Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

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Wahlerfolg der AfD – Warum es doch ums Soziale geht

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft. Überall im Osten haben die Rechtspopulisten abgesahnt. Auch im Westen: in Gelsenkirchen, Duisburg, Essen. In Südostbayern, direkt an der Grenze zu Österreich, sind sie zweitstärkste Kraft, obwohl die Gegend nicht arm ist und jeder, dem Merkels Flüchtlingspolitik nicht passte, auch CSU wählen konnte.

Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski ruft zum antifaschistischen Kampf auf, man müsse die Zeit nutzen, um etwas gegen Rassismus zu tun. Haznain Kazim und Ferda Ataman äußern sich ähnlich auf Spiegel Online.

Das, was es ein bisschen schwierig macht, und vielleicht hat es auch indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen hat, ist – Der einzige der drei, der wirklich von Rassismus, ich meine Rassismus im engeren Sinne betroffen sein dürfte, ist Kazim. Die semmelblonde Stokowski dürfte vom latenten Rassismus in unserer Gesellschaft eher profitiert haben – was nicht ihre Schuld ist! -, Ataman hat einen türkischen Namen, Nazis und Rechtspopulisten mögen keine türkischen Namen, das ist schon richtig, nur sieht man ihn auf der Straße nicht, den Namen. Man sieht – jetzt dem Foto nach zu urteilen – eine blasse junge Frau mit dunkelbraunen Haaren. Ich habe ganz ähnliche „Farben“ – Man gehört in den Ländern rund ums Mittelmeer vom Äußeren her zu den etwas heller Ausgefallenen, kann fast überall in Mitteleuropa als „Einheimische“ durchgehen, nur nehmen einem die Leute eben nicht gerade „Nordisch by Nature“ ab, um es mal mit den Worten von Fettes Brot zu sagen …

Dass Ataman sich als „Woman of Color“ betrachtet, finde ich allerdings überzogen. Manchmal macht einen das aggressiv, v. a. wenn solche Leute alles irgendwie als „Rassismus“ deuten wollen. Dann war da die türkische Journalistin, die ich mal auf einer Podiumsdiskussion erlebt habe. Die Dame hatte mittelbraunes Haar, einen sehr hellen Teint und beklagte sich, dass die Leute sie nicht als Ausländerin, als „Andere“ erkennen würden. Nein, das würde ich auch nicht erkennen. Sorry. Einige Frauen aus meiner Studienzeit scheinen sich mittlerweile sogar einen Migrationshintergrund angedichtet zu haben, den sie eigentlich nicht haben. Von den vielen spätberufenen Lesben, von denen viele mittlerweile „schwule Transmänner“ sind, weil sie halt doch eigentlich rein gar nichts mit Frauen anfangen können, mal ganz zu schweigen …

Hauptsache „anders“, dann lässt sich auch rabiat für Minderheitenförderung eintreten – mensch selbst gehört ja auf jeden Fall zu denen, die davon profitieren.

Dennoch verstehe ich auch Kazim. Ein kleines bisschen kann ich mich da sogar hineinversetzen, glaube ich. Als im Laufe der Nuller Jahre Stars wie Natalie Portman und Salma Hayek die Leinwände eroberten, triumphierte ich heimlich. In der Grundschule hatte ein Mitschüler sich darin gefallen, mich „Kongolippe“ zu rufen (Ich habe einfach ziemlich breite Lippen, soll’s manchmal geben …). Plötzlich aber waren dunkle Haare und volle Lippen Hollywood tauglich – und zwar für die Hauptrolle! Für die Frau, die attraktiv und sexy sein sollte. Nicht mehr nur flachsblonde ätherische Frauen mit schmalen Lippen und kaum wahrnehmbaren Augenbrauen. Frauen wie Cameron Diaz, Gwyneth Paltrow oder Alice Weidel. Frauen, wie sie in Deutschland als ästhetisch genug gelten, um Tagesschau-Sprecherin sein zu können. Das war wirklich jahrzehntelang so krass, also eben nicht einmal auf dem wirklich rassistischen Level, sondern allein eine Frage zwischen Flachsblond (weiß + hübsch) und dunkelhaarig (weiß + nicht so hübsch, eher „praktisch“ vielleicht).

Ich kann mir denken, dass Ataman es gut findet, wenn mal eine Türkin die Nase vorn hat. Oder dass afrodeutsche Frauen nichts dagegen hätten, wenn mal eine Woman of Color – eine richtige! – die sexy Hauptrolle in einem Blockbuster hätte.

