Nochmal Rassismus. Diesmal sogar zum selbst aussuchen!

Hm. Gestern war ich beim Friseur und habe mir die Haare ganz kurz schneiden lassen. Ich habe ein paar graue Strähnen und ich gebe zu – Ich töne mir die Haare deswegen. Die Strähnen sind wieder grau. Der Ansatz, den der Friseur zu Tage befördert hat, hat die gleiche Farbe, wie – glücklicherweise! – noch der größte Teil des Deckhaares – nämlich dunkelbraun. Ich habe es mit verschiedenen Modellsträhnen beim Frisuer verglichen. Ich meine, mehrere Frauen in meinem Umfeld wollten darauf hinaus, dass ich angeblich blond bin.

Unvorsichtigerweise hatte ich mal erzählt, ich sei als kleines Kind honigblond gewesen. Ich meinte Waldhonig. Neulich habe ich mal gelesen, dass die Araber angeblich von Menschen, die braune Augen haben, sagen, sie hätten honigfarbene Augen. Meine Haare dunkelten noch ein bisschen nach, aber schwarz wurden sie, anders als meine Großmutter gehofft hatte, nie.

Als Teenager gab ich mir die volle Ladung. Ich färbte mir die Haare in einem Depri-Anfall blauschwarz. Das sah man auch, dass es gefärbt war. Obwohl ich schwarze Augenbrauen und lange schwarze Wimpern habe. Kajal brauche ich nicht. Man sah das aber eben, dass die Haare gefärbt waren. Weil ich plötzlich so eine etwas kränklich-gelbliche Gesichtsfarbe hatte. Genau so sollte es ja auch. So gehört sich das nun einmal für einen ordentlichen Dark-Wave-Punk.

Jetzt habe ich halt wieder dunkelbraune Haare. Manchmal mit grauen Strähnen. Das passt zu meinem Typ. Eine meiner Tanten sah früher ein bisschen aus wie Charlotte Gainsbourg. Andere in meiner Verwandschaft sind der Refugee-Type oder aber wirklich blond oder – der Gipfel! – sogar von Natur aus rothaarig – colorful genes! Eine typisch deutsche Familie, würde ich sagen.

Warum schreibt man so einen Scheiß? Na ja, nachdem ich geschrieben hatte, ich hätte es cool gefunden, als in den 00er Jahren dunkelhaarige Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portman die Leinwände erobert haben, gab es Haue, also verbale Haue. So war das nicht gemeint gewesen, dass ich mich mit sowas identifizieren sollte.

Mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die ich als der helle „nordische“ Typ in Erinnerung habe, haben jetzt plötzlich auch meine Haarfarbe. Die eine war vielleicht damals ein bisschen blondiert. Ein bisschen. Die rosigen Wangen sprechen Klartext, dass sie nicht wirklich dunkelbraun ist. Man erkennt es nämlich wirklich an der Hautfarbe. Guckt euch mal ein paar Grufties an, wenn ihr es nicht glaubt. Jedenfalls, damals passte bei der Kunstfrau der Teint zum wasserstoffperoxidblonden Haar, kein unnatürlich tiefes braun, wie einst bei FPÖ-Sonnyboy Jörg Haider. Obwohl Höhensonne in dem Fall vielleicht eine Option wäre.

Die andere war immer mittelblond, also naturblond, und das auch wirklich von Natur aus. Jetzt hat sie auch rosige Bäckchen, dunkelbraune Haare und einen Migratinnenjob, bei dem sie die einzige Deutsche unter lauter Migrantinnen ist. Also, falls sie noch Deutsche ist. Man weiß ja nie. Die ehemals Wasserstoffperoxid Gebleichte hatte mir nämlich mal, noch zu Studienzeiten, eröffnet, ihre Mutter sei Polin. Damals ging das ein wenig gegen mich als Linke, dass ich doch die Ausländerfreundin sei, sie als die Konservative, die sie damals noch war, aber eben ganz echt mit Migrationshintergrund. Tja, die Migranten sind nämlich gar nicht unbedingt so links. Das wusste ich sogar. Heute allerdings ist die andere links und niemand will mehr etwas davon wissen, dass es mit Migranten wie mit Deutschen ist – Sie können einfach alles Mögliche sein oder finden. Jedenfalls – meine Kommilitonin mit dem so halb polnischen Hintergrund hatte weder einen Vor- noch einen Nachname, der irgendwie polnisch geklungen hätte. Als ich sie fragte, ob sie denn Polnisch könne, musste sie dann auch passen. So arg scheint der kulturelle Konflikt sich in dieser Familie also schon einmal nicht manifestiert zu haben.

In Berlin giftete mich mal eine Frau auf einem Sprachstammtisch an. Sie hatte Sprachwissenschaften studiert und gab selbstsicher damit an, dass für sie im Deutschen Historischen Museum quasi ein Platz reserviert sei. Ich fragte nach, ich gebe zu, ein bisschen Neid war dabei. ich bin ja immerhin Historikerin und warum eine Philologin grundsätzlich bessere Chancen in einem historischen Museum haben sollte, leuchtete mir nicht auf den ersten Blick ein. Na ja, sie spreche ja sogar auch Ukrainisch, wandte die Frau ein. „Hast Du da irgendwie so einen Russlandeutschen Hintergrund?“ wollte ich wissen. „Nein, ich habe da so einen jüdischen Hintergrund!“ pampte die Frau. Weil sie so pampig war, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich hakte nach. Genau genommen war nur der Vater Jude, aber sie wolle das jüdische Kulturgut jetzt endlich leben. Ich grinste noch breiter. Die Frage, die ich stellen wollte, musste ich dann gar nicht mehr stellen. Kleinlaut fügte die Frau hinzu: Der Vater habe entfernte jüdische Wurzeln. Also, sie wisse es nicht genau.

Kann ja sein. Aber muss man deshalb die Leute anpampen? Muss man ein Problem daraus machen? Ich sage immer, wenn ich etwas „mit Judentum“ von mir gebe dazu, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst fühlen die Leute sich meiner Erfahrung nach irgendwie angeschmiert. Dürfen sie jetzt pampen oder nicht?

Stimmt aber. In gewisser Weise bin auch ich schuldig. Ein paarmal habe ich damit kokettiert, dass ich selbst auch südländische Vorfahren habe. Italienische sogar. Bloß dass ich selbst so italienisch bin, wie ein Fischbrötchen mit Tomatensoße. Also nicht besonders. das habe ich dann auh immer gleich dazu gesagt. Als wir in der Schule einen Lehrer hatten, von dem alle wussten, dass er Italien-Fan war, beließ ich es auf dem Oberstufenkurstreffen, das bei mir stattfand, auch dabei, dass ich südeuropäische Wurzeln hätte. Es wäre mir sowieso als Schleimerei ausgelegt worden. Aber warum sollte man eigentlich jemanden für irgendwelche Vorfahren mögen? Für die Haarfarbe oder für die Gene? Ist das nicht? – ja richtig! – Man nennt es Rassismus.

Es ist Rassimus, wenn Menschen als klüger, attraktiver und liebenswerter gelten, weil sie der „nordische Typ“ sind. es ist Rassimus, wenn man das gleiche von leuten denken soll, weil sie NICHT der „nordische Typ“ sind. Es ist Rassimus, überhaupt nach der Haar- oder Hautfarbe zu gehen.

Im Internet hat, soweit ich das mitbekommen habe, eine Kulturwissenschaftlerin sogar versucht, sich als Mulattin darzustellen. Dann muss man ja nett sein. Man muss Stipendien und Anerkennung und gute Jobs geben. Will das wer nicht, also solchen Leuten einfach mal (wieder) den Platz gnz vorn zugestehen, dann kann man immer noch sagen, dass das aber diskriminierend ist. Der Schönheitsfehler: Die Frau ist bloß eine brünette Deutsche. Knallweiß.

Habe ich auch schon erwähnt, dass jetzt alle Frauen „queer“ sind? Sogar die, die eigentlich homophob sind. Davon, dass sie alle den „männlichen Part“ innehaben, also auch „transgender“ sind, mal ganz zu schweigen.

Ich schlug in einem Leserbrief an den Berliner Tagesspiegel einmal vor, statt Minderheitenförderung einfach den Schwerpunkt auf Antidiskriminierungsarbeit zu legen. dann kann sich jeder als „Transgender“, „queer“, meinetwegen auch als „farbig“ sehen und auch problemlos wieder umentscheiden. Sogar jeden Tag dreimal, wenn das nötig sein sollte. Wer diskriminiert wird, bekommt halt Unterstützung, wer nicht diskriminiert wird, braucht ja logischerweise keine.

Der Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Allerdings hatte ich mitbekommen, dass die queeren Frauen einer wie mir „kein Forum“ geben wollten. dann schon eher Birgit Kelle oder Martin Lichtmesz. Der Lichtmesz (der eigentlich Semlitsch mit Nachnamen heißt) kam in Kreuzberg tatsächlich ganz gut an. Ist ja auch Ausländer. Österreicher. Da sag einer, die Leute wären nicht tolerant.

Übereifrige Journalisten, die in Punkto Minderheit nichts falsch machen wollen, fragen sich sogar, warum einer wie der Götz Kubitschek denn rechts ist – Der Name weist doch ganz eindeutig auf slawische Wurzeln hin (Als ob es keine slawischen Faschos gäbe! Also wirklich!). Das ist ja auch bei der Ellen Kositza so. Also, dem Namen nach ist das „polnische“ Element ja da. Nur dass Ellen Kositza eigentlich Ellen Schenke heißt.

Vielleicht sollte man das mit der Minderheitenpolitik noch einmal überdenken. Oder wäre das so schlimm, wenn man wirklich jeden und jede fair behandeln müsste?

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Rassismus einmal anders – die „Mittelmeerrasse“

Margot Käßmann & der kleine Arierparagraf

„Pah! Die Herrenrasse vom Mittelmeer!“ giftete mir eine Frau in meiner Wohngegend hinterher.

Hintergrund: Margot Käßmann’s Kritik an der Familienpolitik der AfD, die letztere mit einer widerlichen Verleumdungskampagne beantwortet hatte (u. a. Spiegel Online hat die Fakten noch einmal zusammengetragen. Dort kann man also noch einmal genau lesen, was da gelaufen ist): Angeblich soll Käßmann etwas dagegen haben, wenn Deutsche Kinder kriegen. Angeblich soll sie allein das schon in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt haben. Tatsächlich war vom sog. „kleinen Arierparagrafen“ der Nazis die Rede – aber bitte, wer glaubt denn ernsthaft, dass Käßmann, die evangelische Pastorin den Deutschen das Kinderkriegen verleiden wollte?

Eigentlich konnte man sich denken, was der Faktencheck dann auch ergab: Käßmann hatte recht scharf kritisiert, dass man gezielt biodeutsche Menschen, also Deutsche reindeutscher Abstammung zum Kinderkriegen ermutigen wollte. Ich finde, da ist eine gewisse Schärfe auch angemessen. Schon Thilo Sarrazin wollte deutschen Akademikerinnen mit Gebärprämien das Kinderkriegen schmackhaft machen. Die Idee, dass bestimmte Menschen angeblich von Natur aus die besseren Gene haben, dass sie intelligenter, leistungsfähiger, robuster und attraktiver sein sollen, entstammt nämlich in der Tat einem dumpfen Rassismus, wie ihn eben last but not least die Nationalsozialisten vertraten (Danach hatte man auch für’s erste genug davon).

Die „Mittelmeerrasse“

Es juckte mir einfach in den Fingern. Als die Sache mit Käßmann auf Twitter trendete, hackte ich flugs in die Tasten, dass Rassismus auch umgekehrt geht: Es gab mal die Idee, dass alle Menschen, die rund um das Mittelmeer leben – Italiener, Spanier, Portugiesen, aber auch Nordafrikaner – Araber, Kabylen – und Juden eine „Rasse“ seien und diese sog. „Mittelmeerrasse“ darüber hinaus anderen intellektuell überlegen sei und auch die höheren Kulturleistungen erbrachte habe. Natürlich ist das Quatsch, genau wie dieses Sarrazin-Denken, und das habe ich in meinem Tweet auch erwähnt, schon weil ich mir denken konnte, dass das ansonsten gegen mich verwendet werden würde.

