Die Rassismuskeule. Heute: Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, die Rassistin. Also, jetzt haben wir mal wieder so einen Aufreger der Woche. Ein gewisser Thomas Seibert sagt im taz-Interview: „Rassismus liegt dort vor, wo Menschen nach entsprechenden Merkmalen selektiert werden: in solche, die hierhergehören, und solche, die hier nur geduldet sind und bald wieder wegsollen. Das denkt sie wirklich.“ (Interview mit Stefan Reinecke, in: die Tageszeitung vom 15. Oktober 2017). Deshalb, so Seibert, sei die Wagenknecht auch eine Rassistin, denn die Politikerin der Linkspartei hatte mehrfach Kritik an der Flüchtlingspolitik Angelas Merkels geübt.

Sorry Leute, aber ich lese so etwas vor dem Hintergrund der Minderheitenhysterie, die als Dogma in die Welt getragen hatte: Homosexuelle, erst recht Transsexuelle sind links. Egal, was die sagen und auch wenn die AfD wählen. Basta. „People of Color“ sind erst recht links und man sieht auch besser zu, dass man sich nicht deren Unmut zuzieht, denn ansonsten – wie gesagt: ist das dann halt rassistisch. „People of Color“ sind nicht nur Schwarze, nicht nur Menschen, die definitiv so aussähen, als lägen ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern auch Spanier. Schlimmer noch: auch Polen. Sogar Deutsche, die sich eben so fühlen, dürfen sich damit identifizieren. Zur Not werden die flachsblonden Haare halt so lange coloriert bis ein Farbton erreicht ist, der mindestens so dunkelbraun ist wie mein Haar. Das dürfte mir dann ja das Maul stopfen. Aha. So, so. Einmal wieder.

In den letzten Jahren haben die Leute mir so ziemlich alles, was sich irgendwie verdrehen ließ, als „rechts“ gedeutet. Ich soll sogar Sachen gesagt haben, die ich gar nicht gesagt (und auch nicht gedacht) habe, sondern jemand anders. Aber die Leute wollten demonstrieren, dass sie diesen oder diese „jemand anders“ eben mögen. Vielleicht Götz Kubitschek? Neulich las ich in der Zeitung (ich weiß nicht mehr wo), wie ein engagierter linker Journalist ernsthaft darüber philosophierte, wie den jemand mit dem polnischen Nachnamen „Kubitschek“ rechts sein könne. Kubitschek-Frau Ellen Kositza heißt ja immerhin in Wirklichkeit Ellen Schenke. Aber muss man das hier jetzt auch so sehen, dass die sich halt so damit identifizieren, mit dem „Ausländischen“?

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Leute, dass eine wie Alice Weidel mit ihrem „progressiven Lebensstil“ (sogar eine dunkelhäutige Partnerin ha sie ja) in der AfD sein könne. Egal, wie agressiv die Weidel auf Youtube gegen Flüchtlinge hetzte – man ließ keine Gelegenheit aus, um mit einer bunten Homestory an die bundesdeutsche Öffentlichkeit durchsickern zu lassen: Die Weidel ist auch mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie befreundet. Die Weidel ist eine liebevolle Mutter zweier süßer Jungs, die mit zwei Müttern großwerden. Die Weidel geht in der Schweiz in den Kreisen linker Künstler und Journalisten ein- und aus. Ok.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle mal darüber aufklären, was Rassismus ist. Es ist nicht das, was Thomas Seibert dafür verkauft. Seibert meint eine flüchtlings- und zuwanderungsfeindliche Politik. Da kann man ja seiner Meinung sein, dass man so etwas moralisch nicht gut findet, aber Rassismus ist es nicht. Rassismus ist, wenn man Menschen ausgrenzt und/oder ihnen Eigenschaften zuschreibt, die man als „minderwertig“ erachtet, aufgrund äußerer, physiognomischer Merkmale, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Also z. B. wenn jemand behauptet, Schwarze (oder auch Türken) seien nicht so intelligent. Das ist sozusagen die volle Ladung. Wenn ein Iraner sagt, Türken seien nicht so intelligent, ist das auch eine Variante von Rassismus, die zwar nicht in erster Linie auf den physiognomischen Unterschied abhebt, aber voraussetzt, Türken seien eine „fremde Rasse“ und hätten deshalb angeborene, andere Eigenschaften. Deshalb muss auch die mittlerweile salonfähige Form des latenten Rassismus, der darauf hinauswill, dass die Hautfarbe anderer Menschen, ihre physiognomischen Eigenschaften, zentral für ihre Identität seien und deshalb hervorgehoben werden müssten, Rassismus.

Ehrlich gesagt: Ich habe mir bei der Wagenknecht nie irgendwelche Fragen gestellt. Für mich war es einfach eine eher umstrittene ostdeutsche Politikerin. Ich dachte, bei der sei das mehr oder weniger so wie bei uns. Colorful Genes. Ausändische Wurzeln, aber eben Deutsche. Die Info, dass der Vater nun aus dem Iran stammt, ist ja eher jüngeren Datums. Trotzdem: der eher südländische Typ ist halt die Wagenknecht – nicht die strohblonden Queerfeministinnen, nicht meine flachsblonden ehemaligen Mitschülerinnen (obwohl, wer weiß, vielleicht haben denen die Eltern schon als 9jährige die Haare blondiert und die Haut gebleached), nicht die jetzt dunkel gefärbten Kunst- und Kultwissenschaftlerinnen, Literatinnen, Philologinnen, wer auch immer.

Wagenknecht selbst hat die Rassismuskeule übrigens zu keinem Zeitpunkt gezogen (anders als viele andere, wie man leider sagen muss!). Sie darf kritisiert werden und ich muss gestehen, dass ich auch nicht alles gut finde, was sie sagt. Aber ich finde das mit dem „Sie darf kritisiert werden“ gut. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Man ist deshalb kein „Fascho“. Man wird deshalb nicht von aufgeklärten Deutschen gemieden, weil die sich nicht mit vermeintlich „braunem Dreck“ gemein machen wollen. Aber mit der Weidel, mit der haben sie sich durch die Hintertür gemein gemacht. Bleibt abzuwarten, bis es eine Homestory über das „polnische“ Pärchen Kubitschek/Kositza gibt und dass man die auch mal ernst nehmen müsse – haben ja sicher die eine oder andere gescheckte Ziege auf dem Hof. Immer schön bunt! So schlimm kann’s also bei denen nicht sein. Einstweilen wird die Wagenknecht dagegen die „Rassistin“ bleiben. Cheers!

… sagt Laila Phunk, die um ein Haar wirklich „Laila“ genannt worden wäre. Allerdings sollte es ausdrücklich die finnische Variante sein …

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Rassismus einmal anders – die „Mittelmeerrasse“

Margot Käßmann & der kleine Arierparagraf

„Pah! Die Herrenrasse vom Mittelmeer!“ giftete mir eine Frau in meiner Wohngegend hinterher.

Hintergrund: Margot Käßmann’s Kritik an der Familienpolitik der AfD, die letztere mit einer widerlichen Verleumdungskampagne beantwortet hatte (u. a. Spiegel Online hat die Fakten noch einmal zusammengetragen. Dort kann man also noch einmal genau lesen, was da gelaufen ist): Angeblich soll Käßmann etwas dagegen haben, wenn Deutsche Kinder kriegen. Angeblich soll sie allein das schon in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt haben. Tatsächlich war vom sog. „kleinen Arierparagrafen“ der Nazis die Rede – aber bitte, wer glaubt denn ernsthaft, dass Käßmann, die evangelische Pastorin den Deutschen das Kinderkriegen verleiden wollte?

Eigentlich konnte man sich denken, was der Faktencheck dann auch ergab: Käßmann hatte recht scharf kritisiert, dass man gezielt biodeutsche Menschen, also Deutsche reindeutscher Abstammung zum Kinderkriegen ermutigen wollte. Ich finde, da ist eine gewisse Schärfe auch angemessen. Schon Thilo Sarrazin wollte deutschen Akademikerinnen mit Gebärprämien das Kinderkriegen schmackhaft machen. Die Idee, dass bestimmte Menschen angeblich von Natur aus die besseren Gene haben, dass sie intelligenter, leistungsfähiger, robuster und attraktiver sein sollen, entstammt nämlich in der Tat einem dumpfen Rassismus, wie ihn eben last but not least die Nationalsozialisten vertraten (Danach hatte man auch für’s erste genug davon).

Die „Mittelmeerrasse“

Es juckte mir einfach in den Fingern. Als die Sache mit Käßmann auf Twitter trendete, hackte ich flugs in die Tasten, dass Rassismus auch umgekehrt geht: Es gab mal die Idee, dass alle Menschen, die rund um das Mittelmeer leben – Italiener, Spanier, Portugiesen, aber auch Nordafrikaner – Araber, Kabylen – und Juden eine „Rasse“ seien und diese sog. „Mittelmeerrasse“ darüber hinaus anderen intellektuell überlegen sei und auch die höheren Kulturleistungen erbrachte habe. Natürlich ist das Quatsch, genau wie dieses Sarrazin-Denken, und das habe ich in meinem Tweet auch erwähnt, schon weil ich mir denken konnte, dass das ansonsten gegen mich verwendet werden würde.

Die Idee der „Mittelmeerrasse“ beruhte jedenfalls auf der Beobachtung, dass die meisten Bewohner rund um das Mittelmeer einander ähnlich sehen: braun- oder schwarzhaarig (statt überwiegend hellblond oder brünett wie in Nordeuropa), zumeist mit leicht bis kräftig gebräuntem Teint. Tatsächlich wohnte man einst – ähnlich wie bei den nördlichen Nachbarn – ethnisch kreuz und quer „gemischt“: Auch heute noch lebt eine arabische Minderheit auf Sizilien und auf der anderen Seite des Mittelmeers soll z. B. der amtierende tunesische Präsident Beji Caid Essebsi italienische Vorfahren haben. Nichtsdestoweniger sieht sich Essebsi selbst als Araber und Muslim. Es ist schon irgendwie traurig, dass die Welt, insbesondere die akademisch gebildete Welt und obszönerweise oft auch die Vertreter der sog. „Critical Whiteness“ bei einem blauäugigen Araber und Muslim ins Schleudern gerät.

Zunächst aber soll hier gesagt sein, dass sich das mit der „Mittelemeerrasse“ nicht lange hielt. Zwar griffen insbesondere in Italien Nationalisten und Faschisten die Idee begierig auf, denn sie sahen sich bestätigt: Strömten nicht Briten und Deutsche in Scharen ins Land, um die Ruinen der Antike zu bewundern und sich daran zu bilden? Zum italienischen Nationalismus des frühen 20. Jahrhunderts, dessen Größenwahn sich v. a. aus der antik-römischen Vergangenheit speiste, woraus man u. a. eine Vormachtstellung auch für die eigene Gegenwart ableitete, passte die Idee eines vermeintlich kulturell und intellektuell überlegenen „Mittelmeervolkes“ ganz hervorragend. Ansonsten hielten sich italienische Faschisten allerdings mit ausdrücklich rassistischen Statements zunächst zurück.

