Dicht am Zeitgeist dran: blaue Bikini-Ärsche & erzkatholische Queerness

Sex-Appeal bei der AfD

Im Moment kann man gar nicht anders, als draufzugucken – sexy Frauenärsche in ultra-knappen Tangas knödeln einen von so ziemlich jedem Laternenmast an. „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis.“ heißt der Slogan, mit dem die AfD sich einen Ruf als freche und freiheitsliebende oder wenn nicht das, dann eben zumindest sexuell freizügige Partei geben will. Allerdings geht die sexuelle Libertinage eher in Richtung „Praline“. Man hat spontan eine Runde Männer mittleren Alters vor Augen, in irgendeiner verrauchten Eckkneipe, vielleicht auch im Dorfkrug und schon nicht mehr ganz nüchtern – mit glasigen Augen und verschwitzten Fettfingerchen gierig „Schmuddelbildchen“ abtastend und sich dabei gröhlend gegenseitig auf die Schultern klopfend – „Na, Karlheinz, nachher noch in den Puff? Merkt Deine Alte doch eh nich‘, wenn bisschen was vom Haushaltsgeld fehlt!“, „Nö, Günni, lass ma‘. Man wird ja nich‘ jünger, wa?!“ Har, har! Darauf noch ne Runde, har, har!

Das Freigeistige kommt jedenfalls nicht so ganz rüber. Vermutlich würde ein Zuviel an „locker“, sofern es droht, ins Antibürgerliche abzurutschen, aber auch die anvisierte Zielgruppe verprellen. Immerhin hat die AfD sich auf die Fahnen geschrieben, eine Partei der „kleinen Leute“ zu sein. Die Kunst besteht also darin, so weit „fortschrittlich“ zu sein, dass man Gegnern das Maul stopfen kann – „He, he zu verklemmt, was?!“ – und natürlich „erzkonservativ“ als das neue „fortschrittlich“ zu verkaufen.

Jung, hip und konservativ

Das dürfte gar nicht mal so sehr am Zeitgeist vorbeigehen. Immerhin bevorzugen junge Wähler dem Deutschlandfunk zufolge CDU und die, wie es heißt „pragmatische Politik Angela Merkels“. Gewiss, das meint nicht AfD. Aber konservativ irgendwie schon. Nix mehr mit „die Alten schocken“, eher schon „auch mal Verständnis haben“ für Typen wie Günni und Karlheinz aus der Eckkneipe.

Na ja, die CDU ist ja auch nicht mehr, was sie mal war und das könnte man aus einer linksliberalen Perspektive durchaus positiv anmerken. War es nicht Angela Merkel, die den Atomausstieg endlich durchgezogen hat? Oder die Flüchtlingspolitik. Dass „wir“ in Deutschland Migration jetzt ziemlich cool finden – alles CDU, tiefschwarze Politik.

Queerfeminismus à la CDU?

Dass „konservativ“ das neue „links“ ist, ist mir eigentlich erst gerade eben am Zeitungskiosk so richtig klargeworden. Ich ließ meinen Blick über diverse Hochglanzmagazine für „queere Frauen“ schweifen – „Missy Magazine“, „Straight“, „Libertine“: alle a… teuer und nicht nur deshalb geschrieben für Frauen, für die Geld keine Rolle spielt und die Zeit genug haben, sich durch sehr lange, sehr klein geschriebene Texte über andere starke, hippe Frauen zu lesen, die es zu etwas gebracht haben. Dass Lesben hier ruhig auch lange, blonde Haare haben dürfen, chice, feminine Klamotten, teure Dessous und vielleicht auch mit einem Bio-Mann liiert sein – versteht sich von selbst. Auch dass das kein Widerspruch ist. Es geht ja mehr so um das Lebensgefühl, dass frau ganz Frau ist, nicht so’ne bekloppte Sheryl Sandberg mit Karrierefimmel und TROTZDEM total erfolgreich – Ja, da guckste! Aber das ist halt „Mädelspower!“ -, dass frau – wenn auch selbst ultraschlankgehungert und -gesportet – parteiisch auf der Seite der Dicken ist – Fat Empowerment! – „of Color“ sowieso und „Transphobie“ kommt ja gar nicht erst in die Tüte. Sowas in der Richtung halt.

Ich stolpere über „Fräulein“ – noch so’n Mag für die queere Frau mit Geld, blättere hastig durch: Logo, ein Feature über Beth Ditto, dann ein politisches Statement von einer queeren Frau of Color: lange schwarze Haare, ein schief sitzendes Baseball-Käppi als Markenzeichen und ein unkompliziertes Lächeln: Feministin – sowieso!, für die Freigabe von Cannabis, für die Ehe für alle – Na ja, sie ist ja selbst queer! -, für Migration und Diversity auf allen Ebenen – ihre Mutter ist Filippina – und „Wir müssen die klügsten Transgenderpersonen im Land halten!“. Wirtschaftspolitisch sieht Diana Kinnert sich bei der FDP. Sie selbst ist aber in der CDU, Ende 20, Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung – offenbar studiert sie Politikwissenschaften an der Humbold-Universität – und the next big thing – die Wunderwaffe der Konservativen. Da soll noch mal einer sagen, dass die nicht auch „grün“ können! „Jamaika“ winkt ja ohnehin schon am Horizont und vielleicht geht es sogar auch ohne die Grünen, also ohne die Partei, wenn die Konservativen jetzt schon selbst so „grün“ sind …

„Leistungsträger“ & „unwerte Leben“* – der neue Liberalismus?

Irgendwie traue ich dem Braten nicht. Klar, dass erste, was mir durch den Kopf schoss, war ein kleiner, beleidigter und sehr persönlicher Gedanke: In Kinnerts Alter saß ich an meiner Magisterarbeit, die ich auch mit der Höchstnote zu Ende gebracht habe, so ganz ohne Stipendium (nur vom DAAD hatte ich mal ein kleines erhalten), dafür aber mit Nebenjobs, Engagement in einer multikulturellen Initiative, auch mal ein bisschen Asta und so. Irgendwie bin ich der Meinung, dass „Leistungselite“ mehr bringen muss, sorry. Die Dame erwärmt sich in diesem Punkt für die FDP. Für die FDP bin ich der letzte Dreck. Da ist was schief. Das ist immer das Erste, was ich in solchen Fällen denke.

