Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

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Wahlerfolg der AfD – Warum es doch ums Soziale geht

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft. Überall im Osten haben die Rechtspopulisten abgesahnt. Auch im Westen: in Gelsenkirchen, Duisburg, Essen. In Südostbayern, direkt an der Grenze zu Österreich, sind sie zweitstärkste Kraft, obwohl die Gegend nicht arm ist und jeder, dem Merkels Flüchtlingspolitik nicht passte, auch CSU wählen konnte.

Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski ruft zum antifaschistischen Kampf auf, man müsse die Zeit nutzen, um etwas gegen Rassismus zu tun. Haznain Kazim und Ferda Ataman äußern sich ähnlich auf Spiegel Online.

Das, was es ein bisschen schwierig macht, und vielleicht hat es auch indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen hat, ist – Der einzige der drei, der wirklich von Rassismus, ich meine Rassismus im engeren Sinne betroffen sein dürfte, ist Kazim. Die semmelblonde Stokowski dürfte vom latenten Rassismus in unserer Gesellschaft eher profitiert haben – was nicht ihre Schuld ist! -, Ataman hat einen türkischen Namen, Nazis und Rechtspopulisten mögen keine türkischen Namen, das ist schon richtig, nur sieht man ihn auf der Straße nicht, den Namen. Man sieht – jetzt dem Foto nach zu urteilen – eine blasse junge Frau mit dunkelbraunen Haaren. Ich habe ganz ähnliche „Farben“ – Man gehört in den Ländern rund ums Mittelmeer vom Äußeren her zu den etwas heller Ausgefallenen, kann fast überall in Mitteleuropa als „Einheimische“ durchgehen, nur nehmen einem die Leute eben nicht gerade „Nordisch by Nature“ ab, um es mal mit den Worten von Fettes Brot zu sagen …

Dass Ataman sich als „Woman of Color“ betrachtet, finde ich allerdings überzogen. Manchmal macht einen das aggressiv, v. a. wenn solche Leute alles irgendwie als „Rassismus“ deuten wollen. Dann war da die türkische Journalistin, die ich mal auf einer Podiumsdiskussion erlebt habe. Die Dame hatte mittelbraunes Haar, einen sehr hellen Teint und beklagte sich, dass die Leute sie nicht als Ausländerin, als „Andere“ erkennen würden. Nein, das würde ich auch nicht erkennen. Sorry. Einige Frauen aus meiner Studienzeit scheinen sich mittlerweile sogar einen Migrationshintergrund angedichtet zu haben, den sie eigentlich nicht haben. Von den vielen spätberufenen Lesben, von denen viele mittlerweile „schwule Transmänner“ sind, weil sie halt doch eigentlich rein gar nichts mit Frauen anfangen können, mal ganz zu schweigen …

Hauptsache „anders“, dann lässt sich auch rabiat für Minderheitenförderung eintreten – mensch selbst gehört ja auf jeden Fall zu denen, die davon profitieren.

Dennoch verstehe ich auch Kazim. Ein kleines bisschen kann ich mich da sogar hineinversetzen, glaube ich. Als im Laufe der Nuller Jahre Stars wie Natalie Portman und Salma Hayek die Leinwände eroberten, triumphierte ich heimlich. In der Grundschule hatte ein Mitschüler sich darin gefallen, mich „Kongolippe“ zu rufen (Ich habe einfach ziemlich breite Lippen, soll’s manchmal geben …). Plötzlich aber waren dunkle Haare und volle Lippen Hollywood tauglich – und zwar für die Hauptrolle! Für die Frau, die attraktiv und sexy sein sollte. Nicht mehr nur flachsblonde ätherische Frauen mit schmalen Lippen und kaum wahrnehmbaren Augenbrauen. Frauen wie Cameron Diaz, Gwyneth Paltrow oder Alice Weidel. Frauen, wie sie in Deutschland als ästhetisch genug gelten, um Tagesschau-Sprecherin sein zu können. Das war wirklich jahrzehntelang so krass, also eben nicht einmal auf dem wirklich rassistischen Level, sondern allein eine Frage zwischen Flachsblond (weiß + hübsch) und dunkelhaarig (weiß + nicht so hübsch, eher „praktisch“ vielleicht).

Ich kann mir denken, dass Ataman es gut findet, wenn mal eine Türkin die Nase vorn hat. Oder dass afrodeutsche Frauen nichts dagegen hätten, wenn mal eine Woman of Color – eine richtige! – die sexy Hauptrolle in einem Blockbuster hätte.

Ich weiß aber auch, dass „Kongolippe“ in meinem Fall nicht so schlimm ist. Ich bin ja nun einmal wirklich und ohne wenn und aber Weiße. Ich weiß, dass man mich ruhig schlagen oder angrapschen darf. Oder mir „unwertes Leben“, „kesser Vater“, „Fickmaus“ oder was auch immer an den Kopf knallen. Ich bin ja Weiße, nicht wahr? Lesben sind ganz andere – Alice Weidel zum Beispiel. In meinem Fall macht das doch dann nichts. Und für die „Fickmaus“ bin ich ja nun wirklich nicht hübsch genug, sodass es doch vielleicht eher als „ironisch gemeint“ gewertet werden kann (Ganz abgesehen davon, dass es von einer Adipositasfrau kam und somit ja sogar Empowerment FÜR Minderheiten ist).

Nach mir kann man gefahrlos treten, ohne sich irgendwie als „DiskriminiererIn“ fühlen zu müssen. Als ich im „Spiegel“ von vorletzter Woche über den somalischen Blogger Muse Duco lese, der als Refugee in Ostdeutschland lebt und dem bereits die Schneidezähne rausgeschlagen worden sind, weil ein paar ortsansässige Männer den „N-Wort“ nicht so mögen, schnürt sich mein Hals zu. Für einen kurzen Moment kriege ich keine Luft mehr. Duco berichtet im „Spiegel“ er habe Anzeige erstattet, aber das Verfahren sei kurze Zeit später mangels Beweisen eingestellt worden. Dafür hat man gegen ihn Anzeige erstattet, als er – wieder einmal provoziert – grob geworden ist. Diesmal fanden sich offenbar Beweise. Ich sitze auf meinem Bett. Ich habe die Grippe und deshalb habe ich mir ausnahmsweise den „Spiegel“ gegönnt, also, ich habe ihn gekauft, um etwas zu lesen zu haben. Ich weiß, dass die Atemnot eine Panikattacke ist. Und es ist auch ebenso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist.

