Heimat ist nur ein Ort! Eine Replik auf eine Kolumne von Jakob Augstein

„Unsere Heimat“ hat Jakob Augstein seine aktuelle Spiegel-Online-Kolumne genannt. Nanu? Was ist passiert? Ist der Augstein nicht irgendwie links? Also so richtig links, sodass man an Menschen als Zielgruppe denkt, die in Landkommunen oder im Bauwagen wohnen und sich nicht nur „bio“, sondern sogar vegan ernähren, ein Bildungsbürgertum, das den Ausstieg gewagt hat, zumindest mit einem Bein, und der Gesellschaft als solcher daher eher skeptisch gegenübersteht. Immerhin – Jakob Augstein ist Chefredakteur des linken „Freitag“. Also erwartet man eine Parodie zum Thema „Heimat“, etwas Amüsantes und Kritisches. „Heimatschutz“ ist für die Nazis in MeckPomm. Die essen heutzutage nämlich ebenfalls Hirsebrei („artgerechte Ernährung“) und tragen Hanftasche („Nutzpflanzen, die bei uns wachsen“). Wer sich davon abgrenzen will, aber trotzdem ein Faible für die Kräutchen und Sträuchlein vor der eigenen Haustür hat, engagiert sich eben für Umweltschutz. Der hat ja nichts mit miefiger Deutschtümelei zu tun.

Leider enttäuscht Jakob Augstein einen. Zwar schreibt er „Schutz der Heimat“ (und nicht „Heimatschutz“) und meint auch eher das Soziale, aber der versuchte idelologische Balanceakt zwischen migrations- und minderheitenfreundlichen, aber marktradikalen Globalisierungsbefürwortern einerseits, und der sich sozial gebärdenden, deutschnationalen neuen Rechten andererseits, will nicht so recht gelingen.

Angst! Aber nicht vor Ausländern!

Augstein führt Sahra Wagenknecht und Boris Palmer an als Vertreter zweier klar linker, ausländerfreundlicher Parteien. Wenn jemand in der Linkspartei oder bei den Grünen mal sagt, was Sache ist, komme sofort die „AfD-Rassismus“-Keule, schreibt Augstein. Damit hat er im Kern sogar recht. Dass man FÜR Migration und offene Grenzen ist, bedeutet nicht, dass man gleichzeitig auch FÜR Terrorismus und sexuelle Übergriffe ist, wie sie sich massenhaft in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo ereignet haben. Viele Flüchtlinge sind übrigens auch nicht dafür. Sonst wären sie ja, zumindest was den islamistischen Terror betrifft, nicht aus dem Nahen Osten geflohen. Nur stimmt es, dass Kritik an allem, was direkt oder indirekt mit den Flüchtlingen zu tun hat, seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2015 sehr schnell sehr selbstgefällig mit „fast schon Pegida!“ und „Willst du etwa auf die Leute schießen lassen?!“ abgebügelt wird. Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.

Augsteins Vorschlag, in keiner Schulklasse sollte mehr als ein Viertel der Schüler Migrationshintergrund haben, geht, so sehe ich es jedenfalls, ähnlich scharf geschossen am Ziel vorbei. Die meisten deutschen Eltern würden ihre Kinder wahrscheinlich liebend gern auf eine Europaschule, aufs Lycée Français oder auf eine der deutschen Schulen im Ausland schicken, auch wenn da der Ausländeranteil naturgemäß sehr hoch ist. Bei der Debatte um Problemschulen in sozialen Brennpunkten geht es nicht um zuviel Fremdheit. Es geht um Gewalt, Gangs und mangelhafte Deutschkenntnisse, die dazu führen, dass das Klassenziel für alle in weite Ferne rückt. Außerdem – je höher der Aggressionspegel im Allgemeinen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass, wer in der Minderheit ist, von den anderen eingemacht wird. In Vierteln wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ist „in der Minderheit sein“ oft gleichbedeutend mit „ethnisch deutsch“.

Die „handfesten Maßnahmen“ dagegen, von denen Augstein spricht, gibt es. Damit ist jedoch weniger eine Reduktion des Anteils an MigrantInnen an deutschen Schulen gemeint: Man könnte, ganz im Gegenteil, eine zusätzliche Deutschförderung für alle, die sie nötig haben, anbieten und generell mehr Lehrer einstellen, Konfliktlotsen, Hausaufgabenbetreuung, soziale Unterstützung für Menschen, die prekär leben und ein entschiedeneres Vorgehen gegen Mobbing und Vorurteile, egal, von welcher Seite sie kommen – all das würde sicherlich zu einer Besserung der Lage beitragen. Aber es kostet. Mit „kultureller Differenz“ oder der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität hat es jedoch nichts zu tun.

