Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

#FuckDeniz. Oder: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler

… ein Drama in vier Akten:

Der „Türke vom Dienst“ betreibt „Hetze gegen die Türkei“. Da komme ich, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr mit. Die Debatte um den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat allerdings eine Wendung genommen, die absehbar war.

Eigentlich lagen die Dinge klar auf der Hand: Angela Merkel hat den Böhmermann rausgepaukt, dann muss sie sich jetzt eben auch für den Yücel einsetzen. Immerhin bot Böhmermanns Gedicht, in dem er Recep Erdogan als „Ziegenficker“ bezeichnete, tatsächlich Reibungsfläche. Ich wusste auch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich ist es ziemlich paranoid, wenn der Staatschef eines tausende Kilometer entfernten Landes das Mediengeschehen in Deutschland so penibel überwachen lässt, dass ihm auch Nebensächlichkeiten wie eine etwas überzogene Comedy-Aktion ins Auge stechen. Aber „Ziegenficker“ ist eindeutig beleidigend, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Schenkelklopfer für geifernde Islamhasser ist, den Propheten Mohammed als „Pädophilen“ zu verunglimpfen.

Yücel dagegen hat in der Türkei doch eigentlich, wenn man es genau nimmt, nur seine Arbeit gemacht und das auch noch für eine deutsche Zeitung. Da in der Türkei andere Bedingungen herrschen als hier und Yücel zudem deutscher Staatsbürger ist, musste das Auswärtige Amt sich einschalten. Das Gleiche gilt ja auch, wenn ein Deutscher mit Drogen in Malaysia erwischt wird. Drogenschmuggel ist auch hierzulande eine Straftat, aber dafür gleich die Todesstrafe zu verhängen, das geht dann eben doch zu weit. Yücel hat keine Drogen geschmuggelt. Ihn erwartet keine Todesstrafe. Er ist einfach den beunruhigenden politischen Entwicklungen in der Türkei zum Opfer gefallen. Und wenn auch die Türkei ausländischen Journalisten Zugang zu Bereichen verweigern kann, die man für sensibel erachtet, so kann niemand diktieren, was in deutschen Zeitungen stehen darf. Umgekehrt würde man es ja auch befremdend finden, wenn die türkische Community in Deutschland quasi als Geisel genommen würde, um die Türkei politisch zu beeinflussen.

Der „Türke vom Dienst“: Multikulti, die Erste

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Aber das passt nicht zur Hysterie des Internets und zu der emotional aufgeladenen Debatte um Migranten, ethnische Vielfalt und Einwanderung. „Einmal Türke, immer Türke“ regt sich der (deutsche) ehemalige Türkeikorrespondent Michael Martens in der FAZ auf und moniert, dass Auslandsberichterstattung mittlerweile zu stark ethnisch aufgeladen sei. Warum sollten nur Türken über die Türkei schreiben? Wäre das alles nicht passiert, wenn die „Welt“ statt Yücel einen Biodeutschen geschickt hätte? Deniz Yücel sei für Recep Erdogan eben Türke und werde daher behandelt wie die einheimischen unliebsamen Journalisten, so Martens.

Im Netz wird der Kommentar auf das Schlagwort „Türke vom Dienst“ komprimiert. Entsprechend entrüstete Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Andere Journalisten mit Migrationshintergrund weisen daraufhin, dass auch sie ihre Herkunftländer (oder die ihrer Eltern) liebten und deshalb über sie berichteten, so wie Deniz Yücel die Türkei liebe. Deutsche Kollegen von Yücel bezeichnen den Text als „infam“ und sprechen von „Niedertracht“.

Ja, stimmt, aus Martens Worten spricht nicht gerade sehr viel Mitgefühl mit dem inhaftierten Kollegen. Eher schon konnte man darin den rivalisierenden Journalisten herauslesen, der die Chance gekommen sieht, die eigene Stellung als Auslandkorrespondent zu verteidigen gegen die Konkurrenz „mit Blutsbande“ in die enstprechenden Länder.

Nur hatte die Gegenseite leider keine besseren Argumente – ethnische Zugehörigkeit, „Vaterlandsliebe“, Journalismus dürfe, ja solle ruhig auch „parteiisch“ sein, fordert Klaus Raab in der taz. Er zitiert die Politikredakteurin der „Zeit“ Özlem Topçu, die zu der Debatte um Deniz Yücel angemerkt hat, dass allzu lange der weiße, westliche männliche Blick den Journalismus bestimmt habe.

Italienisches Design & „Kopftuchmädchen“: Multikulti die Zweite

Das erinnerte mich unwillkürlich an eine Zeile von Ingo Zamperoni, die ich neulich gelesen habe. Zamperoni, seines Zeichens USA-Korrespondent, ließ sich über die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aus und gab freimütig zu, dass ihm „als Deutschen“, einiges Magenschmerzen bereite, was für Amerikaner kein Problem sei, schon wegen der Geschichte. Zamperoni besitzt, so kann man auf Wikipedia nachlesen, wie Deniz Yücel zwei Pässe, neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die italienische.