Die Idee der „Mittelmeerrasse“ beruhte jedenfalls auf der Beobachtung, dass die meisten Bewohner rund um das Mittelmeer einander ähnlich sehen: braun- oder schwarzhaarig (statt überwiegend hellblond oder brünett wie in Nordeuropa), zumeist mit leicht bis kräftig gebräuntem Teint. Tatsächlich wohnte man einst – ähnlich wie bei den nördlichen Nachbarn – ethnisch kreuz und quer „gemischt“: Auch heute noch lebt eine arabische Minderheit auf Sizilien und auf der anderen Seite des Mittelmeers soll z. B. der amtierende tunesische Präsident Beji Caid Essebsi italienische Vorfahren haben. Nichtsdestoweniger sieht sich Essebsi selbst als Araber und Muslim. Es ist schon irgendwie traurig, dass die Welt, insbesondere die akademisch gebildete Welt und obszönerweise oft auch die Vertreter der sog. „Critical Whiteness“ bei einem blauäugigen Araber und Muslim ins Schleudern gerät.

Zunächst aber soll hier gesagt sein, dass sich das mit der „Mittelemeerrasse“ nicht lange hielt. Zwar griffen insbesondere in Italien Nationalisten und Faschisten die Idee begierig auf, denn sie sahen sich bestätigt: Strömten nicht Briten und Deutsche in Scharen ins Land, um die Ruinen der Antike zu bewundern und sich daran zu bilden? Zum italienischen Nationalismus des frühen 20. Jahrhunderts, dessen Größenwahn sich v. a. aus der antik-römischen Vergangenheit speiste, woraus man u. a. eine Vormachtstellung auch für die eigene Gegenwart ableitete, passte die Idee eines vermeintlich kulturell und intellektuell überlegenen „Mittelmeervolkes“ ganz hervorragend. Ansonsten hielten sich italienische Faschisten allerdings mit ausdrücklich rassistischen Statements zunächst zurück.

„Difesa della razza“ – Die Nürnberger Gesetze in Italien

Mit der Anbiederung Italiens an das nationalsozialistische Deutschland führte Mussolini jedoch die sog. „Nürnberger Gesetze“ in Italien ein und ließ zudem ein Manifest mit dem Titel „Difesa della razza“ (deutsch: „Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) schreiben. Darin wurde festgelegt, was speziell die „italienische Rasse“ ausmache. Die „Mittelmeerrasse“ dagegen verschwand in den Annalen der Geschichte.

„Unwerte Leben“ & „Herrenmenschen“ oder: Wollt Ihr den totalen Quatsch?

Mein Tweet schlug ein wie eine Bombe. Ich wurde offline mehrfach dafür verhöhnt. Immerhin, ich muss dazu sagen, dass ich von einem Hipsterpärchen aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung (also keine Nazis! Auch nicht AfD!) einmal als „unwertes Leben“ beschimpft worden bin. Beide – sowohl der junge Mann als auch die Frau – waren hellblond, der „nordische Typ“ also. Offenbar, so könnte man denken, ist allein schon die VORSTELLUNG, dass andere Menschen diesem „nordischen Typ“ ebenfalls Dünkel und Überlegenheitsgefühle, ja vielleicht sogar eine Art überhebliche Verachtung entgegenbringen könnten, für diese Leute einfach unerträglich.

Quatsch ist, wie gesagt, beides: Also sowohl Sarrazin als auch „Mittelmeerrasse“. Deppen und Intelligenzbestien, Kreativlinge und Praktiker, einfältige Gemüter wie auch Menschen mit Esprit und Witz gibt es überall.

gönnerhafter Antirassismus & der völkische Kern der Linken

Ich frage mich bloß, ob dieser neue Antirassismus in Deutschland nicht ein bisschen aufgesetzt ist. Ob es nicht nach wie vor bei einigen Leuten – und eben leider nicht nur bei diesen völkischen Typen von ganz rechts – eher so eine Art Gönnerhaftigkeit ist, also dass „Critical Whiteness“ in erster Linie dazu da ist, dass man den „N-Wort“ und den Türken, auch den Refugees, die man hier MAG, die also auch gebildet sind und auch aus der Oberschicht stammen, mal eine Chance gibt, sich aber nichtsdestoweniger wie zu alten Zeiten einbildet, dass man selbst halt irgendwie doch zu Höherem geboren ist. Ist die Erkenntnis, dass es wirklich nicht von der Haarfarbe (und auch nicht vom Portemonnaie!) abhängt, wie jemand so ist, wie intelligent und begabt, eigentlich überall angekommen?

Ich bin mir da nicht so sicher. Noch in den späten 90ern las ich in Soziologiebüchern, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigten, dass Frauen mit babyblauen Augen und hellblonden Haaren bei der Partnerwahl eindeutig bevorzugt würden, weil das Kindlichkeit suggeriere und daher Beschützerkomplexe wecke. Die Frauen mit den babyblauen Augen und den hellblonden Haaren haben das sicher auch gelesen. Dabei sind sogar in Deutschland nicht alle Menschen als Kinder weizenblond, also nicht einmal alle Biodeutschen, und nur Katzenbabys haben grundsätzlich blaue Augen. Ich fragte mich, wie sich die Mehrheit der Weltbevölkerung, ja sogar die Mehrheit der Europäer und ein guter Teil der Deutschen denn vermehrt, wenn das, was ich gelesen hatte, stimmen sollte. Nach den Regeln der Vererbung müssten wir dann wohl längst alle Menschen „nordischen Typs“ sein …

In den Nuller Jahren hieß es dann, durch die Globalisierung hätten sich auch die Schönheitsideale verändert: Immer öfter hätten Models breite Lippen, dunkle Haare und einen dunklen Teint. Schönheit weise also häufiger als früher physiognomische Merkmale von „nicht-weißen“ oder eben südeuropäischen, mediterranen Menschen auf. Auch hier sollte man aber vorsichtig sein: Immerhin entsprechen nicht alle Nordeuropäer dem „nordischen Typ“ und es gibt auch dunkelhäutige oder jedenfalls „südländische“ Menschen mit schmalen Lippen, die Eskimos, die in Grönland leben, sind ja Dänen und so gesehen ebenfalls Skandinavier und der Rest der nicht ganz so weizenblonden Nordlichter stammte vielleicht von Trollen ab oder der liebe Gott hat sich da etwas einfallen lassen.

Sind Menschen Hunderassen?

Vielleicht fand der liebe Gott zu viel gleiches Aussehen einfach langweilig. Außerdem sind Menschen einfach keine Hunde, aus denen sich bestimmte Rassen züchten lassen, je nachdem ob „Familienmensch“, „Mensch für die Dachsjagd“ oder „generell aggressiver Mensch“, „Mensch für Menschenrennen“ usw.. Wenn man sich auf das Level von Haustieren hinabbegibt und sich mit Dackeln, Schäferhunden und Pitbulls vergleicht, muss schon einiges im Argen liegen.

Ein „hässliches Entlein“ beansprucht zu viel für sich

Dennoch, als ich neulich schrieb, dass ich es gut gefunden hätte, als Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portmann, die nicht ganz so dem Ideal der White-Anglo-Saxon-Protestant-Frau entsprachen, die Leinwände erobert haben, hagelte es wieder höhnische Bemerkungen – eine ganz fiese „Gegenrassistin“ sei ich (und dann auch noch selbst weiß, nur eben nicht „nordischen Typs“). Klar, ich weiß schon, ich sollte mich lieber mit hässlichen Frauen identifizieren, mit zu dicken, zu großen oder behinderten Frauen (obwohl ich weder zu dick, noch zu groß oder behindert bin). Ich erinnerte mich noch, wie ich eine Weile hinkte und eine Frau auf einer taz-Veranstaltungen lauthals ätzte „Tja, HUMPELNDE Frauen will nämlich wirklich KEIN Mann haben!“. Vielleicht ist das nicht ganz falsch, denn zumindest die Dicken und die Großen galten im Nationalsozialismus als schön, weil gesund und stark, physisch überlegen – „Herrenmensch“ eben. Offenbar geht das solchen Leuten runter wie Öl, aber muss deshalb jeder so denken?

Jetzt hinke ich nicht mehr. Ich frage mich allerdings, ob da jemand seine Felle wegschwimmen sieht. Ich meine – auch wenn es mir widerstrebt, diese Menschen auch noch irgendwie zu „trösten“, nur weil sie nicht mehr das Einzige sind, was man gut finden kann und soll – aber es wird doch eigentlich niemandem verwehrt, TROTZDEM Frauen „nordischen Typs“ (wie sie im Übrigen interessanterweise auf taz-Veranstaltungen oft überwiegen, aber das ist vielleicht nur eine zufällige Beobachtung) attraktiver zu finden. Oder haben Sie, lieber Leser, liebe Leserin, je davon gehört, dass man einen Mann als „Fascho!“ oder „homophobe Sau!“ angegangen wäre, nur weil er mit einer Blondine im Arm erschienen ist? Weil er blonde Frauen halt einfach schöner findet? (Wer korpulenteren und/oder größeren Frauen dagegen nicht das Gefühl gibt, auch sehr attraktiv zu sein, gerät in diesem Milieu schnell in den Verdacht der „Homophobie“, auch wenn die Frauen eindeutig heterosexuell sind und kein einziges beleidigendes Wort über Homosexuelle fiel. Das jedoch hier nur am Rande). Aber ist denn, um darauf zurückzukommen, umgekehrt allein der Gedanke, irgendwer, vielleicht nur eine Minderheit könnte es anders sehen, schon bedrohlich? Eventuell wäre es ja sogar möglich, dass auch Menschen gemocht und geliebt werden, die ÜBERHAUPT NICHT irgendeinem Schönheitsideal entsprechen, also weder dem der Nazis, noch dem der Werbung, der „Mittelmeerrasse“ oder sonstirgendeinem?

Opferkonkurrenz: Wenn Blondinen nicht mithalten können

Oder liegt es an der Minderheitenpolitik? Wäre es irgendwie ein Problem, wenn blonde, blauäugige Menschen aus der Oberschicht, wie sie auch die queere Szene dominieren, sich NICHT mit der Opferrolle identifizieren können, eben weil sie als ganz besonders hell ausgefallene Menschen in Deutschland nun wirklich nicht als „Opfer von Rassismus“ gelten können? Nicht dass brünette oder dunkelhaarige Menschen in München, Frankfurt oder auch Bremen zwangsläufig als „die anderen“ erkannt würden – Ich meine, wie gesagt, so eintönig war Deutschland noch nie.

Zumindest macht das alles diese Minderheitenpolitik einmal mehr fragwürdig – also wenn es wirklich nur dazu da ist, dass die Eliten dieses Landes sich als vermeintlich „diskriminierte Opfer“ Extraförderung und weitere Vorzugsbehandlung unter den Nagel reißen …

Sarrazin & die Chancengleicheit

Sarrazin hob auch sehr auf die Intelligenz ab. Neulich versuchte ich noch einmal nach langer Zeit etwas bei der taz zu kommentieren. Da ging es um eine hippe Berlinerin, die sich als „hochbegabt“ geoutet hatte, was der taz-Text verhöhnte. Ich schrieb, dass ich das natürlich nicht beurteilen könne, ob diese Frau jetzt einen abnorm hohen IQ hat oder nicht, dass aber IQ-Tests grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen seien. Sie erfassten nicht alle Facetten von Intelligenz, Menschen wie z. B. Albert Einstein hätten nie einen IQ-Test gemacht, weil es das damals gar nicht gab, Angaben zu dem IQ solcher Leute seien also unseriös, auch heute seien viele Menschen, die auf intellektuellem Gebiet herausragende Leistungen erbringen würden, gar nicht Mitglied bei MENSA. Dagegen könne man mit kostenpflichtigen Kursen für den IQ-Test trainieren, was oft einige IQ-Punkte zusätzlich erbringen würde. Daran könne man sehen, dass – obwohl Intelligenz, Begabungen und sogar Interessen bis zu einem bestimmten Grad tatsächlich erblich sind – auch gezielte Förderung und Ermutigung wichtig sind. Menschen, die viel Förderung und „Empowerment“ (Man kann das auch als „positive Verstärkung“ bezeichnen) seien also nicht zwingend „von Natur aus“ intelligenter, wenn sie im Endeffekt dann sogar NICHT leistungsstärker sind als andere, also eben jene „Mehrheitsgesellschaftler“, die nicht in den Genuss spezieller Unterstützung gekommen sind oder denen man vielleicht sogar gezielt diese intellektuellen Dinge „ausgeredet“ hat, spräche das sogar dafür dass erstere zumindest auf DEM speziellen Gebiet vermutlich eher weniger begabt sind.