In genau die Kerbe aber haut Jakob Augstein, wenn er davon spricht, dass MigrantInnen auch „Konkurrenten im Lebensstil“ seien. Nein. Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben leben, haben, was Migration betrifft, vor allem Angst davor, keine Wohnung und keine Arbeit mehr zu finden, weil so viele „Neue“ da sind, die beides erst einmal vorrangig brauchen. Das erwähnt auch Augstein. Vielleicht wirken solche Ängste, die, auch im Zusammenhang mit der Globalisierung, immer mehr Menschen selbst aus den mittleren Einkommensschichten umtreiben, auf den ersten Blick überzogen und panisch. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie aber nicht. Immerhin können Arbeitgeber, die hierzulande nicht ihren absoluten Wunschkandidaten für eine offene, zu besetzende Stelle finden, sich heutzutage anders als noch vor 20 Jahren einfach jemanden aus dem Ausland holen. Wer zu alt ist oder krank wird, nicht haargenau die passenden Qualifikationen hat, aufmuckt oder vom Typ her nicht genehm ist, fällt hintenüber.

Existenzen sind in den Zeiten der Globalisierung sehr fragil geworden. Aber dass man sich für sich selbst eine Perspektive wünscht, bedeutet ja nicht, dass man sie anderen nicht auch gönnt. „In der Theorie soll (…) der Ausländer ein Freund sein“ schreibt Jakob Augstein. Was spricht eigentlich dagegen, dass er (oder sie) das nicht auch in der Praxis sein kann?

„Identität“ als Dreh- und Angelpunkt

Viel eher als das meiner Meinung künstlich noch zusätzlich geschürte Gerangel um Arbeit und Wohnraum steht dem vielleicht das zunehmende Auseinanderdriften unserer Gesellschaft entgegen. Sie scheint sich aufzuspalten in Biodeutsche, Bildungsbürger (alle, die das nicht abstreiten können), „Arbeiterkinder“ (alle, die sich irgendwie dem Ruch erwehren können, „Bildungsbürger“ zu sein), queere Menschen, Türken, Araber, Polen (zu denen mittlerweile auch die Nachfahren der (ethnischen) Deutschen gehören, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus den damaligen deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel- und Osteuropa flüchteten), „Russen“ (meist Russlanddeutsche), „People of Color“ (zu denen bei Bedarf auch Südeuropäer gehören, die man mit der gleichen Leichtigkeit jedoch auch zu Menschen erklären kann, die „ganz weiß“ sind), usw..

Warum es in den letzten Jahren so schwer geworden ist, Menschen als Individuen wahrzunehmen, und wer zuerst auf die Idee kam, alles am Thema „Identität“ festzumachen, weiß ich nicht. Vielleicht hat den Anfang sogar der rechtsextreme „Bloc identitaire“ gemacht, der offiziell 2003 in Frankreich gegründet wurde und sich mit verführerisch linkem Touch „europäische Sozialbewegung“ nennt. Ab etwa 2013 ist er unter dem Namen „Identitäre Bewegung“ (IB) auch im deutschsprachigen Raum aktiv. Vielleicht muss man aber auch noch früher ansetzen, bei der sog. „konservativen Revolution“. Oder ist der neue Hang, sich über die Zugehörigkeit zur eigenen ethnischen Gruppe zu definieren, am Ende eine Kopfgeburt aus dem linken Lager? Das in den 1990er Jahren noch vor allem universitäre Projekt der Gender-, Queer- und Black Studies wollte Identitäten – angelehnt an den französischen Poststrukturalismus – ursprünglich eigentlich sogar dekonstruieren, um aufzuzeigen, dass hinter so mancher Gewissheit soziale, historische und kulturelle Wirkungsmechanismen stecken. Später dann drehte sich dieses Milieu um 180 Grad und verteidigte „Identität“ im Zuge einer bisweilen fast karikaturhaft überzeichneten Minderheitenpolitik umso vehementer. Hat die Globalisierung alles gefressen, was einmal progressiv gemeint war? Oder war der Wendepunkt das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene „Ende der Geschichte“, das durch den Wegfall der Machtblöcke des „Kalten Krieges“ auf der politischen Ebene zu einer Neuorientierung zwang? Ist, damit einhergehend, der erstarkende Nationalismus in den postsozialistischen Transformationsgesellschaften der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten langsam aber sicher nach Westeuropa übergeschwappt? Haben sie sich letztendlich alle gegenseitig hochgeschaukelt?

