Auf ein buntes 2017!

Yes. 2016 geht zu Ende. Wurde auch langsam Zeit. Irgendwie ist jetzt ein Peak erreicht. Man kann nur noch auf der einen oder anderen Seite runterrutschen. Vor ein paar Tagen ploppte vor mir auf Twitter unter irgendeinem Hashtag ein Video zur Frauenfrage auf: Mahnende junge Gesichter, mit steinernen Mienen verlesene Anklagen gegen Gewalt gegen Frauen. Es hätte irgendwie „Grün ist das neue Lila“ oder etwas in der Richtung sein können. Es war ein Video der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Nach ein paar Sekunden unterbrach ich das Video angewidert. Nichts an dem, was die jungen Frauen mit dem gebotenen Ernst vorgetragen hatten, war falsch. Alle Taten hatten stattgefunden. Sie waren jede für sich genommen so grauenvoll, dass ein psychisch halbwegs normal strukturierter Mensch sich unweigerlich empört und nicht glauben will, dass so etwas vor seiner Haustür geschehen kann: Vergewaltigungen, die Frauen ermordet und weggeworfen wie ein Stück Müll, ein Frauenkörper, der an ein fahrendes Auto gebunden und beim Fahren mitgeschleift wurde, eine andere Frau, bei lebendigem Leib verbrannt, … Es stimmt, dass die Täter immer Flüchtlinge oder zumindest Männer mit muslimischem Migrationshintergrund waren.

Aber etwas an dem Video war falsch und es wäre auch falsch gewesen, wenn es von „Grün ist das neue Lila“ gewesen wäre. Man hatte einfach instinktiv das Gefühl, dass etwas fehlte. Fürchterliche Gewalttaten, die Deutsche oder Menschen mit nicht-muslimischem Hintergrund begangen hatten, blieben unerwähnt. Als hätte es das Folterpaar von Höxter nicht gegeben, dass eine Frau zu Tode gequält haben soll (kein Link wegen der unvorstellbaren Grausamkeit der Taten). Oder die Serienmorde des Belgiers Marc Dutroux in den 1990er Jahren.

In der „Zeit“ von dieser Woche (Print) wurde gefragt: „Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Massenweise junge Männer aus einem Kulturkreis, in dem Frauen Menschen zweiter Klasse sind, gewaltbereite, traumatisierte Männer. Der Kontrast zu der Berichterstattung von vor gut einem Jahr könnte nicht größer sein. Damals hieß es, wir sollten nur frohgemut in die Zukunft blicken: lauter junge, gesunde Männer kämen da, die vor Tatendrang nur so strotzten und es nicht abwarten könnten, hier zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Deutschland, ein Märchen an Toleranz und christlicher Nächstenliebe, eine Nation, die sich vielleicht ein bisschen zu sehr selbst gefeiert hat, eitel und ohne Maß. Das war ein bisschen zu demonstrativ auf Hochglanz poliert und das Aufgesetzte, Falsche daran stieß mir unangenehm auf. Obwohl ich Hilfsbreitschaft und offene Grenzen gut finde und sicher bin, dass viele Leute, die „nur so“ geholfen haben, jenseits des Medienrummels, es auch so gemeint haben.

Aber vielleicht hatte die teilweise etwas zu euphorische Darstellung in den Medien ihre Gründe. Lag es daran, dass „wir“ nicht mehr die barbarische Nazi-Nation sein wollten, die die europäischen Juden um ein Haar vollständig ausgerottet hätte – obwohl das Ganze schon mehr als 70 Jahre zurück liegt. Ich meine, Erinnerungskutlur ist wichtig und ein gewisses Verantwortungsgefühl, aus der kollektiven Schuld heraus erwachsen, hat einiges dazu beigetragen, dass Europa wieder näher zusammenrücken konnte. Oder sollte Deutschland – in seiner Außendarstellung – einfach  nicht mehr als die unerbittliche, egozentrische Großmacht im Herzen Europas angesehen werden, die in jüngster Zeit den Griechen und Italienern hartherzige Sparkurse aufgezwungen hat, ohne Rücksicht darauf, dass „0 Euro im Portemonnaie“ auch im sonnigen Süden fatal ist.

Vielleicht liegt es aber auch an Texten, wie „Karneval der Kulturlosen“, den Hengameh Yaghoobifarah für das queerfeministische „Missy Magazine“ verfasst hat. Darin beklagt sich Yaghoobirfarah worgewandt und mit dem distanziert-ironischen Blick des Großstadt-Dandys über ein Musik-Festival, dass ihr viel zu „weiß“ gewesen sei. Das Selfie, das dem Artikel beigefügt ist, zeigt eine blasse junge Frau mit dunklen Haaren. Na ja. Aber gut. Yaghoobirfarah: Iran, die Eltern vermutlich mit dem Ende des Schah-Regimes nach Deutschland gespült, zu Recht, denn Ayatollah Khomeini war ja auch so einer, der den „kleinen Leuten“ den Rücken stärken wollte und dabei mitunter sehr brutal gegen Leute vorging, die zuvor allerdings ihrerseits rücksichtslos auf Kosten der verarmten breiten Masse einem märchenhaften Luxus gefrönt hatten, der wiederum in Deutschland in der Tabloid-Presse bewundert und begeistert bis ins noch so kleinste, unwichtigste Detail beschrieben wurde.

Ok, vielleicht ist es auch anders. Aber ich habe schon ein paar Kolumnen von Yaghoobirfarah im „Missy Magazine“ gelesen. Ich fand  sie immer gut geschrieben, aber – trotzdem sie „queer“ gelabelt waren – wurden sie mit den strengen Geruch heteronormativer Straightness irgendwie nicht los: Mode, Pink, sexy, süß und selbstbewusst, wenn auch nicht ganz schlank. Ist ja gut. Hat ja niemand etwas dagegen, wenn Frauen sich auch dann attraktiv fühlen, wenn sie nicht in dem Körper von Melania Trump (bzw. in dessen von plastischer Chirurgie noch unangetasteten Urzustand) geboren worden sind. Nein. Ich habe wirklich nichts dagegen. Ich finde es nur nicht „lesbisch“ oder „trans“ oder überhaupt irgendwie „anders“. Obwohl Yaghoobirfarah auch die fehlende Queerness beim Fusion-Festival anprangert. Alle ihre Freunde seien schließlich „queer“ oder „of color“. Na ja, würde man das . von außen betrachtet – auch so sehen? Oder würde man denken: „Boah, die haben Kohle!“ Oder „Wäre mir ein bisschen zu bunt, dieser Techno-Mooshammer-Look!“ Oder „Hoffentlich erwarten die nicht, hier als „Männchen“ „gelesen“ zu werden. Ich würde gern ohne dumme Anmachen und Arschgeglotze von irgendwelchen Pseudo-Lesben auskommen!“ Klar, das wären auch Vorurteile. Schade eigentlich.

