Die Rassismuskeule. Heute: Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, die Rassistin. Also, jetzt haben wir mal wieder so einen Aufreger der Woche. Ein gewisser Thomas Seibert sagt im taz-Interview: „Rassismus liegt dort vor, wo Menschen nach entsprechenden Merkmalen selektiert werden: in solche, die hierhergehören, und solche, die hier nur geduldet sind und bald wieder wegsollen. Das denkt sie wirklich.“ (Interview mit Stefan Reinecke, in: die Tageszeitung vom 15. Oktober 2017). Deshalb, so Seibert, sei die Wagenknecht auch eine Rassistin, denn die Politikerin der Linkspartei hatte mehrfach Kritik an der Flüchtlingspolitik Angelas Merkels geübt.

Sorry Leute, aber ich lese so etwas vor dem Hintergrund der Minderheitenhysterie, die als Dogma in die Welt getragen hatte: Homosexuelle, erst recht Transsexuelle sind links. Egal, was die sagen und auch wenn die AfD wählen. Basta. „People of Color“ sind erst recht links und man sieht auch besser zu, dass man sich nicht deren Unmut zuzieht, denn ansonsten – wie gesagt: ist das dann halt rassistisch. „People of Color“ sind nicht nur Schwarze, nicht nur Menschen, die definitiv so aussähen, als lägen ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern auch Spanier. Schlimmer noch: auch Polen. Sogar Deutsche, die sich eben so fühlen, dürfen sich damit identifizieren. Zur Not werden die flachsblonden Haare halt so lange coloriert bis ein Farbton erreicht ist, der mindestens so dunkelbraun ist wie mein Haar. Das dürfte mir dann ja das Maul stopfen. Aha. So, so. Einmal wieder.

In den letzten Jahren haben die Leute mir so ziemlich alles, was sich irgendwie verdrehen ließ, als „rechts“ gedeutet. Ich soll sogar Sachen gesagt haben, die ich gar nicht gesagt (und auch nicht gedacht) habe, sondern jemand anders. Aber die Leute wollten demonstrieren, dass sie diesen oder diese „jemand anders“ eben mögen. Vielleicht Götz Kubitschek? Neulich las ich in der Zeitung (ich weiß nicht mehr wo), wie ein engagierter linker Journalist ernsthaft darüber philosophierte, wie den jemand mit dem polnischen Nachnamen „Kubitschek“ rechts sein könne. Kubitschek-Frau Ellen Kositza heißt ja immerhin in Wirklichkeit Ellen Schenke. Aber muss man das hier jetzt auch so sehen, dass die sich halt so damit identifizieren, mit dem „Ausländischen“?

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Leute, dass eine wie Alice Weidel mit ihrem „progressiven Lebensstil“ (sogar eine dunkelhäutige Partnerin ha sie ja) in der AfD sein könne. Egal, wie agressiv die Weidel auf Youtube gegen Flüchtlinge hetzte – man ließ keine Gelegenheit aus, um mit einer bunten Homestory an die bundesdeutsche Öffentlichkeit durchsickern zu lassen: Die Weidel ist auch mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie befreundet. Die Weidel ist eine liebevolle Mutter zweier süßer Jungs, die mit zwei Müttern großwerden. Die Weidel geht in der Schweiz in den Kreisen linker Künstler und Journalisten ein- und aus. Ok.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle mal darüber aufklären, was Rassismus ist. Es ist nicht das, was Thomas Seibert dafür verkauft. Seibert meint eine flüchtlings- und zuwanderungsfeindliche Politik. Da kann man ja seiner Meinung sein, dass man so etwas moralisch nicht gut findet, aber Rassismus ist es nicht. Rassismus ist, wenn man Menschen ausgrenzt und/oder ihnen Eigenschaften zuschreibt, die man als „minderwertig“ erachtet, aufgrund äußerer, physiognomischer Merkmale, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Also z. B. wenn jemand behauptet, Schwarze (oder auch Türken) seien nicht so intelligent. Das ist sozusagen die volle Ladung. Wenn ein Iraner sagt, Türken seien nicht so intelligent, ist das auch eine Variante von Rassismus, die zwar nicht in erster Linie auf den physiognomischen Unterschied abhebt, aber voraussetzt, Türken seien eine „fremde Rasse“ und hätten deshalb angeborene, andere Eigenschaften. Deshalb muss auch die mittlerweile salonfähige Form des latenten Rassismus, der darauf hinauswill, dass die Hautfarbe anderer Menschen, ihre physiognomischen Eigenschaften, zentral für ihre Identität seien und deshalb hervorgehoben werden müssten, Rassismus.

Ehrlich gesagt: Ich habe mir bei der Wagenknecht nie irgendwelche Fragen gestellt. Für mich war es einfach eine eher umstrittene ostdeutsche Politikerin. Ich dachte, bei der sei das mehr oder weniger so wie bei uns. Colorful Genes. Ausändische Wurzeln, aber eben Deutsche. Die Info, dass der Vater nun aus dem Iran stammt, ist ja eher jüngeren Datums. Trotzdem: der eher südländische Typ ist halt die Wagenknecht – nicht die strohblonden Queerfeministinnen, nicht meine flachsblonden ehemaligen Mitschülerinnen (obwohl, wer weiß, vielleicht haben denen die Eltern schon als 9jährige die Haare blondiert und die Haut gebleached), nicht die jetzt dunkel gefärbten Kunst- und Kultwissenschaftlerinnen, Literatinnen, Philologinnen, wer auch immer.

Wagenknecht selbst hat die Rassismuskeule übrigens zu keinem Zeitpunkt gezogen (anders als viele andere, wie man leider sagen muss!). Sie darf kritisiert werden und ich muss gestehen, dass ich auch nicht alles gut finde, was sie sagt. Aber ich finde das mit dem „Sie darf kritisiert werden“ gut. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Man ist deshalb kein „Fascho“. Man wird deshalb nicht von aufgeklärten Deutschen gemieden, weil die sich nicht mit vermeintlich „braunem Dreck“ gemein machen wollen. Aber mit der Weidel, mit der haben sie sich durch die Hintertür gemein gemacht. Bleibt abzuwarten, bis es eine Homestory über das „polnische“ Pärchen Kubitschek/Kositza gibt und dass man die auch mal ernst nehmen müsse – haben ja sicher die eine oder andere gescheckte Ziege auf dem Hof. Immer schön bunt! So schlimm kann’s also bei denen nicht sein. Einstweilen wird die Wagenknecht dagegen die „Rassistin“ bleiben. Cheers!

… sagt Laila Phunk, die um ein Haar wirklich „Laila“ genannt worden wäre. Allerdings sollte es ausdrücklich die finnische Variante sein …

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Nochmal Rassismus. Diesmal sogar zum selbst aussuchen!

Hm. Gestern war ich beim Friseur und habe mir die Haare ganz kurz schneiden lassen. Ich habe ein paar graue Strähnen und ich gebe zu – Ich töne mir die Haare deswegen. Die Strähnen sind wieder grau. Der Ansatz, den der Friseur zu Tage befördert hat, hat die gleiche Farbe, wie – glücklicherweise! – noch der größte Teil des Deckhaares – nämlich dunkelbraun. Ich habe es mit verschiedenen Modellsträhnen beim Frisuer verglichen. Ich meine, mehrere Frauen in meinem Umfeld wollten darauf hinaus, dass ich angeblich blond bin.

