Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

#Orly. Oder: Unheilige Allianzen

Teil I: #Orly. Oder: Mach die Hunde scharf!

Am Pariser Flughafen Orly ging gestern erst einmal gar nichts mehr. Ein Mann ist erschossen worden, der möglicherweise Unheil anrichten wollte, ein „Gefährder“: Araber, Islamist, eine Vergangenheit als Kleinkrimineller, vielleicht psychisch labil – kurz: Das übliche Profil des modernen Attentäters. „Einsame Wölfe“, Menschen, die viel Ablehnung und Ungerechtigkeit erfahren haben und deren Möglichkeiten in den prosperierenden Gesellschaften des Westens von vornherein begrenzt waren lassen sich offenbar sehr gut für die menschenverachtenden Ziele von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat einspannen.

Doch wie wird aus einem aggressiven Kleinkriminellen ein potentieller Massenmörder? Was macht aus jemandem, der Halt und Identität suchte, jemanden, der bereit ist, wahllos Menschen umzubringen? Wie kann jemand, der sich über eine demonstrative Religiosität ein positives Selbstbild aufbauen wollte, gegen eine Gesellschaft, die ihn als „Beur“ oder „Kanaken“ verachtete, zu dem Schluss kommen, dass im Namen dieser Religion Hass und Gewalt gesäht werden müsse?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich glaube, dass sich extremistische Gruppierungen gezielt labile Menschen mit geringem Selbstwertgefühl herauspicken, weil sie davon ausgehen, dass sie sich leicht manipulieren und aufhetzen lassen: Menschen, die man scharf machen kann wie eine Handgranate oder einen Pitbullterrier und die man vor den eigenen Karren spannen kann, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen.

Das geht auch am anderen Rand der Gesellschaft. Rechtsextremismus, so könnte man denken, verträgt sich nicht mit dem Einsatz für schwache, marginalisierte Menschen. Weiß man nicht aus dem Nationalsozialismus, dass die selbsternannten „Herrenmenschen“ nichts als Verachtung z. B. für psychisch Kranke übrig hatten? Und ist nicht allgemein bekannt, dass rechtspopulistische Parteien wie die AfD einen rüden, wirtschaftsliberalen Kurs verfolgen, der kaum vorsieht, z. B. Langzeitarbeitslose auf Rosen zu betten? Gerade sozial schwache Menschen müssten eigentlich ein vitales Interesse daran haben, dass das Recht des Stärkeren nicht gilt.

Dennoch bietet sich auf AfD-Veranstaltungen, soweit man es von außen sehen kann, ein bizarres Bild von Herrschaften in luxuriöser Abendgarderobe und vereinzelten Menschen in abgerissen wirkender Alltagskleidung, die eher nach Jobcenter und miefiger Dauerarmut aussehen als nach gediegen-konservativer Elite und deutschnationalen Altherren-Netzwerken mit Schmiss.

Und unter den Rechstextremen finden sich paradoxerweise sogar überraschend viele psychisch Kranke, man denke nur an die sog. „Reichsbürger“ oder die „Druiden“, rechtsextreme Mittelalterfans, von denen einige auch nicht erst seit gestern mit einem elitären, esoterischen Denken à la Evola sympathisieren.

Teil II: 7 Gesichter des Hasses – Unheilige Allianzen

Aber kommt es wirklich nur von rechts? Selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir insbesondere Menschen zürnen und mit Aggressionen begegnen, die eigentlich doch ähnlich denken müssten wie ich. Nur dass sie meine Feinde lieber mögen. Ja, genau genommen ist es sogar so, dass sogar jeder Nazi sind ihnen immer noch lieber sind als ich. Vermutlich stimmt das.

Nach allem, was ich bislang weiß, haben meine Feinde allerdings ein paar Gemeinsamkeiten:

  1. Adipositas

Fast überall, wo ich Ärger hatte und angefeindet wurde, spielte bislang jemand (nicht nur Frauen, auch Männer) mit Adipositas bzw. sehr starkem Übergewicht eine Rolle. Ist mir nur so aufgefallen …

  1. Linkspartei, Querfront, bürgerlich-rechtes & rechtsextremes Spektrum

Viele meiner Feinde haben einen Bezug zur Linkspartei (ich übrigens selbst nicht), einige auch zu alten Stasi-Seilschaften, andere wiederum sind zu den Grünen gewechselt oder friedenspolitisch aktiv. Es muss auch ein Bezug zum rechtsliberalen und konservativen Milieu geben (AfD, ALFA, rechter Rand der FDP und der CDU, mit ausgeprägter Islamfeindlichkeit und einem Draht nach Frankreich, bei den Linken eher eine Tendenz zum Antisemitismus) sowie zu den rechtsextremen „Identitären“ und zu den „Autonomen Nazionalisten“. Interessanterweise kenne ich übrigens dieses Triezen mit z. B. „Die eigentliche Rassistin/Antisemitin bist aber doch du!“, „Die Homosexuellen/Ausländer/Juden mögen dich aber nicht! (sondern nur mich!)“ eigentlich auch eher von Rechnten und Konservativen. Einige der Menschen, die mir über den Weg gelaufen sind, kann man ideologisch mit an Sicherheit grenzender Wahrhscheinlichkeit dem sog. „Querfrontmilieu“ zuschlagen (Ken Jebsen, Kopp-Verlag). Das trifft sowohl auf Leute aus meiner Vergangenheit zu (auch wenn ich nicht weiß, auf wen genau, nur dass sich in der Stadt, wo ich studiert habe, im linken Milieu ebenfalls ein Rechtsruck vollzogen hat. Ich hoffe, es ist niemand dabei, auf den oder die ich mal große Stücke gehalten habe!) als auch auf Leute, die ich in Berlin kennen gelernt habe.

  1. Frauen- und Genderforschung, Queerfeminismus

Viele meiner Feinde haben oder hatten mit Frauen- und Genderforschung zu tun und engagieren sich für den Queerfeminismus. Die meisten betrachten sich auch selbst als „Queer“. Hier kann ich ziemlich sicher sagen, dass es um Frauen von meiner Uni geht, zumal die auch schon damals versucht hatten, mir dicke Frauen „aus Berlin“, wie es hieß, aufzuhalsen und es zu der Zeit (nach meinem Uni-Abschluss) auch mit den sexuellen Belästigungen durch andere Frauen („Iiih, die Lesbe!“) und der Idee, mir alles Unangenehme aufzuhalsen, anfing. Trotzdem – dass jede Frau, die für Gleichberechtigung eintritt, eine gestörte Existenz ist, die es nur darauf anlegt, andere Frauen zu demütigen, ist nun auch mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht geht es eher um eine oder mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die sich offiziell zwar auch für Feminismus stark gemacht haben (oder es zu einem späteren Zeitpunkt getan haben), evtl. sogar Geld damit verdient haben (oder jetzt Geld damit verdienen), denen aber Äußerlichkeiten, heterosexuelle Weiblichkeit und (überlegene!) Attraktivität für Männer ausgesprochen wichtig war – Stichwort: „Germany’s next Topmodel“ …

  1. „Opfer“, die es besser getroffen haben als ihre „Unterdrücker“

Fast allen meiner Feinde geht es besser als mir (obwohl ich umgekehrt als der „Unterdrücker“ und „Klassenfeind“ erscheinen soll): Fast alle haben irgendwie die Rolle des „kleinen Lieblings“ inne. Man kennt das ja, das Lieblingskind, oft das kleine Nesthäkchen, der Augapfel seiner Eltern, der (oder die) sich alles erlauben kann und es weidlich ausnutzt.

Meine Feinde sind, falls sie studiert haben, an der Uni speziell gefördert worden und haben generell einen guten Draht zur Macht (zu Professoren oder aber z. B. zu Politikern, zu Mitarbeitern im Jobcenter, usw.), aber nicht unbedingt zu ihrer Peer-Group.

  1. Mobbing – nicht zum ersten Mal

Fast alle meiner Feinde sind schon öfters mit Mobbing aufgefallen. Es sind im Großen und Ganzen eher unbeliebte Menschen, die aggressiv und arrogant auftreten und andere, zumindest da, wo Höflichkeit vermeintlich nicht nötig ist, mit Herablassung oder sogar Verachtung behandeln.

  1. Menschen, die Beschützerinstinkte wecken

Zu vielen dieser Leute muss man aber trotzdem nett sein, weil sie in irgendeiner Weise Beschützerinstinkte wecken (z. B. weil sie Adipositas haben, sonstwie psychisch krank sind, sich besonders feminin geben (das „hilflose Weibchen“, dem man dann wieder den Rücken stärken muss), sich als „Transgender“ geoutet haben).

Die meisten sind auch trotz ihrer guten Beziehungen „nach oben“ und ihrer ausgeprägten Ellenbogen nicht besonders erfolgreich (nach oben buckeln und nach unten treten funktioniert also wohl nicht immer), obwohl die wenigsten wirklich arm oder marginalisiert sind oder sich in solchen Fällen auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen verlassen können.

  1. überdimensionierte Egos & wenig Selbstwertgefühl

Fast allen meiner Feinde ist es wichtig, sich überlegen zu fühlen (zumindest mir gegenüber), viele fühlen sich schon angegriffen, wenn ich überhaupt irgendwo auftauche, auch wenn ich den Mund gar nicht erst aufmache und mich auch sonst defensiv verhalte, so nach dem Motto: „Entschuldigung, dass ich geboren worden bin!“. Das zumindest scheint genau das zu sein, was man (bzw. frau) auch glaubt, von mir erwarten zu können. Zwar geht es sehr wohl um die Konkurrenz um Jobs (fast alle meine Feinde suchen auch oder immer mal wieder, möchten sich „verbessern“ oder sich noch einmal neu in einem ganz anderen Bereich, nämlich in meinem, ausprobieren), aber auch um Image oder schlicht ums Unterdrücken. Es scheint, dass diese Leute den Löwenanteil ihres Selbstbewusstseins daraus beziehen, dass andere nichts haben und nichts sein dürfen.

Vielleicht geht es genau darum, dass jemand, der oder die wenig Selbstwertgefühl hat, sich besser fühlen soll, weil es ja immer noch jemanden gibt, der oder die noch weniger wert ist als man selbst. Dadurch schafft man dann wieder Menschen die chronisch gekränkt sind und auf jede Kleinigkeit aggressiv reagieren – ein Teufelskreis! … und leider auch exakt das Angebot, dass der Nationalsozialismus seinerzeit der deutschen Bevölkerung gemacht hat. Sollte man/frau sich also besser noch mal überlegen ….

Ich vermute, dass in meinem Fall jemand alles losgetreten hat, der oder die unter einer Essstörung leidet – Adipositas oder etwas, das man der Person äußerlich vielleicht auf den ersten Blick gar nicht anmerkt – und mit mir zusammen studiert hat oder zu der Zeit promoviert oder zum Lehrkörper der Uni gehört hat (ohne in einer höheren Position gewesen zu sein). Möglicherweise ist es auch jemand, der „es“ für eine adipöse / essgestörte Freundin / Ehefrau oder einen adipösen / essgestörten Freund / Ehemann „getan“ hat. Theoretisch könnte es sogar (für) eine Frau gewesen sein, die nicht zierlich genug war, um in einem ihr gebührenden Job, etwa als Tänzerin oder Modell erfolgreich zu sein. Solche Frauen kannte ich genug. Sie ergreifen oft meinen Studiengang als „zweite Option“. Dort allerdings werden unattraktive Frauen stillschweigend verachtet, weil es eben wirklich sehr stark auf die „äußeren Werte“ ankommt. Queer ist einfach zu sehr auf meine Kommilitoninnen zugeschnitten, passt aber auch auf die eine oder andere Studienfreundin oder Bekannte von mir. In solchen Fällen fände ich es irgendwie schade, wenn Frauen, die eigentlich mehr zu bieten hatten, als einen „perfekten“ Körper (den hatten sie tatsächlich alle nicht, ebenso wenig wie ich), sich selbst genau darauf reduzieren … Aber – vergessen wir nicht – letztendlich läuft Queer unter einem linken Label (Das wurde in meinem Studienfach eher belächelt, obwophl Frauen- und Genderforschung später eine große Rolle spielte).

