Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

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Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

Wieviel Berlin steckt in Bernie Sanders?

„Louisiana for Bernie“ – der Tweet fiel mir gestern in der Timeline zu den #USElections sofort auf. Ich habe nur „Bernie“und irgendwas mit „Pizza“ gelesen, Bernie Sanders offenbar, der linksaußen Shootingstar, der es bei den US-Demokraten mit Hillary Clinton aufnehmen will. Der Tweet sah ein bisschen nach Berlin aus: hellblau mit Wölkchen, eine kleine Gestalt, die sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt hat, gezeichnet und mit Schreibschrift, so betont handmade, der absolute Gegenentwurf zu unserer durchtechnisierten Welt. So etwas verbinde ich normalerweise mit alternativen Designermärkten und Upcycling, Orte, wo sich junge, hippe Leute ‚rumtreiben. Ist Sanders so ein Hipsterpolitiker? Der Sohn polnischer Einwanderer bringt ganz schön frischen Wind in die US-Politik: Gegen Studiengebühren, für – vielleicht – die Legalisierung von Hanf und eine Reichensteuer. Das jedenfalls spuckt einem Wikipedia zu Sanders aus.

Andererseits kommen mir Hipster oft eher konservativ vor: freie Drogen, freie Liebe, klar, aber auch sehr konservative Moralvorstellungen. Manchmal sind sie homophob, oft frauenfeindlich und manchmal erschreckend neoliberal, geradezu wirtschaftshörig. Wobei man aber sagen muss – es ist sehr schwer, Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden. Bedeutet Sharing Economy z. B., dass man aus allem, selbst aus dem Privatesten noch ein Business machen muss, wie Harald Staun es nahelegt, der sich als Feuilletonist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem recht aussagekräftigen Titel „Der Terror des Teilens“ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und macht Sharing Economy ehemals stolze Vollzeitberufe, mit denen man noch eine Familie ernähren konnte, zu bloßen Zuverdiensten, wie man es dem Fahrservice Uber nachgesagt hat? – Einen Artikel, der die Lage in Berlin resümiert, kann man u. a. bei der Berliner Zeitung nachlesen – Oder ist die Ökonomie des Teilens am Ende eine Art Selbsthilfe von Leuten, die etwas von der Welt sehen und face-to-face interagieren wollen, die aber wissen, dass sie irgendwie auch Geld verdienen müssen. Den geraden Weg über eine kaufmännische Ausbildung und/oder ein BWL-Studium sind die wenigsten von ihnen gegangen. Was machen kreative Köpfe also? Intelligente Menschen, die niemand praktisch angeleitet hat, denen man aber irgendwie zutraut, dass sie schon wissen, was sie tun?

Aber hm, das führt jetzt alles ziemlich weit von Bernie Sanders weg. Ich habe eigentlich nichts Neoliberales von ihm gehört. Wobei ich zugeben muss, dass ich überhaupt nur hier und da im Internet mal in den US-Wahlkampf ‚reingezappt habe. Dabei stolperte ich u. a. über den Begriff „Bernie Bros“. Vox.com klärt über das Phänomen näher auf: junge, internetaffine Männer, die Bernie Sanders supporten und dafür im Netz schon mal Menschen zu nahe treten, besonders gern Frauen. Das Foto, das den Vox.com-Artikel ziert, löste sofort Antipathien bei mir aus: Der gleiche Typ Lambswoolpulli-tragender, vitaler Jungmannen, der in Berlin regelmäßig die Veranstaltungen verschiedener linker Parteien bevölkert und auch im linken Medienbereich dominiert. Allerdings – kann man wirklich vom Aussehen auf die Anliegen dieser jungen Männer schließen? Annehmen, dass sie sich nicht aufrichtig für die Armen und Schwachen einsetzen, weil sie eben selbst doch gebildeter sind, bessere Beziehungen haben, sich besser durchsetzen können und insgesamt weniger düstere Zukunftsaussichenten haben als andere? Manches, was in Berlin passiert, ist eine Farce und eher eine Pervertierung linker Grundgedanken. Aber das gilt lange nicht für alle, die sich in diesem Bereich engagieren. Auch nicht für alle jungen Männer. Vox.com klärt seine LeserInnen dann auch darüber auf, dass die Lambswoolpulli-Träger auf dem Foto vermutlich noch nie jemanden belästigt haben.

