Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

#Schorndorf. Oder: Laila platzt der Kragen!

Gibt man #Schorndorf bei Twitter ein, ploppt zuerst ein südwestdeutsches Kleinstadtidyll mit Fachwerkhäusern vor strahlendblauem Himmel entgegen. @cduschorndorf heißt der Account. Aha. Linke „Krawallmacher“ sind hier offenbar nicht zu Hause. Dafür wurde wieder einmal gegrapscht. Bis zu 1000 Jugendliche sollen sich im Rahmen der „Schorndorfer Woche“ – offenbar eine Art Volksfest – in einem Park versammelt, randaliert und Sexualdelikte begangen haben. Mal ist von „Abiturienten“ die Rede, mal waren es eben nur „Jugendliche“ – so ganz ohne festgelegten Bildungsgrad. Migranten, genauer Flüchtlinge, sollen aber in jedem Fall dabei gewesen sein.

Auf Twitter platzt einer gewissen Anabel Schunke wortwörtlich der Kragen. Ein mit viel sch*** und a*** dekorierter Text wird einem dargeboten, in dem sich die Autorin kopfschütteln fragt (so stellt man sich das jedenfalls vor, also dass sie sich kopfschüttelnd fragt), was in diesem sch***-Land eigentlich los sei. Flüchtlinge bekämen hier ja sogar Flirtkurse. Und jetzt ist wieder so etwas wie #koelnhbf passiert. Wieviel „kultursensiblen Zucker“ man den Leuten denn noch „in den Ar*** blasen“ wolle. Die Twitter-Gemeinde klatscht eifrig Beifall.

Moment mal, Anabel wer? Ein paar Klicks ergeben, dass die Frau für das konservativ-liberale Internetmagazin „Tichy’s Einblick“ schreibt. Schunke – eine echte Posterschönheit: lange, blonde Haare, Traumfigur – modelt – klar! – und studiert Politikwissenschaften und Geschichte, wie einen ein Kurzprofil auf „Huffington Post“ informiert. Kein blondes Blödchen also. Eher eine, vor der sich andere wahrscheinlich klein fühlen. Fast fragt man sich, ob Anabel nicht im Real Life Karlheinz heißt und einen „Bier formte diesen Astralleib“-Schmerbauch vor sich herträgt, aber aus solchen Zeilen spricht vermutlich der pure Neid. Als ich lese, dass Schunke mehrfach Versuche unternommen hat, die AfD aus konservativer Sicht zu kritisieren, schäme ich mich auch gleich ein bisschen. Bin ich jetzt so ungnädig, nur weil es nicht meine Meinung ist? (Oder weil ich nicht ganz so hübsch bin? Ich kenne immerhin eine Menge Leute, denen das als Erstes dazu einfallen würde. Deshalb schreibe ich es jetzt auch.)

Doch ein paar Klicks weiter prangt ein Foto, dass die attraktive Blondierte mit einer etwas größeren Frau in einem weißen Polohemd zeigt. Beide scheinen in Partylaune zu sein. Die Große trägt ihr Haar streng zurückgebunden und ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor: Alice Weidel, AfD. „Mit der duftesten Frau der AfD“ steht unter dem Bild. Also wohl doch nicht so viel Abgrenzung.

Mittlerweile ist der Facebook-Account von Anabel Schunke offenbar gesperrt worden. Alice Weidel beschwert sich darüber entrüstet auf Facebook: „Zensur in Deutschland!“ und verlinkt sogleich zu einem Schunke-Text: „Ich muss keine fremde Kultur bedingungslos akzeptieren.“.

Nein, muss sie nicht. Sie muss sich auch nicht angrapschen lassen. Falls ihr das bereits passiert ist. Das täte mir leid. Für den Fall, dass es dunkelhäutige Täter waren, Menschen „südländischen Aussehens“, Muslime. Denn offenbar ist ja das das Problem.

Man muss relativieren. Natürlich begehen auch hellhäutige Menschen, Christen Sexualstraftaten. Ansonsten könnten sich die Frauen in Nordeuropa ja freuen. Es stimmt aber, dass das Frauenbild in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten ein anderes ist. Ein Grapscher an Po, Busen oder zwischen die Schenkel gilt oft eher als „Kavaliersdelikt“. Zumal wenn die Frau eine „Schlampe“ ist, also nicht keusch genug angezogen. Dann hat sie auch irgendwie selbst schuld.