Unvorsichtigerweise hatte ich mal erzählt, ich sei als kleines Kind honigblond gewesen. Ich meinte Waldhonig. Neulich habe ich mal gelesen, dass die Araber angeblich von Menschen, die braune Augen haben, sagen, sie hätten honigfarbene Augen. Meine Haare dunkelten noch ein bisschen nach, aber schwarz wurden sie, anders als meine Großmutter gehofft hatte, nie.

Als Teenager gab ich mir die volle Ladung. Ich färbte mir die Haare in einem Depri-Anfall blauschwarz. Das sah man auch, dass es gefärbt war. Obwohl ich schwarze Augenbrauen und lange schwarze Wimpern habe. Kajal brauche ich nicht. Man sah das aber eben, dass die Haare gefärbt waren. Weil ich plötzlich so eine etwas kränklich-gelbliche Gesichtsfarbe hatte. Genau so sollte es ja auch. So gehört sich das nun einmal für einen ordentlichen Dark-Wave-Punk.

Jetzt habe ich halt wieder dunkelbraune Haare. Manchmal mit grauen Strähnen. Das passt zu meinem Typ. Eine meiner Tanten sah früher ein bisschen aus wie Charlotte Gainsbourg. Andere in meiner Verwandschaft sind der Refugee-Type oder aber wirklich blond oder – der Gipfel! – sogar von Natur aus rothaarig – colorful genes! Eine typisch deutsche Familie, würde ich sagen.

Warum schreibt man so einen Scheiß? Na ja, nachdem ich geschrieben hatte, ich hätte es cool gefunden, als in den 00er Jahren dunkelhaarige Stars wie Salma Hayek und Nathalie Portman die Leinwände erobert haben, gab es Haue, also verbale Haue. So war das nicht gemeint gewesen, dass ich mich mit sowas identifizieren sollte.

Mehrere Frauen aus meiner Vergangenheit, die ich als der helle „nordische“ Typ in Erinnerung habe, haben jetzt plötzlich auch meine Haarfarbe. Die eine war vielleicht damals ein bisschen blondiert. Ein bisschen. Die rosigen Wangen sprechen Klartext, dass sie nicht wirklich dunkelbraun ist. Man erkennt es nämlich wirklich an der Hautfarbe. Guckt euch mal ein paar Grufties an, wenn ihr es nicht glaubt. Jedenfalls, damals passte bei der Kunstfrau der Teint zum wasserstoffperoxidblonden Haar, kein unnatürlich tiefes braun, wie einst bei FPÖ-Sonnyboy Jörg Haider. Obwohl Höhensonne in dem Fall vielleicht eine Option wäre.

Die andere war immer mittelblond, also naturblond, und das auch wirklich von Natur aus. Jetzt hat sie auch rosige Bäckchen, dunkelbraune Haare und einen Migratinnenjob, bei dem sie die einzige Deutsche unter lauter Migrantinnen ist. Also, falls sie noch Deutsche ist. Man weiß ja nie. Die ehemals Wasserstoffperoxid Gebleichte hatte mir nämlich mal, noch zu Studienzeiten, eröffnet, ihre Mutter sei Polin. Damals ging das ein wenig gegen mich als Linke, dass ich doch die Ausländerfreundin sei, sie als die Konservative, die sie damals noch war, aber eben ganz echt mit Migrationshintergrund. Tja, die Migranten sind nämlich gar nicht unbedingt so links. Das wusste ich sogar. Heute allerdings ist die andere links und niemand will mehr etwas davon wissen, dass es mit Migranten wie mit Deutschen ist – Sie können einfach alles Mögliche sein oder finden. Jedenfalls – meine Kommilitonin mit dem so halb polnischen Hintergrund hatte weder einen Vor- noch einen Nachname, der irgendwie polnisch geklungen hätte. Als ich sie fragte, ob sie denn Polnisch könne, musste sie dann auch passen. So arg scheint der kulturelle Konflikt sich in dieser Familie also schon einmal nicht manifestiert zu haben.

In Berlin giftete mich mal eine Frau auf einem Sprachstammtisch an. Sie hatte Sprachwissenschaften studiert und gab selbstsicher damit an, dass für sie im Deutschen Historischen Museum quasi ein Platz reserviert sei. Ich fragte nach, ich gebe zu, ein bisschen Neid war dabei. ich bin ja immerhin Historikerin und warum eine Philologin grundsätzlich bessere Chancen in einem historischen Museum haben sollte, leuchtete mir nicht auf den ersten Blick ein. Na ja, sie spreche ja sogar auch Ukrainisch, wandte die Frau ein. „Hast Du da irgendwie so einen Russlandeutschen Hintergrund?“ wollte ich wissen. „Nein, ich habe da so einen jüdischen Hintergrund!“ pampte die Frau. Weil sie so pampig war, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich hakte nach. Genau genommen war nur der Vater Jude, aber sie wolle das jüdische Kulturgut jetzt endlich leben. Ich grinste noch breiter. Die Frage, die ich stellen wollte, musste ich dann gar nicht mehr stellen. Kleinlaut fügte die Frau hinzu: Der Vater habe entfernte jüdische Wurzeln. Also, sie wisse es nicht genau.

Kann ja sein. Aber muss man deshalb die Leute anpampen? Muss man ein Problem daraus machen? Ich sage immer, wenn ich etwas „mit Judentum“ von mir gebe dazu, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst fühlen die Leute sich meiner Erfahrung nach irgendwie angeschmiert. Dürfen sie jetzt pampen oder nicht?

Stimmt aber. In gewisser Weise bin auch ich schuldig. Ein paarmal habe ich damit kokettiert, dass ich selbst auch südländische Vorfahren habe. Italienische sogar. Bloß dass ich selbst so italienisch bin, wie ein Fischbrötchen mit Tomatensoße. Also nicht besonders. das habe ich dann auh immer gleich dazu gesagt. Als wir in der Schule einen Lehrer hatten, von dem alle wussten, dass er Italien-Fan war, beließ ich es auf dem Oberstufenkurstreffen, das bei mir stattfand, auch dabei, dass ich südeuropäische Wurzeln hätte. Es wäre mir sowieso als Schleimerei ausgelegt worden. Aber warum sollte man eigentlich jemanden für irgendwelche Vorfahren mögen? Für die Haarfarbe oder für die Gene? Ist das nicht? – ja richtig! – Man nennt es Rassismus.

Es ist Rassimus, wenn Menschen als klüger, attraktiver und liebenswerter gelten, weil sie der „nordische Typ“ sind. es ist Rassimus, wenn man das gleiche von leuten denken soll, weil sie NICHT der „nordische Typ“ sind. Es ist Rassimus, überhaupt nach der Haar- oder Hautfarbe zu gehen.

Im Internet hat, soweit ich das mitbekommen habe, eine Kulturwissenschaftlerin sogar versucht, sich als Mulattin darzustellen. Dann muss man ja nett sein. Man muss Stipendien und Anerkennung und gute Jobs geben. Will das wer nicht, also solchen Leuten einfach mal (wieder) den Platz gnz vorn zugestehen, dann kann man immer noch sagen, dass das aber diskriminierend ist. Der Schönheitsfehler: Die Frau ist bloß eine brünette Deutsche. Knallweiß.