Ich weiß aber auch, dass „Kongolippe“ in meinem Fall nicht so schlimm ist. Ich bin ja nun einmal wirklich und ohne wenn und aber Weiße. Ich weiß, dass man mich ruhig schlagen oder angrapschen darf. Oder mir „unwertes Leben“, „kesser Vater“, „Fickmaus“ oder was auch immer an den Kopf knallen. Ich bin ja Weiße, nicht wahr? Lesben sind ganz andere – Alice Weidel zum Beispiel. In meinem Fall macht das doch dann nichts. Und für die „Fickmaus“ bin ich ja nun wirklich nicht hübsch genug, sodass es doch vielleicht eher als „ironisch gemeint“ gewertet werden kann (Ganz abgesehen davon, dass es von einer Adipositasfrau kam und somit ja sogar Empowerment FÜR Minderheiten ist).

Nach mir kann man gefahrlos treten, ohne sich irgendwie als „DiskriminiererIn“ fühlen zu müssen. Als ich im „Spiegel“ von vorletzter Woche über den somalischen Blogger Muse Duco lese, der als Refugee in Ostdeutschland lebt und dem bereits die Schneidezähne rausgeschlagen worden sind, weil ein paar ortsansässige Männer den „N-Wort“ nicht so mögen, schnürt sich mein Hals zu. Für einen kurzen Moment kriege ich keine Luft mehr. Duco berichtet im „Spiegel“ er habe Anzeige erstattet, aber das Verfahren sei kurze Zeit später mangels Beweisen eingestellt worden. Dafür hat man gegen ihn Anzeige erstattet, als er – wieder einmal provoziert – grob geworden ist. Diesmal fanden sich offenbar Beweise. Ich sitze auf meinem Bett. Ich habe die Grippe und deshalb habe ich mir ausnahmsweise den „Spiegel“ gegönnt, also, ich habe ihn gekauft, um etwas zu lesen zu haben. Ich weiß, dass die Atemnot eine Panikattacke ist. Und es ist auch ebenso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist.

Hasnaim Kazim übertreibt ganz sicher nicht. Ich kann mir das, wie gesagt, alles schon ganz gut vorstellen.

Allerdings leben Kazim, Stokowski und Ataman auch nicht in dem gleichen Deutschland wie ich. Eigentlich, so ist mir vollkommen klar, darf ich mich auch nicht als „arm“ betrachten, obwohl ich rein vom Geld her seit 10 Jahren unter der Armutsgrenze lebe. Aber ich habe studiert und wirklich „arm“ sind nur Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder Maurer gelernt und berufsunfähig wegen der Wirbelsäule oder so. Solchen Leuten kann man helfen. Mit solchen Leute hat man Mitleid. ich sage nicht, dass man es nicht haben soll ….

Mein Deutschland kommt in den Medien nicht vor. Überall kann man lesen, wie wohlhabend hier alle sind, dass die Arbeit angeblich auf der Straße liegt. Wer will, der kann doch! Eigentlich, so könnte man denken, müssen wir uns nur noch ein bisschen um Critical Whiteness kümmern und dann wäre Deutschland ein echtes Paradies.

In meinem Deutschland leben die Leute sehr viel schlechter als vor 10 Jahren. Sie haben keine Perspektive. Sie haben Angst, keine Wohnung mehr zu finden, die „das Amt“ zahlen würde. Ganz abgesehen davon, dass ohnehin niemand an Hartz-IV-Empfänger vermieten will. Auch nicht an andere Leute, die billige Klamotten tragen, die den gleichen Rucksack tragen, wie die Junkies, die in der U-Bahn betteln gehen. Hat 8 Euro gekostet. In der Produktbeschreibung stand: „robust und wasserdicht“. Das interessierte vermutlich auch die „Straßenfeger“-Verkäufer …

Leider – und ohne dass ich Wert darauf legte, sie als Landsleute zu haben, leben die Leute in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen, Berlin-Spandau und Ost-Berlin, vermutlich auch anderswo in Ostdeutschland, in meinem Deutschland, das Land, das in den Medien nicht mehr vorkommt.

Diese Leute glauben, dass sich etwas an ihrer wirtschaftlichen Lage ändert, wenn man das Existenzrecht Israels in Frage stellt – der neueste Coup von Alexander Gauland, wie ich heute Morgen im Deutschlandfunk hörte. Oder wenn man Menschen wie Duco, den somalischen Blogger zusammenschlägt, am Ende aber – was für ein widerlicher Witz! – er es ist, der die Anzeige am Hals hat. Oder wenn man die „Ehe für alle“ rückgängig macht. Als ob davon, dass Homosexuelle NICHT heiraten dürfen, irgendwer endlich einen guten Job kriegt …

Trotzdem – diese Leute – die Rechtspopulisten! – dürfen ja. Sie haben ja Alice Weidel. Und Achille Demagbo. Einen Bosnier hier, einen Tschechen da, einen homosexuellen Griechen außerdem auch.

