Cut! Warum man sich von Queer distanzieren können dürfen muss.

„Beißreflexe“ – Das Buch der „Polittunte“ Patsy LaLove L’Amour ist seit Monaten der Hot Topic schlechthin der Berliner queeren Szene. Ich bin darüber natürlich nur zufällig im Internet gestolpert, denn in der queeren Szene habe ich nur vor vielen Jahren mal hier und da geschnuppert. Da ich überall angefeindet und belästigt wurde, habe ich es dann gelassen. Die Leute widerten mich an: Turnschuhe an den Füßen, die so teuer aussehen, dass ich meine Miete davon bezahlen könnte, Koksrotz um die Nase und Ecstasy-vergrößerte Pupillen, konsumgeil bis zum geht nicht mehr. Entsprechend arrogant treten die Leute auf und man kann nicht umhin, zu glauben, dass man es mit einer gelangweilten, vollkommen übersättigten Jeunesse Dorée zu tun hat, die gar nicht mehr weiß, wie sie ihr Geld noch zum Fenster rausschmeißen soll. Nicht mein Fall.

Leider ließen die Leute aber nicht von mir ab. „Beißreflexe“ und viel mehr noch die Debatte darum, erklärt, warum. Für einen Teil der Leute in der queeren Szene sind mittlerweile offenbar sogar Homosexuelle zum Feind geworden. Auch ist nicht jedeR für die Ehe für alle. Das erklärt vermutlich die homophoben Ausfälle. Auch wenn die Leute es so verstanden wissen wollten, dass ich ja „keine queere Identität“ hätte und es daher „nichts mache“. Also nicht gegen Homophobie bzw. nur wenn einem selbst irgendeine Laus über die Leber läuft. dann ist es „homophob“. Obwohl die Leute darauf bestehen, Avantgarde im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zu sein, ist ein Teil der Leute islamfeindlich und rassistisch, wie man u. a. in dem Buch „Unter Weißen“ des Zeit-Journalisten Mohamed Amjahid (S. 113 ff) nachlesen kann. Auch Antisemitismus ist offenbar – v. a. im Zuge des Engagements „gegen Imperialismus“ und für Palästina verbreitet. Nicht wenige queere Menschen leiden unter psychischen Krankheiten. Ein Teil davon wollte mich daher auch „krank machen“. Warum sollte ich es denn besser haben? Ein großer Teil,. v. a. der Frauen, leidet an Essstörungen und ist mit seinem Körper unzufrieden. Also sollte ich mich auch nicht mehr in meinem Körper wohlfühlen dürfen. Daher die sexuellen Übergriffe, gern begleitet von dem Verweis darauf, dass ich ja „keine Dyke“ sei, nicht „transgender“. Ich bin tatsächlich nicht „transgender“. Die anderen aber auch nicht. Dass das Geschlechterbild dieser Leute mit seinen klar definierten Rollenvorstellungen für Männer und Frauen, die aber eben „Transgender“ – und offenbar nur die! – durchbrechen können, am rechten Rand dieser Gesellschaft durchaus mit einem gewissen Wohlwollen zur Kenntniss genommen wird, kann man in den Leserbriefen der „Zeit“ von dieser Woche nachlesen.

Ein Teil der Leute wollte mich in der U-Bahn betteln gehen sehen. „Tja, jetzt am Monatsende ist Schmalhans wohl Küchenmeister!“ höhnte eine der Frauen einmal. Man könnte an Psychoterror denken oder an einen Klassenkampf über sexuelle Gewalt – die ständigen Anmachen, die Frauen/Männer sollten ja endlich „ihre Sexualität“ „leben“ dürfen. Dennoch ist es die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die hier fördert. Das heißt, Schützenhilfe und Fördergelder erhalten die Leute auch von der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung und anderen Institutionen. Carolin Emcke – ihres Zeichens Publizistin und Patentochter des ehemaligen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, setzt sich leidenschaftlich für Queer ein, aber auch die Alfried-Krupp-Stiftung scheint queerer Forschung gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Dabei ist es durchaus diskussionswürdig, ob queere Wissenschaft so seriös ist. Die queere Juniorprofessorin Nanna Lüth beispielsweise sollte ihre Juniorprofessur in Kunstpädagogik an der UDK Berlin vorzeitig beenden, wie man im Berliner „Tagesspiegel“ nachlesen kann. In dem sich weit links positionierenden „Neuen Deutschland“ steht, wie Lüth um ihren Posten kämpfte: Mit der Diversity-Keule: Auch ein schwarzer Medienkünstler sei geschasst worden. Man habe wohl etwas gegen Minderheiten. Allein – der Mann war wohl nicht bereit, für sich für die Dauer des Lehrauftrages ein Zimmer in Berlin zu mieten. Zu viele Verpflichtungen hätten es dem Kanadier allenfalls erlaubt, wie gewohnt gelegentlich nach Berlin zu jetten, um angehende Berliner Kunstlehrer zu instruieren. Tja. Warum sieht man sich dann nicht einfach nach einem ähnlich qualifizierten Medienkünstler um, der zumindest ein Semester lang in Berlin wohnen kann? Wenn das denn so wichtig ist, dann eben mit schwarzer Hautfarbe.

Lüth selbst wurden Dogmatismus und wissenschaftliche Mängel vorgeworfen. Ein Blick auf ihre Vita lässt darauf schließen, dass das so weit hergeholt vielleicht nicht ist. Die Frau hat Film-und Fotodesign studiert, mehrere Aufbaustudiengänge in Großbritannien und den USA zum Thema Medienkunst absolviert und schließlich noch einmal „Kunst im Kontext“ an der UdK, dann die Promotion in Kulturwissenschaften an der Universität Oldenburg und eine Tätigkeit als Kunstvermittlerin im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in der nordwestdeutschen Provinzstadt. Vermutlich ist die Frau fit, was Medienkunst betrifft und nachweisliche Erfahrung in der Museumsarbeit – im weiteren Sinne, hat sie auch – aber eine qualifizierte Wissenschaftlerin? Eine Erfahrene Kunstpädagogin?

Ohne es zu wissen hatte ich selbst einmal mit Nanna Lüth zu tun. Ich bin geboren und aufgewachsen in Oldenburg, aber das tut nur indirekt zur Sache. In Berlin hatte ich 2008 an einem interaktiven Ausstellungsprojekt in der Kreuzberger Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst teilgenommen, das offenbar von Nanna Lüth organisiert wurde. Ich staunte nicht schlecht, als sich eines Tages vor dem Video, in dem ich mitgewirkt hatte, zwei Männer einfanden, die mir entfernt, sehr entfernt bekannt vorkamen. „Ha! Die kennen wir doch!“ rief der eine aus, als ich in dem Video zu sehen war. Dennoch, ich war sicher, dass da etwas nicht stimmte. Die beiden hatten zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit meinem alten Kunstlehrer und einem Sportlehrer der Schule in Oldenburg, auf der ich gewesen war, aber in meinem Hirn meldete sich ein Alarm: „Das sind die nicht! Das sind die nicht! Jemand will dich ver-aaarschen.“ Keiner der beiden sprach mich auch im Ausstellungsraum an, obwohl sie doch laut hinausposaunt hatten, dass sie mich angeblich kennen. Der Typ, der eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Kunstlehrer hatte, begegnete mir noch zwei Mal in Berlin.

Erst Jahre später wurde mir klar, warum ich so sicher war, dass es NICHT mein alter Kunstlehrer war: Ich erinnerte mich, dass ich 2004 bei den Eltern einer Freundin in Oldenburg zur Gast war. Wir trafen meinen ehemaligen Kunstlehrer in der Innenstadt. Der reagierte ziemlich unwirsch und schien mich auch nicht einordnen zu können. Ich nahm es nicht persönlich, obwohl mich die Mutter der Freundin darauf ansprach, denn ich wusste aus der Schule, dass der Mann ziemlich grob sein konnte, es aber nicht unbedingt so meinte. Kein Typ, der überbordendes Interesse an seinen Schülern gezeigt hätte, aber wir Schüler mochten ihn damals, weil er als einer der wenigen linken Lehrer galt. Wir haben sogar in der Oberstufe mal ein Kurstreffen bei mir gemacht.

Die UdK mied ich, seit ich mir dort eine Meisterschülerausstellung angeschaut hatte und wieder belästigt worden war. Als mir 2012 in den Kopf kam, selbst Kunstlehrerin zu werden, mailte ich ihnen allerdings nichts ahnend, um in Erfahrung zu bringen, ob ich Teile meines kunsthistorischen Studiums einbringen könnte. „Nur wenig“ – so die knappe Antwort. Außerdem müsse mir klar sein, dass die Anforderungen hoch seien. Ich bewarb mich nicht, denn ich hatte kein Geld, um nochmal richtig zu studieren und ein wirkliches Kunsttalent bin ich eigentlich auch nicht. Wenn dann, hätte es vielleicht allenfalls an einer Provinzuni geklappt. Als ich ein paar Wochen später in einem Kunstprojekt in der NGBK teilnahm, wo die Ausstellungsbesucher selbst zeichnen durften, bemerkte ich,wie eine mittelalte Frau schmallippig meine Zeichnung begutachtete, während ich mich mit einem Jungen mit Migrationshintergrund aus dem Viertel unterhielt. „Und so was wollte Kunstpädagogik studieren!“ schnauzte die Frau halblaut zu einem Künstlertypen, der wohl zu den Mitorganisatoren gehörte. „Die kann doch gar nicht malen!“. Vielleicht stimmte das. Bloß woher wusste die Frau, dass ich die EMail mit der Anfrage an die UdK geschickt hatte???