Habe ich auch schon erwähnt, dass jetzt alle Frauen „queer“ sind? Sogar die, die eigentlich homophob sind. Davon, dass sie alle den „männlichen Part“ innehaben, also auch „transgender“ sind, mal ganz zu schweigen.

Ich schlug in einem Leserbrief an den Berliner Tagesspiegel einmal vor, statt Minderheitenförderung einfach den Schwerpunkt auf Antidiskriminierungsarbeit zu legen. dann kann sich jeder als „Transgender“, „queer“, meinetwegen auch als „farbig“ sehen und auch problemlos wieder umentscheiden. Sogar jeden Tag dreimal, wenn das nötig sein sollte. Wer diskriminiert wird, bekommt halt Unterstützung, wer nicht diskriminiert wird, braucht ja logischerweise keine.

Der Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Allerdings hatte ich mitbekommen, dass die queeren Frauen einer wie mir „kein Forum“ geben wollten. dann schon eher Birgit Kelle oder Martin Lichtmesz. Der Lichtmesz (der eigentlich Semlitsch mit Nachnamen heißt) kam in Kreuzberg tatsächlich ganz gut an. Ist ja auch Ausländer. Österreicher. Da sag einer, die Leute wären nicht tolerant.

Übereifrige Journalisten, die in Punkto Minderheit nichts falsch machen wollen, fragen sich sogar, warum einer wie der Götz Kubitschek denn rechts ist – Der Name weist doch ganz eindeutig auf slawische Wurzeln hin (Als ob es keine slawischen Faschos gäbe! Also wirklich!). Das ist ja auch bei der Ellen Kositza so. Also, dem Namen nach ist das „polnische“ Element ja da. Nur dass Ellen Kositza eigentlich Ellen Schenke heißt.

Vielleicht sollte man das mit der Minderheitenpolitik noch einmal überdenken. Oder wäre das so schlimm, wenn man wirklich jeden und jede fair behandeln müsste?

Hater. Ein Nachruf auf Sylke Tempel, eine Replik auf einen Mann, der nicht im Namen des Islam spricht

Erraten. Dies ist ein False-flag-Artikel. Ich kannte Sylke Tempel nämlich gar nicht, die Berliner Journalistin, die am letzten, durch Orkan „Xavier“ extrem stürmischen Donnerstagnachmittag, von einem Baum erschlagen wurde und ums Leben kann. D. h. ich kannte Sylke Tempel vom Presseclub und aus dem Deutschlandfunk. Was sie sagte, schien mir, als Nicht-Nahostexpertin ganz plausibel zu sein, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich immer richtig verstanden habe. Ich glaubte, gelegentlich herauszuhören, dass sie auch versuchte, die palästinensische Position zu erläutern.

Ich kenne jede Menge selbst ernannter Nahostexperten, unter ihnen sicherlich Menschen, die sich sehr viel besser auskennen als ich, weil sie oft in Israel und Palästina waren, weil sie viel Kontakt zu den Menschen haben, weil sie sich lange Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Ich weiß nur, dass Palästinenser wirklich leiden, dass es wirklich Rassismus in Israel gibt. Ich weiß auch, dass den meisten Palästinensern nichts lieber wäre, als wenn Israel und mit ihm auch der letzte Jude ein für alle mal aus der Region verschwinden würden. Ich weiß, dass Israelis Angst haben, irgendwie gelernt haben, mit der ständigen Terrorgefahr zu leben und damit, dass sie von Feinden umzingelt sind. Ich weiß, dass es rechte, linke, politisch „mittige“ und unpolitische Juden gibt, einige sogar der Querfront um Ken Jebsen nahestehen, andere sogar in der AfD aktiv sind, die immer wieder mit rüden antisemitischen Ausfällen von sich reden macht. Israel (und Palästina) sind der liebste Zankapfel der Deutschen und es hat irgendwie mit unserer Vergangenheit zu tun – soviel weiß ich auch – und dass ich selbst den Nahostkonflikt nicht zu meiner Herzensangelegenheit machen möchte.

Ich mag Menschen, die versuchen, andere an einen Tisch zu bringen. Deeskalation, Kompromissbereitschaft, einander zuhören – all das ist heutzutage wichtiger denn je, denn die Fanatiker, die Trolle und die Hater dominieren jeden Diskurs. Wer die eine Wahrheit hat und sie vehement gegen jeden auch noch vorsichtig hervorgebrachten Hauch an Kritik verteidigt, hat das Sagen – in den Medien, in der Öffentlichkeit und – leider – auch in der Politik. Der Rest ist dann nur noch PR in eigener Sache: Die Gegner verarschen, sich wie die Karikatur eines Gorilla-Männchens in die Brust hauen und auf den Applaus der Menge warten. Heute gibt es „Tribes“, „Stämme“, sektenartige Grüppchen, bei denen man mitmachen kann, aber nur wenn man eine Art Initiationsritus erfolgreich durchläuft, bei dem einem dann auch gleich ein fester Platz in der Gruppe zugewiesen wird: Wie sehr, wie energisch, wie überzeugt steht man zu der Sache, wie gefestigt ist der Glaube an sie?

Wenn man die Burka kritisiert, darf ein klares Bekenntnis zu der Politik Benjamin Netanjahus nicht fehlen. Ansonsten gehört man vielleicht doch eher in die Reihen der „Israelkritiker“ und damit zu den verkappten Antisemiten, den schlimmsten Antisemiten vielleicht überhaupt. Auch wenn man die israelische Siedlungspolitik, sofern man darüber auf dem Laufenden ist, kritisiert, hört das andere Lager trotzdem „Islamkritik“ heraus. Irgendwie ist man dann auch ein Babykiller, der die Menschen in Libyen auf dem Gewissen hat und ein böser Rassist natürlich sowieso.

Manchmal muss man tatsächlich vorsichtig sein, denn wer behauptet nur gegen den „politischen Islam“ zu sein (unbedarfte Gemüter könnten meinen, es ginge um den IS und so etwas), der sagt im nächsten Satz meistens: „Und der Islam als solcher ist sowieso keine Religion, sondern Teufelszeug!“. Bamm! Allein die Rhetorik ist finsterstes Mittelalter und Anders Breivik war nicht weniger ein Massenmörder als die ganzen fanatisierten Selbstmordattentäter, die im Auftrag des IS handeln.

Wäre ich Sylke Tempel je begegnet, hätten wir einander vermutlich als erbitterte Feinde gegenübergestanden. Zumal man ihr vermutlich erzählt hätte, dass es sich in meinem Fall um eine wirre Antisemitin und „Muslimfreundin“ handelt (Ich deutete bereits an, dass das andere Lager glaubt, eine brutale Rassistin und „transatlantische Babykillerin“ vor sich zu haben.) Zumal ich auf Twitter den Nachruf von Hannes Stein bei den „Salonkolumnisten“ in der Timeline habe. Tempel war offenbar Katholikin und hatte dazu geschwiegen (Ich dagegen muss bei jedem Statement zu Israel und zum Judentum hinzufügen, dass ich KEINE Jüdin bin. Sonst haben die Leute das angeblich so verstanden.) Dennoch ist auch Tempel ein Opfer von Antisemitismus, genau wie Angela Merkel. Das ist keine Sympathiebekundung meinerseits, sondern eine Tatsache: Diskriminierung trifft Leute, weil sie für etwas gehalten werden oder man ihnen einen unangenehmen Stereotyp zuschieben möchte. Und es ist nicht weniger diskriminierend, wenn sich dann herausstellt, dass die Person gar nicht der angefeindeten Gruppe angehört.