Nichts davon enthielt eine Beleidigung oder einen Ausdruck, den man irgendwie als „diskriminierend“ irgendwem gegenüber hätte deuten können. Der Kommentar wurde trotzdem nicht freigeschaltet. Ich hatte das schon einmal. Da ging es um Arbeiterkinder. Später stellte sich heraus, dass mehrere queere Frauen aus dem Umfeld der taz zufällig genau die Erfahrungen gemacht hatten, die ich in dem nicht freigeschalteten Kommentar beschrieben hatte. Offenbar ging es also nicht um die „Netiquette“. Oder es war irgendwie „diskriminierend“, weil ICH es geschrieben hatte. Keine Ahnung.

Man hört öfters von Querelen beim Freischalten bei der taz und dass viele Leute sich ungerecht behandelt fühlen. Ich will mich da insofern nicht einreihen, weil ich zumindest die Leute, die ich von den taz-Veranstaltungen kenne, ziemlich daneben finde und denke, dass man sich mit so etwas nicht unbedingt identifizieren muss. Wer kann in diesem zur Schau getragenen linken Gebaren schon mehr als eine Art radical chic sehen, wenn dann doch immer hier und da mal ein frauenfeindlicher Spruch fällt und man sogar froh sein kann, wenn es nicht gleich Nazi-Sprech ist, weil’s, wenn jemand im Rolli da ist und eine Schwarze das Podium macht, ja sicherlich nicht so gemeint ist und man sich das deshalb auch ruhig mal rausnehmen kann. Nicht mein Ding. Wirklich nicht.

Und wenn Sarrazin wirklich nicht recht hat?

Dennoch: Noch einmal die Frage: Sieht da jemand seine Felle wegschwimmen? Steckt hinter dem ganzen „Diversity“-Gesülz vielleicht am Ende nur die bange Furcht, NICHT attraktiver und intelligenter, sprich insgesamt einfach „besser“ zu sein als andere? Vielleicht hat Sarrazin einfach wirklich nicht recht. Vielleicht ist es nicht nur eine nette, großzügige Geste, das so zu sehen.

Mein kleiner Text über die „Mittelmeerrasse“ ist sicher kein bahnbrechender Beitrag zu aktuellen Debatten, aber er hilft vielleicht, zu verstehen, dass alle Rassisten Arschlöcher sind. Überall. Dann hätte er sein Ziel jedenfalls erreicht.

 

 

Aufgespießt aus dem Berliner Kulturleben. Laila macht die taz-Wahrheit nach

In der taz-Wahrheit macht sich Michael-André Werner Gedanken über die Infiltration unserer schönen Gesellschaft durch „Die strohblonden Provokateure“ – überall AfD’ler Inkognito – quer durch alle Parteien und sogar im so oft als über Gebühr „linksgrünversifften“ Kulturbetrieb (Wer hatte jetzt noch mal das Copyright auf „linksgrünversifft“? Na, egal, so brillant ist das ja jetzt sowieso nicht …). Jedenfalls sollte jetzt die AfD sogar ganz offiziell den Kulturausschuss übernehmen. Weil sie da nicht viel falsch machen kann, habe ich irgendwo, ich glaube im „Freitag“ gelesen.

Viele Kulturschaffende schäumten dennoch – verständlicherweise, denn wer will sich schon eine ganze Legislaturperiode lang Vorschriften machen lassen von Leuten, die sich in erster Linie darum sorgen, dass der deutschen „Leitkultur“ – was auch immer darunter zu verstehen ist – die Vorrangstellung streitig gemacht und den Deutschen der ohnehin nur mit ungenügend geschwellter Brust zur Schau getragene Nationalstolz erst recht gründlich vergällt wird. Gartenzwerge, Brat- und Bockwurst mit Senf oder Ketchup und Socke an Sandale füllen keine Theaterhäuser, sind als Objets trouvés oder Ready-mades à la Duchamp nur begrenzt verwendbar und Musik kann man damit auch nicht machen. Aber was rede ich hier von dada.

Ich habe doch gar keine Ahnung! Tatsächlich erschloss sich mir nicht so ganz, worauf Werner in der taz hinauswollte. Sinn für Literatur habe ich keinen und auch nie angestrebt. Ich weiß also nicht, soll ich nun doch wieder „Neger“ sagen, wenn’s doch aber für einen guten Zweck ist ist und sogar die Linken selbst es sagen? Unter anderem die Frau, die ich flüchtig kannte, und die in die Entwicklungspolitik wollte. „Die Neger (sic!)“ seien „nun einmal dreckig!“ ließ sie, die weit gereiste, mich an ihren Erfahrungen aus der Karibik teilhaben. Zaghaft versuchte ich eine Entgegnung. In Neapel, so versuchte ich ihr klarzumachen, ist es auch okay eine Plastikflasche einfach hinter sich zu werfen, wenn man ausgetrunken hat, was man dem Straßenbild auch ansieht. Da hat es aber nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit der – ähem – „ehrenwerten Gesellschaft“ und damit, dass sich mit Müll Geld machen lässt, v. a. mit Chemieabfällen, die man irgendwo auf dem Land entsorgt und dann ahnungslosen Familien preiswerte Grundstücke fürs Eigenheim anbietet. Aber ich komme vom Thema ab.

Ich selbst sage „Schokokuss“ statt „Negerkuss“, weil ich finde, dass das besser klingt. Irgendwie sinnlicher. Auf jeden Fall schokoladiger. Aber ich finde „Negerkuss“, v. a. wenn man bereit ist, sich im Falle des Falles bei einer Person of Color zu entschuldigen, nicht ganz so schlimm. Nicht so schlimm jedenfalls wie die Behauptung alle „N-Wort“ seien angeblich „dreckig“. Letzteres ist für mich schon ganz klar eine rassistische Äußerung. Bei „Negerkuss“ dreht dafür die taz durch. Dass sie im Kampf gegen Rassismus in Sprache und Literatur diese Frau mit ihren „Erfahrungen“ aus der Karibik durch die halbe Stadt gejagt hätten, ist mir nicht dagegen bekannt. Da steig einer durch. Ist vielleicht doch alles irgendwie unterwandert. Also das Beispiel jedenfalls spricht doch dafür.

Aber wo wir schon dabei sind, Menschen vor allem nach dem zu beurteilen, was man so sehen kann, also z. B. die Hautfarbe, können wir auch gleich auf die schönen oder besser gesagt die Bildenden Künste, zurückkommen. Und damit zum Thema Identität: Darf ich mir einen Richter – Gerhard Richter! – in meinem Chalet in der Schweiz ins Wohnzimmer hängen? Zumal, wenn ich ein hübsches Sümmchen dafür hingeblättert habe? Oder entziehe ich damit dem „deutschen Volk“ identitätsstiftendes Kulturgut, wie die Süddeutsche über das 2016 verabschiedete Kulturschutzgesetz berichtet, das genau das verhindern will. Vielleicht macht so ein Gesetz aber auch v. a. Hehlern und Kuntsdieben das Leben schwer, weil nun jeder Verkauf bestimmter (teurer und alter) Kunstwerke ins Ausland erst einmal genehigt werden muss? Da setzt die „Zeit“ in ihrer Berichterstattung über das Kulturschutzgesetz den Akzent. Richter himself ist – und das berichtet wiederum Spiegel online – offenbar eher unkomplizierten und möglichst gewinnträchtigen Lösungen zugeneigt. Auch die Auktionshäuser sind nicht gerade begeistert. Wer hätte das gedacht. Die Berliner Rechtsanwältin Katharina Garbers-von Boehm sieht geradezu ein wahres „Damoklesschwert“ über Europas Kunsthandel gehängt, wie die „Morgenpost“ sie zitiert. Garbers-von Boehm ist, so erfahre ich im Internet, auf Kunst- und Restitutionsrecht spezialisiert. Da wird sie sich also wohl auskennen. Peinlich auch, dass dann doch Fälschungen im Berliner Kunstbetrieb, u. a. in der Berlinischen Galerie, gelandet sind. Die „Zeit“ hat sogar einen ganzen, spannend zu lesenden Kunstkrimi daraus gemacht.

Den Namen Garbers assoziiere ich ansonsten, wenn ich ehrlich bin, mit ein bisschen Schauspielerei, oder, sagen wir besser: der ganz großen Show, und einem saftigen Arschtritt, aber das war jemand ganz anders, an einem ganz anderen Ort und zu einer ganz anderen Zeit, nämlich noch im vorigen Jahrhundert (v. a., wenn mich meine – äh – Wahrnehmung nicht täuscht (was natürlich sein kann!), hat man mittlerweile auch die Fronten gewechselt und kümmert sich um „Krüppel“, der Junior zumindest). Was wäre wohl, wenn ich den Namen „Meyer“ mal im Internet eingebe? Unter „von Boehm“ sehe ich dann ebendort noch irgendwas mit Fernsehjournalismus und eine Stylistin. Also ganz so gängig wie „Meyer“ ist das dann wohl doch nicht, aber gängiger als, sagen wir mal: „Meyer-Rotbeissle“. Mich interessieren außerdem Raubkunst und Kunstfälschungen viel mehr als Film und Fernsehen. Die Welt der Stars ist einfach nicht mein Ding.

Eine Mitschülerin von mir hat auch Kunstgeschichte studiert. Ich bin, glaube ich, eigentlich eher Historikerin. Aber ich habe auch nur an einer Mini-Provinzuni studiert. Meine Mitschülerin dagegen in Berlin. Ich meine, Berlin! Die hat da schon einen ganz anderen Horizont. Sie und ihr Ehemann, auch ein Mitschüler von mir, wohnen in einem angesagten Szene-Kiez, der aber auch einen relativ hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund hat, sowohl Menschen mit Migrationshintergrund UND Geld und Bildung als auch Menschen mit Migrationshintergrund, die, noch U18, mit ihren Kumpels durch den U-Bahnhof Kottbusser Tor schlurfen und in voller Lautstärke „Du Penis, Alter!“ rufen, während sie einander in die Seite knuffen. „Dickaaa!“ höre ich noch und schon fährt die U-Bahn an. Der Ausgewogenheit halber sollte ich hinzufügen, dass die (biodeutsche) Jugend in Marzahn-Hellersorf vermutlich auch nicht Rilke-zitierend durch die Gegend läuft, aber ich sagte ja schon, dass ich selbst auch keine Ahnung von Literatur habe.

In so einem Multikulti-Kiez wohnen die also, dieses Pärchen, mit dem ich einst in der tiefsten Provinz zur Schule gegangen bin. Der Mann vertraute mir an, dass bei ihnen im Hauseingang öfters türkische Jugendliche rumlungern und ihn anpöbeln würden. „Warum lasst ihr euch das bieten?“ fragte ich. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass der Focus auf „TÜRKISCHE Jugendliche“ lag. Ich hatte verstanden, „JUGENDLICHE, die mich ANPÖBELN“. Ich war schon häufiger von Deutschen, die in solchen Kiezen wohnen, darauf angesprochen worden: „Das is aber total scheiße, wenn die Türken dir hinterherlaufen und dich ne Schlampe nennen, nur weil du’n Mini-Rock anhast!“ hatte sich eine Punkerin aus einem linken Stadtteilladen bei mir beschwert. Ich fragte mich schon ein bisschen, wieso. Ich bin ja nicht die türkische Botschafterin, also, ich bin nicht einmal Türkin. Natürlich muss sich niemand als „Schlampe!“ bezeichnen lassen – ganz gleich von wem -, aber ich dachte, das wäre sowieso klar? Eigentlich verstand ich nicht, was all diese Leute von mir wollten. Nur dass kurze Zeit später Vokabeln wie „Orientalismus!“ und „Antiziganismus!“ auf mich einprasselten. Alles Vergehen, derer ich mich angeblich schuldig gemacht hatte.

