„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Homosexuell und rechts – geht das?

Anmerkung: Meine Geschichte „Terror!“ werde ich wegen des Terroranschlags in Berlin zu einem späteren Zeitpunkt weiter erzählen …

Mittlerweile ist es durchgesickert. Es gibt sie: homosexuelle AfD-Mitglieder, ob Mirko Welsch oder Alexander Tassis, Alice Weidel oder Jana Schneider, queer geht also auch rechtspopulistisch. Warum bloß? … werden sich jetzt viele fragen. Steht Homosexualität, mehr noch Queer, nicht für Liberalismus und eine fortschrittliche Gesinnung, für Weltoffenheit und Toleranz. Na ja. Wenn man denkt, dass alle Schwarzen begnadete Soulsänger sind, mag man sich die Welt so zurechtbiegen. Klar ist: Homosexualität gibt es überall auf der Welt. Sie kommt in allen sozialen Schichten vor und wenn man sie sich nicht gerade im Zuge eines trendy Queer-Chic „aussucht“, ist mit der sexuellen Orientierung auch keine bestimmte Weltsicht verbunden. Alle politischen Überzeugungen, Weltsichten und Lebensstile, die es so in einer Gesellschaft gibt, gibt es also auch unter den Homosexuellen dieser Gesellschaft.

Jan Schnorrenberger formuliert es auf seinem Blog „Spektrallinien“ in dem Blogbeitrag „Der rosarote Dolchstoß“ folgendermaßen: „Schwuler Rechtspopulismus ist eine Ergänzung zu klassischen Argumentations- und Deutungsmustern des westlichen Rechtspopulismus.“ Er hebt hervor, dass die rechtspopulistische AfD für sich reklamiert, den „bürgerlichen“ Teil der LGBT-Community zu vertreten, der als der nicht „linksgrüne“ Teil der Community gedeutet wird. Vielleicht wählt, wer schwul ist und die Grünen und die Linkspartei nicht so prickelnd findet, deshalb nicht unbedingt gleich die AfD – es gibt ja auch noch FDP und CDU und die Möglichkeit, sich gar nicht irgendwie politisch zu positionieren. Aber, und das erwähnt auch Schnorrenberger, Parteien mit klar islamfeindlichen Positionen können natürlich bei Schwulen Punkte machen, die Angst haben, von jungen Türken und Arabern zusammengeschlagen zu werden. Immerhin sind solche Ängste nicht ganz unbegründet und wer allzu scharf darauf beharrt, im Rahmen einer etwas überspitzt aufgefassten Willkommenskultur Partei für junge Muslime zu ergreifen, muss sich vielleicht nicht wundern, wenn andere Minderheiten sich allein gelassen fühlen. Aber vielleicht geht es in solchen Fällen auch eher um eine plumpe und aufgesetzte Parteilichkeit als um echte Toleranz, die eher auf Ausgleich und freie Entfaltungsmöglichkeiten für alle setzen würde. Jan Schnorrenberger zieht jedenfalls für sich den Schluß: „Eines muss uns klar sein: Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen. Aber unsere Emanzipation kann und wird niemals auf dem Rücken anderer Minderheiten erfolgen können.“

Querfront: Oder Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (I)

Kaum jemand traut sich wirklich an das Thema LGBT und Rechtspopulismus heran, denn zu hartnäckig halten sich Vorurteile, wie etwa, dass Schwule generell sexuell freizügig seien und sexuelle Libertinage gleichbedeutend mit einem liberalen Denken ist oder dass Schwule als Randgruppe und „Opfer dieser Gesellschaft“ zwangsläufig solidarisch mit anderen seien, die Diskrimierung und Ausgrenzung erleben. Vielleicht besteht auch eine gewisse Furcht, die – ja, das denke ich – tatsächlich mit einem Minderheitendiskurs zu tun hat, der mittlerweile heillos überzogen und oft einfach nur noch hysterisch ist, und man möchte die LGBT-Gemeinde nicht brüskieren. Dabei tut man allerdings niemandem einen Gefallen. Außer vielleicht den Rechten: Denn wer darauf beharrt, dass auch Leute, die eigentlich rechts sind, als „links“ wahrgenommen werden sollen – eben weil es so gut in das eigene Weltbild passt – der provoziert damit nicht nur den Unmut derer, die sich dadurch gegängelt fühlen. Man arbeitet auch der neuen Rechten fleißig in die Hände, die wie ihr Vordenker, der Franzose Alain de Benoist (geb. 1943), auf Querfrontstrategien setzt und – in Anlehnung an den linken (!) italienischen Theoretiker Antonio Gramsci (1891 – 1937) – das Einsickern rechtsextremen Gedankengutes in die Gesellschaft als neue, hippe (Sub-)Kultur vorrantreiben möchte.

Dennoch ist fraglich, ob der Konservative, der zufällig auch schwul ist, wirklich der einzige Fixpunkt eines queeren Rechtspopulismus ist oder ob nicht ganz andere Akteure eine viel größere Rolle spielen, Menschen, die von außen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht unbedingt als „konservativ“ im Sinne von „altmodisch“ und „traditionsbewusst“ erkennbar sind.

Da ist zum Beispiel der Brite Milo Yiannopoulos (geb. 1983), ein abgebrochener Literaturstudent, der einen griechischem Vater hat und queer ist – eigentlich ganz der Prototyp des modernen, fluide Identitätskonzepte und sexuelle Offenheit bejahenden jung-dynamischen Kosmopoliten. Yiannopoulos, der als Journalist über Tech-Culture schreibt, fiel das erste Mal im Rahmen des sog. „GamerGate“ auf: Auslöser der frauenfeindlichen Hexenjagd, bei der es angeblich nur darum ging, Korruption im Tech-Journalismus kritisieren, war der Ex-Freund der amerikanischen Spiele-Entwicklerin Zoe Quinn, der Quinn vorwarf, mit einem Tech-Journalisten ins Bett gegangen zu sein, damit dieser ihre Spiele wohlwollender rezensiere. Yiannopoulos mischte kräftig mit.

Masculinism & Tribalism: Eine neue, kernige Männlichkeit

Der hippe Brite, der auch für den designierten US-Präsidenten Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und als Protagonist der „Alt-Right“, der „Alternative Right“ gilt, einer neu-rechten Bewegung in den USA, macht aus seiner Verachtung für Frauen keinen Hehl. Damit steht er weder in der neuen Rechten noch in der queeren Szene allein da. Gegen Jack Donovan (geb. 1974) etwa ist die abstrus muskelbepackte Berliner Szene-Größe Rummelsnuff (über dessen politische Ansichten mir nichts bekannt ist) eher ein kleines Licht. Donovan vertritt eine archaische, körperbetonte Männlichkeit, die ohne Frauen auskommt bzw. sie in die Rolle bloßer Statistinnen der Menschheit verweist. Dabei wird das eigene „Mann-sein“ durch Tribal-Symbole aus der Techno-Szene unterstrichen. Ebenso wird die Bildsprache des Death Metal aufgegriffen und hier und da eine stilisierte faschistische Symbolik eingestreut. Donovan selbst umschreibt sein Lebensgefühl mit Begriffen wie „Masculinism“, „Tribalism“ und „Barbarism“. Er wurde auch bereits von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Europa und speziell auch im deutschsprachigen Raum rezipiert. Bei soviel testosteronstrotzender homosexueller Männlichkeit im rechten Lager wundert es nicht, dass auch der Publizist Martin Lichtmesz (geb. 1976) (bürgerlich: Martin Semlitsch) , der der österreichischen neuen Rechten zugeordnet wird und lange in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, bereits 2010 in dem neu-rechten Online-Magazin „Sezession“ eine neue maskuline Art des Schwulseins beschrieben hat.

