Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

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Rechts & durchgeknallt? Ein bunter Berliner Reigen quer durch die Querfront

Berlin ist bunt. Vor allem kann es auch mit einer Fülle an Braunschattierungen aufwarten. Das Problem ist allerdings: Man trifft immer da auf sie, wo man gar nicht mit ihnen rechnet. Zumindest war mir persönlich lange Zeit nicht klar, wie ich ältere Frauen aus der höheren Gesellschaft, die vollkommen fixiert darauf waren, mir nachzuweisen, dass sie sehr viel bessere Fremdsprachenkenntnisse haben als ich (weiß der Teufel, wieso) mit Kiffern, ehemaligen Stasi-Agenten und künstlerisch-esoterisch angehauchten Freigeistern zusammenbringen sollte. Der Tipp „BRD GmbH“ brachte schließlich den Durchbruch:

„BRD GmbH“: Der Staat als Unternehmen – Kapitalismuskritik 2.0

Irgendwo in Kreuzberg auf einer Abendveranstaltung drang es mal so halb an mein Ohr: „BRD GmbH“. Ich hatte das als etwas blumig ausgedrückte Kritik am „Kapital“ und seiner erdrückenden Ominpräsenz in Politik und Gesellschaft gewertet. Die Nuller Jahre gingen ihrem Ende entgegen, die „Bolkestein-Direktive“ war als Idee, kostspielige Sozialsysteme und aufwendigen Arbeitnehmerschutz endgültig Geschichte werden zu lassen, gerade ausgestanden. Die weltweite Finanzkrise dagegen war in vollem Gange und hielt auch die Hauptstadt in ihrem Würgegriff. Von daher fand ich es nicht ganz unberechtigt, es zu kritisieren, dass ein wildgewordener Manchesterkapitalismus der Politik in scheinbarer Alternativlosigkeit seinen Kurs aufzwang: Der Staat also sozusagen als Unternehmen, das nach den Prinzipien „Cashflow“ und „erster am Markt sein“ geleitet werden sollte. Gut.

Wenn Künstlertypen ungemütlich werden

Ich ging jedenfalls davon aus, es mit Künstlertypen zu tun zu haben und schob den etwas bizarren Begriff darauf. Dass diese Leute nicht in erster Linie Gesellschaftskritik üben wollten, sondern sich nicht als Bürger der Bundesrepublik Deutschland ansehen, dafür aber als sog. „Reichsbürger“, wusste ich nicht. Genau genommen wusste ich überhaupt nicht, was „Reichsbürger“ sind. Ein Prominenter, dem eine Nähe zu den „Reichsbürgern“ nachgesagt wird, ist Pop-Sänger Xavier Naidoo, der Deutschland um ein Haar im letzten Jahr beim Grand Prix de la Eurovision vertreten hätte. Nähere Informationen dazu findet man auf Wikipedia. Allerdings – und so kontrovers der Fall Naidoo auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist – muss man fairerweise sagen, dass die „Reichsbürgerszene“ sehr heterogen ist. Einen ersten Überblick dazu gibt ein Interview, das Ute Welty mit dem Politologen Steffen Kailitz auf Deutschland Radio Kultur geführt hat: Im besten Fall ist das mit den „Reichsbürgern“ offenbar mehr oder weniger ein Trick, um keine Steuern zahlen zu müssen. Im schlimmsten Fall geht es um „Deutschland in den Grenzen von 1939“, also das „Deutsche“ (oder auch „Dritte“) „Reich“ und das ist genauso rechts, wie es klingt.

Eine kreative Methode, um Steuern zu hinterziehen?

Vielleicht holen die Harmloseren unter den „Reichsbürgern“ einfach ein bisschen sehr weit aus, um Behörden klar zu machen, dass sie keine Steuern zahlen werden (Wozu? Man lebt ohnehin im eigenen Königreich mit eigener Flagge und eigener Gesetzesgebung). Sich an irgendeine Steueroase zu wenden, wäre jedenfalls einfacher.

Der braune Faden in der „Reichsbürgerszene“ zieht sich dann weiter durch Milieus, wo von „Chemtrails“ und „Mondnazis“ die Rede ist. Die Annahme, dass unsere Luft mit Chemikalien verseucht wird, um die Bevölkerung mürbe zu machen, klingt nach „von Aliens entführt“ und in genau die Ecke gehört es wahrscheinlich auch. Warum ich das denke? Na ja, Leute wie Angela Merkel und Lothar de Maizière müssen ja die gleiche Luft einatmen, wie die „Reichsbürger“ (und alle anderen) auch. Schon im eigenen Interesse würde man sich also darum kümmern, wenn da etwas dran wäre.

Ob auf dem Mond Nazis leben, weiß ich nicht. Für sehr wahrscheinlich halte ich es nicht, aber vielleicht könnte man bei Gelegenheit ein paar Vorräte anlegen, nur so für den Fall, dass eine faschistische Alieninvasion droht.

Antisemitismus mit psychotischen Zügen

Mögliche Gründe dafür, warum ausgerechnet einige altehrwürdige Mitglieder der „guten Gesellschaft“ mit Rechtsdrall ihr Herz für (bestimmte) Menschen mit skurillen Ansichten – und in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch psychischen Problemen – entdeckt haben, erfährt man in den sozialen Netzwerken: #brdgmbh ist sogar ein eigener Hashtag auf Twitter. Weiter geht es um die „Jüdin“ Angela Merkel, die zur zweiten Rosa Luxemburg stilisiert wird (und ich hatte die CDU immer für eine konservative Partei gehalten!), „ethnische Säuberungen“, die angeblich – quasi ein „Genozid“ – durch Einwanderung an Deutschen begangen würden, die „Familie Rothschild“, die, so wird behauptet, die deutsche Politik vom fernen Amerika aus steuert, den „Rassewahn“, den man paradoxerweise gerade Linken gerne vorwirft (neben „Genderwahn“, überhaupt scheint „Wahn“ in diesem Milieu ein beliebter Begriff zu sein, vielleicht, um von sich selbst abzulenken?). Und obendrauf gibt es noch jede Menge moralische Twitter-Unterstützung für den US-Präsidentschaftskandidaten und Geschäftsmann Donald Trump.

