Nochmal Rassismus. Diesmal sogar zum selbst aussuchen!

Hm. Gestern war ich beim Friseur und habe mir die Haare ganz kurz schneiden lassen. Ich habe ein paar graue Strähnen und ich gebe zu – Ich töne mir die Haare deswegen. Die Strähnen sind wieder grau. Der Ansatz, den der Friseur zu Tage befördert hat, hat die gleiche Farbe, wie – glücklicherweise! – noch der größte Teil des Deckhaares – nämlich dunkelbraun. Ich habe es mit verschiedenen Modellsträhnen beim Frisuer verglichen. Ich meine, mehrere Frauen in meinem Umfeld wollten darauf hinaus, dass ich angeblich blond bin.

Unvorsichtigerweise hatte ich mal erzählt, ich sei als kleines Kind honigblond gewesen. Ich meinte Waldhonig. Neulich habe ich mal gelesen, dass die Araber angeblich von Menschen, die braune Augen haben, sagen, sie hätten honigfarbene Augen. Meine Haare dunkelten noch ein bisschen nach, aber schwarz wurden sie, anders als meine Großmutter gehofft hatte, nie.

Als Teenager gab ich mir die volle Ladung. Ich färbte mir die Haare in einem Depri-Anfall blauschwarz. Das sah man auch, dass es gefärbt war. Obwohl ich schwarze Augenbrauen und lange schwarze Wimpern habe. Kajal brauche ich nicht. Man sah das aber eben, dass die Haare gefärbt waren. Weil ich plötzlich so eine etwas kränklich-gelbliche Gesichtsfarbe hatte. Genau so sollte es ja auch. So gehört sich das nun einmal für einen ordentlichen Dark-Wave-Punk.

Jetzt habe ich halt wieder dunkelbraune Haare. Manchmal mit grauen Strähnen. Das passt zu meinem Typ. Eine meiner Tanten sah früher ein bisschen aus wie Charlotte Gainsbourg. Andere in meiner Verwandschaft sind der Refugee-Type oder aber wirklich blond oder – der Gipfel! – sogar von Natur aus rothaarig – colorful genes! Eine typisch deutsche Familie, würde ich sagen.

Warum schreibt man so einen Scheiß? Na ja, nachdem ich geschrieben hatte, ich hätte es cool gefunden, als in den 00er Jahren dunkelhaarige Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portman die Leinwände erobert haben, gab es Haue, also verbale Haue. So war das nicht gemeint gewesen, dass ich mich mit sowas identifizieren sollte.

Mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die ich als der helle „nordische“ Typ in Erinnerung habe, haben jetzt plötzlich auch meine Haarfarbe. Die eine war vielleicht damals ein bisschen blondiert. Ein bisschen. Die rosigen Wangen sprechen Klartext, dass sie nicht wirklich dunkelbraun ist. Man erkennt es nämlich wirklich an der Hautfarbe. Guckt euch mal ein paar Grufties an, wenn ihr es nicht glaubt. Jedenfalls, damals passte bei der Kunstfrau der Teint zum wasserstoffperoxidblonden Haar, kein unnatürlich tiefes braun, wie einst bei FPÖ-Sonnyboy Jörg Haider. Obwohl Höhensonne in dem Fall vielleicht eine Option wäre.

Die andere war immer mittelblond, also naturblond, und das auch wirklich von Natur aus. Jetzt hat sie auch rosige Bäckchen, dunkelbraune Haare und einen Migratinnenjob, bei dem sie die einzige Deutsche unter lauter Migrantinnen ist. Also, falls sie noch Deutsche ist. Man weiß ja nie. Die ehemals Wasserstoffperoxid Gebleichte hatte mir nämlich mal, noch zu Studienzeiten, eröffnet, ihre Mutter sei Polin. Damals ging das ein wenig gegen mich als Linke, dass ich doch die Ausländerfreundin sei, sie als die Konservative, die sie damals noch war, aber eben ganz echt mit Migrationshintergrund. Tja, die Migranten sind nämlich gar nicht unbedingt so links. Das wusste ich sogar. Heute allerdings ist die andere links und niemand will mehr etwas davon wissen, dass es mit Migranten wie mit Deutschen ist – Sie können einfach alles Mögliche sein oder finden. Jedenfalls – meine Kommilitonin mit dem so halb polnischen Hintergrund hatte weder einen Vor- noch einen Nachname, der irgendwie polnisch geklungen hätte. Als ich sie fragte, ob sie denn Polnisch könne, musste sie dann auch passen. So arg scheint der kulturelle Konflikt sich in dieser Familie also schon einmal nicht manifestiert zu haben.

In Berlin giftete mich mal eine Frau auf einem Sprachstammtisch an. Sie hatte Sprachwissenschaften studiert und gab selbstsicher damit an, dass für sie im Deutschen Historischen Museum quasi ein Platz reserviert sei. Ich fragte nach, ich gebe zu, ein bisschen Neid war dabei. ich bin ja immerhin Historikerin und warum eine Philologin grundsätzlich bessere Chancen in einem historischen Museum haben sollte, leuchtete mir nicht auf den ersten Blick ein. Na ja, sie spreche ja sogar auch Ukrainisch, wandte die Frau ein. „Hast Du da irgendwie so einen Russlandeutschen Hintergrund?“ wollte ich wissen. „Nein, ich habe da so einen jüdischen Hintergrund!“ pampte die Frau. Weil sie so pampig war, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich hakte nach. Genau genommen war nur der Vater Jude, aber sie wolle das jüdische Kulturgut jetzt endlich leben. Ich grinste noch breiter. Die Frage, die ich stellen wollte, musste ich dann gar nicht mehr stellen. Kleinlaut fügte die Frau hinzu: Der Vater habe entfernte jüdische Wurzeln. Also, sie wisse es nicht genau.

