Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

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Die eierlegende Wollmilchsau rechnet ab

Die eierlegende Wollmilchsau zieht Bilanz: Wer in den Jahren zwischen dem Platzen der Dotcom-Blase* (2000) und der Weltwirtschaftskrise* (2008) mit dem Studium fertig wurde, hatte es schwer, einen Einstieg auf dem Arbeitsmarkt zu finden.

*Mehr Informationen zur Dotcom-Blase und zur Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 finden sich   auf Wikipedia.

Manche schafften den Quereinstieg in’s Lehramt, denn dort herrschte zu dieser Zeit Bewerbermangel. Andere kamen nach vielen unbezahlten Langzeitpraktika, die allerdings auch irgendwie finanziert werden mussten, irgendwo unter. Für wieder andere ging diese Rechnung nicht auf. Wer etwas mehr Startkapital und eine zündende Idee hatte, machte sich selbstständig. Aus manchen jungen Akademikern wurden auf diese Weise erfolgreiche Kleinunternehmer. Andere gingen gnadenlos baden und blieben auf einem Haufen Schulden sitzen. Für viele junge Frauen, die ganz selbstverständlich mit feministischen Ideen aufgewachsen waren, wurde eine Existenz als Hausfrau und Mutter wieder eine Option.

Irgendwie hat sich die Generation der eierlegenden Wollmilchsäue so durchgewurschtelt, allerdings nicht ohne die eigenen Ansprüche drastisch herunterzuschrauben, Ausbeutung hinzunehmen und sich auch selbst kräftig auszubeuten.

Andererseits hatten die eierlegenden Wollmilchsäue als junge Studentinnen und Studenten Möglichkeiten gehabt, von denen vorangegangene Generationen nur hatten träumen können. Studieren und auch noch das, was einem Spaß macht, in’s Ausland gehen, fremde Sprachen und Kulturen kennen lernen….

Dafür war eben der Weg in’s Berufsleben umso dorniger und endete für manche vorschnell in einer Sackgasse. Auf dem üblichen Weg, über Bewerbungen, die zunehmend zu einer Wissenschaft für sich wurden, so ausgeklügelt sollten sie sein, kam fast niemand an einen Job. Da musste man schon Vitamin B haben, Beziehungen.

„Netzwerken“ war die Devise. Man könnte auch ganz schnöde von schleimen und sich wichtigen Leute andienen sprechen. Das nervt die eierlegende Wollmilchsau. Sie fühlt sich solchen Leuten gegenüber unbeholfen und wollte eigentlich auch nicht wildfremden Menschen vorheucheln, sie hätte persönliches Interesse an ihnen, so ganz ohne Hintergedanken. Es ging ja bei diesem „Beziehungen-knüpfen“ eigentlich nur um die Hintergedanken, darum, jemanden zu umschmeicheln, so dass er oder sie einen vielleicht bei der nächsten vakanten Stelle berücksichtigen würde….

 

Jung, gut ausgebildet, am Ende

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Wir befinden uns irgendwo in den 00er-Jahren: Die eierlegende Wollmilchsau pfeift aus dem letzten Loch. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Dabei ist sie eigentlich noch jung, Mitte oder Ende 20 vielleicht. Trotzdem – ächz! – sie hat hunderte von Bewerbungen geschrieben und nichts hat geklappt. Dabei hat sie ihr Studium mit Top-Noten abgeschlossen, spricht mehrere Sprachen, hat sich ehrenamtlich engagiert, Berufserfahrung in Praktika gesammelt und war mehrfach im Ausland. „High-Potential“ – das ist der Begriff für junge Absolventen wie die eierlegende Wollmilchsau. Aber irgendetwas sagt der eierlegenden Wollmilchsau, dass sie sich auf Stellen, die für „High-Potentials“ ausgeschrieben sind, lieber nicht bewerben sollte, nur so ein Bauchgefühl oder vielmehr ein Magendrücken.

OHNE PRAXISBEZUG

Denn in jeder Stellenausschreibung wird eigentlich auf’s Neue deutlich, was die eierlegende Wollmilchsau alles nicht kann: Zuerst einmal fehlt ihr als Geisteswissenschaftlerin natürlich der Praxis-, genauer der Wirtschaftsbezug. Dann kann sie doch am Computer nur Word und E-Mails schreiben. Also bitte! Andere wissen, wie man Homepages gestaltet, haben selbstverständlich das gesamte MS-Office-Paket – zack! zack! – drauf und zusätzlich noch ein paar kleine Spezialprogramme. Vielleicht könnte die eierlegende Wollmilchsau ja ein bisschen programmieren lernen. Doch da kennt sie sich nicht aus. Apache – ist das eine Programmiersprache? Oder Python, das klingt lustig! Oder aber besser Buchhaltung und 10-Finger-blind-Tippen? Andere konnten das schon, als sie mit dem Studium angefangen haben. Eigentlich, so macht man der eierlegenden Wollmilchsau klar, hat sie einem potentiellen Arbeitgeber überhaupt nichts anzubieten. Vor allem fehlt aber der Praxisbezug. Die Praktika im Studium waren ja nur ein bisschen Hineinschnuppern in die Arbeitswelt.

DAS PERFEKTE PROFIL

Und natürlich ist es die Persönlichkeit, die den letzten Ausschlag gibt. Die eierlegende Wollmilchsau seufzt. Sie hat keine Persönlichkeit. Also, sie ist irgendwie einfach ein ganz normaler Mensch. Kein markanter Typ, der andere beeindrucken könnte. Na, dann soll sie wenigstens in ihren Bewerbungen klarer herausstellen, was sie am Unternehmen fasziniert und warum sie gerade dort arbeiten möchte. „We want passion!“ heißt es oft in Stellenausschreibungen. „Passion, Leidenschaft“, denkt sich die eierlegende Wollmilchsau. Eigentlich sucht sie nur einen Job. Sie wäre da auch flexibel. Sie weiß gar nicht so genau, was sie machen möchte, irgendetwas mit Kultur und Medien vielleicht? Ein sozialer Bezug wäre auch ganz schön. Und leidenschaftlich gern würde sie wieder in’s Ausland gehen.

Für alles aber ist ihr Profil nicht spezifisch genug. Sie spricht Englisch? Schön. Andere sprechen es wie eine zweite Muttersprache, haben schließlich jahrelang dort gelebt, studiert, gearbeitet, wissenschaftliche Publikationen verfasst und so weiter. Museum? Na, aber dann trotzdem kein Aufbaustudiengang in Museologie? Wie soll man da ein entsprechendes Interesse erkennen? PR-Arbeit? Ja, auch da gibt es spezielle Zusatzausbildungen, leider meist kostenpflichtig, aber dafür qualifizieren sie einen eben wirklich für das, auf was es ankommt. Die eierlegende Wollmilchsau fühlt sich klein und unzulänglich. Hieß es nicht immer, Geisteswissenschaftler seien Generalisten und könnten sich schnell einarbeiten? Schlüsselqualifikationen hatte man ihr vermittelt, Fähigkeiten statt Fertigkeiten.

GENERATION PRAKTIKUM

Die eierlegende Wollmilchsau ist wütend. Da sind Germanisten, die als Kunstkritiker arbeiten, Kunsthistoriker als IT-Gurus und Sprachwissenschaftler als Polit-Experten und alle diese Leute, die selbst eigentlich gar nicht vom Fach sind, wollen ihr jetzt erklären, dass sie fachlich nicht gut genug qualifiziert ist? Wie haben die denn angefangen? Die eierlegende Wollmilchsau fühlt, wie eine unendlich schwere Last ihr auf die Schultern drückt.

Soll sie noch promovieren? Sie hat kein Geld. Sie bräuchte ein Stipendium oder einen Promotionsjob. Außerdem hat sie die Nase voll von der Uni. Es sollte doch jetzt endlich anfangen, das wahre Leben: Ein Job, eigenes Geld, ein Platz in dieser Gesellschaft. Die eierlegende Wollmilchsau ist verzweifelt. Es ist so gar nichts zu machen. Und es gibt doch so viele eierlegende Wollmilchsäue. „Generation Praktikum“ heißt es: Erst einmal ein Jahr, vielleicht auch zwei ohne Bezahlung arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Erfahrungen, die zukünftigen Arbeitgebern zeigen sollen, dass man kein neunmalkluger Eierkopp frisch von der Uni ist, so gerade mal zu gar nichts nutze, sondern ein „Young Professional“, das lohnen könnte, es sich mal anzugucken oder eben jemand, den man leicht hinhalten und ausbeuten kann. Die eierlegende Wollmilchsau ist jetzt richtig zornig. Sie hat genug und verdünnisiert sich in’s Ausland.