Dass Antisemitismus so unverblümt geäußert und in die krudesten Verschwörungstheorien eingebettet wird, kann einen eigentlich nur verstört zurücklassen. Allerdings gibt es auch Accounts, die sich ausdrücklich als „pro-israelisch“ bezeichnen und sich ganz auf den Islam als vermeintliche „Wurzel allen Übels dieser Welt“ einschießen. In den meisten Fällen wird jedoch ein Zusammenhang gesehen zwischen einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, Kanzlerin Angela Merkel (die auf jeden Fall weg muss, wie immer wieder betont wird) und islamistischem Terror. Auch Kriminalität, die ausschließlich als Einwandererproblem betrachtet wird, ist häufig Thema am rechten Rand des Internets, weshalb man sich mit Verve auf jede Tat stürzt, in die Flüchtlinge und Migranten irgendwie involviert sind.

Ein x-beliebiger Polizeibericht müsste eigentlich ausreichen, um solche Denkweisen zurechtzurücken. Und natürlich klingt das, was man im Internet so liest, ein bisschen, als hätten sich die (vielleicht berechtigten) Ängste von ein paar Leuten, sozial an den Rand gedrängt zu werden, zu wahnhaften Ideen ausgewachsen.

#Kudla: Die „Sorgenkinder“ der ehrenwerten Gesellschaft?

Dass der verschwörungstheoretische, in einigen Fällen psychotisch anmutende Ansatz zum Teil durchaus anschlussfähig an das rechtskonservative Lager ist, bewies in den letzten Tagen die Affaire um die CDU-Politikerin Bettina Kudla. Kudla hatte auf Twitter von einer drohenden „Umvolkung“ gesprochen – den Tweet und einen entsprechenden Bericht findet man u. a. auf Spiegel Online – und sie ist nicht die einzige, die versucht, mit Nazi-Vokabular Aufmerksamkeit zu erregen. Auch Frauke Petry hatte sich kürzlich öffentlich dafür ausgesprochen, den Begriff „völkisch“ wieder positiv zu deuten. Offenbar sind 70 Jahre für die Generation Internet eine zu lange Zeitspanne, um sich noch daran zu erinnern, wie das mit dem Nationalsozialismus damals geendet ist. Leider.

Die Frage ist aber: warum heizen konservative und rechtspopulistische Politiker, denen doch eigentlich daran gelegen sein müsste, „regierungsfähig“, also seriös zu erscheinen, diesen Schwachsinn auch noch an, anstatt sich klar davon abzugrenzen? Oder birgt das verschwörungstheoretische Milieu am Ende ein Wählerpotenzial, auf dessen Beifall keine ehrgeizige rechtskonservative Strömung in diesem Land verzichten möchte?

Die Friedensmahnwachen: Das linke Milieu kippt nach rechts

Nicht immer ist das Internet ein Spiegel der Wirklichkeit. Manchmal allerdings schon: In den sozialen Netzwerken ist in der rechten Ecke von AfD-Manga-Figuren über Meme-Frösche bis hin zu altertümlich anmutenden Wappen und anderen einschlägigen Insignien alles vertreten. Ein ähnlich buntes Bild dürften offline auch die Berliner Friedensmahnwachen von 2014 geboten haben. Bei dem Wort „Frieden“ reibt man sich erst einmal die Augen. Eigentlich kann man das beim besten Willen nicht mit rechtslastigem Gedankengut in Verbindung bringen und man fragt sich, ob man da nicht etwas falsch verstanden hat.

Zwar soll, wie die taz berichtete, 2014 alles in gewohnter Ostermarsch-Manier unter dem Label der Friedenstaube gelaufen sein, nur dass Redner aufgetreten sind, deren Glaubwürdigkeit als Linke sich in Grenzen hält – etwa Ken Jebsen, dessen Karriere als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg 2011 abrupt endete, als Antisemistismus-Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, oder der „Compact“-Herausgeber Jürgen Elsässer, der auf seinem Blog keinen Hehl daraus macht, dass er die AfD und sogar die ins Visier des Verfassungsschutz geratene „Identitäre Bewegung“ unterstützt. NPD-Mitglieder sollen, wie Erik Peter in der taz schreibt, auf der Berliner Montagsmahnwache gesehen worden sein und auch deren Organisator Lars Mährholz werden Kontakte ins rechtsextreme Milieu nachgesagt. Dass da etwas dran ist, hat Stefan Lauer in einer Kolumne auf Vice belegt. Allerdings ging es, wie die Berichte der taz und von Vice nahelegen, auch auf den Montagsmahnwachen für den Frieden um einen kruden Mix aus Verschwörungstheorien, verbrämtem Antisemitismus und schrilleren antiamerikanischen Tönen, der auch im Internet häufig anzutreffen ist. Anlass für den von außen widersinnig erscheinenden Schulterschluss von rechts und links war offenbar der Krieg in der Ukraine. Getragen wurden die Proteste aber, so scheint es, eher von einem Milieu, dass schon vorher diffus „dagegen“ und offen für die abstrusesten Welterklärungen war, also u. a. auch von Leuten, die sich in der „Reichsbürgerszene“ bewegen, in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der sog. „alternativen Medien“ im Internet.

Vielleicht hilft es, an dieser Stelle einen Blick auf eben diese „alternativen Medien“ zu werfen und sich, da es ja um den Ukraine-Konflikt geht, v. a. „Russia Today deutsch“ genauer anzuschauen.

