Wie konservativ sind Kultur & Medien (V): Frauenpolitik – viel konservativer als frau denkt?

…. Vielleicht hätte ich auf derlei Unverschämtheiten vorbereitet sein sollen, also, besser gesagt, darauf, dass diese Probleme auch in Berlin auftreten würden. Immerhin hatten meine Profs alle gute Beziehungen in die Stadt, mehrere Kommilitonen & Kommilitoninnen waren hier an Museen und Universitäten „untergebracht“ worden, wie es so schön hieß.

Vielleicht hätte mich auch die ältliche Frau nicht wundern sollen – der kurzhaarige, lang ergraute Typ, wie er gern mit einer Regenbogenflagge mahnend auf Demonstrationen und Veranstaltungen auftaucht, die gar nichts mit „Queer“ zu tun haben. Auch bei der taz dominiert dieser Frauentyp auf Veranstaltungen. Die Frau lauerte mir am Halleschen Tor auf und bellte: „Ha! Eine an amerikanischen Comics geschulte Spache! Wie furchtbar!“ Was gemeint war, erschloss sich mir erst auf einer taz-Veranstaltung, als gehöhnt wurde: „Die kann doch überhaupt nicht schreiben!“ als ich vorbeiging. Vielleicht war es ja eine Verwechslung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon jahrelang nicht mehr für Zeitungen geschrieben. Aber ich wurde bei der taz ständig angefeindet.

Das letzte Mal war ich dort bei einer Podiumsdiskussion mit der bekannten Feminismus-Redakteurin Heide Oestreich. Ich hatte mich zu Wort gemeldet, konnte zunächst sprechen, war dann aber abgewimmelt worden. Was die anderen Frauen beizutragen hatten, klang in meinen Ohren ehrlich gesagt nicht eloquent und intellektuell ausgereift genug, als dass an wirklich Panik hätte haben müssen, dass die Frauen auch nur ja nicht zu kurz kommen. Eine Frau grunzte zum Thema Beruf und weibliche Führungskraft: „Ich bin nun einmal Mutter! Das ist nun einmal meine Identität!“ Schön! dachte ich. Spätestens wenn die Kinder in der Pubertät sind, muss man aber den Kollegen nicht mit dem Thema Lätzchen auf den Geist gehen, um zu demonstrieren, dass man/frau/wie auch immer sich fortgepflanzt hat. Es ging irgendwie zu sehr in Richtung Eva Herrmann. Eine andere Frau – ebenfalls älteren Semesters – verwies darauf, dass im Ernstfall ja nun immer die Männer ran müssten und die Frauen sich vornehm zurückhielten. Ich nickte. Etwas voreilig, denn ich bin zwar für die radikale Gleichstellung von Männern und Frauen, aber die Frau führte weiter aus, dass es um den Dienst am Vaterland ginge, beim Bund. Eine jüngere Teilnehmerin  kritisierte, dass nicht auch Männer auf dem Podium seien. Tja, wahrscheinlich hält man dich jetzt für lesbisch! Also, wo mal 45 Minuten kein Mann dabei ist … dachte ich, Wobei dir das sicher recht ist, gibt ja Minderheitenrechte dafür, nur dass eben nicht der Eindruck entstehen soll, du könntest etwa nichts mit Männern anfangen. Nicht, dass das ein Widerspruch für solche Frauen wäre …. Oestreich herself klagte, dass man feministische Frauen ja oft für verrückt hielte. Dem konnte ich innerlich nur zustimmen. Den Eindruck hatte ich bei diesem Differenzfeminismus auch oft. Ganz abgesehen davon ging es ja auch explizit um Essstörungen. Da ich von diesen Frauen mit allen möglichen negativen Eigenschaften belegt worden war – vermutlich hatte man so ziemlich alles ihnen nachgesagt oder sie hatten sich das vielleicht eingebildet, befürchtet, jemand KÖNNTE es sagen … – verspürte ich wenig Lust, mich um Verständnis und Mitgefühl für Frauen zu bemühen, die mich jahrelang verhöhnt und gehänselt hatten und deren größte Sorge offenbar war, ich könnte „zu selbstbewusst“ (vermutlich für meinen sozialen Stand) sein. Eine ale Frau pirschte sich von hinten an mich heran und grapschte nach mir. Als ich mich empört umdrehte, grinste sie maliziös. Beim Rausgehen fixierte mich eine der Alten ungeniert und sagte dann abfällig zu einer anderen: „Und eine gute Rednerin ist die auch nicht!“.

Trigger Nummer, ich weiß nicht wieviel. „Ho ho! DIE kann reden!“ – das hatte keine Feministin gesagt. Es kam aus der Ecke von Horst Bredekamp himself, auf einer Tagung in Magdeburg, die ich kurz nach meinem Studienabschluss besucht hatte. Bildwissenschaft faszinierte mich und ich überlegte, bei Bredekamp zu promovieren, obwohl ich wusste, dass er konservativ ist und seine Studentinnen in den Winterferien zum Skilaufen nach Saint Maurice fahren. Ich wollte keine Genderforschng mehr, sondern einen großen Namen, ein Stipendium und ein intellektuell herausforderndes Kolloquium. Das Lob auf meine rhetorischen Fähigkeiten war keineswegs als Ermunterung und Bestärkung einer zukünftigen Starrednerin gedacht und das begriff ich sehr wohl. Es ging eher in Richtung: „Vielleicht hätte sie besser ihre vorlaute Klappe gehalten!“. Doch ich war bereits Postgraduate mit hart erkämpftem 1,0-Abschluss und 5 Fremdsprachen. Ich hatte keine Lust, wieder die Position der bestärkenden Feedbackgeberin für die vermeintlich „wichtigeren“ Studentinnen einzunehmen. So ein Kolloquium wollte ich nicht.