Natürlich ist nicht jeder, der eine kernige, muskelbepackte Männlichkeit sexuell anziehend findet, deshalb rechts. Außerdem spiegelt der Gedanke des „Masculinism“ im Grunde nur differenzfeministische Konzepte à la „die Frauen bleiben unter sich und machen es sich miteinander nett“. So gesehen nimmt es sich wie ein bizarrer, ins Homosexuellenmilieu verlegter „Kampf der Geschlechter“ aus, bei dem sich beide Parteien trotzig auf sich selbst zurückziehen. Aber so lange eine konservative, auf strikte Differenz angelegte Wahrnehmung der Geschlechter – anders als bei Yiannopoulos und Donovan – nicht mit einer Abwertung des anderen Geschlechtes einhergeht und keine gesamtgesellschaftlichen politischen Forderungen daraus gezogen werden, kann man solche Sichtweisen vielleicht als „Geschmackssache“ abhaken.

Das Manifest der Alt-Right-Bewegung

Allerdings ist fraglich, ob das neue „Traditionsbewusstsein“ in Punkto Geschlechterrollen so gedacht ist, dass es sich auf ein subkulturelles Milieu beschränken soll. Immerhin hat Milo Yiannopoulos im März diesen Jahres gemeinsam mit dem halb britisch- halb-pakistanischen Publizisten Allum Bokhari das Manifest der „Alt-Right“-Bewegung zu Papier gebracht, das in dem neu-rechten us-amerikanischen Online-Magazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde. Angesprochen werden darin sowohl das Provokative, jugendlich-Rebellische, das die neue Rechte für sich in Anspruch nehmen will, als auch das „natürliche Konservative“, bei dem es v. a. um den Erhalt des eigenen „Stammes“, der eigenen Sippe gehen soll und das in etwa dem Ethnopluralismus der europäischen „Identitären Bewegung“ entspricht, auf die sich Yiannopoulos und Bokhari auch beziehen. Man hebt außerdem die eigene Intellektualität hervor, die die „Alt-Right“-Bewegung von den dumpfen, ordinären und aggressionsgeladenen britischen Skin-Heads der 1970er und 1980er Jahre abgrenzen soll. Ebenso sind Yiannopoulos und Bokhari bedacht darauf, nicht mit offen rassistisch auftretenden Extremisten in einen Topf geworfen zu werden.

Schließlich betonen beide, dass sie rassistische und antisemitische Äußerungen – sofern sie selbst oder ihre Freunde sie machen – als „ironisch gemeinten“ Witz verstanden wissen wollen – eine Auflehnung gegen das starre Korsett der Political Correctness also, weiter nichts. Der beste Beweis: Sowohl Yiannopoulos als auch Bokhari sind „racially mixed“, haben jeweils ein Elternteil mit Migrationshintergrund, Yiannopoulos ist dazu noch schwul, sie haben einen Haufen schwuler jüdischer Freunde, überall steckt also ein bisschen „Minderheit“ in der „Alt-Right“-Bewegung. Können solche Menschen Rassisten sein? Antisemiten?

Eigentlich könnte ich diese eher rhetorische Frage mit einem Verweis auf den Anfang dieses Textes beantworten. Rassismus kommt sogar in Afrika vor. Nein, nicht unbedingt nur gegen Weiße, sondern auch Schwarze gegen andere Schwarze. In dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste wurde Ausländerfeindlichkeit um das Jahr 2000 sogar zu einem richtigen Problem. Und klar, allen, die den Antisemitismus der „Alt-Right“-Bewegung ( zu Recht!) beklagt haben, wäre leicht eins reinzuwürgen: „Breitbart“, das Sprachrohr der Bewegung ist nicht nur von einem Juden gegründet worden. Das Online-Magazin hat außerdem eine Dependance in Jerusalem. Rechtes Denken kommt eben auch in Israel an. Das Bedürfnis nach sozialer Ab- und Ausgrenzung und von außen besehen meist vollkommen abstrus erscheinende Überlegenheitsgefühle existieren leider überall auf der Welt. Und faschistische Experimente hat es auf so ziemlich jedem Kontinent gegeben. Das Gegenteil, so sollte man hier allerdings nicht vergessen, zu erwähnen, gilt allerdings auch: Ideen von sozialer Gerechtigkeit und Toleranz sind etwa so alt wie die Menschheit. Kulturelle Differenz scheint in dieser Hinsicht wohl eher nicht den Ausschlag zu geben.

Minderheitenrechte: Die Linke als Helfershelfer der neuen Rechten (II)

Eines fällt allerdings auf: Yiannopoulos und Bokhari stürzen sich geradezu auf linke Diskurse zur „selbstbewussten Aneignung“ diskriminierender Begriffe. So hat Yiannopoulos 2015 eine Vortragstour durch us-amerikanische Universitäten „The Dangerous Faggot Tour“ – „die Tour der gefährlichen Schwuchtel“ – genannt und Bokhari bezeichnet sich im Internet als „resident kebab at Breitbart Tech“. Ein derartiges Pochen darauf, die diskriminierte Minderheit zu sein, wirkt irgendwie weinerlich und zynisch bei Menschen, die für sich selbst sehr wohl das Recht beanspruchen, andere zu mit Verachtung und Herablassung zu behandeln. Zudem wirkt Bokhari, zumindest auf Fotos im Internet, kaum dunkler als Laila Phunk. Warum also sollte man/frau es sich gefallen lassen, sich von einem solchen Mann, der sich selbst als rassistische Sprüche klopfender „schlimmer Finger“ gerieren will und sich dabei auf seinen eigenen Status als „Man of Color“ beruft, als RassistIn abstempeln zu lassen? Gilt hier nicht eher der berühmt-berüchtigte Kategorische Imperativ nach Kant? Zu gut Deutsch: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch niemand anderem zu?

