Hater. Ein Nachruf auf Sylke Tempel, eine Replik auf einen Mann, der nicht im Namen des Islam spricht

Erraten. Dies ist ein False-flag-Artikel. Ich kannte Sylke Tempel nämlich gar nicht, die Berliner Journalistin, die am letzten, durch Orkan „Xavier“ extrem stürmischen Donnerstagnachmittag, von einem Baum erschlagen wurde und ums Leben kann. D. h. ich kannte Sylke Tempel vom Presseclub und aus dem Deutschlandfunk. Was sie sagte, schien mir, als Nicht-Nahostexpertin ganz plausibel zu sein, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich immer richtig verstanden habe. Ich glaubte, gelegentlich herauszuhören, dass sie auch versuchte, die palästinensische Position zu erläutern.

Ich kenne jede Menge selbst ernannter Nahostexperten, unter ihnen sicherlich Menschen, die sich sehr viel besser auskennen als ich, weil sie oft in Israel und Palästina waren, weil sie viel Kontakt zu den Menschen haben, weil sie sich lange Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Ich weiß nur, dass Palästinenser wirklich leiden, dass es wirklich Rassismus in Israel gibt. Ich weiß auch, dass den meisten Palästinensern nichts lieber wäre, als wenn Israel und mit ihm auch der letzte Jude ein für alle mal aus der Region verschwinden würden. Ich weiß, dass Israelis Angst haben, irgendwie gelernt haben, mit der ständigen Terrorgefahr zu leben und damit, dass sie von Feinden umzingelt sind. Ich weiß, dass es rechte, linke, politisch „mittige“ und unpolitische Juden gibt, einige sogar der Querfront um Ken Jebsen nahestehen, andere sogar in der AfD aktiv sind, die immer wieder mit rüden antisemitischen Ausfällen von sich reden macht. Israel (und Palästina) sind der liebste Zankapfel der Deutschen und es hat irgendwie mit unserer Vergangenheit zu tun – soviel weiß ich auch – und dass ich selbst den Nahostkonflikt nicht zu meiner Herzensangelegenheit machen möchte.

Ich mag Menschen, die versuchen, andere an einen Tisch zu bringen. Deeskalation, Kompromissbereitschaft, einander zuhören – all das ist heutzutage wichtiger denn je, denn die Fanatiker, die Trolle und die Hater dominieren jeden Diskurs. Wer die eine Wahrheit hat und sie vehement gegen jeden auch noch vorsichtig hervorgebrachten Hauch an Kritik verteidigt, hat das Sagen – in den Medien, in der Öffentlichkeit und – leider – auch in der Politik. Der Rest ist dann nur noch PR in eigener Sache: Die Gegner verarschen, sich wie die Karikatur eines Gorilla-Männchens in die Brust hauen und auf den Applaus der Menge warten. Heute gibt es „Tribes“, „Stämme“, sektenartige Grüppchen, bei denen man mitmachen kann, aber nur wenn man eine Art Initiationsritus erfolgreich durchläuft, bei dem einem dann auch gleich ein fester Platz in der Gruppe zugewiesen wird: Wie sehr, wie energisch, wie überzeugt steht man zu der Sache, wie gefestigt ist der Glaube an sie?

Wenn man die Burka kritisiert, darf ein klares Bekenntnis zu der Politik Benjamin Netanjahus nicht fehlen. Ansonsten gehört man vielleicht doch eher in die Reihen der „Israelkritiker“ und damit zu den verkappten Antisemiten, den schlimmsten Antisemiten vielleicht überhaupt. Auch wenn man die israelische Siedlungspolitik, sofern man darüber auf dem Laufenden ist, kritisiert, hört das andere Lager trotzdem „Islamkritik“ heraus. Irgendwie ist man dann auch ein Babykiller, der die Menschen in Libyen auf dem Gewissen hat und ein böser Rassist natürlich sowieso.

Manchmal muss man tatsächlich vorsichtig sein, denn wer behauptet nur gegen den „politischen Islam“ zu sein (unbedarfte Gemüter könnten meinen, es ginge um den IS und so etwas), der sagt im nächsten Satz meistens: „Und der Islam als solcher ist sowieso keine Religion, sondern Teufelszeug!“. Bamm! Allein die Rhetorik ist finsterstes Mittelalter und Anders Breivik war nicht weniger ein Massenmörder als die ganzen fanatisierten Selbstmordattentäter, die im Auftrag des IS handeln.

Wäre ich Sylke Tempel je begegnet, hätten wir einander vermutlich als erbitterte Feinde gegenübergestanden. Zumal man ihr vermutlich erzählt hätte, dass es sich in meinem Fall um eine wirre Antisemitin und „Muslimfreundin“ handelt (Ich deutete bereits an, dass das andere Lager glaubt, eine brutale Rassistin und „transatlantische Babykillerin“ vor sich zu haben.) Zumal ich auf Twitter den Nachruf von Hannes Stein bei den „Salonkolumnisten“ in der Timeline habe. Tempel war offenbar Katholikin und hatte dazu geschwiegen (Ich dagegen muss bei jedem Statement zu Israel und zum Judentum hinzufügen, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst haben die Leute das angeblich so verstanden.) Dennoch ist auch Tempel ein Opfer von Antisemitismus, genau wie Angela Merkel. Das ist keine Sympathiebekundung meinerseits, sondern eine Tatsache: Diskriminierung trifft Leute, weil sie für etwas gehalten werden oder man ihnen einen unangenehmen Stereotyp zuschieben möchte. Und es ist nicht weniger diskriminierend, wenn sich dann herausstellt, dass die Person gar nicht der angefeindeten Gruppe angehört.

Ich googele Hannes Stein, weil ich schon so etwas ahne. Ich kenne diesen Typ irgendwoher. Und richtig. Es kommt sogar noch schlimmer: In einem taz-Interview von 2011, das Deniz Yücel führte, stellt sich Stein, der Duz-Freund der Sylke Tempel auch als Freund Henryk M. Broders heraus, einer, der nichts dabei findet, Mohammed als „Pädophilen“ zu bezeichnen. Natürlich relativiert Stein. Wohl kaum ist er einer vom Schlage Anders Breiviks. Aber es sind leider genau diese Leute, die die Stimmung hinter den Kulissen immer wieder erbarmungslos anheizen.

Auf der berühmt-berüchtigten „Achse des Guten“, wo sich das philosemitische, islamfeindliche Milieu mit kräftigem Rechtsdrall austauscht, findet sich auch ein Artikel von Sylke Tempel aus dem Jahr 2008. Er ist mit „Hausfrau im Rampenlicht“ übertitelt und offenbar zuerst in der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“ erschienen. Dort ergreift Tempel ziemlich rüde Partei für Henryk M. Broder gegen Evelyn Hecht-Galinski. Es geht mal wieder ums Ganze, was darf oder darf nicht wer – Jude/Jüdin, Nicht-Jude/-Jüdin – für oder gegen Israel sagen. Ich möchte mich da, wie gesagt, nicht einmischen. Den Namen Uri Avneri habe ich mal diffus irgendwo gehört, im Zusammenhang mit einer Meinung, die ich auch nicht teilen möchte. An Broder störte mich schon immer der garstige, verletzende Tonfall, selbst dann, wenn er, wie im Falle Ken Jebsens, den Richtigen trifft. Tempel vermag es in dem „Achgut“-Artikel ebenso wenig, einen für den eigenen Standpunkt einzunehmen. Recht hochnäsig wird Hecht-Galinski, Tochter des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Heinz Galinski, gleich eingangs als Verfasserin „von Leserbriefen“ (also keine ernstzunehmende Journalistin, keine renommierte, mit Titeln hochdekorierte Verfasserin einschlägiger Literatur) abgestempelt. Das ist ein Tonfall, von dem im Presseclub oder auf Deutschlandradio nichts zu hören war.

Sylke Tempels Buch „Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem“ (erschienen 2003) habe ich dagegen vor vielen Jahren geradezu verschlungen. Sie hat es mit den beiden Mädchen Amal Rifai und Odelia Ainbinder verfasst, um deren Annäherung aneinander es geht – ein tolles Buch, das man nur jedem ans Herz legen kann und eine schöne Vision, dass eine Palästinenserin und eine Jüdin Freundinnen sein könnten, dass ihre Heimatstadt Jerusalem auch wirklich beider Heimat sein darf …

Journalisten eignen sich, glaube ich, als Lichtgestalten kaum. Wer weiß also, wer die Kippfigur Sylke Tempel wirklich war – eine seriöse politische Berichterstatterin, die versuchte, den Menschen beide Seiten nahezubringen oder tatsächlich eine „Islamkritikerin“, für die Mohammed der „pädophile Räuberhauptmann“ ein Schenkelklopfer gewesen ist? Vielleicht ist es letztendlich nicht wichtig, das zu wissen. Journalisten stehen unter Stress, müssen sich ständig im Gespräch halten und darauf achten, bei den richtigen Leuten auf Gegenliebe zu stoßen, um weiter empfohlen zu werden. Ansonsten, sehr schnell: Ende der Karriere. Nahostexperten oder solche, die sich dafür halten, und auch Experten für so ziemlich alles andere, gibt es schließlich genug.