Klicks & Bots: Polarisierung durch das Internet

Das Internet ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig. Wer polarisiert, kriegt Klicks. Online-Journalismus will die Menschen eher auf der emotionalen Ebene ansprechen, sie reizen und kitzeln, Empörung auslösen oder Beifall erheischen. Vorreiter sind dabei ausgerechnet rechte Politiker. Niemand beherrscht die Strategie des „kalkulierten Tabubruchs“ so gut wie die AfD. Jede Provokation, und sei sie auch noch so unverschämt, kann, wie die Rechten in den letzten zwei Jahren mehrfach bewiesen haben, jederzeit mit einem nachgeschobenen „war doch nicht so gemeint“ zurückgenommen werden.

Wer das im linken und linksliberalen Lager kopieren will, muss aufpassen, dass aus den eigenen VordenkerInnen nicht irgendwann „Zombies“ werden, die gleich gekaperten Computern plötzlich Dinge loslassen, die man nie im Leben von ihnen erwartet hätte und die sich eigentlich eher konträr zu dem verhalten, wofür sie eigentlich stehen. Man denke nur an das Geraune im Hintergrund, es würden zunehmend „Bots“, also Computerprogramme, über soziale Netzwerke Einfluss auf politische Entwicklungen nehmen …

Dennoch sollte man sich nicht zu sehr in Verschwörungstheorien hineinsteigern. Nicht hinter allem stecken Wladimir Putin und die russischen Troll-Fabriken. Vielleicht ist unsere Demokratie im Laufe der letzten Jahre einfach wieder verletzbarer geworden. Werte, wie Toleranz, Gleichberechtigung, Mitgefühl und Kompromissbereitschaft dürfen wieder in Frage gestellt werden und das nicht erst seit gestern.

„Die deutsche Seele“ – gibt es sie?

2011 hat die Schrifststellerin Thea Dorn gemeinsam mit Richard Wagner einen opulenten Hardcover-Band mit dem Titel „Die deutsche Seele“ herausgegeben. Dorn, erklärte Feministin („Die neue F-Klasse“, 2006) und keineswegs in dem Verdacht stehend, irgendwie rechts angehaucht zu sein, und Wagner philosophieren, soweit ich mich erinnere, in dem in seiner aufwendigen ästhetischen Aufmachung an den Wiener Jugenstil-Künstler Gustav Klimt erinnernden Werk unter anderem ganz schnöde über das deutsche Abendbrot. Salamistulle mit Gürkchen an Hagebuttentee also als Selbstbehauptungsstrategie der Postmoderne? Dabei ist Heimat einfach nur ein Ort. Nicht besser und nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Nur ist man selbst eben da aufgewachsen. Das sollten wir nie vergessen.

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Knackpunkt Burka: Alles nur Stimmungsmache?

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Wenn man die Burka verbieten lassen will, müsste man auch Weihnachtsmann- und Nikolauskostüme verbieten lassen. An markigen Statements fehlte es im letzten Sommer, als das Burka-Verbot auch in Deutschland zur Debatte stand, nicht. So sorgte sich z. B. der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger um Karnevals- und Weihnachtsmannkostüme. Der Rechtsanwalt, Blogger und Kolumnist Heinrich Schmitz zog im Debattenportal „Causa“ des Berliner Tagesspiegel einen Vergleich zu „weiße(n) Socken in Sandalen zu kurzen Hosen“. Kultur ist eben nicht nur die Kultur des kartoffeligen Deutschen mit seinen Tennissocken an den käsigen Beinen und dazu die spießig-religiös verbrämten Winterriten, die ja doch nur die Supermarktkassen klingeln lassen. Röhrende Hirsche und die „Eiche rustikal“-Schrankwand haben ausgedient, so wollte man klarstellen. Jetzt bricht ein neues Zeitalter an, in dem Diversity, die Verschiedenheit der Kulturen Trumpf ist, Migration sollte eine Selbstverständlichkeit sein und die Globalisierung bildet den Hintergrund-Soundtrack zu alldem. Wenn eine Frau Burka tragen will, dann trägt sie sie eben. Basta! So einfach ist das! Oder auch nicht.

