Sollten Homosexuelle Kinder haben?

Die Ehe für Alle ist durch. Jetzt können Homosexuelle auch Kinder adoptieren. Sollten sie? Eher nein, hat wohl, so kann man einer Kolumne von Jakob Augstein entnehmen, ein „Experte“ in der FAZ dargelegt. Der „Psychologe und Philosoph“, an dessen Authentizität offenbar, so Augstein, Zweifel bestehen, soll auf das ausschweifende Sexualleben schwuler Männer verwiesen haben, dass nicht mit der Kindererziehung vereinbar sei.

Wenn Papi und Vati es im Darkroom krachen lassen und sich mit Poppers und Crystal Meth vollstopfen, während der kleine Sohn verzweifelt in seinem Bettchen weint, dann ist das wirklich nicht so glücklich. Ja, solche Schwule gibt es. Stimmt schon. Allerdings gibt es auch Hetero-Männer, die Monatsgehälter im Puff verprassen und synthetischen Genüssen aller Art nicht abhold sind. Oder Männer, die saufen und prügeln. Männer, die Kinder misshandeln gibt es – homosexuelle und heterosexuelle.

Frauen übrigens auch. Vor vielen Jahren war ich in Berlin mal zu einem Workshop zum Thema Körperbilder im „antisexistischen Infoladen“. Das war, glaube ich, mein Verhängnis, obwohl mensch dort bereits infomiert zu sein schien, wie mit mir umzugehen sei. Jedenfalls verfolgten und belauerten mich mehrere Frauen, die an dem Tag dort herumhingen. Beste Beziehungen zur „Jungen Welt“, zum Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung und zum feministischen, den Grünen nahe stehenden Gunda-Werner-Institut. Eine Frau deutete an, Carolin Emcke privat zu kennen. Eine, die im Rahmen einer Veranstaltung zum Frauentag am 8. März eine Rede in den Räumlichkeiten der „Jungen Welt“ gehalten hatte, kam mir, als ich ein einziges Mal zum Slutmarch ging, hochschwanger entgegen und fauchte mich an: „Ja, auch ich habe schon mal mit einem Mann geschlafen!“ Das hatte ich nicht bezweifelt bzw. ich hatte mir eigentlich überhaupt nicht den Kopf darüber zerbrochen, mit wem die Frau wann, wie oft Sex gehabt hatte. Später stierte mir eine andere Frau, älter, wohl auch aus dieser Frauenszene, in der Umkleide im Schwimmbad penetrant ziwschen die Beine (leider war ich gerade nackt.) und keifte: „Ja, auch ich habe eine Sexualität!“ Fast die gleiche Satzstruktur. Oder die Dicke, die mir in Kreuzberg in der Adalbertstraße entgegenkam und kreischte: „Fickmaus!“; dann der Kinderporno, zu dem sie meinen Blog verlinkt hatten …

Später, als ich beschloss, diese Leute nicht mehr zu ignorieren, inder Hoffnung, dass es schon irgendwann vorbei ginge – denn das war nicht der Fall -, las ich, dass besagter antisexistischer Infoladen u. a. auch einen Treff für psychisch kranke Frauen hat. Sich Ritzen, Borderline, Essstörungen – man hört, wenn von „Queer“ die Rede ist – fast mehr davon, als über die Ehe für alle.

Nein, ich glaube nicht, dass solche Menschen Kinder adoptieren können sollten. Die Gefahr, dass sie sie misshandeln, wäre zu groß. Zwar hatten die Frauen beteuert, dass sie zu anderen ja nett seien, sich sogar rührend kümmerten. Aber was ist, wenn so eine Frau und ihre Partnerin eines Tages auf die Idee kommen, dass sie zu ihrer Adoptivtochter auch nicht mehr nett sein können? Wenn die Kleine anfängt, sich für Männer (oder Frauen) zu interessieren und die „Mütter“ ihr zeigen wollen, dass auch sie „eine Sexualität“ haben, wenn die Kleine die „Fickmaus“ sein soll, lächerlich gemacht, verhöhnt, das Rückgrat gebrochen, bevor es sich überhaupt entwickeln könnte? Was ist, wenn kein Jugendamt einschreitet, weil man nicht „homophob“ sein will?

Es ist ein Eigentor, dass Begriffe, wie „Homosexualität“ und „LGBT“ so weit ausgegelegt werden, dass sich möglichst viele, alle, die sich irgendwie als „Außenseiter“ fühlen oder Probleme mit ihrem Körper haben, sich damit identifizieren können. Dabei sieht ein Teil der „queeren“ Menschen mittlerweile offenbar sogar schon Homosexuelle als „Feinde“ und – so bizarr es auch klingen mag – nicht jedeR aus der queeren Szene ist für die Ehe für alle.

Wenn also gemeint ist, das psychisch kranke Menschen, die zu Übergriffen neigen und schon mehrfach durch Misshandlungen und Mobbing gegenüber Schwächeren aufgefallen sind, Kinder adoptieren können sollten, dann bin ich ganz klar dagegen.