Nicht-p. c. als Kassenschlager: „alternative Medien“ im Internet

Der Erfolg der „alternativen Medien“, der in den letzten Jahren immer wieder mit wachsender Besorgnis beobachtet wurde, ist nicht ganz zufällig. Es scheint irgendwie mit „Political Correctness“ und dem Gefühl zu tun zu haben, dass man im Fernsehen und in der Tagespresse nur noch einen Bruchteil von dem, was los ist, mitbekommt. Natürlich, wir leben nicht in einer Diktatur und von daher kann man wohl kaum von einer „staatlichen Lenkung“ der Medienwelt sprechen. Andererseits sind Journalisten auch nur Menschen und auch der ein oder andere Politiker dürfte schwach werden bei der Option, sich medial etwas unterstützen zu lassen und dafür vielleicht im Gegenzug einige Karrieren zu pushen. Wie so oft liegt auch bei einer vollkommen überzogenen, lächerlich erscheinenden Kritik nicht unbedingt immer richtig, wer alles damit abzubügeln versucht, dass doch in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall sei. Irgendwann kommt sie raus, die Bestechungsgeldaffaire, der Filz, die Verstrickung von Macht, da wo sie nicht hätte sein dürfen und selbst der unglaubwürdigste Verschwörungstheoretiker fühlt sich bestätigt. Hatte er es nicht gesagt?

Beziehungsweise: es kommt darauf an: Klar, es gibt keine „jüdische Weltverschwörung“ und keine „Protokolle der Weisen von Zion“, aber es gibt menschliche Schwächen und Korruption. Mit der „Political Correctness“ ist es wie mit dem medialen Mainstream: Sie hat ihren Sinn, aber eben nur mit Maß: Manche Menschen erkennen einfach überall Rassismus, selbst da, wo keiner ist. Andere wiederum bestehen darauf, dass „Neger“ etwas ist, was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Auch dann, wenn es jemand als verletztend empfindet und es eigentlich mindestens 100 andere Worte gäbe, die weitaus weniger diskriminierend wären. Manchmal nimmt der Krieg um Worte befremdliche Züge an. Und es ist einfach nur abstoßend, wenn man sich anschaut, wie rechtspopulistische Politiker mit Nazi-Vokabular und unverhohlener Diskriminierung um sich werfen, als gäb’s dafür etwas zu gewinnen (siehe oben: #Kudla, #Petry).

In rechten Kreisen legt man es nach Selbstaussage (Inhalt diverser Tweets) offenbar geradezu darauf an, Linke mit solchen Aussagen zu „triggern“. Sprich: sie alle wollen die bösen Kinder vom Schulhof sein, die dem Lehrer den nassen Schwamm auf den Stuhl legen, damit der sich mächtig ärgert und man selbst die Lacher auf seiner Seite hat. Wenn man Nazi-Witzchen nicht lustig findet, bleibt einem dann nur noch, still bei sich zu denken, dass manche wirklich besser daran täten, ab und zu einfach mal den Mund zu halten. Man sagt es aber eben nicht, weil es irgendwie auch ein ungeschriebenes Gesetz gibt, dass man den Leuten nicht leichtfertig unterstellen darf, sie seien rechts, eine Art „Maulkorb“ von der anderen Seite sozusagen. „Political Correctness“ kann also nervtötend und eine Last sein, wenn sie übertrieben wird, aber ob sie tatsächlich gesellschaftlich so tief verankert ist, wie ihre Gegner gern behaupten, ist fraglich.

Ausdrücklich NICHT politisch korrekt sein zu wollen und alles offen auf den Tisch zu packen (oder zumindest den Eindruck zu erwecken, das zu tun), ist längst eine Marktlücke, die Medien wie „Russia Today deutsch“ bedienen. Dass „RT deutsch“ nicht unbedingt Stimmung gegen die Politik von Wladimir Putin macht, kann man sich sicherlich denken. Davon abgesehen aber hat sich der Sender auf die Fahnen geschrieben, „neutral“ und schonungslos offen zu berichten, was – je nach Standpunkt in den „Qualitätsmedien“ oder in der „Pinocchio-Presse“ – unerwähnt bleibt. Ob damit gemeint ist, dass öffentlich in die Kritik geratenen Persönlichkeiten wie Eva Hermann oder den Montagsmahnwachesprechern Ken Jebsen und Andreas Popp ein Forum gegeben werden soll, ob Aspekte, die in den Mainstreammedien vernachlässigt werden, mehr Gewicht erhalten oder ob generell der russische Standpunkt näher beleuchtet werden soll, auch wenn es um innerdeutsche Angelegenheiten geht, sei mal dahingestellt. Ganz so einfach ist es nun auch nicht, ein Medienkonzept als Ganzes zu analysieren. Daher will ich es hier bei einigen Aspekten belassen, die mir persönlich aufgefallen sind.

Eine Alternative oder einfach die russische Perspektive?

Akademisch-penibel ausgearbeitet wirkten die Beiträge von „RT deutsch“, die ich mir stichprobenartig angesehen habe, nicht unbedingt. Dafür schien alles eingängig aufbereitet und ähnlich knallig präsentiert zu sein wie z. B. „Compact“. Vielleicht handelt es sich um die Internetversion des „Unterschichtenfernsehens“ oder aber ich habe die wirklich guten, auf meine Zielgruppe zugeschnittenen Sachen zufällig einfach nicht gesehen. „Rechte Hetze“ kann man „Russia Today deutsch“ nicht wirklich vorwerfen, wohl aber, wie gesagt, eine „parteiische“ Berichterstattung zu Gunsten Russlands.