Meine ehemalige Mitschülerin zupfte sich, wenn wir uns auf einen Kaffee trafen, gern am Decolleté, also so, als müsse sie es verzweifelt mit ihrem Cardigan oder einem Halstuch bedecken. Wenn ich eine Comicfigur wäre, hätte ich eine Gedankenblase mit lauter Fragezeichen über mir schweben gehabt: „Kalt? Haben die meisten Leute nicht eher kalte Füße oder kalte Finger? Und die friert am Ausschnitt? Oder neidisch? Ich meine, soll ich es sein? Manche haben da ja wirklich etwas zu bieten. Toll! Aber gut …“ „Neidisch“ kannte ich bereits von früher. „Ich habe das Gefühl, Du willst alle Brücken hinter Dir abbrechen. Du dozierst so viel! Und – äh – außerdem haben wir das Gefühl, du bist neidisch auf uns, weil wir nach dem Abi alle ins Ausland gehen!“ hatte sie mir vor vielen Jahren eröffnet. Sie war immer frostiger geworden und ich hatte wissen wollen, warum. Neidisch war ich in der Tat. Neidisch wie Hölle, denn es war der Traum meiner Teenagerjahre gewesen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Trotzdem gönnte ich es ihnen. Ich wollte halt nur auch. Als ich während meiner Studienzeit einmal kurz in Berlin war und sie und einige andere traf, war immer noch Eiszeit. Zehn Jahre später war ich dann selbst auch im Ausland gewesen, hatte dort auch gearbeitet und war deshalb davon ausgegangen, dass sie mich jetzt wieder mag, weil ich ja nicht mehr neidisch bin.

Das theatrale Rumgezuppele am Decolleté hörte nicht auf. Dann fiel der Groschen. Auch, weil es plötzlich hieß, ich glotzte angeblich immer allen auf den Busen. Da es offenbar Frauenpolitik war, seit ich meinen Uni-Abschluss in der Tasche und einen Job gefunden hatte, mir so ziemlich überall hinzuglotzen und die ganz harten Dykes in Kreuzberg es sich auch nicht hatten nehmen lassen, mir zu zeigen, wer Herr im Haus ist – übersetze „Herr im Haus“ mit „starker Pascha“, „dominant“, „Wir sind eben wie Männer für sie!“ – hatte ich es den „Herrchen“ in meinem Leben zwei-, dreimal zurückgegeben. Aber diese ehemalige Mitschülerin? Konnte es sein, dass sich da jemand um jeden Preis „angemacht“ fühlen wollte? Wie sollte ich der Frau freundlich beibringen: „Hör mal, du wärst wirklich die letzte. Ich meine, guck mal in den Spiegel! So klasse siehst du nicht aus, dass Männer wie Frauen auf der Stelle den Verstand verlieren, wenn sie dich sehen, und jedwede Art von zivilisatorischem Verhalten über Bord werfen!“ Ehrlich gesagt, fand ich die ziemlich korpulente, weizenblonde Frau sogar total unattraktiv. Ihr Ehemann, ein ganz ähnlicher Typ, sieht das anders. Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Nur scheinen ausgerechnet solche Leute Schwierigkeiten damit zu haben, das zu akzeptieren. Streng genommen, also nach allem, was ich zum Beispiel nach ein paar Besuchen auf der Webseite von „Missy Magazine“ weiß, ist deshalb ja eigentlich sogar SIE die Lesbe. Wegen solcher Sachen bin ich offiziell auch so homophob.

Zu Teenagerzeiten war das ähnlich turbulent. Eines Tages lief eine andere Schulfreundin von mir mit Eis und lauter Süßigkeiten bei mir auf. Ich fragte mich, was mir die Ehre verschaffte, aber darauf hatte sie offenbar auch gewartet. Genauer gesagt konnte sie es kaum erwarten: „Zwischen J. und mir hat es am Wochenende als du nicht da warst gefunkt!“ Sie zählte mir auf, was sie alles gemacht hatten, und wie weit sie dann doch nicht „gegangen“ seien, denn sie war nicht „so eine“. Bei ihr meinte er es ernst. Das Problem daran war, dass leider ich „so eine“ war. Wir kannten J. aus der Disco und ich hatte seit geraumer Zeit etwas mit ihm am Laufen, was alle wussten. Ich warf die Freundin nicht direkt raus, nahm aber dennoch mit Genugtuung zur Kenntnis, dass er es leider doch nicht „ernst“ mit ihr meinte. Im Kreise meiner Freundinnen war ich daraufhin eine Weile nicht erwünscht. Dafür lästerte die eine gern mit der anderen in meinem Rücken: „Ich glaube, J. hat AIDS!“, „Nee, ich glaube, der hat Krebs, das habe ICH zumindest gehört.“, „Also, hat der jetzt Krebs oder AIDS?“

Dafür klebte ich schnell einem anderen jungen Mann an den Hacken, wenn auch ohne es zu wissen. Meine Perspektive war, dass ich mich ein paar Mal in der Pause mit M., den ich so ganz nett fand, unterhalten hatte. Ich kannte ihn aber nicht näher und hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern, u. a. weil ich den älteren Bruder von M., der auch auf unsere Schule gegangen war, als nicht ganz so nett in Erinnerung hatte. Meine Mitschülerin – die mit dem Decolleté – hatte da eine ganz andere Wahrnehmung. „Laila ist total hinter M. her!“ Sie sprach jeden Buchstaben des Namens einzeln aus, als bereite ihr das einen besonderen Genuss, aber das kann ich hier aus Gründen des Datenschutzes nicht ausschreiben. Es ergab sich so, dass er fortan von meinen Freundinnen oder besser gesagt, nicht-mehr-Freundinnen umringt war. Ich ließ das auf sich beruhen, denn die kluge Strategin weiß – sind sie an ihm dran, kommen sie nicht darauf, an wem du wirklich Interesse hast …

Deshalb war ich auch nicht so erfreut, als M. plötzlich an meiner mehrere hundert Kilometer entfernten Uni auftauchte, als ich im dritten Semester war. Zwar hatte ich bereits Brüderchen gesichtet, doch der hatte mich nur angeglotzt als sei ich eine Erscheinung und sich dann ein „Hi!“ abgerungen, was ich erwiderte. Mehr hatte ich mit dem nicht zu tun. M. hatte vermutlich, angestachelt durch meine nicht-mehr-Freundinnen, den Eindruck, auf eine liebestolle Hyäne zu treffen, die sich nur geschickt verstellt, wie ein Undercover-Agent des CIA, der auch für den KGB unterwegs ist, und beiden vormacht, ein deutscher Alt-Nazi zu sein. Dennoch fragte ich mich: „Was lungert der BEI DEN KUNSTHISTORIKERN rum? Der macht doch was ganz anderes. Sollte er da nicht besser im D-Gebäude sein?“ Da war er mir jedenfalls lieber als in der Nähe eines Haufens klatschsüchtiger Neurotiker (Die später jedesmal, wenn sie an mir vorbeikamen, glotzten, als würde da ein ganzer Zoo zu ihrer Belustigung aufgefahren: Die andere „Lesbe“ (die gar keine gewesen ist, aber das wissen sie wahrscheinlich mittlerweile), der Punk mit dem knallbunten Iro, ein Haufen langhaariger Männer und ein paar kurzhaarige Frauen , …). Zur Rede gestellt lieferte M. (der aus kunsthistorischer Perspektive akzeptabel ist oder es damals zumindest war) auch die Erklärung für die langhaarige Blondine gleich mehr als bereitwillig und mit einem fetten Grinsen mit: „Eine Freundin von mir und meinem Bruder.“ Ich sah ihn ein paar Tage später noch einmal – grinsend – und dann nie wieder. Vor ein paar Jahren las ich aber von ihm in der Zeitung (Diese Armada an bizarren Leuten, die ich am Hals habe, kann jetzt mal haarscharf nachdenken, wer es sein könnte. Vielleicht hat er die dann am Hals und ich habe meine Ruhe. Geschähe ihm vielleicht ganz recht. Vielleicht gebe ich bei Gelegenheit noch ein paar Tipps und es gäbe da evtl. auch noch ein paar andere, …)

„Teatrum mundi!“ – Das wusste man schon im Barock, dass die Welt einfach nur ein großes Theater ist, in dem die Eitelkeiten der Welt zur Schau gestellt werden. Daher halte ich mich fern von Institutionen, wie z. B. dem „antisexistischen Infoladen“, einer der Berliner Orte, wo man es genau nimmt mit Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Da war ich einmal auf einer Veranstaltung und ich begegnete einigen der Frauen, die auch auf der Veranstaltung gewesen waren, dann noch ein paar Mal „zufällig“. Auch, wenn ich sagen muss, dass da in Punkto „Empowerment“ offenbar noch so einiges brachliegt, da sie jedesmal weghoppelten wie aufgescheuchte Kaninchen, sobald sie gesehen hatten, dass ich begriffen hatte, dass ich nicht ganz unbeobachtet geblieben war mit irgendeiner Bekannten auf irgendeiner Bank am Straßenrand zum Beispiel. Hätten diese Frauen mir nicht als knallharte „Dykes“ mit einer martialischen Härte entgegentreten müssen, um mir die Meinung zu geigen für etwas, das ich ihnen gar nicht angetan hatte? Aber auch dort, also im „antisexistischen Infoladen“ oder seinem Umfeld (jedenfalls auf dieser Veranstaltung, wo ich mal war) gibt es eine Psychologin. Vermutlich kennt sie ihren Bandura und weiß: steter Tropfen höhlt den Stein, wenn man es den Leuten nur immer wieder einbimst, kann man alles von ihnen haben – „Bestärkung“ positiv/negativ – je nachdem – und „Selbstwirksamkeit“ oder eben nicht, um hier mal mit ein bisschen Fachvokabular zu protzen. Mich wundert nur, dass ausgerechnet diese Linken anscheinend auf Behaviorismus stehen … (Außerdem haben sie offenbar ein bestimmtes Buch über Sozialpsychologie gelesen und versuchen jetzt, zu testen, ob das klappt, was da steht)

So gesehen muss es bei dieser Variante von Feminismus, wie ich ja bereits andeutete, ein bisschen (gelegentlich auch ein bisschen mehr) Frauenfeindlichkeit sein, damit die eine Sorte Frau sich nicht ZU wohl in ihrem Körper fühlt (die, denen es nicht zusteht. Leider gehöre offenbar ich dazu) und die andere Sorte Frau (die, die „MAN hier mag“, wobei „man“ linksradikal, Junge Welt, taz und Russia Today, aber auch AfD und gutbürgerlich sein kann) sich ihr Selbstbewusstsein stärken kann. Nicht mein Ding.

Ich halte mich aber auch von Charlottenburger Galerien fern oder von so obskuren Einrichtungen wie z. B. „Art-Stalker“ in Charlottenburg. Dann doch lieber Kunst RAUBEN als andere Leute STALKEN, finde ich, ganz gleich, ob es nun für den Feminismus ist oder um die Schönheit dieser Welt zu zelebrieren, indem man anderen Leuten im öffentlichen Raum zusetzt. Dennoch – es hieß „Die Leute mobben nun einmal gern!“ und daher darf man annehmen, dass letzteres, wie bereits bemerkt, ohnehin das liebste Hobby der Berliner Frauenwelt (und nicht nur der) ist, zumindest der adipösen, sehr großen und nicht mehr ganz so jungen, aber dafür eben nicht nur der linken, sondern auch der rechten und der ganz rechten Frauenwelt (Irgendso ein Edel-Nazi trug’nen – leicht hängenden – BH unter dem Fred-Perry-Hemd, das konnte ich nicht einordnen, da war ich total verwirrt, ob’s nun Männlein oder Weiblein ist). Ouff, das war jetzt sperrig! Die nicht mehr ganz so Jungen beiderlei Geschlechts (halten wir das hier mal offen!) humpeln, um ein bisschen Abwechslung in die Sache zu bringen, auch gern fünfmal an der Bushaltestelle an einem vorbei, um dann beim sechsten Mal ZEIGEN zu können, dass sie doch ganz normal, sogar noch richtig jung-dynamisch gehen können.