Wenn die Frage aber ist, ob Homosexuelle, also Menschen, die sich seit frühester Jugend sexuell zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, Kinder adoptieren können sollten, dann bleibt nur, mit einer Gegenfrage zu antworten: „Ja, warum denn nicht?“ Psychologische Bedenken, etwa hinsichtlich eines abweichenden Verständnisses der Geschlechtsrollen, die Kinder dadurch entwickelten, kann ich nicht nachvollziehen. Die Gefahr hätte eher in den 1980er Jahren bestanden, und zwar auch in heterosexuellen Familien, da damals Mädchen problemlos mit praktischem Kurzhaarschnitt herumlaufen konnten und es nicht so sehr als „abnorm“ auffiel, wenn die Kleine etwas wilder und burschikoser war. Heutzutage, wo jede Spielzeugabteilung größerer Warenhäuser fein säuberlich in Pink und Hellblau unterteilt ist, braucht sich wohl niemand darum zu sorgen, dass Mädchen und Jungs nicht wüssten, welche Rolle sie einzunehmen hätten.

Diese Dinge werden nicht nur im Elternhaus, sondern auch im Kindergarten, in der Schule und eben im Kaufhaus vermittelt. Wichtig ist dagegen, dass Kinder ein liebevolles, nach Möglichkeit stabiles Elternhaus haben. Mit anderen Worten: zwei liebende Papas oder Mamas sind besser als ein Heim, ein heillos überforderter Alleinerziehendenhaushalt oder auch ein kaltes, liebloses, großbürgerliches Elternhaus, das rein äußerlich „wie aus dem Bilderbuch“ zu sein scheint.

Die LGBT-Community tut sich also selbst nichts Gutes, wenn sie verhaltensauffällige Menschen, die zum Teil auch Ablehnung für aggressive und grenzverletzende Verhaltensweisen anderen gegenüber erfahren und nicht so sehr, weil sie etwa als „Homosexuelle“ „gelesen“ würden, zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Nicht zuletzt ist dies der Grund, weshalb ich mich von ihnen distanziert habe. Dennoch muss man darauf achten, dass dieser Bumerang, der sich hervoragend für die neue (alte) Rechte nutzen lässt, nicht diejenigen erschlägt, die einfach eine ganz normale Familie sein wollen.

Wenn also Papi dem Kleinen abends im Bett vorliest, nachdem Vati das aufgeschlagene Knie versorgt hat, Mummy der Tochter erklärt, wie man sich gegen Hänseleien in der Schule wehren kann, nachdem Mutti mit den Hausaufgaben geholfen hat und am Ende alle vor einem großen Topf dampfender Spaghettis sitzen und es sich gut gehen lassen – dann ist es doch das beste, was passieren kann, oder etwa nicht?

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Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

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1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

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2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

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3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

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4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

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5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

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Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.

Pädophilie-Debatte – Nachschlag

Vor einigen Tagen gab es gewissermaßen einen „Nachschlag“ zur Pädophilie-Debatte von 2013*. Es kam heraus, dass es in den frühen 1980er Jahren bei den Grünen nicht nur Strömungen innerhalb der Partei gegeben hat, die dafür eintraten, sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu entkriminalisieren, sondern dass auch Mitglieder der Grünen aktiv in sexuellen Missbrauch an Kindern involviert waren*.

*Einen Überblick zur Pädophilie-Debatte von 2013 bietet Wikipedia.

Über die Enthüllungen der letzten Tage (Mai 2015) haben mehrere Medien berichtet. Vgl. u. a. Art. „Pädophilie-Debatte bei den Grünen: „Wir schämen uns für dieses Versagen“ v. Peter Maxwill, in: Spiegel Online v. 20. Mai 2015.

Hm. Das konnte man sich doch eigentlich denken, oder? Das macht es gewiss nicht besser und die Grünen werden noch Einiges zu tun haben, um ihre pädophile Vergangenheit aufzuarbeiten und die Opfer angemessen zu entschädigen, aber bei aller Abscheu vor sexuellem Missbrauch von Kindern sollte man eines trotzdem nicht tun: Die Errungenschaften der sexuellen Befreiungsbewegung und des Engagements für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten preisgeben.

SEXUALFEINDLICHES KLIMA

Sicher, Kindesmissbrauch ist ein sehr ernstes Thema. Man hilft sexuell missbrauchten Kindern aber nicht, wenn man Missbrauch vor allem in ein links-alternatives, sich für sexuelle Befreiung engagierendes Milieu verortet. Man muss bedenken, dass Menschen, die sich zu Beginn der 1980er Jahre den Grünen politisch nahe fühlten und aus der so genannten „Sponti-“ oder auch „Alt-68er-Bewegung“ stammten, gegen eine muffige sexuelle Verklemmtheit angekämpft haben, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Vergewaltigung hieß lange Zeit noch beschönigend „Notzucht“, Jugendlichen wurde eingebläut, dass Onanieren blind mache und Sex unter Männern stand bis 1969 grundsätzlich unter Strafe*.

