Alice Weidel und die Linken: Eine Frage nach Identifikation oder Prinzipientreue?

Die deutsche Linke arbeitet sich immer noch an Alice Weidel ab. Eva-Maria Tepest fordert auf Missy-Magazine.de Solidarität mit Queers of Color, Transpersonen und wirtschaftlich Abgehängten. Tanja Witte schreibt in ihrer Kolumne auf Zeit.de: „Dr. Alice Weidel: vorzeigeblond, vorzeigedeutsch, vorzeigeerfolgreich, vorzeigelesbisch? Ups. Immerhin zieht sie mit ihrer Lebensgefährtin zwei Kinder groß. Auch angesichts dessen ist Weidels Kampf für eine Partei, aus der heraus Homosexuelle in der Vergangenheit als „degenerierte Spezies“ diffamiert wurden, schwer zu verstehen.“ Dabei sind sowohl Tepest als auch Witte Akademikerinnen, „vorzeigedeutsch“ passt auf sie beide genauso gut wie auf Alice Weidel. Das muss man wissen, z. B. wenn man genauer verstehen will, was „wirtschaftlich abgehängt“ meint. Das drückt sich nicht unbedingt in Zahlen, in dem, was einem an Geld im Monat zur Verfügung steht, aus. Arm ist nicht gleich arm. In der Linken gibt es immer verschwurbeltere Konzepte, wer genau sich als „prekär“ und „abgehängt“ verstehen darf: KünstlerInnen, Bohème-Stars, Vorzeige-Hipster des Berliner „arm-aber-sexy“-Glamour: ja, andere AkademikerInnen: eher nicht – haben sie nicht immer noch ihre Bildung? Immerhin gab es durchaus Forderungen im Queerfeminismus, Frauen müssten zum Wohle anderer Frauen ausgebeutet werden. Ich erinnere mich noch genau an „Sie hat vielleicht die guten Ideen – aber doch nicht die Mittel, um sie umzusetzen.“, dass ich in der U-Bahn betteln gehen sollte – „Ja, andere Menschen müssen das doch auch!“, die ganzen Demütigungen, Homophobie, Frauenhass, der als vermeintliches „lesbisches Selbstbewusstsein“ verkauft wurde – sogar dann, wenn er von Männern kam, das gestohlene Tagebuch, wie mensch mir immer wieder nachweisen wollte, „queer“ sei doch nicht für mich, ganz im Gegenteil: homophob sei ich doch, das Gerede von der „gemeinsamen Wurzel“: Homophobie, Antisemitismus, Rassismus.

Klar, ich selbst kotze, wenn ich das Wort „Queerfeminismus“ auch nur höre. Sorry, tut mir leid, gebranntes Kind. Ich denke aber, das – etwas aufgesetzt wirkende – Gebot der Solidarisierung und das schmallippige Aufrechnen, wer genau denn nun Solidarität verdient hat, sind nur zwei Kehrseiten einer Medaille. Und es erklärt, warum die deutsche Linke sich so schwer mit Alice Weidel tut. Einerseits ist „Queer“ so falsch wie der Smalltalk auf einer Champagnerparty in einem der todschick renovierten Kreuzberger Hinterhöfe: Mal kann mensch sich das aussuchen, auffällig oft „spätberufen“, auffällig oft erst geoutet, als es Karriereoptionen eröffnete: Willkür, das in der Debatte um Alice Weidel vielbeschworene „Lebensgefühl“. Da überrascht es auch nicht groß, als nach dem Medienhype um die falsche Schwarze Rachel Dolezal vereinzelt sogar gefordert wurde, man solle sich auch die Hautfarbe aussuchen können. Das wirkt so kleinkrämerisch und auf den eigenen Vorteil bedacht, wie der ganze Minderheitendiskurs. Immerhin muss man bedenken, dass es WEIßE waren, die sich aussuchen können wollten, auch SCHWARZ sein zu dürfen: ein ziemlich perverser Reflex auf die Minderheitenförderung: Das sollte nicht nur denen zustehen, die wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Wenn es spezielle Chancen für Schwarze gibt, sollten sie auch Weißen zustehen. Ungerecht, wenn mensch sich das nicht „selbstbestimmt“ für sich aussuchen kann. Ungerecht dann vielleicht auch, wenn sich nicht jedeR ebenso „selbstbestimmt“ als „arm“ „definieren“ darf.

Andererseits muss dann eben abgewägt werden, wenn kann man sich gedanklich nicht doch reich rechnen (zumindest in einer kulturellen Pespektive)? Wer ist vielleicht eine Frau, hat aber so wirklich Schutz vor Sexismus nicht verdient? Wen darf man ruhig mal homophob anpöbeln? Wer könnte einem selbst die Butter vom Brot nehmen oder aber ist so lächerlich schwach, schutzlos und vereinzelt, dass Mitgefühl nicht unbedingt nötig ist? Das möchte mensch eher Kollektiven („Queers of Color“, …) entgegenbringen, eher auf der abstrakten Ebene, mit großer Geste.

Dabei werden gerade solche Leute mit ihrem flexibel gehaltenen Schwarz-Weiß-Denken („arm dran“ – „Mitgefühl“, „Solidarität“, „doch nicht so arm dran“ – „kein Mitgefühl“, „keine Solidarität“) schnell an ihre Grenzen stoßen: Es gibt ja sogar Muslime die Front National wählen, zum Teil, weil sie gegen die Ehe für alle sind (homophob, leider!) und konservative Werte vertreten sehen wollen, zum Teil auch aus dem gegenteiligen Grund: weil sie gegen die Burka sind, mehr Laizismus, weniger religiösen Eifer wollen. In Deutschland ist es u. a. der Popsänger Xavier Naidoo, der unverhohlen mit dem rechten Rand kokettiert – obwohl er sichtbar „Man of Color“ ist.

Dass Minderheiten, ebenso wie Hartz-IV-Empfänger, Geringverdiener und Frauen nicht zwangsläufig mit linkem Gedankengut sympathisieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Diskriminierung real existiert. Homophobie, Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit treffen Homosexuelle, People of Color, MigrantInnen (oder auch solche, die dafür gehalten werden) und Frauen – unabhängig von ihrem ideologischen und kulturellen Background. Einzusehen, dass die Antidiskriminierungsdebatte vom linken „Lebensgefühl“ losgelöst werden muss, wäre ein Lerneffekt, den man aus der Affaire um Alice Weidel ziehen könnte. Es geht eben gerade nicht darum, mit was sich, die, die derzeit die Minderheitendiskurse dominieren, gern identifizieren möchten, weil es zum eigenen Lifestyle und zur eigenen Identität, zum eigenen Selbstverständnis passt, sondern schlicht darum, etwas gegen Diskriminierung zu tun. Wer das bespöttelt, obwohl er oder sie vielleicht selbst betroffen ist, dem (oder der) ist eben nicht zu helfen. Gerade das aber, die formale Gleichbehandlung aller Menschen, Anti-Diskriminierungsarbeit als Prinzip, das gesamtgesellschaftlich verankert werden soll, wäre eigentlich ein linkes Heimspiel.

Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

Zauberwort Toleranz. Eine Replik auf eine Kolumne von Josef Joffe

Darf man das noch sagen? Jeder kennt sie, Menschen, die einem jedes Wort im Mund herumdrehen, und einen bereits zum Rassisten abgestempelt haben, noch bevor man das Wort überhaupt aussprechen kann. Ein Zuviel an Political Correctness ist schädlich. Nicht selten verkehrt sich ein solcher Übereifer sogar in sein Gegenteil.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Da sind sich wohl alle einig. Doch sie hat auch Grenzen. Man darf nicht behaupten, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, auch wenn man treuherzig versichert, dass man aber nun einmal fest daran glaubt. Und für die meisten Menschen steht es gar nicht erst zur Debatte, ob man andere als „Nigger“, „Bimbo“, „Fidschi“, „Fickmaus“ oder „Schwuchtel“ abtitulieren kann oder nicht. Lügen oder Beleidigungen sind nämlich keine Meinungen. Ganz einfach. Basta.

