Migration & Multikulti – Hat der Nationalstaat ausgedient? Ad Michael Wolffsohn

Der Nationalstaat sei nur eine Fiktion – sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Mann hat recht. Und eigentlich dürfte ein solches Statement auch kaum für Aufruhr sorgen, denn für sich genommen ist es doch ein Gemeinplatz oder zumindest eine allgemein akzeptierte Idee. Oder täusche ich mich da?

Multikulti im „Reich“ & Herrscher in weiter Ferne

In jedem Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass es Deutschland erst seit 1871 gibt. Das Gebilde, das zuvor an seiner Stelle jahrhundertelang politisch wirksam war, war ein Konglomerat recht unterschiedlicher regionaler Fürstentümer – das „Heilige Römische Reich“, ab der frühen Neuzeit mit dem Zusatz „deutscher Nation“, dominiert mal von Franken, mal von Staufern, mal von Welfen, später dann von Preussen, das seinen härtesten Gegner südöstlich, in „Habsburg“ bzw. Österreich-Ungarn fand, wo man ebenfalls in weiten Teilen Deutsch sprach. „Im Reich“, wie Historiker im Allgemeinen abkürzen, wurde auch Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Jiddisch, Romanes, Sorbisch, Wendisch und Polnisch gesprochen. Der „Österreicher“ parlierte neben Deutsch – also z. B. Wienerisch oder das eher dem Schweizerdeutschen ähnelnde Tirolerisch – auch Ungarisch (politisch bedeutsam, in Budapest hatte man etwas zu sagen!), Tschechisch (das geistige Zentrum Habsburgs oder eben Österreich-Ungarns war lange Zeit Prag!), Slowakisch, Ruthenisch, Ukrainisch, Polnisch, Jiddisch, Slowenisch, Kroatisch, Rumänisch, Italienisch, Ladinisch, Russisch, Romanes und Griechisch – oft sogar zugleich bzw. nebeneinander her – Mehrsprachigkeit war damals (in Österreich(-Ungarn) noch länger als in Deutschland) auch für das „einfache Volk“ in Reichweite, denn es mussten keine aufwendigen Sprachdiplome abgelegt werden, niemand interessierte sich dafür, wie gut man Hochliteratur in einer Fremdsprache verstand, man musste nicht einmal zwingend lesen können – Zuhören reichte. Kirchenmänner und Wissenschaftler verständigten sich auf Latein, für den Adel galt es lange Zeit als chic, Französisch zu lernen.

Jemand aus dem Großherzogtum Oldenburg etwa, das im Nordwesten des heutigen Deutschland gelegen ist, kam sprachlich mit Seeleuten aus den nahe gelegenen Niederlanden oder aus England gut zurecht – Bayern dagegen war fremd, „Ausland“, nicht nur in linguistischer Hinsicht, auch kulturell. Der Lothringer war zwar „Deutscher“, weil er Deutsch oder besser gesagt „Moselfränkisch“ sprach und fleißig Sauerkraut aß – ein echter „Kraut“ also! – er lebte jedoch längere Zeit in Frankreich und es war kein Problem für ihn.

Die Leute hatten keinen Internetzugang und es war nicht möglich, schnell mal den Flieger irgendwohin zu nehmen. Dennoch war man durchaus mobil: Handwerker gingen z. B. auf die Walz. Man fürchtete sich nicht, in die Fremde hinauszugehen – „Heimat“ war jedoch die Region, aus der man stammte.

Die Idee des Nationalstaates oder: Wer ist eigentlich „das Volk“?

Im 19. Jahrhundert, als Multikulti-Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich – Der „kranke Mann am Bosporus“, wie man in Westeuropa höhnte – ins Wanken gerieten und Preussen sich eine nunmehr unangefochtene Vormachtstellung im „Reich“ erkämpft hatte, kam die Idee des Nationalstaates auf. „Nationalität“ war damals, noch bevor Rassetheorien die Oberhand gewannen, an Sprache gebunden und machte sich, anders als heute, nicht in erster Linie an ethnischer Zugehörigkeit fest, die ja – nebenbei bemerkt – ohnehin schwammig definiert ist: Neben ein paar physiognomischen Besonderheiten: jemand, der dunkle Haare und Augen hat, wird wohl kein Däne oder Friese sein, jedenfalls nicht „von Natur aus“, aber da es sowohl in (Nord-)Deutschland als auch in Polen und Skandinavien viele hellhäutige Menschen gibt, muss dann eben doch wieder die (Mutter-)sprache herhalten oder „Abstammung“, sofern man zurückverfolgen kann, wo der eigene Urururgroßvater herkam und in welchem Idiom er einst seine ersten Worte brabbelte.

Ist Sprache Identität?

Jedenfalls wäre heute ein Türke, der in Deutschland geboren ist und nur gebrochen Türkisch spricht, nichtsdestoweniger in erster Linie Türke. Damals, im 19. Jahrhundert, ging man davon aus, dass Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, auch eine gemeinsame Kultur haben, dass sie irgendwie zusammengehören, also „ein Volk“ sind. Heute tritt der physiognomische Aspekt, der sich nach dem Holocaust, der eine Einteilung von Menschen nach „Rasse“ und „Abstammung“ für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst – glücklicherweise! – diskreditiert hatte, wieder stärker hervor. Dennoch spielt auch Sprache nach wie vor eine Rolle. Jemand, bei dem wir beim Sprechen muttersprachliche Deutschkenntnisse heraushören, nehmen wir als „gleich“ wahr, auch wenn er (oder sie) dunkelhäutig und damit „exotisch“, also „anders“ aussieht, in dem Sinne, dass wir voraussetzen, dass er oder sie – wie wir – auch „hier“ (in Deutschland) aufgewachsen ist und somit viele Gemeinsamkeiten mit uns hat, viele Erfahrungen teilt – vermutlich hat man doch als Teenie die gleiche Musik gehört und die gleichen Soaps geguckt, man hat über die gleichen Stars und Lehrer gelästert, sich in der Schule durch die Werke von Schiller und Goethe gequält, in Englisch Schwierigkeiten mit dem „th“ gehabt und man weiß, was unter „Aldi“, „Autobahn“ und „Biotonne“ zu verstehen ist. Wenn jemand zwar (ethnisch-)deutscher Abstammung ist, aber im Ausland aufgewachsen, ist das nicht so ohne Weiteres der Fall …

Nation Building oder: Was braucht es, um einen Staat zusammenzuhalten?

Im 19. Jahrhundert, sogar noch nach dem Ersten Weltkrieg war der Gedanke „ein Volk, ein Land“ noch revolutionär, galt als links, emanzipatorisch, denn es ging darum, sich nicht mehr von irgendeiner fremden Macht in Wien, Istanbul oder anderswo dominieren lassen zu müssen. Das „Volk“ sollte bestimmen, seine Kultur, seine Bedürfnisse, seine Art zu leben sollten richtungsweisend sein für die Politik und für die Geschicke eines Landes und nicht mehr die Interessen irgendwelcher fernen Fürsten. Die Idee des Nationalstaates hängt also mit der – wenn auch damals noch in weiter Ferne am Hoizont stehenden idee der Demokratie zusammen, obwohl, wie wir wissen, Demokratie auch ohne ethnische „Reinheit“ oder auch nur eine gemeinsame Sprache geht – etwa in der Schweiz oder in Belgien.

Irgendwie aber muss ein Staat zusammengehalten werden: Entweder autoritär, eben durch jemanden an der Spitze, der den Daumen drauf hat oder – in der Demokratie – durch ein „Wir-Gefühl“. Joseph Joffe hat darüber in der „Zeit“ geschrieben, man kann es auch „nation building“ nennen, jedenfalls das Gefühl, irgendetwas verbindet uns alle, deshalb macht es Sinn, dass wir in einer Einheit, eben in einem Staat zusammenleben. „Verfassungpatriotismus“ ist dazu, zu wenig, denn auf Demokratie und Menschenrechte setzen auch andere Staaten – zum Glück!

So schnell lässt sich der Mensch nicht in eine Schublade stecken …

Michael Wolffsohn hat allerdings recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass sich die Identität eines Menschen (die er mit „Heimat“ umschreibt) aus vielen Schichten zusammensetzt. Wieder – zum Glück! Zwar tendieren die derzeitigen Identitätsdiskurse immer stärker dazu, Menschen auf holzschnittartige Kontrukte – Deutscher, Araber, Muslim, Christ, Jude, Queer, Frau, Mutter, Mann, … – zu reduzieren, aber absolut gesetzt würde das zu einer Homogenisierung führen, die gefährlich ist: Nur noch Deutscher, alles andere tritt dahinter zurück! Nein danke! Das hatten wir doch schon einmal. Und wie armselig ist eine gleichgeschaltete Masse, die sich allein über ein behelfsmäßiges Konstrukt – die Kultur, die Geschichte oder auch der Körpertyp, der Lifestyle, usw. – definiert …

Wir sind also immer auch der Ovid-Leser, der Heavy-Metal-Fan, der Schüchterne, die Extravertierte, die Akademikerin, die Krankenschwester, die Soap-Guckerin, der gerne-Koch und früh-zu-Bett-Geher, der oder die AfD-, Merkel-, Linkspartei- oder Nicht-WählerIn und so weiter. Klar. Ein Zuviel an Atomisierung hilft aber auch niemandem, denn damit lässt sich kein Staat machen.