Bredekamp schien einen ähnlich zweifelnden Eindruck zu haben. Zwar ließ er sich via E-mail meine Magisterarbeit schicken, teilte mir dann aber höflich mit, dass er im Moment keine Kapazitäten für weitere Doktoranden hätte, vielleicht im nächsten Jahr …. Im Unibetrieb ist das eine unmissverständliche Absage, zumindest im kulturwissenschaftlichen Bereich. Ich fand einen Job im Ausland. Wahrscheinlich war es wohl Schicksal, denn ich habe es nie bereut, nicht promoviert zu haben, auch wenn in den Stellenanzeigen im Kulturbereich damals fast überall eine Promotion verlangt wurde. Ich wusste, dass die nicht das Papier wert war, auf dem sie geschrieben war, sofern niemand einen auf die Stelle hievte. Noch mehr Kunst war nicht meins. Ich liebte Kreativität, hatte immer schon Freude an visuellen Spielereien gehabt, aber ich hatte auch andere Interessen. Genau genommen sollte es endlich in den Beruf gehen.

Wahrscheinlich hätte ich trotzdem aufmerken sollen, als in Berlin später eine dieser älteren Frauen, die mir neben den Dicken an den Hacken klebten, verächtlich schnauzte: „Die Magisterarbeit war doch absolut das Letzte! Die hat ihre Note kein Stück verdient! Ü-ber-haupt-nichts hat die fachlich drauf!“. Damals schrieb ich gerade Kunstkritiken. Unter anderem für die taz.

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Wie konservativ sind Kultur & Medien (IV): Polnisch für Anfänger

… Die Blenderei und Aufschneiderei der Leute war schon ein Problem. Mein letzter Schein war eine große Pflichtexkursion nach Tschechien und Polen mit Herrn N., den ich später ebenfalls „zufällig“ in Berlin wiedergetroffen habe. Eigentlich hatte ich auch meine Magisterarbeit bei Herrn N. schreiben wollen (über italienischen Faschismus, promoviert habe ich letztendlich nicht mehr), aber auf der Exkursion wurde schnell klar, dass ich nicht zum „inneren Zirkel“ gehörte, mit dem Herr N. abends essen ging, sondern zum Fußvolk, dass man notgedrungen mit durch die Exkursion schleifen musste. Ich beschloss, dass das keinen Sinn machte. Vielleicht hatte Herr N. insgeheim darauf gehofft, aber das weiß ich nicht.

Eine Frau, die zu den Lieblingen gehörte (die jeder Prof hatte, ich gehörte nirgends dazu, mal war das aber deutlicher zu spüren, mal war es ein ambivalenteres Gefühl, in Frauen- und Genderforschung wurde beispielsweise Wert darauf gelegt, dass ich die In-People moralisch unterstütze. Insofern, also in dieser Rolle war ich durchaus willkommen, aber eben nur in dieser Rolle.), einer der Lieblinge von Herrn N. also plusterte sich während der Exkursion mit ihren Polnischkenntnissen auf, also, sie erwähnte immer wieder, dass sie Polnisch spreche, sprechen hörte man sie es aber nie.

Eines Tages, in Polen, war mit dem Frühstück organisatorisch etwas durcheinandergegangen. Wir irrten durch ein Gebäude. Als wir schließlich jemanden zu fassen bekamen, mussten wir feststellen, dass die Leute weder Englisch noch Deutsch sprachen. Der Liebling hielt sich vornehm zurück. Genauer gesagt: Die Frau blieb stumm. Unserem Professor schien nichts einzufallen. Also ergriff ich die Initiative, obwohl ich gar kein Polnisch spreche (mich aber in einer Sprache verständlich machen kann, die – sagen wir mal – etwas ähnlich ist. Bin halt echt multikulti!): Ich erklärte, dass wir eine Gruppe von der Uni T. seien und man uns gesagt habe, dass wir hier unser Frühstück einnehmen könnten. Wir üssten aber nicht, wo das sei. Zehn Minuten später saßen wir an reich gedeckten Tischen. Ein Dankeschön an meine Person sparte man sich. Vielleicht, so vermutete ich, wollte man dem Liebling, der mit seinen Polnischkenntnissen geprahlt hatte, die Schmach ersparen. Ich legte keinen Wert darauf, mit der Frau zu konkurrieren. Immerhin spreche ich tatsächlich kein Polnisch. Das ließ ich also auf sich beruhen. Irgendwie war aber wohl etwas zu der Herberge, in der wir nächtigten durchgesickert. Der Mann von der Rezeption winkte mir eines Abends, ich solle mal herkommen. Wo der Professor sei, wollte der Mann wissen. „Inder Stadt“ sagte ich „er isst mit den anderen zu Abend.“. Der Rezeptionist sagte, da sei ein dringender Anruf für Herrn N.. Er bedeutete mir, ich könne mit Stift und Papier alles notieren. Genau genommen hielt er mir beides direkt vor die Nase. Schweißnass ergriff ich den Hörer. Nie im Leben würde ich eine längere Konversation auf  Polnisch bestreiten können. Wahrscheinlich würde ich nur jedes fünfte Wort verstehen und es wäre ein Fiasko. Nichts würde ich ausrichten können. Zu meiner Überraschung erklärte mir am Telefon eine freundliche Frauenstimme in fließendem Deutsch, dass sie bestellt worden sei, um ein paar Details mit Herrn N. abzuklären. Ich notierte und versprach erleichtert, alles weiterzuleiten. Den Zettel hinterlegte ich mit freundlichem Gruß an der Rezeption. Der Rezeptionist lächelte.