Fast alle in der queeren Szene machen was mit Kunst, Politik und Medien. Meistens sogar alles zusammen. Auch Patsy LaLove L’Amour, die übrigens, wie man ihrer Homepoage entnehmen kann, ebenfalls von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wird. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wer hier wen beißt, nur dass alle mich gebissen haben. Vielleicht kämpft ja sogar mein alter Kunstlehrer als Linker mittlerweile einen mit allen Mitteln geführten queerfeministischen Kampf gegen eine verarmte ehemalige Schülerin, die er so auf der Straße noch nicht einmal mehr wiedererkennen kann. Dann wäre auch er Teil der „Gender-Stasi“, wie es Peter Rehberg in der „Zeit“ so treffend auf den Punkt gebracht hat. Vielleicht ist es aber auch nicht so. Das ist mir eigentlich egal. Hauptsache, ich werde in Ruhe gelassen. Denn an die Gurgel gehen sie einander allesamt, wie auch Hannah Wettig in der „Emma“ schreibt. Glücklich, wer nie in die Fänge dieser Menschen gerät!

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Sprachtalente

Den Schwachen soll man helfen. Den Schwachen, ja, aber auch denen, die es einfach nicht ertragen können, wenn sie andere nicht ausstechen können?

Ich bin ganz gut in Fremdsprachen. Nicht perfekt, nein. Gemessen an Muttersprachlern, sind meine Kenntnisse vielleicht sogar ziemlich dürftig. Das Problem ist, Problem Nummer 1 sozusagen: Ich werde immer an Muttersprachlern gemessen, an Akademikern, gebildeten und sprachgewandten Leuten, meinesgleichen in ausländisch sozusagen.

Manchen ist es einfach gegeben … Wirklich?

Dabei geht es eigentlich um die Deutschen, genauer um die, die sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben haben, ganz gut in Fremdsprachen zu sein. Das habe ich auch niemandem abgesprochen. Umgekehrt wissen die meisten allerdings ganz genau, dass es mit meinen Fremdsprachenkenntnissen soweit her nicht ist. Sagen sie jedenfalls. Der Neffe eines deutschen Kulturstars (so erzählte man mir. Ich bin allerdings in den letzten Jahren so oft angelogen worden, dass ich mittlerweile nicht mehr weiß, was ich glauben soll und daher lieber vorsichtig bin), der im sonnigen Süden aufgewachsen ist, stellte dann auch reinheraus klar, dass er kein Wort verstünde, wenn ich sprechen würde. „Er hat sie ja nicht mal verstanden!“ ereiferte sich auch seine Großmutter, selbst ebenfalls polyglott. Eine andere Frau ergänzte: „Und die mit den südländischen Vorfahren, das bin doch wohl eher ich!“. Stimmt, damit hatte ich ein bisschen kokettiert. Aber die anderen hatten auch immer wieder lang und breit von Masuren und Schlesien erzählt, von den Eltern oder Großeltern, die da gelebt hatten oder zumindest geboren worden waren. Ich tat so, als hätte ich durch die zugigen großen Fenster und die angelehnte Tür nicht gehört, was draußen besprochen wurde. Ein bisschen Wein hatte ich ja auch schon getrunken. Also ging ich nach draußen, verabschiedete mich freundlich und stapfte zur U-Bahn. Ich war zum letzten Mal in dem kleinen, alternativen Gesprächszirkel dabei gewesen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man in diesen Kreisen lobende Worte für Thilo Sarrazin fand, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) viele sich eher ökig-links gaben und man von Leistungsdruck und Strebertum nichts hielt.

Als ich selbst vor langer Zeit in dem Land im Süden lebte, war ich jedenfalls ganz gut für die Einheimischen zu verstehen. Das ist auch immer noch so, wenn ich auf Leute aus diesem Land treffe, die keine deutschen Freunde haben und sich auch nicht sonderlich für Kunst und Kultur interessieren, nicht mit rechtem Gedankengut sympathisieren und sich auch nicht als die Elite der Welt sehen. Sie wissen, dass ihre Sprache nicht meine Muttersprache ist. Ich weiß, dass ich auch nicht unduldsam sein darf, wenn sie Deutsch sprechen, weil es umgekehrt eben genauso ist.

Neulich las ich, dass es viel schwerer ist, in einer fremden Sprache von sehr guten, bereits flüssigen Kenntnissen auf ein sicheres Übersetzerniveau zu kommen, als von „Grundkenntnissen“ zu „guten Kenntnissen“ aufzusteigen. Ich glaube, dass das stimmt.

Mit der nur Deutsch!

Wenn Deutsche dabei sind, ist es aber definitiv aus. Ein Bekannter von mir hat ebenfalls ein Studienjahr am Mittelmeer absolviert. Er hat einen gut bezahlten Job im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, für den seine Sprachkenntnisse keine Rolle spielen. Trotzdem ist ihm das sehr wichtig. Mit keinem Wort oder auch nur Blick hatte ich allerdings auch nur angedeutet, dass es das nicht sein dürfe oder dass er in irgendeiner Hinsicht schlechter sei als ich. Ich hatte nur einmal erwähnt, dass ein Teil meiner Vorfahren aus dem Land stammt. Mit der Sprechen hat das nichts zu tun, denn die wird nicht vererbt. Allerdings stören sich, wie gesagt, viele Deutsche daran, wenn man sich mit solchen sachen ein wenig aufspielt.

Na gut. Eines Tages hatten mein Bekannter und seine Frau eine Südländerin zu Gast. Tatsächlich tranken wir Frauen Kaffee zusammen, bis er dazukam und einen Satz auf der fremden Sprache einwarf. Der Gast antwortete, ebenfalls in der fremden Sprache. Ich ergänzte lachend etwas. Der Gast starrte mich irritiert an und anwortete in einem strengen, sehr bestimmten Tonfall auf Deutsch. Mein Bekannter grinste und ging.

Hilfestellung für Leistungsträger

Manchmal sind andere Deutsche auch wirklich nicht ganz so gut. Auch das kommt vor. Vor Jahren war ich mal auf einem Französisch-Stammtisch, für den man auch noch 5 Euro Teilnahmegebühr zu zahlen hatte. Eine Frau leitete das didaktisch etwas an. Sie hatte gesagt, sie sei zwar keine Französin, aber trotzdem Muttersprachlerin, was etwas fragwürdig war, denn dazu passte ihr Name nicht und sie machte auch gelegentlich kleine Grammatik- oder Wortfehler, was mir nicht entging, aber ich hielt den Mund, da sie die Sprache ansonsten wirklich sehr gut beherrschte und es daher angemessen war, dass sie den Stammtisch leitete. Von ihr konnte man sicherlich lernen.

Jedenfalls sollte ich mit einer älteren Deutschen Konversation zu einem vorgegebenen Thema machen. Die Frau war Anwältin und Französisch ein netter Zeitvertreib für sie. Der Spaß blieb allerdings einseitig, weil die Frau quälend lange brauchte, um ihre Sätze zusammenzubauen und mir keinen Platz für Entgegnungen ließ. Im Grunde war es ein Monolog, aber sie fragte mich zwischendrin (auf Deutsch) nach Worten und ob die Grammatik richtig sei. Schließlich beendete die Leiterin die Diskussion und fragte, ob sich jeder zu dem Gesprächsthema hatte äußern können. „Ach so … oh.“ entgegnete die Anwältin. Offenbar war ihr gar nicht klargewesen, dass ich nicht nur zum Zuhören und als ihr persönlicher Sprach-Coach da war. Vielleicht irre ich mich da aber auch, denn als ich später ging, ohne mehr als einen Satz auf Französisch gesagt zu haben, hörte ich in der Tür gerade noch, wie sie zu der Leiterin sagte: „Eigentlich bin ich ja doch viel besser als sie. Sie hat ja auch kaum etwas gesagt.“

Die Schwachen zuerst!

Zwar hatte ich Französisch schon beruflich verwendet, aber mir war, wie gesagt, klar, dass es nicht perfekt ist. Deshalb war ich unsicher. Würde ich den strengen Anforderungen deutscher Arbeitgeber entsprechen können, selbst dann, wenn keine muttersprachlichen Kenntnisse gefragt waren? Ich beschloss, einen Sprachtest beim Institut Français zu machen. Da ich die Sprache lange nicht gesprochen hatte und mir mittlerweile klar war, dass auch Sprachstammtische und Tandems nicht dazu geeignet wären, beschloss ich, einen Konversationskurs zu machen. Ich fand an einer Volkshochschule einen, der nicht ganz so teuer war und sogar gezielt auf das Examen vorbereiten sollte.

Trotzdem waren vor allem ältere Damen dabei, die ihre Sprachkenntnisse ein wenig pflegen wollten (warum nicht?) und zwei Französisch-Studentinnen, die ein Zusatztraining zu ihren Uni-Kursen wollten. Schnell stellte sich heraus, dass ich die einzige war, die eine Prüfung machen wollte. Eine der beiden jüngeren Frauen war mit dem Kursniveau sichtlich überfordert. Die Lehrerin bemühte sich redlich, die Unterschiede im Kenntnisstand auszugeleichen. Ich fühlte mich ein bisschen wie mit der Anwältin auf dem Sprachstammtisch.

In meinem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander.

