#SansMoile7Mai: Warum der Jubel über Macron auch bei Le Pen-Gegnern verhalten ist. Eine deutsche Perspektive

Am Sonntagabend machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schon gegen 20 Uhr, als viele Wahllokale gerade erst dabei waren, zu schließen, war klar: Der eindeutige Gewinner des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist Emmanuel Macron. Dann der Kloß im Magen, der gefühlt immer größer wurde, als ginge einem da ein ganzer Pizzateig im Bauch auf: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National ist immerhin in der Stichwahl am 7. Mai. Und wäre Emmanuel Macron wirklich so toll als nächster französischer Präsident? Steht er nicht für alles, was François Hollande in Frankreich, aber auch die Agenda-2010-SPD, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel in Deutschland, der immer aggressiver werdende Neoliberalismus in Europa und der Welt, vergeigt haben?

Im deutschen Netz wurden am Sonntagabend nicht nur die Hochrechnungen der Wahl in Frankreich kommentiert. Auch das neue Duo an der Spitze der hiesigen rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland und Alice Weidel, wurde eifrig betwittert. Mehrere Tweets, wohl aus dem linken oder zumindest (Macron freundlichen,) liberalen Lager, wunderten sich, dass eine Frau mit einem so „progressiven Lebensstil“ wie Alice Weidel rechts sein kann. Und in der Tat: Weidel lebt lesbisch, in einer Regenbogenfamilie mit Frau und zwei Kindern, Unternehmerin, welterfahren – sie soll lange in China gelebt haben – polyglott und – ja – liberal, zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft.

Eigentlich müsste Alice Weidel der feuchte Traum der Frauen- und Genderforschung sein. Genau solche Frauen hatte man mir jedenfalls immer als „Vorbild“ vor die Nase gehalten bzw. es ging darum, Frauen wie mir klarzumachen, dass es da – ich zitiere mal – „ganz andere Frauen“ gäbe: Nicht nur umwerfend aussehend, auch blitzgescheit, beliebt, sexy, die Sorte Mensch, der einfach alles gelingt. Oder zumindest zu gelingen scheint. Solchen Frauen wollte man (bzw. frau) – so wurde man (bzw. frau) nicht müde, mir zu predigen, „das Leben leichter machen“, das war Feminismus 2.0, ich sollte „aufschauen“. Viele andere wahrscheinlich auch.

Und folgerichtig, wenn man denn einer solchen, auch vom Sarrazin-Lager vertretenen Logik folgen will, wird jetzt viel über „Neid“ gesprochen. Sybille Berg hat darüber auf Spiegel Online geschrieben. Es ist aber auch sonst in der Debatte. Kaum eine Analyse des neuen Rechtsrucks in Europa kommt ohne das Wort „Neid“ aus: „Sozialneid“, „Sexualneid“, der Neid auf den Hedonismus der anderen, derer, die es sich leisten können, hedonistisch zu sein, dagegen die Abgehängten, Globalisierungsverlierer, der Zorn des „White Trash“, des „kleinen Mannes“ – Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen „Beneideten“ und „Neidern“: Winner-Typen, die „die Nase immer vorn haben“ und Menschen, die es nicht bringen, mit denen man es machen kann, ohne falsche Scham, Macron-Wähler und Le-Pen-Anhänger. Oder die, die ganz links außen Jean-Luc Mélenchon und „La France insoumise“ gewählt haben. Mélenchon, der immerhin auf satte 19% kam, sogar – und das dürfte die hedonistische Fraktion irritieren – in den französischen Übersee-Gebieten, in der farbenprächtigen, sonnenverwöhnten Karibik, unangefochten an der Spitze stand.

Mélenchon wollte seinerseits keine Wahlempfehlung für die Stichwahl im 7. Mai geben. Unter dem Twitter Hashtag #SansMoile7Mai („Ohne mich am 7. Mai“) machen sich seine Wähler und Wählerinnen jetzt Luft. Es heißt, mit dem Soziologen Didier Eribon hat es sogar jemand geäußert, der in Deutschland hohes Ansehen genießt: 5 Jahre Macron würden eine rechtsradikale Präsidentin Marine Le Pen 2022 nur umso wahrscheinlicher machen. 5 Jahre mehr Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse und Erosion des Sozialstaates, 5 Jahre mehr, die einen so richtig heftig neidisch machen sollen. „Gar nicht erst hochkommen lassen!“, „hungrig halten!“ – Ich zitiere noch einmal ein bisschen aus Berlin.

Doch halt, vielleicht ist es auch Alice Weidel: Selten blöd, einer Frau, nur weil sie mit einer Frau zusammenlebt, wohlwollend einen „guten“, linken Kern zu unterstellen, wegen des „progressiven Lebensstils“, Toleranz und Solidarität mit allen Diskriminierten und Entrechteten dieser Welt! Dabei ist es Alice Weidel, die z. B. die Ausbürgerung krimineller Migranten fordert, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen ist. Weidel ist also nicht Macron, sondern eben AfD, dicht dran am FN.

So wenig die einfältige Gleichung: liberal = wirtschaftsliberal = Macron = Minderheiten = Migration = Toleranz = EU = Weidel =“gut“ auch funktioniert – sie ist sogar grundfalsch! -, so wenig kann aber eine autoritäre, aufs Nationale bedachte und am „kleinen Mann“ orientierte Politik den Problemen unserer Zeit – ob in Frankreich oder Deutschland – etwas entgegensetzen.

Vielleicht sollte man es lieber mit denen halten, die in den erregten Diskussionen um die Präsidentschaftswahl in Frankreich bislang nur wenig Gehör fanden: Macron als das kleinere Übel wählen und sich dann mit umso mehr Elan für eine Politik engagieren, in der der „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“, die „Abgehängten“, all jene, die man „nicht mitmachen lassen“ wollte, Toleranz, Offenheit, Vielfalt – und ja, auch Europa – als etwas erleben können, das auf ihrer Seite ist. Was spricht eigentlich so sehr dagegen?

„Égalité et réconciliation“ oder: wie rechts ist die Linke?

„Égalité et réconciliation“ – „Gleichheit und Versöhnung“: klingt toll oder? Nach Kirchentag, Frieden und sozialer Gerechtigkeit. An Faschismus würde man eher nicht denken. Die Köpfe der im Sommer 2007 gegründeten rechtsextremen französischen Gruppierung, ihr Gründer und Präsident Alain Soral oder sein Freund, der schwarze Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala, würden vielleicht sogar darauf bestehen, dass es sich um ein linkes Projekt handelt. Beide unterstützen bei der anstehenden Präsidentenwahl in Frankreich offenbar auch den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon, wie es auf verschiedenen, eher obskuren Sites im Internet, u. a. der Seite von „Égalité et réconciliation“ („E&R“) heißt.

„Lechts und rinks“ – Verwirrung à la Ernst Jandl*! Ja, was denn nun, fragt man sich? Der (französischsprachige) Wikipédia-Eintrag zu „Égalité et réconciliation“ klärt auf: „nationalkommunistisch“ („nationaliste de gauche“) sei man, „links, was Arbeit und Soziales betrifft, rechts in den Werten“ („gauche de travail et droite des valeurs“). Das Label „nationalkommunistisch“, das hierzulande einen etwas unangenehmen Beigeschmack hat, weil es, zumindest vom Klangbild her, gefährlich nah am Nationalsozialismus dran ist, haftet in Deutschland seit der Flüchtlingskrise auch der Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht an. Ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Vermutlich ist Wagenknecht ein gutes Stück, sagen wir, selbst wenn das mit dem „nationalkommunistisch“ zutreffen sollte, ruhig in aller Deutlichkeit: ein entscheidendes Stück von „Égalité et réconciliation“ entfernt, denn dort steht, wie auf Wikipedia weiter ausgeführt wird, der Kampf nicht nur gegen die Globalisierung, sondern auch gegen den „Zionismus“ im Mittelpunkt.

In deutschen Ohren klingt das nach dem „Rothschild“-Gerede der Querfront-Aktivisten und Verschwörungstheoretiker um Ken Jebsen (KenFM), ein etwas sumpfiges Milieu, in dem auch der russische Auslandssender RT deutsch, der Kopp-Verlag, diverse Friedensaktivisten, Politiker der Linkspartei und Leute aus dem Umfeld der jungen Welt, vereinzelt auch taz-Journalisten und am anderen Ende der Fahnenstange dann Jürgen Elsässer und Compact sowie einige No-Name-Akteure aus dem rechtsextremen Lager eine Rolle spielen. Ohne die Leute in einen Topf werfen zu wollen – tatsächlich haben sich die eher Linken immer wieder von den eindeutig Rechten abgegrenzt -, aber die Mischung ist kurios und man weiß eigentlich gar nicht mehr so recht, wer noch wer ist.

