Der AfD-Wähler, das unbekannte Wesen

Liebes Deutschland,

Ich glaube, wir müssen reden. Du sagst, diese rechten A… löcher, die AfD gewählt haben sind ganz furchtbare Rassisten und da hast du ja auch recht. Lass uns trotzdem einmal gemeinsam überlegen, warum sie gerade jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen sind.

Richtig massig Stimmen gab es für die AfD da, wo Hartz-IV und Mini-Jobs dominieren, Eck-Kneipe, Frust, Perspektivlosigkeit: Im Osten, in Ost-Berlin, wo die Linkspartei Direktmandate holte, im Ruhrpott. Darauf kann man rumtreten. Die Nase rümpfen über soviele Vollpfosten, die sich einbilden, eine Partei mit einem ausdrücklich wirtschaftsliberalen Programm, die zudem Arbeitslosen das Wahlrecht entziehen wollte, würde für soziale Gerechtigkeit sorgen. Und auch mir fällt es schwer, ich will nicht den Eindruck erwecken, um Verständnis für Leute zu werben, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Ich selbst habe „ungültig“ gewählt – allerdings auch aus Protest. Dennoch: Armut und AfD korrelieren irgendwie. Zeit, der Sache nachzugehen.

1.Uns geht’s dreckig und die kriegen alles in den Arsch geschoben

Das Kernthema dieses Wahlkampfes waren vielleicht gar nicht so sehr die Flüchtlinge. Hinter künstlich um viele 100 Prozentpunkte aufgeblähten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsstatistiken steckte vielleicht eigentlich die Austeritätspolitik der letzten Jahre: Erst die Agenda 2010, dann die Euro-Krise, Griechenland. Sparen lohnt sich nicht mehr, denn, so hieß es, es geht nicht ohne Nullzinspolitik, aus Solidarität mit Banken und mit griechischen Reedern, die über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. „Dolce Vita“ im Süden finanzieren, auf dem Rücken der „kleinen Leute“ in Deutschland, die sich den Buckel krummschuften müssen dafür …

Was viele nicht wissen: Am Mittelmeer herrscht schon seit geraumer Zeit Nullzinspolitik. Dort denken die Leute, dass sie kurzgehalten werden, um den Deutschen, die alles in Europa dominieren müssen, ihren Wohlstand zu finanzieren. Und was können die „kleinen Leute“ in Italien und Griechenland schon dafür, dass die Eliten ihrer Länder so korrupt sind. Empfängt man nicht gerade den Sohn des griechischen Reeders und die Tochter des sizilianischen Mafiosi in Berlin und München als „High Potentials“ mit offenen Armen? Die Crème de la Crème, die die Globalisierung so attraktiv macht und für die die Minoritätendiskurse geschaffen wurden, schon auch, weil man attrktiv sein will für die kreativsten, klügsten Köpfe aus aller Welt, beim Clubben Seite an Seite mit dem deutschen Großbürgertum, das sich Liberalität und Offenheit auf die Fahnen geschrieben hat …

Dann die Flüchtlinge. „Ich finde das super, wie sich die Leute für die Flüchtlinge einsetzen!“ sagte mir eine Bekannte aus Kindertagen „Aber warum kann man sich eigentlich nicht genauso für die eigenen Landsleute einsetzen?“

Das ist eher so ein Gefühl. Klar. Denn objektiv gesehen kriegen Flüchtlinge keineswegs mehr als arme Deutsche. Immer wieder war sogar im Gespräch, ihnen nur noch Sachleistungen zu geben. Dennoch empfinden es manche Leute so, dass man an ihnen gespart hat, um sich die Flüchtlingspolitik leisten zu können.

2. Offiziell existiere ich gar nicht

Noch kurz vor der Wahl wurde Martin Schulz‘ Ansatz, auf soziale Gerechtigkeit zu setzen, kritisiert. Das sei im Grunde obsolet und werde niemanden davon abhalten, AfD zu wählen. Deutschland gehe es schließlich so gut wie nie zuvor.

Was viele nicht wissen: Die gute Konjunktur kommt bei vielen gar nicht an. Die soziale Schere ist weiter gespreizt als je zuvor und die sich in der Öffentlichkeit sehr gut machenden, niedrigen Arbeitslosenzahlen beruhen darauf, dass Menschen in Mini- und Teilzeitjobs, die gar nicht von dem leben können, was sie verdienen, offiziell auch nicht arbeitslos sind.

Dann muss man sich eigentlich auch nicht wundern, wenn Zuwanderer auch als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt wahrgenommen werden. Vermutlich würde aber schon ein bisschen weniger Wohlstandszuwachs am oberen Rand der Gesellschaft, ein bisschen mehr Fairness, Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit dafür sorgen, dass Zuwanderung in den unteren Schichten der Gesellschaft als weniger bedrohlich empfunden werden würde, denn es ist klar, dass, wer gut oder sehr gut verdient und sich sicher sein kann, dass er (oder sie) innerhalb von zwei Wochen einen neuen, ähnlich gut bezahlten, interessanten und einen persönlich ausfüllenden Job hätte, wenn er (oder sie) den jetzigen verlieren würde, eher geneigt ist, zu glauben, in Punkto Flüchtlinge und Zuwanderer ginge doch durchaus noch ein bisschen mehr, als jemand, bei dem es gegen Monatsende regelmäßig knapp wird.

3. Dann wär ich endlich wer

Bleibt zu fragen, warum z. B. Arbeitslose eine Partei wie die AfD wählen, die eher mehr als weniger Wirtschaftsliberalismus will, und Hartz-IV-Empfängern am liebsten das Wahlrecht entziehen würde. Klingt absurd. Ich selbst kapierte, als Statements an mein Ohr drangen, wie „Das Jobcenter macht das für DEUTSCHE Arbeitslose!“ und „Hilfe ist eben zuerst für VOLKSGENOSSEN da!“. Die politische Stoßrichtung ist, denke ich, eindeutig und „rechtskonservativ“ trifft es hier nicht mehr. Dennoch, das Denken ist in ungefähr so: Hätte eine Partei wie die AfD etwas zu sagen, wären DIESE Leute NICHT arbeitslos. Ganz im Gegenteil, die würden dann gut verdienen und Mercedes fahren. Ja, und wer dann nichts hat, dem steht auch nichts zu. Sozialdarwinismus de Luxe, ganz besonders die Sozialschwachen wollen ihn.