Vermutlich würde man derartige Statements nicht von Journalisten wie Deniz Yücel, Özlem Topcu oder auch Margarete Stokowski hören. Man könnte argumentieren, dass Italiener in Deutschland auch keinen so schlechten Ruf hätten wie etwa Türken. Der trotzige Rückzug auf die eigene Andersartigkeit ist ja oft eine Reaktion darauf, ohnehin nicht dazugehören zu dürfen. Allerdings erinnere ich mich, in den 1990er Jahren einmal ein Buch über Migration in der Hand gehabt zu haben, ein ausdrücklich linkes Buch übrigens, in dem die türkischen Gastarbeiter gelobt wurden als stille, fleißige und anpassungsbreite Migranten, denen man oft Unrecht tue (Sicher stimmt das vielfach). Die Italiener dagegen seien faul, stritten die ganze Zeit lautstark miteinander und schleppten hier Mafia und Blutrache ein (In einigen Fällen stimmt sicher auch das. Es ist aber trotzdem ein Vorurteil.). Klar: „Albano & Romina Power“, „Caterina Valente, hat’n Arsch wie ’ne Ente“, dämliche, amüsante Leute, Schnulzen und sonstige grenzdebile Unterhaltung. Allerdings gilt das nicht, wenn man aus der Oberschicht stammt. Italienisches Design, Mode, Kunst, Oper, Töpfern in der Toscana – mit all dem wollte sich die deutsche Intelligentsia auch schon vor 20 Jahren nur zu gern identifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie dumm, willkürlich und austauschbar Vorurteile sind und dass auch gebildete Leute nicht vor ihnen gefeit sind.

Dennoch ist es keine Glanzleistung und irgendwie auch müßig, eine Ethnie gegen die andere ausspielen zu wollen, ganz gleich ob es um Deutsche, Türken, Italiener, Russen, Polen, Nordafrikaner oder wen auch immer geht. Ich kann Özlem Topçu verstehen. Man selbst kennt das Land wie seine Westentasche – Geschichte, Kultur, Mentalität. Man spricht die Sprache, hat Zugang zu den dortigen Medien, kann ohne Mühe die politischen Debatten vor Ort nachvollziehen. Man brennt nur so darauf, seinen deutschen Landsleuten etwas davon zu vermitteln. Und dann wird einem ein blonder Biodeutscher vor die Nase gesetzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich auf Englisch durchschlagen muss. Das spiegelt eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit wieder, über die man sich zu recht echauffieren kann, ja sogar sollte.

„Vaterlandsverräter“ & „Putinfreunde“: Multikulti, die Dritte

Andererseits kann man natürlich einwenden, dass Auslandskorrespondenten, die eine persönliche Verbindung zu dem Land, aus dem sie berichten, haben, in gewisser Weise befangen sind. In die Richtung ging ja in etwa, was Michael Martens geschrieben hat. Allerdings: Es hat auch immer schon deutsche Spione gegeben, Menschen, die die Seiten gewechselt und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, „verraten“ haben. Blut ist offenbar doch nicht immer dicker als Wasser.

Ein aktuelles Beispiel sind vielleicht die (deutschen) „Putinfreunde“, die in Russland und Wladimir Putin ein wegweisendes Beispiel sehen. Meist sind es Linke oder ehemalige Linke, die sich nicht scheuen, „für den Frieden“ auch mit Rechten „strategische Bündnisse“ einzugehen und sich mindestens ebenso „antideutsch“ gebärden wie es Deniz Yücel getan hat.

Nicht zu vergessen die Russlanddeutschen, von denen es heißt, viele würden AfD wählen, die Fake-News-Affaire um „naša Lisa“, das dreizehnjährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin, das angeblich von Südländern vergewaltigt worden sein sollte und im Zuge der Vorwürfe, die sich sehr schnell gezielt gegen Merkels Flüchtlingspolitik wendeten, in Russland wieder zu „unserer Lisa“ wurde. Auf Wikipedia ist der Fall dokumentiert.

Kulturelle Repräsentation & Konkurrenzdruck: Multikulti, die Vierte

Multikulti ist nicht einfach. Und anders als die Debatte um „die türkische Stimme“ Yücel oder, schlimmer, „den Türken vom Dienst“ Yücel es vermuten lässt, erhält der „Welt-Journalist“ ausgerechnet von einer sozialen (bzw. ethnischen) Gruppe kaum Unterstützung: den in Deutschland lebenden Türken. Die machen, ganz im Gegenteil, auf Twitter unter dem Hashtag #FuckDeniz sogar kräftig Stimmung gegen ihn, bizarrerweise Seite an Seite mit den Rechten. In der „Welt“  heißt es, man fühle sich einmal mehr verraten – nicht nur der NSU-Skandal, Rechtsterror, der viel zu lange unter dem Label „Dönermorde“ lief – Nein, jetzt auch die Solidarität mit dem „Terroristenunterstützer“ Deniz Yücel.

Die „türkische Stimme“ gibt es also nicht. Deniz Yücel repräsentiert sie nicht, aber auch nicht die deutschtürkischen Erdogan-Anhänger, nicht biodeutsche Türkei-Korrespondenten wie Michael Martens, aber auch nicht dessen Kollegen, die sich „parteiisch“ auf der Seiten der Minderheiten wähnen.

Dieses Denken ist gefährlich und ich kann ein Lied davon singen. Immerhin habe ich in den letzten Jahren u. a. die Bekanntschaft endlos vieler Frauen gemacht, die – vermeintlich „mehr Frau“ als ich – Menschen wie mir eine Stimme geben wollten. Nur dass ich selbst deshalb leider den Mund zu halten hatte und außerdem sorgsam darauf geachtet werden musste, dass ich mich auch nur ja nirgends einbringe. Ich möchte nicht von anderen „repräsentiert“ werden, ganz gleich wie lautstark die angeblich „Partei“ für mich „ergreifen“. Und ich kann verstehen, wenn es anderen ähnlich geht.

