Terror! (Teil IV)

Messerattacke im Supermarkt, Schießerei in der Disko, gewalttätige Ausschreitungen anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg und im Hintergrund eine sich neu formierende Rechte, die im Mittelmeer Flüchtlinge abfangen will und vereinzelt offenbar bereits westliche „Volunteers“ gegen den Imperialismus oder, etwas weniger blumig formuliert, „Söldner“ in die Ost-Ukraine entsendet hat …

Kehren Gewalt und Terror nach Europa zurück? Kommt die Gefahr nur von außen oder sind es nicht auch die Gesellschaften des Westens selbst, die immer aggressiver werden? Hierüber könnte man ganze Doktorarbeiten schreiben und käme einer Beantwortung solcher Fragen doch nur in kleinen Schritten näher. Versuchen wir es hier in (Kurz-)Romanform und kehren wir mental in die sog. „bleierene Zeit“ zurück, die – angelehnt an einen Film von Margarethe von Trotta – als „anni di piombo“ in Italien sogar zumOberbegriff für eine ganze Epoche wurde …

Wer’s verpasst hat – hier geht es zu Teil I, Teil II und Teil III der Geschichte

Content Warning / Parental Advisory: explizite Schilderung von Folter

an einem unbekannten Ort, März 1978:

„Na los, sag schon! Wen hat dein Mann alles mit nach Hause gebracht?“ Er ohrfeigte sie. Nicht zum ersten Mal während ihrer kleinen Unterhaltung. Er musste schwere Ringe an den Fingern haben, denn ihr knallte jedesmal etwas Hartes, Kaltes, Kantiges ins Gesicht. Die zarte Haut ihrer Wange links musste schon ganz aufgerissen sein. Sie fühlte sich wie betäubt an. Außerdem glaubte sie, den metallischen Geschmack von Blut im Mund zu haben. Vorsichtig fühlte sie mit der Zunge nach. Der linke Eckzahn schien sich gelockert zu haben, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein.

„Püppchen!“ der andere kam von hinten und betatschte sie. Sein fauliger Atem bließ ihr ins Gesicht. Sie konnte weder ihn noch den anderen sehen, denn sie hatten ihr die Augen verbunden. „Grillen wir sie*?“ fragte der, der sie geohrfeigt hatte. Er rauchte offenbar eine Zigarette. Der beißende Qualm brannte ihr in der Nase. „Nein“, sagte der andere. „Das ist nur eine kleine Verkäuferin“ Er umschlich den Stuhl, auf dem sie saß, die Hände auf den Rücken gebunden. „Die ist doch viel zu dumm!“ grunzte er.

Der, der sie geohrfeigt hatte, ging wieder näher an sie heran. Ein heißer, stechender Schmerz durchfuhr sie. Er hatte seine Zigarette auf ihrem Handrücken ausgedrückt. „Pass auf, dass ich das nicht auch mit deinem Gesicht mache! Dann will dich kein Mann mehr!“ drohte er. „Das ist vielleicht sowieso schon der Fall …“ kicherte der andere, der sie begrapscht hatte. „Wenn du so weiter machst, müssen wir sie halt doch entsorgen*.“ „Nein, nein.“ sagte der erste leise, denn das war nicht für ihre Ohren bestimmt „Die ist zu dumm. Die schüchtern wir noch ein bisschen ein und wenn sie rauskommt, wird sie den anderen ein mahnendes Beispiel sein, was passiert, wenn man uns frech kommt.“

Nanni & Lutz, Delle Tre Pietre, zwischen Prato und Florenz, Nacht vom 01. auf den 02. August 1980:

Was bisher geschah: Giovanni „Nanni“, der in der Nähe von Florenz lebt und sehr gut Deutsch spricht, hat nach dem Studium keinen Job gefunden. Wie viele junge Leute in der Gegend engagiert er sich politisch links. Allerdings macht Nanni mehr, als nur auf Demos zu gehen. Er hat einen Kontakt zu Lutz in West-Berlin hergestellt, der wichtige Informationen für Nanni und seine Freunde hat. Unvorsichtigerweise hat Lutz seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter, der neunjährigen Micha in einem Hausprojekt in Kreuzberg lebt, erzählt, dass er nach Italien fährt. Da Sigrid davon ausgeht, dass er dort Urlaub macht, drängt sie ihn, Micha mitzunehmen, was er dann auch tut. Nannis Mitbewohnerinnen Alessandra „Alè“, die als Näherin arbeitet, obwohl auch sie studiert hat, und die feministisch gesonnene Giovanna „Giò“, die manchmal über’s Ziel hinausschießt und gerade ihre Doktorarbeit schreibt, kümmern sich um Lutz‘ kleine Tochter. Obwohl auch die beiden Frauen politisch links stehen, wissen sie nicht genau, was Lutz und Nanni vorhaben.

Silbrig und kalt beschien der Vollmond die Hügel, die jetzt, ohne die brütende Sonne des Tages, modrig, fast schon feucht wirkten, obwohl das Gras braun und verbrannt war. Nanni stieß den Spaten in die feuchte Erde, die den alten, verdorrten Olivenbaum umgab.

Er und Lutz standen seit dem Frühjahr 1979 in Kontakt miteinander. Lutz hatte ihm von der Todesnacht in Stammheim** erzählt und dass viele Leute in der Bundesrepublik glaubten, dass der Staat da nachgeholfen habe. Immerhin hatten sie Ulrike Meinhof gefoltert**, bis sie nur noch ein psychisches Wrack war. Dass in einem Staat, der sich als „demokratisch“ bezeichnete, unverhohlen, praktisch vor den Augen der Öffentlichkeit, gefoltert werden konnte und Leute mit Auftrag von oben gekillt wurden, weil sie nicht genehm waren, machte Lutz Angst.

Nanni hatte Lutz von der „Strategie der Spannung“*** berichtet, bei der ausländische Kräfte, allen voran der CIA, versuchten, die Bevölkerung zu verunsichern und gezielt gegen Linke aufzuhetzen. Seit 1969*** hatte es in Italien immer wieder blutige Anschläge mit vielen Toten und Verletzten gegeben. Zwar hatte man behauptet, dass linke Terroristen dahinter steckten, aber diese Behauptungen waren so absurd, dass es nur eine weiter Ohrfeige für Nanni und seine Freunde bedeutete. Moro, der 1978 ermordet wurde***, war in erster Linie seinem Parteikollegen Andreotti*** im Weg gewesen und jedermann wusste, dass Andreotti ein Schwein war, das auch über gute Kontakte zum organisierten Verbrechen verfügte***. Und warum auch hätten die Linken einen Mann umbringen sollen, der sich für eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten*** eingesetzt hatte? Oder das italienische Passagierflugzeug, das Ende Juni*** vor Sizilien von der NATO abgeschossen worden war. Die offizielle Lesart war, dass es angeblich einfach „vom Radar verschwunden“ sei, der außerdem zufällig gerade nicht eingeschaltet war, der Grund sei eine Explosion, ein technisches Versagen, bedauerlich, aber so etwas käme nun einmal vor. Für wie blöd hielt man sie? Nanni und seine Genossen verfolgten außerdem aufmerksam die Ereignisse in Lateinamerika*. Es war zu befürchten, dass man auch in Italien mit Hilfe der Amerikaner eine faschistische Diktatur errichten wollte.

Den Ausschlag für Lutz und Nannis Treffen hatte allerdings der deutsche NATO-Mann gegeben: Berthold Brennecke+. Lutz hatte Nanni berichtet, dass Brennecke, der früher bei der SS gewesen war, woran sich aber in Deutschland niemand störte, zu einem Kreis einflussreicher Leute gehörte, denen die konservative CDU zu lasch war. Es deutete einiges darauf hin, dass Brennecke und seinesgleichen versuchen wollten, in der Bundesrepublik ähnliche Verhältnisse wie in Italien zu schaffen. Eventuell war sogar ein größerer Anschlag gegen die Zivilbevölkerung geplant. Lutz und seine Kontaktperson in Bonn glaubten, dass es einen großen Bahnhof treffen könnte oder vielleicht eine belebte Straße in West-Berlin, vielleicht sogar die Berliner U-Bahn. Verdammt! Lutz tat das hier auch für Micha, denn er hatte wirklich Angst.

Sorgfältig befreite Nanni den Sprengstoff, den er ausgegraben hatte, von Erdresten, die sich an der Plastikfolie festgesetzt hatten. Sie würden den Sprengsatz noch heute Nacht zum „Zigeunerlager“ bringen, einem verfallenen Haus in der Nähe, in dem manchmal Roma campierten. Heute Nacht allerdings schliefen dort drei Spanier oder vielleicht waren es auch Lateinamerikaner – das wusste Nanni nicht so genau -, jedenfalls Genossen, denen sie vertrauen konnten. Morgen würden diese Leute als Geschäftsleute in Erscheinung treten und die Bar an der Piazza della Repubblica aufsuchen, in der sich Brennecke mit ein paar italienischen Faschisten und einem der Amerikaner treffen wollte. Brennecke war offenbar an der Geräuschkulisse gelegen und obwohl er sicherlich seine Gorillas mit Knopf im Ohr in der Nähe haben würde, würde niemand es bemerken, dass einer der drei Geschäftsleute, die nur an ihrem Kaffee nippen und dann rasch wieder gehen würden, sein Aktenköfferchen vergessen würde, das er hinter seinem Stuhl, zwischen sich, dem Garderobenständer und der Wand platziert haben würde. Der mit einer Zeitschaltuhr versehene Sprengsatz sollte kurze Zeit später detonieren.

Lutz würde noch in der Nacht weiterfahren in Richtung Thyrrenisches Meer. Er konnte auf irgendeinem Parkplatz ein kurzes Nickerchen machen und sollte dann Morgen auf einem Campingplatz an der Küste als normaler deutscher Tourist, der mit seiner Tochter ein paar Tage Urlaub machen wollte, einchecken. Nanni würde offiziell seine kranke Cousine in den Bergen pflegen. Tatsächlich würde er eine Weile bei Genossen in einem besetzten Haus in der Nähe von Bologna untertauchen, bis sich die Wogen geglättet hätten.

Etwas raschelte. Ein Tross Fledermäuse flatterte zwischen der Reihe Zypressen hervor, die die hügelige Landschaft säumten. Vielleicht hatte ein anderes Tier sie aufgescheucht. In der Ferne schrie ein Käuzchen. Zumindest hörte es sich für Lutz so an …

Wer wissen will, wie’s weiter geht – demnächst hier bei Laila Phunk!