Ich googele Hannes Stein, weil ich schon so etwas ahne. Ich kenne diesen Typ irgendwoher. Und richtig. Es kommt sogar noch schlimmer: In einem taz-Interview von 2011, das Deniz Yücel führte, stellt sich Stein, der Duz-Freund der Sylke Tempel auch als Freund Henryk M. Broders heraus, einer, der nichts dabei findet, Mohammed als „Pädophilen“ zu bezeichnen. Natürlich relativiert Stein. Wohl kaum ist er einer vom Schlage Anders Breiviks. Aber es sind leider genau diese Leute, die die Stimmung hinter den Kulissen immer wieder erbarmungslos anheizen.

Auf der berühmt-berüchtigten „Achse des Guten“, wo sich das philosemitische, islamfeindliche Milieu mit kräftigem Rechtsdrall austauscht, findet sich auch ein Artikel von Sylke Tempel aus dem Jahr 2008. Er ist mit „Hausfrau im Rampenlicht“ übertitelt und offenbar zuerst in der „Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung“ erschienen. Dort ergreift Tempel ziemlich rüde Partei für Henryk M. Broder gegen Evelyn Hecht-Galinski. Es geht mal wieder ums Ganze, was darf oder darf nicht wer – Jude/Jüdin, Nicht-Jude/-Jüdin – für oder gegen Israel sagen. Ich möchte mich da, wie gesagt, nicht einmischen. Den Namen Uri Avneri habe ich mal diffus irgendwo gehört, im Zusammenhang mit einer Meinung, die ich auch nicht teilen möchte. An Broder störte mich schon immer der garstige, verletzende Tonfall, selbst dann, wenn er, wie im Falle Ken Jebsens, den Richtigen trifft. Tempel vermag es in dem „Achgut“-Artikel ebenso wenig, einen für den eigenen Standpunkt einzunehmen. Recht hochnäsig wird Hecht-Galinski, Tochter des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Heinz Galinski, gleich eingangs als Verfasserin „von Leserbriefen“ (also keine ernstzunehmende Journalistin, keine renommierte, mit Titeln hochdekorierte Verfasserin einschlägiger Literatur) abgestempelt. Das ist ein Tonfall, von dem im Presseclub oder auf Deutschlandradio nichts zu hören war.

Sylke Tempels Buch „Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem“ (erschienen 2003) habe ich dagegen vor vielen Jahren geradezu verschlungen. Sie hat es mit den beiden Mädchen Amal Rifai und Odelia Ainbinder verfasst, um deren Annäherung aneinander es geht – ein tolles Buch, das man nur jedem ans Herz legen kann und eine schöne Vision, dass eine Palästinenserin und eine Jüdin Freundinnen sein könnten, dass ihre Heimatstadt Jerusalem auch wirklich beider Heimat sein darf …

Journalisten eignen sich, glaube ich, als Lichtgestalten kaum. Wer weiß also, wer die Kippfigur Sylke Tempel wirklich war – eine seriöse politische Berichterstatterin, die versuchte, den Menschen beide Seiten nahezubringen oder tatsächlich eine „Islamkritikerin“, für die Mohammed der „pädophile Räuberhauptmann“ ein Schenkelklopfer gewesen ist? Vielleicht ist es letztendlich nicht wichtig, das zu wissen. Journalisten stehen unter Stress, müssen sich ständig im Gespräch halten und darauf achten, bei den richtigen Leuten auf Gegenliebe zu stoßen, um weiter empfohlen zu werden. Ansonsten, sehr schnell: Ende der Karriere. Nahostexperten oder solche, die sich dafür halten, und auch Experten für so ziemlich alles andere, gibt es schließlich genug.

Vielleicht ist es auch irgendwie so etwas, das Martin Lejeune, ebenfalls Journalist, dazu bewogen hat, ansässlich Sylke Tempels Tod zu twittern: „Die Gebete der Muslime wurden erhört Der Baum ist die Strafe Gottes für Sylke Tempel’s Taten Gottes Gerechtigkeit siegt“. Der Deutschen Welle zufolge wurde dafür gegen Martin Lejeune Strafanzeige gestellt. Zu Recht. Es wäre sozusagen der Gipfel der Aggressionen und das Ende jeglicher Zivilisation, wenn wir jedem den Tod wünschen würden, dessen Meinung wir nicht teilen können oder dessen Haltung uns vermessen, arrogant, überheblich oder sonstwie unsympathisch zu sein scheint.

Lejeune soll, so schreibt die Deutsche Welle, von 2007 – 2014 für verschiedene renommierte Medien gearbeitet haben. Dann kam offenbar der Abstieg und mit ihm die Aggressionen.

Wenn wir nicht noch mehr Anders Breiviks und Anis Amris wollen, müssen wir haargenau – und auch jenseits des Medienbetriebs – dort ansetzen – Warum all die Aggros?

* … fragt sich Laila Phunk, die – gäbe es die Aggros nicht – an einem Sonntag Besseres zu tun hätte, als einen Blogtext zu verfassen.

Wahlerfolg der AfD – Warum es doch ums Soziale geht

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft. Überall im Osten haben die Rechtspopulisten abgesahnt. Auch im Westen: in Gelsenkirchen, Duisburg, Essen. In Südostbayern, direkt an der Grenze zu Österreich, sind sie zweitstärkste Kraft, obwohl die Gegend nicht arm ist und jeder, dem Merkels Flüchtlingspolitik nicht passte, auch CSU wählen konnte.

Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski ruft zum antifaschistischen Kampf auf, man müsse die Zeit nutzen, um etwas gegen Rassismus zu tun. Haznain Kazim und Ferda Ataman äußern sich ähnlich auf Spiegel Online.

Das, was es ein bisschen schwierig macht, und vielleicht hat es auch indirekt zum Erfolg der AfD beigetragen hat, ist – Der einzige der drei, der wirklich von Rassismus, ich meine Rassismus im engeren Sinne betroffen sein dürfte, ist Kazim. Die semmelblonde Stokowski dürfte vom latenten Rassismus in unserer Gesellschaft eher profitiert haben – was nicht ihre Schuld ist! -, Ataman hat einen türkischen Namen, Nazis und Rechtspopulisten mögen keine türkischen Namen, das ist schon richtig, nur sieht man ihn auf der Straße nicht, den Namen. Man sieht – jetzt dem Foto nach zu urteilen – eine blasse junge Frau mit dunkelbraunen Haaren. Ich habe ganz ähnliche „Farben“ – Man gehört in den Ländern rund ums Mittelmeer vom Äußeren her zu den etwas heller Ausgefallenen, kann fast überall in Mitteleuropa als „Einheimische“ durchgehen, nur nehmen einem die Leute eben nicht gerade „Nordisch by Nature“ ab, um es mal mit den Worten von Fettes Brot zu sagen …

Dass Ataman sich als „Woman of Color“ betrachtet, finde ich allerdings überzogen. Manchmal macht einen das aggressiv, v. a. wenn solche Leute alles irgendwie als „Rassismus“ deuten wollen. Dann war da die türkische Journalistin, die ich mal auf einer Podiumsdiskussion erlebt habe. Die Dame hatte mittelbraunes Haar, einen sehr hellen Teint und beklagte sich, dass die Leute sie nicht als Ausländerin, als „Andere“ erkennen würden. Nein, das würde ich auch nicht erkennen. Sorry. Einige Frauen aus meiner Studienzeit scheinen sich mittlerweile sogar einen Migrationshintergrund angedichtet zu haben, den sie eigentlich nicht haben. Von den vielen spätberufenen Lesben, von denen viele mittlerweile „schwule Transmänner“ sind, weil sie halt doch eigentlich rein gar nichts mit Frauen anfangen können, mal ganz zu schweigen …

Hauptsache „anders“, dann lässt sich auch rabiat für Minderheitenförderung eintreten – mensch selbst gehört ja auf jeden Fall zu denen, die davon profitieren.