Es stimmt schon: Man muss sich überlegen, was man alles verbieten will. Ansonsten trifft es eines Tages vielleicht auch einen selbst. Nur ist das Weihnachtsmannkostüm das falsche Argument. Immerhin kann man nicht im Weihnachstmannkostüm zur Schule gehen oder in einer Bank arbeiten. Solchen Restriktionen, was die Kleidung betrifft, unterlag man hierzulande also schon immer.

DIE BURKA: FRAUENFEINDLICH & RECHTSLASTIG

Und machen wir uns nichts vor: Natürlich steht die Burka für eine Frauenfeindlichkeit, die nicht nur hartgesottene Feministinnen im Westen erschaudern lässt. Als die syrische Stadt Manbidsch im August von kurdischen Kampfeinheiten befreit wurde, rissen sich die Frauen den Gesichtsschleier förmlich vom Gesicht, Burkas brannten, Befreiungs-Zigaretten wurden geraucht und die Männer ließen sich als erste Amtshandlung in Freiheit die Bärte abschneiden.

Burka und Niqab sind Symbole einer Rückwärtsgewandtheit und eines religiösen Fanatismus, wie sie u. a. der Islamische Staat und andere Terrorgruppierungen vertreten. Anders, als einige vielleicht annehmen, handelt es sich nicht um ein, wenn auch altertümliches „Kulturgut“ der Herkunftsländer der Refugees, das im Rahmen eines Diversity Managements verteidigt werden müsse. Ganz im Gegenteil: Es ist etwas Fremdes, aus anderen Kulturen Übernommenes: Die Burka ist eigentlich eine vorislamische zentralasiatische Tradition und der Niqab eine saudi-arabische konservativ-salafistische Bekleidungsvorschrift für Frauen. Beides steht allerdings in der heutigen Zeit für einen Rechtsruck und eine neue religiöse Frömmigkeit und Eiferei in der arabischen Welt.

Bezeichnenderweise habe ich in Berlin unter den Flüchtlingen bislang keine einzige Burka- oder Niqabträgerin gesehen. Wohl schienen die Frauen mehrheitlich ziemlich konservativ zu sein – fast alle trugen „Abaya“, weite, den Körper verhüllende Gewänder und „Hidschab“, ein Kopftuch, aber eben keinen Gesichtsschleier. Niqab-Trägerinnen sind vielleicht, wenn dann, eher die Frauen saudischer und pakistanischer Geschäftsleute, nicht so sehr Einwandererinnen und Flüchtlinge.

DER BURKINI: SYMBOLPOLITIK A LA FRANÇAISE

Trotzdem, es wäre unklug, die französischen Fehler in Deutschland zu wiederholen und zu glauben, mit Verboten könnte man Fanatismus und Terror eindämmen: Das Burka-Verbot von 2010 hat die grausigen Terroranschläge, die sich in Frankreich ereignet haben, nicht verhindert: „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, die Attentate vom 13. November 2015, der furchtbare Anschlag von Nizza am 14. Juli 2016 oder die Enthauptung eines Priesters in Rouen wenige Wochen später, um nur eine Auswahl der traurigsten Höhepunkte zu bringen.

Die Burkini-Verbote an einzelnen Stränden im letzten Sommer haben die Stimmung eher noch angeheizt. Es war Symbolpolitik, das stimmt: Wenn man der omnipräsenten Terrorgefahr schon hilflos ausgeliefert ist, dann sollte man wenigstens etwas dagegen tun, dass der kulturell-religiöse Background dazu nicht auch noch an Boden gewinnt, so das Denken, das dahinterstand.

Viele französische Muslime, die sich in der Vergangenheit immer wieder von Extremismus und Gewalt distanziert hatten, fühlten sich jedoch verprellt. Gerade die laizistische Objektivität und Zurückhaltung des französischen Staates allen Religionen gleichermaßen gegenüber müsste es muslimischen Frauen ermöglichen, zumindest den Burkini zu tragen, kritisierte u. a. Feïza Ben Mohamed, die Sprecherin des Collectif contre l’islamophobie en France (CCIF) dem französischen Auslandssender RFI gegenüber.

DEUTSCHLAND: INTEGRATION VON MINDERHEITEN & GEFAHR VON RECHTS

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es geht nicht nur darum, die muslimische Minderheit zu integrieren, anstatt gerade perspektivlose Jugendliche, die leichte Beute für den IS und andere Terrororganisationen sind, immer stärker an den Rand zu drängen und ihnen das Gefühl zu geben, sie gehörten nicht dazu. Mittlerweile ist in Deutschland auch eine sich radikalisierende und gelegentlich auch gewaltbereit auftretende neue Rechte zum Problem geworden.

