Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

deutsche Absurditäten

untadelige Zähne – für ein Lächeln, für das man Sie vielleicht etwas lieber mag

„Jacob der Lügner“ – so, so. Offenbar war das, wie man auf der „Achse des Guten“ erfährt, „einer der wenigen sehenswerten DDR-Filme“. Schrieb zumindest ein gewisser Manfred Haferburg am 19. Juli. Alle wollen auf etwas hinaus und Haferburg wollte auf Jakob Augstein und die Krawalle anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg hinaus. Augstein könne sich des „Titel(s) des bestgekleidet(st)en Journalisten Deutschlands“ rühmen, führt der „achgut“-Autor weiter aus. Sicher, auch ein Augstein wäre not amused, wenn man mit Baseball-Schlägern auf seine Villa losgehen würde. Stimmt schon.

Für mich ist er trotzdem ein Held, wenn auch eher im Kleinen. Wenn ich an Augstein denke, denke ich automatisch an eine „Arbeitsvermittlerin“, die mich – schon ein paar Jahre her – etwas indigniert anschaute, als ich nach einem kleinen Intermezzo als Pralinenverkäuferin andeutete, in dem Bereich wolle ich mich weiter umhören, wenn sich sonst nichts ergäbe. „Ihre Zähne“ setzte die Frau zaghaft an, so als wolle sie mich ja nicht verletzen, aber … „Vielleicht sollten sie da mal was machen. Sie wissen schon, Kundenkontakt. Die Leute achten ja leider Gottes auf Äußerlichkeiten.“

Ich biss mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge und sagte nicht: „Müssen Sie gerade sagen!“ (So chic war die Frau leider selbst nicht, eher – ähem – so „semi-gepflegt“), sondern nickte artig und flötete „Professionelle Zahnreinigung meinen Sie?“. „Ja“ antwortete die Frau, und setzte, jetzt mutiger geworden, hinzu: „und vielleicht auch mal eine Zahnspange. Das kann man auch bei Erwachsenen machen. Wissen Sie, unbewusst nimmt man das eben doch war, dass ihre Zähne nicht so stehen, wie sie sollten. Bei Einstellungen zählt sowas!“ Reflexhaft schoss mir „dumme Pute!“ durch den Kopf, ich sagte jedoch: „Aber das sind keine Kassenleistungen! Das kann ich mir gar nicht leisten!“ und hoffte, dass mein Blick „treudoof“ wirken würde.

Ein paar Wochen später guckte ich „Augstein und Blome“ und triumphierte – Der böse Jakob und ich hatten da eine Gemeinsamkeit: ein kleiner Zahn, der im Unterkiefer von den anderen aus der Reihe geschubst und nach hinten verdrängt worden war, leicht angebräunt, zumindest nicht blendendweiß, weil die Zahnbürste offenbar nicht richtig hinkam. Ich meine, vielleicht hatte ich ja einen Knick in der Optik, oder der hatte seine Veneers gerade nicht drauf, aber was der „bestgekleideste Journalist Deutschlands“ darf, darf ich auch – nämlich schiefe Zähne im Mund haben. Ich müsste, so dachte ich bei mir, einfach die Jobs machen, die Augstein macht. Da dürfte mein Äußeres dann ja wohl kein Problem sein.

Manche Leute haben einfach einen Haschmich. Selbst hatte ich als Teenie eine Bierflasche gegen die Frontzähne gekriegt, die mit voller Hebelwirkung rausgedrückt worden waren. Nie vergesse ich den Blick einer „Freundin“, die sich grinsend im Hintergrund hielt. Die Zähne waren hinüber, wuchsen, wie der nette Zahnarzt prophezeit hatte, aber wieder fest, nur dass sie nach und nach einen dunkelbraunen Farbton annahmen. Mir, die sich tatsächlich nicht so an Äußerlichkeiten festhält, war das gar nicht so aufgefallen. Später habe ich das dann aber doch überkronen lassen. Dass das nicht ganz so hübsch war, leuchtete mir ein. Aber dass man Leute angeblich nicht einstellen mag, weil ein kleiner Zahn im Unterkiefer nicht ganz in Reih und Glied steht???

Merkel in Südtirol – deutsches Aufbegehren gegen „mediterranes Modediktat“?

Dafür wurde Angela Merkel wegen ihres Urlaubs-Outfits gelobt – dass die Kanzlerin sich in Südtirol (sic!) „nicht dem mediterranen Modediktat“ (sic!) unterwerfe, sondern mit kariertem Hemd und Outdoor-Hose tapfer allen Versaces und Dolce-und-Gabbanas dieser Welt trotze, wurde offenbar dahingehend interpretiert, dass Merkel den Deutschen Mut machen wolle, im Urlaub – äh – „selbstbewusst“ zu „weißen Socken in Sandalen“ zu stehen, wie irgendein Twitter-Account namens „Niggi“ in die Welt hinauszwitscherte. (Mit den weißen Socken in Sandalen kann sich offenbar sogar der Grünen-Politiker Volker Beck identifizieren, aber dazu unten mehr ….)

Identitätspolitik – schön und gut. Eine ganze Menge Leute wollen ja mittlerweile „selbstbewusst zu sich stehen“. Meistens läuft das dann so ab, dass andere so lange drangsaliert werden, bis das Opfer sagen kann: „Und so herrlich verschüchtert und unterwürfig ist sie!“. Dann ist das Opfer „selbstbewusst“ und die Identitätspolitik hat mal wieder jemanden glücklich gemacht – und jemandem anderen das Leben zerstört. Aber ich will hier nicht polemisch werden. Halten wir fest:

  1. Südtirol ist nicht Ibiza oder die Copacabana, es liegt in den Alpen, also im Hochgebirge – nicht am Mittelmeer. Entsprechend läuft man dort auch nicht im Bikini und mit Flipflops rum, sondern Touristen (auch die italienischen Touristen), die dort zünftig wandern gehen wollen, tragen robustes Schuhwerk und bequeme Kleidung. Tja, wer hätte das gedacht … Karohemd und Outdoor-Hosen passen also durchaus und sind nicht etwa Ausdruck eines „neuen deutschen Selbstbewusstseins“.
  2. In Südtirol lebt eine deutschsprachige Minderheit, die in ihren Traditionen und Gebräuchen den (österreichischen) Tirolern ähnelt. Genau genommen SIND es Tiroler, nur eben Südtiroler – also nicht das mediterrane Dolce Vita, keine südliche Leichtlebigkeit und nicht das rassige Temperament, mit dem sich viele meiner Landsleute gern identifizieren möchten. Politisch gehört Südtirol zwar zu Italien, aber erst seit es ihm nach dem Ersten Weltkrieg zugeschlagen wurde – als „Dankeschön“ für Italiens Einsatz auf Seiten der Siegermächte, genau wie übrigens die östlich gelegenen Dolomiten, die allerdings von je her überwiegend von Italienern besiedelt waren. Dort lebt man übrigens auch, wie man in den Bergen eben so lebt: robuste, wetterfeste Kleidung, deftiges Essen, geduckte Häuser mit flach abfallenden Dächern gegen Schneemassen und Lawinengefahr. Auch wenn der westliche Teil des heutigen „Trentino-Alto-Adige“ – nämlich Alto Adige, italienisch für Südtirol, ursprünglich von den sog. „Ladinern“, einer rätoromanisch sprechenden und damit „romanischen“ Volksgruppe besiedelt war, so kann man festhalten: Was dem Kohl der – in Österreich gelegene Wolfgangssee war, ist der Merkel Südtirol.
  3. Im „italienischen“ Italien ist allerdings auch nicht alles so „mediterran“, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken mag – sprechen wir also vom Italien südlich der Stadttore von Bozen, oder besser vielleicht imaginiert da, wo der Comedian Gerhard Polt in „Man spricht Deutsch“ über die deutschen Touristen in Italien lästerte (als das noch für alle lustig war – Selbstironie – und kein Angriff auf deren bzw. die eigene Identität), also gesehen durch die Augen von Holterdipolter-Teutonen: am Meer, mit steinigen Stränden, überteuerten Strandbars und Kiosken, schleimigen „Luigis“ und „Marcos“ – „Italian Macho“ mit Goldkettchen an wucherndem Brusthaar und streng zurückgegeltem Haupthaar – beides natürlich pechschwarz und dann die Glutaugen! – über allem eine sengende Hitze. Aber jetzt mal ehrlich, wer hat sich nicht schon einmal gewundert, dass mediterrane Städte im Hochsommer wie ausgestorben erscheinen: menschenleere Straßen, die Häuserfronten verbarrikadiert mit schweren, hölzernen Fenstlerläden? Na ja, den Leuten ist halt auch heiß. Wer es sich leisten kann, flieht zu Merkel in die Berge und erholt sich in der – hier wortwörtlich zu nehmenden – Sommerfrische. Die anderen bleiben nach Möglichkeit im Haus, um sich keinen Hitzschlag zu holen. Ansonsten, wenn mensch doch vor Einbruch der Dunkelheit vor die Haustür muss, schützt leichte Kleidung, die Arme und Beine bedeckt, die Haut vor Verbrennungen. Das Trinkwasser wird rationiert, Mückenschwärme piesacken einen, hier und da wüten Waldbrände, aber man weiß nicht, ob da jemand ein bisschen nachgeholfen hat, um ein lästiges Naturschutzgebiet loszuwerden und eine Hotelanlage bauen zu können, und man selbst ist eigentlich schon gleich nach dem Aufstehen klatschnass geschwitzt: Was dem Deutschen der plötzliche Wintereinbruch mit glatten Straßen, Verkehrschaos, und eingefrorenen Leitungen ist, ist dem Südländer die Sommerzeit …