Wer anderen Druck machen will oder noch schlimmer, sie für dumm verkaufen und möglichst für die Zukunft noch mit unter dem Mindestlohn abspeisen will (Manche Leute aus dem konservativen Lager sind genau deshalb und leider auch nur aus diesem einen Grund so sehr dafür, Migration zu fördern), muss eben wirklich besser sein, finde ich. Ich finde dieses Denken falsch – grundsätzlich! -, aber ich kann es ansonsten noch nicht einmal ernst nehmen. Privilegien muss man rechtfertigen können, v. a. dann, wenn man für andere nach Möglichkeit weniger will, als ihnen bislang bzw. früher zugestanden wurde. Da nützt auch dieses Minderheitending nicht, denn die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ müssen wir vielleicht nicht um jeden Preis umwerben und „im Land halten“ und auch nicht so tun, als sei es eben doch jemand, der (oder die) – ich zitiere hier mal die Leute, die ich ständig am Hals habe – „in einer ganz anderen Liga spielt.“ Irgendwie hat „Diversity“ hier einen trotzigen, ziemlich erpresserischen Touch – wie man doch noch „Überflieger“ sein kann, auch wenn man es eigentlich nicht ist, wie man sich doch eine gewisse Arroganz erlauben kann, auch wenn man an die Messleiste, die man an andere anlegt, selbst gar nicht heranreicht. „Alle gleich!“ wäre jedenfalls die bessere Losung. Darauf könnte nämlich dann auch mit Fug und Recht die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ pochen.

Erinnern wir uns noch mal kurz an Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Merin (FDP) und – ja! – auch Petra Hinz (SPD). Sogar im AfD-Lager gab es – laut B.Z. – schon hier und da Vorwürfe, jemand habe sich mit fremden Federn geschmückt, den eigenen Lebenslauf also ein bisschen getunt. Das mit dem „Leistungsträger“, das üben wir vielleicht noch mal. Oder einfach nicht so auf andere herabschauen. Aber nicht dass ich das Diana Kinnert jetzt vorwerfen wollte. Nein! Natürlich nicht – dafür gibt es auch keinerlei Anhaltspunkte, nur dass das konservativ-rechtsliberale Lager den Mund lieber nicht allzu voll nehmen sollte, so ganz generell – das meinte ich – und ich merke schon selbst, dass ich davon lieber wieder runterkommen sollte. Schleunigst!

Diana Kinnert: jung, queer, klug & sehr, sehr konservativ

Also googele ich kurz mal Diana Kinnert. Als ich im Debattenportal „The European“ auf sie stoße, sehe ich bestätigt, was ich vermutet habe: Das ist eher für Tweed Sakko-Träger, ältere Bildungsbürger, gediegen, ein bisschen wie Alexander Gauland, vielleicht, wenn er noch bei der CDU wäre – eben konservativ. Wirklich konservativ, nicht grün. Kinnert argumentiert mit der Spätantike, ruft dazu auf, christliche Werte zu stärken. Das ist nicht anrüchig – klar! -, aber es ist eben das, was meine Generation als das Denken (und Fühlen) der eigenen Großeltern identifiziert hätte (also, vielleicht stelle ich lieber klar: ein TEIL meiner Generation, einige, nicht wenige übrigens, der noch jungen, mittem im Leben Stehenden sind nämlich mittlerweile auch ein gutes Stück nach rechts gerutscht und andere standen immer schon dort, da will ich nichts beschönigen. Wir waren und sind keine „neuen 68“.).

Blau ist die Frau, also die Kinnert, auch nicht. Sie stellt sich klar gegen Dr. Nicolaus Fest (das „Dr.“ steht da so, also bei der Kinnert) und dessen Islamhass. Das kann man Diana Kinnert demnach wohl nicht vorwerfen, dass sie Rechtsdrall hätte. Dennoch – eine gewisse Furcht bleibt, die Angst, Sand in die Augen gestreut zu kriegen und verarscht zu werden – gerade mit diesen Minderheitendingen. Auch auf dem rechtsliberalen Blog „Tichy Einblick“ – der rein ideell dicht an dem, was Diana Kinnert sagt, dran sei dürfte, wohl auch an der Klientel, die sie ansprechen will – hatte man ja desöfteren gegen die AfD angeschrieben und sich bemüht, „konservativ“ klar und deutlich gegen „rechtspopulistisch“ abzugrenzen – z. B. Annabel Schunke – nach Selbstdarstellung Fotomodell und – wie Diana Kinnert- Studentin der Politikwissenschaften. Dann gingen plötzlich Fotos von Schunke zusammen mit Alice Weidel online. Die Tichy-Kolumnistin fiel mit Fäkalwörtern und Ausfällen gegen Muslime auf, ihr Facebookaccount wurde gesperrt und bei der AfD nahm man das junge Talent, das offiziell ihre gegnerin gewesen war, plötzlich in Schutz – Zensur sei das.

Ein etwas hipperer Site, wenn auch wohl weniger politisch als „The European“ und „Tichy’s Einblick“ – „refinery29.de“ – hat auch etwas zu Diana Kinnert zu sagen – „Mitte 20, queer und in der CDU“. Kinnerts katholisches Elternhaus reagierte offenbar sehr gelassen darauf, dass sie lesbisch ist. Konservativ und tolerant geht also wohl wirklich. Aber dann steht da in dem Artikel, der Vater habe gefragt: „Wer ist denn das Messer und wer ist die Gabel?”.

Trotzdem keine „Partei für alle“ – Sorry!

Na ja. Knödel. Har har. Mein Humor ist es nicht. Aber vielleicht kann man Begriffe wie „tolerant“, „freiheitlich“, „liberal“ und „links“ auch einfach mit unterschiedlichen Inhalten füllen. Vielleicht sollte man das so nebeneinander stehen lassen. Und einfach nicht CDU wählen, auch wenn die eigentlich schon alles abdecken, was cool und angesagt ist und moralisch richtig und so. AfD natürlich auch nicht, aber das war ja eh klar.

**… sagt Laila Phunk und die hat vor, am 24. September ungültig zu wählen.

*Laila Phunk ist in Berlin-Kreuzberg als „unwertes Leben“ bezeichnet worden – von Hipstern, die sich für Türken & queere Menschen stark machen und, wie es aussieht, bei der – grünen – Heinrich-Böll-Stiftung wohlgelitten sind. U. a. weil sie genau diese Leute nicht an dr Macht haben will, schreibt sie diesen Blog.

Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

#Schorndorf. Oder: Laila platzt der Kragen!

Gibt man #Schorndorf bei Twitter ein, ploppt zuerst ein südwestdeutsches Kleinstadtidyll mit Fachwerkhäusern vor strahlendblauem Himmel entgegen. @cduschorndorf heißt der Account. Aha. Linke „Krawallmacher“ sind hier offenbar nicht zu Hause. Dafür wurde wieder einmal gegrapscht. Bis zu 1000 Jugendliche sollen sich im Rahmen der „Schorndorfer Woche“ – offenbar eine Art Volksfest – in einem Park versammelt, randaliert und Sexualdelikte begangen haben. Mal ist von „Abiturienten“ die Rede, mal waren es eben nur „Jugendliche“ – so ganz ohne festgelegten Bildungsgrad. Migranten, genauer Flüchtlinge, sollen aber in jedem Fall dabei gewesen sein.

Auf Twitter platzt einer gewissen Anabel Schunke wortwörtlich der Kragen. Ein mit viel sch*** und a*** dekorierter Text wird einem dargeboten, in dem sich die Autorin kopfschütteln fragt (so stellt man sich das jedenfalls vor, also dass sie sich kopfschüttelnd fragt), was in diesem sch***-Land eigentlich los sei. Flüchtlinge bekämen hier ja sogar Flirtkurse. Und jetzt ist wieder so etwas wie #koelnhbf passiert. Wieviel „kultursensiblen Zucker“ man den Leuten denn noch „in den Ar*** blasen“ wolle. Die Twitter-Gemeinde klatscht eifrig Beifall.

Moment mal, Anabel wer? Ein paar Klicks ergeben, dass die Frau für das konservativ-liberale Internetmagazin „Tichy’s Einblick“ schreibt. Schunke – eine echte Posterschönheit: lange, blonde Haare, Traumfigur – modelt – klar! – und studiert Politikwissenschaften und Geschichte, wie einen ein Kurzprofil auf „Huffington Post“ informiert. Kein blondes Blödchen also. Eher eine, vor der sich andere wahrscheinlich klein fühlen. Fast fragt man sich, ob Anabel nicht im Real Life Karlheinz heißt und einen „Bier formte diesen Astralleib“-Schmerbauch vor sich herträgt, aber aus solchen Zeilen spricht vermutlich der pure Neid. Als ich lese, dass Schunke mehrfach Versuche unternommen hat, die AfD aus konservativer Sicht zu kritisieren, schäme ich mich auch gleich ein bisschen. Bin ich jetzt so ungnädig, nur weil es nicht meine Meinung ist? (Oder weil ich nicht ganz so hübsch bin? Ich kenne immerhin eine Menge Leute, denen das als Erstes dazu einfallen würde. Deshalb schreibe ich es jetzt auch.)

Doch ein paar Klicks weiter prangt ein Foto, dass die attraktive Blondierte mit einer etwas größeren Frau in einem weißen Polohemd zeigt. Beide scheinen in Partylaune zu sein. Die Große trägt ihr Haar streng zurückgebunden und ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor: Alice Weidel, AfD. „Mit der duftesten Frau der AfD“ steht unter dem Bild. Also wohl doch nicht so viel Abgrenzung.

Mittlerweile ist der Facebook-Account von Anabel Schunke offenbar gesperrt worden. Alice Weidel beschwert sich darüber entrüstet auf Facebook: „Zensur in Deutschland!“ und verlinkt sogleich zu einem Schunke-Text: „Ich muss keine fremde Kultur bedingungslos akzeptieren.“.

Nein, muss sie nicht. Sie muss sich auch nicht angrapschen lassen. Falls ihr das bereits passiert ist. Das täte mir leid. Für den Fall, dass es dunkelhäutige Täter waren, Menschen „südländischen Aussehens“, Muslime. Denn offenbar ist ja das das Problem.

Man muss relativieren. Natürlich begehen auch hellhäutige Menschen, Christen Sexualstraftaten. Ansonsten könnten sich die Frauen in Nordeuropa ja freuen. Es stimmt aber, dass das Frauenbild in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten ein anderes ist. Ein Grapscher an Po, Busen oder zwischen die Schenkel gilt oft eher als „Kavaliersdelikt“. Zumal wenn die Frau eine „Schlampe“ ist, also nicht keusch genug angezogen. Dann hat sie auch irgendwie selbst schuld.

Das stimmt also, da sind gewisse Vorbehalte nicht so ganz aus der Luft gegriffen – sieht man mal, wie gesagt, davon ab, dass ich solche Sätze auch schon aus biodeutschen Mündern gehört habe. In muslimischen Ländern ist es aber eben schlimmer. Dennoch stellen sexuelle Übergriffe auch in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten eine Aggression dar. Es ist ein bewusster Angriff auf die Würde, gewiss kein „normaler“ Umgang mit Frauen. Zumindest an den Stränden Tunesiens und Marokkos haben die Leute auch sehr wohl schon einmal leicht bekleidete Frauen gesehen – und sie haben sie NICHT begrapscht. Ältere erinnern sich sogar noch an die Zeiten, als die Burka im Maghreb noch mehr oder weniger unbekannt war und ein eher westlicher Lebensstil gepflegt wurde. Nicht einmal jeder muslimische Gelehrte ist Burka-Fan. So gut wie keine Frau in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten lässt sich „gern“ von wildfremden Typen angrabbeln.

Vielleicht sollte man diesbezüglich also besser auf dem Teppich bleiben. Ein anderes Frauenbild: ja, „von jeglicher Zivilisation unberührte, animalische Wilde, die nicht anders können“: nein. Wahrscheinlich würde es reichen, ein für alle mal klarzustellen, dass Grapschen und Vergewaltigen in Deutschland Straftaten sind und es auch wirklich strafrechtlich verfolgt wird. Und zwar ganz gleich, wer es macht.

