Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

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Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

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1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

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2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

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3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

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4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

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5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

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Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.

Rechtsherum in Europa – ein Versagen der Linken?

Ein „neues Gespenst“ geht um in Europa, schreibt Hans-Jürgen Schlamp auf Spiegel Online. Er meint den Rechtspopulismus, der in vielen Ländern der Europäischen Union auf dem Vormarsch ist. In einigen, wie Polen, stellt er auch die Regierung oder ist, wie in Dänemark, zumindest klar in der Mehrheit.

So informativ der überblicksartige Online-Artikel auch ist, er verweist leider schon im ersten Absatz unfreiwillig auf das Kernproblem: Das verführerische Angebot der neuen Rechten laute, wie Schlamp schreibt: „Ihr müsst euch nicht verändern, ihr könnt Kleinbauern bleiben, eure Tante-Emma-Läden weiter führen, ihr müsst nicht zu den Jobs wandern, die kommen zu euch (…)“.

Aber mal ehrlich – im Umkehrschluss würde das doch bedeuten: Wenn ihr nicht rechts sein wollt, müsst ihr euch verändern, ihr könnt nicht mehr Kleinbauern sein, ihr müsst eure Höfe aufgeben, ihr könnt eure Tante-Emma-Läden nicht weiterführen, setzt euch stattdessen gefälligst für 450 Euro im Monat an die Supermarktkasse und wenn’s euch nicht passt, dann schaut, wie es die Flüchtlingen machen und zieht rund um den Globus – vielleicht findet ihr ja irgendwo ein Auskommen …

Politik darf sich aber nicht nur an den Bedürfnissen eine jungen, flexiblen Elite orientieren. Es ist ja schön, wenn solche Leute sich einbilden, ihr Vorsprung durch Geld und Geburt mache sie per se immun gegen rechte Rattenfänger. Dass dem nicht so ist, weiß man eigentlich: Die deutsche AfD hatte noch bis vor Kurzem den Ruf inne, eine „Professorenpartei“ zu sein, Geert Wilders rechtspopulistische Partij voor de Vrijheid in den Niederlanden spielt munter die Rechte von Homosexuellen und Frauen gegen den „rückständigen“, „mittelalterlichen“ Islam aus. Damit aber wird gerade jenes „liberale“, „fortschrittliche“ Weltbild verteidigt, das andere rechte Kräfte als „Sittenverfall“ und „links-rot-grün versifftes 68er Deutschland“, wie Jörg Meuthen von der AfD es nennt (vgl. dazu einen Bericht des AfD-Parteitages in Stuttgart im ZDF-Journal „heute“), bekämpfen.

In erster Linie geht es um den Vorrang „nationaler“ Interessen. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die die europäischen Rechtspopulisten haben. Dass sie trotzdem sehr gut miteinander vernetzt sind, wie man immer wieder hört und auch aus den wechselseitigen Glückwünschbekundungen zu Wahlerfolgen in den sozialen Netzwerken schließen kann, macht die neue Rechte so gefährlich. Eigentlich ist sie eine Hydra die man nicht so leicht fassen kann. Immer wenn man – in Analogie zu der griechischen Sagengestalt – einen Kopf abgeschlagen hat, wachsen zwei neue nach. Ich glaube, das Bild ist auch bereits bemüht worden.

Einfache schwarz-weiß-Bilder sind jedenfalls wirkungslos: Rechts ist diskriminierend? Rechte wollen die Frauen zurück an den Herd drängen, sind ausländerfeindlich und machen sexuellen Minderheiten das Leben zur Hölle? Nicht unbedingt. Der niederländische Rechtspopulist Wilders setzt sich ja, wie gesagt, gerade für diese Gruppen ein. Selbst ist er mit einer Ungarin verheiratet und hat indonesische, also außereuropäische Vorfahren, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Auch der deutschen AfD ist es gelungen, Minderheiten – Homosexuelle und Migranten – zu integrieren und vielleicht hat der aus Benin stammende schleswig-holsteinische AfD-Politiker Achille Demagbo sogar Recht, wenn er sagt, viele Menschen mit Migrationshintergrund seien „wertkonservativ“, wie er in der Welt zitiert wird.

Dass sie altmodisch und religiös sind, mit einer Auffassung der Geschlechterrollen, die klare Unterschiede zwischen Männern und Frauen vorsieht und die traditionelle Familie für den „Kern der Gesellschaft“ hält – das sagt man – zu Recht – vielen rechtspopulistischen Strömungen in Osteuropa nach. Allerdings könnte man dasselbe auch über den konservativen Islam sagen. Und genau deshalb überrascht es nicht so sehr, dass auch Islamophilie in der neuen europäischen Rechten ihren Platz hat. Andreas Abu Bakr Rieger, der ehemalige Mitgesellschafter des Magazins „Compact“, das der sog. „Querfront“ zugerechnet wird, ist 1990 zum Islam konvertiert, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.

Zwar hat sich Rieger mittlerweile von „Compact“ distanziert, doch wird gerade am „Compact“-Umfeld um den Ex-„konkret“ und -„Junge Welt“-Journalisten Jürgen Elsässer deutlich, wie widersprüchlich das rechte Milieu ist: Islamophobe und „islamkritische“, neo-konservative Pro-Israel-Aktivisten finden dort ebenso eine neue politische Heimat wie eingefleischte Antisemiten und ehemalige Linke, die Israel für den Vorposten des us-amerikanischen „Imperialismus“ im Nahen Osten halten und sich schon von daher eher mit den Palästinensern und auf einer globaleren Ebene mit dem Islam als solchen identifizieren. Konservative und Reaktionäre sind mittlerweile in der Rechten genauso vertreten wie liberale Kräfte, die den konservativ-religiösen Einfluss muslimischer Zuwanderer als Gefahr wahrnehmen und zurückdrängen wollen. Eliten und „Leistungsträger“ dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch der in letzter Zeit so oft bemühte „kleine Mann“. Für alle ist etwas dabei – könnte man zumindest denken.

Die Linke hat leider ihrerseits bislang immer nur auf den Rechtspopulismus reagiert und versucht, ein Gegengewicht herzustellen. Nur klappt das nicht immer. Zum Teil verstrickt sie sich mit Überreaktionen und einer bizarren Dialektik von Minderheit und Mehrheit sogar in Widersprüche:

  • Es stimmt z. B. dass Muslime zur Zeit in Deutschland sehr stark angefeindet werden. Um das abzumildern, stärken Linke ihnen den Rücken. Allerdings vergessen sie dabei manchmal, darauf zu achten, um wessen Rücken es sich da im Einzelfall handelt. Eher versucht man zu ignorieren, dass es den islamistischen Fundamentalismus wirklich gibt und dass es mit den Rechten von Frauen und Homosexuellen in vielen islamisch geprägten Ländern tatsächlich nicht so weit her ist. Die algerische Soziologin Marieme Hélie-Lucas hat das als eine Form von Blindheit der europäischen Linken gegenüber rechtskonservativen Muslimen kritisiert. Auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte bezogen, beschreibt sie das Phänomen ausführlich in einem Beitrag in dem vor kurzen erschienenen und von Alice Schwarzer herausgegebenen Sammelband „Der Schock – die Silversternacht in Köln“.
  • Außerdem übt Zuwanderung – sofern sie im größeren Rahmen stattfindet – einen erheblichen sozialen Druck auf die unteren Schichten der Gesellschaft aus. Da man aber keine Patentrezepte an der Hand hat, wie man das ändern könnte, wirft man allen, die Angst um ihren Job haben, in einer Art fast schon, so könnte man denken, erhoffter self-fulfilling prophecy vor, „Mitläufer“ der Rechtspopulisten zu sein. „Kleingeister“ und ängstliche „Hasenfüße“ seien solche Leute. An markigen Worten fehlt es im Moment nicht. Dass man selbst als gut verdienende Oberschicht in den letzten Jahren nicht nur erheblich von dem zunehmenden Auseinanderklaffen der sozialen Schere profitiert hat, sondern außerdem auch eher die Vorteile eine globalisierten Gesellschaft abschöpfen kann und die Nachteile einen nicht so schwer treffen, übersieht man dabei allerdings geflissentlich.
  • Last but not least möchte man zeigen, dass einem das „andere“, Fremde keine Angst macht, man ihm im Gegenteil sogar Raum geben möchte, macht man sich für das Kopftuch oder sogar für Niqab und Burka stark. Dabei geht es um Abgrenzung und Identität. Dass Menschen, die auswandern oder aus einer Einwandererfamilie stammen, meistens mehr oder weniger „zwischen den Kulturen“ leben, ist keine neue Erkenntnis. Man kann es, wenn man selbst davon betroffen ist, als Bereicherung oder als Problem empfinden. Vermutlich hängt das auch ein bisschen von den persönlichen Umständen ab. Die Angst, die eigene Identität an die „Mehrheitsgesellschaft“ zu verlieren und das Bedürfnis, sich von ihr abzugrenzen, ist jedoch neu und wird durch Diversity-Management und Minderheitenpolitik gestärkt. Wenn man das noch etwas weiter auf die Spitze treiben würde, wäre man fast schon beim „Ethnopluralismus“ der rechtsextremen und in verschiedenen Ländern Europas vertretenen sog. „identitären Bewegung“. Auch wenn es ansonsten natürlich keine Gemeinsamkeiten mit den „Identitären“ gibt.

All das hat das politische Profil der Linken verwässert. Und wo es den Rechtspopulisten z. T. gelungen ist, Widersprüche in integrative Kraft umzumünzen, hat sich die Linke in den letzten Jahren zu sehr auf ein globales Bildungsbürgertum konzentriert, mit dem allein eben auch kein Staat zu machen ist. Dabei wäre es eigentlich gar nicht so schwer, die Dinge ein wenig differenzierter zu betrachten. Vielfach würde es schon reichen, nicht allzu sehr über das Ziel hinauszuschießen. Ansonsten wird der europäische Rechtspopulismus wohl weiterhin seine Anhänger finden. Leider. Denn das volle zerstörerische Potenzial dieses neuen Phänomens wird sich erst entfalten, wenn die Leute auch formal politische Macht besitzen.

Herzlich willkommen! Alle gleichermaßen!

NopeJeans

Wandert mit den Flüchtlingen auch mehr Toleranz für Antisemitismus, Homophobie und Frauenhass ein? Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, hat in den vergangenen Tagen Bedenken geäußert, wie u. a. im Berliner Tagesspiegel zu lesen war. Er erntete dafür viel Kritik, war aber nicht der einzige, auch aus Niedersachsen kamen kritische Töne zur Flüchtlingsfrage, berichtete der NDR. Am Dienstagabend war es dann CDU-Politiker Jens Spahn, der in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ die Katze aus dem Sack ließ: Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau und von Homosexuellen könnten nicht preisgegeben werden, auch dürfe es keine Toleranz für Antisemitismus geben. Den Verlegersohn Jakob Augstein, der ebenfalls in der Talkrunde saß, packte die Wut. „Dramatisch, rassistisch, kulturchauvinistisch“ fand er Spahn, den er ideologisch in die Nähe der AfD rückte. Man muss in diesen Tagen ein bisschen aufpassen, dass man nicht in den Verdacht gerät, die Flüchtlinge verunglimpfen zu wollen.

VORURTEILE ODER ÄNGSTE?

Mal abgesehen davon, dass ich wenig davon halte, den Leuten über den Mund zu fahren, wenn sie Bedenken äußern und außerdem der Meinung bin, dass jemand wie Jakob Augstein (weiß, deutsch, männlich, heterosexuell, aus bestem Hause stammend) es sich nicht leisten kann, sich allzuweit aus dem Fenster zu lehnen, wenn es um die Ängste von Minderheiten und/oder sozial marginalisierten Menschen geht – Sind die geäußerten Bedenken denn tatsächlich so infam, dass man denken könnte, hier solle nur eine soziale Gruppe, nämlich die Flüchtlinge, diskreditiert werden?

Was Antisemitismus betrifft, ist diese Frage eigentlich schnell beantwortet: Wer glaubt, dass es im Nahen Osten keinen Antisemitismus gibt, der hat wahrscheinlich noch nie etwas vom Nahostkonflikt gehört. Dass dieser Antisemitismus auch nach Europa exportiert wird, davon legen u. a. die Terroranschläge in Frankreich, die sich z. T. auch gezielt gegen jüdische Institutionen richteten, ein beredtes Zeugnis ab. In Deutschland kam es zumindest zu verbalen Ausfällen gegenüber Juden, die Medien, u. a. Deutschlandradio, haben mehrfach darüber berichtet.

MUSS MAN VERSTÄNDNIS HABEN?

Es liegt mir fern, zu pauschalisieren und Hass und Intoleranz als Problem, das durch Migration entsteht, darzustellen. Das wäre auch schlichtweg falsch. Natürlich gibt es auch antisemitische (und homophobe, frauenfeindliche) Deutsche (und Franzosen). Man darf aber die Augen nicht davor verschließen, dass so etwas auch unter Einwanderern vorkommt und dass sie sich, was die Diskriminierung anderer sozialer Gruppen betrifft, z. T. weniger im Unrecht sehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil es immer wieder Deutsche gibt, die ihnen zur Seite springen und fordern, man solle ein Auge zudrücken, es seien doch Migranten, die fremde Kultur, usw. bla bla.

Was ist eigentlich so schlimm daran, verbindliche Regeln für alle zu fordern? Im Grunde basiert die Idee der Demokratie darauf, dass man alle gleich behandeln soll, dass aber auch alle gleiche Rechte für sich in Anspruch nehmen können. Es wundert mich immer wieder, dass gerade das für viele der Leute, die sich auf die Fahnen schreiben, das linke Element in dieser Gesellschaft zu vertreten, so schwer zu schlucken zu sein scheint.

WENN POSITIVE DISCRIMINATION WIRKLICH DISKRIMINIEREND IST

Die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckhardt brachte „bei Maischberger“ auf den Punkt, was wahrscheinlich Leitlinie der derzeitigen Flüchtlingspolitik ist – sinngemäß – Die Leute sollen sehen, dass wir ihre Freunde sind. Wir sollten ihnen einen herzlichen Empfang bereiten. Nichts spricht dagegen! Echte Freunde wenden sich nicht gleich von einem ab, wenn man mal etwas falsch gemacht hat – aber sie sagen einem, dass es falsch war. Ansonsten würde man nämlich auch gerade denen in den Rücken fallen, die die „politisch Verfolgten“ im engeren Sinne sind: Menschen, die aus dem Nahen oder Mittleren Osten stammen, aber den fanatischen, politischen Islam ablehnen, ebenso Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. Ich finde, sie dürfen darauf bauen, hier auf Gleichgesinnte zu treffen!

Xavier Naidoo und die unschönen Seiten der Popkultur

Deutsche Wertarbeit hat ein multikulturelles Gesicht. So könnte man sich vielleicht die Entscheidung der ARD erklären, Xavier Naidoo als deutschen Vertreter zum Eurovision Song Context 2016 nach Stockholm zu schicken. Naidoo sänge „technisch auf hohem Niveau“ heißt es in einem Kommentar in der Zeit, der die Ernennung des Popsängers ansonsten kritisiert. Das, was aber offenbar sehr viel mehr an Xavier Naidoo interessiert, bringt Jan Feddersen für die ARD auf den Punkt: „Naidoo, dessen Vater aus Südafrika stammt, ist auch optisch ein perfekter deutscher ESC-Sänger: Er ist deutsch – und er sieht wie das moderne Deutschland des Jahres 2015 aus: multikulturell.“ schreibt Feddersen, ansonsten bei der Berliner Tageszeitung für Popkultur zuständig – und, vielleicht der Clou bei der Sache – außerdem Fachmann für alles Homosexuelle. Damit, könnte man meinen, hat sich auch einer der wesentlichen Kritikpunkte an der Ernennung Naidoos erledigt: Immerhin werden dem Mannheimer nicht nur Antisemitismus und eine Nähe zu rechten Verschwörungstheorien unterstellt, sondern auch Homophobie.

MUTTIS GUTER JUNGE ODER GERMAN GANGSTA?

Ob das jetzt alles so stimmt, sei mal dahingestellt. Ich kenne Naidoo nur als schnulzigen, etwas langweiligen Saubermann, der mit penetrant gefühlig-christlichen Texten nervt und die Muttis irgendwelcher blasser Streberleichen vermutlich eher begeistert als die heutige Jugend. Na ja, wobei ich zugeben muss, dass ich nicht zur heutigen Jugend gehöre. Trotzdem schockiert es natürlich erst einmal, wenn so ein netter, kantenloser Bubi dann mit Textpassagen à la „Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? “ (zit. nach einem Kommentar v. Patrick Gensing auf den Seiten der ARD) ankommt. Also doch mal einen auf „harter Gangsta“ machen?

DISKRIMINIERUNG UNTER DISKRIMINIERTEN

Man kann sich darüber aufregen, weil es eine homophobe Unterstellung ist, schwule Männer mit Pädophilie in Verbindung zu bringen oder einfach darüber hinweggehen. Man kann Antisemitismus damit neutralisieren, dass Naidoos Vater Medienberichten zufolge einen jüdischen Onkel gehabt haben soll, wie ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber es in einem Interview mit der Zeit versucht hat oder argumentieren, dass ein Mann mit Naidoos Hautfarbe in Deutschland gar keine Nähe zum rechten Rand haben kann – er ist doch selber ein „man of color“.

ALLE RASSISTEN SIND ARSCHLÖCHER. ÜBERALL.

Man kann sich auch in der Nase bohren, denn jeder weiß, dass z. B. Rassismus keine Frage der Hautfarbe ist, sondern eine der Borniertheit, auch wenn er meistens von Europäern ausgeht und sich gegen Nicht-Europäer richtet. Aber vielleicht erinnert sich ja noch jemand an den Spruch aus den 1990ern: „Alle Rassisten sind Arschlöcher. Überall.“. Genau so sehe ich das auch, wobei ich Xavier Naidoo hier keinen Rassismus unterstellen will. Ich will nur deutlich machen, wie albern dieses „multi-minority“-Getue manchmal ist.

VOLKSVERHETZUNG, MEINUNGSFREIHEIT UND DIE HEILE WELT DES WESTENS

Im Musikbusiness gibt es eine Menge Leute, die etwas von ihrem Handwerk verstehen, ansonsten aber ganz schön ätzende Typen sind. Viele Rapper geben sich z. B. gern frauenverachtend, sind homophob und sparen auch nicht mit antisemitischen Statements. Man muss das nicht gut finden. Wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind, muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Auch Xavier Naidoo hat bereits eine Anzeige wegen Volksverhetzung im Gepäck, wie u. a. die Welt berichtete. Die Frage ist, ob man so jemanden unbedingt als Vertreter seines Landes schicken muss. Vor allem dann, wenn man damit – wie im Falle Naidoos – gerne eine heile Welt der Vielfalt und der Völkerverständigung zur Schau stellen möchte. Das passt irgendwie nicht.

KEINE DEUTSCHE CONCHITA WURST IN SICHT

Naidoo taugt einfach nicht als deutsche Conchita Wurst, vor allem, weil Wurst den begehrten Grand Prix de la Eurovision nicht für ihr Minderheitendasein gewonnen hat, sondern für die künstlerische Qualität ihrer Darbietung: Eine volle, prägnante Stimme, perfekt zwischen Mann und Frau temperiert, ein Song, der ins Ohr ging und dazu ein Outfit, das das alles untermalte und befeuerte. Naidoo wird da nicht herankommen. Dazu sieht er, wie Jan Feddersen schreibt, viel zu sehr wie das „moderne Deutschland des Jahres 2015“ aus: Eine glatte Oberfläche unter der es mächtig brodelt …

#Indiana: Oder wessen Freiheit ist mehr wert?

QueerSweets

Seit ein paar Tagen ist es Thema: Im US-Bundesstaat Indiana wurde ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, Menschen zu diskriminieren – und sich dabei auf die Freiheit des Individuums beruft.

Der „Religious Freedom Restoration Act“ will – wie schon der Name sagt – eine „Freiheit“ wieder herstellen und zwar die, anderen Menschen „aus religiösen Gründen“ Dienstleistungen zu verweigern, falls sie z. B. einen Blumenstrauß kaufen oder in einem Restaurant essen möchten.

DAS ENDE DER CHRISTLICHEN NÄCHSTENLIEBE

Mit „Religion“ ist vermutlich vor allem das erzkonservative evangelikale Christentum gemeint und es ist die Homo-Ehe, an der sich die Gemüter erhitzen. Kein „gläubiger“ Christ soll dazu gezwungen werden, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit gewissermaßen zu „unterstützen“, indem er oder sie sie durch die Bereitstellung entsprechender Dienstleistungen möglich macht. Die Homo-Ehe passt nicht in’s konservativ-christliche Weltbild. Für evangelikale und fundamentalistische Christen ist Homosexualität eine Krankheit und Verirrung, ein Abweichen vom „rechten Weg“, das es zu „heilen“ gilt, notfalls auch mit reichlich Druck und Zwang.

Eine solche Denkweise ruft bei Menschen, die sich für aufgeklärt halten und für Toleranz und Vielfalt eintreten, unweigerlich Widerwillen hervor.

TOLERANZ AUCH FÜR DIE INTOLERANTEN?

Aber es gibt auch immer welche, die sich freuen, den angeblich doch so „gutmenschlichen“ Linken und Liberalen ein’s ‚reinwürgen zu können.

Auf Twitter wurde unter dem Hashtag #BoycottIndiana u. a. das blutrote Bild einer hysterisch schreienden Frau gepostet. Untertitelt ist es mit „Democrats – The Party of Tolerance. Unless you disagree with them, then it’s: „Shut the …. up you lying, Racist, Hater!“*

*Bitte das Bild selbst auf Twitter unter #BoycottIndiana suchen.

Gestern stolperte ich  – als noch relativ unerfahrener Twitter-Neuling – beim Suchen unter #Indiana mehr oder weniger zufällig in eine Diskussion. Ich wurde gefragt, was ich denn tun würde, wenn eine Gruppe Nazis Einlass in eine Disko fordern würde oder ich einem Nazi eine Nazi-Torte backen müsste.

Der Hintergedanke bei solchen Argumenten ist klar: Wer immer Toleranz fordert, wenn es um die eigenen Belange geht, muss das Gleiche auch anderen zugestehen, auch wenn deren Ansichten und Lebensgewohnheiten dann nicht mit einem linken Weltbild zu vereinbaren sind.

DIE FREIHEIT DES EINEN HÖRT DA AUF, WO DIE DES ANDEREN ANFÄNGT

Allerdings ist es – wie ich finde – nur eine Scheinargumentation. In Deutschland hat man mit einem allzu liberalen Laissez-faire immerhin schlechte Erfahrungen gemacht. Der Nationalsozialismus hat eigentlich eindrucksvoll genug gezeigt, dass die Gegner der Freiheit die Freiheit zerstören – und zwar für alle! – wenn man ihnen die Freiheit dazu lässt.

So ähnlich steht es ja auch im Grundgesetz. Die Freiheit des/der einen hört halt immer da auf, wo die des/der anderen anfängt.

Aber was soll man machen, wenn man es mit jemandem oder etwas zu tun hat, bei dem sich einem einfach der Magen umdreht? Ich würde einem Nazi keine Nazi-Torte backen. Auch niemandem anderen. Ich würde mich darauf berufen, dass ich nicht dazu beitragen kann – auch wenn es nur indirekt ist – eine Gesinnung zu verbreiten, bei der anderen ihre Grundrechte abgesprochen werden – und das z. T. sehr brutal.

Außerdem würde ich davon ausgehen, dass eine Gruppe Nazis, die in die Disko will, u. U. ein erhebliches Gefahrenpotential für die anderen Disko-Besucher darstellt – eben weil Nazis häufig gewaltbereit auftreten.

Man kann sich ja auch diskomäßig zurechtmachen, wenn man in die Disko will. Die Disko ist ja kein politischer Raum. Und ebenso hat natürlich auch jeder das Recht, beim Bäcker eine Torte zu kaufen, selbst dann, wenn vielleicht allgemein bekannt ist, dass er/sie politisch rechts-außen steht. Aber es darf eben keine Nazi-Torte sein, die er oder sie verlangt.

MENSCHSEIN ODER MEINUNGSSACHE?

Bei der Homo-Ehe liegen die Dinge allerdings ein bisschen anders. Man kann das gut oder schlecht oder – wenn es denn gar nicht anders geht – auch „krank“ und „abstoßend“ finden, aber davon, dass zwei Menschen gleichen Geschlechtes heiraten, hat niemand einen Nachteil. Es ist nicht ansteckend und es steckt auch kein missionarischer Gedanke dahinter.

Was dagegen bedrohlich ist – so sehe ich es zumindest und es ist dabei eigentlich egal für oder gegen wen es sich richtet – ist die Vorstellung, dass man im Restaurant nicht bedient oder in der Schlange beim Bäcker geflissentlich „übersehen“ wird, weil die Leute sich nicht mit einem gemein machen wollen.

Und außerdem, wo ist da die Grenze? Im Moment ist in Indiana und anderen u.s.-amerikanischen Bundesstaaten die Homo-Ehe im Gespräch. Es betrifft also eine Minderheit. In ein paar Jahren weigert sich ein Bäcker aber vielleicht, eine Hochzeitstorte zu backen, weil die Braut ihm zu „nuttig“ durch die Gegend läuft und er als „aufrechter“ Christ einen solchen Menschen nicht „unterstützen“ möchte.

Wer weiß, eines Tages bist „dieser Mensch“ vielleicht auch Du?

*Quellen:

Art. „How Indiana’s religious freedom law sparked a battle over LGBT rights“ v. German Lopez, in: Vox.com v. 31. März 2015.

Art. „„Pro-discrimination „religious freedom“ laws are dangerous“ v. Tim Cook, in: The Washington Post v. 29. März 2015.

Art. „Indiana schießt ein Eigentor“ v. Dorothea Hahn, in: Tageszeitung v. 31. März 2015.

Toleranz

Toleranz ist eine Tugend. Wohl kaum jemand würde von sich sagen, dass er/sie nicht tolerant ist. Eine bunte, vielfältige Gesellschaft, in der jede und jeder leben kann, wie er/sie mag, ist eine Vision, die viele Menschen teilen. Manche, die sich für besonders tolerant halten, behaupten, sie hätten keine Vorurteile und stünden so ziemlich jeder Kultur und jedem Lebensentwurf offen gegenüber. Doch wie ehrlich ist das? Kann man überhaupt vollkommen vorurteilsfrei sein? Ist es möglich, alles und jeden gleichermaßen fair und mit Wohlwollen zu betrachten? Sind wir nicht alle geprägt von unseren individuellen Lebenserfahrungen und Vorlieben? Eigentlich kommt Toleranz von lat.: ertragen, erdulden. Das klingt schon sehr viel weniger freundlich, als ginge es nur darum, den/die andere/n irgendwie auszuhalten, irgendwie damit klarzukommen, dass er/sie auch in dieser Welt existiert und eben grundverschieden ist. Aber wenn es gerade das ist? Würde man z. B. von einem schwulen Pärchen, das von Jugendlichen mit Migrationshintergrund angegriffen wird, Verständnis für die andere Kultur verlangen, in der Homophobie nun einmal gang und gäbe ist? Wäre das nicht zu viel verlangt von jemandem, der sich gerade einen Kiefernbruch eingehandelt hat, weil er von irgendwem nun einmal nicht so akzeptiert werden konnte, wie er ist? Kann man nicht auch von den Jugendlichen mit Migrationshintergrund Toleranz verlangen? Und wie tolerant ist es eigentlich, bestimmte Kulturen unter den Generalverdacht der Homophobie zu stellen? Ist das nicht auch ein Vorurteil, wenn man davon ausgeht, dass jemand, der einer bestimmten Kultur angehört, ganz sicher auch homophob ist? Ist es in Ordnung, wenn schwule Männer sich ausländerfeindlich äußern? Schließlich ist das höchst real, dass sie mit gewalttätigen Übergriffen von arabischen und türkischen Jugendlichen rechnen müssen. Dennoch: Nicht jeder Araber oder Türke schlägt Schwule zusammen. Ganz abgesehen davon, dass es auch schwule Türken und Araber gibt. Wo sind die Grenzen der Toleranz? Wie wütend darf man sein, wenn sie verletzt werden? Und wie sehr sollte man trotzdem über seinen eigenen Schatten springen?