Die Rassismuskeule. Heute: Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, die Rassistin. Also, jetzt haben wir mal wieder so einen Aufreger der Woche. Ein gewisser Thomas Seibert sagt im taz-Interview: „Rassismus liegt dort vor, wo Menschen nach entsprechenden Merkmalen selektiert werden: in solche, die hierhergehören, und solche, die hier nur geduldet sind und bald wieder wegsollen. Das denkt sie wirklich.“ (Interview mit Stefan Reinecke, in: die Tageszeitung vom 15. Oktober 2017). Deshalb, so Seibert, sei die Wagenknecht auch eine Rassistin, denn die Politikerin der Linkspartei hatte mehrfach Kritik an der Flüchtlingspolitik Angelas Merkels geübt.

Sorry Leute, aber ich lese so etwas vor dem Hintergrund der Minderheitenhysterie, die als Dogma in die Welt getragen hatte: Homosexuelle, erst recht Transsexuelle sind links. Egal, was die sagen und auch wenn die AfD wählen. Basta. „People of Color“ sind erst recht links und man sieht auch besser zu, dass man sich nicht deren Unmut zuzieht, denn ansonsten – wie gesagt: ist das dann halt rassistisch. „People of Color“ sind nicht nur Schwarze, nicht nur Menschen, die definitiv so aussähen, als lägen ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern auch Spanier. Schlimmer noch: auch Polen. Sogar Deutsche, die sich eben so fühlen, dürfen sich damit identifizieren. Zur Not werden die flachsblonden Haare halt so lange coloriert bis ein Farbton erreicht ist, der mindestens so dunkelbraun ist wie mein Haar. Das dürfte mir dann ja das Maul stopfen. Aha. So, so. Einmal wieder.

In den letzten Jahren haben die Leute mir so ziemlich alles, was sich irgendwie verdrehen ließ, als „rechts“ gedeutet. Ich soll sogar Sachen gesagt haben, die ich gar nicht gesagt (und auch nicht gedacht) habe, sondern jemand anders. Aber die Leute wollten demonstrieren, dass sie diesen oder diese „jemand anders“ eben mögen. Vielleicht Götz Kubitschek? Neulich las ich in der Zeitung (ich weiß nicht mehr wo), wie ein engagierter linker Journalist ernsthaft darüber philosophierte, wie den jemand mit dem polnischen Nachnamen „Kubitschek“ rechts sein könne. Kubitschek-Frau Ellen Kositza heißt ja immerhin in Wirklichkeit Ellen Schenke. Aber muss man das hier jetzt auch so sehen, dass die sich halt so damit identifizieren, mit dem „Ausländischen“?

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Leute, dass eine wie Alice Weidel mit ihrem „progressiven Lebensstil“ (sogar eine dunkelhäutige Partnerin ha sie ja) in der AfD sein könne. Egal, wie agressiv die Weidel auf Youtube gegen Flüchtlinge hetzte – man ließ keine Gelegenheit aus, um mit einer bunten Homestory an die bundesdeutsche Öffentlichkeit durchsickern zu lassen: Die Weidel ist auch mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie befreundet. Die Weidel ist eine liebevolle Mutter zweier süßer Jungs, die mit zwei Müttern großwerden. Die Weidel geht in der Schweiz in den Kreisen linker Künstler und Journalisten ein- und aus. Ok.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle mal darüber aufklären, was Rassismus ist. Es ist nicht das, was Thomas Seibert dafür verkauft. Seibert meint eine flüchtlings- und zuwanderungsfeindliche Politik. Da kann man ja seiner Meinung sein, dass man so etwas moralisch nicht gut findet, aber Rassismus ist es nicht. Rassismus ist, wenn man Menschen ausgrenzt und/oder ihnen Eigenschaften zuschreibt, die man als „minderwertig“ erachtet, aufgrund äußerer, physiognomischer Merkmale, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Also z. B. wenn jemand behauptet, Schwarze (oder auch Türken) seien nicht so intelligent. Das ist sozusagen die volle Ladung. Wenn ein Iraner sagt, Türken seien nicht so intelligent, ist das auch eine Variante von Rassismus, die zwar nicht in erster Linie auf den physiognomischen Unterschied abhebt, aber voraussetzt, Türken seien eine „fremde Rasse“ und hätten deshalb angeborene, andere Eigenschaften. Deshalb muss auch die mittlerweile salonfähige Form des latenten Rassismus, der darauf hinauswill, dass die Hautfarbe anderer Menschen, ihre physiognomischen Eigenschaften, zentral für ihre Identität seien und deshalb hervorgehoben werden müssten, Rassismus.

Ehrlich gesagt: Ich habe mir bei der Wagenknecht nie irgendwelche Fragen gestellt. Für mich war es einfach eine eher umstrittene ostdeutsche Politikerin. Ich dachte, bei der sei das mehr oder weniger so wie bei uns. Colorful Genes. Ausändische Wurzeln, aber eben Deutsche. Die Info, dass der Vater nun aus dem Iran stammt, ist ja eher jüngeren Datums. Trotzdem: der eher südländische Typ ist halt die Wagenknecht – nicht die strohblonden Queerfeministinnen, nicht meine flachsblonden ehemaligen Mitschülerinnen (obwohl, wer weiß, vielleicht haben denen die Eltern schon als 9jährige die Haare blondiert und die Haut gebleached), nicht die jetzt dunkel gefärbten Kunst- und Kultwissenschaftlerinnen, Literatinnen, Philologinnen, wer auch immer.

Wagenknecht selbst hat die Rassismuskeule übrigens zu keinem Zeitpunkt gezogen (anders als viele andere, wie man leider sagen muss!). Sie darf kritisiert werden und ich muss gestehen, dass ich auch nicht alles gut finde, was sie sagt. Aber ich finde das mit dem „Sie darf kritisiert werden“ gut. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Man ist deshalb kein „Fascho“. Man wird deshalb nicht von aufgeklärten Deutschen gemieden, weil die sich nicht mit vermeintlich „braunem Dreck“ gemein machen wollen. Aber mit der Weidel, mit der haben sie sich durch die Hintertür gemein gemacht. Bleibt abzuwarten, bis es eine Homestory über das „polnische“ Pärchen Kubitschek/Kositza gibt und dass man die auch mal ernst nehmen müsse – haben ja sicher die eine oder andere gescheckte Ziege auf dem Hof. Immer schön bunt! So schlimm kann’s also bei denen nicht sein. Einstweilen wird die Wagenknecht dagegen die „Rassistin“ bleiben. Cheers!

… sagt Laila Phunk, die um ein Haar wirklich „Laila“ genannt worden wäre. Allerdings sollte es ausdrücklich die finnische Variante sein …

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Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

Migration & Multikulti – Hat der Nationalstaat ausgedient? Ad Michael Wolffsohn

Der Nationalstaat sei nur eine Fiktion – sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Mann hat recht. Und eigentlich dürfte ein solches Statement auch kaum für Aufruhr sorgen, denn für sich genommen ist es doch ein Gemeinplatz oder zumindest eine allgemein akzeptierte Idee. Oder täusche ich mich da?

Multikulti im „Reich“ & Herrscher in weiter Ferne

In jedem Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass es Deutschland erst seit 1871 gibt. Das Gebilde, das zuvor an seiner Stelle jahrhundertelang politisch wirksam war, war ein Konglomerat recht unterschiedlicher regionaler Fürstentümer – das „Heilige Römische Reich“, ab der frühen Neuzeit mit dem Zusatz „deutscher Nation“, dominiert mal von Franken, mal von Staufern, mal von Welfen, später dann von Preussen, das seinen härtesten Gegner südöstlich, in „Habsburg“ bzw. Österreich-Ungarn fand, wo man ebenfalls in weiten Teilen Deutsch sprach. „Im Reich“, wie Historiker im Allgemeinen abkürzen, wurde auch Niederländisch, Friesisch, Dänisch, Jiddisch, Romanes, Sorbisch, Wendisch und Polnisch gesprochen. Der „Österreicher“ parlierte neben Deutsch – also z. B. Wienerisch oder das eher dem Schweizerdeutschen ähnelnde Tirolerisch – auch Ungarisch (politisch bedeutsam, in Budapest hatte man etwas zu sagen!), Tschechisch (das geistige Zentrum Habsburgs oder eben Österreich-Ungarns war lange Zeit Prag!), Slowakisch, Ruthenisch, Ukrainisch, Polnisch, Jiddisch, Slowenisch, Kroatisch, Rumänisch, Italienisch, Ladinisch, Russisch, Romanes und Griechisch – oft sogar zugleich bzw. nebeneinander her – Mehrsprachigkeit war damals (in Österreich(-Ungarn) noch länger als in Deutschland) auch für das „einfache Volk“ in Reichweite, denn es mussten keine aufwendigen Sprachdiplome abgelegt werden, niemand interessierte sich dafür, wie gut man Hochliteratur in einer Fremdsprache verstand, man musste nicht einmal zwingend lesen können – Zuhören reichte. Kirchenmänner und Wissenschaftler verständigten sich auf Latein, für den Adel galt es lange Zeit als chic, Französisch zu lernen.

