„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Tierlaute. Oder: „Mein Kopf! Mein Kopf!“ – Schauspielkunst at its best!

Förderung speziell für Akademiker

„Speziell für Akademiker!“ pries man mir die Maßnahme damals im Jobcenter an. Das ist nun schon viele Jahre her. Ich lebte von der sprichwörtlichen Hand im Mund, u. a. auch weil ich als ehemalige Selbstständige eine saftige Steuernachzahlung ins Ausland zu leisten hatte, die den Rest meines sog. „Schonvermögens“ mit einem einzigen gierigen Haps auffraß. Damals war mir noch nicht klar, dass sich die Menschen im großen, bunten Berlin „selbstbestimmt“ definieren. Die meisten waren also eher „gefühlt“ Akademiker oder hatten, wie sie selbst sagten, z. B. eine kaufmännische Ausbildung absolviert – nicht, dass das etwa für Dummies sei. Ich hatte schnell gelernt, meine Zunge im Zaume zu halten, da Menschen sich, wenn ich mein Studium auch nur erwähnte, schnell angegriffen fühlten – als ob ich ihnen unterstellt hätte, etwa weniger intelligent zu sein. Hatte ich nicht. Punkt. Basta.

Ein Mann, der angab, gelegentlich für den „Freitag“ zu schreiben, wurde in der Maßnahme freudig mit „Und an der Uni machen Sie ja auch immer noch mal was!“ begrüßt und sogleich auf einen Außenposten geschickt. Wir andere galten dafür als nicht „reif“ genug. Ein anderer Mann sehnte sich seinerseits nach einem der „Schonjobs“ an der Uni. Wie er es darstellte, sei man dort dem Alltagsstress nicht so ausgesetzt und könne seine intellektuellen Fähigkeiten voll entfalten. Das sagte mir, dass der Mann höchstwahrscheinlich nie eine Uni von innen gesehen hatte. Ansonsten hätte er gewusst, dass es ein Haifischbecken ist, wo sich die Leute – zweifelsohne intelligent und ich hatte auch nicht behauptet, dass er das nicht sei – von einem Zeitvertrag zum nächsten hochmobben und sich glücklich schätzen kann, wer es überhaupt bis zum „PostDoc“, „Juniorprofessor“ oder „Privatdozenten“ schafft.

„Mein Kopf, mein Kopf!“ – die „Gewalttäterin“

Dann war da noch Frau Ranke, wie ich sie hier mal nennen werde. Die zierliche Frau – „wilde Locken und Katzenaugen – das mögen Männer!“, wie eine andere Teilnehmerin der Maßnahme ihr bescheinigte – war damals schon 43, wie sie gleich zu Beginn mit einem tiefen Seufzer sagte. Sie sah aber wie Mitte oder maximal Ende zwanzig aus und hatte ein denkbar tragisches Schicksal – sie litt an einer schweren Epilepsie. Deutlich wurde das, als ich mich – nichtsahnend – einmal leise mit Herrn Mayrhofer – auch er heißt eigentlich anders – unterhielt. Nach etwa zehn Minuten wurde das Gespräch durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Aaahrg! Mein Kopf! Mein Kopf!“ rief Frau Ranke panisch aus. Sofort eilte eine Mitarbeiterin der Maßnahme herbei. „Na ja, Laila wusste ja nicht, dass dieses Gerede bei mir einen schweren Anfall auslösen kann.“ klärte Frau Ranke die Sache freundlich auf. Sie brauchte eben Ruhe und besondere Schonung. Zehn Minuten später plauderte Frau Ranke fröhlich mit Herrn Mayrhofer.

Das bürgerte sich so ein. Es wurde auch zur Gewohnheit, dass Frau Ranke immer ein bisschen später kam. Erst eine halbe Stunde, dann eine, eineinhalb Stunden, manchmal kam sie auch erst gegen Mittag. Immerhin galt es zu vermeiden, durch allzugroße Hektik einen Anfall auszulösen.