Was aber ist mit der Grauzone, mit allem, was dazwischen liegt? Charles Murray habe den Zorn der Verfechter der Political Correctness auf sich gezogen, schreibt Josef Joffe in seiner aktuellen Kolumne in der „Zeit“, weil der Wissenschaftler die These aufstellte, es gäbe, was die Intelligenz betrifft, genetisch bedingte Unterschiede zwischen den „Rassen“. Murray habe zwar eingeräumt, dass auch soziale Faktoren eine Rolle spielten, aber seine Gegner seien nicht zu besänftigen gewesen.

Kann man akademische Diskurse, bei denen es – allein um der Erkenntnis willen – ohne eine gewisse „Streitkultur“ nicht geht, überhaupt noch frei führen, wenn jede abweichende Meinung durch Denk- und Redeverbote sogleich im Keim erstickt wird, fragt sich Joffe.

Allein – die Frage ist, ob man auch sachliche Argumente gegen Thesen wie die von Murray vorbringen darf, ohne sich gleich in die Ecke der „übereifrigen Verfechter der Political Correctness“ gedrängt zu sehen. Dass schon der Rassebegriff an sich problematisch ist, werden alle bestätigen, die eine (oder mehrere) Migrationsgeschichte(n) in der Familie haben. Hat man nun die guten oder die schlechten Eigenschaften von Omas oder Opas „Rasse“ geerbt? Und wie kommt es, dass andere, die dieser „Rasse“ nicht „angehören“, über die gleichen (guten oder schlechten) Eigenschaften verfügen?

Zwar stimmt es, dass unter Schwarzen mehr hochgewachsene Menschen zu finden sind als unter Asiaten, so wie die Mehrheit der Schweden nicht schwarz- oder braunhaarig ist, sondern hellblond, was wiederum am Mittelmeer eher selten ist. Aber da hört es auch schon auf. Wer an den gefühligen schwarzen Soulsänger, Hip Hopper oder Basketballstar denkt, vergisst den (ebenfalls schwarzen) ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der in dem Ruf stand, für ein amerikanisches Staatsoberhaupt merkwürdig intellektuell und eher weniger volkstümlich „zum Anfassen“ daherzukommen. Das Image, begnadete Basketballspieler zu sein, hatten dafür zu früheren Zeiten in den USA offenbar die Juden inne. Aber denen schlägt schon das – zum Teil durchaus wohlwollende – Vorurteil entgegen, sie seien wohlhabende und gebildete Leute, zumeist sogar hochintelligent. Das sei auf ein spezielles Gen zurückzuführen – das „Judengen“ – ein Topos, den 2010 der ehemalige (nicht-jüdische) Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin aufgriff. Unzählige Schüler in Israel wünschten wahrscheinlich, da wäre etwas dran.

Das lässt sich also alles ziemlich leicht widerlegen. Aber so wenig stichhaltig diese Ideen zu „Rasse“ und „Genetik“ auch sind, stillschweigend existiert neben den eingangs erwähnten rabiaten, heillos überzogenen Formen der Political Correctness auch das Gebot, Menschen wie Murray erst einmal anzuhören und sie nicht sofort als Rassisten zu brandmarken. Gerade wer sich eigentlich eher dem linksliberalen Lager zuordnet, ist oft vorsichtig. Schließlich möchte man nicht als verkniffen und hysterisch, als Tugendwächter(in) und Spinner(in) dastehen, während andere nur „kein Blatt vor den Mund nehmen“ und „ehrlich sagen, was sie denken“.

So wie ein Student an meiner Uni, der, wohlwissend dass ich mich für Französisch begeisterte, damit kokettierte, dass er aber den „Vlaams Blok“ cool fände („Vlaams Blok“, heute: „Vlaams Belang“, eine rechtsextreme belgische Partei, die vorgibt, die Interessen der Niederländisch sprechenden Belgier zu vertreten). Natürlich stempelte ich ihn deshalb nicht gleich als rechts ab. Hatte er nicht einfach nur einen kleinen Scherz gemacht, wenn auch auf Kosten der „blöden, verbiesterten“ Linken? Das zumindest war die Lesart, die man von mir erwartete und ich war so freundlich, sie auch zu liefern.

Oder die Frau, die ich in Berlin kennen gelernt hatte: Anders als der eben zitierte (eher konservative) Student war es eine Linke, die in der Welt herumgekommen war und sich für alternative Lebensformen und Entwicklungshilfe begeisterte. „Die Neger“ eröffnete sie mir, als wir einmal in Kreuzberg einen Kaffee miteinander tranken, seien aber „nun einmal dreckig.“, zumindest in der Karibik, wo die Frau im Urlaub offenbar unangenehme Erfahrungen gemacht hatte. Darauf konnte ich recht wenig entgegnen. Mag sein, dass in der Karibik andere Standarts gelten, was Müll betrifft. Das ist auch in Italien so. Aber da liegt es an der Mafia.

Trotzdem fragte ich mich, warum ausgerechnet jemand, der sich so demonstrativ links gibt, nicht einfach sagen kann: „In der Karibik ist das mit dem Müll wirklich ein Problem!“. Am Tisch hinter uns saß ein Pärchen zweier adipöser Frauen. Die Frauen grinsten. Ich ging mit der linken Bekannten nie wieder einen Kaffee trinken.

Sicherlich ist es, so könnte man vielleicht als Quintessenz festhalten, überzogen, jeden, der Worte wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ in den Mund nimmt, zum Feind der liberalen Demokratie, der Weltoffenheit und der Menschlichkeit schlechthin zu stilisieren, zumal die Leute, auf die das Vorurteil vom „selbsternannten Tugendwächter und Moralapostel“ zutrifft, oftmals gut daran täten, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wer eine(n) andere(n) ungewollt beleidigt hat, ist sicher gern bereit, das aus der Welt zu räumen und sich zu entschuldigen. Wer sich aber immer nur angegriffen fühlt, sich selbst als über alle Zweifel erhabene Lichtgestalt präsentiert und andere mit immer neuen vermeintlich erlittenen Ehrverletzungen in die Enge zu treiben versucht, der (oder die) muss sich fragen, ob er (oder sie) nicht vielleicht letztendlich selbst der (oder die) Aggressor(in) ist. Das gilt für die Linken und die Minderheiten, aber auch für die Konservativen und die Rechten. Oder – um es kurz zu machen: Toleranz ist das Zauberwort!

#FuckDeniz. Oder: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler

… ein Drama in vier Akten:

Der „Türke vom Dienst“ betreibt „Hetze gegen die Türkei“. Da komme ich, wenn ich ehrlich bin, nicht mehr mit. Die Debatte um den in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat allerdings eine Wendung genommen, die absehbar war.

Eigentlich lagen die Dinge klar auf der Hand: Angela Merkel hat den Böhmermann rausgepaukt, dann muss sie sich jetzt eben auch für den Yücel einsetzen. Immerhin bot Böhmermanns Gedicht, in dem er Recep Erdogan als „Ziegenficker“ bezeichnete, tatsächlich Reibungsfläche. Ich wusste auch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Natürlich ist es ziemlich paranoid, wenn der Staatschef eines tausende Kilometer entfernten Landes das Mediengeschehen in Deutschland so penibel überwachen lässt, dass ihm auch Nebensächlichkeiten wie eine etwas überzogene Comedy-Aktion ins Auge stechen. Aber „Ziegenficker“ ist eindeutig beleidigend, vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein Schenkelklopfer für geifernde Islamhasser ist, den Propheten Mohammed als „Pädophilen“ zu verunglimpfen.