Denn die Frage ist ja, ob Schunke und ihre Fans bei einem hellhäutigen Deutschen darüber hinwegsehen könnten, wenn der sie unsittlich berührt. Könnten sie es, dürfen sie sich auch nicht beschweren.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es durchaus in der Zeitung stehen darf, wenn ein Täter dunkle Haare hatte oder eine Migrationshintergrund – Man kann ja ebenso schreiben, dass es eine Blondine war oder jemand, der Sommersprossen hatte oder ein Oberlippenbärtchen trug – Mir platzt jetzt auch so langsam mal der Kragen: Ja, unter den Flüchtlingen sind echte Schweine. Ja, es sind IS-Leute darunter. Ja, es sind Marokkaner unter ihnen, die glauben machen wollen, sie stammten aus Syrien. Ja, das ist Betrug. Ja, da geht es um Jobs. Ja, einige der „Schweine“ sind schwer traumatisiert, weil sie eben tatsächlich im Krieg waren und das macht es trotzdem nicht besser, wenn da dann jemand gewalttätig wird, Ja, überall ein Körnchen Wahrheit dran, so dass man im rechtskonservativen Lager auch laut auflachen kann, wenn jemand, der oder die nichts gegen Flüchtlinge hat, mal an so jemanden gerät. Gibt’s wirklich alles. UNTER ANDEREM AUCH. – ABER: Bei allem und jedem, wo irgendwie irgendeine Person involviert ist, auf die die Beschreibung: „Migrant“, „Flüchtling“, „dunkelhäutig“, „Muslim“ vage passt, wird laut aufgeschrien. Niemand auf Twitter hat sich über die biodeutschen Abiturienten in Schorndorf beschwert, die launig mitgegrapscht haben oder sogar die Idee dazu hatten. Wer die „Idee“ hatte, weiß man ja nicht. Aber es kam nicht mit einem Wort zur Sprache, dass da eine ganze Menge Nicht-Refugees waren, die sich ebenso sch*** benommen haben.

Stattdessen wird über „Flirtkurse für Flüchtlinge“ schadroniert. Na ja.

Unsere Verfassung will es so, dass vor dem Gesetz alle gleich sind – vielleicht die beste Idee seit langem … Muss man sich nur noch mal ins Gedächtnis rufen.

Das A-Wort und die Mitte Europas. In Sachen Soros …

Ein zähnefletschend grinsender Opa vor kühlem Royalblau – „Lassen wir nicht zu, dass es Soros ist, der am Ende lacht!“ ist fettgedruckt auf den Plakaten zu lesen, die überall in Ungarn prangen und seit ein paar Tagen auch in Deutschland für Furore sorgen. In Ungarn weiß man offenbar, wo der Feind steht, nämlich in den eigenen Reihen. Immerhin ist der US-Milliardär George Soros, der durch die Kampagne diskreditiert werden soll, gebürtiger Budapester. Sohn eines Esperanto-Schriftstellers, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, geboren 1930. Seine Familie entging nur knapp den nationalsozialistischen Häschern, er selbst machte später in den USA mit Börsenspekulationen ein Vermögen. Und investiert, mit der „Open Society“ u. a. in die Demokratisierung Ungarns und anderer mittel- und osteuropäischer Länder.

politische Einflussnahme in Mittelosteuropa – kein Ein-Mann-Geschäft

Klar dass Soros, zumindest aus einer linken Perspektive, nicht gerade zur über jeden Zweifel erhabenen Lichtgestalt taugt. „Kasinokapitalismus“, eben jene außer Rand und Band geratenen Finanzmärkte, die Soros zum Milliardär gemacht haben, kann und sollte man ja kritisieren. Auch ist es sicherlich kritikwürdig, wenn Demokratisierungsprozesse ausgerechnet von Spekulanten angeschoben werden, zumal in den mittelosteuropäischen wirtschaftlichen Ruinen, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hat, und auf die sich in den 00er Jahren allerlei geldgierige Raubtiere – Investoren, windige Geschäftsleute und nicht minder fragwürdige „Influencer“ – gestürzt haben wie die Aasgeier auf ein verendendes Rind.

Nur – wenn nicht Soros die „Open Society“ gegründet hätte, dann hätte eben jemand anderes mehr Einfluss gehabt, vielleicht jemand mit weit weniger edlen Hintergedanken. Es ist ja gerade das Problem kritischer, vielleicht auch oppositioneller Gruppen in armen Ländern, dass sie auf ein finanzielles Backing von dritter, meist ausländischer Seite angewiesen sind, um sich eine gewisse politische Infrastruktur aufbauen zu können, zumindest, wenn sie nicht auf illegale Methoden zurückgreifen wollen, um an Geld zu kommen. Damit laufen sie natürlich theoretisch immer Gefahr, vor den Karren fremder Interessen gespannt zu werden, oder – wie Lenin es ausgedrückt hätte – als „nützliche Idioten“ herhalten zu müssen, die man gut für die eigene Sache vereinnahmen kann.

Fragt sich allerdings, wessen „nützlicher Idiot“ man lieber sein will – denn George Soros ist lange nicht der einzige auf dem Markt der politischen Einflussnahme in Mittel- und Osteuropa. Russland hat ein Interesse daran, die politische Linie Wladimir Putins möglichst breit durchzudrücken, es gibt andere „Gönner“, so ziemlich jede politische Stiftung und jedes Kulturinstitut sowie zahlreiche kleinere und größere NGOs sind bemüht, im Kampf um Köpfe und Multiplikatoren nicht das Nachsehen zu haben.

Kritik an Soros oder Antisemitismus?

Aber darum geht es wohl nicht, zumindest nicht in erster Linie. George Soros ist Jude – ein schwerreicher Jude, der sich als liberaler Philantrop und Demokratiebringer im Sinne Karl Poppers sieht. Offenbar löst das antisemitische Reflexe aus, auch hierzulande. So mutmaßt Ken Jebsen, der im linken friedensbewegten und palästinafreundlichen Milieu nicht irgendwer ist, dass Soros als ominöser Hintermann und Drahtzieher hinter dem „Womens March“ steckt, einer großen feministischen Protestdemonstration, die im Frühjahr gegen die Präsidentschaft Donald Trumps mobil gemacht hatte und international in den Medien viel wohlwollende Beachtung fand. Jebsen behauptet zudem, wie ihn der Berliner Tagesspiegel zitiert, dass Soros den Feminismus fördere, um Frauen zur Abtreibung zu verleiten und mit den toten Embryonen Geld zu verdienen.