Yaghoobirfarah dagegen beschwert sich, dass Weiße sich erdreisteten, „black and brown food“ zu servieren. Ich habe mir fest vorgenommen, ihr, sollte ich ihr je persönlich begegnen, die Pizza aus der Hand zu reißen, falls sie gerade dann eine essen würde (Das darf sie nicht essen! Das ist nicht ihrs! Die ist nicht Spaghetti genug!). Auch dann übrigens, wenn es eine arabische Pizza wäre und keine italienische. Wusstet ihr, dass Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus das Licht der Welt in Ägypten erblickt hatte? Dort lebte zu früheren Zeiten eine italienischstämmige Minderheit. Marinetti, ein glühender Nationalist, verfasste sogar das futuristische Manifest auf Französisch. Nein, es erschien nicht, wie man es von einer rechten, nationalchauvinistischen Bewegung erwarten dürfte, in einem politisch entsprechend ausgerichteten italienischen Blatt, sondern im französischen „Figaro“! Marinetti, der französische Schulen besucht hatte, fühlte sich schlicht nicht sicher genug in der italienischen Sprache. Das ist in etwa so, als ob Alexander Gauland in den USA aufgewachsen und dort an teuren Elite-Instituten intellektuell herangebildet worden wäre. Er würde vielleicht immer „ick“ statt „ich“ sagen und das „r“ komisch aussprechen. Und dann würde er in der us-amerikanischen „Washington Post“ ein Manifest der AfD veröffentlichen, auf Englisch natürlich, so dass es der doch so eifrig umworbene „kleine Mann“ gar nicht lesen könnte. In dem Manifest wäre die Rede davon, dass die deutsche Nation zu neuem Glanz und neuer Kraft auferstehen sollte und sich eine neue ur-eigene Kultur auf der Höhe der Zeit erschaffen solle, mit der sie wieder die ihr gebührende Führungsposition in der Welt einnehmen könnte. Also, so in ungefähr.

Wer jetzt lacht, kann ja mal überlegen, wie das mit Pop-Musik ist. Na, ist der Teint der Yaghoobirfarah nicht doch etwas zu hell, um sich Musik reinzuziehen, die von afrikanischen Sklaven – jawohl: Schwarzen! – wesentlich geprägt wurde?! In Ordnung, es steckt auch eine Menge europäischer Unterschichtsmusik drin. Aber das ist der Yaghoobirfarah ja, so wie ich sie verstehe, zu weiß. Und sie ist immerhin weder Unterschicht noch Afrikanerin. Auch wenn es vielleicht so gemeint war, dass sie sich damit doch irgendwie auch „identifizieren“ darf, genau wie auch mit dem Judentum (Yaghoobirfarah schreibt in „Karneval der Kulturlosen“, dass sie sich zur Tarnung „Sara“ genannt habe, weil man den Namen auch jüdisch lesen könne. Gut. Verschweigen wir an dieser Stelle lieber, dass z. B. der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit seinen antisemitischen Tiraden zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Der Iraner an sich ist aber selbst auch irgendwie Jude. Er ist ja auch „der andere“. Basta.). Mehr jedenfalls als so richtig Weiße, also mehr als die falschen Weißen, nicht dass jemand noch auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob die langhaarigen blonden Mitstreiterinnen des „Missy Magazine“ nicht irgendwie absolut dem Stereotyp deutsche Upper-Class-Whiteness entsprechen, also „white as white can be“ sind.

Ich weiß, es geht um Klicks. Aber leider auch nicht nur. Es ist immer nur „Top oder flop“, „guter Flüchtling – böser Flüchtling“, ein trotz aller Wortakrobatik erschreckend schlichtes, oder sagen wir es ruhig: ein strunzdoofes Denken. Aber vielleicht hilft es ja, dass die „Identitäre Bewegung“ irgendwann dann doch als hip dastehen kann. Einfach weil jeder sich nur noch Gedanken darüber macht, wie er (oder sie) sich als „anders“ gegen andere abgrenzen kann – eine in miteinander um Vorherrschaft ringende Kleingruppen zerfallene Gesellschaft, in der die innen und außen hochgezogenen Grenzen unüberwindlicher nicht sein könnten. Oder wir geben uns einen Ruck und suchen uns ein intellektuell etwas fruchtbareres Tal. Wird ja auch langsam Zeit. Herzlich willkommen 2017!

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Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Sozialismus, Despotismus, Burka?

Hammamet, Tunesien: ein kleines Städtchen, von der Größe her etwa zwischen Neumünster und Ingolstadt, mir v. a. ein Begriff, weil der italienische Politiker Bettino Craxi (PSI, entspricht der deutschen SPD) hier seine letzten Lebenjahre im Exil verbrachte, natürlich nicht, ohne sich in der Heimat gut die Taschen gefüllt zu haben. In Hammamet findet, so erfahre ich über’s Internet, ein zeitgenössisches Tanzfestival statt: eine ästhetische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt athletische, männliche und weibliche Körper in knapp sitzenden Tanztrikots, kunstvoll zu einer quasi-geometrischen Figur drapiert.

Szenenwechsel: Berlin, vor einigen Jahren: ein kühler Herbstabend, im taz-Café im Zeitungsviertel ist es jedoch stickig-heiß. Die Veranstaltung, ein Polit-Talk, ist gut besucht. Ich sitze ganz hinten in einer Ecke mit Holzbänken und kleinen Tischen, vor mir kauern zwei junge Frauen. Sie tragen bunte, orientalische Gewänder und farblich darauf abgestimmte, mit Gold bestickte Kopftücher. Ich denke bei mir, dass das irgendwie ein bisschen too much ist. Es wirkt eher wie eine Verkleidung, obwohl es wahrscheinlich migrantisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen soll.

„Kulturbewusste“ Kleidung, genauer die Burka, wird im Moment heiß diskutiert. Es geht um terroristische Anschläge und Sicherheitsvorkehrungen, aber auch um Einwanderung und kulturelle Differenz. Wie viel fremde Kultur verträgt Deutschland? Und müssen wir uns Sorgen machen, nicht nur um Attentate sondern auch um eine neue Frauenfeindlichkeit? Müssen wir liebgewonnene und oftmals hart erkämpfte Freiheiten preisgeben, um „dem Anderen“, kulturell Differenten mehr Platz einzuräumen – etwas, das ihm, wenn man versucht, eine Perspektive einzunehmen, die beide Seiten berücksichtigt, vielleicht auch zusteht? Oder ist die Debatte am Ende eine Farce, der vielleicht andere, vielleicht sogar urdeutsche Interessen zu Grunde liegen?

TOLERANZ – AUCH WENN ES SCHWERFÄLLT

Fairerweise muss man zunächst einmal festzuhalten, dass viele Deutsche sich ernsthaft bemühen, auf eine fremde Kultur zuzugehen – sieht man mal von ein paar „besorgten Bürgern“ ab, die aber glücklicherweise nach wie vor in der Minderheit sind. Die Mehrheit übt sich in Toleranz. Die Zeitungen sind voll mit engagierten Pro-Burka-Argumentationen. Im Berliner Tagesspiegel hieß es sogar fast schon polemisch, wer die Burka verbieten wolle, müsse auch weiße Socken in Sandalen verbieten. In der taz von gestern wurde fröhlich die Meinung des neuen Deutschlands hinausposaunt: Eine Frau schreibt, wenn sie eine verschleierte Frau sehe, sei sie zuerst einmal neugierig, wer sich hinter dem Schleier verbirgt. Dieses aufregende Neue macht Lust, es zu entdecken. Das klingt nach: Interesse statt Angst, lieber den Mut haben, die Frau, die so ganz anders ist als man selbst, kennenzulernen, statt sich hasenfüßig auf die eigene Scholle zurückzuziehen und sich vor einer Veränderung wegzuducken, die sowieso unaufhaltsam ist. Allerdings brachte der taz-Islamexperte Daniel Bax direkt daneben noch einen anderen Aspekt ein: den wirtschaftlichen, die Saudis.