Auch in Frankreich lässt man sich gern über „die Rothschilds“ aus und auch hier spielen russische Auslandsmedien eine gewisse Rolle, etwa bei den Gerüchten, der unabhängige und recht chancenreiche Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei angeblich homosexuell (Das hatte allerdings offenbar der Republikaner Nicholas Dhuicq in die Welt gesetzt)**.

Ebenso, wie verdächtig viele linke und linksextreme Aktivisten „für den Frieden“ fragwürdige „strategische“ Bündnisse mit Radau-Kapitalisten wie Donald Trump oder gar Anhängern der AfD und Rechtsextremen eingehen, suchte man bei „Égalité et réconciliation“ zwischenzeitig die Nähe zum Front National.

Dabei war der ehemalige Kunststudent, Schauspieler und Journalist Alain Soral einmal überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Partei Frankreichs. Auch Dieudonné, der „Égalité et réconciliation“ als Außenstehender unterstützt, hat eine linke Vergangenheit, in der er sich v. a. gegen Rassismus stark machte. Der Komiker, der vorübergehend auch mit dem Islamismus sympathisierte, radikalisierte sich in den 00er Jahren. 2014 erhielt er Einreiseverbot für Großbritannien wegen seiner Nähe zu Holocaustleugnern und dem Zeigen der „Quenelle“, eines etwas abgewandelten Hitlergrußes. All das (und noch viel mehr) kann man auf seinem Wikipedia-Eintrag nachlesen.

Auch „Égalité et réconciliation“ gibt sich, angesichts der vielen islamistischen Terroranschläge, die Frankreich in den letzten Jahren heimgesucht haben, überraschend muslimfreundlich. Gerade wegen der gemeinsamen (erzkonservativen) „Werte“ stünde einer Allianz zwischen Muslimen und Katholiken nichts entgegen, finden Soral & Co.. Schließlich habe man Homosexuelle, Feministinnen und Juden als gemeinsamen Feind.

In Deutschland wird wohl niemand so schnell einen aggressiven Antisemitismus à la Dieudonné offen zur Schau stellen. Zum Glück stehen dem die deutsche Vergangenheit und ein gewisses kollektives Schamgefühl entgegen. Dennoch ist der Boden für einen „Nationalismus von links“ auch hierzulande da. Neben der eingangs bereits erwähnten Politkerin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, und der ideologisch sehr fragwürdigen Querfront spracht etwa „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne „Unsere Heimat“ von letzter Woche vom „Schutz der Heimat“ und Ausländern als „Konkurrenten im Lebensstil“, nur um diese Woche dann die Muslimen in Deutschland vor einem Gesetzesentwurf des CDU-Politikers Jens Spahn in Schutz zu nehmen. Sicher, Augstein steht nicht in dem Ruf, besonders wertkonservativ zu sein, er ist weder homophob noch frauenfeindlich und schon damit Lichtjahre von „Égalité et réconciliation“ entfernt. Die Frage ist nur: sind seine LeserInnen es auch? Nicht zuletzt, weil  der eigentlich linke „Freitag“ mittlerweile von Jürgen Todenhöfer, einem früheren CDU-Rechtsaußen (ideologisch also etwa das heutige AfD-Milieu), herausgegeben wird. Die Lager nähern sich offenbar an. Die Berührungsängste schwinden zumindest.

Wer die Soral-Anhänger in Frankreich allerdings auf ihren brachialen Antisemitismus festnageln will, dem können die im Selbstverständnis „linken“ Aktivisten immer noch mit David Rachline kommen. Der ehemalige politische Weggefährte, FN-Politiker und „E&R“-Sympathisant ist, wie man auf Wikipédia nachlesen kann, väterlicherseits ukrainisch-jüdischer Abstammung. Zudem werden Juden hier wie in Frankreich derzeit heftig vom rechten Lager umworben – allerdings im Hinblick auf eine ausdrücklich islamfeindliche Politik.

Da dreht sich einem der Kopf: Rassismus? Nein, sie haben ja Schwarze dabei, Islamophobie? Nein, sie setzen sich doch für Muslime ein, sozial, auf Seiten der „kleinen Leute“ sind sie allemal und ihren Antisemitismus finden selbst die Juden gar nicht so schlimm. Na ja. Wann immer eine vermeintlich linke Politik, egal wie „links“ sie dem Namen nach angeblich ist, seltsam faschistisch, brutal und ausgrenzend rüberkommt, sollte man jedenfalls vorsichtig sein, ganz gleich zu wessen Wohl es angeblich ist. Auch in Deutschland. In Punkto internationale Vernetzung hat die europäische Rechte die Nase nämlich zynischerweise leider längst vorn.

*aus dem Gedicht „Lichtung“.

**vgl. Art.: „Ex-French economy minister could be „US-agent“ lobbying banks interests“, Sputnik.com v. 04.02.2017.

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Tierlaute. Oder: „Mein Kopf! Mein Kopf!“ – Schauspielkunst at its best!

Förderung speziell für Akademiker

„Speziell für Akademiker!“ pries man mir die Maßnahme damals im Jobcenter an. Das ist nun schon viele Jahre her. Ich lebte von der sprichwörtlichen Hand im Mund, u. a. auch weil ich als ehemalige Selbstständige eine saftige Steuernachzahlung ins Ausland zu leisten hatte, die den Rest meines sog. „Schonvermögens“ mit einem einzigen gierigen Haps auffraß. Damals war mir noch nicht klar, dass sich die Menschen im großen, bunten Berlin „selbstbestimmt“ definieren. Die meisten waren also eher „gefühlt“ Akademiker oder hatten, wie sie selbst sagten, z. B. eine kaufmännische Ausbildung absolviert – nicht, dass das etwa für Dummies sei. Ich hatte schnell gelernt, meine Zunge im Zaume zu halten, da Menschen sich, wenn ich mein Studium auch nur erwähnte, schnell angegriffen fühlten – als ob ich ihnen unterstellt hätte, etwa weniger intelligent zu sein. Hatte ich nicht. Punkt. Basta.

Ein Mann, der angab, gelegentlich für den „Freitag“ zu schreiben, wurde in der Maßnahme freudig mit „Und an der Uni machen Sie ja auch immer noch mal was!“ begrüßt und sogleich auf einen Außenposten geschickt. Wir andere galten dafür als nicht „reif“ genug. Ein anderer Mann sehnte sich seinerseits nach einem der „Schonjobs“ an der Uni. Wie er es darstellte, sei man dort dem Alltagsstress nicht so ausgesetzt und könne seine intellektuellen Fähigkeiten voll entfalten. Das sagte mir, dass der Mann höchstwahrscheinlich nie eine Uni von innen gesehen hatte. Ansonsten hätte er gewusst, dass es ein Haifischbecken ist, wo sich die Leute – zweifelsohne intelligent und ich hatte auch nicht behauptet, dass er das nicht sei – von einem Zeitvertrag zum nächsten hochmobben und sich glücklich schätzen kann, wer es überhaupt bis zum „PostDoc“, „Juniorprofessor“ oder „Privatdozenten“ schafft.

„Mein Kopf, mein Kopf!“ – die „Gewalttäterin“

Dann war da noch Frau Ranke, wie ich sie hier mal nennen werde. Die zierliche Frau – „wilde Locken und Katzenaugen – das mögen Männer!“, wie eine andere Teilnehmerin der Maßnahme ihr bescheinigte – war damals schon 43, wie sie gleich zu Beginn mit einem tiefen Seufzer sagte. Sie sah aber wie Mitte oder maximal Ende zwanzig aus und hatte ein denkbar tragisches Schicksal – sie litt an einer schweren Epilepsie. Deutlich wurde das, als ich mich – nichtsahnend – einmal leise mit Herrn Mayrhofer – auch er heißt eigentlich anders – unterhielt. Nach etwa zehn Minuten wurde das Gespräch durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Aaahrg! Mein Kopf! Mein Kopf!“ rief Frau Ranke panisch aus. Sofort eilte eine Mitarbeiterin der Maßnahme herbei. „Na ja, Laila wusste ja nicht, dass dieses Gerede bei mir einen schweren Anfall auslösen kann.“ klärte Frau Ranke die Sache freundlich auf. Sie brauchte eben Ruhe und besondere Schonung. Zehn Minuten später plauderte Frau Ranke fröhlich mit Herrn Mayrhofer.

Das bürgerte sich so ein. Es wurde auch zur Gewohnheit, dass Frau Ranke immer ein bisschen später kam. Erst eine halbe Stunde, dann eine, eineinhalb Stunden, manchmal kam sie auch erst gegen Mittag. Immerhin galt es zu vermeiden, durch allzugroße Hektik einen Anfall auszulösen.