Übrigens gehöre ich nicht zu denen, die über knallrot gegrillte Teutonen lacht, die nicht schnallen, dass ein paar Starkbier gegen Ende eines sonnendurchfluteten Tages so richtig reinhauen. Selbst im norddeutschen Flachland zwischen Kuhweiden und im Dauerregen sozialisiert, bin ich auch schon einem (wenn auch glücklicherweise leichten) Hitzschlag zum Opfer gefallen. Genau wie alle anderen Deutschen hatte ich jeden Sonnenstrahl ausnutzen wollen – hat man ja zu Hause so selten! – und bei gnadenlosen 40 Grad habe ich meine körperliche Widerstandskraft gegen derartige Temperaturen dann einfach falsch eingeschätzt …

Etwas nicht-wissen ist gar nicht schlimm (sofern es einen nicht gerade den Kopf kostet). Passiert doch jedem mal. Der eine weiß nicht, dass Südtirol in den Alpen liegt, andere sind überfragt damit, was die Hauptstadt von Ecuador ist, oder beides. Je offener die Welt aber wird und je besser vernetzt – immerhin kann man sich heutzutage via Internet viel besser informieren, als noch in den 80er Jahren – desto mehr scheinen die Leute geneigt zu sein, die Dinge auf einfältige Klischees zu reduzieren. Viele machen sich nicht einmal mehr die Mühe, zu hinterfragen, ob das alles auch wirklich so ist.

Volker Beck und die Frage, was denn „deutsch“ ist

„Was ist deutsch?“ wollte der Grünen-Politiker Volker Beck auf Twitter wissen. Man kann es mal mit ein paar Schlagworten versuchen: Goethe, Hitler, Bratwurst, Pünktlichkeit, Adventszeit, …. Er habe Wurzeln in Österreich und Böhmen, sei auch entsprechend kulinarisch geprägt und unpünktlich (tjaha, der westslawische Schlendrian … Obwohl ich eher auf Sudentenland tippe, aber das weiß ich natürlich nicht so genau) ließ Beck wissen, was also „deutsch“ sei. Aber natürlich isst nicht jeder Deutsche gern Bratwurst, nicht jeder ist pünktlich, feiert den Advent oder vertieft sich allabendlich in die Werke von Goethe, Kant und Schiller, anstatt sich im Fernsehen einen us-amerikanischen Action-Film reinzuziehen.

Das Problem ist, dass Kulturen nicht statisch sind und es außerdem auch immer dann gefährlich wird, wenn sie als alleiniger (oder überwiegender) Identitätsstifter herhalten müssen. Denken wir mal an den Weihnachtsstollen, den allerlei leckere Würzmittel aus dem Orient erst den Geschmack geben, für den ihn deutsche Christen lieben. Das musste früher – ein Vorläufer der Globalisierung – mühselig von Handelskarawanen über Venedig (schon wieder Italien!) nach Mitteleuropa transportiert werden, wo sich die ortsansässigen Händler, Bäcker, Konditoren und Hausfrauen auf die exotischen Leckereien freuten. Oder Orangen, die früher auf jeden Christteller gehörten – sofern es sich die Leute leisten konnten – ein bisschen „Heiliges Land“-Feeling für den deutschen Gabentisch. Warum sich heute dann darüber lustig machen, wenn in deutschen Küchen Rucola geputzt und Ratatouille gekocht wird? Oder das Handy, das deutschtümelnde Puristen lieber „Mobiltelefon“ nennen. Goethe kannte es nicht und trotzdem gehört es zu unserer Kultur.

Deutsch-Sein ist wie Italienisch-Sein und Französisch-, Algerisch- (und/) oder Arabisch-Sein ein identitärer Nebel, eine Art Matrix, die alle, die in ihr leben, umwabert und beeinflusst, ohne dass sie aber vollständig darin aufgehen würden: Auch wenn das eine oder andere auf jeden, der im Land aufgewachsen ist, schon irgendwie zutrifft – der Deutsche als solcher ist nur ein Klischee – der Teutone, der zwingend Tennissocken in Sandalen haben muss, laut und ungehobelt ist, selbst auf „Malle“ sein Eisbein mit Sauerkraut braucht und Unmengen an Bier in sich hineinschüttet

Dann ging es bei Volker Beck auf Twitter um „universale Werte“ und ob die Muslimen die hätten (Letzteres bezweifelte eine Diskussionspartnerin bzw. Mittwitterin). Diktatoren in aller Welt berufen sich ja gern darauf, dass die Menschenrechte eine Erfindung des Westens seien und ihnen daher in quasi neokolonialer Manier aufgezwungen. In China sieht man es offenbar hier und da so. Auch Baschar al-Assad soll sich darauf berufen haben. Allerdings gaben auch die Nazis nicht viel auf Menschenrechte und die waren ja nun einmal Europäer, Deutsche genau genommen.

Ein anderer Account giftete zurück, dass die Juden ihre Söhne beschneiden ließen, dies aber kein universaler Wert sei. Überhaupt schien das Twitterprofil Aggressionen gegen Juden zu wittern – Beck habe soeben mal „3000 Jahre Judentum in die Tonne getreten“, schnappte es – ausgerechnet! Denn eigentlich ist Volker Beck als „Jude ehrenhalber“ bekannt, der jedoch – anders als viele erklärte Philosemiten, und das ist ihm hoch anzurechnen! – damit keinen Islamhass verbindet (Das sehen meines Wissens auch einige real existierende Juden so, allerdings laufen auch nicht alle Deutschen bei Pegida mit. Dafür tun es einige Franzosen (Mir folgte auf Twitter – bis ich es blockierte – ein französischsprachiges rechtspopulistisches Profil, das zu meiner Überraschung ganz gut nach Österreich vernetzt war) – Daher Vorsicht mit „das Judentum“, „die jüdische“ („deutsche“) Meinung“, usw. …!).

Ich loggte mich bei Twitter aus, zahlte im Internetcafé und ging nach Hause – vorbei an der Moschee, in der ich nicht beten muss, die aber trotzdem irgendwie zu Deutschland gehört. Na ja, sie steht ja da. Good night!

Jupiter-Menschen oder: warum Demokratie manchmal verletzend sein muss

Emmanuel Macron sei ein zweiter Jupiter, heißt es. Hm. Jupiter, die römische Version des griechischen Gottvaters und Himmelsherrschers Zeus – die oberste Gottheit im Olymp. Ziemlich hoch gegriffen für einen frisch gewählten Präsidenten. Ob der Mann bzw. seine Anhänger wissen, dass er für viele nur das kleinere Übel war, die Freude über seinen Sieg eher eine Art freudige Erleichterung, dass Le Pen einem noch mal erspart geblieben war? In etwa das gleiche Gefühl, wie wenn einem der Arzt sagt, dass der Tumor doch gutartig ist und kein Krebs …

Vielleicht wird Größenwahnsinn langsam zu einem neuen Herrschaftsgestus, ein leiser Abgesang auf die Demokratie, die hinter Sachzwängen und Technokraten hier, hinter einer stärker werdenden Sehnsucht nach neuer Größe dort in den letzten Jahren immer fadenscheiniger geworden ist. Donald Trump ist jedenfalls nicht der einzige. Es gibt auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Victor Orbán. Und eben Macron. Das ist wohl nicht nur mir aufgefallen.