„Difesa della razza“ – Die Nürnberger Gesetze in Italien

Mit der Anbiederung Italiens an das nationalsozialistische Deutschland führte Mussolini jedoch die sog. „Nürnberger Gesetze“ in Italien ein und ließ zudem ein Manifest mit dem Titel „Difesa della razza“ (deutsch: „Verteidigung der Rasse“, Übersetzung Laila Phunk) schreiben. Darin wurde festgelegt, was speziell die „italienische Rasse“ ausmache. Die „Mittelmeerrasse“ dagegen verschwand in den Annalen der Geschichte.

„Unwerte Leben“ & „Herrenmenschen“ oder: Wollt Ihr den totalen Quatsch?

Mein Tweet schlug ein wie eine Bombe. Ich wurde offline mehrfach dafür verhöhnt. Immerhin, ich muss dazu sagen, dass ich von einem Hipsterpärchen aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung (also keine Nazis! Auch nicht AfD!) einmal als „unwertes Leben“ beschimpft worden bin. Beide – sowohl der junge Mann als auch die Frau – waren hellblond, der „nordische Typ“ also. Offenbar, so könnte man denken, ist allein schon die VORSTELLUNG, dass andere Menschen diesem „nordischen Typ“ ebenfalls Dünkel und Überlegenheitsgefühle, ja vielleicht sogar eine Art überhebliche Verachtung entgegenbringen könnten, für diese Leute einfach unerträglich.

Quatsch ist, wie gesagt, beides: Also sowohl Sarrazin als auch „Mittelmeerrasse“. Deppen und Intelligenzbestien, Kreativlinge und Praktiker, einfältige Gemüter wie auch Menschen mit Esprit und Witz gibt es überall.

gönnerhafter Antirassismus & der völkische Kern der Linken

Ich frage mich bloß, ob dieser neue Antirassismus in Deutschland nicht ein bisschen aufgesetzt ist. Ob es nicht nach wie vor bei einigen Leuten – und eben leider nicht nur bei diesen völkischen Typen von ganz rechts – eher so eine Art Gönnerhaftigkeit ist, also dass „Critical Whiteness“ in erster Linie dazu da ist, dass man den „N-Wort“ und den Türken, auch den Refugees, die man hier MAG, die also auch gebildet sind und auch aus der Oberschicht stammen, mal eine Chance gibt, sich aber nichtsdestoweniger wie zu alten Zeiten einbildet, dass man selbst halt irgendwie doch zu Höherem geboren ist. Ist die Erkenntnis, dass es wirklich nicht von der Haarfarbe (und auch nicht vom Portemonnaie!) abhängt, wie jemand so ist, wie intelligent und begabt, eigentlich überall angekommen?

Ich bin mir da nicht so sicher. Noch in den späten 90ern las ich in Soziologiebüchern, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigten, dass Frauen mit babyblauen Augen und hellblonden Haaren bei der Partnerwahl eindeutig bevorzugt würden, weil das Kindlichkeit suggeriere und daher Beschützerkomplexe wecke. Die Frauen mit den babyblauen Augen und den hellblonden Haaren haben das sicher auch gelesen. Dabei sind sogar in Deutschland nicht alle Menschen als Kinder weizenblond, also nicht einmal alle Biodeutschen, und nur Katzenbabys haben grundsätzlich blaue Augen. Ich fragte mich, wie sich die Mehrheit der Weltbevölkerung, ja sogar die Mehrheit der Europäer und ein guter Teil der Deutschen denn vermehrt, wenn das, was ich gelesen hatte, stimmen sollte. Nach den Regeln der Vererbung müssten wir dann wohl längst alle Menschen „nordischen Typs“ sein …

In den Nuller Jahren hieß es dann, durch die Globalisierung hätten sich auch die Schönheitsideale verändert: Immer öfter hätten Models breite Lippen, dunkle Haare und einen dunklen Teint. Schönheit weise also häufiger als früher physiognomische Merkmale von „nicht-weißen“ oder eben südeuropäischen, mediterranen Menschen auf. Auch hier sollte man aber vorsichtig sein: Immerhin entsprechen nicht alle Nordeuropäer dem „nordischen Typ“ und es gibt auch dunkelhäutige oder jedenfalls „südländische“ Menschen mit schmalen Lippen, die Eskimos, die in Grönland leben, sind ja Dänen und so gesehen ebenfalls Skandinavier und der Rest der nicht ganz so weizenblonden Nordlichter stammte vielleicht von Trollen ab oder der liebe Gott hat sich da etwas einfallen lassen.

Sind Menschen Hunderassen?

Vielleicht fand der liebe Gott zu viel gleiches Aussehen einfach langweilig. Außerdem sind Menschen einfach keine Hunde, aus denen sich bestimmte Rassen züchten lassen, je nachdem ob „Familienmensch“, „Mensch für die Dachsjagd“ oder „generell aggressiver Mensch“, „Mensch für Menschenrennen“ usw.. Wenn man sich auf das Level von Haustieren hinabbegibt und sich mit Dackeln, Schäferhunden und Pitbulls vergleicht, muss schon einiges im Argen liegen.

Ein „hässliches Entlein“ beansprucht zu viel für sich

Dennoch, als ich neulich schrieb, dass ich es gut gefunden hätte, als Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portmann, die nicht ganz so dem Ideal der White-Anglo-Saxon-Protestant-Frau entsprachen, die Leinwände erobert haben, hagelte es wieder höhnische Bemerkungen – eine ganz fiese „Gegenrassistin“ sei ich (und dann auch noch selbst weiß, nur eben nicht „nordischen Typs“). Klar, ich weiß schon, ich sollte mich lieber mit hässlichen Frauen identifizieren, mit zu dicken, zu großen oder behinderten Frauen (obwohl ich weder zu dick, noch zu groß oder behindert bin). Ich erinnerte mich noch, wie ich eine Weile hinkte und eine Frau auf einer taz-Veranstaltungen lauthals ätzte „Tja, HUMPELNDE Frauen will nämlich wirklich KEIN Mann haben!“. Vielleicht ist das nicht ganz falsch, denn zumindest die Dicken und die Großen galten im Nationalsozialismus als schön, weil gesund und stark, physisch überlegen – „Herrenmensch“ eben. Offenbar geht das solchen Leuten runter wie Öl, aber muss deshalb jeder so denken?

Jetzt hinke ich nicht mehr. Ich frage mich allerdings, ob da jemand seine Felle wegschwimmen sieht. Ich meine – auch wenn es mir widerstrebt, diese Menschen auch noch irgendwie zu „trösten“, nur weil sie nicht mehr das Einzige sind, was man gut finden kann und soll – aber es wird doch eigentlich niemandem verwehrt, TROTZDEM Frauen „nordischen Typs“ (wie sie im Übrigen interessanterweise auf taz-Veranstaltungen oft überwiegen, aber das ist vielleicht nur eine zufällige Beobachtung) attraktiver zu finden. Oder haben Sie, lieber Leser, liebe Leserin, je davon gehört, dass man einen Mann als „Fascho!“ oder „homophobe Sau!“ angegangen wäre, nur weil er mit einer Blondine im Arm erschienen ist? Weil er blonde Frauen halt einfach schöner findet? (Wer korpulenteren und/oder größeren Frauen dagegen nicht das Gefühl gibt, auch sehr attraktiv zu sein, gerät in diesem Milieu schnell in den Verdacht der „Homophobie“, auch wenn die Frauen eindeutig heterosexuell sind und kein einziges beleidigendes Wort über Homosexuelle fiel. Das jedoch hier nur am Rande). Aber ist denn, um darauf zurückzukommen, umgekehrt allein der Gedanke, irgendwer, vielleicht nur eine Minderheit könnte es anders sehen, schon bedrohlich? Eventuell wäre es ja sogar möglich, dass auch Menschen gemocht und geliebt werden, die ÜBERHAUPT NICHT irgendeinem Schönheitsideal entsprechen, also weder dem der Nazis, noch dem der Werbung, der „Mittelmeerrasse“ oder sonstirgendeinem?

Opferkonkurrenz: Wenn Blondinen nicht mithalten können

Oder liegt es an der Minderheitenpolitik? Wäre es irgendwie ein Problem, wenn blonde, blauäugige Menschen aus der Oberschicht, wie sie auch die queere Szene dominieren, sich NICHT mit der Opferrolle identifizieren können, eben weil sie als ganz besonders hell ausgefallene Menschen in Deutschland nun wirklich nicht als „Opfer von Rassismus“ gelten können? Nicht dass brünette oder dunkelhaarige Menschen in München, Frankfurt oder auch Bremen zwangsläufig als „die anderen“ erkannt würden – Ich meine, wie gesagt, so eintönig war Deutschland noch nie.

Zumindest macht das alles diese Minderheitenpolitik einmal mehr fragwürdig – also wenn es wirklich nur dazu da ist, dass die Eliten dieses Landes sich als vermeintlich „diskriminierte Opfer“ Extraförderung und weitere Vorzugsbehandlung unter den Nagel reißen …

Sarrazin & die Chancengleicheit

Sarrazin hob auch sehr auf die Intelligenz ab. Neulich versuchte ich noch einmal nach langer Zeit etwas bei der taz zu kommentieren. Da ging es um eine hippe Berlinerin, die sich als „hochbegabt“ geoutet hatte, was der taz-Text verhöhnte. Ich schrieb, dass ich das natürlich nicht beurteilen könne, ob diese Frau jetzt einen abnorm hohen IQ hat oder nicht, dass aber IQ-Tests grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen seien. Sie erfassten nicht alle Facetten von Intelligenz, Menschen wie z. B. Albert Einstein hätten nie einen IQ-Test gemacht, weil es das damals gar nicht gab, Angaben zu dem IQ solcher Leute seien also unseriös, auch heute seien viele Menschen, die auf intellektuellem Gebiet herausragende Leistungen erbringen würden, gar nicht Mitglied bei MENSA. Dagegen könne man mit kostenpflichtigen Kursen für den IQ-Test trainieren, was oft einige IQ-Punkte zusätzlich erbringen würde. Daran könne man sehen, dass – obwohl Intelligenz, Begabungen und sogar Interessen bis zu einem bestimmten Grad tatsächlich erblich sind – auch gezielte Förderung und Ermutigung wichtig sind. Menschen, die viel Förderung und „Empowerment“ (Man kann das auch als „positive Verstärkung“ bezeichnen) seien also nicht zwingend „von Natur aus“ intelligenter, wenn sie im Endeffekt dann sogar NICHT leistungsstärker sind als andere, also eben jene „Mehrheitsgesellschaftler“, die nicht in den Genuss spezieller Unterstützung gekommen sind oder denen man vielleicht sogar gezielt diese intellektuellen Dinge „ausgeredet“ hat, spräche das sogar dafür dass erstere zumindest auf DEM speziellen Gebiet vermutlich eher weniger begabt sind.