Alles nur geschauspielert. Yvonne Falckner aus Berlin ist sogar Schauspielerin UND Krankenschwester. Und macht sog. „CareSlams“, um der Pflege eine Stimme zu geben, wie es heißt. Behinderte wollen sich und ihre Körper zeigen, so ist wohl das Motto. Die Frage ist, ob es so sehr sein muss, dass andere deshalb ihren Alltag kaum noch aufrecht erhalten können. Ich meine, Sie würden nicht einmal bei Cara Delevingne wollen, dass sie Ihnen ständig an den Hacken klebt, also: Cara Delevingne vor dem Regal, wenn Sie gerade Waschpulver kaufen wollen – Erst einmal gucken Sie sich bitte Cara an! -, Cara Delevingne, wenn Sie gerade überlegen, ob sie sich ein Eis holen sollen – Erst einmal rufen Sie sich bitte noch einmal Cara ins Gedächtnis! -, Cara Delevingne, wenn Sie an der Bushaltestelle warten – nicht, dass Sie Cara vergessen! -, wenn Sie auf dem Weg zu Freunden sind – Vielleicht sollte es besser niemanden geben, der für Sie wichtiger als Cara ist, denken Sie doch bitte daran! -, wenn Sie sich mit der Frau vom Kiosk unterhalten, Cara Delevingne, wenn sie einkaufen, in der Bücherei Bücher ausleihen oder sich nach dem Schienenersatzverkehr für die U-bahn erkundigen wollen. Es ist so, dass man nicht Cara Delevingne nicht mag. Man mag sie einfach nicht ständig an einem dran kleben haben!

Über diesen CareSlam hat darüber v. a. die etwas zwielichtige „Epoch Times“ berichtet, aber dahin möchte ich jetzt nicht verlinken. Nach meinen oben beschriebenen Erfahrungen hielte ich es nicht einmal für unmöglich, dass sich sogar Leute in den Rolli setzen, die körperlich total fit sind, nur um mal zu sehen, ob andere ihnen das abnehmen, wie gut die Performance so ist. Irgendwie geht es ja immer darum, anderen etwas „vorzugaukeln“ und sie in jede beliebige Richtung zu manipulieren (zB, wenn nur noch die Dicken und die Rechten in der Nähe sind und alle anderen einen „abblitzen“ lassen, dann wird man doch wohl lernen, die Dicken und die Rechten zu lieben – egal, wie widerlich sie sind und wie widerlich man sie findet – und den anderen bitteschön immer schön das Selbstwertgefühl und die linke Politik zu überlassen, aber das ist jetzt wieder Sozialpsychologie, siehe oben. Außerdem passt es besser zu den queeren Frauen, die halt alle körperlich „Abweichenden“, auch die „Krüppel“, in ihr Herz schließen wollten. Offenbar lastet das letztere aber nicht aus.). Eventuell gibt es dafür sogar eigene Agenturen. Ich googele das mal: Irgendwo eine Agentur, bei der man Elvis-Doubles mieten kann, eine Künsteragentur Ute Nicolai, die jede Menge großer Namen unter Vertrag zu haben scheint – offenbar etwas seriöser! – dann sowas wie „Crush agency“ oder „Velvet“, Anke Balzer, Neidig, … Vielleicht bin ich eher beim Karnevalsbedarf richtig, mit meinem Anliegen. So kommt mir das jedenfalls vor. Immerhin habe ich mich mal um einen Job beworben in einem Laden für den protestantischen Narren beworben. Habe ich aber nicht gekriegt. Dafür weiß ich jetzt, dass es sogar im Herzen Preußens einen Karnevalsbedarf gibt.

Nun habe ich diesen ganzen Stuss geschrieben, nur um der taz-Wahrheit Konkurrenz zu machen. Das wird’s wohl sein. Und es ist nicht einmal geglückt. Buhuuu ….

Migration & Multikulti – Hat der Nationalstaat ausgedient? Ad Michael Wolffsohn

Der Nationalstaat sei nur eine Fiktion – sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Mann hat recht. Und eigentlich dürfte ein solches Statement auch kaum für Aufruhr sorgen, denn für sich genommen ist es doch ein Gemeinplatz oder zumindest eine allgemein akzeptierte Idee. Oder täusche ich mich da?

Multikulti im „Reich“ & Herrscher in weiter Ferne

In jedem Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass es Deutschland erst seit 1871 gibt. Das Gebilde, das zuvor an seiner Stelle jahrhundertelang politisch wirksam war, war ein Konglomerat recht unterschiedlicher regionaler Fürstentümer – das „Heilige Römische Reich“, ab der frühen Neuzeit mit dem Zusatz „deutscher Nation“, dominiert mal von Franken, mal von Staufern, mal von Welfen, später dann von Preussen, das seinen härtesten Gegner südöstlich, in „Habsburg“ bzw. Österreich-Ungarn fand, wo man ebenfalls in weiten Teilen Deutsch sprach. „Im Reich“, wie Historiker im Allgemeinen abkürzen, wurde auch Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Jiddisch, Romanes, Sorbisch, Wendisch und Polnisch gesprochen. Der „Österreicher“ parlierte neben Deutsch – also z. B. Wienerisch oder das eher dem Schweizerdeutschen ähnelnde Tirolerisch – auch Ungarisch (politisch bedeutsam, in Budapest hatte man etwas zu sagen!), Tschechisch (das geistige Zentrum Habsburgs oder eben Österreich-Ungarns war lange Zeit Prag!), Slowakisch, Ruthenisch, Ukrainisch, Polnisch, Jiddisch, Slowenisch, Kroatisch, Rumänisch, Italienisch, Ladinisch, Russisch, Romanes und Griechisch – oft sogar zugleich bzw. nebeneinander her – Mehrsprachigkeit war damals (in Österreich(-Ungarn) noch länger als in Deutschland) auch für das „einfache Volk“ in Reichweite, denn es mussten keine aufwendigen Sprachdiplome abgelegt werden, niemand interessierte sich dafür, wie gut man Hochliteratur in einer Fremdsprache verstand, man musste nicht einmal zwingend lesen können – Zuhören reichte. Kirchenmänner und Wissenschaftler verständigten sich auf Latein, für den Adel galt es lange Zeit als chic, Französisch zu lernen.

Jemand aus dem Großherzogtum Oldenburg etwa, das im Nordwesten des heutigen Deutschland gelegen ist, kam sprachlich mit Seeleuten aus den nahe gelegenen Niederlanden oder aus England gut zurecht – Bayern dagegen war fremd, „Ausland“, nicht nur in linguistischer Hinsicht, auch kulturell. Der Lothringer war zwar „Deutscher“, weil er Deutsch oder besser gesagt „Moselfränkisch“ sprach und fleißig Sauerkraut aß – ein echter „Kraut“ also! – er lebte jedoch längere Zeit in Frankreich und es war kein Problem für ihn.

Die Leute hatten keinen Internetzugang und es war nicht möglich, schnell mal den Flieger irgendwohin zu nehmen. Dennoch war man durchaus mobil: Handwerker gingen z. B. auf die Walz. Man fürchtete sich nicht, in die Fremde hinauszugehen – „Heimat“ war jedoch die Region, aus der man stammte.

Die Idee des Nationalstaates oder: Wer ist eigentlich „das Volk“?

Im 19. Jahrhundert, als Multikulti-Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich – Der „kranke Mann am Bosporus“, wie man in Westeuropa höhnte – ins Wanken gerieten und Preussen sich eine nunmehr unangefochtene Vormachtstellung im „Reich“ erkämpft hatte, kam die Idee des Nationalstaates auf. „Nationalität“ war damals, noch bevor Rassetheorien die Oberhand gewannen, an Sprache gebunden und machte sich, anders als heute, nicht in erster Linie an ethnischer Zugehörigkeit fest, die ja – nebenbei bemerkt – ohnehin schwammig definiert ist: Neben ein paar physiognomischen Besonderheiten: jemand, der dunkle Haare und Augen hat, wird wohl kein Däne oder Friese sein, jedenfalls nicht „von Natur aus“, aber da es sowohl in (Nord-)Deutschland als auch in Polen und Skandinavien viele hellhäutige Menschen gibt, muss dann eben doch wieder die (Mutter-)sprache herhalten oder „Abstammung“, sofern man zurückverfolgen kann, wo der eigene Urururgroßvater herkam und in welchem Idiom er einst seine ersten Worte brabbelte.

Ist Sprache Identität?

Jedenfalls wäre heute ein Türke, der in Deutschland geboren ist und nur gebrochen Türkisch spricht, nichtsdestoweniger in erster Linie Türke. Damals, im 19. Jahrhundert, ging man davon aus, dass Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, auch eine gemeinsame Kultur haben, dass sie irgendwie zusammengehören, also „ein Volk“ sind. Heute tritt der physiognomische Aspekt, der sich nach dem Holocaust, der eine Einteilung von Menschen nach „Rasse“ und „Abstammung“ für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst – glücklicherweise! – diskreditiert hatte, wieder stärker hervor. Dennoch spielt auch Sprache nach wie vor eine Rolle. Jemand, bei dem wir beim Sprechen muttersprachliche Deutschkenntnisse heraushören, nehmen wir als „gleich“ wahr, auch wenn er (oder sie) dunkelhäutig und damit „exotisch“, also „anders“ aussieht, in dem Sinne, dass wir voraussetzen, dass er oder sie – wie wir – auch „hier“ (in Deutschland) aufgewachsen ist und somit viele Gemeinsamkeiten mit uns hat, viele Erfahrungen teilt – vermutlich hat man doch als Teenie die gleiche Musik gehört und die gleichen Soaps geguckt, man hat über die gleichen Stars und Lehrer gelästert, sich in der Schule durch die Werke von Schiller und Goethe gequält, in Englisch Schwierigkeiten mit dem „th“ gehabt und man weiß, was unter „Aldi“, „Autobahn“ und „Biotonne“ zu verstehen ist. Wenn jemand zwar (ethnisch-)deutscher Abstammung ist, aber im Ausland aufgewachsen, ist das nicht so ohne Weiteres der Fall …

Nation Building oder: Was braucht es, um einen Staat zusammenzuhalten?

Im 19. Jahrhundert, sogar noch nach dem Ersten Weltkrieg war der Gedanke „ein Volk, ein Land“ noch revolutionär, galt als links, emanzipatorisch, denn es ging darum, sich nicht mehr von irgendeiner fremden Macht in Wien, Istanbul oder anderswo dominieren lassen zu müssen. Das „Volk“ sollte bestimmen, seine Kultur, seine Bedürfnisse, seine Art zu leben sollten richtungsweisend sein für die Politik und für die Geschicke eines Landes und nicht mehr die Interessen irgendwelcher fernen Fürsten. Die Idee des Nationalstaates hängt also mit der – wenn auch damals noch in weiter Ferne am Hoizont stehenden idee der Demokratie zusammen, obwohl, wie wir wissen, Demokratie auch ohne ethnische „Reinheit“ oder auch nur eine gemeinsame Sprache geht – etwa in der Schweiz oder in Belgien.

Irgendwie aber muss ein Staat zusammengehalten werden: Entweder autoritär, eben durch jemanden an der Spitze, der den Daumen drauf hat oder – in der Demokratie – durch ein „Wir-Gefühl“. Joseph Joffe hat darüber in der „Zeit“ geschrieben, man kann es auch „nation building“ nennen, jedenfalls das Gefühl, irgendetwas verbindet uns alle, deshalb macht es Sinn, dass wir in einer Einheit, eben in einem Staat zusammenleben. „Verfassungpatriotismus“ ist dazu, zu wenig, denn auf Demokratie und Menschenrechte setzen auch andere Staaten – zum Glück!