Milo Yiannopoulos – ein Kind des linken Zeitgeistes?

„Autoritär“ ist das neue „Rebellisch“ – sagt die neue Rechte. Umso mehr fühlt man sich wie vor den Kopf geschlagen, wenn einem dann im „Spiegel“ das Konterfei von Milo Yiannopoulos entgegenhöhnt: als neckisches Betthäschen inszeniert, mit aufgesetzter Unschuldsmiene kulleräugig an einem Lolli nuckelnd – Der Mann nennt sich ja nicht „Jupiter“, sondern „dangerous fag“ – „gefährliche Schwuchtel“. Und überhaupt ist er kein „böser weißer Mann“, sondern ein „anderer“: Vater Grieche, obwohl sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag über ihn berichtet, dass er eigentlich Hanrahan heißt – Das ist aber irisch. Nicht ganz so exotisch. Für den „Spiegel“ hat er eine deutsche Mutter, weiter hinten im Artikel steht, dass er mit seinem scharzen Freund in Miami wohnt. Ich habe auch schon irgendwo gelesen, dass er Jude sei – schwierig, denn wegen der Loblieder auf „Father Michael“, dank dessen pädophiler Neigungen der kleine Milo angeblich seine Homosexualität entdeckt hat, ist Yiannopoulos bei der rechtspopulistischen Medienplattform „Breitbart“ rausgeflogen. Aber vielleicht werden Rabbis ja in Großbritannien „Father“ – „Pater“ – genannt und ich habe das in meiner Engstirnigkeit mal wieder nicht geschnallt, dass das nicht unbedingt katholisch sein muss.

Spinner, die sich interessant machen wollen, gibt es genug, doch Yiannopopoulos setzte das Image des exotischen, marginalisierten – ja sogar „mehrfachdiskriminierten“ – Minderheitenvertreters Werbung gezielt für sich ein. Und ist dabei stramm rechts. Genau das soll ja offenbar gerade der Clou sein. Der abgebrochene Literaturstudent, der es dennoch in der Medienwelt zu etwas gebracht hat, kann sich nämlich etwas herausnehmen. Zum Beispiel „Gamergate“, wo Milo und ein paar andere Jungs Frauen plattmachten, die vorwitzig genug gewesen waren, der Männerwelt die angestammte Domaine der Computerspiele streitig zu machen – und zwar als Designerinnen und Programmiererinnen. Selbst Morddrohungen gingen bei Milo und Co. noch als launige Scherze durch. Oder über schwarze Frauen herziehen, gern auch gespickt mit ein paar deftigen, rassistischen Bemerkungen – da ist ja der schwarze Boy-Friend in Miami. Also bitte.

Sagen wir es ruhig offen: Es war im Grunde die Gegenseite, die Leute wie Milo Yiannopoulos stark gemacht hat. Der junge Schwule mit Migrationshintergrund, der Studienabbrecher und ambitionierte zukünftige Dichterfürst dürfte noch vor ein paar Jahren, als noch nicht allzu offensichtlich war, dass er mit „tolerant“ leider nichts anfangen kann, die Beschützerinstinkte der etablierten Linken geweckt haben – jener Leute, die Kontakte, Jobs und Chancen zu vergeben haben.

falsche „Sozialfälle“ oder wie setze ich mich unter Linken durch?

Die Lektion, dass nicht nur „Sex sells“ gilt, sondern eine möglichst exotische Sexualität in bestimmten Kreisen geradezu ein „must“ ist, das mit stolz geschwellter Brust vor sich hergetragen wird, lernte ich gleich zu Anfang meiner Zeit in Berlin. Damals machte ich in einem Kunstprojekt der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ in Kreuzberg mit und wunderte mich. Schon in meinen letzten Semestern an einer kleinen Uni in Südwestdeutschland hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Claims sofort abgesteckt werden: So ziemlich alle „angesagten“ und bei den Professoren beliebte Kommilitonen stammten offiziell aus „kleinen Verhältnissen“, auch wenn der Vater Galerist oder Museumsdirektor war, und es an Geld nie fehlte. Irgendwann gab es mal Krach, weil die vielen studentischen Kleinwagen der „sozialen Härtefälle“ (dabei ging es auch um Hiwi-Jobs!) auf dem Uni-Parkplatz keinen Platz mehr fanden. Mich, die mit dem Bus fuhr, betraf es nicht nicht, aber „Arbeiterkind“ übersetze ich mittlerweile automatisch im Kopf mit „aus besserem Hause“. Die eine hatte eine polnische Mutter (Vor- und Nachname waren dummerweise urdeutsch, nicht einmal der leiseste Hauch eines -skys oder -czyks, und die Kommilitonin sprach auch kein einziges Wort Polnisch, aber, hey, egal: Migrationshintergrund), in den Adern der anderen floss – wiederum von mütterlicher Seite – dänisches Blut (Tjaha, das skandinavische Element, das immer zu kurz kam. Auch ein Migrationshintergrund), usw..

Ich hätte locker mithalten können: Ich habe südeuropäische Vorfahren (doof, die sehen auch noch so richtig sonnig-südländisch aus!), Familie in Osteuropa (ja, die wohnen da auch wirklich und nein, es ist nicht die „deutsche Minderheit“, dafür sind sie aber ebenfalls „heimatvertrieben“ – nur so, falls das eine Rolle spielen sollte.). Alles in allem gibt es trotzdem nichts als „Migrationshintergrund“ her und das hatte ich auch nicht behauptet

(Ehrlich gesagt, irgendwie muss das „frisch“ sein, also erste, maximal zweite Generation, und dann muss mensch auch richtig zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sein, so mit zweisprachig, interkultureller Konflikt, usw. … idealerweise sieht man das „Ausländische“ bitte auch am Teint (wie gesagt: sonnig-südländisch, führt öfters mal zu unschönen Erfahrungen mit der Umwelt, sprich: Diskriminierung, daher sind Minderheitenrechte dann eher gerechtfertigt) und die Person stammt zudem aus eher ärmlichen Verhältnissen (Da „class“, was Jobs und sozialen Aufstieg betrifft, eine „gläserne Decke“ noch lange vor „race“ und „gender“ bedeutet, „class“ UND „race“ beides aber nahezu unmöglich machen, ist „Empowerment“ hier wirklich nötig – anders als bei jemandem mit blonder dänischer oder herbeiphantasierter polnischer Mutter …).

Übrigens macht nicht einmal das einen zum besseren Menschen. Auch im sonnigen Süden gibt es A… löcher. Genau genommen gibt es da sogar alles sowohl an menschlichen Schwächen, aber eben auch an Vorzügen, was es hier auch gibt. Dennoch irritierte es mich schon ein wenig, dass im „Spiegel“ dieser Woche eine italienische „Gastarbeiter“-Familie portraitiert wurde, deren Hamburger Restaurant bereits 1905 gegründet wurde. Na ja …).

„böser weißer Mann“ ehrenhalber

An der Uni zählte das auch tatsächlich nicht. Eher reagierten die Leute aggressiv. Besser nichts von „Vorfahren aus Südeuropa“ schwadronieren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich den anderen das nicht wegnehmen soll, weil das ja irgendwie schon denen gehört. Jawoll. Nicht dass meine „Minderheiten“-KommilitonInnen deshalb netter zu „echten“ Ausländern gewesen wären, zumindest nicht, wenn sie der Ansicht waren, dass die vom „Stil“ her nicht zu ihnen passten. Dafür gab es mahnende Blicke in meine Richtung, wann immer von „Shoah“ die Rede war (ganz klar das Werk von Menschen wie mir, die anderen waren ja, wie gesagt, „Minderheit“. Als ob das den NS-Entscheider in der Ahnenreihe oder den SS-Opa wieder gutmachen würde – eine Art Tauschhandel: Leider die Katze überfahren, aber man klaut dem Nachbarskind den Stoffhund und überreicht ihn als „Schmerzensgeld“ und schon ist alles wieder gut, wobei der gestohlene Stoffhund der Minderheitenstatus ist, und die überfahrene Katze der Holocaust. Nicht, dass man das vergleichen könnte. In dem Fall sind Vergleiche immer makaber, aber meine Professorin liebte es nun einmal, über die „Shoah“ zu sprechen …) oder „Critical Whiteness“ (dito). Ich weiß nicht nicht, was ich davon halten soll: unverschämt oder einfach nur krank. Jedenfalls nicht „legitim“.