Nichts davon enthielt eine Beleidigung oder einen Ausdruck, den man irgendwie als „diskriminierend“ irgendwem gegenüber hätte deuten können. Der Kommentar wurde trotzdem nicht freigeschaltet. Ich hatte das schon einmal. Da ging es um Arbeiterkinder. Später stellte sich heraus, dass mehrere queere Frauen aus dem Umfeld der taz zufällig genau die Erfahrungen gemacht hatten, die ich in dem nicht freigeschalteten Kommentar beschrieben hatte. Offenbar ging es also nicht um die „Netiquette“. Oder es war irgendwie „diskriminierend“, weil ICH es geschrieben hatte. Keine Ahnung.

Man hört öfters von Querelen beim Freischalten bei der taz und dass viele Leute sich ungerecht behandelt fühlen. Ich will mich da insofern nicht einreihen, weil ich zumindest die Leute, die ich von den taz-Veranstaltungen kenne, ziemlich daneben finde und denke, dass man sich mit so etwas nicht unbedingt identifizieren muss. Wer kann in diesem zur Schau getragenen linken Gebaren schon mehr als eine Art radical chic sehen, wenn dann doch immer hier und da mal ein frauenfeindlicher Spruch fällt und man sogar froh sein kann, wenn es nicht gleich Nazi-Sprech ist, weil’s, wenn jemand im Rolli da ist und eine Schwarze das Podium macht, ja sicherlich nicht so gemeint ist und man sich das deshalb auch ruhig mal rausnehmen kann. Nicht mein Ding. Wirklich nicht.

Und wenn Sarrazin wirklich nicht recht hat?

Dennoch: Noch einmal die Frage: Sieht da jemand seine Felle wegschwimmen? Steckt hinter dem ganzen „Diversity“-Gesülz vielleicht am Ende nur die bange Furcht, NICHT attraktiver und intelligenter, sprich insgesamt einfach „besser“ zu sein als andere? Vielleicht hat Sarrazin einfach wirklich nicht recht. Vielleicht ist es nicht nur eine nette, großzügige Geste, das so zu sehen.

Mein kleiner Text über die „Mittelmeerrasse“ ist sicher kein bahnbrechender Beitrag zu aktuellen Debatten, aber er hilft vielleicht, zu verstehen, dass alle Rassisten Arschlöcher sind. Überall. Dann hätte er sein Ziel jedenfalls erreicht.

 

 

Aufgespießt aus dem Berliner Kulturleben. Laila macht die taz-Wahrheit nach

In der taz-Wahrheit macht sich Michael-André Werner Gedanken über die Infiltration unserer schönen Gesellschaft durch „Die strohblonden Provokateure“ – überall AfD’ler Inkognito – quer durch alle Parteien und sogar im so oft als über Gebühr „linksgrünversifften“ Kulturbetrieb (Wer hatte jetzt noch mal das Copyright auf „linksgrünversifft“? Na, egal, so brillant ist das ja jetzt sowieso nicht …). Jedenfalls sollte jetzt die AfD sogar ganz offiziell den Kulturausschuss übernehmen. Weil sie da nicht viel falsch machen kann, habe ich irgendwo, ich glaube im „Freitag“ gelesen.

Viele Kulturschaffende schäumten dennoch – verständlicherweise, denn wer will sich schon eine ganze Legislaturperiode lang Vorschriften machen lassen von Leuten, die sich in erster Linie darum sorgen, dass der deutschen „Leitkultur“ – was auch immer darunter zu verstehen ist – die Vorrangstellung streitig gemacht und den Deutschen der ohnehin nur mit ungenügend geschwellter Brust zur Schau getragene Nationalstolz erst recht gründlich vergällt wird. Gartenzwerge, Brat- und Bockwurst mit Senf oder Ketchup und Socke an Sandale füllen keine Theaterhäuser, sind als Objets trouvés oder Ready-mades à la Duchamp nur begrenzt verwendbar und Musik kann man damit auch nicht machen. Aber was rede ich hier von dada.

Ich habe doch gar keine Ahnung! Tatsächlich erschloss sich mir nicht so ganz, worauf Werner in der taz hinauswollte. Sinn für Literatur habe ich keinen und auch nie angestrebt. Ich weiß also nicht, soll ich nun doch wieder „Neger“ sagen, wenn’s doch aber für einen guten Zweck ist ist und sogar die Linken selbst es sagen? Unter anderem die Frau, die ich flüchtig kannte, und die in die Entwicklungspolitik wollte. „Die Neger (sic!)“ seien „nun einmal dreckig!“ ließ sie, die weit gereiste, mich an ihren Erfahrungen aus der Karibik teilhaben. Zaghaft versuchte ich eine Entgegnung. In Neapel, so versuchte ich ihr klarzumachen, ist es auch okay eine Plastikflasche einfach hinter sich zu werfen, wenn man ausgetrunken hat, was man dem Straßenbild auch ansieht. Da hat es aber nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit der – ähem – „ehrenwerten Gesellschaft“ und damit, dass sich mit Müll Geld machen lässt, v. a. mit Chemieabfällen, die man irgendwo auf dem Land entsorgt und dann ahnungslosen Familien preiswerte Grundstücke fürs Eigenheim anbietet. Aber ich komme vom Thema ab.

Ich selbst sage „Schokokuss“ statt „Negerkuss“, weil ich finde, dass das besser klingt. Irgendwie sinnlicher. Auf jeden Fall schokoladiger. Aber ich finde „Negerkuss“, v. a. wenn man bereit ist, sich im Falle des Falles bei einer Person of Color zu entschuldigen, nicht ganz so schlimm. Nicht so schlimm jedenfalls wie die Behauptung alle „N-Wort“ seien angeblich „dreckig“. Letzteres ist für mich schon ganz klar eine rassistische Äußerung. Bei „Negerkuss“ dreht dafür die taz durch. Dass sie im Kampf gegen Rassismus in Sprache und Literatur diese Frau mit ihren „Erfahrungen“ aus der Karibik durch die halbe Stadt gejagt hätten, ist mir nicht dagegen bekannt. Da steig einer durch. Ist vielleicht doch alles irgendwie unterwandert. Also das Beispiel jedenfalls spricht doch dafür.

Aber wo wir schon dabei sind, Menschen vor allem nach dem zu beurteilen, was man so sehen kann, also z. B. die Hautfarbe, können wir auch gleich auf die schönen oder besser gesagt die Bildenden Künste, zurückkommen. Und damit zum Thema Identität: Darf ich mir einen Richter – Gerhard Richter! – in meinem Chalet in der Schweiz ins Wohnzimmer hängen? Zumal, wenn ich ein hübsches Sümmchen dafür hingeblättert habe? Oder entziehe ich damit dem „deutschen Volk“ identitätsstiftendes Kulturgut, wie die Süddeutsche über das 2016 verabschiedete Kulturschutzgesetz berichtet, das genau das verhindern will. Vielleicht macht so ein Gesetz aber auch v. a. Hehlern und Kuntsdieben das Leben schwer, weil nun jeder Verkauf bestimmter (teurer und alter) Kunstwerke ins Ausland erst einmal genehigt werden muss? Da setzt die „Zeit“ in ihrer Berichterstattung über das Kulturschutzgesetz den Akzent. Richter himself ist – und das berichtet wiederum Spiegel online – offenbar eher unkomplizierten und möglichst gewinnträchtigen Lösungen zugeneigt. Auch die Auktionshäuser sind nicht gerade begeistert. Wer hätte das gedacht. Die Berliner Rechtsanwältin Katharina Garbers-von Boehm sieht geradezu ein wahres „Damoklesschwert“ über Europas Kunsthandel gehängt, wie die „Morgenpost“ sie zitiert. Garbers-von Boehm ist, so erfahre ich im Internet, auf Kunst- und Restitutionsrecht spezialisiert. Da wird sie sich also wohl auskennen. Peinlich auch, dass dann doch Fälschungen im Berliner Kunstbetrieb, u. a. in der Berlinischen Galerie, gelandet sind. Die „Zeit“ hat sogar einen ganzen, spannend zu lesenden Kunstkrimi daraus gemacht.

Den Namen Garbers assoziiere ich ansonsten, wenn ich ehrlich bin, mit ein bisschen Schauspielerei, oder, sagen wir besser: der ganz großen Show, und einem saftigen Arschtritt, aber das war jemand ganz anders, an einem ganz anderen Ort und zu einer ganz anderen Zeit, nämlich noch im vorigen Jahrhundert (v. a., wenn mich meine – äh – Wahrnehmung nicht täuscht (was natürlich sein kann!), hat man mittlerweile auch die Fronten gewechselt und kümmert sich um „Krüppel“, der Junior zumindest). Was wäre wohl, wenn ich den Namen „Meyer“ mal im Internet eingebe? Unter „von Boehm“ sehe ich dann ebendort noch irgendwas mit Fernsehjournalismus und eine Stylistin. Also ganz so gängig wie „Meyer“ ist das dann wohl doch nicht, aber gängiger als, sagen wir mal: „Meyer-Rotbeissle“. Mich interessieren außerdem Raubkunst und Kunstfälschungen viel mehr als Film und Fernsehen. Die Welt der Stars ist einfach nicht mein Ding.

Eine Mitschülerin von mir hat auch Kunstgeschichte studiert. Ich bin, glaube ich, eigentlich eher Historikerin. Aber ich habe auch nur an einer Mini-Provinzuni studiert. Meine Mitschülerin dagegen in Berlin. Ich meine, Berlin! Die hat da schon einen ganz anderen Horizont. Sie und ihr Ehemann, auch ein Mitschüler von mir, wohnen in einem angesagten Szene-Kiez, der aber auch einen relativ hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund hat, sowohl Menschen mit Migrationshintergrund UND Geld und Bildung als auch Menschen mit Migrationshintergrund, die, noch U18, mit ihren Kumpels durch den U-Bahnhof Kottbusser Tor schlurfen und in voller Lautstärke „Du Penis, Alter!“ rufen, während sie einander in die Seite knuffen. „Dickaaa!“ höre ich noch und schon fährt die U-Bahn an. Der Ausgewogenheit halber sollte ich hinzufügen, dass die (biodeutsche) Jugend in Marzahn-Hellersorf vermutlich auch nicht Rilke-zitierend durch die Gegend läuft, aber ich sagte ja schon, dass ich selbst auch keine Ahnung von Literatur habe.