Jemand aus dem Großherzogtum Oldenburg etwa, das im Nordwesten des heutigen Deutschland gelegen ist, kam sprachlich mit Seeleuten aus den nahe gelegenen Niederlanden oder aus England gut zurecht – Bayern dagegen war fremd, „Ausland“, nicht nur in linguistischer Hinsicht, auch kulturell. Der Lothringer war zwar „Deutscher“, weil er Deutsch oder besser gesagt „Moselfränkisch“ sprach und fleißig Sauerkraut aß – ein echter „Kraut“ also! – er lebte jedoch längere Zeit in Frankreich und es war kein Problem für ihn.

Die Leute hatten keinen Internetzugang und es war nicht möglich, schnell mal den Flieger irgendwohin zu nehmen. Dennoch war man durchaus mobil: Handwerker gingen z. B. auf die Walz. Man fürchtete sich nicht, in die Fremde hinauszugehen – „Heimat“ war jedoch die Region, aus der man stammte.

Die Idee des Nationalstaates oder: Wer ist eigentlich „das Volk“?

Im 19. Jahrhundert, als Multikulti-Großreiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich – Der „kranke Mann am Bosporus“, wie man in Westeuropa höhnte – ins Wanken gerieten und Preussen sich eine nunmehr unangefochtene Vormachtstellung im „Reich“ erkämpft hatte, kam die Idee des Nationalstaates auf. „Nationalität“ war damals, noch bevor Rassetheorien die Oberhand gewannen, an Sprache gebunden und machte sich, anders als heute, nicht in erster Linie an ethnischer Zugehörigkeit fest, die ja – nebenbei bemerkt – ohnehin schwammig definiert ist: Neben ein paar physiognomischen Besonderheiten: jemand, der dunkle Haare und Augen hat, wird wohl kein Däne oder Friese sein, jedenfalls nicht „von Natur aus“, aber da es sowohl in (Nord-)Deutschland als auch in Polen und Skandinavien viele hellhäutige Menschen gibt, muss dann eben doch wieder die (Mutter-)sprache herhalten oder „Abstammung“, sofern man zurückverfolgen kann, wo der eigene Urururgroßvater herkam und in welchem Idiom er einst seine ersten Worte brabbelte.

Ist Sprache Identität?

Jedenfalls wäre heute ein Türke, der in Deutschland geboren ist und nur gebrochen Türkisch spricht, nichtsdestoweniger in erster Linie Türke. Damals, im 19. Jahrhundert, ging man davon aus, dass Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, auch eine gemeinsame Kultur haben, dass sie irgendwie zusammengehören, also „ein Volk“ sind. Heute tritt der physiognomische Aspekt, der sich nach dem Holocaust, der eine Einteilung von Menschen nach „Rasse“ und „Abstammung“ für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderst – glücklicherweise! – diskreditiert hatte, wieder stärker hervor. Dennoch spielt auch Sprache nach wie vor eine Rolle. Jemand, bei dem wir beim Sprechen muttersprachliche Deutschkenntnisse heraushören, nehmen wir als „gleich“ wahr, auch wenn er (oder sie) dunkelhäutig und damit „exotisch“, also „anders“ aussieht, in dem Sinne, dass wir voraussetzen, dass er oder sie – wie wir – auch „hier“ (in Deutschland) aufgewachsen ist und somit viele Gemeinsamkeiten mit uns hat, viele Erfahrungen teilt – vermutlich hat man doch als Teenie die gleiche Musik gehört und die gleichen Soaps geguckt, man hat über die gleichen Stars und Lehrer gelästert, sich in der Schule durch die Werke von Schiller und Goethe gequält, in Englisch Schwierigkeiten mit dem „th“ gehabt und man weiß, was unter „Aldi“, „Autobahn“ und „Biotonne“ zu verstehen ist. Wenn jemand zwar (ethnisch-)deutscher Abstammung ist, aber im Ausland aufgewachsen, ist das nicht so ohne Weiteres der Fall …

Nation Building oder: Was braucht es, um einen Staat zusammenzuhalten?

Im 19. Jahrhundert, sogar noch nach dem Ersten Weltkrieg war der Gedanke „ein Volk, ein Land“ noch revolutionär, galt als links, emanzipatorisch, denn es ging darum, sich nicht mehr von irgendeiner fremden Macht in Wien, Istanbul oder anderswo dominieren lassen zu müssen. Das „Volk“ sollte bestimmen, seine Kultur, seine Bedürfnisse, seine Art zu leben sollten richtungsweisend sein für die Politik und für die Geschicke eines Landes und nicht mehr die Interessen irgendwelcher fernen Fürsten. Die Idee des Nationalstaates hängt also mit der – wenn auch damals noch in weiter Ferne am Hoizont stehenden idee der Demokratie zusammen, obwohl, wie wir wissen, Demokratie auch ohne ethnische „Reinheit“ oder auch nur eine gemeinsame Sprache geht – etwa in der Schweiz oder in Belgien.

Irgendwie aber muss ein Staat zusammengehalten werden: Entweder autoritär, eben durch jemanden an der Spitze, der den Daumen drauf hat oder – in der Demokratie – durch ein „Wir-Gefühl“. Joseph Joffe hat darüber in der „Zeit“ geschrieben, man kann es auch „nation building“ nennen, jedenfalls das Gefühl, irgendetwas verbindet uns alle, deshalb macht es Sinn, dass wir in einer Einheit, eben in einem Staat zusammenleben. „Verfassungpatriotismus“ ist dazu, zu wenig, denn auf Demokratie und Menschenrechte setzen auch andere Staaten – zum Glück!

So schnell lässt sich der Mensch nicht in eine Schublade stecken …

Michael Wolffsohn hat allerdings recht, wenn er darauf aufmerksam macht, dass sich die Identität eines Menschen (die er mit „Heimat“ umschreibt) aus vielen Schichten zusammensetzt. Wieder – zum Glück! Zwar tendieren die derzeitigen Identitätsdiskurse immer stärker dazu, Menschen auf holzschnittartige Kontrukte – Deutscher, Araber, Muslim, Christ, Jude, Queer, Frau, Mutter, Mann, … – zu reduzieren, aber absolut gesetzt würde das zu einer Homogenisierung führen, die gefährlich ist: Nur noch Deutscher, alles andere tritt dahinter zurück! Nein danke! Das hatten wir doch schon einmal. Und wie armselig ist eine gleichgeschaltete Masse, die sich allein über ein behelfsmäßiges Konstrukt – die Kultur, die Geschichte oder auch der Körpertyp, der Lifestyle, usw. – definiert …

Wir sind also immer auch der Ovid-Leser, der Heavy-Metal-Fan, der Schüchterne, die Extravertierte, die Akademikerin, die Krankenschwester, die Soap-Guckerin, der gerne-Koch und früh-zu-Bett-Geher, der oder die AfD-, Merkel-, Linkspartei- oder Nicht-WählerIn und so weiter. Klar. Ein Zuviel an Atomisierung hilft aber auch niemandem, denn damit lässt sich kein Staat machen.

In zwei Ländern zu Hause: Putins & Erdogans Leute in Deutschland

Binationalität ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Diskriminierung – Xenophobie oder Antisemitismus – aber auch die Erfahrung von Vertreibung und Diaspora machten sie im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Notwendigkeit. Ein Jude ist Deutscher, Franzose oder Amerikaner, aber da ist immer auch die zweite Heimat Israel im Hinterkopf, das einzige Land der Welt, in dem es völlig normal – Mehrheitsgesellschaft! – ist, Jude zu sein. In abgeschwächter Form gilt das auch für den Deutschtürken, der in Deutschland eben oftmals „der Türke“ ist. Kann man es ihm (oder ihr) da verdenken, auch oder sogar in erster Linie die Türkei als seine (oder ihre) Heimat zu betrachten? Sogar dann, wenn er (oder sie) dort aber nur „Almanci“ – Deutscher – ist? Was ist – muss man leider auch fragen -, wenn es da eines Tages ein Problem mit der Loyalität gibt? Zu viele Erdogan-Fans, die für die Todesstrafe stimmen? Vielleicht sogar eines Tages eine anti-demokratische „5. Kolonne“ eines totalitären Herrschers in Deutschland? Das Gleiche könnte man auch über Russlanddeutsche sagen, die sich Putin eher verbunden fühlen als der Bundesrepublik. Aber hat man so etwas wie „5. Kolonne“, „Handlager“ oder „Agenten“ von irgendwas nicht auch an anderer Stelle schon erwähnt, im Bezug auf Juden zum Beispiel? Ist das vergleichbar?