Und richtig, ich erinnere mich: In Berlin sehe ich ab und zu Frauen, die den Niqab tragen, das schwarze Ganzkörpergewand, das nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen freilässt. Es stammt aus Saudi-Arabien, wo der Wahhabitismus, eine besonders strenge Auslegung des Koran, Staatsreligion ist. Eine richtige Burka, die ihrerseits in Zentralasien beheimatet ist und bei der auch die Augen durch ein Netz bedeckt sind, habe ich auch einmal in Berlin gesehen. Und einmal in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Beide Male musste die Frau von einem männlichen Begleiter geführt werden. Sie tapste vorsichtig und kam nur mühsam voran. Dass eine Frau, die die Burka trägt, sich eigentlich hauptsächlich im Haus aufhält und nur wenn es gar nicht anders geht und sie unbedingt nach draußen muss, den Ganzkörperschleier anlegt – in erster Linie um sich vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen – sollte man wissen. Auch dass Frauen in Saudi-Arabien nicht einmal Autofahren dürfen.

BOSNIEN: EIN LAND ENTDECKT DEN SALAFISMUS

Bosnien-Herzegowina dagegen war einmal ein Land, in dem sich Freitags zum Gebet in der Moschee höchstens ein paar alte Männer einfanden. Die Frauen trugen Mini-Röcke und Pumps, die frecheren, vorwitzigeren auch westlich-leger T-Shirt und Jeans. Eine Macho-Kultur zwar, wie die benachbarten christlichen Länder auch, aber eine, in der Männer und Frauen zumindest formal gleiche Rechte haben. Eher Deutschland als Saudi-Arabien, Europa natürlich und eben trotzdem muslimisch. Leider ist Bosnien arm. In den Schaufenstern der Geschäfte locken westliche Markenklamotten, aber nur wenige können sie sich leisten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Vor Jahren gab es Gerüchte, dass es von den Wahhabiten ein Taschengeld gibt, wenn junge Mädchen Kopftuch tragen. Heute gilt Bosnien als europäische Hochburg der Salafisten, u. a. die Welt berichtete davon.

DER „ARABISCHE FRÜHLING“

Ein ähnliches Problem hat auch Tunesien, das Land, aus dem der Attentäter von Nizza stammte und in dem der sog. „Arabische Frühling“ seinen Ausgang nahm: Der tragische Anlass: Die dramatische Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers – ein Verzweiflungsakt, denn Mohammed Bouazizi wusste nicht mehr weiter: ein fehlendes Dokument, eine behördliche Spitzfindigkeit hatte die Existenzgrundlage des jungen Mannes vernichtet. Auf Wikipedia kann man seine Geschichte nachlesen. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien hoch. Christian Caryl schreibt auf Slate.fr, dass die offizielle Arbeitslosenrate bei 15% liege. Die Jugendarbeitslosigkeit müsse man, so Caryl, wohl etwa doppelt so hoch ansetzen. Demnach ist ein Drittel der jungen Leute ohne Arbeit. Ob der greise Staatspräsident Tunesiens etwas daran ändern wird, steht in den Sternen. Beji Caid Essebsi ist nicht unumstritten, der Typ Politiker, auf den man im Westen vermutlich zunächst einmal eher mit einem etwas angesäuerten Lächeln reagiert: Er, der aus der Ben-Ali-Clique stammt, gilt zwar als liberal und reformorientiert, wie ihm sein (deutschsprachiger) Wikipedia-Eintrag bescheinigt, aber es heißt auch, er sei der „neue starke Mann“ Tunesiens, unter dessen Führung in der Vergangenheit auch gefoltert worden sein soll, wie Christian Gehlen im Tagesspiegel schreibt. Nicht zuletzt deshalb kam es, noch bevor Essebsi als – wenn auch demokratisch gewählter Präsident – 2014 im Amt bestätigt worden war, zu ersten Unruhen – die Zeit und andere Medien berichteten davon.

Tunesien scheint ein Land in einer Pattsituation zu sein: Vielleicht ist es auf einen starken, in politischer Hinsicht laizistisch geprägten Politiker wie Essebsi angewiesen, um den islamistischen Terrorismus einzudämmen. Diese Deutung legt zumindest Christian Caryl nahe, der die Fortschritte Tunesiens im Demokratisierungsprozess hervorhebt, sich aber auch fragt, ob nicht vielleicht die harte laizistische Linie, die Tunesien nach der Unabhängigkeit 1956 nach dem Vorbild Mustafa Kemal Atatürks vertrat, den fatalen Prozess der Radikalisierung der Islamisten bereits in Gang gesetzt habe. Kann eine kleine Elite an Politikern, die allesamt aus der Oberschichte des Landes stammen und zumeist in Paris studiert haben, der großen Mehrheit einen westlich geprägten Lebensstil von oben aufzwingen? Provoziert nicht genau das vielleicht umso radikalere Gegenreaktionen? Und hätte es andere, bessere Wege gegeben, Länder wie Tunesien nach der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit zu führen und zu modernen Staaten zu machen, die sich im internationalen Mächtegeflecht behaupten können?

MODELL IRAN – WENN ES SCHIEF GEHT

Im Iran hat man gesehen, wie gründlich Modernisierungsversuche nach westlichem Vorbild schief gehen können und dass Reformer und Modernisierer, die Feinde von Terror und religiösem Fanatismus, nicht unbedingt die good guys sein müssen, genauso wenig, wie diejenigen, die gegen Diktatur und soziale Ungerechtigkeiten aufbegehren, zwangsläufig die bessere Option sind. Schah Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien, gegen den es 1967, bei seinem Besuch in West-Berlin, heftige Proteste gegeben hatte, wollte den Iran zu einem modernen Land auf Augenhöhe mit dem Westen machen. Allerdings lebten nicht nur weite Teile der Bevölkerung in Armut, während der Schah seinerseits einem märchenhaften Luxus frönte, auch offene Meinungsäußerungen waren unerwünscht und wurden im Zweifelsfall brutal verfolgt, wie man in einem kurzen, übersichtlich und informativ gestalteten Online-Artikel im Stern nachlesen kann. 1979 entlud sich die angestaute Wut in der Islamischen Revolution und mündete in dem Regime Ayatollah Khomeinis.

KEIN MÄRCHEN AUS TAUSEND & EINER NACHT

Auch nordafrikanische Staaten wie Tunesien haben eine Menge hinter sich: Kolonialherrschaft, sozialistische Experimente, viel Despotismus, in letzter Zeit immer mehr religiösen Fanatismus und Terror. Der Frage, was besser ist, ob man sich lieber an eine westliche, französisch geprägte Elite halten will, die das Geld mit vollen Händen ausgibt und lieber ihre Kinder auf europäische Internate schickt, als effiziente Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit zu lancieren oder ob man sich wirklich mit einem extremistischen Islam gemein machen will, der mehr oder weniger eine Rückkehr ins Mittelalter fordert und sich dem Kampf gegen die „Kuffar“ (die „Ungläubigen“) mit allen Mitteln, auch mit Terror und Gewalt, verschrieben hat, ist manchmal, als hätte man die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Und auch bei der Diskussion über das Burka-Verbot in Deutschland stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: Sicherheitsbedenken, weil das Gesicht einer Burka-oder Niqab-Trägerin nicht sichtbar ist? Der Kampf gegen eine extreme, rechtskonservative Ausrichtung des Islam, die in engem Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus steht und dem man deshalb hierzulande keinen Raum geben will? Oder die Angst, die eigene Kultur könne aufgeweicht werden, nicht nur die des christlichen Abendlandes, wie vielleicht die Anhänger von Pegida und AfD fürchten, sondern auch demokratische Werte, wie z. B. die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen?

#koelnhbf – ALLES „RASSISTISCHE HETZE“?