Das stimmt also, da sind gewisse Vorbehalte nicht so ganz aus der Luft gegriffen – sieht man mal, wie gesagt, davon ab, dass ich solche Sätze auch schon aus biodeutschen Mündern gehört habe. In muslimischen Ländern ist es aber eben schlimmer. Dennoch stellen sexuelle Übergriffe auch in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten eine Aggression dar. Es ist ein bewusster Angriff auf die Würde, gewiss kein „normaler“ Umgang mit Frauen. Zumindest an den Stränden Tunesiens und Marokkos haben die Leute auch sehr wohl schon einmal leicht bekleidete Frauen gesehen – und sie haben sie NICHT begrapscht. Ältere erinnern sich sogar noch an die Zeiten, als die Burka im Maghreb noch mehr oder weniger unbekannt war und ein eher westlicher Lebensstil gepflegt wurde. Nicht einmal jeder muslimische Gelehrte ist Burka-Fan. So gut wie keine Frau in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten lässt sich „gern“ von wildfremden Typen angrabbeln.

Vielleicht sollte man diesbezüglich also besser auf dem Teppich bleiben. Ein anderes Frauenbild: ja, „von jeglicher Zivilisation unberührte, animalische Wilde, die nicht anders können“: nein. Wahrscheinlich würde es reichen, ein für alle mal klarzustellen, dass Grapschen und Vergewaltigen in Deutschland Straftaten sind und es auch wirklich strafrechtlich verfolgt wird. Und zwar ganz gleich, wer es macht.

Denn die Frage ist ja, ob Schunke und ihre Fans bei einem hellhäutigen Deutschen darüber hinwegsehen könnten, wenn der sie unsittlich berührt. Könnten sie es, dürfen sie sich auch nicht beschweren.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es durchaus in der Zeitung stehen darf, wenn ein Täter dunkle Haare hatte oder eine Migrationshintergrund – Man kann ja ebenso schreiben, dass es eine Blondine war oder jemand, der Sommersprossen hatte oder ein Oberlippenbärtchen trug – Mir platzt jetzt auch so langsam mal der Kragen: Ja, unter den Flüchtlingen sind echte Schweine. Ja, es sind IS-Leute darunter. Ja, es sind Marokkaner unter ihnen, die glauben machen wollen, sie stammten aus Syrien. Ja, das ist Betrug. Ja, da geht es um Jobs. Ja, einige der „Schweine“ sind schwer traumatisiert, weil sie eben tatsächlich im Krieg waren und das macht es trotzdem nicht besser, wenn da dann jemand gewalttätig wird, Ja, überall ein Körnchen Wahrheit dran, so dass man im rechtskonservativen Lager auch laut auflachen kann, wenn jemand, der oder die nichts gegen Flüchtlinge hat, mal an so jemanden gerät. Gibt’s wirklich alles. UNTER ANDEREM AUCH. – ABER: Bei allem und jedem, wo irgendwie irgendeine Person involviert ist, auf die die Beschreibung: „Migrant“, „Flüchtling“, „dunkelhäutig“, „Muslim“ vage passt, wird laut aufgeschrien. Niemand auf Twitter hat sich über die biodeutschen Abiturienten in Schorndorf beschwert, die launig mitgegrapscht haben oder sogar die Idee dazu hatten. Wer die „Idee“ hatte, weiß man ja nicht. Aber es kam nicht mit einem Wort zur Sprache, dass da eine ganze Menge Nicht-Refugees waren, die sich ebenso sch*** benommen haben.

Stattdessen wird über „Flirtkurse für Flüchtlinge“ schadroniert. Na ja.

Unsere Verfassung will es so, dass vor dem Gesetz alle gleich sind – vielleicht die beste Idee seit langem … Muss man sich nur noch mal ins Gedächtnis rufen.

Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

#FuckDeniz. Oder: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler

… ein Drama in vier Akten:

Der „Türke vom Dienst“ betreibt „Hetze gegen die Türkei“. Da komme ich, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr mit. Die Debatte um den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat allerdings eine Wendung genommen, die absehbar war.