Die besseren Vermittler: Binationalität als Stärke

Binationalität kann eine Stärke sein. In der Psychologie hat man festgestellt, dass Menschen aus binationalen Familien, Menschen, die damit aufgewachsen sind, zwischen den Stühlen zu sitzen, „weder Fisch noch Fleisch“ zu sein, sich leichter damit tun, die Standpunkte und Erfahrungswelten anderer Menschen nachzuvollziehen und deshalb besonders gut vermitteln können. Dies gilt übrigens nicht für den Türken oder Russlanddeutschen, der sich vor allem mit seinem Herkunftsland (oder dem seiner Eltern) identifiziert, also eben ein Türke oder Russe ist, der (oder die) halt zufällig in Deutschland lebt, in der Diaspora, und es gilt auch nicht für den (oder die) voll assimilierten Migranten, der oder die also Deutsche(r) ist, zufällig eben mit ausländischen Wurzeln.

Der Nomade des 21. Jahrhunderts: Nationalismus im Gepäck

Es erscheint zeitgemäß, dieses Potenzial der Binationalität, des „sowohl als auch“ zu stärken. Eigentlich wäre es sogar dumm, das nicht zu tun, aber es liegt auch eine Gefahr darin. Das Problem dabei ist der Typus des ultraflexiblen, nomadischen Menschen, wie er vor allem in den Nuller-Jahren als Ideal der Globalisierung hochgehalten wurde – im besten Falle sehr gut ausgebildet – IT-Experte, Wissenschaftler, Top-Manager, literarische Größe und/oder kreativer Kopf – zieht er immer zur nächsten saftigen oder noch saftigeren Weide, nachdem zuvor alles abgegrast worden ist. Seine Kultur, seine Heimat und damit seine Identität trägt der Nomade des 21. Jahrhunderts komprimiert als eine Art Schneckenhaus auf dem Rücken und hat sie so immer bei sich.

Es ist klar, dass es hierbei nicht um Vertreibung, um die Flucht vor Kriegen und Gewalt, um politische Verfolgung oder Armutsmigration geht, sondern darum, das Optimum für sich herauszuholen. Der Nomade des 21. Jahrhunderts will das Beste für sich: Das beste Gehalt, die besten Konditionen, ein optimales und optimiertes Leben. Er hat kein Interesse daran, sich irgendwo zu integrieren und die Probleme der Gesellschaften, in denen er lebt, sind für ihn (oder sie) nicht von Belang. Er (oder sie) ist ja überall immer nur vorübergehend. Wichtig ist für den Nomaden des 21. Jahrhunderts nur, dass er überall einen Freiraum findet, seine Kultur leben zu können – oder, in der Fremde das komprimierte, quasi auf die Essenz reduzierte, damit aber auch radikalisierte und verkitschte Erinnerungsbild seiner Kultur – : Man sollte mit Englisch durchkommen, die Burka tragen können und überall Zutaten vorfinden, um z. B. asiatisches Essen zubereiten zu können.

Die Globalisierung: Verdrängung der Schwächeren durch Migration?

Nun stört sich niemand an einem Asia-Shop – ganz im Gegenteil! -, deutsche Kinder lernen schon im eigenen Interesse Englisch in der Schule und die meisten Deutschen können irgendwie damit leben, wenn eine Frau im Niqab durch die heimische Fußgängerzone schlendert. Kultur, die Konfrontation mit fremden Sitten und Gebräuchen, ist also nicht das eigentliche Problem. Das was aufstößt, ist das Gefühl, abgehängt zu werden, nicht mehr mithalten zu können mit den sehr gut ausgebildeten Ivy-League-Absolventen aller Herren Länder, für die Geld keine Rolle spielt und die überall einmal „Erfahrungen“ machen wollen, es ist die – nicht ganz aus der Luft gegriffene – Angst, die Globalisierung könnte in eine Art Sozialdarwinismus ausarten.

Beispiel Jugoslawien: Wenn aus Gemeinsamkeiten Unterschiede werden

Allerdings – und das hat die Geschichte gezeigt – werden die Brüche einer Gesellschaft zuerst an vermeintlich unüberwindlichen kulturellen Unterschieden sichtbar. Im ehemaligen Jugoslawien war einst die gemeinsame Kultur und Sprache, das was alle „Jugo-“ also „Südslawen“ miteinander verband, gegen Osmanen und Habsburger ins Feld geführt worden, denn das „südslawische“ Volk sollte einen eigenen Staat, eine Heimat, eine Nation haben. In den 1990er Jahren schließlich waren aus den vormaligen Gemeinsamkeiten unterdessen nicht mehr hinnehmbare Differenzen geworden, die das Zusammenleben nunmehr als unmöglich erscheinen ließen – Man erinnerte sich daran, dass man eigentlich über viele Jahrhunderte keine gemeinsame Geschichte gehabt hatte – einige Landesteile hatten ja zu Österreich-Ungarn gehört, andere zum Osmanischen Reich -, Menschen, die bis dato nur auf dem Papier eine Religionszugehörigkeit gehabt hatten, hielten plötzlich die Religion als etwas hoch, das sie klar und deutlich voneinander unterschied. Ein blutiger Krieg war die Folge. Jugoslawien zerfiel.

Multikulti oder Nationalstaat – ist das wirklich die Frage?

Auf heute und Deutschland übertragen bedeutet das, dass die Frage nicht ist, ob unsere Gesellschaft „bunter“ werden muss, wenn wir noch zeitgemäß sein wollen, oder ob uns ein Verlust unserer kulturellen Identität droht, den es um jeden Preis abzuwehren gilt, ob und wie viele Kreuze, Halbmonde, Davidsterne, Regenbogen oder andere sekuläre Symbole in den Himmel unserer Städte ragen sollen, ob man Grenzen rigoros dicht machen muss oder ganz im Gegenteil Anreize für Migration schaffen und massig Werbung dafür machen sollte, ob wir nur den Ingenieur hereinlassen sollten – weil wir den wirklich brauchen – oder auch den Künstler, vielleicht sogar den Drogendealer und den Terroristen.

Fazit: Sowohl-als-auch statt entweder-oder

Jedes Entweder-Oder führt uns nur in eine Sackgasse. Deshalb kann es nur um ein Sowohl-als-Auch gehen, um eine Balance, ein soziales Gleichgewicht, das unsere Gesellschaft wiederfinden muss. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, Steuergelder für Kindergartenplätze und sprachliche Frühförderung – für alle Kinder! – auszugeben, als dafür, Künstler, Theatermacher und Literaten aus aller Welt anzulocken. Die wiederum dürfen aber durchaus auch kommen (wie unangenehm wäre es, anderen das Entdecken der eigenen Kultur zu verweigern, wo man doch selbst so gern reist!), nur können sie eben als „Internationals“ nicht den Vorzug erhalten. Jemand, der vor einem Krieg oder vor politischer Verfolgung flieht, hat ein Anrecht auf Asyl, auch wenn er oder sie ökonomisch nicht „nützlich“ für unser Land ist (und andererseits auch dann, wenn er oder sie ziemlich wohlhabend, also materiell keineswegs bedürftig ist) – Das muss man trennen, das sind zwei Paar Stiefel! Die Kinder irgendwelcher Dritt-Welt-Diktatoren und -Kleptokraten, die sich ins Berliner Nightlife stürzen wollen, allerdings als „Armutsflüchtlinge“ auszugeben, ist mehr als frech und man muss sich nicht wundern, wenn das dann Aggressionen provoziert. Dafür macht z. B. der Klimawandel das Leben in Afrika tatsächlich schwerer – auch für Menschen, die nicht am Hungertuch nagen und auch keine politischen Gründe haben, ihr Land zu verlassen. Die Digitalisierung braucht Rohstoffe, die wiederum sind am ehesten und am billigsten da zu haben, wo Menschenleben wenig zählen und „Recht“ sich notfalls auch mit der Kalaschnikow durchsetzen lässt. Gerechtigkeit zu fordern ist keine Unverschämtheit, sondern unbestritten ein gutes Recht, nur kann ein deutscher Hartz-IV-Empfänger nichts dafür, dass ein Zahnarzt in Pakistan einen geringeren Lebensstandart hat als einer in Deutschland. Ein „Armutssoli“ für Afrika, wie er hier und da vorgeschlagen wurde, würde bedeuten, dass dem Wohlstandswachstum hierzulande gewisse Grenzen gesetzt werden müssten. Am oberen Ende der Gesellschaft wäre das sicherlich zu verschmerzen, aber ist es auch durchsetzbar? Inwieweit? Oder wollen wir uns weiterhin mit müßigen „Diversity“-Debatten darüber hinwegtäuschen, dass wir überfragt sind?