4. Sympathien für Ausgrenzung – auch da, wo Toleranz Trumpf ist

Verschiedentlich wurde in Kommentaren zur Wahl angemerkt, dass AfD-Wähler nun einmal rechts sind. Die finden das gut: wackelnde Bikini-Ärsche, die verbalen Ausfälle Alexander Gaulands und anderer, das „Homos“ die Fresse halten sollen und man – anders als die ganzen „Bioköppe“ und „Moralapostel“ mit dauererhobenem Zeigefinger verlangt haben – jetzt mal wieder geredet wird, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Was viele nicht wissen: Es sind nicht nur ostdeutsche Dumpfbacken, die keine Moralpredigt wollen, wenn sie mal ihr Hartz-IV für ne geile Nacht im Puff verpulvern. Es ist auch die junge Studentin, Ende der 1990er Jahre, die von ihrem Auslandsjahr in Afrika erzählte, und nicht zu erwähnen vergaß, dass sie „den Negern“ ja erst einmal hätten beibringen müssen, „wie man arbeitet“. Es ist die linksalternative Berlinerin, die in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte und von ihren Reisen in die Karibik berichtet: „Die Neger“ seien „nun einmal dreckig!“ Es sind die Freunde von Jungjournalisten und Jungpolitikern, die irgendwie v. a. was mit „grün“ und „queer“ machen wollen, gebildete Leute mit Geld. Auch Rechtspopulisten möchten gern Auslandserfahrung machen, auch Rechte kennen da immer jemanden aus Frankreich, Italien oder gar Afrika, der oder die das im Grunde genauso sieht. Surpise, surprise – wer sich mal eine Rede von Marine Le Pen reingezogen hat, wo von „französischem Blut“ geschwafelt wird, dem muss klar sein, dass es rechtes Gedankengut und Leute, die das gut finden, nicht nur in Deutschland gibt.

5. Intellektuell abgehängt – Stimmungsmache & PR statt politischer Auseinandersetzung

Verarschi-Bumbaschi: Die AfD machte es vor und ich will hier nicht den ganzen Schwachsinn wiederholen. Es war ja auch gar nicht so gemeint. Wer wird denn da so engstirnig sein?! Bloß, dass ich nicht drüber lachen kann. Andererseits: Wirklich über soziale und politische Probleme debattieren will irgendwie auch sonst niemand mehr. Eher sollen sich die Leute „identifizieren“. Man soll sagen, „Yeah! genau das ist meine Hood! das sind Leute, die gut drauf sind!“ Alexander Gauland als eine Art Neuauflage von Chucky der Mörderpuppe, ein gehässiger Schalk, der einem im Nacken sitzt, eine düstere Gestalt im Tweedjacket. Und Alice Weidel und Bjönr Höcke machen auch ne Menge „Spaß“ bei den Öffentlich-Rechtlichen, der „Lügenpresse“. Darüber darf man dann auch laut lachen. Gröhl! Schenkelklopf!

Dumm nur, dass „Spaß machen“ und Verarschen kein politisches Programm ersetzen kann. Blöd auch, dass die anderen auch nur noch auf Gefühl setzen. Lasst uns doch einfach mal reden – nein, nicht mit den Clowns vom rechten Rand – einfach wir, die Gesellschaft, das „Staatsvolk“, das eben nicht nur aus „Volksdeutschen“ besteht. Lass uns reden und überlegen, was für tun können. Das ist ja nicht nur für „Laberköppe“.

Viele Grüße, deine Demokratie.

Advertisements

Kultur im Elfenbeinturm: Das Humboldt Forum in Berlin & der deutsche Kolonialismus

Kreuz rauf auf die Kuppel, weil das im Original auch so war, oder Kreuz runter, weil das Christliche nicht allzu sehr betont werden muss, preussische Größe – Pickelhauben und Säbelrasseln – oder koloniale Großmacht ohne Rücksicht auf Verluste, Weltoffenheit, Critical Whiteness, kritische Wissenschaft, Postmoderne oder aufgeblasener, neurechter Popanz – die Debatten über das Humboldtforum, als das das Berliner Schloss wieder auferstehen soll, reißen nicht ab.

Man wird den Eindruck nicht los, dass hier nicht so sehr ein mittlerweile lästig gewordenes Stück Kulturpolitik verhandelt werden soll, sondern dass die Beteiligten allesamt nach Höherem streben – die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die das Projekt als eine Art „Tschernobyl“ bezeichnet haben soll, wie die „Welt“ berichtete, der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, „Zeit“-Feuilletonist Jens Jessen, sowie Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldtforums, der bis vor kurzem Professor für Kunstgeschichte an der Humbold-Universität war.

Eigentlich geht es wohl v. a. darum, wie sich das neue Deutschland der Ära Merkel in der Hauptstadt präsentieren soll.

Repräsentationsbau des neuen oder des alten Deutschland?

Wäre das mit dem Kreuz auf der Kuppel also unglücklich, weil es dem Image der „Rainbow“-Nation Abbruch tun würde, nicht nur Critical-Whiteness-AnhängerInnen und Burka-VerfechterInnen wie Judith Butler brüskieren würde, sondern vielleicht auch saudische Geschäftsleute? Was genau soll dann aber in den Berliner Himmel ragen? Nur der Mercedes-Stern am Zoologischen Garten?