In so einem Multikulti-Kiez wohnen die also, dieses Pärchen, mit dem ich einst in der tiefsten Provinz zur Schule gegangen bin. Der Mann vertraute mir an, dass bei ihnen im Hauseingang öfters türkische Jugendliche rumlungern und ihn anpöbeln würden. „Warum lasst ihr euch das bieten?“ fragte ich. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass der Focus auf „TÜRKISCHE Jugendliche“ lag. Ich hatte verstanden, „JUGENDLICHE, die mich ANPÖBELN“. Ich war schon häufiger von Deutschen, die in solchen Kiezen wohnen, darauf angesprochen worden: „Das is aber total scheiße, wenn die Türken dir hinterherlaufen und dich ne Schlampe nennen, nur weil du’n Mini-Rock anhast!“ hatte sich eine Punkerin aus einem linken Stadtteilladen bei mir beschwert. Ich fragte mich schon ein bisschen, wieso. Ich bin ja nicht die türkische Botschafterin, also, ich bin nicht einmal Türkin. Natürlich muss sich niemand als „Schlampe!“ bezeichnen lassen – ganz gleich von wem -, aber ich dachte, das wäre sowieso klar? Eigentlich verstand ich nicht, was all diese Leute von mir wollten. Nur dass kurze Zeit später Vokabeln wie „Orientalismus!“ und „Antiziganismus!“ auf mich einprasselten. Alles Vergehen, derer ich mich angeblich schuldig gemacht hatte.

Meine ehemalige Mitschülerin zupfte sich, wenn wir uns auf einen Kaffee trafen, gern am Decolleté, also so, als müsse sie es verzweifelt mit ihrem Cardigan oder einem Halstuch bedecken. Wenn ich eine Comicfigur wäre, hätte ich eine Gedankenblase mit lauter Fragezeichen über mir schweben gehabt: „Kalt? Haben die meisten Leute nicht eher kalte Füße oder kalte Finger? Und die friert am Ausschnitt? Oder neidisch? Ich meine, soll ich es sein? Manche haben da ja wirklich etwas zu bieten. Toll! Aber gut …“ „Neidisch“ kannte ich bereits von früher. „Ich habe das Gefühl, Du willst alle Brücken hinter Dir abbrechen. Du dozierst so viel! Und – äh – außerdem haben wir das Gefühl, du bist neidisch auf uns, weil wir nach dem Abi alle ins Ausland gehen!“ hatte sie mir vor vielen Jahren eröffnet. Sie war immer frostiger geworden und ich hatte wissen wollen, warum. Neidisch war ich in der Tat. Neidisch wie Hölle, denn es war der Traum meiner Teenagerjahre gewesen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Trotzdem gönnte ich es ihnen. Ich wollte halt nur auch. Als ich während meiner Studienzeit einmal kurz in Berlin war und sie und einige andere traf, war immer noch Eiszeit. Zehn Jahre später war ich dann selbst auch im Ausland gewesen, hatte dort auch gearbeitet und war deshalb davon ausgegangen, dass sie mich jetzt wieder mag, weil ich ja nicht mehr neidisch bin.

Das theatrale Rumgezuppele am Decolleté hörte nicht auf. Dann fiel der Groschen. Auch, weil es plötzlich hieß, ich glotzte angeblich immer allen auf den Busen. Da es offenbar Frauenpolitik war, seit ich meinen Uni-Abschluss in der Tasche und einen Job gefunden hatte, mir so ziemlich überall hinzuglotzen und die ganz harten Dykes in Kreuzberg es sich auch nicht hatten nehmen lassen, mir zu zeigen, wer Herr im Haus ist – übersetze „Herr im Haus“ mit „starker Pascha“, „dominant“, „Wir sind eben wie Männer für sie!“ – hatte ich es den „Herrchen“ in meinem Leben zwei-, dreimal zurückgegeben. Aber diese ehemalige Mitschülerin? Konnte es sein, dass sich da jemand um jeden Preis „angemacht“ fühlen wollte? Wie sollte ich der Frau freundlich beibringen: „Hör mal, du wärst wirklich die letzte. Ich meine, guck mal in den Spiegel! So klasse siehst du nicht aus, dass Männer wie Frauen auf der Stelle den Verstand verlieren, wenn sie dich sehen, und jedwede Art von zivilisatorischem Verhalten über Bord werfen!“ Ehrlich gesagt, fand ich die ziemlich korpulente, weizenblonde Frau sogar total unattraktiv. Ihr Ehemann, ein ganz ähnlicher Typ, sieht das anders. Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Nur scheinen ausgerechnet solche Leute Schwierigkeiten damit zu haben, das zu akzeptieren. Streng genommen, also nach allem, was ich zum Beispiel nach ein paar Besuchen auf der Webseite von „Missy Magazine“ weiß, ist deshalb ja eigentlich sogar SIE die Lesbe. Wegen solcher Sachen bin ich offiziell auch so homophob.

Zu Teenagerzeiten war das ähnlich turbulent. Eines Tages lief eine andere Schulfreundin von mir mit Eis und lauter Süßigkeiten bei mir auf. Ich fragte mich, was mir die Ehre verschaffte, aber darauf hatte sie offenbar auch gewartet. Genauer gesagt konnte sie es kaum erwarten: „Zwischen J. und mir hat es am Wochenende als du nicht da warst gefunkt!“ Sie zählte mir auf, was sie alles gemacht hatten, und wie weit sie dann doch nicht „gegangen“ seien, denn sie war nicht „so eine“. Bei ihr meinte er es ernst. Das Problem daran war, dass leider ich „so eine“ war. Wir kannten J. aus der Disco und ich hatte seit geraumer Zeit etwas mit ihm am Laufen, was alle wussten. Ich warf die Freundin nicht direkt raus, nahm aber dennoch mit Genugtuung zur Kenntnis, dass er es leider doch nicht „ernst“ mit ihr meinte. Im Kreise meiner Freundinnen war ich daraufhin eine Weile nicht erwünscht. Dafür lästerte die eine gern mit der anderen in meinem Rücken: „Ich glaube, J. hat AIDS!“, „Nee, ich glaube, der hat Krebs, das habe ICH zumindest gehört.“, „Also, hat der jetzt Krebs oder AIDS?“

Dafür klebte ich schnell einem anderen jungen Mann an den Hacken, wenn auch ohne es zu wissen. Meine Perspektive war, dass ich mich ein paar Mal in der Pause mit M., den ich so ganz nett fand, unterhalten hatte. Ich kannte ihn aber nicht näher und hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern, u. a. weil ich den älteren Bruder von M., der auch auf unsere Schule gegangen war, als nicht ganz so nett in Erinnerung hatte. Meine Mitschülerin – die mit dem Decolleté – hatte da eine ganz andere Wahrnehmung. „Laila ist total hinter M. her!“ Sie sprach jeden Buchstaben des Namens einzeln aus, als bereite ihr das einen besonderen Genuss, aber das kann ich hier aus Gründen des Datenschutzes nicht ausschreiben. Es ergab sich so, dass er fortan von meinen Freundinnen oder besser gesagt, nicht-mehr-Freundinnen umringt war. Ich ließ das auf sich beruhen, denn die kluge Strategin weiß – sind sie an ihm dran, kommen sie nicht darauf, an wem du wirklich Interesse hast …

Deshalb war ich auch nicht so erfreut, als M. plötzlich an meiner mehrere hundert Kilometer entfernten Uni auftauchte, als ich im dritten Semester war. Zwar hatte ich bereits Brüderchen gesichtet, doch der hatte mich nur angeglotzt als sei ich eine Erscheinung und sich dann ein „Hi!“ abgerungen, was ich erwiderte. Mehr hatte ich mit dem nicht zu tun. M. hatte vermutlich, angestachelt durch meine nicht-mehr-Freundinnen, den Eindruck, auf eine liebestolle Hyäne zu treffen, die sich nur geschickt verstellt, wie ein Undercover-Agent des CIA, der auch für den KGB unterwegs ist, und beiden vormacht, ein deutscher Alt-Nazi zu sein. Dennoch fragte ich mich: „Was lungert der BEI DEN KUNSTHISTORIKERN rum? Der macht doch was ganz anderes. Sollte er da nicht besser im D-Gebäude sein?“ Da war er mir jedenfalls lieber als in der Nähe eines Haufens klatschsüchtiger Neurotiker (Die später jedesmal, wenn sie an mir vorbeikamen, glotzten, als würde da ein ganzer Zoo zu ihrer Belustigung aufgefahren: Die andere „Lesbe“ (die gar keine gewesen ist, aber das wissen sie wahrscheinlich mittlerweile), der Punk mit dem knallbunten Iro, ein Haufen langhaariger Männer und ein paar kurzhaarige Frauen , …). Zur Rede gestellt lieferte M. (der aus kunsthistorischer Perspektive akzeptabel ist oder es damals zumindest war) auch die Erklärung für die langhaarige Blondine gleich mehr als bereitwillig und mit einem fetten Grinsen mit: „Eine Freundin von mir und meinem Bruder.“ Ich sah ihn ein paar Tage später noch einmal – grinsend – und dann nie wieder. Vor ein paar Jahren las ich aber von ihm in der Zeitung (Diese Armada an bizarren Leuten, die ich am Hals habe, kann jetzt mal haarscharf nachdenken, wer es sein könnte. Vielleicht hat er die dann am Hals und ich habe meine Ruhe. Geschähe ihm vielleicht ganz recht. Vielleicht gebe ich bei Gelegenheit noch ein paar Tipps und es gäbe da evtl. auch noch ein paar andere, …)

