Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

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Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Wie braun bist Du? Mach den Test!

NaziTestBlog

Und so geht’s:

Such Dir einfach bei jedem Themenblock eine Aussage aus, die am ehesten für Dich in Frage kommt. Zähle am Ende zusammen, welchen Buchstaben (am Ende jeder Aussage) Du am häufigsten hast. Los geht’s!

1. soziale Ungleichheit
– Manche sind fleißig, manche nicht. Daher ist eine gewisse soziale Ungleichheit unvermeidbar. Allerdings hat es jede(r) selbst in der Hand. (D)
– Lebenschancen sind auch in unserer Gesellschaft ganz schön ungleich verteilt. Da liegt noch vieles im Argen. Man sollte mehr in Schulbildung und Berufsförderung investieren. (C)
– Ich sag’s nicht gern, aber es ist doch nun einmal so, dass manche Menschen intelligenter, robuster und leistungsfähiger sind als andere. Eine gewisse Ungleichheit ist ganz natürlich. (A)
– Ich mag diesen ganzen Leistungsdruck nicht. Menschen werden doch eigentlich nur nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit bewertet. Ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen. (B)

2. Europa
– Ich bin für den Dexit. Deutschland sollte aus der EU austreten. Warum sollen wir die Zeche dafür zahlen, dass die ganzen Südländer ihr Geld mit vollen Händen zum Fenster rausschmeißen? Dolce Vita ist ja schön und gut, aber nicht auf meine Kosten! (D)
– Ich finde, dass die EU jungen, motivierten Menschen ungeheure Chancen bietet. Und unsere Wirtschaft boomt wie nie zuvor. Gerade Deutschland profitiert von der Freizügigkeit der EU und dass es vielen östlichen EU-Mitgliedern wirtschaftlich mittlerweile sehr viel besser geht, sollte doch für sich sprechen, oder? (D)
– Eine „Festung Europa“? Nein Danke! Ich lehne jede Form von Grenzen ab! (B)
– Ich weiß nicht. Natürlich bin ich für offene Grenzen, aber durch die Freizügigkeit auf dem innereuropäischen Arbeitsmarkt ist auch sehr viel Druck aufgebaut worden. Dass das vielen Menschen nicht behagt, merkt man, finde ich, auch daran, dass der Rechtspopulismus in vielen Ländern im Aufwind ist. Vielleicht könnte man da noch ein bisschen nachbessern. (C)

3. Flüchtlinge
– Jetzt kommen so viele kräftige, gesunde und motivierte junge Menschen zu uns. Unsere Wirtschaft kann nur davon profitieren. Schon deshalb finde ich, sollte man den Flüchtlingen auch in kultureller Hinsicht entgegenkommen. Überhaupt ist das oberste Gebot jetzt eine schnelle Integration derjenigen, die bei uns Schutz suchen. Dafür ist es wichtig, dass die Schutzsuchenden möglichst schnell in Arbeit kommen. Deshalb denke ich, dass es unumgänglich sein wird, beim Mindestlohn Abstriche zu machen. (D)
– Also, dass die Flüchtlinge wirklich unsere Renten erwirtschaften werden, bezweifle ich. Die meisten schielen doch wohl eher danach, es sich in unserem Wohlfahrtsstaat gemütlich zu machen. Ich finde, Deutschland braucht endlich ein vernünftiges Einwanderungsgesetz, z. B. wie in Canada. Dann können wir die Spreu etwas besser vom Weizen trennen. Schließlich sind wir nicht das Sozialamt der ganzen Welt, wie schon Horst Seehofer sagte. Da hat er doch recht! (D)
– Natürlich muss man Menschen, die vor Terror, Krieg und Unterdrückung fliehen, helfen. Aber ich denke, man muss das Asylrecht von Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen trennen. Es sind einfach im Moment zu viele auf einmal, so dass man Wirtschaftsmigranten vielleicht auf einen späteren, günstigeren Zeitpunkt vertrösten muss. Außerdem sollten sich andere Länder bei der Hilfe für die geflüchteten Syrer mehr in der Verantwortung sehen. (C)
– Tut mir leid, aber der Islam passt einfach nicht zu uns. Ich möchte hier keinen Terror, keine Scharia und auch keine Burka. Für die Syrer ist es doch auch besser, wenn sie in einem Land Schutz suchen, das ihrem eigenen kulturell ähnlicher ist. (A)

4. Demokratie
– Gerade um unsere Demokratie zu schützen, sollten wir skeptisch gegenüber zu vielen Einwanderern sein. Man hat es doch auch an der Erdogan-Demonstration in Köln gesehen. Sollen wir eines Tages wieder die Todesstrafe einführen, nur damit Ausländer hier nicht den Eindruck haben, sie hätten nicht genug Mitspracherechte? Wollen wir wirklich die Errungenschaften der Frauenbewegung und die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten preisgeben, nur um ein paar jungen Männern aus einer uns fremden Kultur entgegenzukommen? (D)
– Ich rede mir seit Jahren den Mund fusselig und jetzt sind es ausgerechnet unsere türkischen Mitbürger, die diesen Alt-68ern Bescheid stoßen. Die Türken habe ich nämlich hinter mir! Ihr Präsident zeigt gerade allen, wie man sein Land aus einer misslichen Lage wieder hinausmanövriert. Und zwar nicht mit ewig langen Debatten, sondern mit Entschlossenheit und Führungswillen. Der Erdogan ist einwandfrei als Politiker! Und in Russland macht Wladimir Putin es vor, wie man ein Land wieder hochbringt. (A)
– Sorry, aber Demokratie ist für mich die einzig richtige Gesellschaftsform. Und es ist doch klar: Wer sie abschaffen oder die Rechte anderer einschränken will, den muss man stoppen, aber das gilt für alle gleichermaßen und in jede Richtung: Deutsche, Ausländer, Männer, Frauen, Minderheiten, Mehrheitsgesellschaft, Rechte, Linke, Muslime, Christen, usw. …. (C)