So schnell lässt sich der Mensch nicht in eine Schublade stecken …

Michael Wolffsohn hat allerdings recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass sich die Identität eines Menschen (die er mit „Heimat“ umschreibt) aus vielen Schichten zusammensetzt. Wieder – zum Glück! Zwar tendieren die derzeitigen Identitätsdiskurse immer stärker dazu, Menschen auf holzschnittartige Kontrukte – Deutscher, Araber, Muslim, Christ, Jude, Queer, Frau, Mutter, Mann, … – zu reduzieren, aber absolut gesetzt würde das zu einer Homogenisierung führen, die gefährlich ist: Nur noch Deutscher, alles andere tritt dahinter zurück! Nein danke! Das hatten wir doch schon einmal. Und wie armselig ist eine gleichgeschaltete Masse, die sich allein über ein behelfsmäßiges Konstrukt – die Kultur, die Geschichte oder auch der Körpertyp, der Lifestyle, usw. – definiert …

Wir sind also immer auch der Ovid-Leser, der Heavy-Metal-Fan, der Schüchterne, die Extravertierte, die Akademikerin, die Krankenschwester, die Soap-Guckerin, der gerne-Koch und früh-zu-Bett-Geher, der oder die AfD-, Merkel-, Linkspartei- oder Nicht-WählerIn und so weiter. Klar. Ein Zuviel an Atomisierung hilft aber auch niemandem, denn damit lässt sich kein Staat machen.

In zwei Ländern zu Hause: Putins & Erdogans Leute in Deutschland

Binationalität ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Diskriminierung – Xenophobie oder Antisemitismus – aber auch die Erfahrung von Vertreibung und Diaspora machten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Notwendigkeit. Ein Jude ist Deutscher, Franzose oder Amerikaner, aber da ist immer auch die zweite Heimat Israel im Hinterkopf, das einzige Land der Welt, in dem es völlig normal – Mehrheitsgesellschaft! – ist, Jude zu sein. In abgeschwächter Form gilt das auch für den Deutschtürken, der in Deutschland eben oftmals „der Türke“ ist. Kann man es ihm (oder ihr) da verdenken, auch oder sogar in erster Linie die Türkei als seine (oder ihre) Heimat zu betrachten? Sogar dann, wenn er (oder sie) dort aber nur „Almanci“ – Deutscher – ist? Was ist – muss man leider auch fragen -, wenn es da eines Tages ein Problem mit der Loyalität gibt? Zu viele Erdogan-Fans, die für die Todesstrafe stimmen? Vielleicht sogar eines Tages eine anti-demokratische „5. Kolonne“ eines totalitären Herrschers in Deutschland? Das Gleiche könnte man auch über Russlanddeutsche sagen, die sich Putin eher verbunden fühlen als der Bundesrepublik. Aber hat man so etwas wie „5. Kolonne“, „Handlager“ oder „Agenten“ von irgendwas nicht auch an anderer Stelle schon erwähnt, im Bezug auf Juden zum Beispiel? Ist das vergleichbar?

Die besseren Vermittler: Binationalität als Stärke

Binationalität kann eine Stärke sein. In der Psychologie hat man festgestellt, dass Menschen aus binationalen Familien, Menschen, die damit aufgewachsen sind, zwischen den Stühlen zu sitzen, „weder Fisch noch Fleisch“ zu sein, sich leichter damit tun, die Standpunkte und Erfahrungswelten anderer Menschen nachzuvollziehen und deshalb besonders gut vermitteln können. Dies gilt übrigens nicht für den Türken oder Russlanddeutschen, der sich vor allem mit seinem Herkunftsland (oder dem seiner Eltern) identifiziert, also eben ein Türke oder Russe ist, der (oder die) halt zufällig in Deutschland lebt, in der Diaspora, und es gilt auch nicht für den (oder die) voll assimilierten Migranten, der oder die also Deutsche(r) ist, zufällig eben mit ausländischen Wurzeln.

Der Nomade des 21. Jahrhunderts: Nationalismus im Gepäck

Es erscheint zeitgemäß, dieses Potenzial der Binationalität, des „sowohl als auch“ zu stärken. Eigentlich wäre es sogar dumm, das nicht zu tun, aber es liegt auch eine Gefahr darin. Das Problem dabei ist der Typus des ultraflexiblen, nomadischen Menschen, wie er vor allem in den Nuller-Jahren als Ideal der Globalisierung hochgehalten wurde – im besten Falle sehr gut ausgebildet – IT-Experte, Wissenschaftler, Top-Manager, literarische Größe und/oder kreativer Kopf – zieht er immer zur nächsten saftigen oder noch saftigeren Weide, nachdem zuvor alles abgegrast worden ist. Seine Kultur, seine Heimat und damit seine Identität trägt der Nomade des 21. Jahrhunderts komprimiert als eine Art Schneckenhaus auf dem Rücken und hat sie so immer bei sich.

Es ist klar, dass es hierbei nicht um Vertreibung, um die Flucht vor Kriegen und Gewalt, um politische Verfolgung oder Armutsmigration geht, sondern darum, das Optimum für sich herauszuholen. Der Nomade des 21. Jahrhunderts will das Beste für sich: Das beste Gehalt, die besten Konditionen, ein optimales und optimiertes Leben. Er hat kein Interesse daran, sich irgendwo zu integrieren und die Probleme der Gesellschaften, in denen er lebt, sind für ihn (oder sie) nicht von Belang. Er (oder sie) ist ja überall immer nur vorübergehend. Wichtig ist für den Nomaden des 21. Jahrhunderts nur, dass er überall einen Freiraum findet, seine Kultur leben zu können – oder, in der Fremde das komprimierte, quasi auf die Essenz reduzierte, damit aber auch radikalisierte und verkitschte Erinnerungsbild seiner Kultur – : Man sollte mit Englisch durchkommen, die Burka tragen können und überall Zutaten vorfinden, um z. B. asiatisches Essen zubereiten zu können.

Die Globalisierung: Verdrängung der Schwächeren durch Migration?

Nun stört sich niemand an einem Asia-Shop – ganz im Gegenteil! -, deutsche Kinder lernen schon im eigenen Interesse Englisch in der Schule und die meisten Deutschen können irgendwie damit leben, wenn eine Frau im Niqab durch die heimische Fußgängerzone schlendert. Kultur, die Konfrontation mit fremden Sitten und Gebräuchen, ist also nicht das eigentliche Problem. Das was aufstößt, ist das Gefühl, abgehängt zu werden, nicht mehr mithalten zu können mit den sehr gut ausgebildeten Ivy-League-Absolventen aller Herren Länder, für die Geld keine Rolle spielt und die überall einmal „Erfahrungen“ machen wollen, es ist die – nicht ganz aus der Luft gegriffene – Angst, die Globalisierung könnte in eine Art Sozialdarwinismus ausarten.

Beispiel Jugoslawien: Wenn aus Gemeinsamkeiten Unterschiede werden

Allerdings – und das hat die Geschichte gezeigt – werden die Brüche einer Gesellschaft zuerst an vermeintlich unüberwindlichen kulturellen Unterschieden sichtbar. Im ehemaligen Jugoslawien war einst die gemeinsame Kultur und Sprache, das was alle „Jugo-“ also „Südslawen“ miteinander verband, gegen Osmanen und Habsburger ins Feld geführt worden, denn das „südslawische“ Volk sollte einen eigenen Staat, eine Heimat, eine Nation haben. In den 1990er Jahren schließlich waren aus den vormaligen Gemeinsamkeiten unterdessen nicht mehr hinnehmbare Differenzen geworden, die das Zusammenleben nunmehr als unmöglich erscheinen ließen – Man erinnerte sich daran, dass man eigentlich über viele Jahrhunderte keine gemeinsame Geschichte gehabt hatte – einige Landesteile hatten ja zu Österreich-Ungarn gehört, andere zum Osmanischen Reich -, Menschen, die bis dato nur auf dem Papier eine Religionszugehörigkeit gehabt hatten, hielten plötzlich die Religion als etwas hoch, das sie klar und deutlich voneinander unterschied. Ein blutiger Krieg war die Folge. Jugoslawien zerfiel.

Multikulti oder Nationalstaat – ist das wirklich die Frage?

Auf heute und Deutschland übertragen bedeutet das, dass die Frage nicht ist, ob unsere Gesellschaft „bunter“ werden muss, wenn wir noch zeitgemäß sein wollen, oder ob uns ein Verlust unserer kulturellen Identität droht, den es um jeden Preis abzuwehren gilt, ob und wie viele Kreuze, Halbmonde, Davidsterne, Regenbogen oder andere sekuläre Symbole in den Himmel unserer Städte ragen sollen, ob man Grenzen rigoros dicht machen muss oder ganz im Gegenteil Anreize für Migration schaffen und massig Werbung dafür machen sollte, ob wir nur den Ingenieur hereinlassen sollten – weil wir den wirklich brauchen – oder auch den Künstler, vielleicht sogar den Drogendealer und den Terroristen.

Fazit: Sowohl-als-auch statt entweder-oder

Jedes Entweder-Oder führt uns nur in eine Sackgasse. Deshalb kann es nur um ein Sowohl-als-Auch gehen, um eine Balance, ein soziales Gleichgewicht, das unsere Gesellschaft wiederfinden muss. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, Steuergelder für Kindergartenplätze und sprachliche Frühförderung – für alle Kinder! – auszugeben, als dafür, Künstler, Theatermacher und Literaten aus aller Welt anzulocken. Die wiederum dürfen aber durchaus auch kommen (wie unangenehm wäre es, anderen das Entdecken der eigenen Kultur zu verweigern, wo man doch selbst so gern reist!), nur können sie eben als „Internationals“ nicht den Vorzug erhalten. Jemand, der vor einem Krieg oder vor politischer Verfolgung flieht, hat ein Anrecht auf Asyl, auch wenn er oder sie ökonomisch nicht „nützlich“ für unser Land ist (und andererseits auch dann, wenn er oder sie ziemlich wohlhabend, also materiell keineswegs bedürftig ist) – Das muss man trennen, das sind zwei Paar Stiefel! Die Kinder irgendwelcher Dritt-Welt-Diktatoren und -Kleptokraten, die sich ins Berliner Nightlife stürzen wollen, allerdings als „Armutsflüchtlinge“ auszugeben, ist mehr als frech und man muss sich nicht wundern, wenn das dann Aggressionen provoziert. Dafür macht z. B. der Klimawandel das Leben in Afrika tatsächlich schwerer – auch für Menschen, die nicht am Hungertuch nagen und auch keine politischen Gründe haben, ihr Land zu verlassen. Die Digitalisierung braucht Rohstoffe, die wiederum sind am ehesten und am billigsten da zu haben, wo Menschenleben wenig zählen und „Recht“ sich notfalls auch mit der Kalaschnikow durchsetzen lässt. Gerechtigkeit zu fordern ist keine Unverschämtheit, sondern unbestritten ein gutes Recht, nur kann ein deutscher Hartz-IV-Empfänger nichts dafür, dass ein Zahnarzt in Pakistan einen geringeren Lebensstandart hat als einer in Deutschland. Ein „Armutssoli“ für Afrika, wie er hier und da vorgeschlagen wurde, würde bedeuten, dass dem Wohlstandswachstum hierzulande gewisse Grenzen gesetzt werden müssten. Am oberen Ende der Gesellschaft wäre das sicherlich zu verschmerzen, aber ist es auch durchsetzbar? Inwieweit? Oder wollen wir uns weiterhin mit müßigen „Diversity“-Debatten darüber hinwegtäuschen, dass wir überfragt sind?

Summa summarum geht es gar nicht so sehr darum, wie viel Fremdheit und kulturelle Vielfalt unsere Gesellschaft aushält. Die eigentliche Frage ist: Gibt es noch etwas, was uns zusammenhält? Und was könnte das sein?

Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

Das A-Wort. Oder: Die Hilflosigkeit des neuen Deutschlands

Antisemitismus! Was ist eigentlich antisemitisch? Nur richtig brutale Holocaustleugnerei? Israelkritik? Israel am liebsten von der Landkarte gefegt haben wollen? „Du Jude!“-sagen? Wenn man „Breitbart“ doof findet? Und wenn es Juden gibt, die das aber genauso sehen wie man selbst?