Letzteres ist eine Befürchtigung, die durch die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silversternacht, die v. a. auf das Konto von junger Männer aus Nordafrika gingen, weiter angefacht wurde. Auch wenn viele sich zu Recht wunderten, wie viele konservative und rechtspopulistische Politiker plötzlich ihr Herz für die Frauenrechte entdeckten, wäre es falsch, alles als bloße Hysterie, Islamophobie und latenten Rassismus abzutun. Aklice Schwarzer, die grande Dame des deutschen Feminismus verlor keine Zeit und legte nur kurze Zeit nach den Vorfällen in Köln ein Buch vor, das zunächst wenig Aufsehen erregte, jetzt aber, vermutlich im Rahmen der Burka-Debatte, erneut im Gespräch ist: Der Sammelband „Der Schock. Die Silversternacht von Köln“ sei „eine rassistische Hassschrift“, tat die Netzfeministin Theresa Bücker heute auf Twitter kund und verlinkte auf einen Text im „Missy Magazine“, der das Buch sehr kritisch rezensiert, d. h. eigentlich zerreißt der Beitrag von Mithu Sanyal Schwarzers Sammlung feministischer, islamkritischer Texte in so kleine Fetzen, dass außer den Schlagworten „Faschismus“, „Rassismus“ und „rassistische Übergriffe“ nicht viel übrig bleibt.

DIE RECHTE VON MIRGANTEN GEGEN DIE VON FRAUEN

Sanyal, so wird schnell deutlich, geht es um die muslimischen Männer und die Vorurteile, die weiße Frauen und Islamhasser jeglicher Couleur ihnen entgegenbringen: „Doch hat diese Rhetorik bereits Wirkung, wie die Änderung des Sexualstrafrechts zeigt, in der nicht nur endlich eine „Nein heißt Nein“-Regelung integriert, sondern auch ein Passus eingeschoben wurde, nach dem „nun ein aufgedrängter Zungenkuss schon zu einer Abschiebung in Kriegsgebiete führen kann“, wie die Abgeordnete der Linken, Halina Wawzyniak, bei der Debatte im Bundestag warnte.“ schreibt sie.

Das klingt seltsam misogyn für eine Feministin. Wie würde man bzw. frau denn reagieren, wenn man gebeten würde, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst nicht in Deutschland bleiben könne? Sicher, Sexualstrafrecht und Asylrecht sollten getrennt bleiben. Aber die Argumentation ist schief. Man könnte dann ja von Frauen, wie Sanyal und Wawzyniak auch verlangen, im Zweifelsfall eine Vergelwaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst vielleicht ins Gefängnis muss, seine Frau sich von ihm trennt und der Job bei der Sparkasse (oder wo auch immer) futsch ist. Ein Vergewaltiger muss bestraft werden. Punkt. Einfach damit klar ist, dass eine Vergewaltigung kein „Kavaliersdelikt“ ist, bei dem man schon einmal ein Auge zudrücken kann. Übrigens bei niemandem, auch nicht, wenn der Täter Deutscher ist.

FEMINISMUS & KULTURELLE DIFFERENZ

An Netz- und Queerfeministinnen wie Bücker und Sanyal kommt man (bzw. frau) heutzutage nicht vorbei, wenn man bzw. frau sich nicht gerade ausdrücklich als konservativ oder rechts bezeichnet. Und erfahrungsgemäß kommen Vorwürfe aller Art (man bzw. frau sei „rassistisch“, „sexistisch“, „homophob“, betreibe „Orientalismus“, vergreife sich am Kulturgut fremder Kulturen, was einem nicht zustünde, usw.) aus dieser Ecke schneller, als man das Wort „Toleranz“ aussprechen kann. Der Eifer im Einsatz für Frauen, Homosexuelle und andere Kulturen wirkt nicht nur überzogen, sondern gelegentlich auch etwas aufgesetzt. Ein Blick auf Mithu Sanyals Homepage verdeutlichte mir, wie polar die Debatte um Feminismus und Migration offenbar mittlerweile ist. Die freie Journalistin, die eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat, ist, so sieht es zumindest aus, (zieht man mal die Fernsehsender ab) überall dort gern gesehen, wo ich, vielfach ohne in irgendeiner Weise auf mich aufmerksam gemacht zu haben, aggressiv angefeindet wurde. Lange Zeit hatte ich nicht die leiseste Ahnung, warum. Natürlich kann ich Sanyal (und auch Bücker) das nicht anlasten. Es geht wohl – wie gesagt – zu einem guten Teil um ideologische Fronten, derer ich mir nicht bewusst war. Davon abgesehen kenne ich weder die eine noch die andere. Dennoch: zumindest ein Teil der Frauen kämpft mit sehr harten Bandagen und wird dabei schnell unfair, manchmal bis an die Grenze der Verleumdung und z.T. auch darüber hinaus. Nicht, dass ich Alice Schwarzer in Schutz nehmen wollte – die kann es sicher mit gleicher Münze heimzahlen – aber die Deutungshoheit über die Dinge liegt eben auch nicht bei Frauen wie Mithu Sanyal und Theresa Bücker.

Nicht einmal „aus der Perspektive der fremden Kultur“ oder eben der der berühmt-berüchtigten „Anderen“ zu argumentieren, können sie streng genommen für sich in Anspruch nehmen: Bücker als (vermutlich) Bio-Deutsche schon gar nicht, aber auch nicht Sanyal, die zwar eine dunkle Haut, familiär aber keine Wurzeln in der islamischen bzw. arabischen Welt hat. Nicht einmal eine arabische Muslima könnte stellvertretend für alle ihre „Schwestern“ sprechen. Dazu ist der Islam zu facettenreich, die Geschichte arabischer Länder zu wechselhaft und last but not least sind alle Menschen Individuen, ganz gleich, aus welcher Kultur sie stammen. In einer demokratischen Gesellschaft sollte jedem und jeder die Möglichkeit zugestanden werden, ein Wörtchen mitzureden.

DIE BEFREIUNG DER MUSLIMISCHEN FRAU

Fest steht jedenfalls: Die Burka und auch der Niqab sind nicht „typisch“ für den Islam. Deshalb ist es auch falsch und scheinheilig, zu behaupten, man setze sich „für die Befreiung der muslimischen Frau“ – vom Joch der westlichen Bevormundung – ein. Von deutscher Seite, wie es bei der Burka-Debatte z. T. der Fall war, wirken solche Argumente besonders widersprüchlich: Eine fremde Kultur will „die Muslima als solche“ von der fremden Kultur befreien? Natürlich steht es uns ebenso wenig zu, „die muslimische Frau“ in die andere Richtung zu „befreien“ – von der Unterdrückung durch den Islam, den arabischen Mann oder was auch immer. Das müssen die Frauen schon selbst tun. Allerdings können wir durchaus miteinander reden. Gern auch über deutsche Männer und deutsche Gepflogenheiten.

MIT „KANONEN AUF SPATZEN SCHIEßEN“?

Aber zurück zum Burka-Verbot im Rahmen der inneren Sicherheit, als Schutz vor terroristischen Anschlägen. Der wesentliche Grund für das Burka-Verbot in Frankreich und auch in Ländern wie Tunesien war, dass die Person hinter dem Gesichtsschleier nicht identifizierbar ist. Viele Gegner des Burka-Verbotes halten dagegen, dass das Verbot die furchtbaren Anschläge von Paris und Nizzza nicht verhindert habe. Ganz von der Hand zu weisen ist das als Argument nicht. Und vielleicht ist es wirklich in gewisser Weise ein „mit Kanonen auf Spatzen“ schießen, wenn man den Kampf gegen den Terror in erster Linie an einem Bekleidungsstück für Frauen festmachen will.