Meine gesuchte Person X ist vermutlich sehr eitel, tritt vielleicht auch intellektuell hochtrabend auf, obwohl sie genau das wahrscheinlich von mir behaupten wird. Sie kann sich zu Studienzeiten genau wie ich für linke Inhalte begeistert haben (und tut es vielleicht heute noch), sie kann mit mir oder jemandem aus dem hochschulpolitisch linken Spektrum befreundet gewesen sein und war vielleicht selbst unpolitisch, „mittig“ (SPD, Jusos, …) oder sogar konservativ bis rechts, repräsentiert aber den Menschentypen, den Linke heutzutage gern fördern wollen oder hat sich immer „links-leger“ gegeben, ohne aber seine /ihre wahren Ansichten preiszugeben. Schon irgendwie bizarr, dass es sich ständig alles um Körperbilder und Essstörungen drehte, obwohl ich selbst eigentlich damit gar nichts zu tun habe und mich auch nie negativ über Dicke oder Menschen mit Esstörungen geäußert habe. Außerdem war ich als sehr junge Frau bekannt dafür, mich eher weniger um mein Äußeres zu kümmern (obwohl ich manchmal auch ein bisschen eitel bin) und sehe ziemlich durchschnittlich aus, eine Normalo-Woman, keine, auf die man (bzw. frau) neidisch sein müsste, aber auch kein „hässliches Entlein“. Ich glaube aber, dass es neben physischer Attraktivität auch um „überlegene“ Intelligenz geht – kurz: um Menschen, die sich mir gegenüber tatsächlich für etwas Besseres gehalten haben. Daher vielleicht auch der Link zum rechten Rand, selbst wenn es eine „linke“ Idee gewesen sein sollte.

Der eine oder andere wird sich vielleicht fragen, ob das nicht doch etwas schräg ist, was ich hier auf meinem Blog präsentiere, ein bedauerliches Einzelschicksal vielleicht. Aber in Berlin werden ja öfters Hexenjagden veranstaltet. Genau. Die Frage ist nämlich, ob es nicht irgendwie auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist.

Teil III: Fazit – Neue deutsche Realitäten

Allerdings – der Queerfeminismus dreht sich tatsächlich schwerpunktmäßig um Essstörungen, Körperbilder und sexuelle Attraktivität.

Und auch die sog. Querfront gibt es wirklich. Dass der ehemalige Stasi-Spion Rainer Rupp, der auch für „Russia Today“ schreibt und mit Ken Jebsens Vlog KenFM zusammenarbeitet, sich mittlerweile für den Geschäftsmann und überzeugten Kapitalisten Donald Trump stark macht, wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt (Zugriff am 20. 03. 2017), sollte einen aufmerken lassen. Auch, dass der Ex-Stahlhelm Jürgen Todenhöfer jetzt Herausgeber des linken „Freitag“ ist und es nicht einmal eine Erklärung wert war, dass Todenhöfer einst als Teil des rechten Randes der CDU dem linken, demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende Entwicklungshilfegelder verweigert hatte, die er dem rechten Diktator Augusto Pinochet, der Allende gestürzt hatte, dann gern bewilligte. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen (Zugriff am 20. 03. 2017)

Glaubt jemand wirklich, dass eine bessere, gerechtere Gesellschaft sich nur durch Mobbing, Hass und Konkurrenzkampf erreichen lässt? Oder sind es nicht vielleicht ganz andere Menschen, die im Hintergrund sitzen und die Strippen ziehen? Menschen, denen daran gelegen ist, die Leute gegeneinander aufzuhetzen und diese Gesellschaft zu zerstören – ob es nun Linke sind, die sich etwas davon versprechen, die Gegensätze zu verschärfen – weil es vielleicht dann doch irgendwann eine richtige Revolution gibt, wie Marx es vorausgesagt hatte – oder Konservative, die darauf bauen, sich Wählerstimmen – und zwar auch die Stimmen linker und linksliberal gesonnener Wähler – damit erpressen zu können, dass die Leute genauso viel Angst vor dem erstarkenden Rechtspopulismus haben wie vor dem islamistischen Terror, ob es die rechten und rechtsextremen Kräfte selbst sind, die von einer Diktatur à la Pinochet auf deutschem Boden oder aber noch unverhohlener von einem „Vierten Reich“ – diesmal aber wirklich „tausendjährig“ – träumen und davon ausgehen, dass die Linken (und sicher auch einige von den Queerfeministinnen) schon willfährig die Drecksarbeit für sie erledigen werden indem sie schön brav sticheln und hetzen und „Diskriminierung“ wittern, wo keine ist, dafür aber großzügig darüber hinwegsehen, wenn sich tatsächlich mal jemand rassistisch, antisemitisch, homophob und/oder frauenfeindlich äußert, indem sie immer neue „Opfergruppen“ (Essgestörte, verhinderte Supermodels, Oberschichstgören, denen das gewisse Etwa zur ganz großen Karriere fehlt, usw..) aufmachen, deren Selbstbewusstsein angeblich mit der Abwertung und Ausgrenzung anderer erkauft werden muss, kurz: indem sie das ursprünglich rechte Projekt, die Menschen gegeneinander aufzuwiegeln und ein Gefühl der Unzufriedenheit zu erzeugen, fortführen. So lange man ihnen nur Jobs, Anerkennung und eine gewisse Macht, wenigstens im Kleinen gibt und ab und zu mal eine Adipositasfrau in KiK-Klamotten an sein in edle Luxusgewänder gehülltes Herz drückt, wird es schon klappen. Oder ob es eben die Islamisten sind, die Europa gern zum Vassallenstaat eines zukünftigen glorreichen „Kalifats“ machen wollen – Das weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie einfach alle den gleichen Gedankengang.

Tierlaute. Oder: „Mein Kopf! Mein Kopf!“ – Schauspielkunst at its best!

Förderung speziell für Akademiker

„Speziell für Akademiker!“ pries man mir die Maßnahme damals im Jobcenter an. Das ist nun schon viele Jahre her. Ich lebte von der sprichwörtlichen Hand im Mund, u. a. auch weil ich als ehemalige Selbstständige eine saftige Steuernachzahlung ins Ausland zu leisten hatte, die den Rest meines sog. „Schonvermögens“ mit einem einzigen gierigen Haps auffraß. Damals war mir noch nicht klar, dass sich die Menschen im großen, bunten Berlin „selbstbestimmt“ definieren. Die meisten waren also eher „gefühlt“ Akademiker oder hatten, wie sie selbst sagten, z. B. eine kaufmännische Ausbildung absolviert – nicht, dass das etwa für Dummies sei. Ich hatte schnell gelernt, meine Zunge im Zaume zu halten, da Menschen sich, wenn ich mein Studium auch nur erwähnte, schnell angegriffen fühlten – als ob ich ihnen unterstellt hätte, etwa weniger intelligent zu sein. Hatte ich nicht. Punkt. Basta.

Ein Mann, der angab, gelegentlich für den „Freitag“ zu schreiben, wurde in der Maßnahme freudig mit „Und an der Uni machen Sie ja auch immer noch mal was!“ begrüßt und sogleich auf einen Außenposten geschickt. Wir andere galten dafür als nicht „reif“ genug. Ein anderer Mann sehnte sich seinerseits nach einem der „Schonjobs“ an der Uni. Wie er es darstellte, sei man dort dem Alltagsstress nicht so ausgesetzt und könne seine intellektuellen Fähigkeiten voll entfalten. Das sagte mir, dass der Mann höchstwahrscheinlich nie eine Uni von innen gesehen hatte. Ansonsten hätte er gewusst, dass es ein Haifischbecken ist, wo sich die Leute – zweifelsohne intelligent und ich hatte auch nicht behauptet, dass er das nicht sei – von einem Zeitvertrag zum nächsten hochmobben und sich glücklich schätzen kann, wer es überhaupt bis zum „PostDoc“, „Juniorprofessor“ oder „Privatdozenten“ schafft.

„Mein Kopf, mein Kopf!“ – die „Gewalttäterin“

Dann war da noch Frau Ranke, wie ich sie hier mal nennen werde. Die zierliche Frau – „wilde Locken und Katzenaugen – das mögen Männer!“, wie eine andere Teilnehmerin der Maßnahme ihr bescheinigte – war damals schon 43, wie sie gleich zu Beginn mit einem tiefen Seufzer sagte. Sie sah aber wie Mitte oder maximal Ende zwanzig aus und hatte ein denkbar tragisches Schicksal – sie litt an einer schweren Epilepsie. Deutlich wurde das, als ich mich – nichtsahnend – einmal leise mit Herrn Mayrhofer – auch er heißt eigentlich anders – unterhielt. Nach etwa zehn Minuten wurde das Gespräch durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Aaahrg! Mein Kopf! Mein Kopf!“ rief Frau Ranke panisch aus. Sofort eilte eine Mitarbeiterin der Maßnahme herbei. „Na ja, Laila wusste ja nicht, dass dieses Gerede bei mir einen schweren Anfall auslösen kann.“ klärte Frau Ranke die Sache freundlich auf. Sie brauchte eben Ruhe und besondere Schonung. Zehn Minuten später plauderte Frau Ranke fröhlich mit Herrn Mayrhofer.

Das bürgerte sich so ein. Es wurde auch zur Gewohnheit, dass Frau Ranke immer ein bisschen später kam. Erst eine halbe Stunde, dann eine, eineinhalb Stunden, manchmal kam sie auch erst gegen Mittag. Immerhin galt es zu vermeiden, durch allzugroße Hektik einen Anfall auszulösen.

Die Mitarbeiterinnen der Maßnahme zeigten sich verständnisvoll. „Immer wenn Frau Ranke kommt, geht irgendwie die Sonne auf!“ äußerte sich eine der Frauen einmal freundlich, als Frau Ranke gerade mit wie üblich ein, zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Bei dem fröhlichen, unkomplizierten Wesen!“

Manchmal vergaß ich mich und fing doch wieder an zu schwatzen. Dann gab Frau Ranke wimmernde Tierlaute von sich und ich verstummte. Vielleicht lag es daran, dass der Eindruck, den man von mir hatte, weitaus weniger positiv war: „Frau Phunk müsste mal ein Anti-Gewalt-Training machen.“ ließ sich eines Tages eine der Maßnahmen-Mitarbeiterinnen durch die geöffnete Tür für alle gut hörbar vernehmen. Ich begriff, dass es im Leben nicht nur auf Pünktlichkeit ankommt.