Das ist noch eine Stufe härter als Viktor Orbán, der selbst zwar mit einem Stipendium der „Open Society“ in Oxford studieren durfte, nun aber überzeugt ist, dass Soros illegale Einwanderung fördere, um damit Geschäfte machen zu können.

Sicher, illegale Einwanderung ist ein Segen für Leute, die von Mindestlöhnen, Arbeitsschutz und Sozialversicherung nicht viel halten. Immerhin kostet das. Donald Trump wird nachgesagt, dass er bevorzugt illegale Lateinamerikaner auf seinen Baustellen arbeiten ließ. In Deutschland waren es v. a. konservative Politiker, die hofften, mit den Flüchtlingen den Mindestlohn unterlaufen zu können. Dadurch werden die Fluchtursachen – der Krieg in Syrien, die prekäre wirtschaftliche Lage in Afrika – jedoch nicht minder real. Sie sind nicht das Werk weder Donalds Trumps, noch des deutschen Arbeitgeberverbandes, des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder eben des „Open Society“-Gründers George Soros.

Unterstützung von israelischer Seite: Zur Not auch für Antisemiten

Schützehilfe erhalten die Kritiker des ungarischen Philantropen jetzt jedoch von unerwarteter Seite – nämlich aus Israel. Nachdem der israelische Botschafter in Ungarn, Yossi Amrani, die antisemitische Kampagne mit den königsblauen Plakaten scharf kritisiert hatte, pfiff ihn Benjamin Netanjahu sogleich zurück, wie man u. a. auf Spiegel-Online nachlesen kann. Soros dürfe man ruhig kritisieren, so der israelische Premierminister.

Na ja, sicher, wie gesagt … Aber muss es eine antisemitische Hetzkampagne, unter der dann eben die gesamte jüdische Bevölkerung Ungarns zu leiden hat? Ist das immer noch besser, als wenn sich „die Falschen“ in Mittelosteuropa zu sehr einbringen? Vermutlich interessiert sich Netanjahu nicht allzusehr für Soros‘ Heimat Ungarn. Die „Open Society“ soll allerdings mittlerweile auch in Israel aktiv sein und – ein pikantes Detail, dass der deutschen Linken sauer auftoßen dürfte – dort v. a. eine linksliberale Politik fördern, die Kritik an den jüdischen Siedlern übt und eine Aussöhnung mit den Palästinensern anstrebt. Genau das aber wollen die Leute um Ken Jebsen, die Friedensbewegung und das Querfront-Milieu um die DKP und Teile der Linkspartei in Deutschland ja eigentlich auch. Netanjahu dagegen bevorzugt, wie Allison Kaplan-Sommer unter dem Titel „Why Netanjahu hates George Soros so much“ vorige Woche auf Haretz ausgeführt hat, eher jemanden wie Sheldon Adelson – ein us-amerikanischer Milliardär, dessen Eltern aus Russland in die USA auswanderten, interessanterweise ist er fast im gleichen Alter wie Soros. Sheldon ist außerdem ein „Kasinokapitalist“ im wahrsten Sinne des Wortes: Immerhin ist er in Las Vegas mit Kasinos reich geworden. Anders als Soros‘ deutsche Feinde hat er auch kein Herz für Palästina sondern begrüßt und unterstützt jüdische Siedlungen im Westjordanland. Darüber hinaus steht der Milliardär politisch den Republikanern nahe und förderte sowohl George W. Bush als auch Donald Trump  – wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt.

Es geht noch viel schlimmer: Faschismus in der Slowakei

Doch kehren wir mental nach Europa zurück, reisen wir gedanklich mit dem Zug von Budapest nordostwärts, in Richtung ukrainische Grenze. Die Mitte Europas befindet sich, wie einmal jemand gesagt haben soll, geographisch gesehen angeblich auf dem Marktplatz von Banská Bystrica, einem kleinen Universitätsstädtchen in der Zentralslowakei. Hier marschiert gern jemand in einer martialisch-angsteinflößenden schwarzen Uniform herum, der rein äußerlich fast eine jüngere Ausgabe von George Soros sein könnte. Damit allerdings enden die Gemeinsamkeiten auch schon, denn Marian Kotleba, der klotzige, dickliche Slowake mit dem spärlichen, gepflegten Oberlippenbärtchen, dem u. a. die „Welt“ ein Portrait gewidmet hat, steht politisch ganz weit rechts, so weit, dass er es vermutlich nicht einmal entrüstet von sich weisen würde, wenn man ihn als Faschisten bezeichnet. Er ist nämlich einer: wettert gegen Roma und Juden, glorifiziert die faschistischen slowakischen Hlinka-Garden und Adolf Hitler. Globalisierungskritik formuliert Marian Kotleba kurz und griffig: „Yankees raus!“. 2013 wurde er zum Landeshauptmann der Zentralslowakei gewählt.

Vielleicht sollte man George Soros und der „Open Society“ doch noch mal eine Chance geben …

 

Bambule! Warum in Hamburg die Worte fehlten

Bambule! Einfach mal ausrasten, in Raserei geraten, zerdeppern, was einem vor die Nase kommt … Die Mädchen in dem Fernsehfilm, der nach Vorlage meines Personalausweises als Videoaufzeichnung aus dem Giftschrank der Mediathek einer westdeutschen Universität gezogen wurde, hatten ansonsten auch nicht viel Spaß: Man bzw. frau konnte in dem öden 1970er Jahre-Heim die Tage im Normalfall nur mit „Erziehung durch Arbeit“ – in der Wäscherei, an der Dampfwalze – totschlagen und sich daran erfreuen, mit jeder heimlich gerauchten Zigarette „denen da oben“ irgendwie ein Schnippchen geschlagen zu haben. Oder abhauen und wie Jynette und ihre Freundin auf dem Straßenstrich die „Ami-Weiber“ abzocken. Oder sich gut machen und warten, dass einer einen heiratet. Doch welcher Märchenprinz will schon ein Mädchen aus dem Heim?