Argentinien:

*Um herauszufinden, um wen es sich bei unserer im ersten Abschnitt geschilderten Persönlichkeit handelt, musst du Teil I – III lesen. Zieht es dich mehr zu den historischen Fakten, dann lies einfach weiter und sei gespannt, wie sich die Story entwickelt …

Von 1976 -1983 herrschte in Argentinien eine rechte Militärdiktatur unter General Jorge Rafael Videla. Der gegen Großbritannien verlorene Krieg um die Falklandinseln im Frühling 1982 war gewissermaßen der Gnadenstoß für die Diktatur, die das Land außerdem, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, in eine tiefe Wirtschaftskrise getrieben hatte.

Der staatliche Terror, der mit dem Kampf gegen kommunistische Gruppierungen begründet wurde, hatte in Argentinien Ausmaße angenommen, die hart an die Grenze des menschlichen Vorstellungsvermögen gehen. Die Gefangenen wurden verschleppt, geschlagen und misshandelt, auf Metalltische gespannt und mit Elektroschocks behandelt. Letzteres wurde sarkastisch als „grillen“ bezeichnet. Ein Artikel von Markus Deggerich im „Spiegel“ aus dem Jahr 2004 beschreibt dies sehr eindrucksvoll. Gefangene, derer man sich entledigen wollte, wurden betäubt, in Flugzeuge verfrachtet und bei lebendigem Leib über dem Atlantik abgeworfen. Mehr über das Los der „Verschwundenen“, der sog. „Desaparecidos“, kann man u. a. in einem Artikel von Jens Wiegmann, der 2012 in der „Welt“ erschien, nachlesen. Ebenfalls in der „Welt“ geht Miriam Hollstein in einem Artikel von 2014 dem Schicksal der jungen Deutschen Elisabeth Käsemann nach, die zu den Opfern der argentinischen Militärdiktatur gehört. Aus heutiger Sich erscheint  es schwer nachvollziehbar, dass man in der Bundesrepublik Deutschland eher geneigt war, Käsemann als linke Terroristin darzustellen, um die Beziehungen zu Argentinien nicht zu gefährden. Jedenfalls erhielt die junge Deutsche keine Hilfe vom Auswärtigen Amt und wurde 1977 schließlich zu Tode gefoltert.

Deutschland:

**Lutz meint mit der „Todesnacht von Stammheim“ die Suizide mehrere inhaftierter Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) im Herbst 1977. Bei der RAF handelte es sich um eine linksterroristischen Vereinigung, die in Deutschland zwischen 1970 und ihrer Selbstauflösung im Jahr 1998 insgesamt 33 Morde, vornehmlich an Führungskräften aus Politik und Wirtschaft, beging. Mehrfach wurde angezweifelt, dass es sich in Stammheim tatsächlich um Selbstmord handelte.

Ulrike Meinhof, die in den 1960er Jahren eine renommierte Journalistin war und zu den Gründungsmitgliedern der RAF gehörte, wurde nach ihrer Inhaftierung in Köln-Ossendorf der sog. „sensorischen Deprivation“ unterzogen, d. h. sie saß von den anderen Häftlingen streng isoliert in einer schalldichten, weiß gestrichenen Zelle ein, in der 24 Stunden am Tag Licht brannte. Durch den Entzug von Sinnesreizen sollte eine erhebliche psychische Destabilisierung Meinhofs erreicht werden, die sich dann auch tatsächlich einstellte. Näheres hierzu in einem „Spiegel“-Artikel von 2016 von Michael Sontheimer.

Auch wenn die „sensorische Deprivation“ im Vergleich zu den in Argentinien angewandten Foltermethoden (siehe oben) vergleichsweise „milde“ erscheint, handelt es sich um eine Form von Folter, da hat Lutz recht. Entsprechend viel internationale Kritik, u. a. auch seitens des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, handelten sich die deutschen Befürwroter einer harten Linie gegen die RAF-Häftlinge ein. Immerhin galt die Bundesrepublik Deutschland – anders als Argentinien – nicht als Diktatur, sondern als Demokratie westlicher Prägung.

Italien:

***Nanni erwähnt die sog. „Strategie der Spannung“ („Strategia della tensione“) mittels derer in Italien durch terroristische Anschläge ein Klima der Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung erzeugt werden sollte. Als Ausgangspunkt kann vermutlich das Bombenattentat auf der Piazza Fontana in Mailand 1969 gelten, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen.

Auch wenn diese Anschläge, wie sich später herausstellte, oft auf das Konto der faschistischen Terrororganisation „Ordine Nuovo“ gingen, standen zunächst linksextremistische Gruppierungen unter Verdacht.

Da der PCI (Partito Communista Italiano), die kommunistische Partei in Italien in den 1970er Jahren einerseits relativ stark war – nicht zuletzt aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der erheblichen wirtschaftlichen Probleme – und sich andererseits – wie andere süd- und wetseuropäische kommunistische Parteien – von einem orthodoxen Kommunismus stalinistischer bzw. sowjetischer Prägung ab- und dem sog. „Eurokommunismus“ zugewandt hatte, hatte der konservative italienische Politiker Aldo Moro eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten befürwortet, was später auf Seiten der Linken als sog. „historischer Kompromiss“ („Compromesso storico“) in die Geschichte eingehen sollte. Diese politische Linie sollte der Radikalisierung der italienischen Gesellschaft und einer damit verbundenen weiteren politischen Destabilisierung entgegenwirken.

Anders als Nanni behauptet, hatte Moro allerdings sowohl im linken Lager, wo man den „Verrat“ linker Ideale witterte, als auch in rechtskonservativen Kreisen, wo man eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten um jeden Preis verhindern wollte, Feinde. Dennoch spricht heute fast alles dafür, dass Aldo Moro 1978 von den linskterroristischen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet wurde.

Allerdings hat Nanni insofern nicht ganz Unrecht, als dass der christlich-konservative Politiker Giulio Andreotti (Democrazia Cristiana, wie Aldo Moro) tatsächlich ebenso wie rechtskonservative und faschistische Kräfte ein Interesse an der Ermordung Moros hatte. Andreotti, der im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Posten innehatte, verweigerte Moro dann auch seine Hilfe, als dieser von den „Brigate Rosse“ entführt wurde. Dafür höhlte Andreotti die Idee einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten so weit aus, dass diese schließlich politisch einflusslos blieben. Darüber hinaus wurden Andreotti immer wieder Verbindungen zur Mafia nachgesagt.

Bei dem abgeschossenen Flugzeug, das Nanni erwähnt, handelt es sich um den berüchtigten Flug 870, der im Juni 1980 kurz vor Sizilien auf mysteriöse Weise vom Radar „verschwand“. Verschiedene Theorien ranken sich um das verschwinden des Flugzeuges, das auf dem Weg von Bologna nach Palermo war und 81 Menschen an Bord hatte.

Demnach, was man heute weiß, haben sich sehr wahrscheinlich us-amerikanische und französische NATO-Flieger im italienischen Luftraum aufgehalten, die Jagd auf einen Kampfjet, der den damaligen lybischen Diktator Mu’ammar Ghedaffi an Bord haben sollte, machten. Möglicherweise wurde das italienische Passagierflugzeug der Fluglinie Itavia versehentlich abgeschossen.

Allerdings hat die italienische Regierung unter Ministerpräsident Francesco Cossiga (1979/80) alles Erdenkliche unternommen, um den Vorfall zu vertuschen. Einige Indizien sprechen dafür, dass der verheerende Unfall während einer Flugschau auf der deutschen US-Airbase Ramstein (bei Kaiserslautern) 1988, der insgesamt 70 Todesopfer forderte, möglicherweise in Zusammenhang mit den Versuchen, die Ereignisse um den Itavia-Flug von 1980 zu vertuschen, stand, da es die italienische Flugstaffel war, die das Unglück von Ramstein auslöste, und ein Pilot dabei ums Leben kam, der als Zeuge zu dem Verschwinden von Flug 870 aussagen wollte.

Den neuesten Stand zu Flug 870 bietet übersichtlich aufgearbeitet Michael Braun in einem taz-Artikel von 2013. Laila Phunk folgt seiner Darstellung der Dinge, die sich so ähnlich auch auf Wikipedia und in konservativen Medien wiederfindet, im Wesentlichen.

+Berthold Brennecke existiert nur in meiner Fantasie. Auch alle anderen Personen und ihre Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden, sofern es sich nicht um historische Persönlichkeiten und Gegebenheiten handelt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zudem muss ich, nicht zuletzt auch um Missverständnissen vorzubeugen, darauf hinweisen, dass mit der Beschreibung politischer Postionen und Handlungen kein Versuch, Verständnis zu wecken oder gar eine „Parteinahme“ meinerseits verbunden ist – für keine der beteiligten Seiten. Es geht lediglich darum, – in Form einer historischen Internetstory – Denken und Handeln der Menschen der sog. „Anni di Piombo“, also der „bleiernen Zeit“ – die 1970er und 1980er Jahre – grob nachzuskizzieren. Historische Ungenauigkeiten sind Ergebnis sowohl einiger künstlerischer Freiheiten, die ich mir genommen habe, als auch mangelhafter Recherchearbeit. Man möge mir dies verzeihen – Ich bin Freizeitbloggerin.

Terror! (Teil III)

… Wer’s verpasst hat: hier zu Teil I und Teil II der Geschichte

Nanni, Prato bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Mit einem schwungvollen Krachen flog die Tür auf. Alè und Giò traten nacheinander ein. „Ist die Demo schon zu Ende?“ erkundigte sich Nanni. „Nein“ antwortete Alè „Aber wir sind nicht mehr auf die Piazza della Signoria+ gekommen. Es war schon zu voll.“ „Wir waren dann noch kurz auf der Piazza Santa Croce+.“ ergänzte Giò. „Da habe ich Maria vom Arbeiterzirkel aus Rifredi+ getroffen. Sie haben Volksküche gemacht. Na ja, nur lauwarme Pizza. Maria sagt, im kommenden akademischen Jahr wollen die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät die Uni besetzen. Ich denke, die politikwissenschaftliche Fakultät wird sich wohl anschließen…“

Maria’s linker Professor würde zumindest niemandem, der mitmachte, einen Strick daraus drehen und auch ihr Doktorandenjob wäre nicht in Gefahr, dachte Nanni. Aber Streiks, Demos, Unibesetzungen – ob das wirklich half? Am Ende standen sie ja doch nur als Faulpelze und Unruhestifter da und Cossigas++ Leute würden umso mehr versuchen, alles, was schief lief, auf die Linken zu schieben. Nanni seufzte. „Ist der Deutsche schon da?“ fragte Giò.