Allerdings sind das Streitereien, die eher zunehmend aggressive Konkurrenzsituationen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt wiederspiegeln, als dass sie sich ernsthaft mit der multikulturellen Gesellschaft (oder Frauenrechten) befassen würden.

Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler!

Recep Erdogan darf in Deutschland unter den Deutschtürken, denen, die auch einen türkischen Pass haben, Wahlwerbung machen. Dann darf Deniz Yücel auch für Deutschland kritisch aus der Türkei berichten. Und wenn der deutsche Staat Jan Böhmermann in der Causa „Ziegenficker“ Händchen gehalten hat, so ist es nur recht und billig, auch den umstrittenen „Welt“-Korrespondenten zu unterstützen. Das hat nichts damit zu tun, ob man „dem Türken“ helfen möchte oder nicht, ob man Yücel als Menschen mag oder nicht, ob man seine Artikel gut findet oder nicht oder, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man für oder gegen „Multikulti“ ist. Es ist einfach eine Realität unserer Gesellschaft. Oder, etwas blumiger formuliert: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler. Wenn einem das nicht passt, braucht man sie gar nicht erst in Betrieb nehmen (Es liefe ja doch nur alles ins Leere).

Rechts & durchgeknallt? Ein bunter Berliner Reigen quer durch die Querfront

Berlin ist bunt. Vor allem kann es auch mit einer Fülle an Braunschattierungen aufwarten. Das Problem ist allerdings: Man trifft immer da auf sie, wo man gar nicht mit ihnen rechnet. Zumindest war mir persönlich lange Zeit nicht klar, wie ich ältere Frauen aus der höheren Gesellschaft, die vollkommen fixiert darauf waren, mir nachzuweisen, dass sie sehr viel bessere Fremdsprachenkenntnisse haben als ich (weiß der Teufel, wieso) mit Kiffern, ehemaligen Stasi-Agenten und künstlerisch-esoterisch angehauchten Freigeistern zusammenbringen sollte. Der Tipp „BRD GmbH“ brachte schließlich den Durchbruch:

„BRD GmbH“: Der Staat als Unternehmen – Kapitalismuskritik 2.0

Irgendwo in Kreuzberg auf einer Abendveranstaltung drang es mal so halb an mein Ohr: „BRD GmbH“. Ich hatte das als etwas blumig ausgedrückte Kritik am „Kapital“ und seiner erdrückenden Ominpräsenz in Politik und Gesellschaft gewertet. Die Nuller Jahre gingen ihrem Ende entgegen, die „Bolkestein-Direktive“ war als Idee, kostspielige Sozialsysteme und aufwendigen Arbeitnehmerschutz endgültig Geschichte werden zu lassen, gerade ausgestanden. Die weltweite Finanzkrise dagegen war in vollem Gange und hielt auch die Hauptstadt in ihrem Würgegriff. Von daher fand ich es nicht ganz unberechtigt, es zu kritisieren, dass ein wildgewordener Manchesterkapitalismus der Politik in scheinbarer Alternativlosigkeit seinen Kurs aufzwang: Der Staat also sozusagen als Unternehmen, das nach den Prinzipien „Cashflow“ und „erster am Markt sein“ geleitet werden sollte. Gut.

Wenn Künstlertypen ungemütlich werden

Ich ging jedenfalls davon aus, es mit Künstlertypen zu tun zu haben und schob den etwas bizarren Begriff darauf. Dass diese Leute nicht in erster Linie Gesellschaftskritik üben wollten, sondern sich nicht als Bürger der Bundesrepublik Deutschland ansehen, dafür aber als sog. „Reichsbürger“, wusste ich nicht. Genau genommen wusste ich überhaupt nicht, was „Reichsbürger“ sind. Ein Prominenter, dem eine Nähe zu den „Reichsbürgern“ nachgesagt wird, ist Pop-Sänger Xavier Naidoo, der Deutschland um ein Haar im letzten Jahr beim Grand Prix de la Eurovision vertreten hätte. Nähere Informationen dazu findet man auf Wikipedia. Allerdings – und so kontrovers der Fall Naidoo auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist – muss man fairerweise sagen, dass die „Reichsbürgerszene“ sehr heterogen ist. Einen ersten Überblick dazu gibt ein Interview, das Ute Welty mit dem Politologen Steffen Kailitz auf Deutschland Radio Kultur geführt hat: Im besten Fall ist das mit den „Reichsbürgern“ offenbar mehr oder weniger ein Trick, um keine Steuern zahlen zu müssen. Im schlimmsten Fall geht es um „Deutschland in den Grenzen von 1939“, also das „Deutsche“ (oder auch „Dritte“) „Reich“ und das ist genauso rechts, wie es klingt.

Eine kreative Methode, um Steuern zu hinterziehen?

Vielleicht holen die Harmloseren unter den „Reichsbürgern“ einfach ein bisschen sehr weit aus, um Behörden klar zu machen, dass sie keine Steuern zahlen werden (Wozu? Man lebt ohnehin im eigenen Königreich mit eigener Flagge und eigener Gesetzesgebung). Sich an irgendeine Steueroase zu wenden, wäre jedenfalls einfacher.