*Detailliertere Informationen über die historische Entwicklung des §175, des so genannten „Schwulenparagraphen“ finden sich auf Wikipedia.

Wer in den frühen 1980er Jahren für sexuelle Befreiung eintrat, wollte sich zumeist einfach nicht mehr für den eigenen Körper und seine sexuellen Bedürfnisse schämen müssen. Kinder sollten befreiter aufwachsen. Ihnen sollten die Neurosen und falschen Schuldgefühle, die durch eine rigide, körperfeindliche Sexualerziehung entstehen, erspart bleiben. Das hat nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun. Man muss hier eine klare Grenze ziehen.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE SCHWULENBEWEGUNG

Pädophile konnten zu Beginn der 1980er Jahre bei den Grünen und anderswo u. a. auf Unterstützung aus der Schwulenbewegung hoffen. Hier war es die Entkriminalisierung einer sexuellen Orientierung, die im Vordergrund stand. Sowohl homosexuelle Männer als auch Pädophile hatte man lange Zeit als „psychisch fehltentwickelt“ hingestellt und das Ausleben ihrer Sexualität zur Straftat erklärt. Man hatte im Überschwang der sexuellen Befreiung ganz einfach zuviel des „Guten“ getan oder man könnte auch sagen: Das Anliegen, liberaler mit Sexualität umzugehen, hat Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten anderer ausleben wollen bzw. – im Falle der Pädophilen keinen anderen Weg sehen – Tür und Tor geöffnet. Das war falsch! Seit Mitte der 1980er Jahre hatte sich glücklicherweise auch bei den Grünen und in ihrem Umfeld das Bewusstsein dafür, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kindern Kindern schadet und deshalb – anders als homosexueller Sex – nicht toleriert werden kann, überall durchgesetzt.

KLARE GRENZEN ZIEHEN

Bei der gegenwärtigen Debatte über die pädophile Vergangenheit der Grünen und dem Engagement für die Akzeptanz sexueller Minderheiten sollte man nicht den Fehler machen und Wasser auf die Mühlen rechts-konservativer Kräfte gießen.

Das, was die Leute im Kopf haben, wenn sie an Homo-, Bi- und Transsexuelle denken, ist meistens das, was z. B. mit der problematischen Minderheitenpolitik, die u. a. eben die Grünen zu Beginn der 1980er Jahre vertreten haben, assoziiert wird und mit einem oberflächlichen Bild der schwulen Subkultur, genauer: Mit den harten, von Partys, Drogen und schnellem, z. T. auch grenzwertigem Sex geprägten Szenen europäischer Metropolen wie Berlin oder London. Das mag Stoff für reißerische Hypes bieten, ist aber auch genau das, was z. B. Parteien wie die AfD und konservative Christen vor Augen haben und woran sie sich aufhängen, wenn sie Homosexualität als Gefahr für die Jugend verdammen. Nur zu gern werden Homo-, Bi- und Transsexuelle mit Pädophilie („Päderasten!“), Gewalt (z. B. falsch verstandene Auffassungen von BDSM) und Exzess (Drogen, Party, rücksichts- und zügelloser Sexualität, usw.) in Verbindung gebracht. Auch das ist falsch!

Das Subkulturelle, Extreme mag vielleicht für liberaler gesonnene Menschen gerade das Interessante sein, aber es ist nur ein Bild, ein Klischee und nicht repräsentativ für das Leben von LGBTI-Durchschnittsmenschen. Außerdem gerät darüber auch aus dem Blickfeld, dass Exzess und abweichende, auch grenzverletzende, extreme Verhaltensweisen keineswegs „typisch“ für Homo-, Bi- und Transsexuelle sind und sondern ebenso anderswo in der Bevölkerung, auch in konservativen Kreisen, vorkommen.

Wer also eine pragmatische Politik für die Akzeptanz sexueller Minderheiten machen will, die weite Teile der Bevölkerung erreicht und Betroffenen das Leben, auch und gerade im Alltag wirklich erleichtert, darf sich nicht nur auf die Faszination der Andersartigkeit und die damit verbundene Anziehungskraft urbaner Subkulturen verlassen. Es gilt eher, herauszustellen, dass Pädophilie und sexuelle Perversionen, wirklich extreme, die Grenzen anderer Menschen verletzende Verhaltensweisen unter Homo-, Bi- und Transsexuellen nicht verbreiteter sind als unter heterosexuell orientierten. Es ist wichtig, klare Grenzen zu ziehen und deutlich zu machen, dass man keine Varianten menschlicher Sexualität, die anderen schaden, tolerieren kann.