In zwei Ländern zu Hause: Putins & Erdogans Leute in Deutschland

Binationalität ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Diskriminierung – Xenophobie oder Antisemitismus – aber auch die Erfahrung von Vertreibung und Diaspora machten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Notwendigkeit. Ein Jude ist Deutscher, Franzose oder Amerikaner, aber da ist immer auch die zweite Heimat Israel im Hinterkopf, das einzige Land der Welt, in dem es völlig normal – Mehrheitsgesellschaft! – ist, Jude zu sein. In abgeschwächter Form gilt das auch für den Deutschtürken, der in Deutschland eben oftmals „der Türke“ ist. Kann man es ihm (oder ihr) da verdenken, auch oder sogar in erster Linie die Türkei als seine (oder ihre) Heimat zu betrachten? Sogar dann, wenn er (oder sie) dort aber nur „Almanci“ – Deutscher – ist? Was ist – muss man leider auch fragen -, wenn es da eines Tages ein Problem mit der Loyalität gibt? Zu viele Erdogan-Fans, die für die Todesstrafe stimmen? Vielleicht sogar eines Tages eine anti-demokratische „5. Kolonne“ eines totalitären Herrschers in Deutschland? Das Gleiche könnte man auch über Russlanddeutsche sagen, die sich Putin eher verbunden fühlen als der Bundesrepublik. Aber hat man so etwas wie „5. Kolonne“, „Handlager“ oder „Agenten“ von irgendwas nicht auch an anderer Stelle schon erwähnt, im Bezug auf Juden zum Beispiel? Ist das vergleichbar?

Die besseren Vermittler: Binationalität als Stärke

Binationalität kann eine Stärke sein. In der Psychologie hat man festgestellt, dass Menschen aus binationalen Familien, Menschen, die damit aufgewachsen sind, zwischen den Stühlen zu sitzen, „weder Fisch noch Fleisch“ zu sein, sich leichter damit tun, die Standpunkte und Erfahrungswelten anderer Menschen nachzuvollziehen und deshalb besonders gut vermitteln können. Dies gilt übrigens nicht für den Türken oder Russlanddeutschen, der sich vor allem mit seinem Herkunftsland (oder dem seiner Eltern) identifiziert, also eben ein Türke oder Russe ist, der (oder die) halt zufällig in Deutschland lebt, in der Diaspora, und es gilt auch nicht für den (oder die) voll assimilierten Migranten, der oder die also Deutsche(r) ist, zufällig eben mit ausländischen Wurzeln.

Der Nomade des 21. Jahrhunderts: Nationalismus im Gepäck

Es erscheint zeitgemäß, dieses Potenzial der Binationalität, des „sowohl als auch“ zu stärken. Eigentlich wäre es sogar dumm, das nicht zu tun, aber es liegt auch eine Gefahr darin. Das Problem dabei ist der Typus des ultraflexiblen, nomadischen Menschen, wie er vor allem in den Nuller-Jahren als Ideal der Globalisierung hochgehalten wurde – im besten Falle sehr gut ausgebildet – IT-Experte, Wissenschaftler, Top-Manager, literarische Größe und/oder kreativer Kopf – zieht er immer zur nächsten saftigen oder noch saftigeren Weide, nachdem zuvor alles abgegrast worden ist. Seine Kultur, seine Heimat und damit seine Identität trägt der Nomade des 21. Jahrhunderts komprimiert als eine Art Schneckenhaus auf dem Rücken und hat sie so immer bei sich.

Es ist klar, dass es hierbei nicht um Vertreibung, um die Flucht vor Kriegen und Gewalt, um politische Verfolgung oder Armutsmigration geht, sondern darum, das Optimum für sich herauszuholen. Der Nomade des 21. Jahrhunderts will das Beste für sich: Das beste Gehalt, die besten Konditionen, ein optimales und optimiertes Leben. Er hat kein Interesse daran, sich irgendwo zu integrieren und die Probleme der Gesellschaften, in denen er lebt, sind für ihn (oder sie) nicht von Belang. Er (oder sie) ist ja überall immer nur vorübergehend. Wichtig ist für den Nomaden des 21. Jahrhunderts nur, dass er überall einen Freiraum findet, seine Kultur leben zu können – oder, in der Fremde das komprimierte, quasi auf die Essenz reduzierte, damit aber auch radikalisierte und verkitschte Erinnerungsbild seiner Kultur – : Man sollte mit Englisch durchkommen, die Burka tragen können und überall Zutaten vorfinden, um z. B. asiatisches Essen zubereiten zu können.

Die Globalisierung: Verdrängung der Schwächeren durch Migration?

Nun stört sich niemand an einem Asia-Shop – ganz im Gegenteil! -, deutsche Kinder lernen schon im eigenen Interesse Englisch in der Schule und die meisten Deutschen können irgendwie damit leben, wenn eine Frau im Niqab durch die heimische Fußgängerzone schlendert. Kultur, die Konfrontation mit fremden Sitten und Gebräuchen, ist also nicht das eigentliche Problem. Das was aufstößt, ist das Gefühl, abgehängt zu werden, nicht mehr mithalten zu können mit den sehr gut ausgebildeten Ivy-League-Absolventen aller Herren Länder, für die Geld keine Rolle spielt und die überall einmal „Erfahrungen“ machen wollen, es ist die – nicht ganz aus der Luft gegriffene – Angst, die Globalisierung könnte in eine Art Sozialdarwinismus ausarten.

Beispiel Jugoslawien: Wenn aus Gemeinsamkeiten Unterschiede werden

Allerdings – und das hat die Geschichte gezeigt – werden die Brüche einer Gesellschaft zuerst an vermeintlich unüberwindlichen kulturellen Unterschieden sichtbar. Im ehemaligen Jugoslawien war einst die gemeinsame Kultur und Sprache, das was alle „Jugo-“ also „Südslawen“ miteinander verband, gegen Osmanen und Habsburger ins Feld geführt worden, denn das „südslawische“ Volk sollte einen eigenen Staat, eine Heimat, eine Nation haben. In den 1990er Jahren schließlich waren aus den vormaligen Gemeinsamkeiten unterdessen nicht mehr hinnehmbare Differenzen geworden, die das Zusammenleben nunmehr als unmöglich erscheinen ließen – Man erinnerte sich daran, dass man eigentlich über viele Jahrhunderte keine gemeinsame Geschichte gehabt hatte – einige Landesteile hatten ja zu Österreich-Ungarn gehört, andere zum Osmanischen Reich -, Menschen, die bis dato nur auf dem Papier eine Religionszugehörigkeit gehabt hatten, hielten plötzlich die Religion als etwas hoch, das sie klar und deutlich voneinander unterschied. Ein blutiger Krieg war die Folge. Jugoslawien zerfiel.

Multikulti oder Nationalstaat – ist das wirklich die Frage?

Auf heute und Deutschland übertragen bedeutet das, dass die Frage nicht ist, ob unsere Gesellschaft „bunter“ werden muss, wenn wir noch zeitgemäß sein wollen, oder ob uns ein Verlust unserer kulturellen Identität droht, den es um jeden Preis abzuwehren gilt, ob und wie viele Kreuze, Halbmonde, Davidsterne, Regenbogen oder andere sekuläre Symbole in den Himmel unserer Städte ragen sollen, ob man Grenzen rigoros dicht machen muss oder ganz im Gegenteil Anreize für Migration schaffen und massig Werbung dafür machen sollte, ob wir nur Ingenieur und Ärzte hereinlassen sollten – weil wir den wirklich brauchen – oder auch Künstler, vielleicht sogar Kleinkriminelle und Terroristen.

Fazit: Sowohl-als-auch statt entweder-oder

Jedes Entweder-Oder führt uns nur in eine Sackgasse. Deshalb kann es nur um ein Sowohl-als-Auch gehen, um eine Balance, ein soziales Gleichgewicht, das unsere Gesellschaft wiederfinden muss. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, Steuergelder für Kindergartenplätze und sprachliche Frühförderung – für alle Kinder! – auszugeben, als dafür, Künstler, Theatermacher und Literaten aus aller Welt anzulocken. Die wiederum dürfen aber durchaus auch kommen (wie unangenehm wäre es, anderen das Entdecken der eigenen Kultur zu verweigern, wo man doch selbst so gern reist!), nur können sie eben als „Internationals“ nicht den Vorzug erhalten. Jemand, der vor einem Krieg oder vor politischer Verfolgung flieht, hat ein Anrecht auf Asyl, auch wenn er oder sie ökonomisch nicht „nützlich“ für unser Land ist (und andererseits auch dann, wenn er oder sie ziemlich wohlhabend, also materiell keineswegs bedürftig ist) – Das muss man trennen, das sind zwei Paar Stiefel! Die Kinder irgendwelcher Dritt-Welt-Diktatoren und -Kleptokraten, die sich ins Berliner Nightlife stürzen wollen, allerdings als „Armutsflüchtlinge“ auszugeben, ist mehr als frech und man muss sich nicht wundern, wenn das dann Aggressionen provoziert. Dafür macht z. B. der Klimawandel das Leben in Afrika tatsächlich schwerer – auch für Menschen, die nicht am Hungertuch nagen und auch keine politischen Gründe haben, ihr Land zu verlassen. Die Digitalisierung braucht Rohstoffe, die wiederum sind am ehesten und am billigsten da zu haben, wo Menschenleben wenig zählen und „Recht“ sich notfalls auch mit der Kalaschnikow durchsetzen lässt. Gerechtigkeit zu fordern ist keine Unverschämtheit, sondern unbestritten ein gutes Recht, nur kann ein deutscher Hartz-IV-Empfänger nichts dafür, dass ein Zahnarzt in Pakistan einen geringeren Lebensstandart hat als einer in Deutschland. Ein „Armutssoli“ für Afrika, wie er hier und da vorgeschlagen wurde, würde bedeuten, dass dem Wohlstandswachstum hierzulande gewisse Grenzen gesetzt werden müssten. Am oberen Ende der Gesellschaft wäre das sicherlich zu verschmerzen, aber ist es auch durchsetzbar? Inwieweit? Oder wollen wir uns weiterhin mit müßigen „Diversity“-Debatten darüber hinwegtäuschen, dass wir überfragt sind?