Oder ist es nicht eher so, dass Kultur in Deutschland nicht mehr zwangsläufig unter dem lateinischen Kreuz stehen muss, dass keine Notwendigkeit besteht, symbolisch aufzutrumpfen, um sich noch mal selbst zu vergewissern, wessen Geistes Kind man ist. Immerhin soll das Schloss, das das Humboldtforum beherbergen soll, ohnehin nicht nur wiederaufgebaut, sondern laut Eigendarstellung der Initiatoren auch architektonisch „ins 21. Jahrhundert überführt“ werden. Von der zweckentfremdeten Nutzung – die sich gewissermaßen von selbst versteht – mal ganz abgesehen. Zumindest die Wissenschaft ist sollte sich um weltanschauliche Neutralität bemühen und das jedenfalls war auch schon vor Angela Merkel und der Willkommenskultur so.

Viel brisanter als ein läppisches Kreuz, das man problemlos auch nachträglich an- oder abmontieren könnte, scheint die ethnologische Sammlung zu sein, die im Humboldtforum präsentiert werden soll.

Ethnologie, Kolonialherrschaft & ein ambivalentes kulturelles Erbe

Ein symbolischer Verweis auf Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit, auf die Neugier auf alles Fremde, die schon im alten Preussen geherrscht und in Deutschland somit eine gewisse Tradition habe, sagen die einen, unter ihnen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der sich in der „Zeit“ von dieser Woche (Print) zum Humboldtforum geäußert hat und als Kernargument anführt, dass Deutschland eigentlich nur sehr kurz, erst ab 1884 Kolonialmacht gewesen sei und es doch außerdem eine Geste von einer gewissen Bedeutsamkeit sei, ethnologische Exponate im Herzen der deutschen Hauptstadt zu präsentieren. Die exponierte Darbietung, so Bredekamp, würde die außereuropäischen Kulturen symbolisch aufwerten und ihre Bedeutung sowohl für das alte preussische als auch für das neue Deutschland unterstreichen. Das wäre dann in Europa einzigartig, etwa wie wenn man ethnologische Ausstellungsstücke im Louvre präsentieren würde. Dort aber zeigt sich die französische Kapitale stolz Hüterin der Glanzlichter abendländischer Kultur. Deutschland könnte es anders machen, es könnte Avantgarde im Umgang mit nicht-europäischen Kulturerzeugnissen sein ….

„Critical Whiteness“ oder legitime Neugier am „Anderen“?

Zudem sei es unfair, wie Bredekamp ausführt, das Interesse deutscher Regenten und Wissenschaftler an fremden Kulturen grundsätzlich als Akt „kolonialer Ermächtigung“ darzustellen. Wolle man dann etwa auch das Erlernen einer Fremdsprache verbieten? Natürlich nicht. Das würde niemand fordern, sieht man mal von einigen extremen VertreterInnen der „Critical Whiteness“ ab, die tatsächlich verlangen, dass Weiße ihre Finger von „nicht-weißen“ Kulturen lassen sollen und zwar vollständig, also auch beim Kochen, Tanzen oder in Kleidungsfragen nicht kulturell „fremdgehen“.

Auf derartig akademisch-verquaste und weltfremde Theoriegebäude sollte man sich gar nicht erst einlassen, nicht zuletzt auch, weil diese Leute, so sehr sie sich auch als „Antirassisten“ gebärden, letztendlich in einer Art intellektuellem Kurzschluss bei der AfD oder ideell noch weiter rechts landen, denn folgt man ihnen, wäre man sehr schnell bei einer „reinen“ deutschen Kultur, „gesäubert“ von allen fremden Einflüssen, ganz so wie es die extreme Rechte fordert, ohne dabei aber konkret festmachen zu können, was das genuin „Deutsche“ eigentlich sein soll.

Was das Humboldtforum betrifft, geht es aber wohl nicht darum, dass keine englischsprachigen Info-Tafeln angebracht werden dürfen, und deshalb wirkt auch das, was Bredekamp an Argumenten vorbringt, etwas bemüht und am Thema vorbei.

Beutekunst & Globalisierung

Natürlich bilden Kolonialismus und Rassetheorien zumindest im 19. Jahrhundert den Rahmen für das „Interesse“ deutscher Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Privatleute an außereuropäischen Kulturen – ganz gleich wie arglos und frei von böswilligen Intentionen es im Einzelfall auch gewesen sein mag. Anders als Bredekamp behauptet, ging es im damaligen Denken – als Zeitgeist, nicht nur als theoretisches Postulat einzelner Wissenschaftler – keinesfalls um ein wertfreies Nebeneinander von Kulturen und Menschen. Es war sehr wohl eine Wertung damit verbunden, die den weißen Europäer als Krone der Schöpfung und Blüte der Menschheit verstanden wissen wollte und in anderen bestenfalls „edle Wilde“ sah.

Auch ist das Thema „Beutekunst“ eigentlich keine Frage des kulturellen Selbstverständnisses, sondern vielmehr eine juristische: Was man gestohlen hat, muss man wieder hergeben. Nur muss das nicht im Bildersturm enden: Exponate könnten formal an ihre Herkunftsländer zurückgegeben und als Leihgabe erbeten werden, im Zweifelsfall als Kopie ausgestellt, via Internet und mittels Computersimulation könnten Museen etwa in Namibia zugeschaltet und Ausstellungsstücke im virtuellen Raum präsentiert werden. Das wäre nicht nur ein Eingeständnis kolonialer Schuld – ohne dabei aber jemandem das Interesse am „anderen“ madig machen zu wollen – , sondern auch eine museale Darbietung, die für den/die BetrachterIn sowohl das Exponat an sich erfahrbar machen würde, als auch auch den historischen Kontext, in dem es nach Deutschland gelangt ist, und eine moderne, zeitgemäße interkulturelle Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen könnte. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass gerade unter der Ägide Horst Bredekamps, der u. a. die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Technik intensiv erforscht hat, nicht weiter in diese Richtung gedacht wurde.

Zu guter Letzt und immer wieder: der Holocaust

Am Ende der Ausführungen des Berliner Kunsthistorikers in der „Zeit“ stolpert man dann aber regelrecht darüber, dass Bredekamp schnell noch ein paar Gedanken zur Erinnerungskultur an den Holocaust anfügt, nur um dann einige Sätze weiter zu klagen, dass man immer „gleich in die Nähe der AfD gerückt“ werde, wenn man dafür eintrete, dass „die deutsche Geschichte nicht nur auf Schuld und Scham“ beruhen solle. Also doch.