Eigentlich lagen die Dinge klar auf der Hand: Angela Merkel hat den Böhmermann rausgepaukt, dann muss sie sich jetzt eben auch für den Yücel einsetzen. Immerhin bot Böhmermanns Gedicht, in dem er Recep Erdogan als „Ziegenficker“ bezeichnete, tatsächlich Reibungsfläche. Ich wusste auch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich ist es ziemlich paranoid, wenn der Staatschef eines tausende Kilometer entfernten Landes das Mediengeschehen in Deutschland so penibel überwachen lässt, dass ihm auch Nebensächlichkeiten wie eine etwas überzogene Comedy-Aktion ins Auge stechen. Aber „Ziegenficker“ ist eindeutig beleidigend, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Schenkelklopfer für geifernde Islamhasser ist, den Propheten Mohammed als „Pädophilen“ zu verunglimpfen.

Yücel dagegen hat in der Türkei doch eigentlich, wenn man es genau nimmt, nur seine Arbeit gemacht und das auch noch für eine deutsche Zeitung. Da in der Türkei andere Bedingungen herrschen als hier und Yücel zudem deutscher Staatsbürger ist, musste das Auswärtige Amt sich einschalten. Das Gleiche gilt ja auch, wenn ein Deutscher mit Drogen in Malaysia erwischt wird. Drogenschmuggel ist auch hierzulande eine Straftat, aber dafür gleich die Todesstrafe zu verhängen, das geht dann eben doch zu weit. Yücel hat keine Drogen geschmuggelt. Ihn erwartet keine Todesstrafe. Er ist einfach den beunruhigenden politischen Entwicklungen in der Türkei zum Opfer gefallen. Und wenn auch die Türkei ausländischen Journalisten Zugang zu Bereichen verweigern kann, die man für sensibel erachtet, so kann niemand diktieren, was in deutschen Zeitungen stehen darf. Umgekehrt würde man es ja auch befremdend finden, wenn die türkische Community in Deutschland quasi als Geisel genommen würde, um die Türkei politisch zu beeinflussen.

Der „Türke vom Dienst“: Multikulti, die Erste

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Aber das passt nicht zur Hysterie des Internets und zu der emotional aufgeladenen Debatte um Migranten, ethnische Vielfalt und Einwanderung. „Einmal Türke, immer Türke“ regt sich der (deutsche) ehemalige Türkeikorrespondent Michael Martens in der FAZ auf und moniert, dass Auslandsberichterstattung mittlerweile zu stark ethnisch aufgeladen sei. Warum sollten nur Türken über die Türkei schreiben? Wäre das alles nicht passiert, wenn die „Welt“ statt Yücel einen Biodeutschen geschickt hätte? Deniz Yücel sei für Recep Erdogan eben Türke und werde daher behandelt wie die einheimischen unliebsamen Journalisten, so Martens.

Im Netz wird der Kommentar auf das Schlagwort „Türke vom Dienst“ komprimiert. Entsprechend entrüstete Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Andere Journalisten mit Migrationshintergrund weisen daraufhin, dass auch sie ihre Herkunftländer (oder die ihrer Eltern) liebten und deshalb über sie berichteten, so wie Deniz Yücel die Türkei liebe. Deutsche Kollegen von Yücel bezeichnen den Text als „infam“ und sprechen von „Niedertracht“.

Ja, stimmt, aus Martens Worten spricht nicht gerade sehr viel Mitgefühl mit dem inhaftierten Kollegen. Eher schon konnte man darin den rivalisierenden Journalisten herauslesen, der die Chance gekommen sieht, die eigene Stellung als Auslandkorrespondent zu verteidigen gegen die Konkurrenz „mit Blutsbande“ in die enstprechenden Länder.

Nur hatte die Gegenseite leider keine besseren Argumente – ethnische Zugehörigkeit, „Vaterlandsliebe“, Journalismus dürfe, ja solle ruhig auch „parteiisch“ sein, fordert Klaus Raab in der taz. Er zitiert die Politikredakteurin der „Zeit“ Özlem Topçu, die zu der Debatte um Deniz Yücel angemerkt hat, dass allzu lange der weiße, westliche männliche Blick den Journalismus bestimmt habe.

Italienisches Design & „Kopftuchmädchen“: Multikulti die Zweite

Das erinnerte mich unwillkürlich an eine Zeile von Ingo Zamperoni, die ich neulich gelesen habe. Zamperoni, seines Zeichens USA-Korrespondent, ließ sich über die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aus und gab freimütig zu, dass ihm „als Deutschen“, einiges Magenschmerzen bereite, was für Amerikaner kein Problem sei, schon wegen der Geschichte. Zamperoni besitzt, so kann man auf Wikipedia nachlesen, wie Deniz Yücel zwei Pässe, neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die italienische.