Die Mitarbeiterinnen der Maßnahme zeigten sich verständnisvoll. „Immer wenn Frau Ranke kommt, geht irgendwie die Sonne auf!“ äußerte sich eine der Frauen einmal freundlich, als Frau Ranke gerade mit wie üblich ein, zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Bei dem fröhlichen, unkomplizierten Wesen!“

Manchmal vergaß ich mich und fing doch wieder an zu schwatzen. Dann gab Frau Ranke wimmernde Tierlaute von sich und ich verstummte. Vielleicht lag es daran, dass der Eindruck, den man von mir hatte, weitaus weniger positiv war: „Frau Phunk müsste mal ein Anti-Gewalt-Training machen.“ ließ sich eines Tages eine der Maßnahmen-Mitarbeiterinnen durch die geöffnete Tür für alle gut hörbar vernehmen. Ich begriff, dass es im Leben nicht nur auf Pünktlichkeit ankommt.

Sicherlich war es reiner Zufall, dass ich ein paar Tage später in einem Supermarkt von einer Frau, die hinter mir in der Kassenschlange stand, tätlich angegriffen wurde. Der dicklichen Blonden ging es nicht schnell genug. Leider war mein Vordermann gerade erst dabei, seine Sachen aufs Band zu legen. Doch der Frau hinter mir platzte der Kragen. Solche Leute wollten sich halt von einer wie mir „nichts gefallen lassen“. Empört schlug sie mit Email-Töpfen, die sie offensichtlich kaufen wollte, auf mich ein. Jäh aus meinem Trott gerissen von dem Schmerz, den die auf meinen Rücken einprasselnden Töpfe verursachten, klingelte mir das mit dem „Anti-Gewalt-Training“ in den Ohren. Ich hatte einmal Kampfsport betrieben. Zwar bin ich keine Gurtträgerin, aber das monotone Einüben einfacher Schläge, Tritte und Hebel zahlte sich jetzt aus. Die Frau ließ von mir ab. Noch eine halbe Stunde später in der U-Bahn musste ich mich selbst damit beruhigen, dass Supermärkte zum Glück Kamera überwacht sind. Dass ich mich nur verteidigt hatte, war damit stichhaltig bewiesen.

Schauspieler sind die besseren Sozialarbeiter!

In der Jobcentermaßnahme arbeiteten, anders als man es erwarten sollte, keine Sozialpädagogen. Es war z. B. eine Schauspielerin, die uns ein intensives Einzeltraining bot, dass uns immerhin ganz neue berufliche Perspektiven eröffnen sollte. In meinem Fall brachten die schlanke, chic gekleidete Frau mittleren Alters und ich einen Teil des Trainings damit zu, dass wir erörterten, dass die Frau genau wie ich unter Plattfüßen litt. Einmal zog sie sogar einen ihrer zierlichen hochhackigen Stiefel aus, um es mir zu beweisen. Sie müsse sogar Einlagen tragen. Ich fragte sie, wie sie es hinkriegte, die Einlagen in ihre engen Absatzschuhe zu zwängen. Das interessierte mich, denn ich selbst sollte damals Einlagen tragen, konnte aber keine dazu passenden Schuhe finden (Ich habe leichte Spreizfüße und einen relativ hohen Fußrist bei eher schmalen Füßen, nur so, falls es jemand genauer wissen will). „Na ja, nicht immer …“ entgegnete die Schauspielerin mit sanfter Stimme und warf ihr langes Blondhaar gekonnt zurück.

Eine der Mitarbeiterinnen der Maßnahme empfahl mir, mich einmal bei „Schuh-Bär“ auf dem Kurfürstendamm nach Schuhen umzusehen. Da kaufe sie auch oft. Zwar kosteten die Schuhe zwei-, dreihundert Euro, aber dafür sei es Qualität, die lange halte. „Und sooo fußgesund!“ wie die Frau hinzufügte. Ich erhielt damals 90 Euro „Aufwandsentschädigung“ für die Maßnahme plus „Arbeitslosengeld II“, da ich immer Freelancerin gewesen war und somit nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet hatte. Also quittierte ich den „Tipp“ mit einem freundlichen Lächeln und beließ es dabei. Vielleicht kam es auch eher darauf an, mich wissen zu lassen, dass die „Ingenieurin“, die sich nun als „Fachkraft“ für die Wiedereingliederung von „Akademikern“ in den Arbeitsmarkt betätigte, sich Schuhe für zwei-, dreihundert Euro leisten konnte. Und ich nicht. Ok.

Die Schauspielerin empfahl mir, Erzieherin zu werden. Das sei gesucht. Damit hatte sie zwar recht, aber als ich das „Ergebnis“ der Maßnahme beim Jobcenter vortrug, wie man mir aufgetragen hatte, reagierte man dort konsterniert. Dazu sei ein eigenes Studium nötig und ich hätte doch wohl schon studiert …

„Seien Sie ehrlich!“ – andere brauchen die Jobs viel nötiger!

Die „Expertin“ für Bewerbungen in der Maßnahme monierte, dass mein Lebenslauf viel zu unübersichtlich sei. „Stellen Sie die Lücken besser heraus! Das ist es, was potentielle Arbeitgeber interessiert!“ erklärte mir die Frau (sic!). „Und seien Sie ehrlich, bis auf das bisschen Freelance im Ausland haben Sie doch gar keine relevanten Berufserfahrungen vorzuweisen. Und überhaupt, das war doch sicher eher ein Praktikum. Das sollten Sie auch ehrlich so schreiben. (…) Ja, ja ich weiß, ‚Journalistin‘ (…)“ Ich bat die Frau, meine Arbeitsverträge aus dem Ausland zu übersetzen, wenn sie sich da so sicher sei. Die Frau sprach offenbar die Sprache gar nicht.

Frau Ranke kam irgendwann nicht mehr. Vielleicht hatte die Maßnahme bei ihr schneller zum Erfolg geführt als bei uns anderen. Ich las Bücher zum Thema Epilepsie. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich ja schon. Tatsächlich können Stress und extreme Lautstärke epileptische Anfälle auslösen. Durch einfach Gespräche ist das aber nicht möglich, auch in richtig schweren Fällen nicht.

Dafür lag man mir, auch als die Maßnahme für mich schon lange zurücklag, damit in den Ohren, dass auch die Schauspieler prekär lebten und immer auf Jobsuche seien. Und überhaupt, dieses Künstlerisch-Kreative ginge mir doch vollständig ab. Zu den empfindsamen Künstlerseelen hätte ich ja nun so gar keinen Draht und keinerlei tiefergehendes Verständnis. Mag sein. Es klingt nur so, als würden diese Leute für solche Maßnahmen beim Jobcenter arbeiten, um eine Gelegenheit zu haben, mögliche Konkurrenz rechtzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen. Immerhin trauen sich diese Theaterleute (wie viele andere) selbst alles zu, was irgendwie mit Kunst, Kultur und Schreiben zu tun hat. Genau in dem Bereich hatte ich ein Studium absolviert und erste Berufserfahrungen gesammelt.

Damals standen übrigens auch eine Menge SozialpädagogInnen arbeitslos auf der Straße. Man fragt sich schon, warum das Jobcenter die eigentlich nicht eingestellt hat.

Nachsitzen in Sachen Multikulti. Eine Replik auf den Politikwissenschaftler Christian Volk

(Part I): „Volk“ gegen Minderheiten?

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist (…) – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Nein, stimmt. Es war immer beides links: soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit zu fordern und sich gleichsam gegen Diskriminierung und für Vielfalt auszusprechen. Dennoch kommt man bei Volks Essay ins Stolpern. Zwar arbeitet er heraus, dass die Rechtspopulisten, nicht nur hier in Deutschland, auch in Frankreich – Marine Le Pen zum Beispiel – das „echte“, eigentliche Volk, im Sinne von „völkisch“ oder – zahmer formuliert – ethnisch, gegen die Bevölkerung ausspielen, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, aber er übernimmt das rechte Deutungsmuster von den – rechten – „Interessensvertretern“ des „kleinen Mannes“ und den – linken – Eliten (=links). Letztere werden zu Verteidigern der liberalen Gesellschaft, die wiederum sich an den Minderheiten festmacht.

Das ist der erste Stolperstein. Nichts ist so typisch links wie Kritik am „Establishment“ zu üben, auch wenn es stimmt, dass die meisten prominenten Linken selbst zumindest aus dem gehobenen Bildungsbürgertum stammen. Das trifft aber auch auf die Rechten zu. Oder möchte jemand ernsthaft behaupten, dass eine Partei wie die AfD, die ursprünglich als „Professorenpartei“ angetreten ist, von „ganz unten“ kommt? Ist es also legitim, anznehmen, dass „die da oben“ eben tolerant sind, für „Multikulti“, während Proleten und Globalisierungsverlierer das Muffensausen kriegen, wenn zu viele Ausländer da sind? Doch wohl eher nicht.