5. Autorität
– Ein gebieterisches, autoritäres Auftreten verleiht einem Charisma und unterstreicht, dass man der geborene Anführer ist. (A)
– Ich lehne Autorität ab! Immer diese selbsternannten „Herrenmenschen“ und „Leistungsträger“. Ich bin selbstbewusst genug, um mir von solchen Leuten nichts gefallen zu lassen! Ich habe genug Leute hinter mir, die mir den Rücken stärken, damit auch mal gemacht wird, was ich sage! (B)
– Ich kann diese kleinen Diktatoren einfach nicht ausstehen! Klar, manchmal muss man sich unterordnen, weil andere kompetenter und erfahrener sind oder sonst einfach nichts klappt, wenn jeder nur seine Launen durchsetzen will. Aber über diese Hanswurste, die immer den Ton angeben müssen, kann ich eigentlich nur lachen! (C)
– Ich denke, wir sollten mehr Mut zu „Leadership“ haben. Kompetente Leute werden allzuoft ausgebremst, nur weil niemand sich traut, die Dinge mal in die Hand zu nehmen. (D)

6. Gesundheit, Körper & Reproduktion
– Ich möchte mich wohl in meinem Körper fühlen! Deshalb beschäftige ich mich viel mit gesunder Ernährung und natürlichen Körperbildern. Frauen sind nun einmal von Natur aus etwas mollig. Hand aufs Herz! Glaubt hier jemand ernsthaft, diese Hungerhaken aus der Werbung könnten gesunde Kinder zur Welt bringen? (B)
– Manche Frauen sollten bevorzugt Kinder zur Welt bringen. Evtl. sollte man dies auch mit finanziellen Anreizen fördern. Nur so können wir verhindern, dass Menschen, die unsere Gesellschaft nicht braucht, zu viele Kinder in die Welt setzen. Ansonsten produziert man doch ganze Dynastien von Hartz-IV-Empfängern! (D)
– Männer gehen bei der sexuellen Auslese instinktiv danach, dass die Frau gesund ist, damit keine Erbkrankheiten weitergetragen werden. Das ist bei den Naturvölkern noch viel ausgeprägter als bei uns. (A)
– Manche Rassen sind physisch robuster als andere. Das ist nun einmal so. Deshalb sind die Flüchtlinge so gut zu harter körperlicher Arbeit geeignet, während wir eher auf intellektuellem Gebiet punkten. (A)
– An der Physiognomie kann ich erkennen, ob jemand intelligent ist oder z. B. einen Hang zur Kriminalität hat. Das sind alte Weisheiten, da ist schon etwas dran. In unserer rationalistischen Kultur wagt man es nur nicht mehr, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. (A)
– In der Natur werden schwache und kranke Tiere doch auch ausgesondert. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum man hier gleich als Nazi gilt, wenn man etwas in die Richtung sagt! Ich kenne sogar jemanden, der ist behindert und sitzt im Rollstuhl. Der sieht das ganz genauso! Der will dieses aufgesetzte, verlogene Mitgefühl auch nicht! (A)
– Sorry, aber wenn ich das hier lese: Sag mal, geht’s noch?! Das ist doch alles kackbraun! Sind wir schon wieder so weit? Menschen sehen unterschiedlich aus und haben unterschiedliche Begabungen. Das sagt aber doch nichts über ihre Güte als Menschen aus! Kranken, alten und schwachen Menschen muss man helfen, das möchte man doch auch für sich, wenn es einen mal selbst trifft. Das sind aber alles Selbstverständlichkeiten, ohne die eine Gesellschaft nicht bestehen könnte! (C)

Auflösung:

*Note: Für eine ernsthafte Einschätzung Deiner politischen Gesinnung und um die dazu passenden Parteien (deren Programme hier nicht zur Debatte stehen) herauszufinden, musst Du Wahl-O-Mat machen. Hier geht es um grobe politische Denkrichtungen und die Entwicklung, die sie vielleicht nehmen könnten.