Sicherlich war es reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später in einem Supermarkt von einer Frau, die hinter mir in der Kassenschlange stand, tätlich angegriffen wurde. Der dicklichen Blonden ging es nicht schnell genug. Leider war mein Vordermann gerade erst dabei, seine Sachen aufs Band zu legen. Doch der Frau hinter mir platzte der Kragen. Solche Leute wollten sich halt von einer wie mir „nichts gefallen lassen“. Empört schlug sie mit Email-Töpfen, die sie offensichtlich kaufen wollte, auf mich ein. Jäh aus meinem Trott gerissen von dem Schmerz, den die auf meinen Rücken einprasselnden Töpfe verursachten, klingelte mir das mit dem „Anti-Gewalt-Training“ in den Ohren. Ich hatte einmal Kampfsport betrieben. Zwar bin ich keine Gurtträgerin, aber das monotone Einüben einfacher Schläge, Tritte und Hebel zahlte sich jetzt aus. Die Frau ließ von mir ab. Noch eine halbe Stunde später in der U-Bahn musste ich mich selbst damit beruhigen, dass Supermärkte zum Glück Kamera überwacht sind. Dass ich mich nur verteidigt hatte, war damit stichhaltig bewiesen.

Schauspieler sind die besseren Sozialarbeiter!

In der Jobcentermaßnahme arbeiteten, anders als man es erwarten sollte, keine Sozialpädagogen. Es war z. B. eine Schauspielerin, die uns ein intensives Einzeltraining bot, dass uns immerhin ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen sollte. In meinem Fall brachten die schlanke, chic gekleidete Frau mittleren Alters und ich einen Teil des Trainings damit zu, dass wir erörterten, dass die Frau genau wie ich unter Plattfüßen litt. Einmal zog sie sogar einen ihrer zierlichen hochhackigen Stiefel aus, um es mir zu beweisen. Sie müsse sogar Einlagen tragen. Ich fragte sie, wie sie es hinkriegte, die Einlagen in ihre engen Absatzschuhe zu zwängen. Das interessierte mich, denn ich selbst sollte damals Einlagen tragen, konnte aber keine dazu passenden Schuhe finden (Ich habe leichte Spreizfüße und einen relativ hohen Fußrist bei eher schmalen Füßen, nur so, falls es jemand genauer wissen will). „Na ja, nicht immer …“ entgegnete die Schauspielerin mit sanfter Stimme und warf ihr langes Blondhaar gekonnt zurück.

Eine der Mitarbeiterinnen der Maßnahme empfahl mir, mich einmal bei „Schuh-Bär“ auf dem Kurfürstendamm nach Schuhen umzusehen. Da kaufe sie auch oft. Zwar kosteten die Schuhe zwei-, dreihundert Euro, aber dafür sei es Qualität, die lange halte. „Und sooo fußgesund!“ wie die Frau hinzufügte. Ich erhielt damals 90 Euro „Aufwandsentschädigung“ für die Maßnahme plus „Arbeitslosengeld II“, da ich immer Freelancerin gewesen war und somit nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet hatte. Also quittierte ich den „Tipp“ mit einem freundlichen Lächeln und beließ es dabei. Vielleicht kam es auch eher darauf an, mich wissen zu lassen, dass die „Ingenieurin“, die sich nun als „Fachkraft“ für die Wiedereingliederung von „Akademikern“ in den Arbeitsmarkt betätigte, sich Schuhe für zwei-, dreihundert Euro leisten konnte. Und ich nicht. Ok.

Die Schauspielerin empfahl mir, Erzieherin zu werden. Das sei gesucht. Damit hatte sie zwar recht, aber als ich das „Ergebnis“ der Maßnahme beim Jobcenter vortrug, wie man mir aufgetragen hatte, reagierte man dort konsterniert. Dazu sei ein eigenes Studium nötig und ich hätte doch wohl schon studiert …

„Seien Sie ehrlich!“ – andere brauchen die Jobs viel nötiger!

Die „Expertin“ für Bewerbungen in der Maßnahme monierte, dass mein Lebenslauf viel zu unübersichtlich sei. „Stellen Sie die Lücken besser heraus! Das ist es, was potentielle Arbeitgeber interessiert!“ erklärte mir die Frau (sic!). „Und seien Sie ehrlich, bis auf das bisschen Freelance im Ausland haben Sie doch gar keine relevanten Berufserfahrungen vorzuweisen. Und überhaupt, das war doch sicher eher ein Praktikum. Das sollten Sie auch ehrlich so schreiben. (…) Ja, ja ich weiß, ‚Journalistin‘ (…)“ Ich bat die Frau, meine Arbeitsverträge aus dem Ausland zu übersetzen, wenn sie sich da so sicher sei. Die Frau sprach offenbar die Sprache gar nicht.

Frau Ranke kam irgendwann nicht mehr. Vielleicht hatte die Maßnahme bei ihr schneller zum Erfolg geführt als bei uns anderen. Ich las Bücher zum Thema Epilepsie. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich ja schon. Tatsächlich können Stress und extreme Lautstärke epileptische Anfälle auslösen. Durch einfach Gespräche ist das aber nicht möglich, auch in richtig schweren Fällen nicht.

Dafür lag man mir, auch als die Maßnahme für mich schon lange zurücklag, damit in den Ohren, dass auch die Schauspieler prekär lebten und immer auf Jobsuche seien. Und überhaupt, dieses Künstlerisch-Kreative ginge mir doch vollständig ab. Zu den empfindsamen Künstlerseelen hätte ich ja nun so gar keinen Draht und keinerlei tiefergehendes Verständnis. Mag sein. Es klingt nur so, als würden diese Leute für solche Maßnahmen beim Jobcenter arbeiten, um eine Gelegenheit zu haben, mögliche Konkurrenz rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Immerhin trauen sich diese Theaterleute (wie viele andere) selbst alles zu, was irgendwie mit Kunst, Kultur und Schreiben zu tun hat. Genau in dem Bereich hatte ich ein Studium absolviert und erste Berufserfahrungen gesammelt.

Damals standen übrigens auch eine Menge SozialpädagogInnen arbeitslos auf der Straße. Man fragt sich schon, warum das Jobcenter die eigentlich nicht eingestellt hat.

Minderheiten gegen soziale Gerechtigkeit? Gegenessay zu Christian Volk (II. Version)

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist daher – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Darauf kann man im Prinzip nur mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip ja, aber …“.

Sicher, richtig, die historische Linke hat sich immer gleichermaßen sowohl gegen die Diskriminierung von Minderheiten und sozial marginalisierten Menschen gewendet als auch eine Politik vertreten, die sich soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit als Leitprinzip auf die Fahnen geschrieben hat.

Allerdings ist „gegen Diskriminierung“ nicht das Gleiche wie „für Minderheiten“, die liberale Gesellschaft oder auch linke Politik macht sich nicht am Umgang mit Minderheiten fest. Schon gar nicht verkörpern etwa Minderheiten das linke Prinzip gegen die rechte „Mehrheitsgesellschaft“. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Bashar al-Assad u. a. den Schutz der dort lebenden Minderheiten zum Vorwand nahm, um demokratische Reformen zu unterdrücken. Außerdem ist nicht jeder, der einen Minderheitenstatus für sich beansprucht, liberal in dem Sinne, dass er auch anderen die gleichen Freiheiten zugestehen würde. Der Brite Milo Yiannopoulos ist vielleicht das beste, zumindest aber ein sehr aktuelles Beispiel dafür.

Christian Volk hat zwar recht, wenn er das rechte Denkmuster vom „Volk“ im Sinne von „völkisch“, als ethnische Kategorie kritisiert und ihm die Bevölkerung, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, entgegensetzt.

Jedoch wird man den Eindruck nicht los, dass er selbst genau dieses Denkmuster übernimmt, nur eben in die umgekehrte Richtung. Nicht die Betonung der Unterschiedlichkeit der Interessen macht aber die gerechtere, freiere, demokratischere Gesellschaft aus. Wer Partikularinteressen über die Idee der sozialen Gerechtigkeit stellt, quasi als Wettbewerb der verschiedenen „Communties“ bzw. „Interessensgruppen“ um die Förderung ihrer Belange von staatlicher Seite, ist damit nicht der bessere Demokrat / die bessere Demokratin.

Die Minderheitenpolitik – ein akademisches Projekt der 90er

Tatsächlich ist auch die Idee eines „selbstbewussteren“ Auftretens von Minderheiten als eigenständige Communities nicht genuin mit der historischen Linken verknüpft, die eher auf Egalisierung abhob, also jene, die nicht mithalten konnten, zu unterstützen versuchte. Die gegenwärtige Minderheitenpolitik ist eigentlich ein Kind der späten 1990er Jahre. Nicht ganz zufällig parallel zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Liberalisierung und dem Abbau sozialsstaatlicher Hilfestellung, sickerte sie im Zuge der Gender-, Queer- und Black Studies aus den universitären Elfenbeintürmen in die Gesellschaft ein. Nur sind hermeneutisch abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragbar.

Ganz abgesehen davon, dass es in den USA, wo die Gender-, Queer- und Black Studies entwickelt wurden, Sinn macht z. B. von der schwarzen (oder indigenen) Community sprechen, deren Mitglieder alle die Erfahrung historisch tradierter Benachteiligung und Ausgrenzung teilen. In Deutschland käme ein solcher Status allenfalls den Juden zu. Gerade diese stehen aber, nebenbei bemerkt, gar nicht so sehr im Zentrum der Minderheitenförderung, sondern sind nach wie vor merkwürdig unsichtbar.

Das bedeutet nicht, dass es Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Deutschland etwa nicht gäbe oder dass es zumindest nur ein vernachlässigenswertes Problem wäre. Ganz im Gegenteil: Gerade die brutalen Abschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen hatten die deutsche Linke in den 1990er Jahren besonders für diese Problematik sensibilisiert.

Jugoslawien als Vorbild?

Dennoch scheinen mir z. B. die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre eine geeignetere Hintergrundfolie für die aktuelle Minderheitenpolitik zu sein. Im Prinzip hatte keine der kriegführenden Parteien in ihrer theoretischen Argumentation gänzlich Unrecht: Die „Jugoslawische“ nicht, die die „Südslawen“ im Grunde für ein „Volk“ hielt – das ist plausibel mit der gemeinsamen Sprache begründbar. Es gibt nur geringfügige dialektale Abweichungen zwischen „Kroatisch“, „Bosnisch“ und „Serbisch“ -, aber auch die Separatisten und Ethnokrieger, die sich auf historisch gewachsene Unterschiede beriefen, haben nichts wirklich Falsches gesagt: Immerhin hatte das katholische Kroatien zu Österreich-Ungarn gehört, Bosnien und Serbien zum Osmanischen Reich. Die christlich-orthodoxen Serben hatten sich die Unabhängigkeit als erste erkämpft, das überwiegend muslimische Bosnien dagegen hatte sich den Osmanen über die Jahrhunderte kulturell und religiös angenähert.

„Verschieden“ oder „gleich“ sind hier eine Frage des Blickwinkels. Gesiegt hat seit den 1990er Jahren die „separatistische“ Sichtweise, die möglichst kleine Entitäten einander kulturell, religiös, sprachlich und ethnisch möglichst ähnlicher Menschen hervorbringen wollte.