Darum geht es aber nicht. It’s all about justice, baby! Gerechtigkeit – auch und gerade soziale! – und Fairness sind das einzige Gegengift gegen Rechts, der einzige Garant, auch für politische Stabilität. Das muss unsere Gesellschaft aber vermutlich erst wieder lernen. Sie täte gut daran, es auch zu tun.

6 Lessons from Nazi Germany

6 Dinge, die wir tun können, damit Nazis keine Chance haben:

„Die Linken haben Waffen gehortet – brandgefährlich!“ – „Margot Käßmann wittert braunen Wind, wo Deutsche Kinder bekommen! – wie lange wollen wir uns das gefallen lassen?!“ – „In Schorndorf feiern Flüchtlinge Grapschparty – deutsche Professoren in Freiburg haben Angst um ihre blonden Töchter!“ –

Quatsch ist das! Fake News, Gerüchte, gestreut, um die Menschen aufzuwiegeln – immerhin ist am 24. September Bundestagswahl und allzuoft steckt hinter derartigen Falschmeldungen, die sich wie bei der stillen Post in Windeseile in immer neuen Variationen im Internet verbreiten, die rechtskonservative AfD. Jürgen Klöckner hat in der Huffington Post neben diesen noch ein paar andere Falschmeldungen, die die Partei in die Welt gesetzt hat, zusammengestellt. Lediglich das erste oben genannte Statement bezieht sich auf die vor ein paar Tagen verbotene linksalternative Plattform linksunten.indymedia. Die Information stammt aus dem Innenministerium, das sie mittlerweile korrigiert hat.* Natürlich stimmt das mit den sich militarisierenden Linken genauso wenig wie alles andere, aber vermutlich ist es mindestens ebenso geeignet jetzt, so kurz vor der Wahl, noch einmal kräftig Stimmung zu machen. Nicht, dass ich das de Maizière unterstellen wollte, nur häuft es sich eben, dass da etwas „falsch verstanden“ wurde und komischerweise richtet es sich immer gegen Linke, Migranten oder Menschen, die sich für ein offenes Miteinander einsetzen, richtet. Leider hat das konservative Lager nicht nach den Ausschreitungen im Zuge der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg vor ein paar Wochen allzu eilfertig die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um die Linke als solche, also auch das gemäßigte linke Lager, zu diskreditieren. So sah der CDU-Politiker Jens Spahn, der sich auch im Deutschlandfunk dazu äußerte, bei SPD, Linken und Grünen ein „gleichgültiges Verhältnis zum Terrorismus“. Mit Verlaub, aber zumindest SPD und Grüne sind große, politisch relativ mittige Parteien und der Vorwurf, sie drückten schon mal großzügig ein Auge zu, wenn linke Autonome randalieren, ist vollkommen haltlos.

Gewalt auf der Straße, Diskreditierungskampagnen, unverhohlene Hetzerei und verbale Schlammschlachten im Internet – fast scheint es, als seien die 1930er Jahre wieder auferstanden, aber ganz so schlimm ist es dann zum Glück doch noch nicht. Damals waren Straßenschlachten zwischen linken und rechten Jugendgruppen, die eher, auch auf linker Seite, paramilitärische Einheiten waren, mehr oder weniger an der Tagesordnung, ständig lauerte die Gefahr von Putschversuchen, heute ist unser Land eben doch politisch sehr viel stabiler, wir haben ein besseres Sozialsystem, Armut ist nicht mehr so schnell so existenziell bedrohlich, wie sie es damals war …

Doch von dem allgegenwärtigen Antisemitismus damals, den es leider auch in anderen europäischen Ländern gab, und einer kleinen, rechtsextremen Splitterpartei – zunächst ein Sammelbecken für allerlei skurille Gestalten, Militärs, enttäuschte, z. T. auch verelendete Kleinbürger und Deutschnationale, denen die bürgerlichen Parteien nicht weit genug gingen – über reißerische Meldungen im „Stürmer“ bis hin zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, auf der die sog. „Endlösung“ – also die massenweise Vernichtung von Juden und anderen Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge waren, in Gaskammern – offiziell gemacht wurde, war es ein weiter Weg.