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Cristina hatte schon beim ersten schrillen Läuten gewusst, wer am Apparat sein würde. Widerwillig nahm sie den Hörer. „Cristina, Kindchen, ich brauche deine Hilfe.“ Das versprach nichts Gutes. „Tesoro, Schätzchen, du weißt doch, wie man Druck aufbaut. Ich habe ja nicht umsonst ein Heidengeld in dein Studium investiert …“ „Papá, Sie wissen, dass ich mit derlei Dingen nichts zu tun haben will.“ versuchte Cristina eine Entgegnung. „Es ist zum Wohle Italiens, Cristina. Da müssen sich andere Dinge unterordnen. Italien ist das Land der Familie, der christlichen Werte. Genau deshalb schwärmen deine deutschen Freundinnen doch so für die italienische Lebensart …“ Papà machte eine bedeutungsvolle Pause. „Meine Freunde und ich wollen, dass das auch so bleibt. Deshalb wirst du morgen zu dem Treffen mit dem Deutschen gehen und …“

Cristina nahm den Rest wie in Trance war. Sie hatte Psychologie studiert, weil sie Menschen wie Enrico helfen wollte. Ihr Bruder war derzeit wieder im Sanatorium oder „auf Kur“, wie Papá zu sagen pflegte. Bevor die Krankheit ausgebrochen war, als Teenager, hatten Cristina und Enrico einander nahe gestanden. Doch dann wurde aus dem sensiblen, künstlerisch veranlagten jungen Mann plötzlich jemand mit eigenartigen Ideen. Er nahm Drogen und wurde immer unberechenbarer. Auch Cristina verlor den Zugang zu ihm.

Manchmal fragte Cristina sich, ob sie selbst auch so enden würde. Sie hatte gelesen, dass psychische Krankheiten bei Frauen etwas später ausbrachen als bei Männern. War „es“ ein Vorbote? In Paris, an der Uni, hatte sie zwar gelernt, dass Homosexualität keine psychische Störung * war, aber sie wusste, dass einige italienische Experten anders darüber dachten.

„Ich war auch einmal jung, mein Täubchen. Dir fehlt einfach meine Erfahrung, glaube mir.“ Papás Stimme hatte einen öligen Ton angenommen.

Lutz & Micha, Prato, in der WG von Nanni, Giò & Alè, Abend des 01. August 1980:

Was bisher geschah: Lutz, der sich in West-Berlin politisch engagiert, hat einen Kontakt zu dem Italiener Giovanni „Nanni“ in Florenz aufgebaut und will zu ihm fahren. Seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter Michaela in einem Hausprojekt in Berlin-Kreuzberg lebt, kann er den wahren Grund seiner Reise nicht verraten, so dass Sigrid nur versteht, dass er in den Urlaub fahren will und ihn drängt, Micha mitzunehmen, was Lutz dann auch widerwillig tut. Am Abend des 01. August treffen sie in Nannis WG in Prato, einer kleinen, touristisch wenig reizvollen Stadt bei Florenz, deren Hauptwirtschaftsfaktor die Textilindustrie ist, ein.

Micha stopfte die dampfenden Spaghetti heißhungrig in sich rein. Lutz saß eher mit langen Zähnen vor den labberigen Nudeln, die Alè schnell aufgewärmt und mit etwas Fertigsoße verrührt hatte, aber er mochte nichts sagen. Sigrid hätte eher verschimmeltes Vollkornbrot gegessen, als sich so eine Chemiepampe aus Zucker, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen reinzuziehen.

„Schwanzträger pinkeln bei uns im Sitzen! Dass das mal klar ist!“ bellte Giò. „Giò ist es wichtig, dass du dich auf dem Klo hinsetzt“ übersetzte Nanni. Giò, die etwas üppigere, größere der beiden Frauen erinnerte Lutz an die frigiden Hexen, mit denen Sigrid immer herumhing. Seiner Meinung nach hatten diese Frauen einen guten Teil dazu beigetragen, dass seine Beziehung zu ihr in die Brüche gegangen war, aber gut … Optisch war diese Giò gar nicht mal so übel: dichtes, dunkelblondes Kraushaar, ein sommersprossiges Gesicht, das hätte freundlich wirken können, wäre da nicht diese barsche Art. Die andere, die scharf geschnittene Gesichstzüge, dunkle Ringe unter den Augen, einen olivfarbenen Teint und pechschwarze kurze Haare hatte, war nicht eben der Typ italienische Beauty, den Lutz immer im Kopf gehabt hatte, wenn er an Italien dachte. Lesbisch vermutete Lutz. Er hatte nicht gewusst, dass es das auch in Italien gab. Trotzdem wirkte Alè weitaus weniger eisig als Giò.

„Warum heißt du Nanni?“ wollte Micha wissen. „Das ist doch ein Mädchenname! Meine beste Freundin aus der Schule heißt auch so!“ „Ich heiße eigentlich Giovanni. Aber meine Freunde sagen Nanni“ erklärte Nanni. Micha hätte sich kringelig lachen können. Der redete ja wie die Türkenkinder! Aber Sigrid hatte ihr klargemacht, dass die Türkenkinder genauso über sie lachen würden, wenn sie Türkisch sprechen müsste. Deshalb kritisierte Micha Nanni nicht.

„Und ich habe auch einen Freund, der heißt Momo. Aber eigentlich Moritz. Der Papa von dem ist aus Ghana. Der Momo ist nämlich ein Nee-gärr!“ Micha walzte das letzte Wort genüsslich aus, wohl wissend, dass es Lutz auf die Palme bringen würde. Sie war müde.

Lutz hätte Micha am liebsten eine geklebt. Aber sie wollten Micha gewaltfrei erziehen. Darin waren er und Sigrid sich ausnahmsweise einmal einig. „Du weißt, was man sagt!“ erwiderte er knapp. „Aber Opa Rolf fragt auch immer ‚Na, wie isses denn bei euch in Berlin mit den ganzen Negern und dem Ivan vor der Haustür!’“ entgegnete Micha aufsässig. „Ach ja, Opa Rolf …“ Lutz wollte nicht näher darauf eingehen. Die besseren Menschen wohnten offenbar in Siegen. Typen, wie Sigrids Vater Rolf und seine sauberen Freunde vom Schützenverein. Der Adolf-Hitler-Devotionalienraum im Keller, der dem „Führer“, dem sie einst alle nachgelaufen waren, huldigen sollte, setzte dem ganzen die Krone auf. Lutz hatte immer bei sich gedacht, dass es vermutlich daran lag, dass Sigrid manchmal so komisch war.

„Cos’ha detto la bimba?“ („Was hat die Kleine gesagt?“) wollte Alè von Nanni wissen. „Siehste! Bimbo sagt man nämlich erst recht nicht! Hat Sigrid gesagt!“ bretterte Micha patzig in die Unterhaltung. Giò, die ein paar Brocken Deutsch in der Schule gelernt hatte, bot an, sie und Alè würden mit Micha noch ein Eis essen gehen. Das war Lutz und Nanni mehr als recht, denn sie hatten zu tun …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

+Piazza della Signoria, Piazza Santa Croce: Plätze in der historischen Innenstadt von Florenz, Rifredi: Arbeiterstadtteil von Florenz.

++Francesco Cossiga (1928 – 2010): Politiker der kosnervativen Democrazia Cristiana, hatte im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Ämter inne. U. a. war er 1979 – 80, zu dem Zeitpunkt, als unsere Geschichte spielt, Ministerpräsident Italiens, also Chef der italienischen Regierung. Die Position entspricht der des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin in Deutschland.

*Homosexualität wurde in Italien überraschend früh legalisiert: schon 1887. Auch betraf die strafrechtliche Verfolgung hauptsächlich Männer. Nähere Informationen hierzu u. a. auf Wikipedia (Italienisch). In Frankreich ist Homosexualität sogar seit 1791 nicht mehr strafbar, wie man ebenfalls auf Wikipedia (Deutsch) nachlesen kann. Dennoch ist „nicht strafbar“ nicht gleichbedeutend mit „akzeptiert“, wie man u. a. aus den Diskussionen um die Ehe für alle in Frankreich weiß, wo es heftige Gegenreaktionen von konservativer Seite gab. Bis in die 1970er Jahre galt Homosexualität vielfach als psychische Krankheit. Zum Teil wurde der Wegfall strafrechtlicher Verfolgung „humanitär“ begründet, da der Betroffene (Frauen standen weitaus weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses) nichts dafür könne. Um 1980 ist die Einschätzung von Homosexualität als einer normalen Variante des menschlichen Sexualverhaltens noch relativ neu.

Alle Personen & Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden, außer natürlich, es geht um Querverweise zu historischen Persönlichkeiten & Ereignissen, die aber nur den Rahmen der Geschichte darstellen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Terror! (Teil II)

Wer’s verpassst hat: hier zu Teil I der Story

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, später Nachmittag des 01. August 1980:

Cristina saß mit ihrer Freundin Elke in einer schattigen Ecke im Garten des kleinen Palazzos ihrer Familie. Sie verspürte keinen Drang, den brüllend heißen August in ihrem Stadthaus in Rom zu verbringen. Elke Lorenz war eine gute Freundin von ihr. Sie arbeitete am Kunsthistorischen Institut, wollte aber Ende September heiraten, eine jungen Rechtsanwalt und Compagnon ihres Vaters, der schon länger ein Auge auf sie geworfen hatte. Deshalb verbrachte die junge Frau eigentlich die meiste Zeit damit, ihre Hochzeit zu planen. Aber die Forschungsarbeit, sagte Elke, war ihr ohnehin immer ein bisschen zäh erschienen.