Berlin: Kosmopolitismus und SS-Ästhetik

Der Kosmopolitismus und die Buntheit von „Alt-Right“-Akteuren, wie Yiannopoulos und Bokhari, gemischt mit frivoler SS-Ästhetik und einem ziemlich dünkelhaften Wohklstandschauvinismus findet sich auch in der Berliner queeren Szene wieder. Ebenso das aggressive Pochen auf den Minderheitenstatus und das Beharren auf „Mikroaggressionen“, die einem angeblich entgegengebracht werden. Damit ist so ziemlich jedes Verhalten gemeint, das nicht nett, entgegenkommend und bewundernd-bestärkend ist. Klar, dass natürlich jede und jeder „weiß“ in jeglicher Hinsicht ist und natürlich hetero- bzw. cis- bzw. idealerweise sogar assexuelle, der den Leuten mit ihrem „besonderen“ Lifestyle nicht so schmeckt. Gelegentlich möchte man den knallharten Macho-Lesben, die sich über die fiese „Mehrheitsgesellschaft“ echauffieren, am liebsten ins Gesicht spucken, wenn dann wieder herauskommt, dass diese Frauen eigentlich ja bi sind. Vielleicht noch nicht einmal das. Jedenfalls sollte frau nicht den Fehler machen, irgendeinen x-beliebigen Mann in einem Kreuzberger Szene-Club nach dem Weg zum Klo zu fragen. Es wird nachher heißen, man habe sich an irgendjemanden „herangemacht“, der eigentlich einer anderen „gehörte“. Womit natürlich die eigene Heterosexualität und Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft ein für alle Mal unverbrüchlich nachgewiesen ist. Mit Männern sprechen dürfen sowieso nur diese Frauen. Einige haben sich mittlerweile allerdings selbst als assexuell, also als eigentlich gar nicht an Sexualität interessiert (oder unfreundlicher: „frigide“), geoutet. Das hätte ich mir denken können. Gerade weil ich es oft genug am eigenen Leib erfahren hatte, wie speziell die Frauen (aber auch einige „queere“ Männer) einen manisch als „für Männer unattraktiv“ abwerten, lag es nahe, anzunehmen, dass es mit der „Homosexualität“ dieser Frauen eigentlich nicht so weit her ist. Dafür sprechen auch die sexuelle Übergriffe auf andere Frauen, die angeblich „zu notgeil“ sind, was man bzw. frau ihnen dann „austreiben“ muss. Dann wieder wird behauptet, man habe sie „angemacht“ (meist gerade die Frauen, die man – vorsichtig formuliert – nicht ganz so atraktiv findet), weshalb auf „Rache“ gesonnen wird. Wenn erwachsene Frauen (also Frauen, die Ende 20, über 30, z. T. sogar über 40 sind!) sich zudem selbst in aller Öffentlichkeit dauernd als unersättliche Sex-Bomben produzieren, die mehr oder weniger jede Nacht quer durch alle Betten hoppen, kommt man einfach irgendwann darauf, dass da irgendwie ein problematisches Verhältnis zur Sexualität dahinter steht.

Wahnsinn und Gewalt – die dunkle Seite von Queer

Der sog. „Queerfeminismus“ und seine diversen Unterströmungen wie „Sex Positive“ und „Fat Empowerment“ haben das immer wieder thematisiert. Und es ist sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Frauen sich mit ihrem Körper und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Essstörungen auseinandersetzen. Aber es wird bedenklich, wo die Grenzen anderer Menschen für die Selbsterfahrung und -findung solcher Frauen verletzt werden. Das passiert tatsächlich und es wird zumindest zum Teil durch linke Minderheitendiskurse und queerfeministische Theorien gedeckt, wie u. a. die Geschichte von Megi und Melina zeigt. Eigentlich waren es wohl zwei pubertierende Mädchen, die einmal ganz eng miteiander waren, wie das bei Mädchen in dem Alter manchmal der Fall ist. Dann beginnt Melina, sich für Jungs zu interessieren. Die Busenfreundin kann sie nicht gehen lassen und rastet aus. Megi schlägt Melina einfach tot und bereut es hinterher nicht einmal wirklich. Auf Spiegel Online berichtet Benjamin Schulz von dem Mordprozess in Münster. Es ist von „schwere(r) seelischer Abartigkeit“ die Rede. In der „Zeit“ werden die Mädchen dagegen zu einem jungen lesbischen Paar. Daniel Müller, der Autor des im Mai 2016 erschienen Artikels beschreibt Megi, die Mörderin zwar als Mobbingopfer aus desolaten familiären Verhältnissen, aber in seiner Version der Geschichte ist sie auch eine „Leitwölfin“, eine starke, von allen geachtete Anführerin also. Genau das wollen vermutlich viele Frauen aus der queeren Szene hören: „Transmänner“, genderqueere „dominante“ Frauen und „Pascha“-Lesben, nicht wenige mindestens ebenso pfundig bzw. stark adipös wie Megi, viele aber sicher mit einem stabileren familiären Hintergrund.

Megi ist leider kein Einzelfall. Der Berliner Piratenpolitiker Gerwald Claus (geb. 1972) erfand sich von einem zweiten Nachnamen, über den Geburtstort bis hin zu einer imaginären „schweren Krankheit“ an der er angeblich litt, sein Leben einfach neu. Der stämmige blonde und ausgesprochen große Mann, der aus einem rechtsradikalen Elternhaus stammte, war schwul oder bisexuell und ermordete im September diesen Jahres einen jungen Mann, der seine Liebe nicht erwiderte und dem er offenbar seit geraumer Zeit nachstellte.

Selbst mit sehr viel Schönfärberei kann man wohl getrost festhalten, dass Claus unter psychischen Problemen litt. Er fiel zudem offenbar, wie Naemi Goldapp in der „Welt“ schreibt, desöfteren als aggressiv und frauenfeindlich auf. Auch von Mobbingvorwürfen ist die Rede.

Vermutlich hätte man sowohl die junge Megi als auch den aggressiven, orientierungslosen Gerwald Claus davor bewahren können, zu Mördern zu werden. Zumindest Claus fehlte es ja auch nicht an Menschen, die ihn unterstützten und wertschätzten, die seinen Ausfällen und schrillen Aktionen mit Nachsicht begegneten und immer neue Ausreden und Entschuldigungen für ihn bereit hielten. Manchmal ist Toleranz allerdings nicht die beste Wahl. Sozialarbeiter und gute Therapeuten hätten Megi sicher helfen und ihr die Perspektive bieten können, die Gerwald Claus nicht einmal missen musste, aber anstatt zwei antisoziale Persönlichkeiten als „Exoten, für die man Verständnis haben muss“ schönzureden, wäre es zu allererst nötig gewesen, ihnen rechtzeitig Grenzen aufzuzeigen.

Milo Yiannopoulos, Allum Bokhari, Gerwald „Faxe“ Claus und „Megi“: Sie alle sind Menschen, de zwar Toleranz und Nachsicht für sich einfordern, sich selbst aber davon entbunden sehen, ganz gleich ob aus psychischem Unvermögen oder aus knallhartem politischen Kalkül. Der Opferstatus verspricht solchen Leuten jedenfalls eine bizarre Macht. Das kann sich in einer agressiven Verächtlichkeit und Herablassung anderen gegenüber äußern und bläst so manches labile Ego derart monstruös auf, dass man sich fragt, ob der Schritt zu einer politisch-faschistisch aufgeladenen Bösartigkeit vielleicht nicht mehr allzu groß ist.

Die neue Rechte: Alles eine Frage der Minderheiten?

Da es hier ausschließlich um rechtskonservative bis -extremistische Einstellungen unter Homosexuellen und sich als „queer“ definierenden Menschen ging, sollte ich abschließend vielleicht das eine oder andere gerade rücken: Weder sind Homo-, Bi- und Transsexuelle „anfälliger“ für rechte Ideologien als andere Menschen, noch macht sich der Rechtsruck, der derzeit durch unsere Gesellschaft geht, vor allem am Queer-Milieu fest. Dieser Text ist keinesfalls als „Anklage“, „Schlechtmachen“ der Szene oder „Nestbeschmutzerei“ zu verstehen, sondern soll eine Hilfestellung im Umgang mit der neuen Rechten bieten. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe u. a. solche Leute am Hals und bin mir sicher, dass es einen Zusammenhang – perverserweise! – zum linken Milieu und zur queeren Szene gibt. Die neue Rechte ist gerade deshalb gefährlich, weil es nur ein loser Zusammenschluss verschiedener rechter Strömungen ist, eine Art Gewebe oder eine politische Landkarte mit unterschiedlichen Zentren. Alle diese rechten Bewegungen und Subströmungen arbeiten mit Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber wenn man sie damit konfrontiert, wird jede darauf verweisen, dass sie doch gar nicht (homophob, ausländerfeindlich, antisemtisch, elitär, usw.) seien (Sie haben doch solche Leute sogar in ihren eigenen Reihen!) Was aber Freunde oder Leute, mit denen sie mal zusammen auf einem rednerpult machen, dafür können sie schließlich nicht …. Deshalb ist es wichtig, sich nicht auf einen plakativen Minderheitendiskurs zu versteifen, der eine breite, bunte „Minderheitenfront“ gegen die graue, böse und tendenziell rechtslastige „Mehrheitsgesellschaft“ auffahren will und pedantisch auf einer überzogenen Form von politischer Korrektheit pocht. Stattdessen sollte man lieber verstärkt Diskriminierung im Allgemeinen, als Handlung an sich bekämpfen. Das würde Neu-Rechten den Wind aus den Segeln nehmen und nur so, denke ich, wird man ihnen auch langfristig etwas entgegensetzen können.