„Teatrum mundi!“ – Das wusste man schon im Barock, dass die Welt einfach nur ein großes Theater ist, in dem die Eitelkeiten der Welt zur Schau gestellt werden. Daher halte ich mich fern von Institutionen, wie z. B. dem „antisexistischen Infoladen“, einer der Berliner Orte, wo man es genau nimmt mit Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Da war ich einmal auf einer Veranstaltung und ich begegnete einigen der Frauen, die auch auf der Veranstaltung gewesen waren, dann noch ein paar Mal „zufällig“. Auch, wenn ich sagen muss, dass da in Punkto „Empowerment“ offenbar noch so einiges brachliegt, da sie jedesmal weghoppelten wie aufgescheuchte Kaninchen, sobald sie gesehen hatten, dass ich begriffen hatte, dass ich nicht ganz unbeobachtet geblieben war mit irgendeiner Bekannten auf irgendeiner Bank am Straßenrand zum Beispiel. Hätten diese Frauen mir nicht als knallharte „Dykes“ mit einer martialischen Härte entgegentreten müssen, um mir die Meinung zu geigen für etwas, das ich ihnen gar nicht angetan hatte? Aber auch dort, also im „antisexistischen Infoladen“ oder seinem Umfeld (jedenfalls auf dieser Veranstaltung, wo ich mal war) gibt es eine Psychologin. Vermutlich kennt sie ihren Bandura und weiß: steter Tropfen höhlt den Stein, wenn man es den Leuten nur immer wieder einbimst, kann man alles von ihnen haben – „Bestärkung“ positiv/negativ – je nachdem – und „Selbstwirksamkeit“ oder eben nicht, um hier mal mit ein bisschen Fachvokabular zu protzen. Mich wundert nur, dass ausgerechnet diese Linken anscheinend auf Behaviorismus stehen … (Außerdem haben sie offenbar ein bestimmtes Buch über Sozialpsychologie gelesen und versuchen jetzt, zu testen, ob das klappt, was da steht)

So gesehen muss es bei dieser Variante von Feminismus, wie ich ja bereits andeutete, ein bisschen (gelegentlich auch ein bisschen mehr) Frauenfeindlichkeit sein, damit die eine Sorte Frau sich nicht ZU wohl in ihrem Körper fühlt (die, denen es nicht zusteht. Leider gehöre offenbar ich dazu) und die andere Sorte Frau (die, die „MAN hier mag“, wobei „man“ linksradikal, Junge Welt, taz und Russia Today, aber auch AfD und gutbürgerlich sein kann) sich ihr Selbstbewusstsein stärken kann. Nicht mein Ding.

Ich halte mich aber auch von Charlottenburger Galerien fern oder von so obskuren Einrichtungen wie z. B. „Art-Stalker“ in Charlottenburg. Dann doch lieber Kunst RAUBEN als andere Leute STALKEN, finde ich, ganz gleich, ob es nun für den Feminismus ist oder um die Schönheit dieser Welt zu zelebrieren, indem man anderen Leuten im öffentlichen Raum zusetzt. Dennoch – es hieß „Die Leute mobben nun einmal gern!“ und daher darf man annehmen, dass letzteres, wie bereits bemerkt, ohnehin das liebste Hobby der Berliner Frauenwelt (und nicht nur der) ist, zumindest der adipösen, sehr großen und nicht mehr ganz so jungen, aber dafür eben nicht nur der linken, sondern auch der rechten und der ganz rechten Frauenwelt (Irgendso ein Edel-Nazi trug’nen – leicht hängenden – BH unter dem Fred-Perry-Hemd, das konnte ich nicht einordnen, da war ich total verwirrt, ob’s nun Männlein oder Weiblein ist). Ouff, das war jetzt sperrig! Die nicht mehr ganz so Jungen beiderlei Geschlechts (halten wir das hier mal offen!) humpeln, um ein bisschen Abwechslung in die Sache zu bringen, auch gern fünfmal an der Bushaltestelle an einem vorbei, um dann beim sechsten Mal ZEIGEN zu können, dass sie doch ganz normal, sogar noch richtig jung-dynamisch gehen können.

Alles nur geschauspielert. Yvonne Falckner aus Berlin ist sogar Schauspielerin UND Krankenschwester. Und macht sog. „CareSlams“, um der Pflege eine Stimme zu geben, wie es heißt. Behinderte wollen sich und ihre Körper zeigen, so ist wohl das Motto. Die Frage ist, ob es so sehr sein muss, dass andere deshalb ihren Alltag kaum noch aufrecht erhalten können. Ich meine, Sie würden nicht einmal bei Cara Delevingne wollen, dass sie Ihnen ständig an den Hacken klebt, also: Cara Delevingne vor dem Regal, wenn Sie gerade Waschpulver kaufen wollen – Erst einmal gucken Sie sich bitte Cara an! -, Cara Delevingne, wenn Sie gerade überlegen, ob sie sich ein Eis holen sollen – Erst einmal rufen Sie sich bitte noch einmal Cara ins Gedächtnis! -, Cara Delevingne, wenn Sie an der Bushaltestelle warten – nicht, dass Sie Cara vergessen! -, wenn Sie auf dem Weg zu Freunden sind – Vielleicht sollte es besser niemanden geben, der für Sie wichtiger als Cara ist, denken Sie doch bitte daran! -, wenn Sie sich mit der Frau vom Kiosk unterhalten, Cara Delevingne, wenn sie einkaufen, in der Bücherei Bücher ausleihen oder sich nach dem Schienenersatzverkehr für die U-bahn erkundigen wollen. Es ist so, dass man nicht Cara Delevingne nicht mag. Man mag sie einfach nicht ständig an einem dran kleben haben!

Über diesen CareSlam hat darüber v. a. die etwas zwielichtige „Epoch Times“ berichtet, aber dahin möchte ich jetzt nicht verlinken. Nach meinen oben beschriebenen Erfahrungen hielte ich es nicht einmal für unmöglich, dass sich sogar Leute in den Rolli setzen, die körperlich total fit sind, nur um mal zu sehen, ob andere ihnen das abnehmen, wie gut die Performance so ist. Irgendwie geht es ja immer darum, anderen etwas „vorzugaukeln“ und sie in jede beliebige Richtung zu manipulieren (zB, wenn nur noch die Dicken und die Rechten in der Nähe sind und alle anderen einen „abblitzen“ lassen, dann wird man doch wohl lernen, die Dicken und die Rechten zu lieben – egal, wie widerlich sie sind und wie widerlich man sie findet – und den anderen bitteschön immer schön das Selbstwertgefühl und die linke Politik zu überlassen, aber das ist jetzt wieder Sozialpsychologie, siehe oben. Außerdem passt es besser zu den queeren Frauen, die halt alle körperlich „Abweichenden“, auch die „Krüppel“, in ihr Herz schließen wollten. Offenbar lastet das letztere aber nicht aus.). Eventuell gibt es dafür sogar eigene Agenturen. Ich googele das mal: Irgendwo eine Agentur, bei der man Elvis-Doubles mieten kann, eine Künsteragentur Ute Nicolai, die jede Menge großer Namen unter Vertrag zu haben scheint – offenbar etwas seriöser! – dann sowas wie „Crush agency“ oder „Velvet“, Anke Balzer, Neidig, … Vielleicht bin ich eher beim Karnevalsbedarf richtig, mit meinem Anliegen. So kommt mir das jedenfalls vor. Immerhin habe ich mich mal um einen Job beworben in einem Laden für den protestantischen Narren beworben. Habe ich aber nicht gekriegt. Dafür weiß ich jetzt, dass es sogar im Herzen Preußens einen Karnevalsbedarf gibt.

Nun habe ich diesen ganzen Stuss geschrieben, nur um der taz-Wahrheit Konkurrenz zu machen. Das wird’s wohl sein. Und es ist nicht einmal geglückt. Buhuuu ….

Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

Wahlerfolg der AfD – Warum es doch ums Soziale geht

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft. Überall im Osten haben die Rechtspopulisten abgesahnt. Auch im Westen: in Gelsenkirchen, Duisburg, Essen. In Südostbayern, direkt an der Grenze zu Österreich, sind sie zweitstärkste Kraft, obwohl die Gegend nicht arm ist und jeder, dem Merkels Flüchtlingspolitik nicht passte, auch CSU wählen konnte.

Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski ruft zum antifaschistischen Kampf auf, man müsse die Zeit nutzen, um etwas gegen Rassismus zu tun. Haznain Kazim und Ferda Ataman äußern sich ähnlich auf Spiegel Online.

Das, was es ein bisschen schwierig macht, und vielleicht hat es auch indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen hat, ist – Der einzige der drei, der wirklich von Rassismus, ich meine Rassismus im engeren Sinne betroffen sein dürfte, ist Kazim. Die semmelblonde Stokowski dürfte vom latenten Rassismus in unserer Gesellschaft eher profitiert haben – was nicht ihre Schuld ist! -, Ataman hat einen türkischen Namen, Nazis und Rechtspopulisten mögen keine türkischen Namen, das ist schon richtig, nur sieht man ihn auf der Straße nicht, den Namen. Man sieht – jetzt dem Foto nach zu urteilen – eine blasse junge Frau mit dunkelbraunen Haaren. Ich habe ganz ähnliche „Farben“ – Man gehört in den Ländern rund ums Mittelmeer vom Äußeren her zu den etwas heller Ausgefallenen, kann fast überall in Mitteleuropa als „Einheimische“ durchgehen, nur nehmen einem die Leute eben nicht gerade „Nordisch by Nature“ ab, um es mal mit den Worten von Fettes Brot zu sagen …

Dass Ataman sich als „Woman of Color“ betrachtet, finde ich allerdings überzogen. Manchmal macht einen das aggressiv, v. a. wenn solche Leute alles irgendwie als „Rassismus“ deuten wollen. Dann war da die türkische Journalistin, die ich mal auf einer Podiumsdiskussion erlebt habe. Die Dame hatte mittelbraunes Haar, einen sehr hellen Teint und beklagte sich, dass die Leute sie nicht als Ausländerin, als „Andere“ erkennen würden. Nein, das würde ich auch nicht erkennen. Sorry. Einige Frauen aus meiner Studienzeit scheinen sich mittlerweile sogar einen Migrationshintergrund angedichtet zu haben, den sie eigentlich nicht haben. Von den vielen spätberufenen Lesben, von denen viele mittlerweile „schwule Transmänner“ sind, weil sie halt doch eigentlich rein gar nichts mit Frauen anfangen können, mal ganz zu schweigen …

Hauptsache „anders“, dann lässt sich auch rabiat für Minderheitenförderung eintreten – mensch selbst gehört ja auf jeden Fall zu denen, die davon profitieren.

Dennoch verstehe ich auch Kazim. Ein kleines bisschen kann ich mich da sogar hineinversetzen, glaube ich. Als im Laufe der Nuller Jahre Stars wie Natalie Portman und Salma Hayek die Leinwände eroberten, triumphierte ich heimlich. In der Grundschule hatte ein Mitschüler sich darin gefallen, mich „Kongolippe“ zu rufen (Ich habe einfach ziemlich breite Lippen, soll’s manchmal geben …). Plötzlich aber waren dunkle Haare und volle Lippen Hollywood tauglich – und zwar für die Hauptrolle! Für die Frau, die attraktiv und sexy sein sollte. Nicht mehr nur flachsblonde ätherische Frauen mit schmalen Lippen und kaum wahrnehmbaren Augenbrauen. Frauen wie Cameron Diaz, Gwyneth Paltrow oder Alice Weidel. Frauen, wie sie in Deutschland als ästhetisch genug gelten, um Tagesschau-Sprecherin sein zu können. Das war wirklich jahrzehntelang so krass, also eben nicht einmal auf dem wirklich rassistischen Level, sondern allein eine Frage zwischen Flachsblond (weiß + hübsch) und dunkelhaarig (weiß + nicht so hübsch, eher „praktisch“ vielleicht).