Cristina lächelte freundlich. „In Hamburg ist es wenigstens schön kühl, nicht wahr?“ „Ach ja, die Hitze!“ seufzte Elke. „Aber schau mal, was ich hier habe! Gestern gekauft!“ wisperte sie verschwörerisch und zog ein weißes, spitzenbedecktes Etwas aus einer Plastiktüte, ein Steckkissen für Babies. „Ja, ist es denn schon … Ich meine, du bist, ihr habt schon…?“ flüsterte Cristina. „Nein, natürlich nicht.“ wehrte Elke rasch ab und errötete. „Das wäre Vater auch sicher nicht recht, wenn er eine Tochter mit Bäuchlein als Brautvater zum Altar führen müsste.“ Sie lachte. Es klang etwas künstlich. „Aber ich möchte sehr bald Kinder haben. Du nicht? Überhaupt, was ist mit Pietro?“

Cristinas innerer Horizont überzog sich mit dicken schwarzen Wolken. Pietro war ihr Zukünftiger. Rechtsanwalt, wie Elkes Verlobter. Er arbeitete bei einer Zweigstelle der renomierten Privatbank Banca delle Tre Stelle in Paris und Papá war die Verbindung wichtig. Er hatte ihn für sie ausgesucht, aber gedacht, dass er ihr damit eine Freude machen würde, denn Cristina hatte in Paris studiert und dachte immer gern an die Zeit zurück. Die Diskussionen mit ihren Freunden aus Algerien über Sozialismus und Entwicklungsländer, die Abende im Café mit ihren französischen Freundinnen, die Freude darüber, die greise Simone de Beauvoir noch aus nächster Nähe gesehen zu haben. Bei ihrer Rückkehr, mit Pietro, würde Paris eine andere Stadt sein, ein goldener Käfig, wie Rom und Florenz. Aber Cristina dachte sich, dass es besser wäre, sich ihrer Freundin nicht zu weit zu öffnen und ihr von ihrem kleinen – nun ja – Problem zu erzählen. Cristina mochte keine Männer, jedenfalls nicht so, dass sie hätte Kinder mit ihnen haben wollen. Rasch setzte sie ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es herzlich wirkte, und strich andächtig über das weiße Satinkissen: „Wie schön!“ murmelte sie.

Piazza della Signoria, Florenz, Abend des 01. August 1980:

„Wollt ihr euch noch länger verarschen lassen?!“ Der Mann brüllte mit einer Entschiedenheit ins Mikrofon, als würde er den Leuten gerade erklären, dass die Erde rund ist und keine Scheibe. „Hat Moro* etwas geändert? Hat Andreotti* etwas geändert? Nein! Glaubt ihr etwa, Cossiga* ändert etwas? Man schießt uns Flugzeuge vom Himmel** und man könnte meinen, wir befänden uns im Krieg! In der Tat, wir befinden uns im Krieg! Man schiebt uns Verbrechen in die Schuhe, die in Wirklichkeit die Faschisten und die NATO begangen haben! Man will die italienische Bevölkerung gegen uns aufhetzen! Die Amerikaner wollen aus Italien ein zweites Chile** machen!“ „Cossiga Boia!“ (=“Cossiga Henker!“) erquoll wie auf ein unsichtbares Kommando hin ein einstimmiger Sprechchor aus der Menge, nur um dann überzugehen zu „Carter*** Boia!“ Um Michelangelos altehrwürdige David-Statue, die steinern und bleich in den Abendhimmel ragte, wehten rote und rot-schwarze Fahnen. Die Menge stimmte das Partisanenlied „Bella Ciao“ an. Ein altes Mütterchen reckte ihren Gehstock hoch: „Recht so! Dafür haben wir die Schwarzhemden+ nicht vertrieben! Jagt den Verbrecher aus dem Palazzo Chigi++“

Palazzo Pitti, Florenz, Abend des 01. August 1980:

Giancarlo Albanese legte auf. Er war ganz blass im Gesicht, als er sich seinem Kollegen Marcolini zuwandte. „Anruf aus Rom.“ sagte er knapp. „Höchste Sicherheitsstufe morgen für den Deutschen.“ „Dieser Nato-General, Brennecke?“ fragte Marconi. „Ja, aber wir sollen uns nicht darum kümmern. Die Amerikaner wollen die Leute aussuchen. Militär. Bonn+++ ist offenbar informiert.“ antwortete Albanese. „Ich weiß auch nichts genaues. Nur, dass nicht wir Carabinieri den Job machen sollen.“ setzte er hinzu, als er Marcolini fragenden Gesichtsausdurck sah. „Dafür braut sich gerade auf der Piazza della Signoria etwas zusammen.“ gab Marcolini zu bedenken. „Ach, wie vor drei Wochen! Wir schauen mal pro forma vorbei, aber unter uns: so Unrecht haben die Leute doch gar nicht. Weißt du, Florenz ist nicht Rom …“ Albanese ließ den Satz unvollendet. Marcolini wusste auch so, was er meinte: So lange der Palazzo Vecchio nicht in Flammen aufging, ließen die Leute, die in ihm tagten, um die Geschicke der Stadt zu bestimmen, die Linksradikalen machen …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

*Aldo Moro, Giulio Andreotti und Francesco Cossiga (alle: Democrazia Cristiana, entspricht in etwa der deutschen CDU): italienische Regierungschefs, zur Zeit unserer Geschichte ist Cossiga im Amt (seit 1979). Er wird jedoch im September 1980 bereits zum Rücktritt gezwungen sein. Die kurze Amtszeit Cossigas, über den es einen aufschlussreichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt, zeigt, wie sehr Italien damals politisch in der Krise steckte.

**gemeint ist der mysteriöse Absturz des Fluges 870 nördlich der italienischen Insel Ustica im Juni 1980, bei dem 81 Menschen ums Leben kamen, darunter 13 Kinder, wie man auf Wikipedia (italienisch) nachlesen kann. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt, aber es gibt immer wieder Gerüchte, das Passagierflugzeug auf dem Weg von Bologna nach Palermo sei von einem NATO-Kampfjet abgeschossen worden. Drohungen gegen Zeugen und Journalisten, sowie eine Reihe seltsamer Todesfälle scheinen eine Verwicklung internationaler Akteure zu bestätigen. Einen Überblick dazu gibt u. a. Italien-Korrespondent Michael Braun in der taz. Auch konservative deutschssprachige Medien beschreiben den Fall ähnlich. Allerdings kann ich hier nicht alle auflisten. Wer sich näher informieren will, googelt es halt einfach mal.

Vorkomnisse, wie der Flugzeugabsturz bei Ustica und eine Reihe blutiger terroristischer Anschläge mit vielen Toten, die zunächst linksextremistischen Terrororoganisationen in die Schuhe geschoben werden sollten, sich aber später z. T. als das Werk faschistischer Gruppierungen herausstellten, bilden den Hintergrund der Rede des Demo-Redners, der u. a. eine NATO-Beteiligung vermutet. Der fiktive Redner spielt u. a. auch auf die rechte Diktatur Augusto Pinochets in Chile (1973 – 1990) an, der durch einen Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (1970 – 73 Präsident Chiles) unter Beihilfe des amerikanischen CIAs ins Amt gehieft wurde.

***Jimmy Carter, 39. Präsident der USA, Demokrat, von 1977 bis 1981 im Amt

+Schwarzhemden: italienische Faschisten

++Palazzo Chigi: Sitz der italienischen Regierung in Rom

+++Bonn: zur Zeit unserer Geschichte Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland, Bundeskanzler war damal Helmut Schmidt (SPD, 1974 – 1982 Kanzler, sozialliberale Koalition)

Wie schon in Teil I sind alle Persönlichkeiten, außer den historischen, die in dieser Geschichte auftreten, sowie ihre Handlungen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Auch der Nato-General Brennecke, der in dem Gespräch der beiden Carabinieri im Palazzo Pitti erwähnt wird, ist frei erfunden.

Die in dem Abschnitt über Signorina Cristina erwähnte Banca delle Tre Stelle ist ebenfalls ein Produkt meiner Fantasie.

Terror! (Teil I)

Erstveröffentlichung am 8. Dezember 2016. Die Fortsetzungsstory wurde wegen des furchtbaren Terroranschlags am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz (Kurfürstendamm) unterbrochen. Der Anschlag kostete 12 Menschen das Leben. 55 wurden z. T. schwer verletzt. Der Täter, Anis Amri, handelte im Auftrag des sog. „Islamischen Staates“. Er wurde am 23. Dezember in Mailand von einer Polizeistreife erschossen. Mittlerweile verdichten sich Hinweise darauf, dass Amri den deutschen Behörden als sog. „Gefährder“, d. h. als möglicher Attentäter bekannt war. Wikipedia berichtet, der marokkanische Geheimdienst habe BND und BKA bereits im September 2016 auf Amri aufmerksam gemacht. In Anris Heimat Tunesien haben radikale islamistische Gruppen hohen Zulauf, obgleich sich die tunesische Regierung mit allen erdenklichen Mitteln versucht, den Islamismus einzudämmen. Eine auffällige Parallele zum Islamismus ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien: Sie lag 2016 noch bei rund 35%. Mehr als ein Drittel der 15 – 24jährigen hat also keine Arbeit. Gewiss wäre es zu oberflächlich und bei näherer Betrachtung auch nicht haltbar, die Ursachen von Terrorismus prinzipiell monokausal in Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu sehen. Immerhin bringt nicht jedeR, der/die arm ist, massenweise Leute um. Auf der anderen Seite zog der Linksterrorismus in Westeuropa in den 1970er und 1980er Jahren v. a. junge Leute aus den gebildeten, eigentlich privilegierten Schichten an. Um dem Terrorismus als gewaltsamer Bankrotterklärung an die Dialogfähigkeit einer Gesellschaft etwas entgegensetzen zu können, muss man die Wurzeln analysieren. Was treibt Menschen dazu, Terroranschläge zu begehen? Aus welchen Gründen radikalisieren sich junge Leute? An welchen Alarmzeichen kann man erkennen, dass die Schwelle zur Gewalt bedrohlich gesunken ist? Die Internet-Story „Terror“ kann darauf sicherlich keine Antworten geben, die politisch bedeutsam wären. Zum Nachdenken anregen kann und möchte sie aber schon. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen! (Laila Phunk am 30. Mai 2017).

Prolog:

Sandrine: Paris, in der Nähe des Parc de la Villette, 19. Arrondissement, Februar 2014:

Lustlos setzte Sandrine sich an den Computer. Sie wollte sich zwingen, jeden Tag eine kleine Einheit von dem Selbstlernkurs im Internet zu machen. Vielleicht würde es ihr helfen, eine Arbeit zu finden, denn die Zeiten waren lange vorbei, als Sandrine noch eine strahlende Absolventin der Kommunikationswissenschaft war, die siegessicher und voller Selbstvertrauen in die Zukunft blickte Zwar hatte sie sehr gute Noten gehabt – sie hatte ja auch hart dafür gearbeitet – aber wer brauchte schon Kommunikationswissenschaftler? Davon gibt es doch mehr als genug, dachte Sandrine traurig. Und bestimmt sind sie alle gut…

Papa ging es früher genauso, erinnerte sich Sandrine. Gedankenverloren drehte sie sich auf ihrem Stuhl hin- und her. Damals hatte kaum jemand von den jungen Leuten Arbeit. Das hatte sie alle furchtbar zornig gemacht, hatte Papa erzählt, eine ganze Generation, die vor Wut nur so schäumte. Sandrines Vater war leider schon lange tot, aber sie erinnerte sich an sein freundliches, immer ein wenig zurückhaltendes Lachen, an Papas laute Freunde, die immer auf François Mitterrand* herummeckerten. Obwohl sie ihn eigentlich mochten. Sie hatten ihm ja auch viel zu verdanken…*

Sandrine entschloss sich, den Computerkurs sein zu lassen und ein bisschen in Papas altem Kästchen herumzuwühlen. Der Brief aus Deutschland, der alles verändert hatte… Ohne ihn hätte es Sandrine vielleicht gar nicht gegeben…

Daniela: Campo Azul, südlich von La Plata, Argentinien, Mai 1966:

„Lupo! Lupo!“ die zehnjährige Daniela schrie sich die Seele aus dem Leib. Wo war ihr kleiner Mischlingshund nur abgeblieben? Ein scharfer Wind bließ dem Mädchen um die Ohren. „Papa, Babbo! Lupo ist weg!“ Der gedrungene, gutmütige Señor Della Chiesa, der einen kleinen Laden im Ort betrieb, hatte sein Jagdgewehr im Anschlag. Er hatte mehr gesehen, als seine Tochter. Mit dem Zeigefinger deutete er auf das staubfarbene Pelzknäuel. Durch den Wind vernahm nun auch Daniela das bösartige Knurren. Es wirkte irre, nicht von dieser Welt. Was hatte Lupo dem anderen Hund denn bloß getan? Der graubraunen Bestie quoll der Schaum aus dem Mund, vermischt mit Blut. Señor Della Chiesa drückte Daniela das Jagdgewehr in die Hand. „Du musst es tun! Er wird sonst andere Tiere töten. Vielleicht auch uns.“ „Aber Babbo!“ erwiderte Daniela. „Lupo! Was ist, wenn ich ihn erwische?“. „Er wird sowieso sterben.“ murmelte Señor Della Chiesa. Daniela wurde klar, was das bedeutete. Sie weinte. „Schieß!“ drängte Señor Della Chiesa und Daniela drückte ab.

„Así me gustas! So gefällst du mir!“ Der stämmige Mann, der in diesem weiten kargen Land nie heimisch geworden war, versuchte eine unbeholfene, freundliche Geste. „El pequeño lobo….“ versuchte er, das weinende Mädchen zu trösten.

Lutz: Gries am Brenner/Brennero, Österreich, Grenzübergang nach Italien, Morgen des 01. August 1980:

Aussteigen, ja, bitte schön! Lutz verfluchte dieses chaotische Land schon, bevor er dessen Landesgrenze überhaupt überschritten hatte. Fahrzeugpapiere und Personalausweis reichten dem Grenzbeamten, der einen griesgrämigen österreichischen Dialekt sprach, offenbar nicht. Er hatte gestern schon den ganzen Tag in der Scheißkarre gesessen, sich auf der Transitautobahn von Westberlin nach Hof mit den Wonnen des real existierenden Sozialismus herumgeschlagen, die nölende Micha beschwichtigt, die Sigrid ihm aufgedrängt hatte, weil er den Fehler gemacht hatte, etwas von „Urlaub in Italien“, „Freunde in der Toscana besuchen“ zu schwafeln. Er könne seinen väterlichen Pflichten ja auch mal nachkommen, hatte Sigrid geschnauzt. Es reichte langsam!

Gestern Abend hatten sie immerhin noch eine der angenehmeren Begegnungen gemacht. Sie hatten auf einer gottverlassenen Wiese am Straßenrand neben einem knallbunt angemalten Bulli haltgemacht, der Stefan und Jo gehörte, 2 Hippies, die schon lange ausgestiegen waren, aus dem hirnverbrannten Trott der stockkonservativen Alpenrepublik. Den Joint, den die beiden später in gemütlicher Runde kreisen ließen, hatte Lutz schweren Herzens abgelehnt. Er wollte dem italienischen Zoll nicht mit knallroten Augen in die korrupten Arme laufen. Wegen Micha machte er sich keine Sorgen. Sie kannte das sicherlich aus dem Hausprojekt in Kreuzberg, in das Sigrid nach ihrer Trennung mit der gemeinsamen Tochter gezogen war. Er jedenfalls kannte Sigrid, die nie ein Kind von Traurigkeit gewesen war …

Micha: Gries am Brenner/Brennero:

„Guck mal, Papa!“ quiekte Micha „Auch Deutsche, die Ärger haben!“ Micha hatte den klapprigen Passat erblickt, vor allem das kleine Mädchen mit dem glatten, dunklen Pferdeschwanz und den schwarzen Lackschuhen, die süße kleine rosa Schleifchen vorne drauf hatten und Riemchen an den Gelenken. Solche Schuhe würde sie nie bekommen, dachte Micha voller Neid. Sigrid und Lutz ließen sie ja immer nur Bauernklamotten tragen mit denen sie aussah wie aus dem Mittelalter. Und immer bloß Birkenstock-Latschen, weil die ja sooo gesund sind. Pah!

Das Mädchen lächelte freundlich. „Lutz, LU, was ist das für ein Kennzeichen?“ wollte Micha wissen. „Ludwigshafen“ gab Lutz genervt zurück. „Ich bin übrigens Paola! Und du?“ unbemerkt hatte sich das Mädchen an Micha herangepirscht. „Micha. Aus Berlin und du?“ „Ludwigshafen.“ Das wusste Micha ja bereits. „Papa arbeitet bei der BASF und verdient viel Geld, damit wir uns bald ein eigenes Haus bauen können, a Casa, unten in der Basilicata. Obwohl es da sterbenslangweilig ist. Da fahren wir nämlich gerade hin und meine Cousine Ilaria würde alles dafür geben, um zu uns nach Deutschland zu kommen.“ plapperte das Mädchen fröhlich. „Und ihr, fahrt ihr in den Urlaub?“ wollte sie von Micha wissen. „Na ja, geht so. Zu Freunden von Lutz. Aber ich darf nicht drüber reden.“ druckste Micha. „Lutz?“ Paola guckte irritiert. „Mein Vater“ gab Micha gedehnt zurück. Paola war ja ganz nett, aber sie lebte doch wohl noch im vorigen Jahrhundert, dachte Micha sich. „Ist ja echt ein Schweinesystem hier mit dem Zoll!“ Micha ließ die coole Berliner Göre raushängen. „Ja!“ pflichtete Paola ihr unerwartet bei „Wir sollen erst mal all den Kram vom Rücksitz packen, wenn wir weiterfahren wollen. Aber das wird die Hölle auf Erden, wenn wir denen da unten keine Geschenke mitbringen. Die können doch nur die Hand aufhalten!“ pampte Paola abfällig.

Eine dicke Frau kam mit einem Kleinkind in einem Buggy hinter dem überladenen, bis an den Rand vollgepackten Passat hervor und ein Schwall fremder Worte ergoss sich über Paola. Es klang als meckerte die Fau sie ordentlich aus, wie Micha vermutete. Vielleicht war es doch besser, eine Mutti wie Sigrid zu haben. Mit der hatte man kaum Ärger, wenn man sie nicht nervte und sie immer schön ihre Nase in ihre Bücher stecken ließ. „So, wir müssen auch. Komm Micha, wir können weiterfahren!“ Lutz bugsierte Micha zum Auto zurück.

US-Militärdepot Camp Darby, bei Livorno, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Die brütende toskanische Sommerhitze machte Colonel Buchanan zu schaffen. Er schwitzte wie ein abgestochenes Schwein. Auch hier in der Offizierslounge, trotz des Ventilators an der Decke und des zusätzlichen Standventilators, den Buchanan neben sich, an seinen Tisch gestellt hatte. General Henderson hatte sich einen starken Espresso kommen lassen. „Auch einen, meine Herren? Wir haben eine lange Nacht vor uns!“. Buchanan winkte ab. Er bekam Magenkrämpfe von dem italienischen Kaffee. Colonel Steinberg ließ sich die mit Wasser verlängerte Plörre kommen, die sie hier „Americano“ nannten.

„Brennecke hat vor, diesen langhaarigen Bombenlegern in Deutschland Beine zu machen.“ Henderson grinste. „Er will von den Italienern ein paar Tipps, wie man das macht. Nachdem diese linken Schwachköpfe vor drei Jahren** gedacht haben, sie könnten den deutschen Autoritäten auf der Nase herumtanzen, soll jetzt wieder Ruhe einkehren.“ Henderson nickte bedächtig. „Hanns Martin Schleyer war ein persönlicher Freund von Brennecke. Ein guter Mann, sagt er …“ „Dass die Deutschen die Palästinenser eingeschaltet haben** wundert mich nicht.“ merkte Steinberg an. „Das steckt denen noch in den Knochen, dieser Hass auf Israel und die freie Welt.“ „Da hast du aber auch hier in Italien schnell Ärger**“ wandte Buchanan ein. „… sogar bei den Konservativen.“ „Ja, die haben Angst, dass die Araber ihnen sonst ihre schönen katholischen Kathetralen in die Luft jagen.“ knarrzte Henderson. „General Brennecke wird morgen früh in Florenz sein, wo wir uns mit einigen von den Italienern zusammensetzen und ein bisschen plaudern werden. Meine Herren. Ich erwarte dass Sie den Report bis heute Abend für mich bereit liegen haben!“ beendete er das Gespräch.

Nanni, Prato bei Florenz, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Nanni hustete. Die Smog-Glocke, die über Florenz lag, hatte seinen Lungen ihren Tribut abgefordert. Klatschnass geschwitzt stieg er von seinem Motorino und war froh, endlich zu Hause zu sein. Alè und Giò wollten heute Abend noch auf die Demo auf der Piazza della Signoria und Lutz müsste bald hier sein. Wenn er sich nicht verfahren hatte. Aber eigentlich war das baufällige Haus an der Ausfallstraße von Florenz aus nordwärts leicht zu finden.

An guten Tagen arbeitete Nanni im Tourist Office, nahe der berühmten Kirche Santa Maria Novella in Florenz. An schlechten Tagen verdiente er nichts und hatte genug Zeit zum Nachdenken. Trotzdem konnte er sich glücklich schätzen, den Job an Land gezogen zu haben. Dass er fließend Deutsch, Englisch und Französisch sprach und sein Studium mit Bestnoten abgeschlossen hatte, hatte seine mangelnden Beziehungen, seine geringe Herkunft und sein linkes Engagement wettgemacht. Aber eben nur für den schlechtbezahlten Tourist-Office-Job. Natürlich hätte Nanni sich etwas Besseres vorstellen können. Als 20jähriger Studienanfänger, der sich zäh durch die akademischen Jahre jobben sollte, hatte er davon geträumt, die Welt zu sehen. Viel reisen wollte er, aber auch italienischen Kindern aus armen Familien Fremdsprachen beibringen und den Kindern der illegalen Einwanderer Italienisch. Seine Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Er war eben kein Kind der ehrenwerten Gesellschaft, das man sich hätte ausprobieren lassen, dachte Nanni bitter.