Dennoch verstehe ich auch Kazim. Ein kleines bisschen kann ich mich da sogar hineinversetzen, glaube ich. Als im Laufe der Nuller Jahre Stars wie Natalie Portman und Salma Hayek die Leinwände eroberten, triumphierte ich heimlich. In der Grundschule hatte ein Mitschüler sich darin gefallen, mich „Kongolippe“ zu rufen (Ich habe einfach ziemlich breite Lippen, soll’s manchmal geben …). Plötzlich aber waren dunkle Haare und volle Lippen Hollywood tauglich – und zwar für die Hauptrolle! Für die Frau, die attraktiv und sexy sein sollte. Nicht mehr nur flachsblonde ätherische Frauen mit schmalen Lippen und kaum wahrnehmbaren Augenbrauen. Frauen wie Cameron Diaz, Gwyneth Paltrow oder Alice Weidel. Frauen, wie sie in Deutschland als ästhetisch genug gelten, um Tagesschau-Sprecherin sein zu können. Das war wirklich jahrzehntelang so krass, also eben nicht einmal auf dem wirklich rassistischen Level, sondern allein eine Frage zwischen Flachsblond (weiß + hübsch) und dunkelhaarig (weiß + nicht so hübsch, eher „praktisch“ vielleicht).

Ich kann mir denken, dass Ataman es gut findet, wenn mal eine Türkin die Nase vorn hat. Oder dass afrodeutsche Frauen nichts dagegen hätten, wenn mal eine Woman of Color – eine richtige! – die sexy Hauptrolle in einem Blockbuster hätte.

Ich weiß aber auch, dass „Kongolippe“ in meinem Fall nicht so schlimm ist. Ich bin ja nun einmal wirklich und ohne wenn und aber Weiße. Ich weiß, dass man mich ruhig schlagen oder angrapschen darf. Oder mir „unwertes Leben“, „kesser Vater“, „Fickmaus“ oder was auch immer an den Kopf knallen. Ich bin ja Weiße, nicht wahr? Lesben sind ganz andere – Alice Weidel zum Beispiel. In meinem Fall macht das doch dann nichts. Und für die „Fickmaus“ bin ich ja nun wirklich nicht hübsch genug, sodass es doch vielleicht eher als „ironisch gemeint“ gewertet werden kann (Ganz abgesehen davon, dass es von einer Adipositasfrau kam und somit ja sogar Empowerment FÜR Minderheiten ist).

Nach mir kann man gefahrlos treten, ohne sich irgendwie als „DiskriminiererIn“ fühlen zu müssen. Als ich im „Spiegel“ von vorletzter Woche über den somalischen Blogger Muse Duco lese, der als Refugee in Ostdeutschland lebt und dem bereits die Schneidezähne rausgeschlagen worden sind, weil ein paar ortsansässige Männer den „N-Wort“ nicht so mögen, schnürt sich mein Hals zu. Für einen kurzen Moment kriege ich keine Luft mehr. Duco berichtet im „Spiegel“ er habe Anzeige erstattet, aber das Verfahren sei kurze Zeit später mangels Beweisen eingestellt worden. Dafür hat man gegen ihn Anzeige erstattet, als er – wieder einmal provoziert – grob geworden ist. Diesmal fanden sich offenbar Beweise. Ich sitze auf meinem Bett. Ich habe die Grippe und deshalb habe ich mir ausnahmsweise den „Spiegel“ gegönnt, also, ich habe ihn gekauft, um etwas zu lesen zu haben. Ich weiß, dass die Atemnot eine Panikattacke ist. Und es ist auch ebenso schnell wieder vorbei, wie es gekommen ist.

Hasnaim Kazim übertreibt ganz sicher nicht. Ich kann mir das, wie gesagt, alles schon ganz gut vorstellen.

Allerdings leben Kazim, Stokowski und Ataman auch nicht in dem gleichen Deutschland wie ich. Eigentlich, so ist mir vollkommen klar, darf ich mich auch nicht als „arm“ betrachten, obwohl ich rein vom Geld her seit 10 Jahren unter der Armutsgrenze lebe. Aber ich habe studiert und wirklich „arm“ sind nur Menschen, die die Schule abgebrochen haben oder Maurer gelernt und berufsunfähig wegen der Wirbelsäule oder so. Solchen Leuten kann man helfen. Mit solchen Leute hat man Mitleid. ich sage nicht, dass man es nicht haben soll ….

Mein Deutschland kommt in den Medien nicht vor. Überall kann man lesen, wie wohlhabend hier alle sind, dass die Arbeit angeblich auf der Straße liegt. Wer will, der kann doch! Eigentlich, so könnte man denken, müssen wir uns nur noch ein bisschen um Critical Whiteness kümmern und dann wäre Deutschland ein echtes Paradies.

In meinem Deutschland leben die Leute sehr viel schlechter als vor 10 Jahren. Sie haben keine Perspektive. Sie haben Angst, keine Wohnung mehr zu finden, die „das Amt“ zahlen würde. Ganz abgesehen davon, dass ohnehin niemand an Hartz-IV-Empfänger vermieten will. Auch nicht an andere Leute, die billige Klamotten tragen, die den gleichen Rucksack tragen, wie die Junkies, die in der U-Bahn betteln gehen. Hat 8 Euro gekostet. In der Produktbeschreibung stand: „robust und wasserdicht“. Das interessierte vermutlich auch die „Straßenfeger“-Verkäufer …

Leider – und ohne dass ich Wert darauf legte, sie als Landsleute zu haben, leben die Leute in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen, Berlin-Spandau und Ost-Berlin, vermutlich auch anderswo in Ostdeutschland, in meinem Deutschland, das Land, das in den Medien nicht mehr vorkommt.

Diese Leute glauben, dass sich etwas an ihrer wirtschaftlichen Lage ändert, wenn man das Existenzrecht Israels in Frage stellt – der neueste Coup von Alexander Gauland, wie ich heute Morgen im Deutschlandfunk hörte. Oder wenn man Menschen wie Duco, den somalischen Blogger zusammenschlägt, am Ende aber – was für ein widerlicher Witz! – er es ist, der die Anzeige am Hals hat. Oder wenn man die „Ehe für alle“ rückgängig macht. Als ob davon, dass Homosexuelle NICHT heiraten dürfen, irgendwer endlich einen guten Job kriegt …

Trotzdem – diese Leute – die Rechtspopulisten! – dürfen ja. Sie haben ja Alice Weidel. Und Achille Demagbo. Einen Bosnier hier, einen Tschechen da, einen homosexuellen Griechen außerdem auch.