Yücel dagegen hat in der Türkei doch eigentlich, wenn man es genau nimmt, nur seine Arbeit gemacht und das auch noch für eine deutsche Zeitung. Da in der Türkei andere Bedingungen herrschen als hier und Yücel zudem deutscher Staatsbürger ist, musste das Auswärtige Amt sich einschalten. Das Gleiche gilt ja auch, wenn ein Deutscher mit Drogen in Malaysia erwischt wird. Drogenschmuggel ist auch hierzulande eine Straftat, aber dafür gleich die Todesstrafe zu verhängen, das geht dann eben doch zu weit. Yücel hat keine Drogen geschmuggelt. Ihn erwartet keine Todesstrafe. Er ist einfach den beunruhigenden politischen Entwicklungen in der Türkei zum Opfer gefallen. Und wenn auch die Türkei ausländischen Journalisten Zugang zu Bereichen verweigern kann, die man für sensibel erachtet, so kann niemand diktieren, was in deutschen Zeitungen stehen darf. Umgekehrt würde man es ja auch befremdend finden, wenn die türkische Community in Deutschland quasi als Geisel genommen würde, um die Türkei politisch zu beeinflussen.

Der „Türke vom Dienst“: Multikulti, die Erste

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Aber das passt nicht zur Hysterie des Internets und zu der emotional aufgeladenen Debatte um Migranten, ethnische Vielfalt und Einwanderung. „Einmal Türke, immer Türke“ regt sich der (deutsche) ehemalige Türkeikorrespondent Michael Martens in der FAZ auf und moniert, dass Auslandsberichterstattung mittlerweile zu stark ethnisch aufgeladen sei. Warum sollten nur Türken über die Türkei schreiben? Wäre das alles nicht passiert, wenn die „Welt“ statt Yücel einen Biodeutschen geschickt hätte? Deniz Yücel sei für Recep Erdogan eben Türke und werde daher behandelt wie die einheimischen unliebsamen Journalisten, so Martens.

Im Netz wird der Kommentar auf das Schlagwort „Türke vom Dienst“ komprimiert. Entsprechend entrüstete Reaktionen lassen nicht auf sich warten. Andere Journalisten mit Migrationshintergrund weisen daraufhin, dass auch sie ihre Herkunftländer (oder die ihrer Eltern) liebten und deshalb über sie berichteten, so wie Deniz Yücel die Türkei liebe. Deutsche Kollegen von Yücel bezeichnen den Text als „infam“ und sprechen von „Niedertracht“.

Ja, stimmt, aus Martens Worten spricht nicht gerade sehr viel Mitgefühl mit dem inhaftierten Kollegen. Eher schon konnte man darin den rivalisierenden Journalisten herauslesen, der die Chance gekommen sieht, die eigene Stellung als Auslandkorrespondent zu verteidigen gegen die Konkurrenz „mit Blutsbande“ in die enstprechenden Länder.

Nur hatte die Gegenseite leider keine besseren Argumente – ethnische Zugehörigkeit, „Vaterlandsliebe“, Journalismus dürfe, ja solle ruhig auch „parteiisch“ sein, fordert Klaus Raab in der taz. Er zitiert die Politikredakteurin der „Zeit“ Özlem Topçu, die zu der Debatte um Deniz Yücel angemerkt hat, dass allzu lange der weiße, westliche männliche Blick den Journalismus bestimmt habe.

Italienisches Design & „Kopftuchmädchen“: Multikulti die Zweite

Das erinnerte mich unwillkürlich an eine Zeile von Ingo Zamperoni, die ich neulich gelesen habe. Zamperoni, seines Zeichens USA-Korrespondent, ließ sich über die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern aus und gab freimütig zu, dass ihm „als Deutschen“, einiges Magenschmerzen bereite, was für Amerikaner kein Problem sei, schon wegen der Geschichte. Zamperoni besitzt, so kann man auf Wikipedia nachlesen, wie Deniz Yücel zwei Pässe, neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die italienische.

Vermutlich würde man derartige Statements nicht von Journalisten wie Deniz Yücel, Özlem Topcu oder auch Margarete Stokowski hören. Man könnte argumentieren, dass Italiener in Deutschland auch keinen so schlechten Ruf hätten wie etwa Türken. Der trotzige Rückzug auf die eigene Andersartigkeit ist ja oft eine Reaktion darauf, ohnehin nicht dazugehören zu dürfen. Allerdings erinnere ich mich, in den 1990er Jahren einmal ein Buch über Migration in der Hand gehabt zu haben, ein ausdrücklich linkes Buch übrigens, in dem die türkischen Gastarbeiter gelobt wurden als stille, fleißige und anpassungsbreite Migranten, denen man oft Unrecht tue (Sicher stimmt das vielfach). Die Italiener dagegen seien faul, stritten die ganze Zeit lautstark miteinander und schleppten hier Mafia und Blutrache ein (In einigen Fällen stimmt sicher auch das. Es ist aber trotzdem ein Vorurteil.). Klar: „Albano & Romina Power“, „Caterina Valente, hat’n Arsch wie ’ne Ente“, dämliche, amüsante Leute, Schnulzen und sonstige grenzdebile Unterhaltung. Allerdings gilt das nicht, wenn man aus der Oberschicht stammt. Italienisches Design, Mode, Kunst, Oper, Töpfern in der Toscana – mit all dem wollte sich die deutsche Intelligentsia auch schon vor 20 Jahren nur zu gern identifizieren. Das zeigt einmal mehr, wie dumm, willkürlich und austauschbar Vorurteile sind und dass auch gebildete Leute nicht vor ihnen gefeit sind.

Dennoch ist es keine Glanzleistung und irgendwie auch müßig, eine Ethnie gegen die andere ausspielen zu wollen, ganz gleich ob es um Deutsche, Türken, Italiener, Russen, Polen, Nordafrikaner oder wen auch immer geht. Ich kann Özlem Topçu verstehen. Man selbst kennt das Land wie seine Westentasche – Geschichte, Kultur, Mentalität. Man spricht die Sprache, hat Zugang zu den dortigen Medien, kann ohne Mühe die politischen Debatten vor Ort nachvollziehen. Man brennt nur so darauf, seinen deutschen Landsleuten etwas davon zu vermitteln. Und dann wird einem ein blonder Biodeutscher vor die Nase gesetzt, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich auf Englisch durchschlagen muss. Das spiegelt eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit wieder, über die man sich zu recht echauffieren kann, ja sogar sollte.

„Vaterlandsverräter“ & „Putinfreunde“: Multikulti, die Dritte

Andererseits kann man natürlich einwenden, dass Auslandskorrespondenten, die eine persönliche Verbindung zu dem Land, aus dem sie berichten, haben, in gewisser Weise befangen sind. In die Richtung ging ja in etwa, was Michael Martens geschrieben hat. Allerdings: Es hat auch immer schon deutsche Spione gegeben, Menschen, die die Seiten gewechselt und das Land, in dem sie aufgewachsen sind, „verraten“ haben. Blut ist offenbar doch nicht immer dicker als Wasser.

Ein aktuelles Beispiel sind vielleicht die (deutschen) „Putinfreunde“, die in Russland und Wladimir Putin ein wegweisendes Beispiel sehen. Meist sind es Linke oder ehemalige Linke, die sich nicht scheuen, „für den Frieden“ auch mit Rechten „strategische Bündnisse“ einzugehen und sich mindestens ebenso „antideutsch“ gebärden wie es Deniz Yücel getan hat.

Nicht zu vergessen die Russlanddeutschen, von denen es heißt, viele würden AfD wählen, die Fake-News-Affaire um „naša Lisa“, das dreizehnjährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin, das angeblich von Südländern vergewaltigt worden sein sollte und im Zuge der Vorwürfe, die sich sehr schnell gezielt gegen Merkels Flüchtlingspolitik wendeten, in Russland wieder zu „unserer Lisa“ wurde. Auf Wikipedia ist der Fall dokumentiert.