Summa summarum geht es gar nicht so sehr darum, wie viel Fremdheit und kulturelle Vielfalt unsere Gesellschaft aushält. Die eigentliche Frage ist: Gibt es noch etwas, was uns zusammenhält? Und was könnte das sein?

Das A-Wort. Oder: Die Hilflosigkeit des neuen Deutschlands

Antisemitismus! Was ist eigentlich antisemitisch? Nur richtig brutale Holocaustleugnerei? Israelkritik? Israel am liebsten von der Landkarte gefegt haben wollen? „Du Jude!“-sagen? Wenn man „Breitbart“ doof findet? Und wenn es Juden gibt, die das aber genauso sehen wie man selbst?

Deutschland hat ein Problem – den Holocaust. Na ja, ist natürlich wirklich ein furchtbares Kapitel der deutschen Geschichte – den schlimmsten Genozid auf Erden begangen zu haben … Manche Leute wünschen sich insgeheim oder ganz offen, mit der herzlichen Aufnahme der Flüchtlinge aus Syrien solle der Holocaust jetzt endlich abgegolten sein. Andere – fast immer vom rechten Rand – jammern, dass es mit dem elenden „Schuldkult“ doch endlich einmal ein Ende haben müsse. Wieder andere identifizieren sich mit dem Judentum und Israel und zücken das A-Wort als Waffe gegen die lieben Landsleute. Wenn’s ganz hart kommt, sind angeblich sogar die Juden selbst die eigentlichen Antisemiten. Oder die Geschichte wird einmal um 180 Grad gedreht und es sind plötzlich die „Zionisten“, die sich in Israel – so wird behauptet – „wie die Nazis“ aufführen – den Palästinensern gegenüber.

Die Flüchtlinge machen es nicht leichter, denn gerade wegen des Nahostkonfliktes ist Antisemitismus im arabischen Raum verbreitet. Wohlmeinende Versuche, zu erklären, Antisemitismus gehe gar nicht so sehr von Ausländern aus, sondern meistens eben doch von Deutschen, sind wenig hilfreich, denn einerseits stimmt es natürlich: Antisemitismus darf man jetzt wieder – bilden sich zumindest manche Leute ein, andererseits – es sind eben doch auch Ausländer. Gerade das greift begierig die AfD auf, wie u. a. die „Zeit“ berichtete und die Rechtspopulisten können sogar einige Juden in ihren eigenen Reihen verzeichnen, z. B. Wolfgang Fuhl, dem der Deutschlandfunk ein längeres Portrait gewidmet hat. In der gewohnten ungenierten Frechheit tanzt die AfD der erschütterten Öffentlichkeit auf der Nase herum, denn ihre diversen antisemitischen Ausfälle und auch einige Aussagen, die sich hart am Rande der Holocaustleugnerei bewegen, kann sie sich ja erlauben, denn es gibt ja Juden, die kein Problem damit haben, oder etwa nicht?

Oder ist es vielleicht so, dass immer der Holocaust herhalten muss, ein abscheuliches Stück Vergangenheit, dass die Deutschen sich gegenseitig um die Ohren hauen? Allen, die sich einbilden, Juden, Homosexuelle, queere Menschen und Muslime gehörten irgendwie zusammen – nach links, als Minderheit, als Holocaustopfer oder zumindest als Nicht-Betroffene von etwaiger Schuld – sei gesagt, dass das nicht funktioniert. Klar, sind homosexuelle Männer im Zuge des Holocaustes ebenfalls grauenvoll verfolgt und ermordet worden und es ist mehr als selbstverständlich, dass auch sie einbezogen werden in die Erinnerung und Aufarbeitung des furchtbaren Genozids. Allerdings steht das auch Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas, Alkoholikern, Asozialen, psychisch Kranken, Behinderten, sog. „Erbkranken“ (schon eine Rückgratverkrümmung reichte u. U. aus), usw. zu.

Dann wieder ist es kompliziert. Lesben steht die Einreihung in die Opferliste schon nicht mehr so ohne Weiteres zu: Irma Grese, die „Bestie von Ausschwitz“, die sich darin gefiel, KZ-Insassinnen sexuell, körperlich und psychisch zu misshandeln, war lesbisch. Aber, unter dem schwarzen Winkel für „asozial“ wurden, wie u. a. Ulrike Janz in dem von Michael Schwartz 2014 herausgegebenen Sammelband „Homosexuelle im Nationalsozialismus“ festgehalten hat, auch Frauen eingeliefert, für die als Inhaftierungsgrund tatsächlich (wenn auch wohl zusätzlich) „homosexuell“ angegeben wurde – Frauen aus armen Verhältnissen, einige Prostituierte, Frauen, die als irgendwie „merkwürdig“ erachtet wurden. Das Gleiche könnte man von Alkoholikern, psychisch Kranken, Behinderten und „Erbkranken“ sagen: stammten sie aus politisch wohlgelittenen Verhältnissen oder waren sie selbst in der NSDAP aktiv, konnten sie durchaus als „gesund“ durchgehen und reihten sich damit automatisch in die Reihe der Täter ein. Bürgte nichts und niemand für sie oder waren sie aus anderen Gründen lästig, konnte das schnell ihr Todesurteil sein.

Aber ist es nicht auch irgendwie etwas überzogen, wenn Menschen HEUTE, deren Eltern oder Großeltern eben sehr wohl „mitgemacht“ haben oder sogar mehr, sich selbstgefällig zurücklehnen und das Judentum eifersüchtig für sich (und bitte auch für niemanden anders!) reklamieren oder sogar anderen Deutschen mit der Auschwitz-Keule drohen? Ist das nicht irgendwie auch eine Form von Holocaustrelativierung?

Und dann sind da eben noch die rechten Juden – das amerikanische Internetportal „Breitbart“, das der rechtsextremen „Alt-Right“-Bewegung angehört, ist ja auch ausgesprochen philosemitsch. Kunststück – Andrew Breitbart, der Gründer, war Jude.

Nein, auch hier kann sich aber niemand zurücklehnen und den „Siehste! Die selber sind ja auch so!“-Zeigefinger erheben. Klar, auch in den frühen 1930er Jahren gab es Juden, die das „ganz vernünftig“ fanden, was der Hitler da vorhatte. Es waren deutschnationale Juden, rechte Juden eben, die hofften, der Antisemitismus (der im Übrigen auch in anderen Kreisen der Gesellschaft vertreten war, nur eben nicht so rabiat) sei eine „Kinderkrankheit“ und würde sich „schon noch auswachsen“. Den Rest des NSDAP-Parteiprogrammes fanden sie aber gut. Die Geschichte belehrte sie auf grausame Weise eines Besseren.

Aber mal ehrlich – das konnten die Leute wirklich nicht wissen und kann man von Minderheiten verlangen, dass sie moralisch besser sein müssen, als der Rest der Gesellschaft, damit ihnen der Opferstatus zusteht?

Schwierig – allgemein gesprochen kann, wer Ausgrenzung für andere natürlich regelrecht fordert oder sogar Gewalt gegen sie toleriert, – quasi als „Kronzeuge“ dafür steht, dass das nicht so schlimm, jedenfalls nicht rassistisch, homophob oder antisemitisch ist -, für sich selbst eigentlich auch keinen Schutz beanspruchen – Man denke etwa an die Migranten in der AfD, die kein Problem damit haben, dass die Partei unter der Hand, wie mehrfach bekannt geworden ist, auch Kontakte zu den rechtsextremen „Identitären“ und damit teilweise auch zu richtigen Neonazis pflegt.

Das Gehöhne geht als Rechnung nicht auf. Aber die deutschnationalen Juden damals haben keinen Holocaust für andere gefordert. Sie lebten im Jahr, na sagen wir mal zum Beispiel 1930, und konnten nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Die waren halt einfach total rechts, aber eben nicht „selbst auch antisemitisch“. Außerdem waren es eben nur einige wenige. Genau wie es einige wenige Juden gab und gibt, die zum Beispiel tatsächlich knallharte Ausbeuter oder sogar Mafiosi waren oder sind.

Ja, die gibt es. Aber es ist im linken Milieu zum Teil wieder populär geworden, vom „jüdischen Ausbeuter“ und vom „jüdischen Kapitalismus“ zu schwadronieren. Angeblich soll George Soros zum Beispiel sogar hinter der Flüchtlingskrise stecken, weil er sich angeblich Geschäfte davon verspricht und darüber hinaus die europäischen Staaten zu Grunde richten will. Hier schließt sich der Kreis nach rechts – Es ist einfach eine ziemlich abstruse Verschwörungstheorie. Und logisch ist es auch nicht, denn George Soros – der Name, der im Zusammenhang mit linkem Antisemitismus immer wieder fällt – ist zwar Geschäftsmann und Börsenspekulant, aber er hat auch viel in seine linksliberale Idee von der „offenen Gesellschaft“ nach Karl Popper investiert. Es gäbe also wirklich Schlimmere, wenn man dem Judentum anlasten wollte, den Turbokapitalusmus vorantreiben zu wollen und die Völker dieser Erde auszubeuten – Beny Steinmetz zum Beispiel oder, warum nicht mal diverse chinesische Geschäftsleute und andere asiatische Oligarchen, die z. B. in Afrika ähnlich brutal um Pfründe und v. a. um Schürfrechte an Afrikas üppigem Vorrat an Bodenschätzen kämpfen? Warum nicht Donald Trump, der bis in die 1990er Jahre eher als skrupelloser Geschäftsmann bekannt war, als als Politiker? Oder – hierzulande – Anton Schlecker? Wenn man einmal in Ruhe darüber nachdenkt, fallen einem noch viele andere Namen zum Thema ein – alle nicht-jüdisch.