Mitten in der Nacht, so schien es mir, riss jemand polternd die Tür auf. Gleißendes Licht strömte in das Zimmer, das ich mir mit ein paar Kommilitoninnen teilte. „Ja, sag einmal, was für eine Frechheit!“ schrie eine Frauenstimme hysterisch auf Deutsch, nur um dann schneident fortzufahren: „Man. Hat. Uns. Aus-richten. Lassen …. Die will uns hier verarschen! Laila! Steh auf! Was hast du dir dabei gedacht?!“ Ich fühlte mich an die Gestapo erinnert, auch wenn das vielleicht nicht nett ist, das zu schreiben. In Wirklichkeit war es eine von N.’s Doktorandinnen, eine blonde, schlecht gekleidete Frau, damals vielleicht Ende 30? Jedenfalls promovierten sie und ihr Mann beide bei N.. Beide waren auch auf der Exkursion dabei und gehörten selbstverständlich zur In-Group. Das Paar hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es unter ihrer Würde war, sich mit mir abzugeben. Aber auf eine derartige Aggression war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte geglaubt, einen Gefallen zu tun. Wenn ich ehrlich war, hatte ich sogar ein kleines Lob erwartet. Es hätte nicht gerade überschwänglich sein müssen, ein schlichtes „Danke, dass Sie den Anruf entgegengenommen haben“ hätte gereicht. Und wo war überhaupt das Problem? Ich murmelte, dass ich schließlich nur weitergeleitet hätte, was man mir am Telefon ausgerichtet hatte. Die Tür fiel wieder zu. Ich schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wuselte die Blonde, deren Namen ich vergessen habe, hektisch umher, immer mit abfälligen Blicken auf meine Person. Das, was ich ausgerichtet hatte, konnte offenbar nicht stimmen. Angeblich war alles ganz anders abgesprochen gewesen. „Hör zu. ich hab’s nur ausgerichtet. Ich kann nichts dafür, dass Herr N. nicht da war.“ machte ich dem ganzen einen Punkt. „Außerdem“ fügte ich hinzu „Haben sie sogar extra jemanden organisiert, der Deutsch kann.“ Herr N. hatte nicht viel dazu zu sagen. Noch während des Frühstücks stellte sich heraus, dass ich die richtigen Infos weitergeleitet hatte. Über die Sache wurde weiter kein Wort verloren. Allerdings auch keines der Entschuldigung in meine Richtung …

Wie konservativ sind Kultur & Medien (III): „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt das Gefühl!“

kalte Intelligenz

Also wieder AfD. Ehrlich, ich habe von Kindesbeinen an unter Leuten wie Björn Höcke zu leiden gehabt. Ich hatte sie als Lehrer und habe sie später auch als Hochschullehrer gehabt. Ich könnte Kotzen. Ich erinnere mich an ein Pflichtpropädeutikum, als ich die richtige Antwort gegeben hatte und der Professor – ein lässiger Typ auch er, Typ „Kordsacko mit Flicken an den Ellenbogen“, also kein feingeistiger Ästhet – also, der Professor hielt einen Moment inne: „Das ist richtig.“ sagte er bedächtig, nur um dann hinzuzusetzen: „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt einfach das Gefühl für diese Dinge.“

Nein, danke. ich habe, ehrlich gesagt, nicht viel für die Gefühle dieser Menschen übrig. Auch bei anderen Themen kam man nicht überein. „Das ewige Gerede über Politik! Oh Gott, wie das nervt!“ raunte eine Dozentin aus der Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) auf einer Exkursion hinter meinem Rücken. Später wollten gerade diese Frauen sich das Interesse an linker Politik und auch das entsprechende Know-how auf die Fahnen schreiben. Und nicht nur das.

Der Romance Scammer aus Wetsafrika

Neulich googelte ich eine meiner Rivalinnen von damals, denn ich ahnte so etwas. Die Leute hatten mir mehrfach in Berlin aufgelauert – „zufälligs Zusammentreffen“ würden sie es wahrscheinlich nennen, interessanterweise u. a. in meiner Wohngegend. Ich hatte außerdem vor ein paar Jahren eine E-Mail von einem Kommilitonen aus Westafrika erhalten, der damals am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) promovierte. Der Mann bat mich um einen sehr hohen Geldbetrag (mehrere tausend Euro), da er angeblich in Europa in Schwierigkeiten geraten sei. Ich musste passen. Ich weiß auch nicht, ob wirklich er diese E-Mail verfasst hat. Weshalb er sich ausgerechnet an mich gewandt hat und woher er meine private E-Mail-Adresse hatte (Im Kolloquium hatte ich eine Uni-Adresse gehabt), weiß ich bis heute nicht.

Sorry, kann ich deine Freunde, deine Haarfarbe & am besten auch dein Leben übernehmen?

Jedenfalls habe ich die Leute auf dem Radar. ich weiß, wie erbittert und unfair einige kämpfen und dass sie nicht nur gute Jobs, sondern auch Prestige wollen, auch in Domänen, die eigentlich nicht die ihren sind. Ich fand meine Rivalin. Ja, es war sie. Zufällig hatte sie, die zu Studienzeiten Naturblond, so ein etwas strohiges Mittelblond, gewesen war, auf dem Foto jetzt exakt meine Haarfarbe – dunkelbraun. Und noch witziger: sie, die noch über christliche Ikonographie, irgendwas mit Romanik, wie ich mich vage erinnere, promoviert hatte, arbeitet jetzt in einer Stelle für Selbsthilfeprojekte und Vernetzung von Migrantinnen – soweit ich es übersehen konnte, als einzige Deutsche unter lauter Frauen mit Migrationshintergrund. In der Beschreibung ihrer Person war zu lesen, dass sie sich seit der Schulzeit immer für Frauenthemen und in der antirassistischen Arbeit eingesetzt habe. Was ihre Studienzeit betrifft, ist das schon einmal glatt gelogen (dafür habe ich mich 10 Jahre in einer multikulturellen Initiative engagiert & war auch in einer feministischen Hochschulgruppe aktiv, v. a. letzteres schien man mir später in Berlin nicht mehr abzunehmen. Angeblich, so hieß es, sei ich doch mal rechts gewesen. Daran kann ich selbst mich nicht erinnern. ich wüsste gern, wer es kann ….). Die Frau hatte diffus mit der linken Szene zu tun, wurde auch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert, auch wenn sie später am konservativen Lehrstuhl promovierte, wo sie schon ihren Studienschwerpunkt hatte. Sie hat sich auch neben ihrem Studium engagiert, so ist es nicht, aber für Atheismus. Das kontrastierte hart mit ihrem ausgeprägten Interesse für christliche Ikonographie und soweit ich mich erinnere, hatte es immer auch mit sexueller Befreiung zu tun – sie lebte in einer heterosexuellen Beziehung – „offen“, wie sie sagte. Später war sie mit einem Kunsthistoriker zusammen.