Ich kann mir denken, dass Ataman es gut findet, wenn mal eine Türkin die Nase vorn hat. Oder dass afrodeutsche Frauen nichts dagegen hätten, wenn mal eine Woman of Color – eine richtige! – die sexy Hauptrolle in einem Blockbuster hätte.

Ich weiß aber auch, dass „Kongolippe“ in meinem Fall nicht so schlimm ist. Ich bin ja nun einmal wirklich und ohne wenn und aber Weiße. Ich weiß, dass man mich ruhig schlagen oder angrapschen darf. Oder mir „unwertes Leben“, „kesser Vater“, „Fickmaus“ oder was auch immer an den Kopf knallen. Ich bin ja Weiße, nicht wahr? Lesben sind ganz andere – Alice Weidel zum Beispiel. In meinem Fall macht das doch dann nichts. Und für die „Fickmaus“ bin ich ja nun wirklich nicht hübsch genug, sodass es doch vielleicht eher als „ironisch gemeint“ gewertet werden kann (Ganz abgesehen davon, dass es von einer Adipositasfrau kam und somit ja sogar Empowerment FÜR Minderheiten ist).

Nach mir kann man gefahrlos treten, ohne sich irgendwie als „DiskriminiererIn“ fühlen zu müssen. Als ich im „Spiegel“ von vorletzter Woche über den somalischen Blogger Muse Duco lese, der als Refugee in Ostdeutschland lebt und dem bereits die Schneidezähne rausgeschlagen worden sind, weil ein paar ortsansässige Männer den „N-Wort“ nicht so mögen, schnürt sich mein Hals zu. Für einen kurzen Moment kriege ich keine Luft mehr. Duco berichtet im „Spiegel“ er habe Anzeige erstattet, aber das Verfahren sei kurze Zeit später mangels Beweisen eingestellt worden. Dafür hat man gegen ihn Anzeige erstattet, als er – wieder einmal provoziert – grob geworden ist. Diesmal fanden sich offenbar Beweise. Ich sitze auf meinem Bett. Ich habe die Grippe und deshalb habe ich mir ausnahmsweise den „Spiegel“ gegönnt, also, ich habe ihn gekauft, um etwas zu lesen zu haben. Ich weiß, dass die Atemnot eine Panikattacke ist. Und es ist auch ebenso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist.

Hasnaim Kazim übertreibt ganz sicher nicht. Ich kann mir das, wie gesagt, alles schon ganz gut vorstellen.

Allerdings leben Kazim, Stokowski und Ataman auch nicht in dem gleichen Deutschland wie ich. Eigentlich, so ist mir vollkommen klar, darf ich mich auch nicht als „arm“ betrachten, obwohl ich rein vom Geld her seit 10 Jahren unter der Armutsgrenze lebe. Aber ich habe studiert und wirklich „arm“ sind nur Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder Maurer gelernt und berufsunfähig wegen der Wirbelsäule oder so. Solchen Leuten kann man helfen. Mit solchen Leute hat man Mitleid. ich sage nicht, dass man es nicht haben soll ….

Mein Deutschland kommt in den Medien nicht vor. Überall kann man lesen, wie wohlhabend hier alle sind, dass die Arbeit angeblich auf der Straße liegt. Wer will, der kann doch! Eigentlich, so könnte man denken, müssen wir uns nur noch ein bisschen um Critical Whiteness kümmern und dann wäre Deutschland ein echtes Paradies.

In meinem Deutschland leben die Leute sehr viel schlechter als vor 10 Jahren. Sie haben keine Perspektive. Sie haben Angst, keine Wohnung mehr zu finden, die „das Amt“ zahlen würde. Ganz abgesehen davon, dass ohnehin niemand an Hartz-IV-Empfänger vermieten will. Auch nicht an andere Leute, die billige Klamotten tragen, die den gleichen Rucksack tragen, wie die Junkies, die in der U-Bahn betteln gehen. Hat 8 Euro gekostet. In der Produktbeschreibung stand: „robust und wasserdicht“. Das interessierte vermutlich auch die „Straßenfeger“-Verkäufer …

Leider – und ohne dass ich Wert darauf legte, sie als Landsleute zu haben, leben die Leute in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen, Berlin-Spandau und Ost-Berlin, vermutlich auch anderswo in Ostdeutschland, in meinem Deutschland, das Land, das in den Medien nicht mehr vorkommt.

Diese Leute glauben, dass sich etwas an ihrer wirtschaftlichen Lage ändert, wenn man das Existenzrecht Israels in Frage stellt – der neueste Coup von Alexander Gauland, wie ich heute Morgen im Deutschlandfunk hörte. Oder wenn man Menschen wie Duco, den somalischen Blogger zusammenschlägt, am Ende aber – was für ein widerlicher Witz! – er es ist, der die Anzeige am Hals hat. Oder wenn man die „Ehe für alle“ rückgängig macht. Als ob davon, dass Homosexuelle NICHT heiraten dürfen, irgendwer endlich einen guten Job kriegt …

Trotzdem – diese Leute – die Rechtspopulisten! – dürfen ja. Sie haben ja Alice Weidel. Und Achille Demagbo. Einen Bosnier hier, einen Tschechen da, einen homosexuellen Griechen außerdem auch.

Darum geht es aber nicht. It’s all about justice, baby! Gerechtigkeit – auch und gerade soziale! – und Fairness sind das einzige Gegengift gegen Rechts, der einzige Garant, auch für politische Stabilität. Das muss unsere Gesellschaft aber vermutlich erst wieder lernen. Sie täte gut daran, es auch zu tun.

Wenn im Regenbogen eine Farbe dominiert – Minderheitenpolitik von rechts

She’s so stunning! Is she? Ist Alice Weidel mit ihrer Regenbogenfamilie eigentlich ganz ok oder ist sie nur ein Symptom, eine Masche der neuen Rechten, an der auch das Queer- und Critical Whiteness-Lager nicht ganz unschuldig ist?

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“ – Das ist Stuss, schon auf den ersten Blick klar als solcher erkennbar. In die Tasten gehauen hat es offenbar AfD-Shotting-Star Alice Weidel – Eine E-Mail von 2013, die plötzlich aus der Versenkung aufgetaucht ist und so absurd erscheint, dass man es eigentlich kaum glauben kann und sich fragt, welche Finte jetzt schon wieder dahintersteckt. Ernsthaft dagegen angegangen ist Weidel jedenfalls nicht. Und die AfD wurde belohnt. Ihr werden jetzt 12% für die Bundestagswahl prognostiziert.

Der neurotische Wahlkampf – ein Mix aus rassistischen Ausfällen, abstrusen Unterstellungen und „Seht her! Wir sind gar nicht so!“ – scheint sich auszuzahlen. Warum?

Minderheitenpolitik – wer hat das Abo drauf?

Ein bisschen ist wohl auch die Gegenseite schuld, ein Minderheitendiskurs, der dermaßen aggressiv ist, dass man sich beinahe fragt, ob es Absicht ist, ob den Rechtspopulisten damit in die Hände gespielt werden soll. Da geht es um Essen, dass man nicht essen darf, weil es „nicht-weißes“ Kulturgut ist, um Kreuze, um die Burka, um den Holocaust – Wer hat jetzt das Abo auf Israel? Und: Ist es bei George Soros Antisemitismus, obwohl der Netanjahu den doch auch nicht leiden kann, usw.. Es geht um Menschen, die man in jedem Fall „positiv wahrzunehmen“ hat – „positive Diskriminierung“ eben – und solche, denen es eine Lehre sein soll, denen man es jetzt mal „zurückgeben“ will. Schon klar, dass alle, die diese Politik vertreten, selbst „Minderheit“ sind. Sonst würde das ja keinen Spaß machen – im Zweifelsfall ist es eben der schlesische Opa, das „polnische Erbe“, das nicht gelebt werden kann. Die Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ haben deutlich werden lassen, dass man – nein „mensch“ sogar extrem homophil sein kann, wenn mensch was gegen Homosexuelle hat, oder die „Ehe für alle“ gar nicht mal so toll findet.

Hysterie von rechts oder knallhart kalkuliert?

Dabei kam auch das Überzogene, Hysterische, manchmal fast Psychotische zum Tragen, mit dem aber auch die AfD Wahlkampf macht. „Herzlichen Glückwunsch, Alice Weidel!“ könnte man sagen: „nicht nur homosexuell – die Partnerin auch „woman fo color“! Alles richtig gemacht! Der Lebensstil des 21. Jahrhunderts!“ Schulterklopf! OMG – She’s so stunning! Dann die Haushaltshilfe – eine Asylbewerberin aus Syrien, die Weidel schwarz beschäftigt haben soll. Falls die AfD-Politikerin damit vorgeführt werden sollte, war das wohl ein seltsam schwacher Versuch: Putzfrauen kriegen ihren Lohn meistens cash auf die Kralle, der, den Weidel gezahlt haben soll, scheint darüber hinaus fair gewesen zu sein. Als Aufreger reicht das wohl nicht. Aber nein, Weidel, so wird jetzt behauptet, habe die Frau auch gar nicht schwarz beschäftigt. Sie sei mit ihr befreundet. Ganz toll, Alice! Nochmal Schulterklopf!

Ist das jetzt wie Mathe? Das rechtsextreme Geschwalle aus der E-Mail aufgerechnet mit dem ganzen Positiven, dass die Frau doch auch „geleistet“ hat, wenn man es jetzt mal so nennen will, macht dann: insgesamt schon ganz ok?

rechte Minderheiten, linke Minderheiten

Nein, danke! Ich habe mir hier die Finger wundgetippt, um zu erklären, warum Minderheiten manchmal rechts sein können. Ich habe versucht, den Linken gegen rechte Aggressionen à la „Mein Freund der Ausländer hat was gegen dich, also bist doch wohl du rassistisch und nicht wir!“ ein paar Tools an die Hand zu geben. Ich habe von rechten Juden berichtet – den „Breitbart“-Typen, von denen viele außerdem noch homosexuell sind – also ja sogar doppelt diskriminiert!, habe erklärt, dass es rechtes Gedankengut überall auf der Welt gibt, dass der italienische Faschismus sogar (weitestgehend, also im Kern) OHNE Antisemitismus und Rassismus auskam und dass es TROTZDEM Faschismus war. Ich habe geschrieben, dass es auch unter den Minderheiten Ego-Shooter gibt, denen es egal ist, ob jemand anders zusammengeschlagen wird, z. B. wegen der Hautfarbe, die man selbst auch hat – so lange es nur einen selbst nicht trifft -, dass es Menschen gibt, die Homophobie, Rassismus und Antisemitismus tapfer ignorieren, weil sie Diskriminierung gegen die jeweils ANDERE Minderheit gut finden, für mehr Wirtschaftsliberalismus und weniger Demokratie und so weiter sind oder Leute, die ganz einfach einen an der Waffel haben. Sorry, die gibt’s auch und die gibt’s auch überall und in jedem sozialen Milieu, in jeder sozialen Gruppe.