Deutschland hat ein Problem – den Holocaust. Na ja, ist natürlich wirklich ein furchtbares Kapitel der deutschen Geschichte – den schlimmsten Genozid auf Erden begangen zu haben … Manche Leute wünschen sich insgeheim oder ganz offen, mit der herzlichen Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien solle der Holocaust jetzt endlich abgegolten sein. Andere – fast immer vom rechten Rand – jammern, dass es mit dem elenden „Schuldkult“ doch endlich einmal ein Ende haben müsse. Wieder andere identifizieren sich mit dem Judentum und Israel und zücken das A-Wort als Waffe gegen die lieben Landsleute. Wenn’s ganz hart kommt, sind angeblich sogar die Juden selbst die eigentlichen Antisemiten. Oder die Geschichte wird einmal um 180 Grad gedreht und es sind plötzlich die „Zionisten“, die sich in Israel – so wird behauptet – „wie die Nazis“ aufführen – den Palästinensern gegenüber.

Die Flüchtlinge machen es nicht leichter, denn gerade wegen des Nahostkonfliktes ist Antisemitismus im arabischen Raum verbreitet. Wohlmeinende Versuche, zu erklären, Antisemitismus gehe gar nicht so sehr von Ausländern aus, sondern meistens eben doch von Deutschen, sind wenig hilfreich, denn einerseits stimmt es natürlich: Antisemitismus darf man jetzt wieder – bilden sich zumindest manche Leute ein, andererseits – es sind eben doch auch Ausländer. Gerade das greift begierig die AfD auf, wie u. a. die „Zeit“ berichtete und die Rechtspopulisten können sogar einige Juden in ihren eigenen Reihen verzeichnen, z. B. Wolfgang Fuhl, dem der Deutschlandfunk ein längeres Portrait gewidmet hat. In der gewohnten ungenierten Frechheit tanzt die AfD der erschütterten Öffentlichkeit auf der Nase herum, denn ihre diversen antisemitischen Ausfälle und auch einige Aussagen, die sich hart am Rande der Holocaustleugnerei bewegen, kann sie sich ja erlauben, denn es gibt ja Juden, die kein Problem damit haben, oder etwa nicht?

Oder ist es vielleicht so, dass immer der Holocaust herhalten muss, ein abscheuliches Stück Vergangenheit, dass die Deutschen sich gegenseitig um die Ohren hauen? Allen, die sich einbilden, Juden, Homosexuelle, queere Menschen und Muslime gehörten irgendwie zusammen – nach links, als Minderheit, als Holocaustopfer oder zumindest als Nicht-Betroffene von etwaiger Schuld – sei gesagt, dass das nicht funktioniert. Klar, sind homosexuelle Männer im Zuge des Holocaustes ebenfalls grauenvoll verfolgt und ermordet worden und es ist mehr als selbstverständlich, dass auch sie einbezogen werden in die Erinnerung und Aufarbeitung des furchtbaren Genozids. Allerdings steht das auch Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas, Alkoholikern, Asozialen, psychisch Kranken, Behinderten, sog. „Erbkranken“ (schon eine Rückgratverkrümmung reichte u. U. aus), usw. zu.

Dann wieder ist es kompliziert. Lesben steht die Einreihung in die Opferliste schon nicht mehr so ohne Weiteres zu: Irma Grese, die „Bestie von Ausschwitz“, die sich darin gefiel, KZ-Insassinnen sexuell, körperlich und psychisch zu misshandeln, war lesbisch. Aber, unter dem schwarzen Winkel für „asozial“ wurden, wie u. a. Ulrike Janz in dem von Michael Schwartz 2014 herausgegebenen Sammelband „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ festgehalten hat, auch Frauen eingeliefert, für die als Inhaftierungsgrund tatsächlich (wenn auch wohl zusätzlich) „homosexuell“ angegeben wurde – Frauen aus armen Verhältnissen, einige Prostituierte, Frauen, die als irgendwie „merkwürdig“ erachtet wurden. Das Gleiche könnte man von Alkoholikern, psychisch Kranken, Behinderten und „Erbkranken“ sagen: stammten sie aus politisch wohlgelittenen Verhältnissen oder waren sie selbst in der NSDAP aktiv, konnten sie durchaus als „gesund“ durchgehen und reihten sich damit automatisch in die Reihe der Täter ein. Bürgte nichts und niemand für sie oder waren sie aus anderen Gründen lästig, konnte das schnell ihr Todesurteil sein.

Aber ist es nicht auch irgendwie etwas überzogen, wenn Menschen HEUTE, deren Eltern oder Großeltern eben sehr wohl „mitgemacht“ haben oder sogar mehr, sich selbstgefällig zurücklehnen und das Judentum eifersüchtig für sich (und bitte auch für niemanden anders!) reklamieren oder sogar anderen Deutschen mit der Auschwitz-Keule drohen? Ist das nicht irgendwie auch eine Form von Holocaustrelativierung?

Und dann sind da eben noch die rechten Juden – das amerikanische Internetportal „Breitbart“, das der rechtsextremen „Alt-Right“-Bewegung angehört, ist ja auch ausgesprochen philosemitsch. Kunststück – Andrew Breitbart, der Gründer, war Jude.

Nein, auch hier kann sich aber niemand zurücklehnen und den „Siehste! Die selber sind ja auch so!“-Zeigefinger erheben. Klar, auch in den frühen 1930er Jahren gab es Juden, die das „ganz vernünftig“ fanden, was der Hitler da vorhatte. Es waren deutschnationale Juden, rechte Juden eben, die hofften, der Antisemitismus (der im Übrigen auch in anderen Kreisen der Gesellschaft vertreten war, nur eben nicht so rabiat) sei eine „Kinderkrankheit“ und würde sich „schon noch auswachsen“. Den Rest des NSDAP-Parteiprogrammes fanden sie aber gut. Die Geschichte belehrte sie auf grausame Weise eines Besseren.

Aber mal ehrlich – das konnten die Leute wirklich nicht wissen und kann man von Minderheiten verlangen, dass sie moralisch besser sein müssen, als der Rest der Gesellschaft, damit ihnen der Opferstatus zusteht?

Schwierig – allgemein gesprochen kann, wer Ausgrenzung für andere natürlich regelrecht fordert oder sogar Gewalt gegen sie toleriert, – quasi als „Kronzeuge“ dafür steht, dass das nicht so schlimm, jedenfalls nicht rassistisch, homophob oder antisemitisch ist -, für sich selbst eigentlich auch keinen Schutz beanspruchen – Man denke etwa an die Migranten in der AfD, die kein Problem damit haben, dass die Partei unter der Hand, wie mehrfach bekannt geworden ist, auch Kontakte zu den rechtsextremen „Identitären“ und damit teilweise auch zu richtigen Neonazis pflegt.

Das Gehöhne geht als Rechnung nicht auf. Aber die deutschnationalen Juden damals haben keinen Holocaust für andere gefordert. Sie lebten im Jahr, na sagen wir mal zum Beispiel 1930, und konnten nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Die waren halt einfach total rechts, aber eben nicht „selbst auch antisemitisch“. Außerdem waren es eben nur einige wenige. Genau wie es einige wenige Juden gab und gibt, die zum Beispiel tatsächlich knallharte Ausbeuter oder sogar Mafiosi waren oder sind.

Ja, die gibt es. Aber es ist im linken Milieu zum Teil wieder populär geworden, vom „jüdischen Ausbeuter“ und vom „jüdischen Kapitalismus“ zu schwadronieren. Angeblich soll George Soros zum Beispiel sogar hinter der Flüchtlingskrise stecken, weil er sich angeblich Geschäfte davon verspricht und darüber hinaus die europäischen Staaten zu Grunde richten will. Hier schließt sich der Kreis nach rechts – Es ist einfach eine ziemlich abstruse Verschwörungstheorie. Und logisch ist es auch nicht, denn George Soros – der Name, der im Zusammenhang mit linkem Antisemitismus immer wieder fällt – ist zwar Geschäftsmann und Börsenspekulant, aber er hat auch viel in seine linksliberale Idee von der „offenen Gesellschaft“ nach Karl Popper investiert. Es gäbe also wirklich Schlimmere, wenn man dem Judentum anlasten wollte, den Turbokapitalusmus vorantreiben zu wollen und die Völker dieser Erde auszubeuten – Beny Steinmetz zum Beispiel oder, warum nicht mal diverse chinesische Geschäftsleute und andere asiatische Oligarchen, die z. B. in Afrika ähnlich brutal um Pfründe und v. a. um Schürfrechte an Afrikas üppigem Vorrat an Bodenschätzen kämpfen? Warum nicht Donald Trump, der bis in die 1990er Jahre eher als skrupelloser Geschäftsmann bekannt war, als als Politiker? Oder – hierzulande – Anton Schlecker? Wenn man einmal in Ruhe darüber nachdenkt, fallen einem noch viele andere Namen zum Thema ein – alle nicht-jüdisch.

Pikanterweise setzt ausgerechnet George Soros sich in Israel für die Aussöhnung mit den Palästinensern ein – und Palästina ist neben dem eher neuen Topos der – vorgeschobenen – „Kapitalismuskritik“, ja der Hauptbeweggrund unter Linken für Antisemitismus. Warum ist also Soros der Buhmann und nicht jemand anders? Und wie weit darf man mit Kritik an Israel gehen? Die Siedlungspolitik zum Beispiel wird doch auch von Juden selbst kritisiert – siehe eben Soros. Darf man da also als Deutsche(r) gar nichts sagen – wegen der Vergangenheit? Oder ist das wieder der „die Juden selbst sagen ja auch“-Kniff?

Weder noch. Israel das Existenzrecht absprechen geht nicht. Geht gar nicht und schon gar nicht als Deutsche(r) – immerhin war es der Holocaust, der dafür gesorgt hat, dass Juden, die überleben wollten oder – nach 1945 – zumindest nicht mehr in einem Land leben wollten, in dem man sie noch vor kurzem massenweise umgebracht hatte – dass der Staat Israel als Heimat aller Juden absolut notwendig geworden ist.

Aber – wenn ich mal doch einen schiefen Vergleich bringen darf: Wie wäre das denn, wenn man jetzt Deutschland einfach mal von der Landkarte löschen würde – so noch nachträglich als Rache für den Holocaust, das wäre ja nun ein wahrlich triftiger Grund – was, wenn man es 1945 getan hätte?

Dass es in Israel und unter Juden unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema (und zu anderen Themen) gibt und dass man sich logischerweise nicht mit allem identifizieren kann, muss man aber akzeptieren – egal WELCHE Meinung das jetzt ist. Evelyn Hecht-Galinskis Ansichten beispielsweise mögen für den einen oder anderen schwer verdaulich sein (und das darf man auch durchaus so sehen und sagen), aber auch Hecht-Galinski ist keine „jüdische Antisemitin“, sondern Tochter eines Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen. Also, mit anderen Worten, Henryk M. Broder hat nicht das Abo auf das Judentum. Und mit dem muss man ebenfalls nicht einer Meinung sein, um „alles richtig zu machen“.

Die „richtige Seite“ gibt es nicht. In Berlin hat die taz hat jetzt offenbar eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Hoffentlich geht die Diskussion weiter und hoffentlich kann sie geführt werden, ohne dass Deutsche sich damit in erster Linie gegenseitig an den Kragen gehen. Dann lacht nämlich vor allem die AfD, die ja ihre Vorzeige-Juden als Schutzschild vor sich halten kann, und deshalb gar nicht erst diskutieren muss, sondern auch so richtig derbe antisemitisch ohne wenn und aber sein kann. Zur Nachahmung jedenfalls nicht empfohlen!

Vielfalt in blau getönt. Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf

Als ich aus der U-Bahnstation komme, sticht sie mir sofort ins Auge. Nein, es war keine „Liebe auf den ersten Blick“. Vermutlich hatten sie und die Leute am Stand mich ausdauernd angegafft, während ich nichtsahnend um die Ecke bog, in Richtung des Platzes, wo sich die Bushaltestelle befand – und wo der in grelles Königsblau gehüllte Wahlkampfstand aufgebaut war. Schweiß perlt mir von der Stirn, Adrenalin schießt mir ins Blut, ich merke, wie meine Handflächen feucht werden und sich mein Magen zusammenkrampft. Am liebsten möchte ich wegrennen, – schnell! – in die U-Bahnstation zurück!