Ganz abgesehen davon, dass Pädophilie zwar tatsächlich eine sexuelle „Orientierung“ ist, auch wenn sie nicht gelebt werden kann, dass aber Kindesmissbrauch nicht nur von Pädophilen begangen wird. Auch z. B. Menschen, die selbst als Kinder missbraucht worden sind, an schweren Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Krankheiten leiden, missbrauchen Kinder. Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch muss deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen. Im Zentrum sollte immer die Stärkung der Rechte von Kindern stehen und natürlich Menschenfreundlichkeit. Auch das ist etwas, das linke Politik immer für sich beansprucht hat. Sie sollte Taten folgen lassen.

*Gute Präventionsarbeit, die pädophil veranlagten Männern helfen soll, ihre Sexualität nicht auszuleben, leistet u. a. das Projekt „Kein Täter werden„.

 

Aids: Nicht Dein Problem! Oder vielleicht doch?

Sollten Schwule Blut spenden dürfen? Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes ist es wieder im Gespräch. Eine Antwort fällt nicht leicht, denn es geht um HIV. Aids ist immer noch tödlich und es gibt tatsächlich Menschen, die statistisch gesehen ein höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, die so genannten „Risikogruppen“: Junkies, Prostituierte, Menschen, die aus Ländern stammen, in denen die HIV-Rate besonders hoch ist – und eben Schwule.

Andererseits, hm, dieses „Du nicht! Dein Blut nicht!“ ist schon diskriminierend, klar, auch daran gibt es nichts zu rütteln. Da steht ja auch ein bisschen dahinter, dass heterosexuelles Blut „sauberes“ Blut ist. Das ist, wie wenn man behaupten würde, dass HIV Heterosexuelle nicht so betrifft, dass man einfach mal davon ausgehen kann, dass die das nicht haben. Ganz schön blauäugig. Solche „positiven“ Vorurteile – die Annahme, dass man sich als „Hete“, als „Weißer“, als „anständiger Bürger“ nicht so viele Gedanken um HIV und Aids machen muss – auch das hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Neuinfektionen geführt und unzählige Leben gekostet.

 RISKANTER SEX

Es geht aber um Statistiken und da liegen, was die HIV-Rate betrifft, homo- und bisexuelle Männer klar vorn. Schwuler Sex ist besonders risikoreich und schwules Sexualverhalten oft eher zügellos als keusch. Darkrooms, schneller Sex in Toiletten und Parkanlagen, wilde Partys mit Poppers und Kokain –  all das macht es wahrscheinlicher, sich mit einer Geschlechtskrankheit und eben auch HIV zu infizieren.

Aber – und das muss man jetzt auch mal sagen – Analverkehr ist auch dann gefährlich, wenn ein heterosexuelles Paar ihn praktiziert. Die sexuelle Orientierung ist dem Virus egal. Es lauert nur auf mögliche Eintrittspforten in einen menschlichen Körper. Und lockere One-Night-Stands, ungeschützter Sex unter Alkohol- und Drogeneinfluss, leichtsinniges, blödes und rücksichtsloses Verhalten sind ja nicht allein die Spezialität homo- und bisexueller Männer. Mal ganz abgesehen davon, dass nicht alle Homo- und Bisexuellen dem Klischee des sexuell freizügigen, schwulen Partygängers entsprechen.

 DUMME ZUFÄLLE

Außerdem – man kann „es“ auch kriegen, wenn man sich „vorbildlich“ verhält: Ein Kondom kann platzen, ein Ehepartner plötzlich fremdgehen, die Frau ist vielleicht „sauber“, aber ihr vorheriger Freund, also der hatte mal so ’ne Phase, wo er auch gelegentlich mal zu ’ner Prostituierten gegangen ist – das wusste die Frau natürlich nicht – und die Prostituierte hatte unter anderem einen Freier, der war Stammkunde, also auch mal „ohne“, obwohl sie das ja sonst nicht tut und der Freier hat’s auch mal mit ’nem Mann probiert, was die Prostituierte aber nicht wusste – klar, bindet man ja auch nicht jedem auf die Nase – und der Mann hat mal mit ’nem Mann…, der Drogen gespritzt hat, zwar immer mit eigenen Spritzen, aber ein einziges Mal da hat er dann doch mit ’nem Freund zusammen… und der hatte zufällig….

Manchmal ist es tatsächlich nur ein blöder, dummer Zufall, denn das HI-Virus richtet sich nicht danach, wie hoch oder gering das Risiko eines Menschen, sich mit ihm zu infizieren, statistisch gesehen ist.

NICHTS IST SICHER, ABER VIELES HILFT TROTZDEM

Trotzdem sollen hier nicht unnötig Ängste geschürt werden. Man – jeder und jede, egal ob homo- oder heterosexuell – kann Dinge tun, die das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, deutlich verringern und damit ist nicht unbedingt sexuelle Enthaltsamkeit gemeint: Benutzt Kondome! Macht Safer Sex! Wenn es ohne Drogen nicht geht, benutzt keine Spritzen und/oder Röhrchen zum Sniffen gemeinsam! Lasst ab und zu mal einen HIV-Test machen*! Und so weiter….