Vermutlich würde man derartige Statements nicht von Journalisten wie Deniz Yücel, Özlem Topcu oder auch Margarete Stokowski hören. Man könnte argumentieren, dass Italiener in Deutschland auch keinen so schlechten Ruf hätten wie etwa Türken. Der trotzige Rückzug auf die eigene Andersartigkeit ist ja oft eine Reaktion darauf, ohnehin nicht dazugehören zu dürfen. Allerdings erinnere ich mich, in den 1990er Jahren einmal ein Buch über Migration in der Hand gehabt zu haben, ein ausdrücklich linkes Buch übrigens, in dem die türkischen Gastarbeiter gelobt wurden als stille, fleißige und anpassungsbreite Migranten, denen man oft Unrecht tue (Sicher stimmt das vielfach). Die Italiener dagegen seien faul, stritten die ganze Zeit lautstark miteinander und schleppten hier Mafia und Blutrache ein (In einigen Fällen stimmt sicher auch das. Es ist aber trotzdem ein Vorurteil.). Klar: „Albano & Romina Power“, „Caterina Valente, hat’n Arsch wie ’ne Ente“, dämliche, amüsante Leute, Schnulzen und sonstige grenzdebile Unterhaltung. Allerdings gilt das nicht, wenn man aus der Oberschicht stammt. Italienisches Design, Mode, Kunst, Oper, Töpfern in der Toscana – mit all dem wollte sich die deutsche Intelligentsia auch schon vor 20 Jahren nur zu gern identifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie dumm, willkürlich und austauschbar Vorurteile sind und dass auch gebildete Leute nicht vor ihnen gefeit sind.

Dennoch ist es keine Glanzleistung und irgendwie auch müßig, eine Ethnie gegen die andere ausspielen zu wollen, ganz gleich ob es um Deutsche, Türken, Italiener, Russen, Polen, Nordafrikaner oder wen auch immer geht. Ich kann Özlem Topçu verstehen. Man selbst kennt das Land wie seine Westentasche – Geschichte, Kultur, Mentalität. Man spricht die Sprache, hat Zugang zu den dortigen Medien, kann ohne Mühe die politischen Debatten vor Ort nachvollziehen. Man brennt nur so darauf, seinen deutschen Landsleuten etwas davon zu vermitteln. Und dann wird einem ein blonder Biodeutscher vor die Nase gesetzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich auf Englisch durchschlagen muss. Das spiegelt eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit wieder, über die man sich zu recht echauffieren kann, ja sogar sollte.

„Vaterlandsverräter“ & „Putinfreunde“: Multikulti, die Dritte

Andererseits kann man natürlich einwenden, dass Auslandskorrespondenten, die eine persönliche Verbindung zu dem Land, aus dem sie berichten, haben, in gewisser Weise befangen sind. In die Richtung ging ja in etwa, was Michael Martens geschrieben hat. Allerdings: Es hat auch immer schon deutsche Spione gegeben, Menschen, die die Seiten gewechselt und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, „verraten“ haben. Blut ist offenbar doch nicht immer dicker als Wasser.

Ein aktuelles Beispiel sind vielleicht die (deutschen) „Putinfreunde“, die in Russland und Wladimir Putin ein wegweisendes Beispiel sehen. Meist sind es Linke oder ehemalige Linke, die sich nicht scheuen, „für den Frieden“ auch mit Rechten „strategische Bündnisse“ einzugehen und sich mindestens ebenso „antideutsch“ gebärden wie es Deniz Yücel getan hat.

Nicht zu vergessen die Russlanddeutschen, von denen es heißt, viele würden AfD wählen, die Fake-News-Affaire um „naša Lisa“, das dreizehnjährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin, das angeblich von Südländern vergewaltigt worden sein sollte und im Zuge der Vorwürfe, die sich sehr schnell gezielt gegen Merkels Flüchtlingspolitik wendeten, in Russland wieder zu „unserer Lisa“ wurde. Auf Wikipedia ist der Fall dokumentiert.