Offenbar hadert Deutschland eher mit den Flüchtlingen als mit dem Humboldforum. Oder warum ist der Holocaust jetzt plötzlich, seit die Refugees da sind, ständig Thema? Wer sind wir? Eine Nation, die – konfrontiert mit dem Fremden – auf sich selbst zurückgeworfen ist? Aber vielleicht ist am Ende alles ganz simpel und Deutsche sind nicht anders als andere Menschen auch – weder besonders gut noch besonders böse – genau wie die Leute in Syrien, Namibia, Israel, Palästina oder anderswo. Nur dass es eben die Geschichte nicht ungeschehen macht, dafür aber die Zukunft auch nicht vorherbestimmt.

Wenn man sich die Äußerung Alexander Gaulands, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz solle mal sehen, was deutsche Kultur ist, und dann könne man sie ja „in Anatolien entsorgen“, allerdings auf der Zunge zergehen lässt, dann kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass die Debatte noch lange nicht zu Ende ist – und dass das Berliner Schloss dabei wohl nur eine Nebenrolle spielt.

#SansMoile7Mai: Warum der Jubel über Macron auch bei Le Pen-Gegnern verhalten ist. Eine deutsche Perspektive

Am Sonntagabend machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schon gegen 20 Uhr, als viele Wahllokale gerade erst dabei waren, zu schließen, war klar: Der eindeutige Gewinner des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist Emmanuel Macron. Dann der Kloß im Magen, der gefühlt immer größer wurde, als ginge einem da ein ganzer Pizzateig im Bauch auf: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National ist immerhin in der Stichwahl am 7. Mai. Und wäre Emmanuel Macron wirklich so toll als nächster französischer Präsident? Steht er nicht für alles, was François Hollande in Frankreich, aber auch die Agenda-2010-SPD, Wolfgang Schäuble und Angela Merkel in Deutschland, der immer aggressiver werdende Neoliberalismus in Europa und der Welt, vergeigt haben?

Im deutschen Netz wurden am Sonntagabend nicht nur die Hochrechnungen der Wahl in Frankreich kommentiert. Auch das neue Duo an der Spitze der hiesigen rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland und Alice Weidel, wurde eifrig betwittert. Mehrere Tweets, wohl aus dem linken oder zumindest (Macron freundlichen,) liberalen Lager, wunderten sich, dass eine Frau mit einem so „progressiven Lebensstil“ wie Alice Weidel rechts sein kann. Und in der Tat: Weidel lebt lesbisch, in einer Regenbogenfamilie mit Frau und zwei Kindern, Unternehmerin, welterfahren – sie soll lange in China gelebt haben – polyglott und – ja – liberal, zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft.

Eigentlich müsste Alice Weidel der feuchte Traum der Frauen- und Genderforschung sein. Genau solche Frauen hatte man mir jedenfalls immer als „Vorbild“ vor die Nase gehalten bzw. es ging darum, Frauen wie mir klarzumachen, dass es da – ich zitiere mal – „ganz andere Frauen“ gäbe: Nicht nur umwerfend aussehend, auch blitzgescheit, beliebt, sexy, die Sorte Mensch, der einfach alles gelingt. Oder zumindest zu gelingen scheint. Solchen Frauen wollte man (bzw. frau) – so wurde man (bzw. frau) nicht müde, mir zu predigen, „das Leben leichter machen“, das war Feminismus 2.0, ich sollte „aufschauen“. Viele andere wahrscheinlich auch.

Und folgerichtig, wenn man denn einer solchen, auch vom Sarrazin-Lager vertretenen Logik folgen will, wird jetzt viel über „Neid“ gesprochen. Sybille Berg hat darüber auf Spiegel Online geschrieben. Es ist aber auch sonst in der Debatte. Kaum eine Analyse des neuen Rechtsrucks in Europa kommt ohne das Wort „Neid“ aus: „Sozialneid“, „Sexualneid“, der Neid auf den Hedonismus der anderen, derer, die es sich leisten können, hedonistisch zu sein, dagegen die Abgehängten, Globalisierungsverlierer, der Zorn des „White Trash“, des „kleinen Mannes“ – Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen „Beneideten“ und „Neidern“: Winner-Typen, die „die Nase immer vorn haben“ und Menschen, die es nicht bringen, mit denen man es machen kann, ohne falsche Scham, Macron-Wähler und Le-Pen-Anhänger. Oder die, die ganz links außen Jean-Luc Mélenchon und „La France insoumise“ gewählt haben. Mélenchon, der immerhin auf satte 19% kam, sogar – und das dürfte die hedonistische Fraktion irritieren – in den französischen Übersee-Gebieten, in der farbenprächtigen, sonnenverwöhnten Karibik, unangefochten an der Spitze stand.

Mélenchon wollte seinerseits keine Wahlempfehlung für die Stichwahl im 7. Mai geben. Unter dem Twitter Hashtag #SansMoile7Mai („Ohne mich am 7. Mai“) machen sich seine Wähler und Wählerinnen jetzt Luft. Es heißt, mit dem Soziologen Didier Eribon hat es sogar jemand geäußert, der in Deutschland hohes Ansehen genießt: 5 Jahre Macron würden eine rechtsradikale Präsidentin Marine Le Pen 2022 nur umso wahrscheinlicher machen. 5 Jahre mehr Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse und Erosion des Sozialstaates, 5 Jahre mehr, die einen so richtig heftig neidisch machen sollen. „Gar nicht erst hochkommen lassen!“, „hungrig halten!“ – Ich zitiere noch einmal ein bisschen aus Berlin.

Doch halt, vielleicht ist es auch Alice Weidel: Selten blöd, einer Frau, nur weil sie mit einer Frau zusammenlebt, wohlwollend einen „guten“, linken Kern zu unterstellen, wegen des „progressiven Lebensstils“, Toleranz und Solidarität mit allen Diskriminierten und Entrechteten dieser Welt! Dabei ist es Alice Weidel, die z. B. die Ausbürgerung krimineller Migranten fordert, wie u. a. auf Spiegel Online zu lesen ist. Weidel ist also nicht Macron, sondern eben AfD, dicht dran am FN.