Hasnaim Kazim übertreibt ganz sicher nicht. Ich kann mir das, wie gesagt, alles schon ganz gut vorstellen.

Allerdings leben Kazim, Stokowski und Ataman auch nicht in dem gleichen Deutschland wie ich. Eigentlich, so ist mir vollkommen klar, darf ich mich auch nicht als „arm“ betrachten, obwohl ich rein vom Geld her seit 10 Jahren unter der Armutsgrenze lebe. Aber ich habe studiert und wirklich „arm“ sind nur Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder Maurer gelernt und berufsunfähig wegen der Wirbelsäule oder so. Solchen Leuten kann man helfen. Mit solchen Leute hat man Mitleid. ich sage nicht, dass man es nicht haben soll ….

Mein Deutschland kommt in den Medien nicht vor. Überall kann man lesen, wie wohlhabend hier alle sind, dass die Arbeit angeblich auf der Straße liegt. Wer will, der kann doch! Eigentlich, so könnte man denken, müssen wir uns nur noch ein bisschen um Critical Whiteness kümmern und dann wäre Deutschland ein echtes Paradies.

In meinem Deutschland leben die Leute sehr viel schlechter als vor 10 Jahren. Sie haben keine Perspektive. Sie haben Angst, keine Wohnung mehr zu finden, die „das Amt“ zahlen würde. Ganz abgesehen davon, dass ohnehin niemand an Hartz-IV-Empfänger vermieten will. Auch nicht an andere Leute, die billige Klamotten tragen, die den gleichen Rucksack tragen, wie die Junkies, die in der U-Bahn betteln gehen. Hat 8 Euro gekostet. In der Produktbeschreibung stand: „robust und wasserdicht“. Das interessierte vermutlich auch die „Straßenfeger“-Verkäufer …

Leider – und ohne dass ich Wert darauf legte, sie als Landsleute zu haben, leben die Leute in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen, Berlin-Spandau und Ost-Berlin, vermutlich auch anderswo in Ostdeutschland, in meinem Deutschland, das Land, das in den Medien nicht mehr vorkommt.

Diese Leute glauben, dass sich etwas an ihrer wirtschaftlichen Lage ändert, wenn man das Existenzrecht Israels in Frage stellt – der neueste Coup von Alexander Gauland, wie ich heute Morgen im Deutschlandfunk hörte. Oder wenn man Menschen wie Duco, den somalischen Blogger zusammenschlägt, am Ende aber – was für ein widerlicher Witz! – er es ist, der die Anzeige am Hals hat. Oder wenn man die „Ehe für alle“ rückgängig macht. Als ob davon, dass Homosexuelle NICHT heiraten dürfen, irgendwer endlich einen guten Job kriegt …

Trotzdem – diese Leute – die Rechtspopulisten! – dürfen ja. Sie haben ja Alice Weidel. Und Achille Demagbo. Einen Bosnier hier, einen Tschechen da, einen homosexuellen Griechen außerdem auch.

Darum geht es aber nicht. It’s all about justice, baby! Gerechtigkeit – auch und gerade soziale! – und Fairness sind das einzige Gegengift gegen Rechts, der einzige Garant, auch für politische Stabilität. Das muss unsere Gesellschaft aber vermutlich erst wieder lernen. Sie täte gut daran, es auch zu tun.

6 Lessons from Nazi Germany

6 Dinge, die wir tun können, damit Nazis keine Chance haben:

„Die Linken haben Waffen gehortet – brandgefährlich!“ – „Margot Käßmann wittert braunen Wind, wo Deutsche Kinder bekommen! – wie lange wollen wir uns das gefallen lassen?!“ – „In Schorndorf feiern Flüchtlinge Grapschparty – deutsche Professoren in Freiburg haben Angst um ihre blonden Töchter!“ –

Quatsch ist das! Fake News, Gerüchte, gestreut, um die Menschen aufzuwiegeln – immerhin ist am 24. September Bundestagswahl und allzuoft steckt hinter derartigen Falschmeldungen, die sich wie bei der stillen Post in Windeseile in immer neuen Variationen im Internet verbreiten, die rechtskonservative AfD. Jürgen Klöckner hat in der Huffington Post neben diesen noch ein paar andere Falschmeldungen, die die Partei in die Welt gesetzt hat, zusammengestellt. Lediglich das erste oben genannte Statement bezieht sich auf die vor ein paar Tagen verbotene linksalternative Plattform linksunten.indymedia. Die Information stammt aus dem Innenministerium, das sie mittlerweile korrigiert hat.* Natürlich stimmt das mit den sich militarisierenden Linken genauso wenig wie alles andere, aber vermutlich ist es mindestens ebenso geeignet jetzt, so kurz vor der Wahl, noch einmal kräftig Stimmung zu machen. Nicht, dass ich das de Maizière unterstellen wollte, nur häuft es sich eben, dass da etwas „falsch verstanden“ wurde und komischerweise richtet es sich immer gegen Linke, Migranten oder Menschen, die sich für ein offenes Miteinander einsetzen, richtet. Leider hat das konservative Lager nicht nach den Ausschreitungen im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor ein paar Wochen allzu eilfertig die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um die Linke als solche, also auch das gemäßigte linke Lager, zu diskreditieren. So sah der CDU-Politiker Jens Spahn, der sich auch im Deutschlandfunk dazu äußerte, bei SPD, Linken und Grünen ein „gleichgültiges Verhältnis zum Terrorismus“. Mit Verlaub, aber zumindest SPD und Grüne sind große, politisch relativ mittige Parteien und der Vorwurf, sie drückten schon mal großzügig ein Auge zu, wenn linke Autonome randalieren, ist vollkommen haltlos.