Ich weiß nicht, was ich über den Wahlkampf der us-amerikanischen Demokraten denken soll. Irgendwie hätte ich das nie im Leben gedacht, dass aus dem Mund eines US-Amerikaners mal das Wort „Sozialismus“ kommt, auch wenn es wohl eher wie in Italien gemeint ist, wo „Sozialismus“ „Sozialdemokratie“ meint und nicht so sehr im deutschen Sinne, wo man „Gulag“ darunter versteht. Krass! Und immerhin, wer auch immer in den USA regiert, wird eine Menge Druck auf Europa ausüben …

Allerdings ich hatte gestern auch noch ein anderes Bild in der Timeline: Die „Trump_Campaign“ (wer auch immer sich dahinter verbirgt) twitterte eine zweite Amrika-Phantasie: Ein künstlich-Blonder mit Zahnpasta-Werbung-Lächeln in einem Trupp bis an die Zähne bewaffneter Polizisten – jeder eine schussichere Weste und die Maschinenpistole im Anschlag. Donald Trump, der Kandidat der Republikaner. Aber wer weiß, Rechtspopulismus wird auch in Europa immer hipper. Vielleicht wird ja auch das demnächst „typisch Berlin“ sein: der Rambo, der hart durchgreift, egal, was die linken „Heulsusen“ sagen. Egal, bin erst mal gespannt, wie das in Amerika ausgeht.

Die eierlegende Wollmilchsau rechnet ab

Die eierlegende Wollmilchsau zieht Bilanz: Wer in den Jahren zwischen dem Platzen der Dotcom-Blase* (2000) und der Weltwirtschaftskrise* (2008) mit dem Studium fertig wurde, hatte es schwer, einen Einstieg auf dem Arbeitsmarkt zu finden.

*Mehr Informationen zur Dotcom-Blase und zur Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 finden sich   auf Wikipedia.

Manche schafften den Quereinstieg in’s Lehramt, denn dort herrschte zu dieser Zeit Bewerbermangel. Andere kamen nach vielen unbezahlten Langzeitpraktika, die allerdings auch irgendwie finanziert werden mussten, irgendwo unter. Für wieder andere ging diese Rechnung nicht auf. Wer etwas mehr Startkapital und eine zündende Idee hatte, machte sich selbstständig. Aus manchen jungen Akademikern wurden auf diese Weise erfolgreiche Kleinunternehmer. Andere gingen gnadenlos baden und blieben auf einem Haufen Schulden sitzen. Für viele junge Frauen, die ganz selbstverständlich mit feministischen Ideen aufgewachsen waren, wurde eine Existenz als Hausfrau und Mutter wieder eine Option.

Irgendwie hat sich die Generation der eierlegenden Wollmilchsäue so durchgewurschtelt, allerdings nicht ohne die eigenen Ansprüche drastisch herunterzuschrauben, Ausbeutung hinzunehmen und sich auch selbst kräftig auszubeuten.

Andererseits hatten die eierlegenden Wollmilchsäue als junge Studentinnen und Studenten Möglichkeiten gehabt, von denen vorangegangene Generationen nur hatten träumen können. Studieren und auch noch das, was einem Spaß macht, in’s Ausland gehen, fremde Sprachen und Kulturen kennen lernen….

Dafür war eben der Weg in’s Berufsleben umso dorniger und endete für manche vorschnell in einer Sackgasse. Auf dem üblichen Weg, über Bewerbungen, die zunehmend zu einer Wissenschaft für sich wurden, so ausgeklügelt sollten sie sein, kam fast niemand an einen Job. Da musste man schon Vitamin B haben, Beziehungen.