Kann ja sein. Aber muss man deshalb die Leute anpampen? Muss man ein Problem daraus machen? Ich sage immer, wenn ich etwas „mit Judentum“ von mir gebe dazu, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst fühlen die Leute sich meiner Erfahrung nach irgendwie angeschmiert. Dürfen sie jetzt pampen oder nicht?

Stimmt aber. In gewisser Weise bin auch ich schuldig. Ein paarmal habe ich damit kokettiert, dass ich selbst auch südländische Vorfahren habe. Italienische sogar. Bloß dass ich selbst so italienisch bin, wie ein Fischbrötchen mit Tomatensoße. Also nicht besonders. das habe ich dann auh immer gleich dazu gesagt. Als wir in der Schule einen Lehrer hatten, von dem alle wussten, dass er Italien-Fan war, beließ ich es auf dem Oberstufenkurstreffen, das bei mir stattfand, auch dabei, dass ich südeuropäische Wurzeln hätte. Es wäre mir sowieso als Schleimerei ausgelegt worden. Aber warum sollte man eigentlich jemanden für irgendwelche Vorfahren mögen? Für die Haarfarbe oder für die Gene? Ist das nicht? – ja richtig! – Man nennt es Rassismus.

Es ist Rassimus, wenn Menschen als klüger, attraktiver und liebenswerter gelten, weil sie der „nordische Typ“ sind. es ist Rassimus, wenn man das gleiche von leuten denken soll, weil sie NICHT der „nordische Typ“ sind. Es ist Rassimus, überhaupt nach der Haar- oder Hautfarbe zu gehen.

Im Internet hat, soweit ich das mitbekommen habe, eine Kulturwissenschaftlerin sogar versucht, sich als Mulattin darzustellen. Dann muss man ja nett sein. Man muss Stipendien und Anerkennung und gute Jobs geben. Will das wer nicht, also solchen Leuten einfach mal (wieder) den Platz gnz vorn zugestehen, dann kann man immer noch sagen, dass das aber diskriminierend ist. Der Schönheitsfehler: Die Frau ist bloß eine brünette Deutsche. Knallweiß.

Habe ich auch schon erwähnt, dass jetzt alle Frauen „queer“ sind? Sogar die, die eigentlich homophob sind. Davon, dass sie alle den „männlichen Part“ innehaben, also auch „transgender“ sind, mal ganz zu schweigen.

Ich schlug in einem Leserbrief an den Berliner Tagesspiegel einmal vor, statt Minderheitenförderung einfach den Schwerpunkt auf Antidiskriminierungsarbeit zu legen. dann kann sich jeder als „Transgender“, „queer“, meinetwegen auch als „farbig“ sehen und auch problemlos wieder umentscheiden. Sogar jeden Tag dreimal, wenn das nötig sein sollte. Wer diskriminiert wird, bekommt halt Unterstützung, wer nicht diskriminiert wird, braucht ja logischerweise keine.

Der Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Allerdings hatte ich mitbekommen, dass die queeren Frauen einer wie mir „kein Forum“ geben wollten. dann schon eher Birgit Kelle oder Martin Lichtmesz. Der Lichtmesz (der eigentlich Semlitsch mit Nachnamen heißt) kam in Kreuzberg tatsächlich ganz gut an. Ist ja auch Ausländer. Österreicher. Da sag einer, die Leute wären nicht tolerant.

Übereifrige Journalisten, die in Punkto Minderheit nichts falsch machen wollen, fragen sich sogar, warum einer wie der Götz Kubitschek denn rechts ist – Der Name weist doch ganz eindeutig auf slawische Wurzeln hin (Als ob es keine slawischen Faschos gäbe! Also wirklich!). Das ist ja auch bei der Ellen Kositza so. Also, dem Namen nach ist das „polnische“ Element ja da. Nur dass Ellen Kositza eigentlich Ellen Schenke heißt.

Vielleicht sollte man das mit der Minderheitenpolitik noch einmal überdenken. Oder wäre das so schlimm, wenn man wirklich jeden und jede fair behandeln müsste?

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Vielfalt in blau getönt. Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf

Als ich aus der U-Bahnstation komme, sticht sie mir sofort ins Auge. Nein, es war keine „Liebe auf den ersten Blick“. Vermutlich hatten sie und die Leute am Stand mich ausdauernd angegafft, während ich nichtsahnend um die Ecke bog, in Richtung des Platzes, wo sich die Bushaltestelle befand – und wo der in grelles Königsblau gehüllte Wahlkampfstand aufgebaut war. Schweiß perlt mir von der Stirn, Adrenalin schießt mir ins Blut, ich merke, wie meine Handflächen feucht werden und sich mein Magen zusammenkrampft. Am liebsten möchte ich wegrennen, – schnell! – in die U-Bahnstation zurück!

Der dicke Hintern der Frau wackelt auf seinen kurzen, stämmigen Beinchen, die drallen Ärmchen mit den kurzfingerigen Patschändchen fuchteln in der Luft, ein fahlblonder Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Rucksack, anständiges T-Shirt – die Frau lacht breit, die Unterhaltung mit dem hochgewachsenen, hohlwangigen Mann am Stand, dessen bleiche Haut in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen kohlrabenschwarzen Haaren und dem ebenfalls tiefschwarzen Schnauzbart steht, scheint entspannt und sehr angeregt zu sein.