Die eine hämmerte auf mich ein: „Sie ist so schwach und du bist so selbstsüchtig! Es ist ganz richtig, dass man sie gezielt fördert und du dich gefälligst zurücknimmst. Ja, hast du denn gar kein Mitgefühl! Elende Narzisstin! Ego-Schwein! Kein Wunder, dass niemand dich mag!“

Die andere Stimme war weit weniger kritisch. Vor meinem inneren Auge stellte ich sie mir bocksbeinig und mit Teufelshörnern vor: „Sei nicht dumm! Die blöde Kuh hält hier den ganzen Kurs auf, nur weil ihr dickes Ego es nicht verträgt, dass sie eigentlich zwei Level tiefer steht. Wie oft willst du dich von solchen Leuten eigentlich noch verarschen lassen? Umgekehrt, wenn du dich selbst auch nur etwas zu gut eingeschätzt hättest, würden sie alle keine Sekunde zögern, um dir klarzumachen, dass du zu doof für den Kurs bist und das wird die Kleine ohnehin über dich zum Besten geben, sobald du ihr den Rücken zukehrst. Das kennst Du doch bereits! Soll sie doch an der Uni besser aufpassen oder nach Frankreich gehen oder wenigstens zu Hause nachlernen! Das kann man doch wohl verlangen! Die Lehrerin hilft ihr ohnehin nur, weil sie teure Klamotten trägt und ihr Mäppchen aus feinstem Kalbsleder ist, genau wie bei den alten Tanten. Die hat das Geld, noch x Kurse bei ihr zu machen, um gezielt gefördert zu werden und eines Tages Leute wie dich aus dem Feld zu schlagen, während man dir mit deinem Mix aus Second-Hand, Zeeman und „Ausverkauf bei H&M“ ansieht, dass du dir den Kurs vom Munde abgespart hast. Los, mach den Mund auf! Du hast das gleiche Geld für den Kurs gezahlt! Du hast ein Recht darauf, auch etwas zu lernen!“

Ich machte den Mund nicht auf. Die Lehrerin wurde krank und wir bekamen einen neuen Lehrer. Der legte mit einem Text über erneuerbare Energien einen rasanten Einstieg hin. Ich war hocherfreut, denn ich hatte gelesen, dass so etwas auch in der Prüfung vorkommen könnte. (Ich sollte recht behalten. Als es soweit war, konnte ich für mein Prüfungsreferat zwischen den Themenbereichen Medizin und Wirtschaft wählen). Die Studentinnen blieben weg. Die alten Damen maulten, dass sie lieber Literatur machen wollten. Wir machten Literatur. Die alten Damen kannten aber auch da nicht so viel mehr Vokabeln.

Noblesse oblige!

Dennoch war eine der beiden ansonsten auch gut. Sie sprach gewandt und formulierte flüssig und routiniert. Allenfalls an Vokabular fiel sie leicht ab, vielleicht war das aber auch nur Zufall. Die Frau schien in meinem Viertel zu wohnen, hatte jedenfalls den gleichen Nachhauseweg wie ich. Ich hatte sie ein paarmal höflich angesprochen, spürte aber, dass ihr das nicht recht war. Als ich begriff, dass sie eher ausstieg, Umwege in Kauf nahm, um mir auszuweichen, richtete ich es so ein, dass ich nach dem Unterricht immer noch aufs Klo ging und wenn ich M. dann doch in der U-Bahnstation sah, ging ich nicht rüber, um über den Kurs zu sprechen, sondern tat meinerseits auch so, als hätte ich sie nicht gesehen.

M. war, demnach, was sie erzählte, Renterin und hatte lange im Wirtschaftsbereich, auch im Ausland gearbeitet. Trotz ihres Alters kleidete sie sich teuer und modisch, man könnte sogar sagen, ziemlich jugendlich. Ihren Äußerungen im Kurs zufolge hatte sie jedoch sehr konservative Ansichten. Einiges davon stand so auch später im Wahlprogramm der AfD, aber ich will niemandem, von dem ich es nicht mit Sicherheit weiß, eine Nähe zum Rechtspopulismus aufdrängen. Nur soviel kann man festhalten, dass M. sicherlich keine Linke war, niemand, der besondere Nachsicht mit „Verlierertypen“ gehabt hätte. Ich hielt mich bedeckt. Ich fürchtete mich fast ein wenig.

In der letzten Stunde waren nur noch M. und ich im Kurs. Gleich zu Beginn stellte M. klar, dass sie einen Text besprochen haben wollte, den sie eigens für den Kurs zu Hause verfasst hatte. Ich solle mich zurückhalten, schließlich sei ich gut genug in Französisch und auch sie wolle gefördert werden. Sie müsse, wie sie sagte, ihren Kopf fit halten. Ich protestierte, weil es bei zwei Teilnehmerinnen eigentlich möglich sein müsste, beide zu Wort kommen zu lassen. Dennoch setzte sich M., in der Rolle der sprachlich (geringfügig) Schwächeren durch. Sie erhielt Einzelunterricht, ich war (erneut) dazu verdammt, zuzuhören.

Ich machte die Prüfung ein Niveau tiefer, als ich eigentlich vorgehabt hatte, denn obwohl man mir zu dem höheren Niveau geraten hatte, hatte ich Zweifel, ob ich im Mündlichen bestehen würde. Ich wusste, dass die Prüfungen kein Pappenstiel waren, selbst, wenn man glaubte, schon ganz gut zu sein, und wollte die Prüfungsgebühr nicht in den Sand setzen. Glücklicherweise bestand ich und zu meiner Freude sogar in allen Bereichen mit hoher Punktzahl. Immerhin konnte ich damit wenigstens nachweisen, dass ich mir vollkommend zu Recht Französisch „fließend“ im Lebenslauf eingetragen hatte. Es war blamabel für alle Deutschen, die sich so sicher gewesen waren, dass ich „doch allenfalls A2 sei“, wie ihre französischen Freunde ihnen bestätigt hätten.

Alles eine Frage des Auftretens?

Genützt hat es mir nur wenig. Neulich erklärte mir ein Romanist recht besserwisserisch, dass man bei „Il faut que“ niemals den Subjonctif verwendet (Anmerkung: Man muss gerade in dem Fall IMMER den Subjonctif benutzen!). Woher nehmen solche Leute eigentlich diese Selbstsicherheit, auch noch ihre Fehler und ihr mangelndes Fachwissen als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen?

Sowieso zählt ja nur noch Englisch. Allerdings – und auch wenn ich im Englischen nie so sicher war wie in Französisch (vielleicht sogar gerade deshalb) – frage ich mich, ob das so schlimm ist. Zugegeben, manchmal fühle ich mich geradezu erschlagen von den vielen Leuten, die an einer Ivy-Leage-Uni oder zumindest in Oxford oder Cambridge ganze Studiengänge absolviert haben und lässig in geschliffenem, perfektem Englisch loslegen. So gut werde ich das nie können und eigentlich will ich das auch gar nicht. Wenn in Stellenazeigen „proficiency“ in Englisch gefordert wird, brauche ich mich, so habe ich im Internet gelesen, nicht bewerben, denn dann ist wirklich annähernd muttersprachliches „Oxbridge“-Englisch gefragt. Immer mehr deutsche Arbeitergeber wollen „Oxbridge“. Vielleicht sind die tadellosen Englischkenntnisse aber nicht das einzige, vielleicht ist es auch das Lebensgefühl von M., der viel zu schlechten, aber für eine Studentin auffallend wohlhabenden anderen Teilnehmerin in meinem Französischkurs und des im Sden aufgewachsenen Kulturstar-Neffen, das man gerne im Team hätte. Damit kann ich noch weniger mithalten.

… oder darf es auch mal Spaß machen?

Dafür hat es mir Spaß gemacht, den US-Wahlkampf im Internet mitzuverfolgen. Ich erfuhr, dass es „drüben“ nicht nur Leute wie Donald Trump gibt, sondern auch Menschen wie Bernie Sanders. Ich las, dass viele amerikanische College-Absolventen als Thekenkraft arbeiten müssen, informierte mich darüber, warum in einigen US-Bundesstaaten die Zahl der Heroinabhängigen und Drogentoten exponentiell in die Höhe geschossen ist. Ich erfuhr, was Hillary Clinton dagegen tun wollte, nahm mit Entsetzen davon Kenntniss, wie sehr liberale Kräfte mit Dreck beschmissen werden, wie unfair „Big Player“ sein können. Ich hörte mir Koch-V-Logs auf Buzzfeed an, lachte mit diversen Comedy-Stars mit, schnappte Vokabeln auf, von denen ich nicht weiß, ob es Slang ist, oder ob man das auch im Büro so sagen kann.

über alle Kritik erhaben – die neue Elite

Vielleicht wäre es ehrlich, das so auch in meinen Lebenslauf zu schreiben. Natürlich mache ich das trotzdem nicht. Auch in Englisch werde ich im Übrigen gern rüde korrigiert, auch hier sind es oft Deutsche oder Menschen, die zwar gut und flüssig sprechen, aber keine Muttersprachler sind. Es hagelt verbale Haue und triumphierende Blicke, wenn ich ein Wort falsch ausspreche oder betone, was öfters mal vorkommt. Vor ein paar Monaten erklärte mir eine Frau aus Ungarn in einem genervt-hochnäsigen Tonfall, dass man nicht „to be happy about“ sagen würde sondern dass es „to be happy at“ heißen müsse. Ob ich nicht einmal das wüsste. Im Internet las ich, dass „native Speaker“ „to be happy with“ bevorzugen, „to be happy about“ ok, aber etwas „deutsch“ gedacht ist und „to be happy at“ im Sinne von „sich über etwas freuen“ eigentlich gar nicht verwendet wird. Na ja, wieder etwas gelernt.

Klar, das kommt schon einmal vor, dass man glaubt, etwas genau zu wissen und dann ist es doch falsch. Ist mir sicher auch schon passiert. Allerdings nervt mich die dümmlich-hochnäsige Art dieser Leute langsam, dieses ewige Rivalisieren, erst auf die Tränendrüse drücken und sich als vermeintlich hilflose und von Leuten wie mir unterdrückte Opfer Sonderförderung erpressen und dann von oben herab andere in den Dreck treten.

Neulich erwischte ich einen Spanier, der zweifelsohne sehr gut Englisch sprach und mich häufiger nicht unfreundlich aber sehr gönnerhaft im Englischen korrigiert hatte – etwa so, wie man ein Kleinkind, das es nicht besser wissen kann, tadelt oder eine geistig Behinderte sanft, aber bestimmt auf einen Fehler aufmerksam macht – bei einem dicken Wortfehler. Der war derart typisch für Deutsche, dass ich es, glaube ich, sogar in der Schule gelernt hatte, dass man das so nicht sagen darf. Knapp warf ich das richtige Wort ein. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob ich das Spiel nicht mittlerweile schon mitspiele. Dann sah ich in das Gesicht des jungen Mannes. Ich habe nie so viel Hass und Abscheu gesehen. Wegen eines Wortes? Ich hatte doch umgekehrt auch immer nett gelächelt und mich artig bedankt. Oft hatte ich ja auch wirklich Fehler gemacht. Genau wie er jetzt auch. Offensichtlich hatte ich ins Schwarze getroffen.