Ethnokitsch statt Toleranz

Auch wenn der Jugoslawienkonflikt freilich komplexer ist und ich hier nicht für eine Seite Partei ergreifen möchte – man kann darin durchaus eine politische Vorlage für die Betonung des „Partikularinteresses“ sehen. Abgrenzung statt Annäherung, Unterschiede hervorheben statt Gemeinsamkeiten. In den europäischen Einwanderercommunities ist das mittlerweile fast zu einem neuen Ethnokitsch verkommen. Vielfach und nicht nur in Deutschland ist beobachtet worden, dass heute sehr viel mehr Migrantinnen Kopftuch oder sogar Niqab tragen, als noch vor 20 Jahren. Dass Einwanderer oft konservativer sind als viele ihrer Landsleute in der Heimat und sich in der Fremde an Traditionen klammern, die im Heimatland kulturell kaum mehr eine Rolle spielen, ist nicht neu. Auch muss man natürlich konstatieren, dass auch die Türkei, die nordafrikanischen Länder und der Nahe Osten in den letzten Jahren konservativer geworden sind.

Anhand der Burka-Debatte, die im letzten Sommer in Deutschland geführt wurde, konnte man jedoch sehen, dass die Diskussionen, die dazu in den muslimisch geprägten Ländern selbst geführt wurden, viel differenzierter waren. Hierzulande wurden sie heruntergebrochen auf das Fremdartige, kulturell Verschiedene, das auf Seiten der gebildeten Eliten, im liberalen, der Globalisierung gegenüber aufgeschlossenen Lager begrüßt und in rechtskonservativen Kreisen umso vehementer abgelehnt wurde.

Dennoch kann man auf beiden Seiten eine Fixierung auf die ethnisch-kulturelle Differenz feststellen. Den in Deutschland lebenden türkische Erdogan-Anhänger, der sich voll mit den politischen Ereignissen in der fernen Heimat identifiziert, verbindet mit dem türkischen Linksintellektuellen heutzutage mehr als den türkischen Linksintellektuellen je mit einem deutschen Linken verbinden würde: Kosmopolitismus adé, es ist die „Stimme des Blutes“, die jetzt wieder eine tragende Rolle spielt. Grenzen, die in den letzten Jahren nach außen abgebaut wurden, werden nach innen um so energischer wieder hochgezogen.

Wirklich besser als die neue Rechte?

Warum verstört es im liberalen Lager dann so, wenn auch Deutsche sich wieder auf ein ethnisch-kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl berufen? Nicht, dass ich das gut fände. Natürlich ist es Quatsch, sich von einer „Islamisierung des Abendlandes“ bedroht zu fühlen. Es gibt, rational gesehen, keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass etwas Derartiges zu befürchten ist. Auch wird niemand dadurch, dass es im Viertel eine Moschee gibt, daran gehindert, den christlichen Sonntagsgottesdienst zu besuchen.

Wenn in die Moschee gehen kann, wer in die Moschee gehen möchte und in die Kirche, wer in die Kirche will, dann ist das Pluralismus. In der Tat, und da hat Christian Volk recht, ist das ein Grundpfeiler der Demokratie. Ansonsten könnte man die Grenzen auch noch etwas enger setzen und nicht nur die Moschee, sondern demnächst auch Rockmusik und Jeans als „undeutsch“ oder „nicht zum christlichen Abendland passend“ verbieten und wer will das schon?

Das Beharren aber auf der eigenen ethnischen „Identität“, die speziell gefördert werden muss, sofern es sich um eine Minderheitenidentität handelt, und auf jeden Fall nach außen hin zu verteidigen ist, nimmt sich nicht viel mit dem „völkischen“ Denken der neuen Rechten, die eben dies als „Ethnopluralismus“ bezeichnet und sich ihrerseits dafür stark macht.

Diskriminierung – viel komplexer als viele denken

Zudem kann man weder eine Minderheitenidentität noch kulturelle Differenz essen oder sich einen Wintermantel davon kaufen. Ausgrenzungsmechanismen lassen sich im realen Leben nicht auf „das Andere“ reduzieren, wonach, wer am „andersten“ ist, sich also am grellsten, plakativsten von der „Mehrheitsgesellschaft“ abhebt, auch am ausgegrenztesten ist. Ungebildete „Gastarbeiter“ und Armutsmigranten haben nicht nur geringere Chancen, sich in Deutschland sozial zu etablieren als wohlhabende, gebildete „High Potential“-Einwanderer, sie sind auch eher von Stigmatisierungen und ausländerfeindlicher Diskriminierung betroffen. Hinzu kommt, und auch das ist kein Geheimnis, dass Deutschland auch für Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ in den letzten Jahren nach oben hin sozial undurchlässiger geworden ist.

Minderheiten als Zankapfel

Formen der Diskriminierung wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus dagegen sind insbesondere seit der Flüchtlingswelle von 2015 immer wieder zum Zankapfel geworden – sind sie doch unter Einwanderern ebenso präsent wie unter konservativen und rechten Deutschen, sodass sie sich ideal dazu eignen, Minderheiten gegen die „Mehrheit“ auszuspielen. Komme ich nun den Flüchtlingen entgegen, weil ich sage, dass man es mit dem Feminismus auch nicht übertreiben sollte – schon aus Rücksicht auf die fremde Kultur? Oder kann ich mich als „Freund der Juden“ aufspielen, weil ich den – real existierenden – Antisemitismus unter muslimischen Migranten anprangere? Ist das Band zwischen Homosexuellen, „Queerpersonen“ und Flüchtlingen ein besonders enges, weil doch beides Minderheiten sind? Oder zerstört Einwanderung unsere liberale Gesellschaft?

Der Gegensatz „Minderheiten“ versus „Mehrheitsgesellschaft“, wie ihn das liberale, globalisierungsfreundliche Lager aufmacht, hat den Strategien der neuen Rechten bislang wenig entgegenzusetzen gehabt. Der Erfolg gibt den Vertretern der Gender-, Queer- und Black Studies, die derzeit alle Plätze im linksliberalen Lager okkupiert haben, bislang leider nicht recht. Im Gegenteil, je mehr die Minderheitenpolitik den Vorrang erhalten hat, umso stärker wurde auch die neue Rechte. Faktisch verbessert hat sich die Lage von Minderheiten und sozial Randständigen deshalb aber nicht. Zum Teil hat sie sich in wirtschaftlicher Hinsicht sogar spürbar verschlechtert.

„Critical Whiteness“ – eine Verballhornung der Antidiskriminierungspolitik?

Viele „ermutigende“ Aktionen, wie etwas die Kritik an „kultureller Aneignung“, wie sie Vertreter der „Critical Whiteness“ üben, wirken zudem teilweise schon fast wie eine Verballhornung linker Antidiskriminierungspolitik. Wer den begehrten Ausbildungsplatz trotz guter Zeugnisse nicht bekommt, weil andere „besser ins Team passen“ und „mehr Potenzial haben“, den wird es kaum interessieren, dass sich irgendwo ein paar Elite-Studenten darüber echauffiert haben, dass ein „nicht-weißes“ Gericht durch „Weiße“ falsch zubereitet wurde oder ein „Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft“  sich einen punkigen Irokesen hat schneiden lassen. Wenn man bösartig wäre, könnte man fast schon auf den Gedanken kommen, dass es darum geht, vom Wesentlichen abzulenken, obwohl das sicherlich auch nicht stimmt.

Bei so erbitterten Grabenkämpfen verwundert es allerdings nicht, dass Menschen mittlerweile auch fast alles aufbieten, um „nicht-weiß“ und „nicht Mehrheitsgesellschaft“ zu sein. Das -ski im Nachnamen, das früher schlesisch war, ist jetzt „polnisch“, Probleme mit dem eigenen Körper werden als „queer“ etikettiert. Wäre es nicht eigentlich aber viel interessanter, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu tun? Verbindliche Regeln aufzustellen, ein Schutz vor Diskriminierung und rechtlicher Ungleichbehandlung, der jedem und jeder gleichermaßen zusteht? Dann wären der Nachname und der Körper egal und es wäre auch nicht wichtig, ob sich eine Frau z. B. erst vor kurzem als „lesbisch“, „trans“oder „queer“ geoutet hat, oder ob sie immer schon „anders“ war. Es wäre einfach weder mit Vor- noch mit Nachteilen verbunden und genau das sollte eine Gesellschaft, die demokratisch, egalitär und pluralistisch zugleich sein will, anstreben.

Gleiche Rechte bedeuten nicht Gleichschaltung!

Statt Partikularinteressen zu vertreten, müsste man also wieder zu einem Diskurs kommen, in dem wirklich die Gleichberechtigung, also gleiche Rechte für alle als verbindendes Element im Mittelpunkt stehen und nicht so sehr das Päppeln eines „Selbstbewusstseins“ des „Anderen“, das mindestens ebenso konstruiert ist wie das „Volk“, auf das sich die Rechten berufen.

 

Nachsitzen in Sachen Multikulti. Eine Replik auf den Politikwissenschaftler Christian Volk

(Part I): „Volk“ gegen Minderheiten?

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist (…) – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Nein, stimmt. Es war immer beides links: soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit zu fordern und sich gleichsam gegen Diskriminierung und für Vielfalt auszusprechen. Dennoch kommt man bei Volks Essay ins Stolpern. Zwar arbeitet er heraus, dass die Rechtspopulisten, nicht nur hier in Deutschland, auch in Frankreich – Marine Le Pen zum Beispiel – das „echte“, eigentliche Volk, im Sinne von „völkisch“ oder – zahmer formuliert – ethnisch, gegen die Bevölkerung ausspielen, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, aber er übernimmt das rechte Deutungsmuster von den – rechten – „Interessensvertretern“ des „kleinen Mannes“ und den – linken – Eliten (=links). Letztere werden zu Verteidigern der liberalen Gesellschaft, die wiederum sich an den Minderheiten festmacht.

Das ist der erste Stolperstein. Nichts ist so typisch links wie Kritik am „Establishment“ zu üben, auch wenn es stimmt, dass die meisten prominenten Linken selbst zumindest aus dem gehobenen Bildungsbürgertum stammen. Das trifft aber auch auf die Rechten zu. Oder möchte jemand ernsthaft behaupten, dass eine Partei wie die AfD, die ursprünglich als „Professorenpartei“ angetreten ist, von „ganz unten“ kommt? Ist es also legitim, anznehmen, dass „die da oben“ eben tolerant sind, für „Multikulti“, während Proleten und Globalisierungsverlierer das Muffensausen kriegen, wenn zu viele Ausländer da sind? Doch wohl eher nicht.

Der zweite Stolperstein sind die Minderheiten. Ist man wirklich immer auf der sicheren Seite, wenn man sich für Syrer und Schlesier, Maroniten, Muslime, Homosexuelle, Transgender und sexuell Unentschlossene stark macht? Es mag ein bisschen bissig klingen, aber gerade das Assad-Regime in Syrien hat gezeigt, dass auch Minderheiten sich sehr gut als Schutzschild verwenden lassen, im schlimmsten Falle gegen mehr als berechtigte Forderungen der „Mehrheitsgesellschaft“. Aber das ist es nicht, was sich mit der historischen Linken der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sticht. Die Minderheitenpolitik, so wie sie heute betrieben wird, ist ein Kind der späten 1990er Jahre. Sie ist aus dem universitären Elfenbeinturm der Gender-, Black- und Queerstudies in die Gesellschaft eingesickert und eigentlich ein us-amerikanischer Import, nur mit dem Schönheitsfehler, dass es in Deutschland keine schwarze Community gab, deren unverfrorene und zum Teil menschenverachtende Benachteiligung historische Tradition gehabt hätte. Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland keinen Rassismus und keine Ausländerfeindlichkeit gegeben hätte – ganz im Gegenteil, gerade Anfang der 1990er Jahre bewiesen die furchtbaren Anschläge von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen wie tief verwurzelt ausländerfeindliche Ressentiments hierzulande, leider auch im Westen waren.