Hass, sexuelle Übergriffe, Blicke, die sich aggressiv in meinem Gesäß festbeißen und an meinem Busen festkrallen, bis ich die Schultern unweigerlich nach vorn kippe und den Blick beschämt senke, jedes zufällige Lächeln vor das eine Frau springt, eine vermeintliche Anmache, ein Beleg, dass ich es doch angeblich „so gewollt“ habe – ‚Die muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird!‘, ‚Hi, hi, die kannste ruhig vergewaltigen!‘, ‚Hö, hö, dann wird sie eben NOCH MAL vergewaltigt!‘, ‚J’ai un zizi maintenant, je peux violer Laila!‘, ‚Hu, hu, j’ai le sida, je peux la violer, Laila!‘, ‚Ouah – elle pue!‘, ‚C’est son odeur naturelle, beurk!‘ – Grinsen, Lachen, – „Die vergewaltigen wir mit Blicken!“ – eine Frauenstimme. Fett. „He, he, voll pervers halt!“, kleine, fiese Augen, die hasserfüllt und winzig klein, tief eingesunken wie Rosinen aus moppligen Gesichtern funkeln – die queere Frau,“ denke ich panisch, „der Liebling aller Minderheiten!,“ ich sehe plötzlich wieder die alte, faltige Frau auf der Veranstaltung bei der taz, mit Heide Oestreich, die alte Frau, die nach mir greift und süffisant lächelt, „der Liebling!“ denke ich atemlos, die abnormal dicke Frau auf der taz-Veranstaltung schiebt sich in mein Gedächtnis, ein unförmiger Körper, der grunzt: ‚Ich bin nun einmal Mutter! Das ist meine Identität!‘, ‚Nein, nein, die ist nicht transgender!‘, Heide Oestreich, die abwiegelnde, abwehrende Gesten macht, als ob sie sich vor mir schützen wollte, ‚Na, aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!‘, der blonde Hipster mit den hervorquellenden Froschaugen, der das gesagt hat und dessen ebenfalls semmelblonde Freundin, die ein gern gesehener Gast bei der taz und in der Heinrich-Böll-Stiftung ist oder war oder wie auch immer.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dicken Knüppel, der auf den fröhlichen Pummel am AfD-Stand eindrischt – die runden, kurzen Ärmchen hilflos zappelnd. Ein Blutbad. Ich blinzele. Am wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne friedlich vor sich hin.

Grelles Blau kreischt mir entgegen. AfD. Neben dem großen Schwarzhaarigen steht ein kleinerer Mann mit kurzgeschorenem, blonden Haar, sportlich gekleidet, bürgerlich – jemand, dessen Budget begrenzt ist – so sieht es jedenfalls aus – der sich aber dennoch ordentlich anziehen kann. Er sieht nach „ehemals Jobcenter“ aus – „aber Kurve nochmal gekriegt!“. Ein „ehrlicher Arbeiter“? Unter dem kurzen Ärmel seines karierten Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Bizeps hervor. Ich will gar nicht wissen, was es darstellt, frage mich dann aber doch – Gang? Rocker? Nazi?

Nach „früher mal Subkultur“ sieht auch die mollige, etwas größere Frau am Stand aus, die ganz in schwarz gekleidet ist, und sich die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt gesteckt hat. Bei ihr sieht das schwarze Haar eindeutig künstlich aus, aber das soll wohl so. Eine dicke Strähne im Pony ist weiß blondiert. „Früher mal schwarze Szene?“ frage ich mich und denke an eine Frau aus Bayern, die mit mir im Studentenwohnheim gewohnt hat. Die war richtig szenig, total ausgeflippt, aber auch erzkonservativ. Das hat mich irgendwie immer ein bisschen irritiert, denn normalerweise haben so extreme Menschen in einem bieder-konservativen Umfeld nichts zu lachen – „Trauerklöße“ allenfalls, vielleicht auch „Perverslinge“. Bei ihr war das aber offensichtlich nicht so. Sie hat BWL gemacht. Was aus ihr geworden ist und ob sie dem Rechtspopulismus etwas abgewinnen kann oder nicht, weiß ich aber nicht. Auch nicht übrigens, ob die Berliner AfD-Frau wirklich einmal Gruftie war.

Ein gediegen und großbürgerlich wirkender Mann mit eiriger Glatze taucht neben mir auf, – Er hat eine seltsam breiten Stirn, das fällt mir richtig auf! Der Mann hält mir etwas grob einen blauen Flyer vor die Nase. „Hier, hier!“ – der Tonfall des Mannes ist aggressiv. Ich schüttele höflich den Kopf. „Hier, für den Nachttisch!“ – der Mann lässt nicht von mir ab, sein Atem bläst mir ins Ohr. Ich wehre ihn mit den Händen ab, gehe schneller.

Auch wenn man es hätte denken können – ich vermute, dass es nicht Nicolaus Fest war, der immerhin in dem Viertel, wo ich wohne, von jedem dritten Laternenpfahl grinst. – Der hat nicht so einen eirigen Kopf -, aber wollte man es vielleicht so aussehen lassen? Oder sind die Plakate mit dem Fest nur sehr stark retouchiert? Ich weiß es nicht. Ich warte auf den Bus. Vor mir stehen zwei Alt-68er, ein Pärchen, Öko-Style, der aber sichtlich gekostet hat, nicht die abgerissenen Querfronttypen aus Kreuzberg, eher Studienräte oder was Höheres, „leitende Funktion“ in irgendeiner sozialen Einrichtung oder in einer Behörde. „Eine von den Grünen liest ernsthaft einen AfD-Flyer?!“ schießt es mir entsetzt durch den Kopf. Doch dann sehe ich, dass die Frau einen ganzen Stapel AfD-Flyer in der Hand hält, und sie an die Passanten verteilt. Wie man sich doch irren kann.

Mein Bus lässt auf sich warten. Die AfD hat unterdessen ihren knallblauen Stand abgebaut. Der Eierkopf wechselt ein paar Worte erst mit dem „Ex-Jobcenter“, dann mit dem Öko-Pärchen und steigt schließlich auf ein sich eher bescheiden ausnehmendes Fahrrad. Das Öko-Pärchen bleibt stehen. Der Bus kommt. Einer Intuition folgend, schiele ich aus dem Busfenster in die Seitenstraße, die von dem Platz abgeht. Und richtig getippt – da lehnt der Schwarzhaarige lässig an einem funkelnagelneuen BMW-Cabriot und unterhält sich mit dem „ehrlichen Arbeiter“. Die Ampel schaltet auf grün, der Bus fährt an und ich habe das Gefühl, irgendwie nochmal entronnen zu sein.