So wenig die einfältige Gleichung: liberal = wirtschaftsliberal = Macron = Minderheiten = Migration = Toleranz = EU = Weidel =“gut“ auch funktioniert – sie ist sogar grundfalsch! -, so wenig kann aber eine autoritäre, aufs Nationale bedachte und am „kleinen Mann“ orientierte Politik den Problemen unserer Zeit – ob in Frankreich oder Deutschland – etwas entgegensetzen.

Vielleicht sollte man es lieber mit denen halten, die in den erregten Diskussionen um die Präsidentschaftswahl in Frankreich bislang nur wenig Gehör fanden: Macron als das kleinere Übel wählen und sich dann mit umso mehr Elan für eine Politik engagieren, in der der „kleine Mann“ oder die „kleine Frau“, die „Abgehängten“, all jene, die man „nicht mitmachen lassen“ wollte, Toleranz, Offenheit, Vielfalt – und ja, auch Europa – als etwas erleben können, das auf ihrer Seite ist. Was spricht eigentlich so sehr dagegen?

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Ego-Push aus der Vergangenheit?

Ein paar Tage ist es jetzt her, dass der AfD-Politiker und Geschichtslehrer Björn Höcke in Dresden seine eigene Version der jüngeren deutschen Vergangeheit zum Besten gab, inklusive der Forderung einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“.

Gemeint war natürlich der Holocaust, was sonst? In rechten Kreisen wird ja gern vom „Schuldkult“ gesprochen und auch Höcke sprach vom „brutal besiegten Volk“, wie er auf tagesschau.de zitiert wird.

Man fragt sich, ob es richtig ist, dass so jemand Geschichte an deutschen Gymnasien unterrichtet. Auf Spiegel Online kann man nachlesen, dass andere Geschichtslehrer sich von Höcke distanziert hätten. Ein Heidelberger Historiker habe ihm sogar mehrere historische Fehler nachweisen können.

Aber geht es eigentlich darum, wie „exakt“ der AfD-Politiker einzelne Ereignisse des Zweiten Weltkrieges wiedergegeben hat, um nachzuweisen, dass der Stolz des deutschen Volkes gar zu sehr beleidigt wurde?

Dass die Bombardierung Dresdens für die dort lebende Bevölkerung und die Flüchtlinge, die sich in der Stadt aufgehalten haben, furchtbar war, bezweifelt niemand. Nicht besser erging es den Bürgern Hamburgs, des Ruhrgebietes, der britischen Industriestadt Coventry, Leningrads und endlos vieler Städte und Ortschaften in ganz Europa.

Die Geschichtswissenschaft war sich einmal einig, dass individuelles leid nicht gegeneinander aufgewogen werden kann.

Das ändert allerdings nichts daran, dass Deutschland 1939 einen verheerenden Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat, der in einem singulär grausigen Genozid gipfelte.

Damit darf man Heranwachsende im Geschichtsunterricht nicht belasten? Man soll Jugendliche besser nicht mit Krieg, Grausamkeit, Gewalt, Genozid, ideologischer Verblendung, Propaganda und Dikatur, aber auch kollektiver Schuld und dem schwierigen Weg der Aussöhnung in Europa konfrontieren, weil sehr wahrscheinlich die eigenen Urgroß- oder Ururgroßeltern darin verwickelt waren?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand versucht, heutigen Heranwachsenden persönlich die Schuld für Verbrechen anzulasten, die ihre Ahnen begangen haben. Dazu ist Geschichtsunterricht auch nicht gedacht.

Aber was ist so falsch daran, jungen Leuten begreiflich zu machen, dass die Geschichte ihres Landes nicht eine einzige Erfolgsstory ist? Glaubt die neue Rechte, Teenager seien so zart besaitet, dass sie es nicht verkraften, dass neben Immanuel Kant, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven und Friedrich dem Großen eben auch Massenmord, Bestialität, Adolf Hitler und Josef Mengele zur kollektiven Erinnerung gehören?

Kann man Jugendlichen heute nicht mehr zumuten, gemeinsam mit der Schulklasse nach Bergen-Belsen oder Auschwitz zu fahren und sich mit komplexeren Gefühlen auseinander zu setzen, wie der Mischung aus Entsetzen, Abscheu, Scham und Schuld, aber auch intellektueller Distanz und einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl, dass derlei nie wieder passieren darf, das, was sich gemeinhin so nach dem Besuch eines Konzentrationslagers einstellt?

Kurz vor den verbalen Ausfällen Höckes in Dresden hatte die AfD noch damit geworben, dass die Widerstandskämpferin Sophie Scholl heute AfD wählen würde. Falls jemand das plausibel gefunden haben sollte, war Höckes Auftritt ein stinkender, nasser Lappen ins Gesicht.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist nicht dazu da, sich narzistisch aufzuwerten. Ganz abgesehen davon, dass in der Schule vermittelt werden muss, dass „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ ein Slogan ist, bei dem die Alarmglocken schrillen sollten.

Um 180 Grad gewendet: Björn Höcke und der Holocaust

Die AfD hat mal wieder ihre 5 Minuten Berühmtheit. Nein, viel mehr. Schon seit Stunden trendet #Höcke bei Twitter. Auf einer Rede in Dresden hatte der AfD-Politiker Björn Höcke mal wieder alle Register gezogen. Seine Ausführungen trieften vor Holocaust- und Geschichtsrelativierungen. Einer der traurigen Höhepunkte: Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa in Berlin bezeichnete der beurlaubte Gymnasiallehrer für Geschichte (!) und Sport als „Denkmal der Schande“. Er forderte zudem „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Allein, die rhetorische Strategie dieser Leute wird fatal verkannt. Sicher, die Empörung, die sich in den sozialen Netzwerke breit macht, ist mehr als gerechtfertigt. Sie ist bei solchen Statements sogar notwendig. Man kann nicht den Anschein erwecken, die Relativierung des Holocaustes und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg sei eine legitime Meinungsäußerung. Auch der AfD ist sicher bekannt, dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Warum tun sie’s trotzdem?