Summa summarum geht es gar nicht so sehr darum, wie viel Fremdheit und kulturelle Vielfalt unsere Gesellschaft aushält. Die eigentliche Frage ist: Gibt es noch etwas, was uns zusammenhält? Und was könnte das sein?

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Kultur im Elfenbeinturm: Das Humboldt Forum in Berlin & der deutsche Kolonialismus

Kreuz rauf auf die Kuppel, weil das im Original auch so war, oder Kreuz runter, weil das Christliche nicht allzu sehr betont werden muss, preussische Größe – Pickelhauben und Säbelrasseln – oder koloniale Großmacht ohne Rücksicht auf Verluste, Weltoffenheit, Critical Whiteness, kritische Wissenschaft, Postmoderne oder aufgeblasener, neurechter Popanz – die Debatten über das Humboldtforum, als das das Berliner Schloss wieder auferstehen soll, reißen nicht ab.

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier nicht so sehr ein mittlerweile lästig gewordenes Stück Kulturpolitik verhandelt werden soll, sondern dass die Beteiligten allesamt nach Höherem streben – die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die das Projekt als eine Art „Tschernobyl“ bezeichnet haben soll, wie die „Welt“ berichtete, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, „Zeit“-Feuilletonist Jens Jessen, sowie Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldtforums, der bis vor kurzem Professor für Kunstgeschichte an der Humbold-Universität war.

Eigentlich geht es wohl v. a. darum, wie sich das neue Deutschland der Ära Merkel in der Hauptstadt präsentieren soll.

Repräsentationsbau des neuen oder des alten Deutschland?

Wäre das mit dem Kreuz auf der Kuppel also unglücklich, weil es dem Image der „Rainbow“-Nation Abbruch tun würde, nicht nur Critical-Whiteness-AnhängerInnen und Burka-VerfechterInnen wie Judith Butler brüskieren würde, sondern vielleicht auch saudische Geschäftsleute? Was genau soll dann aber in den Berliner Himmel ragen? Nur der Mercedes-Stern am Zoologischen Garten?

Oder ist es nicht eher so, dass Kultur in Deutschland nicht mehr zwangsläufig unter dem lateinischen Kreuz stehen muss, dass keine Notwendigkeit besteht, symbolisch aufzutrumpfen, um sich noch mal selbst zu vergewissern, wessen Geistes Kind man ist. Immerhin soll das Schloss, das das Humboldtforum beherbergen soll, ohnehin nicht nur wiederaufgebaut, sondern laut Eigendarstellung der Initiatoren auch architektonisch „ins 21. Jahrhundert überführt“ werden. Von der zweckentfremdeten Nutzung – die sich gewissermaßen von selbst versteht – mal ganz abgesehen. Zumindest die Wissenschaft ist sollte sich um weltanschauliche Neutralität bemühen und das jedenfalls war auch schon vor Angela Merkel und der Willkommenskultur so.

Viel brisanter als ein läppisches Kreuz, das man problemlos auch nachträglich an- oder abmontieren könnte, scheint die ethnologische Sammlung zu sein, die im Humboldtforum präsentiert werden soll.

Ethnologie, Kolonialherrschaft & ein ambivalentes kulturelles Erbe

Ein symbolischer Verweis auf Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit, auf die Neugier auf alles Fremde, die schon im alten Preussen geherrscht und in Deutschland somit eine gewisse Tradition habe, sagen die einen, unter ihnen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der sich in der „Zeit“ von dieser Woche (Print) zum Humboldtforum geäußert hat und als Kernargument anführt, dass Deutschland eigentlich nur sehr kurz, erst ab 1884 Kolonialmacht gewesen sei und es doch außerdem eine Geste von einer gewissen Bedeutsamkeit sei, ethnologische Exponate im Herzen der deutschen Hauptstadt zu präsentieren. Die exponierte Darbietung, so Bredekamp, würde die außereuropäischen Kulturen symbolisch aufwerten und ihre Bedeutung sowohl für das alte preussische als auch für das neue Deutschland unterstreichen. Das wäre dann in Europa einzigartig, etwa wie wenn man ethnologische Ausstellungsstücke im Louvre präsentieren würde. Dort aber zeigt sich die französische Kapitale stolz Hüterin der Glanzlichter abendländischer Kultur. Deutschland könnte es anders machen, es könnte Avantgarde im Umgang mit nicht-europäischen Kulturerzeugnissen sein ….

„Critical Whiteness“ oder legitime Neugier am „Anderen“?

Zudem sei es unfair, wie Bredekamp ausführt, das Interesse deutscher Regenten und Wissenschaftler an fremden Kulturen grundsätzlich als Akt „kolonialer Ermächtigung“ darzustellen. Wolle man dann etwa auch das Erlernen einer Fremdsprache verbieten? Natürlich nicht. Das würde niemand fordern, sieht man mal von einigen extremen VertreterInnen der „Critical Whiteness“ ab, die tatsächlich verlangen, dass Weiße ihre Finger von „nicht-weißen“ Kulturen lassen sollen und zwar vollständig, also auch beim Kochen, Tanzen oder in Kleidungsfragen nicht kulturell „fremdgehen“.

Auf derartig akademisch-verquaste und weltfremde Theoriegebäude sollte man sich gar nicht erst einlassen, nicht zuletzt auch, weil diese Leute, so sehr sie sich auch als „Antirassisten“ gebärden, letztendlich in einer Art intellektuellem Kurzschluss bei der AfD oder ideell noch weiter rechts landen, denn folgt man ihnen, wäre man sehr schnell bei einer „reinen“ deutschen Kultur, „gesäubert“ von allen fremden Einflüssen, ganz so wie es die extreme Rechte fordert, ohne dabei aber konkret festmachen zu können, was das genuin „Deutsche“ eigentlich sein soll.

Was das Humboldtforum betrifft, geht es aber wohl nicht darum, dass keine englischsprachigen Info-Tafeln angebracht werden dürfen, und deshalb wirkt auch das, was Bredekamp an Argumenten vorbringt, etwas bemüht und am Thema vorbei.

Beutekunst & Globalisierung

Natürlich bilden Kolonialismus und Rassetheorien zumindest im 19. Jahrhundert den Rahmen für das „Interesse“ deutscher Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Privatleute an außereuropäischen Kulturen – ganz gleich wie arglos und frei von böswilligen Intentionen es im Einzelfall auch gewesen sein mag. Anders als Bredekamp behauptet, ging es im damaligen Denken – als Zeitgeist, nicht nur als theoretisches Postulat einzelner Wissenschaftler – keinesfalls um ein wertfreies Nebeneinander von Kulturen und Menschen. Es war sehr wohl eine Wertung damit verbunden, die den weißen Europäer als Krone der Schöpfung und Blüte der Menschheit verstanden wissen wollte und in anderen bestenfalls „edle Wilde“ sah.

Auch ist das Thema „Beutekunst“ eigentlich keine Frage des kulturellen Selbstverständnisses, sondern vielmehr eine juristische: Was man gestohlen hat, muss man wieder hergeben. Nur muss das nicht im Bildersturm enden: Exponate könnten formal an ihre Herkunftsländer zurückgegeben und als Leihgabe erbeten werden, im Zweifelsfall als Kopie ausgestellt, via Internet und mittels Computersimulation könnten Museen etwa in Namibia zugeschaltet und Ausstellungsstücke im virtuellen Raum präsentiert werden. Das wäre nicht nur ein Eingeständnis kolonialer Schuld – ohne dabei aber jemandem das Interesse am „anderen“ madig machen zu wollen – , sondern auch eine museale Darbietung, die für den/die BetrachterIn sowohl das Exponat an sich erfahrbar machen würde, als auch auch den historischen Kontext, in dem es nach Deutschland gelangt ist, und eine moderne, zeitgemäße interkulturelle Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen könnte. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass gerade unter der Ägide Horst Bredekamps, der u. a. die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Technik intensiv erforscht hat, nicht weiter in diese Richtung gedacht wurde.

Zu guter Letzt und immer wieder: der Holocaust

Am Ende der Ausführungen des Berliner Kunsthistorikers in der „Zeit“ stolpert man dann aber regelrecht darüber, dass Bredekamp schnell noch ein paar Gedanken zur Erinnerungskultur an den Holocaust anfügt, nur um dann einige Sätze weiter zu klagen, dass man immer „gleich in die Nähe der AfD gerückt“ werde, wenn man dafür eintrete, dass „die deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham“ beruhen solle. Also doch.

Offenbar hadert Deutschland eher mit den Flüchtlingen als mit dem Humboldforum. Oder warum ist der Holocaust jetzt plötzlich, seit die Refugees da sind, ständig Thema? Wer sind wir? Eine Nation, die – konfrontiert mit dem Fremden – auf sich selbst zurückgeworfen ist? Aber vielleicht ist am Ende alles ganz simpel und Deutsche sind nicht anders als andere Menschen auch – weder besonders gut noch besonders böse – genau wie die Leute in Syrien, Namibia, Israel, Palästina oder anderswo. Nur dass es eben die Geschichte nicht ungeschehen macht, dafür aber die Zukunft auch nicht vorherbestimmt.

Wenn man sich die Äußerung Alexander Gaulands, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz solle mal sehen, was deutsche Kultur ist, und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“, allerdings auf der Zunge zergehen lässt, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Debatte noch lange nicht zu Ende ist – und dass das Berliner Schloss dabei wohl nur eine Nebenrolle spielt.