Der dicke Hintern der Frau wackelt auf seinen kurzen, stämmigen Beinchen, die drallen Ärmchen mit den kurzfingerigen Patschändchen fuchteln in der Luft, ein fahlblonder Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Rucksack, anständiges T-Shirt – die Frau lacht breit, die Unterhaltung mit dem hochgewachsenen, hohlwangigen Mann am Stand, dessen bleiche Haut in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen kohlrabenschwarzen Haaren und dem ebenfalls tiefschwarzen Schnauzbart steht, scheint entspannt und sehr angeregt zu sein.

Hass, sexuelle Übergriffe, Blicke, die sich aggressiv in meinem Gesäß festbeißen und an meinem Busen festkrallen, bis ich die Schultern unweigerlich nach vorn kippe und den Blick beschämt senke, jedes zufällige Lächeln vor das eine Frau springt, eine vermeintliche Anmache, ein Beleg, dass ich es doch angeblich „so gewollt“ habe – ‚Die muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird!‘, ‚Hi, hi, die kannste ruhig vergewaltigen!‘, ‚Hö, hö, dann wird sie eben NOCH MAL vergewaltigt!‘, ‚J’ai un zizi maintenant, je peux violer Laila!‘, ‚Hu, hu, j’ai le sida, je peux la violer, Laila!‘, ‚Ouah – elle pue!‘, ‚C’est son odeur naturelle, beurk!‘ – Grinsen, Lachen, – „Die vergewaltigen wir mit Blicken!“ – eine Frauenstimme. Fett. „He, he, voll pervers halt!“, kleine, fiese Augen, die hasserfüllt und winzig klein, tief eingesunken wie Rosinen aus moppligen Gesichtern funkeln – die queere Frau,“ denke ich panisch, „der Liebling aller Minderheiten!,“ ich sehe plötzlich wieder die alte, faltige Frau auf der Veranstaltung bei der taz, mit Heide Oestreich, die alte Frau, die nach mir greift und süffisant lächelt, „der Liebling!“ denke ich atemlos, die abnormal dicke Frau auf der taz-Veranstaltung schiebt sich in mein Gedächtnis, ein unförmiger Körper, der grunzt: ‚Ich bin nun einmal Mutter! Das ist meine Identität!‘, ‚Nein, nein, die ist nicht transgender!‘, Heide Oestreich, die abwiegelnde, abwehrende Gesten macht, als ob sie sich vor mir schützen wollte, ‚Na, aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!‘, der blonde Hipster mit den hervorquellenden Froschaugen, der das gesagt hat und dessen ebenfalls semmelblonde Freundin, die ein gern gesehener Gast bei der taz und in der Heinrich-Böll-Stiftung ist oder war oder wie auch immer.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dicken Knüppel, der auf den fröhlichen Pummel am AfD-Stand eindrischt – die runden, kurzen Ärmchen hilflos zappelnd. Ein Blutbad. Ich blinzele. Am wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne friedlich vor sich hin.

Grelles Blau kreischt mir entgegen. AfD. Neben dem großen Schwarzhaarigen steht ein kleinerer Mann mit kurzgeschorenem, blonden Haar, sportlich gekleidet, bürgerlich – jemand, dessen Budget begrenzt ist – so sieht es jedenfalls aus – der sich aber dennoch ordentlich anziehen kann. Er sieht nach „ehemals Jobcenter“ aus – „aber Kurve nochmal gekriegt!“. Ein „ehrlicher Arbeiter“? Unter dem kurzen Ärmel seines karierten Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Bizeps hervor. Ich will gar nicht wissen, was es darstellt, frage mich dann aber doch – Gang? Rocker? Nazi?

Nach „früher mal Subkultur“ sieht auch die mollige, etwas größere Frau am Stand aus, die ganz in schwarz gekleidet ist, und sich die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt gesteckt hat. Bei ihr sieht das schwarze Haar eindeutig künstlich aus, aber das soll wohl so. Eine dicke Strähne im Pony ist weiß blondiert. „Früher mal schwarze Szene?“ frage ich mich und denke an eine Frau aus Bayern, die mit mir im Studentenwohnheim gewohnt hat. Die war richtig szenig, total ausgeflippt, aber auch erzkonservativ. Das hat mich irgendwie immer ein bisschen irritiert, denn normalerweise haben so extreme Menschen in einem bieder-konservativen Umfeld nichts zu lachen – „Trauerklöße“ allenfalls, vielleicht auch „Perverslinge“. Bei ihr war das aber offensichtlich nicht so. Sie hat BWL gemacht. Was aus ihr geworden ist und ob sie dem Rechtspopulismus etwas abgewinnen kann oder nicht, weiß ich aber nicht. Auch nicht übrigens, ob die Berliner AfD-Frau wirklich einmal Gruftie war.

Ein gediegen und großbürgerlich wirkender Mann mit eiriger Glatze taucht neben mir auf, – Er hat eine seltsam breiten Stirn, das fällt mir richtig auf! Der Mann hält mir etwas grob einen blauen Flyer vor die Nase. „Hier, hier!“ – der Tonfall des Mannes ist aggressiv. Ich schüttele höflich den Kopf. „Hier, für den Nachttisch!“ – der Mann lässt nicht von mir ab, sein Atem bläst mir ins Ohr. Ich wehre ihn mit den Händen ab, gehe schneller.

Auch wenn man es hätte denken können – ich vermute, dass es nicht Nicolaus Fest war, der immerhin in dem Viertel, wo ich wohne, von jedem dritten Laternenpfahl grinst. – Der hat nicht so einen eirigen Kopf -, aber wollte man es vielleicht so aussehen lassen? Oder sind die Plakate mit dem Fest nur sehr stark retouchiert? Ich weiß es nicht. Ich warte auf den Bus. Vor mir stehen zwei Alt-68er, ein Pärchen, Öko-Style, der aber sichtlich gekostet hat, nicht die abgerissenen Querfronttypen aus Kreuzberg, eher Studienräte oder was Höheres, „leitende Funktion“ in irgendeiner sozialen Einrichtung oder in einer Behörde. „Eine von den Grünen liest ernsthaft einen AfD-Flyer?!“ schießt es mir entsetzt durch den Kopf. Doch dann sehe ich, dass die Frau einen ganzen Stapel AfD-Flyer in der Hand hält, und sie an die Passanten verteilt. Wie man sich doch irren kann.

Mein Bus lässt auf sich warten. Die AfD hat unterdessen ihren knallblauen Stand abgebaut. Der Eierkopf wechselt ein paar Worte erst mit dem „Ex-Jobcenter“, dann mit dem Öko-Pärchen und steigt schließlich auf ein sich eher bescheiden ausnehmendes Fahrrad. Das Öko-Pärchen bleibt stehen. Der Bus kommt. Einer Intuition folgend, schiele ich aus dem Busfenster in die Seitenstraße, die von dem Platz abgeht. Und richtig getippt – da lehnt der Schwarzhaarige lässig an einem funkelnagelneuen BMW-Cabriot und unterhält sich mit dem „ehrlichen Arbeiter“. Die Ampel schaltet auf grün, der Bus fährt an und ich habe das Gefühl, irgendwie nochmal entronnen zu sein.

Ein paar Tage später lese ich, dass auch Alice Weidel angeblich mal grün gewählt haben will. „Eher hat sie vor 15 Jahren noch Jagd auf Frauen gemacht, die sie für lesbisch hielt!“, denke ich böse. Aber das weiß ich natürlich nicht. Alice Weidel und ich sind ungefähr im selben Alter. Ich schaue mir kurz etwas auf Youtube an. Die gepflegte, sorgfältig geschminkte Frau mit den straff zurückgebundenen Haaren spricht in gewohnt abgehakten Sätzen, hart, nicht nur im Tonfall, auch im Inhalt. Sie trägt eine eine blauweiß gestreifte Bluse mit steifem Kragen. Es sieht so aus, als hätte sie tiefe Falten unter dem dicken Make-Up, aber vielleicht sieht es nur so aus.

Ich denke daran, dass damals auf der Uni die Klos in dem Gebäude, in dem Jura und Wirtschaftswissenschaften untergebracht waren, immer am dreckigsten waren. Da hatte öfters mal eine daneben gekackt und überall an die grauen Plastikwände waren zotige Sprüche geschmiert. Musste ich da mal drauf (Ich habe nebenher ein bisschen was mit Wirtschaft gemacht), dann ekelte es mich immer leicht, wenn ich draußen die ganzen Jura- und BWL-Studentinnen in ihren frisch gestärkten Blüschen, mit den obligatorischen Perlenohrringen und dem Hermès-Täschlein sah und mich unwillkürlich fragte, welche von ihnen psychisch so sehr aus dem Takt war, dass sie nicht umhin konnte, fein säuberlich auf die Klobrille zu kacken oder gleich ganz daneben, auf den Boden. Dass sich eine von ihnen bequemt hätte, es wegzumachen, das konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Aber das fällt mir zu Alice Weidel jetzt nur wegen der Bluse ein. Sie soll sich beschwert haben, dass man sie als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet hat. Bei der AfD fand man offenbar, dass damit auch die harten Worte gerechtfertigt seien, die Alexander Gauland der SPD-Politikerin Aydan Özoguz an den Kopf geworfen hat – sie solle mal sehen, was deutsche Kultur sei – und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“. Alice Weidel sagt, sie hätte das vielleicht anders ausgedrückt. In der Sache findet sie aber richtig, was Gauland gesagt hat.

Vielleicht ist in der Sache das mit der „Nazi-Schlampe“ dann auch nicht so ganz falsch, denke ich grimmig. Diese Leute betteln ja förmlich darum, in die ganz rechte Ecke gestellt zu werden und dann war im Nachhinein angeblich alles immer nicht so gemeint. Beleidigend ist das mit der „Nazi-Schlampe“ natürlich trotzdem. Das mit dem „entsorgen“ hat aber was von Gaskammer, zumindest vom Stil her. Das ist schon ein bisschen härter. Man kann durchaus „Aufhetzung zum Rassenhass“ dazu sagen, ohne sich groß verrenken zu müssen, da hat der ehemalige Bundesrichter, der Gauland deshalb verklagen will, schon recht.

„Unwertes Leben!“ denke ich. Und dass man das zu mir ja auf jeden Fall sagen darf. Ich balle meine Faust in der Tasche. Das mit dem „unwerten Leben“ war aber der Hipster, den sie bei der taz und bei den Grünen mögen bzw. sie mögen seine blonde Freundin, aber dann mögen sie ihn wahrscheinlich auch.

Irgendwo lese ich, dass viele der jüngeren AfDler aus linksliberalen, eher „grünen“ Elternhäusern stammen. Ist es sowas in der Richtung? Oder will man es wieder einmal nur so aussehen lassen? Geht es darum, verschiedenen Zielgruppen rechtskonservatives, hier und da vielleicht auch rechtsextremes Denken schmackhaft zu machen, obwohl sich doch für die Zoten und das Kokettieren mit dem rechten Rand sehr wahrscheinlich nur wenige begeistern?

Ich denke an meine feministische Professorin und an Heide Oestreich – dass sie alle beide Frauen wie Alice Weidel fördern wollten – weil dieser Frauentyp vor 10, 15 Jahren noch als „zu weiblich“ galt, um sich in der Männerwelt durchsetzen zu können und das offenbar den feministischen Beschützerinstinkt geweckt hat, ganz gleich, wie sehr die Jura-BWL-„und Freundinnen“-Fraktion sich auch über die „Emanzen“ schlappgelacht hat – und eben den fröhlichen Pummel vom AfD-Stand, den wollten sie auch fördern – weil der nicht aussieht, wie die Frauen in „Germany’s next Topmodel“ und deshalb angeblich „queer“ ist, genau wie die Weidel ja auch.

Was genau der Streitpunkt zwischen Alexander Gauland und Aydan Özoguz war, weiß ich allerdings nicht. Irgendwas mit Kultur. Dass ich das hier nicht will, das weiß ich aber ganz genau!