Der zweite Stolperstein sind die Minderheiten. Ist man wirklich immer auf der sicheren Seite, wenn man sich für Syrer und Schlesier, Maroniten, Muslime, Homosexuelle, Transgender und sexuell Unentschlossene stark macht? Es mag ein bisschen bissig klingen, aber gerade das Assad-Regime in Syrien hat gezeigt, dass auch Minderheiten sich sehr gut als Schutzschild verwenden lassen, im schlimmsten Falle gegen mehr als berechtigte Forderungen der „Mehrheitsgesellschaft“. Aber das ist es nicht, was sich mit der historischen Linken der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sticht. Die Minderheitenpolitik, so wie sie heute betrieben wird, ist ein Kind der späten 1990er Jahre. Sie ist aus dem universitären Elfenbeinturm der Gender-, Black- und Queerstudies in die Gesellschaft eingesickert und eigentlich ein us-amerikanischer Import, nur mit dem Schönheitsfehler, dass es in Deutschland keine schwarze Community gab, deren unverfrorene und zum Teil menschenverachtende Benachteiligung historische Tradition gehabt hätte. Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland keinen Rassismus und keine Ausländerfeindlichkeit gegeben hätte – ganz im Gegenteil, gerade Anfang der 1990er Jahre bewiesen die furchtbaren Anschläge von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen wie tief verwurzelt ausländerfeindliche Ressentiments hierzulande, leider auch im Westen waren.

Aber das rechtfertigt nicht das „Community“-Denken. Dass türkische Erdogan-Fans, die als sog. „Gastarbeiter“ kamen, und linke Türken mehr miteinander gemein haben sollen, als linke Türken und linke Deutsche ist eigentlich eher ein „die Stimme des Blutes“-Denken, das Linken im Grunde zutiefst zuwider ist. Da ist die gemeinsame Diskriminierungserfahrung, mag man einwenden. Das stimmt, aber es stößt z. B. auf, wenn an einer deutschen Uni spanische Studenten, die sich ebenfalls als „Nicht-Weiße“ „positionieren“ gemeinsam mit anderen „Nicht-Weißen“ gegen Kolonialismus und den Rassismus ihrer „weißen“ Kommilitonen und Professoren einprügeln, wie es Rudy Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt in dem „Zeit“-Long-Read „Die neuen Radikalen“ beschreiben. Spanien war eine Kolonialmacht. Sorry, aber wer „Critical Whiteness“ von anderen einfordert, muss auch vor der eigenen Haustür kehren.

Zudem: ein schwarzhaariger Spanier mit dunklem Teint ist unter Umständen genauso von Rassismus betroffen wie ein Marokkaner oder ein Türke, aber darf auch ein blonder Spanier sich als „Person of Color“ und damit als Opfer von Rassismus betrachten? Eher als ein dunkel ausgefallener Deutscher? Genau wie ein schwerer slawischer Akzent in Deutschland oft Assoziationen zu „Russenmafia“ und „Autoklau“ weckt, auch wenn der Sprecher oder die Sprecherin blonder und blauäugiger ist als so mancher Deutscher, aber ist deshalb auch einer wie der AfD-Politiker Georg Pazderski von Ausländerfeindlichkeit betroffen? Denn der hat ja auch ein slawisches -ski im Namen …

 (Part II): Nachsitzen in Sachen Multikulti. Oder: Eine ganz normale Schulklasse

Oder nehmen wir eine x-beliebige Schulklasse in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt, sagen wir mal, ein konservatives, etwas elitäres Gymnasium: Da ist der sportliche blonde Olaf, der sich zu verkaufen weiß und daher Liebling einiger Lehrer ist, nicht aber der aller Schüler, denn Olaf mobbt jüngere Kinder, schwächere Schüler, alle, die nicht so viel Geld haben wie er mit seinen Markenklamotten oder die ihm wegen ihrer linken Hippie-Attitüden auf die Nerven gehen. Dann Moshen, dessen Eltern beide Ärzte aus dem Iran sind. Mohsen tut sich in der Schule schwer und muss ganz schön büffeln. Obwohl er schon ganz sicher weiß, dass er etwas Naturwissenschaftliches studieren wird, sind eigentlich – wenn dann – eher Deutsch und Fremdsprachen seine starken Fächer. In Mathe ist er sogar das absolute Schlusslicht der Klasse. Ali, der erst in der fünften Klasse aus der Türkei gekommen ist, ist in der Siebten auf die Realschule gewechselt. Obwohl er, ein Klassensprechertyp, der durch seine soziale Ader auffiel, überraschend schnell Deutsch gelernt hat und auch sonst als fleißiger, guter Schüler galt, aber fürs Gymnasium hat es eben doch nicht gereicht. Jennifer aus der Hochhaussiedlung hat in der Achten das Handtuch geschmissen. Janny kommt auch aus der Hochhaussiedlung, ist aber ein Ass in Mathe und Fremdsprachen und daher noch mit von der Partie. Wie in jeder Klasse gibt es einen Klassenstreber, nennen wir ihn hier Marco, das absolute Mathe- und Computer-Ass – Onno – und die Außenseiter Lisa und Leon. Die Rolle des Klassenclowns übernimmt Olaf. Die blonde Lenka ist die Klassenschönheit. Sie hat auch recht gute Noten. Lenkas Vater ist Professor für Mathematik und kommt aus Tschechien, ihre Mutter ist Deutsche. Manchmal kokettiert sie damit, dass sie sicher auch Roma-Vorfahren hat. Friesische und niederländische Namen sind durch die Grenznähe in der Stadt und so auch in unserer Schulklasse das Übliche. Der Rest der Klasse hat Familiennamen, die auf -eit, -ski oder -czyk enden, was daran liegt, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört war und die Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen und Oberschlesien bevorzugt dorthin geleitet wurden.

Wen müsste man hier fördern? Mohsen erhält von Haus aus die beste Förderung, die man sich denken kann. Er ist eben nur einfach kein guter Schüler. Das traf auch auf Jennifer zu, aber wer weiß, hätte sie zu Hause die gleiche Unterstützung wie Mohsen erhalten, hätte sie das Abi vielleicht geschafft. Lenka ist in keinerlei Hinsicht benachteiligt, weder von ihrem sozialen Hintergrund her, noch äußerlich, da sie nicht „anders“, nicht einmal südländisch aussieht, aber sie hat ja auch gute Noten, das Studium ist für sie selbstverständlich und wenn alle Stricke reißen, könnte sie sogar den Rest ihres Lebens vergammeln. Lenkas Eltern lieben sie über alles und werden schon für sie sorgen. Beneidenswert. Aber den Migrationshintergrund darf sich Lenka, die ja wirklich aus einer binationalen Familie kommt, attestieren, auch wenn sie es manchmal ein bisschen sehr herauskehrt. Lenka ist mit Olaf zusammen und beide sind mit Mohsen befreundet. Olaf vertritt konservatives, bisweilen rechtes Gedankengut und tritt auf der „Streberin“ Janny herum, die er außerdem als „linke Zecke“ verachtet. Lenka und Mohsen verarschen Janny manchmal ein bisschen. Sie haben ja wirklich einen Migrationshintergrund, aber sie fühlen sich nicht diskriminiert. Ihr Problem sind höchstens Menschen wie Janny. Die hat dem ihrerseits wenig entgegenzusetzen.

Dass ihr Großvater aus Südafrika stammt, verschweigt sie lieber. Sie selbst hat ja nichts mit Südafrika zu tun, und überhaupt: Apartheit, Buren, Lutz Bachmann. Janny ist nicht schwarz und sie kann sich denken, was Olaf, Lenka und Mohsen daraus machen werden. Einmal rutscht es ihr doch raus und die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. „Gelogen, weil die Zecke mithalten will mit den anderen.“ sagen die einen, besonders Lenka glaubt ihr nicht. Olaf macht Witze. Mohsen behauptet, dass Janny nur deshalb so gute Noten in Englisch hat. Es klingt, als hätte er sie bei einem Betrug erwischt. Eine Mitschülerin, die ebenfalls von Jannys Revoluzzer-Attitüde genervt ist, stellt die These in den Raum, dass Janny vielleicht politisch nur deshalb so verblendet sei, weil die einen Großeltern Juden umgebracht und die anderen Schwarze schikaniert haben. Mohsen fühlt sich schließlich von Janny rassistisch diskriminiert. Er hat den Eindruck, dass „Fräulein Neunmalklug“, wie er sie nennt, ihn nicht so recht ernst nimmt. Er fühlt sich von ihr wie ein „Nigger“ behandelt, immerhin ist er doch wirklich „Person of Color“. Lenka bestätigt Mohsens Behauptungen. Auch sie hat den Eindruck, dass Janny unter der linken Fassade ganz schön rassistisch ist. Vielleicht hat sie auch etwas gegen Roma. Lenka fühlt sich jedenfalls auch angefeindet. In Wirklichkeit ist Mohsen neidisch. Mit Jannys guten Noten könnte er durchaus etwas anfangen. Dann würde es vielleicht auch mit dem Studienplatz in Pharmazie klappen und sein Vater wäre stolz auf ihn. Lenka mag Janny einfach nicht. Olaf verachtet sie, wie gesagt, regelrecht. Er reißt ein paar ausländerfeindliche Witze, provoziert Janny mit dem Wort „Nigger“. Darüber lacht dann auch Mohsen herzhaft.