Aber das rechtfertigt nicht das „Community“-Denken. Dass türkische Erdogan-Fans, die als sog. „Gastarbeiter“ kamen, und linke Türken mehr miteinander gemein haben sollen, als linke Türken und linke Deutsche ist eigentlich eher ein „die Stimme des Blutes“-Denken, das Linken im Grunde zutiefst zuwider ist. Da ist die gemeinsame Diskriminierungserfahrung, mag man einwenden. Das stimmt, aber es stößt z. B. auf, wenn an einer deutschen Uni spanische Studenten, die sich ebenfalls als „Nicht-Weiße“ „positionieren“ gemeinsam mit anderen „Nicht-Weißen“ gegen Kolonialismus und den Rassismus ihrer „weißen“ Kommilitonen und Professoren einprügeln, wie es Rudy Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt in dem „Zeit“-Long-Read „Die neuen Radikalen“ beschreiben. Spanien war eine Kolonialmacht. Sorry, aber wer „Critical Whiteness“ von anderen einfordert, muss auch vor der eigenen Haustür kehren.

Zudem: ein schwarzhaariger Spanier mit dunklem Teint ist unter Umständen genauso von Rassismus betroffen wie ein Marokkaner oder ein Türke, aber darf auch ein blonder Spanier sich als „Person of Color“ und damit als Opfer von Rassismus betrachten? Eher als ein dunkel ausgefallener Deutscher? Genau wie ein schwerer slawischer Akzent in Deutschland oft Assoziationen zu „Russenmafia“ und „Autoklau“ weckt, auch wenn der Sprecher oder die Sprecherin blonder und blauäugiger ist als so mancher Deutscher, aber ist deshalb auch einer wie der AfD-Politiker Georg Pazderski von Ausländerfeindlichkeit betroffen? Denn der hat ja auch ein slawisches -ski im Namen …

 (Part II): Nachsitzen in Sachen Multikulti. Oder: Eine ganz normale Schulklasse

Oder nehmen wir eine x-beliebige Schulklasse in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt, sagen wir mal, ein konservatives, etwas elitäres Gymnasium: Da ist der sportliche blonde Olaf, der sich zu verkaufen weiß und daher Liebling einiger Lehrer ist, nicht aber der aller Schüler, denn Olaf mobbt jüngere Kinder, schwächere Schüler, alle, die nicht so viel Geld haben wie er mit seinen Markenklamotten oder die ihm wegen ihrer linken Hippie-Attitüden auf die Nerven gehen. Dann Moshen, dessen Eltern beide Ärzte aus dem Iran sind. Mohsen tut sich in der Schule schwer und muss ganz schön büffeln. Obwohl er schon ganz sicher weiß, dass er etwas Naturwissenschaftliches studieren wird, sind eigentlich – wenn dann – eher Deutsch und Fremdsprachen seine starken Fächer. In Mathe ist er sogar das absolute Schlusslicht der Klasse. Ali, der erst in der fünften Klasse aus der Türkei gekommen ist, ist in der Siebten auf die Realschule gewechselt. Obwohl er, ein Klassensprechertyp, der durch seine soziale Ader auffiel, überraschend schnell Deutsch gelernt hat und auch sonst als fleißiger, guter Schüler galt, aber fürs Gymnasium hat es eben doch nicht gereicht. Jennifer aus der Hochhaussiedlung hat in der Achten das Handtuch geschmissen. Janny kommt auch aus der Hochhaussiedlung, ist aber ein Ass in Mathe und Fremdsprachen und daher noch mit von der Partie. Wie in jeder Klasse gibt es einen Klassenstreber, nennen wir ihn hier Marco, das absolute Mathe- und Computer-Ass – Onno – und die Außenseiter Lisa und Leon. Die Rolle des Klassenclowns übernimmt Olaf. Die blonde Lenka ist die Klassenschönheit. Sie hat auch recht gute Noten. Lenkas Vater ist Professor für Mathematik und kommt aus Tschechien, ihre Mutter ist Deutsche. Manchmal kokettiert sie damit, dass sie sicher auch Roma-Vorfahren hat. Friesische und niederländische Namen sind durch die Grenznähe in der Stadt und so auch in unserer Schulklasse das Übliche. Der Rest der Klasse hat Familiennamen, die auf -eit, -ski oder -czyk enden, was daran liegt, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört war und die Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen und Oberschlesien bevorzugt dorthin geleitet wurden.

Wen müsste man hier fördern? Mohsen erhält von Haus aus die beste Förderung, die man sich denken kann. Er ist eben nur einfach kein guter Schüler. Das traf auch auf Jennifer zu, aber wer weiß, hätte sie zu Hause die gleiche Unterstützung wie Mohsen erhalten, hätte sie das Abi vielleicht geschafft. Lenka ist in keinerlei Hinsicht benachteiligt, weder von ihrem sozialen Hintergrund her, noch äußerlich, da sie nicht „anders“, nicht einmal südländisch aussieht, aber sie hat ja auch gute Noten, das Studium ist für sie selbstverständlich und wenn alle Stricke reißen, könnte sie sogar den Rest ihres Lebens vergammeln. Lenkas Eltern lieben sie über alles und werden schon für sie sorgen. Beneidenswert. Aber den Migrationshintergrund darf sich Lenka, die ja wirklich aus einer binationalen Familie kommt, attestieren, auch wenn sie es manchmal ein bisschen sehr herauskehrt. Lenka ist mit Olaf zusammen und beide sind mit Mohsen befreundet. Olaf vertritt konservatives, bisweilen rechtes Gedankengut und tritt auf der „Streberin“ Janny herum, die er außerdem als „linke Zecke“ verachtet. Lenka und Mohsen verarschen Janny manchmal ein bisschen. Sie haben ja wirklich einen Migrationshintergrund, aber sie fühlen sich nicht diskriminiert. Ihr Problem sind höchstens Menschen wie Janny. Die hat dem ihrerseits wenig entgegenzusetzen.

Dass ihr Großvater aus Südafrika stammt, verschweigt sie lieber. Sie selbst hat ja nichts mit Südafrika zu tun, und überhaupt: Apartheit, Buren, Lutz Bachmann. Janny ist nicht schwarz und sie kann sich denken, was Olaf, Lenka und Mohsen daraus machen werden. Einmal rutscht es ihr doch raus und die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. „Gelogen, weil die Zecke mithalten will mit den anderen.“ sagen die einen, besonders Lenka glaubt ihr nicht. Olaf macht Witze. Mohsen behauptet, dass Janny nur deshalb so gute Noten in Englisch hat. Es klingt, als hätte er sie bei einem Betrug erwischt. Eine Mitschülerin, die ebenfalls von Jannys Revoluzzer-Attitüde genervt ist, stellt die These in den Raum, dass Janny vielleicht politisch nur deshalb so verblendet sei, weil die einen Großeltern Juden umgebracht und die anderen Schwarze schikaniert haben. Mohsen fühlt sich schließlich von Janny rassistisch diskriminiert. Er hat den Eindruck, dass „Fräulein Neunmalklug“, wie er sie nennt, ihn nicht so recht ernst nimmt. Er fühlt sich von ihr wie ein „Nigger“ behandelt, immerhin ist er doch wirklich „Person of Color“. Lenka bestätigt Mohsens Behauptungen. Auch sie hat den Eindruck, dass Janny unter der linken Fassade ganz schön rassistisch ist. Vielleicht hat sie auch etwas gegen Roma. Lenka fühlt sich jedenfalls auch angefeindet. In Wirklichkeit ist Mohsen neidisch. Mit Jannys guten Noten könnte er durchaus etwas anfangen. Dann würde es vielleicht auch mit dem Studienplatz in Pharmazie klappen und sein Vater wäre stolz auf ihn. Lenka mag Janny einfach nicht. Olaf verachtet sie, wie gesagt, regelrecht. Er reißt ein paar ausländerfeindliche Witze, provoziert Janny mit dem Wort „Nigger“. Darüber lacht dann auch Mohsen herzhaft.

Zwei Jahre später, als Janny das Abi schon hinter sich hat, kommt Jannys kleiner Bruder Floris auf die Schule. Anders als die blasse, braunhaarige Janny schlägt bei Floris das indische Erbe der „Coloured“-Vorfahren aus Südafrika voll durch. Allerdings ist Floris ein Typ wie Mohsen, nur etwas besser in der Schule und so hat er keinen Ärger. Als Janny, die längst woanders studiert und noch einmal in der Stadt, in der sie zur Schule gegangen ist, zu Besuch ist, erfährt sie von einem ehemaligen Mitschüler, dass Mohsen in Dresden, wo er einen Studienplatz ergattert hat (Vor- und Frühgeschichte als Parkstudium, aber vielleicht wird er doch eine Ausbildung machen, Fachinformatiker oder so), von zwei Neo-Nazis zusammengeschlagen worden ist. Auch wenn sie Mohsen nie gemocht hat und er sie zu Schulzeiten ganz schön traktiert hat – das tut ihr dann doch leid. Sie hofft, dass es ihm bald besser geht.

(Fazit) Schaffen wir das?

Die Moral von der Geschicht? Öhm – also, verschiedene:

  1. Diskriminierung macht sich oft, aber nicht nur an der Hautfarbe fest. Wenn man tolerant sein will, reicht es also nicht, nett zu „Persons of Color“ zu sein.
  2. „Persons of Color“ können ihrerseits konservativ oder sogar rechts sein wie Mohsen oder auch links (oder unpolitisch). Das bedeutet übrigens nicht, dass man sie wegen ihrer Herkunft / Hautfarbe diskriminieren dürfte.
  3. Wenn man Leute wie Mohsen nicht mag, heißt das nicht, dass man es okay findet, wenn sie rassistisch und/oder ausländerfeindlich angegriffen werden.
  4. Die Herkunft eines Menschen oder seiner Vorfahren sagt nichts über seinen Charakter aus. Janny ist z. B. keine „geborene“ Rassistin, weil sie einen südafrikanischen Großvater hat. Moshen ist übrigens auch nicht  automatisch frauenfeindlich und antisemitisch, nur weil seine Eltern aus dem Iran stammen und er konservative Ansichten vertritt.
  5. Man muss zwischen persönlichen Animositäten und Rivalitäten einerseits und wirklicher Diskriminierung andererseits unterscheiden.
  6. Lenka verdient kein Empowerment, auch wenn sie diejenige ist, die sich am meisten mit ihrer „Andersartigkeit“ spreizt. Sie ist einfach nicht benachteiligt. Mohsen braucht im Falle des Falles Unterstützung gegen Rassismus, aber nur dann, wenn er wirklich davon betroffen ist, nicht wenn er jemand anderem die guten Noten neidet oder jemanden einfach nicht mag. Janny braucht Untersützung gegen ihre hochnäsigen, konservativen Mitschüler. Olaf braucht von Zeit zu Zeit jemanden, der ihm eine klare Grenze setzt.
  7. Ali, ja, der Ali, der in der Geschichte ganz untergegangen ist, hätte übrigens wirklich Empowerment gebraucht. Aber weil die Großfamilie von Hartz IV lebt, hat das niemand für nötig gehalten. Auch Jennifer hätte vielleicht ab und zu ein paar Mut machende Worte gebrauchen können.