Vielleicht ist es auch irgendwie so etwas, das Martin Lejeune, ebenfalls Journalist, dazu bewogen hat, ansässlich Sylke Tempels Tod zu twittern: „Die Gebete der Muslime wurden erhört Der Baum ist die Strafe Gottes für Sylke Tempel’s Taten Gottes Gerechtigkeit siegt“. Der Deutschen Welle zufolge wurde dafür gegen Martin Lejeune Strafanzeige gestellt. Zu Recht. Es wäre sozusagen der Gipfel der Aggressionen und das Ende jeglicher Zivilisation, wenn wir jedem den Tod wünschen würden, dessen Meinung wir nicht teilen können oder dessen Haltung uns vermessen, arrogant, überheblich oder sonstwie unsympathisch zu sein scheint.

Lejeune soll, so schreibt die Deutsche Welle, von 2007 – 2014 für verschiedene renommierte Medien gearbeitet haben. Dann kam offenbar der Abstieg und mit ihm die Aggressionen.

Wenn wir nicht noch mehr Anders Breiviks und Anis Amris wollen, müssen wir haargenau – und auch jenseits des Medienbetriebs – dort ansetzen – Warum all die Aggros?

* … fragt sich Laila Phunk, die – gäbe es die Aggros nicht – an einem Sonntag Besseres zu tun hätte, als einen Blogtext zu verfassen.

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Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

Das A-Wort. Oder: Die Hilflosigkeit des neuen Deutschlands

Antisemitismus! Was ist eigentlich antisemitisch? Nur richtig brutale Holocaustleugnerei? Israelkritik? Israel am liebsten von der Landkarte gefegt haben wollen? „Du Jude!“-sagen? Wenn man „Breitbart“ doof findet? Und wenn es Juden gibt, die das aber genauso sehen wie man selbst?

Deutschland hat ein Problem – den Holocaust. Na ja, ist natürlich wirklich ein furchtbares Kapitel der deutschen Geschichte – den schlimmsten Genozid auf Erden begangen zu haben … Manche Leute wünschen sich insgeheim oder ganz offen, mit der herzlichen Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien solle der Holocaust jetzt endlich abgegolten sein. Andere – fast immer vom rechten Rand – jammern, dass es mit dem elenden „Schuldkult“ doch endlich einmal ein Ende haben müsse. Wieder andere identifizieren sich mit dem Judentum und Israel und zücken das A-Wort als Waffe gegen die lieben Landsleute. Wenn’s ganz hart kommt, sind angeblich sogar die Juden selbst die eigentlichen Antisemiten. Oder die Geschichte wird einmal um 180 Grad gedreht und es sind plötzlich die „Zionisten“, die sich in Israel – so wird behauptet – „wie die Nazis“ aufführen – den Palästinensern gegenüber.

Die Flüchtlinge machen es nicht leichter, denn gerade wegen des Nahostkonfliktes ist Antisemitismus im arabischen Raum verbreitet. Wohlmeinende Versuche, zu erklären, Antisemitismus gehe gar nicht so sehr von Ausländern aus, sondern meistens eben doch von Deutschen, sind wenig hilfreich, denn einerseits stimmt es natürlich: Antisemitismus darf man jetzt wieder – bilden sich zumindest manche Leute ein, andererseits – es sind eben doch auch Ausländer. Gerade das greift begierig die AfD auf, wie u. a. die „Zeit“ berichtete und die Rechtspopulisten können sogar einige Juden in ihren eigenen Reihen verzeichnen, z. B. Wolfgang Fuhl, dem der Deutschlandfunk ein längeres Portrait gewidmet hat. In der gewohnten ungenierten Frechheit tanzt die AfD der erschütterten Öffentlichkeit auf der Nase herum, denn ihre diversen antisemitischen Ausfälle und auch einige Aussagen, die sich hart am Rande der Holocaustleugnerei bewegen, kann sie sich ja erlauben, denn es gibt ja Juden, die kein Problem damit haben, oder etwa nicht?

Oder ist es vielleicht so, dass immer der Holocaust herhalten muss, ein abscheuliches Stück Vergangenheit, dass die Deutschen sich gegenseitig um die Ohren hauen? Allen, die sich einbilden, Juden, Homosexuelle, queere Menschen und Muslime gehörten irgendwie zusammen – nach links, als Minderheit, als Holocaustopfer oder zumindest als Nicht-Betroffene von etwaiger Schuld – sei gesagt, dass das nicht funktioniert. Klar, sind homosexuelle Männer im Zuge des Holocaustes ebenfalls grauenvoll verfolgt und ermordet worden und es ist mehr als selbstverständlich, dass auch sie einbezogen werden in die Erinnerung und Aufarbeitung des furchtbaren Genozids. Allerdings steht das auch Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas, Alkoholikern, Asozialen, psychisch Kranken, Behinderten, sog. „Erbkranken“ (schon eine Rückgratverkrümmung reichte u. U. aus), usw. zu.

Dann wieder ist es kompliziert. Lesben steht die Einreihung in die Opferliste schon nicht mehr so ohne Weiteres zu: Irma Grese, die „Bestie von Ausschwitz“, die sich darin gefiel, KZ-Insassinnen sexuell, körperlich und psychisch zu misshandeln, war lesbisch. Aber, unter dem schwarzen Winkel für „asozial“ wurden, wie u. a. Ulrike Janz in dem von Michael Schwartz 2014 herausgegebenen Sammelband „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ festgehalten hat, auch Frauen eingeliefert, für die als Inhaftierungsgrund tatsächlich (wenn auch wohl zusätzlich) „homosexuell“ angegeben wurde – Frauen aus armen Verhältnissen, einige Prostituierte, Frauen, die als irgendwie „merkwürdig“ erachtet wurden. Das Gleiche könnte man von Alkoholikern, psychisch Kranken, Behinderten und „Erbkranken“ sagen: stammten sie aus politisch wohlgelittenen Verhältnissen oder waren sie selbst in der NSDAP aktiv, konnten sie durchaus als „gesund“ durchgehen und reihten sich damit automatisch in die Reihe der Täter ein. Bürgte nichts und niemand für sie oder waren sie aus anderen Gründen lästig, konnte das schnell ihr Todesurteil sein.

Aber ist es nicht auch irgendwie etwas überzogen, wenn Menschen HEUTE, deren Eltern oder Großeltern eben sehr wohl „mitgemacht“ haben oder sogar mehr, sich selbstgefällig zurücklehnen und das Judentum eifersüchtig für sich (und bitte auch für niemanden anders!) reklamieren oder sogar anderen Deutschen mit der Auschwitz-Keule drohen? Ist das nicht irgendwie auch eine Form von Holocaustrelativierung?

Und dann sind da eben noch die rechten Juden – das amerikanische Internetportal „Breitbart“, das der rechtsextremen „Alt-Right“-Bewegung angehört, ist ja auch ausgesprochen philosemitsch. Kunststück – Andrew Breitbart, der Gründer, war Jude.

Nein, auch hier kann sich aber niemand zurücklehnen und den „Siehste! Die selber sind ja auch so!“-Zeigefinger erheben. Klar, auch in den frühen 1930er Jahren gab es Juden, die das „ganz vernünftig“ fanden, was der Hitler da vorhatte. Es waren deutschnationale Juden, rechte Juden eben, die hofften, der Antisemitismus (der im Übrigen auch in anderen Kreisen der Gesellschaft vertreten war, nur eben nicht so rabiat) sei eine „Kinderkrankheit“ und würde sich „schon noch auswachsen“. Den Rest des NSDAP-Parteiprogrammes fanden sie aber gut. Die Geschichte belehrte sie auf grausame Weise eines Besseren.

Aber mal ehrlich – das konnten die Leute wirklich nicht wissen und kann man von Minderheiten verlangen, dass sie moralisch besser sein müssen, als der Rest der Gesellschaft, damit ihnen der Opferstatus zusteht?

Schwierig – allgemein gesprochen kann, wer Ausgrenzung für andere natürlich regelrecht fordert oder sogar Gewalt gegen sie toleriert, – quasi als „Kronzeuge“ dafür steht, dass das nicht so schlimm, jedenfalls nicht rassistisch, homophob oder antisemitisch ist -, für sich selbst eigentlich auch keinen Schutz beanspruchen – Man denke etwa an die Migranten in der AfD, die kein Problem damit haben, dass die Partei unter der Hand, wie mehrfach bekannt geworden ist, auch Kontakte zu den rechtsextremen „Identitären“ und damit teilweise auch zu richtigen Neonazis pflegt.

Das Gehöhne geht als Rechnung nicht auf. Aber die deutschnationalen Juden damals haben keinen Holocaust für andere gefordert. Sie lebten im Jahr, na sagen wir mal zum Beispiel 1930, und konnten nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Die waren halt einfach total rechts, aber eben nicht „selbst auch antisemitisch“. Außerdem waren es eben nur einige wenige. Genau wie es einige wenige Juden gab und gibt, die zum Beispiel tatsächlich knallharte Ausbeuter oder sogar Mafiosi waren oder sind.