Ich hatte nie gewusst, was ich von der Frau halten sollte. Erst interessierte sie mich – eine der wenigen Linken, die auch Kunstgeschichte studierte. Aber als ich mich das erste Mal mit ihr in einer Kneipe getroffen hatte, kamen später noch ein paar Bekannte von mir, die ich kurz grüßte. „Madeleine“, wie ich sie hier nennen werde, auch wenn sie eigentlich anders heißt, stand abrupt auf und sagte in einem etwas barschen Tonfall: „Warum hast du mich jetzt deinen Freunden nicht vorgestellt?!“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ich kannte sie kaum. Sollte ich nur eine Art Sprungbrett sein, damit sie Leute kennen lernen konnte? Nein, das wollte ich nicht.

Später ging ich zum Studium nach Italien. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber das Land war zunächst sehr fremd für mich. Irgendwann hatte ich mich jedoch eingelebt, beherrschte die Sprache einigermaßen, lernte fleißig – das musste ich auch, denn ich stand unter Druck – und natürlich hatte ich auch ein Studentenleben außerhalb der Uni. Gegen Ende meiner Zeit in Florenz erhielt ich eine E-Mail von „Madeleine“, mit der ich sonst nicht mehr ganz so viel zu tun gehabt hatte, schrieb, dass sie schon ein Zimmer vermittelt bekommen hätte. Aber sie habe gehört, ich hätte Kontakte zur linken Szene geknüpft. Demnächst wolle sie schon mal nach Florenz kommen und da wollte sie fragen, ob sie nicht meine Freunde übernehmen könnte. Ja, sie hat wortwörtlich „übernehmen“ geschrieben, daran erinnere ich mich noch genau. Ich lehnte höflich ab.

Ein paar Monate später traf ich sie überraschenderweise in Deutschland, in der Uni-Bibliothek. Ich fragte sie, warum sie wieder da sei. „Ja, hm, Herr W. hat mir gesagt, dass du eine Hausarbeit auf Italienisch geschrieben hast. Jetzt muss ich das auch machen!“. Ja, ich hatte neben einem italienischen Schein (eine mündliche Prüfung in Architekturgeschichte – etwa 1000 Bauten vom alten Ägypten bis zur Spätgotik waren zu lernen) auch eine Hausarbeit nach den deutschen Vorgaben schreiben müssen, für die ich allerdings einen italienischen Professor hatte finden müssen, der sie mir abnehmen und benoten wollte. Der Professor für Architekturgeschichte erklärte sich einverstanden. Ich hatte allerdings in italienischen Bibliotheken dafür recherchiert. Dass „Madeleine“ für einen Schein die gleiche Leistung erbringen sollte wie ich, fand ich, ehrlich gesagt, nur selbstverständlich. Auch ich hatte Italienisch schließlich als Fremdsprache erst lernen müssen. Was bildeten sich diese Frauen eigentlich ein? Dass es eine Art natürliche Ordnung der Dinge ist, dass sie mit weniger durchkommen? Ich glaube, „Madeleine“ hat die Hausarbeit dann doch nicht geschrieben.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (II): autoritär meets Freigeist: Neo Rauch & die anderen

… In meinem Kopf ist Horst Bredekamp der „Missing Link“ – zu einem MEINER ehemaligen Professoren nämlich. Der Mann ist, glaube ich, mittlerweile ebenfalls Professor an der HU, eine Koryphäe seines Faches, ein guter Hochschullehrer, der lebendig zu vermitteln weiß, aber auch berühmt für – na, sagen wir mal – eine gewisse exklusive Art. Jedenfalls verließ der große, imposante Mann einen Raum, eine Veranstaltung meistens wirkungsvoll, indem er sich davon schlich, im Hinausgehen aber eine Hand neben der Hüfte auf- und zuschnappen ließ, eine Geste, die man vielleicht mit „Ciao, ciao!“ übersetzen könnte. Die gleiche Geste hatte Alice Weidel gemacht, als sie die TV-Sendung bei Marietta Slomka verließ … Der nächste „Trigger“.

Bleiben wir bei der Kunst (und lassen wir für einen Moment mal die Rechtspopulisten außer Acht, ich komme darauf zurück): Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“ der vorigen Woche. Ich hätte mich fast kringelig gelacht, musste aber auch ein paar Mal heftig schlucken: Nun wusste ich, wer Pate gestanden hatte für die Art, wie sich einer meiner Dozenten gab: Ein Typ wie der Schweizer Rechtspopulist Oskar Freisinger, obwohl ich dem Mann, also meinem Dozenten hier keine bestimmte politische Denkweise aufdrängen will – ich sollte der Fairness halber erwähnen, dass er über ein faszinierend breites Fachwissen verfügte, Kunsthistoriker mit Leib & Seele. Auch gab sich der Mann immer viel Mühe, dies an seine Studenten zu vermitteln -: Es ist nur so, äußerlich lässig, wie der Freisinger, fast Alt-68er-mäßig, man tippt also auf Linksintellektueller und dann kommen Äußerungen, wie „Meine Eltern waren eben Nazis und das hat auch mich geprägt.“ Das ist wie mit diesen Kippbildern aus der Psychologie – Man weiß nicht, ist es ein Hase oder eine Ente? Wie hat man das zu sehen? Immerhin wurden bei uns am Fach Späße damit gemacht, dass man den Vlaams Blok nunmal cool fände. Spaß. Klar. Man wollte das auch so verstanden wissen, dass man ziemlich freigeistig drauf sei, tolerante Sinnenmenschen und Geistegrößen, die sich nicht einengen lassen wollen. In der Frauen- und Genderforschung kam das nicht sehr überzeugend rüber. Neo Rauch liefert jedoch eine Erklärung für die Konservativen: Der Mann, eine Art ostdeutscher, in die Jahre gekommener Brad Pitt, ein Mann der komplizierte, schwülstige Sätze baut, mit zig Partizipialkonstruktionen, schon beim Lesen anstrengend, gehört vermutlich kaum verständlich – Drama, Baby! – nicht schwul, obwohl man das denken könnte, sondern ein mann der Frauen, wie der – leider weitaus weniger attraktive und kürzlich verstorbene – Lehrer Arno Rink. Beide begnadete Künstler – zweifeslohne -, aber Rink, der selbst Studenten auffordert, aufzustehen, wenn er den Raum betritt, Rauch, der sagt, dass ihm das keine Probleme bereitet habe, er sei ja seinerzeit direkt von der NVA gekommen und habe daher „Haltung“ zeigen können – Autoritäres Gehabe meets Freigeister, erzkonservativ trifft auf „irgendwie bizarr“, manirierte, überzogene Vergleiche, zum Teil auch eine verzerrte Wahrnehmung, wie es scheint.