Ist „nicht nett“ das gleiche wie „total scheiße“? Die heutige Arbeitswelt unter der (feministischen) Lupe

„She-Boss“? „Bossy Woman“, also ein fieses Alpha-Weib, das die Klaviatur männlichen Machtgebarens ebenso lässig beherrscht wie jeder Wall-Street-Broker? Muss frau ein „Psychopath(…) in Nadelstreifen“ sein, um Erfolg zu haben, wie ein Buchtitel (von Carmen Kühn, wen es interessiert) es auf den Punkt bringt? Schlimmer noch, sollte frau am besten eine Art weiblicher Donald Trump sein, um Erfolg zu haben?

Die promovierte Wirtschaftsinformatikerin Laura Dornheim zieht auf „Edition F“ Fazit: „Warum nett sein uns nicht weiterbringt„. „Frauen, bitte verhaltet euch wie Männer!“ fordert sie. Klar, „typisch weiblich“ gleich: mütterlich, fürsorglich, auch: sexy, frivol, mit einem guten Auge für Deko – nur leider reichlich doof. So peinlich altbacken der Stereotyp auch klingt. Dornheim hat leider recht.

Als ich studierte, stellte ich gleich in den ersten Semestern fest: Auch anderen Frauen geht das intellektuelle Macho-Gehabe mancher Männer gehörig auf die Nerven. Leider waren es oft auch linke, offiziell also „frauenfreundliche“ Männer. Was also tun, wenn „er“ in feministischer Theorie eigentlich viel belesener ist (und dir das im Zweifelsfall noch mal erklärt, wie das mit dem Feminismus gemeint ist), na ja, weil DU im einführenden Pro-Seminar Semiotik machst und dich nebenher noch in diverse politische Theorien eingearbeitet hast (nicht, weil das in dem anderen Proseminar – „Einführung in das politische System der Bundesrepublik Deutschland“ – verlangt worden wäre. Vielmehr ging es darum, sich in der interdisziplinären – äh – „Lerngruppe“, Montags in der linken Studie-Kneipe, bei Diskussionen keine Blöße geben zu müssen. Ein „Sehr gut“ hast du als angenehmen Nebeneffekt für die Proseminararbeit dann doch gekriegt, was „er“ etwas schmallippig und ziemlich überheblich als „Anfängerglück“ abgetan hat. Aber für die feministische Theorie blieb dir eben keine Zeit.).

1. Frauen sind viel besser als sie denken!

Wohl niemand ist heute noch so blöd und glaubt, es gäbe „Männergehirne“ und „Frauengehirne“. Na ja, in manchen differenzfeministischen Köpfen geistert der Gedanke noch herum. Vielleicht, weil der ein oder andere blonde Jungmann findet: „Voll lesbisch, wenn Frauen einen auf intellektuell machen!“. Klar, man bzw. frau kann es positiv wenden und sagen: „Na ja, Lesben sind halt gut in Mathe und haben mehr Ahnung von Politik.“ Dumm nur, wenn ein guter Teil der lesbischen Szene-Frauen dann Literaturwissenschaft studiert hat und irgendwie was mit Kultur machen will.

Es ist ein Vorurteil! Macht euch das klar!

2. Denkfehler (I): Gut ist nie gut genug

Zurück zu der Eingangsstory: Du hast eine klasse Seminararbeit hingelegt und eine entsprechend gute Note bekommen. „Er“ bemerkt spitz, dass du einen der wichtigsten, derzeit zum Thema am meisten rezepiertesten Theoretiker überhaupt nicht beachtet hast. So profunde sind deine Kenntnisse also wohl doch nicht. Tatsächlich hatte er zufällig gerade was dazu in der „Zeit“ gelesen. Du liest die „Zeit“ nur gelegentlich. Tja, Pech! Ob aus dir noch eine gute Politikwissenschaftlerin (setze ein entsprechendes Fach für dich ein!) wird?

Mach dir klar: Der junge Doktorand, der deine Arbeit korrigiert hat, kennt sich sogar noch besser im Thema aus als „er“, der Dämlack, der in Wirklichkeit nur eifersüchtig ist und außerdem Angst hat, du brächtest ihm nicht mehr genügend „Respekt“ (als „Instanz“ auf intellektuellem Gebiet) entgegen. Es gibt aber natürlich renommierte Experten, die es noch besser wissen. Willst du keine renommierte Expertin auf einem bestimmten Fachgebiet werden, musst du auch nicht Jahre deines Lebens darauf verschwenden, wirklich alles zum Thema zu wissen.

Genau genommen ist die eigentliche intellektuelle Leistung sogar, zu wissen, wie viel Wissen man für was braucht (Willst du als Dolmetscherin für die UNO arbeiten, musst du besser Englisch können, als wenn du nur gelegentlich mal ein Tischgespräch auf Englisch führen können willst. Willst du als Programmierin arbeiten, reicht irgendwann mal „ein bisschen“ programmiert zu haben nicht. Willst du dagegen nur wissen, wie eine Webseite aufgebaut ist, ist es genug, ein bisschen in HTML hineingeschnuppert zu haben. Für ernsthafte technische Probleme musst du dich dann halt doch an jemanden wenden, der/die sich damit auskennt. Du weißt, was ich meine …?)

Warum es nicht gut ist, „ihn“ hier zu imitieren? Nun ja, vielleicht interessiert „er“ sich wirklich für das akademische Arbeiten und träumt von einer Karriere an der Uni. Allerdings ist „er“ auch eitel und verschwendet zu viel Zeit darauf, sich Wissen anzueignen, das „ihn“ als „klugen Denker“ und „belesenen Schöngeist“ ausweisen soll. Manche sind so zu Langzeitstudenten geworden und haben nach 26 Semestern ohne Zwischenprüfung (heute: Bachelor) irgendwann aufgegeben. Schade. Aber es ist nicht deine Schuld!

3. Denkfehler (II): Männer bluffen doch auch nur

Allerdings gibt es Frauen, die daraus den Schluss gezogen haben, dass es reicht, ein bisschen auf dicke Hose zu machen. Klar, sie haben „Bernd, den Profi-BWLer“ vor Augen, der sein Studium auch schon vor dem Vordiplom abgebrochen hat (nach nur 4 Semestern), dann aber als „Naturtalent“ Karriere gemacht hat, heute im Vorstand eines international operierenden Konzerns sitzt und als Experte mit mehreren Ehrendoktorwürden ständiger Gast in Talkshows ist und von einer Fachkonferenz zur nächsten jettet.

Im Zweifelsfall, denken gerade feministische Frauen oft, kann frau, wenn irgendwer sie auf dem falschen Fuß erwischt, ja immer noch behaupten: „Das ist Sexismus!“ Schmollmund „Nur, weil ich eine Frau bin!“

Nehmen wir mal Sandra*, die behauptete, mehrere Ausbildungen im kaufmännischen und sozialen Bereich absolviert und auch ein wirtschaftswissenschaftliches Studium abgeschlossen zu haben und sich auf eine Stelle als Expertin zur Korruptionsbekämpfung für eine internationale NGO nach Nairobi beworben hatte. Vor uns wollte sie trainieren, wie sie ihr Wissen am besten verkaufen könnte. Leider konnte sie nur einen einführenden Überblick geben, der dann auch noch hinter alles zurück fiel, was man zum Thema gemeinhin so in der Tagespresse lesen kann (geschrieben vermutlich auch noch von einem Redakteur, der Vor- und Frühgeschichte studiert hat).

Sprich: manchmal ist es tatsächlich schwer, einzuschätzen, wann „gut“ „gut genug“ ist, aber frau sollte wenigstens das Gefühl haben, ihr Bestes gegeben zu haben und nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben.

Warum es nicht gut ist, „ihn“ hier zu imitieren? Na ja, vielleicht hat „Bernd, der Profi-BWLer“ verschwiegen, dass sein reicher Daddy ihn nach dem Studienabbruch noch auf ein privates Elite-College in die Schweiz geschickt hat, wo man sich etwas mehr Mühe mit ihm gemacht hat als an der „normalen“ staatlichen Uni. Danach reichte es dann auch für den MBA in den Staaten, den Bernd* ebenfalls „vergessen“ hat, in seiner Vita zu erwähnen. Oder aber man liest irgendwann in der Zeitung, wie Bernd ein paar Milliarden in den Sand gesetzt hat und endgültig als Hochstapler aufgeflogen ist …

Sandra* hat den Job übrigens auch nicht gekriegt. Dafür hat sie aber dafür gesorgt, dass eine Menge anderer Frauen als inkompetent und als „Blenderinnen“ dastehen, denen man doch „nichts glauben“ muss. Hatte man(n) es nicht gewusst?

4. Falle mangelndes Selbstbewusstsein

Bertram* und Meike* hatte ich wirklich lange nicht gesehen. Und sie waren immer noch bzw. wieder ein Paar! Ganz wie in alten Zeiten! Nur verlief das Tischgespräch in der stylischen Kreuzberger Kneipe leider nicht ganz so entspannt, wie erwartet. Bertram hatte seine Karriere geschmissen – war nichts für ihn als unkonventionellen Freigeist – und machte jetzt in Kunst. Er erinnerte sich daran, dass ich doch immer so eine „Politische“ gewesen sei. Wir kamen auf den Realsozialismus zu sprechen. Irgendwie verleitete mich das dazu, das Buch „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann zu erwähnen – vielleicht, weil ich dachte, dass es Bertram interessiert, weil es Literatur ist. Ein Fehler! Bertram schaute mich listig an und stellte arrogant fest: „Franziska Linkerhand“ ist aber von Christa Wolf!“ „Nein, von Brigitte Reimann“ antwortete ich. Auch, wenn ich mich mit Literatur nicht so auskenne – DAS wusste ich ganz genau. „Nein, Christa Wolf!“ grinste Bertram, „Sorry, aber das weißt du nicht? Du verwechselst da etwas! Na ja, aber wo Literatur ja auch nicht so dein Ding ist …“. Wie im Sandkasten ging es umgefähr 10 mal so hin- und her. Bertram kam gar nicht erst auf die Idee, dass eventuell ER falschliegen könnte.