Kulturelle Repräsentation & Konkurrenzdruck: Multikulti, die Vierte

Multikulti ist nicht einfach. Und anders als die Debatte um „die türkische Stimme“ Yücel oder, schlimmer, „den Türken vom Dienst“ Yücel es vermuten lässt, erhält der „Welt-Journalist“ ausgerechnet von einer sozialen (bzw. ethnischen) Gruppe kaum Unterstützung: den in Deutschland lebenden Türken. Die machen, ganz im Gegenteil, auf Twitter unter dem Hashtag #FuckDeniz sogar kräftig Stimmung gegen ihn, bizarrerweise Seite an Seite mit den Rechten. In der „Welt“  heißt es, man fühle sich einmal mehr verraten – nicht nur der NSU-Skandal, Rechtsterror, der viel zu lange unter dem Label „Dönermorde“ lief – Nein, jetzt auch die Solidarität mit dem „Terroristenunterstützer“ Deniz Yücel.

Die „türkische Stimme“ gibt es also nicht. Deniz Yücel repräsentiert sie nicht, aber auch nicht die deutschtürkischen Erdogan-Anhänger, nicht biodeutsche Türkei-Korrespondenten wie Michael Martens, aber auch nicht dessen Kollegen, die sich „parteiisch“ auf der Seiten der Minderheiten wähnen.

Dieses Denken ist gefährlich und ich kann ein Lied davon singen. Immerhin habe ich in den letzten Jahren u. a. die Bekanntschaft endlos vieler Frauen gemacht, die – vermeintlich „mehr Frau“ als ich – Menschen wie mir eine Stimme geben wollten. Nur dass ich selbst deshalb leider den Mund zu halten hatte und außerdem sorgsam darauf geachtet werden musste, dass ich mich auch nur ja nirgends einbringe. Ich möchte nicht von anderen „repräsentiert“ werden, ganz gleich wie lautstark die angeblich „Partei“ für mich „ergreifen“. Und ich kann verstehen, wenn es anderen ähnlich geht.

Allerdings sind das Streitereien, die eher zunehmend aggressive Konkurrenzsituationen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt wiederspiegeln, als dass sie sich ernsthaft mit der multikulturellen Gesellschaft (oder Frauenrechten) befassen würden.

Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler!

Recep Erdogan darf in Deutschland unter den Deutschtürken, denen, die auch einen türkischen Pass haben, Wahlwerbung machen. Dann darf Deniz Yücel auch für Deutschland kritisch aus der Türkei berichten. Und wenn der deutsche Staat Jan Böhmermann in der Causa „Ziegenficker“ Händchen gehalten hat, so ist es nur recht und billig, auch den umstrittenen „Welt“-Korrespondenten zu unterstützen. Das hat nichts damit zu tun, ob man „dem Türken“ helfen möchte oder nicht, ob man Yücel als Menschen mag oder nicht, ob man seine Artikel gut findet oder nicht oder, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man für oder gegen „Multikulti“ ist. Es ist einfach eine Realität unserer Gesellschaft. Oder, etwas blumiger formuliert: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler. Wenn einem das nicht passt, braucht man sie gar nicht erst in Betrieb nehmen (Es liefe ja doch nur alles ins Leere).

Minderheiten gegen soziale Gerechtigkeit? Gegenessay zu Christian Volk (II. Version)

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist daher – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Darauf kann man im Prinzip nur mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip ja, aber …“.

Sicher, richtig, die historische Linke hat sich immer gleichermaßen sowohl gegen die Diskriminierung von Minderheiten und sozial marginalisierten Menschen gewendet als auch eine Politik vertreten, die sich soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit als Leitprinzip auf die Fahnen geschrieben hat.

Allerdings ist „gegen Diskriminierung“ nicht das Gleiche wie „für Minderheiten“, die liberale Gesellschaft oder auch linke Politik macht sich nicht am Umgang mit Minderheiten fest. Schon gar nicht verkörpern etwa Minderheiten das linke Prinzip gegen die rechte „Mehrheitsgesellschaft“. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Bashar al-Assad u. a. den Schutz der dort lebenden Minderheiten zum Vorwand nahm, um demokratische Reformen zu unterdrücken. Außerdem ist nicht jeder, der einen Minderheitenstatus für sich beansprucht, liberal in dem Sinne, dass er auch anderen die gleichen Freiheiten zugestehen würde. Der Brite Milo Yiannopoulos ist vielleicht das beste, zumindest aber ein sehr aktuelles Beispiel dafür.