Bénédicte Savoy, die das Humboldt-Forum mit Tschernobyl vergleicht und sagt, sie interessiere bei ethnologischer Kunst erst einmal das Blut, das dafür geflossen sei. Ich  meine, Tschernobyl?! Horst Bredekamp, der sich einbildet, man könne auf Biegen und Brechen eine Tradition der Toleranz herbeikonstruieren, indem man Kolonialkunst einfach an exponierter Stelle präsentiert und den Kolonialismus fleißig ignoriert, weil schließlich auch damals nicht jeder Wissenschaftler ein eingefleischter Rassenhasser gewesen sei. Mag ja stimmen. Es klingt aber irgendwie dreist, das als epochenbestimmend und quasi als „preussischen Sonderweg der Toleranz“ auszugeben. Zumal es offenbar durchaus hier und da Rückforderungen der einst eben sehr wohl im Zuge des Kolonialismus erworbenen Objekte gegeben hat. Eigentlich ist das aber nicht mein Problem und ich habe auch keine Lust, mich da einzumischen.

Ich stolperte bloß – wieder einmal – darüber, dass Bredekamp sich in der „Zeit“ darüber begklagte, man werde immer gleich in die Nähe der AfD gerückt, wenn man deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham beruhend verstanden wissen wollte.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (I): Intimes über Alice – Eine Konservative packt im linken „Freitag“ aus

„Linksgrünversifft“? Oder, freundlicher, stimmt es, dass Kultur und Medien total dominiert sind vom linken Establishment? Meine Erfahrung ist da eine andere – hier ein paar Episoden …

Ich weiß nicht, was war es genau? Das Interview mit Neo Rauch in der „Zeit“? Oder vorher noch, die Auslassungen Horst Bredekamps zum Humboldt-Forum, ebenfalls in der „Zeit“? Der beleidigte Abgang von Alice Weidel aus der Fernsehshow? Der Artikel von Anne Dippel über Alice Weidel im „Freitag“ dieser Woche?

Anne Dippel, Historikerin und Kulturanthropologin, schrieb im „Freitag“ sehr persönlich über die AfD-Spitzenkandidatin, eine Freundin, wie es scheint, aus der gemeinsamen Zeit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Hier stolperte ich das erste Mal – Wie kommt es, dass jemand von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im linken „Freitag“ schreibt? Dann kam der Satz, Alice Weidel sei immer stur bei ihrer Meinung geblieben. Die Leute wollten mich doch so gern „triggern“, wie es hieß. Da war der „Trigger“, wenn auch ganz sicher unbeabsichtigt: Genau darüber hatten Leute wie Anne Dippel sich nämlich auch immer bei mir beklagt. Wobei das Ganze als Einbahnstraße gedacht war: Ziel eines jeden Gespräches schien zu sein, dass ich mich von den Ansichten meines Gesprächspartners oder meiner Gesprächspartnerin überzeugen lasse. Nicht umgekehrt, kein Kompromiss, kein neuer Gedankengang am Horizont. Manchmal wurde dann gegen Ende immer wieder rhythmisch und mit zunehmender Lautstärke wieder holt, was mein Gegenüber wollte, das ich als die „richtige“ Erkenntnis annehme.

Feministische Wissenschaftlerinnen hatten mir diese Weigerung, einfach mal zu übernehmen, wenn man mich doch schon mit Nachdruck darauf aufmerksam machte, als unangemessene Arroganz und unverschämte, weil mir nicht zustehende intellektuelle Selbstsicherheit ausgelegt, auch bei der taz. Bei anderen Frauen fanden sie das gut, wollten es ihnen sogar explizit antrainieren.

Ich habe im Laufe meines Lebens viele Diskussionen mit Konservativen geführt. Überzeugt haben mich die Leute selten, aber ich liebte es, wenn argumentativ die Fetzen flogen, mein Gegenüber mich mit plausiblen Gegenargumenten intellektuell auszuhebeln suchte und ich ins Schwitzen kam, um meinen Standpunkt zu verteidigen. Mein Gegenüber schärfte sich die Krallen an mir und ich tat es umgekehrt ebenso. Ohne Spaßbremse, die danach zu wachen trachtete, dass die andere Frau – wenn es eine Frau war – mir gegenüber nicht zu kurz kam. Im Idealfall hatte mein Gegenüber das auch nicht nötig.

Anne Dippel fährt in ihrem Text fort damit, dass Weidel sich immer als Instanz und Expertin in Sachen Wirtschaft geriert hätte. Mit Verlaub, die Frau tritt im Fernsehen selten sympathisch, oft besserwisserisch auf. Manchmal wirkt auch Alice Weidel, als hätte sie keine Argumente und müsste deshalb umso härter und nachdrücklicher sein. Es ist wohl auch ein ungehaltener, zackiger „Zeit ist Geld“-Redestil. Das hatte man jungen Frauen in den Nuller Jahren in Deutschland offensichtlich so beigebracht. Ich arbeitete zu der Zeit im Ausland und hielt bei Telefonaten mit einer Institution in Deutschland immer erst einmal den Hörer ein Stück weit vom Ohr weg, weil das rüde Gekläff zu sehr an meinen Trommelfellen zerrte. Später kam ich darauf, dass es wohl professionell wirken sollte. In dem Land, wo ich arbeitete, ließen es selbst Vertreter von Behörden gern gemütlich angehen und man musste sich oft erst einmal ein paar Stories aus deren Familienleben anhören, bevor es zur Sache gehen konnte. Alles hat also seine Vor- und Nachteile …