DIE MUSLIMISCHEN COMMUNITIES UNTER DRUCK

Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Erlaubnis der Burka, mehr noch das entschiedene und sehr lebhafte Engagement der Deutschen gegen das Burka-Verbot, Konsequenzen für die hier lebenden muslimischen Communities haben kann, besonders für die Frauen. Als es zur Debatte stand, ob eine deutsche Lehrerin ein Kopftuch tragen darf, fiel es mir nicht schwer, mir eine Meinung zu bilden: Entweder sind religiöse Symbole an öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten – dann dürfte aber auch das Kruzifix nur an konfessionellen Privatschulen hängen, nur dort dürfte ein Kettchen mit Kreuzanhänger getragen werden – oder aber es ist das gute Recht einer muslimischen Lehrerin, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Sie beeinträchtigt ja niemanden damit. Nur wenn sie es tun würde, wenn sie Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, z. B. als „Schlampen“ vorführen würde, die sich nicht wundern dürften, wenn die Jungs sie respektlos behandeln – dann wäre das Kopftuch ein Problem. Allerdings darf auch ein Lehrer, der der AfD oder Pegida nahesteht, das seine Schüler nicht spüren lassen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Neutralität wahren. Das gilt für alle gleichermaßen.

Was Burka und Niqab betrifft, ist es allerdings nicht damit getan, darauf zu verweisen, dass Deutsche ja auch Krachtlederne und Dirndl tragen dürften. Der Haken ist die Freiwilligkeit. Nur sehr wenige Frauen würden sich wahrscheinlich auch dann vollständig verschleiern, wenn sie das Einverständnis ihrer Familien und/oder Ehemänner hätten, sich westlich zu kleiden oder „nur“ Kopftuch zu tragen. Umgekehrt würden es aber wohl auch nur wenige wagen, sich den Zorn der Eltern, Geschwister und Nachbarn zuzuziehen, vielleicht sogar den vollständigen Bruch mit der Familie zu riskieren, wenn sie den Schleier ablegen. Wäre die Burka verboten, gäbe es ein kleines Schlupfloch. Ist sie erlaubt und wird diese Erlaubnis vielleicht sogar von weiten Teilen der Gesellschaft ausdrücklich begrüßt, muss sie vermutlich da, wo Wert darauf gelegt wird, auch getragen werden. Konservativ-religiöse Kräfte würden innerhalb der muslimischen Communities mehr Gewicht erlangen.

BURKA-VERBOT = BURKINI-VERBOT?

Einen deutlich anderen Akzent hat das „Burkini“-Verbot, das im Moment in Frankreich diskutiert wird. Der „Burkini“ ist eine Badebekleidung für muslimische Frauen, die nicht allzu viel Haut zeigen wollen. Im Prinzip ist es wie eine Leggings mit einem langärmligen T-Shirt, darüber ein kurzes Spaghetti-Trägerkleidchen und oben herum ein Kopftuch. Ein ähnlicher Style war vor ein paar Jahren in Berlin in Mode, ohne Kopftuch auch unter nicht-muslimischen Frauen. Ein Sicherheitsrisiko kann man im „Burkini“ wohl nicht sehen. Und ob die Freiheiten der Frauen, die ihn tragen, eingeschränkt sind oder nicht, hängt nicht von dem Kleidungsstück ab, sondern vom sozialen Umfeld der „Burkini“-Trägerinnen. Vermutlich richtet sich das „Burkini“-Verbot daher tatsächlich eher gegen die öffentliche Sichtbarkeit eines Islam, der sich von europäischen Sitten abgrenzen will, als dass es die französische Gesellschaft besser vor Terrorismus schützen würde.

OFFENHEIT ALS PRINZIP

Dennoch: Der radikale Islam ist weder eine Naturgewalt, noch etwas, das typisch für die arabische Welt wäre. Dass immer mehr junge Leute Halt im Salafismus suchen und vielen von ihnen sich leicht manipulieren und für Terrorakte rekrutieren lassen, hat wohl in erster Linie soziale Ursachen. Vielleicht würde es sich lohnen, Debatten und Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Bosnien, Belgien, Tunesien und anderen Ländern zu beobachten, zu vergleichen und sich da, wo es möglich ist, miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen oder wenigstens aus den Fehlern der anderen zu lernen. In jedem Fall aber muss die öffentliche Debatte hierzulande offen bleiben, auch kritischen Stimmen zur Burka gegenüber. Das zumindest ist meine Meinung und ich bin noch nicht einmal für ein Verbot.

 

Brust raus gegen Rechts!

Um ein Haar hätte ich es retweetet. Auf Twitter landete vor ein paar Tagen ein Tweet in meiner Timeline, der sich über’s Brüstezeigen lustig machte. Genauer gesagt: über eine neue Form der Bigotterie: unter dem Hashtag #nippelstatthetze kursierte – wohl schon vor längerer Zeit, aber offenbar wieder hochgekocht – ein Foto im Netz, das einen angeranzten Tennissockenträger und eine nackte Schönheit mit XXL-Brüsten zeigt. Der Tennissockenträger, die Sorte Typ, die man bzw. frau normalerweise mit Begriffen wie „Mantafahrer“ und „Unterschichtenfernsehen“ assoziiert, hält ein Stück Pappkarton hoch, auf dem in ungelenker Schrift steht: „Kauft nicht bei Kanaken“. Rechts oben ist das Kleingedruckte zu lesen, in diesem Fall die Essenz der Botschaft: „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“. #nippelstatthetze also, Hipsterhumor, alles ironisch gemeint. Warum darf man keine Brüste zeigen, dafür aber fremdenfeindliche Hetze posten? Ganz abgesehen davon, dass Brüste, zumal richtig schön große, ja auch ein echter Hingucker sind und in diesem Fall nur der Sache dienen: dem Engegament gegen Rechts.

Der Tweet, den ich fast retweetet hätte, spottete – sinngemäß und soweit ich mich erinnere – dass die gleichen Leute, die sexistische Werbung im öffentlichen Raum verbieten wollen, jetzt offenbar begeistert sind, einen Frauenkörper, der einem Pornostar alle Ehre gemacht hätte, bis auf einen knappen schwarzen Slip unzensiert und für alle öffentlich zugänglich im Netz zirkulieren zu sehen. Ich hatte den Tweet als Retweet in meiner Timeline. Und – wie gesagt – meine spontane Reaktion war eigentlich: retweet, klack, Herzchen, Zustimmung, finish. Selten war ich mir so sicher. Genauso intuitiv habe ich es dann allerdings doch nicht getan. Und das hatte seine Gründe.

Ein paar Tage später stolperte ich per Zufall über einen Tweet der Netzfeministin Anne Wizorek, die über den anderen Tweet förmlich herfiel: „kann’s sein, dass hier jemand den unterschied subjekt vs. objekt nicht kennt?“ ätzte Wizorek am 11. April. Ich sah, dass der Ursprungstweet bereits gelöscht war. Wäre ich eine Comicfigur, hätte über meinem Kopf wohl eine Gedankenblase mit drei dicken Fragezeigen geschwebt. So schlimm war das doch wohl nicht?! Oder doch?!

Unter der Headline „Eine nackte Frau zum Rasenmäher“ macht sich Heide Oestreich am 12. April in der taz Sorgen um Esstörungen. Das Verbot von sexistischer Werbung sei eher eine Art „Jugendschutz“ und keinesfalls „Zensur“, schreibt Oestreich. Junge Mädchen müssten begreifen, dass es nicht nur darum ginge, „Männern“ zu „gefallen“. Die weibliche Jugend kotzt sich also die Seele aus dem Leib, um mit dem sexy Busenwunder aus der Werbung mithalten zu können? Ist es wirklich so einfach? Sind junge Frauen so dumm und so sehr darauf fixiert, Nabelschau mit dem eigenen Körper zu betreiben, dass man (bzw. frau) sie gewissermaßen vor sich selbst schützen muss?