Die Frau, die den Film konzipiert hatte, war ein Kind des deutschen Großbürgertums, eine wie Carolin Emcke vielleicht, auch wenn der Vergleich etwas makaber ist, denn Carolin Emcke ist ja das Patenkind von Alfred Herrhausen. Auch Ulrike Marie Meinhof war in den 1960er Jahren noch ein Darling der Hamburger High Society, eine angesehene Journalistin, deren scharfe, gesellschaftskritische Polemiken durchaus ankamen – wenn auch vielleicht eher im Zuge eines prickelnden Radical Chic. Am 14. Mai 1970 gründete sie mit einem Sprung durchs Fenster die linksterroristische Rote Armee Fraktion, der gut 19 Jahre später auch Alfred Herrhausen zum Opfer fiel. Meinhofs Fernsehspiel „Bambule“, das am 24. Mai 1970 hätte gesendet werden sollen, wurde damit über Nacht zu etwas Verbotenem, ideologisch vergiftetes Gedankengut, das für mehrere Jahrzehnte nur unter Aufsicht konsumiert werden durfte.

Die Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg waren vielleicht auch Bambule – ein Anfall von Raserei und ein kollektiver Amoklauf: Apokalyptische Bilder flimmerten durch die sozialen Netzwerke, von martialischen Feuersäulen, die Autowracks in sich verschlingen, zertrümmerte Schaufensterscheiben, ein Supermarkt, eine Drogerie, als sei ein Hurrikan durch die Stadt gefegt. Schlanke, athletische Gestalten ganz in schwarz, die Gesichtszüge durch Sturmhauben unkenntlich gemacht, marodieren mit Baseballschlägern bewaffnet durch die Straßen. So jedenfalls sah der Gipfel von außen, durchs Internet, betrachtet aus – ein Inferno.

„Rock gegen Links!“ soll Bundesjustizminister Heiko Maas jetzt auch bereits gefordert haben, „Gewaltexzesse“, „Krawall-Machos“ und „Schwarzhemden“, ja eine „neue faschistische Gewalt der Linken“ sei da am Werk, ereifert sich Ulf Poschardt in der „Welt“.

Richtig. Insofern: Niemand will morgens die verkohlten Reste des sauer ersparten Kleinwagens vor der Haustür vorfinden oder sich durch eine bürgerkriegsartige Szenerie tapfer zu Edeka durchlagen, um noch irgendwie ein Feierabendbier und drei Eier, die man schnell in die Pfanne schlagen könnte, zu erstehen. Niemand findet es gut, wenn Polizisten mit Molotowcoktails oder Zwillen beschossen werden, und auch als der Mob von Sankt Pauli aus die feine Elbchaussee emporkroch, um den Gut- und Großverdienern ordentlich Angst einzujagen, nahm sich das auf Twitter nicht gerade sympathieerregend aus. Es wurde gehöhnt über die linken „Outlaws“, Jungs aus gutem Hause, die in todschicken Nobelturnschuhen gegen die Globalisierung ankloppten, einen Tross echt-armer Unterschichtler im Schlepptau, der in erster Linie die Gelegenheit sah, gratis ein Smartphone abstauben zu können.

Nicht ganz falsch, die soziale Einordnung von ganz oben und ganz unten. Immerhin war es auch in Berlin der Vater eines stadtbekannten Linken, der als Investor im hippen Yuppie-Bezirk Mitte das letzte besetzte Haus räumen ließ, wie man u. a. in der „Morgenpost“ nachlesen kann. Also kein aus der Not geborener Volksaufstand. Auch in Hamburg nicht.

Aber vielleicht ist das eilfertige, lautstarke Verurteilen „linker Gewalt“ trotzdem etwas zu voreilig. Immerhin wurden Gerüchte laut, aus Berlin als Verstärkung angeforderte Polizei-Einheiten seien bereits im Vorfeld des Gipfels mit wüsten Trinkereien und anderen, derberen Verfehlungen aufgefallen. Mal hieß es, eine Beamtin habe auf dem Tisch mit der Dienstwaffe getanzt, mal war von Sex-Orgien die Rede, dann wieder, weitaus weniger glamourös, von betrunkenen Beamten, die wild durch die Gegend urinierten. Auch wenn sich viele der Vorwürfe im nachhinein nicht bestätigt haben – u. a. der RBB berichtete davon – enthemmt war man offenbar auch auf Seiten der Ordnungshüter.

Vielleicht ist es der zunehmende Anpassungsdruck, der einer derartigen Lust am Exzess Vorschub leistet, dass man stromlinienförmig sein muss, um in einer globalisierten Welt bestehen zu können. Dann braucht man Nischen zum Dampfablassen, Rituale im Zuge derer sowohl die Bengel aus gutem Hause als auch der eine oder andere brave Polizeibeamte mal so richtig Rabatz machen und den Bürgerschreck geben können. Oder es ist die heimliche, leise Verzweiflung, gegen „Sachzwänge“ und „Alternativlosigkeit“ nicht anzukommen, im Getöse ausgefeilter PR-Kampagnen und Social-Media-Strategien kein Gehör mehr zu finden.

„Rock gegen Links!“ analog zu „Rock gegen Rechts!“ ist jedenfall eine so drastische Kehrtwende im bundesdeutschen Selbstbild, dass man Mühe hat, da noch mitzukommen. Waren „wir“ nicht bis VOR dem Gipfel noch geschlossen „links“ – für Minderheiten und gegen Rassismus, für Toleranz, erbitterte Feinde der Intoleranz sogar, derart, dass jedem Araber, der nicht für die Burka war, unterstellt wurde, sich selbst auf kranke Weise zu verachten, die eigene Identität zu verleugnen und nicht zum „wahren Arabertum“ zu stehen. „Selbsthass“ wurde auch Homosexuellen vorgeworfen, die nichts für „Queer“ übrig hatten und Juden, die laut überlegten, ob es für den Nahost-Konflikt vielleicht eine Lösung geben könnte, mit der alle, Israelis und Palästinenser, leben könnten. Oder Frauen, die keine Lust hatten, sich chic zu stylen und die eigene Weiblichkeit „selbstbewusst“ zu „leben“ – die neuen Körpertypen, die endlich „zu sich stehen“ wollten, Vielfalt als neckische Modeerscheinung … Für alles gab und gibt es ein Schublädchen und wenn man nicht dafür war, war man halt dagegen und damit „der Feind“ und zwar „der Feind“ schlechthin.