Dennoch, tut mir leid und so sehr ich die Weidel auch ablehne, aber die Frau ist promovierte Volkswissenschaftlerin. Ein bisschen mehr Ahnung vom Thema Wirtschaft als eine Kulturanthropologin wird sie wohl schon haben, oder? Die Sache ist die, und das verkennen Leute wie Anne Dippel oft: Man kann trotzdem anderer Meinung sein. Christoph Butterwegge und Yanis Varoufakis zum Beispiel haben mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr Ahnung von Wirtschaft als die Weidel und sehen die Dinge ganz anders. Aber das zu erwähnen, hätte vielleicht bei der Konrad-Adenauer-Stiftung nicht unbedingt Pluspunkte gegeben.

Es ist jedoch dieses Verquicken von persönlicher Animosität – selbst wenn sie verständlich ist – und  der Unterstellung, jemand, der eigentlich erwiesenermaßen kompetent auf einem Gebiet ist, sei es doch nicht und maße sich zu viel an, obwohl man selbst es ist, der oder die keine Ahnung hat, die mich stört. Entweder man greift inhaltlich – argumentativ! – an, oder man sagt etwas in Richtung „Oh Gott, die nervte mich, diese besserwisserische Art!“ (wobei man sich selbst die gleiche Besserwisserei dann nicht leisten kann!).

Weidel kann Wirtschaft. Politik kann sie nicht. Da werden Fakten verdreht oder einfach gleich frei erfunden, es wird kräftig Stimmung gemacht, ohne Konzepte knapp und für den Bürger verständlich vorstellen zu können, auf Entgegnungen geht nicht mehr als ein barsches „Das ist aber so!“ und dann dieses ständige Verarschen, das einem einfach nur auf den Geist geht.

Dazu passt der hysterische Abgang aus der Talkshow mit Marietta Slomka. Auch wenn der mit Sicherheit im Vorfeld so geplant und knallhart kalkuliert war – Es war eben doch das schmollende Blondchen, das mit einem patzigen, tödlich beleidigten „Menno!“ von dannen zieht. Die erwünschte Wirkung, zumindest in den russischen „Alternativ“medien trat dann auch sofort ein: Alice habe gesagt, sie stehe einfach noch „total unter Wasser“. Heul, heul – wer’s glaubt. Die Kommentatoren fanden es jedenfalls überzeugend – gemein sei das gewesen, wie die Alice Weidel da gemobbt worden sei.

Mir geistert gerade der Gedanke durch den Kopf, dass Alice Weidel ja auch eine „Dyke“ ist. Ich könnte jetzt ein paar Zeilen zur Entstehung von Homosexualität schreiben, aber wenn ich schreibe, dass homosexuelle Frauen als Kinder schon nicht so „echte Mädchen“ sind, also nicht der Typ, der schon mit 11 seine ersten Schminkexperimente macht und es gar nicht abwarten kann, Muttis Pumps auszuprobieren, dann behaupten alle Frauen, genau so sei das ja bei ihnen als Kind gewesen, an ihnen sei „ein echter Junge verloren gegangen“ (Hier zitiere ich sogar eine queere Frau aus Berlin, deren Namen ich jetzt aber nicht erwähnen werde). Aber nicht jede burschikose Frau, nicht jeder „eher sportliche, praktische“ Frauentyp ist lesbisch oder hat einen Drive in die Richtung. Man erkennt Lesben nicht an den kurzen Haaren, sonst wäre Weidels Parteikameradin (so sagt man in diesen Kreisen doch wohl?) Frauke Petry ja eine. Die aber inzseniert sich auf Wahlplakaten im Moment ja eher als Supermutti und kämpferische Gebärerin für Deutschland. Darüber hinaus ist Homosexualität nicht monokausal – genetische Faktoren spielen eine Rolle neben frühkindlichen Prägungen. Dass ausgerechnet die niedliche Kleine, die schon optisch so ganz in ihrer Feminität aufzugehen scheint, eine Lesbe ist, ist trotzdem eigentlich eher unwahrscheinlich.

Mag sein, Weidel ist die berühmt-berüchtigte Ausnahme – wie hunderte andere Frauen aus der oberen Berliner Gesellschaft auch. Mir fiel das nur so ein, weil die Frauen das anderen immer „ausreden“ wollen und außerdem so sehr darauf beharren, dass Lesben und Transmänner halt durchsetzungsfähig, stark und einfach absolut die geborenen Anführerinnen seien (immer mit dem Zusatz, dass andere Frauen ihnen diese Rolle auch gefälligst zu überlassen haben – siehe oben!). Ich denke, dass gerade die Frauen- und Genderforscherinnen zickiges Verhalten und Mobben gern als „maskulin“ darstellen und dass diese Frauen von ihrer Umwelt (die sich weder gern mit diversen Intrigen ins Aus drängen noch durch bockiges Geschmolle emotional erpressen lässt) nicht verstanden würden. Ich erinnere mich nur an verschiedene Situationen, in denen mir die Schützlinge dieser Frauen penetrant auf den Hintern stierten, nur um dann juchzend loszulassen: „Oh, die ist so schön schüchtern!“. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass einige DIESER „Dykes“ echte Fashionistas mit Perlenohringen und seidigem Langhaar sind, noch dazu mit Männern zusammen oder jedenfalls überzeugt, diese würden vor ihnen nur so dahinschmelzen (falls sich dann herauskristallisiert, dass die eine oder andere der Männerwelt dann doch zu zickig ist – hat man ja immer schon gesagt, war ja immer schon so: An denen ist ein echter Junge verloren gegangen. „Dyke!“ halt.) Ok.