*Wenn eine HIV-Infektion frühzeitig erkannt wird, kann sie – soweit ich weiß – heute in Ländern mit guter medizinischer Versorgung in den meisten Fällen ganz gut behandelt werden. Leider ist HIV immer noch nicht heilbar. Dennoch kann man mit einer guten Medikamentierung, wenn man sie durchhält und auch körperlich gut verträgt, als „chronisch Kranke(r)“ mit HIV leben und ist  – wenn man Glück hat – auch kaum noch ansteckend für andere. Das sollte allerdings nicht dazu verführen, HIV und Aids auf die leichte Schulter zu nehmen. Es ist immer noch eine schwere Krankheit, die letztendlich zum Tod führt. Weiterführende und genauere Informationen, auch dazu, wie man sich am besten vor HIV schützt, finden sich auf der Homepage der Aids-Hilfe. Die Aids-Hilfe bietet übrigens auch telefonische Beratung und Online-Beratung an.

Ganz sicher sein kann sich aber niemand und es ist natürlich auch so, dass Menschen manchmal Fehler machen, dumme, unverzeihliche, verhängnisvolle Fehler vielleicht, etwas, wofür man sich im Nachhinein einfach nur in den Hintern treten könnte, wo man sich fragt, wieso man nur so blöd sein konnte, aber es passiert nun einmal – allen, nicht nur „Risikogruppen“.

Theoretisch kann das HI-Virus also auch in einer heterosexuellen Blutspende stecken. Es ist nur nicht ganz so wahrscheinlich. Man kann es aber nicht mit letzter Sicherheit wissen, denn leider lässt sich das HI-Virus einigermaßen verlässlich erst sechs Wochen bis drei Monate nach der Infektion nachweisen*.

 *Auch hierzu mehr Informationen auf der Homepage der Aids-Hilfe (siehe oben).

Man muss es nicht gerade herausfordern. Es ist wirklich nicht so gut, wenn ein sexuell besonders aktiver schwuler Mann, der gelegentlich auch mal den Thrill von Barebacking-Partys* sucht, Blut spendet oder wenn es ein Punk tut, der dringend Geld braucht, weil er sich ab und zu einen Druck macht und der, wenn es ganz knapp wird, auch schon mal anschaffen geht. Damit würde man die Empfänger und Empfängerinnen von Blutspenden – potentiell wir alle – nur unnötigen Risiken aussetzen und das kann niemand wollen. Man kann es den Leuten aber leider nicht immer an der Nasenspitze ansehen, ob sie sich, was HIV betrifft, risikoreich und fahrlässig verhalten oder ob sie vielleicht sogar weniger als die Allgemeinbevölkerung bereit sind, Risiken einzugehen, gerade weil ihnen die Gefahr nur allzu bewusst ist und sie auch nicht krank werden möchten. Man kann nicht alle ausschließen, die irgendwie „verdächtig“ sein könnten*.

*Barebacking = Analsex ohne Kondom

*Wahrscheinlich muss man einfach darauf vertrauen, dass Menschen, die sich nicht sicher sein können, ob sie sich in den Wochen und Monaten kurz vor der Blutspende nicht vielleicht mit HIV infiziert haben, darauf verzichten, Blut zu spenden. Ähnlich legt es der Kommentar zum EuGH  „Aufs Sexualverhalten kommt’s an!“ von Christian Rath in der Tageszeitung vom 29. April 2015 nahe.

 AIDS – EINE „SCHWULENKRANKHEIT“?

Wenn man – Statistiken und Risikoabwägungen hin oder her – Aids als Gefahr auf Randgruppen abwälzt, tut man damit niemandem einen Gefallen. Ganz im Gegenteil: Man verführt letztendlich die „Normalen“ (die Heterosexuellen, die Europäer, die „anständigen Bürger“) dazu, sich umso leichtsinniger zu verhalten. Vielleicht lassen sie das Kondom dann schon mal eher weg. Ist ja auch viel schöner ohne. Und vielleicht machen sie auch gar nicht erst einen HIV-Test, denn – was geht sie das eigentlich an. Ist Aids nicht eine „Schwulenkrankheit“?

Übrigens – wo wir schon mal dabei sind – mir fällt da noch etwas aus den 1990er Jahren ein, damals, als man HIV und Aids noch nicht so richtig behandeln konnte und die Diagnose „HIV positiv“ in vielen Fällen bedeutete, dass man nur noch wenige Monate zu leben hatte. Ich erinnere mich, dass ich ein Buch über „Frauen und Aids“ gelesen habe, eben weil es immer hieß, das sei etwas, das vor allem Schwule betrifft und jeder wusste, dass das nicht stimmt. In dem Buch war eine Zeichnung von zwei jungen, gut aussehenden Frauen, die gerade dazu ansetzten, sich zu küssen. In der Sprechblase, die zu der einen gehörte, stand: „I’ve never known a Dyke with HIV“. Die Antwort in der Gedankenwolke der anderen war: „Now you do!“.