Gewalt auf der Straße, Diskreditierungskampagnen, unverhohlene Hetzerei und verbale Schlammschlachten im Internet – fast scheint es, als seien die 1930er Jahre wieder auferstanden, aber ganz so schlimm ist es dann zum Glück doch noch nicht. Damals waren Straßenschlachten zwischen linken und rechten Jugendgruppen, die eher, auch auf linker Seite, paramilitärische Einheiten waren, mehr oder weniger an der Tagesordnung, ständig lauerte die Gefahr von Putschversuchen, heute ist unser Land eben doch politisch sehr viel stabiler, wir haben ein besseres Sozialsystem, Armut ist nicht mehr so schnell so existenziell bedrohlich, wie sie es damals war …

Doch von dem allgegenwärtigen Antisemitismus damals, den es leider auch in anderen europäischen Ländern gab, und einer kleinen, rechtsextremen Splitterpartei – zunächst ein Sammelbecken für allerlei skurille Gestalten, Militärs, enttäuschte, z. T. auch verelendete Kleinbürger und Deutschnationale, denen die bürgerlichen Parteien nicht weit genug gingen – über reißerische Meldungen im „Stürmer“ bis hin zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, auf der die sog. „Endlösung“ – also die massenweise Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge waren, in Gaskammern – offiziell gemacht wurde, war es ein weiter Weg.

Sicherlich wäre es, wie gesagt, verfehlt, zu suggerieren, am Am Horizont zeichnete sich eine Neuauflage des sog. „Dritten Reiches“ ab und es liegt mir fern, die rechtskonservative AfD etwa in die Nähe der NSDAP zu rücken oder ihr auch nur zu unterstellen, politischer Gewalt Vorschub leisten zu wollen – das ist gewiss falsch! – , aber – und ohne dabei das Singuläre am Holocaust und seiner kalten, durchorganisierten Bestialität in Frage stellen zu wollen – politische Radikalisierung, Grausamkeit, Massenmord, ja sogar Genozid hat es leider auch in anderen Zusammenhängen gegeben – Man denke nur an an die Gräueltaten der Khmer Rouge in Cambodia in den 70er Jahren, an den Bürgerkrieg und Völkermord in den 90er Jahren in Rwanda oder an das Massaker von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina im Sommer 1995. Man muss nicht gleich den Teufel an die Wand malen und das Schlimmste fürchten, nur ist es eben so – die Zeiten sind härter geworden, in Osteuropa etwa gibt es mittlerweile durchaus wieder politische Gruppierungen, die sich auf den Nationalsozialismus oder zumindest den italienischen Faschismus beziehen – z. B. Marian Kotleba in der Slowakei oder auch einzelne Akteure in Russland und ihre Gefolgsleute, und auch die „Identitären“ in Westeuropa verehren u. a. den faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola, der in seinem Denken – elitär, rassistisch, antisemitisch, antimodern und metaphysisch – wesentliche Aspekte auch der – nebenbei bemerkt nicht weniger eklektizistischen – nationalsozialistischen Ideologie vereinte.

Vorsicht ist also geboten. Dennoch meint ein „Wehret den Anfängen!“ nicht, dass man Maulkörbe verhängen und politische Meinungen unterdrücken muss oder überhaupt sollte, sobald einem da etwas nicht passt. Ein paar Lessons from Nazi Germany, die helfen können, zu erkennen, wann jemand eine rote Linie überschritten hat und Vorsicht angebracht ist, gibt es aber trotzdem:

  1. Nicht nur extreme, vielleicht auch psychisch gestörte Menschen – Psychopathen! – üben politische (und andere, hier geht es aber um die politische) Gewalt aus. Hannah Arendt ging sogar so weit, von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen. Denk Dir deshalb zu jedem Nazi-Schläger im Hintergrund einen Biedermann im Anzug dazu, der kein Wässerchen trüben zu können scheint …
  2. Manchmal werden Menschen grausam und misshandeln andere aus einem einfachen Grund: weil es geht! Das ist u. a. die Quintessenz des sog. „Stanford Prison Experiments“, das 1971 unter der Leitung des renommierten Psychologen „Dr. Evil“ Philip Zimbardo an der Stanford University in den USA durchgeführt (und vorzeitig abgebrochen) wurde. Haben Menschen Macht und eine entsprechende soziale Rolle, fehlen Kontrolle und Sanktionen, wird man – nur wenige widerstehen einem solchen sozialen Setting! – schnell sadistisch. Gebe Menschen nicht so viel Macht, dass sie andere misshandeln und wie Dreck behandeln können.
  3. Gewalt hat immer zwei Seiten: einer übt sie aus und einem wird sie angetan. Es fällt leichter, Menschen wie Abfall zu behandeln, wenn man sie auch als „Abfall“ betrachtet. Also geht es darum, dass Menschen dehumanisiert oder auch dämonisiert werden. Die Dämonisierung ist eine Unterform der Dehumanisierung und bedeutet, dass Menschen nicht nur als „zu minderwertig“ dargestellt werden, um noch wirklich der menschlichen Spezies anzugehören, sondern darüber hinaus auch noch als brandgefährlich gelten – ein Gegner aller Menschen, „die diesen Namen auch verdienen“. Im Nationalsozialismus hatten die Juden diese Rolle inne. Es wird also immer einer, eine bestimmte soziale Gruppe, zum Sündenbock stilisiert. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt, wie niederträchtig und minderwertig, wie schuldig und gefährlich diese Menschen sind, so lange bis auch die große, schweigende Mehrheit bald nichts mehr dabei findet, wenn solche Menschen ausgegrenzt und misshandelt – „gedisst“ – werden. Damit ist eine Legitimation für Gewalt geschaffen – Man tut schließlich niemandem etwas an, der es nicht auch irgendwie „verdient“ hätte und außerdem – machen es nicht alle so? Wenn sich mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft (In-Group) die Finger schmutzig macht, muss sich der einzelne im Endeffekt nicht so schuldig fühlen. Also kann man ruhig nochmal zutreten! Im Kleinen kann man solche Dynamiken bei Mobbing feststellen, auf einer breiteren, gesamtgesellschaftlichen Ebene kann es einen Genozid vorbereiten. Versuche – um dem entgegenzuwirken – , ein möglichst ausgewogenes, objektives Bild von Menschen und sozialen Gruppen zu zeichnen. Leugne Verfehlungen nicht, spiele sie nicht herunter und gebe keinen Anlass dazu, dass Leute das Gefühl haben, da solle etwas vertuscht werden – das spielt nur den Rechten in die Hände, wie man an den sexuellen Übergriffen in Köln an Silvester 2015/16 gesehen hat. Berichte stattdessen auch, wenn sich Angehörige der angefeindeten sozialen Gruppe normal oder positiv verhalten. Hebe hervor, dass es sich um Individuen mit unterschiedlichen Meinungen, Verhaltensweisen, etc. handelt. Vermeide es, die Leute v. a. als „Kollektiv“ – fremde Ethnie oder Kultur – darzustellen. Mache darauf aufmerksam, dass auch Angehörige anderer sozialer Gruppen gewalttätig oder sexuelle übergriffig werden, sonstige Straftaten begehen, sich ausbeuterisch und/oder (vermeintlich) exzentrisch verhalten (letztere Eigenschaften spielten bei der Stigmatisierung der Juden im Nationalsozialismus und vorher eine gewisse Rolle). Stelle klar, dass KEIN Kausalzusammenhang besteht, im Sinne von: „Er ist Araber, Jude – die machen nun einmal dieses oder jenes … , will man sexuelle Übergriffe, Raubtierkapitalismus, etc. also aus der Welt schaffen, muss man nur ihn/sie loswerden!“.
  4. Stilisiere Menschen nicht zu „Herrenmenschen“! Vermeide es, dass die Leute immer „parteiisch“ auf der Seite bestimmter Leute sind, auch wenn Du denkst, dass man ihnen großes Unrecht getan hat, das nun wieder gutgemacht werden soll. Auch damals wurde von der „Schmach von Versailles“ gesprochen, Menschen, denen es objektiv schlecht ging – körperlich versehrte Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, die in bitterer Armut lebten, vielfach sogar auf der Straße bettelten und Leute, die durch die Weltwirtschaftskrise alles verloren hatten, ebenfalls hungerten und zum Teil obdachlos waren, mussten den Nationalsozialisten als Vorwand für ihre von Anfang an auf Vertreibung und – sofern es nicht reichte, den Leuten das Leben so ungemütlich wie möglich zu machen – auch Vernichtung anderer  – insbesondere der Juden – angelegte Politik herhalten, die schließlich in einem technokratisch durchorganisierten Massenmord gipfelt, der zum Glück bislang ohnegleichen geblieben ist. „Ariern“ stand dagegen ab 1933 die Welt offen. So manch einer wird nur zu gern einen Job an der Uni oder in irgendeiner Behörde eingenommen haben, von dem man zuvor einen Juden vertrieben hatte. Für „Arier“ gab es plötzlich das „Winterhilfswerk“, „Volksempfänger“ und „Kraft durch Freude“-Ferien – für viele Menschen vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben … Wer es nicht glaubt, lässt sich vielleicht einfach mal den Nazi-Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ (Deutschland 1933, Regie: Hans Steinhoff) aus dem Giftschrank irgendeiner universitären Mediathek holen: Dort wird ein einfacher Arbeiterjunge – ein blonder, blauäugiger „Arier“ – dessen verkommene Eltern – Sozialisten! – ihr armseliges Leben nicht auf die Reihe kriegen und ihm nichts bieten können, von einem Nazi unter die Fittiche genommen. Der macht dem Jungen klar, dass er – trotz seiner bescheidenen Herkunft – jemand ist, als Mensch „nordischen Typs“ anderen sogar heillos überlegen, ein aristokratischer Mensch mit profanen sozialen Ursprüngen sozusagen. Natürlich ist es schmeichelhaft, zu den „Lieblingen“ zu gehören und anderen grundsätzlich vorgezogen zu werden. Nicht immer muss es übrigens der helle Teint sein, der einen in eine solche Position katapultiert. Im Grunde ist es auch egal, was es ist – so lange andere dafür leiden müssen, ist es nicht in Ordnung!  Lasse Dich also von derlei Dingen nicht korrumpieren! Sei zufrieden damit, ein Mensch unter anderen Menschen zu sein – nicht mehr und nicht weniger …
  5. Vermeide soziale Spannungen! Trete dafür ein, dass die soziale Schere wieder etwas mehr zusammengeht! Es ist ein Gemeinplatz aus der Sozialpsychologie, dass soziale Ungerechtigkeit die Menschen aggressiv macht. Auch die Weimarer Republik war gekennzeichnet durch krasse soziale Gegensätze, die sich immer wieder in zahlreichen Konflikten entluden, ohne dass sich etwas gebessert hätte.
  6. Ermutige Menschen zur offenen Diskussion! Jeder sollte auch mal die Perspektive des anderen einnehmen. Kompromisse sollten eher das Ziel sein, als dass derjenige für sich die besten Konditionen aushandelt, der sich am besten durchsetzen kann. Vermeide es, Menschen oder soziale Gruppen abzuhängen oder den Eindruck zu erwecken, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Solche Leute werden sich trotzig in eine Gegenkultur, im schlimmsten Falle in den Untergrund zurückziehen und dort werden ihre Ideen und Gefühle vor sich hingären und andere anziehen, bis eine explosive Mischung entstanden ist, die eine Gesellschaft unter Umständen zum Kippen bringen kann. Lass auch nicht Menschen selbstgerecht und hochmütig auf der Nase anderer herumtanzen. Stelle klar, dass – nur weil man etwas ablehnt, nicht unbedingt das Gegenteil richtig sein muss! Habe den Mut, Dinge (und Menschen) differenziert wahrzunehmen!

*Update, Montag, 28. August 2017: Die Sache mit den Waffenfunden bei Indymedia und das Verhalten des Bundesinnenministeriums bleiben weiterhin mytseriös, vgl.: Faktenfinder, Tagesschau.

 

 

Helfen!

Du möchtest helfen? So richtig den Armen, Ausgebeuteten und Entrechteten beistehen? „Im derzeit laufenden „Wonder Woman“-Film sagt die Mutter von Diana (Wonder Woman) zu ihr: „There is so much you don’t understand.“ Und sie antwortet: „I understand enough to fight for those who can’t fight for themselves.“ Bitte zum Vorbild nehmen, danke.“ schreibt Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Online-Kolumne. Das Problem ist, was ist, wenn Menschen erwachsen sind und sich selbst helfen können? Was ist, wenn jedeR für sich selbst sprechen kann und keine Fürsprecher braucht?

Dazu waren die Demokratie und die Menschenrechte da. Die Leistungsgesellschaft versprach: „Wer hart arbeitet, soll es auch zu etwas bringen.“ Die allgemeine Schulpflicht sollte jede und jeden dazu befähigen, einen komplexen Alltag zu bewältigen: Behördengänge, Kassiererinnen, die einen an der Kasse bescheißen wollen, Gurus, die einem einreden wollen, die Erde sei eine Scheibe, wohlmeinende Menschen, die behaupten: „Kind, das ist doch nichts für dich! Das kannst Du doch im Leben nicht! Überlass das mal lieber anderen!“.