A: Stramm rechts: Sorry, aber Du bist richtig rechts. Auch wenn Dir das vielleicht nicht klar ist, aber das meiste von dem, was Du findest und forderst, findet sich auch bei den Nationalsozialisten wieder. Ach, was – dann können die ja wohl nicht so schlimm gewesen sein?! Und überhaupt – Du hast ja nicht gesagt, dass Du einen Holocaust verüben willst! Ganz im Gegenteil – einer deiner besten Freunde ist ja sogar Ausländer! Weißt Du – überleg es Dir einfach noch mal. Ferndiagnosen können hier eh keine gestellt werden. Politisch stehst Du – je nach Radikalisierungsgrad und Schwerpunktsetzung – zwischen klassischen Neo-Nazis, „Autonomen Nationalisten“, NPD, Pegida, dem rechten Flügel der AfD und der Querfront. Gefallen könnte Dir aber vielleicht auch der Front National in Frankreich. Wladimir Putin, Recep Erdogan und Donald Trump sind Politiker, von deren Erfolgen Du Dich in Deinen Ansichten bestätigt fühlst. Und stimmt: Nazis sind die nicht. Nein, auch nicht die von der AfD, von Pegida oder vom FN. Das habe ich auch nicht behauptet, auch wenn einige Aussagen, die AfD-Politiker öffentlich gemacht haben, schon ganz schön rechte Schlagseite hatten. Die Jungs, die Asylbewerberheime anzünden, sind aber sehr wohl rechtsextrem und da gibt es auch nichts zu deuteln. Sieh zu, dass Du Dich wenigstens von denen fernhältst. Auch in ideologischer Hinsicht.

A/B: Querfront: Du bist ganz bestimmt nicht rechts. Denkst Du. Behauptest Du. Und vielleicht warst Du auch mal links, so richtig mit Antifa und allem drum und dran. Die Globalisierung und Dein dickes Ego haben Dich allerdings nach rechts gedrückt. An der Uni immer Maximo Líder, dem/der alle an den Lippen gehangen haben? Oder ein Event-Talent, ein(e) verkannt(e) Künstler(in), ein Freigeist, dessen Ideen bis vor kurzem noch nur Ausgewählte aufgeschlossen gegenüberstanden? Weißt Du, auch andere haben Bauch- und Bruchlandungen hingelegt und ja, ich erinnere mich, Du hast es Dir nicht nehmen lassen, auf ihnen herumzutrampeln. Anstatt zuzugeben, dass Dich die gleichen Ängste plagen, wolltest Du Dich lieber „dem Kapital“ andienen und gleichzeitig hast Du auf andere, wenn sie das Gleiche getan haben, mit dem Finger gezeigt und sie als „neoliberale-Leistungsträger-Nazis“ verunglimpft. Letztendlich, erinnere ich mich, hattest Du dazu geraten, „das jüdische Element“, wie Du es nanntest, „nicht zu stark werden zu lassen.“ Et voilà: Da wären wir. Der Nazi bist Du. Fast jedenfalls, denn ein Körnchen links kann man Dir nicht absprechen. Das und deine – zugegeben – wirklich guten rhetorischen Fähigkeiten machen Dich ja auch so anziehend für andere, ebenso gekränkte Existenzen.

B/C: die verunsicherte Mitte: Du möchtest gerne links sein – weltoffen, tolerant, hilfsbereit – aber diese Welt macht es Dir zunehmend schwer. Von rechts drückt die Querfront, die versucht, Dich – ganz nach Lenin – als „nützlichen Idioten“ bzw. „nützliche Idiotin“ vor ihren Karren zu spannen. Denen macht es einfach Spaß, Dir Angst einzujagen und Dich vorzuführen: Sooo ungemein links bist Du ja wohl doch nicht, oder? Und eigentlich hast Du ihnen doch schon längst Recht gegeben, nicht wahr? Gar nichts hast Du! Sie halten Dich für dumm, aber Du solltest Dich nicht von einem Haufen Spinner aufhalten lassen, der sich aus den eigenen, uneingestandenen Ängsten, ein bisschen rechter Esoterik und Öko-Romantik, sowie einem Tüpfelchen DDR-Muff ein Weltbild zusammengezimmert hat, das vorne und hinten nicht passt. Von der anderen Seite kommen dann die neoliberalen Rabauken, die an der Uni in der Burschenschaft waren und/oder sich politisch in diversen eher konservativ-wirtschaftsnahen Uniablegern größerer Parteien ausgetobt haben oder aber Dir damit auf die Nerven gegangen sind, dass der Vlaams Blok (heute: Vlaams Belang) ihrer Meinung nach gar nicht mal so schlecht sei. Du weißt ja noch – da ging es – abgesehen von blödsinnigen Provokationen – nur um den maximalen Gewinn und warum es doch cool sein sollte, dass ihre Frauen sich für sie aufgespart haben und sie jeden Sonntag zur Beichte gegangen sind, weil sie schwach geworden sind und einen Blick in den „Penthouse“ oder die „Praline“ geworfen haben. Gröhl. Tja, versaut wie sie halt sind … Die Rechtskonservativen finden Dich jedenfalls genauso doof wie die Querfront (was auf Gegenseitigkeit beruht) und mit Entsetzen hast Du festgestellt, dass beide mittlerweile ganz gut miteinander können, also die ehemaligen Superlinken mit den „eher rechts als Mitte“-Leuten. Die einen finden Israel noch schlimmer als die Flüchtlinge, obwohl sie auch keine Muslims mögen und die anderen mögen Muslims nur, wenn sie Kohle einbringen und dann auch nur unter Protest. Manchmal ist Schwanken und Zweifeln aber besser als es immer besser zu wissen. Bleib lieber Du selbst. Allein bist Du damit nämlich nicht.

