im linksliberalen Lager okkupiert haben, bislang leider nicht recht. Im Gegenteil, je mehr die Minderheitenpolitik den Vorrang erhalten hat, umso stärker wurde auch die neue Rechte. Faktisch verbessert hat sich die Lage von Minderheiten und sozial Randständigen deshalb aber nicht. Zum Teil hat sie sich in wirtschaftlicher Hinsicht sogar spürbar verschlechtert.

„Critical Whiteness“ – eine Verballhornung der Antidiskriminierungspolitik?

Viele „ermutigende“ Aktionen, wie etwas die Kritik an „kultureller Aneignung“, wie sie Vertreter der „Critical Whiteness“ üben, wirken zudem teilweise schon fast wie eine Verballhornung linker Antidiskriminierungspolitik. Wer den begehrten Ausbildungsplatz trotz guter Zeugnisse nicht bekommt, weil andere „besser ins Team passen“ und „mehr Potenzial haben“, den wird es kaum interessieren, dass sich irgendwo ein paar Elite-Studenten darüber echauffiert haben, dass ein „nicht-weißes“ Gericht durch „Weiße“ falsch zubereitet wurde oder ein „Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft“  sich einen punkigen Irokesen hat schneiden lassen. Wenn man bösartig wäre, könnte man fast schon auf den Gedanken kommen, dass es darum geht, vom Wesentlichen abzulenken, obwohl das sicherlich auch nicht stimmt.

Bei so erbitterten Grabenkämpfen verwundert es allerdings nicht, dass Menschen mittlerweile auch fast alles aufbieten, um „nicht-weiß“ und „nicht Mehrheitsgesellschaft“ zu sein. Das -ski im Nachnamen, das früher schlesisch war, ist jetzt „polnisch“, Probleme mit dem eigenen Körper werden als „queer“ etikettiert. Wäre es nicht eigentlich aber viel interessanter, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu tun? Verbindliche Regeln aufzustellen, ein Schutz vor Diskriminierung und rechtlicher Ungleichbehandlung, der jedem und jeder gleichermaßen zusteht? Dann wären der Nachname und der Körper egal und es wäre auch nicht wichtig, ob sich eine Frau z. B. erst vor kurzem als „lesbisch“, „trans“oder „queer“ geoutet hat, oder ob sie immer schon „anders“ war. Es wäre einfach weder mit Vor- noch mit Nachteilen verbunden und genau das sollte eine Gesellschaft, die demokratisch, egalitär und pluralistisch zugleich sein will, anstreben.

Gleiche Rechte bedeuten nicht Gleichschaltung!

Statt Partikularinteressen zu vertreten, müsste man also wieder zu einem Diskurs kommen, in dem wirklich die Gleichberechtigung, also gleiche Rechte für alle als verbindendes Element im Mittelpunkt stehen und nicht so sehr das Päppeln eines „Selbstbewusstseins“ des „Anderen“, das mindestens ebenso konstruiert ist wie das „Volk“, auf das sich die Rechten berufen.

 

Knackpunkt Burka: Alles nur Stimmungsmache?

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Wenn man die Burka verbieten lassen will, müsste man auch Weihnachtsmann- und Nikolauskostüme verbieten lassen. An markigen Statements fehlte es im letzten Sommer, als das Burka-Verbot auch in Deutschland zur Debatte stand, nicht. So sorgte sich z. B. der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger um Karnevals- und Weihnachtsmannkostüme. Der Rechtsanwalt, Blogger und Kolumnist Heinrich Schmitz zog im Debattenportal „Causa“ des Berliner Tagesspiegel einen Vergleich zu „weiße(n) Socken in Sandalen zu kurzen Hosen“. Kultur ist eben nicht nur die Kultur des kartoffeligen Deutschen mit seinen Tennissocken an den käsigen Beinen und dazu die spießig-religiös verbrämten Winterriten, die ja doch nur die Supermarktkassen klingeln lassen. Röhrende Hirsche und die „Eiche rustikal“-Schrankwand haben ausgedient, so wollte man klarstellen. Jetzt bricht ein neues Zeitalter an, in dem Diversity, die Verschiedenheit der Kulturen Trumpf ist, Migration sollte eine Selbstverständlichkeit sein und die Globalisierung bildet den Hintergrund-Soundtrack zu alldem. Wenn eine Frau Burka tragen will, dann trägt sie sie eben. Basta! So einfach ist das! Oder auch nicht.

Es stimmt schon: Man muss sich überlegen, was man alles verbieten will. Ansonsten trifft es eines Tages vielleicht auch einen selbst. Nur ist das Weihnachtsmannkostüm das falsche Argument. Immerhin kann man nicht im Weihnachstmannkostüm zur Schule gehen oder in einer Bank arbeiten. Solchen Restriktionen, was die Kleidung betrifft, unterlag man hierzulande also schon immer.

DIE BURKA: FRAUENFEINDLICH & RECHTSLASTIG

Und machen wir uns nichts vor: Natürlich steht die Burka für eine Frauenfeindlichkeit, die nicht nur hartgesottene Feministinnen im Westen erschaudern lässt. Als die syrische Stadt Manbidsch im August von kurdischen Kampfeinheiten befreit wurde, rissen sich die Frauen den Gesichtsschleier förmlich vom Gesicht, Burkas brannten, Befreiungs-Zigaretten wurden geraucht und die Männer ließen sich als erste Amtshandlung in Freiheit die Bärte abschneiden.

Burka und Niqab sind Symbole einer Rückwärtsgewandtheit und eines religiösen Fanatismus, wie sie u. a. der Islamische Staat und andere Terrorgruppierungen vertreten. Anders, als einige vielleicht annehmen, handelt es sich nicht um ein, wenn auch altertümliches „Kulturgut“ der Herkunftsländer der Refugees, das im Rahmen eines Diversity Managements verteidigt werden müsse. Ganz im Gegenteil: Es ist etwas Fremdes, aus anderen Kulturen Übernommenes: Die Burka ist eigentlich eine vorislamische zentralasiatische Tradition und der Niqab eine saudi-arabische konservativ-salafistische Bekleidungsvorschrift für Frauen. Beides steht allerdings in der heutigen Zeit für einen Rechtsruck und eine neue religiöse Frömmigkeit und Eiferei in der arabischen Welt.