Anstatt mich vorführen zu lassen, hätte ich auch sagen können: „Du, google es doch einfach noch mal! Falls es doch die Wolf war, gebe ich dir ein Bier aus!“

5. Kompetenz sorgt für Respekt!

Tja, viele feministische Frauen denken, es sei gut, andere einfach als „Dummchen“ oder im schlimmesten Falle gar „gestört“ vorzuführen. Machen Männer doch schließlich auch. Wenn sie mit fester Stimme sprechen und nur autoritär genug auftreten, können sie – so die Rechnung, die da offenbar aufgemacht wird – bei Männern punkten, zumindest wenn sie sich an Frauen halten, von denen sie denken, dass sie leicht umzunieten sind.

Blöd, wenn frau dann wirklich falsch liegt, vorher aber alles großmäulig anderen als „Fehler“ und „Hast du falsch verstanden!“ ausgelegt hatte. Persönlich erinnere ich mich an Simone de Beauvoir, die ohne Zweifel und ganz eindeutig Gleichheitsfeministin war. Leider hatte auch SpOn- und Ex-taz-Kolumnistin Margarete Stokowski ihr Herz für die de Beauvoir entdeckt – mit dem Schönheitsfehler, dass die Stokowski Queer- also Differenzfeministin ist. Eilig wurde in der taz versichert: „Alles Übersetzungsfehler!“ Generationen von Männern und Frauen haben die de Beauvoir einfach falsch verstanden. Natürlich ist die de Beauvoir nicht falsch verstanden worden. Ich habe ihre Bücher auf Französisch gelesen und mein „Verständnis“ deckt sich mit den älteren, angeblich falschen Auslegungen.

Die Stokowski wollte nicht dumm dastehen, gilt sie doch als Vorbild für intelligente junge Frauen mit einer gewissen Bildung. Aber muss sie das denn? Die Frage ist doch, ob sie dumm dagestanden hätte, wenn sie in der taz (oder sonstwo) hätte verlauten lassen: „Ja, Simone de Beauvoir ist Gleichheitsfeministin. Aus folgenden Gründen rezipiere ich sie aber TROTZDEM: …“ Da wird’s spannend und das hätte Schneid gehabt: echte Argumente anstellte des üblichen Sandkastengeplänkels, wessen Burg schöner ist und dass die eigene Burg auf jeden Fall die schönere ist (weil die einzig übrige), wenn man die des/der anderen kaputt tritt.

6. Denkfehler (III): Sachlich, rational, zielstrebig, zupackend und intelligent ist ja sooowas von unsympathisch … bei einer Frau

In den ersten Semestern meines Studiums waren wir uns im Freundinnenkreis einig: Wir diskutieren erst mal ohne Männer (dafür hatten wir die Männer in unserem Umfeld dazu gebracht, uns als „Soli-Männer“ zu unterstützen) und ab jetzt ist Schluss mit braven „Weibchenfloskeln“ à la „Auch wenn ich es natürlich nicht GENAU weiß …“ (auch dann, WENN ich es genau weiß, z. B. das das Buch“Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann ist und nicht von Christa Wolf), „ich kann mich da IRREN, aber …“, „Vielleicht klingt es WIRR, aber …“ (auch wenn ich mir sicher sein kann, einen Sachverhalt kurz und bündig und sehr stringend dargelegt zu haben) usw. …

Später habe ich mir genau das als einleitende „Pflichtfloskeln“ WIEDER ANGEWÖHNT, weil es am feministischen Lehrstuhl als „selbstsüchtig“ und „unsympathisch“ galt, sie einfach wegzulassen. Wer sich jetzt die Augen reibt: In einem Frauenzentrum in Berlin wurde mir genau das später noch einmal bestätigt: Die Frauen fühlten sich „unterdrückt“ und machten mir klar, dass SIE genau dieses „weibliche“ Verhalten eben sehr schätzten. Dann wollten sie aber selbst die „Männchen“ sein – aaargh!!!

Wer wundert sich da eigentlich noch, wenn man/frau genau DAS Verhalten NICHT ernst nehmen kann?!

Übrigens: Als ich mir das erste TV-Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump angehört hatte, wurde mir an einer Stelle richtig warm ums Herz: Es ging um Jobs, darum, wie die Kandidaten der Präsidentschaftswahl gedachten, das Problem Arbeitslosigkeit in den USA anzugehen.

Trump hatte die Mauer zu Mexico. Clinton, die sich immer wieder für illegale Einwanderer stark gemacht hatte, sagte NICHT: Unsere Jobs sind nur für Latinos da und wer das doof findet, ist ein böser Rassist! Sie sagte vielmehr – ruhig und sachlich – dass sie in die Infrastruktur investieren wolle und außerdem vorhabe, Kleinunternehmer zu stärken. Ideal, angesichts der Tatsache, dass in den USA auch sehr viele College-Abolventen arbeitslos sind bzw. sich mit Aushilfsjobs durchschlagen müssen, wo die Latinos ihnen natürlich eine harte Konkurrenz sind. Clinton hatte aber nur 3, 4 kurze Sätze gebraucht, um deutlich zu machen, dass sie klare Konzepte hat und nicht auf Hetze und Stimmungsmache setzt. Wie beruhigend! Und absolut sympathisch! Fanden Millionen US-WählerInnen offenbar auch (auch wenn es letztendlich dann doch nicht gereicht hat).

7. Denkfehler (IV): Arschlochkarte rules! Männer spielen die doch auch ständig aus!

Ja, stimmt: Psychpathen kommen oft sehr weit – bis es knallt! (siehe oben: 3. Männer bluffen doch auch nur! – „Bernd, der Profi-BWLer“). Nur dass Psychopathen leider psychisch krank sind und das auch der Grund ist, warum sie keine Angst vor dem großen Knall haben – egal, wie wahrscheinlich es ist, dass er kommt. Ihnen fehlt schlicht die Fähigkeit, soweit vorauszuschauen. Deshalb landet Psychopathen auch oft im Knast, wenn auch vielleicht mit einem Umweg über die Wall Street. Will frau „ihn“ hier imitieren, muss sie sich fragen, ob sie ein solches „Happy End“ in kauf nehmen würde.

Der Italiener Niccholò Machiavelli (1469 – 1527), der als früher „Politikberater“ gelten kann, riet dazu, jedes Mittel recht sein zu lassen, sofern es dem eigenen Machtgewinn und -erhalt diene. Außerdem solle man – grob gesagt – ruhig schleimen, was das Zeug hält. Genau das tat auch Machiavelli. Als der Stern seiner Gönner verblasste, war auch Machiavellis Karriere beendet.

Trotzdem – behaupten kann man alles und hat man erst einmal seine GegnerInnen aus dem Weg geschafft, steht dem eigenen Aufstieg ja nichts mehr entgegen. Das denken heute, angesichts immer härter werdender Konkurrenzkämpfe auf dem Arbeitsmarkt viele. Auch viele Frauen.

Donald Trump scheint sie zu bestätigen. Er hat ja alles, was das Herz von Machtmenschen begehrt: Zuerst einmal: Macht, aber auch Geld, schöne Frauen, ein Luxusleben, Erfolg. Na ja – „Erfolg“: von verschiedenen Seiten hört man immer wieder, dass es damit nicht so weit her ist. Trump hatte es in die Wiege gelegt gekriegt: Mit dem finanziellen Polster und den Beziehungen des Vaters hätten eigentlich nicht viel schiefgehen können. Es ging aber dann doch schief. Trump war jedoch, wie es hieß, offensichtlich „too big to fail“. Vielleicht war das auch der Grund, warum man ihm verzieh, dass er Zulieferer und Kunden gnadenlos über den Tisch gezogen und mitunter auch in den Ruin getrieben haben soll. Ohne mit der Wimper zu zucken. So wird man Präsident. Stimmt schon. Aber warten wir’s ab, wie sich die Dinge entwickeln (siehe oben).

Die neue Gnadenlosigkeit und dass jeder hier das „Herrchen“ sein will, habe ich auch zu spüren gekriegt, meist allerdings mit dem Vorzeichen, dass irgendwer „mein Opfer“ sein wollte, um sich genau damit dann ganz groß machen zu können. U. a. hieß es, ich hätte „Ines Pohl (Anmerkung: damals Chefredakteurin der taz) vergewaltigt.“. Ich hoffe (und glaube eigentlich auch), dass Ines Pohl selbst das nicht behauptet hat. (Natürlich stimmt es nicht. Muss man das bei so einer lächerlichen Behauptung extra dazuschreiben?) Vermutlich waren es irgendwelche taz-Hipster, die Welt ist da kleiner, als man denkt. Vielleicht kam die „Anregung“ aber auch von anderer Seite, denn der Vorwurf der Vergewaltigung ging auch in der Version „Laila Phunk hat eine andere Frau vergewaltigt!“ um.

Meinten sie Meike? Meike* (Bertrams* Freundin, siehe oben: 4. Falle mangelndes Selbstbewusstsein) hatte, nachdem ich mich ihr gegenüber geoutet hatte, für sich entdeckt, selbst auch bisexuell zu sein, außerdem – so eröffnete sie mir, habe sie sich mir gegenüber immer „wie ein Mann“ gefühlt, sei also vielleicht auch „ein bisschen transsexuell“. Mir fiel es schwer, das der großen, leicht stämmigen Frau, die ich immer nur mit langen blonden Haaren und als betont femininen Typ gekannt hatte, abzunehmen. Aber mehr Körperkraft als ich hatte sie wirklich. Das demonstrierte sie mir einmal, als eine „freundschaftliche“ Begrüßungsumarmung erst dann endete, als Meike es wollte, auch wenn es sich für mich schon längst nicht mehr so freundschaftlich angefühlt hatte.