Irgendwie war ich damals der „böse weiße Mann“, obwohl ich eine Frau bin (ohne Zweifel, ich vermute, sowohl eine Genanalyse als auch eine medizinische Introspektion meines Körpers würden zu dem gleichen Ergebnis kommen). Aber meine feministische Professorin war der Meinung, dass man zuerst einmal feminine Frauen fördern müsse – die, die so aussehen, als ob sie jeden Morgen mindestens drei Stunden im Bad stehen, um so auszusehen, wie die Titelmädchen von „Glamour“ und „Jolie“ oder die jungen Frauen, die Heidi Klum regelmäßig und äußerst publikumswirksam vor laufender Kamera bei „Germany’s next Topmodel“ zusammenstaucht. Böse Zungen nennen solche Frauen „Mieze“, „Bratze“ oder „Modepüppchen“. Meine Professorin dagegen fand, dass sie am meisten unter männlicher Ignoranz zu leiden hätten – die wahren Opfer des Patriarchats. Die Intelligenz dieser Frauen würde übersehen, ihr Potenzial ginge verschütt.

Klar gibt es Frauen, die feminin wirken, sich für Mode interessieren, und auch intellektuell ziemlich fit sind. Aber muss man deshalb jedem Modepüppchen per se unterstellen, es sei ja im Grunde viel intelligenter als andere, nur dass es niemand erkannt habe, ein ungeborgener Schatz, den man erst in mühsamer Feinarbeit ans Tageslicht befördern müsse? Ist das nicht mehr oder weniger ein Blankoscheck fürs Diät halten und Lockenwicklertragen? Dass frau dann auch automatisch schlau ist und wer was anderes sagt, ist halt „FrauenhasserIn“, „MaskulinistIn“, „Patriarchat“ oder schlicht „DiskriminiererIn“, „Mehrheitsgesellschaft“?

Die Rolle des „Patriarchats“ hatte damals ich inne. Es sollte ja auch gezeigt werden, dass Feministinnen gar nicht so sehr gegen Männer sind, wie viele Leute immer denken – Ganz im Gegenteil, das war ein neuer, junger sexy-Feminismus, auch wenn meine Profesorin und viele feministisch gesonnene Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelbau natürlich nicht mehr ganz so jung waren. Wenn es also nicht gegen die Männer gehen sollte, wer blieb da noch zum Draufrumtreten übrig? Richtig.

„Anders“ als Massenphänomen

Die Erfahrung in Berlin, in der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ toppte das Ganze unerwarteterweise noch: Wir waren ein kleines Grüppchen wildfremder Menschen. Als es daran ging, einander kurz vorzustellen, sagte jeder seinen Namen und Beruf und dann sofort: „Lesbe, obwohl ich mal mit einem Mann verheiratet war“ oder „bisexuell“ oder „Ich glaube, ich war immer schon schwul.“. Eine Frau erzählte, dass sie auf Sadomasochismus stehe, am liebsten Fesselspiele. Trotz der bereitwillig gegebenen intimen Geständnisse hatte ich nicht das Gefühl, besser zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Die einzige Erkenntnis, die ich gewonnen hatte, war, dass hier jeder irgendwie „sexuell abweichend“ war. Vorsichtig merkte ich an, dass ich wohl in vielerlei Hinsicht „zwischen den Stühlen sitzen“ würde. Das sei wohl meine Position. Ich bin bisexuell. Gerade wegen des in dieser Hinsicht freieren Klimas war ich auch nach Berlin gekommen. Aber muss man das Leuten, die man gerade mal 5 Minuten kennt, auf die Nase binden? Ich meine, ich hatte einfach nicht, wie unter meinen Mitstudentinnen, als „hässliche Lesbe“ an einem Ring durch die Manege geführt werden wollen, aber damit war es auch schon gut. Einfach ok sein, wie man nun mal ist, reichte mir. Genau danach hatte ich gesucht. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht, wie ich sagen muss, auch im weltoffenen Berlin nicht viel vorgefunden.#

Homophobie als „Schutzschild“

(Das mit der „hässlichen Lesbe“ war zu Unizeiten in meinem – eigentlich übrigens ziemlich konservativen Fachbereich – offenbar eine Art Kompromiss: Zwar ist sie eine Frau, aber jedenfalls keine, der der Feminismus zusteht, wenn frau es recht bedenkt sogar viel böser als die „bösen, weißen Männer“, … Später würde allerdings behauptet werden, ich hätte nur als „Schutzschild“ für andere Frauen gedient, die – „echte“ Lesben, wenn auch damals noch sehr wohl an Männern interessiert – sich einfach noch nicht aus dem Schrank getraut hätten – Na ja, kann man ja verstehen, dass IN DEM FALL sogar Homophobie ein Gebot der Stunde war (ich meine das sarkastisch) -, aber das wusste ich in meiner Anfangszeit in Berlin noch nicht.)

Irgendwer muss ja die „frigide Hexe“ sein

Später begriff ich, dass ich eigentlich auch nicht bisexuell bin – Da gäbe es „ganz andere“ hieß es – und leider – wie es der Zufall nun einmal wollte – hatten die alle was gegen mich. Genau genommen handelte es sich um einen Bunch stylischer, wahnsinnig angesagter, wenn auch eher nur mittel-attraktiver Frauen, die man mir bzw. ganz allgemein als „für Emanzipation und Freiheit kämpfende Lesben“ vorgestellt hatte. Allerdings konnten die Frauen offenbar auch mit Männern. Vielleicht auch NUR mit Männern, aber das kann ich im Einzelfall nicht sagen. Ich kenne diese Frauen ja wirklich nicht näher. Umgekehrt schien das merkwürdigerweise nicht so zu sein. Die wussten nämlich ganz genau, dass ich angeblich „einen kranken Hass auf Männer“ hätte, überhaupt, keiner wolle mich, die „frustrierte Zicke“. Manchmal grunzten mich auf der Straße in Kreuzberg Hipstermänner an und die Freundin im Schlepptau säuselte betont freundlich: „Lass! DIR hat sie doch jetzt nichts getan!“. Das war in etwa, wie wenn man nichtsahnend in ein Café geht und einen Kaffee ohne alles bestellt und die Bedienung ziemlich unwirsch ist, derart dass man tatsächlich geneigt ist, es persönlich zu nehmen, und dann ruft jemand von hinter der Theke: „Sei doch nicht so. Zwar ist sie mit dem Ufo hier gelandet und hat sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gefressen, aber zu UNS  jetzt war sie doch ganz passabel …“ Nennt man das „nett“ oder „total plemplem“ oder „Mobbing“? Ich weiß es nicht …

Zu allem Überfluss war ich dann plötzlich auch noch „rechts“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese queeren Frauen, die ich als ziemlich arrogant und überheblich in Erinnerung hatte, alle total links sind, dass sie auch ganz ernsthaft von verschiedenen linken Parteien und Stiftungen gefördert werden. Da hatte ich auch überall verschissen. Dafür wollte jedeR irgendetwas an mir „rächen“: ich hatte dickliche, betont jungenhaft zurechtgemachte Frauen – „Transmänner“ – am Hals, denen missfiel, dass ich zu breitbeinig in der U-Bahn saß – stand mir nicht zu -, ziemlich viele adipöse Menschen, die mich belauerten, hänselten, mal wollten sie nichts Geringeres als „meine Seele ermorden“ oder mir als ganzer Person „den Gar ausmachen“, mal hatte ich „damit“ (womit war unklar) „mein Todesurteil unterschrieben“, dann wieder sollte ich mich „richten“ für das, „was ich GETAN“ hätte. – Ich wusste nicht was. Ich kannte die Leute nicht, hatte ihnen nichts GETAN. Diffus erinnerte ich mich, dass meine Kommilitoninnen damals desöfteren beleibten Besuch aus Berlin über den Uni-Campus geführt hatten – zu mir waren diese Frauen ziemlich komisch gewesen, aber getan hatte ich ihnen nichts. Auch eine frühere Studienfreundin tauchte in meinem Gedächtnis auf – sie selbst war schlank und sportlich, litt jedoch an Bulimie und hatte eine stark übergewichtige Freundin, über die sie mal sehr bösartig lästerte und wollte, dass ich „einfach mal mit ihr solidarisch“ sein und auch mithelfen sollte, die andere in der Cafeteria zu schikanieren, obwohl ich die Frau gar nicht kannte und nicht wusste, was genau vorgefallen war (Deshalb hatte ich auch keine Lust, „solidarisch“ mit dieser Freundin zu sein, obwohl ich sie damals wirklich mochte. Vermutlich war ich eine „Rabenfreundin“ …), dann wieder waren die beiden ganz dicke miteinander, immer abwechselnd. Zu dem Zeitpunkt wäre es mir aber noch nicht in den Sinn gekommen, mir Gedanken über den KÖRPERTYP eines Menschen zu machen. Warum auch?