Die Mitarbeiterinnen der Maßnahme zeigten sich verständnisvoll. „Immer wenn Frau Ranke kommt, geht irgendwie die Sonne auf!“ äußerte sich eine der Frauen einmal freundlich, als Frau Ranke gerade mit wie üblich ein, zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Bei dem fröhlichen, unkomplizierten Wesen!“

Manchmal vergaß ich mich und fing doch wieder an zu schwatzen. Dann gab Frau Ranke wimmernde Tierlaute von sich und ich verstummte. Vielleicht lag es daran, dass der Eindruck, den man von mir hatte, weitaus weniger positiv war: „Frau Phunk müsste mal ein Anti-Gewalt-Training machen.“ ließ sich eines Tages eine der Maßnahmen-Mitarbeiterinnen durch die geöffnete Tür für alle gut hörbar vernehmen. Ich begriff, dass es im Leben nicht nur auf Pünktlichkeit ankommt.

Sicherlich war es reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später in einem Supermarkt von einer Frau, die hinter mir in der Kassenschlange stand, tätlich angegriffen wurde. Der dicklichen Blonden ging es nicht schnell genug. Leider war mein Vordermann gerade erst dabei, seine Sachen aufs Band zu legen. Doch der Frau hinter mir platzte der Kragen. Solche Leute wollten sich halt von einer wie mir „nichts gefallen lassen“. Empört schlug sie mit Email-Töpfen, die sie offensichtlich kaufen wollte, auf mich ein. Jäh aus meinem Trott gerissen von dem Schmerz, den die auf meinen Rücken einprasselnden Töpfe verursachten, klingelte mir das mit dem „Anti-Gewalt-Training“ in den Ohren. Ich hatte einmal Kampfsport betrieben. Zwar bin ich keine Gurtträgerin, aber das monotone Einüben einfacher Schläge, Tritte und Hebel zahlte sich jetzt aus. Die Frau ließ von mir ab. Noch eine halbe Stunde später in der U-Bahn musste ich mich selbst damit beruhigen, dass Supermärkte zum Glück Kamera überwacht sind. Dass ich mich nur verteidigt hatte, war damit stichhaltig bewiesen.

Schauspieler sind die besseren Sozialarbeiter!

In der Jobcentermaßnahme arbeiteten, anders als man es erwarten sollte, keine Sozialpädagogen. Es war z. B. eine Schauspielerin, die uns ein intensives Einzeltraining bot, dass uns immerhin ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen sollte. In meinem Fall brachten die schlanke, chic gekleidete Frau mittleren Alters und ich einen Teil des Trainings damit zu, dass wir erörterten, dass die Frau genau wie ich unter Plattfüßen litt. Einmal zog sie sogar einen ihrer zierlichen hochhackigen Stiefel aus, um es mir zu beweisen. Sie müsse sogar Einlagen tragen. Ich fragte sie, wie sie es hinkriegte, die Einlagen in ihre engen Absatzschuhe zu zwängen. Das interessierte mich, denn ich selbst sollte damals Einlagen tragen, konnte aber keine dazu passenden Schuhe finden (Ich habe leichte Spreizfüße und einen relativ hohen Fußrist bei eher schmalen Füßen, nur so, falls es jemand genauer wissen will). „Na ja, nicht immer …“ entgegnete die Schauspielerin mit sanfter Stimme und warf ihr langes Blondhaar gekonnt zurück.

Eine der Mitarbeiterinnen der Maßnahme empfahl mir, mich einmal bei „Schuh-Bär“ auf dem Kurfürstendamm nach Schuhen umzusehen. Da kaufe sie auch oft. Zwar kosteten die Schuhe zwei-, dreihundert Euro, aber dafür sei es Qualität, die lange halte. „Und sooo fußgesund!“ wie die Frau hinzufügte. Ich erhielt damals 90 Euro „Aufwandsentschädigung“ für die Maßnahme plus „Arbeitslosengeld II“, da ich immer Freelancerin gewesen war und somit nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet hatte. Also quittierte ich den „Tipp“ mit einem freundlichen Lächeln und beließ es dabei. Vielleicht kam es auch eher darauf an, mich wissen zu lassen, dass die „Ingenieurin“, die sich nun als „Fachkraft“ für die Wiedereingliederung von „Akademikern“ in den Arbeitsmarkt betätigte, sich Schuhe für zwei-, dreihundert Euro leisten konnte. Und ich nicht. Ok.