„Netzwerken“ war die Devise. Man könnte auch ganz schnöde von schleimen und sich wichtigen Leute andienen sprechen. Das nervt die eierlegende Wollmilchsau. Sie fühlt sich solchen Leuten gegenüber unbeholfen und wollte eigentlich auch nicht wildfremden Menschen vorheucheln, sie hätte persönliches Interesse an ihnen, so ganz ohne Hintergedanken. Es ging ja bei diesem „Beziehungen-knüpfen“ eigentlich nur um die Hintergedanken, darum, jemanden zu umschmeicheln, so dass er oder sie einen vielleicht bei der nächsten vakanten Stelle berücksichtigen würde….

 

Kinder statt Kulturarbeit?

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Die eierlegende Wollmilchsau zieht es in die Großstadt, genauer gesagt in die aufstrebende Kunst- und Lifestyle-Metropole Berlin. Hier steppt der Bär. Alles ist so schön bunt und die eierlegende Wollmilchsau kann sich gar nicht entscheiden*. Es scheint so viele Möglichkeiten zu geben. Mit einem Job klappt es trotzdem nicht, obwohl die eierlegende Wollmilchsau jetzt erste Berufserfahrungen hat. Es heißt doch immer, Akademiker hätten das geringste Arbeitslosigkeitsrisiko. Wo sind sie eigentlich alle hin, die ganzen Geisteswissenschaftler?

*Frei nach dem Song „TV-Glotzer (White Punks on Dope)“ von Nina Hagen, Release 1978.

Hm, ja, das Naheliegende: Heiraten, Kinderkriegen – die berühmten Latte-Macchiato-Mütter vom Prenzlauer Berg*. Die eierlegende Wollmilchsau ist ja jetzt auch schon um die 30. Da bietet es sich natürlich an, wenn „er“ einen Job hat, dass „sie“ dann zu Hause bleibt und für die Kinder da ist, also, wenn „sie“ sowieso nur so ‚was Brotloses wie Germanistik oder Archäologie studiert hat….

Natürlich nerven Edel-Muttis, die hochnäsig ihre Bugaboo-Kinderwagen über die Kastanienallee schieben, Cafés kurzerhand zu Indoor-Spielplätzen umfunktionieren und sich hysterisch über das in 30 Jahren zu erwartende, steigende Lungenkrebsrisiko ihrer Sprösslinge auslassen, wenn jemand an der Kreuzung Schönhauser Allee neben ihnen eine Zigarette auf dem Boden austritt. Aber die eierlegende Wollmilchsau hat im neureichen Prenzlauer Berg auch Frauen angetroffen, die eigentlich ganz sympathisch zu sein schienen. Und jede Menge Kinderwagen. Natürlich. Der Prenzlauer Berg hat vermutlich mehr Einwohner unter 15 Jahren als ein beliebiges so genanntes „Entwicklungsland“.

Ja, den Prenzlauer-Berg-Muttis geht es wirtschaftlich gut. Zumindest, so lange die Ehe hält. Aber sie hatten sich das so eigentlich auch nicht ausgesucht. Eigentlich war es ja schon so geplant, einen coolen Job als Lektorin in irgendeinem kleinen Verlag oder vielleicht in der Erwachsenenbildung an Land zu ziehen und dann trotzdem Kinder zu kriegen. Immerhin hatte die Generation der Prenzlauer-Berg-Muttis und der eierlegenden Wollmilchsäue von ihren Müttern seinerzeit gepredigt gekriegt, dass Beruf und Familie selbstverständlich für eine Frau vereinbar seien. Die Mütter der eierlegenden Wollmilchsäue hatten noch irgendeine Berufsausbildung gemacht, dann ein paar Jahre, bis zur Heirat, als Arzthelferin oder Sekretärin gearbeitet, eine lange Babypause eingelegt und wieder angefangen, Teilzeit oder auf Stundenbasis zu arbeiten, als die eierlegenden Wollmilchsäue und ihre Geschwister aus dem Gröbsten heraus waren.