Zwei Jahre später, als Janny das Abi schon hinter sich hat, kommt Jannys kleiner Bruder Floris auf die Schule. Anders als die blasse, braunhaarige Janny schlägt bei Floris das indische Erbe der „Coloured“-Vorfahren aus Südafrika voll durch. Allerdings ist Floris ein Typ wie Mohsen, nur etwas besser in der Schule und so hat er keinen Ärger. Als Janny, die längst woanders studiert und noch einmal in der Stadt, in der sie zur Schule gegangen ist, zu Besuch ist, erfährt sie von einem ehemaligen Mitschüler, dass Mohsen in Dresden, wo er einen Studienplatz ergattert hat (Vor- und Frühgeschichte als Parkstudium, aber vielleicht wird er doch eine Ausbildung machen, Fachinformatiker oder so), von zwei Neo-Nazis zusammengeschlagen worden ist. Auch wenn sie Mohsen nie gemocht hat und er sie zu Schulzeiten ganz schön traktiert hat – das tut ihr dann doch leid. Sie hofft, dass es ihm bald besser geht.

(Fazit) Schaffen wir das?

Die Moral von der Geschicht? Öhm – also, verschiedene:

  1. Diskriminierung macht sich oft, aber nicht nur an der Hautfarbe fest. Wenn man tolerant sein will, reicht es also nicht, nett zu „Persons of Color“ zu sein.
  2. „Persons of Color“ können ihrerseits konservativ oder sogar rechts sein wie Mohsen oder auch links (oder unpolitisch). Das bedeutet übrigens nicht, dass man sie wegen ihrer Herkunft / Hautfarbe diskriminieren dürfte.
  3. Wenn man Leute wie Mohsen nicht mag, heißt das nicht, dass man es okay findet, wenn sie rassistisch und/oder ausländerfeindlich angegriffen werden.
  4. Die Herkunft eines Menschen oder seiner Vorfahren sagt nichts über seinen Charakter aus. Janny ist z. B. keine „geborene“ Rassistin, weil sie einen südafrikanischen Großvater hat. Moshen ist übrigens auch nicht  automatisch frauenfeindlich und antisemitisch, nur weil seine Eltern aus dem Iran stammen und er konservative Ansichten vertritt.
  5. Man muss zwischen persönlichen Animositäten und Rivalitäten einerseits und wirklicher Diskriminierung andererseits unterscheiden.
  6. Lenka verdient kein Empowerment, auch wenn sie diejenige ist, die sich am meisten mit ihrer „Andersartigkeit“ spreizt. Sie ist einfach nicht benachteiligt. Mohsen braucht im Falle des Falles Unterstützung gegen Rassismus, aber nur dann, wenn er wirklich davon betroffen ist, nicht wenn er jemand anderem die guten Noten neidet oder jemanden einfach nicht mag. Janny braucht Untersützung gegen ihre hochnäsigen, konservativen Mitschüler. Olaf braucht von Zeit zu Zeit jemanden, der ihm eine klare Grenze setzt.
  7. Ali, ja, der Ali, der in der Geschichte ganz untergegangen ist, hätte übrigens wirklich Empowerment gebraucht. Aber weil die Großfamilie von Hartz IV lebt, hat das niemand für nötig gehalten. Auch Jennifer hätte vielleicht ab und zu ein paar Mut machende Worte gebrauchen können.

Die Geschichte ist übrigens frei erfunden. Janny, die Linke ist ein bisschen nach dem Vorbild von Geert Wilders gestaltet, dessen Mutter ebenfalls „Person of Color“ war (oder noch ist, keine Ahnung), nur dass der stramm rechts ist. Ob jemand „anders“ aussieht oder ist, sagt eben wirklich nichts über die Person an sich aus. Das ist der größte Fehler der Minderheitenpolitik, wie sie Christian Volk und andere vertreten. Die erfundene Schulklasse ist nämlich eine Parabel auf die multikulturelle Gesellschaft. Die Frage ist, ob wir auf sie vorbereitet sind …

Sprachtalente

Den Schwachen soll man helfen. Den Schwachen, ja, aber auch denen, die es einfach nicht ertragen können, wenn sie andere nicht ausstechen können?

Ich bin ganz gut in Fremdsprachen. Nicht perfekt, nein. Gemessen an Muttersprachlern, sind meine Kenntnisse vielleicht sogar ziemlich dürftig. Das Problem ist, Problem Nummer 1 sozusagen: Ich werde immer an Muttersprachlern gemessen, an Akademikern, gebildeten und sprachgewandten Leuten, meinesgleichen in ausländisch sozusagen.

Manchen ist es einfach gegeben … Wirklich?

Dabei geht es eigentlich um die Deutschen, genauer um die, die sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben haben, ganz gut in Fremdsprachen zu sein. Das habe ich auch niemandem abgesprochen. Umgekehrt wissen die meisten allerdings ganz genau, dass es mit meinen Fremdsprachenkenntnissen soweit her nicht ist. Sagen sie jedenfalls. Der Neffe eines deutschen Kulturstars (so erzählte man mir. Ich bin allerdings in den letzten Jahren so oft angelogen worden, dass ich mittlerweile nicht mehr weiß, was ich glauben soll und daher lieber vorsichtig bin), der im sonnigen Süden aufgewachsen ist, stellte dann auch reinheraus klar, dass er kein Wort verstünde, wenn ich sprechen würde. „Er hat sie ja nicht mal verstanden!“ ereiferte sich auch seine Großmutter, selbst ebenfalls polyglott. Eine andere Frau ergänzte: „Und die mit den südländischen Vorfahren, das bin doch wohl eher ich!“. Stimmt, damit hatte ich ein bisschen kokettiert. Aber die anderen hatten auch immer wieder lang und breit von Masuren und Schlesien erzählt, von den Eltern oder Großeltern, die da gelebt hatten oder zumindest geboren worden waren. Ich tat so, als hätte ich durch die zugigen großen Fenster und die angelehnte Tür nicht gehört, was draußen besprochen wurde. Ein bisschen Wein hatte ich ja auch schon getrunken. Also ging ich nach draußen, verabschiedete mich freundlich und stapfte zur U-Bahn. Ich war zum letzten Mal in dem kleinen, alternativen Gesprächszirkel dabei gewesen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man in diesen Kreisen lobende Worte für Thilo Sarrazin fand, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) viele sich eher ökig-links gaben und man von Leistungsdruck und Strebertum nichts hielt.

Als ich selbst vor langer Zeit in dem Land im Süden lebte, war ich jedenfalls ganz gut für die Einheimischen zu verstehen. Das ist auch immer noch so, wenn ich auf Leute aus diesem Land treffe, die keine deutschen Freunde haben und sich auch nicht sonderlich für Kunst und Kultur interessieren, nicht mit rechtem Gedankengut sympathisieren und sich auch nicht als die Elite der Welt sehen. Sie wissen, dass ihre Sprache nicht meine Muttersprache ist. Ich weiß, dass ich auch nicht unduldsam sein darf, wenn sie Deutsch sprechen, weil es umgekehrt eben genauso ist.

Neulich las ich, dass es viel schwerer ist, in einer fremden Sprache von sehr guten, bereits flüssigen Kenntnissen auf ein sicheres Übersetzerniveau zu kommen, als von „Grundkenntnissen“ zu „guten Kenntnissen“ aufzusteigen. Ich glaube, dass das stimmt.

Mit der nur Deutsch!

Wenn Deutsche dabei sind, ist es aber definitiv aus. Ein Bekannter von mir hat ebenfalls ein Studienjahr am Mittelmeer absolviert. Er hat einen gut bezahlten Job im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, für den seine Sprachkenntnisse keine Rolle spielen. Trotzdem ist ihm das sehr wichtig. Mit keinem Wort oder auch nur Blick hatte ich allerdings auch nur angedeutet, dass es das nicht sein dürfe oder dass er in irgendeiner Hinsicht schlechter sei als ich. Ich hatte nur einmal erwähnt, dass ein Teil meiner Vorfahren aus dem Land stammt. Mit der Sprechen hat das nichts zu tun, denn die wird nicht vererbt. Allerdings stören sich, wie gesagt, viele Deutsche daran, wenn man sich mit solchen sachen ein wenig aufspielt.