Bezeichnenderweise habe ich in Berlin unter den Flüchtlingen bislang keine einzige Burka- oder Niqabträgerin gesehen. Wohl schienen die Frauen mehrheitlich ziemlich konservativ zu sein – fast alle trugen „Abaya“, weite, den Körper verhüllende Gewänder und „Hidschab“, ein Kopftuch, aber eben keinen Gesichtsschleier. Niqab-Trägerinnen sind vielleicht, wenn dann, eher die Frauen saudischer und pakistanischer Geschäftsleute, nicht so sehr Einwandererinnen und Flüchtlinge.

DER BURKINI: SYMBOLPOLITIK A LA FRANÇAISE

Trotzdem, es wäre unklug, die französischen Fehler in Deutschland zu wiederholen und zu glauben, mit Verboten könnte man Fanatismus und Terror eindämmen: Das Burka-Verbot von 2010 hat die grausigen Terroranschläge, die sich in Frankreich ereignet haben, nicht verhindert: „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, die Attentate vom 13. November 2015, der furchtbare Anschlag von Nizza am 14. Juli 2016 oder die Enthauptung eines Priesters in Rouen wenige Wochen später, um nur eine Auswahl der traurigsten Höhepunkte zu bringen.

Die Burkini-Verbote an einzelnen Stränden im letzten Sommer haben die Stimmung eher noch angeheizt. Es war Symbolpolitik, das stimmt: Wenn man der omnipräsenten Terrorgefahr schon hilflos ausgeliefert ist, dann sollte man wenigstens etwas dagegen tun, dass der kulturell-religiöse Background dazu nicht auch noch an Boden gewinnt, so das Denken, das dahinterstand.

Viele französische Muslime, die sich in der Vergangenheit immer wieder von Extremismus und Gewalt distanziert hatten, fühlten sich jedoch verprellt. Gerade die laizistische Objektivität und Zurückhaltung des französischen Staates allen Religionen gleichermaßen gegenüber müsste es muslimischen Frauen ermöglichen, zumindest den Burkini zu tragen, kritisierte u. a. Feïza Ben Mohamed, die Sprecherin des Collectif contre l’islamophobie en France (CCIF) dem französischen Auslandssender RFI gegenüber.

DEUTSCHLAND: INTEGRATION VON MINDERHEITEN & GEFAHR VON RECHTS

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es geht nicht nur darum, die muslimische Minderheit zu integrieren, anstatt gerade perspektivlose Jugendliche, die leichte Beute für den IS und andere Terrororganisationen sind, immer stärker an den Rand zu drängen und ihnen das Gefühl zu geben, sie gehörten nicht dazu. Mittlerweile ist in Deutschland auch eine sich radikalisierende und gelegentlich auch gewaltbereit auftretende neue Rechte zum Problem geworden.

„Islamkritik“, wie es beschönigend heißt, ist ein wesentlicher Fixpunkt des rechten Spektrums und das Milieu der Islamfeinde ist sehr heterogen. Es erstreckt sich von gemäßigt-neokonservativ-proisraelischen Gruppierungen über Verschwörungstheoretiker mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bis hin zur rechtspopulistischen AfD, den offen islamfeindlich auftretenden Pegida- und Pro-AktivistInnen und dem traditionellen harten Kern der rechten Szene.

Der in diesen Milieus heraufbeschworene „Untergang des Abendlandes“ steht nicht bevor. Nicht einmal im kosmopolitischen Berlin mit seinem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil überwiegen bislang die Minarette, ganz abgesehen davon, dass die Existenz eines Minarettes ja nicht bedeuten muss, dass es keine Kirchtürme mehr geben darf. Hier werden also tatsächlich Ängste geschürt, die keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit haben.

STIMMUNGMACHE & EINSCHÜCHTERUNG STATT BRÜCKEN BAUEN

Die Frage ist nur, ob man „Islamkritiker“ und Islamhasser durch Einschüchterung kleinhalten kann oder ob man sie nicht mit der allzu eifrigen Verteidigung der Burka sogar indirekt noch unterstützt hat.

Die Diskussionen über Burka und Niqab sind in der muslimischen Welt viel kontroverser als man hierzulande gemeinhin annimmt. DEN einen, einzig wahren Islam gibt es nicht (außer natürlich im Denken von Fanatikern, aber das ist ja immer so) – ganz abgesehen davon, dass nicht alle Menschen aus muslimischen Ländern religiös im engeren Sinne sind. Wer glaubt, im Zweifelsfall auch in einem etwas rabiateren Tonfall Partei für Burka- und Niqabträgerinnen ergreifen zu müssen, hat sich damit nicht automatisch auf die „richtige“ Seite geschlagen.

Dafür dürften die arroganten Pro-Burka-Polemiken im letzten Sommer Wasser auf die Mühlen der Islamfeinde und selbsternannten „Versteher“ der sog. „kleinen Leute“ gewesen sein.

NÖTIGER DENN JE: MUT ZUR KONTROVERSE

Wer Toleranz für die Burka einfordern will, muss jedenfalls klar herausstellen, dass damit nicht auch quasi im Doppelpack Toleranz für Frauenhass und religiösen Fanatismus gemeint ist. Außerdem macht sich, wer rechtskonservativen Kräften hierzulande – zu Recht! – entschieden entgegentritt, langfristig unglaubwürdig, wenn er oder sie den gleichen rechtslastigen Konservativismus in Schutz nimmt, sobald es sich um MigrantInnen und Flüchtlinge handelt.

Einzig den Grünen war das hochbrisante Thema „Burka“ ein paar handfeste parteiinterne Kontroversen Wert, wie u. a. das Handelsblatt berichtete. Aber die Grünen gelten ja auch nicht zu Unrecht als „Multikulti“-Partei – und dafür können sie sich nun auch wirklich mal selbst kräftig auf die Schulter klopfen!

 

Sagt mal geht’s noch?! Aus dem Berliner Wahlkampf

Krise – ja gut. Gefühlt zumindest. Aber ein Minimum an Zivilisation sollte man wahren, ganz gleich, wie bedroht man sich vielleicht fühlt. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ recherchierte offenbar investigativ à la Wallraff bei der AfD – in gut zwei Wochen sind ja Wahlen in Berlin. Gleich der Aufmacher erschüttert: „Ich hab nichts gegen Ausländer“. (…) „Ich habe aber auch nichts gegen Tiere. Schlangen zum Beispiel finde ich interessant, trotzdem möchte ich keine zu Hause haben.“ soll ein AfD-Sympathisant auf einem Kennenlern-Treffen des Berliner Ablegers der Partei gesagt haben*. Da bleibt einem erst einmal die Spucke weg. Ohne dass man es auf Anhieb artikulieren könnte, denkt man einfach: „So etwas sagt man doch nicht!“. Es klingt wie das Statement Alexander Gaulands zu Jerome Boateng, eine gezielte Provokation, ein Aufreger, der vielleicht Aufmerksamkeit bringen sollte – und eine Aussage, die einen Rassismus und eine Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringt, bei denen man glaubte, dass Menschen, die so denken, normalerweise lieber den Mund halten. Einfach, weil es so fürchterlich ist. Oder würden Sie etwa gern mit einem glitschigen Reptil verglichen werden, das man nicht in seiner Nähe haben möchte, weil es doch so eklig und gefährlich ist?

Merkwürdig – in dem „Zitty“-Text ist nicht einmal nur von ältlichen Ewiggestrigen die Rede, Leuten, denen man Säbelrasseln und eine Sympathie für rechtslastiges Gedankengut ohne Weiteres zutrauen würde. Offenbar begeistern sich auch junge Menschen – Twens, Thirty-Something – für die AfD: Kunstwissenschaftler, Dolmetscher. In Kreuzberg kandidiert sogar eine ehemalige Punk- und Szenegröße für die Rechtspopulisten, wie u. a. die taz, für die Ex-SPD-jetzt-AfD-Sibylle Schmidt sogar einmal gearbeitet hat, berichtete. Ein Anglistik-Professor der Berliner Humboldt-Universität engagiert sich ebenfalls in der AfD, an der renommierten Karlsruher Hochschule für Gestaltung ist mit Marc Jongen auch ein bekannter Philosoph dabei.

Da fragt man sich schon: Warum machen sich Leute, von denen man denkt, sie müssten es doch eigentlich besser wissen, gemein mit so schwachsinnigen Statements wie dem Schlangenspruch aus der „Zitty“? Gerade Dolmetscher leben doch von Weltoffenheit und interkulturellem Austausch? Kunstwissenschaftlern müsste eigentlich an einem liberalen, kulturell offenen Klima gelegen sein. Und auch andere Wissenschaftler kommen ohne internationale Vernetzung nicht besonders weit …

Ja, man kann schon Angst haben. Sicher – Sprachen, Kultur, Uni – Das sind Berufszweige, in denen Jobs rar und prekäre Arbeitsbedingungen mittlerweile fast schon die Regel sind. Darüber kann man sich ja auch beschweren. Man kann die Globalisierung kritisieren. Man kann auch Angst haben, vor dem radikalen Islam und vor Terrorismus. Man kann sich vor Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus fürchten. Man kann Burka und Niqab ablehnen – aber Burka- oder Niqabträgerin tätlich angreifen, geht eben nicht. Menschen mit Schlangen zu vergleichen, ist ein absolutes No-go. Es ist einfach nicht in Ordnung, auf andere einzuprügeln, die einem so erst einmal nichts getan haben, auch nicht, wenn es nur „verbale“ Prügel ist, die man austeilt. Wer trotzdem meint, „zuschlagen“ zu müssen, verteidigt im Grunde gerade die Ellenbogen, das Klima der Härte und Angst, das zu bekämpfen er oder sie doch vorgibt.

… findet zumindest Laila Phunk. Und die möchte einfach nichts und niemand in ihrem Haus oder als Nachbar(in) haben, der oder die ihr übel will. Alle anderen heißt sie mit offenen Armen herzlich willkommen. Nach wie vor.

*zitiert nach: Art.: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

Recht auf Frauenhass? Oder: Wenn ein interkultureller Dialog scheitert

Als ich gestern auf Twitter das Bild der Burkini-Trägerin sah, die am Strand von Nizza von vier Polizisten dazu aufgefordert wurde, sich zu entkleiden, dachte ich zunächst, es handele sich um einen Hoax. Genau wegen solcher Vorfälle war ich nicht so sehr für ein Burka-Verbot. Nein, nicht weil mir die Frau leid getan hätte – immerhin hat die Polizei sie sehr wahrscheinlich davor bewahrt, sich in der prallen Sonne einen Hitzschlag zu holen. Es ist nur so: Verbote machen die Menschen, die sich ihnen widersetzen, zu Märtyrern. Die Frau wusste, dass sie den Burkini an diesem Strand nicht tragen darf. Dass sie ihn dennoch trug, muss man als politischen Akt betrachten.

Es stimmt, dass das Burka-Verbot nicht wirklich zu einem besseren Schutz vor islamistischen Attentaten beiträgt. Was den Burkini betrifft, fällt der Sicherheitsaspekt sogar ganz weg, denn die Frauen zeigen ja Gesicht. Sie sind als Individuen gut erkennbar und eine Waffe lässt sich unter dem Ganzkörpersuit wohl auch nicht verstecken.

Aber das Engagement gegen das Burka-Verbot, das hier in Deutschland mittlerweile für meinen Geschmack etwas zu übereifrig-lärmend ist, kann man auch als Empowerment und Unterstützung für Burka- und Niqabträgerinnen auffassen. Auch wenn die meisten Gegner des Verbotes beteuern, dass sie ja gegen die Burka seien, aber eben auch gegen das Verbot.

Trotzdem dürften sich die Frauen, mehr noch ihre Männer und – sofern es sich um Konvertitinnen handelt – ihre Mentoren, ermutigt fühlen. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ich allein in den letzten vier Tagen in Berlin zwei Niqab-Trägerinnen begegnet bin. Nein, die Frauen haben mir keine Angst eingejagt. Ihr Kleidungsstil hat mich auch nicht irritiert oder provoziert. Im Grunde störte es mich gar nicht. Aber auf meine Sympathien können die Frauen eben auch nicht hoffen. (Genauso wenig wie ich umgekehrt auf ihre. Immerhin werden Frauen wie ich in den Landstrichen dieser Erde, wo Burka oder Niqab die Norm ist, gerne mal gesteinigt …)

Um den Islam geht es dabei, anders als behauptet, allerdings nicht. Soweit ich weiß, schreibt der Koran Frauen nicht vor, das Gesicht zu verschleiern. Ganz abgesehen davon, dass auch nicht alle gläubigen Muslimen auf einer buchstabengetreuen Auslegung und einer Lebensweise wie im 7. Jahrhundert, als der Koran geschrieben wurde, bestehen.

Und es geht wohl auch nicht um das Recht einer Frau, sich zu kleiden, wie sie will. In Osnabrück soll, wie u. a. der NDR berichtete, eine Frau geklagt haben, weil sie auf dem Abendgymnasium Gesichtsschleier tragen wollte. Man hat es ihr verwehrt. Nur kann das durchaus praktische Gründe haben. Hinter einem Tuch verdeckt, ist eine Frau schwer zu verstehen. Wie will sie Fragen beantworten oder Hausaufgaben vortragen? Man könnte hier auch an das im Streit um das Burka-Verbot in den Feuilletons etwas überstrapazierte Weihnachtsmannkostüm (das darf man doch auch tragen, warum dann nicht die Burka!) denken: Vermutlich wird, wer als Weihnachtsmann oder Nikolaus verkleidet in der Schule erscheint, umgehend aufgefordert werden, nach Hause zu gehen und sich umzuziehen. Auch in einer Bank oder im Büro gibt es Dress-Codes. Erlaubt man Burka und Niqab, muss man auch Mini-Rock und blau gefärbten Irokesen erlauben. Ansonsten wäre es eben nicht die radikale Gleichbehandlung aller hier lebenden Frauen und ihrer Kleidungsvorlieben, die häufig als Argument gegen das Burka-Verbot angeführt wird.

Um Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit geht es bei dieser unglückseligen Burka-Debatte erst recht nicht. Sicher wird man sich hier und da fragen, warum Menschen aus Ländern fliehen, wo der rechtskonservative, radikale Islam auf dem Vormarsch ist, und dann darauf pochen, hier genauso leben zu dürfen, wie es ihnen Taliban, IS, altmodische und besonders strenge Salafisten oder Wahhabiten in ihren Heimatländern vorgeschrieben haben. Das ist als Begründung für eine politische Verfolgung irgendwie nicht stichhaltig.

Eine ausdrückliche Erlaunis der Burka bzw. des Niqabs hätte das Recht auf politisches Asyl sogar im Gegenteil eher Menschen eingeräumt, die aus laizistisch geprägten Ländern fliehen, weil sie dort ihren Glauben in seiner Radikalität nicht leben können.

Dennoch will ich mich nicht um ein Kleidungsstück streiten. Dazu ist es mir viel zu wenig wichtig, was eine andere macht, sofern sie mich nur damit in Ruhe lässt. Genau dessen bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Viel mehr als die eine oder andere Niqab-Trägerin beunruhigt mich eigentlich die deutsche Medienlandschaft. Außer in der „Zeit“ habe ich nirgends eine Argumentation gegen die Burka gelesen und auch da stand sie nur als „andere Meinung“ neben einem Debattenbeitrag, der sich klar gegen das Burka-Verbot aussprach. Aber es gab, wie gesagt, eine Menge engagierter Kommentare, die Burka- und Niqab-Trägerinnen in Schutz nehmen wollten.

So sehr man sich auch um die fremde Kultur sorgt – ein Teil von ihr ist hier nicht angekommen. Derjenige nämlich, der klargestellt hätte, dass nicht jeder gläubige Muslim ein Frauenverächter und mittelalterliche Sittenwächter ist, auf dessen „Schamgefühl“ im Rahmen der Cultural Diversity Rücksicht genommen werden müsste.

„Certains prétendent qu’ils font cela pour respecter les préceptes de l’islam. Non, cela n’a rien à voir avec la religion. La décence est une question d’éthique. Or on constate que ce qui travaille en profondeur les fanatiques c’est la question sexuelle. Tout tourne autour du sexe de la femme.“ hat z. B. der maroccanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun vor etwa einem Jahr zum Thema „Burka“ geschrieben. Es geht nicht um Religion, es geht um die weibliche Sexualität, die Angst macht und deshalb angeblich unbedingt eingedämmt und kontrolliert werden muss, sagt er.

Tahar Ben Jelloun ist ganz sicher kein Rechtspopulist, nicht „AfD“ oder „Pegida“. 1998 hat er sogar ein Buch über Rassismus geschrieben: „Le racisme expliqué à ma fille“. Aktuell erscheint ein neues Buch, in dem es um  Terrorismus gehen soll: „Le terrorisme expliqué à ma fille“.

Ben Jellouns Texte werden ins Italienische übersetzt. Auf „repubblica.it“ etwa erschien ein Beitrag, der sich kritisch mit dem Burkini befasst, aber auch mit der immer schwieriger werdenden Diskussion zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die zu sehr von Angst, Terrorismus und wechselseitiger Abgrenzung geprägt sei. Wenn ich das so lese, frage ich mich schon: Warum erscheinen solche Texte eigentlich nicht in der „Zeit“, in der „Süddeutschen“ oder in der „taz“?

Hierzulande ist eine offene Diskussion jenseits der Pole „(linke) den-radikalen-Islam-Versteher“ und „(rechte) (jede Form von) Islamhasser“ offenbar kaum mehr möglich. Dabei wäre sie längst überfällig.

… findet jedenfalls Laila Phunk, deren Name (!) übrigens finnisch ist (Nein, nicht arabisch oder muslimisch!) und die – wie gesagt – nichts gegen Burkini-, Burka- oder Niqabträgerinnen hat. Außerdem freut sie sich – nur so, zu guter Letzt – auf das neue Buch von Tahar Ben Jelloun. Aber das war ja eh klar.

Quellen:

  • Art.: „Burqa Plage!“ v. Tahar Ben Jelloun, auf le360, v. 03. 08. 2015.
  • Art.: „Polemica sul Birkini, il corpo delle donne nuovo simbolo della paura francese“ v. Tahar Ben Jelloun, übersetzt v. Elda Volterrani, auf: repubblica.it, v. 18. 08. 2016. Der Text ist in einer leicht abgewandelten Version am 23. 08. 2016 auch in französischer Version unter dem Titel „Burkini, Version light de la Burqa“ auf ouest-france.fr erschienen.

Sozialismus, Despotismus, Burka?

Hammamet, Tunesien: ein kleines Städtchen, von der Größe her etwa zwischen Neumünster und Ingolstadt, mir v. a. ein Begriff, weil der italienische Politiker Bettino Craxi (PSI, entspricht der deutschen SPD) hier seine letzten Lebenjahre im Exil verbrachte, natürlich nicht, ohne sich in der Heimat gut die Taschen gefüllt zu haben. In Hammamet findet, so erfahre ich über’s Internet, ein zeitgenössisches Tanzfestival statt: eine ästhetische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt athletische, männliche und weibliche Körper in knapp sitzenden Tanztrikots, kunstvoll zu einer quasi-geometrischen Figur drapiert.

Szenenwechsel: Berlin, vor einigen Jahren: ein kühler Herbstabend, im taz-Café im Zeitungsviertel ist es jedoch stickig-heiß. Die Veranstaltung, ein Polit-Talk, ist gut besucht. Ich sitze ganz hinten in einer Ecke mit Holzbänken und kleinen Tischen, vor mir kauern zwei junge Frauen. Sie tragen bunte, orientalische Gewänder und farblich darauf abgestimmte, mit Gold bestickte Kopftücher. Ich denke bei mir, dass das irgendwie ein bisschen too much ist. Es wirkt eher wie eine Verkleidung, obwohl es wahrscheinlich migrantisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen soll.

„Kulturbewusste“ Kleidung, genauer die Burka, wird im Moment heiß diskutiert. Es geht um terroristische Anschläge und Sicherheitsvorkehrungen, aber auch um Einwanderung und kulturelle Differenz. Wie viel fremde Kultur verträgt Deutschland? Und müssen wir uns Sorgen machen, nicht nur um Attentate sondern auch um eine neue Frauenfeindlichkeit? Müssen wir liebgewonnene und oftmals hart erkämpfte Freiheiten preisgeben, um „dem Anderen“, kulturell Differenten mehr Platz einzuräumen – etwas, das ihm, wenn man versucht, eine Perspektive einzunehmen, die beide Seiten berücksichtigt, vielleicht auch zusteht? Oder ist die Debatte am Ende eine Farce, der vielleicht andere, vielleicht sogar urdeutsche Interessen zu Grunde liegen?

TOLERANZ – AUCH WENN ES SCHWERFÄLLT

Fairerweise muss man zunächst einmal festzuhalten, dass viele Deutsche sich ernsthaft bemühen, auf eine fremde Kultur zuzugehen – sieht man mal von ein paar „besorgten Bürgern“ ab, die aber glücklicherweise nach wie vor in der Minderheit sind. Die Mehrheit übt sich in Toleranz. Die Zeitungen sind voll mit engagierten Pro-Burka-Argumentationen. Im Berliner Tagesspiegel hieß es sogar fast schon polemisch, wer die Burka verbieten wolle, müsse auch weiße Socken in Sandalen verbieten. In der taz von gestern wurde fröhlich die Meinung des neuen Deutschlands hinausposaunt: Eine Frau schreibt, wenn sie eine verschleierte Frau sehe, sei sie zuerst einmal neugierig, wer sich hinter dem Schleier verbirgt. Dieses aufregende Neue macht Lust, es zu entdecken. Das klingt nach: Interesse statt Angst, lieber den Mut haben, die Frau, die so ganz anders ist als man selbst, kennenzulernen, statt sich hasenfüßig auf die eigene Scholle zurückzuziehen und sich vor einer Veränderung wegzuducken, die sowieso unaufhaltsam ist. Allerdings brachte der taz-Islamexperte Daniel Bax direkt daneben noch einen anderen Aspekt ein: den wirtschaftlichen, die Saudis.

Und richtig, ich erinnere mich: In Berlin sehe ich ab und zu Frauen, die den Niqab tragen, das schwarze Ganzkörpergewand, das nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen freilässt. Es stammt aus Saudi-Arabien, wo der Wahhabitismus, eine besonders strenge Auslegung des Koran, Staatsreligion ist. Eine richtige Burka, die ihrerseits in Zentralasien beheimatet ist und bei der auch die Augen durch ein Netz bedeckt sind, habe ich auch einmal in Berlin gesehen. Und einmal in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Beide Male musste die Frau von einem männlichen Begleiter geführt werden. Sie tapste vorsichtig und kam nur mühsam voran. Dass eine Frau, die die Burka trägt, sich eigentlich hauptsächlich im Haus aufhält und nur wenn es gar nicht anders geht und sie unbedingt nach draußen muss, den Ganzkörperschleier anlegt – in erster Linie um sich vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen – sollte man wissen. Auch dass Frauen in Saudi-Arabien nicht einmal Autofahren dürfen.

BOSNIEN: EIN LAND ENTDECKT DEN SALAFISMUS

Bosnien-Herzegowina dagegen war einmal ein Land, in dem sich Freitags zum Gebet in der Moschee höchstens ein paar alte Männer einfanden. Die Frauen trugen Mini-Röcke und Pumps, die frecheren, vorwitzigeren auch westlich-leger T-Shirt und Jeans. Eine Macho-Kultur zwar, wie die benachbarten christlichen Länder auch, aber eine, in der Männer und Frauen zumindest formal gleiche Rechte haben. Eher Deutschland als Saudi-Arabien, Europa natürlich und eben trotzdem muslimisch. Leider ist Bosnien arm. In den Schaufenstern der Geschäfte locken westliche Markenklamotten, aber nur wenige können sie sich leisten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Vor Jahren gab es Gerüchte, dass es von den Wahhabiten ein Taschengeld gibt, wenn junge Mädchen Kopftuch tragen. Heute gilt Bosnien als europäische Hochburg der Salafisten, u. a. die Welt berichtete davon.

DER „ARABISCHE FRÜHLING“

Ein ähnliches Problem hat auch Tunesien, das Land, aus dem der Attentäter von Nizza stammte und in dem der sog. „Arabische Frühling“ seinen Ausgang nahm: Der tragische Anlass: Die dramatische Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers – ein Verzweiflungsakt, denn Mohammed Bouazizi wusste nicht mehr weiter: ein fehlendes Dokument, eine behördliche Spitzfindigkeit hatte die Existenzgrundlage des jungen Mannes vernichtet. Auf Wikipedia kann man seine Geschichte nachlesen. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien hoch. Christian Caryl schreibt auf Slate.fr, dass die offizielle Arbeitslosenrate bei 15% liege. Die Jugendarbeitslosigkeit müsse man, so Caryl, wohl etwa doppelt so hoch ansetzen. Demnach ist ein Drittel der jungen Leute ohne Arbeit. Ob der greise Staatspräsident Tunesiens etwas daran ändern wird, steht in den Sternen. Beji Caid Essebsi ist nicht unumstritten, der Typ Politiker, auf den man im Westen vermutlich zunächst einmal eher mit einem etwas angesäuerten Lächeln reagiert: Er, der aus der Ben-Ali-Clique stammt, gilt zwar als liberal und reformorientiert, wie ihm sein (deutschsprachiger) Wikipedia-Eintrag bescheinigt, aber es heißt auch, er sei der „neue starke Mann“ Tunesiens, unter dessen Führung in der Vergangenheit auch gefoltert worden sein soll, wie Christian Gehlen im Tagesspiegel schreibt. Nicht zuletzt deshalb kam es, noch bevor Essebsi als – wenn auch demokratisch gewählter Präsident – 2014 im Amt bestätigt worden war, zu ersten Unruhen – die Zeit und andere Medien berichteten davon.

Tunesien scheint ein Land in einer Pattsituation zu sein: Vielleicht ist es auf einen starken, in politischer Hinsicht laizistisch geprägten Politiker wie Essebsi angewiesen, um den islamistischen Terrorismus einzudämmen. Diese Deutung legt zumindest Christian Caryl nahe, der die Fortschritte Tunesiens im Demokratisierungsprozess hervorhebt, sich aber auch fragt, ob nicht vielleicht die harte laizistische Linie, die Tunesien nach der Unabhängigkeit 1956 nach dem Vorbild Mustafa Kemal Atatürks vertrat, den fatalen Prozess der Radikalisierung der Islamisten bereits in Gang gesetzt habe. Kann eine kleine Elite an Politikern, die allesamt aus der Oberschichte des Landes stammen und zumeist in Paris studiert haben, der großen Mehrheit einen westlich geprägten Lebensstil von oben aufzwingen? Provoziert nicht genau das vielleicht umso radikalere Gegenreaktionen? Und hätte es andere, bessere Wege gegeben, Länder wie Tunesien nach der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit zu führen und zu modernen Staaten zu machen, die sich im internationalen Mächtegeflecht behaupten können?

MODELL IRAN – WENN ES SCHIEF GEHT

Im Iran hat man gesehen, wie gründlich Modernisierungsversuche nach westlichem Vorbild schief gehen können und dass Reformer und Modernisierer, die Feinde von Terror und religiösem Fanatismus, nicht unbedingt die good guys sein müssen, genauso wenig, wie diejenigen, die gegen Diktatur und soziale Ungerechtigkeiten aufbegehren, zwangsläufig die bessere Option sind. Schah Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien, gegen den es 1967, bei seinem Besuch in West-Berlin, heftige Proteste gegeben hatte, wollte den Iran zu einem modernen Land auf Augenhöhe mit dem Westen machen. Allerdings lebten nicht nur weite Teile der Bevölkerung in Armut, während der Schah seinerseits einem märchenhaften Luxus frönte, auch offene Meinungsäußerungen waren unerwünscht und wurden im Zweifelsfall brutal verfolgt, wie man in einem kurzen, übersichtlich und informativ gestalteten Online-Artikel im Stern nachlesen kann. 1979 entlud sich die angestaute Wut in der Islamischen Revolution und mündete in dem Regime Ayatollah Khomeinis.

KEIN MÄRCHEN AUS TAUSEND & EINER NACHT

Auch nordafrikanische Staaten wie Tunesien haben eine Menge hinter sich: Kolonialherrschaft, sozialistische Experimente, viel Despotismus, in letzter Zeit immer mehr religiösen Fanatismus und Terror. Der Frage, was besser ist, ob man sich lieber an eine westliche, französisch geprägte Elite halten will, die das Geld mit vollen Händen ausgibt und lieber ihre Kinder auf europäische Internate schickt, als effiziente Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit zu lancieren oder ob man sich wirklich mit einem extremistischen Islam gemein machen will, der mehr oder weniger eine Rückkehr ins Mittelalter fordert und sich dem Kampf gegen die „Kuffar“ (die „Ungläubigen“) mit allen Mitteln, auch mit Terror und Gewalt, verschrieben hat, ist manchmal, als hätte man die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Und auch bei der Diskussion über das Burka-Verbot in Deutschland stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: Sicherheitsbedenken, weil das Gesicht einer Burka-oder Niqab-Trägerin nicht sichtbar ist? Der Kampf gegen eine extreme, rechtskonservative Ausrichtung des Islam, die in engem Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus steht und dem man deshalb hierzulande keinen Raum geben will? Oder die Angst, die eigene Kultur könne aufgeweicht werden, nicht nur die des christlichen Abendlandes, wie vielleicht die Anhänger von Pegida und AfD fürchten, sondern auch demokratische Werte, wie z. B. die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen?

#koelnhbf – ALLES „RASSISTISCHE HETZE“?

Letzteres ist eine Befürchtigung, die durch die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silversternacht, die v. a. auf das Konto von junger Männer aus Nordafrika gingen, weiter angefacht wurde. Auch wenn viele sich zu Recht wunderten, wie viele konservative und rechtspopulistische Politiker plötzlich ihr Herz für die Frauenrechte entdeckten, wäre es falsch, alles als bloße Hysterie, Islamophobie und latenten Rassismus abzutun. Aklice Schwarzer, die grande Dame des deutschen Feminismus verlor keine Zeit und legte nur kurze Zeit nach den Vorfällen in Köln ein Buch vor, das zunächst wenig Aufsehen erregte, jetzt aber, vermutlich im Rahmen der Burka-Debatte, erneut im Gespräch ist: Der Sammelband „Der Schock. Die Silversternacht von Köln“ sei „eine rassistische Hassschrift“, tat die Netzfeministin Theresa Bücker heute auf Twitter kund und verlinkte auf einen Text im „Missy Magazine“, der das Buch sehr kritisch rezensiert, d. h. eigentlich zerreißt der Beitrag von Mithu Sanyal Schwarzers Sammlung feministischer, islamkritischer Texte in so kleine Fetzen, dass außer den Schlagworten „Faschismus“, „Rassismus“ und „rassistische Übergriffe“ nicht viel übrig bleibt.

DIE RECHTE VON MIRGANTEN GEGEN DIE VON FRAUEN

Sanyal, so wird schnell deutlich, geht es um die muslimischen Männer und die Vorurteile, die weiße Frauen und Islamhasser jeglicher Couleur ihnen entgegenbringen: „Doch hat diese Rhetorik bereits Wirkung, wie die Änderung des Sexualstrafrechts zeigt, in der nicht nur endlich eine „Nein heißt Nein“-Regelung integriert, sondern auch ein Passus eingeschoben wurde, nach dem „nun ein aufgedrängter Zungenkuss schon zu einer Abschiebung in Kriegsgebiete führen kann“, wie die Abgeordnete der Linken, Halina Wawzyniak, bei der Debatte im Bundestag warnte.“ schreibt sie.

Das klingt seltsam misogyn für eine Feministin. Wie würde man bzw. frau denn reagieren, wenn man gebeten würde, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst nicht in Deutschland bleiben könne? Sicher, Sexualstrafrecht und Asylrecht sollten getrennt bleiben. Aber die Argumentation ist schief. Man könnte dann ja von Frauen, wie Sanyal und Wawzyniak auch verlangen, im Zweifelsfall eine Vergelwaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst vielleicht ins Gefängnis muss, seine Frau sich von ihm trennt und der Job bei der Sparkasse (oder wo auch immer) futsch ist. Ein Vergewaltiger muss bestraft werden. Punkt. Einfach damit klar ist, dass eine Vergewaltigung kein „Kavaliersdelikt“ ist, bei dem man schon einmal ein Auge zudrücken kann. Übrigens bei niemandem, auch nicht, wenn der Täter Deutscher ist.

FEMINISMUS & KULTURELLE DIFFERENZ

An Netz- und Queerfeministinnen wie Bücker und Sanyal kommt man (bzw. frau) heutzutage nicht vorbei, wenn man bzw. frau sich nicht gerade ausdrücklich als konservativ oder rechts bezeichnet. Und erfahrungsgemäß kommen Vorwürfe aller Art (man bzw. frau sei „rassistisch“, „sexistisch“, „homophob“, betreibe „Orientalismus“, vergreife sich am Kulturgut fremder Kulturen, was einem nicht zustünde, usw.) aus dieser Ecke schneller, als man das Wort „Toleranz“ aussprechen kann. Der Eifer im Einsatz für Frauen, Homosexuelle und andere Kulturen wirkt nicht nur überzogen, sondern gelegentlich auch etwas aufgesetzt. Ein Blick auf Mithu Sanyals Homepage verdeutlichte mir, wie polar die Debatte um Feminismus und Migration offenbar mittlerweile ist. Die freie Journalistin, die eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat, ist, so sieht es zumindest aus, (zieht man mal die Fernsehsender ab) überall dort gern gesehen, wo ich, vielfach ohne in irgendeiner Weise auf mich aufmerksam gemacht zu haben, aggressiv angefeindet wurde. Lange Zeit hatte ich nicht die leiseste Ahnung, warum. Natürlich kann ich Sanyal (und auch Bücker) das nicht anlasten. Es geht wohl – wie gesagt – zu einem guten Teil um ideologische Fronten, derer ich mir nicht bewusst war. Davon abgesehen kenne ich weder die eine noch die andere. Dennoch: zumindest ein Teil der Frauen kämpft mit sehr harten Bandagen und wird dabei schnell unfair, manchmal bis an die Grenze der Verleumdung und z.T. auch darüber hinaus. Nicht, dass ich Alice Schwarzer in Schutz nehmen wollte – die kann es sicher mit gleicher Münze heimzahlen – aber die Deutungshoheit über die Dinge liegt eben auch nicht bei Frauen wie Mithu Sanyal und Theresa Bücker.

Nicht einmal „aus der Perspektive der fremden Kultur“ oder eben der der berühmt-berüchtigten „Anderen“ zu argumentieren, können sie streng genommen für sich in Anspruch nehmen: Bücker als (vermutlich) Bio-Deutsche schon gar nicht, aber auch nicht Sanyal, die zwar eine dunkle Haut, familiär aber keine Wurzeln in der islamischen bzw. arabischen Welt hat. Nicht einmal eine arabische Muslima könnte stellvertretend für alle ihre „Schwestern“ sprechen. Dazu ist der Islam zu facettenreich, die Geschichte arabischer Länder zu wechselhaft und last but not least sind alle Menschen Individuen, ganz gleich, aus welcher Kultur sie stammen. In einer demokratischen Gesellschaft sollte jedem und jeder die Möglichkeit zugestanden werden, ein Wörtchen mitzureden.

DIE BEFREIUNG DER MUSLIMISCHEN FRAU

Fest steht jedenfalls: Die Burka und auch der Niqab sind nicht „typisch“ für den Islam. Deshalb ist es auch falsch und scheinheilig, zu behaupten, man setze sich „für die Befreiung der muslimischen Frau“ – vom Joch der westlichen Bevormundung – ein. Von deutscher Seite, wie es bei der Burka-Debatte z. T. der Fall war, wirken solche Argumente besonders widersprüchlich: Eine fremde Kultur will „die Muslima als solche“ von der fremden Kultur befreien? Natürlich steht es uns ebenso wenig zu, „die muslimische Frau“ in die andere Richtung zu „befreien“ – von der Unterdrückung durch den Islam, den arabischen Mann oder was auch immer. Das müssen die Frauen schon selbst tun. Allerdings können wir durchaus miteinander reden. Gern auch über deutsche Männer und deutsche Gepflogenheiten.

MIT „KANONEN AUF SPATZEN SCHIEßEN“?

Aber zurück zum Burka-Verbot im Rahmen der inneren Sicherheit, als Schutz vor terroristischen Anschlägen. Der wesentliche Grund für das Burka-Verbot in Frankreich und auch in Ländern wie Tunesien war, dass die Person hinter dem Gesichtsschleier nicht identifizierbar ist. Viele Gegner des Burka-Verbotes halten dagegen, dass das Verbot die furchtbaren Anschläge von Paris und Nizzza nicht verhindert habe. Ganz von der Hand zu weisen ist das als Argument nicht. Und vielleicht ist es wirklich in gewisser Weise ein „mit Kanonen auf Spatzen“ schießen, wenn man den Kampf gegen den Terror in erster Linie an einem Bekleidungsstück für Frauen festmachen will.

DIE MUSLIMISCHEN COMMUNITIES UNTER DRUCK

Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Erlaubnis der Burka, mehr noch das entschiedene und sehr lebhafte Engagement der Deutschen gegen das Burka-Verbot, Konsequenzen für die hier lebenden muslimischen Communities haben kann, besonders für die Frauen. Als es zur Debatte stand, ob eine deutsche Lehrerin ein Kopftuch tragen darf, fiel es mir nicht schwer, mir eine Meinung zu bilden: Entweder sind religiöse Symbole an öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten – dann dürfte aber auch das Kruzifix nur an konfessionellen Privatschulen hängen, nur dort dürfte ein Kettchen mit Kreuzanhänger getragen werden – oder aber es ist das gute Recht einer muslimischen Lehrerin, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Sie beeinträchtigt ja niemanden damit. Nur wenn sie es tun würde, wenn sie Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, z. B. als „Schlampen“ vorführen würde, die sich nicht wundern dürften, wenn die Jungs sie respektlos behandeln – dann wäre das Kopftuch ein Problem. Allerdings darf auch ein Lehrer, der der AfD oder Pegida nahesteht, das seine Schüler nicht spüren lassen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Neutralität wahren. Das gilt für alle gleichermaßen.

Was Burka und Niqab betrifft, ist es allerdings nicht damit getan, darauf zu verweisen, dass Deutsche ja auch Krachtlederne und Dirndl tragen dürften. Der Haken ist die Freiwilligkeit. Nur sehr wenige Frauen würden sich wahrscheinlich auch dann vollständig verschleiern, wenn sie das Einverständnis ihrer Familien und/oder Ehemänner hätten, sich westlich zu kleiden oder „nur“ Kopftuch zu tragen. Umgekehrt würden es aber wohl auch nur wenige wagen, sich den Zorn der Eltern, Geschwister und Nachbarn zuzuziehen, vielleicht sogar den vollständigen Bruch mit der Familie zu riskieren, wenn sie den Schleier ablegen. Wäre die Burka verboten, gäbe es ein kleines Schlupfloch. Ist sie erlaubt und wird diese Erlaubnis vielleicht sogar von weiten Teilen der Gesellschaft ausdrücklich begrüßt, muss sie vermutlich da, wo Wert darauf gelegt wird, auch getragen werden. Konservativ-religiöse Kräfte würden innerhalb der muslimischen Communities mehr Gewicht erlangen.

BURKA-VERBOT = BURKINI-VERBOT?

Einen deutlich anderen Akzent hat das „Burkini“-Verbot, das im Moment in Frankreich diskutiert wird. Der „Burkini“ ist eine Badebekleidung für muslimische Frauen, die nicht allzu viel Haut zeigen wollen. Im Prinzip ist es wie eine Leggings mit einem langärmligen T-Shirt, darüber ein kurzes Spaghetti-Trägerkleidchen und oben herum ein Kopftuch. Ein ähnlicher Style war vor ein paar Jahren in Berlin in Mode, ohne Kopftuch auch unter nicht-muslimischen Frauen. Ein Sicherheitsrisiko kann man im „Burkini“ wohl nicht sehen. Und ob die Freiheiten der Frauen, die ihn tragen, eingeschränkt sind oder nicht, hängt nicht von dem Kleidungsstück ab, sondern vom sozialen Umfeld der „Burkini“-Trägerinnen. Vermutlich richtet sich das „Burkini“-Verbot daher tatsächlich eher gegen die öffentliche Sichtbarkeit eines Islam, der sich von europäischen Sitten abgrenzen will, als dass es die französische Gesellschaft besser vor Terrorismus schützen würde.

OFFENHEIT ALS PRINZIP

Dennoch: Der radikale Islam ist weder eine Naturgewalt, noch etwas, das typisch für die arabische Welt wäre. Dass immer mehr junge Leute Halt im Salafismus suchen und vielen von ihnen sich leicht manipulieren und für Terrorakte rekrutieren lassen, hat wohl in erster Linie soziale Ursachen. Vielleicht würde es sich lohnen, Debatten und Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Bosnien, Belgien, Tunesien und anderen Ländern zu beobachten, zu vergleichen und sich da, wo es möglich ist, miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen oder wenigstens aus den Fehlern der anderen zu lernen. In jedem Fall aber muss die öffentliche Debatte hierzulande offen bleiben, auch kritischen Stimmen zur Burka gegenüber. Das zumindest ist meine Meinung und ich bin noch nicht einmal für ein Verbot.