Pikanterweise setzt ausgerechnet George Soros sich in Israel für die Aussöhnung mit den Palästinensern ein – und Palästina ist neben dem eher neuen Topos der – vorgeschobenen – „Kapitalismuskritik“, ja der Hauptbeweggrund unter Linken für Antisemitismus. Warum ist also Soros der Buhmann und nicht jemand anders? Und wie weit darf man mit Kritik an Israel gehen? Die Siedlungspolitik zum Beispiel wird doch auch von Juden selbst kritisiert – siehe eben Soros. Darf man da also als Deutsche(r) gar nichts sagen – wegen der Vergangenheit? Oder ist das wieder der „die Juden selbst sagen ja auch“-Kniff?

Weder noch. Israel das Existenzrecht absprechen geht nicht. Geht gar nicht und schon gar nicht als Deutsche(r) – immerhin war es der Holocaust, der dafür gesorgt hat, dass Juden, die überleben wollten oder – nach 1945 – zumindest nicht mehr in einem Land leben wollten, in dem man sie noch vor kurzem massenweise umgebracht hatte – dass der Staat Israel als Heimat aller Juden absolut notwendig geworden ist.

Aber – wenn ich mal doch einen schiefen Vergleich bringen darf: Wie wäre das denn, wenn man jetzt Deutschland einfach mal von der Landkarte löschen würde – so noch nachträglich als Rache für den Holocaust, das wäre ja nun ein wahrlich triftiger Grund – was, wenn man es 1945 getan hätte?

Dass es in Israel und unter Juden unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema (und zu anderen Themen) gibt und dass man sich logischerweise nicht mit allem identifizieren kann, muss man aber akzeptieren – egal WELCHE Meinung das jetzt ist. Evelyn Hecht-Galinskis Ansichten beispielsweise mögen für den einen oder anderen schwer verdaulich sein (und das darf man auch durchaus so sehen und sagen), aber auch Hecht-Galinski ist keine „jüdische Antisemitin“, sondern Tochter eines Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen. Also, mit anderen Worten, Henryk M. Broder hat nicht das Abo auf das Judentum. Und mit dem muss man ebenfalls nicht einer Meinung sein, um „alles richtig zu machen“.

Die „richtige Seite“ gibt es nicht. In Berlin hat die taz hat jetzt offenbar eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Hoffentlich geht die Diskussion weiter und hoffentlich kann sie geführt werden, ohne dass Deutsche sich damit in erster Linie gegenseitig an den Kragen gehen. Dann lacht nämlich vor allem die AfD, die ja ihre Vorzeige-Juden als Schutzschild vor sich halten kann, und deshalb gar nicht erst diskutieren muss, sondern auch so richtig derbe antisemitisch ohne wenn und aber sein kann. Zur Nachahmung jedenfalls nicht empfohlen!

6 Lessons from Nazi Germany

6 Dinge, die wir tun können, damit Nazis keine Chance haben:

„Die Linken haben Waffen gehortet – brandgefährlich!“ – „Margot Käßmann wittert braunen Wind, wo Deutsche Kinder bekommen! – wie lange wollen wir uns das gefallen lassen?!“ – „In Schorndorf feiern Flüchtlinge Grapschparty – deutsche Professoren in Freiburg haben Angst um ihre blonden Töchter!“ –

Quatsch ist das! Fake News, Gerüchte, gestreut, um die Menschen aufzuwiegeln – immerhin ist am 24. September Bundestagswahl und allzuoft steckt hinter derartigen Falschmeldungen, die sich wie bei der stillen Post in Windeseile in immer neuen Variationen im Internet verbreiten, die rechtskonservative AfD. Jürgen Klöckner hat in der Huffington Post neben diesen noch ein paar andere Falschmeldungen, die die Partei in die Welt gesetzt hat, zusammengestellt. Lediglich das erste oben genannte Statement bezieht sich auf die vor ein paar Tagen verbotene linksalternative Plattform linksunten.indymedia. Die Information stammt aus dem Innenministerium, das sie mittlerweile korrigiert hat.* Natürlich stimmt das mit den sich militarisierenden Linken genauso wenig wie alles andere, aber vermutlich ist es mindestens ebenso geeignet jetzt, so kurz vor der Wahl, noch einmal kräftig Stimmung zu machen. Nicht, dass ich das de Maizière unterstellen wollte, nur häuft es sich eben, dass da etwas „falsch verstanden“ wurde und komischerweise richtet es sich immer gegen Linke, Migranten oder Menschen, die sich für ein offenes Miteinander einsetzen, richtet. Leider hat das konservative Lager nicht nach den Ausschreitungen im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor ein paar Wochen allzu eilfertig die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um die Linke als solche, also auch das gemäßigte linke Lager, zu diskreditieren. So sah der CDU-Politiker Jens Spahn, der sich auch im Deutschlandfunk dazu äußerte, bei SPD, Linken und Grünen ein „gleichgültiges Verhältnis zum Terrorismus“. Mit Verlaub, aber zumindest SPD und Grüne sind große, politisch relativ mittige Parteien und der Vorwurf, sie drückten schon mal großzügig ein Auge zu, wenn linke Autonome randalieren, ist vollkommen haltlos.

Gewalt auf der Straße, Diskreditierungskampagnen, unverhohlene Hetzerei und verbale Schlammschlachten im Internet – fast scheint es, als seien die 1930er Jahre wieder auferstanden, aber ganz so schlimm ist es dann zum Glück doch noch nicht. Damals waren Straßenschlachten zwischen linken und rechten Jugendgruppen, die eher, auch auf linker Seite, paramilitärische Einheiten waren, mehr oder weniger an der Tagesordnung, ständig lauerte die Gefahr von Putschversuchen, heute ist unser Land eben doch politisch sehr viel stabiler, wir haben ein besseres Sozialsystem, Armut ist nicht mehr so schnell so existenziell bedrohlich, wie sie es damals war …

Doch von dem allgegenwärtigen Antisemitismus damals, den es leider auch in anderen europäischen Ländern gab, und einer kleinen, rechtsextremen Splitterpartei – zunächst ein Sammelbecken für allerlei skurille Gestalten, Militärs, enttäuschte, z. T. auch verelendete Kleinbürger und Deutschnationale, denen die bürgerlichen Parteien nicht weit genug gingen – über reißerische Meldungen im „Stürmer“ bis hin zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, auf der die sog. „Endlösung“ – also die massenweise Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge waren, in Gaskammern – offiziell gemacht wurde, war es ein weiter Weg.

Sicherlich wäre es, wie gesagt, verfehlt, zu suggerieren, am Am Horizont zeichnete sich eine Neuauflage des sog. „Dritten Reiches“ ab und es liegt mir fern, die rechtskonservative AfD etwa in die Nähe der NSDAP zu rücken oder ihr auch nur zu unterstellen, politischer Gewalt Vorschub leisten zu wollen – das ist gewiss falsch! – , aber – und ohne dabei das Singuläre am Holocaust und seiner kalten, durchorganisierten Bestialität in Frage stellen zu wollen – politische Radikalisierung, Grausamkeit, Massenmord, ja sogar Genozid hat es leider auch in anderen Zusammenhängen gegeben – Man denke nur an an die Gräueltaten der Khmer Rouge in Cambodia in den 70er Jahren, an den Bürgerkrieg und Völkermord in den 90er Jahren in Rwanda oder an das Massaker von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina im Sommer 1995. Man muss nicht gleich den Teufel an die Wand malen und das Schlimmste fürchten, nur ist es eben so – die Zeiten sind härter geworden, in Osteuropa etwa gibt es mittlerweile durchaus wieder politische Gruppierungen, die sich auf den Nationalsozialismus oder zumindest den italienischen Faschismus beziehen – z. B. Marian Kotleba in der Slowakei oder auch einzelne Akteure in Russland und ihre Gefolgsleute, und auch die „Identitären“ in Westeuropa verehren u. a. den faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola, der in seinem Denken – elitär, rassistisch, antisemitisch, antimodern und metaphysisch – wesentliche Aspekte auch der – nebenbei bemerkt nicht weniger eklektizistischen – nationalsozialistischen Ideologie vereinte.