Man könnte Abhilfe schaffen. Sarrazin forderte in „Deutschland schafft sich ab“ 2010 eine Art Hauswirtschaftsschule, in der Menschen wie ich lernen sollten, Menschen wie Margarete Stokowski zu bedienen und ihnen das Leben angenehmer zu machen. Peter Sloterdijk, der im „Spiegel“ kürzlich als „links-konservativ“ gefeiert wurde, machte sich zeitgleich für „Leistungsträger“ stark und forderte eine Armenfürsorge, die auf Barmherzigkeit beruhe, den milden Gaben, die diejenigen, denen es finanziell besser geht, gerne geben wollten.

Man könnte dann, wenn man es radikal zu Ende denkt, Menschen, die man nicht mag, einfach verhungern lassen. Die, die nur „Hauswirtschaftsschule“ machen dürfen, wären eh zu dumm, um den Mund aufzumachen, was man ihnen dann mit paternalistischer Güte auch klarmachen könnte.

Ein zweiter Weg wäre, sanft aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass es doch noch viel ärmere gibt. Die Hungerkinder in Afrika zum Beispiel. Ja schämen sich die Menschen hierzulande nicht, faul in der „sozialen Hängematte“ herumzuhängen und sich mit Hartz IV einen faulen Lenz zu machen? Denen muss man mal Beine machen! Die sollen den Gürtel mal enger schnallen! Dann wären auch Mittel frei, um sich um die Hungerkinder in Afrika zu kümmern.

Die Globalisierung hat tatsächlich weltweit zu mehr Gerechtigkeit geführt. In Asien und Osteuropa sind breite Mittelschichten entstanden, die sich Smartphones, Reisen und eine akademische Ausbildung für ihre Kinder leisten können. Dafür sind in Westeuropa die Gesellschaften ungerechter geworden. Nirgends klafft die soziale Schere so weit auseinander wie in Deutschland. Armut gibt es in Afrika nach wie vor. Zu uns kommt die globale Elite und daheim ist, wer ohnehin immer schon auf Rosen gebettet war eben noch ein bisschen reicher geworden.

Ein dritter Weg wäre, den Spieß einfach umzudrehen. Talente sind nicht nur angeboren, es sind auch die sozialen Umstände, die Türen öffnen oder schließen. Wer nicht gefördert wird, dessen talente liegen brach. Hat also jemand aus gutem Hause 22 Semester gebraucht, um einen Studienabschluss in christlicher Archäologie hinzukriegen, kann man behaupten, er oder sie sei halt nicht genug gefördert worden. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen, und behaupten, dass soziale Aufsteiger Streber seien, aber nicht nur das, die wahren Ausbeuter eigentlich. Hüte sich also, wem das Studium Spaß macht, wer gute Noten hat, gern mal ein Buch zusätzlich ließt, Freude daran hat, fremde Sprachen zu lernen oder eigene Projekte zu stemmen – Es wird einem so ausgelegt werden, dass man halt ein „Bonzenkind“ sei und – Zitat – „Jetzt mal die anderen dran sind!“. Die muss man jetzt fördern. Die haben ihre Chance noch nicht gehabt.

Dass Babyyoga und Chinesisch ab dem 3. Lebensjahr vielleicht sogar eine Überförderung darstellen, sagt man lieber nicht laut. Die Leute werden darauf kommen, dass sie die Ideen brauchen, die einem selber so durch den Kopf gehen. ja, hat man selbst nicht eine schöne Kindheit zwischen Kuhweiden und Kleinstadtattraktionen verbracht, während die anderen schuften mussten? Hat man nicht jede Möglichkeit gehabt, seine Phantasie und Kreativität zu entwickeln, Eigenständigkeit zu erlernen? Indem man 20 Kilometer mit dem Fahrrad über die Landstraße gedüst ist, zum Beispiel. Oder die Erfahrung gemacht hat, dass Elektrozäune einem Stromschläge verpassen.

Später im leben hat man auch die Erfahrung gemacht, dass man zwar die richtigen Qualifikationen, aber nicht den richtigen Stallgeruch hat. Außerdem gibt es ja so viele, die zuerst dran sind. Die Kinder der griechischen Reeder und der spanischen Investmentbanker zum Beispiel. Jaha, die sind links, hätte man ja nicht gedacht. mans agt also lieber nichts. Dann dicke Frauen, weil die sind queer. Feminine Frauen, weil die leiden darunter, dass man sie nicht ernst nimmt. Angeblich.

Die nehmen einen nicht ernst. Dann kriegt man einen Kinderporno hochgeladen. Oder die Frauen wollen zuerst einmal alle flirten. Weil sie ja queer sind.

Sorry, verschont mich mit eurer Hilfe!

Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Ausgekotzt! Eine Abrechnung mit dem Feminismus

Wenn Deutschland, nein, die Welt – „Let’s think big!“ – dem Feminismus ein Gesicht geben würde – welches sollte es sein? Alice Schwarzer? Nein, zu alt, zu sehr lila Latzhose, als dass sich junge Frauen damit identifizieren könnten. Alice Weidel? Hm. „Progressiver Lebensstil“, wie im Internet mehr als einmal angemerkt würde – Weidel lebt ja mit einer Frau zusammen -, ist aber eben doch zu unverhohlen rechts. Laurie Penny? Nö, die sieht nicht ganz so gut aus. Da könnten die Hipster lästern. Carolin Emcke? Alice Weidel in links, die Synthese von „progressivem Lebensstil“, Geld, Macht und der richtigen Einstellung – also schon besser. Tucké Royal? Jayrome C. Robinet? Glamstars der Berliner Theaterszene, „Transfeminismus“ at it’s best, das Umfeld von Linkspartei und „Junger Welt“ dürfte jubilieren: Männlichkeit, die aber eigentlich weiblich ist oder umgekehrt, das Verwirrspiel der Geschlechter halt. Oder doch lieber jemand wie Ivanka Trump? Gutaussehend, erfolgreich, intelligent, selbstbewusst. Da ist nur das Problem Papa Trump. Der ist zwar noch mächtiger als Carolin Emcke, als Inbegriff des Turbo-Kapitalismus und amtierender worst-case-US-Präsident allerdings nicht jedermans/-fraus Geschmack. Obwohl mensch das drehen könnte. Immerhin hat sich sogar Ex-Stasi-Topspion Rainer Rupp für Donald Trump stark gemacht, wie man auf Wikipedia nachlesen kann – (Zugriff am 02. Mai 2017) und der – Rupp, nicht Trump – schreibt für die „Junge Welt“ und tritt auch schon mal bei RT Deutsch und KenFM auf. So schließt sich der Kreis. Und so gesehen liegt etwa die Spiegel-Online-Kolumnistin und Queerfeministin Margarete Stokowski vollkommen falsch: Ivanka Trump wäre geradezu die ideale Verkörperung des zeitgenössischen Feminismus! Fast jedenfalls. Und ich gebe zu: das habe ich jetzt auch ein bisschen gedreht.