Eigentlich geht es nur noch um Abgrenzung und um Haarspaltereien. Die Muslimen, die nichts für die Burka übrig haben, damit leben können, dass es Homosexuelle gibt kommen ebenso zu kurz, wie linke Juden – George Soros, Bernie Sanders – Hallo! Weiß jemand, das Bernie Sanders auch Jude ist? Einer von gar nicht mal so wenigen, die die angebliche „Schutzmacht der Juden“ AfD zum Kotzen finden. Habe ich gesagt, dass ich im Internet mehrfach auf (englischsprachige) Stimmen aus Israel getroffen bin, die mit „Breitbart“ nichts anfangen können? Kann sich noch jemand vorstellen, dass Minderheiten mehr sind, als nur Identifikationsfiguren, mit denen sich Politik machen lässt – bei den Rechten wie bei den Linken? Dass es nicht phobisch ist, wenn man irgendwen „of Color“, einen Juden, einen Schwulen nicht mag oder der einen nicht mag oder beides? Warum gibt es diese Sehnsucht nach Normalität nicht mehr? Warum die Gier, zu spalten, Gräben auszuheben, Mauern gegeneinander aufzubauen und auszugrenzen – Ja, auch bei den Linken?

Ambivalenzen aushalten unmöglich?

Einer wie Bernie Sanders lässt sich nicht für Wirtschaftsliberalismus und eine elitäre, an den Bedürfnissen einer bildungsbürgerlichen Oberschicht orientierte Politik vereinnahmen (und er ist trotzdem nicht gegen Einwanderung!), einer wie George Soros lässt sich nicht gegen Palästinenser oder Muslime in Stellung bringen (und er ist trotzdem nicht weniger Jude als Benjamin Netanjahu, er ist trotzdem Geschäftsmann, er ist auch einer, der die linksliberalen ideen von Karl Popper unter’s Volk bringen will). Beide Männer – Sanders und Soros – darf man sogar kritisieren. Cem Özdemir von den Grünen ist und war schon immer sowohl Deutscher als auch Türke – kein Krampf, kein „Er ist ja Deutscher!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Türke ist -, kein „Er ist Türke!“ auf Teufel komm raus – obwohl alle wissen, dass er auch Deutscher ist. Warum fällt es so schwer, Ambivalenzen auszuhalten?

aversiver Rassismus

In der Psychologie gibt es die Theorie des „aversiven Rassismus“. Damit ist kein besonders schlimmer Rassismus gemeint. Es geht eher um Leute, die eigentlich alles richtig machen und – wenn man sie fragt – beteuern würden, doch NIEMALS rassistische, antisemitische oder homophobe Gedanken zu haben. Sie haben sie aber doch.

Nun will ich hier nicht in die Kerbe der „critical Whiteness“ hauen, deren Vertreter überall „latenten Rassismus“ wittern, also getreu dem Motto „Du hast gesagt, dass du lieber weiße Schokolade als Vollmilch oder Zartbitter isst! Damit hast du ja schon zum Ausdruck gebracht, dass du etwas gegen Schwarze und People of Color hast!“

erst mal nicht die Sau rauslassen, sondern noch mal drüber nachdenken

Genau das meine ich NICHT. Genau das ist es nämlich, was der AfD hilft. Ich denke, dass so ziemlich jeder irgendwo Vorurteile hat oder zumindest gewisse vorgefertigte Ansichten über Menschen, die man nicht kennt – die einen bloß stärker, die anderen weniger ausgeprägt, für die einen – und das ist der springende Punkt! – muss das Vorurteil der Dreh- und Angelpunkt jeder Politik sein, die Energie, aus der sich alles politische Handeln speist – wohingegen andere  sich schämen würden, mit rassistischen, anitsemitischen und/oder homophoben Vorurteilen offen hausieren zu gehen (obwohl sie vielleicht selbst auch „aversive“ rassistische, antisemitische und/oder homophobe Tendenzen haben) und ohne großes Wenn und Aber bereit sind, ihre Annahmen über andere Menschen, Menschen, die exotisch und fremd erscheinen – Minderheiten! (oder eben bloß Menschen, die man nicht kennt, mit denen man noch nicht zu tun hatte) – noch einmal zu überdenken, sie aus der Schublade, in die sie sie gesteckt hatten, wieder herauszuholen.

Genau darauf kommt es an. Anstatt Menschen aber darin zu bestärken, aufeinander zuzugehen, bestärkt man sie eher in ihren Vorurteilen und Ängsten – die Burka zum Beispiel oder soziale Ängste, die mit der Globalisierung und Migration unweigerlich einhergehen.

antrainierte Phobien statt Antidiskriminierungsarbeit

In der Psychologie – soweit ich das hier als Laie referieren kann – spricht man u. a. von „Kontrollsystemen“ – also z. B. dass man einfach für sich beschließt, dass man lieber offen sein möchte, als jemanden schon im Vorfeld zu verurteilen, dass man auf Vorurteile nichts geben möchte, selbst wenn sich hier und da mal eines bestätigen sollte -, die vollkommen überlastet werden – bis zum Anschlag ausgereizt.

Ich kenne das selbst. ich hatte es  u. a. mit einer ganzen Armada adipöser Frauen zu tun, die mir ständig auflauerten, mich belästigten und hänselten. Es ging um ihr Selbstbewusstsein – „Fat Empowerment!“, „Sex positive!“, außerdem waren die Frauen angeblich eigentlich „Männer“ bzw. „Transgender“, die in mir das „Frauchen“ sahen und die ich nun in ihrer Rolle zu bestärken hatte. Ansonsten ist es halt transphob! So sahen das die Linken und die Feministinnen. Was ich vermutete, nämlich dass die Frauen homophob und vielleicht auch ganz generell rechts sind, hat sich jetzt – zumindest für einen Teil – bestätigt. Und das schlägt nun wirklich dem Fass den Boden aus, dass man Menschen auch dann noch als „links“ wahrzunehmen hat, wenn sie eigentlich rechts sind und noch nicht einmal einen Hehl daraus machen.

Genau das ist mit „Ausreizung der Kontrollsysteme“ gemeint – einfach so lange sticheln, höhnen und nerven, bis das Gegenüber es satt hat. Ich habe nämlich nie etwas gegen Dicke gehabt. ich hätte den Frauen gern gegönnt, abzunehmen oder auch, nicht abzunehmen und sich trotzdem wohl in ihrem Körper zu fühlen. Ich wollte nur nicht gemobbt, belauertk, gehänselt und vorgeführt werden. Eigentlich sind das ja auch zwei Paar Stiefel, aber gerade INDEM man bei den Linken immer wieder darauf herumritt, dass dem nicht so ist, dass ich halt homo- und transphob sei, ein Mensch, mit dem mensch sich besser nicht abgibt, den mensch schneidet, dem mensch – Zitat! – „gar nicht erst ein Forum geben“ sollte, gerade dadurch reagiere ich jetzt richtig phobisch auf dicke Menschen. und genau so war das ja wohl auch gedacht und genau dasselbe wollte man mit mir auch anhand anderer „Minderheiten“ – insbesondere Homosexuelle und Schwarze (ich hatte mich während des Studiums 10 Jahr in einer multikulturellen Initiative engagiert, dummerweise hoben an der Uni aber auch die „It-Girls“ der Frauen- und Genderforschung Anspruch darauf, obwohl die Frauen sich selbst NICHT ehrenamtlich engagiert hatten).

Genau das macht man vielleicht auch gerade mit unserer Gesellschaft. Dabei wäre so vieles leichter, würde endlich ein Knoten platzen, wenn wir es wieder einfach nur mit Menschen zu tun haben könnten!

Vielfalt in blau getönt. Beobachtungen aus dem Berliner Wahlkampf

Als ich aus der U-Bahnstation komme, sticht sie mir sofort ins Auge. Nein, es war keine „Liebe auf den ersten Blick“. Vermutlich hatten sie und die Leute am Stand mich ausdauernd angegafft, während ich nichtsahnend um die Ecke bog, in Richtung des Platzes, wo sich die Bushaltestelle befand – und wo der in grelles Königsblau gehüllte Wahlkampfstand aufgebaut war. Schweiß perlt mir von der Stirn, Adrenalin schießt mir ins Blut, ich merke, wie meine Handflächen feucht werden und sich mein Magen zusammenkrampft. Am liebsten möchte ich wegrennen, – schnell! – in die U-Bahnstation zurück!

Der dicke Hintern der Frau wackelt auf seinen kurzen, stämmigen Beinchen, die drallen Ärmchen mit den kurzfingerigen Patschändchen fuchteln in der Luft, ein fahlblonder Kurzhaarschnitt, Brille, Jeans, Rucksack, anständiges T-Shirt – die Frau lacht breit, die Unterhaltung mit dem hochgewachsenen, hohlwangigen Mann am Stand, dessen bleiche Haut in einem merkwürdigen Kontrast zu seinen kohlrabenschwarzen Haaren und dem ebenfalls tiefschwarzen Schnauzbart steht, scheint entspannt und sehr angeregt zu sein.