Die Geschichte ist übrigens frei erfunden. Janny, die Linke ist ein bisschen nach dem Vorbild von Geert Wilders gestaltet, dessen Mutter ebenfalls „Person of Color“ war (oder noch ist, keine Ahnung), nur dass der stramm rechts ist. Ob jemand „anders“ aussieht oder ist, sagt eben wirklich nichts über die Person an sich aus. Das ist der größte Fehler der Minderheitenpolitik, wie sie Christian Volk und andere vertreten. Die erfundene Schulklasse ist nämlich eine Parabel auf die multikulturelle Gesellschaft. Die Frage ist, ob wir auf sie vorbereitet sind …

Umgekehrt

Nach Liste oder nach Gefühl?

„Ich hatte recht. Sie haben sich geirrt. Also gehen Sie jetzt bitte weg von dem Computer!“ sagte die ältere Frau freundlich, aber bestimmt. Sie hatte sich zur Verstärkung eine der Bibliothekarinnen geholt, bei denen man in eine Liste eintragen lassen konnte, um kostenlos die bibliothekseigenen Computer und Internet nutzen zu können. Ich hatte mich für die halbe Stunde zwischen 14 Uhr und 14 Uhr 30 eintragen lassen und genau diesen Computerplatz zugewiesen bekommen. Es war bereits Viertel nach zwei. Um zwei hatte die ältere Frau, die den Computer die halbe Stunde vorher gehabt hatte, gepampt, dass sie mit ihrer Arbeit noch nicht fertig sei. Ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass jeder die Computer für eine halbe Stunde nutzen dürfe, aber jetzt sei eben ich dran. Da hatte die Frau gezetert, dass ich sie in Ruhe lassen sollte. Ich wiederholte, was ich gesagt hatte. Die Frau herrschte mich an, ich solle weggehen, sie wolle weiterarbeiten. Just in dem Moment, wo ich beschlossen hatte, zur Aufswicht zu gehen, um das Problem zu klären, sprang die Frau auf, schnappte ihre Sachen und stapfte davon.

Die Sache war aber, wie ich begriff, noch nicht ausgestanden. Ich bat die Bibliothekarin, die mit der Frau gekommen war, noch einmal in der Liste nachzusehen. Dort habe mich einer ihrer Kollegen gegen Viertel nach eins eingetragen, so dass ich jetzt nicht verstünde, was los sei. Die ältere Frau schnauzte, ich könne doch auch in ein Internetcafé gehen. Da packte mich die Wut. „Das können Sie ja umgekehrt genauso tun.“ schnauzte ich zurück, und beharrte darauf, dass doch wohl jeder die Bibliothekscomputer benutzen dürfe. Die Bibliothekarin die gekommen war, um mich von dem Computer zu verscheuchen, sah ratlos aus. Ich bat noch einmal darum, sie solle in der Liste nachsehen. Die andere Frau habe nicht weggehen wollen. Aber vielleicht handelte es sich auch um ein Missverständnis? Innerlich kochte ich vor Wut. Doch die Bibliothekarin ging. Die ältere Frau, die nicht von ihrer Seite wich, hatte jetzt einen klagenden Tonfall angenommen: „Sie hat sich da einfach hingesetzt!“. Ich hörte, wie sich die beiden entfernten. „Die ist doch verrückt!“ ereiferte sich die Alte. „Sie hat …“, „Solche Leute … “ – das ging noch ungefähr zehn Minuten so, doch die Bibliothekarin kam nicht zurück. Ich hatte mich nicht geirrt. Allerdings war jetzt auch meine Zeit am Computer um. Mit schweißnassen Händen stand ich auf.

Verletzt

Ein paar Wochen später, ich saß wieder am Bibliothekscomputer, die Hand an der Maus, als ein Arm über meinen griff und der Deckel eines dicken Leitz-Ordners an den Bildschirmrahmen knallte. Erschrocken fuhr ich zurück und bat die Frau, die gerade dabei war, sich ihren Arbeitsplatz einzurichten, den Ordner mehr zu ihr zu rücken, denn mit dem an meinen Computer gestützten, aufgeschlagenen Ordner konnte ich nicht gut weiter tippen. „Das geht nicht.“ erwiderte die Frau knapp. „Doch!“ Ich sah, das genug Platz war. „Hier, sehen Sie.“ Ich schob den Ordner zu ihr herüber, bis er vollständig aufgeschlagen auf dem Tisch lag. „Also wirklich!“ empörte sich die Frau und stellte den Ordner wieder auf, sodass der Deckel sich, wie vorher an meinen Bildschirm stützte. In mir brodelte es, aber ein kleiner Mann in meinem Kopf sagte mir, dass es besser wäre, nicht zu insistieren. „Sich wegen einer solchen Kleinigkeit aufzuregen! Vielleicht kannst du auch so weiter arbeiten. versuche es doch wenigstens mal!“

Fünf Minuten später quetschte sich die Deckelkante des Ordners in meine Finger. Schnell zog ich meine schmerzende Hand weg. Die Frau hatte sich offenbar überlegt, dass der Ordner doch anders positioniert werden sollte. Ich hatte genug. Ich nahm den Ordnerdeckel, klappte ihn leicht hoch und schob den Ordner zu ihr. „Es reicht!“ brüllte ich. „Sie nehmen jetzt den Ordner zu sich und zwar sofort!“. „Hören Sie auf, mich zu verletzen!“ quiekte die andere. Ich hätte ihr am liebsten eine geklebt, denn ich sah, dass das nicht der Fall war – ihr Arm lag glatt auf der anderen Seite des Ordners und wurde mit ihm weiter geschoben. Ich selbst brauchte meine Finger leider auch noch. Ich sah allerdings auch die narben auf ihrem Unterarm, die von Schnitten herrühren mussten. „SIE. HABEN. MICH. VERLETZT.“ Es fiel mir schwer, die Fassung zu bewahren „Hier! Meine Finger! Und jetzt nehmen Sie Ihren blöden Ordner! Da ist Platz genug!“. „Hören Sie auf, mich zu verletzen!“ jammerte die andere Frau. Sie wandte sich an ihre Nachbarin auf der anderen Seite: „Sie verletzt mich! Sie verletzt mich!“. „Ich würde mich da gerne raushalten.“ erwiderte die andere knapp.

Die Frau beruhigte sich, zog den Ordner zu sich und erledigte, was sie vorgehabt hatte, zu erledigen. Innerlich zitterte ich vor Wut und beruhigte mich nur langsam. Es war nicht so sehr die Aktion an sich. Die Frau hatte mir sicherlich nicht absichtlich die Finger quetschen wollen. Es war ja alles noch dran. „Sie ist verrückt!“ raunte eine Stimme in meinem Kopf, die nicht zu den netten, liebenswürdigen Anteilen meiner Persönlichkeit gehörte: „Vollkommen gaga! Die hat das nicht gerafft, dass das mit dem Ordner platzmäßig nicht hingehaut, so wie sie sich das vorgestellt hat. Die hat gedacht, du willst ihr was!“

Das Monster

„Sie hat Borderline“ fügte die Stimme hinzu. „Frauen wie sie und die Alte neulich haben dafür gesorgt, dass einige Leute hier denken, du wärst eine augekochte Bestie. Die Frauen haben einfach alles umgedreht. Denen fehlt etwas im Kopf, das ihnen begreiflich machen würde, dass es okay ist und keine bösartige Attacke gegen sie, dass du den Computer benutzen willst, wenn du dich dafür in die Liste hast eintragen lassen. Die schnallen auch nicht, dass du wütend wirst, wenn sie dir weh tun. Und weil die Computerplätze in der Bibliothek oft von psychisch Kranken benutzt werden und du auch noch vor einer Menge Leuten freimütig zugegeben hast, dass du auch mal ’ne Therapie gemacht hast, bist du halt jetzt auch die Verrückte und nicht sie. Die fetten Frauen in Kreuzberg haben das gleiche Spiel mit dir getrieben, weil die nämlich, wie du ja gut erkannt hast, kein Stück lesbisch oder transgender sind, sondern einfach einen an der Waffel haben.“

„Aber du weißt ja auch“ fuhr die diabolische Stimme fort „Dass diese Frauen eine Menge Leute in ihrem Rücken haben. Feministinnen wie Margarete Stokwski z. B. sehen es tatsächlich so, dass sie nicht verrückt sind, sondern einfach an der Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft leiden. Als ob du keine Frau wärst. Carolin Emcke unterstützt diese Frauenszene und selbst die „Zeit“ hat versucht, ein psychopathisches Teenie-Mädchen, das seine beste Freundin totgeschlagen hat, als leidenschaftlich liebende junge Lesbe und „Leitwölfin“ zu verkaufen.“

„Das ist es doch gerade, was mich so verzweifeln lässt!“ antwortete ich meiner inneren Stimme. „Es ist doch z. B. einfach logisch, dass man in der Computerliste nachschaut, wer dran ist, wenn es Streitigkeiten um Computerplätze gibt.“ Ich schluchzte innerlich „Ich bin doch kein Monster, nur weil ich die gleichen Rechte für mich in Anspruch nehmen will wie andere auch! Und außerdem: Von mir zu verlangen, in ein Internetcafé zu gehen! Und die andere, die sich nicht einmal entschuldigt hat, dafür dass sie mir die Finger gequetscht hat, sondern sich gleich reflexhaft daran gemacht hat, mich anzuschwärzen…“ Ein aggressiver Unterton mischte sich in meinen inneren Monolog. „Die Bibliothekarin hat doch nachgeschaut.“ gab die Stimme zu bedenken. „Ja aber …“ setzte ich an …

Die Bankkarte, die sich nicht fügen wollte

Ich erinnerte mich an die Sache mit meiner Bankkarte. Das ist jetzt schon viele Jahre her. Ich war bei der einer Freundin, die ich hier Katharina* nennen werde, auch wenn sie eigentlich anders heißt. Katharinas Eltern waren zufällig auch gerade da. Ich selbst war erst seit kurzem in Berlin und brauchte Kontoauszüge. Damals hatte ich mein Konto noch bei einer Bank in Süddeutschland, dort, wo ich vorher gewohnt hatte. Leider hatte sich der Automat der Berliner Filiale geweigert, mir Kontoauszüge auszuspucken. „Das müsste aber eigentlich gehen. Bei Katharina geht es auch und die hat ihr Konto auch noch in Hannover* Stimmt’s Katharina?“ Meine Freundin nickte. „Ja, ist gar kein Problem.“ „Aber ich habe es doch ausprobiert. Es hat wirklich nicht geklappt!“ entgegnete ich. „Na, du wirst dich halt etwas dumm angestellt haben …“ ließ sich Katharinas Vater vernehmen. Es lag auf der Hand, dass der Berliner Automat Katharinas hannoveranische Karte akzeptiert hatte, weil Hannover nicht ganz so weit von Berlin entfernt ist. Dass die süddeutsche Stadt, in der ich zuvor gelebt hatte, aber wohl zu weit weg war. Ich hatte Aldi Süd und Aldi Nord im Kopf. In Berlin gab es Aldi Nord. da, wo ich vorher gelebt hatte Aldi Süd. Ich äußerte meine Vermutung und ließ das mit Aldi weg. „Jetzt hör mal. Wir haben dir doch gesagt, dass es bei Katharina problemlos geht! Du wirst halt einen Fehler gemacht haben. Geh einfach nochmal zur Bank.“ polterte Katharinas Vater. „Ganz wie deine Mutter!“ setzte er noch hinzu.