Anne Dippel beschreibt dann im „Freitag“ aufwendig die „kühle Erotik“ Weidels, mit so viel Dramatik, dass es fast wirkt, als sei sie verliebt in die Frau gewesen. Das Pathos kenne ich irgendwoher und weiß auch, wie es zu nehmen ist, nämlich nur halb so theatral wie es auf den ersten Blick scheint (Anne Dippel, falls du das liest: in anderen Teilen von „Wie konservativ sind Kultur & Medien“ findest Du einige recht unbefangene Beurteilungen MEINER intellektuellen & literarischen Qualitäten. Verzeih also die Offenheit. Man hat sie mir auch immer entgegengebracht. ist halt alles irgendwie Geschmackssache ….). Ich googele den Namen „Anne Dippel“ und richtig – aus dem Stall Horst Bredekamps, Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität Berlin. Der Name taucht noch einmal auf dem islamfeindlichen Blog „fisch&fleisch“ auf, eine Art kleinerer „Achse des Guten“ mit dem Foto einer sehr hellhäutigen Woman of Color und ohne weitere Angaben zur Person. Die Wissenschaftlerin dagegen hat zwar ebenfalls leicht lockiges Haar, ist aber eindeutig Mitteleuropäerin.

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Tierlaute. Oder: „Mein Kopf! Mein Kopf!“ – Schauspielkunst at its best!

Förderung speziell für Akademiker

„Speziell für Akademiker!“ pries man mir die Maßnahme damals im Jobcenter an. Das ist nun schon viele Jahre her. Ich lebte von der sprichwörtlichen Hand im Mund, u. a. auch weil ich als ehemalige Selbstständige eine saftige Steuernachzahlung ins Ausland zu leisten hatte, die den Rest meines sog. „Schonvermögens“ mit einem einzigen gierigen Haps auffraß. Damals war mir noch nicht klar, dass sich die Menschen im großen, bunten Berlin „selbstbestimmt“ definieren. Die meisten waren also eher „gefühlt“ Akademiker oder hatten, wie sie selbst sagten, z. B. eine kaufmännische Ausbildung absolviert – nicht, dass das etwa für Dummies sei. Ich hatte schnell gelernt, meine Zunge im Zaume zu halten, da Menschen sich, wenn ich mein Studium auch nur erwähnte, schnell angegriffen fühlten – als ob ich ihnen unterstellt hätte, etwa weniger intelligent zu sein. Hatte ich nicht. Punkt. Basta.

Ein Mann, der angab, gelegentlich für den „Freitag“ zu schreiben, wurde in der Maßnahme freudig mit „Und an der Uni machen Sie ja auch immer noch mal was!“ begrüßt und sogleich auf einen Außenposten geschickt. Wir andere galten dafür als nicht „reif“ genug. Ein anderer Mann sehnte sich seinerseits nach einem der „Schonjobs“ an der Uni. Wie er es darstellte, sei man dort dem Alltagsstress nicht so ausgesetzt und könne seine intellektuellen Fähigkeiten voll entfalten. Das sagte mir, dass der Mann höchstwahrscheinlich nie eine Uni von innen gesehen hatte. Ansonsten hätte er gewusst, dass es ein Haifischbecken ist, wo sich die Leute – zweifelsohne intelligent und ich hatte auch nicht behauptet, dass er das nicht sei – von einem Zeitvertrag zum nächsten hochmobben und sich glücklich schätzen kann, wer es überhaupt bis zum „PostDoc“, „Juniorprofessor“ oder „Privatdozenten“ schafft.

„Mein Kopf, mein Kopf!“ – die „Gewalttäterin“

Dann war da noch Frau Ranke, wie ich sie hier mal nennen werde. Die zierliche Frau – „wilde Locken und Katzenaugen – das mögen Männer!“, wie eine andere Teilnehmerin der Maßnahme ihr bescheinigte – war damals schon 43, wie sie gleich zu Beginn mit einem tiefen Seufzer sagte. Sie sah aber wie Mitte oder maximal Ende zwanzig aus und hatte ein denkbar tragisches Schicksal – sie litt an einer schweren Epilepsie. Deutlich wurde das, als ich mich – nichtsahnend – einmal leise mit Herrn Mayrhofer – auch er heißt eigentlich anders – unterhielt. Nach etwa zehn Minuten wurde das Gespräch durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Aaahrg! Mein Kopf! Mein Kopf!“ rief Frau Ranke panisch aus. Sofort eilte eine Mitarbeiterin der Maßnahme herbei. „Na ja, Laila wusste ja nicht, dass dieses Gerede bei mir einen schweren Anfall auslösen kann.“ klärte Frau Ranke die Sache freundlich auf. Sie brauchte eben Ruhe und besondere Schonung. Zehn Minuten später plauderte Frau Ranke fröhlich mit Herrn Mayrhofer.

Das bürgerte sich so ein. Es wurde auch zur Gewohnheit, dass Frau Ranke immer ein bisschen später kam. Erst eine halbe Stunde, dann eine, eineinhalb Stunden, manchmal kam sie auch erst gegen Mittag. Immerhin galt es zu vermeiden, durch allzugroße Hektik einen Anfall auszulösen.

Die Mitarbeiterinnen der Maßnahme zeigten sich verständnisvoll. „Immer wenn Frau Ranke kommt, geht irgendwie die Sonne auf!“ äußerte sich eine der Frauen einmal freundlich, als Frau Ranke gerade mit wie üblich ein, zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Bei dem fröhlichen, unkomplizierten Wesen!“

Manchmal vergaß ich mich und fing doch wieder an zu schwatzen. Dann gab Frau Ranke wimmernde Tierlaute von sich und ich verstummte. Vielleicht lag es daran, dass der Eindruck, den man von mir hatte, weitaus weniger positiv war: „Frau Phunk müsste mal ein Anti-Gewalt-Training machen.“ ließ sich eines Tages eine der Maßnahmen-Mitarbeiterinnen durch die geöffnete Tür für alle gut hörbar vernehmen. Ich begriff, dass es im Leben nicht nur auf Pünktlichkeit ankommt.