Beruf und Familie wäre also für die Generation der eierlegenden Wollmilchsäue vereinbar gewesen – wenn es mit dem Beruf geklappt hätte….

*Mehr lesen?: Online sind mehrere gute Artikel verfügbar, z. B.:

Art. „Schlank, hübsch, verhasst“ v. Stephan Speicher, in: Süddeutsche Zeitung v. 24. Juni 2011. Leider hat die SZ seit kurzem eine Paywall, obwohl zur Zeit noch eine gewisse Anzahl an Artikeln pro Woche kostenlos online abrufbar sein soll.

Art. „Die verlassenen Macchiato-Mütter“ v. Julia Niemann, in: Tageszeitung v. 16. Juli 2010.

Einfach ein nettes Mädchen

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Nicegirl ist eine von denen, die man einfach mögen muss. Die eierlegende Wollmilchsau kennt sie noch aus dem Studium. Immer gut gelaunt, immer nett zu allen. Nicegirl zwitschert, fragt freundlich, wie es einem geht. Man sehe ja gar nicht gut aus. Kulleräugiges, besorgtes Gesicht. Der Tag ist im Eimer. Eigentlich hatte man sich großartig gefühlt. Bis gerade eben. Haben die langen Kneipennächte vom Wochenende sich einem derartig in’s Gesicht gefressen, dass das irgendwie Anlass zur Sorge bietet? Na, egal.

TEAMWORK MAL ANDERS

Arbeitsgruppe für’s Seminar: Nicegirl kann leider nicht kommen. Da ist eine kranke Oma, die sie besuchen muss. Wird man da herzlos sein? Nein, nein, das verstehen schon alle. Das nächste Mal kann Nicegirl leider auch nicht. Ihr Hamster ist gestorben und sie ist total fertig. Da wird man doch Verständnis haben. Ja, klar. Dann die beste Freundin, die gerade Liebeskummer hat. Sie kann sie doch nicht allein lassen. Die Nachbarin, für die sie babysitten muss. Irgendwie war Nicegirl einfach nicht so gut in die Arbeitsgruppe eingebunden. Es hat fast den Anschein, dass die anderen sie bei der Terminplanung nicht so richtig berücksichtigt haben. Ja, man könnte sogar sagen, dass sie Nicegirl ein bisschen ausgegrenzt haben. So empfindet sie es zumindest. Sie vertraut sich dem Seminarleiter an. Natürlich geht es so nicht. Der Seminarleiter spricht ein Machtwort. Nicegirl wird die Ergebnisse der Arbeitsgruppe im Seminar vortragen. So kann sie sich auch einbringen. Eine faire Lösung. Auch an der Uni sind keine Einzelkämpfer mehr gefragt, die sich in ihrem Elfenbeinturm verschanzen und glauben, ihre soziale Inkompetenz hinter Bücherbergen und dicken Brillengläsern verstecken zu können. Man nimmt sich vor, acht zu geben, auf so zarte Pflänzchen wie Nicegirl.

DIE SCHWACHEN FÖRDERN

Im Seminar grübelt Nicegirl darüber nach, ob sie sich die Fingernägel tatsächlich so lackieren soll, wie sie es in der „Jolie“ gesehen hat, da dringt die Stimme der jungen Doktorandin an ihr Ohr: „Nicegirl! Was denken Sie denn über die Thesen von Gilles Deleuze? Sie haben doch den französischen Poststrukturalismus neulich so wunderbar für Ihre Arbeitsgruppe zusammengefasst.“ Nicegirl hat keinen blassen Schimmer. Sie überlegt, was sie jetzt tun soll. Stille. Die Zeit verstreicht quälend langsam. Dann druckst Nicegirl herum: „Also, ähem, das scheint mir alles nicht so plausibel zu sein, wenn ich näher darüber nachdenke.“ Die junge Doktorandin strahlt. Sie hatte sich fest vorgenommen, dass sie junge Frauen wie Nicegirl für die Wissenschaft begeistern würde. Und siehe da! Es zeigen sich erste Erfolge. Der Seminarleiter flüstert der jungen Doktorandin zu: „Die anderen lassen sie jetzt auch mal kommen. Die haben wirklich an Sozialverhalten dazugelernt.“