Darum geht es aber nicht. It’s all about justice, baby! Gerechtigkeit – auch und gerade soziale! – und Fairness sind das einzige Gegengift gegen Rechts, der einzige Garant, auch für politische Stabilität. Das muss unsere Gesellschaft aber vermutlich erst wieder lernen. Sie täte gut daran, es auch zu tun.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (V): Frauenpolitik – viel konservativer als frau denkt?

…. Vielleicht hätte ich auf derlei Unverschämtheiten vorbereitet sein sollen, also, besser gesagt, darauf, dass diese Probleme auch in Berlin auftreten würden. Immerhin hatten meine Profs alle gute Beziehungen in die Stadt, mehrere Kommilitonen & Kommilitoninnen waren hier an Museen und Universitäten „untergebracht“ worden, wie es so schön hieß.

Vielleicht hätte mich auch die ältliche Frau nicht wundern sollen – der kurzhaarige, lang ergraute Typ, wie er gern mit einer Regenbogenflagge mahnend auf Demonstrationen und Veranstaltungen auftaucht, die gar nichts mit „Queer“ zu tun haben. Auch bei der taz dominiert dieser Frauentyp auf Veranstaltungen. Die Frau lauerte mir am Halleschen Tor auf und bellte: „Ha! Eine an amerikanischen Comics geschulte Spache! Wie furchtbar!“ Was gemeint war, erschloss sich mir erst auf einer taz-Veranstaltung, als gehöhnt wurde: „Die kann doch überhaupt nicht schreiben!“ als ich vorbeiging. Vielleicht war es ja eine Verwechslung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon jahrelang nicht mehr für Zeitungen geschrieben. Aber ich wurde bei der taz ständig angefeindet.

Das letzte Mal war ich dort bei einer Podiumsdiskussion mit der bekannten Feminismus-Redakteurin Heide Oestreich. Ich hatte mich zu Wort gemeldet, konnte zunächst sprechen, war dann aber abgewimmelt worden. Was die anderen Frauen beizutragen hatten, klang in meinen Ohren ehrlich gesagt nicht eloquent und intellektuell ausgereift genug, als dass an wirklich Panik hätte haben müssen, dass die Frauen auch nur ja nicht zu kurz kommen. Eine Frau grunzte zum Thema Beruf und weibliche Führungskraft: „Ich bin nun einmal Mutter! Das ist nun einmal meine Identität!“ Schön! dachte ich. Spätestens wenn die Kinder in der Pubertät sind, muss man aber den Kollegen nicht mit dem Thema Lätzchen auf den Geist gehen, um zu demonstrieren, dass man/frau/wie auch immer sich fortgepflanzt hat. Es ging irgendwie zu sehr in Richtung Eva Herrmann. Eine andere Frau – ebenfalls älteren Semesters – verwies darauf, dass im Ernstfall ja nun immer die Männer ran müssten und die Frauen sich vornehm zurückhielten. Ich nickte. Etwas voreilig, denn ich bin zwar für die radikale Gleichstellung von Männern und Frauen, aber die Frau führte weiter aus, dass es um den Dienst am Vaterland ginge, beim Bund. Eine jüngere Teilnehmerin  kritisierte, dass nicht auch Männer auf dem Podium seien. Tja, wahrscheinlich hält man dich jetzt für lesbisch! Also, wo mal 45 Minuten kein Mann dabei ist … dachte ich, Wobei dir das sicher recht ist, gibt ja Minderheitenrechte dafür, nur dass eben nicht der Eindruck entstehen soll, du könntest etwa nichts mit Männern anfangen. Nicht, dass das ein Widerspruch für solche Frauen wäre …. Oestreich herself klagte, dass man feministische Frauen ja oft für verrückt hielte. Dem konnte ich innerlich nur zustimmen. Den Eindruck hatte ich bei diesem Differenzfeminismus auch oft. Ganz abgesehen davon ging es ja auch explizit um Essstörungen. Da ich von diesen Frauen mit allen möglichen negativen Eigenschaften belegt worden war – vermutlich hatte man so ziemlich alles ihnen nachgesagt oder sie hatten sich das vielleicht eingebildet, befürchtet, jemand KÖNNTE es sagen … – verspürte ich wenig Lust, mich um Verständnis und Mitgefühl für Frauen zu bemühen, die mich jahrelang verhöhnt und gehänselt hatten und deren größte Sorge offenbar war, ich könnte „zu selbstbewusst“ (vermutlich für meinen sozialen Stand) sein. Eine ale Frau pirschte sich von hinten an mich heran und grapschte nach mir. Als ich mich empört umdrehte, grinste sie maliziös. Beim Rausgehen fixierte mich eine der Alten ungeniert und sagte dann abfällig zu einer anderen: „Und eine gute Rednerin ist die auch nicht!“.

Trigger Nummer, ich weiß nicht wieviel. „Ho ho! DIE kann reden!“ – das hatte keine Feministin gesagt. Es kam aus der Ecke von Horst Bredekamp himself, auf einer Tagung in Magdeburg, die ich kurz nach meinem Studienabschluss besucht hatte. Bildwissenschaft faszinierte mich und ich überlegte, bei Bredekamp zu promovieren, obwohl ich wusste, dass er konservativ ist und seine Studentinnen in den Winterferien zum Skilaufen nach Saint Maurice fahren. Ich wollte keine Genderforschng mehr, sondern einen großen Namen, ein Stipendium und ein intellektuell herausforderndes Kolloquium. Das Lob auf meine rhetorischen Fähigkeiten war keineswegs als Ermunterung und Bestärkung einer zukünftigen Starrednerin gedacht und das begriff ich sehr wohl. Es ging eher in Richtung: „Vielleicht hätte sie besser ihre vorlaute Klappe gehalten!“. Doch ich war bereits Postgraduate mit hart erkämpftem 1,0-Abschluss und 5 Fremdsprachen. Ich hatte keine Lust, wieder die Position der bestärkenden Feedbackgeberin für die vermeintlich „wichtigeren“ Studentinnen einzunehmen. So ein Kolloquium wollte ich nicht.

Bredekamp schien einen ähnlich zweifelnden Eindruck zu haben. Zwar ließ er sich via E-mail meine Magisterarbeit schicken, teilte mir dann aber höflich mit, dass er im Moment keine Kapazitäten für weitere Doktoranden hätte, vielleicht im nächsten Jahr …. Im Unibetrieb ist das eine unmissverständliche Absage, zumindest im kulturwissenschaftlichen Bereich. Ich fand einen Job im Ausland. Wahrscheinlich war es wohl Schicksal, denn ich habe es nie bereut, nicht promoviert zu haben, auch wenn in den Stellenanzeigen im Kulturbereich damals fast überall eine Promotion verlangt wurde. Ich wusste, dass die nicht das Papier wert war, auf dem sie geschrieben war, sofern niemand einen auf die Stelle hievte. Noch mehr Kunst war nicht meins. Ich liebte Kreativität, hatte immer schon Freude an visuellen Spielereien gehabt, aber ich hatte auch andere Interessen. Genau genommen sollte es endlich in den Beruf gehen.