Kaum jemand geht dieser Frage nach. Auf Stern Online erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Schloblinski, warum Höckes Rhetorik so gefährlich nah an NS-Propaganda à la Goebbels ist – Das ist sicher richtig. Der Publizist Andreas Kemper analyisiert auf seinem Blog die Strategie der Verkehrungen und Umdeutungen und kommt der Sache damit schon näher. Zu der knalligen Äußerung „Denkmal der Schande“ schreibt Kemper: „Höcke (…) reklamiert für sich nachträglich die Interpretation „Denkmal, welches auf die deutsche Schande der Shoah verweist“.“.

Dass das nicht glaubwürdig ist, muss man wohl nicht weiter ausführen. Warum sonst hat Höcke außerdem die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert?

In der Lesart der AfD ist aber eben mal wieder jemand „mit der Maus ausgerutscht“. „Nicht so gemeint“, „missverstanden“, „aus dem Zusammenhang gerissen“ – das rechte Lager hat eine gut gefüllte Toolbox mit Satzbausteinen, die in solchen Fällen nachgeschoben werden können.

Das Problem: oft genug stimmt es, nur eben nicht, wenn es um die AfD geht. Es gibt genug Leute, die überall Diskriminierung wittern oder Aussagen so lange verdrehen, bis man darin etwas Schändliches, Demokratie- und Menschenfeindliches erkennen könnte, wenn man seine Fantasie ein bisschen bemüht. Das kenne ich auch. Neulich an der Bushaltestelle bohrte sich ein Blick in meinen Rücken und eine gehässige Frauenstimme zischelte „Die mit ihrem Hass auf diese Menschen!“. Ich blickte mich um. Ich hatte keinen „Hass“ auf irgendwelche Menschen. An der Bushaltestelle standen noch eine arabische und eine frankophone, schwarze Familie. Die Frau hinter mir war weiß, dicklich, älter und konservativ gekleidet genau wie ihr Begleiter. Ich beschloss, zur U-Bahn zu gehen, denn ich wollte mich nicht weiter anfeinden lassen. Ich sah, wie der schwarze Mann mir hämisch hinterhergrinste. Vielleicht waren es Freunde des älteren weißen Pärchens. Vielleicht waren es Menschen, die Frauen wie mich nun einmal nicht ausstehen können. Da kann ich nichts machen. Nur – getan hatte ich ihnen nichts. Die Rechnung: Die Minderheit mag dich nicht, also bist du irgendwas mit -phob, jedenfalls diskriminierend, geht nicht auf.

Es mag ein Lacher sein, Leute als fiese Rassisten, Antisemiten, homophobe Schweine, antizigan oder Frauenfeinde (zu denen gehöre ich auch, obwohl ich selbst eine Frau bin! Man denke aber nur an die vielen Juden, die angeblich „antisemitisch“ und „von Selbshass zerfressen“ sind, weil sie irgendwelchen selbsternannten (nicht-jüdischen) deutschen Vertretern der Belange des Judentumes nicht die gewünschte Bestätigung liefern) zu outen, obwohl diese nichts getan haben, und dann großzügig zu sein, wenn von anderen tatsächlich rassistische, antisemitische, homophobe, antizigane und frauenfeindliche Äußerungen kommen. Oft ist damit wohl auch eine narzistische Aufwertung verbunden („Tja, mich mag man halt!“, „Jetzt bist du frustriert, weil die Minderheiten deine Liebe nicht erwiedert haben?!“). Es ist bloß nicht links.

Die Minderheitenpolitik, so wie sie mittlerweile betrieben wird, hat leider tatsächlich dazu beigetragen, Menschen auf simple Großkategorien zu reduzieren. Man kennt nicht mehr die nette Türkin von nebenan und die ätzende türkische Zicke, sondern zwei Vertreterinnen „der Anliegen des türkischen Volkes in Deutschland“. Mag man auch nur eine von ihnen nicht, ist das „Hass auf Türken“ bzw. das ist es auch schon, wenn umgekehrt eine von beiden einen nicht mag (siehe oben). Dafür kann „der/die TürkIn an sich“ selbst auch schon mal homophob auftreten oder seiner-/ihrerseits markige Nazi-Sprüchen zum Besten geben, andere, „konkurrierende“ Ethnien angreifen. Das ist dann eben „deren Kultur“.

Na ja, wer’s glaubt … Dass eine solche Minderheitenpolitik, wenn sie derart überzogen, vergröbert und verzerrt praktiziert wird, eher eine Identitätspolitik ist und damit dicht dran an der AfD, sticht ins Auge. Auch die Rechtspopulisten können ja mit einer Menge Minderheiten aufwarten. Sogar an den Stimmen der Juden hat man ausdrücklich Interesse, wie Deutschlandradio berichtete.

Sicher, es gibt Juden, die nun einmal konservativ, wirtschaftsliberal oder sogar rechts sind. Genau wie Schwarze, Schwule, Menschen, die unter Hühneraugen leiden oder sich die Haare lila gefärbt haben, rechts sein können. Ich wäre die letzte, die ihnen das absprechen oder verwehren würde. Warum auch? Nur bin ich dagegen, dass diese Menschen als „Schutzschilde“ oder „Kronzeugen“ dafür, dass ihre antisemitischen, rassitischen, homophoben Freunde „ja gar nicht so sind“, auftreten können. Wer sich an Höckes Äußerungen nicht stört und Menschen, die es tun, als „hysterisch“ abtut, der (oder die) kann sich dann auch nicht ereifern, wenn andere den gleichen braunen Mist von sich geben. Konsequenz und Vergleichbarkeit kann man da schon fordern. Und es versteht sich von selbst, dass, wer bei Holocaustrelativierungen und offen rassistischen Äußerungen, mit denen z. B. Alexander Gauland von sich reden gemacht hatte – man denke nur an die Sache mit Jérôme Boateng -, schon mal ein Auge zudrückt, nicht gleichzeitig völlig willkürlich anderen Leuten „Rassismus“ unterstellen kann, nur weil man sie gerne damit demütigen möchte. Sympathie und Antipathie sind das eine. Diskriminierung ist das andere.