Vorsicht ist also geboten. Dennoch meint ein „Wehret den Anfängen!“ nicht, dass man Maulkörbe verhängen und politische Meinungen unterdrücken muss oder überhaupt sollte, sobald einem da etwas nicht passt. Ein paar Lessons from Nazi Germany, die helfen können, zu erkennen, wann jemand eine rote Linie überschritten hat und Vorsicht angebracht ist, gibt es aber trotzdem:

  1. Nicht nur extreme, vielleicht auch psychisch gestörte Menschen – Psychopathen! – üben politische (und andere, hier geht es aber um die politische) Gewalt aus. Hannah Arendt ging sogar so weit, von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen. Denk Dir deshalb zu jedem Nazi-Schläger im Hintergrund einen Biedermann im Anzug dazu, der kein Wässerchen trüben zu können scheint …
  2. Manchmal werden Menschen grausam und misshandeln andere aus einem einfachen Grund: weil es geht! Das ist u. a. die Quintessenz des sog. „Stanford Prison Experiments“, das 1971 unter der Leitung des renommierten Psychologen „Dr. Evil“ Philip Zimbardo an der Stanford University in den USA durchgeführt (und vorzeitig abgebrochen) wurde. Haben Menschen Macht und eine entsprechende soziale Rolle, fehlen Kontrolle und Sanktionen, wird man – nur wenige widerstehen einem solchen sozialen Setting! – schnell sadistisch. Gebe Menschen nicht so viel Macht, dass sie andere misshandeln und wie Dreck behandeln können.
  3. Gewalt hat immer zwei Seiten: einer übt sie aus und einem wird sie angetan. Es fällt leichter, Menschen wie Abfall zu behandeln, wenn man sie auch als „Abfall“ betrachtet. Also geht es darum, dass Menschen dehumanisiert oder auch dämonisiert werden. Die Dämonisierung ist eine Unterform der Dehumanisierung und bedeutet, dass Menschen nicht nur als „zu minderwertig“ dargestellt werden, um noch wirklich der menschlichen Spezies anzugehören, sondern darüber hinaus auch noch als brandgefährlich gelten – ein Gegner aller Menschen, „die diesen Namen auch verdienen“. Im Nationalsozialismus hatten die Juden diese Rolle inne. Es wird also immer einer, eine bestimmte soziale Gruppe, zum Sündenbock stilisiert. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt, wie niederträchtig und minderwertig, wie schuldig und gefährlich diese Menschen sind, so lange bis auch die große, schweigende Mehrheit bald nichts mehr dabei findet, wenn solche Menschen ausgegrenzt und misshandelt – „gedisst“ – werden. Damit ist eine Legitimation für Gewalt geschaffen – Man tut schließlich niemandem etwas an, der es nicht auch irgendwie „verdient“ hätte und außerdem – machen es nicht alle so? Wenn sich mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft (In-Group) die Finger schmutzig macht, muss sich der einzelne im Endeffekt nicht so schuldig fühlen. Also kann man ruhig nochmal zutreten! Im Kleinen kann man solche Dynamiken bei Mobbing feststellen, auf einer breiteren, gesamtgesellschaftlichen Ebene kann es einen Genozid vorbereiten. Versuche – um dem entgegenzuwirken – , ein möglichst ausgewogenes, objektives Bild von Menschen und sozialen Gruppen zu zeichnen. Leugne Verfehlungen nicht, spiele sie nicht herunter und gebe keinen Anlass dazu, dass Leute das Gefühl haben, da solle etwas vertuscht werden – das spielt nur den Rechten in die Hände, wie man an den sexuellen Übergriffen in Köln an Silvester 2015/16 gesehen hat. Berichte stattdessen auch, wenn sich Angehörige der angefeindeten sozialen Gruppe normal oder positiv verhalten. Hebe hervor, dass es sich um Individuen mit unterschiedlichen Meinungen, Verhaltensweisen, etc. handelt. Vermeide es, die Leute v. a. als „Kollektiv“ – fremde Ethnie oder Kultur – darzustellen. Mache darauf aufmerksam, dass auch Angehörige anderer sozialer Gruppen gewalttätig oder sexuelle übergriffig werden, sonstige Straftaten begehen, sich ausbeuterisch und/oder (vermeintlich) exzentrisch verhalten (letztere Eigenschaften spielten bei der Stigmatisierung der Juden im Nationalsozialismus und vorher eine gewisse Rolle). Stelle klar, dass KEIN Kausalzusammenhang besteht, im Sinne von: „Er ist Araber, Jude – die machen nun einmal dieses oder jenes … , will man sexuelle Übergriffe, Raubtierkapitalismus, etc. also aus der Welt schaffen, muss man nur ihn/sie loswerden!“.
  4. Stilisiere Menschen nicht zu „Herrenmenschen“! Vermeide es, dass die Leute immer „parteiisch“ auf der Seite bestimmter Leute sind, auch wenn Du denkst, dass man ihnen großes Unrecht getan hat, das nun wieder gutgemacht werden soll. Auch damals wurde von der „Schmach von Versailles“ gesprochen, Menschen, denen es objektiv schlecht ging – körperlich versehrte Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, die in bitterer Armut lebten, vielfach sogar auf der Straße bettelten und Leute, die durch die Weltwirtschaftskrise alles verloren hatten, ebenfalls hungerten und zum Teil obdachlos waren, mussten den Nationalsozialisten als Vorwand für ihre von Anfang an auf Vertreibung und – sofern es nicht reichte, den Leuten das Leben so ungemütlich wie möglich zu machen – auch Vernichtung anderer  – insbesondere der Juden – angelegte Politik herhalten, die schließlich in einem technokratisch durchorganisierten Massenmord gipfelt, der zum Glück bislang ohnegleichen geblieben ist. „Ariern“ stand dagegen ab 1933 die Welt offen. So manch einer wird nur zu gern einen Job an der Uni oder in irgendeiner Behörde eingenommen haben, von dem man zuvor einen Juden vertrieben hatte. Für „Arier“ gab es plötzlich das „Winterhilfswerk“, „Volksempfänger“ und „Kraft durch Freude“-Ferien – für viele Menschen vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben … Wer es nicht glaubt, lässt sich vielleicht einfach mal den Nazi-Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ (Deutschland 1933, Regie: Hans Steinhoff) aus dem Giftschrank irgendeiner universitären Mediathek holen: Dort wird ein einfacher Arbeiterjunge – ein blonder, blauäugiger „Arier“ – dessen verkommene Eltern – Sozialisten! – ihr armseliges Leben nicht auf die Reihe kriegen und ihm nichts bieten können, von einem Nazi unter die Fittiche genommen. Der macht dem Jungen klar, dass er – trotz seiner bescheidenen Herkunft – jemand ist, als Mensch „nordischen Typs“ anderen sogar heillos überlegen, ein aristokratischer Mensch mit profanen sozialen Ursprüngen sozusagen. Natürlich ist es schmeichelhaft, zu den „Lieblingen“ zu gehören und anderen grundsätzlich vorgezogen zu werden. Nicht immer muss es übrigens der helle Teint sein, der einen in eine solche Position katapultiert. Im Grunde ist es auch egal, was es ist – so lange andere dafür leiden müssen, ist es nicht in Ordnung!  Lasse Dich also von derlei Dingen nicht korrumpieren! Sei zufrieden damit, ein Mensch unter anderen Menschen zu sein – nicht mehr und nicht weniger …
  5. Vermeide soziale Spannungen! Trete dafür ein, dass die soziale Schere wieder etwas mehr zusammengeht! Es ist ein Gemeinplatz aus der Sozialpsychologie, dass soziale Ungerechtigkeit die Menschen aggressiv macht. Auch die Weimarer Republik war gekennzeichnet durch krasse soziale Gegensätze, die sich immer wieder in zahlreichen Konflikten entluden, ohne dass sich etwas gebessert hätte.
  6. Ermutige Menschen zur offenen Diskussion! Jeder sollte auch mal die Perspektive des anderen einnehmen. Kompromisse sollten eher das Ziel sein, als dass derjenige für sich die besten Konditionen aushandelt, der sich am besten durchsetzen kann. Vermeide es, Menschen oder soziale Gruppen abzuhängen oder den Eindruck zu erwecken, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Solche Leute werden sich trotzig in eine Gegenkultur, im schlimmsten Falle in den Untergrund zurückziehen und dort werden ihre Ideen und Gefühle vor sich hingären und andere anziehen, bis eine explosive Mischung entstanden ist, die eine Gesellschaft unter Umständen zum Kippen bringen kann. Lass auch nicht Menschen selbstgerecht und hochmütig auf der Nase anderer herumtanzen. Stelle klar, dass – nur weil man etwas ablehnt, nicht unbedingt das Gegenteil richtig sein muss! Habe den Mut, Dinge (und Menschen) differenziert wahrzunehmen!