Ist Grün Gift für Kinder?

Wenn man „abweichende“ Sexualität aus der Schmuddelecke des Perversen, psychisch Kranken holen will, dann aber auch richtig. So wird es manchmal in links-alternativen Foren und Communities im Internet gefordert und was die Leute damit meinen, ist: Legalisiert Sex zwischen Kindern und Erwachsenen! Entkriminalisiert Pädophilie!

Wenn ich so etwas lese, muss ich erst einmal schlucken. Ist das ein schlechter Scherz? Oder am Ende vielleicht doch ernst gemeint? Man weiß es nicht. Im Internet sind ja viele Trolle unterwegs, denen es Spaß macht, die Leute zu verschaukeln – was in diesem Fall allerdings ganz schön makaber ist! Ich kann jedenfalls nicht drüber lachen.

DIE PÄDOPHILIE-DEBATTE

Ganz so abwegig, wie man meinen könnte, sind solche Forderungen aber offenbar nicht. 2013 war es noch einmal in der Debatte*, dass bei den Grünen um 1980 verschiedentlich die Meinung vertreten wurde, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen sollte legalisiert werden. Auch bei der FDP-Jugend soll es damals z. T. ähnliche Positionen gegeben haben*. Beides sind ja liberale Parteien, bei denen die Akzeptanz von Minderheiten fest zum politischen Programm gehört. Allerdings fällt es aus heutiger Sicht schwer, Pädophile als sexuelle Minderheit zu betrachten.

*Zu der Pädophilie-Debatte von 2013 existieren viele Texte im Internet, die das Problem jeweils aus etwas anderen Blickwinkeln beleuchten.

Einen ersten Überblick gibt Wikipedia.

Die Positionen der Grünen und der FDP-Jugend aus den frühen 1980er Jahren fasst der Artikel: „Grüne und FDP-Jugend wollten Pädophilie legalisieren“ (ohne Angabe eines Autors) in: Zeit v. 11. August 2013 zusammen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei hier angemerkt, dass weder bei den Grünen noch in der FDP heute noch Ansichten vertreten werden, denen zufolge Sex zwischen Erwachsenen und Kindern entkriminalisiert werden sollte. Dies ist seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr im Gespräch und hat auch nie die Zustimmung aller AnhängerInnen dieser Parteien bzw. ihrer Jugendverbände gefunden.

DER „SCHWULENPARAGRAPH“

Vielleicht hat es damit zu tun, dass auch Homosexualität lange Zeit als psychische „Fehlentwicklung“ angesehen wurde und homosexuelle Handlungen unter Männern bis Anfang der 1970er Jahre als Straftat galten*.

*Der §175, der so genannte „Schwulenparagraph“ wurde tatsächlich erst 1994 abgeschafft. Seit den 1970er Jahren wurde aber nur noch schwuler Sex mit Jungen und Männern unter 18 Jahren bestraft.

Auch wenn die Süddeutsche Zeitung seit kurzem eine „weiche“ Paywall hat, die es nur noch erlaubt, eine bestimmte Anzahl an Artikeln pro Woche kostenfrei zu lesen, finden sich im Rahmen ihres Projektes „Toleranz-Recherche“ von 2014  einige sehr lesenswerte Artikel zum Thema:

Art. „Wenn Recht Unrecht ist“ v. Martin Anetzberger, in: Süddeutsche Zeitung v. 12. November 2014.

Art. „Straftatbestand: Liebe“ v. Tobias Dorfer, in: Süddeutsche Zeitung v. 12. November 2014.

Dass Homosexuelle psychisch gestört seien oder die Moral der Jugend gefährdeten, daran wird heute nicht mehr festgehalten, zumindest wenn man von einigen wenigen rechts-konservativen und ultrareligiösen Strömungen in unserer Gesellschaft absieht. Insofern scheint sich das Engagement derjenigen, die sich seit Jahrzehnten für die Akzeptanz von sexuellen Minderheiten einsetzen, langsam auszuzahlen.

PERVERSE ALLER LÄNDER…

Aber darf man das Kind dann gleich mit dem Bade ausschütten? Ist das so in Ordnung, einfach alles als „sexuelle Orientierung“ zu deklarieren, was mal als „krank“ und „abartig“ galt? Eventuell sogar „Minderheitenschutz“ dafür einzufordern, die Leute dazu aufzufordern, toleranter zu sein und ihre Einstellungen nochmal zu überdenken?