C/D: Schwarz-grün: Du bist Angela Merkels Musterbürger bzw. Musterbürgerin. Entweder hättest Du Dir nie träumen lassen, dass Du mit dem Kretschmann sogar mal einen grünen Politiker „ganz passabel“ finden würdest oder aber Dir bereitet der Gedanke, dass Angela Merkel bei der CDU ist, echte Bauchschmerzen. Zu Deiner Beruhigung hast Du aber festgestellt, dass sogar bei der taz jetzt viele Redakteure Merkel-Fans sind (Die taz pries sie im März als „Kanzlerin der Herzen“). Du schätzt die Stabilität, für die die Politik von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble steht und findest es gleichzeitig gut, dass Deutschland nicht nur im Sparen Weltmeister ist, sondern auch die offensten Grenzen überhaupt für Flüchtlinge und andere arme Geschöpfe aus der südlichen Hemisphäre hat. Selbst hast Du es durch eine gute Ausbildung und harte Arbeit zu etwas gebracht. Menschen, die es ähnlich halten, dürfen bei Dir immer auf Willkommenskultur hoffen. Allerdings lässt Du Dich auch nicht über den Tisch ziehen. Am Ende des Tages muss die Kasse stimmen und das möchtest Du auch politisch umgesetzt wissen. Schon im eigenen Interesse. Anfällig für rechtslastige Töne bist Du aber nicht, selbst wenn Du insgeheim das eine oder andere Mal Horst Seehofer zustimmst. Trotzdem: Für AfDler und Nazis hast Du nichts übrig. Probleme, meinst Du, sind dazu da, angepackt zu werden. Damit man keine Sisyphos-Arbeit zu leisten hat, fährst Du aber auch gelegentlich mal einem übereifrigen Sozialromantiker über den Mund. Wenn die Leute es besser wissen, so Deine Meinung, dann sollen sie es halt auch selbst besser machen.

D/A: Wirtschaftsliberal & rechtspopulistisch: Das mit dem „rechtspopulistisch“ wirst Du vielleicht von Dir weisen. Dir passt es nur nicht, dass Angela Merkel sich den Grünen so angebiedert hat. Für Einwanderung bist Du ja auch, aber eben mit ein bisschen Verstand. Andere Länder begehen auch keinen „nationalen Selbstmord“, wie Du sagst, sondern suchen sich die Leute, die sie hereinlassen, gut aus. Oder warum etwa sonst haben sich die anderen in der Flüchtlingsfrage so vornehm zurückgehalten? Und selbst die größten Multikultifanatiker werden sich eines Tages eingestehen müssen, dass ihre Schützlinge sich bei Dir politisch viel besser wiederfinden als bei ihnen, denn auch für Einwanderer ist die Familie die Keimzelle der Gesellschaft, auch sie legen Wert auf Tradition und auch sie stehen sexuellen Eskapaden eher skeptisch gegenüber. In ihren Heimatländern geht man diskret damit um und nichts anderes willst Du hier auch. Und auch wenn für Dich selbst kein Zweifel daran besteht, dass Menschen wie Du dazu geboren sind, andere zu führen, gibt es da ein paar Schönheitsfehler, an denen sich Deine Feinde immer wieder aufhängen: Bei einigen von Deiner Sorte ist es z. B. mit der „überlegenen“ Intelligenz, mit der sich Leute wie Du gern brüsten, nicht so weit her. Du hast andere schön als „Verlierertypen“ abgekanzelt und dann kam heraus, dass Dein Doktortitel gekauft, Deine Doktorarbeit abgeschrieben war (Plagiatsaffairen gab es ja u. a. bei dem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) (vgl. Wikipedia) und der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin (vgl. Wikipedia))? Dein Lebenslauf ist in einigen Passagen vielleicht sogar frei erfunden oder zumindest sehr stark aufgehübscht, damit es noch mehr nach „supersteile Karriere mit links hingelegt“ aussieht (wie bei der SPD-Politikerin (ja, ich weiß, SPD) Petra Hinz (vgl. Tagesschau) oder der britischen Konservativen Andrea Leadsom (vgl. Deutsche Welle))? Tja, und auch wenn Dir gerade das so wichtig ist – Du bist eben leistungsmäßig doch nicht so ganz Albert Einstein oder Johann Wolfgang von Goethe: Sicher, das Abi hast Du Dir hart erarbeitet, aber weil deine Noten trotzdem nicht top waren, hast Du dann immer Frauen wie Hillary Clinton als zickige Streberinnen hingestellt, weil die mit dem gleichen Arbeitsaufwand viel bessere Ergebnisse erzielt und Dich weit abgeschlagen in den Schatten gestellt haben. Deine Erfolge im Leben beruhen eben – genau wie vermutlich bei Donald Trump & Co. – leider eher auf Deinen Ellenbogen (ganz zu schweigen von Deinem äußerst wohlhabenden familiären Hintergrund und den gesellschaftlichen Beziehungen, die damit einhergehen) als auf Hirnschmalz. Versteh mich nicht falsch – es geht hier nicht um Intelligenz (vielleicht ist es ja auch so, dass es mit Dir in dieser Hinsicht wirklich so leicht keiner aufnehmen kann). Es geht um ein generelles Menschen- und Gesellschaftsbild, darum, wie man mit anderen umspringt, wie sehr von oben herab man sein darf und ab wann es legitim ist, Rechtfertigungen von jemandem wie Dir zu verlangen. Politisch stehst Du – je nachdem, was Dir persönlich am wichtigsten ist und ob Du mehr D oder mehr A hast – dem rechten Rand der CDU oder der FDP nahe oder aber Alfa oder dem wirtschaftsliberalen oder dem nationalkonservativen Flügel der AfD. Auch ein an „westlichen Werten“ orientierter Rechtspopulismus wie ihn Geert Wilders in den Niederlanden vertritt, könnte Dir vielleicht gefallen. Allerdings: Wilders macht sich auch mit Pegida gemein. In die Richtung läuft es bei Dir vermutlich auch.