Aber das war nicht der Grund, weshalb ich ablehnte, als Meike mich eines Abends in ihr Bett einlud. Ich fand sie erotisch absolut nicht interessant und glaubte, das durch mein Verhalten auch klar zum Ausdruck gebracht zu haben. Aber was ist schon schlimm daran? Jemand spricht eine Einladung aus. Man bzw. frau lehnt ab. Am nächsten Morgen ist das Ganze dann einfach vergessen. Von beiden Seiten. Meike hat mich nämlich auch nicht vergewaltigt. Ich glaube, sie hatte das mit der Queer-Trans-Sache einfach irgendwie in den falschen Hals gekriegt. Offensichtlich hatte sie einfach ein Problem rund um den Komplex Macht-Überlegenheit-Körper, wie so viele andere Frauen in Berlin (und anderswo) auch. Dafür haben mir etliche Männer und Frauen bzw. „Transpersonen“ Vergewaltigung angedroht – meist im „Scherz“ (falls man/frau so etwas lustig findet …) und einer (den ich sogar mal für einen „netten Bekannten“ gehalten hatte) hat’s dann auch tatsächlich versucht, aber auf halber Strecke einen Rückzieher gemacht. Es war im Endeffekt also genau genommen „nur“ ein sexueller Übergriff bzw. konkret bisschen Grapschen und Tatschen, Alkohol und – soweit ich mich erinnere – ein paar Tröpfchen, die „er“ sich aber auch selbst ins Getränk geschüttet haben kann (ich erinnere mich nur, schon zu betrunken gewesen zu sein, um das genau erkannt haben zu können). Wer weiß? Da mir sonst weiter nichts passiert ist (und ich glaube, dass „man“ „ihm“ im Vorfeld auch „Mut gemacht“ hatte, da er ansonsten nicht zu Gewalt und Machotum neigte. Mir war irgendwann aufgefallen, dass er anfing, sich eingehender mit „Führungsqualitäten“ zu beschäftigen und einer Ausstrahlung als „Alpha-Tier“, die er sich antrainieren wollte. Aber auch Meike hatte früher nie Begrüßungsumarmungen zu Zangengriffen umfunktioniert, in der Einbildung, das demonstriere „Männlichkeit“)….

Trotzdem hatte ich noch eine Weile Flashbacks. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich nicht fassen konnte, wie leichtfertig Menschen glauben, sexuelle Gewalt, die Androhung sexueller Gewalt, Anspielungen und Verächtlichmachen, aber auf der anderen Seite auch recht fantasievolle Falschbezichtigungen einsetzen zu können, um an Jobs oder Beziehungen zu kommen oder auch nur, damit niemand anders daran gelangt, um „Schicksal spielen“ zu können und sich selbst groß und stark zu fühlen.

Als ich einen Kinderporno untergejubelt kriegen sollte, bin ich zur Polizei gegangen und habe da auch Hilfe erhalten. Der Link war zwar gelöscht, aber egal wie größenwahnsinnig einige offensichtlich sind: Kinderpornographie ist trotz allem eine Straftat. Genau wie Vergewaltigung. Oder auch Verleumdung. Irgendwann spitzt sich alles soweit zu, dass die Gegenseite handfeste Beweise hat (z. B. Screenshots, im Falle des Pornos) und dann … siehe oben!

8. Fazit:

Laura Dornheim hat in sofern recht, dass man es Frauen oft negativ auslegt, wenn sie mit handfesten Argumenten kommen, sachlich bleiben, statt in Krokodilstränchen ausbrechen, Strategien entwickeln, lebendig und mit Spaß bei der Sache sind, kompetent wirken und mit konkreten Erfolgen aufwarten können (ergänze die Liste mit Qualitäten aus deinem eigenen Erfahrungsbereich). Das ist das so genannte „mit zweierlei Maß Messen“ und das muss sich eigentlich keine gefallen lassen, denn es ist einfach nur frauenfeindlich und diskriminierend. Aber angesichts des ganzen Macho-und Überlegenheitskultes muss man bzw. frau muss auch klar sagen: „Schwein sein“ ist nicht das gleiche, wie „gut sein“. Und nur „gut sein“ sollte uns „gut genug“ sein … findet jedenfalls Laila Phunk.

*Namen, Umstände natürlich geändert.

 

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzistische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

Mir kam das Ganze nämlich auch bekannt vor. Ich hatte es offline schon oft genug erlebt, z. B. die „an amerikanischen Comics geschulte Sprache“, derer ich mich angeblich bediene (Das kam von einer älteren Frau, in Kreuzberg, Nähe Amerika-Gedenk-Bibliothek). Vielleicht, so könnte man fast argwöhnen, ist „MarkusWiedmann“ am Ende sogar jemand, der offiziell die Emanzipation von Frauen befürwortet und sich für die Rechte Homosexueller stark macht, ein wahrhaft linker Aktivist, zumindest dem Anschein nach?.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Welcome to Normalo-Land. Oder: Mal den Ball abgeben …

Ähem. „Normalo“-Land? Und das bei einem Blog, der behauptet, das „Leben neben der Spur“ zu betexten? Öh, vielleicht weil „normal“ und „unnormal“ relative Kategorien sind (siehe den gestrigen Post)? Oder weil, wer schon einmal aus der Spur geraten ist, hofft, so schnell wie möglich wieder reinzukommen? (Oder wie wäre das mit einem S-Bahnzug, der vollkommen entgleist? Hm?)

Also für eine vollkommen verdrehte Welt, so à la „Die Letzten werden die Ersten sein“, bin ich eigentlich nicht. Allerdings auch nicht für das Credo: „nur die Number One zählt!“ Hier in Berlin hängt beides miteinander zusammen. Das fiel mir das erste Mal vor ein paar Jahren auf, als ich beim Uni-Sport war. Es war nur Fitnesstraining, aber einmal spielten wir auch Handball bzw. eine Freestyle-Version davon. Als Kind hatte ich Handball im Verein gespielt. Ziemlich schlecht. Abgesehen von einigen wenigen Glanz- und Sternstunden war ich auch beim Schulsport meistens ein beliebtes Opfer der Jungs, die zwar wirklich relativ sportlich sind, aber halt auch auf einem permanenten Ego-Trip, der Typ: „Nie den Ball abgeben.“ und sogar: „Verhindern, dass die lahme Ente den Ball kriegt. Man selbst könnte doch jetzt mal wieder ein Törchen plazieren und sich als Spielemacher aufspielen.“

Beim Uni-Sport in Berlin waren die Karten neu gemischt. Das Schöne am Sport-Treiben als Erwachsene ist, dass die Leute alle Ü20 sind: Einige sind schon etwas aus der Übung und man ist sich im Grund einig: Es soll Spaß machen und die eingerosteten Glieder wieder ein bisschen in Schwung bringen. Den Typ „Spielemacher, der nie den Ball abgibt.“ gab’s aber auch hier. Ein junger Mann, der zwar sicher viele Talente hatte, aber Sport gehörte ganz eindeutig nicht dazu. Es schien trotzdem (oder gerade deshalb) ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass jeder ihm den Ball zuspielen sollte. Ich habe mich nicht immer dran gehalten, u. a. auch, weil ich fand, dass das Spiel ein bisschen Dynamik gebrauchen konnte und mir der Typ einfach zu ego war. Es lag nicht daran, dass er jeden Versuch, ein Tor zu machen, in den Sand setzte. Es lag daran, dass „Tor“ ganz allein seine Spezialität war.

Klar, wie gesagt, Leute, die andere, die vielleicht nicht ganz so gut sind, nicht mitspielen lassen, sind wirklich daneben. Sport ist gesund und tut jedem und jeder gut. Und bei Ü20-Leuten kann man Möchtegern-Leistungssportlern im Zweifelsfall gut und gerne vorhalten, dass sie es leider auch nicht mehr in die Bundesliga schaffen und deshalb den Ball ruhig auch mal an jemanden abgeben können, der nicht so fit und durchtrainiert ist wie sie selbst.

Aber ist es wirklich richtig, jemandem, der absolut unsportlich ist, das Gefühl zu geben, er (oder sie) sei der absolute Crack? Ich meine, normalerweise ist einem so etwas doch sogar unangenehm, weil man meistens weiß, wenn man nicht ganz so gut ist … Sicher, jeder freut sich über ein aufmunterndes Lob, aber so total bejubelt werden, für etwas, das eher eine Schwäche von einem ist als eine Stärke? … Es gibt aber eben auch Leute, denen es nicht unangenehm ist: Zum Beispiel (Stichwort „Queer“): Frauen, die nicht ganz so hübsch sind, sich aber aufführen, als seien sie Super-Models und gar nicht auf die Idee kommen, dass es irgendwie bizarr sein könnte, wenn sie andere dann auch noch verächtlich als „hässliche Entlein“ runtermachen. Oder „Künstlertypen“, die irgendein x-beliebiges Foto durch einen Photoshop-Filter jagen und es sieht vielleicht ganz nett aus, aber es ist keine „große Kunst“ (und auch keine „geniale Idee“). Und man darf es irgendwie nicht sagen. Man weiß, dass ein dickes Lob erwartet wird. Man sucht nach ein paar freundlichen Worten. Aber dann ärgert man sich, weil man nicht gewusst hat, dass es nicht um Höflichkeit geht, sondern darum, dass man jemanden größer machen soll, als er oder sie ist, und die Person dann auch noch arrogant wird. Vielleicht wird einem selbst sogar rücksichtslos die Meinung ins Gesicht gesagt (Man kann doch sicher ein „ehrliches Wort“ vertragen, oder? Mir wurde einmal auf einer taz-Veranstaltung entgegengeschleudert, ich könne absolut nicht schreiben. Dabei hatte das gar nicht zur Debatte gestanden. Und allen, die es hören wollten, hatte ich als Selbsteinschätzung zum Thema sowieso immer gesagt: „Na ja, vielleicht ganz passabel, so gerade eben, wenn ich mir Mühe gebe, aber sicher nicht wirklich gut.“). Unter Umständen wird man sogar gehänselt, nur, damit jemand den Eindruck haben kann, „Spielemacher“, „Super-Model“ oder „Genie“ oder was auch immer zu sein.