Die Schauspielerin empfahl mir, Erzieherin zu werden. Das sei gesucht. Damit hatte sie zwar recht, aber als ich das „Ergebnis“ der Maßnahme beim Jobcenter vortrug, wie man mir aufgetragen hatte, reagierte man dort konsterniert. Dazu sei ein eigenes Studium nötig und ich hätte doch wohl schon studiert …

„Seien Sie ehrlich!“ – andere brauchen die Jobs viel nötiger!

Die „Expertin“ für Bewerbungen in der Maßnahme monierte, dass mein Lebenslauf viel zu unübersichtlich sei. „Stellen Sie die Lücken besser heraus! Das ist es, was potentielle Arbeitgeber interessiert!“ erklärte mir die Frau (sic!). „Und seien Sie ehrlich, bis auf das bisschen Freelance im Ausland haben Sie doch gar keine relevanten Berufserfahrungen vorzuweisen. Und überhaupt, das war doch sicher eher ein Praktikum. Das sollten Sie auch ehrlich so schreiben. (…) Ja, ja ich weiß, ‚Journalistin‘ (…)“ Ich bat die Frau, meine Arbeitsverträge aus dem Ausland zu übersetzen, wenn sie sich da so sicher sei. Die Frau sprach offenbar die Sprache gar nicht.

Frau Ranke kam irgendwann nicht mehr. Vielleicht hatte die Maßnahme bei ihr schneller zum Erfolg geführt als bei uns anderen. Ich las Bücher zum Thema Epilepsie. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich ja schon. Tatsächlich können Stress und extreme Lautstärke epileptische Anfälle auslösen. Durch einfach Gespräche ist das aber nicht möglich, auch in richtig schweren Fällen nicht.

Dafür lag man mir, auch als die Maßnahme für mich schon lange zurücklag, damit in den Ohren, dass auch die Schauspieler prekär lebten und immer auf Jobsuche seien. Und überhaupt, dieses Künstlerisch-Kreative ginge mir doch vollständig ab. Zu den empfindsamen Künstlerseelen hätte ich ja nun so gar keinen Draht und keinerlei tiefergehendes Verständnis. Mag sein. Es klingt nur so, als würden diese Leute für solche Maßnahmen beim Jobcenter arbeiten, um eine Gelegenheit zu haben, mögliche Konkurrenz rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Immerhin trauen sich diese Theaterleute (wie viele andere) selbst alles zu, was irgendwie mit Kunst, Kultur und Schreiben zu tun hat. Genau in dem Bereich hatte ich ein Studium absolviert und erste Berufserfahrungen gesammelt.

Damals standen übrigens auch eine Menge SozialpädagogInnen arbeitslos auf der Straße. Man fragt sich schon, warum das Jobcenter die eigentlich nicht eingestellt hat.

Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

Die eierlegende Wollmilchsau rechnet ab

Die eierlegende Wollmilchsau zieht Bilanz: Wer in den Jahren zwischen dem Platzen der Dotcom-Blase* (2000) und der Weltwirtschaftskrise* (2008) mit dem Studium fertig wurde, hatte es schwer, einen Einstieg auf dem Arbeitsmarkt zu finden.

*Mehr Informationen zur Dotcom-Blase und zur Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 finden sich   auf Wikipedia.