Der braune Faden in der „Reichsbürgerszene“ zieht sich dann weiter durch Milieus, wo von „Chemtrails“ und „Mondnazis“ die Rede ist. Die Annahme, dass unsere Luft mit Chemikalien verseucht wird, um die Bevölkerung mürbe zu machen, klingt nach „von Aliens entführt“ und in genau die Ecke gehört es wahrscheinlich auch. Warum ich das denke? Na ja, Leute wie Angela Merkel und Lothar de Maizière müssen ja die gleiche Luft einatmen, wie die „Reichsbürger“ (und alle anderen) auch. Schon im eigenen Interesse würde man sich also darum kümmern, wenn da etwas dran wäre.

Ob auf dem Mond Nazis leben, weiß ich nicht. Für sehr wahrscheinlich halte ich es nicht, aber vielleicht könnte man bei Gelegenheit ein paar Vorräte anlegen, nur so für den Fall, dass eine faschistische Alieninvasion droht.

Antisemitismus mit psychotischen Zügen

Mögliche Gründe dafür, warum ausgerechnet einige altehrwürdige Mitglieder der „guten Gesellschaft“ mit Rechtsdrall ihr Herz für (bestimmte) Menschen mit skurillen Ansichten – und in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch psychischen Problemen – entdeckt haben, erfährt man in den sozialen Netzwerken: #brdgmbh ist sogar ein eigener Hashtag auf Twitter. Weiter geht es um die „Jüdin“ Angela Merkel, die zur zweiten Rosa Luxemburg stilisiert wird (und ich hatte die CDU immer für eine konservative Partei gehalten!), „ethnische Säuberungen“, die angeblich – quasi ein „Genozid“ – durch Einwanderung an Deutschen begangen würden, die „Familie Rothschild“, die, so wird behauptet, die deutsche Politik vom fernen Amerika aus steuert, den „Rassewahn“, den man paradoxerweise gerade Linken gerne vorwirft (neben „Genderwahn“, überhaupt scheint „Wahn“ in diesem Milieu ein beliebter Begriff zu sein, vielleicht, um von sich selbst abzulenken?). Und obendrauf gibt es noch jede Menge moralische Twitter-Unterstützung für den US-Präsidentschaftskandidaten und Geschäftsmann Donald Trump.

Dass Antisemitismus so unverblümt geäußert und in die krudesten Verschwörungstheorien eingebettet wird, kann einen eigentlich nur verstört zurücklassen. Allerdings gibt es auch Accounts, die sich ausdrücklich als „pro-israelisch“ bezeichnen und sich ganz auf den Islam als vermeintliche „Wurzel allen Übels dieser Welt“ einschießen. In den meisten Fällen wird jedoch ein Zusammenhang gesehen zwischen einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, Kanzlerin Angela Merkel (die auf jeden Fall weg muss, wie immer wieder betont wird) und islamistischem Terror. Auch Kriminalität, die ausschließlich als Einwandererproblem betrachtet wird, ist häufig Thema am rechten Rand des Internets, weshalb man sich mit Verve auf jede Tat stürzt, in die Flüchtlinge und Migranten irgendwie involviert sind.

Ein x-beliebiger Polizeibericht müsste eigentlich ausreichen, um solche Denkweisen zurechtzurücken. Und natürlich klingt das, was man im Internet so liest, ein bisschen, als hätten sich die (vielleicht berechtigten) Ängste von ein paar Leuten, sozial an den Rand gedrängt zu werden, zu wahnhaften Ideen ausgewachsen.

#Kudla: Die „Sorgenkinder“ der ehrenwerten Gesellschaft?

Dass der verschwörungstheoretische, in einigen Fällen psychotisch anmutende Ansatz zum Teil durchaus anschlussfähig an das rechtskonservative Lager ist, bewies in den letzten Tagen die Affaire um die CDU-Politikerin Bettina Kudla. Kudla hatte auf Twitter von einer drohenden „Umvolkung“ gesprochen – den Tweet und einen entsprechenden Bericht findet man u. a. auf Spiegel Online – und sie ist nicht die einzige, die versucht, mit Nazi-Vokabular Aufmerksamkeit zu erregen. Auch Frauke Petry hatte sich kürzlich öffentlich dafür ausgesprochen, den Begriff „völkisch“ wieder positiv zu deuten. Offenbar sind 70 Jahre für die Generation Internet eine zu lange Zeitspanne, um sich noch daran zu erinnern, wie das mit dem Nationalsozialismus damals geendet ist. Leider.

Die Frage ist aber: warum heizen konservative und rechtspopulistische Politiker, denen doch eigentlich daran gelegen sein müsste, „regierungsfähig“, also seriös zu erscheinen, diesen Schwachsinn auch noch an, anstatt sich klar davon abzugrenzen? Oder birgt das verschwörungstheoretische Milieu am Ende ein Wählerpotenzial, auf dessen Beifall keine ehrgeizige rechtskonservative Strömung in diesem Land verzichten möchte?

Die Friedensmahnwachen: Das linke Milieu kippt nach rechts

Nicht immer ist das Internet ein Spiegel der Wirklichkeit. Manchmal allerdings schon: In den sozialen Netzwerken ist in der rechten Ecke von AfD-Manga-Figuren über Meme-Frösche bis hin zu altertümlich anmutenden Wappen und anderen einschlägigen Insignien alles vertreten. Ein ähnlich buntes Bild dürften offline auch die Berliner Friedensmahnwachen von 2014 geboten haben. Bei dem Wort „Frieden“ reibt man sich erst einmal die Augen. Eigentlich kann man das beim besten Willen nicht mit rechtslastigem Gedankengut in Verbindung bringen und man fragt sich, ob man da nicht etwas falsch verstanden hat.