Ein trojanisches Pferd? – die junge Rechte macht mobil

„Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben auf Staatskosten finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul!“ – ein junger Mann mit blondem Rauschebart spricht Tacheles – Das soll wohl die Message sein. Und er deutet an, dass er eine „Alternative“ wählen wird. Bald sind Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Es geht also um Wahlwerbung. So klar ist das auf den ersten Blick nicht, denn da ist kein Logo und kein Parteiname, der einem auf die Sprünge helfen würde. Deshalb muss man auch ein bisschen überlegen, bis man darauf kommt, dass mit „Alternative“ die „Alternative für Deutschland“, die rechtspopulistische AfD, gemeint ist.

Ein bisschen fühlt man sich an der Nase herumgeführt. Klar, der Spruch klingt rechts, aber die Ästhetik erinnert einen eher an hastig zusammengeschusterte Antifa-Reader, improvisiert und ein bisschen roh, Do-it-yourself eben. In einem Kommentar im Stern von Sophie Albers Ben Chamo liest man dann auch, dass die AfD-Wahlwerbung an die Kunstaktionen von „Barbara“ angelehnt sei.

„Barbara“ agiert anonym. Ob sich eine Frau oder ein Mann hinter dem Namen verbirgt, weiß man nicht. Aber die Streetart-Aktionen von „Barbara“ wenden sich gegen Rassismus, Diskriminierung und – wer hätte das gedacht?! – auch gegen Rechtspopulismus à la AfD. Juliane Hanka hat dem „Menschen mit Namen Barbara“ einen längeren Artikel in der taz gewidmet und der Anonyma auch ein paar Fragen gestellt. Das bestätigt, was man über ihre Kunstaktionen landläufig so sagt.

Natürlich muss man es nicht unbedingt für erstrebenswert halten, dass Kunst politische Botschaften transportiert, aber, ganz gleich wie man darüber denkt, das Gute an „Barbara“ ist: an ihrer Botschaft besteht inhaltlich kein Zweifel. Inhalt und Ästhetik passen zueinander. Als Betrachter weiß man deshalb, womit man es zu tun hat.

DAS SPIEL MIT DER WAHRNEHMUNG ALS POLITISCHES KONZEPT?

Bei der AfD-Wahlwerbung ist es dagegen wie mit einem surrealistischen Bild: Man bemerkt zwar sofort, dass etwas nicht stimmt, versucht aber trotzdem, Elemente, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, zusammen wahrzunehmen, so gut es eben geht. Man könnte auch an diese Vexierbildchen aus der Wahrnehmungspsychologie denken, wo man mal das Profil einer alten Frau sieht und mal das Portait jungen Frau mit leicht abgewendetem Kopf, je nachdem, welches „Vorbild“ man im Kopf hat, wonach man die schwarzen Linien also „abscannt“.

Auf die soziale Ebene übertragen, könnte man ein solches Spiel mit der Wahrnehmung durchaus als Zeitgeist deuten. Ich kannte es bisher v. a. von der queerfeministischen Bewegung, die sich auf Theoretikerinnen wie Judith Butler beruft. Von Butler auf die AfD zu schließen ist aber sicherlich ein bisschen gewagt – dass es da personelle oder ideologische Querverbindungen gibt, ist kaum anzunehmen – aber was wäre, wenn die Rechte nachgezogen hat und jetzt einfach auch up-to-date ist?

RECHTS SOLL TRENDY SEIN – DIE „IDENTITÄRE BEWEGUNG“

Als vor drei, vier Jahren eine neue politische Jugendbewegung in Erscheinung trat, die ihren Ausgangspunkt in Frankreich hat und mittlerweile in mehreren Ländern Europas vertreten ist, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass die neue Rechte eine radikale kulturelle Wende vollziehen würde: Die sog. „Identitäre Bewegung“ existierte zunächst nur im Internet. Von Anfang an agierte sie jedoch ausgesprochen publicitywirksam: eine grelle Optik in schwarz-gelb, bei der man unwillkürlich an Wespenstiche denkt, und der griechische Buchstabe Lambda im Logo sichern den „Identitären“ einen hohen Wiedererkennungswert. Ästhetisch und ideengeschichtlich sehen sie sich ansonsten, so scheint es, in der Tradition der bündischen Jugend* und des Jugendstils. Nicht von ungefährt heißt eine ihrer Zeitschriften „Sezession“. Was einem spontan dazu einfällt, sind Namen wie Franz von Stuck und Nietzsche. Den Working-Class-Style irgendwelcher dahergelaufener Stiefelnazis assoziiert man eher nicht so.