*Update, Montag, 28. August 2017: Die Sache mit den Waffenfunden bei Indymedia und das Verhalten des Bundesinnenministeriums bleiben weiterhin mytseriös, vgl.: Faktenfinder, Tagesschau.

 

 

#Schorndorf. Oder: Laila platzt der Kragen!

Gibt man #Schorndorf bei Twitter ein, ploppt zuerst ein südwestdeutsches Kleinstadtidyll mit Fachwerkhäusern vor strahlendblauem Himmel entgegen. @cduschorndorf heißt der Account. Aha. Linke „Krawallmacher“ sind hier offenbar nicht zu Hause. Dafür wurde wieder einmal gegrapscht. Bis zu 1000 Jugendliche sollen sich im Rahmen der „Schorndorfer Woche“ – offenbar eine Art Volksfest – in einem Park versammelt, randaliert und Sexualdelikte begangen haben. Mal ist von „Abiturienten“ die Rede, mal waren es eben nur „Jugendliche“ – so ganz ohne festgelegten Bildungsgrad. Migranten, genauer Flüchtlinge, sollen aber in jedem Fall dabei gewesen sein.

Auf Twitter platzt einer gewissen Anabel Schunke wortwörtlich der Kragen. Ein mit viel sch*** und a*** dekorierter Text wird einem dargeboten, in dem sich die Autorin kopfschütteln fragt (so stellt man sich das jedenfalls vor, also dass sie sich kopfschüttelnd fragt), was in diesem sch***-Land eigentlich los sei. Flüchtlinge bekämen hier ja sogar Flirtkurse. Und jetzt ist wieder so etwas wie #koelnhbf passiert. Wieviel „kultursensiblen Zucker“ man den Leuten denn noch „in den Ar*** blasen“ wolle. Die Twitter-Gemeinde klatscht eifrig Beifall.

Moment mal, Anabel wer? Ein paar Klicks ergeben, dass die Frau für das konservativ-liberale Internetmagazin „Tichy’s Einblick“ schreibt. Schunke – eine echte Posterschönheit: lange, blonde Haare, Traumfigur – modelt – klar! – und studiert Politikwissenschaften und Geschichte, wie einen ein Kurzprofil auf „Huffington Post“ informiert. Kein blondes Blödchen also. Eher eine, vor der sich andere wahrscheinlich klein fühlen. Fast fragt man sich, ob Anabel nicht im Real Life Karlheinz heißt und einen „Bier formte diesen Astralleib“-Schmerbauch vor sich herträgt, aber aus solchen Zeilen spricht vermutlich der pure Neid. Als ich lese, dass Schunke mehrfach Versuche unternommen hat, die AfD aus konservativer Sicht zu kritisieren, schäme ich mich auch gleich ein bisschen. Bin ich jetzt so ungnädig, nur weil es nicht meine Meinung ist? (Oder weil ich nicht ganz so hübsch bin? Ich kenne immerhin eine Menge Leute, denen das als Erstes dazu einfallen würde. Deshalb schreibe ich es jetzt auch.)

Doch ein paar Klicks weiter prangt ein Foto, dass die attraktive Blondierte mit einer etwas größeren Frau in einem weißen Polohemd zeigt. Beide scheinen in Partylaune zu sein. Die Große trägt ihr Haar streng zurückgebunden und ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor: Alice Weidel, AfD. „Mit der duftesten Frau der AfD“ steht unter dem Bild. Also wohl doch nicht so viel Abgrenzung.

Mittlerweile ist der Facebook-Account von Anabel Schunke offenbar gesperrt worden. Alice Weidel beschwert sich darüber entrüstet auf Facebook: „Zensur in Deutschland!“ und verlinkt sogleich zu einem Schunke-Text: „Ich muss keine fremde Kultur bedingungslos akzeptieren.“.

Nein, muss sie nicht. Sie muss sich auch nicht angrapschen lassen. Falls ihr das bereits passiert ist. Das täte mir leid. Für den Fall, dass es dunkelhäutige Täter waren, Menschen „südländischen Aussehens“, Muslime. Denn offenbar ist ja das das Problem.

Man muss relativieren. Natürlich begehen auch hellhäutige Menschen, Christen Sexualstraftaten. Ansonsten könnten sich die Frauen in Nordeuropa ja freuen. Es stimmt aber, dass das Frauenbild in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten ein anderes ist. Ein Grapscher an Po, Busen oder zwischen die Schenkel gilt oft eher als „Kavaliersdelikt“. Zumal wenn die Frau eine „Schlampe“ ist, also nicht keusch genug angezogen. Dann hat sie auch irgendwie selbst schuld.

Das stimmt also, da sind gewisse Vorbehalte nicht so ganz aus der Luft gegriffen – sieht man mal, wie gesagt, davon ab, dass ich solche Sätze auch schon aus biodeutschen Mündern gehört habe. In muslimischen Ländern ist es aber eben schlimmer. Dennoch stellen sexuelle Übergriffe auch in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten eine Aggression dar. Es ist ein bewusster Angriff auf die Würde, gewiss kein „normaler“ Umgang mit Frauen. Zumindest an den Stränden Tunesiens und Marokkos haben die Leute auch sehr wohl schon einmal leicht bekleidete Frauen gesehen – und sie haben sie NICHT begrapscht. Ältere erinnern sich sogar noch an die Zeiten, als die Burka im Maghreb noch mehr oder weniger unbekannt war und ein eher westlicher Lebensstil gepflegt wurde. Nicht einmal jeder muslimische Gelehrte ist Burka-Fan. So gut wie keine Frau in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten lässt sich „gern“ von wildfremden Typen angrabbeln.

Vielleicht sollte man diesbezüglich also besser auf dem Teppich bleiben. Ein anderes Frauenbild: ja, „von jeglicher Zivilisation unberührte, animalische Wilde, die nicht anders können“: nein. Wahrscheinlich würde es reichen, ein für alle mal klarzustellen, dass Grapschen und Vergewaltigen in Deutschland Straftaten sind und es auch wirklich strafrechtlich verfolgt wird. Und zwar ganz gleich, wer es macht.

Denn die Frage ist ja, ob Schunke und ihre Fans bei einem hellhäutigen Deutschen darüber hinwegsehen könnten, wenn der sie unsittlich berührt. Könnten sie es, dürfen sie sich auch nicht beschweren.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es durchaus in der Zeitung stehen darf, wenn ein Täter dunkle Haare hatte oder eine Migrationshintergrund – Man kann ja ebenso schreiben, dass es eine Blondine war oder jemand, der Sommersprossen hatte oder ein Oberlippenbärtchen trug – Mir platzt jetzt auch so langsam mal der Kragen: Ja, unter den Flüchtlingen sind echte Schweine. Ja, es sind IS-Leute darunter. Ja, es sind Marokkaner unter ihnen, die glauben machen wollen, sie stammten aus Syrien. Ja, das ist Betrug. Ja, da geht es um Jobs. Ja, einige der „Schweine“ sind schwer traumatisiert, weil sie eben tatsächlich im Krieg waren und das macht es trotzdem nicht besser, wenn da dann jemand gewalttätig wird, Ja, überall ein Körnchen Wahrheit dran, so dass man im rechtskonservativen Lager auch laut auflachen kann, wenn jemand, der oder die nichts gegen Flüchtlinge hat, mal an so jemanden gerät. Gibt’s wirklich alles. UNTER ANDEREM AUCH. – ABER: Bei allem und jedem, wo irgendwie irgendeine Person involviert ist, auf die die Beschreibung: „Migrant“, „Flüchtling“, „dunkelhäutig“, „Muslim“ vage passt, wird laut aufgeschrien. Niemand auf Twitter hat sich über die biodeutschen Abiturienten in Schorndorf beschwert, die launig mitgegrapscht haben oder sogar die Idee dazu hatten. Wer die „Idee“ hatte, weiß man ja nicht. Aber es kam nicht mit einem Wort zur Sprache, dass da eine ganze Menge Nicht-Refugees waren, die sich ebenso sch*** benommen haben.

Stattdessen wird über „Flirtkurse für Flüchtlinge“ schadroniert. Na ja.

Unsere Verfassung will es so, dass vor dem Gesetz alle gleich sind – vielleicht die beste Idee seit langem … Muss man sich nur noch mal ins Gedächtnis rufen.

Punkte machen mit dem A-Wort? Wie Antidiskriminierungspolitik zum Eigentor wird

A wie Antisemitismus. Wer dagegen ist – „anti“ – könne es aber auch wiederum übertreiben, meint Jakob Augstein. Der Anti-Antisemitismus könne schnell zur Obsession werden, schreibt er in seiner  Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Das A-Wort“ (Print, Spiegel 2017/25). Aufhänger ist die umstrittene Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, die WDR und Arte zunächst nicht zeigen wollten. Dann zeigte Bild-Online sie und schließlich lief sie dann, versehen mit einigen Korrekturen, doch noch regulär im Fernsehen.