Ein paar Tage später lese ich, dass auch Alice Weidel angeblich mal grün gewählt haben will. „Eher hat sie vor 15 Jahren noch Jagd auf Frauen gemacht, die sie für lesbisch hielt!“, denke ich böse. Aber das weiß ich natürlich nicht. Alice Weidel und ich sind ungefähr im selben Alter. Ich schaue mir kurz etwas auf Youtube an. Die gepflegte, sorgfältig geschminkte Frau mit den straff zurückgebundenen Haaren spricht in gewohnt abgehakten Sätzen, hart, nicht nur im Tonfall, auch im Inhalt. Sie trägt eine eine blauweiß gestreifte Bluse mit steifem Kragen. Es sieht so aus, als hätte sie tiefe Falten unter dem dicken Make-Up, aber vielleicht sieht es nur so aus.

Ich denke daran, dass damals auf der Uni die Klos in dem Gebäude, in dem Jura und Wirtschaftswissenschaften untergebracht waren, immer am dreckigsten waren. Da hatte öfters mal eine daneben gekackt und überall an die grauen Plastikwände waren zotige Sprüche geschmiert. Musste ich da mal drauf (Ich habe nebenher ein bisschen was mit Wirtschaft gemacht), dann ekelte es mich immer leicht, wenn ich draußen die ganzen Jura- und BWL-Studentinnen in ihren frisch gestärkten Blüschen, mit den obligatorischen Perlenohrringen und dem Hermès-Täschlein sah und mich unwillkürlich fragte, welche von ihnen psychisch so sehr aus dem Takt war, dass sie nicht umhin konnte, fein säuberlich auf die Klobrille zu kacken oder gleich ganz daneben, auf den Boden. Dass sich eine von ihnen bequemt hätte, es wegzumachen, das konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Aber das fällt mir zu Alice Weidel jetzt nur wegen der Bluse ein. Sie soll sich beschwert haben, dass man sie als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet hat. Bei der AfD fand man offenbar, dass damit auch die harten Worte gerechtfertigt seien, die Alexander Gauland der SPD-Politikerin Aydan Özoguz an den Kopf geworfen hat – sie solle mal sehen, was deutsche Kultur sei – und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“. Alice Weidel sagt, sie hätte das vielleicht anders ausgedrückt. In der Sache findet sie aber richtig, was Gauland gesagt hat.

Vielleicht ist in der Sache das mit der „Nazi-Schlampe“ dann auch nicht so ganz falsch, denke ich grimmig. Diese Leute betteln ja förmlich darum, in die ganz rechte Ecke gestellt zu werden und dann war im Nachhinein angeblich alles immer nicht so gemeint. Beleidigend ist das mit der „Nazi-Schlampe“ natürlich trotzdem. Das mit dem „entsorgen“ hat aber was von Gaskammer, zumindest vom Stil her. Das ist schon ein bisschen härter. Man kann durchaus „Aufhetzung zum Rassenhass“ dazu sagen, ohne sich groß verrenken zu müssen, da hat der ehemalige Bundesrichter, der Gauland deshalb verklagen will, schon recht.

„Unwertes Leben!“ denke ich. Und dass man das zu mir ja auf jeden Fall sagen darf. Ich balle meine Faust in der Tasche. Das mit dem „unwerten Leben“ war aber der Hipster, den sie bei der taz und bei den Grünen mögen bzw. sie mögen seine blonde Freundin, aber dann mögen sie ihn wahrscheinlich auch.

Irgendwo lese ich, dass viele der jüngeren AfDler aus linksliberalen, eher „grünen“ Elternhäusern stammen. Ist es sowas in der Richtung? Oder will man es wieder einmal nur so aussehen lassen? Geht es darum, verschiedenen Zielgruppen rechtskonservatives, hier und da vielleicht auch rechtsextremes Denken schmackhaft zu machen, obwohl sich doch für die Zoten und das Kokettieren mit dem rechten Rand sehr wahrscheinlich nur wenige begeistern?

Ich denke an meine feministische Professorin und an Heide Oestreich – dass sie alle beide Frauen wie Alice Weidel fördern wollten – weil dieser Frauentyp vor 10, 15 Jahren noch als „zu weiblich“ galt, um sich in der Männerwelt durchsetzen zu können und das offenbar den feministischen Beschützerinstinkt geweckt hat, ganz gleich, wie sehr die Jura-BWL-„und Freundinnen“-Fraktion sich auch über die „Emanzen“ schlappgelacht hat – und eben den fröhlichen Pummel vom AfD-Stand, den wollten sie auch fördern – weil der nicht aussieht, wie die Frauen in „Germany’s next Topmodel“ und deshalb angeblich „queer“ ist, genau wie die Weidel ja auch.

Was genau der Streitpunkt zwischen Alexander Gauland und Aydan Özoguz war, weiß ich allerdings nicht. Irgendwas mit Kultur. Dass ich das hier nicht will, das weiß ich aber ganz genau!

Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Que(e)rfront-Treffen

Wenn man sich abreagieren will, muss man nur den Namen „Carolin Emcke“ bei Googel eingeben. Ich hatte einen nervigen Hipster am Hals. Ich wollte mich abreagieren. Gleich als erstes ploppte der Site des neurechten „Compact“-Magazins auf. Todesmutig hatte der Redakteur, Marc Dassen, ein Bachelor der Geschichte und Philosophie, wie auf „Compact“ berichtet wurde, sich offenbar auf eine Lesungen der Emcke begeben, und dort alles, was er über „linke Lesben“ dachte, bestätigt gesehen. Schon das stieß mir auf. In meinen Augen ist die Emcke nicht wirklich links. Sie ist mir auch nicht lesbisch, nicht jüdisch, nicht „farbig“ genug, wenn ich ehrlich bin. Einfach eine sehr reiche, deutsche Frau? Trifft es das nicht eher?