Sicherlich wäre es, wie gesagt, verfehlt, zu suggerieren, am Am Horizont zeichnete sich eine Neuauflage des sog. „Dritten Reiches“ ab und es liegt mir fern, die rechtskonservative AfD etwa in die Nähe der NSDAP zu rücken oder ihr auch nur zu unterstellen, politischer Gewalt Vorschub leisten zu wollen – das ist gewiss falsch! – , aber – und ohne dabei das Singuläre am Holocaust und seiner kalten, durchorganisierten Bestialität in Frage stellen zu wollen – politische Radikalisierung, Grausamkeit, Massenmord, ja sogar Genozid hat es leider auch in anderen Zusammenhängen gegeben – Man denke nur an an die Gräueltaten der Khmer Rouge in Cambodia in den 70er Jahren, an den Bürgerkrieg und Völkermord in den 90er Jahren in Rwanda oder an das Massaker von Srebrenica in Bosnien-Herzegowina im Sommer 1995. Man muss nicht gleich den Teufel an die Wand malen und das Schlimmste fürchten, nur ist es eben so – die Zeiten sind härter geworden, in Osteuropa etwa gibt es mittlerweile durchaus wieder politische Gruppierungen, die sich auf den Nationalsozialismus oder zumindest den italienischen Faschismus beziehen – z. B. Marian Kotleba in der Slowakei oder auch einzelne Akteure in Russland und ihre Gefolgsleute, und auch die „Identitären“ in Westeuropa verehren u. a. den faschistischen italienischen Philosophen Julius Evola, der in seinem Denken – elitär, rassistisch, antisemitisch, antimodern und metaphysisch – wesentliche Aspekte auch der – nebenbei bemerkt nicht weniger eklektizistischen – nationalsozialistischen Ideologie vereinte.

Vorsicht ist also geboten. Dennoch meint ein „Wehret den Anfängen!“ nicht, dass man Maulkörbe verhängen und politische Meinungen unterdrücken muss oder überhaupt sollte, sobald einem da etwas nicht passt. Ein paar Lessons from Nazi Germany, die helfen können, zu erkennen, wann jemand eine rote Linie überschritten hat und Vorsicht angebracht ist, gibt es aber trotzdem:

  1. Nicht nur extreme, vielleicht auch psychisch gestörte Menschen – Psychopathen! – üben politische (und andere, hier geht es aber um die politische) Gewalt aus. Hannah Arendt ging sogar so weit, von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen. Denk Dir deshalb zu jedem Nazi-Schläger im Hintergrund einen Biedermann im Anzug dazu, der kein Wässerchen trüben zu können scheint …
  2. Manchmal werden Menschen grausam und misshandeln andere aus einem einfachen Grund: weil es geht! Das ist u. a. die Quintessenz des sog. „Stanford Prison Experiments“, das 1971 unter der Leitung des renommierten Psychologen „Dr. Evil“ Philip Zimbardo an der Stanford University in den USA durchgeführt (und vorzeitig abgebrochen) wurde. Haben Menschen Macht und eine entsprechende soziale Rolle, fehlen Kontrolle und Sanktionen, wird man – nur wenige widerstehen einem solchen sozialen Setting! – schnell sadistisch. Gebe Menschen nicht so viel Macht, dass sie andere misshandeln und wie Dreck behandeln können.
  3. Gewalt hat immer zwei Seiten: einer übt sie aus und einem wird sie angetan. Es fällt leichter, Menschen wie Abfall zu behandeln, wenn man sie auch als „Abfall“ betrachtet. Also geht es darum, dass Menschen dehumanisiert oder auch dämonisiert werden. Die Dämonisierung ist eine Unterform der Dehumanisierung und bedeutet, dass Menschen nicht nur als „zu minderwertig“ dargestellt werden, um noch wirklich der menschlichen Spezies anzugehören, sondern darüber hinaus auch noch als brandgefährlich gelten – ein Gegner aller Menschen, „die diesen Namen auch verdienen“. Im Nationalsozialismus hatten die Juden diese Rolle inne. Es wird also immer einer, eine bestimmte soziale Gruppe, zum Sündenbock stilisiert. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt, wie niederträchtig und minderwertig, wie schuldig und gefährlich diese Menschen sind, so lange bis auch die große, schweigende Mehrheit bald nichts mehr dabei findet, wenn solche Menschen ausgegrenzt und misshandelt – „gedisst“ – werden. Damit ist eine Legitimation für Gewalt geschaffen – Man tut schließlich niemandem etwas an, der es nicht auch irgendwie „verdient“ hätte und außerdem – machen es nicht alle so? Wenn sich mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft (In-Group) die Finger schmutzig macht, muss sich der einzelne im Endeffekt nicht so schuldig fühlen. Also kann man ruhig nochmal zutreten! Im Kleinen kann man solche Dynamiken bei Mobbing feststellen, auf einer breiteren, gesamtgesellschaftlichen Ebene kann es einen Genozid vorbereiten. Versuche – um dem entgegenzuwirken – , ein möglichst ausgewogenes, objektives Bild von Menschen und sozialen Gruppen zu zeichnen. Leugne Verfehlungen nicht, spiele sie nicht herunter und gebe keinen Anlass dazu, dass Leute das Gefühl haben, da solle etwas vertuscht werden – das spielt nur den Rechten in die Hände, wie man an den sexuellen Übergriffen in Köln an Silvester 2015/16 gesehen hat. Berichte stattdessen auch, wenn sich Angehörige der angefeindeten sozialen Gruppe normal oder positiv verhalten. Hebe hervor, dass es sich um Individuen mit unterschiedlichen Meinungen, Verhaltensweisen, etc. handelt. Vermeide es, die Leute v. a. als „Kollektiv“ – fremde Ethnie oder Kultur – darzustellen. Mache darauf aufmerksam, dass auch Angehörige anderer sozialer Gruppen gewalttätig oder sexuelle übergriffig werden, sonstige Straftaten begehen, sich ausbeuterisch und/oder (vermeintlich) exzentrisch verhalten (letztere Eigenschaften spielten bei der Stigmatisierung der Juden im Nationalsozialismus und vorher eine gewisse Rolle). Stelle klar, dass KEIN Kausalzusammenhang besteht, im Sinne von: „Er ist Araber, Jude – die machen nun einmal dieses oder jenes … , will man sexuelle Übergriffe, Raubtierkapitalismus, etc. also aus der Welt schaffen, muss man nur ihn/sie loswerden!“.
  4. Stilisiere Menschen nicht zu „Herrenmenschen“! Vermeide es, dass die Leute immer „parteiisch“ auf der Seite bestimmter Leute sind, auch wenn Du denkst, dass man ihnen großes Unrecht getan hat, das nun wieder gutgemacht werden soll. Auch damals wurde von der „Schmach von Versailles“ gesprochen, Menschen, denen es objektiv schlecht ging – körperlich versehrte Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg, die in bitterer Armut lebten, vielfach sogar auf der Straße bettelten und Leute, die durch die Weltwirtschaftskrise alles verloren hatten, ebenfalls hungerten und zum Teil obdachlos waren, mussten den Nationalsozialisten als Vorwand für ihre von Anfang an auf Vertreibung und – sofern es nicht reichte, den Leuten das Leben so ungemütlich wie möglich zu machen – auch Vernichtung anderer  – insbesondere der Juden – angelegte Politik herhalten, die schließlich in einem technokratisch durchorganisierten Massenmord gipfelt, der zum Glück bislang ohnegleichen geblieben ist. „Ariern“ stand dagegen ab 1933 die Welt offen. So manch einer wird nur zu gern einen Job an der Uni oder in irgendeiner Behörde eingenommen haben, von dem man zuvor einen Juden vertrieben hatte. Für „Arier“ gab es plötzlich das „Winterhilfswerk“, „Volksempfänger“ und „Kraft durch Freude“-Ferien – für viele Menschen vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben … Wer es nicht glaubt, lässt sich vielleicht einfach mal den Nazi-Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ (Deutschland 1933, Regie: Hans Steinhoff) aus dem Giftschrank irgendeiner universitären Mediathek holen: Dort wird ein einfacher Arbeiterjunge – ein blonder, blauäugiger „Arier“ – dessen verkommene Eltern – Sozialisten! – ihr armseliges Leben nicht auf die Reihe kriegen und ihm nichts bieten können, von einem Nazi unter die Fittiche genommen. Der macht dem Jungen klar, dass er – trotz seiner bescheidenen Herkunft – jemand ist, als Mensch „nordischen Typs“ anderen sogar heillos überlegen, ein aristokratischer Mensch mit profanen sozialen Ursprüngen sozusagen. Natürlich ist es schmeichelhaft, zu den „Lieblingen“ zu gehören und anderen grundsätzlich vorgezogen zu werden. Nicht immer muss es übrigens der helle Teint sein, der einen in eine solche Position katapultiert. Im Grunde ist es auch egal, was es ist – so lange andere dafür leiden müssen, ist es nicht in Ordnung!  Lasse Dich also von derlei Dingen nicht korrumpieren! Sei zufrieden damit, ein Mensch unter anderen Menschen zu sein – nicht mehr und nicht weniger …
  5. Vermeide soziale Spannungen! Trete dafür ein, dass die soziale Schere wieder etwas mehr zusammengeht! Es ist ein Gemeinplatz aus der Sozialpsychologie, dass soziale Ungerechtigkeit die Menschen aggressiv macht. Auch die Weimarer Republik war gekennzeichnet durch krasse soziale Gegensätze, die sich immer wieder in zahlreichen Konflikten entluden, ohne dass sich etwas gebessert hätte.
  6. Ermutige Menschen zur offenen Diskussion! Jeder sollte auch mal die Perspektive des anderen einnehmen. Kompromisse sollten eher das Ziel sein, als dass derjenige für sich die besten Konditionen aushandelt, der sich am besten durchsetzen kann. Vermeide es, Menschen oder soziale Gruppen abzuhängen oder den Eindruck zu erwecken, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Solche Leute werden sich trotzig in eine Gegenkultur, im schlimmsten Falle in den Untergrund zurückziehen und dort werden ihre Ideen und Gefühle vor sich hingären und andere anziehen, bis eine explosive Mischung entstanden ist, die eine Gesellschaft unter Umständen zum Kippen bringen kann. Lass auch nicht Menschen selbstgerecht und hochmütig auf der Nase anderer herumtanzen. Stelle klar, dass – nur weil man etwas ablehnt, nicht unbedingt das Gegenteil richtig sein muss! Habe den Mut, Dinge (und Menschen) differenziert wahrzunehmen!