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Was ist Faschismus? Laila Phunk erklärt die 10 wichtigsten Aspekte

faschismus

Faschismus geht auch ohne Rassenhass und Vernichtungslager. Macht es das deshalb aber gleich viel harmloser? Der Nationalsozialismus jedenfalls ist für dumpfe Nazi-Schläger, die provozieren wollen, eine Art Punk von rechts, könnte man denken. Die neue Rechte, die in den intellektuellen Salons Europas und der USA zu Hause ist und sich anschickt, die Parlamente zu erobern, bezieht sich eher auf den italienischen Faschismus. Ist Donald Trump aber ein neuer Benito Mussolini, wie u. a. die russisch-amerikanische Publizistin Masha Gessen nahelegt? Und was hat was zu bedeuten, dass Steve Bannon, der us-amerikanische Chefstratege und Chef des neurechten Online-Magazins „Breitbart“, sich als „Leninist“ bezeichnet? Steht uns ein neues Zeitalter der Totalistarismen ins Haus? Immerhin wird sogar Hannah Arendt herangezogen, um das Phänomen Trump, die neue Rechte und ihre Erfolge zu erklären.

Maßlos übertrieben oder angemessene Warnung zur rechten Zeit? Vielleicht liegt es an der Hysterie des Internets. Immerhin sind mit Panikmache und Katastrophenmeldungen mehr Klicks zu machen als mit nüchternen Analysen. Vielleicht ist es aber auch eine neue Kopflosigkeit, die dazu führt, dass so viele historische Vergleiche gezogen werden. Man weiß, dass Trump kein zweiter Mussolini ist und Bannon ganz sicher kein neuer Lenin. Aber man weiß auch, dass etwas Machtvolles und Gefährliches am Horizont lautert, etwas, das antidemokratisch ist und auf Überlegenheitsgefühlen und Abschottung beruht. Was ist, wenn die Unkenrufe im Internet nun doch nicht so übertrieben sind? Außerdem, dass der faschistische italienische Philosoph Julius Evola, der Esoterik und Metaphysik mit elitärer Dünkelhaftigkeit, Rassismus und Antisemitismus verband, von Russland bis Frankreich, übrigens auch in Deutschland, in der Rechten so eifrig rezipiert wird, sollte zu denken geben. Was stimmt also: Wiederholt sich Geschichte immer oder wiederholt sich Geschichte nie? Stehen wir am Vorabend einer neuen faschistischen Ära oder haben wir es mit einem gänzlich neuen Phänomen zu tun? Oder können am Ende eben doch die Rechten damit auftrumpfen, dass sie „ja gar nicht so schlimm“ sind, eigentlich eher Konservative, denen man brutal Unrecht tut?

1. Alles fascho oder was?

Wenn Marine Le Pen sich um jüdische Wählerstimmen bemüht, dann nimmt man ihr das nicht wirklich ab. Zu gut sind die antisemitischen Ausfälle von Jean-Marie, Le Pen „père“, in Erinnerung. Und doch hat der französische Front National mit Florian Philippot z. B. einen chicen Schwulen in ihren Reihen, der schwarze Komiker Dieudonné hat sich sogar zu früheren Zeiten selbst aktiv gegen Rassismus engagiert. Der Verfasser des „Alt-Right“-Manifests, Milo Yiannopoulos, wiederum hat das Zeug zum Shooting-Star jeder hippen, metrosexuellen Großstadtszene und auch in der deutschen AfD tauchen hier und da Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und Juden auf. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Hat man es wirklich mit Rechten zu tun? Oder ist die neue Rechte nicht wirklich eine Rechte, nicht im klassischen Sinne jedenfalls?

Tja, wenn da nur nicht die Schönheitsfehler wären: Dieudonné z. B. ist ein strammer Antisemit, nicht „nur“ entschieden „pro Palästina“, nein, auch mit Verbindung zu Holcaust-Leugnern. 2014 hat er deshalb sogar Einreiseverbot für Großbritannien erhalten. Und Milo Yiannopoulos hält im Manifest der Alt-Right-Bewegung nicht damit hinterm Berg, dass er für Frauenrechte nicht viel übrig hat und für das „natürliche Konservative“, den Drang, den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen zu beschützen, eintritt. Dass er am Ende des Manifests relativiert, es gehe ja eigentlich nur gegen die „Political Correctness“ der Linken, beteuert, sie selbst hätten ganz viele jüdische homosexuelle Freunde, seien ihrerseits „racially mixed“ und hätten mit Allum Bokhari sogar einen „Kebab“ in ihren Reihen, nimmt sich eher schwach aus. Man fragt sich: Ja, was denn nun? Den eigenen „Stamm“ vor äußeren Einflüssen schützen oder Party mit dem internationalen Jet-Set machen? Vielleicht ist Evola die Antwort darauf, der italienische Faschismus, jedenfalls nicht der deutsche Holocaust. Das wäre zu sehr mit dem Vorschlaghammer.

2. Schuld sind die Italiener!

Nein, am Holocaust sicherlich nicht. Aber der Faschismus ist eine italienische Erfindung. Rechts und totalitär, aber – und das dürfte für Deutsche erst einmal merkwürdig klingen – m Kern nicht antisemitisch – Mussolini soll sogar eine jüdische Geliebte gehabt haben, die Kunstkritikerin Margherita Sarfatti. Obwohl es Antisemtismus in Italien gab und gibt. Nur war er eben nicht der Dreh- und Angelpunkt der faschistischen Ideologie. Rassistisch war der italienische Faschismus auch nicht bzw. – an dieser Stelle kommt man um ein entschiedenes „jein“ nicht herum: 1938 traten in Italien unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands die „faschistischen Rassegesetze“ („Leggi razziali fasciste“) in Kraft. Sie richteten sich, in Anlehnung an die „Nürnberger Gesetze“, tatsächlich gegen die jüdische Bevölkerung und in dem Manifest „La difesa della razza“ („Die Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) wird ausdrücklich gefordert: „Es ist an der Zeit, dass die Italiener sich ohne wenn und aber als rassistisch betrachten!“ („E‘ tempo che gli Italiani si proclamino francamente razzisti!“, zit. nach: Wikipedia, Übersetzung Laila Phunk). Italiener gehörten, so das Manifest, zu den „Ariern“ und würden sich daher grundlegend von der restlichen Mittelmeerbevölkerung, insbesondere den Nordafrikanern, unterscheiden. Also doch Antisemitismus und Rassismus. Allerdings muss man sagen, dass Juden in Italien nicht so eifrig verfolgt wurden wie in Deutschland. Es war eben doch eine Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland, auch wenn es in Italien unter den Faschisten auch welche gab, die die Nazi-Linie aus persönlicher Überzeugung befürworteten, z. B. Roberto Farinacci.

3. Law and Order

Eigentlich ging es im italienischen Faschismus, anders als in Deutschland, aber vor allem um Law and Order. Es sollte wieder Ruhe einkehren und eine Regierung mit harter Hand sollte die radikale Kehrtwende von allem, was bisher war, bringen. Die konservativ-liberale „Ära Giolitti“, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti, war durch Krisen, soziale Unruhen und Korruption gekennzeichnet, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem sog. „Biennio Rosso“ („den zwei roten Jahren“) in Fabrikbesetzungen und Massenstreiks kulminierte. Der Hintergrund: Italien war (auf Seiten der Alliierten) in den Ersten Weltkrieg eingetreten, obwohl von vornherein klar war, dass es sich den Kriegsbeitritt wirtschaftlich gar nicht leisten konnte. Die fatalen Folgen bekamen vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten zu spüren, was sich in einer rabiaten Wut gegen die Machthaber und in Forderungen nach einem sozialistischen Umsturz entlud.

Allerdings: Es waren die Leute um den ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini, die den Kriegseintritt gefordert hatten …

Heute bedeutet Krieg wenn dann eher „Krieg gegen den Terror“. Natürlich hat die Bevölkerung in Europa und in den USA ein Recht darauf, sich vor terroristischen Anschlägen bestmöglich schützen zu wollen. Es ist aber fraglich, ob willkürlich verhängte Einreiseverbote, ein straffes Hochfahren des Sicherheitsapparates und möglichst viel staatliche Überwachung den gewünschten Effekt bringen. Man muss sehr genau hinschauen, welche Maßnahme wirklich zu einem besseren Schutz beiträgt und sich auf Menschen beziehen, die aufgrund tragfähiger Beweise als „Gefährder“ eingestuft werden. Immerhin ist man das dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit schuldig. Dass vor dem Gesetz alle gleich sind, gleiche Rechte und Pflichten haben und den gleichen Schutz genießen ist eine der tragenden Säulen der Demokratie, sprich: ohne Rechtsstaat ist Demokratie nicht machbar. Mal ganz abgesehen davon, dass wer behauptet, Korruption zu bekämpfen, den verkommenen Eliten eine klare Absage zu erteilen und politischer Destabilisierung entgegenwirken zu wollen, wenig glaubwürdig wirkt, wenn dann Willkür die Antwort ist.

4. Immer wichtig: Die soziale Frage

Dass die sog. „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, wie der Soziologe Helmut Schelsky es nannte, also eine Gesellschaft, in der es keine krassen sozialen Gegensätze gibt und der soziale Aufstieg durchaus machbar ist, weniger anfällig für politische Extreme ist, ist vielleicht kein ehernes Gesetz, aber es ist schon auffällig, dass das politische Klima oft umso rauher wird, je härter, unsicherer und konkurrenzbetonter das Leben für die meisten Menschen im Allgemeinen wird. Sowohl in Italien als auch in Deutschland waren die Folgen des Ersten Weltkrieges für weite Teile der Bevölkerung verheerend. In Deutschland brachte dann der Börsenkrach von 1929 das Fass zum Überlaufen. Da hatte sich der Faschismus in Italien allerdings längst etabliert.