Das spiegelt sich auch in den Kommentaren wieder, die es politisch z. T. in sich haben. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Kommentatoren einander der „Russophobie“ verdächtigen, auch wenn es in dem kommentierten Beitrag gar nicht um Russland geht. Beim Thema AfD scheint die „RT deutsch“-Community allerdings gespalten zu sein. Das wird u. a. in einem Stream zu einem am 30. Mai 2016 ausgestrahlten Interview mit der AfD-Politikerin Frauke Petry deutlich: User „Cobra“ kommentierte noch am selben Tag: „Europas Kinder werden zur Schlachtung freigegeben. (…) Eine neue Welle von brutale Gewaltmenschen aus Afrika rollt auf Europa zu, (…)“. Andere äußerten sich dagegen klar ablehnend zur AfD. Auch die Themen „Meinungsfreiheit“ und „Gegenöffentlichkeit“ werden in der „RT deutsch“-Community angesprochen: Zu dem Beitrag „Die Anti-Deutschen: Antifa oder doch pro fa“ vom 02. April 2015, bei dem auch Ken Jebsen zu Wort kommt, schrieb User „Kakud“ z. B. am gleichen Tag: „Ja, wer in Deutschland sich gegen Neokapitalismus und Unterdrückung wehren möchte, ist schnell ein Nazi oder Antisemit. Die Strategie hat schon über Jahrzehnte geholfen uns Mundtod zu machen. Ein Beispiel: Wer das Wort „Lügenpresse“ verwendet, der soll angeblich ein Wort verwenden, den die Nazis benutzt haben.“

Der Top-Spion und die Piratin

Ob Leute wie „Topas“ wissen, dass man im „Russia Today deutsch“-Umfeld z. T. recht wenig Berührungsängste mit dem rechten Rand hat? Und würde das eine Rolle spielen? „Topas“ war, so stellt ihn zumindest sein Wikipedia-Eintrag dar, einmal einer jener westdeutschen Linken, die nicht nur Däumchen drehen wollten. Mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Rupp und stammt ursprünglich aus der Nähe von Trier im beschaulichen Rheinland-Pfalz. Dass Rupp nicht nur ein unbescholtener Bürger war, der sich sein kleines Leben in der westdeutschen Provinz eingerichtet hatte, kam erst sehr viel später heraus. Als Top-Spion für die Stasi habe er einst einen Atomkrieg verhindert, sagt der Rupp über sich selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Heute arbeitet er als Journalist, u. a. für das „Neue Deutschland“ und bis 2016 auch für die „Junge Welt“. „RT deutsch“ hat ihm ein Interview gewidmet. „Ken FM“ übrigens auch. Die Welt der Informationen und „Gegeninformationen“ ist für den Mann gewiss keine unbekannte.

Aber ganz gleich, was man über die Stasi denkt, in der rechten, AfD-nahen Ecke kann man sich einen wie Rupp nicht vorstellen. Auch Lea Frings passt da nicht hin. Die „Russia-Today deutsch“-Mitarbeiterin engagiert sich, so ließt man in ihrer Selbstdarstellung, seit Jahren politisch, erst in der Linkspartei, jetzt bei den Piraten. Frings war u. a. Yogalehrerin, bevor sie in den Medienbereich wechselte. Mittlerweile hat sie bei „RT deutsch“ laut Vice ihre Kündigung eingereicht und sieht ihre Mitarbeit rückblickend kritisch. Die junge Frau mit den auffälligen blonden Dread-Locks und dem bunten Techno-Look wirkt keineswegs so, als wolle sie sich in den Zirkeln „Eingeweihter“ von der Außenwelt und vom Mainstream abgrenzen. Sie scheint ganz im Gegenteil das junge, kreative und weltoffene Berlin geradezu symbolhaft zu verkörpern – sowohl von ihrer Biographie als auch rein vom Äußerlichen her.

Ein guter Draht zur Businesswelt?

Ein etwas anderer Typ scheint da die „RT deutsch“-Vorzeige-Moderatorin Jasmin Kosubek zu sein: sehr jung, adrett gekleidet, weich fallende, perfekt fristierte lange Haare und ein sorgfältig geschminktes Gesicht. Kosubek ist, was den Medienbereich betrifft, genau wie Lea Frings eine Quereinsteigerin, wie ihr Wikipedia-Eintrag bestätigt: Die studierte Betriebswirtin soll, so heißt es weiter in einem Blogbeitrag bei „BerlinMag“, zunächst für das renommierte Beratungsunternehmen KPMG gearbeitet haben. Das klingt, als habe sie ursprünglich eine ganz andere Karriere geplant, aber die Wege in den Journalismus sind ja oft verschlungen und unergründlich. Auffällig ist jedenfalls, wie verschieden die Menschen bei „Russia Today deutsch“ und um „Russia Today deutsch“ herum offenbar sind. Von linksaußen bis zum Rechtspopulismus, von cooler urbaner Hipness bis hin zu einer pragmatischen Businessorientierung scheint alles dabei zu sein. So wirkt es jedenfalls.

Zwischen hipper Coolness & Gegenöffentlichkeit: Das neue Berlin

Was alle diese Menschen miteinander verbindet und ob es überhaupt etwas gibt, das sie miteinander gemein haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lea Frings, die Ex-„RT deutsch“-Mitarbeiterin, sich 2014 mit ihrem Freund, dem in der veganen Szene bekannten Marsili Cronberg für die umstrittenen Berliner Friedensmahnwachen engagierte. Vielleicht hat der Konflikt in der fernen Ostukraine in Berlin und anderen deutschen Großstädten aber auch nur nur hochgespült, was schon lange im Untergrund gärte: Unzufriedenheit, das Gefühl, politisch und auch sonst in der Sackgasse zu stecken, dass es da noch etwas anderes geben müsste als den Ist-Zustand, Gegenöffentlichkeit: eine Menge brauner Morast und schrille Esoterik als Protest des 21. Jahrhunderts, aber sicher auch Menschen, die eigentlich etwas anderes wollten und sich, bei Tageslicht betrachtet, auf solche Dinge nicht einlassen würden. Ein Fazit lässt sich jedenfalls nicht ziehen, außer eben, dass man die weitere Entwicklung sehr genau beobachten sollte.

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

Brust raus gegen Rechts!

Um ein Haar hätte ich es retweetet. Auf Twitter landete vor ein paar Tagen ein Tweet in meiner Timeline, der sich über’s Brüstezeigen lustig machte. Genauer gesagt: über eine neue Form der Bigotterie: unter dem Hashtag #nippelstatthetze kursierte – wohl schon vor längerer Zeit, aber offenbar wieder hochgekocht – ein Foto im Netz, das einen angeranzten Tennissockenträger und eine nackte Schönheit mit XXL-Brüsten zeigt. Der Tennissockenträger, die Sorte Typ, die man bzw. frau normalerweise mit Begriffen wie „Mantafahrer“ und „Unterschichtenfernsehen“ assoziiert, hält ein Stück Pappkarton hoch, auf dem in ungelenker Schrift steht: „Kauft nicht bei Kanaken“. Rechts oben ist das Kleingedruckte zu lesen, in diesem Fall die Essenz der Botschaft: „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“. #nippelstatthetze also, Hipsterhumor, alles ironisch gemeint. Warum darf man keine Brüste zeigen, dafür aber fremdenfeindliche Hetze posten? Ganz abgesehen davon, dass Brüste, zumal richtig schön große, ja auch ein echter Hingucker sind und in diesem Fall nur der Sache dienen: dem Engegament gegen Rechts.