Und das ist dann leider zu viel, v. a. weil die, zu denen alle „nett“ sein möchten, leider zu allem Überfluss auch noch ganz schöne Mimosen sind, tickende Zeitbomben, die einem alles als „diskriminierend“ auslegen, was nicht euphorisch genug für sie oder auch nur einen Moment mal nicht (euphorisch) über sie spricht. Einige der „queeren“ Adipositas- und Transgenderfrauen (bzw. in diesem Fall *Männer*) glaubten sogar, es gäbe irgendwie ein Gesetz, dass man sich „positiv“ über sie äußern müsse (!). Also, sie müssen nicht nett zu einem sein, aber umgekehrt sei man eben verpflichtet …

Man fühlt sich bei solchen Sachen wieder wie als unsportliches Kind im Sportunterricht: klein und unzulänglich. Nur dass im Sportunterricht immer auch ein paar andere Kinder waren, die auch nicht ganz so super-talentiert waren. Und natürlich ein paar nette, sozial eingestellte Sportskanonen. Und wenn alle Stricke gerissen sind, war es ja immerhin der Job des Lehrers oder der Lehrerin, zu sagen: „Lasst sie (oder ihn) gefälligst auch mitmachen!“. Weil es sich so gehört. Weil alle Menschen irgendwo Schwächen und Talente haben und niemand zurückstehen muss. Nicht der Letzte, aber auch nicht der Erste oder irgendjemand aus dem Mittelfeld, damit der Loser sich einreden kann, der Star zu sein und die Rolle des „traurigen Schlusslichtes“ auf jemand anderen abgewälzt wird.

… findet Laila Phunk, die immer noch gern Sport treibt, wenn auch im Moment eher in Parks und Seen. Sie findet außerdem, dass in Berlin ganz eindeutig Möglichkeiten fehlen, preiswert und nur zum Spaß Sport zu treiben. Für alle. Also, wenn ich einen Wunsch beim Senat frei hätte …

Sagt mal geht’s noch?! Aus dem Berliner Wahlkampf

Krise – ja gut. Gefühlt zumindest. Aber ein Minimum an Zivilisation sollte man wahren, ganz gleich, wie bedroht man sich vielleicht fühlt. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ recherchierte offenbar investigativ à la Wallraff bei der AfD – in gut zwei Wochen sind ja Wahlen in Berlin. Gleich der Aufmacher erschüttert: „Ich hab nichts gegen Ausländer“. (…) „Ich habe aber auch nichts gegen Tiere. Schlangen zum Beispiel finde ich interessant, trotzdem möchte ich keine zu Hause haben.“ soll ein AfD-Sympathisant auf einem Kennenlern-Treffen des Berliner Ablegers der Partei gesagt haben*. Da bleibt einem erst einmal die Spucke weg. Ohne dass man es auf Anhieb artikulieren könnte, denkt man einfach: „So etwas sagt man doch nicht!“. Es klingt wie das Statement Alexander Gaulands zu Jerome Boateng, eine gezielte Provokation, ein Aufreger, der vielleicht Aufmerksamkeit bringen sollte – und eine Aussage, die einen Rassismus und eine Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck bringt, bei denen man glaubte, dass Menschen, die so denken, normalerweise lieber den Mund halten. Einfach, weil es so fürchterlich ist. Oder würden Sie etwa gern mit einem glitschigen Reptil verglichen werden, das man nicht in seiner Nähe haben möchte, weil es doch so eklig und gefährlich ist?

Merkwürdig – in dem „Zitty“-Text ist nicht einmal nur von ältlichen Ewiggestrigen die Rede, Leuten, denen man Säbelrasseln und eine Sympathie für rechtslastiges Gedankengut ohne Weiteres zutrauen würde. Offenbar begeistern sich auch junge Menschen – Twens, Thirty-Something – für die AfD: Kunstwissenschaftler, Dolmetscher. In Kreuzberg kandidiert sogar eine ehemalige Punk- und Szenegröße für die Rechtspopulisten, wie u. a. die taz, für die Ex-SPD-jetzt-AfD-Sibylle Schmidt sogar einmal gearbeitet hat, berichtete. Ein Anglistik-Professor der Berliner Humboldt-Universität engagiert sich ebenfalls in der AfD, an der renommierten Karlsruher Hochschule für Gestaltung ist mit Marc Jongen auch ein bekannter Philosoph dabei.

Da fragt man sich schon: Warum machen sich Leute, von denen man denkt, sie müssten es doch eigentlich besser wissen, gemein mit so schwachsinnigen Statements wie dem Schlangenspruch aus der „Zitty“? Gerade Dolmetscher leben doch von Weltoffenheit und interkulturellem Austausch? Kunstwissenschaftlern müsste eigentlich an einem liberalen, kulturell offenen Klima gelegen sein. Und auch andere Wissenschaftler kommen ohne internationale Vernetzung nicht besonders weit …

Ja, man kann schon Angst haben. Sicher – Sprachen, Kultur, Uni – Das sind Berufszweige, in denen Jobs rar und prekäre Arbeitsbedingungen mittlerweile fast schon die Regel sind. Darüber kann man sich ja auch beschweren. Man kann die Globalisierung kritisieren. Man kann auch Angst haben, vor dem radikalen Islam und vor Terrorismus. Man kann sich vor Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus fürchten. Man kann Burka und Niqab ablehnen – aber Burka- oder Niqabträgerin tätlich angreifen, geht eben nicht. Menschen mit Schlangen zu vergleichen, ist ein absolutes No-go. Es ist einfach nicht in Ordnung, auf andere einzuprügeln, die einem so erst einmal nichts getan haben, auch nicht, wenn es nur „verbale“ Prügel ist, die man austeilt. Wer trotzdem meint, „zuschlagen“ zu müssen, verteidigt im Grunde gerade die Ellenbogen, das Klima der Härte und Angst, das zu bekämpfen er oder sie doch vorgibt.

… findet zumindest Laila Phunk. Und die möchte einfach nichts und niemand in ihrem Haus oder als Nachbar(in) haben, der oder die ihr übel will. Alle anderen heißt sie mit offenen Armen herzlich willkommen. Nach wie vor.

*zitiert nach: Art.: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

Ende der Gleichheit? Die Erosion einer Idee

Die Linke ist irgendwie nicht mehr links. Jedenfalls hat sie, so der Politologe Wolfgang Merkel im Interview mit dem Magazin „Zeit Campus“*, den Bezug zur Unterschicht verloren. Im Mittelpunkt stünde nicht mehr so sehr die soziale Frage, sondern eher das Engagement für Minderheiten – Migranten, Homo- und Transsexuelle, Muslime – für deren Gleichberechtigung gekämpft werde. An Brisanz gewinnt das, was Merkel sagt, im Zusammenhang mit der Burka-Debatte: „Denn die junge Linke neigt dazu – entgegen einer aufklärerischen oder marxistischen Tradition der Religionskritik – Religion unter Immunitätsschutz zu stellen und Kritik am Islam unmittelbar als „rechts“ oder als „Phobie“ zu brandmarken. Linke Religionskritik gerät dann in Vergessenheit, kritische Diskurse werden schlicht nicht mehr geführt – und das ist ein großes Problem.“* konstatiert der Berliner Professor für Politikwissenschaften.

*Interview mit Robert Pauch, das am 22. 06. 2016 in „Zeit Campus“ erschien.

VOR DEM GESETZ SIND ALLE GLEICH

Ob man das wirklich so sagen kann, weiß ich nicht. Formale Gleichheit vor dem Gesetz steht tatsächlich jedem und jeder zu. Damit, klar, kann sich jeder/jede kleiden, wie er/sie will, man kann rechstkonservative oder sogar -radikale Ansichten vertreten – ganz gleich ob man sich dabei mit der AfD oder NPD oder eben mit entsprechenden ausländischen Parteien identifiziert – und man darf – rein formal – sogar z. B. homophob und frauenfeindlich sein. Wenn Leute, wie Beatrix von Storch offen ihre Meinung kund tun dürfen, die Familie sei die „Keimzelle“ der Gesellschaft und „Frühsexualisierung“, ja „Gender-Ideologie“ sei entschieden entgegenzutreten, muss man das gleiche auch Salafisten, „Grauen Wölfen“, französischen „Identitären“, italienischen Faschisten und erzkonservativen Flüchtlingen zugestehen.

Schwierig wird es mit dem in der Verfassung festgeschriebenen Zusatz, die Freiheit des Einzelnen ende da, wo die Rechte anderer beschnitten würden. Da hakt die „neue Linke“, da bietet sie Anknüpfungspunkte für die „neue Rechte“ und genau das bereitete vermutlich auch den Boden für das Entstehen der sog. „Querfront“, dem Bündnis aus Linken und Rechten bzw. Rechtsextremen.

DER NEUE SOZIALDARWINISMUS

Sprüche, wie „Stell Dich schon mal darauf ein, DU kommst jedenfalls in keinem Obdachlosenheim unter!“ kenne ich zur Genüge oder heute: „Was ist, wenn wir sagen, wir haben jede Menge Jobs für die Armen, Schwachen und Kranken, aber für DICH halt nicht!“ oder: „Tja, jetzt, gegen Ende des Monats, ist Schmalhans Küchenmeister, was?!“. Eine ältere Frau hat mir einmal in der U-Bahn gewünscht, ich solle doch in der U-Bahn betteln gehen (klar, machen andere auch, was beschwere ich mich da?)