Von den Dicken wurde ich ständig angemacht, auch von eher dürren, ältlichen Frauen. Die wollten „es“ mir austreiben. Ein Hipster sprach von „Trockenlegen“. Gemeint war „die schönste Nebensache der Welt“ – Sex, über den sich in Berlin alle zu definieren schienen, interessanterweise gerade die, die man nicht gerade in erster Linie mit dem Wort „Sexbombe“ assoziieren würde. Mir wurde ein Tagebuch geklaut. Gerüchte besagen, dass es in diversen Szenekneipen öffentlich vorgelesen worden sein soll – als abendlicher Kneipengaudi. Offenbar wurde es in der queeren Szene herumgereicht, vielleicht auch unter Journalisten – Ich hatte damals ein paar Mal für größere Zeitungen Kunstkritiken geschrieben. Im rechten Lager höhnte jemand: „Dafür hat aber Anja Kofbinger (lesbische Berliner Politikerin der Grünen) das Tagebuch gehabt!“ Ob bzw. was davon stimmt, weiß ich nicht. Nachweisen kann ich niemandem etwas und ich bezweifle, dass die – kicher! kicher! – Andeutungen hier und da alle der Wahrheit entsprechen. Denn mir war schnell klar, dass die Leute sich einen Spaß daraus machten, mich in die Irre zu leiten und in meinen schlimmsten Befürchtungen zu bestärken – ohne dass deshalb zwingend etwas dran sein musste oder aber komplett Entwarnung hätte gegeben werden können. Am Ende – so hatten sie sich das wohl gedacht – könnten sie ja ihre Hände in Unschuld waschen und ich stünde als hysterische Bekloppte da, die sich wutendbrannt auf Leute stürzt, die ihr – ja, genau! – überhaupt nichts getan haben. Dafür haben andere „etwas getan“ und ich sollte nur weiter im Dunkeln tappen.

„Schutzschild“ (II): Prügel für die einen, Empowerment für die anderen

Als von einem Kinderporno (ein Porno, der, wie der Titel erahnen ließ, die Vergewaltigung eines arabischen Babys zum Inhalt hatte) aus zu meinem Blog verlinkt wurde, ging ich zur Polizei. Natürlich konnte ich niemanden ins Blaue hinein beschuldigen. Mehrfach wurde ich auch körperlich angegangen – zum Glück nicht wirklich schlimm, nur dass ich komischerweise im Nachhinein manchmal in irgendeinem Blättchen oder „Zine“ der lokalen queeren Szene las, dass eine ominöse andere – queere! – Frau oder „Person“ ja genau den gleichen Vorfall erlebt hatte. Sie hatte sogar genau gleich reagiert wie ich.

Obwohl die Leute mich angeblich so „rechts“ fanden, passierte es auch öfters, dass irgendjemand aus der queerfeministischen, linken Szene viel Beifall erhielt für ein Statement, das ich so ähnlich eine Weile zuvor gemacht hatte, und das da, also in meinem Fall, entweder als „dumm“, „neoliberal“ oder „fast schon Pegida!!!“ abgetan worden war. Offenbar ging es weniger um die Aussagen an sich, als um den KÖRPER, der sie aussendete – meiner war „böse“ – „rechts“ -, andere waren „gut“. Auf einer Veranstaltung bei der taz belehrte mich eine Frau über den Israel-Palästina-Konflikt, im Hintergrund hörte ich, wie eine andere das mit „Da kann sie ja froh sein, dass jetzt auch mal jemand mit ihr spricht!“ kommentierte. Das wiederholte sich fast wortwörtlich auf einer anderen linken Veranstaltung. Irgendwie hatte ich die Nase langsam voll. Für wen hielten sich die Leute eigentlich? Als ob man nur darauf brennen würde, irgendwie in Kontakt mit ihnen zu kommen, um an ihrer erhabenen Menschlichkeit teilhaben zu können. Eigentlich konnte man sich doch glücklich schätzen, wenn man nicht von denen behelligt wurde.

Auf einer taz-Veranstaltung, die im Sommer 2013 in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, äußerte sich dann eine Frau vor versammelter Mannschaft und für alle gut hörbar betont gönnerhaft: „Aber einen schönen Busen hat sie!“ Es hieß, ich würde die Frauen angeblich nicht ernst nehmen. Sie würden es mir ja nur „zurückgeben“. Die meisten kannte ich gar nicht. Einige „Transgender“ wollten mich wegen „transphober Hetze“ verklagen. Es wurde gehöhnt, ich müsse halt immer „nehmen, was andere Frauen übrig lassen.“, „Jetzt zu Monatsende sei Schmalhans wohl Küchenmeister“ und ich solle doch am besten „in der U-bahn betteln gehen.“, dann könne ich ja als „Identifikationfigur“ für die Obdachlosen herhalten – kicher! kicher! Schließlich wurde ich als „unwertes Leben“ beschimpft – von jungen Leuten, die offensichtlich der Heinrich-Böll-Stiftung nahe standen. Also keine rechten A… löcher. Oder etwa doch?

Eine ganze Reihe Frauen aus meiner Vergangenheit tauchten plötzlich in Berlin auf. Sie alle waren jetzt auch lesbisch oder transgender oder mit Transgender liiert und deshalb jetzt auch lesbisch oder zumindest war ihnen bewusst geworden, dass sie einen „ungewöhnlichen Körper“ hatten (sprich: ein paar Kilo zu viel auf den Rippen oder aber plötzlich abgemagert oder zumindest streng Diät haltend oder ein paar Zentimeter größer als das „süße, kleine Püppchen“, wobei das Gardemaß für „Püppchen“ flexibal gehandhabt und nach Bedarf angepasst werden kann, so dass frau ihm mal zu 100% entspricht (wenn es darauf ankommt, das „süße, kleine Püppchen“ zu sein) und mal dramatisch davon abweicht (wenn es darum geht, der „Freak“ zu sein)) – jedenfalls QUEER!

Emanzipation oder „Frauen zurück an den Herd!“?