Auch umgekehrt, allein die Vorstellung, dass da jemand kommen könnte und sagen: „Na ja, Du bist doch auch irgendwie … ein bisschen „anders“, da müsstest Du doch verstehen ….“

Nein. Da gibt es nichts zu „verstehen“. Der Unterschied liegt ja auch auf der Hand: Homosexuelle haben – genau wie Heterosexuelle – im Allgemeinen Sex mit Erwachsenen und das in den allermeisten Fällen im gegenseitigen Einvernehmen. Das schadet niemandem. Pädophile aber wollen Sex mit Kindern und auch wenn es stimmt, dass auch Kinder eine Art „Sexualität“ haben – sie hat mit der von Erwachsenen nichts zu tun. Das sind zwei Sphären, die vollkommen voneinander getrennt sind und sein müssen, damit Kinder sich körperlich und psychisch normal entwickeln können. Pädophilie ist also eine sexuelle Orientierung, die nicht ausgelebt werden kann – mal ganz abgesehen davon, dass nicht jeder, der Kinder sexuell missbraucht, ein Pädophiler ist….

#Indiana: Oder wessen Freiheit ist mehr wert?

QueerSweets

Seit ein paar Tagen ist es Thema: Im US-Bundesstaat Indiana wurde ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, Menschen zu diskriminieren – und sich dabei auf die Freiheit des Individuums beruft.

Der „Religious Freedom Restoration Act“ will – wie schon der Name sagt – eine „Freiheit“ wieder herstellen und zwar die, anderen Menschen „aus religiösen Gründen“ Dienstleistungen zu verweigern, falls sie z. B. einen Blumenstrauß kaufen oder in einem Restaurant essen möchten.

DAS ENDE DER CHRISTLICHEN NÄCHSTENLIEBE

Mit „Religion“ ist vermutlich vor allem das erzkonservative evangelikale Christentum gemeint und es ist die Homo-Ehe, an der sich die Gemüter erhitzen. Kein „gläubiger“ Christ soll dazu gezwungen werden, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit gewissermaßen zu „unterstützen“, indem er oder sie sie durch die Bereitstellung entsprechender Dienstleistungen möglich macht. Die Homo-Ehe passt nicht in’s konservativ-christliche Weltbild. Für evangelikale und fundamentalistische Christen ist Homosexualität eine Krankheit und Verirrung, ein Abweichen vom „rechten Weg“, das es zu „heilen“ gilt, notfalls auch mit reichlich Druck und Zwang.

Eine solche Denkweise ruft bei Menschen, die sich für aufgeklärt halten und für Toleranz und Vielfalt eintreten, unweigerlich Widerwillen hervor.

TOLERANZ AUCH FÜR DIE INTOLERANTEN?

Aber es gibt auch immer welche, die sich freuen, den angeblich doch so „gutmenschlichen“ Linken und Liberalen ein’s ‚reinwürgen zu können.

Auf Twitter wurde unter dem Hashtag #BoycottIndiana u. a. das blutrote Bild einer hysterisch schreienden Frau gepostet. Untertitelt ist es mit „Democrats – The Party of Tolerance. Unless you disagree with them, then it’s: „Shut the …. up you lying, Racist, Hater!“*

*Bitte das Bild selbst auf Twitter unter #BoycottIndiana suchen.

Gestern stolperte ich  – als noch relativ unerfahrener Twitter-Neuling – beim Suchen unter #Indiana mehr oder weniger zufällig in eine Diskussion. Ich wurde gefragt, was ich denn tun würde, wenn eine Gruppe Nazis Einlass in eine Disko fordern würde oder ich einem Nazi eine Nazi-Torte backen müsste.

Der Hintergedanke bei solchen Argumenten ist klar: Wer immer Toleranz fordert, wenn es um die eigenen Belange geht, muss das Gleiche auch anderen zugestehen, auch wenn deren Ansichten und Lebensgewohnheiten dann nicht mit einem linken Weltbild zu vereinbaren sind.

DIE FREIHEIT DES EINEN HÖRT DA AUF, WO DIE DES ANDEREN ANFÄNGT

Allerdings ist es – wie ich finde – nur eine Scheinargumentation. In Deutschland hat man mit einem allzu liberalen Laissez-faire immerhin schlechte Erfahrungen gemacht. Der Nationalsozialismus hat eigentlich eindrucksvoll genug gezeigt, dass die Gegner der Freiheit die Freiheit zerstören – und zwar für alle! – wenn man ihnen die Freiheit dazu lässt.

So ähnlich steht es ja auch im Grundgesetz. Die Freiheit des/der einen hört halt immer da auf, wo die des/der anderen anfängt.

Aber was soll man machen, wenn man es mit jemandem oder etwas zu tun hat, bei dem sich einem einfach der Magen umdreht? Ich würde einem Nazi keine Nazi-Torte backen. Auch niemandem anderen. Ich würde mich darauf berufen, dass ich nicht dazu beitragen kann – auch wenn es nur indirekt ist – eine Gesinnung zu verbreiten, bei der anderen ihre Grundrechte abgesprochen werden – und das z. T. sehr brutal.