Seine Mitbewohnerin Alè arbeitete als Näherin in Prato, obwohl sie einen Abschluss in Philosophie hatte. Nur Alès Freundin Giò, die „etwas Besseres“ war, wie sie manchmal selbstironisch scherzte, konnte sich das Akademikerleben leisten. Giò promovierte in Politikwissenschaften. Sie hatte Glück, dass ihr Doktorvater ein Linker war. Er unterstützte Berlinguer** und ließ Giò freie Hand. Ein Assistenzjob sorgte dafür, dass sie sich finanziell keine Sorgen machen musste. Zusätzlich hatte sie noch ein liberales Elternhaus im Rücken. Nie im Leben hätte Giòs Mutter ihre Tochter etwa in eine Ehe gedrängt, nur um sie materiell versorgt zu wissen. Viele andere Italienerinnen hatten dieses Glück nicht. Aber es brodelte. Kaum eine hatte noch Lust, einen ewig nörgelnden Pascha zu umsorgen, der, wenn sie Pech hatten, auch noch arbeitlos war und den ganzen Tag nur herumsaß, erst in der Bar, die „Gazzetta dello Sport“ lesend, dann zu Hause, schließlich erschöpft vom Nichtstun und schlecht gelaunt, was dann die Ehefrau zu spüren bekam.

*François Mitterrand (1916 – 1996): französischer Politiker (Parti socialiste) und Staatspräsident Frankreich (1981 – 1995). Mehr Infos zu ihm und seiner Bedeutung für diese Geschichte später…

**Henderson bezieht sich auf das Jahr 1977 als die Rote Armee Fraktion (RAF)  den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordete. Die Ereignisse um die Entführung und Ermordung Schleyers werden oft auch als „Deutscher Herbst 1977“ bezeichnet. Ein Wikipedia-Artikel bietet einen guten ersten Überblick.

Der „Deutsche Herbst 1977“ gipfelte in der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch ein palästinensisches Terrorkommando. Damit sollte die Freilassung inhaftierter Mitglieder der RAF erzwungen werden. Die „Landshut“ landete schließlich in somalischen Hauptstadt Mogadischu, wo sie von der deutschen Antiterroreinheit GSG 9 gestürmt wurde.

Kurz darauf wurden in der JVA Stuttgart-Stammheim die Leichen mehrerer prominenter Mitglieder der RAF aufgefunden. Immer wieder wurde bezweifelt, dass es sich dabei tatsächlich um Selbstmord handelte. Auch zur sog. „Todesnacht von Stammheim“ gibt es einen Wikipedia-Artikel, der eine Zusammenfassung verschiedener Haltungen, auch Verschwörungstheorien, bietet.

Möglicherweise will der (fiktive) General Henderson auch auf das „Oktoberfestattentat“ anspielen: Am 26. Oktober 1980 (also aus der Perspektive unserer Geschichte in der „Zukunft“) verübte ein Anhänger der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ein Attentat auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen starben und 211 Menschen z. T schwer verletzt wurden. Auch um das Oktoberfestattentat ranken sich viele Spekulationen und Verschwörungstheorien. Tatsächlich wurden 2014 die Ermittlungen aufgrund neuer Zeugenaussagen wieder aufgenommen, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.

Bis heute weiß man nicht, ob das „Oktoberfestattentat“ Teil einer sog. „Strategie der Spannung“ gewesen ist, bei der faschistische Terrororganisationen gezielt Anschläge begingen, um sie linksterroristischen Vereinigungen in die Schuhe zu schieben. Diese Strategie der Attentate „unter falscher Flagge“ sollte ein Klima der Angst und v. a. natürlich Hass auf Linke erzeugen und wurde v. a. in Italien über mehrere Jahrzehnte angewandt. Allerdings muss man vorsichtig sein. Der italienische Politiker Aldo Moro (1916 – 1978, Democrazia Cristiana, entspricht der deutschen CDU) wurde nach heutigen Erkenntnissen z. B. sehr wahrscheinlich wirklich von den linksextremen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet. Andere Anschläge lassen sich dagegen relativ eindeutig faschistischen Gruppierungen zuschreiben.

Camp Darby gibt es wirklich. Henderson, Buchanan, Steinberg und Brennecke sind, wie alle anderen Personen (außer den historischen Persönlichkeiten), die in dieser Geschichte auftreten, frei erfunden. Ebenso natürlich ihr Gespräch. Auch den Ort „Campo Azul“ in Argentinien gibt es nur in meiner Fantasie. Für die ganze Geschichte gilt, wie gesagt: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

*** Enrico Berlinguer (1922 – 1984): italienischer Politiker des PCI (Partito Communista Italiano = kommunistische Partei), der den sog. „Eurokommunismus“, eine Abwendung der westeuropäischen kommunistischen Parteien von der Sowjetunion, vertrat. Auch er hat einen Wikipedia-Eintrag.

 

 

 

My Story: Die konservative Revolution (Part V)

In der linken Szene lernte ich Silvia* kennen. Damals ein paar Jahre jünger als ich, studierte Silvia noch. Mit ihren langen braunen Korkenzieherlocken, die so akkurat fielen, als sei sie der Star eines klassiszistischen Gemäldes, war Silvia eine echte Schönheit. Nur der Pony war glatt und straff. Schlank, wohlproportioniert und immer nach der neuesten Mode gekleidet – Ich meinte, die Namen teurer Marken gelesen zu haben und Silvia schien der Typ zu sein, der nie ein Outfit ein zweites Mal trug – verkörperte sie das Ideal einer jungen, modernen Frau des 21. Jahrhunderts, das damals erst ein paar Jahre alt war. Silvia hätte auch damals schon symbolhaft für einen neuen Feminismus stehen können. Tatsächlich wird sie später intensiv von der Frauen- und Genderforschung gefördert werden. Damals waren Silvia und ich die einzigen Frauen in einer Männerrunde, die außerdem noch aus David Vranek*, der mit Silvia zusammen war, Mirko Kiss*, der in der DDR aufgewachsen war und nicht einsah, warum er sich dafür schämen sollte – ganz im Gegenteil! – und einigen anderen bestand.

Vranek kannte ich schon länger, auch schon bevor er angefangen hatte, zu studieren. Er hatte sich schon als Jugendlicher für die DKP engagiert. Später wird auch er, wie viele andere aus meiner Vergangenheit, in Berlin auftauchen. Dort werde ich auch Mirko Kiss begegnen, der, wie ich Geschichte studiert hat, und behaupten wird, in Berlin zu promovieren. Vranek wird eher dem Umfeld der „Jungen Welt“ zuzuordnen sein. Wobei ich ihm, wie gesagt, attestieren kann, immer schon voll und ganz auf deren politischer Linie gewesen zu sein.

Meinerseits war ich in Berlin zweimal auf Veranstaltungen bei der „Jungen Welt“. Einen Artikel habe ich auch bei ihnen veröffentlicht. Allerdings war ich dort nicht gern gesehen, wie man mir unmissverständlich klar machte. Dafür haben sie offenbar einen guten Draht zur queerfeministischen Szene.

Später werde ich, weil irgendwer das rechte und besonders das sog. „Querfrontmilieu“ auf mich aufmerksam emacht hat, eine E-Mail in die Stadt, wo ich studiert habe, in den tiefsten katholischen Südwesten schicken und fragen, ob die politische Situation sich bei ihnen ähnlich wie in Berlin entwickelt hat. Die Antwort wird „Ja“ sein.

Ein Transmann, der, wie er angibt, in Frankfurt am Main Soziologie studiert, wird mir auf Twitter folgen. Als ich mich frage, wer den Transmenschen auf mich aufmerksam gemacht hat, werde ich auf Silvia stoßen, die in Frankfurt am Main promoviert. Ich werde denken, dass der Transmann wie Silvia mit Bart aussieht. Silvia trägt ihr Haar jetzt offenbar kurz und glatt. Der Blick ist immer noch der gleiche. Ob sie etwas mit dem Transmann zu tun hat, weiß ich aber nicht. Das ist vielleicht reiner Zufall.

Damals im Südwesten, als ich Silvia kennen lernte, fühlte ich mich jedenfalls wie Abfall. Ich hinkte, obwohl die Verletzungen, die ich mir durch einen schweren Autounfall zugezogen hatte, längst verheilt waren. Ich ging noch einmal ins Ausland. Diesmal im Auftrag einer Friedensinitiative. Bezahlt werden sollte es aus den Töpfen einer katholischen Freiwilligenorganisation. Dort bin ich nicht willkommener, als ich es später bei der „Jungen Welt“ sein werde. Das konnte ich mir allerdings denken.

Bizarrerweise werde ich auch diese Leute, mit denen ich kaum Zeit meines Lebens verbracht und noch weniger Gemeinsamkeiten habe, zum Teil später in Berlin wieder treffen.

Als ich damals, im Sommer 2007, die Stadtgrenzen der kleinen katholischen Stadt, in der ich meine Studenzeit verbracht habe, hinter mir gelassen hatte, hatte ich von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, wieder ganz die Alte zu sein.

Als ich aus dem Ausland zurückkomme, gehe ich nach Berlin. Ich werde zehn Jahre in Armut und Einsamkeit leben, belästigt, gehänselt, belauert, vorgeführt und gedemütigt werden. Ich werde, wie gesagt, viele Leute aus meiner Vergangenheit wieder treffen. Niemand wird noch auf meiner Seite sein. Ich werde wieder hinken. Meine Allergie wird mit aller Wucht zurückkommen. ich werde auf Menschen treffen, die ich für rechts halte, die aber beteuern links zu sein. Ich werde mich tatsächlich hundertmal fragen, ob ich nicht spinne. Dann wird die AfD gegründet werden, die ihre Wahlparties in meinem Wohnviertel feiert. KenFM von Ken Jebsen wird zur neuen Größe in der linken Medienlandschaft aufsteigen. Feminismus wird sich gegen Frauen wie mich richten. Ich werde unendlich viele Leute treffen, die etwas mit Kunst und Kultur machen wollen.

Die Welt ist dabei, neu zusammengewürfelt zu werden.

An meine Studentenzeit habe ich trotz allem übrigens sehr gute Erinnerungen. Da mein Blog aber von vielen Menschen gelesen wird, die mir nicht wohlgesonnen sind, möchte ich meine guten Erinnerungen lieber für mich behalten.

Frei nach Heraklit: „Man springt niemals in denselben Fluss.“

Oder, um es mit Rosa-Luxemburg zu sagen: „Ich war. Ich bin. Ich werde sein.“

Ende. Oder Anfang, je nachdem.

*Alle Namen geändert.

 

My Story: Die konservative Revolution (Part III)

„Dummchen“ oder akademischer Superstar?

Wir haben damals alle zusammen unseren Uni-Abschluss gemacht, meine Freunde und ich. Alle hatten übrigens sehr gute Noten. Auch wenn ich mir da heute nicht mehr so sicher bin. Ronja*, mit der ich eine Weile ganz dicke gewesen war, habe ich, wie viele andere, später in Berlin wieder getroffen. Da gab sie zu, das ihre Noten nicht ganz so gut gewesen waren. Ich hatte Ronja immer für intelligent gehalten und wusste nur zu gut, wie sehr auch der Zufall und Prüfungsangst eine Rolle spielten. Dass sie gelogen hatte, verzieh ich ihr aber nicht. Dass ich als eine der besten meines Fachbereichs „mit Auszeichnung“ abgeschlossen hatte, wollte ich für mich behalten. Zwar hatte ich hart dafür gearbeitet und so manche hohe Hürde nehmen müssen, aber ich konnte mir denken, wie es anderen ging, die sich ebenfalls viel Mühe gegeben hatte. Die Schlagzeilen „Akademikerarbeitslosigkeit“ und „Eierlegende Wollmilchsau: 5 Sprachen fließend und trotzdem nichts als unbezahlte Praktika“ gingen schon zu der Zeit fast tagtäglich durch die Zeitungen. Besonders hart hatte es Christina* getroffen. Christina kannte ich oberflächlich aus der linken Szene. Wir hatten uns einmal in der Kneipe getroffen, um über Feminismus zu diskutieren. Das war allerdings nicht besonders ergiebig, denn Christina, die Soziologie studierte, wollte über feministische Theorie reden, ich dagegen kannte mich besser mit kultureller Repräsentation aus und nannte Beispiele etwa aus der Werbung oder aus Filmen. Das wiederum war Christina nicht wissenschaftlich genug. Ich war etwas beleidigt, weil ich mich als „Dummchen“ vorgeführt fühlte. Wir wiederholten den Abend nicht. Christina ging mit einer tapferen zwei aus dem Studium. Da ich wusste, wie wichtig ihr das Intellektuelle war und wie wenig angesichts der zu der Zeit fast inflationär vergebenen „sehr guts“ ein „gut“ zählte, tat es mir leid. Natürlich trumpfte ich insgeheim auch ein bisschen auf, aber es tat mir vor allem leid.

geduckte Akademiker

Es war dann Jo*, der mit meiner Note herausplatzte. Jo war eine Weile mit Gundula* zusammen gewesen, die mittlerweile in Kunstgeschichte promovierte und die beste Freundin von Carmen* war, ebenfalls Kunsthistorikerin. Mit Carmen hatte ich im Rahmen eines Ausstellungsprojektes (siehe: My Story (Part I)) einmal unglaublichen Ärger gehabt. Jo jedoch verstand sich gut mit ihr. „Tjaha, Laila, du mit deiner eins-null musst hier keinen auf bescheiden machen!“ Ich sah, wie Christina die Gesichtszüge entglitten. Jo, der in Geschichte promovierte, hatte selbst auch „mit Auszeichnung“ abgeschlossen. Das war für Christina kein Problem und das ärgerte mich. Aber ich war auch wütend, weil Jo mir die Entscheidung abgenommen hatte. Im Fach selbst war die Note bereits fünf Minuten nachdem ich den Prüfungsraum für die letzte mündliche Prüfung verlassen hatte, rum gewesen. Leute, die mich – Verzeihung! – all die Jahre mit dem Arsch nicht angeguckt hatten, kamen auf mich zu und gratulierten mir plötzlich aufs Herzlichste.

bürgerlich geworden

Trotzdem hatte ich auf einen Schlag meinen Freundeskreis verloren. Ich wollte über die schwierige Situation von Akademikern auf dem Arbeitsmarkt reden, die anderen wollten bei Leuten, auf die es ankam, Punkte machen. Ich fand einen Job – allerdings im Ausland und zeitlich befristet. Als ich erneut auf Jobsuche war, wurde ich vom Auto angefahren, als ich gerade dabei war, einen Zebrastreifen zu überqueren. Für viele Monate konnte ich meine rechte Hand nicht mehr benutzen. Ich hing an der Uni herum, versuchte hier und da, noch mal an die linke Szene anzudocken, war mit einem Typen zusammen, aber es war nichts Ernstes. Mein bester Freund Christian heiratete seine Freundin Bellinda. Meine Freundin Ronja heiratete ihren Langzeitfreund Ashley. Zu beiden Hochzeiten war ich nicht eingeladen. Manchmal traf ich mich mit Matthias, einem bekannten aus unserer damaligen Clique. Matthias hatte sein Studium geschmissen. Ihm ging es nicht gut. Manchmal lud ich Matthias zum Essen ein. Er hatte beschlossen, mehr auf seinen Körper zu achten, und bat mich gesund und Kalorien arm zu kochen. Als Matthias gegen Monatsende nichts mehr zu Essen hatte, brachte ich ihm etwas vorbei. Es war irgendwie nicht das Richtige. Ich begriff, dass wir uns voneinander entfremdet hatten.

harte Blicke, harte Zeiten

Ich fühlte mich furchtbar einsam. Manchmal, wenn ich allein durch die Stadt lief, bohrte sich ein Blick in meinen Rücken. Damals drehte ich mich noch schlagartig aus meinem Tran gerissen um – „Großväterchen“, einer der Kunstgeschichtsdozenten. Alle nannten ihn „Großväterchen“ und hatten großen Respekt vor ihm, da er, obwohl er kein Professor war, als sehr intelligent und fachlich ausgesprochen kompetent galt. „Oh. Guten Tag, Herr Westermann*“ grüßte ich ihn in solchen Fällen. „Großväterchen“ fixierte mich jedes Mal, bevor er sich zu einem gegrunzten, knappen „Tag!“ durchringen konnte.

Die Dicken aus Berlin kommen!

An der Uni lernte ich auf einem Abendvortrag eine Frau aus Berlin kennen – offenbar eine Freundin von Gundula und den anderen aus dem Kolloquium. Da ich längst beschlossen hatte, bei der nächstbesten Gelegenheit nach Berlin überzusiedeln, denn ich hatte das Gefühl, in der muffigen Enge der kleinen, katholisch geprägten Stadt fast zu ersticken und wollte irgendwo leben, wo Frauen nicht spätestens mit Ende 20 unter der Haube sein müssen, quetschte ich die Frau aus Berlin ein bisschen aus. genau genommen interessierte mich eigentlich alles, was die sehr dicke dunkelhaarige Frau zu erzählen hatte. Sie gab bereitwillig Auskunft, wenn auch ein wenig von oben herab, aber das war ich zu dem Zeitpunkt längst gewohnt. Später in Berlin glaubte ich, die Frau in einer Galerie in Kreuzberg wieder gesehen zu haben. Vielleicht war das eine Verwechslung – sie zeigte ihrerseits auch keine Zeichen des Wiedererkennens. Das „Verwechslungsspiel“ fing aber schon in der Stadt in Südwestdeutschland, in der ich damals lebte, an.

Kurze Zeit nach dem ersten Besuch aus Berlin war nämlich eine weitere Frau aus Berlin zu Besuch: Auch sie sehr dick und dunkelhaarig, wenn auch vom Teint her heller als die andere. Ansonsten hätten sie fast Zwillinge sein können. Interessanterweise war auch diese Frau eine Freundin von Gundula und den anderen. Na ja, Gundula lebte damals zeitweise in Berlin. Da ich die Nase voll hatte vom Alleinsein, fragte ich Gundula an diesem Tag, ob ich mich ihnen in der Mensa anschließen könne. Ich konnte. Die dicke Frau starrte mich die ganze Zeit versonnen an. Das war irgendwie komisch und ich fühlte mich unwohl damit. Als ich mir einen Salat von der Theke nehmen wollte, starrte die Frau, die vor mir in der Schlange war, mich weiter an. Der Plastikdeckel, der die Salatschalen abdeckte fiel herunter. Ich hatte nicht gesehen, dass sie ihre wurstartigen Arme immer noch auf der Theke hatte. ich war kurz davor, auszurasten, bemühte mich aber um ein „Entschuldigung!“. Als wir saßen, plauderte Hans*, ein Anglist, der aber ebenfalls an unserem Lehrstuhl promovierte, fröhlich Französisch mit Louis-Aimé, unserem Doktoranden aus Westafrika. Louis-Aimé sprach manchmal mit mir Französisch, wenn wir allein waren. jedes Mal, wenn ich mich jetzt in das Gespräch zu schalten versuchte, antworteten sowohl Hans als auch Luc-Aimé mir strikt auf Deutsch. Später, als ich längst in Berlin lebte, sollte ich von Luc-Aimé eine E-mail erhalten, in der er mir schrieb, er sei in Europa in Schwierigkeiten geraten und brauche dringend Geld. Woher er meine private E-Mail-Adresse hatte – im Kolloquium hatte ich immer meine Uni-E-Mail-Adresse angegeben – weiß ich nicht. Da ich von hartz IV lebte, konnte ich ihm mit Geld nicht helfen. Das schrieb ich auch. Später las ich irgendwo, dass es bloß eine klassische Romance-Scammer-E-Mail war. An dem Tag in der Mensa hatte ich jedoch die dicke Frau am Wickel. Sie saß mir gegenüber und fragte plötzlich aus heiterem Himmel schüchtern: „Und du bist die Laila Phunk?“. „Nein, die Königin von Saba!“ patzte ich, da die Frau mir wirklich auf die Nerven ging. Gleich nachdem mir das rausgerutscht war, tat es mir auch schon wieder leid. Ich entschuldigte mich. „Warum fragst du?“ wollte ich wissen. „Nur so.“ entgegenete die Frau und schwieg für den Rest des Essens beharrlich. Ich gig nie wieder mit Gundula, Hans und Luc-Aimé essen.