 

 

Sozialpolitik oder Unisex-Klos?

Tja, das Thema Carolin Emcke bewegt die Gemüter offenbar immer noch. Jetzt geht es offenbar darum, wer das Soziale und die Armut für sich gepachtet hat. „Der opportunistische Ruf nach ‚dem Sozialen’ führt eben nicht zu Inklusion, im Gegenteil: Er markiert Menschen in prekären Lebensumständen auch als geistig arm, als der geforderten Anerkennung nicht fähig.“ schreibt Birte Förster im Merkur.

Aber wer hat das denn behauptet, dass Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf jeden Fall schon einmal von vornherein Feinde „der anderen“ sind, der Flüchtlinge und Migranten, Homo- und Transsexuellen, Schwarzen und People of Color, Juden, Behinderten, usw.? Waren es nicht gerade jene Menschen um Carolin Emcke herum, die glaubten, jedes soziale Engagement, das nicht in erster Linie Flüchtlingen zu Gute kommen sollte, sei ein „rechts Blinken“? Vorsicht also vor dem Sozialstaat und vor Mitgefühl mit Armut, sonst ist es nicht mehr weit bis zu einem neuen nationalsozialistischen Terrorregime?

Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ angemerkt, „Man wird den wütenden Einwohnern von sozialen Brennpunkten in westdeutschen Städten wie Duisburg, die einer konfliktreichen Armutszuwanderung ausgesetzt sind, kaum mit dem Argument zu Leibe rücken können, sie hätten eine nostalgische „Phantasie der gemeinsamen Zugehörigkeit“ oder lebten in der irrigen Annahme von „organischer Einheitlichkeit“ einer Nation, Gesellschaft oder ihres Stadtviertels.“

Das habe ich als konstruktive Kritik an Carolin Emcke verstanden, denn der Verdrängungsprozess, dem arme „Inländer“ – und zwar sowohl Deutsche als auch Migranten! – durch Zuwanderung ausgesetzt sind, ist kein Konstrukt und keine rechtsextreme Wahnphantasie, sondern leider höchst real. Das Problem ist, und das merkt auch Soboczynski an, dass es hier, sehen wir mal von rechtspopulistischen Parolen ab, keine einfachen Antworten gibt.

Dabei wäre es tatsächlich von vordringlicher Wichtigkeit, zu überlegen, wie man diese sozialen Verdrängungsprozesse aufhalten und die durch Zuwanderung entstehenden sozialen Probleme abfedern kann. Dazu aber braucht es mehr Hirnschmalz, Kreativität und Kompetenz in sozialpolitischen und volkswirtschaftlichen Fragen, als viele aufzubringen bereit sind (oder können, klar!). Carolin Emcke ist der Frage, wie Soboczynski schreibt, ausgewichen. Man kann ihr das nicht persönlich anlasten, aber es macht auch niemanden „rechts“ sich etwas konkreter mit sozialem Sprengstoff auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: wenn es weiter so läuft, wie bisher, dann haben wir es irgendwann, dass neue nationalsozialistische Terrorregime.

Und nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Gewichtung. Dass es z. B. nicht zuviel verlangt ist, wenn Transsexuelle die Toilette benutzen möchten, die ihrem Geschlecht entspricht, auch wenn es nicht ihr biologisches Geschlecht ist, erschließt sich leicht. Da geht’s nur ums Pinkeln. Jede und jeder für sich in der Klokabine. Was kann man schon dagegen haben?

Wenn nun aber das Thema „Unisex-Toiletten“ und zwar flächendeckend und verpflichtend für alle, Thema Nummer 1 auf jeder sozialen Agenda sein muss, ist das etwas anderes. Es ist zumutbar, dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ihre Identität auf dem Klogang zum Ausdruck bringen möchten, dann eben abwechselnd das Männerklo und die Frauentoilette benutzen. Das sind einfach Luxusproblemchen, die nur eine verschwindend geringe Zahl an Menschen betreffen, denn sogar die meisten Intersexuellen sind äußerlich einem Geschlecht zuzuordnen und identifizieren sich meist auch damit. Auch wirklich transsexuelle Menschen, die sich von Kindesbeinen an als das andere Geschlecht identifizieren, sind sehr viel seltener, als man mittlerweile denken könnte. Dafür weiß jeder, der mit dem Thema Queer ein bisschen Erfahrung hat, dass die Zahl derer, die Aufmerksamkeit wollen und denen es Vergnügen bereitet, andere damit zu drangsalieren, dass sie sie angeblich nicht „als die, die sie wirklich sind“ „erkennen“ (was auch immer mal wieder wechseln kann. Ganz abgesehen davon, dass solche Leute meistens nicht eine Sekunde daran verschwenden, darüber nachzudenken, wer denn ihr Gegenüber ist und welche Gefühle es vielleicht hat, außer vielleicht, dass klar sein muss, dass es kein Anrecht auf was auch immer hat) und wie sie sich ihnen gegenüber zu verhalten haben.

Was denken sich solche Leute eigentlich? Ich hatte mal eine (stark übergewichtige) Ostdeutsche am Hals, die mich des „ausgrenzenden Sprachgebrauchs“ schuldig gesprochen hatte, weil ich von „wir“ und „ihr“ gesprochen hatte, also von der BRD und der DDR, von der Zeit, als es noch zwei Staaten waren. Hätte ich „wir“ gesagt, nur „wir“, hätte die Frau mir vorgeworfen, sie nicht in ihrer Besonderheit erkannt zu haben. Offenbar rechtfertigt es ein solcher Schwachsinn aber, Menschen ganz konkret auszugrenzen und sie über Jahre zu mobben.

Tut mir leid, aber wer so argumentiert, muss sich auch nicht wundern, wenn man für das angebliche „Leid“ solcher Menschen unempfindlich wird. Ganz abgesehen davon, dass ich es wirklich pervers finde, wie sehr sich diese Leute um die Position des „anderen“, Ausgegrenzten, prügeln. Warum muss man hier Mitleid haben, braucht es hier eine Menge Empowerment und Affirmative Action, während man sich da Ausfälle wie „unwertes Leben“ und „Dose auf Dose klappert gut!“ gern erlauben darf?

Es ginge um den Körper, versicherte man mir. Ja, aber gerade der dickliche, große, blonde Frauenkörper hat eigentlich in Deutschland keinerlei Berechtigung, als „andersartig“ wahrgenommen zu werden, entspricht er doch dem von den Nationalsozialisten propagierten Ideal des „Herrenmenschen“. Sarkastisch könnte man anmerken, dass schon einmal ein paar Millionen Menschen für das „Selbstbewusstsein“ solcher Frauen sterben mussten. Bitte nicht wieder!