„Islamkritik“, wie es beschönigend heißt, ist ein wesentlicher Fixpunkt des rechten Spektrums und das Milieu der Islamfeinde ist sehr heterogen. Es erstreckt sich von gemäßigt-neokonservativ-proisraelischen Gruppierungen über Verschwörungstheoretiker mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bis hin zur rechtspopulistischen AfD, den offen islamfeindlich auftretenden Pegida- und Pro-AktivistInnen und dem traditionellen harten Kern der rechten Szene.

Der in diesen Milieus heraufbeschworene „Untergang des Abendlandes“ steht nicht bevor. Nicht einmal im kosmopolitischen Berlin mit seinem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil überwiegen bislang die Minarette, ganz abgesehen davon, dass die Existenz eines Minarettes ja nicht bedeuten muss, dass es keine Kirchtürme mehr geben darf. Hier werden also tatsächlich Ängste geschürt, die keinerlei Entsprechung in der Wirklichkeit haben.

STIMMUNGMACHE & EINSCHÜCHTERUNG STATT BRÜCKEN BAUEN

Die Frage ist nur, ob man „Islamkritiker“ und Islamhasser durch Einschüchterung kleinhalten kann oder ob man sie nicht mit der allzu eifrigen Verteidigung der Burka sogar indirekt noch unterstützt hat.

Die Diskussionen über Burka und Niqab sind in der muslimischen Welt viel kontroverser als man hierzulande gemeinhin annimmt. DEN einen, einzig wahren Islam gibt es nicht (außer natürlich im Denken von Fanatikern, aber das ist ja immer so) – ganz abgesehen davon, dass nicht alle Menschen aus muslimischen Ländern religiös im engeren Sinne sind. Wer glaubt, im Zweifelsfall auch in einem etwas rabiateren Tonfall Partei für Burka- und Niqabträgerinnen ergreifen zu müssen, hat sich damit nicht automatisch auf die „richtige“ Seite geschlagen.

Dafür dürften die arroganten Pro-Burka-Polemiken im letzten Sommer Wasser auf die Mühlen der Islamfeinde und selbsternannten „Versteher“ der sog. „kleinen Leute“ gewesen sein.

NÖTIGER DENN JE: MUT ZUR KONTROVERSE

Wer Toleranz für die Burka einfordern will, muss jedenfalls klar herausstellen, dass damit nicht auch quasi im Doppelpack Toleranz für Frauenhass und religiösen Fanatismus gemeint ist. Außerdem macht sich, wer rechtskonservativen Kräften hierzulande – zu Recht! – entschieden entgegentritt, langfristig unglaubwürdig, wenn er oder sie den gleichen rechtslastigen Konservativismus in Schutz nimmt, sobald es sich um MigrantInnen und Flüchtlinge handelt.

Einzig den Grünen war das hochbrisante Thema „Burka“ ein paar handfeste parteiinterne Kontroversen Wert, wie u. a. das Handelsblatt berichtete. Aber die Grünen gelten ja auch nicht zu Unrecht als „Multikulti“-Partei – und dafür können sie sich nun auch wirklich mal selbst kräftig auf die Schulter klopfen!

 

Grauzonen & Brauntöne: Rechtsruck im liberalen Lager?

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Fast kein Tag vergeht, ohne dass die Schlagworte „Rechtsruck“ und „Rechtspopulismus“ durch Timelines und Info-Feeds, über Fernsehbildschirme, Titelbilder und Headlines flackern. Das Beunruhigende daran ist, dass man nicht so recht versteht, was eigentlich los ist: Geht es um mittlerweile, wie es so schön heißt, „politisch heimatlos gewordene“ Konservative, die sich mit einer CDU, die den Atomausstieg befürwortet und muslimische Flüchtlinge ins Land lässt, nicht mehr arrangieren können? Sind die Leute, die jetzt so fleißig rechts wählen, alle „Protestwähler“, die sich irgendwie abgehängt und von der Globalisierung überrollt fühlen? Oder handelt es sich um ein im Kern rechtes Denken, das in den letzten Jahren an Attraktivität hinzugewonnen hat und mittlerweile auch Menschen anzieht, die man eigentlich nicht mit Rechtsradikalismus oder auch einer „nur“ rechtskonservativen Einstellung in Verbindung bringen würde? Man weiß es nicht. Vielleicht ist das Ganze auch eine große Blase, aufgebauscht von Journalisten, denen nichts besseres eingefallen ist, ein Spuk, der höchstwahrscheinlich genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, wie er gekommen ist. Immerhin, halten wir uns vor Augen, die AfD war vor eineinhalb Jahren politisch noch mehr oder weniger bedeutungslos.