Na gut. Eines Tages hatten mein Bekannter und seine Frau eine Südländerin zu Gast. Tatsächlich tranken wir Frauen Kaffee zusammen, bis er dazukam und einen Satz auf der fremden Sprache einwarf. Der Gast antwortete, ebenfalls in der fremden Sprache. Ich ergänzte lachend etwas. Der Gast starrte mich irritiert an und anwortete in einem strengen, sehr bestimmten Tonfall auf Deutsch. Mein Bekannter grinste und ging.

Hilfestellung für Leistungsträger

Manchmal sind andere Deutsche auch wirklich nicht ganz so gut. Auch das kommt vor. Vor Jahren war ich mal auf einem Französisch-Stammtisch, für den man auch noch 5 Euro Teilnahmegebühr zu zahlen hatte. Eine Frau leitete das didaktisch etwas an. Sie hatte gesagt, sie sei zwar keine Französin, aber trotzdem Muttersprachlerin, was etwas fragwürdig war, denn dazu passte ihr Name nicht und sie machte auch gelegentlich kleine Grammatik- oder Wortfehler, was mir nicht entging, aber ich hielt den Mund, da sie die Sprache ansonsten wirklich sehr gut beherrschte und es daher angemessen war, dass sie den Stammtisch leitete. Von ihr konnte man sicherlich lernen.

Jedenfalls sollte ich mit einer älteren Deutschen Konversation zu einem vorgegebenen Thema machen. Die Frau war Anwältin und Französisch ein netter Zeitvertreib für sie. Der Spaß blieb allerdings einseitig, weil die Frau quälend lange brauchte, um ihre Sätze zusammenzubauen und mir keinen Platz für Entgegnungen ließ. Im Grunde war es ein Monolog, aber sie fragte mich zwischendrin (auf Deutsch) nach Worten und ob die Grammatik richtig sei. Schließlich beendete die Leiterin die Diskussion und fragte, ob sich jeder zu dem Gesprächsthema hatte äußern können. „Ach so … oh.“ entgegnete die Anwältin. Offenbar war ihr gar nicht klargewesen, dass ich nicht nur zum Zuhören und als ihr persönlicher Sprach-Coach da war. Vielleicht irre ich mich da aber auch, denn als ich später ging, ohne mehr als einen Satz auf Französisch gesagt zu haben, hörte ich in der Tür gerade noch, wie sie zu der Leiterin sagte: „Eigentlich bin ich ja doch viel besser als sie. Sie hat ja auch kaum etwas gesagt.“

Die Schwachen zuerst!

Zwar hatte ich Französisch schon beruflich verwendet, aber mir war, wie gesagt, klar, dass es nicht perfekt ist. Deshalb war ich unsicher. Würde ich den strengen Anforderungen deutscher Arbeitgeber entsprechen können, selbst dann, wenn keine muttersprachlichen Kenntnisse gefragt waren? Ich beschloss, einen Sprachtest beim Institut Français zu machen. Da ich die Sprache lange nicht gesprochen hatte und mir mittlerweile klar war, dass auch Sprachstammtische und Tandems nicht dazu geeignet wären, beschloss ich, einen Konversationskurs zu machen. Ich fand an einer Volkshochschule einen, der nicht ganz so teuer war und sogar gezielt auf das Examen vorbereiten sollte.

Trotzdem waren vor allem ältere Damen dabei, die ihre Sprachkenntnisse ein wenig pflegen wollten (warum nicht?) und zwei Französisch-Studentinnen, die ein Zusatztraining zu ihren Uni-Kursen wollten. Schnell stellte sich heraus, dass ich die einzige war, die eine Prüfung machen wollte. Eine der beiden jüngeren Frauen war mit dem Kursniveau sichtlich überfordert. Die Lehrerin bemühte sich redlich, die Unterschiede im Kenntnisstand auszugeleichen. Ich fühlte mich ein bisschen wie mit der Anwältin auf dem Sprachstammtisch.

In meinem Kopf stritten zwei Stimmen miteinander.

Die eine hämmerte auf mich ein: „Sie ist so schwach und du bist so selbstsüchtig! Es ist ganz richtig, dass man sie gezielt fördert und du dich gefälligst zurücknimmst. Ja, hast du denn gar kein Mitgefühl! Elende Narzisstin! Ego-Schwein! Kein Wunder, dass niemand dich mag!“

Die andere Stimme war weit weniger kritisch. Vor meinem inneren Auge stellte ich sie mir bocksbeinig und mit Teufelshörnern vor: „Sei nicht dumm! Die blöde Kuh hält hier den ganzen Kurs auf, nur weil ihr dickes Ego es nicht verträgt, dass sie eigentlich zwei Level tiefer steht. Wie oft willst du dich von solchen Leuten eigentlich noch verarschen lassen? Umgekehrt, wenn du dich selbst auch nur etwas zu gut eingeschätzt hättest, würden sie alle keine Sekunde zögern, um dir klarzumachen, dass du zu doof für den Kurs bist und das wird die Kleine ohnehin über dich zum Besten geben, sobald du ihr den Rücken zukehrst. Das kennst Du doch bereits! Soll sie doch an der Uni besser aufpassen oder nach Frankreich gehen oder wenigstens zu Hause nachlernen! Das kann man doch wohl verlangen! Die Lehrerin hilft ihr ohnehin nur, weil sie teure Klamotten trägt und ihr Mäppchen aus feinstem Kalbsleder ist, genau wie bei den alten Tanten. Die hat das Geld, noch x Kurse bei ihr zu machen, um gezielt gefördert zu werden und eines Tages Leute wie dich aus dem Feld zu schlagen, während man dir mit deinem Mix aus Second-Hand, Zeeman und „Ausverkauf bei H&M“ ansieht, dass du dir den Kurs vom Munde abgespart hast. Los, mach den Mund auf! Du hast das gleiche Geld für den Kurs gezahlt! Du hast ein Recht darauf, auch etwas zu lernen!“

Ich machte den Mund nicht auf. Die Lehrerin wurde krank und wir bekamen einen neuen Lehrer. Der legte mit einem Text über erneuerbare Energien einen rasanten Einstieg hin. Ich war hocherfreut, denn ich hatte gelesen, dass so etwas auch in der Prüfung vorkommen könnte. (Ich sollte recht behalten. Als es soweit war, konnte ich für mein Prüfungsreferat zwischen den Themenbereichen Medizin und Wirtschaft wählen). Die Studentinnen blieben weg. Die alten Damen maulten, dass sie lieber Literatur machen wollten. Wir machten Literatur. Die alten Damen kannten aber auch da nicht so viel mehr Vokabeln.

Noblesse oblige!

Dennoch war eine der beiden ansonsten auch gut. Sie sprach gewandt und formulierte flüssig und routiniert. Allenfalls an Vokabular fiel sie leicht ab, vielleicht war das aber auch nur Zufall. Die Frau schien in meinem Viertel zu wohnen, hatte jedenfalls den gleichen Nachhauseweg wie ich. Ich hatte sie ein paarmal höflich angesprochen, spürte aber, dass ihr das nicht recht war. Als ich begriff, dass sie eher ausstieg, Umwege in Kauf nahm, um mir auszuweichen, richtete ich es so ein, dass ich nach dem Unterricht immer noch aufs Klo ging und wenn ich M. dann doch in der U-Bahnstation sah, ging ich nicht rüber, um über den Kurs zu sprechen, sondern tat meinerseits auch so, als hätte ich sie nicht gesehen.

M. war, demnach, was sie erzählte, Renterin und hatte lange im Wirtschaftsbereich, auch im Ausland gearbeitet. Trotz ihres Alters kleidete sie sich teuer und modisch, man könnte sogar sagen, ziemlich jugendlich. Ihren Äußerungen im Kurs zufolge hatte sie jedoch sehr konservative Ansichten. Einiges davon stand so auch später im Wahlprogramm der AfD, aber ich will niemandem, von dem ich es nicht mit Sicherheit weiß, eine Nähe zum Rechtspopulismus aufdrängen. Nur soviel kann man festhalten, dass M. sicherlich keine Linke war, niemand, der besondere Nachsicht mit „Verlierertypen“ gehabt hätte. Ich hielt mich bedeckt. Ich fürchtete mich fast ein wenig.

In der letzten Stunde waren nur noch M. und ich im Kurs. Gleich zu Beginn stellte M. klar, dass sie einen Text besprochen haben wollte, den sie eigens für den Kurs zu Hause verfasst hatte. Ich solle mich zurückhalten, schließlich sei ich gut genug in Französisch und auch sie wolle gefördert werden. Sie müsse, wie sie sagte, ihren Kopf fit halten. Ich protestierte, weil es bei zwei Teilnehmerinnen eigentlich möglich sein müsste, beide zu Wort kommen zu lassen. Dennoch setzte sich M., in der Rolle der sprachlich (geringfügig) Schwächeren durch. Sie erhielt Einzelunterricht, ich war (erneut) dazu verdammt, zuzuhören.