Wobei ich nicht werten will. Auch kleine, schmale, androgyne, dunkelhäutige und -haarige Menschen sind nicht die besseren Menschen. Gerade nach der Erfahrung von Auschwitz und weil die Menschenrechte keine neue Mode sind, an die man sich erst noch gewöhnen müsste, müsste eigentlich klar sein, dass Dinge wie Körper, Hautfarbe, Ethnie (oder auch „Rasse“, je nachdem, wie man will) einfach nichts damit zu tun haben, wie ein Mensch so ist. Es geht eben nur darum, dass Bevorzugtwerden nicht drin ist, wenn man den historisch tradierten Idealvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Daran kann auch der linguistic turn nichts ändern. Man kann „Andersartigkeit“ nicht einfach herbeirreden, indem man von „Ausgrenzung“ spricht und „Privilegierung“ meint.

Aber diese Leute wollten es sich aussuchen können. Das ist das Problem und vielleicht auch der Grund, warum so viele „Lesben“ homophob sind und warum Frauenhass, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der queeren Subkultur durchaus ihren Platz haben. Man war ja nicht immer so, v. a. nicht immer homo-, bi- und/oder transsexuell. Dafür war ein Großteil der Leute, die so sehr darauf bestehen, mit völkischem Vokabular und Nazi-Phrasen um sich zu werfen, um andere damit zu demütigen, wahrscheinlich auch vorher schon rechts und jetzt ist es eben (wieder) legitim. Weil man sich das in der Rolle „der anderen“ ja leisten kann.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal öffentlich darüber reden, dass z. B. ihr Patenonkel Alfred Herrhausen aus einer nationalsozialistischen Elitefamilie stammt, als Jugendlicher eine sog. „NS-Ausleseschule“ besuchte, wie sein Wikipedia-Eintrag ihm bescheinigt. Nein, damit will ich nicht behaupten, dass sich Herrhausen auch im späteren Leben etwa noch mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätte. Davon weiß ich ja gar nichts und da maße ich mir kein Urteil an. Nur geht es um das „personifizierte Gute“, das sich mit Flecken auf der weißen Weste (die im übrigen jeder hat) nicht halten lässt und es vielleicht sogar etwas (wirklich) Gutes wäre, über diese Flecken zu reden, im Sinne einer Auseinandersetzung und eines Zugehens auf die Bevölkerung, nicht im Sinne einer öffentlichen Selbst- oder Fremdkritik.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal darüber reden, wie es ist, unwahrscheinlich reich zu sein und von Kindesbeinen an der deutschen Elite angehört zu haben. Warum wäre das schlimm? Da mag es ja auch negative Aspekte geben, die vielleicht Menschen wie ich nicht verstehen. Vielleicht wäre es interessant, wenn Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen innehaben und nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Erfahrungen machen, sich darüber austauschen könnten.

Im Moment macht es nur eben oft den Eindruck, dass dieses Pochen auf der Position „des anderen“, der damit einhergehenden Unangreifbarkeit, der Identifikation mit allem, was irgendwie vom Mainstream abweicht und dass man anderen das abspricht, dass das in einigen Fällen möglicherweise auch nur eine Form des kaschierten, bildungsbürgerlich verbrämten Hasses ist, im Endeffekt nicht anders und nicht besser als bei den altbekannten Wutbürgern und Hatern aus dem rechten Milieu auch.

Selbst würde ich mir jedenfalls wünschen, dass, wenn mir das nächste Mal jemand „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterherruft, Menschen wie Carolin Emcke die Homophobie darin ankreiden. Dazu wäre nicht einmal eine Sympathie mit meiner Person notwendig, die ehrlicherweise auch niemand haben kann, der oder die mich nicht kennt. Anstatt laut zu überlegen, ob jemand wie ich denn überhaupt homosexuelle Neigungen haben kann – eben weil man sich da bereits ein festes Bild gemacht hatte, von einer Weiblichkeit, die zwar dominant und herrisch ist (und keineswegs burschikos), aber eben auch feminin und altmodisch auftritt und einen bestimmten Körpertyp und seine Attraktivität in den Vordergrund rückt – und ob das nicht eigentlich doch legitim ist, mich zu diskriminieren, ob nicht am Ende sogar ich die Böse bin, die versucht, etwas für sich zu beanspruchen, dass ihr doch gar nicht zusteht.

rechte Rebellen – oder: Was heutzutage cool ist

bully6Sexportale, die sich offensichtlich Ausschnitte aus meinem Blog in die Description ihrer Seiten kopiert haben. Sehr wahrscheinlich sind sie nicht von allein darauf gekommen, sondern es hat jemand nachgeholfen: In Kreuzberg hängen Queer, Porno und leider auch Rechtsextremismus zum Teil zusammen, wie ihr hier nachlesen könnt. Zum Glück ist das nicht grundsätzlich so, aber die Frage stellt sich eben schon: Was ist heute noch links und was ist rechts? Oder ist das alles eine Soße?

Von welcher Seite kommt die „konservative Revolution“?

Auf taz.de macht sich Dirk Knipphals Gedanken über Konservative. Das ist das Gebot der Stunde, denn die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben gezeigt: Zwar haben „nur“ gut 20 % AfD gewählt, aber zusammen mit der CDU immerhin 40 % konservativ. Wenn man die Wahl wirklich als „Test“ für die Bundestagswahlen 2017 sehen will, muss man sich dieser Frage stellen: Weht ein neuer konservativer Zeitgeist durch die Republik? Und warum sind links-liberale Ideen für viele Menschen nicht mehr so attraktiv? Ist das ein weltweiter Trend? Oder ist das links-liberale Denken irgendwie nicht mehr so ganz glaubwürdig? Liegt es daran, dass links und rechts allzu oft nur zwei Kehrseiten einer Medaille sind? Wenn sie es sind.

Sicher ist es nicht angebracht, die Kalte-Kriegsrhetorik von den zwei Totalitarismen Faschismus und Sozialismus aufzuwärmen. Und es ist fraglich, ob das Modell vom „Populismus“ als neuer großer Gefahr, die sowohl von links als auch von rechts kommen kann, den Kern der Sache trifft. Zudem – und das verkompliziert das Ganze: Die Rechten machen Mimikry: die rechtsextreme europaweit agierende „Identitäre Bewegung“ versucht z. B., mit den Strategien der Kommunikationsguerilla – eigentlich eine linke Erfindung – auf sich aufmerksam zu machen. Poppig-bunte Internetauftritte und Flugblätter, radikale abenteuerliche Aktionen, wie die Erklimmung des Brandenburger Tors in Berlin, sowie ein Style, der Sozialromantik und Jugendstil mischt und ins 21. Jahrhundert holen soll, geben den jungen Rechten einen linken, revoluzzerhaften Touch. Sogar die AfD, die an sich ja ausdrücklich gediegen-konservativ erscheinen will, macht mit (pseudo-)rebellischen Auftritten von sich reden.

rechte Hetze als neues Rebellentum

Bitter, aber wahr: provokant ist es heute nicht mehr, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu fordern, sondern zu sagen, dass man nicht neben einem wie Jerôme Boateng wohnen will. Das ist Revoluzzertum von rechts, eine verkehrte Welt, wenn man so will. Oder ist es am Ende eine Rebellion gegen zuviel „Gleichmacherei“?

Vermutlich würde letzteres als Deutung sowohl der AfD und ihren Wählern als auch den „Identitären“ gefallen. Ich persönlich glaube allerdings nicht daran. Dafür ist unsere Welt in den letzten 20 Jahren zuviel „ungleicher“ geworden: Man muss ja nur an die soziale Schere denken, die immer weiter auseinanderklafft.