Ja, die gibt es. Aber es ist im linken Milieu zum Teil wieder populär geworden, vom „jüdischen Ausbeuter“ und vom „jüdischen Kapitalismus“ zu schwadronieren. Angeblich soll George Soros zum Beispiel sogar hinter der Flüchtlingskrise stecken, weil er sich angeblich Geschäfte davon verspricht und darüber hinaus die europäischen Staaten zu Grunde richten will. Hier schließt sich der Kreis nach rechts – Es ist einfach eine ziemlich abstruse Verschwörungstheorie. Und logisch ist es auch nicht, denn George Soros – der Name, der im Zusammenhang mit linkem Antisemitismus immer wieder fällt – ist zwar Geschäftsmann und Börsenspekulant, aber er hat auch viel in seine linksliberale Idee von der „offenen Gesellschaft“ nach Karl Popper investiert. Es gäbe also wirklich Schlimmere, wenn man dem Judentum anlasten wollte, den Turbokapitalusmus vorantreiben zu wollen und die Völker dieser Erde auszubeuten – Beny Steinmetz zum Beispiel oder, warum nicht mal diverse chinesische Geschäftsleute und andere asiatische Oligarchen, die z. B. in Afrika ähnlich brutal um Pfründe und v. a. um Schürfrechte an Afrikas üppigem Vorrat an Bodenschätzen kämpfen? Warum nicht Donald Trump, der bis in die 1990er Jahre eher als skrupelloser Geschäftsmann bekannt war, als als Politiker? Oder – hierzulande – Anton Schlecker? Wenn man einmal in Ruhe darüber nachdenkt, fallen einem noch viele andere Namen zum Thema ein – alle nicht-jüdisch.

Pikanterweise setzt ausgerechnet George Soros sich in Israel für die Aussöhnung mit den Palästinensern ein – und Palästina ist neben dem eher neuen Topos der – vorgeschobenen – „Kapitalismuskritik“, ja der Hauptbeweggrund unter Linken für Antisemitismus. Warum ist also Soros der Buhmann und nicht jemand anders? Und wie weit darf man mit Kritik an Israel gehen? Die Siedlungspolitik zum Beispiel wird doch auch von Juden selbst kritisiert – siehe eben Soros. Darf man da also als Deutsche(r) gar nichts sagen – wegen der Vergangenheit? Oder ist das wieder der „die Juden selbst sagen ja auch“-Kniff?

Weder noch. Israel das Existenzrecht absprechen geht nicht. Geht gar nicht und schon gar nicht als Deutsche(r) – immerhin war es der Holocaust, der dafür gesorgt hat, dass Juden, die überleben wollten oder – nach 1945 – zumindest nicht mehr in einem Land leben wollten, in dem man sie noch vor kurzem massenweise umgebracht hatte – dass der Staat Israel als Heimat aller Juden absolut notwendig geworden ist.

Aber – wenn ich mal doch einen schiefen Vergleich bringen darf: Wie wäre das denn, wenn man jetzt Deutschland einfach mal von der Landkarte löschen würde – so noch nachträglich als Rache für den Holocaust, das wäre ja nun ein wahrlich triftiger Grund – was, wenn man es 1945 getan hätte?

Dass es in Israel und unter Juden unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema (und zu anderen Themen) gibt und dass man sich logischerweise nicht mit allem identifizieren kann, muss man aber akzeptieren – egal WELCHE Meinung das jetzt ist. Evelyn Hecht-Galinskis Ansichten beispielsweise mögen für den einen oder anderen schwer verdaulich sein (und das darf man auch durchaus so sehen und sagen), aber auch Hecht-Galinski ist keine „jüdische Antisemitin“, sondern Tochter eines Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen. Also, mit anderen Worten, Henryk M. Broder hat nicht das Abo auf das Judentum. Und mit dem muss man ebenfalls nicht einer Meinung sein, um „alles richtig zu machen“.

Die „richtige Seite“ gibt es nicht. In Berlin hat die taz hat jetzt offenbar eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Hoffentlich geht die Diskussion weiter und hoffentlich kann sie geführt werden, ohne dass Deutsche sich damit in erster Linie gegenseitig an den Kragen gehen. Dann lacht nämlich vor allem die AfD, die ja ihre Vorzeige-Juden als Schutzschild vor sich halten kann, und deshalb gar nicht erst diskutieren muss, sondern auch so richtig derbe antisemitisch ohne wenn und aber sein kann. Zur Nachahmung jedenfalls nicht empfohlen!

Vielfalt in blau getönt. Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf

Als ich aus der U-Bahnstation komme, sticht sie mir sofort ins Auge. Nein, es war keine „Liebe auf den ersten Blick“. Vermutlich hatten sie und die Leute am Stand mich ausdauernd angegafft, während ich nichtsahnend um die Ecke bog, in Richtung des Platzes, wo sich die Bushaltestelle befand – und wo der in grelles Königsblau gehüllte Wahlkampfstand aufgebaut war. Schweiß perlt mir von der Stirn, Adrenalin schießt mir ins Blut, ich merke, wie meine Handflächen feucht werden und sich mein Magen zusammenkrampft. Am liebsten möchte ich wegrennen, – schnell! – in die U-Bahnstation zurück!

Der dicke Hintern der Frau wackelt auf seinen kurzen, stämmigen Beinchen, die drallen Ärmchen mit den kurzfingerigen Patschändchen fuchteln in der Luft, ein fahlblonder Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Rucksack, anständiges T-Shirt – die Frau lacht breit, die Unterhaltung mit dem hochgewachsenen, hohlwangigen Mann am Stand, dessen bleiche Haut in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen kohlrabenschwarzen Haaren und dem ebenfalls tiefschwarzen Schnauzbart steht, scheint entspannt und sehr angeregt zu sein.

Hass, sexuelle Übergriffe, Blicke, die sich aggressiv in meinem Gesäß festbeißen und an meinem Busen festkrallen, bis ich die Schultern unweigerlich nach vorn kippe und den Blick beschämt senke, jedes zufällige Lächeln vor das eine Frau springt, eine vermeintliche Anmache, ein Beleg, dass ich es doch angeblich „so gewollt“ habe – ‚Die muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird!‘, ‚Hi, hi, die kannste ruhig vergewaltigen!‘, ‚Hö, hö, dann wird sie eben NOCH MAL vergewaltigt!‘, ‚J’ai un zizi maintenant, je peux violer Laila!‘, ‚Hu, hu, j’ai le sida, je peux la violer, Laila!‘, ‚Ouah – elle pue!‘, ‚C’est son odeur naturelle, beurk!‘ – Grinsen, Lachen, – „Die vergewaltigen wir mit Blicken!“ – eine Frauenstimme. Fett. „He, he, voll pervers halt!“, kleine, fiese Augen, die hasserfüllt und winzig klein, tief eingesunken wie Rosinen aus moppligen Gesichtern funkeln – die queere Frau,“ denke ich panisch, „der Liebling aller Minderheiten!,“ ich sehe plötzlich wieder die alte, faltige Frau auf der Veranstaltung bei der taz, mit Heide Oestreich, die alte Frau, die nach mir greift und süffisant lächelt, „der Liebling!“ denke ich atemlos, die abnormal dicke Frau auf der taz-Veranstaltung schiebt sich in mein Gedächtnis, ein unförmiger Körper, der grunzt: ‚Ich bin nun einmal Mutter! Das ist meine Identität!‘, ‚Nein, nein, die ist nicht transgender!‘, Heide Oestreich, die abwiegelnde, abwehrende Gesten macht, als ob sie sich vor mir schützen wollte, ‚Na, aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!‘, der blonde Hipster mit den hervorquellenden Froschaugen, der das gesagt hat und dessen ebenfalls semmelblonde Freundin, die ein gern gesehener Gast bei der taz und in der Heinrich-Böll-Stiftung ist oder war oder wie auch immer.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dicken Knüppel, der auf den fröhlichen Pummel am AfD-Stand eindrischt – die runden, kurzen Ärmchen hilflos zappelnd. Ein Blutbad. Ich blinzele. Am wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne friedlich vor sich hin.

Grelles Blau kreischt mir entgegen. AfD. Neben dem großen Schwarzhaarigen steht ein kleinerer Mann mit kurzgeschorenem, blonden Haar, sportlich gekleidet, bürgerlich – jemand, dessen Budget begrenzt ist – so sieht es jedenfalls aus – der sich aber dennoch ordentlich anziehen kann. Er sieht nach „ehemals Jobcenter“ aus – „aber Kurve nochmal gekriegt!“. Ein „ehrlicher Arbeiter“? Unter dem kurzen Ärmel seines karierten Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Bizeps hervor. Ich will gar nicht wissen, was es darstellt, frage mich dann aber doch – Gang? Rocker? Nazi?

Nach „früher mal Subkultur“ sieht auch die mollige, etwas größere Frau am Stand aus, die ganz in schwarz gekleidet ist, und sich die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt gesteckt hat. Bei ihr sieht das schwarze Haar eindeutig künstlich aus, aber das soll wohl so. Eine dicke Strähne im Pony ist weiß blondiert. „Früher mal schwarze Szene?“ frage ich mich und denke an eine Frau aus Bayern, die mit mir im Studentenwohnheim gewohnt hat. Die war richtig szenig, total ausgeflippt, aber auch erzkonservativ. Das hat mich irgendwie immer ein bisschen irritiert, denn normalerweise haben so extreme Menschen in einem bieder-konservativen Umfeld nichts zu lachen – „Trauerklöße“ allenfalls, vielleicht auch „Perverslinge“. Bei ihr war das aber offensichtlich nicht so. Sie hat BWL gemacht. Was aus ihr geworden ist und ob sie dem Rechtspopulismus etwas abgewinnen kann oder nicht, weiß ich aber nicht. Auch nicht übrigens, ob die Berliner AfD-Frau wirklich einmal Gruftie war.

Ein gediegen und großbürgerlich wirkender Mann mit eiriger Glatze taucht neben mir auf, – Er hat eine seltsam breiten Stirn, das fällt mir richtig auf! Der Mann hält mir etwas grob einen blauen Flyer vor die Nase. „Hier, hier!“ – der Tonfall des Mannes ist aggressiv. Ich schüttele höflich den Kopf. „Hier, für den Nachttisch!“ – der Mann lässt nicht von mir ab, sein Atem bläst mir ins Ohr. Ich wehre ihn mit den Händen ab, gehe schneller.

Auch wenn man es hätte denken können – ich vermute, dass es nicht Nicolaus Fest war, der immerhin in dem Viertel, wo ich wohne, von jedem dritten Laternenpfahl grinst. – Der hat nicht so einen eirigen Kopf -, aber wollte man es vielleicht so aussehen lassen? Oder sind die Plakate mit dem Fest nur sehr stark retouchiert? Ich weiß es nicht. Ich warte auf den Bus. Vor mir stehen zwei Alt-68er, ein Pärchen, Öko-Style, der aber sichtlich gekostet hat, nicht die abgerissenen Querfronttypen aus Kreuzberg, eher Studienräte oder was Höheres, „leitende Funktion“ in irgendeiner sozialen Einrichtung oder in einer Behörde. „Eine von den Grünen liest ernsthaft einen AfD-Flyer?!“ schießt es mir entsetzt durch den Kopf. Doch dann sehe ich, dass die Frau einen ganzen Stapel AfD-Flyer in der Hand hält, und sie an die Passanten verteilt. Wie man sich doch irren kann.

Mein Bus lässt auf sich warten. Die AfD hat unterdessen ihren knallblauen Stand abgebaut. Der Eierkopf wechselt ein paar Worte erst mit dem „Ex-Jobcenter“, dann mit dem Öko-Pärchen und steigt schließlich auf ein sich eher bescheiden ausnehmendes Fahrrad. Das Öko-Pärchen bleibt stehen. Der Bus kommt. Einer Intuition folgend, schiele ich aus dem Busfenster in die Seitenstraße, die von dem Platz abgeht. Und richtig getippt – da lehnt der Schwarzhaarige lässig an einem funkelnagelneuen BMW-Cabriot und unterhält sich mit dem „ehrlichen Arbeiter“. Die Ampel schaltet auf grün, der Bus fährt an und ich habe das Gefühl, irgendwie nochmal entronnen zu sein.

Ein paar Tage später lese ich, dass auch Alice Weidel angeblich mal grün gewählt haben will. „Eher hat sie vor 15 Jahren noch Jagd auf Frauen gemacht, die sie für lesbisch hielt!“, denke ich böse. Aber das weiß ich natürlich nicht. Alice Weidel und ich sind ungefähr im selben Alter. Ich schaue mir kurz etwas auf Youtube an. Die gepflegte, sorgfältig geschminkte Frau mit den straff zurückgebundenen Haaren spricht in gewohnt abgehakten Sätzen, hart, nicht nur im Tonfall, auch im Inhalt. Sie trägt eine eine blauweiß gestreifte Bluse mit steifem Kragen. Es sieht so aus, als hätte sie tiefe Falten unter dem dicken Make-Up, aber vielleicht sieht es nur so aus.

Ich denke daran, dass damals auf der Uni die Klos in dem Gebäude, in dem Jura und Wirtschaftswissenschaften untergebracht waren, immer am dreckigsten waren. Da hatte öfters mal eine daneben gekackt und überall an die grauen Plastikwände waren zotige Sprüche geschmiert. Musste ich da mal drauf (Ich habe nebenher ein bisschen was mit Wirtschaft gemacht), dann ekelte es mich immer leicht, wenn ich draußen die ganzen Jura- und BWL-Studentinnen in ihren frisch gestärkten Blüschen, mit den obligatorischen Perlenohrringen und dem Hermès-Täschlein sah und mich unwillkürlich fragte, welche von ihnen psychisch so sehr aus dem Takt war, dass sie nicht umhin konnte, fein säuberlich auf die Klobrille zu kacken oder gleich ganz daneben, auf den Boden. Dass sich eine von ihnen bequemt hätte, es wegzumachen, das konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Aber das fällt mir zu Alice Weidel jetzt nur wegen der Bluse ein. Sie soll sich beschwert haben, dass man sie als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet hat. Bei der AfD fand man offenbar, dass damit auch die harten Worte gerechtfertigt seien, die Alexander Gauland der SPD-Politikerin Aydan Özoguz an den Kopf geworfen hat – sie solle mal sehen, was deutsche Kultur sei – und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“. Alice Weidel sagt, sie hätte das vielleicht anders ausgedrückt. In der Sache findet sie aber richtig, was Gauland gesagt hat.

Vielleicht ist in der Sache das mit der „Nazi-Schlampe“ dann auch nicht so ganz falsch, denke ich grimmig. Diese Leute betteln ja förmlich darum, in die ganz rechte Ecke gestellt zu werden und dann war im Nachhinein angeblich alles immer nicht so gemeint. Beleidigend ist das mit der „Nazi-Schlampe“ natürlich trotzdem. Das mit dem „entsorgen“ hat aber was von Gaskammer, zumindest vom Stil her. Das ist schon ein bisschen härter. Man kann durchaus „Aufhetzung zum Rassenhass“ dazu sagen, ohne sich groß verrenken zu müssen, da hat der ehemalige Bundesrichter, der Gauland deshalb verklagen will, schon recht.

„Unwertes Leben!“ denke ich. Und dass man das zu mir ja auf jeden Fall sagen darf. Ich balle meine Faust in der Tasche. Das mit dem „unwerten Leben“ war aber der Hipster, den sie bei der taz und bei den Grünen mögen bzw. sie mögen seine blonde Freundin, aber dann mögen sie ihn wahrscheinlich auch.

Irgendwo lese ich, dass viele der jüngeren AfDler aus linksliberalen, eher „grünen“ Elternhäusern stammen. Ist es sowas in der Richtung? Oder will man es wieder einmal nur so aussehen lassen? Geht es darum, verschiedenen Zielgruppen rechtskonservatives, hier und da vielleicht auch rechtsextremes Denken schmackhaft zu machen, obwohl sich doch für die Zoten und das Kokettieren mit dem rechten Rand sehr wahrscheinlich nur wenige begeistern?

Ich denke an meine feministische Professorin und an Heide Oestreich – dass sie alle beide Frauen wie Alice Weidel fördern wollten – weil dieser Frauentyp vor 10, 15 Jahren noch als „zu weiblich“ galt, um sich in der Männerwelt durchsetzen zu können und das offenbar den feministischen Beschützerinstinkt geweckt hat, ganz gleich, wie sehr die Jura-BWL-„und Freundinnen“-Fraktion sich auch über die „Emanzen“ schlappgelacht hat – und eben den fröhlichen Pummel vom AfD-Stand, den wollten sie auch fördern – weil der nicht aussieht, wie die Frauen in „Germany’s next Topmodel“ und deshalb angeblich „queer“ ist, genau wie die Weidel ja auch.

Was genau der Streitpunkt zwischen Alexander Gauland und Aydan Özoguz war, weiß ich allerdings nicht. Irgendwas mit Kultur. Dass ich das hier nicht will, das weiß ich aber ganz genau!

Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

#Orly. Oder: Unheilige Allianzen

Teil I: #Orly. Oder: Mach die Hunde scharf!

Am Pariser Flughafen Orly ging gestern erst einmal gar nichts mehr. Ein Mann ist erschossen worden, der möglicherweise Unheil anrichten wollte, ein „Gefährder“: Araber, Islamist, eine Vergangenheit als Kleinkrimineller, vielleicht psychisch labil – kurz: Das übliche Profil des modernen Attentäters. „Einsame Wölfe“, Menschen, die viel Ablehnung und Ungerechtigkeit erfahren haben und deren Möglichkeiten in den prosperierenden Gesellschaften des Westens von vornherein begrenzt waren lassen sich offenbar sehr gut für die menschenverachtenden Ziele von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat einspannen.