Ich machte die Prüfung ein Niveau tiefer, als ich eigentlich vorgehabt hatte, denn obwohl man mir zu dem höheren Niveau geraten hatte, hatte ich Zweifel, ob ich im Mündlichen bestehen würde. Ich wusste, dass die Prüfungen kein Pappenstiel waren, selbst, wenn man glaubte, schon ganz gut zu sein, und wollte die Prüfungsgebühr nicht in den Sand setzen. Glücklicherweise bestand ich und zu meiner Freude sogar in allen Bereichen mit hoher Punktzahl. Immerhin konnte ich damit wenigstens nachweisen, dass ich mir vollkommend zu Recht Französisch „fließend“ im Lebenslauf eingetragen hatte. Es war blamabel für alle Deutschen, die sich so sicher gewesen waren, dass ich „doch allenfalls A2 sei“, wie ihre französischen Freunde ihnen bestätigt hätten.

Alles eine Frage des Auftretens?

Genützt hat es mir nur wenig. Neulich erklärte mir ein Romanist recht besserwisserisch, dass man bei „Il faut que“ niemals den Subjonctif verwendet (Anmerkung: Man muss gerade in dem Fall IMMER den Subjonctif benutzen!). Woher nehmen solche Leute eigentlich diese Selbstsicherheit, auch noch ihre Fehler und ihr mangelndes Fachwissen als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen?

Sowieso zählt ja nur noch Englisch. Allerdings – und auch wenn ich im Englischen nie so sicher war wie in Französisch (vielleicht sogar gerade deshalb) – frage ich mich, ob das so schlimm ist. Zugegeben, manchmal fühle ich mich geradezu erschlagen von den vielen Leuten, die an einer Ivy-Leage-Uni oder zumindest in Oxford oder Cambridge ganze Studiengänge absolviert haben und lässig in geschliffenem, perfektem Englisch loslegen. So gut werde ich das nie können und eigentlich will ich das auch gar nicht. Wenn in Stellenazeigen „proficiency“ in Englisch gefordert wird, brauche ich mich, so habe ich im Internet gelesen, nicht bewerben, denn dann ist wirklich annähernd muttersprachliches „Oxbridge“-Englisch gefragt. Immer mehr deutsche Arbeitergeber wollen „Oxbridge“. Vielleicht sind die tadellosen Englischkenntnisse aber nicht das einzige, vielleicht ist es auch das Lebensgefühl von M., der viel zu schlechten, aber für eine Studentin auffallend wohlhabenden anderen Teilnehmerin in meinem Französischkurs und des im Sden aufgewachsenen Kulturstar-Neffen, das man gerne im Team hätte. Damit kann ich noch weniger mithalten.

… oder darf es auch mal Spaß machen?

Dafür hat es mir Spaß gemacht, den US-Wahlkampf im Internet mitzuverfolgen. Ich erfuhr, dass es „drüben“ nicht nur Leute wie Donald Trump gibt, sondern auch Menschen wie Bernie Sanders. Ich las, dass viele amerikanische College-Absolventen als Thekenkraft arbeiten müssen, informierte mich darüber, warum in einigen US-Bundesstaaten die Zahl der Heroinabhängigen und Drogentoten exponentiell in die Höhe geschossen ist. Ich erfuhr, was Hillary Clinton dagegen tun wollte, nahm mit Entsetzen davon Kenntniss, wie sehr liberale Kräfte mit Dreck beschmissen werden, wie unfair „Big Player“ sein können. Ich hörte mir Koch-V-Logs auf Buzzfeed an, lachte mit diversen Comedy-Stars mit, schnappte Vokabeln auf, von denen ich nicht weiß, ob es Slang ist, oder ob man das auch im Büro so sagen kann.

über alle Kritik erhaben – die neue Elite

Vielleicht wäre es ehrlich, das so auch in meinen Lebenslauf zu schreiben. Natürlich mache ich das trotzdem nicht. Auch in Englisch werde ich im Übrigen gern rüde korrigiert, auch hier sind es oft Deutsche oder Menschen, die zwar gut und flüssig sprechen, aber keine Muttersprachler sind. Es hagelt verbale Haue und triumphierende Blicke, wenn ich ein Wort falsch ausspreche oder betone, was öfters mal vorkommt. Vor ein paar Monaten erklärte mir eine Frau aus Ungarn in einem genervt-hochnäsigen Tonfall, dass man nicht „to be happy about“ sagen würde sondern dass es „to be happy at“ heißen müsse. Ob ich nicht einmal das wüsste. Im Internet las ich, dass „native Speaker“ „to be happy with“ bevorzugen, „to be happy about“ ok, aber etwas „deutsch“ gedacht ist und „to be happy at“ im Sinne von „sich über etwas freuen“ eigentlich gar nicht verwendet wird. Na ja, wieder etwas gelernt.

Klar, das kommt schon einmal vor, dass man glaubt, etwas genau zu wissen und dann ist es doch falsch. Ist mir sicher auch schon passiert. Allerdings nervt mich die dümmlich-hochnäsige Art dieser Leute langsam, dieses ewige Rivalisieren, erst auf die Tränendrüse drücken und sich als vermeintlich hilflose und von Leuten wie mir unterdrückte Opfer Sonderförderung erpressen und dann von oben herab andere in den Dreck treten.

Neulich erwischte ich einen Spanier, der zweifelsohne sehr gut Englisch sprach und mich häufiger nicht unfreundlich aber sehr gönnerhaft im Englischen korrigiert hatte – etwa so, wie man ein Kleinkind, das es nicht besser wissen kann, tadelt oder eine geistig Behinderte sanft, aber bestimmt auf einen Fehler aufmerksam macht – bei einem dicken Wortfehler. Der war derart typisch für Deutsche, dass ich es, glaube ich, sogar in der Schule gelernt hatte, dass man das so nicht sagen darf. Knapp warf ich das richtige Wort ein. Eine Sekunde lang fragte ich mich, ob ich das Spiel nicht mittlerweile schon mitspiele. Dann sah ich in das Gesicht des jungen Mannes. Ich habe nie so viel Hass und Abscheu gesehen. Wegen eines Wortes? Ich hatte doch umgekehrt auch immer nett gelächelt und mich artig bedankt. Oft hatte ich ja auch wirklich Fehler gemacht. Genau wie er jetzt auch. Offensichtlich hatte ich ins Schwarze getroffen.

Sozialpolitik oder Unisex-Klos?

Tja, das Thema Carolin Emcke bewegt die Gemüter offenbar immer noch. Jetzt geht es offenbar darum, wer das Soziale und die Armut für sich gepachtet hat. „Der opportunistische Ruf nach ‚dem Sozialen’ führt eben nicht zu Inklusion, im Gegenteil: Er markiert Menschen in prekären Lebensumständen auch als geistig arm, als der geforderten Anerkennung nicht fähig.“ schreibt Birte Förster im Merkur.

Aber wer hat das denn behauptet, dass Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, auf jeden Fall schon einmal von vornherein Feinde „der anderen“ sind, der Flüchtlinge und Migranten, Homo- und Transsexuellen, Schwarzen und People of Color, Juden, Behinderten, usw.? Waren es nicht gerade jene Menschen um Carolin Emcke herum, die glaubten, jedes soziale Engagement, das nicht in erster Linie Flüchtlingen zu Gute kommen sollte, sei ein „rechts Blinken“? Vorsicht also vor dem Sozialstaat und vor Mitgefühl mit Armut, sonst ist es nicht mehr weit bis zu einem neuen nationalsozialistischen Terrorregime?

Adam Soboczynski hat in der „Zeit“ angemerkt, „Man wird den wütenden Einwohnern von sozialen Brennpunkten in westdeutschen Städten wie Duisburg, die einer konfliktreichen Armutszuwanderung ausgesetzt sind, kaum mit dem Argument zu Leibe rücken können, sie hätten eine nostalgische „Phantasie der gemeinsamen Zugehörigkeit“ oder lebten in der irrigen Annahme von „organischer Einheitlichkeit“ einer Nation, Gesellschaft oder ihres Stadtviertels.“

Das habe ich als konstruktive Kritik an Carolin Emcke verstanden, denn der Verdrängungsprozess, dem arme „Inländer“ – und zwar sowohl Deutsche als auch Migranten! – durch Zuwanderung ausgesetzt sind, ist kein Konstrukt und keine rechtsextreme Wahnphantasie, sondern leider höchst real. Das Problem ist, und das merkt auch Soboczynski an, dass es hier, sehen wir mal von rechtspopulistischen Parolen ab, keine einfachen Antworten gibt.