Und last but not least sollten einige Leute vielleicht auch ihren „Humor“ noch mal überdenken. Auch die Publizistin Carolin Emcke, die sich als Linke und Antirassistin sowie als Vorkämpferin für die Sache der Homo- und Transsexuellen einen Namen gemacht hat, kann offenbar über jiddische Witze nicht lachen. Dafür sind aber homophobe, frauenverachtende und unverhohlen faschistisch-völkische Sprüche wie „unwertes Leben“ auch in diesen Kreisen kein Problem. Wundert einen da die Rede von Björn Höcke in Dresden?

„Israelfreunde“, die so ihre Zweifel am Holocaust haben

Eher zufällig griff ich neulich in der Bücherei zum neuesten „Neon“-Heft. Undercover auf einer Leserreise des rechtsextremen Blogs „Politically Incorrect“ nach Israel – Das interessierte mich. Ich wusste, wie brachial sich die Leute hierzulande um Israel streiten. Den einen geht es – leider muss man das so offen sagen – in erster Linie darum, den Antisemitismus ihrer Landsleute „aufzudecken“, manchmal ohne dass die sich irgendwelcher „verdächtigen“ Äußerungen schuldig gemacht hätten, ja, manchmal fühlen sich sogar gerade die Denunzianten ihrerseits als Antisemiten abgestempelt und behaupten, es „zurückgeben“ zu müssen. Paranoia und spießbürgerliches Spitzel- und Denunziantentum gehen hier wohl ineinander über. Im Grunde ist es nicht mehr als das Streben des „Radfahrertyps“, andere in den Dreck treten und sich selbst nach oben „empfehlen“ zu wollen, wie wir es bereits aus dem Nationalsozialismus und auch aus der DDR kennen. Nichts Neues also. Kommunikation wäre jedenfalls besser. Andere wiederum – meist aus der westdeutschen Linken – sehen in der israelischen Siedlungspolitik eine Art „Holocaust“ an den Palästinensern, als hätte es den Nationalsozialismus nie gegeben. Oder zumindest muss man sich dann als Deutsche(r) nicht mehr so dafür schämen. rgendwie so etwas in der Richtung. Es geistern auch auffällig viele „antisemitische Juden“ durch deutsche Publikationen und Blogs. Von „Selbsthass“ ist die Rede, angeblich sind solche Leute sogar „antisemitischer als die einheimischen Antisemiten“.

Verbundenheit mit Israel oder schlicht Islamhass?

Die Frage drängt sich schon auf: Wer hat eigentlich das Judentum für sich gepachtet? Für einen Teil der selbsterklärten „Israelfreunde“ steht auch wohl nicht so sehr das Interesse an Israel oder dem Judentum oder die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Vordergrund. Diese Leute scheinen – in krassem Widerspruch zu Verständigung und Aussöhnung – mit ihrer Liebe zu Israel in erster Linie ihren Islamhass kaschieren zu wollen. Als ob eine besondere, vielleicht auch aufgesetzte Sympathie für die einen den Hass auf die anderen rechtfertigen würde. Blogs wie „Politically Incorrect“ oder die „Achse des Guten“ sind die Sprachrohre dieses Teils der deutschen Gesellschaft.

Harte Kost – der Nahostkonflikt

Sicher, Israel ist ein schwieriges Thema. Das kleine Land ist umzingelt von Feinden. Die meisten Menschen, die um den schmalen Streifen am östlichen Mittelmeer herum leben, wünschen sich nichts sehnlicher, als dass Israel ein für alle mal von der Landkarte radiert werden solle. Antisemitismus gehört in vielen islamisch geprägten Ländern zum guten Ton. Man erinnere sich nur an das Jahr 2014, als auf Anti-Israel-Demos in Deutschland abwechselnd „Allahu Akbar!“ („Gott ist groß!“) und „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas!“ gerufen wurde, wie u. a. die FAZ berichtete.

Andererseits werde ich wohl nie die Bilder aus dem (israelischen) Film „Waltz with Bashir“ (Israel/Frankreich/Deutschland 2008, Regie: Ari Folman) los: Was als Trickfilm startet und eine Jugend im Krieg, ein Land im permamenten Belagerungszustand zeigt, endet mit Schwarz-Weiß-Fotos von dem Massaker von Sabra und Schatila 1982, als christliche libanesische Milizen ein palästinensisches Flüchtlingslager im Süden Beirouts überfielen – mit Wissen und Rückendeckung nicht nur der israelischen Armee, sondern auch der israelischen Regierung.

Was wird wohl aus einem kleinen Jungen, der mitansehen muss, wie seine Mutter vergewaltigt und sein Vater ermordert wird? Diese Frage könnte man wohl gleichermaßen für einen palästinensischen wie für einen israelischen Jungen stellen. Der eine muss damit leben, dass nur ein martialisch hochgerüsteter Sicherheitsapparat ihm sein Überleben garantieren kann. Den anderen erwartet ein Leben als Mensch zweiter Klasse, als allerhöchstens widerwillig geduldeter Flüchtling oder als Tagelöhner, dessen armseliges Dorf jederzeit von einem Panzer plattgewalzt werden kann. Vielleicht sitzen in dem Panzer Teenager, die lieber in der Disco wären oder ihre Zeit im Eiscafé vertrödeln würden. Es ist jedenfalls nicht leicht, sich eine Meinung zum Nahostkonflikt zu bilden …

Genauso schwerverdaulich ist es für mich allerdings, dass Deutsche sich für Israel begeistern und gleichzeitig rechtsradikal sein können. Klar, ich wusste, dass es auch rechte Juden gibt. Es hatte sogar welche gegeben, die Adolf Hitler damals gar nicht mal so schlecht fanden, deutschnationale Juden, die das mit dem Antisemitismus für vernachlässigenswert gehalten hatten, ein bisschen dummes Gerede eben, aber ansonsten ein Mann, wie ihn Deutschland brauchte. Klar, ein fataler Irrtum, aber warum sollte man von Juden andere Meinungen als von Deutschen, Italienern, Amerikanern oder wem auch immer erwarten? Trotzdem gehörten für mich immer Israel/Holocaust auf die eine und Nazis/Rechtsradikale auf die andere Seite.