Vielleicht geht die Sache aber auch tiefer: Hier jedenfalls 5 Punkte, die zeigen, warum Menschen, denen man das eigentlich nicht zutraut, nach rechts gerückt sind:

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1. Unpolitisch, irgendwie liberal, aber konservativ

Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ lese ich eigentlich nicht. Als ich es zufällig doch einmal getan habe, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt: Rechts war plötzlich ganz nah, d. h. ich begriff, dass es das schon eine ganze Weile ist, ich es aber nicht gewusst habe. In dem Bericht „Inside AfD“ ging es um die Berliner Klientel der Rechtspopulisten, denen hier, kurz vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus etwa 13 – 15% der Stimmen prognostiziert werden. Ein „Zitty“-Autor hatte sich inkognito auf ein „Kennenlerntreffen“ der Partei geschmuggelt und er traf dort nicht nur die Leute, die man sich üblicherweise so bei der AfD vorstellt:greise Relikte aus der Ära Kohl, Erfolgsmenschen mittleren Alters und Berufssoldaten a. D., sondern auch junge Twens und Thirty-Somethings, sogar Kunstwissenschaftler und Dolmetscher.

Aber was treibt ausgerechnet solche Menschen zur AfD? Vermutet man die nicht eher bei den Grünen? Vielleicht. Andererseits ist nicht jeder, der sich für Spätromanik und französische Lebensart begeistert, deshalb links. Warum auch? Vielleicht ist das ein Vorurteil, denn der Ästhet und kunstsinnige Mensch, der ganz in der intellektuellen Auseinandersetzung als l’art pour l’art aufgeht, ist in den Geisteswissenschaften als Stereotyp mindestens ebenso verbreitet, wie der Revoluzzer mit Dreadlocks, der Kreativität als Lebensprinzip auffasst und es ablehnt, alles auf die Verwertbarkeit für den freien Markt hin zu bewerten.

*Quelle: „Inside AfD“ v. Jens Hollah, in: „Zitty“ v. 30. August 2016.

2. Der nette junge Mann von nebenan: Infiltrationen

Das Lebensgefühl rechtskonservativer Geisteswissenschaftler hat der Österreicher Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz, der, wie sein Wikipedia-Eintrag bestätigt, lange Zeit in Berlin-Kreuzberg gelebt hat, vermutlich getroffen wie kein Zweiter. Der neurechte Publizist und Filmkritiker, der u. a. für die „Junge Freiheit“ und andere bekannte rechte Medien, wie „Sezession“ und „Eigentümlich frei“ schreibt, ist offenbar kein Mensch, der mit der Tür ins Haus fällt. Ein Interview, das Martin Böcker 2009 mit Semlitsch führte und auf dasGespraech.de publizierte, stellt den Österreicher als feinsinnigen Intellektuellen mit Hang zur schwarzen Romantik vor, der den Spagat zwischen Subkultur und Hochkunst problemlos schafft, und seinen Gesprächspartnern nicht unbedingt auf die Nase bindet, dass er rechts ist. Eher betont Semlitsch dann schon den Wert eines intakten Familienlebens, etwas, das Halt und Widerstandskraft geben kann gegen ein „modernes, seelisch labiles Nomandentum und Monadentum“, wie er sagt*. Für wertkonservative Menschen, die sich zerrieben sehen zwischen einem Selbstbild als gesellschaftliche Elite einerseits und der eigenen prekären und bedeutungslosen Lebenssituation andererseits, dürfte das verführerisch sein. In einigen Fällen zumindest.

*zit. nach: Martin J. G. Böcker, Interview mit Martin Lichtmesz, publiziert auf dasGespraech.de am 21. November 2009.