Allerdings würden mir wohl auch viele Linke widersprechen, wenn ich behauptete, dass auch die Frauenrechte faktisch ein ganzes Stück zurückgenommen worden sind, Homosexuelle höchstens oberflächlich besser akzeptiert werden und es eher mehr Rassismus, insbesondere latenten, gibt, als weniger.

Fangen wir mit dem Rassismus an – ein Problem, das wegen der Flüchtlinge ganz besonders drückt: Rassistische Übergriffe gibt es nach wie vor. Daran hat sich seit den frühen 1990er Jahren nicht viel geändert. Neu ist, dass man mittlerweile ganz unbefangen mit rassistischen Statements umgeht. Nicht nur AfD-Politiker Björn Höcke sorgt sich beispielsweise um blonde Frauen, die er glaubt, vor vermeintlich notgeilen Flüchtlingen schützen zu müssen (Bei den Dunkelhaarigen macht das offenbar nicht so viel, wenn man die mal antatscht oder ein bisschen vergewaltigt), auch ein armenischer Bäcker hat offenbar, wie Grünen-Politiker Volker Beck vor ein paar Monaten twitterte, in einer Talkshow zum Besten gegeben, dass er bevorzugt blonde Frauen als Thekenkräfte einstelle. Dann würde mehr gekauft.

Das ist Rassismus zum Wohlfühlen. Immerhin denkt „der Ausländer“ ja genau wie die einheimischen Rassisten. Macht es das besser? Und ist da überhaupt etwas dran? Ich wäre jedenfalls im Leben nicht auf die Idee gekommen, bei einem Bäcker zu kaufen, weil er blonde Verkäuferinnen hat. Ich kann einfach solche Gedankengänge nicht nachvollziehen.

Minderheitenpolitik und Mimikry

Andererseits geht es in der Linken sehr stark um Identifikation. Tennisspielerin Angélique Kerber z. B. vertritt das neue, exotisch bunte Deutschland, auf das man gerne stolz sein möchte. Ich musste wirklich lange überlegen und grübeln und die Frau erst einmal googeln, bevor ich begriff, was an der blonden Tennisspielerin mit dem deutschen Namen so multikulturell ist: Ihre Eltern sind aus Polen eingewandert. Genauer gesagt sind es wohl Spätaussiedler, Kerber selbst erblickte aber in Deutschland das Licht der Welt. Fast könnte man unken, dass da ja sogar CDU-Politikerin und Berufsheimatvertriebene Erika Steinbach noch mehr Migrationshintergrund hat. Aber gut.

Es dürfte nicht wundern, dass Rechtsextreme genau da andocken. Der Österreicher (Achtung Migrationshintergrund! Ja, wirklich!) Martin Semlitsch etwa, firmierte im ehemals linken Berliner Szene-Stadtteil Kreuzberg als Martin „Lichtmesz“. Klar, klingt irgendwie nach „Judenname“, ein bisschen polnisch auch – Galizien lässt grüßen. Lichtmesz, der offenbar im Medienbereich tätig ist, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, macht sich in der neurechten Internetpostille „Sezession“ außerdem für Homosexuelle stark und soll selbst (Achtung Hete! Ja, wirklich!) mit einer Italienerin liiert sein oder gewesen sein. Auch das erfährt man im Internet, auf dasgespraech.de. Dort steht auch, dass Lichtmesz alias Semlitsch, „Fachmann für Subkulturen“ sei, ein „Comic-Experte“ und „Cineast“ – mit anderen Worten: Jemand, der eigentlich mit allem aufwarten kann, was im hippen Kreuzberg gut ankommt. Nur dass Semlitsch* eben wirklich rechts ist. Sorry.

Weniger aggressiv als der falsche Jude, der eigentlich ein Rechter ist, machen einen da spätberufene oder zumindest nicht ganz glaubwürdige Lesben wie die Ex-Moderatorin Ramona Leiß. Schön, die Frau hat vor kurzem wirklich eine Frau geheiratet. Genauso war sie aber in den 1980er und 1990er Jahren – als Frauen, wie die Tennisspielerin Martina Navratilová und die Comédienne Ellen DeGeneres sich outeten – noch ein Inbegriff heterosexueller Weiblichkeit. Heute heißt es (u. a. auf t-online.de), Leiß habe damals angeblich nur „offiziell“ mit Männern zusammengelebt und ihr spätes Outing habe für sie einen „Karriereknick“ bedeutet. Dass der Karriereknick schon sehr viel früher erfolgte und andere Gründe hatte, ist allerdings allgemein bekannt. Eher dürfte sich Leiß mit der neuentdeckten Homosexualität noch einmal ins Gespräch gebracht haben.

Emanzipation von der Gleichberechtigung?

Der dritte Punkt im „zuviel des Guten“-Reigen sind die neuen Transsexuellen. Es war ein langer Kampf, bis – übrigens nicht nur Transsexualität sondern auch Homosexualität – nicht mehr als „psychische Erkrankung“ angesehen wurde. Allerdings sind nur sehr wenige Menschen wirklich transsexuell. Wie den Migrationshintergrund und die Homosexualität öffnete man jedoch auch das Label „transsexuell“: Wer sich als „transgender“ definiert, darf sich auch als „Minderheit“ fühlen, wenn er oder sie gelegentlich mal Kleidung des anderen Geschlechtes trägt. Das ist fatal, wenn es um Frauen geht: Immerhin tragen heutzutage fast alle Frauen in der westlichen Welt Hosen, viele sogar Anzug. „Transident“ oder „sexuell abweichend“ sind sie deshalb nicht. Wenn man so etwas als „Minderheit“ darstellen will, würde das in letzter Konsequenz bedeuten, den Frauen wieder das Hosentragen zu verbieten, einfach weil die meisten von ihnen „zu normal“ dafür sind. Im Grunde ist die Fixierung der Transbewegung auf „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ konservativ, zumal es in den meisten Fällen tatsächlich eher um die Geschlechtsrolle geht, als um den Körper. Und das ist dann leider tatsächlich eher eine Rebellion gegen „Gleichmacherei“, als dass es irgendwie „progressiv“ wäre.

Wo das endet, macht der oben eingefügte Screeshot deutlich. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass Engagement für Migranten, Homo- und Transsexuelle etwa nicht wichtig und gut wäre. Knipphals schreibt in der taz von Liberalität und Toleranz: Beides gilt es hochzuhalten, um rechten und konservativen Kräften wieder etwas entgegensetzen zu können. Es kommt also nicht darauf an, selbst „anders“ zu sein, sondern nichts dagegen zu haben, wenn jemand anders anders ist. Ist doch eigentlich ganz einfach.

*Nur so als Nachschlag: Klar könnte sich der Neurechte Semlitsch einreden, eigentlich ein „südländischer“ Semlic zu sein. Wer weiß. Vielleicht ist er auch ein strammdeutscher Semlitz. Genau wie der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg kein Jude war, wohl aber der deutsche Entertainer Hans Rosenthal. Hitler selbst werden z. T. jüdische Vorfahren nachgesagt, was aber den Holocaust leider nicht relativiert. Auch nicht, dass schon damals viele -skis und -czyks im Ruhrgebiet lebten. Die waren aus Schlesien gen Westen migriert bzw. man hat sie eigentlich als Fachkräfte im Bergbau angeworben, weil man damals, als das mit der Kohle im Westen noch neu war, zwischen Duisburg und Dortmund nicht viel davon verstand. Einige dieser Leute waren Polen, andere Deutsche oder „gemischt“. Alle aber waren Schlesier. Ihre Nachfahren sind Deutsche. Das macht sie nicht schlechter sondern ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es Migration immer schon gab. Übrigens auch aus dem Süden. Martin Semlitsch dürfte es vielleicht freuen, dass mit Safet Babic (NPD) und Dubravko Mandic (AfD) sogar zwei echte „Südslawen“ auf „seiner“ Seite, d. h. auf der rechten, sind. So, wie es – zugegeben! – auch rechte Rossis und Bianchinis gibt. Und „Laila“ nicht nur ein arabischer Name ist, sondern auch ein finnischer … Ich denke, dass nichts davon es rechtfertigt, andere unter Druck zu setzen oder gar ein „Freibrief“dazu ist, andere Menschen zu diskriminieren oder rechtes Gedankengut zu bagatellisieren. Siehe Screenshot.