Die Lust am Sticheln, einmal lautstark in aller Öffentlichkeit auszumalen, wieviele Flüchtlinge zum Beispiel vielleicht noch kommen werden und was das für Niedriglöhner, Arbeitslose und prekär Beschäftigte bedeutet. Ein bildungsbürgerlicher Sadismus, der selbst der lachende Dritte sein wollte und doch nur selbstsüchtig und rücksichtslos ist. Identifikation statt kritischer Auseinandersetzung, „Gutmenschentum“ statt „gegen den Strom schwimmen“, großspurig „Zeichen setzen“ statt sich im Kleinen, im Alltag zu engagieren.

Vielleicht war das falsch. Vielleicht verstellt es jetzt, im Bezug auf die Ereignisse in Hamburg, die Sicht. In der „Frankfurter Rundschau“ vom Wochenende wurde zum Beispiel von einer 24jährigen Studentin berichtet, die eine volle Ladung Pfefferspray abgekriegt hatte – Das wurde von der Polizei neben den omnipräsenten Wasserwerfern offenbar recht großzügig eingesetzt. Die junge Frau aber hatte vor der Demo – nicht der „Welcome to Hell“-Demo wohlgemerkt! – noch an einem gemeinsamen Gebet christlicher Demonstranten teilgenommen, wie in dem Artikel stand. Keine „gewaltbereite Linksextremistin“ also.

„Der Preis muss so in die Höhe getrieben werden, dass niemand eine solche Konferenz ausrichten will. G20 wie Olympia als Sache von Diktaturen“ twitterte dagegen Verlegersohn und „Freitag“-Chef Jakob Augstein launig, wie man u. a. in der „Huffington Post“ nachlesen kann. Na ja. Dann würde G20 einfach woanders stattfinden. Irgendwo, wo die Ordnungskräfte noch weitaus weniger zimperlich im Umgang mit Demonstranden sind und niemand sich groß daran stört.

Dennoch: Augstein wollte Aufmerksamkeit und hat sie gekriegt. Es waren schon ein paar Klicks nötig, bis ich etwas mehr über das erfahren habe, was auf dem G20-Gipfel eigentlich verhandelt worden ist. Noch ein paar Klicks weiter, etwas weniger prominent in der Suchmaschinenhierarchie, war zu lesen: „Die Tiere sterben zuerst!“ – die furchtbare Dürre und Hungersnot, die offenbar gerade am Horn von Afrika wütet, das Pariser Abkommen, von dem sich die USA gerade losgesagt haben, Klimawandel, 1,2 Grad mehr, die uns ein paar quasi-tropische Sommertage bescheren und den Leute im Sudan und in Somalia den Hungertod, Italien, das auf Hilfe in der Flüchtlingskrise pocht, Freihandelsverträge, Erdogan, digitale Überwachung, …

Vielleicht geht es um Aufmerksamkeit. „Links“ sind jetzt ein paar randalierende Chaoten, von denen sich eigentlich jeder abgrenzen möchte. Dabei hat Ulrike Meinhof schon 1970 in ihrem Film „Bambule!“ die Protagonistin „Eve“ sagen lassen: „Wir müssten viel mehr reden! Nicht immer nur alles kaputt machen …“ Auch wenn Meinhof selbst sich bekanntlich letztendlich anders entschieden hat – vielleicht ist es genau das.

Punkte machen mit dem A-Wort? Wie Antidiskriminierungspolitik zum Eigentor wird

A wie Antisemitismus. Wer dagegen ist – „anti“ – könne es aber auch wiederum übertreiben, meint Jakob Augstein. Der Anti-Antisemitismus könne schnell zur Obsession werden, schreibt er in seiner  Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Das A-Wort“ (Print, Spiegel 2017/25). Aufhänger ist die umstrittene Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, die WDR und Arte zunächst nicht zeigen wollten. Dann zeigte Bild-Online sie und schließlich lief sie dann, versehen mit einigen Korrekturen, doch noch regulär im Fernsehen.

Warum so viel Aufregung um einen Film? Sicher, der Film ging das Thema parteiisch an, sehr fokussiert auf den Nahostkonflikt, vor allem wohl aus der Perspektive der israelischen Regierung. Das wurde nicht nur im Pro-Palästina-Lager kritisiert. Auch die Journalistin Sylke Tempel merkte im NDR an, dass der Film diskussionswürdig sei. Aber kann man Filme eigentlich nicht mehr mit einer kritischen Distanz sehen? Man muss sich doch nicht mit allem, was man sich so medial zu Gemüte führt, voll und ganz identifizieren.

Oder ist es das Thema? Antisemitismus. Ist es nicht merkwürdig, dass sich heutzutage, so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust, die Geister mehr denn je daran scheiden? Gerade in dem Moment, wo das Land eine Nation in Europa wie alle anderen sein will, wo von „Verfassungspatriotismus“ und einem „gesunden Nationalstolz“ die Rede ist, reiben sich die Leute wieder ganz besonders daran. Dabei könnte man sich sagen, dass der Nahe Osten weit weg ist. Juden sind in Deutschland wirklich eine Minderheit und so viele Palästinenser leben hier auch nicht. Rein zahlenmäßig sind es in den letzten Jahren vielleicht etwas mehr Araber geworden. Gut, die Flüchtlinge – ist es das?

Aber was haben damit zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu tun? Jedes Kind hat vor 20 Jahren noch in der Schule gelernt, dass es sich dabei um eine antisemitische Fälschung handelt. Deshalb glaubt man auch zuerst, man habe sich verhört, als in der Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“ ein junger Mann in einem buntgewebten Pulli freundlich sagt, wenn die „Protokolle von Zion“ eine Fälschung seien, dann habe sich da aber doch jemand ein paar wirklich gute Gedanken gemacht – Wie bitte?

Leider gibt es solche Leute. Die Frage ist nur, warum schenkt man dem Gehör? Oder sind solche Ansichten etwa weiter verbreitet und tiefer verankert in unserer Gesellschaft als man gemeinhin so annehmen sollte?