Außerdem würde ich davon ausgehen, dass eine Gruppe Nazis, die in die Disko will, u. U. ein erhebliches Gefahrenpotential für die anderen Disko-Besucher darstellt – eben weil Nazis häufig gewaltbereit auftreten.

Man kann sich ja auch diskomäßig zurechtmachen, wenn man in die Disko will. Die Disko ist ja kein politischer Raum. Und ebenso hat natürlich auch jeder das Recht, beim Bäcker eine Torte zu kaufen, selbst dann, wenn vielleicht allgemein bekannt ist, dass er/sie politisch rechts-außen steht. Aber es darf eben keine Nazi-Torte sein, die er oder sie verlangt.

MENSCHSEIN ODER MEINUNGSSACHE?

Bei der Homo-Ehe liegen die Dinge allerdings ein bisschen anders. Man kann das gut oder schlecht oder – wenn es denn gar nicht anders geht – auch „krank“ und „abstoßend“ finden, aber davon, dass zwei Menschen gleichen Geschlechtes heiraten, hat niemand einen Nachteil. Es ist nicht ansteckend und es steckt auch kein missionarischer Gedanke dahinter.

Was dagegen bedrohlich ist – so sehe ich es zumindest und es ist dabei eigentlich egal für oder gegen wen es sich richtet – ist die Vorstellung, dass man im Restaurant nicht bedient oder in der Schlange beim Bäcker geflissentlich „übersehen“ wird, weil die Leute sich nicht mit einem gemein machen wollen.

Und außerdem, wo ist da die Grenze? Im Moment ist in Indiana und anderen u.s.-amerikanischen Bundesstaaten die Homo-Ehe im Gespräch. Es betrifft also eine Minderheit. In ein paar Jahren weigert sich ein Bäcker aber vielleicht, eine Hochzeitstorte zu backen, weil die Braut ihm zu „nuttig“ durch die Gegend läuft und er als „aufrechter“ Christ einen solchen Menschen nicht „unterstützen“ möchte.

Wer weiß, eines Tages bist „dieser Mensch“ vielleicht auch Du?

*Quellen:

Art. „How Indiana’s religious freedom law sparked a battle over LGBT rights“ v. German Lopez, in: Vox.com v. 31. März 2015.

Art. „„Pro-discrimination „religious freedom“ laws are dangerous“ v. Tim Cook, in: The Washington Post v. 29. März 2015.

Art. „Indiana schießt ein Eigentor“ v. Dorothea Hahn, in: Tageszeitung v. 31. März 2015.

Toleranz

Toleranz ist eine Tugend. Wohl kaum jemand würde von sich sagen, dass er/sie nicht tolerant ist. Eine bunte, vielfältige Gesellschaft, in der jede und jeder leben kann, wie er/sie mag, ist eine Vision, die viele Menschen teilen. Manche, die sich für besonders tolerant halten, behaupten, sie hätten keine Vorurteile und stünden so ziemlich jeder Kultur und jedem Lebensentwurf offen gegenüber. Doch wie ehrlich ist das? Kann man überhaupt vollkommen vorurteilsfrei sein? Ist es möglich, alles und jeden gleichermaßen fair und mit Wohlwollen zu betrachten? Sind wir nicht alle geprägt von unseren individuellen Lebenserfahrungen und Vorlieben? Eigentlich kommt Toleranz von lat.: ertragen, erdulden. Das klingt schon sehr viel weniger freundlich, als ginge es nur darum, den/die andere/n irgendwie auszuhalten, irgendwie damit klarzukommen, dass er/sie auch in dieser Welt existiert und eben grundverschieden ist. Aber wenn es gerade das ist? Würde man z. B. von einem schwulen Pärchen, das von Jugendlichen mit Migrationshintergrund angegriffen wird, Verständnis für die andere Kultur verlangen, in der Homophobie nun einmal gang und gäbe ist? Wäre das nicht zu viel verlangt von jemandem, der sich gerade einen Kiefernbruch eingehandelt hat, weil er von irgendwem nun einmal nicht so akzeptiert werden konnte, wie er ist? Kann man nicht auch von den Jugendlichen mit Migrationshintergrund Toleranz verlangen? Und wie tolerant ist es eigentlich, bestimmte Kulturen unter den Generalverdacht der Homophobie zu stellen? Ist das nicht auch ein Vorurteil, wenn man davon ausgeht, dass jemand, der einer bestimmten Kultur angehört, ganz sicher auch homophob ist? Ist es in Ordnung, wenn schwule Männer sich ausländerfeindlich äußern? Schließlich ist das höchst real, dass sie mit gewalttätigen Übergriffen von arabischen und türkischen Jugendlichen rechnen müssen. Dennoch: Nicht jeder Araber oder Türke schlägt Schwule zusammen. Ganz abgesehen davon, dass es auch schwule Türken und Araber gibt. Wo sind die Grenzen der Toleranz? Wie wütend darf man sein, wenn sie verletzt werden? Und wie sehr sollte man trotzdem über seinen eigenen Schatten springen?