Hass, sexuelle Übergriffe, Blicke, die sich aggressiv in meinem Gesäß festbeißen und an meinem Busen festkrallen, bis ich die Schultern unweigerlich nach vorn kippe und den Blick beschämt senke, jedes zufällige Lächeln vor das eine Frau springt, eine vermeintliche Anmache, ein Beleg, dass ich es doch angeblich „so gewollt“ habe – ‚Die muss sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird!‘, ‚Hi, hi, die kannste ruhig vergewaltigen!‘, ‚Hö, hö, dann wird sie eben NOCH MAL vergewaltigt!‘, ‚J’ai un zizi maintenant, je peux violer Laila!‘, ‚Hu, hu, j’ai le sida, je peux la violer, Laila!‘, ‚Ouah – elle pue!‘, ‚C’est son odeur naturelle, beurk!‘ – Grinsen, Lachen, – „Die vergewaltigen wir mit Blicken!“ – eine Frauenstimme. Fett. „He, he, voll pervers halt!“, kleine, fiese Augen, die hasserfüllt und winzig klein, tief eingesunken wie Rosinen aus moppligen Gesichtern funkeln – die queere Frau,“ denke ich panisch, „der Liebling aller Minderheiten!,“ ich sehe plötzlich wieder die alte, faltige Frau auf der Veranstaltung bei der taz, mit Heide Oestreich, die alte Frau, die nach mir greift und süffisant lächelt, „der Liebling!“ denke ich atemlos, die abnormal dicke Frau auf der taz-Veranstaltung schiebt sich in mein Gedächtnis, ein unförmiger Körper, der grunzt: ‚Ich bin nun einmal Mutter! Das ist meine Identität!‘, ‚Nein, nein, die ist nicht transgender!‘, Heide Oestreich, die abwiegelnde, abwehrende Gesten macht, als ob sie sich vor mir schützen wollte, ‚Na, aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!‘, der blonde Hipster mit den hervorquellenden Froschaugen, der das gesagt hat und dessen ebenfalls semmelblonde Freundin, die ein gern gesehener Gast bei der taz und in der Heinrich-Böll-Stiftung ist oder war oder wie auch immer.

Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dicken Knüppel, der auf den fröhlichen Pummel am AfD-Stand eindrischt – die runden, kurzen Ärmchen hilflos zappelnd. Ein Blutbad. Ich blinzele. Am wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne friedlich vor sich hin.

Grelles Blau kreischt mir entgegen. AfD. Neben dem großen Schwarzhaarigen steht ein kleinerer Mann mit kurzgeschorenem, blonden Haar, sportlich gekleidet, bürgerlich – jemand, dessen Budget begrenzt ist – so sieht es jedenfalls aus – der sich aber dennoch ordentlich anziehen kann. Er sieht nach „ehemals Jobcenter“ aus – „aber Kurve nochmal gekriegt!“. Ein „ehrlicher Arbeiter“? Unter dem kurzen Ärmel seines karierten Hemdes lugt ein Tattoo auf dem Bizeps hervor. Ich will gar nicht wissen, was es darstellt, frage mich dann aber doch – Gang? Rocker? Nazi?

Nach „früher mal Subkultur“ sieht auch die mollige, etwas größere Frau am Stand aus, die ganz in schwarz gekleidet ist, und sich die langen schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt gesteckt hat. Bei ihr sieht das schwarze Haar eindeutig künstlich aus, aber das soll wohl so. Eine dicke Strähne im Pony ist weiß blondiert. „Früher mal schwarze Szene?“ frage ich mich und denke an eine Frau aus Bayern, die mit mir im Studentenwohnheim gewohnt hat. Die war richtig szenig, total ausgeflippt, aber auch erzkonservativ. Das hat mich irgendwie immer ein bisschen irritiert, denn normalerweise haben so extreme Menschen in einem bieder-konservativen Umfeld nichts zu lachen – „Trauerklöße“ allenfalls, vielleicht auch „Perverslinge“. Bei ihr war das aber offensichtlich nicht so. Sie hat BWL gemacht. Was aus ihr geworden ist und ob sie dem Rechtspopulismus etwas abgewinnen kann oder nicht, weiß ich aber nicht. Auch nicht übrigens, ob die Berliner AfD-Frau wirklich einmal Gruftie war.

Ein gediegen und großbürgerlich wirkender Mann mit eiriger Glatze taucht neben mir auf, – Er hat eine seltsam breiten Stirn, das fällt mir richtig auf! Der Mann hält mir etwas grob einen blauen Flyer vor die Nase. „Hier, hier!“ – der Tonfall des Mannes ist aggressiv. Ich schüttele höflich den Kopf. „Hier, für den Nachttisch!“ – der Mann lässt nicht von mir ab, sein Atem bläst mir ins Ohr. Ich wehre ihn mit den Händen ab, gehe schneller.

Auch wenn man es hätte denken können – ich vermute, dass es nicht Nicolaus Fest war, der immerhin in dem Viertel, wo ich wohne, von jedem dritten Laternenpfahl grinst. – Der hat nicht so einen eirigen Kopf -, aber wollte man es vielleicht so aussehen lassen? Oder sind die Plakate mit dem Fest nur sehr stark retouchiert? Ich weiß es nicht. Ich warte auf den Bus. Vor mir stehen zwei Alt-68er, ein Pärchen, Öko-Style, der aber sichtlich gekostet hat, nicht die abgerissenen Querfronttypen aus Kreuzberg, eher Studienräte oder was Höheres, „leitende Funktion“ in irgendeiner sozialen Einrichtung oder in einer Behörde. „Eine von den Grünen liest ernsthaft einen AfD-Flyer?!“ schießt es mir entsetzt durch den Kopf. Doch dann sehe ich, dass die Frau einen ganzen Stapel AfD-Flyer in der Hand hält, und sie an die Passanten verteilt. Wie man sich doch irren kann.

Mein Bus lässt auf sich warten. Die AfD hat unterdessen ihren knallblauen Stand abgebaut. Der Eierkopf wechselt ein paar Worte erst mit dem „Ex-Jobcenter“, dann mit dem Öko-Pärchen und steigt schließlich auf ein sich eher bescheiden ausnehmendes Fahrrad. Das Öko-Pärchen bleibt stehen. Der Bus kommt. Einer Intuition folgend, schiele ich aus dem Busfenster in die Seitenstraße, die von dem Platz abgeht. Und richtig getippt – da lehnt der Schwarzhaarige lässig an einem funkelnagelneuen BMW-Cabriot und unterhält sich mit dem „ehrlichen Arbeiter“. Die Ampel schaltet auf grün, der Bus fährt an und ich habe das Gefühl, irgendwie nochmal entronnen zu sein.

Ein paar Tage später lese ich, dass auch Alice Weidel angeblich mal grün gewählt haben will. „Eher hat sie vor 15 Jahren noch Jagd auf Frauen gemacht, die sie für lesbisch hielt!“, denke ich böse. Aber das weiß ich natürlich nicht. Alice Weidel und ich sind ungefähr im selben Alter. Ich schaue mir kurz etwas auf Youtube an. Die gepflegte, sorgfältig geschminkte Frau mit den straff zurückgebundenen Haaren spricht in gewohnt abgehakten Sätzen, hart, nicht nur im Tonfall, auch im Inhalt. Sie trägt eine eine blauweiß gestreifte Bluse mit steifem Kragen. Es sieht so aus, als hätte sie tiefe Falten unter dem dicken Make-Up, aber vielleicht sieht es nur so aus.

Ich denke daran, dass damals auf der Uni die Klos in dem Gebäude, in dem Jura und Wirtschaftswissenschaften untergebracht waren, immer am dreckigsten waren. Da hatte öfters mal eine daneben gekackt und überall an die grauen Plastikwände waren zotige Sprüche geschmiert. Musste ich da mal drauf (Ich habe nebenher ein bisschen was mit Wirtschaft gemacht), dann ekelte es mich immer leicht, wenn ich draußen die ganzen Jura- und BWL-Studentinnen in ihren frisch gestärkten Blüschen, mit den obligatorischen Perlenohrringen und dem Hermès-Täschlein sah und mich unwillkürlich fragte, welche von ihnen psychisch so sehr aus dem Takt war, dass sie nicht umhin konnte, fein säuberlich auf die Klobrille zu kacken oder gleich ganz daneben, auf den Boden. Dass sich eine von ihnen bequemt hätte, es wegzumachen, das konnte ich mir ohnehin nicht vorstellen.

Aber das fällt mir zu Alice Weidel jetzt nur wegen der Bluse ein. Sie soll sich beschwert haben, dass man sie als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet hat. Bei der AfD fand man offenbar, dass damit auch die harten Worte gerechtfertigt seien, die Alexander Gauland der SPD-Politikerin Aydan Özoguz an den Kopf geworfen hat – sie solle mal sehen, was deutsche Kultur sei – und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“. Alice Weidel sagt, sie hätte das vielleicht anders ausgedrückt. In der Sache findet sie aber richtig, was Gauland gesagt hat.

Vielleicht ist in der Sache das mit der „Nazi-Schlampe“ dann auch nicht so ganz falsch, denke ich grimmig. Diese Leute betteln ja förmlich darum, in die ganz rechte Ecke gestellt zu werden und dann war im Nachhinein angeblich alles immer nicht so gemeint. Beleidigend ist das mit der „Nazi-Schlampe“ natürlich trotzdem. Das mit dem „entsorgen“ hat aber was von Gaskammer, zumindest vom Stil her. Das ist schon ein bisschen härter. Man kann durchaus „Aufhetzung zum Rassenhass“ dazu sagen, ohne sich groß verrenken zu müssen, da hat der ehemalige Bundesrichter, der Gauland deshalb verklagen will, schon recht.

„Unwertes Leben!“ denke ich. Und dass man das zu mir ja auf jeden Fall sagen darf. Ich balle meine Faust in der Tasche. Das mit dem „unwerten Leben“ war aber der Hipster, den sie bei der taz und bei den Grünen mögen bzw. sie mögen seine blonde Freundin, aber dann mögen sie ihn wahrscheinlich auch.

Irgendwo lese ich, dass viele der jüngeren AfDler aus linksliberalen, eher „grünen“ Elternhäusern stammen. Ist es sowas in der Richtung? Oder will man es wieder einmal nur so aussehen lassen? Geht es darum, verschiedenen Zielgruppen rechtskonservatives, hier und da vielleicht auch rechtsextremes Denken schmackhaft zu machen, obwohl sich doch für die Zoten und das Kokettieren mit dem rechten Rand sehr wahrscheinlich nur wenige begeistern?

Ich denke an meine feministische Professorin und an Heide Oestreich – dass sie alle beide Frauen wie Alice Weidel fördern wollten – weil dieser Frauentyp vor 10, 15 Jahren noch als „zu weiblich“ galt, um sich in der Männerwelt durchsetzen zu können und das offenbar den feministischen Beschützerinstinkt geweckt hat, ganz gleich, wie sehr die Jura-BWL-„und Freundinnen“-Fraktion sich auch über die „Emanzen“ schlappgelacht hat – und eben den fröhlichen Pummel vom AfD-Stand, den wollten sie auch fördern – weil der nicht aussieht, wie die Frauen in „Germany’s next Topmodel“ und deshalb angeblich „queer“ ist, genau wie die Weidel ja auch.

Was genau der Streitpunkt zwischen Alexander Gauland und Aydan Özoguz war, weiß ich allerdings nicht. Irgendwas mit Kultur. Dass ich das hier nicht will, das weiß ich aber ganz genau!