Es hieß, ich sei ja immer so eifersüchtig. Carolin Emcke beschrieb  in ihrem Buch „Hass“ über die bittere Armut und das chancenlose, entbehrungsreiche Leben am Rande der Gesellschaft von Transmenschen. Tatsächlich haben, zumindest hier in Deutschland, auffällig viele von denen gute Jobs an der Uni (oder aber an einem der renommierten Berliner Theater). In der Huffington Post ließ sich ein Transmann (Mann, als Frau geboren) darüber aus, wie viel mehr er jetzt, nach der Transition, wo er keine Frau mehr sei, verdiene, und wie viel einfacher es sei, einen Job zu finden, falls man(n) dann doch mal keinen hätte. Stimmt schon, vielerorts auf der Welt müssen sich Transfrauen (Frauen, als Männer geboren) und männliche Transvestiten (Männer, die sich als Frauen verkleiden) ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdienen, sofern sie nicht im Show-Biz unterkommen. Transmänner, also Männer, die als Frauen geboren sind, aber tatsächlich „männlich“ fühlen und sich (von Natur aus, ohne dass es eingeübt oder geschauspielert werden müsste) „männlich“ verhalten, gibt es nur sehr wenige. Hat irgendwie was mit Biologie und Hormonen zu tun. Offenbar läuft bei männlichen Föten sexuell öfters mal etwas aus dem Ruder. Lesben gibt es auch sehr viel weniger als Schwule. Zumindest echte Lesben, Bio-Lesben. Nicht Frauen, die das aus politischen (das berühmte Credo des Differenzfeminismus der wilden 70er: „Männer sind Schweine!“) oder anderen Gründen machen. Sich als „Transmann“ zu „definieren“ (Die meisten „Transmänner“ sind übrigens „schwul“ und möchten auch gern schwanger werden. Kinderkriegen geht ja jetzt auch für Männer.) ist aber auch „politisch“: „Transfeminismus“. Manchmal könnte man kotzen, wenn man in der taz oder anderswo mal wieder liest: „Als Frau hätte ich natürlich nicht … können, aber als Mann ja schon!“ oder „Frauen machen … ja nicht, aber als Mann kein Problem!“. Klar: Frauen gehören an den Herd und Männer (und „Transmänner“) gehen auf die Jagd. Glauben die diesen Schwachsinn wirklich? Und dass das Feminismus sein soll?

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen internen Logik, dass die queerfeministischen Frauen sich für sich selbst vorbehalten, auch Männer zu sein (Dann ist man bzw. frau gleichberechtigt bzw. ist man dann ja selbst ein „Mann“), aber aggressiv werden, wenn andere Frauen leider auch nicht die „Frauchen“ sein wollen. Ein bisschen ist es an dem gespiegelt, was meine alte feministische Professorin erreichen wollte: Gleichberechtigung soll bloß nicht für alle Frauen da sein – Gott bewahre! Es gibt immer welche, die Privilegien haben müssen (seien es nun die femininen „Modepüppchen“ oder die queerfeministischen „Transmänner“. Meistens sind es sogar DIE GLEICHEN FRAUEN) und andere, die frau zurückdrängen muss, damit sie den Privilegierten nicht ins Gehege kommen. Eigentlich ist es zynisch, dass ausgerechnet die Queerfeministinnen nicht müde werden, auf die Menschenrechte und auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu verweisen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt nämlich nicht das Recht ein, auch für andere zu bestimmen – über deren Sexualität, ihre Intelligenz, ihre Chancen im Berufsleben, was sie sich gefallen lassen und zu wem sie aufschauen müssen, usw.. Auch in den Menschenrechten steht nichts davon, außer eben, dass alle diese Dinge gerade nicht fremdbestimmt sein dürfen. Die „Transmänner“ aber jammern, es sei „Transphobie“, wenn eine Frau wie ich sie nicht in ihrer Rolle als Männer bestätigt oder auf Anmachen und überhebliches, selbstherrliches Verhalten sogar ungehalten reagiert, denn: – „Männer sind nun einmal so!“. Wirklich?

Menschenrechte & Grundgesetz – für alle da!

Eigentlich sind die Menschenrechte  bzw. das Grundgesetz gerade dann für einen da, wenn man bzw. frau das nicht so sieht. Da steht nämlich was von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ (und nicht: „Mann und Transmann“). Aber vermutlich wird man auch nicht jeden eingefleischten Rechtspopulisten dazu bringen, dem zuzustimmen. Es ist nur so: in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss man es aushalten, dass Menschen anders denken und anders leben möchten als man/frau/mensch selbst. Das geht in alle Richtungen und es bedeutet auch, dass mensch Leute in Ruhe lassen muss, die mensch doof findet, anstatt ihnen nachzulaufen und sie zu „erziehen“ bzw. ihnen mit Nachdruck, Psychoterror, sexuellen Übergriffen oder sogar köperlicher Gewalt die gewünschten Verhaltensweisen abzupressen. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der queeren Szene gewesen. In Ruhe gelassen haben mich die Leute bis heute nicht.

„Beißreflexe“

Vor ein paar Monaten sorgte dann ein kleines, unscheinbares Büchlein in der queeren Szene für Aufruhr. Es trägt den Namen „Beißreflexe“ und wurde von „Polittunte“ Patsy l’Amour lalove herausgegeben. Das Buch, das den zunehmend autoritären Einschlag der Szene kritisiert, schlug ungeahnt hohe Wellen, sein Ruf scheint ihm jetzt sogar bis in die USA vorausgeeilt zu sein und das, obwohl es eigentlich nur in Micro-Auflage in einigen wenigen ausgewählten linken Szeneläden deutscher Groß- und Universitätsstädte zu haben ist. Für die einen ist „Beißreflexe“ eine Offenbarung – Da steht, dass auch andere bemerkt haben, was alles nicht in Ordnung war oder sogar total daneben. Auch ich begriff, dass ich nicht die einzige war, der mensch übel mitgespielt hatte (wenn auch die einzige, die nach einem kurzen Ausflug die queere Szene ziemlich schnell wieder verlassen hatte. Die meisten anderen Opfer dieser Leute kommen „von innen“, haben, sofern sie in Berlin waren oder sind, vielleicht auch mich mitgedisst. Traurig, das so schreiben zu müssen, aber leider wahr.) – ein paar Albernheiten der „Gender-Stasi“ hat Peter Rehberg in der „Zeit“ beschrieben. Zu meiner Überraschung war frau offenbar sogar in der „Emma“ reichlich indigniert. Dort fragte frau sich, was das noch mit Feminismus zu tun hat. Tja, das frage ich mich, wie gesagt, schon seit geraumer Zeit …

Jetzt hat das queerfeministische Lager in der „Zeit“ zum Gegenschlag ausgeholt und schießt dabei – wenn man bedenkt, dass es sich um eine subkulturelle Streitschrift handelt, die den meisten Leuten gar nichts sagen dürfte – mit Kanonen auf Spatzen. Die Berliner Soziologie-Professorin und Queerfeministin Sabine Hark hat Judith Butler, die us-amerikanische Begründerin der Queer-Theorie, als Verstärkung hinzugezogen und in einem längeren Artikel in der „Zeit“ ziehen beide gegen die Abtrünnigen aus der Szene zu Felde: von „Verleumdung“ ist die Rede, gleich im Titel, Kritik sei ja in Ordnung, aber bislang seien doch nur Aggression und Verletzungen gegen Queer hervorgebracht worden. Eine neue „Grammatik der Härte“ bringe das zum Ausdruck, es sei Hate Speech, infam, roh und einfach nur asozial klagen Hark und Butler.

Wo ist Eure Empathie?

Moment mal: „unwertes Leben“ ist ok, aber sich dagegen zu wehren, so bezeichnet zu werden, ist „infame, verletzende Hate Speech“? Nein, sorry – ohne jetzt die „Beißreflex“-Leute zu sehr in Schutz nehmen zu wollen – ich weiß, wie gesagt, auch nicht, ob der/die eine oder andere mich nicht auch kräftig mitgemobbt hat -, aber vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn man die Dinge einmal umdreht. Haben die Frauen bzw. die VerfechterInnen der Queer-Theorie sich schon einmal gefragt, wie viele Leute SIE verletzt haben?! Wie viele Leute sich elend gefühlt haben, mit ihren Hänseleien, Nachstellungen, Verhöhnungen, Demütigungen und Verleumdungen?! Wie es einem, mir zumindest, damit geht, mehr oder weniger mit einer Art feministischen „Fatwa“ (Ich fühle mich manchmal wie Salman Rushdie, aber christlicher gedacht können wir’s auch „Exkommunikation“ und „Bann“ nennen) belegt zu werden und überall die Tür vor der Nase zugeschlagen zu kriegen – UND DASS DAS AUCH NOCH FEMINISMUS SEIN SOLL?! Dass man immer angehalten ist, das nicht so zu nehmen bzw. gefälligst gar nicht erst etwas Böses zu unterstellten, nichts sagen darf, gute Miene zum bösen Spiel machen muss und sich idealerweise auch noch selbst schuldig – „falsch“ – fühlen soll?! NUR UM DIE FRAGILEN EGOS IRGENDWELCHER MIMOSEN NICHT ZU BRÜSKIEREN?!

Über jeden Zweifel erhaben?