Zwar soll, wie die taz berichtete, 2014 alles in gewohnter Ostermarsch-Manier unter dem Label der Friedenstaube gelaufen sein, nur dass Redner aufgetreten sind, deren Glaubwürdigkeit als Linke sich in Grenzen hält – etwa Ken Jebsen, dessen Karriere als Radiomoderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg 2011 abrupt endete, als Antisemistismus-Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, oder der „Compact“-Herausgeber Jürgen Elsässer, der auf seinem Blog keinen Hehl daraus macht, dass er die AfD und sogar die ins Visier des Verfassungsschutz geratene „Identitäre Bewegung“ unterstützt. NPD-Mitglieder sollen, wie Erik Peter in der taz schreibt, auf der Berliner Montagsmahnwache gesehen worden sein und auch deren Organisator Lars Mährholz werden Kontakte ins rechtsextreme Milieu nachgesagt. Dass da etwas dran ist, hat Stefan Lauer in einer Kolumne auf Vice belegt. Allerdings ging es, wie die Berichte der taz und von Vice nahelegen, auch auf den Montagsmahnwachen für den Frieden um einen kruden Mix aus Verschwörungstheorien, verbrämtem Antisemitismus und schrilleren antiamerikanischen Tönen, der auch im Internet häufig anzutreffen ist. Anlass für den von außen widersinnig erscheinenden Schulterschluss von rechts und links war offenbar der Krieg in der Ukraine. Getragen wurden die Proteste aber, so scheint es, eher von einem Milieu, dass schon vorher diffus „dagegen“ und offen für die abstrusesten Welterklärungen war, also u. a. auch von Leuten, die sich in der „Reichsbürgerszene“ bewegen, in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten der sog. „alternativen Medien“ im Internet.

Vielleicht hilft es, an dieser Stelle einen Blick auf eben diese „alternativen Medien“ zu werfen und sich, da es ja um den Ukraine-Konflikt geht, v. a. „Russia Today deutsch“ genauer anzuschauen.

Nicht-p. c. als Kassenschlager: „alternative Medien“ im Internet

Der Erfolg der „alternativen Medien“, der in den letzten Jahren immer wieder mit wachsender Besorgnis beobachtet wurde, ist nicht ganz zufällig. Es scheint irgendwie mit „Political Correctness“ und dem Gefühl zu tun zu haben, dass man im Fernsehen und in der Tagespresse nur noch einen Bruchteil von dem, was los ist, mitbekommt. Natürlich, wir leben nicht in einer Diktatur und von daher kann man wohl kaum von einer „staatlichen Lenkung“ der Medienwelt sprechen. Andererseits sind Journalisten auch nur Menschen und auch der ein oder andere Politiker dürfte schwach werden bei der Option, sich medial etwas unterstützen zu lassen und dafür vielleicht im Gegenzug einige Karrieren zu pushen. Wie so oft liegt auch bei einer vollkommen überzogenen, lächerlich erscheinenden Kritik nicht unbedingt immer richtig, wer alles damit abzubügeln versucht, dass doch in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall sei. Irgendwann kommt sie raus, die Bestechungsgeldaffaire, der Filz, die Verstrickung von Macht, da wo sie nicht hätte sein dürfen und selbst der unglaubwürdigste Verschwörungstheoretiker fühlt sich bestätigt. Hatte er es nicht gesagt?

Beziehungsweise: es kommt darauf an: Klar, es gibt keine „jüdische Weltverschwörung“ und keine „Protokolle der Weisen von Zion“, aber es gibt menschliche Schwächen und Korruption. Mit der „Political Correctness“ ist es wie mit dem medialen Mainstream: Sie hat ihren Sinn, aber eben nur mit Maß: Manche Menschen erkennen einfach überall Rassismus, selbst da, wo keiner ist. Andere wiederum bestehen darauf, dass „Neger“ etwas ist, was man ja wohl noch sagen dürfen wird. Auch dann, wenn es jemand als verletztend empfindet und es eigentlich mindestens 100 andere Worte gäbe, die weitaus weniger diskriminierend wären. Manchmal nimmt der Krieg um Worte befremdliche Züge an. Und es ist einfach nur abstoßend, wenn man sich anschaut, wie rechtspopulistische Politiker mit Nazi-Vokabular und unverhohlener Diskriminierung um sich werfen, als gäb’s dafür etwas zu gewinnen (siehe oben: #Kudla, #Petry).

In rechten Kreisen legt man es nach Selbstaussage (Inhalt diverser Tweets) offenbar geradezu darauf an, Linke mit solchen Aussagen zu „triggern“. Sprich: sie alle wollen die bösen Kinder vom Schulhof sein, die dem Lehrer den nassen Schwamm auf den Stuhl legen, damit der sich mächtig ärgert und man selbst die Lacher auf seiner Seite hat. Wenn man Nazi-Witzchen nicht lustig findet, bleibt einem dann nur noch, still bei sich zu denken, dass manche wirklich besser daran täten, ab und zu einfach mal den Mund zu halten. Man sagt es aber eben nicht, weil es irgendwie auch ein ungeschriebenes Gesetz gibt, dass man den Leuten nicht leichtfertig unterstellen darf, sie seien rechts, eine Art „Maulkorb“ von der anderen Seite sozusagen. „Political Correctness“ kann also nervtötend und eine Last sein, wenn sie übertrieben wird, aber ob sie tatsächlich gesellschaftlich so tief verankert ist, wie ihre Gegner gern behaupten, ist fraglich.