Doch wie wird aus einem aggressiven Kleinkriminellen ein potentieller Massenmörder? Was macht aus jemandem, der Halt und Identität suchte, jemanden, der bereit ist, wahllos Menschen umzubringen? Wie kann jemand, der sich über eine demonstrative Religiosität ein positives Selbstbild aufbauen wollte, gegen eine Gesellschaft, die ihn als „Beur“ oder „Kanaken“ verachtete, zu dem Schluss kommen, dass im Namen dieser Religion Hass und Gewalt gesäht werden müsse?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich glaube, dass sich extremistische Gruppierungen gezielt labile Menschen mit geringem Selbstwertgefühl herauspicken, weil sie davon ausgehen, dass sie sich leicht manipulieren und aufhetzen lassen: Menschen, die man scharf machen kann wie eine Handgranate oder einen Pitbullterrier und die man vor den eigenen Karren spannen kann, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen.

Das geht auch am anderen Rand der Gesellschaft. Rechtsextremismus, so könnte man denken, verträgt sich nicht mit dem Einsatz für schwache, marginalisierte Menschen. Weiß man nicht aus dem Nationalsozialismus, dass die selbsternannten „Herrenmenschen“ nichts als Verachtung z. B. für psychisch Kranke übrig hatten? Und ist nicht allgemein bekannt, dass rechtspopulistische Parteien wie die AfD einen rüden, wirtschaftsliberalen Kurs verfolgen, der kaum vorsieht, z. B. Langzeitarbeitslose auf Rosen zu betten? Gerade sozial schwache Menschen müssten eigentlich ein vitales Interesse daran haben, dass das Recht des Stärkeren nicht gilt.

Dennoch bietet sich auf AfD-Veranstaltungen, soweit man es von außen sehen kann, ein bizarres Bild von Herrschaften in luxuriöser Abendgarderobe und vereinzelten Menschen in abgerissen wirkender Alltagskleidung, die eher nach Jobcenter und miefiger Dauerarmut aussehen als nach gediegen-konservativer Elite und deutschnationalen Altherren-Netzwerken mit Schmiss.

Und unter den Rechstextremen finden sich paradoxerweise sogar überraschend viele psychisch Kranke, man denke nur an die sog. „Reichsbürger“ oder die „Druiden“, rechtsextreme Mittelalterfans, von denen einige auch nicht erst seit gestern mit einem elitären, esoterischen Denken à la Evola sympathisieren.

Teil II: 7 Gesichter des Hasses – Unheilige Allianzen

Aber kommt es wirklich nur von rechts? Selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir insbesondere Menschen zürnen und mit Aggressionen begegnen, die eigentlich doch ähnlich denken müssten wie ich. Nur dass sie meine Feinde lieber mögen. Ja, genau genommen ist es sogar so, dass sogar jeder Nazi sind ihnen immer noch lieber sind als ich. Vermutlich stimmt das.

Nach allem, was ich bislang weiß, haben meine Feinde allerdings ein paar Gemeinsamkeiten:

  1. Adipositas

Fast überall, wo ich Ärger hatte und angefeindet wurde, spielte bislang jemand (nicht nur Frauen, auch Männer) mit Adipositas bzw. sehr starkem Übergewicht eine Rolle. Ist mir nur so aufgefallen …

  1. Linkspartei, Querfront, bürgerlich-rechtes & rechtsextremes Spektrum

Viele meiner Feinde haben einen Bezug zur Linkspartei (ich übrigens selbst nicht), einige auch zu alten Stasi-Seilschaften, andere wiederum sind zu den Grünen gewechselt oder friedenspolitisch aktiv. Es muss auch ein Bezug zum rechtsliberalen und konservativen Milieu geben (AfD, ALFA, rechter Rand der FDP und der CDU, mit ausgeprägter Islamfeindlichkeit und einem Draht nach Frankreich, bei den Linken eher eine Tendenz zum Antisemitismus) sowie zu den rechtsextremen „Identitären“ und zu den „Autonomen Nazionalisten“. Interessanterweise kenne ich übrigens dieses Triezen mit z. B. „Die eigentliche Rassistin/Antisemitin bist aber doch du!“, „Die Homosexuellen/Ausländer/Juden mögen dich aber nicht! (sondern nur mich!)“ eigentlich auch eher von Rechnten und Konservativen. Einige der Menschen, die mir über den Weg gelaufen sind, kann man ideologisch mit an Sicherheit grenzender Wahrhscheinlichkeit dem sog. „Querfrontmilieu“ zuschlagen (Ken Jebsen, Kopp-Verlag). Das trifft sowohl auf Leute aus meiner Vergangenheit zu (auch wenn ich nicht weiß, auf wen genau, nur dass sich in der Stadt, wo ich studiert habe, im linken Milieu ebenfalls ein Rechtsruck vollzogen hat. Ich hoffe, es ist niemand dabei, auf den oder die ich mal große Stücke gehalten habe!) als auch auf Leute, die ich in Berlin kennen gelernt habe.

  1. Frauen- und Genderforschung, Queerfeminismus

Viele meiner Feinde haben oder hatten mit Frauen- und Genderforschung zu tun und engagieren sich für den Queerfeminismus. Die meisten betrachten sich auch selbst als „Queer“. Hier kann ich ziemlich sicher sagen, dass es um Frauen von meiner Uni geht, zumal die auch schon damals versucht hatten, mir dicke Frauen „aus Berlin“, wie es hieß, aufzuhalsen und es zu der Zeit (nach meinem Uni-Abschluss) auch mit den sexuellen Belästigungen durch andere Frauen („Iiih, die Lesbe!“) und der Idee, mir alles Unangenehme aufzuhalsen, anfing. Trotzdem – dass jede Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, eine gestörte Existenz ist, die es nur darauf anlegt, andere Frauen zu demütigen, ist nun auch mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht geht es eher um eine oder mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die sich offiziell zwar auch für Feminismus stark gemacht haben (oder es zu einem späteren Zeitpunkt getan haben), evtl. sogar Geld damit verdient haben (oder jetzt Geld damit verdienen), denen aber Äußerlichkeiten, heterosexuelle Weiblichkeit und (überlegene!) Attraktivität für Männer ausgesprochen wichtig war – Stichwort: „Germany’s next Topmodel“ …

  1. „Opfer“, die es besser getroffen haben als ihre „Unterdrücker“

Fast allen meiner Feinde geht es besser als mir (obwohl ich umgekehrt als der „Unterdrücker“ und „Klassenfeind“ erscheinen soll): Fast alle haben irgendwie die Rolle des „kleinen Lieblings“ inne. Man kennt das ja, das Lieblingskind, oft das kleine Nesthäkchen, der Augapfel seiner Eltern, der (oder die) sich alles erlauben kann und es weidlich ausnutzt.

Meine Feinde sind, falls sie studiert haben, an der Uni speziell gefördert worden und haben generell einen guten Draht zur Macht (zu Professoren oder aber z. B. zu Politikern, zu Mitarbeitern im Jobcenter, usw.), aber nicht unbedingt zu ihrer Peer-Group.

  1. Mobbing – nicht zum ersten Mal

Fast alle meiner Feinde sind schon öfters mit Mobbing aufgefallen. Es sind im Großen und Ganzen eher unbeliebte Menschen, die aggressiv und arrogant auftreten und andere, zumindest da, wo Höflichkeit vermeintlich nicht nötig ist, mit Herablassung oder sogar Verachtung behandeln.

  1. Menschen, die Beschützerinstinkte wecken

Zu vielen dieser Leute muss man aber trotzdem nett sein, weil sie in irgendeiner Weise Beschützerinstinkte wecken (z. B. weil sie Adipositas haben, sonstwie psychisch krank sind, sich besonders feminin geben (das „hilflose Weibchen“, dem man dann wieder den Rücken stärken muss), sich als „Transgender“ geoutet haben).

Die meisten sind auch trotz ihrer guten Beziehungen „nach oben“ und ihrer ausgeprägten Ellenbogen nicht besonders erfolgreich (nach oben buckeln und nach unten treten funktioniert also wohl nicht immer), obwohl die wenigsten wirklich arm oder marginalisiert sind oder sich in solchen Fällen auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen verlassen können.

  1. überdimensionierte Egos & wenig Selbstwertgefühl

Fast allen meiner Feinde ist es wichtig, sich überlegen zu fühlen (zumindest mir gegenüber), viele fühlen sich schon angegriffen, wenn ich überhaupt irgendwo auftauche, auch wenn ich den Mund gar nicht erst aufmache und mich auch sonst defensiv verhalte, so nach dem Motto: „Entschuldigung, dass ich geboren worden bin!“. Das zumindest scheint genau das zu sein, was man (bzw. frau) auch glaubt, von mir erwarten zu können. Zwar geht es sehr wohl um die Konkurrenz um Jobs (fast alle meine Feinde suchen auch oder immer mal wieder, möchten sich „verbessern“ oder sich noch einmal neu in einem ganz anderen Bereich, nämlich in meinem, ausprobieren), aber auch um Image oder schlicht ums Unterdrücken. Es scheint, dass diese Leute den Löwenanteil ihres Selbstbewusstseins daraus beziehen, dass andere nichts haben und nichts sein dürfen.

Vielleicht geht es genau darum, dass jemand, der oder die wenig Selbstwertgefühl hat, sich besser fühlen soll, weil es ja immer noch jemanden gibt, der oder die noch weniger wert ist als man selbst. Dadurch schafft man dann wieder Menschen die chronisch gekränkt sind und auf jede Kleinigkeit aggressiv reagieren – ein Teufelskreis! … und leider auch exakt das Angebot, dass der Nationalsozialismus seinerzeit der deutschen Bevölkerung gemacht hat. Sollte man/frau sich also besser noch mal überlegen ….

Ich vermute, dass in meinem Fall jemand alles losgetreten hat, der oder die unter einer Essstörung leidet – Adipositas oder etwas, das man der Person äußerlich vielleicht auf den ersten Blick gar nicht anmerkt – und mit mir zusammen studiert hat oder zu der Zeit promoviert oder zum Lehrkörper der Uni gehört hat (ohne in einer höheren Position gewesen zu sein). Möglicherweise ist es auch jemand, der „es“ für eine adipöse / essgestörte Freundin / Ehefrau oder einen adipösen / essgestörten Freund / Ehemann „getan“ hat. Theoretisch könnte es sogar (für) eine Frau gewesen sein, die nicht zierlich genug war, um in einem ihr gebührenden Job, etwa als Tänzerin oder Modell erfolgreich zu sein. Solche Frauen kannte ich genug. Sie ergreifen oft meinen Studiengang als „zweite Option“. Dort allerdings werden unattraktive Frauen stillschweigend verachtet, weil es eben wirklich sehr stark auf die „äußeren Werte“ ankommt. Queer ist einfach zu sehr auf meine Kommilitoninnen zugeschnitten, passt aber auch auf die eine oder andere Studienfreundin oder Bekannte von mir. In solchen Fällen fände ich es irgendwie schade, wenn Frauen, die eigentlich mehr zu bieten hatten, als einen „perfekten“ Körper (den hatten sie tatsächlich alle nicht, ebenso wenig wie ich), sich selbst genau darauf reduzieren … Aber – vergessen wir nicht – letztendlich läuft Queer unter einem linken Label (Das wurde in meinem Studienfach eher belächelt, obwophl Frauen- und Genderforschung später eine große Rolle spielte).

Meine gesuchte Person X ist vermutlich sehr eitel, tritt vielleicht auch intellektuell hochtrabend auf, obwohl sie genau das wahrscheinlich von mir behaupten wird. Sie kann sich zu Studienzeiten genau wie ich für linke Inhalte begeistert haben (und tut es vielleicht heute noch), sie kann mit mir oder jemandem aus dem hochschulpolitisch linken Spektrum befreundet gewesen sein und war vielleicht selbst unpolitisch, „mittig“ (SPD, Jusos, …) oder sogar konservativ bis rechts, repräsentiert aber den Menschentypen, den Linke heutzutage gern fördern wollen oder hat sich immer „links-leger“ gegeben, ohne aber seine /ihre wahren Ansichten preiszugeben. Schon irgendwie bizarr, dass es sich ständig alles um Körperbilder und Essstörungen drehte, obwohl ich selbst eigentlich damit gar nichts zu tun habe und mich auch nie negativ über Dicke oder Menschen mit Esstörungen geäußert habe. Außerdem war ich als sehr junge Frau bekannt dafür, mich eher weniger um mein Äußeres zu kümmern (obwohl ich manchmal auch ein bisschen eitel bin) und sehe ziemlich durchschnittlich aus, eine Normalo-Woman, keine, auf die man (bzw. frau) neidisch sein müsste, aber auch kein „hässliches Entlein“. Ich glaube aber, dass es neben physischer Attraktivität auch um „überlegene“ Intelligenz geht – kurz: um Menschen, die sich mir gegenüber tatsächlich für etwas Besseres gehalten haben. Daher vielleicht auch der Link zum rechten Rand, selbst wenn es eine „linke“ Idee gewesen sein sollte.

Der eine oder andere wird sich vielleicht fragen, ob das nicht doch etwas schräg ist, was ich hier auf meinem Blog präsentiere, ein bedauerliches Einzelschicksal vielleicht. Aber in Berlin werden ja öfters Hexenjagden veranstaltet. Genau. Die Frage ist nämlich, ob es nicht irgendwie auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist.

Teil III: Fazit – Neue deutsche Realitäten

Allerdings – der Queerfeminismus dreht sich tatsächlich schwerpunktmäßig um Essstörungen, Körperbilder und sexuelle Attraktivität.

Und auch die sog. Querfront gibt es wirklich. Dass der ehemalige Stasi-Spion Rainer Rupp, der auch für „Russia Today“ schreibt und mit Ken Jebsens Vlog KenFM zusammenarbeitet, sich mittlerweile für den Geschäftsmann und überzeugten Kapitalisten Donald Trump stark macht, wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt (Zugriff am 20. 03. 2017), sollte einen aufmerken lassen. Auch, dass der Ex-Stahlhelm Jürgen Todenhöfer jetzt Herausgeber des linken „Freitag“ ist und es nicht einmal eine Erklärung wert war, dass Todenhöfer einst als Teil des rechten Randes der CDU dem linken, demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende Entwicklungshilfegelder verweigert hatte, die er dem rechten Diktator Augusto Pinochet, der Allende gestürzt hatte, dann gern bewilligte. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen (Zugriff am 20. 03. 2017)

Glaubt jemand wirklich, dass eine bessere, gerechtere Gesellschaft sich nur durch Mobbing, Hass und Konkurrenzkampf erreichen lässt? Oder sind es nicht vielleicht ganz andere Menschen, die im Hintergrund sitzen und die Strippen ziehen? Menschen, denen daran gelegen ist, die Leute gegeneinander aufzuhetzen und diese Gesellschaft zu zerstören – ob es nun Linke sind, die sich etwas davon versprechen, die Gegensätze zu verschärfen – weil es vielleicht dann doch irgendwann eine richtige Revolution gibt, wie Marx es vorausgesagt hatte – oder Konservative, die darauf bauen, sich Wählerstimmen – und zwar auch die Stimmen linker und linksliberal gesonnener Wähler – damit erpressen zu können, dass die Leute genauso viel Angst vor dem erstarkenden Rechtspopulismus haben wie vor dem islamistischen Terror, ob es die rechten und rechtsextremen Kräfte selbst sind, die von einer Diktatur à la Pinochet auf deutschem Boden oder aber noch unverhohlener von einem „Vierten Reich“ – diesmal aber wirklich „tausendjährig“ – träumen und davon ausgehen, dass die Linken (und sicher auch einige von den Queerfeministinnen) schon willfährig die Drecksarbeit für sie erledigen werden indem sie schön brav sticheln und hetzen und „Diskriminierung“ wittern, wo keine ist, dafür aber großzügig darüber hinwegsehen, wenn sich tatsächlich mal jemand rassistisch, antisemitisch, homophob und/oder frauenfeindlich äußert, indem sie immer neue „Opfergruppen“ (Essgestörte, verhinderte Supermodels, Oberschichstgören, denen das gewisse Etwa zur ganz großen Karriere fehlt, usw..) aufmachen, deren Selbstbewusstsein angeblich mit der Abwertung und Ausgrenzung anderer erkauft werden muss, kurz: indem sie das ursprünglich rechte Projekt, die Menschen gegeneinander aufzuwiegeln und ein Gefühl der Unzufriedenheit zu erzeugen, fortführen. So lange man ihnen nur Jobs, Anerkennung und eine gewisse Macht, wenigstens im Kleinen gibt und ab und zu mal eine Adipositasfrau in KiK-Klamotten an sein in edle Luxusgewänder gehülltes Herz drückt, wird es schon klappen. Oder ob es eben die Islamisten sind, die Europa gern zum Vassallenstaat eines zukünftigen glorreichen „Kalifats“ machen wollen – Das weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie einfach alle den gleichen Gedankengang.

Sprachtalente

Den Schwachen soll man helfen. Den Schwachen, ja, aber auch denen, die es einfach nicht ertragen können, wenn sie andere nicht ausstechen können?

Ich bin ganz gut in Fremdsprachen. Nicht perfekt, nein. Gemessen an Muttersprachlern, sind meine Kenntnisse vielleicht sogar ziemlich dürftig. Das Problem ist, Problem Nummer 1 sozusagen: Ich werde immer an Muttersprachlern gemessen, an Akademikern, gebildeten und sprachgewandten Leuten, meinesgleichen in ausländisch sozusagen.

Manchen ist es einfach gegeben … Wirklich?

Dabei geht es eigentlich um die Deutschen, genauer um die, die sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben haben, ganz gut in Fremdsprachen zu sein. Das habe ich auch niemandem abgesprochen. Umgekehrt wissen die meisten allerdings ganz genau, dass es mit meinen Fremdsprachenkenntnissen soweit her nicht ist. Sagen sie jedenfalls. Der Neffe eines deutschen Kulturstars (so erzählte man mir. Ich bin allerdings in den letzten Jahren so oft angelogen worden, dass ich mittlerweile nicht mehr weiß, was ich glauben soll und daher lieber vorsichtig bin), der im sonnigen Süden aufgewachsen ist, stellte dann auch reinheraus klar, dass er kein Wort verstünde, wenn ich sprechen würde. „Er hat sie ja nicht mal verstanden!“ ereiferte sich auch seine Großmutter, selbst ebenfalls polyglott. Eine andere Frau ergänzte: „Und die mit den südländischen Vorfahren, das bin doch wohl eher ich!“. Stimmt, damit hatte ich ein bisschen kokettiert. Aber die anderen hatten auch immer wieder lang und breit von Masuren und Schlesien erzählt, von den Eltern oder Großeltern, die da gelebt hatten oder zumindest geboren worden waren. Ich tat so, als hätte ich durch die zugigen großen Fenster und die angelehnte Tür nicht gehört, was draußen besprochen wurde. Ein bisschen Wein hatte ich ja auch schon getrunken. Also ging ich nach draußen, verabschiedete mich freundlich und stapfte zur U-Bahn. Ich war zum letzten Mal in dem kleinen, alternativen Gesprächszirkel dabei gewesen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man in diesen Kreisen lobende Worte für Thilo Sarrazin fand, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) viele sich eher ökig-links gaben und man von Leistungsdruck und Strebertum nichts hielt.

Als ich selbst vor langer Zeit in dem Land im Süden lebte, war ich jedenfalls ganz gut für die Einheimischen zu verstehen. Das ist auch immer noch so, wenn ich auf Leute aus diesem Land treffe, die keine deutschen Freunde haben und sich auch nicht sonderlich für Kunst und Kultur interessieren, nicht mit rechtem Gedankengut sympathisieren und sich auch nicht als die Elite der Welt sehen. Sie wissen, dass ihre Sprache nicht meine Muttersprache ist. Ich weiß, dass ich auch nicht unduldsam sein darf, wenn sie Deutsch sprechen, weil es umgekehrt eben genauso ist.

Neulich las ich, dass es viel schwerer ist, in einer fremden Sprache von sehr guten, bereits flüssigen Kenntnissen auf ein sicheres Übersetzerniveau zu kommen, als von „Grundkenntnissen“ zu „guten Kenntnissen“ aufzusteigen. Ich glaube, dass das stimmt.

Mit der nur Deutsch!

Wenn Deutsche dabei sind, ist es aber definitiv aus. Ein Bekannter von mir hat ebenfalls ein Studienjahr am Mittelmeer absolviert. Er hat einen gut bezahlten Job im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, für den seine Sprachkenntnisse keine Rolle spielen. Trotzdem ist ihm das sehr wichtig. Mit keinem Wort oder auch nur Blick hatte ich allerdings auch nur angedeutet, dass es das nicht sein dürfe oder dass er in irgendeiner Hinsicht schlechter sei als ich. Ich hatte nur einmal erwähnt, dass ein Teil meiner Vorfahren aus dem Land stammt. Mit der Sprechen hat das nichts zu tun, denn die wird nicht vererbt. Allerdings stören sich, wie gesagt, viele Deutsche daran, wenn man sich mit solchen sachen ein wenig aufspielt.

Na gut. Eines Tages hatten mein Bekannter und seine Frau eine Südländerin zu Gast. Tatsächlich tranken wir Frauen Kaffee zusammen, bis er dazukam und einen Satz auf der fremden Sprache einwarf. Der Gast antwortete, ebenfalls in der fremden Sprache. Ich ergänzte lachend etwas. Der Gast starrte mich irritiert an und anwortete in einem strengen, sehr bestimmten Tonfall auf Deutsch. Mein Bekannter grinste und ging.

Hilfestellung für Leistungsträger

Manchmal sind andere Deutsche auch wirklich nicht ganz so gut. Auch das kommt vor. Vor Jahren war ich mal auf einem Französisch-Stammtisch, für den man auch noch 5 Euro Teilnahmegebühr zu zahlen hatte. Eine Frau leitete das didaktisch etwas an. Sie hatte gesagt, sie sei zwar keine Französin, aber trotzdem Muttersprachlerin, was etwas fragwürdig war, denn dazu passte ihr Name nicht und sie machte auch gelegentlich kleine Grammatik- oder Wortfehler, was mir nicht entging, aber ich hielt den Mund, da sie die Sprache ansonsten wirklich sehr gut beherrschte und es daher angemessen war, dass sie den Stammtisch leitete. Von ihr konnte man sicherlich lernen.

Jedenfalls sollte ich mit einer älteren Deutschen Konversation zu einem vorgegebenen Thema machen. Die Frau war Anwältin und Französisch ein netter Zeitvertreib für sie. Der Spaß blieb allerdings einseitig, weil die Frau quälend lange brauchte, um ihre Sätze zusammenzubauen und mir keinen Platz für Entgegnungen ließ. Im Grunde war es ein Monolog, aber sie fragte mich zwischendrin (auf Deutsch) nach Worten und ob die Grammatik richtig sei. Schließlich beendete die Leiterin die Diskussion und fragte, ob sich jeder zu dem Gesprächsthema hatte äußern können. „Ach so … oh.“ entgegnete die Anwältin. Offenbar war ihr gar nicht klargewesen, dass ich nicht nur zum Zuhören und als ihr persönlicher Sprach-Coach da war. Vielleicht irre ich mich da aber auch, denn als ich später ging, ohne mehr als einen Satz auf Französisch gesagt zu haben, hörte ich in der Tür gerade noch, wie sie zu der Leiterin sagte: „Eigentlich bin ich ja doch viel besser als sie. Sie hat ja auch kaum etwas gesagt.“

Die Schwachen zuerst!

Zwar hatte ich Französisch schon beruflich verwendet, aber mir war, wie gesagt, klar, dass es nicht perfekt ist. Deshalb war ich unsicher. Würde ich den strengen Anforderungen deutscher Arbeitgeber entsprechen können, selbst dann, wenn keine muttersprachlichen Kenntnisse gefragt waren? Ich beschloss, einen Sprachtest beim Institut Français zu machen. Da ich die Sprache lange nicht gesprochen hatte und mir mittlerweile klar war, dass auch Sprachstammtische und Tandems nicht dazu geeignet wären, beschloss ich, einen Konversationskurs zu machen. Ich fand an einer Volkshochschule einen, der nicht ganz so teuer war und sogar gezielt auf das Examen vorbereiten sollte.

Trotzdem waren vor allem ältere Damen dabei, die ihre Sprachkenntnisse ein wenig pflegen wollten (warum nicht?) und zwei Französisch-Studentinnen, die ein Zusatztraining zu ihren Uni-Kursen wollten. Schnell stellte sich heraus, dass ich die einzige war, die eine Prüfung machen wollte. Eine der beiden jüngeren Frauen war mit dem Kursniveau sichtlich überfordert. Die Lehrerin bemühte sich redlich, die Unterschiede im Kenntnisstand auszugeleichen. Ich fühlte mich ein bisschen wie mit der Anwältin auf dem Sprachstammtisch.

In meinem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander.

Die eine hämmerte auf mich ein: „Sie ist so schwach und du bist so selbstsüchtig! Es ist ganz richtig, dass man sie gezielt fördert und du dich gefälligst zurücknimmst. Ja, hast du denn gar kein Mitgefühl! Elende Narzisstin! Ego-Schwein! Kein Wunder, dass niemand dich mag!“

Die andere Stimme war weit weniger kritisch. Vor meinem inneren Auge stellte ich sie mir bocksbeinig und mit Teufelshörnern vor: „Sei nicht dumm! Die blöde Kuh hält hier den ganzen Kurs auf, nur weil ihr dickes Ego es nicht verträgt, dass sie eigentlich zwei Level tiefer steht. Wie oft willst du dich von solchen Leuten eigentlich noch verarschen lassen? Umgekehrt, wenn du dich selbst auch nur etwas zu gut eingeschätzt hättest, würden sie alle keine Sekunde zögern, um dir klarzumachen, dass du zu doof für den Kurs bist und das wird die Kleine ohnehin über dich zum Besten geben, sobald du ihr den Rücken zukehrst. Das kennst Du doch bereits! Soll sie doch an der Uni besser aufpassen oder nach Frankreich gehen oder wenigstens zu Hause nachlernen! Das kann man doch wohl verlangen! Die Lehrerin hilft ihr ohnehin nur, weil sie teure Klamotten trägt und ihr Mäppchen aus feinstem Kalbsleder ist, genau wie bei den alten Tanten. Die hat das Geld, noch x Kurse bei ihr zu machen, um gezielt gefördert zu werden und eines Tages Leute wie dich aus dem Feld zu schlagen, während man dir mit deinem Mix aus Second-Hand, Zeeman und „Ausverkauf bei H&M“ ansieht, dass du dir den Kurs vom Munde abgespart hast. Los, mach den Mund auf! Du hast das gleiche Geld für den Kurs gezahlt! Du hast ein Recht darauf, auch etwas zu lernen!“

Ich machte den Mund nicht auf. Die Lehrerin wurde krank und wir bekamen einen neuen Lehrer. Der legte mit einem Text über erneuerbare Energien einen rasanten Einstieg hin. Ich war hocherfreut, denn ich hatte gelesen, dass so etwas auch in der Prüfung vorkommen könnte. (Ich sollte recht behalten. Als es soweit war, konnte ich für mein Prüfungsreferat zwischen den Themenbereichen Medizin und Wirtschaft wählen). Die Studentinnen blieben weg. Die alten Damen maulten, dass sie lieber Literatur machen wollten. Wir machten Literatur. Die alten Damen kannten aber auch da nicht so viel mehr Vokabeln.

Noblesse oblige!

Dennoch war eine der beiden ansonsten auch gut. Sie sprach gewandt und formulierte flüssig und routiniert. Allenfalls an Vokabular fiel sie leicht ab, vielleicht war das aber auch nur Zufall. Die Frau schien in meinem Viertel zu wohnen, hatte jedenfalls den gleichen Nachhauseweg wie ich. Ich hatte sie ein paarmal höflich angesprochen, spürte aber, dass ihr das nicht recht war. Als ich begriff, dass sie eher ausstieg, Umwege in Kauf nahm, um mir auszuweichen, richtete ich es so ein, dass ich nach dem Unterricht immer noch aufs Klo ging und wenn ich M. dann doch in der U-Bahnstation sah, ging ich nicht rüber, um über den Kurs zu sprechen, sondern tat meinerseits auch so, als hätte ich sie nicht gesehen.

M. war, demnach, was sie erzählte, Renterin und hatte lange im Wirtschaftsbereich, auch im Ausland gearbeitet. Trotz ihres Alters kleidete sie sich teuer und modisch, man könnte sogar sagen, ziemlich jugendlich. Ihren Äußerungen im Kurs zufolge hatte sie jedoch sehr konservative Ansichten. Einiges davon stand so auch später im Wahlprogramm der AfD, aber ich will niemandem, von dem ich es nicht mit Sicherheit weiß, eine Nähe zum Rechtspopulismus aufdrängen. Nur soviel kann man festhalten, dass M. sicherlich keine Linke war, niemand, der besondere Nachsicht mit „Verlierertypen“ gehabt hätte. Ich hielt mich bedeckt. Ich fürchtete mich fast ein wenig.

In der letzten Stunde waren nur noch M. und ich im Kurs. Gleich zu Beginn stellte M. klar, dass sie einen Text besprochen haben wollte, den sie eigens für den Kurs zu Hause verfasst hatte. Ich solle mich zurückhalten, schließlich sei ich gut genug in Französisch und auch sie wolle gefördert werden. Sie müsse, wie sie sagte, ihren Kopf fit halten. Ich protestierte, weil es bei zwei Teilnehmerinnen eigentlich möglich sein müsste, beide zu Wort kommen zu lassen. Dennoch setzte sich M., in der Rolle der sprachlich (geringfügig) Schwächeren durch. Sie erhielt Einzelunterricht, ich war (erneut) dazu verdammt, zuzuhören.

Ich machte die Prüfung ein Niveau tiefer, als ich eigentlich vorgehabt hatte, denn obwohl man mir zu dem höheren Niveau geraten hatte, hatte ich Zweifel, ob ich im Mündlichen bestehen würde. Ich wusste, dass die Prüfungen kein Pappenstiel waren, selbst, wenn man glaubte, schon ganz gut zu sein, und wollte die Prüfungsgebühr nicht in den Sand setzen. Glücklicherweise bestand ich und zu meiner Freude sogar in allen Bereichen mit hoher Punktzahl. Immerhin konnte ich damit wenigstens nachweisen, dass ich mir vollkommend zu Recht Französisch „fließend“ im Lebenslauf eingetragen hatte. Es war blamabel für alle Deutschen, die sich so sicher gewesen waren, dass ich „doch allenfalls A2 sei“, wie ihre französischen Freunde ihnen bestätigt hätten.

Alles eine Frage des Auftretens?

Genützt hat es mir nur wenig. Neulich erklärte mir ein Romanist recht besserwisserisch, dass man bei „Il faut que“ niemals den Subjonctif verwendet (Anmerkung: Man muss gerade in dem Fall IMMER den Subjonctif benutzen!). Woher nehmen solche Leute eigentlich diese Selbstsicherheit, auch noch ihre Fehler und ihr mangelndes Fachwissen als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen?

Sowieso zählt ja nur noch Englisch. Allerdings – und auch wenn ich im Englischen nie so sicher war wie in Französisch (vielleicht sogar gerade deshalb) – frage ich mich, ob das so schlimm ist. Zugegeben, manchmal fühle ich mich geradezu erschlagen von den vielen Leuten, die an einer Ivy-Leage-Uni oder zumindest in Oxford oder Cambridge ganze Studiengänge absolviert haben und lässig in geschliffenem, perfektem Englisch loslegen. So gut werde ich das nie können und eigentlich will ich das auch gar nicht. Wenn in Stellenazeigen „proficiency“ in Englisch gefordert wird, brauche ich mich, so habe ich im Internet gelesen, nicht bewerben, denn dann ist wirklich annähernd muttersprachliches „Oxbridge“-Englisch gefragt. Immer mehr deutsche Arbeitergeber wollen „Oxbridge“. Vielleicht sind die tadellosen Englischkenntnisse aber nicht das einzige, vielleicht ist es auch das Lebensgefühl von M., der viel zu schlechten, aber für eine Studentin auffallend wohlhabenden anderen Teilnehmerin in meinem Französischkurs und des im Sden aufgewachsenen Kulturstar-Neffen, das man gerne im Team hätte. Damit kann ich noch weniger mithalten.

… oder darf es auch mal Spaß machen?

Dafür hat es mir Spaß gemacht, den US-Wahlkampf im Internet mitzuverfolgen. Ich erfuhr, dass es „drüben“ nicht nur Leute wie Donald Trump gibt, sondern auch Menschen wie Bernie Sanders. Ich las, dass viele amerikanische College-Absolventen als Thekenkraft arbeiten müssen, informierte mich darüber, warum in einigen US-Bundesstaaten die Zahl der Heroinabhängigen und Drogentoten exponentiell in die Höhe geschossen ist. Ich erfuhr, was Hillary Clinton dagegen tun wollte, nahm mit Entsetzen davon Kenntniss, wie sehr liberale Kräfte mit Dreck beschmissen werden, wie unfair „Big Player“ sein können. Ich hörte mir Koch-V-Logs auf Buzzfeed an, lachte mit diversen Comedy-Stars mit, schnappte Vokabeln auf, von denen ich nicht weiß, ob es Slang ist, oder ob man das auch im Büro so sagen kann.

über alle Kritik erhaben – die neue Elite

Vielleicht wäre es ehrlich, das so auch in meinen Lebenslauf zu schreiben. Natürlich mache ich das trotzdem nicht. Auch in Englisch werde ich im Übrigen gern rüde korrigiert, auch hier sind es oft Deutsche oder Menschen, die zwar gut und flüssig sprechen, aber keine Muttersprachler sind. Es hagelt verbale Haue und triumphierende Blicke, wenn ich ein Wort falsch ausspreche oder betone, was öfters mal vorkommt. Vor ein paar Monaten erklärte mir eine Frau aus Ungarn in einem genervt-hochnäsigen Tonfall, dass man nicht „to be happy about“ sagen würde sondern dass es „to be happy at“ heißen müsse. Ob ich nicht einmal das wüsste. Im Internet las ich, dass „native Speaker“ „to be happy with“ bevorzugen, „to be happy about“ ok, aber etwas „deutsch“ gedacht ist und „to be happy at“ im Sinne von „sich über etwas freuen“ eigentlich gar nicht verwendet wird. Na ja, wieder etwas gelernt.

Klar, das kommt schon einmal vor, dass man glaubt, etwas genau zu wissen und dann ist es doch falsch. Ist mir sicher auch schon passiert. Allerdings nervt mich die dümmlich-hochnäsige Art dieser Leute langsam, dieses ewige Rivalisieren, erst auf die Tränendrüse drücken und sich als vermeintlich hilflose und von Leuten wie mir unterdrückte Opfer Sonderförderung erpressen und dann von oben herab andere in den Dreck treten.

Neulich erwischte ich einen Spanier, der zweifelsohne sehr gut Englisch sprach und mich häufiger nicht unfreundlich aber sehr gönnerhaft im Englischen korrigiert hatte – etwa so, wie man ein Kleinkind, das es nicht besser wissen kann, tadelt oder eine geistig Behinderte sanft, aber bestimmt auf einen Fehler aufmerksam macht – bei einem dicken Wortfehler. Der war derart typisch für Deutsche, dass ich es, glaube ich, sogar in der Schule gelernt hatte, dass man das so nicht sagen darf. Knapp warf ich das richtige Wort ein. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob ich das Spiel nicht mittlerweile schon mitspiele. Dann sah ich in das Gesicht des jungen Mannes. Ich habe nie so viel Hass und Abscheu gesehen. Wegen eines Wortes? Ich hatte doch umgekehrt auch immer nett gelächelt und mich artig bedankt. Oft hatte ich ja auch wirklich Fehler gemacht. Genau wie er jetzt auch. Offensichtlich hatte ich ins Schwarze getroffen.