Auch wenn man heutzutage in Europa und in den USA nicht wirklich von einer Verelendung der breiten Masse sprechen kann, ist die Parallele hier unübersehbar. Immer wieder heißt es, die Kinder würden nicht den mehr in dem gleichen Wohlstand wie ihre Eltern leben können, die soziale Absicherung lässt nach, Freelance-Tätigkeiten und Altersarmut nehmen zu, der Globalisierungsdruck, der sich für manche Arbeitgeber als „Auslese der Besten“ darstellt, bedeutet für den Durchschnittsbürger langfristig eine nicht nur gefühlte Bedrohung.

Das heißt übrigens nicht, dass man gegen Migration und für geschlossene Grenzen sein müsste. Vermutlich ist es eher eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Wer sich über konkurrenzlos billige illegale Einwanderer aus Lateinamerika freut und in Bürgerkriegsflüchtlingen vor allem robuste, fleißige und dankbare Arbeitskräfte sieht, wer in Europa den Kampf der klügsten, bestausgebildetsten, jüngsten, vitalsten, flexibelsten und genügsamsten Köpfe und Menschen um die heißbegehrten Arbeitsplätze in wohlhabenden Ländern wie Deutschland to the max anheizen will, der muss sich nicht wundern, wenn die Leute dem erstbesten Demagogen, der verspricht, dem ganzen ein Ende zu machen, hinterherlaufen. Vielleicht sollte man Menschen einfach nicht zu sehr gegeneinander ausspielen. Immerhin steckt in dem neoliberalen Globalisierungseifer mit seinem Sozialdarwinismus auch ein prinzipiell faschistoides Element. Wahrscheinlich kann dem nur eine auf Ausgleich, Fairness und Offenheit zugleich bedachte Politik entgegenwirken.

5. Wenn alle an einem Strang ziehen: Korporativwirtschaft

So wenig, wie die AfD eine „Partei der kleinen Leute“ ist, war der italienische Faschismus die Antwort auf die soziale Frage. Ganz im Gegenteil: Mussolini beendete die Arbeitskämpfe, die um 1919/20 ihren Höhepunkt erreicht hatten, mit der sog. „Korporativwirtschaft“: Anstatt dass Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern vertreten sollten, sollten alle an einem Strang ziehen: Der Chef z. B. der Druckerei ebenso wie die Drucker. Begründet wurde das damit, dass es ja, wenn die Druckerei gut läuft, auch den Beschäftigten besser gehen würde. Es gelte also, die Interessen der Druck- und Papierindustrie gemeinsam zu vertreten.

Das faschistische Element liegt vor allem in einem politischen Angebot, das sich an alle gleichermaßen richtete: Arbeiter, Bauern und Mittelständler ebenso wie Chefs, Adlige, Eliten.

6. Schwarzhemden und rote Faschisten? Totalitarismus

Hier kommt Hannah Arendt (siehe Link oben) ins Spiel. Denn Faschismus ist immer totalitär, totalitär ist aber nicht immer faschistisch. Wie der Sozialismus richtete sich der Faschismus an die breite Masse. Zumindest war das sein Anspruch. Man wollte sich in der Rolle der „Vollstrecker“ des Volkswillens sehen. Das unterscheidet den Faschismus von anderen rechtskonservativen Diktaturen und autoritären Regimes, wo es eher um den Machterhalt eines Diktators und seiner Clique geht, für den das Volk unter dem Deckel gehalten und eventueller Widerstand ausgeschaltet werden muss. Faschismus und Sozialismus dagegen stützen sich auf das Volk. Allerdings halten auch sie es unbarmherzig unter Kontrolle, jedoch so, dass es glauben soll, im eigenen Interesse zu handeln. Sowohl der Nationalsozialmus als auch der real existierende Sozialismus waren bekannt dafür, von der Wiege bis zur Bahre Organisationen geschaffen zu haben, in denen das Volk im Sinne der herrschenden Ideologie erzogen, kontrolliert und bei Verfehlungen bestraft werden sollte. Der Staat drang so tief in den Alltag und in das Privatleben seiner Bürger ein. In Italien war dies weniger ausgeprägt. Dafür wurde hier das Konzept der Korporativwirtschaft, Arbeiter und Chefs an einen Tisch zu bringen ausgearbeitet und so ein gemeinsamen „Volkswillen“ als moderner Gegenentwurf zur Demokratie künstlich hinaufbeschworen. Hier zeigte der Faschismus seine politische Durchschlagkraft als effizientes Bollwerk gegen den Sozialismus, denn der hatte nur den „kleinen Mann“ und dessen Belange im Auge, nicht die Interessen der Eliten. Ganz abgesehen davon natürlich, dass dem Sozialismus, sieht man mal von einigen Varianten, etwa unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu ab, auch das nationalistische und sozialdarwinistische Element fehlten.

7. Make Italy great again! Nationalchauvinismus

„Make America great again!“ wohl jeder kennt den Wahlkampfslogan von Donald Trump. Auch von Wladimir Putin und Recep Erdogan ist bekannt, dass sie Russland bzw. die Türkei wieder „hochgeholt“ hätten. Wer das marode, politische instabile, von mafiösen Clans und sozialer Verelendung geprägte Russland der Ära Jelzin in den 1990er Jahren vor Augen hat, versteht leicht, warum Putin so erfolgreich ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ wusste schon Bertholt Brecht. Nun kann sich auch der russische Mittelstand Ferien in der Türkei leisten und den Türken selbst geht es auch nicht mehr ganz so schlecht.

Nur kann man Trump, Putin und Erdogan allein deshalb natürlich nicht als „Faschisten“ bezeichnen. Wirtschaftlicher Aufschwung, gemischt mit ein bisschen nationaler Romantik, macht einen ja noch nicht gleich zum Rechtsextremisten. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt es ist und welche Elemente noch hinzukommen.

Auch in Deutschland brachte Hitler den Deutschen eine spürbare Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage: Es gab wieder Jobs, Radios (der „Volksempfänger“) und Kleinwagen („Volkswagen“) wurden erschwinglich, der „kleine Mann“ und seine Familie konnten in den Urlaub fahren und für Deutsche, die dennoch durch das soziale Netz fielen, gab es ein Winterhilfswerk. Leider müsste man „Deutsche“ präziser mit „Menschen, die als Deutsche anerkannt wurden“ umschreiben. Die Nationalsozialisten selbst sprachen auch eher von „Volksgenossen“. „Untermenschen“, Juden, Roma und Sinti, Schwule, Depressive, Alkoholiker, „Schwachsinnige“, „Erbkranke“, usw., alle, die nicht dem Bild des starken, vitalen „Herrenschmenschen“ entsprachen, kamen nicht in den Genuss sozialer Unterstützung (auch wenn man, sofern es sich um eine angesehene Nazi-Familie handelte, natürlich bereit war, Ausnahmen zu machen, und geflissentlich über einen schwulen Onkel, ein kleines Alkoholproblem oder Angehörige mit gewissen körperlichen oder mentalen Einschränkungen hinwegsah, sofern es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Zur Doppelmoral siehe oben: Rechtspopulisten heute). An dieser Stelle sollte man sich fragen, ob das in Europa im christlichen Glauben verankterte Leitprinzip, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind, ganz gleich, wer sie sind und woher sie kommen, nicht doch sozialer ist, als eine „Solidarität“, die nur für bestimmte Menschen gilt und jederzeit erlöschen kann, wenn jemand den Ansprüchen der „Volksgemeinschaft“ nicht mehr genügt. Was ist denn besser, die Sicherheit zu haben, auf jeden Fall Hilfe in Notlagen zu erhalten? Oder aber ausdrücklich bevorzugt zu werden, aber eben abhängig von der Willkür anderer, die sich jederzeit auch gegen einen richten kann?

Was in Deutschland die „Dolchstoßlegende“ war, die angebliche „Erniedrigung“ deutscher „Größe“ durch Sozialisten und Juden, das war in Italien die späte Nationwerdung, deren Prozess sich noch viele Jahrzehnte über die Gründung der italienischen Nation hinauszog. Zwar ist Italien knapp zehn Jahre „älter“ als Deutschland, allerdings war das Land im 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr viel zerklüfteter durch regionale und soziale Unterschiede. Insbesondere das starke Nord-Süd-Gefälle sorgte dafür, dass das sog. „inner nation building“, die Entwicklung einer Selbstwahrnehmung in der Bevölkerung als zusammengehörige Nation und einheitliches Staatsvolk, sich in die Länge zog.

Viele Italiener fühlten sich einfach nicht als Italiener sondern als Neapolitaner, Piemontesen, Florentiner oder Sizilianer. Dem gegenüber stand ein brachialer Nationalismus, der sich auf das antike Römische Reich als Quelle eines modernen italienischen Nationalgefühls bezog und eine vergleichbare politische und kulturelle Stellung der jungen Nation im Europa des frühen 20. Jahrhunderts forderte.

8. Faschismus kann sehr modern sein

In Deutschland verbindet man rechtes Gedankengut in erster Linie mit röhrenden Hirschen und laut trötender Volksmusik für die Ü80-Generation. Miefig und spießig finden die einen, „traditionsbewusst“ sagen die anderen.