Kulturelle Repräsentation & Konkurrenzdruck: Multikulti, die Vierte

Multikulti ist nicht einfach. Und anders als die Debatte um „die türkische Stimme“ Yücel oder, schlimmer, „den Türken vom Dienst“ Yücel es vermuten lässt, erhält der „Welt-Journalist“ ausgerechnet von einer sozialen (bzw. ethnischen) Gruppe kaum Unterstützung: den in Deutschland lebenden Türken. Die machen, ganz im Gegenteil, auf Twitter unter dem Hashtag #FuckDeniz sogar kräftig Stimmung gegen ihn, bizarrerweise Seite an Seite mit den Rechten. In der „Welt“  heißt es, man fühle sich einmal mehr verraten – nicht nur der NSU-Skandal, Rechtsterror, der viel zu lange unter dem Label „Dönermorde“ lief – Nein, jetzt auch die Solidarität mit dem „Terroristenunterstützer“ Deniz Yücel.

Die „türkische Stimme“ gibt es also nicht. Deniz Yücel repräsentiert sie nicht, aber auch nicht die deutschtürkischen Erdogan-Anhänger, nicht biodeutsche Türkei-Korrespondenten wie Michael Martens, aber auch nicht dessen Kollegen, die sich „parteiisch“ auf der Seiten der Minderheiten wähnen.

Dieses Denken ist gefährlich und ich kann ein Lied davon singen. Immerhin habe ich in den letzten Jahren u. a. die Bekanntschaft endlos vieler Frauen gemacht, die – vermeintlich „mehr Frau“ als ich – Menschen wie mir eine Stimme geben wollten. Nur dass ich selbst deshalb leider den Mund zu halten hatte und außerdem sorgsam darauf geachtet werden musste, dass ich mich auch nur ja nirgends einbringe. Ich möchte nicht von anderen „repräsentiert“ werden, ganz gleich wie lautstark die angeblich „Partei“ für mich „ergreifen“. Und ich kann verstehen, wenn es anderen ähnlich geht.

Allerdings sind das Streitereien, die eher zunehmend aggressive Konkurrenzsituationen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt wiederspiegeln, als dass sie sich ernsthaft mit der multikulturellen Gesellschaft (oder Frauenrechten) befassen würden.

Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler!

Recep Erdogan darf in Deutschland unter den Deutschtürken, denen, die auch einen türkischen Pass haben, Wahlwerbung machen. Dann darf Deniz Yücel auch für Deutschland kritisch aus der Türkei berichten. Und wenn der deutsche Staat Jan Böhmermann in der Causa „Ziegenficker“ Händchen gehalten hat, so ist es nur recht und billig, auch den umstrittenen „Welt“-Korrespondenten zu unterstützen. Das hat nichts damit zu tun, ob man „dem Türken“ helfen möchte oder nicht, ob man Yücel als Menschen mag oder nicht, ob man seine Artikel gut findet oder nicht oder, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man für oder gegen „Multikulti“ ist. Es ist einfach eine Realität unserer Gesellschaft. Oder, etwas blumiger formuliert: Eine Brücke hat immer zwei Pfeiler. Wenn einem das nicht passt, braucht man sie gar nicht erst in Betrieb nehmen (Es liefe ja doch nur alles ins Leere).

Minderheiten gegen soziale Gerechtigkeit? Gegenessay zu Christian Volk (II. Version)

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist daher – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Darauf kann man im Prinzip nur mit Radio Jerewan antworten: „Im Prinzip ja, aber …“.

Sicher, richtig, die historische Linke hat sich immer gleichermaßen sowohl gegen die Diskriminierung von Minderheiten und sozial marginalisierten Menschen gewendet als auch eine Politik vertreten, die sich soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit als Leitprinzip auf die Fahnen geschrieben hat.

Allerdings ist „gegen Diskriminierung“ nicht das Gleiche wie „für Minderheiten“, die liberale Gesellschaft oder auch linke Politik macht sich nicht am Umgang mit Minderheiten fest. Schon gar nicht verkörpern etwa Minderheiten das linke Prinzip gegen die rechte „Mehrheitsgesellschaft“. Man muss nur nach Syrien schauen, wo Bashar al-Assad u. a. den Schutz der dort lebenden Minderheiten zum Vorwand nahm, um demokratische Reformen zu unterdrücken. Außerdem ist nicht jeder, der einen Minderheitenstatus für sich beansprucht, liberal in dem Sinne, dass er auch anderen die gleichen Freiheiten zugestehen würde. Der Brite Milo Yiannopoulos ist vielleicht das beste, zumindest aber ein sehr aktuelles Beispiel dafür.

Christian Volk hat zwar recht, wenn er das rechte Denkmuster vom „Volk“ im Sinne von „völkisch“, als ethnische Kategorie kritisiert und ihm die Bevölkerung, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, entgegensetzt.

Jedoch wird man den Eindruck nicht los, dass er selbst genau dieses Denkmuster übernimmt, nur eben in die umgekehrte Richtung. Nicht die Betonung der Unterschiedlichkeit der Interessen macht aber die gerechtere, freiere, demokratischere Gesellschaft aus. Wer Partikularinteressen über die Idee der sozialen Gerechtigkeit stellt, quasi als Wettbewerb der verschiedenen „Communties“ bzw. „Interessensgruppen“ um die Förderung ihrer Belange von staatlicher Seite, ist damit nicht der bessere Demokrat / die bessere Demokratin.

Die Minderheitenpolitik – ein akademisches Projekt der 90er

Tatsächlich ist auch die Idee eines „selbstbewussteren“ Auftretens von Minderheiten als eigenständige Communities nicht genuin mit der historischen Linken verknüpft, die eher auf Egalisierung abhob, also jene, die nicht mithalten konnten, zu unterstützen versuchte. Die gegenwärtige Minderheitenpolitik ist eigentlich ein Kind der späten 1990er Jahre. Nicht ganz zufällig parallel zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Liberalisierung und dem Abbau sozialsstaatlicher Hilfestellung, sickerte sie im Zuge der Gender-, Queer- und Black Studies aus den universitären Elfenbeintürmen in die Gesellschaft ein. Nur sind hermeneutisch abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht immer eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragbar.

Ganz abgesehen davon, dass es in den USA, wo die Gender-, Queer- und Black Studies entwickelt wurden, Sinn macht z. B. von der schwarzen (oder indigenen) Community sprechen, deren Mitglieder alle die Erfahrung historisch tradierter Benachteiligung und Ausgrenzung teilen. In Deutschland käme ein solcher Status allenfalls den Juden zu. Gerade diese stehen aber, nebenbei bemerkt, gar nicht so sehr im Zentrum der Minderheitenförderung, sondern sind nach wie vor merkwürdig unsichtbar.

Das bedeutet nicht, dass es Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Deutschland etwa nicht gäbe oder dass es zumindest nur ein vernachlässigenswertes Problem wäre. Ganz im Gegenteil: Gerade die brutalen Abschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen hatten die deutsche Linke in den 1990er Jahren besonders für diese Problematik sensibilisiert.

Jugoslawien als Vorbild?

Dennoch scheinen mir z. B. die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre eine geeignetere Hintergrundfolie für die aktuelle Minderheitenpolitik zu sein. Im Prinzip hatte keine der kriegführenden Parteien in ihrer theoretischen Argumentation gänzlich Unrecht: Die „Jugoslawische“ nicht, die die „Südslawen“ im Grunde für ein „Volk“ hielt – das ist plausibel mit der gemeinsamen Sprache begründbar. Es gibt nur geringfügige dialektale Abweichungen zwischen „Kroatisch“, „Bosnisch“ und „Serbisch“ -, aber auch die Separatisten und Ethnokrieger, die sich auf historisch gewachsene Unterschiede beriefen, haben nichts wirklich Falsches gesagt: Immerhin hatte das katholische Kroatien zu Österreich-Ungarn gehört, Bosnien und Serbien zum Osmanischen Reich. Die christlich-orthodoxen Serben hatten sich die Unabhängigkeit als erste erkämpft, das überwiegend muslimische Bosnien dagegen hatte sich den Osmanen über die Jahrhunderte kulturell und religiös angenähert.

„Verschieden“ oder „gleich“ sind hier eine Frage des Blickwinkels. Gesiegt hat seit den 1990er Jahren die „separatistische“ Sichtweise, die möglichst kleine Entitäten einander kulturell, religiös, sprachlich und ethnisch möglichst ähnlicher Menschen hervorbringen wollte.