*Update, Montag, 28. August 2017: Die Sache mit den Waffenfunden bei Indymedia und das Verhalten des Bundesinnenministeriums bleiben weiterhin mytseriös, vgl.: Faktenfinder, Tagesschau.

 

 

Helfen!

Du möchtest helfen? So richtig den Armen, Ausgebeuteten und Entrechteten beistehen? „Im derzeit laufenden „Wonder Woman“-Film sagt die Mutter von Diana (Wonder Woman) zu ihr: „There is so much you don’t understand.“ Und sie antwortet: „I understand enough to fight for those who can’t fight for themselves.“ Bitte zum Vorbild nehmen, danke.“ schreibt Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Online-Kolumne. Das Problem ist, was ist, wenn Menschen erwachsen sind und sich selbst helfen können? Was ist, wenn jedeR für sich selbst sprechen kann und keine Fürsprecher braucht?

Dazu waren die Demokratie und die Menschenrechte da. Die Leistungsgesellschaft versprach: „Wer hart arbeitet, soll es auch zu etwas bringen.“ Die allgemeine Schulpflicht sollte jede und jeden dazu befähigen, einen komplexen Alltag zu bewältigen: Behördengänge, Kassiererinnen, die einen an der Kasse bescheißen wollen, Gurus, die einem einreden wollen, die Erde sei eine Scheibe, wohlmeinende Menschen, die behaupten: „Kind, das ist doch nichts für dich! Das kannst Du doch im Leben nicht! Überlass das mal lieber anderen!“.

Man könnte Abhilfe schaffen. Sarrazin forderte in „Deutschland schafft sich ab“ 2010 eine Art Hauswirtschaftsschule, in der Menschen wie ich lernen sollten, Menschen wie Margarete Stokowski zu bedienen und ihnen das Leben angenehmer zu machen. Peter Sloterdijk, der im „Spiegel“ kürzlich als „links-konservativ“ gefeiert wurde, machte sich zeitgleich für „Leistungsträger“ stark und forderte eine Armenfürsorge, die auf Barmherzigkeit beruhe, den milden Gaben, die diejenigen, denen es finanziell besser geht, gerne geben wollten.

Man könnte dann, wenn man es radikal zu Ende denkt, Menschen, die man nicht mag, einfach verhungern lassen. Die, die nur „Hauswirtschaftsschule“ machen dürfen, wären eh zu dumm, um den Mund aufzumachen, was man ihnen dann mit paternalistischer Güte auch klarmachen könnte.

Ein zweiter Weg wäre, sanft aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass es doch noch viel ärmere gibt. Die Hungerkinder in Afrika zum Beispiel. Ja schämen sich die Menschen hierzulande nicht, faul in der „sozialen Hängematte“ herumzuhängen und sich mit Hartz IV einen faulen Lenz zu machen? Denen muss man mal Beine machen! Die sollen den Gürtel mal enger schnallen! Dann wären auch Mittel frei, um sich um die Hungerkinder in Afrika zu kümmern.