Der Tweet, den ich fast retweetet hätte, spottete – sinngemäß und soweit ich mich erinnere – dass die gleichen Leute, die sexistische Werbung im öffentlichen Raum verbieten wollen, jetzt offenbar begeistert sind, einen Frauenkörper, der einem Pornostar alle Ehre gemacht hätte, bis auf einen knappen schwarzen Slip unzensiert und für alle öffentlich zugänglich im Netz zirkulieren zu sehen. Ich hatte den Tweet als Retweet in meiner Timeline. Und – wie gesagt – meine spontane Reaktion war eigentlich: retweet, klack, Herzchen, Zustimmung, finish. Selten war ich mir so sicher. Genauso intuitiv habe ich es dann allerdings doch nicht getan. Und das hatte seine Gründe.

Ein paar Tage später stolperte ich per Zufall über einen Tweet der Netzfeministin Anne Wizorek, die über den anderen Tweet förmlich herfiel: „kann’s sein, dass hier jemand den unterschied subjekt vs. objekt nicht kennt?“ ätzte Wizorek am 11. April. Ich sah, dass der Ursprungstweet bereits gelöscht war. Wäre ich eine Comicfigur, hätte über meinem Kopf wohl eine Gedankenblase mit drei dicken Fragezeigen geschwebt. So schlimm war das doch wohl nicht?! Oder doch?!

Unter der Headline „Eine nackte Frau zum Rasenmäher“ macht sich Heide Oestreich am 12. April in der taz Sorgen um Esstörungen. Das Verbot von sexistischer Werbung sei eher eine Art „Jugendschutz“ und keinesfalls „Zensur“, schreibt Oestreich. Junge Mädchen müssten begreifen, dass es nicht nur darum ginge, „Männern“ zu „gefallen“. Die weibliche Jugend kotzt sich also die Seele aus dem Leib, um mit dem sexy Busenwunder aus der Werbung mithalten zu können? Ist es wirklich so einfach? Sind junge Frauen so dumm und so sehr darauf fixiert, Nabelschau mit dem eigenen Körper zu betreiben, dass man (bzw. frau) sie gewissermaßen vor sich selbst schützen muss?

Anne Wizorek, die wohl mehr oder weniger eine Generation jünger ist als Heide Oestreich, hebt eher darauf ab, ob Frauen SELBST entscheiden, sich nackt zu zeigen oder nicht. Das erinnert an einen Feminismus à la Femen, wo junge Frauen vor ein paar Jahren damit Furore machten, öffentlich, zu wichtigen politischen Anlässen ihren Busen entblößten und damit eine Menge mediale Aufmerksamkeit einkassierten. Inhaltlich – politisch – genutzt hat es wohl eher wenig. Irgendwo habe ich damals außerdem mal gelesen, dass es seinen Sinn gehabt hätte, dass die Femen-Frauen alle jung und überaus attraktiv waren. Mit hässlichen Frauen wäre man weitaus brutaler umgesprungen …

Wenn man bedenkt, dass Femen in der Ukraine gegründet wurde (wie auch auf Wikipedia nachzulesen ist) ist es noch irgendwie nachvollziehbar, dass dieser Feminismus so sehr auf die Zurschaustellung nackter junger Frauenkörper abzielte. Man könnte darin eine Provokation sehen, gegen das Wiedererstarken der Kirchen und einer konservativen Sexualmoral, die das Heimchen am Herd, die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Gegenentwurf zu einem Sozialismus propagiert, der sich seinerseits durch falsche Heilsversprechungen und Doppelmoral diskreditiert hatte. Man könnte auch an eine Persiflage auf das Bild, das man in den Nullerjahren von osteuropäischen Frauen hatte, denken. All das ist aber im Sande verlaufen. Die Kirche ist in vielen osteuropäischen Ländern heute stärker denn je, ein kaum erträglicher Nationalismus, der teilweise bereits in faschistische Allüren übergegangen ist, hat sich fast überall breit gemacht und die Ukraine ist mehr denn je ein von Korruption, Krieg und Gewalt zerrüttetes Land ….

So viel bringt das Busen zeigen politisch also wohl nicht. Ist es letzten Endes doch nur ein modern gewordener weiblicher Narzissmus, ein krankhaft übersteigerter Drang danach, dass der eigene Körper gesehen – und möglichst auch bewundert – werden soll? Dazu darf er keine Makel haben, denn, wie auch bei Femen gilt: Es ist nicht so süß, wenn sich eine, die nicht mehr Anfang 20 ist, nicht gertenschlank und wohlgeformt, als Nacktstar in der Öffentlichkeit produziert. Dann wirkt es eher arm, als hätte es eine nötig, verzweifelt um die Aufmerksamkeit von Männern zu buhlen. So eine will keine sein. Dann doch lieber hungern und kotzen.