Sicherlich war es reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später in einem Supermarkt von einer Frau, die hinter mir in der Kassenschlange stand, tätlich angegriffen wurde. Der dicklichen Blonden ging es nicht schnell genug. Leider war mein Vordermann gerade erst dabei, seine Sachen aufs Band zu legen. Doch der Frau hinter mir platzte der Kragen. Solche Leute wollten sich halt von einer wie mir „nichts gefallen lassen“. Empört schlug sie mit Email-Töpfen, die sie offensichtlich kaufen wollte, auf mich ein. Jäh aus meinem Trott gerissen von dem Schmerz, den die auf meinen Rücken einprasselnden Töpfe verursachten, klingelte mir das mit dem „Anti-Gewalt-Training“ in den Ohren. Ich hatte einmal Kampfsport betrieben. Zwar bin ich keine Gurtträgerin, aber das monotone Einüben einfacher Schläge, Tritte und Hebel zahlte sich jetzt aus. Die Frau ließ von mir ab. Noch eine halbe Stunde später in der U-Bahn musste ich mich selbst damit beruhigen, dass Supermärkte zum Glück Kamera überwacht sind. Dass ich mich nur verteidigt hatte, war damit stichhaltig bewiesen.

Schauspieler sind die besseren Sozialarbeiter!

In der Jobcentermaßnahme arbeiteten, anders als man es erwarten sollte, keine Sozialpädagogen. Es war z. B. eine Schauspielerin, die uns ein intensives Einzeltraining bot, dass uns immerhin ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen sollte. In meinem Fall brachten die schlanke, chic gekleidete Frau mittleren Alters und ich einen Teil des Trainings damit zu, dass wir erörterten, dass die Frau genau wie ich unter Plattfüßen litt. Einmal zog sie sogar einen ihrer zierlichen hochhackigen Stiefel aus, um es mir zu beweisen. Sie müsse sogar Einlagen tragen. Ich fragte sie, wie sie es hinkriegte, die Einlagen in ihre engen Absatzschuhe zu zwängen. Das interessierte mich, denn ich selbst sollte damals Einlagen tragen, konnte aber keine dazu passenden Schuhe finden (Ich habe leichte Spreizfüße und einen relativ hohen Fußrist bei eher schmalen Füßen, nur so, falls es jemand genauer wissen will). „Na ja, nicht immer …“ entgegnete die Schauspielerin mit sanfter Stimme und warf ihr langes Blondhaar gekonnt zurück.

Eine der Mitarbeiterinnen der Maßnahme empfahl mir, mich einmal bei „Schuh-Bär“ auf dem Kurfürstendamm nach Schuhen umzusehen. Da kaufe sie auch oft. Zwar kosteten die Schuhe zwei-, dreihundert Euro, aber dafür sei es Qualität, die lange halte. „Und sooo fußgesund!“ wie die Frau hinzufügte. Ich erhielt damals 90 Euro „Aufwandsentschädigung“ für die Maßnahme plus „Arbeitslosengeld II“, da ich immer Freelancerin gewesen war und somit nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet hatte. Also quittierte ich den „Tipp“ mit einem freundlichen Lächeln und beließ es dabei. Vielleicht kam es auch eher darauf an, mich wissen zu lassen, dass die „Ingenieurin“, die sich nun als „Fachkraft“ für die Wiedereingliederung von „Akademikern“ in den Arbeitsmarkt betätigte, sich Schuhe für zwei-, dreihundert Euro leisten konnte. Und ich nicht. Ok.

Die Schauspielerin empfahl mir, Erzieherin zu werden. Das sei gesucht. Damit hatte sie zwar recht, aber als ich das „Ergebnis“ der Maßnahme beim Jobcenter vortrug, wie man mir aufgetragen hatte, reagierte man dort konsterniert. Dazu sei ein eigenes Studium nötig und ich hätte doch wohl schon studiert …

„Seien Sie ehrlich!“ – andere brauchen die Jobs viel nötiger!

Die „Expertin“ für Bewerbungen in der Maßnahme monierte, dass mein Lebenslauf viel zu unübersichtlich sei. „Stellen Sie die Lücken besser heraus! Das ist es, was potentielle Arbeitgeber interessiert!“ erklärte mir die Frau (sic!). „Und seien Sie ehrlich, bis auf das bisschen Freelance im Ausland haben Sie doch gar keine relevanten Berufserfahrungen vorzuweisen. Und überhaupt, das war doch sicher eher ein Praktikum. Das sollten Sie auch ehrlich so schreiben. (…) Ja, ja ich weiß, ‚Journalistin‘ (…)“ Ich bat die Frau, meine Arbeitsverträge aus dem Ausland zu übersetzen, wenn sie sich da so sicher sei. Die Frau sprach offenbar die Sprache gar nicht.

Frau Ranke kam irgendwann nicht mehr. Vielleicht hatte die Maßnahme bei ihr schneller zum Erfolg geführt als bei uns anderen. Ich las Bücher zum Thema Epilepsie. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich ja schon. Tatsächlich können Stress und extreme Lautstärke epileptische Anfälle auslösen. Durch einfach Gespräche ist das aber nicht möglich, auch in richtig schweren Fällen nicht.

Dafür lag man mir, auch als die Maßnahme für mich schon lange zurücklag, damit in den Ohren, dass auch die Schauspieler prekär lebten und immer auf Jobsuche seien. Und überhaupt, dieses Künstlerisch-Kreative ginge mir doch vollständig ab. Zu den empfindsamen Künstlerseelen hätte ich ja nun so gar keinen Draht und keinerlei tiefergehendes Verständnis. Mag sein. Es klingt nur so, als würden diese Leute für solche Maßnahmen beim Jobcenter arbeiten, um eine Gelegenheit zu haben, mögliche Konkurrenz rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Immerhin trauen sich diese Theaterleute (wie viele andere) selbst alles zu, was irgendwie mit Kunst, Kultur und Schreiben zu tun hat. Genau in dem Bereich hatte ich ein Studium absolviert und erste Berufserfahrungen gesammelt.

Damals standen übrigens auch eine Menge SozialpädagogInnen arbeitslos auf der Straße. Man fragt sich schon, warum das Jobcenter die eigentlich nicht eingestellt hat.