Ausdrücklich NICHT politisch korrekt sein zu wollen und alles offen auf den Tisch zu packen (oder zumindest den Eindruck zu erwecken, das zu tun), ist längst eine Marktlücke, die Medien wie „Russia Today deutsch“ bedienen. Dass „RT deutsch“ nicht unbedingt Stimmung gegen die Politik von Wladimir Putin macht, kann man sich sicherlich denken. Davon abgesehen aber hat sich der Sender auf die Fahnen geschrieben, „neutral“ und schonungslos offen zu berichten, was – je nach Standpunkt in den „Qualitätsmedien“ oder in der „Pinocchio-Presse“ – unerwähnt bleibt. Ob damit gemeint ist, dass öffentlich in die Kritik geratenen Persönlichkeiten wie Eva Hermann oder den Montagsmahnwachesprechern Ken Jebsen und Andreas Popp ein Forum gegeben werden soll, ob Aspekte, die in den Mainstreammedien vernachlässigt werden, mehr Gewicht erhalten oder ob generell der russische Standpunkt näher beleuchtet werden soll, auch wenn es um innerdeutsche Angelegenheiten geht, sei mal dahingestellt. Ganz so einfach ist es nun auch nicht, ein Medienkonzept als Ganzes zu analysieren. Daher will ich es hier bei einigen Aspekten belassen, die mir persönlich aufgefallen sind.

Eine Alternative oder einfach die russische Perspektive?

Akademisch-penibel ausgearbeitet wirkten die Beiträge von „RT deutsch“, die ich mir stichprobenartig angesehen habe, nicht unbedingt. Dafür schien alles eingängig aufbereitet und ähnlich knallig präsentiert zu sein wie z. B. „Compact“. Vielleicht handelt es sich um die Internetversion des „Unterschichtenfernsehens“ oder aber ich habe die wirklich guten, auf meine Zielgruppe zugeschnittenen Sachen zufällig einfach nicht gesehen. „Rechte Hetze“ kann man „Russia Today deutsch“ nicht wirklich vorwerfen, wohl aber, wie gesagt, eine „parteiische“ Berichterstattung zu Gunsten Russlands.

Das spiegelt sich auch in den Kommentaren wieder, die es politisch z. T. in sich haben. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Kommentatoren einander der „Russophobie“ verdächtigen, auch wenn es in dem kommentierten Beitrag gar nicht um Russland geht. Beim Thema AfD scheint die „RT deutsch“-Community allerdings gespalten zu sein. Das wird u. a. in einem Stream zu einem am 30. Mai 2016 ausgestrahlten Interview mit der AfD-Politikerin Frauke Petry deutlich: User „Cobra“ kommentierte noch am selben Tag: „Europas Kinder werden zur Schlachtung freigegeben. (…) Eine neue Welle von brutale Gewaltmenschen aus Afrika rollt auf Europa zu, (…)“. Andere äußerten sich dagegen klar ablehnend zur AfD. Auch die Themen „Meinungsfreiheit“ und „Gegenöffentlichkeit“ werden in der „RT deutsch“-Community angesprochen: Zu dem Beitrag „Die Anti-Deutschen: Antifa oder doch pro fa“ vom 02. April 2015, bei dem auch Ken Jebsen zu Wort kommt, schrieb User „Kakud“ z. B. am gleichen Tag: „Ja, wer in Deutschland sich gegen Neokapitalismus und Unterdrückung wehren möchte, ist schnell ein Nazi oder Antisemit. Die Strategie hat schon über Jahrzehnte geholfen uns Mundtod zu machen. Ein Beispiel: Wer das Wort „Lügenpresse“ verwendet, der soll angeblich ein Wort verwenden, den die Nazis benutzt haben.“

Der Top-Spion und die Piratin

Ob Leute wie „Topas“ wissen, dass man im „Russia Today deutsch“-Umfeld z. T. recht wenig Berührungsängste mit dem rechten Rand hat? Und würde das eine Rolle spielen? „Topas“ war, so stellt ihn zumindest sein Wikipedia-Eintrag dar, einmal einer jener westdeutschen Linken, die nicht nur Däumchen drehen wollten. Mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Rupp und stammt ursprünglich aus der Nähe von Trier im beschaulichen Rheinland-Pfalz. Dass Rupp nicht nur ein unbescholtener Bürger war, der sich sein kleines Leben in der westdeutschen Provinz eingerichtet hatte, kam erst sehr viel später heraus. Als Top-Spion für die Stasi habe er einst einen Atomkrieg verhindert, sagt der Rupp über sich selbst, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Heute arbeitet er als Journalist, u. a. für das „Neue Deutschland“ und bis 2016 auch für die „Junge Welt“. „RT deutsch“ hat ihm ein Interview gewidmet. „Ken FM“ übrigens auch. Die Welt der Informationen und „Gegeninformationen“ ist für den Mann gewiss keine unbekannte.