Wahrscheinlich hätte ich trotzdem aufmerken sollen, als in Berlin später eine dieser älteren Frauen, die mir neben den Dicken an den Hacken klebten, verächtlich schnauzte: „Die Magisterarbeit war doch absolut das Letzte! Die hat ihre Note kein Stück verdient! Ü-ber-haupt-nichts hat die fachlich drauf!“. Damals schrieb ich gerade Kunstkritiken. Unter anderem für die taz.

Wie konservativ sind Kultur & Medien (IV): Polnisch für Anfänger

… Die Blenderei und Aufschneiderei der Leute war schon ein Problem. Mein letzter Schein war eine große Pflichtexkursion nach Tschechien und Polen mit Herrn N., den ich später ebenfalls „zufällig“ in Berlin wiedergetroffen habe. Eigentlich hatte ich auch meine Magisterarbeit bei Herrn N. schreiben wollen (über italienischen Faschismus, promoviert habe ich letztendlich nicht mehr), aber auf der Exkursion wurde schnell klar, dass ich nicht zum „inneren Zirkel“ gehörte, mit dem Herr N. abends essen ging, sondern zum Fußvolk, dass man notgedrungen mit durch die Exkursion schleifen musste. Ich beschloss, dass das keinen Sinn machte. Vielleicht hatte Herr N. insgeheim darauf gehofft, aber das weiß ich nicht.

Eine Frau, die zu den Lieblingen gehörte (die jeder Prof hatte, ich gehörte nirgends dazu, mal war das aber deutlicher zu spüren, mal war es ein ambivalenteres Gefühl, in Frauen- und Genderforschung wurde beispielsweise Wert darauf gelegt, dass ich die In-People moralisch unterstütze. Insofern, also in dieser Rolle war ich durchaus willkommen, aber eben nur in dieser Rolle.), einer der Lieblinge von Herrn N. also plusterte sich während der Exkursion mit ihren Polnischkenntnissen auf, also, sie erwähnte immer wieder, dass sie Polnisch spreche, sprechen hörte man sie es aber nie.

Eines Tages, in Polen, war mit dem Frühstück organisatorisch etwas durcheinandergegangen. Wir irrten durch ein Gebäude. Als wir schließlich jemanden zu fassen bekamen, mussten wir feststellen, dass die Leute weder Englisch noch Deutsch sprachen. Der Liebling hielt sich vornehm zurück. Genauer gesagt: Die Frau blieb stumm. Unserem Professor schien nichts einzufallen. Also ergriff ich die Initiative, obwohl ich gar kein Polnisch spreche (mich aber in einer Sprache verständlich machen kann, die – sagen wir mal – etwas ähnlich ist. Bin halt echt multikulti!): Ich erklärte, dass wir eine Gruppe von der Uni T. seien und man uns gesagt habe, dass wir hier unser Frühstück einnehmen könnten. Wir üssten aber nicht, wo das sei. Zehn Minuten später saßen wir an reich gedeckten Tischen. Ein Dankeschön an meine Person sparte man sich. Vielleicht, so vermutete ich, wollte man dem Liebling, der mit seinen Polnischkenntnissen geprahlt hatte, die Schmach ersparen. Ich legte keinen Wert darauf, mit der Frau zu konkurrieren. Immerhin spreche ich tatsächlich kein Polnisch. Das ließ ich also auf sich beruhen. Irgendwie war aber wohl etwas zu der Herberge, in der wir nächtigten durchgesickert. Der Mann von der Rezeption winkte mir eines Abends, ich solle mal herkommen. Wo der Professor sei, wollte der Mann wissen. „Inder Stadt“ sagte ich „er isst mit den anderen zu Abend.“. Der Rezeptionist sagte, da sei ein dringender Anruf für Herrn N.. Er bedeutete mir, ich könne mit Stift und Papier alles notieren. Genau genommen hielt er mir beides direkt vor die Nase. Schweißnass ergriff ich den Hörer. Nie im Leben würde ich eine längere Konversation auf  Polnisch bestreiten können. Wahrscheinlich würde ich nur jedes fünfte Wort verstehen und es wäre ein Fiasko. Nichts würde ich ausrichten können. Zu meiner Überraschung erklärte mir am Telefon eine freundliche Frauenstimme in fließendem Deutsch, dass sie bestellt worden sei, um ein paar Details mit Herrn N. abzuklären. Ich notierte und versprach erleichtert, alles weiterzuleiten. Den Zettel hinterlegte ich mit freundlichem Gruß an der Rezeption. Der Rezeptionist lächelte.

Mitten in der Nacht, so schien es mir, riss jemand polternd die Tür auf. Gleißendes Licht strömte in das Zimmer, das ich mir mit ein paar Kommilitoninnen teilte. „Ja, sag einmal, was für eine Frechheit!“ schrie eine Frauenstimme hysterisch auf Deutsch, nur um dann schneident fortzufahren: „Man. Hat. Uns. Aus-richten. Lassen …. Die will uns hier verarschen! Laila! Steh auf! Was hast du dir dabei gedacht?!“ Ich fühlte mich an die Gestapo erinnert, auch wenn das vielleicht nicht nett ist, das zu schreiben. In Wirklichkeit war es eine von N.’s Doktorandinnen, eine blonde, schlecht gekleidete Frau, damals vielleicht Ende 30? Jedenfalls promovierten sie und ihr Mann beide bei N.. Beide waren auch auf der Exkursion dabei und gehörten selbstverständlich zur In-Group. Das Paar hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es unter ihrer Würde war, sich mit mir abzugeben. Aber auf eine derartige Aggression war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte geglaubt, einen Gefallen zu tun. Wenn ich ehrlich war, hatte ich sogar ein kleines Lob erwartet. Es hätte nicht gerade überschwänglich sein müssen, ein schlichtes „Danke, dass Sie den Anruf entgegengenommen haben“ hätte gereicht. Und wo war überhaupt das Problem? Ich murmelte, dass ich schließlich nur weitergeleitet hätte, was man mir am Telefon ausgerichtet hatte. Die Tür fiel wieder zu. Ich schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wuselte die Blonde, deren Namen ich vergessen habe, hektisch umher, immer mit abfälligen Blicken auf meine Person. Das, was ich ausgerichtet hatte, konnte offenbar nicht stimmen. Angeblich war alles ganz anders abgesprochen gewesen. „Hör zu. ich hab’s nur ausgerichtet. Ich kann nichts dafür, dass Herr N. nicht da war.“ machte ich dem ganzen einen Punkt. „Außerdem“ fügte ich hinzu „Haben sie sogar extra jemanden organisiert, der Deutsch kann.“ Herr N. hatte nicht viel dazu zu sagen. Noch während des Frühstücks stellte sich heraus, dass ich die richtigen Infos weitergeleitet hatte. Über die Sache wurde weiter kein Wort verloren. Allerdings auch keines der Entschuldigung in meine Richtung …

Wie konservativ sind Kultur & Medien (III): „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt das Gefühl!“

kalte Intelligenz

Also wieder AfD. Ehrlich, ich habe von Kindesbeinen an unter Leuten wie Björn Höcke zu leiden gehabt. Ich hatte sie als Lehrer und habe sie später auch als Hochschullehrer gehabt. Ich könnte Kotzen. Ich erinnere mich an ein Pflichtpropädeutikum, als ich die richtige Antwort gegeben hatte und der Professor – ein lässiger Typ auch er, Typ „Kordsacko mit Flicken an den Ellenbogen“, also kein feingeistiger Ästhet – also, der Professor hielt einen Moment inne: „Das ist richtig.“ sagte er bedächtig, nur um dann hinzuzusetzen: „Sie haben da so eine kalte Intelligenz. Ihnen fehlt einfach das Gefühl für diese Dinge.“

Nein, danke. ich habe, ehrlich gesagt, nicht viel für die Gefühle dieser Menschen übrig. Auch bei anderen Themen kam man nicht überein. „Das ewige Gerede über Politik! Oh Gott, wie das nervt!“ raunte eine Dozentin aus der Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) auf einer Exkursion hinter meinem Rücken. Später wollten gerade diese Frauen sich das Interesse an linker Politik und auch das entsprechende Know-how auf die Fahnen schreiben. Und nicht nur das.