Feminismus auf die Spitze getrieben

Die ideale Feministin – wenn ich sie am Reißbrett entwerfen könnte – sieht, klar, verdammt gut aus. Sie ist total intelligent, künstlerisch begabt, d. h. sie schreibt, malt, schauspielert, tanzt und performt mit großem Erfolg. Im Grunde ist sie sogar selbst ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Sie hat ziemlich viel Kohle, nur dass sie trotzdem „arm-aber-sexy“ lebt. Natürlich ist sie links, aber irgendwie auch rechts. Nur dass man ihr letzteres nicht nachsagen darf. Lieber so Dinge, wie, dass sie Humor und Esprit hat, das gewisse Etwas – Je-ne-sais-quoi – eine lebendige, sinnliche Art, die Männern den Kopf verdreht. Pech! Denn sie steht natürlich auf Frauen, die sie ihrerseits aber eben ganz selbstverständlich – als sei es das Natürlichste der Welt – als „den männlichen Part“ wahrnehmen. Deshalb überlassen sie ihr auch instinktiv die Rolle der Anführerin, machen die Care-Arbeit – gern, ja selbstbestimmt! Dabei ist die ideale Feministin selbst alles andere als perfekt. Sie leidet an einer Essstörung. Vielleicht ritzt sie sich auch.

… nicht nur für privilegierte Frauen

Stimmt schon. Die ideale Feministin ist bloß eine Karikatur des Queerfeminismus, eine scharfe, polemische Überzeichnung. Dabei finde ich eigentlich nicht falsch, was Margarete Stokowski schreibt:

„Für mich bedeutet Feminismus, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper, und damit es so weit kommt, müssen wir einiges umstürzen. Für andere bedeutet Feminismus etwas anderes, und wenn Ivanka Trump Feministin ist, dann muss man in Zukunft eben noch genauer sagen, ob man einen anarchistischen, evangelischen, veganen oder sonst irgendeinen Feminismus vertritt, oder die maximale Bullshit-Variante, bei der es nur darum geht, privilegierten Frauen das Leben noch einen Tick geiler zu machen.“ (Margarete Stokowski, Art. „Der Bullshit-Feminismus“, Spiegel Online, 02. Mai 2017.)

Ausbeutung 2.0: Jammern auf hohem Niveau?

Es ist aber auch nicht falsch, was Silvia Follmann z. B. über Ausbeutung in der Kreativbranche auf Edition F schreibt:

„Wir reden hier von Arbeitssituationen, in denen jungen Menschen weisgemacht wird, wenn sie einmal im Monat auf eine hippe Party kommen, bei der sie sich drei Gläser Champagner umsonst reinhauen dürfen, dann ist das irgendwie auch Teil der Bezahlung. Super, vielleicht gibt’s ja auch ein paar Gemüse-Sticks, dann knurrt der Magen wenigstens nicht so laut unter den teuren, von den Eltern bezahlten Klamotten.“ (Silvia Follmann, Art. „Ausbeutung im Job. Wenn Selbstverwirklichung zur Selbstverarsche wird“, Edition F, 27. Jan. 2017.)

Es ist nur so: Es hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen nicht so sehr viel zu tun. Ebenso wenig wie Ivanka Trump. Und das ist das Falsche daran. Queerfeminismus kommt irgendwie manchmal fast genauso elitär rüber, wie Juristinnenblüßchen in Babyrosa an Perlenkettchen mit Hermès-Täschlein, um hier noch ein weiteres Feindbild zu skizzieren. Obwohl Queerfeminismus ja der Gegenentwurf zu all dem elitärem Denken und der abgehobenen Hochnäsigkeit des Establishments sein soll.

Borderline – eine Gesellschaft an ihren Grenzen

Außerdem geht es zu sehr um Essstörungen, sich Ritzen, Borderline. Und das – gerade das Engagement für psychische Kranke, schwache Menschen – ist paradoxerweise sogar ein Katalysator für das elitäre Denken und das ideologische Larifari, die Beliebigkeit, mit der hin- und hergewechselt werden kann: zwischen links und rechts, zwischen einem konservativen Rollenverständnis (Mann-Frau, „Transmann“ – Frau/“Weibchen“) und dem Anspruch ebendas aufzubrechen, zwischen einem rigorosem, verbalradikalen Neokommunismus oder Anarchismus und dem Selbstverständnis als intellektuelle Führungsschicht, als soziale Avantgarde.

„mit Biss“ oder schlicht antisozial?

Als ich auf Spiegel Online las, dass der FBI-Profiler Joe Navarro Leute, die sich darüber lustig machen, dass andere „sich an die Regeln halten“, als Psychopathen einstuft, stolperte ich darüber erst einmal. Genau das war mir ja als neue, ideale Weiblichkeit vorgeführt worden: freche Frauen, die sich nehmen, was sie wollen – „wie ein Mann“, ohne Rücksicht auf Verluste; Frauen, die „Biss haben“, sich durchsetzen können, obwohl sie eigentlich trotzdem diejenigen sind, die zu kurz kommen und daher von der Gesellschaft den Rücken gestärkt kriegen müssen …

„Prinz“ & „Opfer“ zugleich

Navarro, der allerdings kein Psychologe ist, stuft jedoch nicht nur die dissoziale Persönlichkeit (also „Psychopathen“) als problematisch ein, sondern auch Narzissten, Paranoiker und „emotional-instabile“ Persönlichkeiten (Formenkreis Borderline). Über die „emotional Instabilen“ heißt es in der Checklist, die dem Spiegel-Online-Interview mit Navarro beigefügt ist, dass sie „Prinz“ und „Opfer“ zugleich sein wollen. Und dass man bzw. frau sich in ihrer Gegenwart irgendwie ständig im Unrecht, in der Defensive fühlt. Man bzw. frau verliert selbst drastisch an Selbstsicherheit, das eigene Selbstwertgefühl sinkt in den Keller – und dabei ist es doch das Gegenüber, das so unglücklich ist …