Ethnokitsch statt Toleranz

Auch wenn der Jugoslawienkonflikt freilich komplexer ist und ich hier nicht für eine Seite Partei ergreifen möchte – man kann darin durchaus eine politische Vorlage für die Betonung des „Partikularinteresses“ sehen. Abgrenzung statt Annäherung, Unterschiede hervorheben statt Gemeinsamkeiten. In den europäischen Einwanderercommunities ist das mittlerweile fast zu einem neuen Ethnokitsch verkommen. Vielfach und nicht nur in Deutschland ist beobachtet worden, dass heute sehr viel mehr Migrantinnen Kopftuch oder sogar Niqab tragen, als noch vor 20 Jahren. Dass Einwanderer oft konservativer sind als viele ihrer Landsleute in der Heimat und sich in der Fremde an Traditionen klammern, die im Heimatland kulturell kaum mehr eine Rolle spielen, ist nicht neu. Auch muss man natürlich konstatieren, dass auch die Türkei, die nordafrikanischen Länder und der Nahe Osten in den letzten Jahren konservativer geworden sind.

Anhand der Burka-Debatte, die im letzten Sommer in Deutschland geführt wurde, konnte man jedoch sehen, dass die Diskussionen, die dazu in den muslimisch geprägten Ländern selbst geführt wurden, viel differenzierter waren. Hierzulande wurden sie heruntergebrochen auf das Fremdartige, kulturell Verschiedene, das auf Seiten der gebildeten Eliten, im liberalen, der Globalisierung gegenüber aufgeschlossenen Lager begrüßt und in rechtskonservativen Kreisen umso vehementer abgelehnt wurde.

Dennoch kann man auf beiden Seiten eine Fixierung auf die ethnisch-kulturelle Differenz feststellen. Den in Deutschland lebenden türkische Erdogan-Anhänger, der sich voll mit den politischen Ereignissen in der fernen Heimat identifiziert, verbindet mit dem türkischen Linksintellektuellen heutzutage mehr als den türkischen Linksintellektuellen je mit einem deutschen Linken verbinden würde: Kosmopolitismus adé, es ist die „Stimme des Blutes“, die jetzt wieder eine tragende Rolle spielt. Grenzen, die in den letzten Jahren nach außen abgebaut wurden, werden nach innen um so energischer wieder hochgezogen.

Wirklich besser als die neue Rechte?

Warum verstört es im liberalen Lager dann so, wenn auch Deutsche sich wieder auf ein ethnisch-kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl berufen? Nicht, dass ich das gut fände. Natürlich ist es Quatsch, sich von einer „Islamisierung des Abendlandes“ bedroht zu fühlen. Es gibt, rational gesehen, keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass etwas Derartiges zu befürchten ist. Auch wird niemand dadurch, dass es im Viertel eine Moschee gibt, daran gehindert, den christlichen Sonntagsgottesdienst zu besuchen.

Wenn in die Moschee gehen kann, wer in die Moschee gehen möchte und in die Kirche, wer in die Kirche will, dann ist das Pluralismus. In der Tat, und da hat Christian Volk recht, ist das ein Grundpfeiler der Demokratie. Ansonsten könnte man die Grenzen auch noch etwas enger setzen und nicht nur die Moschee, sondern demnächst auch Rockmusik und Jeans als „undeutsch“ oder „nicht zum christlichen Abendland passend“ verbieten und wer will das schon?

Das Beharren aber auf der eigenen ethnischen „Identität“, die speziell gefördert werden muss, sofern es sich um eine Minderheitenidentität handelt, und auf jeden Fall nach außen hin zu verteidigen ist, nimmt sich nicht viel mit dem „völkischen“ Denken der neuen Rechten, die eben dies als „Ethnopluralismus“ bezeichnet und sich ihrerseits dafür stark macht.

Diskriminierung – viel komplexer als viele denken

Zudem kann man weder eine Minderheitenidentität noch kulturelle Differenz essen oder sich einen Wintermantel davon kaufen. Ausgrenzungsmechanismen lassen sich im realen Leben nicht auf „das Andere“ reduzieren, wonach, wer am „andersten“ ist, sich also am grellsten, plakativsten von der „Mehrheitsgesellschaft“ abhebt, auch am ausgegrenztesten ist. Ungebildete „Gastarbeiter“ und Armutsmigranten haben nicht nur geringere Chancen, sich in Deutschland sozial zu etablieren als wohlhabende, gebildete „High Potential“-Einwanderer, sie sind auch eher von Stigmatisierungen und ausländerfeindlicher Diskriminierung betroffen. Hinzu kommt, und auch das ist kein Geheimnis, dass Deutschland auch für Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ in den letzten Jahren nach oben hin sozial undurchlässiger geworden ist.

Minderheiten als Zankapfel

Formen der Diskriminierung wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus dagegen sind insbesondere seit der Flüchtlingswelle von 2015 immer wieder zum Zankapfel geworden – sind sie doch unter Einwanderern ebenso präsent wie unter konservativen und rechten Deutschen, sodass sie sich ideal dazu eignen, Minderheiten gegen die „Mehrheit“ auszuspielen. Komme ich nun den Flüchtlingen entgegen, weil ich sage, dass man es mit dem Feminismus auch nicht übertreiben sollte – schon aus Rücksicht auf die fremde Kultur? Oder kann ich mich als „Freund der Juden“ aufspielen, weil ich den – real existierenden – Antisemitismus unter muslimischen Migranten anprangere? Ist das Band zwischen Homosexuellen, „Queerpersonen“ und Flüchtlingen ein besonders enges, weil doch beides Minderheiten sind? Oder zerstört Einwanderung unsere liberale Gesellschaft?

Der Gegensatz „Minderheiten“ versus „Mehrheitsgesellschaft“, wie ihn das liberale, globalisierungsfreundliche Lager aufmacht, hat den Strategien der neuen Rechten bislang wenig entgegenzusetzen gehabt. Der Erfolg gibt den Vertretern der Gender-, Queer- und Black Studies, die derzeit alle Plätze im linksliberalen Lager okkupiert haben, bislang leider nicht recht. Im Gegenteil, je mehr die Minderheitenpolitik den Vorrang erhalten hat, umso stärker wurde auch die neue Rechte. Faktisch verbessert hat sich die Lage von Minderheiten und sozial Randständigen deshalb aber nicht. Zum Teil hat sie sich in wirtschaftlicher Hinsicht sogar spürbar verschlechtert.

„Critical Whiteness“ – eine Verballhornung der Antidiskriminierungspolitik?

Viele „ermutigende“ Aktionen, wie etwas die Kritik an „kultureller Aneignung“, wie sie Vertreter der „Critical Whiteness“ üben, wirken zudem teilweise schon fast wie eine Verballhornung linker Antidiskriminierungspolitik. Wer den begehrten Ausbildungsplatz trotz guter Zeugnisse nicht bekommt, weil andere „besser ins Team passen“ und „mehr Potenzial haben“, den wird es kaum interessieren, dass sich irgendwo ein paar Elite-Studenten darüber echauffiert haben, dass ein „nicht-weißes“ Gericht durch „Weiße“ falsch zubereitet wurde oder ein „Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft“  sich einen punkigen Irokesen hat schneiden lassen. Wenn man bösartig wäre, könnte man fast schon auf den Gedanken kommen, dass es darum geht, vom Wesentlichen abzulenken, obwohl das sicherlich auch nicht stimmt.

Bei so erbitterten Grabenkämpfen verwundert es allerdings nicht, dass Menschen mittlerweile auch fast alles aufbieten, um „nicht-weiß“ und „nicht Mehrheitsgesellschaft“ zu sein. Das -ski im Nachnamen, das früher schlesisch war, ist jetzt „polnisch“, Probleme mit dem eigenen Körper werden als „queer“ etikettiert. Wäre es nicht eigentlich aber viel interessanter, etwas gegen Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu tun? Verbindliche Regeln aufzustellen, ein Schutz vor Diskriminierung und rechtlicher Ungleichbehandlung, der jedem und jeder gleichermaßen zusteht? Dann wären der Nachname und der Körper egal und es wäre auch nicht wichtig, ob sich eine Frau z. B. erst vor kurzem als „lesbisch“, „trans“oder „queer“ geoutet hat, oder ob sie immer schon „anders“ war. Es wäre einfach weder mit Vor- noch mit Nachteilen verbunden und genau das sollte eine Gesellschaft, die demokratisch, egalitär und pluralistisch zugleich sein will, anstreben.