Dynamische Formgebung, eine Ästhetik, die ausdrücklich „technisch“ wirken möchte und auf „Fortschritt“ abzielt, kühle Zweckbauten, streng geometrische Kompositionen und klare, zum Teil fast fluoreszierend grelle Farben – Dass auch das, was als „klassische Moderne“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, rechts, ja sogar faschistisch sein kann, ist aus einer deutschen Perspektive nur schwer vorstellbar, galt hierzulande moderne Kunst doch als Antipode des Nationalsozialismus, nicht zuletzt weil viele moderne Kunstwerke im Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ gebrandmarkt wurden.

Im italienischen Faschismus gab es keine einheitliche Kunstpolitik. Futurismus und Rationalismus standen neben Kunstströmungen, die sich ebenfalls als „modern“ verstanden, aber andererseits stark auf das antike römische Erbe abhoben.

Mussolini betrachtete Kunstförderung als PR – das moderne Italien, auf der Höhe der Zeit oder ihr sogar voraus, ließ sich so ebenso fiktional entwerfen, wie die antike imperiale Größe, die es mental wieder zu beleben galt. Die Kunstschaffenden – damals wie heute prekär lebend – warfen sich dem Regime zum größten Teil mit Verve an den Hals und überschlugen sich darin, den neuen Zeitgeist zum Ausdruck zu bringen.

Nicht ganz zufällig und in dieser Hinsicht nicht anders als der Nationalsozialismus legte auch das faschistische Regime selbst Wert auf ästhetische Inszenierung, etwa in Aufmärschen und Propaganda. Auf den Zusammenhang von moderner Kunst und einer Ästhetisierung der Politik, wie sie der Faschismus betrieben hat, hat der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin bereits 1936 in seiner Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ hingewiesen und ist dabei auch explizit auf den italienischen Futurismus eingegangen.

9. „Ich will eine herrische, grausame Jugend …“: Sozialdarwinismus

„Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“ forderte Adolf Hitler (Rede „Meine Pädagogik ist hart“, zitiert nach wissensreise.de). In dem futuristischen Manifest „La Riscostruzione futurista dell-Universo“, das Giacomo Balla und Fortunato Deperso 1915 verfasst haben, sprachen die beiden Künstler davon, Spielzeug zu entwerfen, das das Kind zu Kreativität und körperlicher Agilität, aber auch zu Aggression und kriegerischer Kampfbereitschaft erziehen sollte.

Sicherlich ist es ein Stück Weg von der „genetischen Überlegenheit“ und „Gebärprämien“, wie sie 2010 im Umfeld des SPD-Politiers Thilo Sarrazin im Gespräch waren, hin zu einer Erziehung zur Grausamkeit, wie sie Hitler und die Futuristen der zweiten Generation forderten. Nicht von ungefähr stammen die deutschen Anhänger der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ allerdings aus der „Sarrazin-Bewegung“, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Spätestens dann, wenn Jugend- und Vitalitätskult mit Überlegenheitsgefühlen, offen geäußerten Zweifeln an der Gleichwertigkeit aller Menschen und einem nur schlecht kaschierten Sozialdarwinismus zusammentrefffen, sollte man jedenfalls hellhörig werden.

10. Gewalt und politische Morde

Sind Faschisten einmal an der Macht, bedeutet das noch nicht, dass sie auch fest im Sattel sitzen. Dazu ist fast immer eine Konsolidierungsphase nötig. Masha Gessen (siehe Link oben in der Einleitung) hat die schleichende Aushöhlung demokratischer Institutionen am Beispiel Russland mehrfach beschrieben. Sicherlich hat sie recht, dass man auch genau beobachten sollte, was Trump in Amerika veranstaltet. dennoch finde ich den  der Vergleich mit Mussolini nicht ganz so glücklich. Immerhin hatte der sich in politischer Hinsicht seine Sporen als Sozialist verdient, während Trump jahrzehntelang den kapitalistischen Unternehmer schlechthin verkörperte. Außerdem hat Mussolini von Anfang an bedenkenlos rohe Gewalt als politisches Mittel eingesetzt. Die „squadre fasciste“, auch „Schwarzhemden“ („camice nere“) genannt, waren paramilitärische Einheiten, die, ähnlich wie die SA in Deutschland schon lange vor dem „Marsch auf Rom“, mit dem Mussolini 1922 die Macht ergriff, in Italien Gewalt und Terror verbreitetet haben. Der Mord an dem sozialistischen Abgeordneten Giacomo Matteotti 1924 durch faschistische Schläger machte schließlich auch jenen, die die Augen vor dem wahren Charakter Mussolinis hatten verschließen wollen, endgültig klar, um was es ging. Weniger als zwei Wochen vor seiner Ermordung hatte Matteotti noch, wie auf Wikipedia zu lesen ist, in einer öffentliche Rede eindringlich vor den Gefahren des Faschismus gewarnt. Die Italiener waren auch damals keine dummen Schäfchen, die ihrem „Duce“ brav hinterhergetrottet sind. Es hatte Kritiker gegeben. 1924 war der Punkt erreicht, wo der Faschismus sein wahres Gesicht gezeigt und vorgeführt hatte, wie er mit ihnen zu verfahren gedachte.

Hoffen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Seien wir klüger als unsere Ahnen. Immerhin können wir, im Gegensatz zu ihnen, nicht sagen, wir hätten von nichts gewusst.

Alle Übersetzungen durch Laila Phunk. Ohne Gewähr.

 

Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

Sozialismus, Despotismus, Burka?

Hammamet, Tunesien: ein kleines Städtchen, von der Größe her etwa zwischen Neumünster und Ingolstadt, mir v. a. ein Begriff, weil der italienische Politiker Bettino Craxi (PSI, entspricht der deutschen SPD) hier seine letzten Lebenjahre im Exil verbrachte, natürlich nicht, ohne sich in der Heimat gut die Taschen gefüllt zu haben. In Hammamet findet, so erfahre ich über’s Internet, ein zeitgenössisches Tanzfestival statt: eine ästhetische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt athletische, männliche und weibliche Körper in knapp sitzenden Tanztrikots, kunstvoll zu einer quasi-geometrischen Figur drapiert.

Szenenwechsel: Berlin, vor einigen Jahren: ein kühler Herbstabend, im taz-Café im Zeitungsviertel ist es jedoch stickig-heiß. Die Veranstaltung, ein Polit-Talk, ist gut besucht. Ich sitze ganz hinten in einer Ecke mit Holzbänken und kleinen Tischen, vor mir kauern zwei junge Frauen. Sie tragen bunte, orientalische Gewänder und farblich darauf abgestimmte, mit Gold bestickte Kopftücher. Ich denke bei mir, dass das irgendwie ein bisschen too much ist. Es wirkt eher wie eine Verkleidung, obwohl es wahrscheinlich migrantisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen soll.

„Kulturbewusste“ Kleidung, genauer die Burka, wird im Moment heiß diskutiert. Es geht um terroristische Anschläge und Sicherheitsvorkehrungen, aber auch um Einwanderung und kulturelle Differenz. Wie viel fremde Kultur verträgt Deutschland? Und müssen wir uns Sorgen machen, nicht nur um Attentate sondern auch um eine neue Frauenfeindlichkeit? Müssen wir liebgewonnene und oftmals hart erkämpfte Freiheiten preisgeben, um „dem Anderen“, kulturell Differenten mehr Platz einzuräumen – etwas, das ihm, wenn man versucht, eine Perspektive einzunehmen, die beide Seiten berücksichtigt, vielleicht auch zusteht? Oder ist die Debatte am Ende eine Farce, der vielleicht andere, vielleicht sogar urdeutsche Interessen zu Grunde liegen?

TOLERANZ – AUCH WENN ES SCHWERFÄLLT

Fairerweise muss man zunächst einmal festzuhalten, dass viele Deutsche sich ernsthaft bemühen, auf eine fremde Kultur zuzugehen – sieht man mal von ein paar „besorgten Bürgern“ ab, die aber glücklicherweise nach wie vor in der Minderheit sind. Die Mehrheit übt sich in Toleranz. Die Zeitungen sind voll mit engagierten Pro-Burka-Argumentationen. Im Berliner Tagesspiegel hieß es sogar fast schon polemisch, wer die Burka verbieten wolle, müsse auch weiße Socken in Sandalen verbieten. In der taz von gestern wurde fröhlich die Meinung des neuen Deutschlands hinausposaunt: Eine Frau schreibt, wenn sie eine verschleierte Frau sehe, sei sie zuerst einmal neugierig, wer sich hinter dem Schleier verbirgt. Dieses aufregende Neue macht Lust, es zu entdecken. Das klingt nach: Interesse statt Angst, lieber den Mut haben, die Frau, die so ganz anders ist als man selbst, kennenzulernen, statt sich hasenfüßig auf die eigene Scholle zurückzuziehen und sich vor einer Veränderung wegzuducken, die sowieso unaufhaltsam ist. Allerdings brachte der taz-Islamexperte Daniel Bax direkt daneben noch einen anderen Aspekt ein: den wirtschaftlichen, die Saudis.

Und richtig, ich erinnere mich: In Berlin sehe ich ab und zu Frauen, die den Niqab tragen, das schwarze Ganzkörpergewand, das nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen freilässt. Es stammt aus Saudi-Arabien, wo der Wahhabitismus, eine besonders strenge Auslegung des Koran, Staatsreligion ist. Eine richtige Burka, die ihrerseits in Zentralasien beheimatet ist und bei der auch die Augen durch ein Netz bedeckt sind, habe ich auch einmal in Berlin gesehen. Und einmal in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Beide Male musste die Frau von einem männlichen Begleiter geführt werden. Sie tapste vorsichtig und kam nur mühsam voran. Dass eine Frau, die die Burka trägt, sich eigentlich hauptsächlich im Haus aufhält und nur wenn es gar nicht anders geht und sie unbedingt nach draußen muss, den Ganzkörperschleier anlegt – in erster Linie um sich vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen – sollte man wissen. Auch dass Frauen in Saudi-Arabien nicht einmal Autofahren dürfen.