„Nach ein paar Stunden mit ihm fühlen Sie sich, als stünde Ihre Welt Kopf.“ (Checklist von Joe Navarro, „Hinweise auf instabile Persönlichkeiten“, Spon-Interview „Jeder kennt einen Psychopathen“, das Gesa Mayr mit Joe Navarro führte, veröffentlicht am 14. April 2014 auf Spiegel Online.)

emotionale Misshandlung als weibliche Form der Aggression

Navarro stellt klar, dass viele Menschen an sich möglicherweise einzelne Facetten problematischer Persönlichkeitstypen feststellen. Ab 15 Treffern auf der Checklist müsse man (oder frau) sich jedoch ein paar Fragen stellen, ob man (oder frau) nicht vielleicht ein Charakter mit Ecken und Kanten ist, der es anderen nicht immer leicht macht. Allerdings lässt der FBI-Profiler auch durchblicken, dass sehr wahrscheinlich fast jeder schon einmal einem Psychopathen begegnet ist. Frauen neigten eher zu emotionalen Misshandlungen, Männer dagegen würden meist offen aggressiv auftreten und daher auch schnell im Knast landen – ein Indiz, das sie leicht als „antisozial“ oder zumindest im Konflikt mit gesellschaftlichen Regeln erkennbar werden lässt.

Emotionale Misshandlungen scheinen dagegen auf den ersten Blick sozial akzeptabler zu sein: Mobbing, psychische Manipulation, emotionale Erpressung, gezieltes Lügen, das meiner Erfahrung nach gern auch als „Notlüge, weil er oder sie sich doch so klein gefühlt hat und sich einfach ein bisschen interessant machen wollte“ schöngeredet wird. Das zumindest sind einige Kriterien, die Dr. Heinz Golling auf seiner Homepage unter dem Label „emotionaler Missbrauch“ anführt.

Sicher, genau wie nicht jeder, der mal ein bisschen aufschneidet gleich ein grausamer (und potentiell gefährlicher) Narzisst ist, ist nicht jede gehässige Zicke automatisch eine Psychopathin. Dennoch muss man (oder besser gesagt frau) sich fragen: cool oder voll daneben? Muss so etwas wirklich nicht nur toleriert, sondern am besten auch noch explizit gefördert werden?

Linke, die auch rechts sein können

Nicht jedenfalls, dass man den Leuten etwas Schlechtes nachsagt. Queer ist links, Trans ist links, so das Mantra, das einem in den letzten Jahren immer wieder eingehämmert wurde. Soll man denken. Muss man denken. Nur entspricht es nicht dem, was man tagtäglich erlebt. Dafür berichtet der aus Marokko stammende Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch „Unter Weißen“ von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der queeren Szene. Das wirkt fast wie ein Exklusiv-Report aus dem Untergrund, einer nur Eingeweihten zugänglichen Welt. Amjahid, der – so der Eindruck, der beim Lesen entsteht – eigentlich der queeren Szene selbst eher wohwollend gegenübersteht, hat offenbar auch Druck erfahren. Der LSDV soll ihm sogar „eine Berichterstattung“ (…) „wie in der ‚Jungen Welt‘ oder der ‚Jungen Freiheit'“ vorgeworfen haben.*

Denkverbote als Eigentor

Darf man also nicht denken. Aber warum eigentlich nicht? Alice Weidel, Milo Yiannopoulos, Jack Donovan und viele mehr laufen unter dem Label „Queer“, sind aber stramm rechts. Man kann keine Gütesiegel für Menschen verhängen! Dass man feststellt, dass es in dieser oder jener sozialen Gruppe Personen gibt, die man beim besten Willen NICHT als links wahrnehmen kann, bedeutet ja nicht, dass man ALLEN unterstellt, sie seien rechts. Und es bedeutet auch nicht, dass man bestimmte Leute als „rechts“ an den Pranger stellt, obwohl sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Genau das machen aber im Übrigen einige Leute aus der queeren Szene sehr gern …

Mut zu Zwischentönen!

… denn sie können es sich ja leisten. Das ist ein schwarz-weißes Borderline-Denken, in dem es nur „gut“ oder nur „schlecht“ gibt, dafür aber ein- und dieselbe Person eben „Prinz“ oder „Prinzessin“ und „Opfer“ zugleich sein kann; Linke, die durchaus auch rechts sein dürfen, sofern sie eben irgendwie „queer“ sind, Reiche, die arm sind oder sich zumindest so fühlen und umgekehrt. Und so weiter.

Da dreht sich einem wirklich der Kopf. Irgendwie muss das nicht sein. Auch Queerfeminismus ist nicht alternativlos. Was, wenn es ihn umso interessanter machen würde, wenn er nur noch EINE Alternative VON VIELEN wäre? Oder, mit anderen Worten, die ideale Feministin gibt es nicht. Und das ist auch ganz gut so.

*Mohamed Amjahid: „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“, Hanser-Verlag, Berlin 2017, S. 115 ff.

**Ach übrigens: selbst kam ich auf den Navarro-Checklisten auf: 5, 4, 19, 11 Punkte. Die 19 bei Paranoia habe ich aber denen zu verdanken, die in Punkto Narzissmus, dissozialer Persönlichkeit & emotional-instabiler Persönlichkeit auf deutlich mehr Treffer kommen (irgendwie provoziert das ganze Auflauern („irre machen!“), Anlügen, Angst einjagen, Verarschen & Verwirren das. Merkwürdig nicht?!). Ach so, und die 4 dissozialen Punkte haben mir eingebracht dass ich – na ja Ines Pohl vergewaltigt habe (zumindest haben die Hipster das ja behauptet, wahlweise war auch eine andere, unbekannte Frau mein Opfer.) und wegen des Kinderpornos, mit dem mein Blog verlinkt wurde … Nein, nein – so einfach ist das nicht. Die wilde Jugend ist schuld. Wenn die Leute, die sich chronisch als Opfer fühlen, dennoch zu mir etwas mehr auf Abstand gehen würden, wäre mir das allerdings – nun ja – nicht ganz unrecht. Spaßeshalber habe ich nämlich auch mal andere, mit denen ich zu tun hatte, durchgecheckt: Das Maximalergebnis (also die größten A… geigen): Narzissmus: 58, dissoziale Persönlichkeit 52 Treffer. Ist zwar meine Wahrnehmung, aber zT haben die Leute sich ja sogar damit gebrüstet und das als cooles, selbstbewusstes Verhalten verkauft (siehe Text). Also dann: Cheers! 😉