Gleiche Rechte bedeuten nicht Gleichschaltung!

Statt Partikularinteressen zu vertreten, müsste man also wieder zu einem Diskurs kommen, in dem wirklich die Gleichberechtigung, also gleiche Rechte für alle als verbindendes Element im Mittelpunkt stehen und nicht so sehr das Päppeln eines „Selbstbewusstseins“ des „Anderen“, das mindestens ebenso konstruiert ist wie das „Volk“, auf das sich die Rechten berufen.

 

Nachsitzen in Sachen Multikulti. Eine Replik auf den Politikwissenschaftler Christian Volk

(Part I): „Volk“ gegen Minderheiten?

„Antidiskriminierungspolitik gegen eine Politik der sozialen Gerechtigkeit ausspielen zu wollen ist (…) – auch mit Blick auf die Geschichte linker Politik und linken Denkens – töricht.“ schreibt der Politikwissenschaftler Christian Volk in der taz. Nein, stimmt. Es war immer beides links: soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit zu fordern und sich gleichsam gegen Diskriminierung und für Vielfalt auszusprechen. Dennoch kommt man bei Volks Essay ins Stolpern. Zwar arbeitet er heraus, dass die Rechtspopulisten, nicht nur hier in Deutschland, auch in Frankreich – Marine Le Pen zum Beispiel – das „echte“, eigentliche Volk, im Sinne von „völkisch“ oder – zahmer formuliert – ethnisch, gegen die Bevölkerung ausspielen, die aus unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen besteht, aber er übernimmt das rechte Deutungsmuster von den – rechten – „Interessensvertretern“ des „kleinen Mannes“ und den – linken – Eliten (=links). Letztere werden zu Verteidigern der liberalen Gesellschaft, die wiederum sich an den Minderheiten festmacht.

Das ist der erste Stolperstein. Nichts ist so typisch links wie Kritik am „Establishment“ zu üben, auch wenn es stimmt, dass die meisten prominenten Linken selbst zumindest aus dem gehobenen Bildungsbürgertum stammen. Das trifft aber auch auf die Rechten zu. Oder möchte jemand ernsthaft behaupten, dass eine Partei wie die AfD, die ursprünglich als „Professorenpartei“ angetreten ist, von „ganz unten“ kommt? Ist es also legitim, anznehmen, dass „die da oben“ eben tolerant sind, für „Multikulti“, während Proleten und Globalisierungsverlierer das Muffensausen kriegen, wenn zu viele Ausländer da sind? Doch wohl eher nicht.

Der zweite Stolperstein sind die Minderheiten. Ist man wirklich immer auf der sicheren Seite, wenn man sich für Syrer und Schlesier, Maroniten, Muslime, Homosexuelle, Transgender und sexuell Unentschlossene stark macht? Es mag ein bisschen bissig klingen, aber gerade das Assad-Regime in Syrien hat gezeigt, dass auch Minderheiten sich sehr gut als Schutzschild verwenden lassen, im schlimmsten Falle gegen mehr als berechtigte Forderungen der „Mehrheitsgesellschaft“. Aber das ist es nicht, was sich mit der historischen Linken der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sticht. Die Minderheitenpolitik, so wie sie heute betrieben wird, ist ein Kind der späten 1990er Jahre. Sie ist aus dem universitären Elfenbeinturm der Gender-, Black- und Queerstudies in die Gesellschaft eingesickert und eigentlich ein us-amerikanischer Import, nur mit dem Schönheitsfehler, dass es in Deutschland keine schwarze Community gab, deren unverfrorene und zum Teil menschenverachtende Benachteiligung historische Tradition gehabt hätte. Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland keinen Rassismus und keine Ausländerfeindlichkeit gegeben hätte – ganz im Gegenteil, gerade Anfang der 1990er Jahre bewiesen die furchtbaren Anschläge von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen wie tief verwurzelt ausländerfeindliche Ressentiments hierzulande, leider auch im Westen waren.

Aber das rechtfertigt nicht das „Community“-Denken. Dass türkische Erdogan-Fans, die als sog. „Gastarbeiter“ kamen, und linke Türken mehr miteinander gemein haben sollen, als linke Türken und linke Deutsche ist eigentlich eher ein „die Stimme des Blutes“-Denken, das Linken im Grunde zutiefst zuwider ist. Da ist die gemeinsame Diskriminierungserfahrung, mag man einwenden. Das stimmt, aber es stößt z. B. auf, wenn an einer deutschen Uni spanische Studenten, die sich ebenfalls als „Nicht-Weiße“ „positionieren“ gemeinsam mit anderen „Nicht-Weißen“ gegen Kolonialismus und den Rassismus ihrer „weißen“ Kommilitonen und Professoren einprügeln, wie es Rudy Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt in dem „Zeit“-Long-Read „Die neuen Radikalen“ beschreiben. Spanien war eine Kolonialmacht. Sorry, aber wer „Critical Whiteness“ von anderen einfordert, muss auch vor der eigenen Haustür kehren.

Zudem: ein schwarzhaariger Spanier mit dunklem Teint ist unter Umständen genauso von Rassismus betroffen wie ein Marokkaner oder ein Türke, aber darf auch ein blonder Spanier sich als „Person of Color“ und damit als Opfer von Rassismus betrachten? Eher als ein dunkel ausgefallener Deutscher? Genau wie ein schwerer slawischer Akzent in Deutschland oft Assoziationen zu „Russenmafia“ und „Autoklau“ weckt, auch wenn der Sprecher oder die Sprecherin blonder und blauäugiger ist als so mancher Deutscher, aber ist deshalb auch einer wie der AfD-Politiker Georg Pazderski von Ausländerfeindlichkeit betroffen? Denn der hat ja auch ein slawisches -ski im Namen …

 (Part II): Nachsitzen in Sachen Multikulti. Oder: Eine ganz normale Schulklasse

Oder nehmen wir eine x-beliebige Schulklasse in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt, sagen wir mal, ein konservatives, etwas elitäres Gymnasium: Da ist der sportliche blonde Olaf, der sich zu verkaufen weiß und daher Liebling einiger Lehrer ist, nicht aber der aller Schüler, denn Olaf mobbt jüngere Kinder, schwächere Schüler, alle, die nicht so viel Geld haben wie er mit seinen Markenklamotten oder die ihm wegen ihrer linken Hippie-Attitüden auf die Nerven gehen. Dann Moshen, dessen Eltern beide Ärzte aus dem Iran sind. Mohsen tut sich in der Schule schwer und muss ganz schön büffeln. Obwohl er schon ganz sicher weiß, dass er etwas Naturwissenschaftliches studieren wird, sind eigentlich – wenn dann – eher Deutsch und Fremdsprachen seine starken Fächer. In Mathe ist er sogar das absolute Schlusslicht der Klasse. Ali, der erst in der fünften Klasse aus der Türkei gekommen ist, ist in der Siebten auf die Realschule gewechselt. Obwohl er, ein Klassensprechertyp, der durch seine soziale Ader auffiel, überraschend schnell Deutsch gelernt hat und auch sonst als fleißiger, guter Schüler galt, aber fürs Gymnasium hat es eben doch nicht gereicht. Jennifer aus der Hochhaussiedlung hat in der Achten das Handtuch geschmissen. Janny kommt auch aus der Hochhaussiedlung, ist aber ein Ass in Mathe und Fremdsprachen und daher noch mit von der Partie. Wie in jeder Klasse gibt es einen Klassenstreber, nennen wir ihn hier Marco, das absolute Mathe- und Computer-Ass – Onno – und die Außenseiter Lisa und Leon. Die Rolle des Klassenclowns übernimmt Olaf. Die blonde Lenka ist die Klassenschönheit. Sie hat auch recht gute Noten. Lenkas Vater ist Professor für Mathematik und kommt aus Tschechien, ihre Mutter ist Deutsche. Manchmal kokettiert sie damit, dass sie sicher auch Roma-Vorfahren hat. Friesische und niederländische Namen sind durch die Grenznähe in der Stadt und so auch in unserer Schulklasse das Übliche. Der Rest der Klasse hat Familiennamen, die auf -eit, -ski oder -czyk enden, was daran liegt, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört war und die Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen und Oberschlesien bevorzugt dorthin geleitet wurden.