Aber für die „Identitären“ darf es offenbar gern auch eindeutig rechtsextrem sein: So haben sie sich z. B. mit dem Denken des faschistischen Philosophen Julius Evola befasst und verwenden auch schon mal ein Evola-Zitat als Sinnspruch für ihre Selbstdarstellung im Internet**. Die Theorien des italienischen Metaphysikers und Futuristen sind jedoch alles andere als harmlos, stellen sie doch eine krude, geistig abgehobene Variante des Faschismus dar: Elitebewusstsein mit sehr viel Esoterik, ein bisschen Mystik und eine kräftige Prise Rassismus und Antisemitismus – eine explosive Mischung, die gegenwärtig wieder den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Besonders gefährlich daran ist allerdings, dass es Deutschen aufgrund ihrer spezifischen historischen Erfahrung oft schwer fällt, einen Zusammenhang zum politischen Faschismus zu erkennen. Hierzulande denkt man eben doch eher an rohe, physische Gewalt und nicht so sehr an einen raffinierten, intellektuell überhöhten Diskurs.

Vielleicht liegt es daran, dass über die „Identitären“ im deutschsprachigen Raum bislang nur wenig geschrieben worden ist. So gesehen kann das kleine Taschenbuch mit dem Titel „Die Identitären“ von Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natscha Strobl, das 2014 im Münsteraner Unrast Verlag erschienen ist, als echte Pionierarbeit gelten. Lesenswert ist es auf jeden Fall, denn es gibt nicht nur einen informativen, ersten Überblick über die neue Rechte, sondern versucht auch, mit unzähligen Beispielen und Belegen deren politische Strategien offen zu legen.

Schlägern und offenkundige Einschüchterungsversuche sind, wie es aussieht, nicht das, womit die „Identitären“ in Verbindung gebracht werden möchten. Das Bild, das sie vermitteln, spricht eher dafür, dass es darum geht, dass Rechts trendy sein soll, nicht ordinär, Popkultur für junge „Leistungsträger“ also, nicht ein Aktionsraum, wo „erlebnisorientierte“ Proleten Dampf ablassen können. Man will offenbar das gehobene Bildungsbürgertum ansprechen, nur dass sich das in weiten Teilen eher mit dem in rechtspopulistischen Kreisen verfehmten „versifften links-rot-grünen-Alt-68er“-Denken, wie es Jörg Meuthen auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart verächtlich nannte, identifiziert, zumindest formal.

FÜR DIE VIELFALT DER KULTUREN & TROTZDEM STRAMM RECHTS

Also kopieren die „Identitären“ linke Agitationsformen, schreiben Bruns, Glösel und Strobl, und versuchen, sie links „umzunutzen“ – Flashmobs, linke Parolen und „Spaßguerilla“*** „unter falscher Flagge“ sozusagen. Am 10. August 2012 soll es in Rostock z. B. einen ersten Flashmob mit dem Titel „Hardbass gegen Demokraten“ gegeben haben, wo zu fetzigen Elektrorhythmen getanzt und „NS jetzt“ oder „NS fetzt“ skandiert wurde***. Manchmal tanzten Passanten mitgerissen von der Partystimmung einfach mit, ohne zu wissen, worum es ging***, so Bruns, Glösel und Strobl. Plakate, auf denen fett gedruckt zu lesen ist „Für die Vielfalt der Kulturen“ und kleiner darunter: „Gegen Imperialismus und Multikulti!“ setzen diese Strategie der gezielten Verwirrung fort***.

In der Schweiz haben sich „Identitäre“ mit der Aktion „Wir kämpfen für Felipe“ sogar für das Bleiberecht eines von Abschiebung bedrohten Brasilianers eingesetzt***. Hört man von solchen Sachen, reibt man sich erst mal die Augen. Sind das wirklich Rechte?

Allerdings stellen die „Identitären“ klar, worum es ihnen geht: „Die guten schickt man weg, die schlechten bekommen Kick Box Training!!“*** wie Bruns, Glösl und Strobl die „Identitäre Bewegung Schweiz“ (IBS) zitieren.

Dass die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland personell eng verbandelt ist mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD, ist kein Zufall. So erklärt sich vielleicht auch die Wahlwerbung mit dem Kiffer, der sich über seinen marokkanischen Dealer beschwert.

Natürlich ist niemand allein deshalb rechts, weil er oder sie sich über Dealer, Drogenhandel und Kriminalität beschwert – Das sind ja wirklich gesellschaftliche Missstände – aber wem ist damit geholfen, wenn man versucht, solche Dinge zu ethnisieren? Und geht es eher um Gefahren, etwa Beschaffungskriminalität und Gewalt im Drogenmilieu, oder ist das Allerschlimmste, dass der eine oder andere Dealer dem Staat „auf der Tasche liegt“ (wie so manch eingefleischter Kiffer – egal, ob deutsch oder nicht – auch)?

Man muss nicht gleich nach ganz weit rechts rutschen, nur weil man hier und da Kritik hat. Aller zeitgenössischen „Verwirrung der Wahrnehmung“ zum Trotz sollten wir uns jedenfalls den klaren Blick auf die Dinge nicht vernebeln lassen.

Quellen:

Art.: „Liebe AfD, man kann gar nicht so viel kiffen, dass es Sinn macht!“v. Sophie Albers Ben Chamo, in: Stern v. 21. 07. 2016.

Art. “ Den Rechten einfach eine kleben“ v. Juliane Hanka, in: taz v. 19. 03. 2016.

*Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung Bayern v. 31. 05. 2016 (Zugriff am 23. 07. 2016).