Es passt, dass die jungen Möchtegern-Barbies schnell dabei sind, wenn es darum geht, andere Frauen zu verhöhnen und runterzuputzen – Germany’s next Topmodel lässt grüßen! Und es passt, dass Frauen, die dem allgemeinen Schönheitsideal nicht so sehr entsprechen, noch viel aggressiver sind – Es ist wie die Reise nach Jerusalem, das alte Spiel, bei dem keiner derjenige sein will, der, wenn die Musik aufhört, keinen Stuhl zum Sitzen hat. Keine will die frustrierte, spaßfeindliche Zicke sein, die kein Mann will. Alle wollen begehrliche – gern auch neidische – Blicke auf sich spüren. Es passt, dass viele auch glauben, auch etwas mit Frauen anfangen zu können – eine neue Bühne, auf der der eigene Körper beklatscht werden kann. Obwohl das jetzt gemein ist, das so zu schreiben. Es sind ja auch nicht alle Frauen gemeint, die sich für Feminismus engagieren und es trifft auch nicht auf alle mit gleicher Härte zu. Klar. Trotzdem: wer meint, sich selbst enblößen zu müssen – und sei es nur unter dem Vorwand des „guten Zweckes“ – darf nicht jammern, wenn es andere auch tun – und wenn auch nur gegen Geld. That’s the Game. Ob Euro oder Aufmerksamkeit macht sich letztendlich nicht viel. Und gegen Esstörungen hilft letztendlich nur die Erkenntnis, auch dann gut, liebens- und begehrenswert zu sein, wenn die andere den schöneren Busen hat. Davon hat man bzw. frau dann auch noch etwas, wenn die ersten Fältchen kommen. Vielleicht hätte ich doch schneller auf das Retweet-Icon drücken sollen ….

Helfershelfer der Rechtspopulisten? Anmerkungen zum 13. März

Vor ein paar Wochen machte eine Geschichte die Runde im Internet: Ein kränkelnder Flüchtling, ein junger Mann, soll auf dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Versorgung (LaGeSo) so lange angestanden haben, dass er schließlich an Entkräftung gestorben sei. Die Geschichte, die einer der ehrenamtlichen Helfer im Internet verbreitet hatte, hatte nur einen Haken – sie war frei erfunden. Kritisch zu dem Vorfall äußerte sich u. a. die linke Berliner Tageszeitung. Vielleicht wollte besagter Helfer mal in der Zeitung stehen. Oder es war – wie behauptet wurde – tatsächlich ein ungeschickter Versuch, auf die Missstände am LaGeSo aufmerksam zu machen. Aber – und diese Variante scheint mir mittlerweile gar nicht mehr so abwegig zu sein –vielleicht steckte auch ein heimlicher, gut versteckter Groll auf die Flüchtlinge dahinter. Kaum etwas ist besser geeignet, um die Leute zu diskreditieren, als eine herzzerreißende, gefühlige Geschichte, die sich letztendlich aber als falsch erweist. Im Sommer hatten sich Rechtsradikale mehrfach an solchen Hoaxen versucht, wie u. a. das Internetportal Meedia berichtete.

Oder die Ereignisse der Silvesternacht in Köln: Es gab tatsächlich Frauen, sogar einige, die sich als Feministinnen bezeichnen, die die Schuld bei den jungen Mädchen sehen wollen, die so ungeniert offenherzig gekleidet am Kölner Hauptbahnhof gefeiert hätten. Noch vor kurzem hörte ich eine Frau aus der Berliner queerfeministischen Szene pampen, dass die Männer ja wohl zum ersten Mal so leicht bekleidete Frauen gesehen hätten. Und überhaupt, es gebe doch wohl genug Sexismus in Deutschland. Vielleicht solle man sich erst einmal darum kümmern.

Natürlich stimmt es, dass auch deutsche Männer sich manchmal sexuell übergriffig verhalten. Aber wenn Frauen (oder Männer) für Flüchtlinge eine Art Akklimatisierungsbonus verlangen, dann sollten sie sich vielleicht erst einmal selbst zum Austoben zur Verfügung stellen. Niemand möchte sich aus „Verständnis“ für die „fremde Kultur“ vergewaltigen lassen. Nicht einmal Mutter Theresa, die albanische Nonne, die ihr Leben den Armen und Kranken dieser Welt gewidmet hatte, wäre so weit gegangen.

Allerdings ist es auch keine Lösung, wenn man, weil es Probleme mit einigen Flüchtlingen gab, dann gleich per se allen Hausverbot erteilt. Offenbar hatte man in einigen Diskotheken und Schwimmbädern so auf die Vorfälle in Köln reagiert. Das hat vermutlich zu einem ethnisch homogeneren Tanz- und Badespaß führt – falls man Wert darauf legt. Wirklich geholfen hat es gegen sexistische Übergriffe aber wahrscheinlich nicht. Trotzdem, auch der Freiburger Club White Rabbit, eine linke Institution, hat Flüchtlingen Hausverbot erteilt. Allerdings nur denen, die sich partout nicht damit anfreunden konnten, dass Grapschen nicht okay ist, so stand es z. B. auf jetzt.de und anderswo.

Na und? Wer Mist macht, der muss auch dafür geradestehen, ob Flüchtling oder nicht – oder?! Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart hatte sich in der Welt gegen einen „Bonus für Nationalität“ ausgesprochen und ihre Parteigenossin Claudia Roth – eigentlich eher als Hardlinerin in Sachen Multikulti bekannt – sagt in der Talkshow „Maybritt Illner„, dass man natürlich zwischen Flüchtlingen und Deutschen keinen Unterschied machen könne, wenn es um Kriminalität ginge. Nur, ergänzt Roth, sei es falsch, jemanden von vornherein zu verdächtigen, nur weil er oder sie Araber sei. Dem kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen …

Aber die Häme nervt, mit der gerade Konservative jetzt gern über Linke herfallen, sobald sich eine Gelegenheit dazu zu bieten scheint, sie als „flüchtlings-“ bzw. „ausländefeindlich“ oder gar „rassistisch“ vorzuführen. Kai Diekmann von der Bild hatte es mit dem linken Fussballclub Sankt Pauli versucht. Das Internet kam Sankt Pauli zu Hilfe, wie u. a. die deutschssprachige Ausgabe des Magazins Vice berichtete.