Wen müsste man hier fördern? Mohsen erhält von Haus aus die beste Förderung, die man sich denken kann. Er ist eben nur einfach kein guter Schüler. Das traf auch auf Jennifer zu, aber wer weiß, hätte sie zu Hause die gleiche Unterstützung wie Mohsen erhalten, hätte sie das Abi vielleicht geschafft. Lenka ist in keinerlei Hinsicht benachteiligt, weder von ihrem sozialen Hintergrund her, noch äußerlich, da sie nicht „anders“, nicht einmal südländisch aussieht, aber sie hat ja auch gute Noten, das Studium ist für sie selbstverständlich und wenn alle Stricke reißen, könnte sie sogar den Rest ihres Lebens vergammeln. Lenkas Eltern lieben sie über alles und werden schon für sie sorgen. Beneidenswert. Aber den Migrationshintergrund darf sich Lenka, die ja wirklich aus einer binationalen Familie kommt, attestieren, auch wenn sie es manchmal ein bisschen sehr herauskehrt. Lenka ist mit Olaf zusammen und beide sind mit Mohsen befreundet. Olaf vertritt konservatives, bisweilen rechtes Gedankengut und tritt auf der „Streberin“ Janny herum, die er außerdem als „linke Zecke“ verachtet. Lenka und Mohsen verarschen Janny manchmal ein bisschen. Sie haben ja wirklich einen Migrationshintergrund, aber sie fühlen sich nicht diskriminiert. Ihr Problem sind höchstens Menschen wie Janny. Die hat dem ihrerseits wenig entgegenzusetzen.

Dass ihr Großvater aus Südafrika stammt, verschweigt sie lieber. Sie selbst hat ja nichts mit Südafrika zu tun, und überhaupt: Apartheit, Buren, Lutz Bachmann. Janny ist nicht schwarz und sie kann sich denken, was Olaf, Lenka und Mohsen daraus machen werden. Einmal rutscht es ihr doch raus und die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. „Gelogen, weil die Zecke mithalten will mit den anderen.“ sagen die einen, besonders Lenka glaubt ihr nicht. Olaf macht Witze. Mohsen behauptet, dass Janny nur deshalb so gute Noten in Englisch hat. Es klingt, als hätte er sie bei einem Betrug erwischt. Eine Mitschülerin, die ebenfalls von Jannys Revoluzzer-Attitüde genervt ist, stellt die These in den Raum, dass Janny vielleicht politisch nur deshalb so verblendet sei, weil die einen Großeltern Juden umgebracht und die anderen Schwarze schikaniert haben. Mohsen fühlt sich schließlich von Janny rassistisch diskriminiert. Er hat den Eindruck, dass „Fräulein Neunmalklug“, wie er sie nennt, ihn nicht so recht ernst nimmt. Er fühlt sich von ihr wie ein „Nigger“ behandelt, immerhin ist er doch wirklich „Person of Color“. Lenka bestätigt Mohsens Behauptungen. Auch sie hat den Eindruck, dass Janny unter der linken Fassade ganz schön rassistisch ist. Vielleicht hat sie auch etwas gegen Roma. Lenka fühlt sich jedenfalls auch angefeindet. In Wirklichkeit ist Mohsen neidisch. Mit Jannys guten Noten könnte er durchaus etwas anfangen. Dann würde es vielleicht auch mit dem Studienplatz in Pharmazie klappen und sein Vater wäre stolz auf ihn. Lenka mag Janny einfach nicht. Olaf verachtet sie, wie gesagt, regelrecht. Er reißt ein paar ausländerfeindliche Witze, provoziert Janny mit dem Wort „Nigger“. Darüber lacht dann auch Mohsen herzhaft.

Zwei Jahre später, als Janny das Abi schon hinter sich hat, kommt Jannys kleiner Bruder Floris auf die Schule. Anders als die blasse, braunhaarige Janny schlägt bei Floris das indische Erbe der „Coloured“-Vorfahren aus Südafrika voll durch. Allerdings ist Floris ein Typ wie Mohsen, nur etwas besser in der Schule und so hat er keinen Ärger. Als Janny, die längst woanders studiert und noch einmal in der Stadt, in der sie zur Schule gegangen ist, zu Besuch ist, erfährt sie von einem ehemaligen Mitschüler, dass Mohsen in Dresden, wo er einen Studienplatz ergattert hat (Vor- und Frühgeschichte als Parkstudium, aber vielleicht wird er doch eine Ausbildung machen, Fachinformatiker oder so), von zwei Neo-Nazis zusammengeschlagen worden ist. Auch wenn sie Mohsen nie gemocht hat und er sie zu Schulzeiten ganz schön traktiert hat – das tut ihr dann doch leid. Sie hofft, dass es ihm bald besser geht.

(Fazit) Schaffen wir das?

Die Moral von der Geschicht? Öhm – also, verschiedene:

  1. Diskriminierung macht sich oft, aber nicht nur an der Hautfarbe fest. Wenn man tolerant sein will, reicht es also nicht, nett zu „Persons of Color“ zu sein.
  2. „Persons of Color“ können ihrerseits konservativ oder sogar rechts sein wie Mohsen oder auch links (oder unpolitisch). Das bedeutet übrigens nicht, dass man sie wegen ihrer Herkunft / Hautfarbe diskriminieren dürfte.
  3. Wenn man Leute wie Mohsen nicht mag, heißt das nicht, dass man es okay findet, wenn sie rassistisch und/oder ausländerfeindlich angegriffen werden.
  4. Die Herkunft eines Menschen oder seiner Vorfahren sagt nichts über seinen Charakter aus. Janny ist z. B. keine „geborene“ Rassistin, weil sie einen südafrikanischen Großvater hat. Moshen ist übrigens auch nicht  automatisch frauenfeindlich und antisemitisch, nur weil seine Eltern aus dem Iran stammen und er konservative Ansichten vertritt.
  5. Man muss zwischen persönlichen Animositäten und Rivalitäten einerseits und wirklicher Diskriminierung andererseits unterscheiden.
  6. Lenka verdient kein Empowerment, auch wenn sie diejenige ist, die sich am meisten mit ihrer „Andersartigkeit“ spreizt. Sie ist einfach nicht benachteiligt. Mohsen braucht im Falle des Falles Unterstützung gegen Rassismus, aber nur dann, wenn er wirklich davon betroffen ist, nicht wenn er jemand anderem die guten Noten neidet oder jemanden einfach nicht mag. Janny braucht Untersützung gegen ihre hochnäsigen, konservativen Mitschüler. Olaf braucht von Zeit zu Zeit jemanden, der ihm eine klare Grenze setzt.
  7. Ali, ja, der Ali, der in der Geschichte ganz untergegangen ist, hätte übrigens wirklich Empowerment gebraucht. Aber weil die Großfamilie von Hartz IV lebt, hat das niemand für nötig gehalten. Auch Jennifer hätte vielleicht ab und zu ein paar Mut machende Worte gebrauchen können.

Die Geschichte ist übrigens frei erfunden. Janny, die Linke ist ein bisschen nach dem Vorbild von Geert Wilders gestaltet, dessen Mutter ebenfalls „Person of Color“ war (oder noch ist, keine Ahnung), nur dass der stramm rechts ist. Ob jemand „anders“ aussieht oder ist, sagt eben wirklich nichts über die Person an sich aus. Das ist der größte Fehler der Minderheitenpolitik, wie sie Christian Volk und andere vertreten. Die erfundene Schulklasse ist nämlich eine Parabel auf die multikulturelle Gesellschaft. Die Frage ist, ob wir auf sie vorbereitet sind …

PC bis der Arzt kommt! Eine Steilvorlage für die Rechten?

Man kann aus einer Mücke einen Elefanten machen und dann alle Mücken totschlagen, weil man Angst hat vor ein paar durch den Busch tobenden Elefanten. Die Frage ist nur: Bringt es was? Ein bisschen erinnert mich das an die Debatte über Political Correctness. Niemand möchte totgetrampelt werden (Theoretisch besteht die Gefahr bei Elefanten durchaus, auch wenn es an sich keine besonders aggressiven Tiere sind). Ich finde es, um auf das Thema Sprache zu kommen, nicht „mutig“, andere Menschen als „Nigger“, „Schlampen“, „Schwuchteln“, „warme Brüder“ , „kesse Väter“ oder „Muselmänner“ abzutitulieren. Den Holocaust zu leugnen oder zumindest stark zu relativieren, ist kein „Befreiungsschlag“ und ich kann nicht verstehen, warum Menschen sich „eingeengt“ fühlen, weil der Begriff „völkisch“ nicht positiv besetzt ist oder zur Debatte steht, ob Schwule und Lesben nicht doch auch ganz normal heiraten können dürfen sollten.

Aber die „Mücke“ bzw. dass man sie totschlägt, um der Elefanten Herr zu werden, ist eine übertriebene, dogmatische Form der Political Correctness. Ich glaube nicht, dass hysterische Eiferer und Tugendwächter der Welt etwas Gutes tun oder auch nur den Minderheiten, für die sie sich einsetzen, einen Dienst erweisen, wenn jede Kleinigkeit als „Microaggression“ gedeutet wird, die „den anderen“ – Migranten und Migrantinnen, People of Color, Homosexuellen und alle, die sich irgendwie damit identifizieren – angeblich entgegenschlägt. Ganz im Gegenteil.

Es ist ja auch zunächst einmal eine Frage der Gewichtung: Mich griff auf einer feministischen Veranstaltung in Berlin einmal eine (weiße, deutsche, ziemlich übergewichtige) Frau an, weil ich die Personalpronomen „ihr“ und „wir“ verwendet hatte, als ich von der DDR und der BRD, den beiden deutschen Staaten, wie sie vor 1990 existiert hatten, gesprochen hatte. Das sei „Ausgrenzung durch Sprache“ behauptete die Frau. Aber mal ehrlich, was ist denn schlimmer? Wenn ein entfesselter Mob Asylbewerberheime angreift oder Schwarze totprügelt, oder wenn jemand die falschen Pronomen verwendet? Ich denke, da gibt es Unterschiede.

Natürlich stimmt es, dass eine gewisse sprachliche Verwahrlosung dazu führen kann, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Ausgrenzung und Diskriminierung akzeptabel erscheinen. Aber „wir“ und „ihr“ gehören nicht zu den „bösen Worten“. „Nigger“ und „Samenklau“ schon eher. Ganz abgesehen davon kann man sich auch politisch korrekt ausdrücken und sich trotzdem diskriminierend verhalten. Jemand sagt zwar „Roma und Sinti“, unterstellt aber trotzdem, dass jeder von denen klaut und lässt sich gar nicht davon abbringen. Obwohl es der blonde Hipster war, der ihm oder ihr das Portemonnaie geklaut hatte.

Und was ist, wenn es wirklich ein Roma oder Sinti war? Darf man zwischenmenschliche Konflikte nicht mehr benennen? Hat man nur noch die Option, sich das Portemonnaie klauen zu lassen und lächelnd darüber hinwegzusehen („Die sind nun einmal so“ – Wirklich?) oder sich als „antizigan“ zu outen und mit fliegenden Fahnen zum rechten Lager überzulaufen? Nein, bitte nicht!

Auf einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung höhnte einmal eine (wieder eher dickliche) Frau, sie wollten mich „rechts machen“. Ich traute zunächst meinen Ohren nicht. Mittlerweile glaube ich ihnen. Je mehr Leute rechts sind, desto mehr Möglichkeiten stehen jungen, engagierten Linken offen. Dann ist niemand mehr im Weg als unliebsame Konkurrenz um Jobs, oder mehr noch: um das coole linke Image. Es mag Leute geben, die wirklich so dumm, so kurzsichtig und so egozentrisch sind. Folgt man dieser Logik, dann hätten sie dann ja im Nationalsozialismus als Linke optimale Chancen gehabt, denn da war ja die breite Masse rechtsextrem. Vielleicht sollte jemand solchen Leuten mal ein Geschichtsbuch vorhalten: Linke bzw. Menschen, die den Nationalsozialismus als politischen Heilsbringer in Frage stellten, landeten damals im KZ oder wurden gleich ermordet.

Vielleicht hat „rechts machen“ aber auch noch einen anderen Aspekt. Vor vielen Jahren hatte ich im Studentenwohnheim eine arabische Nachbarin. Zunächst kamen wir gut miteinander aus. Ein paar Monate später aber störte sich jede an dem Lärm, der durch die extrem dünnen Wände ins Zimmer der anderen hinüber drang. Ich reagierte trotzig und weigerte mich, weiterhin mit Nadia, wie ich sie hier einmal nennen werde, Französisch zu sprechen. Nadia reagierte mit „Je te casse la gueule!“ („Ich schlage dir die Fresse ein!“). Ich verstand sehr gut. Der Konflikt drohte, zu eskalieren.

Unerwartet nahm mich eine andere Mitbewohnerin, mit der ich nie so richtig warm geworden war, beiseite und raunte mir zu „Ich mag die Negerin auch nicht“. Mir krampfte sich der Magen zusammen. Ich hatte Nadia nicht einmal als „farblich fremd“ wahrgenommen, aber es bestürzte mich, dass überhaupt die Idee im Raum stand, die Herkunft meiner Nachbarin sei das Problem. Ich hätte mich an ihr wohl ebenso gestört, wenn sie eine hellhäutige Deutsche, eine dunkelhaarige Portugiesin, Rumänin oder tatsächlich schwarz gewesen wäre.

Allerdings gab es bei uns auf dem Flur auch ein paar neue „Ausländerfreunde“. Keineswegs waren es, wie man erwarten sollte, übereifrige Linke, Feministinnen und „queere“ Menschen (obwohl die sicher heute in einem vergleichbaren Konflikt sofort zur Stelle wären). Nein, es waren konservative und rechte Studenten, die die Stunde gekommen sahen, mich als Linke zu demütigen und aller Welt vorzuführen, dass die angeblich so engagierte Studentin doch in Wirklichkeit die eigentliche „Rassistin“ sei.

Diese Versuche ließ ich damals jedoch an mir abprallen, denn ich hatte genug arabische Freunde. Bis heute habe ich nie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass die Menschen überall auf der Welt die gleichen sind – im Guten wie im Schlechten. Es ist mir auch allzu oft bestätigt worden.

Der Konflikt mit Nadia wurde irgendwann zu einer Art Waffenstillstand, den beide Seiten zähneknirschend einhielten. Allerdings frage ich mich schon, ob heutzutage hysterische VertreterInnen der Political Correctness und Neurechte nicht auf fatale Weise an einem Strang ziehen.

Josef Joffe hat in der neuesten Ausgabe der Zeit (Print) geschrieben, dass die Gefahr für die Demokratie möglicherweise von beiden Lagern ausgeht. Da kann ich mich nur anschließen. Jedenfalls: Dass man sich nicht mit „Microaggressionen“ und falsch verwendeten Personalpronomen gängeln lassen will, bedeutet nicht, dass man dem rechten Rand Beifall klatschen würde. Ich wünschte, viel mehr Leute würden das so in aller Deutlichkeit sagen.