Wer ist hier die Minderheit?

Prügeln sich Rechte und Linke jetzt um die Minderheiten? In der „Zeit“ wird die Emanzipation von Schwarzen, „People of Color“, zu denen sich in Deutschland auch Spanier zählen dürfen, anderen Minderheiten und Frauen als neue linke Studentenrevolte im Geiste von 1968 gefeiert. Das begeistert offenbar gerade die, die es eigentlich mit der Angst zu tun kriegen müssten: privilegierte weiße, deutsche, heterosexuelle Frauen und Männer: Immerhin bedeutet es eigentlich, dass u. a. sogar Personen wie ich sich gegen sie auflehnen und ihnen ihre Privilegien streitig machen könnten. Und zwar mit Nachdruck. Was ist, wenn es vielleicht sogar eines Tages in gewalttätigen Aufständen endet? Angesichts dessen, was in den letzten Tagen passiert ist, wäre das doch so weit hergeholt nicht? Die „Welt“  dagegen berichtet von der anderen Seite, schreibt, dass die rechtspopulistische AfD ihre Wahlkampfstrategie um die Stimmen der Minderheiten – Kiffer, Homosexuelle und Migranten – für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wie angekündigt fortsetzt.

VERLOGENES ENGAGEMENT?

Mal abgesehen davon, dass es merkwürdig ist, wenn Latinos sich mit den Nachfahren ihrer ehemaligen Kolonialherren, den Spaniern, gegen „die Weißen“ verbünden und auch Kiffer plötzlich eine Minderheit sind – Warum kämpft man eigentlich gerade in einem westlichen Land der nördlichen Hemisphäre, in einer wohlhabenden Industrienation so erbittert für die Rechte von Schwarzen und Latinos? Warum hat man die Ehe für alle denn noch nicht eingeführt, wenn sich doch offiziell alle einig darin sind, dass das Wohl Homosexueller oberste Priorität hat? Und warum gibt es eher wieder mehr Sexismus und mehr Gewalt gegen Frauen, obwohl sich doch auch so viele Männer mit Verve für Frauenrechte stark machen?

GLEICHE RECHTE ODER SCHÖNE WORTE?

Eigentlich wird nicht nur darum gekämpft, wer sich besser und ehrlicher für Minderheiten einsetzt und wer auf mehr Gegenliebe bei ihnen stößt (die „wahren“ Vertreter der Minderheiten), es wird auch darum gekämpft, wer sich selbst als Minderheit sehen darf. Im Grunde ist das obszön. Jede Frau, der schon mal an den Busen getatscht wurde, um darauf aufmerksam zu machen, dass man sie nun einmal leider nicht ernst nehmen kann, möchte nichts mehr, als einfach gleichberechtigt zu sein. Jeder Ausländer, der schon mal in einem Restaurant nicht bedient wurde, weil man Angst hatte, sich eine Anzeige einzufangen, hätte man ihn auf direktem Wege hinauskomplementiert, hofft, dass eines Tages sein dunkler Teint einfach keine Rolle mehr spielen wird. Jede und jeder, der und die sich schon mal homophobe Sprüche hat anhören müssen, wünschte sich, Homo- (oder Bisexualität) würde so akzeptiert, dass Leute, die homophobe Sprüche machen, höchstens einen verächtlichen Blick dafür ernten.

ES SOLLTE EINFACH SELBSTVERSTÄNDLICH SEIN …

Minderheitenförderung sollte zur besseren Akzeptanz von Minderheiten beitragen. Die Idee, die ursprünglich dahintersteckte, war, dass es selbstverständlich werden sollte, dass Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Homosexuelle und soziale Aufsteiger ebenso erfolgreich in Führungspositionen sein können wie weiße deutsche Männer aus privilegierten Verhältnissen. Gezielte Förderung und eigens geschaffene Netzwerke sollten helfen, die Integration von Minderheiten möglichst schnell Wirklichkeit werden zu lassen.

WER IST HIER DIE MINDERHEIT?

Vielleicht liegt es daran, dass das Minderheitenkozept in den letzten Jahren auf der einen Seite immer stärker ausgeweitet wurde und auf der anderen Seite die reale Akzeptanz von Frauen und Minderheiten eher zurückging. Spanier sind eigentlich so ziemlich zweifelsfrei Europäer (genau wie Italiener übrigens auch, wie ich mir hier einmal erlaube, anzumerken), auch geographisch, sozial, historisch, als Abkömmlinge einer ehemaligen Kolonialmacht. Nun ist in Spanien die Arbeitslosigkeit hoch und viele hoffen, ihr Glück im wohlhabenderen Deutschland zu machen. Wirtschaftliche Probleme drücken aber auch immer noch viele Osteuropäer, die – z. T. blond und blauäugig – äußerlich aber kaum vom Stereotyp des hellhäutigen Deutschen zu unterscheiden sind. Je mehr man hier ins Detail geht und versucht, verbindliche Regeln aufzustellen, um so rassistischer wird der Diskurs: Haut-, Haar- und Augenfarbe stehen im Mittelpunkt, nicht so sehr soziale Ungerechtigkeit, obwohl es gerade darum doch eigentlich geht.

FRAUENRECHTE NUR FÜR FRAUEN, DIE NOCH WIRKLICH FRAU SIND?

Ähnlich komplex gestaltet sich die Frauenfrage. Seit den späten 1990er Jahren wurden v. a. Frauen gefördert, die sich selbst stark mit der traditionellen Frauenrolle identifizierten. Langhaarig, feminin, anschmiegsam, an Mode und den schönen Dingen des Lebens interessiert, galten sie als diejenigen, die der Vorherrschaft des „Patriarchats“ noch am ehesten ausgeliefert waren und deshalb besonderen Schutz und besondere Unterstützung brauchten. Die Lesben, Mannweiber und Lila-Latzhosenträgerinnen konnten sich doch auch so ganz gut durchsetzen, nicht wahr? Es ist eigentlich fast schon paradox, dass Feminismus vor allem den Frauen zu Gute kommen sollte, die sich über die „frigiden Emanzen“ lustig machten, aber es ging wohl auch darum, zu demonstrieren, dass Feminismus sehr wohl hübsch, modebewusst und sexy sein konnte.