My Story: Die konservative Revolution (Part II)

In der Vorhölle

Sommer 2004: Über Südwestdeutschland brütete die Augusthitze. Es war fast jeden Tag das gleiche Spiel: gegen Nachmittag wurde es drückender und am Abend tobte ein Gewitter durch die kleine Stadt in Südwestdeutschland, in der ich studiert hatte. Ich war wahrlich in der Vorhölle gewesen. Das allerdings hatte sich eigentlich als ganz vergnüglich herausgestellt. Immerhin gehöre ich zu den wenigen Leuten, die von sich behaupten können, schon einmal auf dem Dach einer europäischen Kathedrale gewesen zu sein, und die in Stein gemeißelten Teufelsgestalten und sonstigen Ausgeburten der Hölle, die den Dachfirst eines solchen Gotteshauses für gewöhnlich schmücken, aus nächster Nähe gesehen zu haben.

Ansonsten fühlte ich mich total ausgelaugt. Ich war einfach fertig. Konnte man mit 27 schon Burnout haben? Gefühlt war ich bereits 47. es war, als läge meine Jugend in irgendeiner fernen Vergangenheit, die für mich selbst schon nicht mehr ganz real war. Sicher, für meinen Studienabschluss hatte ich mich mächtig ins Zeug gelegt. Und es hatte sich gelohnt. Meinen Magisterabschluss in Kunstgeschichte und Geschichte hatte ich mit glatt 1 bestanden, „mit Auszeichnung“. Als eine der besten Absolventinnen des Fachbereichs hatte ich sogar ein Buch geschenkt bekommen. Ein Bildband über meine Alma Mater, die sich zwar rühmte, Wurzeln zu haben, die bis ins Mittelalter reichten, in Wirklichkeit aber ein Asbest verseuchter Siebzigerjahrebau war.

Auf den letzten Drücker

Der Weg, der hinter mir lag, war steinig gewesen. Ich hatte ein Stipendium für einen Rechercheaufenthalt im Ausland beantragen wollen. Dort hatte man sich drei Monate Zeit erbeten, bis man zu einer Entscheidung gelangen wollte. Dazu musste ich drei weitere Monate Bewerbungsfrist rechnen, weil Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, bei der ich die Magisterarbeit schreiben wollte, keine Zeit hatte, mir das Gutachten zu schreiben, das ich für den Stipendienantrag brauchte. Zwar hatte ich gehört, dass an anderen, größeren Unis, Professoren gelegentlich nicht einmal Zeit haben, Magisterprüfungen abzunehmen und ich war auch dankbar, dass Frau Schulze-Lehmann eingewilligt hatte, mir das Gutachten zu schreiben, aber ich hatte ein gewaltiges Problem: Meine sechs Monate, die ich Zeit hatte, um die Arbeit zu schreiben, liefen bereits. Als ich mit dem Stipendienantrag ins Sekretariat gegangen war, hatte die Sekretärin darauf bestanden, dass ich zeitgleich auch die Arbeit anmelden müsse. Immerhin stünde der Arbeitstitel ja bereits in dem Stipendienantrag. Würde ich nicht unverzüglich anmelden, dürfte ich die Arbeit hier im Fach nicht mehr schreiben. Also meldete ich an. Aus den Augenwinkeln nahm ich war, wie „Großväterchen“ vorbeilief, der dienstälteste Dozent und guter Freund meiner einstigen Intimfeindin, Frau Dr. Messmer, die nicht mehr an dieser Uni unterrichtete.

Ich wachte fast jeden Morgen mit einer gehörigen Portion Wut auf. Finchen* – Josefine Schröder -, der kleine Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann arbeitete schon seit der Zwischenprüfung an dem Thema, über das sie ihre Magisterarbeit schreiben wollte. Das war zwar nicht verboten, aber im Grunde arbeitete der halbe Fachbereich mit. Fast immer schwirrte eine junge Dozentin oder Doktorandin vorbei, um Finchen noch einen Text zuzustecken, der doch „gut zu dem passt, was sie macht.“ Das war so ungerecht, dass man es mit mir so hypergenau nahm! Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass der DAAD Dreimonatsfristen verlangte für ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt, der im Rahmen einer sechsmonatigen Forschungsarbeit absolviert werden sollte, wenn man sich zeitgleich mit dem Stipendienantrag auch für die betreffende Forschungsarbeit anmelden musste. Das ergab keinen Sinn! Allerdings erhielt ich das Stipendium: zwei Monate Rom. Leider würde ich ein paar Tage nach meiner Rückkehr die Magisterarbeit abgeben müssen. Vorerst musste ich mit Fernleihen aus verschiedenen deutschen Bibliotheken Vorlieb nehmen.

Als ich meine Arbeit im Kolloquium vorstellte, waren die Reaktionen verhalten. Karin*, der zweite Liebling von Prof. Dr. Schulze-Lehmann ließ sich immerhin zu einem gedehnten: „Du weißt aber, dass du ein Inhaltsverzeichnis brauchst?!“ herab. Finchen merkte etwas an, dass zu ihrer Arbeit (Romantik) passte, aber nichts mit meinem Thema (klassische Moderne) zu tun hatte. Dennis, der einzige Mann, der seine Magisterarbeit am kunsthistorischen Lehrstuhl für Frauen- und Genderforschung schreiben wollte, wollte lieber über Psychologie sprechen. Dennis*, der weniger bildungsbürgerlich als die anderen wirkte, und mir gegenüber einmal behauptet hatte, früher einmal rechts gewesen zu sein – ein Fehler, den er aufrichtig bereute! -, hatte einen schlechten Stand im Fach. Später, als ich ihn in Berlin wieder traf, wie mehrere andere Kommilitonen und auch einige Lehrende, behauptete Dennis, er sei nie rechts gewesen. Vielleicht habe ich das falsch verstanden. Allerdings lief er noch in Berlin gern mit Bomberjacke herum. Nicht, dass das nicht einfach auch ein Styling sein könnte. Mit rechten Parolen ist er zumindest nie aufgefallen.

Die Schwachen zuerst!

Einmal, auf einer Exkursion in Paris, hatte Prof. Dr. Schulze-Lehmann mir ihren Standpunkt erklärt: „Man solle immer auch mal tun müssen, was man nicht so gewohnt sei.“ Genauer gesagt meinte sie damit, dass, wer lebhaft sei (wie ich) lernen müsse, sich mehr zurückzunehmen. Die Schüchternen dagegen sollten auch mal im Mittelpunkt stehen. Außerdem fand Prof. Dr. Schulze-Lehmann, dass Feminismus bedeute, v. a. feminine Frauen zu fördern, die ganz in der Frauenrolle aufgingen. Immerhin seien sie am stärksten von sexistischen Vorurteilen betroffen. Leider bedeutete das im Klartext, dass mein Referat gekürzt wurde und Finchen, die keineswegs schüchtern war, dafür aber der Hiwi von Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann, noch ein paar Extraübungen machen sollte. Ich war richtig sauer. Die anderen Frauen, die gedacht hatten, dass mit „schüchtern“ sie gemeint seien, waren ebenfalls verstimmt. Auf der Rückfahrt im Zug schenkte mir Frau Prof. Dr. Schulze-Lehmann die „Libération“, die sie offenbar gerade ausgelesen hatte, und scherzte mit uns. So richtig gut war die Stimmung trotzdem nicht.

Das Studium in Italien, wo ich auch mit dem Erasmusprogramm gewesen war, hatte mir besser gefallen, obwohl es ganz das klassische Paukstudium war, das Deutsche zu Recht oft kritisieren. Auch wenn ich mediterrane Wurzeln habe, kämpfte ich mit der Sprache und litt die ersten Monate an einem Kulturschock – mussten es in der Mensa wirklich zweimal am Tag Spaghetti sein?! Jeden Tag?! Aber ich stand nicht unter dem Druck, ständig darum ringen zu müssen, irgendwelchen mächtigen Leuten gegenüber zu beteuern, DOCH die „richtige“ Persönlichkeit zu sein, in unserem Fall: feminin, hilflos, zickig, modebewusst. Paradoxerweise war das selbst am feministischen Lehrstuhl das Einzige, was zählte. Diese Frauen hatten es leicht. Finchen, Karin und einige andere hatten bereits Promotionsstipendien und erste Jobs, die teilweise eigens für sie geschaffen worden waren, sicher.

Jesus! Oder jedenfalls dicht dran!

Man sollte lieber nicht wie Frau Dr. Peters* sein, die lesbische Dozentin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Schulze-Lehmann. Lieber wie Michaela Schwartzkopf*, die Assistentin von Prof. Dr. Luchs*. Friedemann Luchs galt als ausgesprochener Narzisst. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, das abzustreiten. Der elegante Mann in den besten Jahren – langhaarig und mit femininen Touch, dabei aber längst glücklich mit einer Blondine ähnlich wie Michaela Schwarzkopf liiert – war eine beeindruckende Erscheinung. Sein Spezialgebiet – mittelalterliche und frühneuzeitliche Bildgeschichte – vermittelte er mit einer Lebendigkeit und Begeisterung, so dass man fast den Eindruck haben könnte, es sei das Evangelium, das einem dargeboten würde. Dabei war es ein anderer Dozent, der sich im Rahmen einer launigen Abendveranstaltung tatsächlich einmal mit nacktem Oberkörper ans Kreuz nageln ließ. Nichtsdestoweniger war Prof. Dr. Schulze-Lehmann auch für Michaela Schwarzkopf da, die kleine, zierliche Deutschschweizerin, die, wie es hieß, in unglaublichem Tempo promoviert und sowohl in Frankreich als auch in Italien gelebt hatte, auch wenn sie merkwürdigerweise nicht sehr gut Französisch sprach. Unter Menschen wie Friedemann Luchs und Großväterchen, die problemlos von einer Sprache in die  nächste wechselten, fiel das auf.

Ich hatte begriffen, dass ich mein Punkerdasein aufgeben und erwachsen werden musste. Sogar mein bester Freund Christian* hatte sich zum Konservativen bekehrt. Statt dass wir uns Billigbier in rauhen Mengen durch die Kehlen rinnen ließen, kochte Christians Freundin Bellinda ihm heißen Kakao. „Solche Staubmäuse wie bei dir würde man bei Bellinda nicht finden!“ merkte er jetzt schmallippig an, während er früher nach wilden Parties bei mir gern noch über Nacht geblieben war, oft mit anderen Partyopfern. Morgens hatten wir uns dann immer mit Aufbackbrötchen und einigen Litern starkem Kaffee gemeinsam den Kater weggefrühstückt. Doch die Zeiten waren unwiderbringlich vorbei, wie ich mir eingestehen musste …

*Alle Namen, auch einige Umstände aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.