Die Globalisierung hat tatsächlich weltweit zu mehr Gerechtigkeit geführt. In Asien und Osteuropa sind breite Mittelschichten entstanden, die sich Smartphones, Reisen und eine akademische Ausbildung für ihre Kinder leisten können. Dafür sind in Westeuropa die Gesellschaften ungerechter geworden. Nirgends klafft die soziale Schere so weit auseinander wie in Deutschland. Armut gibt es in Afrika nach wie vor. Zu uns kommt die globale Elite und daheim ist, wer ohnehin immer schon auf Rosen gebettet war eben noch ein bisschen reicher geworden.

Ein dritter Weg wäre, den Spieß einfach umzudrehen. Talente sind nicht nur angeboren, es sind auch die sozialen Umstände, die Türen öffnen oder schließen. Wer nicht gefördert wird, dessen talente liegen brach. Hat also jemand aus gutem Hause 22 Semester gebraucht, um einen Studienabschluss in christlicher Archäologie hinzukriegen, kann man behaupten, er oder sie sei halt nicht genug gefördert worden. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen, und behaupten, dass soziale Aufsteiger Streber seien, aber nicht nur das, die wahren Ausbeuter eigentlich. Hüte sich also, wem das Studium Spaß macht, wer gute Noten hat, gern mal ein Buch zusätzlich ließt, Freude daran hat, fremde Sprachen zu lernen oder eigene Projekte zu stemmen – Es wird einem so ausgelegt werden, dass man halt ein „Bonzenkind“ sei und – Zitat – „Jetzt mal die anderen dran sind!“. Die muss man jetzt fördern. Die haben ihre Chance noch nicht gehabt.

Dass Babyyoga und Chinesisch ab dem 3. Lebensjahr vielleicht sogar eine Überförderung darstellen, sagt man lieber nicht laut. Die Leute werden darauf kommen, dass sie die Ideen brauchen, die einem selber so durch den Kopf gehen. ja, hat man selbst nicht eine schöne Kindheit zwischen Kuhweiden und Kleinstadtattraktionen verbracht, während die anderen schuften mussten? Hat man nicht jede Möglichkeit gehabt, seine Phantasie und Kreativität zu entwickeln, Eigenständigkeit zu erlernen? Indem man 20 Kilometer mit dem Fahrrad über die Landstraße gedüst ist, zum Beispiel. Oder die Erfahrung gemacht hat, dass Elektrozäune einem Stromschläge verpassen.

Später im leben hat man auch die Erfahrung gemacht, dass man zwar die richtigen Qualifikationen, aber nicht den richtigen Stallgeruch hat. Außerdem gibt es ja so viele, die zuerst dran sind. Die Kinder der griechischen Reeder und der spanischen Investmentbanker zum Beispiel. Jaha, die sind links, hätte man ja nicht gedacht. mans agt also lieber nichts. Dann dicke Frauen, weil die sind queer. Feminine Frauen, weil die leiden darunter, dass man sie nicht ernst nimmt. Angeblich.

Die nehmen einen nicht ernst. Dann kriegt man einen Kinderporno hochgeladen. Oder die Frauen wollen zuerst einmal alle flirten. Weil sie ja queer sind.

Sorry, verschont mich mit eurer Hilfe!

#SansMoile7Mai: Warum der Jubel über Macron auch bei Le Pen-Gegnern verhalten ist. Eine deutsche Perspektive

Am Sonntagabend machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schon gegen 20 Uhr, als viele Wahllokale gerade erst dabei waren, zu schließen, war klar: Der eindeutige Gewinner des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist Emmanuel Macron. Dann der Kloß im Magen, der gefühlt immer größer wurde, als ginge einem da ein ganzer Pizzateig im Bauch auf: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National ist immerhin in der Stichwahl am 7. Mai. Und wäre Emmanuel Macron wirklich so toll als nächster französischer Präsident? Steht er nicht für alles, was François Hollande in Frankreich, aber auch die Agenda-2010-SPD, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel in Deutschland, der immer aggressiver werdende Neoliberalismus in Europa und der Welt, vergeigt haben?

Im deutschen Netz wurden am Sonntagabend nicht nur die Hochrechnungen der Wahl in Frankreich kommentiert. Auch das neue Duo an der Spitze der hiesigen rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland und Alice Weidel, wurde eifrig betwittert. Mehrere Tweets, wohl aus dem linken oder zumindest (Macron freundlichen,) liberalen Lager, wunderten sich, dass eine Frau mit einem so „progressiven Lebensstil“ wie Alice Weidel rechts sein kann. Und in der Tat: Weidel lebt lesbisch, in einer Regenbogenfamilie mit Frau und zwei Kindern, Unternehmerin, welterfahren – sie soll lange in China gelebt haben – polyglott und – ja – liberal, zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft.