Also ging ich noch mal zur Bank, die um die Ecke lag, und versuchte es erneut. Wieder verweigerte sich der Automat. Schließlich rief ich bei der Bank an. Ich erläuterte das Problem und fügte verzweifelt hinzu: „Aber bei einer Freundin von mir hat es doch auch geklappt! Und die ist bei einer ihrer Filialen in Hannover!“ „Ja, das liegt daran,“ erklärte die Mitarbeiterin meiner Bank freundlich „dass Hannover im Verbund Norddeutschland ist. Genau wie Berlin. Wir hier sind aber im Verbund Süddeutschland. In München oder Stuttgart könnten Sie sich mit Ihrer Karte Kontoauszüge ausdrucken lassen, aber in Berlin geht das leider nicht.“

Triumphierend lief ich zurück und erzählte von dem Telefonat. „Hör zu, bei Katharina geht es ohne Probleme. Glaubst du, sie lügt?“ war die Reaktion. „Ach, dir ist auch nicht zu helfen.“ Damit war die Sache erledigt.

Alle doof oder was?

Eigentlich waren Katharina und ihre Familie ganz nett, wohlhabend, aber immer hilfsbereit, Intellektuelle, die alle in verschiedenen Ländern dieser Erde gelebt hatten, also weltgewandt und lebenserfahren waren. Katharina war ein Jahr älter als ich und immer vernünftiger, erwachsener und reifer gewesen. Von ihr konnte man lernen. Als Kind hatte ich sie um ihre flachsblonden Zöpfe beneidet. Als sie einmal Urlaub in der Heimat meiner Vorfahren gemacht hatten, hatten die Leute dort Katharina an den Haaren gezogen, wie sie Jahre später einmal lachend erzählte. Ich selbst war unter den braunen und schwarzen Haarschöpfen nicht aufgefallen. Niemand hatte sich für meine Haare oder sonst etwas interessiert.

Warum war es, als wir dann erwachsen waren, trotzdem plötzlich so schwer, die logische Erklärung für das Problem mit meiner Bankkarte zu akzeptieren? Zumal ich ja entgegengekommen war, mich hatte belehren lassen und das Ganze auch mehrfach ausprobiert und überprüft hatte …

Ein bisschen sind solche Leute wie die Frauen in der Bibliothek, nur dass sie nicht verrückt sind. Ist vielleicht das der Grund, warum Margarete Stokowski, Carolin Emcke und die „Zeit“ diese Menschen unterstützen?

Avantgarde?

„Nein, sie schicken sie vor!“ meldet sich die boshafte Stimme in meinem Kopf wieder zu Wort. „Katharina und ihre Eltern? Nein, warum sollten sie?“ erwidere ich. „Nein, aber z. B. die Frauen, für die Margarete Stokowski schreibt. Die sind nicht gaga – ganz im Gegenteil, es sind junge Frauen, die an der Spitze unserer Gesellschaft stehen. Aber sie haben Probleme und suchen jemanden wie dich zum Treten, damit sie das Gefühl haben, da ist eine, gegen die sie vielleicht wirklich, also auch innerlich, gefühlt, die „Stars“ sein können, zu denen ihre Eltern sie machen wollten. „Germany’s next Topmodel“, Selbstoptimierung und so …“

„Na ja, ich weiß nicht“ beendete ich den inneren Monolog. Ich weiß es nämlich wirklich nicht.

*Name, Ort geändert.

 

 

Sprachtalente

Den Schwachen soll man helfen. Den Schwachen, ja, aber auch denen, die es einfach nicht ertragen können, wenn sie andere nicht ausstechen können?

Ich bin ganz gut in Fremdsprachen. Nicht perfekt, nein. Gemessen an Muttersprachlern, sind meine Kenntnisse vielleicht sogar ziemlich dürftig. Das Problem ist, Problem Nummer 1 sozusagen: Ich werde immer an Muttersprachlern gemessen, an Akademikern, gebildeten und sprachgewandten Leuten, meinesgleichen in ausländisch sozusagen.

Manchen ist es einfach gegeben … Wirklich?

Dabei geht es eigentlich um die Deutschen, genauer um die, die sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben haben, ganz gut in Fremdsprachen zu sein. Das habe ich auch niemandem abgesprochen. Umgekehrt wissen die meisten allerdings ganz genau, dass es mit meinen Fremdsprachenkenntnissen soweit her nicht ist. Sagen sie jedenfalls. Der Neffe eines deutschen Kulturstars (so erzählte man mir. Ich bin allerdings in den letzten Jahren so oft angelogen worden, dass ich mittlerweile nicht mehr weiß, was ich glauben soll und daher lieber vorsichtig bin), der im sonnigen Süden aufgewachsen ist, stellte dann auch reinheraus klar, dass er kein Wort verstünde, wenn ich sprechen würde. „Er hat sie ja nicht mal verstanden!“ ereiferte sich auch seine Großmutter, selbst ebenfalls polyglott. Eine andere Frau ergänzte: „Und die mit den südländischen Vorfahren, das bin doch wohl eher ich!“. Stimmt, damit hatte ich ein bisschen kokettiert. Aber die anderen hatten auch immer wieder lang und breit von Masuren und Schlesien erzählt, von den Eltern oder Großeltern, die da gelebt hatten oder zumindest geboren worden waren. Ich tat so, als hätte ich durch die zugigen großen Fenster und die angelehnte Tür nicht gehört, was draußen besprochen wurde. Ein bisschen Wein hatte ich ja auch schon getrunken. Also ging ich nach draußen, verabschiedete mich freundlich und stapfte zur U-Bahn. Ich war zum letzten Mal in dem kleinen, alternativen Gesprächszirkel dabei gewesen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man in diesen Kreisen lobende Worte für Thilo Sarrazin fand, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) viele sich eher ökig-links gaben und man von Leistungsdruck und Strebertum nichts hielt.

Als ich selbst vor langer Zeit in dem Land im Süden lebte, war ich jedenfalls ganz gut für die Einheimischen zu verstehen. Das ist auch immer noch so, wenn ich auf Leute aus diesem Land treffe, die keine deutschen Freunde haben und sich auch nicht sonderlich für Kunst und Kultur interessieren, nicht mit rechtem Gedankengut sympathisieren und sich auch nicht als die Elite der Welt sehen. Sie wissen, dass ihre Sprache nicht meine Muttersprache ist. Ich weiß, dass ich auch nicht unduldsam sein darf, wenn sie Deutsch sprechen, weil es umgekehrt eben genauso ist.

Neulich las ich, dass es viel schwerer ist, in einer fremden Sprache von sehr guten, bereits flüssigen Kenntnissen auf ein sicheres Übersetzerniveau zu kommen, als von „Grundkenntnissen“ zu „guten Kenntnissen“ aufzusteigen. Ich glaube, dass das stimmt.

Mit der nur Deutsch!

Wenn Deutsche dabei sind, ist es aber definitiv aus. Ein Bekannter von mir hat ebenfalls ein Studienjahr am Mittelmeer absolviert. Er hat einen gut bezahlten Job im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, für den seine Sprachkenntnisse keine Rolle spielen. Trotzdem ist ihm das sehr wichtig. Mit keinem Wort oder auch nur Blick hatte ich allerdings auch nur angedeutet, dass es das nicht sein dürfe oder dass er in irgendeiner Hinsicht schlechter sei als ich. Ich hatte nur einmal erwähnt, dass ein Teil meiner Vorfahren aus dem Land stammt. Mit der Sprechen hat das nichts zu tun, denn die wird nicht vererbt. Allerdings stören sich, wie gesagt, viele Deutsche daran, wenn man sich mit solchen sachen ein wenig aufspielt.

Na gut. Eines Tages hatten mein Bekannter und seine Frau eine Südländerin zu Gast. Tatsächlich tranken wir Frauen Kaffee zusammen, bis er dazukam und einen Satz auf der fremden Sprache einwarf. Der Gast antwortete, ebenfalls in der fremden Sprache. Ich ergänzte lachend etwas. Der Gast starrte mich irritiert an und anwortete in einem strengen, sehr bestimmten Tonfall auf Deutsch. Mein Bekannter grinste und ging.

Hilfestellung für Leistungsträger

Manchmal sind andere Deutsche auch wirklich nicht ganz so gut. Auch das kommt vor. Vor Jahren war ich mal auf einem Französisch-Stammtisch, für den man auch noch 5 Euro Teilnahmegebühr zu zahlen hatte. Eine Frau leitete das didaktisch etwas an. Sie hatte gesagt, sie sei zwar keine Französin, aber trotzdem Muttersprachlerin, was etwas fragwürdig war, denn dazu passte ihr Name nicht und sie machte auch gelegentlich kleine Grammatik- oder Wortfehler, was mir nicht entging, aber ich hielt den Mund, da sie die Sprache ansonsten wirklich sehr gut beherrschte und es daher angemessen war, dass sie den Stammtisch leitete. Von ihr konnte man sicherlich lernen.

Jedenfalls sollte ich mit einer älteren Deutschen Konversation zu einem vorgegebenen Thema machen. Die Frau war Anwältin und Französisch ein netter Zeitvertreib für sie. Der Spaß blieb allerdings einseitig, weil die Frau quälend lange brauchte, um ihre Sätze zusammenzubauen und mir keinen Platz für Entgegnungen ließ. Im Grunde war es ein Monolog, aber sie fragte mich zwischendrin (auf Deutsch) nach Worten und ob die Grammatik richtig sei. Schließlich beendete die Leiterin die Diskussion und fragte, ob sich jeder zu dem Gesprächsthema hatte äußern können. „Ach so … oh.“ entgegnete die Anwältin. Offenbar war ihr gar nicht klargewesen, dass ich nicht nur zum Zuhören und als ihr persönlicher Sprach-Coach da war. Vielleicht irre ich mich da aber auch, denn als ich später ging, ohne mehr als einen Satz auf Französisch gesagt zu haben, hörte ich in der Tür gerade noch, wie sie zu der Leiterin sagte: „Eigentlich bin ich ja doch viel besser als sie. Sie hat ja auch kaum etwas gesagt.“

Die Schwachen zuerst!

Zwar hatte ich Französisch schon beruflich verwendet, aber mir war, wie gesagt, klar, dass es nicht perfekt ist. Deshalb war ich unsicher. Würde ich den strengen Anforderungen deutscher Arbeitgeber entsprechen können, selbst dann, wenn keine muttersprachlichen Kenntnisse gefragt waren? Ich beschloss, einen Sprachtest beim Institut Français zu machen. Da ich die Sprache lange nicht gesprochen hatte und mir mittlerweile klar war, dass auch Sprachstammtische und Tandems nicht dazu geeignet wären, beschloss ich, einen Konversationskurs zu machen. Ich fand an einer Volkshochschule einen, der nicht ganz so teuer war und sogar gezielt auf das Examen vorbereiten sollte.

Trotzdem waren vor allem ältere Damen dabei, die ihre Sprachkenntnisse ein wenig pflegen wollten (warum nicht?) und zwei Französisch-Studentinnen, die ein Zusatztraining zu ihren Uni-Kursen wollten. Schnell stellte sich heraus, dass ich die einzige war, die eine Prüfung machen wollte. Eine der beiden jüngeren Frauen war mit dem Kursniveau sichtlich überfordert. Die Lehrerin bemühte sich redlich, die Unterschiede im Kenntnisstand auszugeleichen. Ich fühlte mich ein bisschen wie mit der Anwältin auf dem Sprachstammtisch.