Anne Wizorek, die wohl mehr oder weniger eine Generation jünger ist als Heide Oestreich, hebt eher darauf ab, ob Frauen SELBST entscheiden, sich nackt zu zeigen oder nicht. Das erinnert an einen Feminismus à la Femen, wo junge Frauen vor ein paar Jahren damit Furore machten, öffentlich, zu wichtigen politischen Anlässen ihren Busen entblößten und damit eine Menge mediale Aufmerksamkeit einkassierten. Inhaltlich – politisch – genutzt hat es wohl eher wenig. Irgendwo habe ich damals außerdem mal gelesen, dass es seinen Sinn gehabt hätte, dass die Femen-Frauen alle jung und überaus attraktiv waren. Mit hässlichen Frauen wäre man weitaus brutaler umgesprungen …

Wenn man bedenkt, dass Femen in der Ukraine gegründet wurde (wie auch auf Wikipedia nachzulesen ist) ist es noch irgendwie nachvollziehbar, dass dieser Feminismus so sehr auf die Zurschaustellung nackter junger Frauenkörper abzielte. Man könnte darin eine Provokation sehen, gegen das Wiedererstarken der Kirchen und einer konservativen Sexualmoral, die das Heimchen am Herd, die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Gegenentwurf zu einem Sozialismus propagiert, der sich seinerseits durch falsche Heilsversprechungen und Doppelmoral diskreditiert hatte. Man könnte auch an eine Persiflage auf das Bild, das man in den Nullerjahren von osteuropäischen Frauen hatte, denken. All das ist aber im Sande verlaufen. Die Kirche ist in vielen osteuropäischen Ländern heute stärker denn je, ein kaum erträglicher Nationalismus, der teilweise bereits in faschistische Allüren übergegangen ist, hat sich fast überall breit gemacht und die Ukraine ist mehr denn je ein von Korruption, Krieg und Gewalt zerrüttetes Land ….

So viel bringt das Busen zeigen politisch also wohl nicht. Ist es letzten Endes doch nur ein modern gewordener weiblicher Narzissmus, ein krankhaft übersteigerter Drang danach, dass der eigene Körper gesehen – und möglichst auch bewundert – werden soll? Dazu darf er keine Makel haben, denn, wie auch bei Femen gilt: Es ist nicht so süß, wenn sich eine, die nicht mehr Anfang 20 ist, nicht gertenschlank und wohlgeformt, als Nacktstar in der Öffentlichkeit produziert. Dann wirkt es eher arm, als hätte es eine nötig, verzweifelt um die Aufmerksamkeit von Männern zu buhlen. So eine will keine sein. Dann doch lieber hungern und kotzen.

Es passt, dass die jungen Möchtegern-Barbies schnell dabei sind, wenn es darum geht, andere Frauen zu verhöhnen und runterzuputzen – Germany’s next Topmodel lässt grüßen! Und es passt, dass Frauen, die dem allgemeinen Schönheitsideal nicht so sehr entsprechen, noch viel aggressiver sind – Es ist wie die Reise nach Jerusalem, das alte Spiel, bei dem keiner derjenige sein will, der, wenn die Musik aufhört, keinen Stuhl zum Sitzen hat. Keine will die frustrierte, spaßfeindliche Zicke sein, die kein Mann will. Alle wollen begehrliche – gern auch neidische – Blicke auf sich spüren. Es passt, dass viele auch glauben, auch etwas mit Frauen anfangen zu können – eine neue Bühne, auf der der eigene Körper beklatscht werden kann. Obwohl das jetzt gemein ist, das so zu schreiben. Es sind ja auch nicht alle Frauen gemeint, die sich für Feminismus engagieren und es trifft auch nicht auf alle mit gleicher Härte zu. Klar. Trotzdem: wer meint, sich selbst enblößen zu müssen – und sei es nur unter dem Vorwand des „guten Zweckes“ – darf nicht jammern, wenn es andere auch tun – und wenn auch nur gegen Geld. That’s the Game. Ob Euro oder Aufmerksamkeit macht sich letztendlich nicht viel. Und gegen Esstörungen hilft letztendlich nur die Erkenntnis, auch dann gut, liebens- und begehrenswert zu sein, wenn die andere den schöneren Busen hat. Davon hat man bzw. frau dann auch noch etwas, wenn die ersten Fältchen kommen. Vielleicht hätte ich doch schneller auf das Retweet-Icon drücken sollen ….

Helfershelfer der Rechtspopulisten? Anmerkungen zum 13. März

Vor ein paar Wochen machte eine Geschichte die Runde im Internet: Ein kränkelnder Flüchtling, ein junger Mann, soll auf dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Versorgung (LaGeSo) so lange angestanden haben, dass er schließlich an Entkräftung gestorben sei. Die Geschichte, die einer der ehrenamtlichen Helfer im Internet verbreitet hatte, hatte nur einen Haken – sie war frei erfunden. Kritisch zu dem Vorfall äußerte sich u. a. die linke Berliner Tageszeitung. Vielleicht wollte besagter Helfer mal in der Zeitung stehen. Oder es war – wie behauptet wurde – tatsächlich ein ungeschickter Versuch, auf die Missstände am LaGeSo aufmerksam zu machen. Aber – und diese Variante scheint mir mittlerweile gar nicht mehr so abwegig zu sein –vielleicht steckte auch ein heimlicher, gut versteckter Groll auf die Flüchtlinge dahinter. Kaum etwas ist besser geeignet, um die Leute zu diskreditieren, als eine herzzerreißende, gefühlige Geschichte, die sich letztendlich aber als falsch erweist. Im Sommer hatten sich Rechtsradikale mehrfach an solchen Hoaxen versucht, wie u. a. das Internetportal Meedia berichtete.

Oder die Ereignisse der Silvesternacht in Köln: Es gab tatsächlich Frauen, sogar einige, die sich als Feministinnen bezeichnen, die die Schuld bei den jungen Mädchen sehen wollen, die so ungeniert offenherzig gekleidet am Kölner Hauptbahnhof gefeiert hätten. Noch vor kurzem hörte ich eine Frau aus der Berliner queerfeministischen Szene pampen, dass die Männer ja wohl zum ersten Mal so leicht bekleidete Frauen gesehen hätten. Und überhaupt, es gebe doch wohl genug Sexismus in Deutschland. Vielleicht solle man sich erst einmal darum kümmern.

Natürlich stimmt es, dass auch deutsche Männer sich manchmal sexuell übergriffig verhalten. Aber wenn Frauen (oder Männer) für Flüchtlinge eine Art Akklimatisierungsbonus verlangen, dann sollten sie sich vielleicht erst einmal selbst zum Austoben zur Verfügung stellen. Niemand möchte sich aus „Verständnis“ für die „fremde Kultur“ vergewaltigen lassen. Nicht einmal Mutter Theresa, die albanische Nonne, die ihr Leben den Armen und Kranken dieser Welt gewidmet hatte, wäre so weit gegangen.

Allerdings ist es auch keine Lösung, wenn man, weil es Probleme mit einigen Flüchtlingen gab, dann gleich per se allen Hausverbot erteilt. Offenbar hatte man in einigen Diskotheken und Schwimmbädern so auf die Vorfälle in Köln reagiert. Das hat vermutlich zu einem ethnisch homogeneren Tanz- und Badespaß führt – falls man Wert darauf legt. Wirklich geholfen hat es gegen sexistische Übergriffe aber wahrscheinlich nicht. Trotzdem, auch der Freiburger Club White Rabbit, eine linke Institution, hat Flüchtlingen Hausverbot erteilt. Allerdings nur denen, die sich partout nicht damit anfreunden konnten, dass Grapschen nicht okay ist, so stand es z. B. auf jetzt.de und anderswo.