Es erschüttert schon, zu hören, dass in Berlin ein jüdischer Junge die Schule verlassen hat, weil er offenbar antisemitisch gemobbt wurde. Die Schule soll die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus“ getragen haben, wie u. a. im Berliner „Tagesspiegel“ steht. Das gibt zu denken. Sind die Leute jetzt so erpicht darauf, die „Araberfreunde“ zu geben, dass man einem jüdischen Schüler gegen Mobbing nicht mehr beistehen kann? Als in der taz (Print) dann irgendwo (leider weiß ich nicht mehr wo) auch noch treuherzig versichert wurde, es schlösse sich ja nicht aus, gegen Rassismus UND gegen Antisemitismus zu sein, geriet ich ins schlingern. Natürlich schließt es sich nicht aus. Wäre ich Lehrerin, würde ich auch einem christlichen, blonden, bio-deutschen, heterosexuellen Jungen aus gutem Hause helfen, wenn er zum Mobbing-Opfer würde. Es geht doch darum, Mobbing zu unterbinden. Oder etwa nicht?

Das heißt, mittlerweile würde irgendetwas in mir kurz zögern, die heimlich lauernde Angst, die Eltern des Jungen würden mich, sobald ihr Kind wieder gut in die Klasse integriert ist, bei der nächstbesten Gelegenheit wegen irgendeiner Lappalie zur „Rassistin“ abstempeln. Irgendwie klingt das paradox und leicht plemplem, aber ich habe derlei leider oft genug erlebt – dass die Menschen sich abstrampeln, um ja nicht selbst irgendwie in den Verdacht zu geraten, irgendwie NICHT mit den Refugees klarzukommen, dass man dafür dann lieber andere umso kräftiger in die Pfanne haut. In was für einem Land leben wir eigentlich?

Allerdings handelt es sich, anders als man meinen könnte, nicht unbedingt um ein typisch deutsches Phänomen. Kein „Schuldkult“ also, wie der rechte Rand ja gern höhnt. Da ist zum Beispiel der Fall Kamel Daoud: Der algerische Schriftsteller hatte das Frauenbild im Islam kritisiert, auch im Hinblick auf die sexuellen Übergriffe in der Silversternacht in Köln 2015/16. Daraufhin wurde er von französischen Intellektuellen harsch angegriffen. Weiße Franzosen warfen dem in seiner immer wieder von islamistischen Wellen erschütterten Heimat nicht ganz problemlos arbeitenden arabischen Intellektuellen plötzlich „Orientalismus“ und „Islamophobie“ vor. In Deutschland wurde Daoud gar nicht erst beachtet. Man kann den Vorfall aber u. a. in der „Welt“ nachlesen, auch mit einem Link zu einem Artikel von Fawzia Zouari in der „Libération“ (kostenpflichtig!), in dem sie Daoud verteidigt und den neokolonialen Einschlag kritisiert, der ihrer Ansicht nach aus einigen Statements linker europäischer Intellektueller herauszuhören sei.

„Orientalismus“, „Neokolonialismus“, „Islamophobie“ – und eben das berühmt-berüchtigte „A-Wort“. Da schwirrt einem doch wirklich der Kopf. Sicher, es gibt Araber, Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich auf die Seite der europäischen Rechtspopulisten gestellt haben – Necla Kelek und Aayan Hirsi Ali sind vielleicht die hierzulande bekanntesten Namen. Genauso werden gerade in letzter Zeit auch gern Juden von der neuen Rechten umworben und vereinnahmt. Wenn man liest, dass sogar die rechtsextremen „Identitären“ sich gegen Antisemitismus stark machen, zögert man. Damit will man nichts zu tun haben. Auch nicht mit den „Breitbart“-Typen, dem AfD-Milieu, das – obschon selbst mehrfach mit kruden antisemitischen Ausfällen aufgefallen – sich gern auf jeden stürzt, der andeutet, dass die Palästinenser im Nahen Osten vielleicht wirklich kein leichtes Leben haben, dass die Aggression bis zu einem gewissen Grad vielleicht nachvollziehbar sei, auch wenn man damit keinen Hass auf Juden oder auf Israel unterstützen möchte.

Aber das wird dann eben geflissentlich überhört. Die Rechtskonservativen können Punkte machen, indem sie sich umso entschiedener hinter „Israel“ stellen oder zumindest hinter das, was sie für „die israelische Meinung“ halten. Glauben sie jedenfalls. Das erinnert an den Vorfall mit dem jüdischen Jungen, der von der Schule „gegen Rassismus“ weggemobbt wurde, nur eben anders herum. Muss so viel Übereifer wirklich sein? Und mehr noch – muss man sich davon drangsalieren lassen?

Moshe Zimmermann merkte in der „Zeit“ an, dass es antisemitisch sei, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Ansonsten, wenn man das weiter fasste, seien nämlich auch viele Israelis „antisemitisch“. Nicht jeder ist dafür, Araber wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Vielleicht sind es gar nicht mal so viele, die dafür sind. Aber das zu beurteilen, überlasse ich lieber anderen, denn für mich persönlich ist der Nahe Osten wirklich sehr weit weg.

Nur soviel: Auch wenn Antisemitismus in der arabischen Welt verbreitet ist – da muss man sich nichts vormachen – der algerische Raï-Sänger Khaled fand zum Beispiel nichts dabei, in Israel aufzutreten, wo er nämlich auch viele Fans hat. In der arabischen Welt hat sich der Musiker damit Feinde gemacht. Zur Lichtgestalt eignet er sich trotzdem nicht, Khaled ist ziemlich homophob, hat wegen der „Ehe für alle“ sogar Frankreich verlassen. Dafür setzt sich der muslimische Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für die „Ehe für alle“ ein – und nimmt dafür in kauf, u. a. von streng gläubigen Muslimen attackiert zu werden.

Vielleicht brauchen wir nicht so sehr die Menschen, die sich als „Freunde der Minderheiten“ und „Musterschüler“ in Sachen Antidiskriminierung aufspielen und versuchen, einander dabei zu übertrumpfen, der/die entschiedenere, „authentischere“, leidenschaftlichere „Verteidiger(in)“ der Araber oder eben auch Juden zu sein. Vielleicht sollten wir lieber auch all jenen eine Chance geben, die anecken, weil sie Zwischentöne zulassen und Widersprüche aushalten. Letztendlich sind sie nämlich diejenigen, die eine offene, pluralistische Gesellschaft am ehesten zusammen halten können und es wäre fatal, gerade in deren Namen jede Brücke, die mühsam aufgebaut worden ist, ohne Rücksicht auf Verluste niederzureißen.

 

 

 

Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …