Aus Laila Phunks Bücherregal – Krimi-Ecke: „Böser Samstag“ von Nicci French

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Hm. „Bestseller“ – das klang schon mal gut. Was viele Leute gerne lesen, gefällt oft auch mir. Das heißt, mit Einschränkungen. Eigentlich bin ich, was Bücher betrifft, ein ganz schöner Suppenkasper. Ich lese gern, aber zu hochgestochen sollte es nicht sein. Zu platt aber auch nicht. Intelligente Krimis gefallen mir, Psychothriller mit sozialem Touch, keine reine in Worte gegossene Action, aber was dann als „intelligent“ angepriesen wird, ist mir oft auch zu sperrig.

Also nahm ich „Böser Samstag“ von Nicci French mit etwas Misstrauen in die Hand. Der Plot sprach mich sofort an: Hannah Docherty sitzt seit 13 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt. Die junge Frau soll ihre Familie – den kleinen Bruder, die Mutter und den Stiefvater – in einem Wahnanfall ermordert haben. Doch die Psychologin Frieda Klein bezweifelt, dass Hannah wirklich die Täterin ist. Eigentlich spricht alles dafür, denn vor 13 Jahren glitt Hannah, damals noch ein Teenager, in die Drogen- und Hausbesetzerszene ab: ein wildes Mädchen, das nur noch schwarz trug, groß, sportlich und angsteinflößend, durchgeknallt und zwar schon ein bisschen mehr als nur der übliche Pubertätsweltschmerz.

Heute ist Hannah ein Wrack, ein ungewaschener Haufen Mensch, der sich nicht einmal mehr richtig artikulieren kann, fast schon ein Tier. Sogar in der Anstalt, einem Maßregelverzug für hochgefährliche, psychisch kranke Frauen, die alle bestialische Morde begangen haben, wird Hannah gemobbt: Schläge, Quälereien und andere Übergriffe, die dazu führen, dass die Psychologen Hannah der Bequemlichkeit halber lieber in Einzelhaft halten und sich Erfolg versprechenderen Frauen wie der smarten, einsichtigen Mary Hoyle widmen.

Frieda Klein, die sich von der Gleichgültigkeit des überforderten Anstaltspersonals nicht irritieren lässt, gräbt in Hannahs Vergangenheit und stößt auf Ungereimtheiten: Es war allgemein bekannt, dass Hannah ein enges Verhältnis zu ihrem jüngeren Bruder hatte und den kleinen Rory vor Attacken auf dem Schulhof beschützte. Warum hat sie ihn dann umgebracht? Ganz abgesehen davon, dass nicht alle Dochertys am Tatort gestorben zu sein scheinen.

Was hat es mit Rorys pädophilen Lehrer auf sich? Hätte er ein Motiv gehabt? Oder ging es um Geld? Hannahs Mutter hatte sich durch ihre neue Ehe finanziell erheblich verbessert und ihr Ex-Mann reagiert eher unwirsch auf Friedas Recherchen. Auch Hannahs damalige Clique war ständig in Geldnot. Eine ehemalige Mitbewohnerin, deren Leben mittlerweile in geordneten Bahnen verläuft, schien zudem eifersüchtig auf Hannah gewesen zu sein.

Könnte hinter so manch gutbürgerlicher Fassade ein Wahnsinn lauern, der sehr viel brutaler und gefährlicher ist, als alles, was ein ausgeflippter Teenager anrichten könnte? Frieda ermittelt auf eigene Faust. Ihr zur Seite steht ein skurrilles Team, zu dem der ukrainische Handwerker Josef und die Polizistin Yvette gehören.

Es ist die große Stärke von „Böser Samstag“, eine bittere Geschichte mit schrägem Charme zu erzählen, ohne dabei die gebotene Ernsthaftigkeit preiszugeben. Milieu- und Charakterstudien werden dabei unaufdringlich eingeflochten, so dass man als Leser nicht das Gefühl hat, es ginge in erster Linie darum, soziologisches Wissen zu vermitteln.

Fazit: Mit „Böser Samstag“ ist dem Schriftstellerehepaar Nicci Gerrard und Sean French Unterhaltung auf höchstem Niveau gelungen. Wer, wie ich, ansonsten noch kein Buch aus der „Wochentagsreihe“ von Nicci French gelesen hat, freut sich darauf, der neugierigen Psychologin Frieda Klein in den anderen Bänden wieder zu begegnen.

Nicci French: „Böser Samstag“. Die deutsche Ausgabe erschien 2016 im Bertelsmann Verlag.

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Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

Also doch Trump!

Ich hatte es für einen schlechten Scherz gehalten, aber es ist wahr: Donald Trump ist Präsident der USA geworden. Irgendwie herrscht jetzt eine Art angespannte Stille. Hierzulande zumindest, denn in den USA scheinen ja jeden Tag Unmengen an Leuten auf die Straße zu gehen, um gegen Trump zu protestieren. Das ist einerseits beruhigend, denn es zeigt, wie knapp der Sieg war und wie viele Menschen eher abgestoßen von Trumps sexistischen und rassistischen Eskapaden waren und sind. Andererseits: Tagelang andauernde Massenproteste, wütende Menschen, und das in der ohnehin schon angeheizten Stimmung – Man denke nur an die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt und die Schüsse auf weiße Polizisten vor ein paar Monaten – hat es nicht in Syrien auch so angefangen?

Ist das jetzt die Apokalypse und der Anbruch eines neuen, autoritären, wenn nicht faschistischen Zeitalters oder wird letztendlich alles nicht so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt? Vielleicht wird Donald Trump ein zweiter Ronald Reagan oder George W. Bush. Nicht schön, wenn man an die Spannungen in der arabischen Welt denkt, aber vielleicht auch irgendwie vier Jahre durchzuhalten, zumal Trump sich außenpolitisch ja offenbar zurückhalten will.

Was geht’s uns also in good ol‘ Europe an? Müssen wir befürchten, dass nächstes Jahr schon Frontisten in Frankreich mit Marine Le Pen an der Spitze und die AfD in Deutschland stramm in die Parlamente und Regierungskabinette durchmarschieren? Geht es um Denkzettelwahlen oder um die Dummheit des „kleinen Mannes“, der nicht sehen kann, dass Faschismus nicht die Lösung ist?

Und wenn hinter dem Stereotyp der rechtswählenden Dumpfbacke aus der Provinz ein paar Leute stehen, die sehr gut wissen, was sie tun? Leute mit Geld und Universitätsabschlüssen, denen es nicht darum geht, das Establishment für seine hochnäsige Ego-Politik abzuwatschen?

Trugschluss Nr. 1: böse weiße Männer

Selbst mir geht es mittlerweile auf die Nerven: Immer ist da jemand, meist eine arrivierte weiße Frau, die was von der „Angst alter weißer Männer“ schwafelt, Macht an Minderheiten und Frauen zu verlieren. Machen wir uns nichts vor: Marine Le Pen ist eine Frau, Frauke Petry auch. Sowohl der Front National als auch die AfD haben genug Homosexuelle in ihren Reihen, die AfD kann sogar hier und da mit rechtskonservativen Migranten punkten. Es gibt auch böse weiße Frauen, die nichts dabei finden, wenn einer anderen in den Schritt gegrapscht wird oder jemand unverhohlen offen lästert, neben einem schwarzen Fussballspieler wolle doch niemand wohnen. Gucken wir uns an, was die Leute sagen, nicht, ob sie rein äußerlich irgendwie den Eindruck machen, nicht zum ol‘ Boys Network zu gehören. Soviel Respekt ist man Frauen und Minderheiten eigentlich auch schuldig.

Trugschluss Nr. 2: Es sind die Abgehängten und Frustrierten

Nein, es sind überraschend viele Leute, denen es finanziell richtig gut geht. Vielleicht sogar besser als noch vor 20 Jahren, wenn man bedenkt, dass die soziale Schere ja immer weiter auseinanderklafft, die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man kann natürlich darüber sinnieren, dass auch die obere Mittelschicht Abstiegsängste hat, angesichts der Globalisierung und der vielen gut und sehr gut ausgebildeten Ingenieure und IT-Experten, die aus allen Ländern der Welt herbeiströmen und ihren Kindern den Parkplatz vor dem Luxus-Club streitig machen.

Aber ich persönlich glaube nicht so recht daran. Zumindest, was Deutschland betrifft (mit den USA kenne ich mich wirklich zu wenig aus). Ich glaube eher, dass diese Leute den Eindruck haben, dass die Zeit reif ist, für eine Bundesrepublik an der jemand wie Franz-Josef Strauß seine helle Freude gehabt hätte: Offiziell „nur“ konservativ, aber ohne allzuviel demokratischen Firlefanz, gerne offen mit dem Faschismus flirtend. Immerhin fand Strauß seinerzeit nichts dabei, der faschistischen deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile einen Besuch abzustatten. Warum also sollte sich einer wie Alexander Gauland zusammenreißen?

Ja, man muss den Turbo-Kapitalismus irgendwie eindämmen. Globalisierung geht nicht unbegrenzt. Und ja, man muss den Leuten wieder Chancen geben, Hoffnungen, Perspektiven. Und natürlich darf man die terrorristische Gefahr nicht unterschätzen. Das zeigt das Beispiel Frankreich sehr gut, aber hierzulande kann Gewalt auch von anderer Seite, auch von rechts kommen.

Vielleicht muss man aber gleichzeitig, und da muss ich Leuten wie Carolin Emcke recht geben, auch generell ein bisschen am gesamtgesellschaftlichen Klima arbeiten. Dieses ganze Foppen und Verarschen, dass Gruselclowns so lustig sind, Hasskommentare durchaus legitim und immer mal wieder jemand kalkuliert „mit der Maus ausrutscht“. Vielleicht hat ja auch Donald Trump auf diese Karte gesetzt. Ich weiß es nicht. Wenn, dann kann man nur hoffen, dass die Strategie wie Zuckerwatte in sich zusammenfällt, bevor Rechtspopulisten in Europa nennenswert Kapital daraus schlagen könnten.

 

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

Noch mal Hass. Diesmal #Dallas

„Das lass ich mir doch von dir nicht bieten!“ brüllt eine Männerstimme*. Ganz plötzlich hängt eine Aggression in der Luft, die mich instinktiv alarmiert. Ich hatte etwas am Rande gestanden, war eine Zigarette rauchend meinen Gedanken nachgehangen. Zwei Männer im Streit, d. h. einer hat wohl auf der Bank gesessen und dann ist der andere gekommen, der mit dem lachsroten Hemd*, dessen Halsschlagader jetzt angeschwollen ist, das Gesicht wutverzerrt und passend zum Hemd knallrot angelaufen, zetert er weiter. Ich halte mir die Ohren zu, weil das nervt. Hier laufen so viele rum, bei denen man den Eindruck hat, dass da irgendwie eine Schraube locker ist. Zumindest kann ich nicht jedes Verhalten nachvollziehen. Allerdings weiß ich auch nicht, was der alltägliche Wahnsinn ist und was im klinischen Sinne „nicht normal“. Gründe, sich aufzuregen, gibt es in einer Millionenstadt wie Berlin schließlich genug. Zum Glück sind fast immer ein, zwei Leute zur Stelle, die eingreifen und die Situation entschärfen, so auch jetzt. Freundlich angesprochen zu werden, hat den im lachsroten Hemd verunsichert. Er dreht sich um, seine stahlblauen Augen flackern*. Er schreit: „Das lass ich mir aber nicht bieten! Nicht von dem!“ Was genau, ist nicht klar. Gefühlt 30 Sekunden später sagt der Mann mit einer wieder normal klingenden Stimme: „Ja, klar, stimmt. Das ist es gar nicht wert.“ Uff, denke ich. Nochmal gut gegangen.* Es soll schon welche gegeben haben, die plötzlich ein Messer in der Hand hatten ….

In Dallas ist vor ein paar Tagen ein Profi durchgedreht. Ein Sniper, ein Heckenschütze, der für die US-Army in Afghanistan war, tötete fünf Polizisten, die eine Black-Lives-Matter-Demo schützen sollten, wie die Medien berichteten. Spiegel Online und andere warten nun mit Details auf: Micah Johnson, so heißt der Mann, habe unter Wahnvorstellungen gelitten. Er habe „Polizisten dafür büßen lassen wollen, dass sie (…) Schwarze bestrafen.“, so der genaue Wortlaut in der auf SPON veröffentlichten Nachricht.

Allerdings – und auch wenn das Blutbad von Dallas einfach nur furchtbar ist und auch niemandem genützt hat, eher im Gegenteil – aber ganz so wahnhaft ist die Vorstellung, dass Polizisten Schwarze wie Menschen zweiter Klasse behandeln, eigentlich nicht. Sicher, der Einwand, auch Polizisten müssten sich schützen und in einer Gegend, wo (schwarze) Drogendealer an jeder Ecke herumlungern und Waffenbesitz kein Problem ist, bedeute das nun einmal, einem Verdächtigen, der irgendwo hingreifen will, die Dienstpistole vor die Nase zu halten, bevor der auf dumme Gedanken kommt, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nur ist die Liste der jungen schwarzen Männer, die in den USA aufgrund eines unverhältnismäßig brutalem Vorgehen seitens der Polizei zu Tode gekommen sind, zu lang. Freddy Gray aus Baltimore z. B. starb nicht durch eine Kugel, die sich in einer Überreaktion aus einem Polizeirevolver gelöst hat, sondern in einem Polizeiwagen, in dem er gefesselt und unangeschnallt hin- und hergeschleudert wurde, so dass er sich schließlich einen Genickbruch zuzog. Das kann man auf Spiegel Online und anderswo nachlesen. tagesschau.de berichtet, was so wütend macht: Zur Rechenschaft gezogen wurde keiner der Cops. Der Tod eines Schwarzen scheint nicht genug ins Gewicht zu fallen, als dass dafür Karrieren einen Knick erhalten müssten.

Und von vornherein „verdächtig“, so könnte man denken, ist ein schwarzer Mann sowieso. Die Vloggerin GloZell Green versuchte 2015, dem Ganzen in einem Youtuber-Interview mit Präsident Barack Obama einen humorigen Touch zu geben. Zwar ist die exaltierte Art der Komikerin mit dem giftgrünen Lippenstift zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber als sie im Video sagt, dass ihr Mann ihr böse sei, weil sie von all seinen Hoodies die Kapuzen abgeschnitten habe, ist sofort klar, worum es geht. Selbst ein Schwarzer aus der Mittelschicht könnte im lässigen Freizeitlook leicht zur lebenden Zielscheibe werden.

Obama versucht, die Youtube-Komikerin mit einem Maßnahmenkatalog zu beruhigen, der zur Besserung der Lage beitragen soll: eine Sensibilisierung für rassistische Vorurteile, Bodykameras, die das Verhalten von Polizisten besser dokumentieren sollen, eine Task Force, in der Polizei und AktivistInnen zusammenarbeiten. Das meiste davon ist umgesetzt worden. Geholfen hat es bislang nichts. Ist es nicht zynisch, dass der Rassismus gegen Schwarze sich ausgerechnet unter einem schwarzen Präsidenten wieder so unverhohlen seine Bahn bricht?

Allerdings ist auch Barack Obama kein Zauberer. Und es ist keine Hautfarbe, die regiert, sondern ein Politiker, der eine dunkle Hautfarbe hat und außerdem dem liberaleren Lager angehört. Dass so jemand Widerspruch provoziert, kann man sich denken. Ganz so einfach lassen sich rechtskonservative Kräfte im Allgemeinen nicht von der politischen Bühne verdrängen. Das weiße, tiefreligiöse und erzkonservative Amerika hat, wie nicht nur das Beispiel Donald Trump zeigt, nach wie vor etwas zu sagen und dass es als politischer Faktor auch immer noch mehr als präsent ist, hat u. a. der Journalist Tom Gogola in einem längeren, am 31. 12. 2015 veröffentlichten Artikel auf Salon.com anhand zahlreicher Beispiele nachgewiesen.

Damit man bei all dem Wahn und Wahnsinn, der uns umgibt, nicht in Verschwörungstheorien abdriftet, muss man sich allerdings am Riemen reißen: Es ist vermutlich kein politisches Programm, sondern ganz einfach Alltagsrassismus, das tief verwurzelte Denken, jungen Schwarzen gegenüber könnte man sich schon mal etwas rausnehmen, da käme es nicht so darauf an, das einige Polizisten in den USA immer wieder zu schnell zur Waffe greifen und zu brutal zuschlagen lässt. Die Opfer von Polizeigewalt und deren Angehörige haben jedoch ein Recht darauf, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb sollten, finde ich – bei aller Trauer um die getöteten Polizisten, die tatsächlich nur ihren Dienst versehen haben, ohne dabei jemanden etwas zuleide zu tun – die Rachegefühle und die psychotischen Gewaltfantasien einzelner auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt der Debatte gestellt werden. Schließlich geht es darum, dass Menschen die Sicherheit haben können, wie alle anderen behandelt zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. Bis dahin ist es vermutlich noch ein langer Weg.

*Ort, Umstände, Personenbeschreibungen geändert. Da ich solche Situationen schon ziemlich oft erlebt habe, ist es sowieso eher ein Prototyp. Rückschlüsse, die auf real existierende Personen gezogen weden, sind jedoch in jedem Fall falsch.

Wie bringt man Menschen dazu, in den Krieg zu ziehen? Laila History

Tja, so sehr sich die Leute in diesen Tagen über die Flüchtlingsfrage die Köpfe einschlagen – wäre kein Krieg in Syrien, würden auch nicht so viele Leute kommen. Klar, das weiß jeder, aber da im Moment viel über Mitgefühl geredet wird, man dabei auch das Schicksal der deutschen Vertriebenen als Vergleich bemüht hat und auf der anderen Seite immer unbefangener rechtsextreme Parolen zum Besten gegeben werden, sogar schon von KZs die Rede war, dachte ich mir: Der Krieg ist für uns mental irgendwie weit weg, manche haben vom Nationalsozialismus irgendwann mal im Geschichtsunterricht gehört, aber eigentlich geht uns das alles nichts an – oder vielleicht doch? Vergleiche hinken immer und ich will hier auch keine ziehen, aber vielleicht sollten wir uns alle noch mal in’s Gedächtnis rufen, was damals war:

PROLOG: WENN MAN EIGENTLICH DIE NASE VOLL HAT

Hätte man in den 1920er Jahren jemanden gefragt, ob er gern in den Krieg ziehen würde, hätten viele Leute wahrscheinlich verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Der letzte Krieg war ja noch nicht lange her.

1914 war es eine Ehrensache für fast jeden jungen Deutschen gewesen, als Soldat für das Vaterland zu kämpfen. Schon zwei Jahre später war die Stimmung nicht mehr so euphorisch. In der Schlacht von Verdun (Frankreich) wurde zum ersten Mal Giftgas eingesetzt. 1917 spitzte sich die Versorgungslage auch für die Zivilbevölkerung zu. Es kam zu Hungerdemonstrationen. Im Herbst 1918 war das Maß endgültig voll: Als die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven (Nordwestdeutschland) den Befehl erhielten, zu einer weiteren unsinnigen Seeschlacht auszulaufen, meuterten sie. Der Aufruhr zog weite Kreise und am 09. November 1918 wurde in Berlin schließlich die Republik ausgerufen.

DEMOKRATIE FÜR ANFÄNGER

Die sog. „Weimarer Republik“ (1918 – 1933) startete mit einer schweren Hypothek: Wie sollte man Menschen für Demokratie begeistern, die keinerlei Erfahrung damit hatten? Zudem: wirtschaftlich ging es Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg natürlich denkbar schlecht. Der Friedensvertrag von Versailles wurde von vielen als ungerecht empfunden. In wirtschaftlicher Hinsicht problematisch war wahrscheinlich v. a. die Forderung nach hohen Reparationszahlungen, obwohl man von außen betrachtet sagen muss, dass dies durchaus fair war, angesichts der Verwüstung die Deutschland im Zuge des Ersten Weltrkieges in Europa angerichtet hatte. Trotzdem – schon Berthold Brecht hat gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (zit. nach Wikiquote). Wer aus dem ersten Weltkrieg versehrt zurückkehrte und nicht auf die Unterstützung einer Familie hoffen konnte, konnte – abgesehen von einer mageren Invalidenrente – seinen Lebensunterhalt nur mit Betteln bestreiten. Eine soziale Absicherung nach heutigem Maßstab gab es nicht.

Man könnte sich jetzt fragen: „Wie blöde muss man eigentlich sein, um trotzdem gleich wieder zu den Waffen zu greifen?!“, aber: Viele Menschen fühlten sich überrumpelt: Manchen war die Revolution nicht weit genug gegangen und sie strebten eine Rätedemokratie nach dem Vorbild der jungen Sowjetunion an – Damit endlich mal auf das gehört würde, was das Volk zu sagen hat! Andere sahen die sog. „Schmach von Versailles“, also den Friedensvertrag, mit dem das deutsche Volk angeblich „geknechtet“ worden sei, als das eigentliche Problem an.

RECHTSRUCK IN EUROPA

Auch wenn man mit Vergleichen – wie gesagt – sehr vorsichtig sein muss: Ähnlich wie heute der Rechtspopulismus (der politisch nicht die gleiche Qualität hat, es war tatsächlich damals eine andere Zeit) in vielen Ländern Europas seine Anhänger hat, waren auch in den 1920er Jahren viele europäische Länder nach rechts gerückt.

Die Gründe dafür waren nirgends augenfälliger als in Italien: Das Land hatte sich mit seinem Engagement im Ersten Weltkrieg (auf Seiten der Alliierten) übernommen, 1919/1920 kam es immer wieder zu Streiks und Demonstrationen, schließlich besetzten Arbeiter Fabriken (vgl. zum sog. „Biennio rosso“: Wikipedia). Die liberalen Politiker erschienen vielen Menschen als schwach. Zudem war Korruption an der Tagesordnung. Was läge da näher, als der Ruf nach dem „starken Mann“?. Im Oktober 1922 ergriff der faschistische „Duce“ Benito Mussolini (1883 – 1945) mit dem sog. „Marsch auf Rom“ publicitywirksam die Macht.

Rechts war damals in Europa also durchaus eine Option. In Deutschland hatte es schon 1920 einen rechten Putschversuch (vgl. zum sog. „Kapp-Putsch“: Wikipedia) gegeben, der jedoch glücklicherweise scheiterte. 1923 versuchte dann eine Gruppe um den ehemaligen Kunstmaler und Soldaten Adolf Hitler, in München die Macht an sich zu reißen (vgl. zum sog. „Hitlerputsch“: Wikipedia).

DIE „GOLDENEN ZWANZIGER“

Mitte der 1920er Jahre stabilisierte sich Deutschland politisch. Leider waren die „goldenen Zwanziger“ nur eine kurze, vorübergehend Erscheinung – eine Art Ruhe vor dem Sturm. Berlin galt damals – ähnlich wie heute – als aufstrebende Kunst- und Partymetropole. Wer up-to-date sein wollte, ließ sich hier nieder. Frauen traten zunehmend selbstbewusst auf, gelegentlich auch im Smoking. Homosexuelle konnten sich offener zeigen. Lebensreformer experimenterierten mit alternativen Lebensformen. Leider galten die neuen Freiheiten nur für die gesellschaftlich höher stehenden Schichten. Man musste sich das ausgeflippte Bohème-Leben schon leisten können und wer z. B. schwul war und Sohn eines kleinen Angestellten, tat nach wie vor besser daran, seine Neigungen für sich zu behalten.

EIN LEBEN IN SAUS & BRAUS FÜR EINIGE WENIGE ODER DIE HARTE HAND, DIE ORDNUNG IN DAS CHAOS BRINGT?

Der Börsenkrach im Oktober 1929 und die sich daran anschließende Weltwirtschaftskrise bereiteten dem süßen Leben dann ein abruptes Ende. Einige, die von einem Tag auf den anderen alles verloren hatten, begangen Selbstmord. Denen, die sowieso nicht viel gehabt hatten, ging es erst recht schlecht. Die Arbeitslosenzahlen schnellten in die Höhe, vor den Suppenküchen standen die Menschen Schlange. Für viele ging es nur ums nackte Überleben.

Die Politiker waren überfordert. Auf die Frage: „Was nun?“ hatte niemand eine Antwort. Natürlich ist es als Erklärung zu einfach, wenn man sagt: „Man nehme eine Menge Leute, die sich irgendwie erniedrigt und ungerecht behandelt fühlen, streue eine kräftige Prise Korruption ‚rein, füge die Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung und ein klares Versagen der Eliten hinzu, mische alles mit chaotischen Verhältnissen gut durch und schon hast Du prima Voraussetzungen für eine faschistische Diktatur!“, aber es ging in die Richtung.

VON DER SPLITTERPARTEI ZUR MASSENBEWEGUNG

Die NSDAP („Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“) war bei ihrer Gründung 1920 nur eine Splitterpartei gewesen, Hitler ein Hanswurst, den kaum jemand ernst nahm. In der Weltwirtschaftskrise wurde die NSDAP dann plötzlich zu einer akzeptablen Partei. Viele Bürgerliche fürchteten, die Kommunisten können die Gunst der Stunde nutzen und doch noch einen Arbeiter- und Bauernstaat nach sowjetischem Vorbild errichten. Vielleicht waren die Nazis da das kleinere Übel? Deutschnationale und andere reaktionäre Kräfte fanden sich z. T. ganz gut in der Ideologie der Nationalsozialisten wieder. Andere wiederum dachten sich, dass man Hitler ruhig mal machen lassen sollte. Hatten sich denn nicht alle anderen Politiker als mehr oder weniger unfähig erwiesen? Und wahrscheinlich würde er sich sowieso nicht lange an der Macht halten können.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler vom damals amtierenden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847 – 1934) zum Reichskanzler ernannt. Später sprach man von „Machtergreifung“. Der Umbau Deutschlands zur nationalsozialistischen Diktatur begann.

EIN SÜNDENBOCK MUSS HER

Die Deutschen waren jetzt wieder wer. Für viele besserte sich ihre Lebenssituation spürbar. Es gab wieder Arbeit (z. B. im Autobahnbau. Damals konnte niemand ahnen, dass die Autobahnen für den Krieg gebraucht wurden), Familien, bei denen das Geld dennoch knapp war, wurden durch die „Volksgemeinschaft“ unterstützt. Doch um welchen Preis? Gewalt, politische Morde und Repression waren nur die eine Seite, man schottete sich außerdem immer mehr nach außen ab. Angeblich war alles „Fremde“ Schuld an den Problemen, mit denen Deutschland zu kämpfen hatte, v. a. die sog. „jüdische Weltverschwörung aus Kapitalisten und Kommunisten“. Das klingt als Losung zu billig und zu abstrus, als dass man es glauben könnte, aber Antisemitismus war in Deutschland und Europa verbreitet, die Sowjetunion war ein Land, das weit weg war und Juden standen in dem Ruf, geldgierig und ausbeuterisch zu sein. Wer vielleicht in der Weltwirtschaftskrise seinen Job als Verkäufer oder Lagerarbeiter in einem großen jüdischen Kaufhaus verloren hatte, mochte sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen. Allerdings blendeten die Leute dabei aus, dass auch christliche Kaufhausbesitzer v. a. nach Gewinnmaximierung  strebten und ihre Mitarbeiter z. T. gnadenlos ausbeuteten. Sich darüber zu beschweren, wurde auch von den Nazis nicht goutiert. Zudem: Schulbildung war im europäischen Judentum von je her wichtig gewesen. Viele Juden brillierten in „freien“ Berufen, als Arzt, Anwalt oder eben in der Wirtschaft, weil man es da mit Intelligenz, Fleiß und Ehrgeiz zu etwas bringen konnte. Daher konnte oberflächlich vielleicht der Eindruck entstehen, sie seien im Allgemeinen eher wohlhabend. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Juden es in den Netzwerken, über die junge christliche Deutsche aus gutem Hause oft Karriere machten – z. B. Offizierslaufbahn und Burschenschaft – schwer hatten und sie auch sonst selten in den Genuss besonderer „Förderung“ kamen. Zudem lebten z. B. in Berlin auch viele Juden, die vor gewalttätige Ausschreitungen und bitterer Armut in Osteuropa geflüchtet waren. Sie schlugen sich meist als kleine Handwerker durch und krebsten nicht selten am Existenzminimum herum.

WIE KÖNNEN MENSCHEN NUR SO BÖSE SEIN?

Ich könnte jetzt sagen: Der Rest ist Geschichte. Den Nationalsozialismus in einem Blogbeitrag angemessen darzustellen, ist so gut wie unmöglich. Dass es eine grausame Ideologie war, die sich gegen alles, was irgendwie anders, fremd und/oder schwach war, richtete, sollte man wissen. Zielscheibe waren nicht nur Juden, sondern auch Homosexuelle, Roma und Sinti, geistig und/oder körperlich Behinderte, chronisch Kranke, psychisch Kranke, Alkoholiker, Kleinkriminelle und Andersdenkende.

Die Frage, die fast alle Historiker nach 1945 beschäftigt hat, ist: „Wie konnten die Menschen nur so böse sein?“. Es damit abzutun, dass es ein paar irre Psychopathen waren, die 12 Jahre lang Unheil gestiftet haben, wäre nicht nur zu einfach – es stimmt leider auch nicht. Die Leute, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern grausam Menschen gequält haben, waren keine „gestörten Bestien“, sondern psychiatrisch zumeist vollkommen unauffällig. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dazu, z. B. die „Milgram-Experimente“ (vgl. hierzu: Wikipedia).

Laila Phunk findet außerdem die These der „kumulativen Radikalisierung“ (vgl. hierzu u. a. eine Übersicht über die Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus der Bundeszentrale für politische Bildung) , wie sie der Histroriker Hans Mommsen vertreten hat, ganz interessant: Obwohl – wie gesagt – Antisemitismus und auch Rassismus in Deutschland verbreitet waren und die Ideologie der Nationalsozialisten insofern bei weiten Teilen der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden gefallen sein dürfte, hätte die Idee, Menschen massenhaft in Gaskammern zu vernichten, 1933 sicherlich dennoch viele Menschen verstört. Ganz abgesehen davon, dass die sog. „Endlösung“ tatsächlich erst im Sommer 1941 (vgl. Wikipedia) als Idee Gestalt annahm. Vorher hatten man es allen, die man als „Feinde“ betrachtete, so schwer wie möglich gemacht und es gab so merkwürdige Pläne, wie z. B. die Juden nach Madagaskar abzuschieben. Es kam also alles nach und nach. Man könnte vielleicht sagen, wie eine Spirale der Gewalt, die sich immer höher dreht oder ein Flächenbrand, der sich an sich selbst entzündet und immer weiter ausgreift.

Grundsätzlich ist es so, dass Menschen, die eigentlich „normal“ sind, sich schon mal antisozial benehmen, wenn man es ihnen erlaubt. Wenn man also sagt: „Barmherzigkeit und Mitgefühl – ja, sicher, aber ihm oder ihr gegenüber doch nicht! Bitte keine falsche Scham! Da muss man sich nicht zusammenreißen!“, dann kann man damit Gewalt gegen Menschen quasi „salonfähig“ machen.

Juden und andere „Unerwünschte“ wurden im Nationalsozialismus sukzessiv immer weiter degradiert, so dass sie vielen Deutschen nicht mehr als „richtige“ Menschen erschienen. Menschlichkeit war ihnen gegenüber also auch nicht mehr angebracht. Allerdings war der Holocaust so furchtbar, dass auch das allein nicht als „Erklärung“ ausreicht. Eine Entschuldigung ist es schon gar nicht.

EPILOG: DAS GRAUEN IN ZAHLEN

Durch den Holocaust wurden um die 6 Millionen Menschen (vgl. Wikipedia) umgebracht. Um es greifbarer zu machen: etwa knapp 2x die Bevölkerung von Berlin oder 4x Hamburg! Insgesamt fanden im Zweiten Weltkrieg ca. 65 Millionen Menschen (vgl. Wikipedia) den Tod. Wer glaubt, dass Rechtsradikale Lösungen zu bieten hätten, sollte sich das vor Augen halten (und sich vielleicht noch mal kurz die Bilder der Toten von Auschwitz angucken. Gibt’s bestimmt irgendwo im Internet). Wer leichtfertig jeden als „Nazi“ diffamiert, der ihm oder ihr nicht in den Kram passt, sollte sich einfach nur schämen.