** Vgl. u. a. einen Facebook-Eintrag der Identitären Bewegung (deutschsprachig) v. 01. 11. 2014, auf dem ein Zitat von Evola als Leitspruch gepostet ist (Zugriff am 23. 07. 2016).

***Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl, „Die Identitären“, Münster 2014.

 

 

Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

CD1A

1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

CD2

2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

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3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

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4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

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5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

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Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.

Rechtsherum in Europa – ein Versagen der Linken?

Ein „neues Gespenst“ geht um in Europa, schreibt Hans-Jürgen Schlamp auf Spiegel Online. Er meint den Rechtspopulismus, der in vielen Ländern der Europäischen Union auf dem Vormarsch ist. In einigen, wie Polen, stellt er auch die Regierung oder ist, wie in Dänemark, zumindest klar in der Mehrheit.

So informativ der überblicksartige Online-Artikel auch ist, er verweist leider schon im ersten Absatz unfreiwillig auf das Kernproblem: Das verführerische Angebot der neuen Rechten laute, wie Schlamp schreibt: „Ihr müsst euch nicht verändern, ihr könnt Kleinbauern bleiben, eure Tante-Emma-Läden weiter führen, ihr müsst nicht zu den Jobs wandern, die kommen zu euch (…)“.

Aber mal ehrlich – im Umkehrschluss würde das doch bedeuten: Wenn ihr nicht rechts sein wollt, müsst ihr euch verändern, ihr könnt nicht mehr Kleinbauern sein, ihr müsst eure Höfe aufgeben, ihr könnt eure Tante-Emma-Läden nicht weiterführen, setzt euch stattdessen gefälligst für 450 Euro im Monat an die Supermarktkasse und wenn’s euch nicht passt, dann schaut, wie es die Flüchtlingen machen und zieht rund um den Globus – vielleicht findet ihr ja irgendwo ein Auskommen …

Politik darf sich aber nicht nur an den Bedürfnissen eine jungen, flexiblen Elite orientieren. Es ist ja schön, wenn solche Leute sich einbilden, ihr Vorsprung durch Geld und Geburt mache sie per se immun gegen rechte Rattenfänger. Dass dem nicht so ist, weiß man eigentlich: Die deutsche AfD hatte noch bis vor Kurzem den Ruf inne, eine „Professorenpartei“ zu sein, Geert Wilders rechtspopulistische Partij voor de Vrijheid in den Niederlanden spielt munter die Rechte von Homosexuellen und Frauen gegen den „rückständigen“, „mittelalterlichen“ Islam aus. Damit aber wird gerade jenes „liberale“, „fortschrittliche“ Weltbild verteidigt, das andere rechte Kräfte als „Sittenverfall“ und „links-rot-grün versifftes 68er Deutschland“, wie Jörg Meuthen von der AfD es nennt (vgl. dazu einen Bericht des AfD-Parteitages in Stuttgart im ZDF-Journal „heute“), bekämpfen.

In erster Linie geht es um den Vorrang „nationaler“ Interessen. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die die europäischen Rechtspopulisten haben. Dass sie trotzdem sehr gut miteinander vernetzt sind, wie man immer wieder hört und auch aus den wechselseitigen Glückwünschbekundungen zu Wahlerfolgen in den sozialen Netzwerken schließen kann, macht die neue Rechte so gefährlich. Eigentlich ist sie eine Hydra die man nicht so leicht fassen kann. Immer wenn man – in Analogie zu der griechischen Sagengestalt – einen Kopf abgeschlagen hat, wachsen zwei neue nach. Ich glaube, das Bild ist auch bereits bemüht worden.

Einfache schwarz-weiß-Bilder sind jedenfalls wirkungslos: Rechts ist diskriminierend? Rechte wollen die Frauen zurück an den Herd drängen, sind ausländerfeindlich und machen sexuellen Minderheiten das Leben zur Hölle? Nicht unbedingt. Der niederländische Rechtspopulist Wilders setzt sich ja, wie gesagt, gerade für diese Gruppen ein. Selbst ist er mit einer Ungarin verheiratet und hat indonesische, also außereuropäische Vorfahren, wie man auf Wikipedia nachlesen kann. Auch der deutschen AfD ist es gelungen, Minderheiten – Homosexuelle und Migranten – zu integrieren und vielleicht hat der aus Benin stammende schleswig-holsteinische AfD-Politiker Achille Demagbo sogar Recht, wenn er sagt, viele Menschen mit Migrationshintergrund seien „wertkonservativ“, wie er in der Welt zitiert wird.

Dass sie altmodisch und religiös sind, mit einer Auffassung der Geschlechterrollen, die klare Unterschiede zwischen Männern und Frauen vorsieht und die traditionelle Familie für den „Kern der Gesellschaft“ hält – das sagt man – zu Recht – vielen rechtspopulistischen Strömungen in Osteuropa nach. Allerdings könnte man dasselbe auch über den konservativen Islam sagen. Und genau deshalb überrascht es nicht so sehr, dass auch Islamophilie in der neuen europäischen Rechten ihren Platz hat. Andreas Abu Bakr Rieger, der ehemalige Mitgesellschafter des Magazins „Compact“, das der sog. „Querfront“ zugerechnet wird, ist 1990 zum Islam konvertiert, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.