Aber ganz gleich, was man über die Stasi denkt, in der rechten, AfD-nahen Ecke kann man sich einen wie Rupp nicht vorstellen. Auch Lea Frings passt da nicht hin. Die „Russia-Today deutsch“-Mitarbeiterin engagiert sich, so ließt man in ihrer Selbstdarstellung, seit Jahren politisch, erst in der Linkspartei, jetzt bei den Piraten. Frings war u. a. Yogalehrerin, bevor sie in den Medienbereich wechselte. Mittlerweile hat sie bei „RT deutsch“ laut Vice ihre Kündigung eingereicht und sieht ihre Mitarbeit rückblickend kritisch. Die junge Frau mit den auffälligen blonden Dread-Locks und dem bunten Techno-Look wirkt keineswegs so, als wolle sie sich in den Zirkeln „Eingeweihter“ von der Außenwelt und vom Mainstream abgrenzen. Sie scheint ganz im Gegenteil das junge, kreative und weltoffene Berlin geradezu symbolhaft zu verkörpern – sowohl von ihrer Biographie als auch rein vom Äußerlichen her.

Ein guter Draht zur Businesswelt?

Ein etwas anderer Typ scheint da die „RT deutsch“-Vorzeige-Moderatorin Jasmin Kosubek zu sein: sehr jung, adrett gekleidet, weich fallende, perfekt fristierte lange Haare und ein sorgfältig geschminktes Gesicht. Kosubek ist, was den Medienbereich betrifft, genau wie Lea Frings eine Quereinsteigerin, wie ihr Wikipedia-Eintrag bestätigt: Die studierte Betriebswirtin soll, so heißt es weiter in einem Blogbeitrag bei „BerlinMag“, zunächst für das renommierte Beratungsunternehmen KPMG gearbeitet haben. Das klingt, als habe sie ursprünglich eine ganz andere Karriere geplant, aber die Wege in den Journalismus sind ja oft verschlungen und unergründlich. Auffällig ist jedenfalls, wie verschieden die Menschen bei „Russia Today deutsch“ und um „Russia Today deutsch“ herum offenbar sind. Von linksaußen bis zum Rechtspopulismus, von cooler urbaner Hipness bis hin zu einer pragmatischen Businessorientierung scheint alles dabei zu sein. So wirkt es jedenfalls.

Zwischen hipper Coolness & Gegenöffentlichkeit: Das neue Berlin

Was alle diese Menschen miteinander verbindet und ob es überhaupt etwas gibt, das sie miteinander gemein haben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lea Frings, die Ex-„RT deutsch“-Mitarbeiterin, sich 2014 mit ihrem Freund, dem in der veganen Szene bekannten Marsili Cronberg für die umstrittenen Berliner Friedensmahnwachen engagierte. Vielleicht hat der Konflikt in der fernen Ostukraine in Berlin und anderen deutschen Großstädten aber auch nur nur hochgespült, was schon lange im Untergrund gärte: Unzufriedenheit, das Gefühl, politisch und auch sonst in der Sackgasse zu stecken, dass es da noch etwas anderes geben müsste als den Ist-Zustand, Gegenöffentlichkeit: eine Menge brauner Morast und schrille Esoterik als Protest des 21. Jahrhunderts, aber sicher auch Menschen, die eigentlich etwas anderes wollten und sich, bei Tageslicht betrachtet, auf solche Dinge nicht einlassen würden. Ein Fazit lässt sich jedenfalls nicht ziehen, außer eben, dass man die weitere Entwicklung sehr genau beobachten sollte.

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzistische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

Mir kam das Ganze nämlich auch bekannt vor. Ich hatte es offline schon oft genug erlebt, z. B. die „an amerikanischen Comics geschulte Sprache“, derer ich mich angeblich bediene (Das kam von einer älteren Frau, in Kreuzberg, Nähe Amerika-Gedenk-Bibliothek). Vielleicht, so könnte man fast argwöhnen, ist „MarkusWiedmann“ am Ende sogar jemand, der offiziell die Emanzipation von Frauen befürwortet und sich für die Rechte Homosexueller stark macht, ein wahrhaft linker Aktivist, zumindest dem Anschein nach?.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

Klicken fürs Volk

Die taz macht jetzt auch einen auf Polit-Psychotests. Na ja, Psychotests gibts in jeder Frauenzeitschrift. Aber das mit dem Polit hatte ich hat vor der taz. Natürlich hat das gaaar nichts damit zu tun. Reiner Zufall. Klar. Ich meine, kann sein. Wäre es der einzige „Zufall“ und wäre ich nicht auf den Veranstaltungen immer lächerlich gemacht worden, wäre da nicht das ganze Gestalke ihrer Entourage gewesen, das Auflauern, Aushorchen und Fertigmachen, hätte ich nichts gesagt.

Umso erfreuter war ich, heute zu lesen, dass auch andere kopiert werden. Der feministische Blog „Jezebel“ zum Beispiel von Buzzfeed Deutschland. Der Grantler Blog „Deux ex Machina“ der FAZ nimmt das Juliane Leopold-Projekt, das seit kurzem nicht mehr ein  Projekt von Juliane Leopold ist, auseinander. Juliane Leopold? Eine blonde, smarte Berliner Medienfrau, über die ich kürzlich schon einmal gestolpert bin: Sie schreibt auch auf dem Blog „Kleinerdrei“ mit, bei dem auch  „#Aufschrei“-Initiatorin Anne Wizorek mitmacht. Netzfeminismus. Dass Leopold und die Netzfeministinnen eng miteinander sind, ist auch dem FAZ-Grantler eine Erwähnung wert. Der fragt sich allerdings vor allem: Funktioniert der Junk-Journalismus à la Buzzfeed, der Zeitung fürs Internet, genauer für soziale Netzwerke sein will und auf Klicks, viele Bilder und viel blödes Geflacker setzt? Der FAZ-Grantler, der übrigens unter dem Pseudonym Don Alphonso schreibt, meint Nein.