Christian Volk hat zwar recht, wenn er das rechte Denkmuster vom „Volk“ im Sinne von „völkisch“, als ethnische Kategorie kritisiert und ihm die Bevölkerung, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, entgegensetzt.

Jedoch wird man den Eindruck nicht los, dass er selbst genau dieses Denkmuster übernimmt, nur eben in die umgekehrte Richtung. Nicht die Betonung der Unterschiedlichkeit der Interessen macht aber die gerechtere, freiere, demokratischere Gesellschaft aus. Wer Partikularinteressen über die Idee der sozialen Gerechtigkeit stellt, quasi als Wettbewerb der verschiedenen „Communties“ bzw. „Interessensgruppen“ um die Förderung ihrer Belange von staatlicher Seite, ist damit nicht der bessere Demokrat / die bessere Demokratin.

Die Minderheitenpolitik – ein akademisches Projekt der 90er

Tatsächlich ist auch die Idee eines „selbstbewussteren“ Auftretens von Minderheiten als eigenständige Communities nicht genuin mit der historischen Linken verknüpft, die eher auf Egalisierung abhob, also jene, die nicht mithalten konnten, zu unterstützen versuchte. Die gegenwärtige Minderheitenpolitik ist eigentlich ein Kind der späten 1990er Jahre. Nicht ganz zufällig parallel zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Liberalisierung und dem Abbau sozialsstaatlicher Hilfestellung, sickerte sie im Zuge der Gender-, Queer- und Black Studies aus den universitären Elfenbeintürmen in die Gesellschaft ein. Nur sind hermeneutisch abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragbar.

Ganz abgesehen davon, dass es in den USA, wo die Gender-, Queer- und Black Studies entwickelt wurden, Sinn macht z. B. von der schwarzen (oder indigenen) Community sprechen, deren Mitglieder alle die Erfahrung historisch tradierter Benachteiligung und Ausgrenzung teilen. In Deutschland käme ein solcher Status allenfalls den Juden zu. Gerade diese stehen aber, nebenbei bemerkt, gar nicht so sehr im Zentrum der Minderheitenförderung, sondern sind nach wie vor merkwürdig unsichtbar.

Das bedeutet nicht, dass es Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Deutschland etwa nicht gäbe oder dass es zumindest nur ein vernachlässigenswertes Problem wäre. Ganz im Gegenteil: Gerade die brutalen Abschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen hatten die deutsche Linke in den 1990er Jahren besonders für diese Problematik sensibilisiert.

Jugoslawien als Vorbild?

Dennoch scheinen mir z. B. die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre eine geeignetere Hintergrundfolie für die aktuelle Minderheitenpolitik zu sein. Im Prinzip hatte keine der kriegführenden Parteien in ihrer theoretischen Argumentation gänzlich Unrecht: Die „Jugoslawische“ nicht, die die „Südslawen“ im Grunde für ein „Volk“ hielt – das ist plausibel mit der gemeinsamen Sprache begründbar. Es gibt nur geringfügige dialektale Abweichungen zwischen „Kroatisch“, „Bosnisch“ und „Serbisch“ -, aber auch die Separatisten und Ethnokrieger, die sich auf historisch gewachsene Unterschiede beriefen, haben nichts wirklich Falsches gesagt: Immerhin hatte das katholische Kroatien zu Österreich-Ungarn gehört, Bosnien und Serbien zum Osmanischen Reich. Die christlich-orthodoxen Serben hatten sich die Unabhängigkeit als erste erkämpft, das überwiegend muslimische Bosnien dagegen hatte sich den Osmanen über die Jahrhunderte kulturell und religiös angenähert.

„Verschieden“ oder „gleich“ sind hier eine Frage des Blickwinkels. Gesiegt hat seit den 1990er Jahren die „separatistische“ Sichtweise, die möglichst kleine Entitäten einander kulturell, religiös, sprachlich und ethnisch möglichst ähnlicher Menschen hervorbringen wollte.