Na und? Wer Mist macht, der muss auch dafür geradestehen, ob Flüchtling oder nicht – oder?! Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart hatte sich in der Welt gegen einen „Bonus für Nationalität“ ausgesprochen und ihre Parteigenossin Claudia Roth – eigentlich eher als Hardlinerin in Sachen Multikulti bekannt – sagt in der Talkshow „Maybritt Illner„, dass man natürlich zwischen Flüchtlingen und Deutschen keinen Unterschied machen könne, wenn es um Kriminalität ginge. Nur, ergänzt Roth, sei es falsch, jemanden von vornherein zu verdächtigen, nur weil er oder sie Araber sei. Dem kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen …

Aber die Häme nervt, mit der gerade Konservative jetzt gern über Linke herfallen, sobald sich eine Gelegenheit dazu zu bieten scheint, sie als „flüchtlings-“ bzw. „ausländefeindlich“ oder gar „rassistisch“ vorzuführen. Kai Diekmann von der Bild hatte es mit dem linken Fussballclub Sankt Pauli versucht. Das Internet kam Sankt Pauli zu Hilfe, wie u. a. die deutschssprachige Ausgabe des Magazins Vice berichtete.

Und dann die Debatte über Sozialleistungen, die Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) entfacht hatte: Ja, ein bisschen hatte es so geklungen, als bräuchte man jetzt eine Tüte Bonbons, um die unartigen Kinder ruhig zu stellen, weil doch die ganze Energie für die kleinen Nesthäkchen draufgegangen ist. Andererseits – konservative Kritiker wie Jan Fleischhauer, der sich in seiner Spiegel Online-Kolumne über den vermeintlichen Neid des „White Trash“ auf die Flüchtlinge ausgelassen hatte, hocken manchmal verblüffend realitätsfern in ihrem journalistischen Elfenbeinturm: Natürlich kostet Integration Geld, was nicht heißt, dass man darauf verzichten könnte oder sollte. Aber die Frage, wer es eher Wert ist, mit viel Aufwand gefördert zu werden, um am Wohlstand dieser Gesellschaft teilhaben zu können, drängt sich auf. Handwerker, deren Job in den Nuller Jahren nach Pakistan oder Bangladesh ausgelagert wurde, werden sie anders beantworten, als junge Hipster, die sich, wenn sie sich irgendwo bewerben, v. a. darum sorgen, ob der neue Working Space auch ein Spa oder anderen Annehmlichkeiten zum Relaxen bereithält. Vielleicht sollte man es auch mal aus dieser Perspektive sehen.

Nicht zuletzt deshalb ist es auch mehr als unglücklich, wenn dann auch noch verlangt wird, dass auch EU-Ausländer vom ersten Tag ihes Aufenthaltes in Deutschland an Hartz-IV und andere Sozialleistungen erhalten sollten, wofür sich u. a. Werner Hesse, der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, ausgesprochen hatte. Ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofes sieht eine solche Gleichstellung aller Bürger der EU zu den Deutschen nicht vor, wie u. a. die Deutsche Welle berichtet, die auch Hesse anführt. Außerdem sind solche Forderungen ziemlich unrealistisch, denn potentiell stünde damit ausnahmslos jedem (!) EU-Bürger zumindest potentiell Hartz-IV in Deutschland zu und zwar sofort, von der ersten Minute an. Das ist gar nicht leistbar, selbst für ein reiches Land wie Deutschland nicht. Dass die deutsche Austeritätspolitik v. a. in Südeuropa zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit und zum Abbau sozialer Sicherung geführt hat, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Die Frage ist nur, ob man das auf die sozial Schwachen der deutschen Gesellschaft abwälzen will und das – als wäre es damit nicht genug – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo von „Verdrängungsprozessen“ durch die Flüchtlinge die Rede ist. Muss man da die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch mehr zuspitzen?

Angela Merkel, die für ihre Flüchtlingspolitik im Moment überall gefeiert wird, ist übrigens gar nicht so sehr mit Maximalforderungen an die Bevölkerung getreten. Und auch viele Politiker klassisch Einwanderungsfreundlicher Parteien, wie der Grünen, haben sich weitaus zurückhaltender geäußert, als man es auf den ersten Blick vielleicht hätte erwarten können. Allerdings – wer wirklich an offenen Grenzen festhalten will, hat auch ein Interesse daran, Konzepte zu entwickeln, die umsetzbar sind und auch dann in der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen, wenn man nicht damit droht, ansonsten alle in die rechte Ecke zu stellen. Auch wenn man über Einzelfragen und moralische Ansprüche sicherlich diskutieren kann – Wer allzu radikal „pro refugee“ auftritt, will vielleicht vor allem eines: Der AfD am Wochenende kräftig Stimmen bescheren. Hoffentlich fällt darauf am Sonntag niemand herein!

Frauen oder Flüchtlinge – Ist das hier die Frage?

Ich hätte mich mal wieder aufregen können! Da verabreden sich an Silvester jede Menge Männer aus Nordafrika, um in Köln am Hauptbahnhof und in Hamburg auf der Reeperbahn Frauen dumm anzumachen und ihnen das Handy zu klauen, wie in in den Medien berichtet wurde, und das erste, was einige gleich wieder mutmaßen, ist, dass es sich um eine rassistische Berichterstattung handelt.

MIT ZWEIERLEI MAß MESSEN

Klar: Fremder Mann gegen weiße Frau, klingt fast wie aus der Mottenkiste der Vorurteile gegriffen. Da wundert es einen kaum, dass der Rassismusvorwurf aus der Ecke kommt, aus der er meistens kommt: von einem Teil der radikalen Jung- und nicht-mehr-ganz-so-jung-AktivistInnen, die – egal ob Feminismus, Gender, Queer oder Multikulti – so ziemlich alles Emanzipatorische für sich gepachtet haben und es mit anderen ganz genau nehmen. In jeder Hinsicht. Nein, natürlich sind nicht alle so, die sich in dem Bereich engagieren – in gewisser Weise tue ich das ja auch – und man muss auch ganz schön ein Rad abhaben, um sich selbst als Instanz in Sachen Feminismus aufzuspielen und dann mit Rassismus zu kommen, wenn es um sexuelle Übergriffe geht, aber angeblich ist das was anderes, wenn es „refugees“ oder „men of color“ sind. Nicht, dass es Rassismus nicht wirklich gäbe, aber trotzdem …

DIE NEUEN „FRAUENFREUNDE“

Die andere Seite ist allerdings kaum besser. Komisch, wer sich da plötzlich alles so sehr um das Wohl von Frauen sorgt. Warum gibt es jetzt keinen #aufschrei, fragte der CDU-Politiker Jens Spahn auf Twitter – Das kann man u. a. in der Zeit nachlesen. Andere zogen nach. Ob das nur schlimm sei, wenn man als deutscher Politiker mal daneben liegt und eine schwülstige Dirndl-Fantasie zum Besten gibt, wie der Brüderle damals? Hm ja, ich finde, das ist wie mit diesen aktivistischen Genderfrauen: In der Sache ist es natürlich richtig, dass man sexuelle Übergriffe grundsätzlich kritisieren sollte, egal von wem sie ausgehen. Aber da ist so ein Unterton, der nervt. Sicher, ich will niemandem etwas unterstellen, aber bei einigen klingt es so, als ob es v. a. darum geht, endlich mal was in der Hand zu haben, womit man gegen die Flüchtlinge oder auch ganz allgemein gegen Einwanderung wettern kann, ohne dabei dumm dazustehen.