Eigentlich müsste Alice Weidel der feuchte Traum der Frauen- und Genderforschung sein. Genau solche Frauen hatte man mir jedenfalls immer als „Vorbild“ vor die Nase gehalten bzw. es ging darum, Frauen wie mir klarzumachen, dass es da – ich zitiere mal – „ganz andere Frauen“ gäbe: Nicht nur umwerfend aussehend, auch blitzgescheit, beliebt, sexy, die Sorte Mensch, der einfach alles gelingt. Oder zumindest zu gelingen scheint. Solchen Frauen wollte man (bzw. frau) – so wurde man (bzw. frau) nicht müde, mir zu predigen, „das Leben leichter machen“, das war Feminismus 2.0, ich sollte „aufschauen“. Viele andere wahrscheinlich auch.

Und folgerichtig, wenn man denn einer solchen, auch vom Sarrazin-Lager vertretenen Logik folgen will, wird jetzt viel über „Neid“ gesprochen. Sybille Berg hat darüber auf Spiegel Online geschrieben. Es ist aber auch sonst in der Debatte. Kaum eine Analyse des neuen Rechtsrucks in Europa kommt ohne das Wort „Neid“ aus: „Sozialneid“, „Sexualneid“, der Neid auf den Hedonismus der anderen, derer, die es sich leisten können, hedonistisch zu sein, dagegen die Abgehängten, Globalisierungsverlierer, der Zorn des „White Trash“, des „kleinen Mannes“ – Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen „Beneideten“ und „Neidern“: Winner-Typen, die „die Nase immer vorn haben“ und Menschen, die es nicht bringen, mit denen man es machen kann, ohne falsche Scham, Macron-Wähler und Le-Pen-Anhänger. Oder die, die ganz links außen Jean-Luc Mélenchon und „La France insoumise“ gewählt haben. Mélenchon, der immerhin auf satte 19% kam, sogar – und das dürfte die hedonistische Fraktion irritieren – in den französischen Übersee-Gebieten, in der farbenprächtigen, sonnenverwöhnten Karibik, unangefochten an der Spitze stand.

Mélenchon wollte seinerseits keine Wahlempfehlung für die Stichwahl im 7. Mai geben. Unter dem Twitter Hashtag #SansMoile7Mai („Ohne mich am 7. Mai“) machen sich seine Wähler und Wählerinnen jetzt Luft. Es heißt, mit dem Soziologen Didier Eribon hat es sogar jemand geäußert, der in Deutschland hohes Ansehen genießt: 5 Jahre Macron würden eine rechtsradikale Präsidentin Marine Le Pen 2022 nur umso wahrscheinlicher machen. 5 Jahre mehr Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse und Erosion des Sozialstaates, 5 Jahre mehr, die einen so richtig heftig neidisch machen sollen. „Gar nicht erst hochkommen lassen!“, „hungrig halten!“ – Ich zitiere noch einmal ein bisschen aus Berlin.

Doch halt, vielleicht ist es auch Alice Weidel: Selten blöd, einer Frau, nur weil sie mit einer Frau zusammenlebt, wohlwollend einen „guten“, linken Kern zu unterstellen, wegen des „progressiven Lebensstils“, Toleranz und Solidarität mit allen Diskriminierten und Entrechteten dieser Welt! Dabei ist es Alice Weidel, die z. B. die Ausbürgerung krimineller Migranten fordert, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen ist. Weidel ist also nicht Macron, sondern eben AfD, dicht dran am FN.

So wenig die einfältige Gleichung: liberal = wirtschaftsliberal = Macron = Minderheiten = Migration = Toleranz = EU = Weidel =“gut“ auch funktioniert – sie ist sogar grundfalsch! -, so wenig kann aber eine autoritäre, aufs Nationale bedachte und am „kleinen Mann“ orientierte Politik den Problemen unserer Zeit – ob in Frankreich oder Deutschland – etwas entgegensetzen.

Vielleicht sollte man es lieber mit denen halten, die in den erregten Diskussionen um die Präsidentschaftswahl in Frankreich bislang nur wenig Gehör fanden: Macron als das kleinere Übel wählen und sich dann mit umso mehr Elan für eine Politik engagieren, in der der „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“, die „Abgehängten“, all jene, die man „nicht mitmachen lassen“ wollte, Toleranz, Offenheit, Vielfalt – und ja, auch Europa – als etwas erleben können, das auf ihrer Seite ist. Was spricht eigentlich so sehr dagegen?

„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.