#SansMoile7Mai: Warum der Jubel über Macron auch bei Le Pen-Gegnern verhalten ist. Eine deutsche Perspektive

Am Sonntagabend machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schon gegen 20 Uhr, als viele Wahllokale gerade erst dabei waren, zu schließen, war klar: Der eindeutige Gewinner des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist Emmanuel Macron. Dann der Kloß im Magen, der gefühlt immer größer wurde, als ginge einem da ein ganzer Pizzateig im Bauch auf: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National ist immerhin in der Stichwahl am 7. Mai. Und wäre Emmanuel Macron wirklich so toll als nächster französischer Präsident? Steht er nicht für alles, was François Hollande in Frankreich, aber auch die Agenda-2010-SPD, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel in Deutschland, der immer aggressiver werdende Neoliberalismus in Europa und der Welt, vergeigt haben?

Im deutschen Netz wurden am Sonntagabend nicht nur die Hochrechnungen der Wahl in Frankreich kommentiert. Auch das neue Duo an der Spitze der hiesigen rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland und Alice Weidel, wurde eifrig betwittert. Mehrere Tweets, wohl aus dem linken oder zumindest (Macron freundlichen,) liberalen Lager, wunderten sich, dass eine Frau mit einem so „progressiven Lebensstil“ wie Alice Weidel rechts sein kann. Und in der Tat: Weidel lebt lesbisch, in einer Regenbogenfamilie mit Frau und zwei Kindern, Unternehmerin, welterfahren – sie soll lange in China gelebt haben – polyglott und – ja – liberal, zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft.

Eigentlich müsste Alice Weidel der feuchte Traum der Frauen- und Genderforschung sein. Genau solche Frauen hatte man mir jedenfalls immer als „Vorbild“ vor die Nase gehalten bzw. es ging darum, Frauen wie mir klarzumachen, dass es da – ich zitiere mal – „ganz andere Frauen“ gäbe: Nicht nur umwerfend aussehend, auch blitzgescheit, beliebt, sexy, die Sorte Mensch, der einfach alles gelingt. Oder zumindest zu gelingen scheint. Solchen Frauen wollte man (bzw. frau) – so wurde man (bzw. frau) nicht müde, mir zu predigen, „das Leben leichter machen“, das war Feminismus 2.0, ich sollte „aufschauen“. Viele andere wahrscheinlich auch.

Und folgerichtig, wenn man denn einer solchen, auch vom Sarrazin-Lager vertretenen Logik folgen will, wird jetzt viel über „Neid“ gesprochen. Sybille Berg hat darüber auf Spiegel Online geschrieben. Es ist aber auch sonst in der Debatte. Kaum eine Analyse des neuen Rechtsrucks in Europa kommt ohne das Wort „Neid“ aus: „Sozialneid“, „Sexualneid“, der Neid auf den Hedonismus der anderen, derer, die es sich leisten können, hedonistisch zu sein, dagegen die Abgehängten, Globalisierungsverlierer, der Zorn des „White Trash“, des „kleinen Mannes“ – Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen „Beneideten“ und „Neidern“: Winner-Typen, die „die Nase immer vorn haben“ und Menschen, die es nicht bringen, mit denen man es machen kann, ohne falsche Scham, Macron-Wähler und Le-Pen-Anhänger. Oder die, die ganz links außen Jean-Luc Mélenchon und „La France insoumise“ gewählt haben. Mélenchon, der immerhin auf satte 19% kam, sogar – und das dürfte die hedonistische Fraktion irritieren – in den französischen Übersee-Gebieten, in der farbenprächtigen, sonnenverwöhnten Karibik, unangefochten an der Spitze stand.

Mélenchon wollte seinerseits keine Wahlempfehlung für die Stichwahl im 7. Mai geben. Unter dem Twitter Hashtag #SansMoile7Mai („Ohne mich am 7. Mai“) machen sich seine Wähler und Wählerinnen jetzt Luft. Es heißt, mit dem Soziologen Didier Eribon hat es sogar jemand geäußert, der in Deutschland hohes Ansehen genießt: 5 Jahre Macron würden eine rechtsradikale Präsidentin Marine Le Pen 2022 nur umso wahrscheinlicher machen. 5 Jahre mehr Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse und Erosion des Sozialstaates, 5 Jahre mehr, die einen so richtig heftig neidisch machen sollen. „Gar nicht erst hochkommen lassen!“, „hungrig halten!“ – Ich zitiere noch einmal ein bisschen aus Berlin.

Doch halt, vielleicht ist es auch Alice Weidel: Selten blöd, einer Frau, nur weil sie mit einer Frau zusammenlebt, wohlwollend einen „guten“, linken Kern zu unterstellen, wegen des „progressiven Lebensstils“, Toleranz und Solidarität mit allen Diskriminierten und Entrechteten dieser Welt! Dabei ist es Alice Weidel, die z. B. die Ausbürgerung krimineller Migranten fordert, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen ist. Weidel ist also nicht Macron, sondern eben AfD, dicht dran am FN.

So wenig die einfältige Gleichung: liberal = wirtschaftsliberal = Macron = Minderheiten = Migration = Toleranz = EU = Weidel =“gut“ auch funktioniert – sie ist sogar grundfalsch! -, so wenig kann aber eine autoritäre, aufs Nationale bedachte und am „kleinen Mann“ orientierte Politik den Problemen unserer Zeit – ob in Frankreich oder Deutschland – etwas entgegensetzen.

Vielleicht sollte man es lieber mit denen halten, die in den erregten Diskussionen um die Präsidentschaftswahl in Frankreich bislang nur wenig Gehör fanden: Macron als das kleinere Übel wählen und sich dann mit umso mehr Elan für eine Politik engagieren, in der der „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“, die „Abgehängten“, all jene, die man „nicht mitmachen lassen“ wollte, Toleranz, Offenheit, Vielfalt – und ja, auch Europa – als etwas erleben können, das auf ihrer Seite ist. Was spricht eigentlich so sehr dagegen?