Ich mag diese Menschen, speziell diese Frauen nicht, die sich selbst für den Inbegriff der Andersartigkeit halten, so dass niemand sich mehr beschweren kann, er oder sie würde unfair behandelt. Irgendwie darf sich ja nur diskriminiert fühlen, wen Emcke & Co. für des „sich diskriminiert Fühlens“ würdig erachten. Schlimmer noch, sich „anders“ zu fühlen, rechtfertigt es sogar, andere zu diskriminieren. Ich mag diese Willkür nicht. Ich finde nicht, dass man sich alles so für sich aussuchen kann, wie’s einem gerade am besten in den Kram passt. Rechte sind nichts wert, wenn sie nur bestimmten Menschen zugestanden werden. Und es ist nicht nur albern, sondern irgendwie sogar zynisch, wenn sich die ganzen höheren Töchter als „diskriminierte Minderheit“ aufführen und anderen dann homophobe Sprüche oder Beleidigungen à la „unwertes Leben“ an den Kopf knallen. Ich weiß, dass auch viele, die aus „gutem Hause“ stammen, Schwierigkeiten haben, ihre Karriere, speziell im geisteswissenschaftlichen Bereich, in geregelte Bahnen zu leiten, aber das rechtfertigt es nicht. Ich habe keine Lust, als „homophobe Kuh“ beschimpft zu werden, weil ich selbst homosexuelle Neigungen habe. Ich habe keine Lust, als „Rassistin“ dargestellt zu werden, weil ich mich als Studentin gegen Rassismus engagiert habe. Es stört mich, als „antizigan“ zu gelten, weil ich Familie in Osteuropa habe. Ich habe etwas dagegen, wenn man uns im Restaurant nicht bedient, weil einige von uns zu dunkel sind und einige Deutsch mit Akzent sprechen.

Ja, ich bin Deutsche. Stimmt. Ich definiere Nationalität „sozial“, nicht „genetisch“. Wer weiß, vielleicht käme ansonsten heraus, dass Compact-Chef Jürgen Elsässer jüdische Ursprünge hat und Thilo Sarrazin entfernte nordafrikanische Wurzeln („Nafri“?)? Dafür aber die Emcke nicht.

Schon an der Uni stieß es mir auf, dass die Lieblinge des Genderforschungslehrstuhls eher und mehr Frauen, eher und mehr Unterdrückte waren als ich, einfach so, qua Definition, denn in einem Fach mit etwa 90 % Frauenanteil musste ja irgendwer für die Rolle des „bösen weißen Mannes“ herhalten. Mich nervten die ewig mahnenden Blicke. Ich fand, dass die Frauen begreifen müssten, dass es, wenn sie von „Critical Whiteness“ oder „Shoa“ sprachen, darum ginge, Selbstkritik zu üben. Ich wusste, dass sie das leider nicht so verstanden wissen wollten und verachtete sie dafür. Wenn man etwas gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Frauenverachtung, usw.. tun will, ist es doch eher kontraproduktiv, wenn es nur darum geht, wer von solchen Dingen per se freigesprochen ist, und wem man sie anlasten kann, sogar dann, wenn die Person sich keinerlei diskriminierender Verhaltensweisen schuldig gemacht hat, oder etwa nicht?

Diskriminierung ist etwas Soziales. Sie macht sich nicht am Körper fest. Es ist eine Handlung und das ist es auch, was erklärt, warum es auch rechte Juden (Breitbart), rechte Schwarze (Dieudonné) und rechte Homosexuelle (Ernst Röhm, Michael Kühnen) gibt bzw. gab. Damit ist ja nicht gesagt, dass Antisemitismus, Rassismus und Homophobie deshalb weniger schlimm seien. Nur, dass theoretisch jeder Unterdrücker und Unterdrückter sein kann. Vielleicht sage ich besser dazu, dass es natürlich trotzdem stimmt, dass im wirklichen Leben etwa Schwarze in Deutschland eher diskriminiert werden als umgekehrt Weiße von Schwarzen diskriminiert werden. Allerdings ist die Emcke eine Weiße.

Zu ihren Fans gehöre ich nicht, wegen ihrer Auftritte im Streitraum (fast so schlimm wie taz-Veranstaltungen, aber es sind ja mehr oder weniger auch die gleichen Leute) und weil sie die große Beschützerin meiner Feinde ist, leider sogar namentlich. Marc Dassen ist deshalb jedoch nicht weniger mein Feind.

Dennoch hatte man in den letzten Jahren keine Gelegenheit ausgelassen, mir klarzumachen, dass ich, überall, wo es um „queer“ ging, „unerwünscht“ sei. Und es ist geradezu ein Treppenwitz meiner Existenz, dass die Emcke vermutlich sogar noch glaubt, sie müsse Marc Dassen gegen Menschen wie mich in Schutz nehmen. Aber sehr wahrscheinlich bin ich kein Einzelschicksal und auf die gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen erklärt es irgendwie das politische Fiasko, in dem wir stecken …

Ein stolzer weißer Mann mimt die „Schwuchtel“

hass1blog

Man möchte ihm am liebsten links und rechts kräftig eine klatschen, dem Milchgesicht mit dem fancy blondierten Haarschnitt und der arschcoolen Sonnenbrille. Im Kopf, im Bauch, in der Fantasie tut man es auch, denn Milo Yiannopoulos verrät und verhöhnt eigentlich alles, was Leuten, die von Demokratie, Toleranz, Vielfalt und einem sozialen Miteinander viel halten, wichtig ist. Er mag keine Muslims, keine Frauen, keine Linken, keine soziale Gerechtigkeit und keine political correctness.

Natürlich ist man im real Life trotzdem nett. Man will fair sein. Yiannopoulos selbst muss sich da nicht unbedingt einen Zwang antun. Eigentlich müsste er – schwul, Brite, der Vater Grieche – schon wegen der im Moment sehr wichtigen Minderheitenfrage ein Darling eben jener liberalen Eliten sein, die er so sehr verachtet. Und vielleicht ist es gerade das, was einen an ihm so richtig aggressiv macht.

Denn wenn einer, der für das rechte Internetportal „Breitbart“ schreibt, für Donald Trump Wahlkampf gemacht hat und der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung („Alternative Right“ = „alternative Rechte“, vgl. Wikipedia) zugerechnet wird, seine Lesungstour „The Dangerous Faggot Tour“ nennt, dann hat das einen winselnden, jämmerlichen Beiklang.

Es hat was von einem Rechten, der von der links-liberalen Minderheitenpolitik vermutlich mehr als viele andere profitiert hat und trotzdem mit Wonne auf allen herumtritt, die Toleranz und ein bisschen soziale Unterstützung bitter nötig hätten. „Faggot“ heißt ja „Schwuchtel“. Soll wohl ironisch gemeint sein. Jedenfalls erinnert es an linke Forderungen, diskriminierte Minderheiten sollten sich solche Worte „selbstbewusst“ aneignen.

Aber wenn sich einer wie Yiannopoulos das Wort „Faggot“ auf die Fahnen schreibt, dann wirkt das – auf mich zumindest – als ob jemand laut aufheult: „Aber die Minderheit bin doch ich!“, nur um dann hämisch zu höhnen „Hä, hä ihr müsst nett zu mir sein. Aber ich mag euch nicht. Ich muss nämlich nicht nett sein!“.

Damit ist ein politisches Monster geboren, denn Yiannopoulos ist kein Einzelfall und die jungen Rechten, die heute gegen Toleranz und Vielfalt antoben, sind, wie gesagt, Kinder der Nach-Reagan-, Nach-Thatcher-, Nach-Kohl-Ära.

Vermutlich erklärt das auch – zumindest zum Teil – warum  die „political correctness“ mittlerweile bei so vielen Leuten – auch Linken, Liberalen – ein gewisses Unbehagen auslöst. Man denkt an Typen wie Yiannopoulos, Menschen, die – selbst keineswegs benachteiligt – hemmungslos andere in die Enge treiben, demütigen, diskriminieren, einfach weil sie sich sicher sind, weil es man ihnen so beigebracht hat, dass sie für jedwedes Verhalten, ganz gleich wie abstoßend es ist, einen Freifahrtsschein haben.

Aber warum muss man eigentlich um jeden Preis nett zu Leuten wie Yiannopoulos sein? Zählen die Rechte von Frauen, von anderen Migranten – Muslimen – nicht, nur weil einer, der schwul ist und auch noch einen Schuss südeuropäisches Blut in den Adern hat, sie nicht mag? Ist ein Araber als Minderheit weniger Wert als ein (halber) Grieche? Eine schwarze Frau weniger als ein Homosexueller, eine Lesbe oder arme Weiße vielleicht auch weniger als ein reicher Schwuler? Und warum eigentlich muss so genau bemessen werden, wer was „darf“ und wie viel jemand z. B. an Toleranz „verdient“ hat?

Irgendwann in den Nullerjahren muss etwas kaputt gegangen sein in der linken Identitätspolitik.

Früher hieß es, dass sich die Identität eines Menschen aus sehr vielen verschiedenen Aspekten zusammensetzt. Jemand kann Punk oder Spießer sein, arm oder reich, schwarz oder weiß, sexuell abweichend oder nicht, Aus- oder Inländer, Mann oder Frau, Tennis- oder Fußballspieler oder Sportmuffel, Bach, Mozart, Iron Maiden oder etwas ganz anderes hören. Nur ist mit alldem keine Aussage über die Güte eines Menschen getroffen. Gemeinhin umschreibt man so etwas wohl mit den Worten „Pluralismus“ und „Toleranz“.

Jedenfalls hatte man damals keine Schwierigkeiten damit, sich vorzustellen, dass ein Schwuler rechts sein kann und auch ein Frauenhasser. Und dass man das auch kritisieren darf.

Das bedeutet ja nicht, dass man sich deshalb auch homophob auslassen darf. Auch einem wie Yiannopoulos gegenüber nicht. Aber nicht jede Kritik, nicht jedes Gefühl der (persönlichen) Antipathie ist Homophobie oder „Mikroaggression“ (dazu gab es mal in der „Zeit“ einen ziemlich aufschlussreichen Artikel). Das sind zwei Paar Stiefel und es verblüfft mich immer wieder, dass das mittlerweile nur noch schwer zu vermitteln ist.

Das Problem ist, dass der Minderheitendiskurs heute einfach zu stark verengt ist auf „Minderheiten versus Mehrheitsgesellschaft“. Die Linken denken, dass sie die Minderheiten vor der Mehrheitsgesellschaft beschützen müssen. Die Rechten dagegen wollen die Mehrheitsgesellschaft vor den Minderheiten beschützen.

Wer jeweils „Minderheit“ bzw. „Mehrheitsgesellschaft“ ist, kann in beiden Lagern flexibel gehandhabt werden.

Als die Flüchtlingsdebatte vor etwa einem Jahr auf ihrem Höhepunkt war, erinnerten sich einige Linke z. B. plötzlich an die Fluchtgeschichten ihrer Eltern und Großeltern. In manchen Berichten, u. a. in dem Blogbeitrag „Auch ich bin eine Flüchtlingstochter“ der ehemaligen Piratenpolitikerin Anke Domscheit-Berg, klang an, dass Schlesien, Masuren, Ostpreußen, Pommern und das Sudentenland schließlich auch kulturell fremd seien, jedenfalls „anders“ im Hinblick auf die Mehrheitsgesellschaft. Ganz klar: Diese Deutschen teilten etwas mit den Flüchtlingen – wenn auch nur mittelbar, als Familiengeschichte und nicht selbst erlebt. Die anderen nicht. Ist natürlich etwas ungeschickt, wenn man auf Integration hinarbeiten will …

Dafür aber darf Milo Yiannopoulos bei den Rechten auch der stolze weiße Mann sein, der sich seine angestammten Vorrechte zurückerobert. Ein „Faggot“, der höchstens aus PR-Gründen einer ist.

Höchste Zeit, solchen Leuten ein etwas differenzierteres Weltbild entgegenzusetzen!

 

 

 

Sozialpolitik oder Unisex-Klos?

Tja, das Thema Carolin Emcke bewegt die Gemüter offenbar immer noch. Jetzt geht es offenbar darum, wer das Soziale und die Armut für sich gepachtet hat. „Der opportunistische Ruf nach ‚dem Sozialen’ führt eben nicht zu Inklusion, im Gegenteil: Er markiert Menschen in prekären Lebensumständen auch als geistig arm, als der geforderten Anerkennung nicht fähig.“ schreibt Birte Förster im Merkur.

Aber wer hat das denn behauptet, dass Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf jeden Fall schon einmal von vornherein Feinde „der anderen“ sind, der Flüchtlinge und Migranten, Homo- und Transsexuellen, Schwarzen und People of Color, Juden, Behinderten, usw.? Waren es nicht gerade jene Menschen um Carolin Emcke herum, die glaubten, jedes soziale Engagement, das nicht in erster Linie Flüchtlingen zu Gute kommen sollte, sei ein „rechts Blinken“? Vorsicht also vor dem Sozialstaat und vor Mitgefühl mit Armut, sonst ist es nicht mehr weit bis zu einem neuen nationalsozialistischen Terrorregime?

Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ angemerkt, „Man wird den wütenden Einwohnern von sozialen Brennpunkten in westdeutschen Städten wie Duisburg, die einer konfliktreichen Armutszuwanderung ausgesetzt sind, kaum mit dem Argument zu Leibe rücken können, sie hätten eine nostalgische „Phantasie der gemeinsamen Zugehörigkeit“ oder lebten in der irrigen Annahme von „organischer Einheitlichkeit“ einer Nation, Gesellschaft oder ihres Stadtviertels.“

Das habe ich als konstruktive Kritik an Carolin Emcke verstanden, denn der Verdrängungsprozess, dem arme „Inländer“ – und zwar sowohl Deutsche als auch Migranten! – durch Zuwanderung ausgesetzt sind, ist kein Konstrukt und keine rechtsextreme Wahnphantasie, sondern leider höchst real. Das Problem ist, und das merkt auch Soboczynski an, dass es hier, sehen wir mal von rechtspopulistischen Parolen ab, keine einfachen Antworten gibt.

Dabei wäre es tatsächlich von vordringlicher Wichtigkeit, zu überlegen, wie man diese sozialen Verdrängungsprozesse aufhalten und die durch Zuwanderung entstehenden sozialen Probleme abfedern kann. Dazu aber braucht es mehr Hirnschmalz, Kreativität und Kompetenz in sozialpolitischen und volkswirtschaftlichen Fragen, als viele aufzubringen bereit sind (oder können, klar!). Carolin Emcke ist der Frage, wie Soboczynski schreibt, ausgewichen. Man kann ihr das nicht persönlich anlasten, aber es macht auch niemanden „rechts“ sich etwas konkreter mit sozialem Sprengstoff auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: wenn es weiter so läuft, wie bisher, dann haben wir es irgendwann, dass neue nationalsozialistische Terrorregime.

Und nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Gewichtung. Dass es z. B. nicht zuviel verlangt ist, wenn Transsexuelle die Toilette benutzen möchten, die ihrem Geschlecht entspricht, auch wenn es nicht ihr biologisches Geschlecht ist, erschließt sich leicht. Da geht’s nur ums Pinkeln. Jede und jeder für sich in der Klokabine. Was kann man schon dagegen haben?

Wenn nun aber das Thema „Unisex-Toiletten“ und zwar flächendeckend und verpflichtend für alle, Thema Nummer 1 auf jeder sozialen Agenda sein muss, ist das etwas anderes. Es ist zumutbar, dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ihre Identität auf dem Klogang zum Ausdruck bringen möchten, dann eben abwechselnd das Männerklo und die Frauentoilette benutzen. Das sind einfach Luxusproblemchen, die nur eine verschwindend geringe Zahl an Menschen betreffen, denn sogar die meisten Intersexuellen sind äußerlich einem Geschlecht zuzuordnen und identifizieren sich meist auch damit. Auch wirklich transsexuelle Menschen, die sich von Kindesbeinen an als das andere Geschlecht identifizieren, sind sehr viel seltener, als man mittlerweile denken könnte. Dafür weiß jeder, der mit dem Thema Queer ein bisschen Erfahrung hat, dass die Zahl derer, die Aufmerksamkeit wollen und denen es Vergnügen bereitet, andere damit zu drangsalieren, dass sie sie angeblich nicht „als die, die sie wirklich sind“ „erkennen“ (was auch immer mal wieder wechseln kann. Ganz abgesehen davon, dass solche Leute meistens nicht eine Sekunde daran verschwenden, darüber nachzudenken, wer denn ihr Gegenüber ist und welche Gefühle es vielleicht hat, außer vielleicht, dass klar sein muss, dass es kein Anrecht auf was auch immer hat) und wie sie sich ihnen gegenüber zu verhalten haben.

Was denken sich solche Leute eigentlich? Ich hatte mal eine (stark übergewichtige) Ostdeutsche am Hals, die mich des „ausgrenzenden Sprachgebrauchs“ schuldig gesprochen hatte, weil ich von „wir“ und „ihr“ gesprochen hatte, also von der BRD und der DDR, von der Zeit, als es noch zwei Staaten waren. Hätte ich „wir“ gesagt, nur „wir“, hätte die Frau mir vorgeworfen, sie nicht in ihrer Besonderheit erkannt zu haben. Offenbar rechtfertigt es ein solcher Schwachsinn aber, Menschen ganz konkret auszugrenzen und sie über Jahre zu mobben.

Tut mir leid, aber wer so argumentiert, muss sich auch nicht wundern, wenn man für das angebliche „Leid“ solcher Menschen unempfindlich wird. Ganz abgesehen davon, dass ich es wirklich pervers finde, wie sehr sich diese Leute um die Position des „anderen“, Ausgegrenzten, prügeln. Warum muss man hier Mitleid haben, braucht es hier eine Menge Empowerment und Affirmative Action, während man sich da Ausfälle wie „unwertes Leben“ und „Dose auf Dose klappert gut!“ gern erlauben darf?

Es ginge um den Körper, versicherte man mir. Ja, aber gerade der dickliche, große, blonde Frauenkörper hat eigentlich in Deutschland keinerlei Berechtigung, als „andersartig“ wahrgenommen zu werden, entspricht er doch dem von den Nationalsozialisten propagierten Ideal des „Herrenmenschen“. Sarkastisch könnte man anmerken, dass schon einmal ein paar Millionen Menschen für das „Selbstbewusstsein“ solcher Frauen sterben mussten. Bitte nicht wieder!

Wobei ich nicht werten will. Auch kleine, schmale, androgyne, dunkelhäutige und -haarige Menschen sind nicht die besseren Menschen. Gerade nach der Erfahrung von Auschwitz und weil die Menschenrechte keine neue Mode sind, an die man sich erst noch gewöhnen müsste, müsste eigentlich klar sein, dass Dinge wie Körper, Hautfarbe, Ethnie (oder auch „Rasse“, je nachdem, wie man will) einfach nichts damit zu tun haben, wie ein Mensch so ist. Es geht eben nur darum, dass Bevorzugtwerden nicht drin ist, wenn man den historisch tradierten Idealvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Daran kann auch der linguistic turn nichts ändern. Man kann „Andersartigkeit“ nicht einfach herbeirreden, indem man von „Ausgrenzung“ spricht und „Privilegierung“ meint.

Aber diese Leute wollten es sich aussuchen können. Das ist das Problem und vielleicht auch der Grund, warum so viele „Lesben“ homophob sind und warum Frauenhass, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der queeren Subkultur durchaus ihren Platz haben. Man war ja nicht immer so, v. a. nicht immer homo-, bi- und/oder transsexuell. Dafür war ein Großteil der Leute, die so sehr darauf bestehen, mit völkischem Vokabular und Nazi-Phrasen um sich zu werfen, um andere damit zu demütigen, wahrscheinlich auch vorher schon rechts und jetzt ist es eben (wieder) legitim. Weil man sich das in der Rolle „der anderen“ ja leisten kann.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal öffentlich darüber reden, dass z. B. ihr Patenonkel Alfred Herrhausen aus einer nationalsozialistischen Elitefamilie stammt, als Jugendlicher eine sog. „NS-Ausleseschule“ besuchte, wie sein Wikipedia-Eintrag ihm bescheinigt. Nein, damit will ich nicht behaupten, dass sich Herrhausen auch im späteren Leben etwa noch mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätte. Davon weiß ich ja gar nichts und da maße ich mir kein Urteil an. Nur geht es um das „personifizierte Gute“, das sich mit Flecken auf der weißen Weste (die im übrigen jeder hat) nicht halten lässt und es vielleicht sogar etwas (wirklich) Gutes wäre, über diese Flecken zu reden, im Sinne einer Auseinandersetzung und eines Zugehens auf die Bevölkerung, nicht im Sinne einer öffentlichen Selbst- oder Fremdkritik.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal darüber reden, wie es ist, unwahrscheinlich reich zu sein und von Kindesbeinen an der deutschen Elite angehört zu haben. Warum wäre das schlimm? Da mag es ja auch negative Aspekte geben, die vielleicht Menschen wie ich nicht verstehen. Vielleicht wäre es interessant, wenn Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen innehaben und nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Erfahrungen machen, sich darüber austauschen könnten.

Im Moment macht es nur eben oft den Eindruck, dass dieses Pochen auf der Position „des anderen“, der damit einhergehenden Unangreifbarkeit, der Identifikation mit allem, was irgendwie vom Mainstream abweicht und dass man anderen das abspricht, dass das in einigen Fällen möglicherweise auch nur eine Form des kaschierten, bildungsbürgerlich verbrämten Hasses ist, im Endeffekt nicht anders und nicht besser als bei den altbekannten Wutbürgern und Hatern aus dem rechten Milieu auch.

Selbst würde ich mir jedenfalls wünschen, dass, wenn mir das nächste Mal jemand „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterherruft, Menschen wie Carolin Emcke die Homophobie darin ankreiden. Dazu wäre nicht einmal eine Sympathie mit meiner Person notwendig, die ehrlicherweise auch niemand haben kann, der oder die mich nicht kennt. Anstatt laut zu überlegen, ob jemand wie ich denn überhaupt homosexuelle Neigungen haben kann – eben weil man sich da bereits ein festes Bild gemacht hatte, von einer Weiblichkeit, die zwar dominant und herrisch ist (und keineswegs burschikos), aber eben auch feminin und altmodisch auftritt und einen bestimmten Körpertyp und seine Attraktivität in den Vordergrund rückt – und ob das nicht eigentlich doch legitim ist, mich zu diskriminieren, ob nicht am Ende sogar ich die Böse bin, die versucht, etwas für sich zu beanspruchen, dass ihr doch gar nicht zusteht.