LESBISCH ALS LEBENSGEFÜHL

Das führt zu Queer. Homophobie ist leider ziemlich real. Aber nicht jede Lesbe und nicht jede Transgenderperson ist wirklich echt. Absurderweise sind es z. T. alte Bekannte, die einst so hilflosen, unterdrückten femininen Frauen, die Fashion Victims und „Ich hab-Feminismus-doch-gar-nicht-nötig“-Girlies, die sich in früheren Zeiten noch so sehr vor den „hässlichen Lesben“ geekelt haben, die jetzt ihrerseits für sich in Anspruch nehmen, „sexuell abweichend“ zu sein und eben dafür „unterdrückt“ zu werden. Es wird herumgedruckst, dass es mehr um Gefühle und innige Frauenfreundschaften gehe, nicht so sehr um Sexualität. Dann wieder steht der Körper im Mittelpunkt: Gewichtsprobleme, Essstörungen, das Ringen mit den Schönheitsidealen der Modewelt – „Germany’s Topmodel“ & Co. Oder aber es geht um das Selbstbewusstsein zickiger Frauen, die erwarten, dass man (bzw. frau) mit Neid zu ihnen emporblickt und ungehalten werden, wenn man (bzw. frau) es nicht tut.

GENAU WIE MÄNNER?

„Lesbischer Machismo“ sei es halt, wenn solche Frauen andere als „Fickmaus“ verhöhnten oder ihnen penetrant auf den Busen glotzen oder auch gleich grapschen, um zu demonstrieren, dass sie sie „nun einmal nicht ernst nehmen“ könnten (siehe oben). Oder es ist Transsexualität. Oder beides. Oder vielleicht ist es am Ende einfach nur ein hilfloses Buhlen um die Sympathien sexistischer Männer? Unterdrückte Heterosexualität (Das haben Frauen wie ich euch echt voraus!)? Ein Versuch, unliebsame Konkurrenz auszuschalten?

MINDERHEITENRECHTE FÜR HÖHERE TÖCHTER?

Ich war jedenfalls erstaunt, wie sehr die neuen „Mannweiber“ die alten „Weibchen“ sind, dass ihre Interessen und ihr Lebensgefühl eigentlich zu 100% denen „höherer Töchter“ entsprechen: Klavierspielen, die Begeisterung für Hochliteratur, sich und den eigenen Körper in Tanz, Theater und Rollenspielen zu erfahren, Charity-Aktionen starten und andere, sozial niedrigrangigere Frauen anzuleiten – das 19. Jahrhundert scheint das 21. einzuholen.

EMANZIPATION ODER GLOBALISERUNGSANGST?

Nun habe ich nichts gegen Charity-Aktionen, gegen Mode, Literatur, Tanz oder Theater. Und ich finde es sogar richtig gut, sich gegen Rassismus und Homophobie zu engagieren. Die Frage ist aber: Wer kämpft hier gegen wen? Sollen die Minderheitenrechte dafür herhalten, die Privilegien der höheren Schichten wieder zurück zu holen? Eine globalisierte, internationale Elite gegen die einheimischen sozialen Verlierer, die über die eigene Scholle nicht hinauskommen? Oder ist die eigentliche Minderheit weiß, deutsch, heterosexuell und vielfach vielleicht sogar männlich? Das gebildete linksliberale Bürgertum, das vor der Globalisierung vielleicht ebenso viel Angst hat, wie die sozial benachteiligten zornigen weißen, deutschen Männer, die rechts wählen und bei Pegida mitlaufen?

Und könnte man dem noch etwas entgegensetzen? Kann man gegen Diskriminierung und für Vielfalt und offene Grenzen sein, ohne dass es in immer rabiater werdenden Verteilungskämpfen, letztendlich vielleicht sogar in Gewalt mündet? Das ist vielleicht die Preisfrage des 21. Jahrhunderts. Zumindest, wenn man nicht ins 19. zurückwill.

Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

CD1A

1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

CD2

2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

CD3

3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

CD4

4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

CD5

5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

CD6

Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.

Rote Karte für Hass: „Best practise“ 1: Nochmal Orlando

Orlando zum soundsovielten Mal. Und ich hab’s mir trotzdem angesehen, das Video, das die 49 Menschen ehren soll, die durch das Shooting in dem queeren Club „Pulse“ am 12. Juni ums Leben gekommen sind. Abrufbar ist es auf Youtube unter dem Account „Human Rights Campaign“, auf Twitter verbreitet hatte es u. a. Ines Pohl, die Ex-Chefredakteurin der taz und jetzige US-Korrespondentin der Deutschen Welle. Der Name „Ines Pohl“ stand für mich für eine hippe, zeitgenössische Minderheitenpolitik, wie sie in Berlin überall im linken Lager vertreten wird. Mein Fall ist das eher nicht und Frauen wie ich sind damit ja auch nicht so gemeint. Daher setzt sich in meinem Hirn automatisch eine Art Schnellschaltung in Gang und produzierte vorab Bilder von weißen, übergewichtigen Frauen – echte „Machos“! – blasiert dreinblickenden Hipstern (m/w) und ihren ältlichen Muttis, die sich einen „zweiten Frühling“ auf Kosten junger „Homofrauen“ versprechen, Menschen, die total „angesagt“ sind und irgendwas mit Schreiben, Kunst und/oder Uni machen. Meine Gefühle sind widersprüchlich, mein Mitgefühl ist eher ein gemischtes Gefühl – natürlich verdient niemand den Tod, ganz gleich, ob man ihm oder ihr zu Lebzeiten hätte Sympathien entgegenbringen können oder nicht und natürlich schämt man sich, wenn man sich solche Gedanken macht. Davon abgesehen gehöre ich ja selbst auch zur LGBT-Community, auch wenn ich mich mit vielem, was als „queer“ verkauft wird, nicht so sehr identifizieren kann.

Manchmal birgt ein etwas missmutiger Klick allerdings echte Überraschungen: Nicht nur, dass kaum Weiße zu sehen sind (zumindest keine, die als „People of Color“ „ehrenhalber“ dargestellt würden) und es ausnahmsweise auch mal nicht um „Germany’s next Topmodel“ und die Folgen für junge Hipsterfrauen mit Essstörungen geht – das Video ist auch gar nicht darauf angelegt, „Stimmung“ für bestimmte Menschen, bestimmte Lifestyles und bestimmte Körpertypen zu machen. Ganz im Gegenteil: Die Opfer der Terrornacht werden nüchtern, in ein paar knappen Sätzen portraitiert. Schon nach den ersten Minuten wird klar, dass es sehr unterschiedliche Menschen waren: Klischeeschwule mit Geld und einem Sinn für die schönen Dinge des Lebens – ja – aber auch der Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs in Disneyworld über Wasser gehalten hat, Fashion Victims und Familienväter, denen das Wohl ihrer Kinder über alles ging, eine 18jährige aus Philadelphia, die sich als gute Schülerin und begabte Sportlerin im Herbst auf ein College-Stipendium hätte freuen können, ein junger Cubaner, der noch mit der englischen Sprache haderte und dessen Mutter jetzt ein humantitäres Visum erhalten hat, um in die USA einreisen und den Leichnam ihres Sohnes in Empfang nehmen zu können, professionelle Salsa-Tänzer, durchtrainierte junge Männer mit perfekten Luxuskörpern, aber auch eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die einfach tanzen und Spaß haben wollte, Homo- und Transsexuelle und Menschen, die vielleicht eher „queer“ ehrenhalber waren. Oder Heteros, die sich eine gute Party nicht hatten entgehen lassen wollen. Egal. In ihrer Angst und in ihrem Schmerz waren sie alle gleich, jedes einzelne Leben, das in der fatalen Nacht genommen wurde, hat eine Lücke in diese Welt gerissen, denn – und das bringt das Video sehr deutlich rüber: Wir sind alle Individuen und niemand ist mehr oder weniger wert als der/die andere.

Würdevoller hätte man der Opfer von Orlando nicht gedenken können.