Ich kenne diese Leute nicht und weiß nicht, warum sie so hämisch und grausam sind. Es können Linke sein, die glauben, einer Akademikerin gegenüber sei das schon in Ordnung (Um die „wahren“ Schwachen dieser Gesellschaft kümmern sie sich ja dafür umso rührender und engagierter – als ob ein Flüchtlingsselfie es rechtfertigte, jemand anderen dafür verhungern zu lassen. Und gut, sehen wir besser auch darüber hinweg, dass diese Leute alle selbst Akademiker sind.) oder Rechte, die sich in ihrer Herrenmenschenideologie bestätigt sehen wollen (als „unwertes Leben“ wurde ich auch schon bezeichnet. Fragt sich, was denn „wertvolles Leben“ ist, woran sich das festmacht? Fragt sich auch, ob solche Menschen nicht einfach eine Vollklatsche haben und vielleicht mal in ein Geschichtsbuch gucken sollten. Vielleicht reicht aber der Hinweis darauf, was denn mit ihnen wäre, wenn man der Natur freien Lauf und sie sich selbst überlassen würde – Geld nützt nichts mehr, kein Doktor, kein Psychologe, kein Sozialarbeiter, keine Altenpflegerin, essen musste Dir selbst anbauen oder jagen … Selbst die Steinzeitmenschen lebten in Gruppen und halfen einander. Faschistische Experimente, in denen Sozialverhalten und Mitgefühl abtrainiert werden sollten, sind bislang meistens sehr schnell geendet. Das sollte eigentlich für sich sprechen oder?).

ELITEN IN ANGST

Allerdings war ich erstaunt, als ich letztes Wochenende in der Berliner „Morgenpost“ las, dass sich laut einer Umfrage* offenbar überraschend viele Anhänger der – zwar wirtschaftsliberalen, aber soweit ich weiß nicht fremdenfeindlichen – FDP vor den Flüchtlingen fürchten oder ihnen zumindest mit einer gewissen kritischen Distanz gegenüberstehen. 53 % und damit weit mehr Anhänger der FDP als der von anderen „bürgerlichen“ Parteien wie CDU, SPD, den Grünen und der Linkspartei empfinden die Flüchtlinge ausdrücklich NICHT als „Bereicherung“ für Berlin (wobei ich unterstelle, dass auch die meisten Leute, die sich einfach nicht an den Flüchtlinge stören, bei der Umfrage dafür optiert haben, dass sie die Flüchtlinge als „Bereicherung“ empfinden. Viele Berliner haben nämlich einfach nicht so viel mit den Flüchtlingen zu tun.).

*Art.: „Mehrheit der Berliner hält Flüchtlinge für eine Bereicherung!“ v. Joachim Fahrun, in: Morgenpost v. 18./19. August 2016.

Gerade bei FDP-Anhängern hätte ich vermutet, dass für sie die wirtschaftlichen Vorteile überwiegen würden: Immerhin bedeutet sehr viel Zuwanderung ein Überangebot an Arbeitskräften. Lohnsenkungen, evtl. die Abschaffung des Mindestlohnes und eine Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen könnten so begründet werden (müssen es aber natürlich nicht, das ist eine Frage der Einstellung). Das sollte eigentlich einen jeden Marktradikalen freuen. Und trotzdem sind die Flüchtlinge den Jüngern eines erbarmungslosen Wirtschaftsliberalismus‘ gar nicht so lieb? Oder lauert da am Ende eine leise Angst im hintersten Winkel des Herzens des einen oder anderen selbsternannten „Leistungsträgers“? Zu Studienzeiten (natürlich Jura) fleißig Seiten aus den Gesetztessammlungen gerissen, denn wer kein Geld hatte, um sich die dicken roten Bücher selbst zu kaufen, musste ja auch nicht unbedingt die Hausarbeiten mitschreiben? Dann von der „sozialen Hängematte“ schwadroniert, in der sich angeblich viel zu viele ausruhen? Und jetzt Angst, es ginge einem vielleicht selbst an den Kragen? Die Globalisierung und all die Menschen, die mit ihr nach Deutschland kommen, könnten einen da hintreiben, wo man immer nur die anderen haben wollte?

Natürlich reißen nicht alle Jura-Studenten Seiten aus Büchern, die ja immerhin auch Besitz der Uni-Bibliothek sind (Ist das nicht Sachbeschädigung? Ein Eigentumsdelikt?) und wenn dann machen es sicher nicht nur wirtschaftsliberal und konservativ Gesonnene, sondern auch Linke.

IN MEINEM, DEINEM, UNSEREM INTERESSE?

Das führt zurück zu Politikprofessor Wolfgang Merkel und seinen Thesen. Ich glaube, bei vielen Themen, die aktuell so in der Debatte sind, geht es nicht einmal so sehr um inhaltliche Differenzen zwischen „neuen“ und „alten“ Linken. Religionsfreiheit gilt, wie gesagt, für alle und eine Frau kann selbst entscheiden, ob sie sich Männern unterordnen will oder nicht. Genau da liegt allerdings der Hase im Pfeffer. Kann sie wirklich selbst entscheiden? Jede?

Das Problem ist, dass viele Linke mittlerweile zu stark darauf fixiert sind, sich zu Vorkämpfern für Partikularinteressen zu machen, die meistens nicht einmal ihre eigenen sind. Als Argumente müssen dann Klischees herhalten. Dinge werden so lange verdreht und hin- und hergebogen, bis es irgendwie passt. Und es geht – wie gesagt – um den Menschen (bzw. einige bestimmte), nicht um das, was er (oder sie) getan hat.

#koelnhbf hat vielleicht an die Oberfläche gespült, was schon längst im Verborgenen gärte: Nur wenige Feministinnen verurteilten die sexuellen Übergriffe. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker riet sogar, Frauen sollten „eine Armlänge Abstand“ halten, um nicht so schnell zur Zielscheibe sexuell übergriffiger Männer zu werden. Zwar hatte mir Reker leid getan, als sie im letzten Jahr von einem Neonazi angegriffen und lebensgefährlich verletzt wurde, aber ihre Statements zu den Ereignissen in der Silvesternacht passten irgendwie zu sehr zu dem gehässigen, stutenbissigen Hipsterfeminismus, bei dem es meiner Erfahrung nach vielfach eher darum geht, dass möglichst andere Frauen möglichst viel sexuelle Aggressionen erleben sollen, damit man bzw. hier wohl eher frau sich selbst als „attraktiv“ hervorheben kann. Das herrscht in Berlin vor und ich habe wirklich nicht viel dafür übrig.

Ist Verachtung für Frauen denn okay, wenn sie von Migranten kommt? Können andere Frauen das dann guten Gewissens absegnen? Und warum tut jemand so etwas überhaupt?

EIN MÄDCHEN VERLIERT SEIN GEFÜHL

Als ich in der „Zeit“ die Geschichte von Megi und Melina las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die jungen Frauen werden in der Überschrift als „Paar“ dargestellt (Das muss meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Ein LGBT-Thema also?). Ein paar Zeilen weiter ist allerdings von „allerbester Freundin“ die Rede. Das trifft es wahrscheinlich eher. Jedenfalls endet alles damit, dass Megi Melina umbringt. Laut Spiegel-Online soll das sehr stark übergewichtige Mädchen nach der Tat nur wenig Reue gezeigt haben. Eine Polizistin soll gesagt haben, dass das Mädchen sich „nur für sich interessiert“ habe. Das hat mich nicht so sehr überrascht. In Berlin gibt es unzählige Frauen (und vermutlich auch Männer) wie Megi. Viele identifizieren sich als lesbisch oder transsexuell und ohne Unterlass predigt man ihnen, dass ihre Gefühle, ihr Erleben allein im Vordergrund stehen und andere sich unterzuordnen zu haben. Ist es da ein Wunder, wenn so eine Frau eine andere ermordet – Sie hat ihre Gefühle doch rausgelassen, nicht „in sich reingefressen“, ganz so, wie man es ihr beigebracht hat – und danach erwartet, dass andere sich dafür interessieren, „wie es ihr damit geht“?

Natürlich sind auch Frauen wie Megi Opfer und natürlich muss man ihnen helfen. Aber muss man sich dafür selbst verleugnen? Die eigenen Interessen drangeben? Und die eigenen Gefühle permanent hinunterschlucken? Nett sein, um jeden Preis?

Während der Spiegel-Online-Artikel nüchtern von den Ereignissen berichtet, fällt richtig auf, wie sehr sich die „Zeit“ bemüht, ein positives Bild von Megi zu zeichnen. Als „Leitwölfin“ wird sie dort dargestellt. „Die anderen schauen zu ihr auf“ schreibt Daniel Müller* – Eine Charakterisierung, die bei Berliner Transmännern und Macholesben auf Gegenliebe stoßen dürfte, v. a. in Verbindung mit einem bestimmten Körpertyp. Auf Spiegel-Online steht dagegen in einem zweiten Artikel, der den Fall bespricht: „In der Schule wurde die seit Kindheit dicke Megi gehänselt“*. Das klingt anders.

*Art.: „Megi und Mel“ v. Daniel Müller, in: „Zeit“ v. 09. Juni 2016.

  Art.:“Urteil gegen 18-Jährige in Münster: Hass, Tod, Gleichgültigkeit“ v. Benjamin Schulz, Spiegel Online v. 25. Mai 2016.

EMPOWERMENT ODER DISKRIMINIERUNG?

Hässliche, psychisch gestörte Lesben und grapschende Migranten – man muss kein zweites Mal hinschauen, um zu erkennen, dass es eigentlich diskriminierende Vorurteile sind, für die hier um Toleranz oder zumindest um ein gewisses Verständnis geworben wird. Als ob alle Lesben dick, alle Dicken antisozial, alle psychisch Kranken gemeingefährlich und alle Muslimen Vergewaltiger wären.

Ist das wirklich links oder schon rechts? Kann man Frauenhass und Gewalt mit dem Wohl von Minderheiten rechtfertigen? Und wem bringt es etwas, soziale Gruppen und/oder Einzelpersonen gegeneinander auszuspielen? Die Hände reiben werden sich letztendlich weder Flüchtlinge noch Frauen mit psychischen Problemen, sondern AfD-Politiker und NPD-Kader. Nur wer das wirklich will, sollte so weiter machen wie bisher.