Manche schafften den Quereinstieg in’s Lehramt, denn dort herrschte zu dieser Zeit Bewerbermangel. Andere kamen nach vielen unbezahlten Langzeitpraktika, die allerdings auch irgendwie finanziert werden mussten, irgendwo unter. Für wieder andere ging diese Rechnung nicht auf. Wer etwas mehr Startkapital und eine zündende Idee hatte, machte sich selbstständig. Aus manchen jungen Akademikern wurden auf diese Weise erfolgreiche Kleinunternehmer. Andere gingen gnadenlos baden und blieben auf einem Haufen Schulden sitzen. Für viele junge Frauen, die ganz selbstverständlich mit feministischen Ideen aufgewachsen waren, wurde eine Existenz als Hausfrau und Mutter wieder eine Option.

Irgendwie hat sich die Generation der eierlegenden Wollmilchsäue so durchgewurschtelt, allerdings nicht ohne die eigenen Ansprüche drastisch herunterzuschrauben, Ausbeutung hinzunehmen und sich auch selbst kräftig auszubeuten.

Andererseits hatten die eierlegenden Wollmilchsäue als junge Studentinnen und Studenten Möglichkeiten gehabt, von denen vorangegangene Generationen nur hatten träumen können. Studieren und auch noch das, was einem Spaß macht, in’s Ausland gehen, fremde Sprachen und Kulturen kennen lernen….

Dafür war eben der Weg in’s Berufsleben umso dorniger und endete für manche vorschnell in einer Sackgasse. Auf dem üblichen Weg, über Bewerbungen, die zunehmend zu einer Wissenschaft für sich wurden, so ausgeklügelt sollten sie sein, kam fast niemand an einen Job. Da musste man schon Vitamin B haben, Beziehungen.

„Netzwerken“ war die Devise. Man könnte auch ganz schnöde von schleimen und sich wichtigen Leute andienen sprechen. Das nervt die eierlegende Wollmilchsau. Sie fühlt sich solchen Leuten gegenüber unbeholfen und wollte eigentlich auch nicht wildfremden Menschen vorheucheln, sie hätte persönliches Interesse an ihnen, so ganz ohne Hintergedanken. Es ging ja bei diesem „Beziehungen-knüpfen“ eigentlich nur um die Hintergedanken, darum, jemanden zu umschmeicheln, so dass er oder sie einen vielleicht bei der nächsten vakanten Stelle berücksichtigen würde….

 

Jung, gut ausgebildet, am Ende

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Wir befinden uns irgendwo in den 00er-Jahren: Die eierlegende Wollmilchsau pfeift aus dem letzten Loch. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Dabei ist sie eigentlich noch jung, Mitte oder Ende 20 vielleicht. Trotzdem – ächz! – sie hat hunderte von Bewerbungen geschrieben und nichts hat geklappt. Dabei hat sie ihr Studium mit Top-Noten abgeschlossen, spricht mehrere Sprachen, hat sich ehrenamtlich engagiert, Berufserfahrung in Praktika gesammelt und war mehrfach im Ausland. „High-Potential“ – das ist der Begriff für junge Absolventen wie die eierlegende Wollmilchsau. Aber irgendetwas sagt der eierlegenden Wollmilchsau, dass sie sich auf Stellen, die für „High-Potentials“ ausgeschrieben sind, lieber nicht bewerben sollte, nur so ein Bauchgefühl oder vielmehr ein Magendrücken.

OHNE PRAXISBEZUG

Denn in jeder Stellenausschreibung wird eigentlich auf’s Neue deutlich, was die eierlegende Wollmilchsau alles nicht kann: Zuerst einmal fehlt ihr als Geisteswissenschaftlerin natürlich der Praxis-, genauer der Wirtschaftsbezug. Dann kann sie doch am Computer nur Word und E-Mails schreiben. Also bitte! Andere wissen, wie man Homepages gestaltet, haben selbstverständlich das gesamte MS-Office-Paket – zack! zack! – drauf und zusätzlich noch ein paar kleine Spezialprogramme. Vielleicht könnte die eierlegende Wollmilchsau ja ein bisschen programmieren lernen. Doch da kennt sie sich nicht aus. Apache – ist das eine Programmiersprache? Oder Python, das klingt lustig! Oder aber besser Buchhaltung und 10-Finger-blind-Tippen? Andere konnten das schon, als sie mit dem Studium angefangen haben. Eigentlich, so macht man der eierlegenden Wollmilchsau klar, hat sie einem potentiellen Arbeitgeber überhaupt nichts anzubieten. Vor allem fehlt aber der Praxisbezug. Die Praktika im Studium waren ja nur ein bisschen Hineinschnuppern in die Arbeitswelt.