In meinem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander.

Die eine hämmerte auf mich ein: „Sie ist so schwach und du bist so selbstsüchtig! Es ist ganz richtig, dass man sie gezielt fördert und du dich gefälligst zurücknimmst. Ja, hast du denn gar kein Mitgefühl! Elende Narzisstin! Ego-Schwein! Kein Wunder, dass niemand dich mag!“

Die andere Stimme war weit weniger kritisch. Vor meinem inneren Auge stellte ich sie mir bocksbeinig und mit Teufelshörnern vor: „Sei nicht dumm! Die blöde Kuh hält hier den ganzen Kurs auf, nur weil ihr dickes Ego es nicht verträgt, dass sie eigentlich zwei Level tiefer steht. Wie oft willst du dich von solchen Leuten eigentlich noch verarschen lassen? Umgekehrt, wenn du dich selbst auch nur etwas zu gut eingeschätzt hättest, würden sie alle keine Sekunde zögern, um dir klarzumachen, dass du zu doof für den Kurs bist und das wird die Kleine ohnehin über dich zum Besten geben, sobald du ihr den Rücken zukehrst. Das kennst Du doch bereits! Soll sie doch an der Uni besser aufpassen oder nach Frankreich gehen oder wenigstens zu Hause nachlernen! Das kann man doch wohl verlangen! Die Lehrerin hilft ihr ohnehin nur, weil sie teure Klamotten trägt und ihr Mäppchen aus feinstem Kalbsleder ist, genau wie bei den alten Tanten. Die hat das Geld, noch x Kurse bei ihr zu machen, um gezielt gefördert zu werden und eines Tages Leute wie dich aus dem Feld zu schlagen, während man dir mit deinem Mix aus Second-Hand, Zeeman und „Ausverkauf bei H&M“ ansieht, dass du dir den Kurs vom Munde abgespart hast. Los, mach den Mund auf! Du hast das gleiche Geld für den Kurs gezahlt! Du hast ein Recht darauf, auch etwas zu lernen!“

Ich machte den Mund nicht auf. Die Lehrerin wurde krank und wir bekamen einen neuen Lehrer. Der legte mit einem Text über erneuerbare Energien einen rasanten Einstieg hin. Ich war hocherfreut, denn ich hatte gelesen, dass so etwas auch in der Prüfung vorkommen könnte. (Ich sollte recht behalten. Als es soweit war, konnte ich für mein Prüfungsreferat zwischen den Themenbereichen Medizin und Wirtschaft wählen). Die Studentinnen blieben weg. Die alten Damen maulten, dass sie lieber Literatur machen wollten. Wir machten Literatur. Die alten Damen kannten aber auch da nicht so viel mehr Vokabeln.

Noblesse oblige!

Dennoch war eine der beiden ansonsten auch gut. Sie sprach gewandt und formulierte flüssig und routiniert. Allenfalls an Vokabular fiel sie leicht ab, vielleicht war das aber auch nur Zufall. Die Frau schien in meinem Viertel zu wohnen, hatte jedenfalls den gleichen Nachhauseweg wie ich. Ich hatte sie ein paarmal höflich angesprochen, spürte aber, dass ihr das nicht recht war. Als ich begriff, dass sie eher ausstieg, Umwege in Kauf nahm, um mir auszuweichen, richtete ich es so ein, dass ich nach dem Unterricht immer noch aufs Klo ging und wenn ich M. dann doch in der U-Bahnstation sah, ging ich nicht rüber, um über den Kurs zu sprechen, sondern tat meinerseits auch so, als hätte ich sie nicht gesehen.

M. war, demnach, was sie erzählte, Renterin und hatte lange im Wirtschaftsbereich, auch im Ausland gearbeitet. Trotz ihres Alters kleidete sie sich teuer und modisch, man könnte sogar sagen, ziemlich jugendlich. Ihren Äußerungen im Kurs zufolge hatte sie jedoch sehr konservative Ansichten. Einiges davon stand so auch später im Wahlprogramm der AfD, aber ich will niemandem, von dem ich es nicht mit Sicherheit weiß, eine Nähe zum Rechtspopulismus aufdrängen. Nur soviel kann man festhalten, dass M. sicherlich keine Linke war, niemand, der besondere Nachsicht mit „Verlierertypen“ gehabt hätte. Ich hielt mich bedeckt. Ich fürchtete mich fast ein wenig.

In der letzten Stunde waren nur noch M. und ich im Kurs. Gleich zu Beginn stellte M. klar, dass sie einen Text besprochen haben wollte, den sie eigens für den Kurs zu Hause verfasst hatte. Ich solle mich zurückhalten, schließlich sei ich gut genug in Französisch und auch sie wolle gefördert werden. Sie müsse, wie sie sagte, ihren Kopf fit halten. Ich protestierte, weil es bei zwei Teilnehmerinnen eigentlich möglich sein müsste, beide zu Wort kommen zu lassen. Dennoch setzte sich M., in der Rolle der sprachlich (geringfügig) Schwächeren durch. Sie erhielt Einzelunterricht, ich war (erneut) dazu verdammt, zuzuhören.

Ich machte die Prüfung ein Niveau tiefer, als ich eigentlich vorgehabt hatte, denn obwohl man mir zu dem höheren Niveau geraten hatte, hatte ich Zweifel, ob ich im Mündlichen bestehen würde. Ich wusste, dass die Prüfungen kein Pappenstiel waren, selbst, wenn man glaubte, schon ganz gut zu sein, und wollte die Prüfungsgebühr nicht in den Sand setzen. Glücklicherweise bestand ich und zu meiner Freude sogar in allen Bereichen mit hoher Punktzahl. Immerhin konnte ich damit wenigstens nachweisen, dass ich mir vollkommend zu Recht Französisch „fließend“ im Lebenslauf eingetragen hatte. Es war blamabel für alle Deutschen, die sich so sicher gewesen waren, dass ich „doch allenfalls A2 sei“, wie ihre französischen Freunde ihnen bestätigt hätten.

Alles eine Frage des Auftretens?

Genützt hat es mir nur wenig. Neulich erklärte mir ein Romanist recht besserwisserisch, dass man bei „Il faut que“ niemals den Subjonctif verwendet (Anmerkung: Man muss gerade in dem Fall IMMER den Subjonctif benutzen!). Woher nehmen solche Leute eigentlich diese Selbstsicherheit, auch noch ihre Fehler und ihr mangelndes Fachwissen als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen?

Sowieso zählt ja nur noch Englisch. Allerdings – und auch wenn ich im Englischen nie so sicher war wie in Französisch (vielleicht sogar gerade deshalb) – frage ich mich, ob das so schlimm ist. Zugegeben, manchmal fühle ich mich geradezu erschlagen von den vielen Leuten, die an einer Ivy-Leage-Uni oder zumindest in Oxford oder Cambridge ganze Studiengänge absolviert haben und lässig in geschliffenem, perfektem Englisch loslegen. So gut werde ich das nie können und eigentlich will ich das auch gar nicht. Wenn in Stellenazeigen „proficiency“ in Englisch gefordert wird, brauche ich mich, so habe ich im Internet gelesen, nicht bewerben, denn dann ist wirklich annähernd muttersprachliches „Oxbridge“-Englisch gefragt. Immer mehr deutsche Arbeitergeber wollen „Oxbridge“. Vielleicht sind die tadellosen Englischkenntnisse aber nicht das einzige, vielleicht ist es auch das Lebensgefühl von M., der viel zu schlechten, aber für eine Studentin auffallend wohlhabenden anderen Teilnehmerin in meinem Französischkurs und des im Sden aufgewachsenen Kulturstar-Neffen, das man gerne im Team hätte. Damit kann ich noch weniger mithalten.

… oder darf es auch mal Spaß machen?

Dafür hat es mir Spaß gemacht, den US-Wahlkampf im Internet mitzuverfolgen. Ich erfuhr, dass es „drüben“ nicht nur Leute wie Donald Trump gibt, sondern auch Menschen wie Bernie Sanders. Ich las, dass viele amerikanische College-Absolventen als Thekenkraft arbeiten müssen, informierte mich darüber, warum in einigen US-Bundesstaaten die Zahl der Heroinabhängigen und Drogentoten exponentiell in die Höhe geschossen ist. Ich erfuhr, was Hillary Clinton dagegen tun wollte, nahm mit Entsetzen davon Kenntniss, wie sehr liberale Kräfte mit Dreck beschmissen werden, wie unfair „Big Player“ sein können. Ich hörte mir Koch-V-Logs auf Buzzfeed an, lachte mit diversen Comedy-Stars mit, schnappte Vokabeln auf, von denen ich nicht weiß, ob es Slang ist, oder ob man das auch im Büro so sagen kann.

über alle Kritik erhaben – die neue Elite

Vielleicht wäre es ehrlich, das so auch in meinen Lebenslauf zu schreiben. Natürlich mache ich das trotzdem nicht. Auch in Englisch werde ich im Übrigen gern rüde korrigiert, auch hier sind es oft Deutsche oder Menschen, die zwar gut und flüssig sprechen, aber keine Muttersprachler sind. Es hagelt verbale Haue und triumphierende Blicke, wenn ich ein Wort falsch ausspreche oder betone, was öfters mal vorkommt. Vor ein paar Monaten erklärte mir eine Frau aus Ungarn in einem genervt-hochnäsigen Tonfall, dass man nicht „to be happy about“ sagen würde sondern dass es „to be happy at“ heißen müsse. Ob ich nicht einmal das wüsste. Im Internet las ich, dass „native Speaker“ „to be happy with“ bevorzugen, „to be happy about“ ok, aber etwas „deutsch“ gedacht ist und „to be happy at“ im Sinne von „sich über etwas freuen“ eigentlich gar nicht verwendet wird. Na ja, wieder etwas gelernt.

Klar, das kommt schon einmal vor, dass man glaubt, etwas genau zu wissen und dann ist es doch falsch. Ist mir sicher auch schon passiert. Allerdings nervt mich die dümmlich-hochnäsige Art dieser Leute langsam, dieses ewige Rivalisieren, erst auf die Tränendrüse drücken und sich als vermeintlich hilflose und von Leuten wie mir unterdrückte Opfer Sonderförderung erpressen und dann von oben herab andere in den Dreck treten.

Neulich erwischte ich einen Spanier, der zweifelsohne sehr gut Englisch sprach und mich häufiger nicht unfreundlich aber sehr gönnerhaft im Englischen korrigiert hatte – etwa so, wie man ein Kleinkind, das es nicht besser wissen kann, tadelt oder eine geistig Behinderte sanft, aber bestimmt auf einen Fehler aufmerksam macht – bei einem dicken Wortfehler. Der war derart typisch für Deutsche, dass ich es, glaube ich, sogar in der Schule gelernt hatte, dass man das so nicht sagen darf. Knapp warf ich das richtige Wort ein. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob ich das Spiel nicht mittlerweile schon mitspiele. Dann sah ich in das Gesicht des jungen Mannes. Ich habe nie so viel Hass und Abscheu gesehen. Wegen eines Wortes? Ich hatte doch umgekehrt auch immer nett gelächelt und mich artig bedankt. Oft hatte ich ja auch wirklich Fehler gemacht. Genau wie er jetzt auch. Offensichtlich hatte ich ins Schwarze getroffen.