Dabei wäre es tatsächlich von vordringlicher Wichtigkeit, zu überlegen, wie man diese sozialen Verdrängungsprozesse aufhalten und die durch Zuwanderung entstehenden sozialen Probleme abfedern kann. Dazu aber braucht es mehr Hirnschmalz, Kreativität und Kompetenz in sozialpolitischen und volkswirtschaftlichen Fragen, als viele aufzubringen bereit sind (oder können, klar!). Carolin Emcke ist der Frage, wie Soboczynski schreibt, ausgewichen. Man kann ihr das nicht persönlich anlasten, aber es macht auch niemanden „rechts“ sich etwas konkreter mit sozialem Sprengstoff auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: wenn es weiter so läuft, wie bisher, dann haben wir es irgendwann, dass neue nationalsozialistische Terrorregime.

Und nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Gewichtung. Dass es z. B. nicht zuviel verlangt ist, wenn Transsexuelle die Toilette benutzen möchten, die ihrem Geschlecht entspricht, auch wenn es nicht ihr biologisches Geschlecht ist, erschließt sich leicht. Da geht’s nur ums Pinkeln. Jede und jeder für sich in der Klokabine. Was kann man schon dagegen haben?

Wenn nun aber das Thema „Unisex-Toiletten“ und zwar flächendeckend und verpflichtend für alle, Thema Nummer 1 auf jeder sozialen Agenda sein muss, ist das etwas anderes. Es ist zumutbar, dass Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren und ihre Identität auf dem Klogang zum Ausdruck bringen möchten, dann eben abwechselnd das Männerklo und die Frauentoilette benutzen. Das sind einfach Luxusproblemchen, die nur eine verschwindend geringe Zahl an Menschen betreffen, denn sogar die meisten Intersexuellen sind äußerlich einem Geschlecht zuzuordnen und identifizieren sich meist auch damit. Auch wirklich transsexuelle Menschen, die sich von Kindesbeinen an als das andere Geschlecht identifizieren, sind sehr viel seltener, als man mittlerweile denken könnte. Dafür weiß jeder, der mit dem Thema Queer ein bisschen Erfahrung hat, dass die Zahl derer, die Aufmerksamkeit wollen und denen es Vergnügen bereitet, andere damit zu drangsalieren, dass sie sie angeblich nicht „als die, die sie wirklich sind“ „erkennen“ (was auch immer mal wieder wechseln kann. Ganz abgesehen davon, dass solche Leute meistens nicht eine Sekunde daran verschwenden, darüber nachzudenken, wer denn ihr Gegenüber ist und welche Gefühle es vielleicht hat, außer vielleicht, dass klar sein muss, dass es kein Anrecht auf was auch immer hat) und wie sie sich ihnen gegenüber zu verhalten haben.

Was denken sich solche Leute eigentlich? Ich hatte mal eine (stark übergewichtige) Ostdeutsche am Hals, die mich des „ausgrenzenden Sprachgebrauchs“ schuldig gesprochen hatte, weil ich von „wir“ und „ihr“ gesprochen hatte, also von der BRD und der DDR, von der Zeit, als es noch zwei Staaten waren. Hätte ich „wir“ gesagt, nur „wir“, hätte die Frau mir vorgeworfen, sie nicht in ihrer Besonderheit erkannt zu haben. Offenbar rechtfertigt es ein solcher Schwachsinn aber, Menschen ganz konkret auszugrenzen und sie über Jahre zu mobben.

Tut mir leid, aber wer so argumentiert, muss sich auch nicht wundern, wenn man für das angebliche „Leid“ solcher Menschen unempfindlich wird. Ganz abgesehen davon, dass ich es wirklich pervers finde, wie sehr sich diese Leute um die Position des „anderen“, Ausgegrenzten, prügeln. Warum muss man hier Mitleid haben, braucht es hier eine Menge Empowerment und Affirmative Action, während man sich da Ausfälle wie „unwertes Leben“ und „Dose auf Dose klappert gut!“ gern erlauben darf?

Es ginge um den Körper, versicherte man mir. Ja, aber gerade der dickliche, große, blonde Frauenkörper hat eigentlich in Deutschland keinerlei Berechtigung, als „andersartig“ wahrgenommen zu werden, entspricht er doch dem von den Nationalsozialisten propagierten Ideal des „Herrenmenschen“. Sarkastisch könnte man anmerken, dass schon einmal ein paar Millionen Menschen für das „Selbstbewusstsein“ solcher Frauen sterben mussten. Bitte nicht wieder!

Wobei ich nicht werten will. Auch kleine, schmale, androgyne, dunkelhäutige und -haarige Menschen sind nicht die besseren Menschen. Gerade nach der Erfahrung von Auschwitz und weil die Menschenrechte keine neue Mode sind, an die man sich erst noch gewöhnen müsste, müsste eigentlich klar sein, dass Dinge wie Körper, Hautfarbe, Ethnie (oder auch „Rasse“, je nachdem, wie man will) einfach nichts damit zu tun haben, wie ein Mensch so ist. Es geht eben nur darum, dass Bevorzugtwerden nicht drin ist, wenn man den historisch tradierten Idealvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Daran kann auch der linguistic turn nichts ändern. Man kann „Andersartigkeit“ nicht einfach herbeirreden, indem man von „Ausgrenzung“ spricht und „Privilegierung“ meint.

Aber diese Leute wollten es sich aussuchen können. Das ist das Problem und vielleicht auch der Grund, warum so viele „Lesben“ homophob sind und warum Frauenhass, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der queeren Subkultur durchaus ihren Platz haben. Man war ja nicht immer so, v. a. nicht immer homo-, bi- und/oder transsexuell. Dafür war ein Großteil der Leute, die so sehr darauf bestehen, mit völkischem Vokabular und Nazi-Phrasen um sich zu werfen, um andere damit zu demütigen, wahrscheinlich auch vorher schon rechts und jetzt ist es eben (wieder) legitim. Weil man sich das in der Rolle „der anderen“ ja leisten kann.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal öffentlich darüber reden, dass z. B. ihr Patenonkel Alfred Herrhausen aus einer nationalsozialistischen Elitefamilie stammt, als Jugendlicher eine sog. „NS-Ausleseschule“ besuchte, wie sein Wikipedia-Eintrag ihm bescheinigt. Nein, damit will ich nicht behaupten, dass sich Herrhausen auch im späteren Leben etwa noch mit dem Nationalsozialismus identifiziert hätte. Davon weiß ich ja gar nichts und da maße ich mir kein Urteil an. Nur geht es um das „personifizierte Gute“, das sich mit Flecken auf der weißen Weste (die im übrigen jeder hat) nicht halten lässt und es vielleicht sogar etwas (wirklich) Gutes wäre, über diese Flecken zu reden, im Sinne einer Auseinandersetzung und eines Zugehens auf die Bevölkerung, nicht im Sinne einer öffentlichen Selbst- oder Fremdkritik.

Vielleicht sollte Carolin Emcke einmal darüber reden, wie es ist, unwahrscheinlich reich zu sein und von Kindesbeinen an der deutschen Elite angehört zu haben. Warum wäre das schlimm? Da mag es ja auch negative Aspekte geben, die vielleicht Menschen wie ich nicht verstehen. Vielleicht wäre es interessant, wenn Menschen, die in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen innehaben und nicht zuletzt deshalb unterschiedliche Erfahrungen machen, sich darüber austauschen könnten.

Im Moment macht es nur eben oft den Eindruck, dass dieses Pochen auf der Position „des anderen“, der damit einhergehenden Unangreifbarkeit, der Identifikation mit allem, was irgendwie vom Mainstream abweicht und dass man anderen das abspricht, dass das in einigen Fällen möglicherweise auch nur eine Form des kaschierten, bildungsbürgerlich verbrämten Hasses ist, im Endeffekt nicht anders und nicht besser als bei den altbekannten Wutbürgern und Hatern aus dem rechten Milieu auch.

Selbst würde ich mir jedenfalls wünschen, dass, wenn mir das nächste Mal jemand „Dose auf Dose klappert gut!“ hinterherruft, Menschen wie Carolin Emcke die Homophobie darin ankreiden. Dazu wäre nicht einmal eine Sympathie mit meiner Person notwendig, die ehrlicherweise auch niemand haben kann, der oder die mich nicht kennt. Anstatt laut zu überlegen, ob jemand wie ich denn überhaupt homosexuelle Neigungen haben kann – eben weil man sich da bereits ein festes Bild gemacht hatte, von einer Weiblichkeit, die zwar dominant und herrisch ist (und keineswegs burschikos), aber eben auch feminin und altmodisch auftritt und einen bestimmten Körpertyp und seine Attraktivität in den Vordergrund rückt – und ob das nicht eigentlich doch legitim ist, mich zu diskriminieren, ob nicht am Ende sogar ich die Böse bin, die versucht, etwas für sich zu beanspruchen, dass ihr doch gar nicht zusteht.