 ENTWEDER … ODER ODER WAS?

Frauenrechte als Vorwand, um Stimmung gegen Migranten zu machen, ist natürlich echt schäbig – ich meine jetzt für die Fälle, wo das eine Rolle gespielt hat. In meinem Namen sprecht ihr jedenfalls nicht! Aber die Leute, die den Flüchtlingen am liebsten einen Heiligenschein aufsetzen wollen und immer schnell dabei sind, alles herunterzuspielen, wenn es irgendwo mal wirklich Probleme gibt, helfen auch niemandem. Ganz im Gegenteil, das bringt die Leute nur noch mehr auf, auch die, die genug Männer aus Ländern kennen, in denen der Islam als Religion überwiegt, um zu wissen, dass sexuelle Übergriffe und Diebstahl auch dort nicht zum guten Ton gehören, schon gar nicht in dem Ausmaß. Sicherlich gibt es kulturell bedingte Unterschiede in der Auffassung der Geschlechterrollen, aber selbst ein hartgesottener Macho kann höflich bleiben und seine Hände für sich behalten. Es ist immerhin etwas anderes, ob jemand nicht so recht an die Gleichheit von Mann und Frau glauben will – eine Einstellung, die man nicht gerade fördern muss, die aber unter Migranten mit muslimischem Hintergrund vermutlich keine Seltenheit ist – oder ob man Frauen regelrecht anfällt und sie außerdem noch beklaut. In solchen Dingen muss man nun wirklich niemandem „entgegenkommen“. Das wäre eine Form von „Toleranz“, die fehl am Platze ist, u. a. auch, weil sie Migranten eher beschämt, als dass sie sie in Schutz nehmen würde.

WENN ZWEI SICH STREITEN …

Bei so viel erhitzter Debatte fragt man sich am Ende natürlich schon, wohin das Ganze noch führen soll. Heißt es nicht immer: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“? Nicht, dass ich hier Verschwörungstheorien spinnen wollte, aber was wäre – nur mal so als Gedankenspiel – wenn es da jemanden im Hintergrund gäbe, dem das ganz gut in den Kram passen würde, wenn die Leute sich hier ständig gegenseitig an die Gurgel gehen? Irgendwie hat das doch fast schon System und auch wenn es nicht so ist – überlassen wir den Spaltern und Hetzern doch nicht das Feld! Egal von welcher Seite sie kommen. #refugeeswelcome! Sexuelle Übergriffe nicht!

Einfach ein nettes Mädchen

NicegirlB

Nicegirl ist eine von denen, die man einfach mögen muss. Die eierlegende Wollmilchsau kennt sie noch aus dem Studium. Immer gut gelaunt, immer nett zu allen. Nicegirl zwitschert, fragt freundlich, wie es einem geht. Man sehe ja gar nicht gut aus. Kulleräugiges, besorgtes Gesicht. Der Tag ist im Eimer. Eigentlich hatte man sich großartig gefühlt. Bis gerade eben. Haben die langen Kneipennächte vom Wochenende sich einem derartig in’s Gesicht gefressen, dass das irgendwie Anlass zur Sorge bietet? Na, egal.

TEAMWORK MAL ANDERS

Arbeitsgruppe für’s Seminar: Nicegirl kann leider nicht kommen. Da ist eine kranke Oma, die sie besuchen muss. Wird man da herzlos sein? Nein, nein, das verstehen schon alle. Das nächste Mal kann Nicegirl leider auch nicht. Ihr Hamster ist gestorben und sie ist total fertig. Da wird man doch Verständnis haben. Ja, klar. Dann die beste Freundin, die gerade Liebeskummer hat. Sie kann sie doch nicht allein lassen. Die Nachbarin, für die sie babysitten muss. Irgendwie war Nicegirl einfach nicht so gut in die Arbeitsgruppe eingebunden. Es hat fast den Anschein, dass die anderen sie bei der Terminplanung nicht so richtig berücksichtigt haben. Ja, man könnte sogar sagen, dass sie Nicegirl ein bisschen ausgegrenzt haben. So empfindet sie es zumindest. Sie vertraut sich dem Seminarleiter an. Natürlich geht es so nicht. Der Seminarleiter spricht ein Machtwort. Nicegirl wird die Ergebnisse der Arbeitsgruppe im Seminar vortragen. So kann sie sich auch einbringen. Eine faire Lösung. Auch an der Uni sind keine Einzelkämpfer mehr gefragt, die sich in ihrem Elfenbeinturm verschanzen und glauben, ihre soziale Inkompetenz hinter Bücherbergen und dicken Brillengläsern verstecken zu können. Man nimmt sich vor, acht zu geben, auf so zarte Pflänzchen wie Nicegirl.

DIE SCHWACHEN FÖRDERN

Im Seminar grübelt Nicegirl darüber nach, ob sie sich die Fingernägel tatsächlich so lackieren soll, wie sie es in der „Jolie“ gesehen hat, da dringt die Stimme der jungen Doktorandin an ihr Ohr: „Nicegirl! Was denken Sie denn über die Thesen von Gilles Deleuze? Sie haben doch den französischen Poststrukturalismus neulich so wunderbar für Ihre Arbeitsgruppe zusammengefasst.“ Nicegirl hat keinen blassen Schimmer. Sie überlegt, was sie jetzt tun soll. Stille. Die Zeit verstreicht quälend langsam. Dann druckst Nicegirl herum: „Also, ähem, das scheint mir alles nicht so plausibel zu sein, wenn ich näher darüber nachdenke.“ Die junge Doktorandin strahlt. Sie hatte sich fest vorgenommen, dass sie junge Frauen wie Nicegirl für die Wissenschaft begeistern würde. Und siehe da! Es zeigen sich erste Erfolge. Der Seminarleiter flüstert der jungen Doktorandin zu: „Die anderen lassen sie jetzt auch mal kommen. Die haben wirklich an Sozialverhalten dazugelernt.“

EIN NEUER STERN GEHT AUF

Nicegirl übernimmt jetzt fast immer die Präsentation in den Arbeitsgruppen. Immerhin – und das hat sie den anderen auch klargemacht – ist Präsentieren ihre Stärke. Bald hat sie Übung im wissenschaftlichen Vortragen. Wenn sie es macht, dann wirkt es wirklich kompetent. Das spricht sich herum an der Uni. Ein neuer Stern geht auf am akademischen Himmel. Und – das wollen wir doch einmal festhalten! – eine junge Frau, die sich geradezu aufopfert für andere, für ihre Freunde und ihre Familie. Die Frauenbeauftragten aller Fachbereiche drehen schier durch vor Begeisterung. Hatten sie es nicht gesagt? Das ist Feminismus! Echte Frauenpower! Und endlich mal nicht dieser lesbisch wirkende Frauentyp, der sich in Frauencafés und im Studierendenparlament herumtreibt und dort das große Wort schwingt. Eine wie Nicegirl ist einfach gut für’s Image. Da sehen Männer, dass Feministinnen heute keine frustrierten Lilalatzhosenträgerinnen mehr sind.

Schon bald ist Nicegirl Hiwi und für ihren weiteren Werdegang kann sie dann auch wirklich empfohlen werden. Irgendwann hält sie die Bewerbungsunterlagen der eiegerlegenden Wollmilchsau in der Hand. Sie denkt sich: „Na ja, sie hat ja gute Noten. Aber Persönlichkeit ist mir auch ‚was wert. Und die war doch nie sozial. Und einen Praxisbezug hat sie auch nicht. Nein, das kann ich nicht brauchen!“