Ethnokitsch statt Toleranz

Auch wenn der Jugoslawienkonflikt freilich komplexer ist und ich hier nicht für eine Seite Partei ergreifen möchte – man kann darin durchaus eine politische Vorlage für die Betonung des „Partikularinteresses“ sehen. Abgrenzung statt Annäherung, Unterschiede hervorheben statt Gemeinsamkeiten. In den europäischen Einwanderercommunities ist das mittlerweile fast zu einem neuen Ethnokitsch verkommen. Vielfach und nicht nur in Deutschland ist beobachtet worden, dass heute sehr viel mehr Migrantinnen Kopftuch oder sogar Niqab tragen, als noch vor 20 Jahren. Dass Einwanderer oft konservativer sind als viele ihrer Landsleute in der Heimat und sich in der Fremde an Traditionen klammern, die im Heimatland kulturell kaum mehr eine Rolle spielen, ist nicht neu. Auch muss man natürlich konstatieren, dass auch die Türkei, die nordafrikanischen Länder und der Nahe Osten in den letzten Jahren konservativer geworden sind.

Anhand der Burka-Debatte, die im letzten Sommer in Deutschland geführt wurde, konnte man jedoch sehen, dass die Diskussionen, die dazu in den muslimisch geprägten Ländern selbst geführt wurden, viel differenzierter waren. Hierzulande wurden sie heruntergebrochen auf das Fremdartige, kulturell Verschiedene, das auf Seiten der gebildeten Eliten, im liberalen, der Globalisierung gegenüber aufgeschlossenen Lager begrüßt und in rechtskonservativen Kreisen umso vehementer abgelehnt wurde.

Dennoch kann man auf beiden Seiten eine Fixierung auf die ethnisch-kulturelle Differenz feststellen. Den in Deutschland lebenden türkische Erdogan-Anhänger, der sich voll mit den politischen Ereignissen in der fernen Heimat identifiziert, verbindet mit dem türkischen Linksintellektuellen heutzutage mehr als den türkischen Linksintellektuellen je mit einem deutschen Linken verbinden würde: Kosmopolitismus adé, es ist die „Stimme des Blutes“, die jetzt wieder eine tragende Rolle spielt. Grenzen, die in den letzten Jahren nach außen abgebaut wurden, werden nach innen um so energischer wieder hochgezogen.

Wirklich besser als die neue Rechte?

Warum verstört es im liberalen Lager dann so, wenn auch Deutsche sich wieder auf ein ethnisch-kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl berufen? Nicht, dass ich das gut fände. Natürlich ist es Quatsch, sich von einer „Islamisierung des Abendlandes“ bedroht zu fühlen. Es gibt, rational gesehen, keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass etwas Derartiges zu befürchten ist. Auch wird niemand dadurch, dass es im Viertel eine Moschee gibt, daran gehindert, den christlichen Sonntagsgottesdienst zu besuchen.

Wenn in die Moschee gehen kann, wer in die Moschee gehen möchte und in die Kirche, wer in die Kirche will, dann ist das Pluralismus. In der Tat, und da hat Christian Volk recht, ist das ein Grundpfeiler der Demokratie. Ansonsten könnte man die Grenzen auch noch etwas enger setzen und nicht nur die Moschee, sondern demnächst auch Rockmusik und Jeans als „undeutsch“ oder „nicht zum christlichen Abendland passend“ verbieten und wer will das schon?

Das Beharren aber auf der eigenen ethnischen „Identität“, die speziell gefördert werden muss, sofern es sich um eine Minderheitenidentität handelt, und auf jeden Fall nach außen hin zu verteidigen ist, nimmt sich nicht viel mit dem „völkischen“ Denken der neuen Rechten, die eben dies als „Ethnopluralismus“ bezeichnet und sich ihrerseits dafür stark macht.

Diskriminierung – viel komplexer als viele denken

Zudem kann man weder eine Minderheitenidentität noch kulturelle Differenz essen oder sich einen Wintermantel davon kaufen. Ausgrenzungsmechanismen lassen sich im realen Leben nicht auf „das Andere“ reduzieren, wonach, wer am „andersten“ ist, sich also am grellsten, plakativsten von der „Mehrheitsgesellschaft“ abhebt, auch am ausgegrenztesten ist. Ungebildete „Gastarbeiter“ und Armutsmigranten haben nicht nur geringere Chancen, sich in Deutschland sozial zu etablieren als wohlhabende, gebildete „High Potential“-Einwanderer, sie sind auch eher von Stigmatisierungen und ausländerfeindlicher Diskriminierung betroffen. Hinzu kommt, und auch das ist kein Geheimnis, dass Deutschland auch für Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ in den letzten Jahren nach oben hin sozial undurchlässiger geworden ist.