BOSNIEN: EIN LAND ENTDECKT DEN SALAFISMUS

Bosnien-Herzegowina dagegen war einmal ein Land, in dem sich Freitags zum Gebet in der Moschee höchstens ein paar alte Männer einfanden. Die Frauen trugen Mini-Röcke und Pumps, die frecheren, vorwitzigeren auch westlich-leger T-Shirt und Jeans. Eine Macho-Kultur zwar, wie die benachbarten christlichen Länder auch, aber eine, in der Männer und Frauen zumindest formal gleiche Rechte haben. Eher Deutschland als Saudi-Arabien, Europa natürlich und eben trotzdem muslimisch. Leider ist Bosnien arm. In den Schaufenstern der Geschäfte locken westliche Markenklamotten, aber nur wenige können sie sich leisten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Vor Jahren gab es Gerüchte, dass es von den Wahhabiten ein Taschengeld gibt, wenn junge Mädchen Kopftuch tragen. Heute gilt Bosnien als europäische Hochburg der Salafisten, u. a. die Welt berichtete davon.

DER „ARABISCHE FRÜHLING“

Ein ähnliches Problem hat auch Tunesien, das Land, aus dem der Attentäter von Nizza stammte und in dem der sog. „Arabische Frühling“ seinen Ausgang nahm: Der tragische Anlass: Die dramatische Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers – ein Verzweiflungsakt, denn Mohammed Bouazizi wusste nicht mehr weiter: ein fehlendes Dokument, eine behördliche Spitzfindigkeit hatte die Existenzgrundlage des jungen Mannes vernichtet. Auf Wikipedia kann man seine Geschichte nachlesen. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien hoch. Christian Caryl schreibt auf Slate.fr, dass die offizielle Arbeitslosenrate bei 15% liege. Die Jugendarbeitslosigkeit müsse man, so Caryl, wohl etwa doppelt so hoch ansetzen. Demnach ist ein Drittel der jungen Leute ohne Arbeit. Ob der greise Staatspräsident Tunesiens etwas daran ändern wird, steht in den Sternen. Beji Caid Essebsi ist nicht unumstritten, der Typ Politiker, auf den man im Westen vermutlich zunächst einmal eher mit einem etwas angesäuerten Lächeln reagiert: Er, der aus der Ben-Ali-Clique stammt, gilt zwar als liberal und reformorientiert, wie ihm sein (deutschsprachiger) Wikipedia-Eintrag bescheinigt, aber es heißt auch, er sei der „neue starke Mann“ Tunesiens, unter dessen Führung in der Vergangenheit auch gefoltert worden sein soll, wie Christian Gehlen im Tagesspiegel schreibt. Nicht zuletzt deshalb kam es, noch bevor Essebsi als – wenn auch demokratisch gewählter Präsident – 2014 im Amt bestätigt worden war, zu ersten Unruhen – die Zeit und andere Medien berichteten davon.

Tunesien scheint ein Land in einer Pattsituation zu sein: Vielleicht ist es auf einen starken, in politischer Hinsicht laizistisch geprägten Politiker wie Essebsi angewiesen, um den islamistischen Terrorismus einzudämmen. Diese Deutung legt zumindest Christian Caryl nahe, der die Fortschritte Tunesiens im Demokratisierungsprozess hervorhebt, sich aber auch fragt, ob nicht vielleicht die harte laizistische Linie, die Tunesien nach der Unabhängigkeit 1956 nach dem Vorbild Mustafa Kemal Atatürks vertrat, den fatalen Prozess der Radikalisierung der Islamisten bereits in Gang gesetzt habe. Kann eine kleine Elite an Politikern, die allesamt aus der Oberschichte des Landes stammen und zumeist in Paris studiert haben, der großen Mehrheit einen westlich geprägten Lebensstil von oben aufzwingen? Provoziert nicht genau das vielleicht umso radikalere Gegenreaktionen? Und hätte es andere, bessere Wege gegeben, Länder wie Tunesien nach der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit zu führen und zu modernen Staaten zu machen, die sich im internationalen Mächtegeflecht behaupten können?

MODELL IRAN – WENN ES SCHIEF GEHT

Im Iran hat man gesehen, wie gründlich Modernisierungsversuche nach westlichem Vorbild schief gehen können und dass Reformer und Modernisierer, die Feinde von Terror und religiösem Fanatismus, nicht unbedingt die good guys sein müssen, genauso wenig, wie diejenigen, die gegen Diktatur und soziale Ungerechtigkeiten aufbegehren, zwangsläufig die bessere Option sind. Schah Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien, gegen den es 1967, bei seinem Besuch in West-Berlin, heftige Proteste gegeben hatte, wollte den Iran zu einem modernen Land auf Augenhöhe mit dem Westen machen. Allerdings lebten nicht nur weite Teile der Bevölkerung in Armut, während der Schah seinerseits einem märchenhaften Luxus frönte, auch offene Meinungsäußerungen waren unerwünscht und wurden im Zweifelsfall brutal verfolgt, wie man in einem kurzen, übersichtlich und informativ gestalteten Online-Artikel im Stern nachlesen kann. 1979 entlud sich die angestaute Wut in der Islamischen Revolution und mündete in dem Regime Ayatollah Khomeinis.

KEIN MÄRCHEN AUS TAUSEND & EINER NACHT

Auch nordafrikanische Staaten wie Tunesien haben eine Menge hinter sich: Kolonialherrschaft, sozialistische Experimente, viel Despotismus, in letzter Zeit immer mehr religiösen Fanatismus und Terror. Der Frage, was besser ist, ob man sich lieber an eine westliche, französisch geprägte Elite halten will, die das Geld mit vollen Händen ausgibt und lieber ihre Kinder auf europäische Internate schickt, als effiziente Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit zu lancieren oder ob man sich wirklich mit einem extremistischen Islam gemein machen will, der mehr oder weniger eine Rückkehr ins Mittelalter fordert und sich dem Kampf gegen die „Kuffar“ (die „Ungläubigen“) mit allen Mitteln, auch mit Terror und Gewalt, verschrieben hat, ist manchmal, als hätte man die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Und auch bei der Diskussion über das Burka-Verbot in Deutschland stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: Sicherheitsbedenken, weil das Gesicht einer Burka-oder Niqab-Trägerin nicht sichtbar ist? Der Kampf gegen eine extreme, rechtskonservative Ausrichtung des Islam, die in engem Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus steht und dem man deshalb hierzulande keinen Raum geben will? Oder die Angst, die eigene Kultur könne aufgeweicht werden, nicht nur die des christlichen Abendlandes, wie vielleicht die Anhänger von Pegida und AfD fürchten, sondern auch demokratische Werte, wie z. B. die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen?

#koelnhbf – ALLES „RASSISTISCHE HETZE“?

Letzteres ist eine Befürchtigung, die durch die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silversternacht, die v. a. auf das Konto von junger Männer aus Nordafrika gingen, weiter angefacht wurde. Auch wenn viele sich zu Recht wunderten, wie viele konservative und rechtspopulistische Politiker plötzlich ihr Herz für die Frauenrechte entdeckten, wäre es falsch, alles als bloße Hysterie, Islamophobie und latenten Rassismus abzutun. Aklice Schwarzer, die grande Dame des deutschen Feminismus verlor keine Zeit und legte nur kurze Zeit nach den Vorfällen in Köln ein Buch vor, das zunächst wenig Aufsehen erregte, jetzt aber, vermutlich im Rahmen der Burka-Debatte, erneut im Gespräch ist: Der Sammelband „Der Schock. Die Silversternacht von Köln“ sei „eine rassistische Hassschrift“, tat die Netzfeministin Theresa Bücker heute auf Twitter kund und verlinkte auf einen Text im „Missy Magazine“, der das Buch sehr kritisch rezensiert, d. h. eigentlich zerreißt der Beitrag von Mithu Sanyal Schwarzers Sammlung feministischer, islamkritischer Texte in so kleine Fetzen, dass außer den Schlagworten „Faschismus“, „Rassismus“ und „rassistische Übergriffe“ nicht viel übrig bleibt.

DIE RECHTE VON MIRGANTEN GEGEN DIE VON FRAUEN

Sanyal, so wird schnell deutlich, geht es um die muslimischen Männer und die Vorurteile, die weiße Frauen und Islamhasser jeglicher Couleur ihnen entgegenbringen: „Doch hat diese Rhetorik bereits Wirkung, wie die Änderung des Sexualstrafrechts zeigt, in der nicht nur endlich eine „Nein heißt Nein“-Regelung integriert, sondern auch ein Passus eingeschoben wurde, nach dem „nun ein aufgedrängter Zungenkuss schon zu einer Abschiebung in Kriegsgebiete führen kann“, wie die Abgeordnete der Linken, Halina Wawzyniak, bei der Debatte im Bundestag warnte.“ schreibt sie.

Das klingt seltsam misogyn für eine Feministin. Wie würde man bzw. frau denn reagieren, wenn man gebeten würde, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst nicht in Deutschland bleiben könne? Sicher, Sexualstrafrecht und Asylrecht sollten getrennt bleiben. Aber die Argumentation ist schief. Man könnte dann ja von Frauen, wie Sanyal und Wawzyniak auch verlangen, im Zweifelsfall eine Vergelwaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst vielleicht ins Gefängnis muss, seine Frau sich von ihm trennt und der Job bei der Sparkasse (oder wo auch immer) futsch ist. Ein Vergewaltiger muss bestraft werden. Punkt. Einfach damit klar ist, dass eine Vergewaltigung kein „Kavaliersdelikt“ ist, bei dem man schon einmal ein Auge zudrücken kann. Übrigens bei niemandem, auch nicht, wenn der Täter Deutscher ist.