Und dann die Debatte über Sozialleistungen, die Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) entfacht hatte: Ja, ein bisschen hatte es so geklungen, als bräuchte man jetzt eine Tüte Bonbons, um die unartigen Kinder ruhig zu stellen, weil doch die ganze Energie für die kleinen Nesthäkchen draufgegangen ist. Andererseits – konservative Kritiker wie Jan Fleischhauer, der sich in seiner Spiegel Online-Kolumne über den vermeintlichen Neid des „White Trash“ auf die Flüchtlinge ausgelassen hatte, hocken manchmal verblüffend realitätsfern in ihrem journalistischen Elfenbeinturm: Natürlich kostet Integration Geld, was nicht heißt, dass man darauf verzichten könnte oder sollte. Aber die Frage, wer es eher Wert ist, mit viel Aufwand gefördert zu werden, um am Wohlstand dieser Gesellschaft teilhaben zu können, drängt sich auf. Handwerker, deren Job in den Nuller Jahren nach Pakistan oder Bangladesh ausgelagert wurde, werden sie anders beantworten, als junge Hipster, die sich, wenn sie sich irgendwo bewerben, v. a. darum sorgen, ob der neue Working Space auch ein Spa oder anderen Annehmlichkeiten zum Relaxen bereithält. Vielleicht sollte man es auch mal aus dieser Perspektive sehen.

Nicht zuletzt deshalb ist es auch mehr als unglücklich, wenn dann auch noch verlangt wird, dass auch EU-Ausländer vom ersten Tag ihes Aufenthaltes in Deutschland an Hartz-IV und andere Sozialleistungen erhalten sollten, wofür sich u. a. Werner Hesse, der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, ausgesprochen hatte. Ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofes sieht eine solche Gleichstellung aller Bürger der EU zu den Deutschen nicht vor, wie u. a. die Deutsche Welle berichtet, die auch Hesse anführt. Außerdem sind solche Forderungen ziemlich unrealistisch, denn potentiell stünde damit ausnahmslos jedem (!) EU-Bürger zumindest potentiell Hartz-IV in Deutschland zu und zwar sofort, von der ersten Minute an. Das ist gar nicht leistbar, selbst für ein reiches Land wie Deutschland nicht. Dass die deutsche Austeritätspolitik v. a. in Südeuropa zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit und zum Abbau sozialer Sicherung geführt hat, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Die Frage ist nur, ob man das auf die sozial Schwachen der deutschen Gesellschaft abwälzen will und das – als wäre es damit nicht genug – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo von „Verdrängungsprozessen“ durch die Flüchtlinge die Rede ist. Muss man da die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch mehr zuspitzen?

Angela Merkel, die für ihre Flüchtlingspolitik im Moment überall gefeiert wird, ist übrigens gar nicht so sehr mit Maximalforderungen an die Bevölkerung getreten. Und auch viele Politiker klassisch Einwanderungsfreundlicher Parteien, wie der Grünen, haben sich weitaus zurückhaltender geäußert, als man es auf den ersten Blick vielleicht hätte erwarten können. Allerdings – wer wirklich an offenen Grenzen festhalten will, hat auch ein Interesse daran, Konzepte zu entwickeln, die umsetzbar sind und auch dann in der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen, wenn man nicht damit droht, ansonsten alle in die rechte Ecke zu stellen. Auch wenn man über Einzelfragen und moralische Ansprüche sicherlich diskutieren kann – Wer allzu radikal „pro refugee“ auftritt, will vielleicht vor allem eines: Der AfD am Wochenende kräftig Stimmen bescheren. Hoffentlich fällt darauf am Sonntag niemand herein!

Nous n’avons pas peur! Wir haben keine Angst! … oder vielleicht doch?

Im Sommer 2014 gerieten der Islamwissenschaftler und – wie er selbst sagt – „Reformsalafist“ Tariq Ramadan (vgl. Wikipedia) und der französische Rapper Booba (vgl. Wikipedia) im Internet aneinander. Stein des Anstoßes war der Israel-Palästina-Konflikt. Booba fand es verlogen, im Internet großmäulig aufzutreten und positionierte sich „ni pro-Israélien ni pro-Palestinien ni pro-zobi“. Ramadan hielt dagegen, dass es erst recht verlogen sei, den unterdrückten Palästinensern nicht zumindest moralisch zu Hilfe zu kommen (genau nachzulesen ist die Debatte u. a. im Figaro). „Wesh Tarik (sic) t’as un C.A.P. secrétariat ou quoi?“ (sinngemäß etwa: „Yo, Tariq, hast Du den Horizont von ’ner Tippse, oder was?“) ereiferte sich daraufhin der Rapper. Die meisten der Maulhelden, die im Internet mit markigen Worten Krieg auf Seiten der Palästinenser führten, seien Afrikaner (bzw. afrikanischsstämmige Franzosen), „(…) mais on n’les entend pas quand ca se passe quotidiennement sur leur propre continent“ (sinngemäß etwa:“(…) aber keiner hört sie, wenn das auf ihrem eigenen Kontinent Alltag ist.“) … heißt es in einem musikalisch unterlegten Positionspapier, das auf Youtube im Rahmen der Debatte veröffentlicht wurde (hochgeladen unter dem Account „akounach ismail“, Zugriff am 17. Nov. 2015). Die Reaktionen anderer frankophoner Rapper, wie z. B. Cortex sind dort ebenfalls  zu finden.

DIE KULTUR DER UNDERDOGS?

Man kann sich fragen, was ein Haufen martialisch auftretender Typen mit Basecap und Goldkettchen mit den grausamen Attentaten zu tun hat, die sich am letzten Freitag in Paris ereignet haben. Eigentlich nichts. Genau wie der Israel-Palästina-Konflikt ein anderes Thema ist als der Krieg in Syrien. Die Attentäter von Paris handelten im Auftrag des „Islamic States“ („Daesh“). Es besteht kein Zweifel daran, dass sie vor allem die westliche Art zu leben angreifen wollten – Musik, Cafés, Bars, Amüsement, damit auch Rap. Die Diskussionen, die Booba, Cortex und andere im Internet geführt haben, haben nichts mit den Attentaten zu tun, aber vielleicht sind sie eine Art Spur, die zu dem Setting führen kann, in dem – manchmal – Terror gedeiht: Aggression und Frustration, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, der Wunsch, endlich mal stark zu sein, hart durchzugreifen und etwas zu bewegen, den – aus der eigenen Sicht – Schwachen zu helfen und es dann doch dabei zu belassen, ein paar Zeilen in die Tastatur vom Computer zu tippen, über die sich die Welt aufregen kann oder auch nicht.