Minderheiten als Zankapfel

Formen der Diskriminierung wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus dagegen sind insbesondere seit der Flüchtlingswelle von 2015 immer wieder zum Zankapfel geworden – sind sie doch unter Einwanderern ebenso präsent wie unter konservativen und rechten Deutschen, sodass sie sich ideal dazu eignen, Minderheiten gegen die „Mehrheit“ auszuspielen. Komme ich nun den Flüchtlingen entgegen, weil ich sage, dass man es mit dem Feminismus auch nicht übertreiben sollte – schon aus Rücksicht auf die fremde Kultur? Oder kann ich mich als „Freund der Juden“ aufspielen, weil ich den – real existierenden – Antisemitismus unter muslimischen Migranten anprangere? Ist das Band zwischen Homosexuellen, „Queerpersonen“ und Flüchtlingen ein besonders enges, weil doch beides Minderheiten sind? Oder zerstört Einwanderung unsere liberale Gesellschaft?

Der Gegensatz „Minderheiten“ versus „Mehrheitsgesellschaft“, wie ihn das liberale, globalisierungsfreundliche Lager aufmacht, hat den Strategien der neuen Rechten bislang wenig entgegenzusetzen gehabt. Der Erfolg gibt den Vertretern der Gender-, Queer- und Black Studies, die derzeit alle Plätze im linksliberalen Lager okkupiert haben, bislang leider nicht recht. Im Gegenteil, je mehr die Minderheitenpolitik den Vorrang erhalten hat, umso stärker wurde auch die neue Rechte. Faktisch verbessert hat sich die Lage von Minderheiten und sozial Randständigen deshalb aber nicht. Zum Teil hat sie sich in wirtschaftlicher Hinsicht sogar spürbar verschlechtert.

„Critical Whiteness“ – eine Verballhornung der Antidiskriminierungspolitik?

Viele „ermutigende“ Aktionen, wie etwas die Kritik an „kultureller Aneignung“, wie sie Vertreter der „Critical Whiteness“ üben, wirken zudem teilweise schon fast wie eine Verballhornung linker Antidiskriminierungspolitik. Wer den begehrten Ausbildungsplatz trotz guter Zeugnisse nicht bekommt, weil andere „besser ins Team passen“ und „mehr Potenzial haben“, den wird es kaum interessieren, dass sich irgendwo ein paar Elite-Studenten darüber echauffiert haben, dass ein „nicht-weißes“ Gericht durch „Weiße“ falsch zubereitet wurde oder ein „Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft“  sich einen punkigen Irokesen hat schneiden lassen. Wenn man bösartig wäre, könnte man fast schon auf den Gedanken kommen, dass es darum geht, vom Wesentlichen abzulenken, obwohl das sicherlich auch nicht stimmt.

Bei so erbitterten Grabenkämpfen verwundert es allerdings nicht, dass Menschen mittlerweile auch fast alles aufbieten, um „nicht-weiß“ und „nicht Mehrheitsgesellschaft“ zu sein. Das -ski im Nachnamen, das früher schlesisch war, ist jetzt „polnisch“, Probleme mit dem eigenen Körper werden als „queer“ etikettiert. Wäre es nicht eigentlich aber viel interessanter, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu tun? Verbindliche Regeln aufzustellen, ein Schutz vor Diskriminierung und rechtlicher Ungleichbehandlung, der jedem und jeder gleichermaßen zusteht? Dann wären der Nachname und der Körper egal und es wäre auch nicht wichtig, ob sich eine Frau z. B. erst vor kurzem als „lesbisch“, „trans“oder „queer“ geoutet hat, oder ob sie immer schon „anders“ war. Es wäre einfach weder mit Vor- noch mit Nachteilen verbunden und genau das sollte eine Gesellschaft, die demokratisch, egalitär und pluralistisch zugleich sein will, anstreben.

Gleiche Rechte bedeuten nicht Gleichschaltung!

Statt Partikularinteressen zu vertreten, müsste man also wieder zu einem Diskurs kommen, in dem wirklich die Gleichberechtigung, also gleiche Rechte für alle als verbindendes Element im Mittelpunkt stehen und nicht so sehr das Päppeln eines „Selbstbewusstseins“ des „Anderen“, das mindestens ebenso konstruiert ist wie das „Volk“, auf das sich die Rechten berufen.