Nein, sorry – aber intelligent zu sein oder sich auch nur mit intellektuellen Inhalten zu beschäftigen, steht nicht nur bestimmten Menschen zu – nicht, weil es so feminine Frauen sind, von denen man das ja sonst nicht so denkt, nicht, weil sie umgekehrt eigentlich ja so „männlich“ wären und denken nun einmal „männlich“ (oder „Oberschicht“, die „besseren Gene“, Sarrazin und Co.) sei (gruselig, so etwas von Menschen zu hören, die sich für „feministisch“ halten und behaupten, „links“ zu sein!) und auch aus keinem anderen Grund!

Es gibt kein Recht darauf, dass andere sich klein, unzulänglich und wertlos fühlen und stets unterwürfig und dienstbar sein müssten, auf Dinge verzichten, die ihnen Freude breiten, dass sie ihre Talente nicht entfalten dürften – und sei es nur in Form eines Hobbys -, sich für ihre Körperlichkeit schämen müssten – Ja, ja, die adipösen Frauen wären ja auch lieber schlank, so wie die Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ und andere Frauen SIND schlank wie die Frauen bei „Germany’s next Topmodel“, nur dass sie an Esstörungen leiden und sich deshalb trotzdem nicht gut mit sich fühlen – ABER WAS ZUR HÖLLE KANN ICH DAFÜR?!,  dass man nicht lachen oder tanzen dürfte oder breitbeinig in der U-bahn sitzen, ganz zu schweigen von ener eigenen Meinung, dass andere gegängelt und kontrolliert werden müssen – NUR WEIL SICH IRGENDWELCHE NEUROTISCHEN ARSCHLÖCHER ANGEBLICH SONST „NICHT WOHL FÜHLEN“???

Man muss Menschen nicht mögen, weil sie „anders“ sind (auch nicht, weil sie NICHT „anders“ sind) und den grundlegenden Respekt, so von Mensch zu Mensch, den hat schließlich jedeR verdient. Alle Menschen sind GLEICH, im Sinne von „gleichwertig“. DAS steht in den Menschenrechten und nichts anderes. Punkt.

Man muss auch anderen nicht von vornherein einen Kredit für politische Einstellungen geben, die sie womöglich gar nicht haben und sich selbst in die rechte Ecke abdrängen lassen, obwohl man nicht rechts ist und auch nichts dafür spricht, dass man es je gewesen ist.

Tatsächlich sind übrigens einige der Transgender ganz schön rechts: Wer’s nicht glaubt, kann es nachlesen, z. B. in: Amjahdi, Mohamed „Unter Weißen“ (2017), S. 113 ff. oder – Surprise! – in der taz. Trotzdem geht es mir hier auch nicht darum, Transgender für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen – Das ist doch Quatsch! -, nur darum, in Frage zu stellen, ob es „Körper“ gibt, die per se, als solche „gut“ sind und „Körper“, die „schlecht“ sind, dass also die Definition als „queer“ einen nicht automatisch „links“ macht und schon gar nicht das Recht damit verbunden ist, jedeN, den/die mensch nicht leiden kann, dann eben umgekehrt als „rechts“ zu brandmarken. Nicht zuletzt ist das ja auch gegen die Meinungsfreiheit, die ebenfalls nicht nur „queeren“ Menschen zusteht.

Genauso müssten die Leute auch anderen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, auf das sie selbst so sehr pochen, zugestehen. Was wäre denn z. B., wenn sich jetzt alle Frauen plötzlich als „Transmänner“ definieren und von den „angestammten“ „Transmännern“ mit der gleichen Empfindlichkeit, die letztere immer vorgehen, verlangen, auch enstprechend in ihrer Rolle als „Männer“ bestätigt zu werden. Dann hätten wir zwar Gleichberechtigung – JedeR könnte sich selbstbewusst und stark fühlen – aber mit dieser Minderheitensache und der damit verbundenen Sonderförderung wäre es das gewesen.

Die „neue Härte“ – oder: Was hat Queer gebracht?

Hark und Butler schreiben von den neuen Freiheiten, für die sie kämpfen. Tut mir leid, aber davon habe ich nichts mitbekommen.

Last but not least waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler die sich die Henker der Toleranz selbst herangezogen haben: Milo Yiannopoulos – der dumme Junge, der arme Schwule, der Migrant – halb wenigstens – der eventuell-Jude und vielleicht-Lover eines Schwarzen, aber auch das Arschloch, das glaubt, Frauen wie Dreck behandeln zu können, der „Mein-Freund-ist-Person-of-Color-und-der-mag-dich-auch-nicht!“-Rassist, der sich einbildet, mit ein paar Lügengeschichten sei alles wieder hinzubiegen – es kommt ja nur darauf an, andere ins Unrecht zu setzen, nicht darauf, selbst im Recht zu sein -, Yiannopoulos, das Schwein, das für sozial Schwache nichts übrig hat, – aber man sollte nur ja nicht auf die Idee kommen, dass er als Studienabbrecher eines „Laberfaches“ vielleicht gar nicht so überzeugend in der Rolle des „Leistungsträgers“ ist, auf die Beine geholfen hat ihm ja immerhin der linke Zeitgeist, dem er weißgemacht hat, selbst der sozial Schwache zu sein. Nur was wäre, wenn man Milo Yiannopoulos mal so hängen lassen würde, wie er es für andere haben will? Wenn man keine Lust mehr auf die verlogene kleine Schwuchtel hat – Ja, „Schwuchtel“ ist in dem Fall okay, andere Schwule mag man, da sagt man das ja auch nicht. Sagen Leute wie er doch auch immer. Tja, was, wenn man eben auch mal homophob sein möchte und einem Yiannopoulos darüber hinaus gern mal sämtliche Steine in den Weg legen würde, über die seinesgleichen sonst so gern Migranten, Frauen und – ja! – Schwarze stolpern lässt – oder Leute, die nicht den richtigen sozialen Hintergrund haben. Was wäre dann noch übrig von einem wie Milo Yiannopoulos? Ist die Frage fies? Verletzend? Was ist dann Yiannopoulos selbst?

Tja, nur leider waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler, die sogar darauf bestanden haben, dass Frauen wie ich Typen wie Milo nicht im Weg sein sollten. Yiannopoulos ist ihr Baby. Oder, auf Berliner Verhältnisse übertragen, Menschen wie Gerwald „Faxe“ Brunner, der Piratenpolitiker, der Suizid beging, – u. a. der „Stern“ (Print) und die „Welt“ haben ausführlich über ihn berichtet – , und an dem, wie sich posthum herausstellte, so ziemlich alles frei erfunden war. „Faxe“, der in einem offenbar auf fast schon sektenhafte Weise rechtsextremen Elterhaus aufgewachsen war, gehörte selbst zu den „Anderen“, er hatte homosexuelle Neigungen – die waren wohl halbwegs echt an ihm, auch wenn er, wie es scheint, bisweilen auf eher eigenartige Weise liebte – einen Mann stalkte und ermordete er schließlich. Für Frauen dagegen hatte Faxe kaum mehr übrig als Milo Yiannopoulos, seine Verachtung für sie soll zu Lebzeiten sprichwörtlich gewesen sein. Trotzdem war Brunner (dessen politische Ansichten ansonsten, wie ich fairerweise hinzufügen muss, nicht denen der neuen Rechten entsprachen) ein Darling der Linken, kurioserweise auch der feministischen Frauen.

Selbst wenn man Yiannopoulos und Brunner als „Sonderfälle“ abtut – immerhin hatte die Gender- und Queerforschung in den letzten 15 Jahren vielerorts Machtpositionen inne und konnte Einfluss nehmen. Was hat sie erreicht? Die „Ehe für alle“ (nebenbei bemerkt ein längst überfälliges Gesetz zur Gleichstellung, von dem auch niemand einen Nachteil hat) ist erst nach viel Gedruckse und im Endeffekt vielleicht lediglich als „auf den letzten Drücker vor der Wahl noch mal Punkte machen“ gekommen. Dafür ist der Zeitgeist insgesamt viel konservativer geworden, die Rechte ist aus der Versenkung wieder aufgetaucht und Thilo Sarrazin und andere haben uns eine Reihe „Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen“-Bücher beschert, in denen es v. a. darum geht, dass Vorurteile gar nicht so schlimm sind und hier und da vielleicht sogar was dran ist. „Autoritär“ und „links“ schließen einander auch nicht mehr aus, wie nicht zuletzt „Beißreflexe“ deutlich gemacht hat.