Israelfreundliche Holocaustleugner

Als ich Marco Maurers bericht „inside PI“ von der „Politically Incorrect“-Leserreise nach Israel las, konnte ich es zunächst nicht glauben. Ich meine, Medien müssen Auflage und Quote machen, Klicks generieren. War „inside PI“ eine Art „Schtonk“, wie die gefälschten Hitlertagebücher, die der „Stern“ 1983 veröffentlicht hatte? Oder hatte Maurer die Dinge vielleicht einfach nur ein bisschen knackiger dargestellt? Ein bisschen auf Sensation getrimmt, damit die Leute sich auch schön heftig erregen? Eine Gruppe Männer, auch ein paar Frauen, Ehepaare – alles gutbürgerliche Leute, alle stramm AfD -, die sich in Israel im Häuserkampf ausbilden lassen wollen. Zwei, die früher FDP waren, zwei von der Linkspartei. Der eine von der Linkspartei, der in Maurers Artikel als Programmierer, der in der Schweiz lebt, vorgestellt wird, meldet unbefangen seine Zweifel am Holocaust an. Nur vergleichsweise wenige Opfer seien Juden gewesen. Darf man das in der Schweiz so sehen? In Deutschland wäre es Holocaustleugnung und Volksverhetzung. Wie passt das zu dem zwar rechtskonservativen, aber eben dennoch solide bürgerlichen Anstrich, den sich die AfD geben will? Und was zur Hölle haben solche Leute in Israel verloren? Warum ist man dort gern bereit, ihnen ein bisschen militärische Nachhilfe zu geben?

Vielleicht passt hier der Spruch „Die dümmsten Kälber wählen sich ihre Schlächter selber!“. Oder aber man war in Israel sicher, es mit Deutschen zu tun zu haben, die Israel vorbehaltlos unterstützen. Immerhin hatten sich die Leute im Internet, wie Maurer schreibt, hebräische Decknamen gegeben, der israelischen Reiseleiterin war offenbar weißgemacht worden, die Gruppe sei links.

Nazis mit jüdischem Appeal

Dass eingefleischte Antisemiten sich hebräische oder zumindest demonstrativ jüdisch klingende Kampfnamen geben, ist nicht neu. Eines der widerlichsten Beispiele ist „Thora Ruth“, eine nach dem zweiten Weltkrieg nach Argentinien ausgewanderte deutsche Nationalsozialistin, die von dort aus bis in die 1970er Jahre weiterhin für die „nationalsozialistische Sache“ agitierte. In diesem Fall ging es um eine weitere, hämische Demütigung der Opfer des Nationalsozialismus. Man nahm einfach deren Identität an und bekämpft sie – buchstäblich in ihrem eigenen Namen – weiter.

Innerer Widerspruch oder knallharte Strategie?

Bei „Politically Incorrect“ ist das vielleicht etwas anders. Der Blog tritt tatsächlich ausdrücklich als israel- und amerikafreundlich auf. Das Verblüffende ist eben nur, dass in dieser Lesart auch Holocaustleugner „israelfreundlich“ sein können. Ein innerer Widerspruch? Camouflage? Oder etwas, dass psychotische Züge hat und sich logisch nicht erklären lässt? Vielleicht geht es auch ums Verarschen. Es ist ja bitter, gegen die Israelliebhaber von „P. I.“ als „antisemitisch“ dazustehen und sich gleichzeitig deren antisemitische Hasstiraden anhören zu müssen. Gerade diese Strategie, dass Rechte ihre Gegner als die eigentlichen Antisemiten, Rassisten, usw. darstellen und sie zugleich damit verhöhnen, dass sie selbst sich den Antisemitismus, Rassismus, usw. „leisten können“ – immerhin gibt es Juden, Schwarze, Türken, Homosexuelle, …, die die Linken auch nicht mögen – ist eigentlich im Moment hochaktuell. Immerhin ist die AfD in letzter Zeit sowohl mit antisemitischen Äußerungen als auch mit einem aufdringlich zur Schau getragenen Philosemitismus aufgefallen.

Erste Anzeichen – tapfer ignoriert

Vielleicht ist es „Fabian“ aus Maurers Story vor 10, 15 Jahren ja noch um Palästina gegangen. Vielleicht war ihm damals noch klar, dass der Holocaust von vornherein als Vernichtung des europäischen Judentums geplant war, auch wenn es natürlich stimmt, dass ihm auch viele andere Menschen zum Opfer gefallen sind. Allerdings hatte es, was „Fabian und Co.“ betrifft, genug Warnzeichen gegeben: Ein Politiker der Linkspartei zum Beispiel, der mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen war, in der tiefsten südwestdeutschen Provinz, so um 2006/2007. Man wollte den nicht ausschließen, hieß es, weil der „so ein netter Kerl“ war. Ausdiskutieren war in dem Fall wohl auch nicht so nötig. Das war das erste Mal, dass ich dachte, dass die Linkspartei eigentlich nicht mehr wählbar ist. Oder der Uni-Dozent, ein lässiger Oskar Freysinger-Typ, eher Alt-68er als rechte Dumpfbacke, der völlig unbefangen auf einer Abendveranstaltung erklärte „Tja, meine Eltern waren nun einmal Nazis. Das hat eben auch mich geprägt.“ Eine launige Selbstkritik? Ein unglücklicher Scherz? Oder ein hässlicher Spritzer des braunen Morasts, der die ganze Zeit im Untergrund unserer Gesellschaft gelauert hat?

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass vorschnelle Schuldzuweisungen und leichtfertige Bezichtigungen helfen. Aber Maurers „inside PI“ ist gefährlich nahe an dem dran, was ich selbst erlebt habe.