EIN NEUER STERN GEHT AUF

Nicegirl übernimmt jetzt fast immer die Präsentation in den Arbeitsgruppen. Immerhin – und das hat sie den anderen auch klargemacht – ist Präsentieren ihre Stärke. Bald hat sie Übung im wissenschaftlichen Vortragen. Wenn sie es macht, dann wirkt es wirklich kompetent. Das spricht sich herum an der Uni. Ein neuer Stern geht auf am akademischen Himmel. Und – das wollen wir doch einmal festhalten! – eine junge Frau, die sich geradezu aufopfert für andere, für ihre Freunde und ihre Familie. Die Frauenbeauftragten aller Fachbereiche drehen schier durch vor Begeisterung. Hatten sie es nicht gesagt? Das ist Feminismus! Echte Frauenpower! Und endlich mal nicht dieser lesbisch wirkende Frauentyp, der sich in Frauencafés und im Studierendenparlament herumtreibt und dort das große Wort schwingt. Eine wie Nicegirl ist einfach gut für’s Image. Da sehen Männer, dass Feministinnen heute keine frustrierten Lilalatzhosenträgerinnen mehr sind.

Schon bald ist Nicegirl Hiwi und für ihren weiteren Werdegang kann sie dann auch wirklich empfohlen werden. Irgendwann hält sie die Bewerbungsunterlagen der eiegerlegenden Wollmilchsau in der Hand. Sie denkt sich: „Na ja, sie hat ja gute Noten. Aber Persönlichkeit ist mir auch ‚was wert. Und die war doch nie sozial. Und einen Praxisbezug hat sie auch nicht. Nein, das kann ich nicht brauchen!“

Jung, gut ausgebildet, am Ende

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Wir befinden uns irgendwo in den 00er-Jahren: Die eierlegende Wollmilchsau pfeift aus dem letzten Loch. Sie fühlt sich alt und verbraucht. Dabei ist sie eigentlich noch jung, Mitte oder Ende 20 vielleicht. Trotzdem – ächz! – sie hat hunderte von Bewerbungen geschrieben und nichts hat geklappt. Dabei hat sie ihr Studium mit Top-Noten abgeschlossen, spricht mehrere Sprachen, hat sich ehrenamtlich engagiert, Berufserfahrung in Praktika gesammelt und war mehrfach im Ausland. „High-Potential“ – das ist der Begriff für junge Absolventen wie die eierlegende Wollmilchsau. Aber irgendetwas sagt der eierlegenden Wollmilchsau, dass sie sich auf Stellen, die für „High-Potentials“ ausgeschrieben sind, lieber nicht bewerben sollte, nur so ein Bauchgefühl oder vielmehr ein Magendrücken.

OHNE PRAXISBEZUG

Denn in jeder Stellenausschreibung wird eigentlich auf’s Neue deutlich, was die eierlegende Wollmilchsau alles nicht kann: Zuerst einmal fehlt ihr als Geisteswissenschaftlerin natürlich der Praxis-, genauer der Wirtschaftsbezug. Dann kann sie doch am Computer nur Word und E-Mails schreiben. Also bitte! Andere wissen, wie man Homepages gestaltet, haben selbstverständlich das gesamte MS-Office-Paket – zack! zack! – drauf und zusätzlich noch ein paar kleine Spezialprogramme. Vielleicht könnte die eierlegende Wollmilchsau ja ein bisschen programmieren lernen. Doch da kennt sie sich nicht aus. Apache – ist das eine Programmiersprache? Oder Python, das klingt lustig! Oder aber besser Buchhaltung und 10-Finger-blind-Tippen? Andere konnten das schon, als sie mit dem Studium angefangen haben. Eigentlich, so macht man der eierlegenden Wollmilchsau klar, hat sie einem potentiellen Arbeitgeber überhaupt nichts anzubieten. Vor allem fehlt aber der Praxisbezug. Die Praktika im Studium waren ja nur ein bisschen Hineinschnuppern in die Arbeitswelt.