Zwar hat sich Rieger mittlerweile von „Compact“ distanziert, doch wird gerade am „Compact“-Umfeld um den Ex-„konkret“ und -„Junge Welt“-Journalisten Jürgen Elsässer deutlich, wie widersprüchlich das rechte Milieu ist: Islamophobe und „islamkritische“, neo-konservative Pro-Israel-Aktivisten finden dort ebenso eine neue politische Heimat wie eingefleischte Antisemiten und ehemalige Linke, die Israel für den Vorposten des us-amerikanischen „Imperialismus“ im Nahen Osten halten und sich schon von daher eher mit den Palästinensern und auf einer globaleren Ebene mit dem Islam als solchen identifizieren. Konservative und Reaktionäre sind mittlerweile in der Rechten genauso vertreten wie liberale Kräfte, die den konservativ-religiösen Einfluss muslimischer Zuwanderer als Gefahr wahrnehmen und zurückdrängen wollen. Eliten und „Leistungsträger“ dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch der in letzter Zeit so oft bemühte „kleine Mann“. Für alle ist etwas dabei – könnte man zumindest denken.

Die Linke hat leider ihrerseits bislang immer nur auf den Rechtspopulismus reagiert und versucht, ein Gegengewicht herzustellen. Nur klappt das nicht immer. Zum Teil verstrickt sie sich mit Überreaktionen und einer bizarren Dialektik von Minderheit und Mehrheit sogar in Widersprüche:

  • Es stimmt z. B. dass Muslime zur Zeit in Deutschland sehr stark angefeindet werden. Um das abzumildern, stärken Linke ihnen den Rücken. Allerdings vergessen sie dabei manchmal, darauf zu achten, um wessen Rücken es sich da im Einzelfall handelt. Eher versucht man zu ignorieren, dass es den islamistischen Fundamentalismus wirklich gibt und dass es mit den Rechten von Frauen und Homosexuellen in vielen islamisch geprägten Ländern tatsächlich nicht so weit her ist. Die algerische Soziologin Marieme Hélie-Lucas hat das als eine Form von Blindheit der europäischen Linken gegenüber rechtskonservativen Muslimen kritisiert. Auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte bezogen, beschreibt sie das Phänomen ausführlich in einem Beitrag in dem vor kurzen erschienenen und von Alice Schwarzer herausgegebenen Sammelband „Der Schock – die Silversternacht in Köln“.
  • Außerdem übt Zuwanderung – sofern sie im größeren Rahmen stattfindet – einen erheblichen sozialen Druck auf die unteren Schichten der Gesellschaft aus. Da man aber keine Patentrezepte an der Hand hat, wie man das ändern könnte, wirft man allen, die Angst um ihren Job haben, in einer Art fast schon, so könnte man denken, erhoffter self-fulfilling prophecy vor, „Mitläufer“ der Rechtspopulisten zu sein. „Kleingeister“ und ängstliche „Hasenfüße“ seien solche Leute. An markigen Worten fehlt es im Moment nicht. Dass man selbst als gut verdienende Oberschicht in den letzten Jahren nicht nur erheblich von dem zunehmenden Auseinanderklaffen der sozialen Schere profitiert hat, sondern außerdem auch eher die Vorteile eine globalisierten Gesellschaft abschöpfen kann und die Nachteile einen nicht so schwer treffen, übersieht man dabei allerdings geflissentlich.
  • Last but not least möchte man zeigen, dass einem das „andere“, Fremde keine Angst macht, man ihm im Gegenteil sogar Raum geben möchte, macht man sich für das Kopftuch oder sogar für Niqab und Burka stark. Dabei geht es um Abgrenzung und Identität. Dass Menschen, die auswandern oder aus einer Einwandererfamilie stammen, meistens mehr oder weniger „zwischen den Kulturen“ leben, ist keine neue Erkenntnis. Man kann es, wenn man selbst davon betroffen ist, als Bereicherung oder als Problem empfinden. Vermutlich hängt das auch ein bisschen von den persönlichen Umständen ab. Die Angst, die eigene Identität an die „Mehrheitsgesellschaft“ zu verlieren und das Bedürfnis, sich von ihr abzugrenzen, ist jedoch neu und wird durch Diversity-Management und Minderheitenpolitik gestärkt. Wenn man das noch etwas weiter auf die Spitze treiben würde, wäre man fast schon beim „Ethnopluralismus“ der rechtsextremen und in verschiedenen Ländern Europas vertretenen sog. „identitären Bewegung“. Auch wenn es ansonsten natürlich keine Gemeinsamkeiten mit den „Identitären“ gibt.

All das hat das politische Profil der Linken verwässert. Und wo es den Rechtspopulisten z. T. gelungen ist, Widersprüche in integrative Kraft umzumünzen, hat sich die Linke in den letzten Jahren zu sehr auf ein globales Bildungsbürgertum konzentriert, mit dem allein eben auch kein Staat zu machen ist. Dabei wäre es eigentlich gar nicht so schwer, die Dinge ein wenig differenzierter zu betrachten. Vielfach würde es schon reichen, nicht allzu sehr über das Ziel hinauszuschießen. Ansonsten wird der europäische Rechtspopulismus wohl weiterhin seine Anhänger finden. Leider. Denn das volle zerstörerische Potenzial dieses neuen Phänomens wird sich erst entfalten, wenn die Leute auch formal politische Macht besitzen.