3. Sozialdarwinismus unter Intellektuellen: der prekäre Arbeitsmarkt

Die beruflichen Perspektiven sind für junge Geisteswissenschaftler jedenfalls alles andere als rosig: Langzeitpraktika, teure Weiterbildungen, „Projektarbeiten“ und Honorartätigkeiten, die sich im schlimmsten Fall auf ein Wochenende oder einige wenige Wochen beschränken sind eher die Regel als ein besonders schlimmes Einzelschicksal. Kein Problem, wenn man ohnehin nur arbeitet, weil’s Spaß macht, weil man irgendwie noch Geld im Rücken hat, ein reiches Elternhaus oder einen Ehemann, der gut verdient. Wer Glück hat, schafft es vielleicht sogar, dass ein Artikel, eine Session, eine Lehrtätigkeit, ein Buch oder eine Ausstellungskonzeption so gut bezahlt wird, dass man (oder frau) eine Weile ganz gut davon leben kann.

Weltoffenheit ist hier Trumpf und die EU bietet Chancen. Allerdings kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nicht nur junge Ingenieure aus Spanien, die, wenn auch bestens ausgebildet, in der Heimat am Hungertuch nagten und im wohlhabenden Deutschland mit Handkuss genommen werden, sondern zumindest Großstädte wie Berlin ziehen  auch die Kinder spanischer, französischer, griechischer oder polnischer Eliten magnetisch an, die eigentlich nur ein bisschen feiern und Lebenserfahrung sammeln wollen – und nebenher vielleicht noch ein bisschen arbeiten – ideale Kandidaten für den Kulturbetrieb, der kein Geld, dafür aber die ersehnten Erfahrungen bieten kann.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn solche Leute als „Hungerleider“ aus dem sonnigen Süden verkauft werden, denen man angeblich „eine Chance geben“ will, aber Bohème ist Bohème und das Jet-Set war immer schon international. Vielleicht ist es eher so, dass sich zu den einheimischen Söhnen und Töchtern „aus gutem Hause“ noch Gleichgesinnte aus aller Welt gesellt haben. Das kann man kritisieren, aber man muss sich auch fragen, ob Zuwanderung wirklich die Ursache der zunehmenden Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ist oder ob es nicht ganz andere Gründe dafür gibt. Im Grunde hat, wer aus den so genannten „besseren Kreisen“ stammt, ja sogar davon profitiert, dass soziale Aufsteiger in den Bereichen Kultur, Sprache, Medien und Politik kaum noch eine Chance haben, eben weil sie es sich einfach nicht leisten können, dort zu arbeiten. Außerdem – AfDler, wie Markus Egg, der Professor für Anglistik an der Berliner Humbold-Universität ist oder der Philosoph Marc Jongen von der Karslruher Hochschule für Gestaltung, gehören sicher nicht zum „Kulturprekariat“. Warum also sollte der Rechtspopulismus eine Lösung sein?

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4. Anonyme Rechte: Hater & Frustrierte im Internet

Trotzdem: Wer immer katzbuckeln und sich irgendwem andienen muss, der hat irgendwann die Nase voll. Vielleicht liegt es daran, dass die Stimmung unter Geisteswissenschaftlern so vergiftet ist: Der Radfahrertyp buckelt ja bekanntlich nach oben, aber er tritt dafür umso heftiger nach unten. Oder ist es schlicht die Frustration, dass die eigenen Talente und Fähigkeiten nicht genügend gewürdigt werden? Die einen, so scheint es, werden gar nicht erst wahrgenommen. Die anderen haben eher das narzisstische Problem, nicht als „überlegen“ wahrgenommen zu werden. Aber wie sehr darf man um Anerkennung kämpfen?

Bei manchen Kommentaren im Internet läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Damit meine ich nicht die richtig rechten Accounts – da erwartet man nichts anderes – sondern (in einigen Fällen sicherlich gefälschte) Profile wie den Twitter-Account „MarkusWiedmann“**. Ich hatte mich mal in ein „Gespräch“ geklickt, an dem auch „MarkusWiedmann“ teilnahm und die Aggressivität mit der das Profil bevorzugt linke Frauen aus Medien und Politik angriff, ließ mich erschaudern. Irgendetwas an „MarkusWiedmann“ war merkwürdig. Anders als strammrechte Twitterer, wie „BlondJedi“, „Balleryna“ oder „Gutmenschenkeule“ zog sich das Profil z. B. nicht an dem damals in der rechten Szene beliebten Hashtag #CrystalBeck hoch, unter dem der Grünen-Politiker Volker Beck u. a. als Pädophiler und überhaupt als Gefahr für „unsere Kinder“ verunglimpft wurde. Auch hetzte das Profil nicht mit der gleichen Leidenschaft wie die rechten Accounts gegen Flüchtlinge und es verzichtete darauf, Szene-Jargon zu verwenden, wie z. B. „Antifanten“ als Schmähbegriff für Linke oder „Gender-Gaga“ als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle und Feministinnen. Trotzdem schien aber auch „MarkusWiedmann“ etwas gegen Homosexuelle, Frauen und Linke zu haben. Außerdem, und auch das fiel auf, bereitete es ihm offenbar ein perfides Vergnügen, Raucher mit den gesundheitlichen Folgen ihres Zigarettenkonsums zu quälen.