FEMINISMUS & KULTURELLE DIFFERENZ

An Netz- und Queerfeministinnen wie Bücker und Sanyal kommt man (bzw. frau) heutzutage nicht vorbei, wenn man bzw. frau sich nicht gerade ausdrücklich als konservativ oder rechts bezeichnet. Und erfahrungsgemäß kommen Vorwürfe aller Art (man bzw. frau sei „rassistisch“, „sexistisch“, „homophob“, betreibe „Orientalismus“, vergreife sich am Kulturgut fremder Kulturen, was einem nicht zustünde, usw.) aus dieser Ecke schneller, als man das Wort „Toleranz“ aussprechen kann. Der Eifer im Einsatz für Frauen, Homosexuelle und andere Kulturen wirkt nicht nur überzogen, sondern gelegentlich auch etwas aufgesetzt. Ein Blick auf Mithu Sanyals Homepage verdeutlichte mir, wie polar die Debatte um Feminismus und Migration offenbar mittlerweile ist. Die freie Journalistin, die eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat, ist, so sieht es zumindest aus, (zieht man mal die Fernsehsender ab) überall dort gern gesehen, wo ich, vielfach ohne in irgendeiner Weise auf mich aufmerksam gemacht zu haben, aggressiv angefeindet wurde. Lange Zeit hatte ich nicht die leiseste Ahnung, warum. Natürlich kann ich Sanyal (und auch Bücker) das nicht anlasten. Es geht wohl – wie gesagt – zu einem guten Teil um ideologische Fronten, derer ich mir nicht bewusst war. Davon abgesehen kenne ich weder die eine noch die andere. Dennoch: zumindest ein Teil der Frauen kämpft mit sehr harten Bandagen und wird dabei schnell unfair, manchmal bis an die Grenze der Verleumdung und z.T. auch darüber hinaus. Nicht, dass ich Alice Schwarzer in Schutz nehmen wollte – die kann es sicher mit gleicher Münze heimzahlen – aber die Deutungshoheit über die Dinge liegt eben auch nicht bei Frauen wie Mithu Sanyal und Theresa Bücker.

Nicht einmal „aus der Perspektive der fremden Kultur“ oder eben der der berühmt-berüchtigten „Anderen“ zu argumentieren, können sie streng genommen für sich in Anspruch nehmen: Bücker als (vermutlich) Bio-Deutsche schon gar nicht, aber auch nicht Sanyal, die zwar eine dunkle Haut, familiär aber keine Wurzeln in der islamischen bzw. arabischen Welt hat. Nicht einmal eine arabische Muslima könnte stellvertretend für alle ihre „Schwestern“ sprechen. Dazu ist der Islam zu facettenreich, die Geschichte arabischer Länder zu wechselhaft und last but not least sind alle Menschen Individuen, ganz gleich, aus welcher Kultur sie stammen. In einer demokratischen Gesellschaft sollte jedem und jeder die Möglichkeit zugestanden werden, ein Wörtchen mitzureden.

DIE BEFREIUNG DER MUSLIMISCHEN FRAU

Fest steht jedenfalls: Die Burka und auch der Niqab sind nicht „typisch“ für den Islam. Deshalb ist es auch falsch und scheinheilig, zu behaupten, man setze sich „für die Befreiung der muslimischen Frau“ – vom Joch der westlichen Bevormundung – ein. Von deutscher Seite, wie es bei der Burka-Debatte z. T. der Fall war, wirken solche Argumente besonders widersprüchlich: Eine fremde Kultur will „die Muslima als solche“ von der fremden Kultur befreien? Natürlich steht es uns ebenso wenig zu, „die muslimische Frau“ in die andere Richtung zu „befreien“ – von der Unterdrückung durch den Islam, den arabischen Mann oder was auch immer. Das müssen die Frauen schon selbst tun. Allerdings können wir durchaus miteinander reden. Gern auch über deutsche Männer und deutsche Gepflogenheiten.

MIT „KANONEN AUF SPATZEN SCHIEßEN“?

Aber zurück zum Burka-Verbot im Rahmen der inneren Sicherheit, als Schutz vor terroristischen Anschlägen. Der wesentliche Grund für das Burka-Verbot in Frankreich und auch in Ländern wie Tunesien war, dass die Person hinter dem Gesichtsschleier nicht identifizierbar ist. Viele Gegner des Burka-Verbotes halten dagegen, dass das Verbot die furchtbaren Anschläge von Paris und Nizzza nicht verhindert habe. Ganz von der Hand zu weisen ist das als Argument nicht. Und vielleicht ist es wirklich in gewisser Weise ein „mit Kanonen auf Spatzen“ schießen, wenn man den Kampf gegen den Terror in erster Linie an einem Bekleidungsstück für Frauen festmachen will.

DIE MUSLIMISCHEN COMMUNITIES UNTER DRUCK

Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Erlaubnis der Burka, mehr noch das entschiedene und sehr lebhafte Engagement der Deutschen gegen das Burka-Verbot, Konsequenzen für die hier lebenden muslimischen Communities haben kann, besonders für die Frauen. Als es zur Debatte stand, ob eine deutsche Lehrerin ein Kopftuch tragen darf, fiel es mir nicht schwer, mir eine Meinung zu bilden: Entweder sind religiöse Symbole an öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten – dann dürfte aber auch das Kruzifix nur an konfessionellen Privatschulen hängen, nur dort dürfte ein Kettchen mit Kreuzanhänger getragen werden – oder aber es ist das gute Recht einer muslimischen Lehrerin, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Sie beeinträchtigt ja niemanden damit. Nur wenn sie es tun würde, wenn sie Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, z. B. als „Schlampen“ vorführen würde, die sich nicht wundern dürften, wenn die Jungs sie respektlos behandeln – dann wäre das Kopftuch ein Problem. Allerdings darf auch ein Lehrer, der der AfD oder Pegida nahesteht, das seine Schüler nicht spüren lassen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Neutralität wahren. Das gilt für alle gleichermaßen.

Was Burka und Niqab betrifft, ist es allerdings nicht damit getan, darauf zu verweisen, dass Deutsche ja auch Krachtlederne und Dirndl tragen dürften. Der Haken ist die Freiwilligkeit. Nur sehr wenige Frauen würden sich wahrscheinlich auch dann vollständig verschleiern, wenn sie das Einverständnis ihrer Familien und/oder Ehemänner hätten, sich westlich zu kleiden oder „nur“ Kopftuch zu tragen. Umgekehrt würden es aber wohl auch nur wenige wagen, sich den Zorn der Eltern, Geschwister und Nachbarn zuzuziehen, vielleicht sogar den vollständigen Bruch mit der Familie zu riskieren, wenn sie den Schleier ablegen. Wäre die Burka verboten, gäbe es ein kleines Schlupfloch. Ist sie erlaubt und wird diese Erlaubnis vielleicht sogar von weiten Teilen der Gesellschaft ausdrücklich begrüßt, muss sie vermutlich da, wo Wert darauf gelegt wird, auch getragen werden. Konservativ-religiöse Kräfte würden innerhalb der muslimischen Communities mehr Gewicht erlangen.

BURKA-VERBOT = BURKINI-VERBOT?

Einen deutlich anderen Akzent hat das „Burkini“-Verbot, das im Moment in Frankreich diskutiert wird. Der „Burkini“ ist eine Badebekleidung für muslimische Frauen, die nicht allzu viel Haut zeigen wollen. Im Prinzip ist es wie eine Leggings mit einem langärmligen T-Shirt, darüber ein kurzes Spaghetti-Trägerkleidchen und oben herum ein Kopftuch. Ein ähnlicher Style war vor ein paar Jahren in Berlin in Mode, ohne Kopftuch auch unter nicht-muslimischen Frauen. Ein Sicherheitsrisiko kann man im „Burkini“ wohl nicht sehen. Und ob die Freiheiten der Frauen, die ihn tragen, eingeschränkt sind oder nicht, hängt nicht von dem Kleidungsstück ab, sondern vom sozialen Umfeld der „Burkini“-Trägerinnen. Vermutlich richtet sich das „Burkini“-Verbot daher tatsächlich eher gegen die öffentliche Sichtbarkeit eines Islam, der sich von europäischen Sitten abgrenzen will, als dass es die französische Gesellschaft besser vor Terrorismus schützen würde.

OFFENHEIT ALS PRINZIP

Dennoch: Der radikale Islam ist weder eine Naturgewalt, noch etwas, das typisch für die arabische Welt wäre. Dass immer mehr junge Leute Halt im Salafismus suchen und vielen von ihnen sich leicht manipulieren und für Terrorakte rekrutieren lassen, hat wohl in erster Linie soziale Ursachen. Vielleicht würde es sich lohnen, Debatten und Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Bosnien, Belgien, Tunesien und anderen Ländern zu beobachten, zu vergleichen und sich da, wo es möglich ist, miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen oder wenigstens aus den Fehlern der anderen zu lernen. In jedem Fall aber muss die öffentliche Debatte hierzulande offen bleiben, auch kritischen Stimmen zur Burka gegenüber. Das zumindest ist meine Meinung und ich bin noch nicht einmal für ein Verbot.

 

Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

CD1A

1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

CD2

2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

CD3

3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

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4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

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5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

CD6

Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.