Don Alphonso findet Heftig.co besser. Ein Blick: Na ja: Storys, die die Welt nicht braucht in einer Do-it-Yourself-Atmosphäre, die irgendwie Retro wirkt. Improvisiert und lieblos. Wie ein journalistischer Mülleimer. Buzzfeed Deutschland lese ich eigentlich nie. Höchstens mal die US oder die UK-Ausgabe. Da gibts auch durchaus ganz gute Artikel: länger und profilierter, nicht nur dieses Geflimmer und Geblubber, bei dem einem ganz breiig im Kopf wird. Ich glaube, dieses angelsäschsische Ding ist eher der Mix aus „dumm wie Brot“ und „Sex sells“ einerseits und Storys, denen man wirklich was abgwinnen kann. Wo man denkt: Gar nicht mal so schlecht. „Vice“ ist ja so. Zu „Bento“, dem Jugend-Magazin von Spiegel Online habe ich keine Meinung. Ich bin einfach nicht deren Zielgruppe. Daran liegt es wohl, dass ich mich da nicht wiederfinden kann. Auch wenn „Vice“ – wie gesagt – manchmal mit ganz guten Sachen aufwartet, ist es mir zu subjektiv. Alle wollen nur eine „persönliche Perspektive“ aufzeigen und am besten so sehr am einzelnen Detail orientiert, dass es schon fast wieder belanglos ist.

Ein Journalismus, für den man eigentlich den ganzen Tag Zeit haben müsste. Leider will man oft gern das Gegenteil: News, knackig präsentiert und so aufbereitet, dass man ohne große Anstrengung schnellstmöglich im Bilde ist. Alles andere ist wie ein privater Blog. Das kann man sich eigentlich auch selbst schreiben. Oder auf anderen Blogs nachlesen. Und dazu sind die Leute, von deren „Perspektiven“ wir lesen, einander zu ähnlich: Sorbonne – Paris – Oxford, Ivy League, Henri Nannen, Schweizer Internate oder die „Naturtalente“, die „ganz schlimmen Finger“, die irgendwie auf nix Bock hatten, nix zu Ende gemacht haben und dann plötzlich, weil sie halt journalistische Talente quasi „von Gottes Gnaden“ sind, als Seiteneinsteiger binnen kürzester Zeit in den Presse-Olymp aufgestiegen sind. Einige der Leute sind wirklich gut. Da etwas zu sagen, würde wirklich missgünstig wirken. Das Blöde ist, wenn Upper-Class-Kids versuchen, Journalismus für’s „Volk“ zu machen. Das endet dann, wie bei vielen der spätberufenen (und nicht ganz echten) „Transmännern“ in Berlin: so grottenschlecht geschauspielert und aufgesetzt, dass es eher eine Karikatur ist.

Ich glaube, wenn ich Juliane Leopold, Anne Wizorek und – sagen wir mal – Margarete Stokowski von der taz vor Augen hätte, könnte ich nicht unterscheiden, welche welche ist. Alles smarte junge Frauen, alle blond, alle haben sie etwas auf dem Kasten, aber sie sind halt alle irgendwie auch gleich. Bei Buzzfeed Deutschland, da hat der FAZ-Grantler Don Alphonso recht, schimmert so ein bisschen die Autorschaft der Berliner „Mädchenmannschaft“ durch: Junge und etwas jüngere Frauen, die richtig, richtig Kohle haben, „was mit Uni“ machen (oder halt mit Medien oder Kunst), in Sätzen über fünf Zeilen nachweisen, wie Rassismus, Sexismus, Homo- und vor allem Transphobie ineinander verschränkt sind und dass sie selbst alle Betroffene sind, auch wenn sie weiß, blond und hetero sind (obwohl immer eine dabei ist, die schwarz ist oder zumindest nah- oder mittelöstlichen Migrationsbackground hat). Ich glaube, das ist so sehr Elite, dass es nicht zu „dumm-blöd“ passt. Bei Buzzfeed gab es mal ’ne Strecke zu rassistischen Sprüchen von AfD, Pegida, CSU und NPD. Die Idee ist ja gut, aber es geht eben in die Richtung: „Wir die Guten“ und die schitte braunen Drecksäcke da. Nicht, dass ich inhaltlich nicht zustimmen würde, aber wer sich z. B.  mit Strukturen von latentem Rassismus beschäftigt (um mal „zielgruppenbezogen“ zu formulieren, wobei ich mit Zielgruppe jetzt „Mädchemannschaft“ und „Kleinerdrei“ meine) interessiert sich vielleicht eher dafür, warum einige Sprüche aus dem rechtskonservativen bürgerlichen Lager komischerweise richtig nach Nazi klingen.

Aber immerhin: Juliane Leopold hat für Buzzfeed Deutschland vielleicht bei „Jezebel“, dem englischssprachigen feministischen Blog, gespickt, um sexy-klickgerechten, aber nicht ganz so dumm-bräsigen Internetjournalismus zu machen. Aber sie hat „Jezebel“ bestimmt nicht an den Rand gedrängt. Ganz abgesehen davon, dass der Blog auch schon viel zu sehr eine Marke ist, als dass das möglich wäre. Irgendwie müsste ich für die taz sein, was „Jezebel“ für Juliane Leopold war. Oder hoffen, dass sie eines Tages alle sich selbst als Zielgruppe entdecken. Sind ja auch viel konsumstärker.