PLÖTZLICH EUROPÄER

Als am Wochenende in einer Talkshow, ich glaube, es war bei Jauch, gesagt wurde, dass die Attentäter von Paris ja Franzosen gewesen seien, so wie die islamistischen Gefährder überhaupt Einheimische seien: Deutsche, Franzosen, Europäer, hat mich das erst einmal wütend gemacht. Ich weiß, gemeint war: es waren keine Flüchtlinge. In Deutschland muss man so etwas vor dem Hintergrund der neu erstarkten Rechten lesen. Es bringt nichts, auf Flüchtlinge loszugehen, wenn man Islamisten bekämpfen will. Damit trifft man nicht nur die Falschen, man heizt auch ein Klima der Feindseligkeit und der Gewalt immer weiter an. Das sehe ich genauso. Aber dass man die „Gefährder“ jetzt kurzerhand zu „Deutschen“ und „Franzosen“ erklärt hat, finde ich trotzdem nicht richtig. Auch wenn vielleicht immer mal der eine oder andere Konvertit aus der gutbürgerlichen deutschen Mittelschicht dabei ist, es sind eigentlich Migranten – damit will ich sagen: „Deutsche“ und „Franzosen“ „zweiter Klasse“. Das rechtfertigt die Attentate ganz sicher nicht und ich denke, dass man für so etwas auch keine Rechtfertigungen finden kann, aber es ist irgendwie peinlich, wenn die wirklichen „Underdogs“, diejenigen, die Ausgrenzung und Diskriminierung tagtäglich hautnah erfahren, plötzlich zu einem „Teil dieser Gesellschaft“ werden, der sie nicht sind und nie sein durften. Vielleicht ist es unangenehm, zuzugeben, dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht nur bloße Worthülsen sind, sondern höchstreal und dass sie im Zweifelsfall zu Gewaltausbrüchen führen können. Man halte sich – als Gegenbeispiel – nur mal die ganzen Upper-Class-Kids der letzten Jahre vor Augen, die unbedingt „anders“ sein wollten – als ob etwas dabei gewesen wäre, zu sagen, dass man selbst Vorteile im Leben gehabt hat und sich trotzdem oder gerade deshalb gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung stark machen will. Das hätte ich cool gefunden und da hätten ja auch alle mitmachen können. Aber dann war da der schlesische Opa, der einem die Aura des „Migrationshintergrundes“ geben sollte oder die sexuelle Orientierung, die man so lange gedreht und gewendet hat, bis daraus ein „Lifestyle“ wurde, etwas, das allen „zustand“, jedenfalls allen mit dem „richtigen“ sozialen Background. Das haben Lifestyles ja so an sich.

INVESTIERT IN DEN ZUSAMMENHALT DER GESELLSCHAFT!

„Diversity“ und „Minderheitenförderung“ war viel zu lange vor allem eine auf Hochglanz polierte Fassade, die an die Werbeplakate der italienischen Modefirma Benetton aus den 1980er Jahren erinnerte: „United Colors“, bunt und smart, aber irgendwie auch brav, jedenfalls lange nicht so provokant wie behauptet. Leider waren es die kleinen Möchtegern-Gangstaz, die die „Minderheitenförderung“ dringend gebraucht hätten. Und sie hätte ihnen auch zugestanden, sehr viel mehr als vielen anderen. Leider hat man aber zu lange versäumt, z. B. „Deutsch als Zweitsprache“ an Schulen in sozialen Brennpunkten als Unterrichtsfach einzurichten. Es schien, als sei es nicht so nötig, da zu investieren, wo allein schon die Adresse auf dem Bewerbungsschreiben zu einer Absage für die Wunschausbildung oder den favorisierten Job führen würde. Die Migranten, die vor den Flüchtlingen kamen, hat man einfach zu lange allein gelassen. Immerhin waren da ja auch noch die Kinder der migrantischen Oberschicht, die als „Vorzeigemigranten“ herhalten konnten, wenn man sagen wollte „Es geht doch, wenn man nur will.“

FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRÜDERLICHKEIT – FÜR ALLE!

Es geht eben nicht, womit ich nicht sagen will, dass aus Menschen mit Migrationshintergrund entweder Kleinkriminelle oder Terroristen werden, wenn sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen und im Ghetto aufwachsen – damit täte man den vielen Unrecht, die einfach nur in Frieden leben wollen und ökonomisch irgendwo im ehrbaren unteren Mittelfeld herumkraxeln. Die Schlussfolgerung: Migrant, arm, Muslim = Gefahr ist falsch. Ebensowenig ist jeder Flüchtling aus dem Nahen oder Mittleren Osten ein potentieller Kämpfer im Dienste des „Kalifats“. Die meisten fliehen gerade davor – und es ist sicherlich richtig, das auch noch einmal klarzustellen, wie es viele Politiker und Medienleute in den letzten Tagen getan haben. Einige wenige sind aber vielleicht auch doch dabei, die aus den Regionen, wo IS und Al-Qaida stark sind, stammen und mit dem islamistischen Extremismus sympathisieren. Leider haben Bürgerkriege es so an sich, dass es verschiedene Fronten gibt und alle Beteiligten leiden. Man weiß es nicht. Alle über einen Kamm zu scheren, wird uns trotzdem nicht besser vor Terror schützen. Das kann nur eine starke Zivilgesellschaft, die Platz für Andersartigkeit und Vielfalt lässt und immer wieder Chancen gibt, aber auch da Grenzen setzt, wo die Gefahr besteht, dass die Freiheiten und die Würde anderer herabgesetzt werden oder sogar ihr Leben bedroht ist, egal, wer diese „anderen“ sind. Das ist nicht gerade einfach, aber es ist vielleicht der einzige Weg …

Dans la mémoire des victimes des attentats du 13. novembre.