Der Romance Scammer aus Wetsafrika

Neulich googelte ich eine meiner Rivalinnen von damals, denn ich ahnte so etwas. Die Leute hatten mir mehrfach in Berlin aufgelauert – „zufälligs Zusammentreffen“ würden sie es wahrscheinlich nennen, interessanterweise u. a. in meiner Wohngegend. Ich hatte außerdem vor ein paar Jahren eine E-Mail von einem Kommilitonen aus Westafrika erhalten, der damals am Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung (Kunstgeschichte) promovierte. Der Mann bat mich um einen sehr hohen Geldbetrag (mehrere tausend Euro), da er angeblich in Europa in Schwierigkeiten geraten sei. Ich musste passen. Ich weiß auch nicht, ob wirklich er diese E-Mail verfasst hat. Weshalb er sich ausgerechnet an mich gewandt hat und woher er meine private E-Mail-Adresse hatte (Im Kolloquium hatte ich eine Uni-Adresse gehabt), weiß ich bis heute nicht.

Sorry, kann ich deine Freunde, deine Haarfarbe & am besten auch dein Leben übernehmen?

Jedenfalls habe ich die Leute auf dem Radar. ich weiß, wie erbittert und unfair einige kämpfen und dass sie nicht nur gute Jobs, sondern auch Prestige wollen, auch in Domänen, die eigentlich nicht die ihren sind. Ich fand meine Rivalin. Ja, es war sie. Zufällig hatte sie, die zu Studienzeiten Naturblond, so ein etwas strohiges Mittelblond, gewesen war, auf dem Foto jetzt exakt meine Haarfarbe – dunkelbraun. Und noch witziger: sie, die noch über christliche Ikonographie, irgendwas mit Romanik, wie ich mich vage erinnere, promoviert hatte, arbeitet jetzt in einer Stelle für Selbsthilfeprojekte und Vernetzung von Migrantinnen – soweit ich es übersehen konnte, als einzige Deutsche unter lauter Frauen mit Migrationshintergrund. In der Beschreibung ihrer Person war zu lesen, dass sie sich seit der Schulzeit immer für Frauenthemen und in der antirassistischen Arbeit eingesetzt habe. Was ihre Studienzeit betrifft, ist das schon einmal glatt gelogen (dafür habe ich mich 10 Jahre in einer multikulturellen Initiative engagiert & war auch in einer feministischen Hochschulgruppe aktiv, v. a. letzteres schien man mir später in Berlin nicht mehr abzunehmen. Angeblich, so hieß es, sei ich doch mal rechts gewesen. Daran kann ich selbst mich nicht erinnern. ich wüsste gern, wer es kann ….). Die Frau hatte diffus mit der linken Szene zu tun, wurde auch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert, auch wenn sie später am konservativen Lehrstuhl promovierte, wo sie schon ihren Studienschwerpunkt hatte. Sie hat sich auch neben ihrem Studium engagiert, so ist es nicht, aber für Atheismus. Das kontrastierte hart mit ihrem ausgeprägten Interesse für christliche Ikonographie und soweit ich mich erinnere, hatte es immer auch mit sexueller Befreiung zu tun – sie lebte in einer heterosexuellen Beziehung – „offen“, wie sie sagte. Später war sie mit einem Kunsthistoriker zusammen.

Ich hatte nie gewusst, was ich von der Frau halten sollte. Erst interessierte sie mich – eine der wenigen Linken, die auch Kunstgeschichte studierte. Aber als ich mich das erste Mal mit ihr in einer Kneipe getroffen hatte, kamen später noch ein paar Bekannte von mir, die ich kurz grüßte. „Madeleine“, wie ich sie hier nennen werde, auch wenn sie eigentlich anders heißt, stand abrupt auf und sagte in einem etwas barschen Tonfall: „Warum hast du mich jetzt deinen Freunden nicht vorgestellt?!“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ich kannte sie kaum. Sollte ich nur eine Art Sprungbrett sein, damit sie Leute kennen lernen konnte? Nein, das wollte ich nicht.

Später ging ich zum Studium nach Italien. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber das Land war zunächst sehr fremd für mich. Irgendwann hatte ich mich jedoch eingelebt, beherrschte die Sprache einigermaßen, lernte fleißig – das musste ich auch, denn ich stand unter Druck – und natürlich hatte ich auch ein Studentenleben außerhalb der Uni. Gegen Ende meiner Zeit in Florenz erhielt ich eine E-Mail von „Madeleine“, mit der ich sonst nicht mehr ganz so viel zu tun gehabt hatte, schrieb, dass sie schon ein Zimmer vermittelt bekommen hätte. Aber sie habe gehört, ich hätte Kontakte zur linken Szene geknüpft. Demnächst wolle sie schon mal nach Florenz kommen und da wollte sie fragen, ob sie nicht meine Freunde übernehmen könnte. Ja, sie hat wortwörtlich „übernehmen“ geschrieben, daran erinnere ich mich noch genau. Ich lehnte höflich ab.

Ein paar Monate später traf ich sie überraschenderweise in Deutschland, in der Uni-Bibliothek. Ich fragte sie, warum sie wieder da sei. „Ja, hm, Herr W. hat mir gesagt, dass du eine Hausarbeit auf Italienisch geschrieben hast. Jetzt muss ich das auch machen!“. Ja, ich hatte neben einem italienischen Schein (eine mündliche Prüfung in Architekturgeschichte – etwa 1000 Bauten vom alten Ägypten bis zur Spätgotik waren zu lernen) auch eine Hausarbeit nach den deutschen Vorgaben schreiben müssen, für die ich allerdings einen italienischen Professor hatte finden müssen, der sie mir abnehmen und benoten wollte. Der Professor für Architekturgeschichte erklärte sich einverstanden. Ich hatte allerdings in italienischen Bibliotheken dafür recherchiert. Dass „Madeleine“ für einen Schein die gleiche Leistung erbringen sollte wie ich, fand ich, ehrlich gesagt, nur selbstverständlich. Auch ich hatte Italienisch schließlich als Fremdsprache erst lernen müssen. Was bildeten sich diese Frauen eigentlich ein? Dass es eine Art natürliche Ordnung der Dinge ist, dass sie mit weniger durchkommen? Ich glaube, „Madeleine“ hat die Hausarbeit dann doch nicht geschrieben.