DAS PERFEKTE PROFIL

Und natürlich ist es die Persönlichkeit, die den letzten Ausschlag gibt. Die eierlegende Wollmilchsau seufzt. Sie hat keine Persönlichkeit. Also, sie ist irgendwie einfach ein ganz normaler Mensch. Kein markanter Typ, der andere beeindrucken könnte. Na, dann soll sie wenigstens in ihren Bewerbungen klarer herausstellen, was sie am Unternehmen fasziniert und warum sie gerade dort arbeiten möchte. „We want passion!“ heißt es oft in Stellenausschreibungen. „Passion, Leidenschaft“, denkt sich die eierlegende Wollmilchsau. Eigentlich sucht sie nur einen Job. Sie wäre da auch flexibel. Sie weiß gar nicht so genau, was sie machen möchte, irgendetwas mit Kultur und Medien vielleicht? Ein sozialer Bezug wäre auch ganz schön. Und leidenschaftlich gern würde sie wieder in’s Ausland gehen.

Für alles aber ist ihr Profil nicht spezifisch genug. Sie spricht Englisch? Schön. Andere sprechen es wie eine zweite Muttersprache, haben schließlich jahrelang dort gelebt, studiert, gearbeitet, wissenschaftliche Publikationen verfasst und so weiter. Museum? Na, aber dann trotzdem kein Aufbaustudiengang in Museologie? Wie soll man da ein entsprechendes Interesse erkennen? PR-Arbeit? Ja, auch da gibt es spezielle Zusatzausbildungen, leider meist kostenpflichtig, aber dafür qualifizieren sie einen eben wirklich für das, auf was es ankommt. Die eierlegende Wollmilchsau fühlt sich klein und unzulänglich. Hieß es nicht immer, Geisteswissenschaftler seien Generalisten und könnten sich schnell einarbeiten? Schlüsselqualifikationen hatte man ihr vermittelt, Fähigkeiten statt Fertigkeiten.

GENERATION PRAKTIKUM

Die eierlegende Wollmilchsau ist wütend. Da sind Germanisten, die als Kunstkritiker arbeiten, Kunsthistoriker als IT-Gurus und Sprachwissenschaftler als Polit-Experten und alle diese Leute, die selbst eigentlich gar nicht vom Fach sind, wollen ihr jetzt erklären, dass sie fachlich nicht gut genug qualifiziert ist? Wie haben die denn angefangen? Die eierlegende Wollmilchsau fühlt, wie eine unendlich schwere Last ihr auf die Schultern drückt.

Soll sie noch promovieren? Sie hat kein Geld. Sie bräuchte ein Stipendium oder einen Promotionsjob. Außerdem hat sie die Nase voll von der Uni. Es sollte doch jetzt endlich anfangen, das wahre Leben: Ein Job, eigenes Geld, ein Platz in dieser Gesellschaft. Die eierlegende Wollmilchsau ist verzweifelt. Es ist so gar nichts zu machen. Und es gibt doch so viele eierlegende Wollmilchsäue. „Generation Praktikum“ heißt es: Erst einmal ein Jahr, vielleicht auch zwei ohne Bezahlung arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Erfahrungen, die zukünftigen Arbeitgebern zeigen sollen, dass man kein neunmalkluger Eierkopp frisch von der Uni ist, so gerade mal zu gar nichts nutze, sondern ein „Young Professional“, das lohnen könnte, es sich mal anzugucken oder eben jemand, den man leicht hinhalten und ausbeuten kann. Die eierlegende Wollmilchsau ist jetzt richtig zornig. Sie hat genug und verdünnisiert sich in’s Ausland.