DAS PERFEKTE PROFIL

Und natürlich ist es die Persönlichkeit, die den letzten Ausschlag gibt. Die eierlegende Wollmilchsau seufzt. Sie hat keine Persönlichkeit. Also, sie ist irgendwie einfach ein ganz normaler Mensch. Kein markanter Typ, der andere beeindrucken könnte. Na, dann soll sie wenigstens in ihren Bewerbungen klarer herausstellen, was sie am Unternehmen fasziniert und warum sie gerade dort arbeiten möchte. „We want passion!“ heißt es oft in Stellenausschreibungen. „Passion, Leidenschaft“, denkt sich die eierlegende Wollmilchsau. Eigentlich sucht sie nur einen Job. Sie wäre da auch flexibel. Sie weiß gar nicht so genau, was sie machen möchte, irgendetwas mit Kultur und Medien vielleicht? Ein sozialer Bezug wäre auch ganz schön. Und leidenschaftlich gern würde sie wieder in’s Ausland gehen.

Für alles aber ist ihr Profil nicht spezifisch genug. Sie spricht Englisch? Schön. Andere sprechen es wie eine zweite Muttersprache, haben schließlich jahrelang dort gelebt, studiert, gearbeitet, wissenschaftliche Publikationen verfasst und so weiter. Museum? Na, aber dann trotzdem kein Aufbaustudiengang in Museologie? Wie soll man da ein entsprechendes Interesse erkennen? PR-Arbeit? Ja, auch da gibt es spezielle Zusatzausbildungen, leider meist kostenpflichtig, aber dafür qualifizieren sie einen eben wirklich für das, auf was es ankommt. Die eierlegende Wollmilchsau fühlt sich klein und unzulänglich. Hieß es nicht immer, Geisteswissenschaftler seien Generalisten und könnten sich schnell einarbeiten? Schlüsselqualifikationen hatte man ihr vermittelt, Fähigkeiten statt Fertigkeiten.

GENERATION PRAKTIKUM

Die eierlegende Wollmilchsau ist wütend. Da sind Germanisten, die als Kunstkritiker arbeiten, Kunsthistoriker als IT-Gurus und Sprachwissenschaftler als Polit-Experten und alle diese Leute, die selbst eigentlich gar nicht vom Fach sind, wollen ihr jetzt erklären, dass sie fachlich nicht gut genug qualifiziert ist? Wie haben die denn angefangen? Die eierlegende Wollmilchsau fühlt, wie eine unendlich schwere Last ihr auf die Schultern drückt.

Soll sie noch promovieren? Sie hat kein Geld. Sie bräuchte ein Stipendium oder einen Promotionsjob. Außerdem hat sie die Nase voll von der Uni. Es sollte doch jetzt endlich anfangen, das wahre Leben: Ein Job, eigenes Geld, ein Platz in dieser Gesellschaft. Die eierlegende Wollmilchsau ist verzweifelt. Es ist so gar nichts zu machen. Und es gibt doch so viele eierlegende Wollmilchsäue. „Generation Praktikum“ heißt es: Erst einmal ein Jahr, vielleicht auch zwei ohne Bezahlung arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Erfahrungen, die zukünftigen Arbeitgebern zeigen sollen, dass man kein neunmalkluger Eierkopp frisch von der Uni ist, so gerade mal zu gar nichts nutze, sondern ein „Young Professional“, das lohnen könnte, es sich mal anzugucken oder eben jemand, den man leicht hinhalten und ausbeuten kann. Die eierlegende Wollmilchsau ist jetzt richtig zornig. Sie hat genug und verdünnisiert sich in’s Ausland.