Warum so viel Aufregung um einen Film? Sicher, der Film ging das Thema parteiisch an, sehr fokussiert auf den Nahostkonflikt, vor allem wohl aus der Perspektive der israelischen Regierung. Das wurde nicht nur im Pro-Palästina-Lager kritisiert. Auch die Journalistin Sylke Tempel merkte im NDR an, dass der Film diskussionswürdig sei. Aber kann man Filme eigentlich nicht mehr mit einer kritischen Distanz sehen? Man muss sich doch nicht mit allem, was man sich so medial zu Gemüte führt, voll und ganz identifizieren.

Oder ist es das Thema? Antisemitismus. Ist es nicht merkwürdig, dass sich heutzutage, so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust, die Geister mehr denn je daran scheiden? Gerade in dem Moment, wo das Land eine Nation in Europa wie alle anderen sein will, wo von „Verfassungspatriotismus“ und einem „gesunden Nationalstolz“ die Rede ist, reiben sich die Leute wieder ganz besonders daran. Dabei könnte man sich sagen, dass der Nahe Osten weit weg ist. Juden sind in Deutschland wirklich eine Minderheit und so viele Palästinenser leben hier auch nicht. Rein zahlenmäßig sind es in den letzten Jahren vielleicht etwas mehr Araber geworden. Gut, die Flüchtlinge – ist es das?

Aber was haben damit zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu tun? Jedes Kind hat vor 20 Jahren noch in der Schule gelernt, dass es sich dabei um eine antisemitische Fälschung handelt. Deshalb glaubt man auch zuerst, man habe sich verhört, als in der Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ ein junger Mann in einem buntgewebten Pulli freundlich sagt, wenn die „Protokolle von Zion“ eine Fälschung seien, dann habe sich da aber doch jemand ein paar wirklich gute Gedanken gemacht – Wie bitte?

Leider gibt es solche Leute. Die Frage ist nur, warum schenkt man dem Gehör? Oder sind solche Ansichten etwa weiter verbreitet und tiefer verankert in unserer Gesellschaft als man gemeinhin so annehmen sollte?

Es erschüttert schon, zu hören, dass in Berlin ein jüdischer Junge die Schule verlassen hat, weil er offenbar antisemitisch gemobbt wurde. Die Schule soll die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus“ getragen haben, wie u. a. im Berliner „Tagesspiegel“ steht. Das gibt zu denken. Sind die Leute jetzt so erpicht darauf, die „Araberfreunde“ zu geben, dass man einem jüdischen Schüler gegen Mobbing nicht mehr beistehen kann? Als in der taz (Print) dann irgendwo (leider weiß ich nicht mehr wo) auch noch treuherzig versichert wurde, es schlösse sich ja nicht aus, gegen Rassismus UND gegen Antisemitismus zu sein, geriet ich ins schlingern. Natürlich schließt es sich nicht aus. Wäre ich Lehrerin, würde ich auch einem christlichen, blonden, bio-deutschen, heterosexuellen Jungen aus gutem Hause helfen, wenn er zum Mobbing-Opfer würde. Es geht doch darum, Mobbing zu unterbinden. Oder etwa nicht?

Das heißt, mittlerweile würde irgendetwas in mir kurz zögern, die heimlich lauernde Angst, die Eltern des Jungen würden mich, sobald ihr Kind wieder gut in die Klasse integriert ist, bei der nächstbesten Gelegenheit wegen irgendeiner Lappalie zur „Rassistin“ abstempeln. Irgendwie klingt das paradox und leicht plemplem, aber ich habe derlei leider oft genug erlebt – dass die Menschen sich abstrampeln, um ja nicht selbst irgendwie in den Verdacht zu geraten, irgendwie NICHT mit den Refugees klarzukommen, dass man dafür dann lieber andere umso kräftiger in die Pfanne haut. In was für einem Land leben wir eigentlich?

Allerdings handelt es sich, anders als man meinen könnte, nicht unbedingt um ein typisch deutsches Phänomen. Kein „Schuldkult“ also, wie der rechte Rand ja gern höhnt. Da ist zum Beispiel der Fall Kamel Daoud: Der algerische Schriftsteller hatte das Frauenbild im Islam kritisiert, auch im Hinblick auf die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht in Köln 2015/16. Daraufhin wurde er von französischen Intellektuellen harsch angegriffen. Weiße Franzosen warfen dem in seiner immer wieder von islamistischen Wellen erschütterten Heimat nicht ganz problemlos arbeitenden arabischen Intellektuellen plötzlich „Orientalismus“ und „Islamophobie“ vor. In Deutschland wurde Daoud gar nicht erst beachtet. Man kann den Vorfall aber u. a. in der „Welt“ nachlesen, auch mit einem Link zu einem Artikel von Fawzia Zouari in der „Libération“ (kostenpflichtig!), in dem sie Daoud verteidigt und den neokolonialen Einschlag kritisiert, der ihrer Ansicht nach aus einigen Statements linker europäischer Intellektueller herauszuhören sei.

„Orientalismus“, „Neokolonialismus“, „Islamophobie“ – und eben das berühmt-berüchtigte „A-Wort“. Da schwirrt einem doch wirklich der Kopf. Sicher, es gibt Araber, Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich auf die Seite der europäischen Rechtspopulisten gestellt haben – Necla Kelek und Aayan Hirsi Ali sind vielleicht die hierzulande bekanntesten Namen. Genauso werden gerade in letzter Zeit auch gern Juden von der neuen Rechten umworben und vereinnahmt. Wenn man liest, dass sogar die rechtsextremen „Identitären“ sich gegen Antisemitismus stark machen, zögert man. Damit will man nichts zu tun haben. Auch nicht mit den „Breitbart“-Typen, dem AfD-Milieu, das – obschon selbst mehrfach mit kruden antisemitischen Ausfällen aufgefallen – sich gern auf jeden stürzt, der andeutet, dass die Palästinenser im Nahen Osten vielleicht wirklich kein leichtes Leben haben, dass die Aggression bis zu einem gewissen Grad vielleicht nachvollziehbar sei, auch wenn man damit keinen Hass auf Juden oder auf Israel unterstützen möchte.

Aber das wird dann eben geflissentlich überhört. Die Rechtskonservativen können Punkte machen, indem sie sich umso entschiedener hinter „Israel“ stellen oder zumindest hinter das, was sie für „die israelische Meinung“ halten. Glauben sie jedenfalls. Das erinnert an den Vorfall mit dem jüdischen Jungen, der von der Schule „gegen Rassismus“ weggemobbt wurde, nur eben anders herum. Muss so viel Übereifer wirklich sein? Und mehr noch – muss man sich davon drangsalieren lassen?

Moshe Zimmermann merkte in der „Zeit“ an, dass es antisemitisch sei, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Ansonsten, wenn man das weiter fasste, seien nämlich auch viele Israelis „antisemitisch“. Nicht jeder ist dafür, Araber wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Vielleicht sind es gar nicht mal so viele, die dafür sind. Aber das zu beurteilen, überlasse ich lieber anderen, denn für mich persönlich ist der Nahe Osten wirklich sehr weit weg.

Nur soviel: Auch wenn Antisemitismus in der arabischen Welt verbreitet ist – da muss man sich nichts vormachen – der algerische Raï-Sänger Khaled fand zum Beispiel nichts dabei, in Israel aufzutreten, wo er nämlich auch viele Fans hat. In der arabischen Welt hat sich der Musiker damit Feinde gemacht. Zur Lichtgestalt eignet er sich trotzdem nicht, Khaled ist ziemlich homophob, hat wegen der „Ehe für alle“ sogar Frankreich verlassen. Dafür setzt sich der muslimische Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für die „Ehe für alle“ ein – und nimmt dafür in kauf, u. a. von streng gläubigen Muslimen attackiert zu werden.

Vielleicht brauchen wir nicht so sehr die Menschen, die sich als „Freunde der Minderheiten“ und „Musterschüler“ in Sachen Antidiskriminierung aufspielen und versuchen, einander dabei zu übertrumpfen, der/die entschiedenere, „authentischere“, leidenschaftlichere „Verteidiger(in)“ der Araber oder eben auch Juden zu sein. Vielleicht sollten wir lieber auch all jenen eine Chance geben, die anecken, weil sie Zwischentöne zulassen und Widersprüche aushalten. Letztendlich sind sie nämlich diejenigen, die eine offene, pluralistische Gesellschaft am ehesten zusammen halten können und es wäre fatal, gerade in deren Namen jede Brücke, die mühsam aufgebaut worden ist, ohne Rücksicht auf Verluste niederzureißen.