Das alles kann man nicht nur kritisieren, man MUSS es sogar kritisieren. Und wenn das so „verletzend“ ist, dann bleibt nur zu sagen: Vielleicht muss Demokratie manchmal „verletzend“ sein. Zumindest um ihrer selbst willen.

Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Hoch, Höher, Hochbegabt (antisozial IV)

Was ist aber, wenn es nicht um Jobs geht, sondern um die eigene Eitelkeit. Nehmen wir mal Frau Rena Müller-Niemann*, eine feministisch gesinnte Professorin für mittelalterliche Archäologie, bei der Sie ein Projektseminar belegt haben. Müller-Niemann ist ein Allround-Talent. Sie interessiert sich auch für Kunst und Literatur, soll aber – eine ganz andere Richtung – neben Archäologie und mittelalterlicher Geschichte auch Mathematik studiert haben. Das kann man kaum glauben, aber unter Studenten erzählt man sich, Müller-Niemann löse oft komplizierte mathematische Gleichungen nur so nebenbei zum Zeitvertreib während ihrer Seminare. Das haben Sie selbst nicht beobachtet, aber irgendwo – glauben Sie – stand sogar offiziell, dass Müller-Niemann auch Mathematik studiert hat. Vielleicht irren Sie sich aber ja.

Tja, wer in einem Exotenfach erfolgreich sein will, muss eben nicht nur gut sein, sondern besser als alle anderen. Und das schaffen, wie man an Müller-Niemann sieht, eben nur Extrem-Begabte. Dennoch ist Ihnen die grobschlächtige, semmelblonde Frau unsympathisch. Zwar wirkt sie fachlich kompetent und ihr Seminar ist auch nicht langweilig, die Frau lässt sogar gelegentlich durchblicken, politisch eher links-liberal gesonnen zu sein, was Sie eigentlich hätte ansprechen müssen, aber Sie werden nicht so recht warm mit der barschen, oft etwas herrischen Art. Auf einem Umtrunk mit der Seminargruppe reitet Sie irgendwie der Teufel. Sie wollen die unterkühlt und hochnäsig wirkende Frau aus der Reserve locken. Nebenbei erwähnen Sie, dass sie mit einem Studenten befreundet sind, der bis vor Kurzem Hiwi bei Rena Müller-Niemann war. Die Reaktion der Professorin lässt nicht auf sich warten: „Ach ja!“ verdreht sie genervt die Augen: „Der hat doch gar nichts gebacken gekriegt!“ Anstatt es dabei zu belassen, scheint Müller-Niemann eher dankbar dafür zu sein, dass man ihr einen Aufhänger geliefert hat, um sich etwas breiter auszulassen. Detailliert führt sie auf, was Klaus, so wollen wir den Studenten hier einmal nennen, alles falsch gemacht hat. „Nicht einmal mit Ordnern kam er klar!“ entrüstet sich die hochintelligente Frau. Ihr aktueller Hiwi, behaupten wir hier einmal, er hieße Andi, sieht aus, als versinke er vor Scham im Boden. „Ich kann den Klaus gut leiden. Er hat mich eingearbeitet. Und das hat er wirklich gut gemacht!“ zischelt Andi Ihnen schnell zu, während die Professorin noch dabei ist, Klaus‘ Unzulänglichkeiten in aller Farbenpracht zu schildern. Sie raunen Andi zu: „Ja, er findet dich auch nett. Ist nicht böse, oder so.“. Dennoch sind Sie erstaunt. Sie haben die Wissenschaftlerin noch nie so redselig und temperamentvoll erlebt, der Redefaden will fast gar nicht abreißen, immer fällt der Professorin noch etwas ein, dass sie zum Thema Klaus zum Besten geben muss. Die sonst eher frostige Frau mutiert mit ihren Anekdötchen, die durch deftige Lacher akzentuiert werden, zur regelrechten Stimmungskanone. Ein bisschen tut es Ihnen für Klaus leid, von dem Sie wissen, dass er sehr stolz auf den Job war und sich viel Mühe damit gemacht hat. Dass die Wertschätzung, die Klaus seiner Chefin entgegengebracht hatte, nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, haben Sie nicht gewusst. Aber, so denken Sie sich insgeheim, sicherlich ist er nicht der einzige, über den sich die Professorin hinter seinem Rücken negativ äußert.

Allerdings zeigt sich Frau Müller-Niemann letztendlich sehr zufrieden mit der Arbeit, die Ihre Arbeitsgruppe abgeliefert hat. Das überrascht Sie ein bisschen, denn Sie hatten zwar ehrgeizig an dem Projekt gearbeitet, es mit einer etwas experimentellen Herangehensweise aber auch ein bisschen darauf ankommen lassen. Dafür gibt es von Frau Müller-Niemann eine glatte 1. Ihnen persönlich bringt das nicht viel, denn Sie brauchen nur einen unbenoteten Schein, aber es ist ja irgendwie doch eine Art Lob. Als Gruppe waren Sie ja auch ein gutes Team. Nur die viel beschäftigte, aber eigentlich ganz nette Freya-Runhild*, eine zierliche, aparte Blondine, hatte nicht immer Zeit, an den Gruppentreffen teilzunehmen. Deshalb wissen Sie auch nicht so recht, was Sie sagen sollen, als Frau Müller-Niemann Ihnen eröffnet: „Und das Referat, das Sie gemacht haben, geben Sie bitte Freya-Runhild, damit sie eine Hausarbeit daraus machen kann!“ Verblüfft fällt Ihnen die Klappe runter. „Ja!“, herrscht die Professorin Sie ungehalten an „Sie haben doch gerade selbst gesagt, dass Sie die Note nicht brauchen! Außerdem habe ich ja die Gruppenleistung bewertet. Also händigen Sie bitte Ihre Notizen, Literaturliste und alles Freya-Runhild aus!“ Freya Runhild, die, wie andere aus ihrer Arbeitsgruppe dabei ist, guckt wie ein Hund, der gerade sieht, wie ihm ein saftiges Kotelett vom Tisch herab direkt vor die Füße fällt.

Das irritiert Sie. Sie sehen zwar nicht ein, warum Freya-Runhild unbedingt von Ihnen schmarotzen muss und keine eigenen Leistungen für die sehr gute Note zu erbringen braucht, tun aber, wie Ihnen geheißen wurde. Immerhin legt Rena Müller-Niemann Wert auf Sozialverhalten. Sie engagiert sich ja sehr für Frauenförderung, ist Vertrauensdozentin und hat auch immer wieder einfließen lassen, dass sie selbst aus sehr kleinen Verhältnissen stammt. „Tja, bildungsferne Schichten!“ erinnern Sie sich an den gekonnt-bitteren Tonfall der Professorin.

Später stellt sich heraus, dass Freya-Runhild ihren Magister im ersten Anlauf nicht geschafft hat. Vermutlich hatte niemand ihr eine Literaturliste und ein bereits sauber vorstrukturiertes und gut lesbar eingetipptes Referat als Vorlage eingereicht. Ob es beim zweiten Mal geklappt hat, wissen Sie nicht. Da sind Sie schon nicht mehr an der Uni.

Noch viel später stellte sich heraus, dass Rena Müller-Niemann nie Mathematik studiert hat. Das war wohl ein Missverständnis. Sie hatte neben dem Fach, das sie unterrichtete, noch Literaturwissenschaft studiert.

*“Rena Müller-Niemann“ gibt es im realen Leben nicht und wenn, dann ist es Zufall. Gestehen wir der sozial vielleicht etwas plumpen Frau zu, dass außerdem vielleicht auch Studierende oder konkurrierende Kollegen Gerüchte über ihre mathematischen Leistungen verbreitet haben könnten. Die Uni ist, wie jede(r), der/die einmal studiert hat, ein Haifischbecken. Wie viele andere Bereiche auch. Das erklärt auch, warum es natürlich viele junge Frauen wie „Freya Runhild“ gibt, es hier aber um eine literarische Figur geht. Das Gleiche gilt natürlich für „Klaus“ und „Andi“. Aber wie gesagt: vermutlich kennt jeder ein paar sympathische und engagierte Hiwis, auf die die Beschreibung zutreffen könnte.