Die eigentümliche Mischung, mit der „MarkusWiedmann“ eine gewisse sprachliche Gewandtheit zusammen mit rohen Diffamierungen verwendete, hob ihn auch sprachlich von der „klassisch“ rechten Internetszene ab, wo eher unbefangen drauflos gemeckert wird, ganz in dem Bewusstsein, sowieso recht zu haben. Der „Wiedmannsche“ Sprachduktus dagegen passte sehr gut zu jenem bizarren Hater-Typ, dem es in erster Linie darum geht, andere herunterzuputzen. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Polit-, Kultur- und Medienbereich werden z. B. im Internet mit vermeintlich mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen aufgezogen oder es wird ihnen recht barsch eine grundsätzlich fehlende Sachkenntnis unterstellt. Der Tenor ist immer wieder: Jeder Vollidiot würde es besser machen. Oder aber zumindest jemand wie „MarkusWiedmann“?

Es ist eine Sache, sich verkannt zu fühlen. In vielen geisteswissenschaftlichen Bereichen kommt langfristig tatsächlich nur noch unter, wer „Beziehungen“ hat und „Liebling“ irgendwelcher einflussreichen Leute ist. Konkurrenzkämpfe werden oft unfair, manchmal sogar mit kriminellen Methoden ausgefochten, so dass Feindseligkeiten nicht ausbleiben. Dennoch wird dadurch nicht jeder zum sadistischen Troll mit Rechtsdrall. Ganz abgesehen davon, dass es eigentlich gerade dieses asoziale Konkurrenzverhalten ist, das wütend macht und das passt eben wie die Faust aufs Auge zu Internet-Hatern wie „MarkusWiedmann“. Außerdem, und das sollte zu denken geben, sind es bei weitem nicht nur die erfolgreichen, glühend beneideten Profis, die verbale Prügel einstecken müssen.

5. Eine ehemalige Punkerin landet bei der AfD

Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, wie man die Dinge einschätzen soll. Sprüche wie z. B. „Die ist doch viel zu hässlich, um hetero zu sein!“ ordnet man zunächst normalerweise als homophob ein. Allerdings zweifelt man dann gleich wieder an der eigenen Wahrnehmung. Denn die Männer, die so etwas sagen, haben eigentlich ansonsten nichts gegen Homosexuelle, vielleicht kokettieren sie sogar damit, selbst auch in irgendeiner Weise „sexuell abweichend“ zu sein, vielleicht ziehen sie zum „Transgenialen Christopher Street Day“ in Kreuzberg sogar mal einen Rock an. Ist Homophobie dann überhaupt noch Homophobie? Und kann man von Frauenfeindlichkeit sprechen, wenn es um Männer geht, die doch selbst den Mut haben, auch ihre weiblichen Seiten zu leben?

Vielleicht geht es schlicht ums Verarschen. Oder jemand ist „mit der Maus ausgerutscht“, eine Spezialität, mit der diverse AfD-Politiker von sich reden gemacht haben: Man provoziert mit einem markigen Spruch, der offen diskriminierend sein darf, gern auch mal mit Anleihen an den Nationalsozialismus, und nimmt es dann ein paar Tage später einfach wieder zurück, indem man irgendeine fadenscheinige Erklärung abgibt, warum das alles nicht so gemeint war. Neben einem wie Jerôme Boateng wolle man doch nicht wohnen, ließ Alexander Gauland z. B. im Mai diesen Jahres verlauten. Bei näherer Betrachtung, im Kontext, war da nichts Rassistisches dran, jedenfalls nicht im engeren Sinne – hieß es. Auch Beatrix von Storch wollte wohl nicht wirklich auf Frauen und Kinder schießen lassen, ihr ist eben nur das besagte und auf Twitter bekannt gewordene Malheur mit der Computermaus passiert. Mal sollen Homosexuelle im Gefängnis landen, dann wieder hebt man hervor, dass die AfD selbstverständlich auch die Interessen Homosexueller vertrete. Alles in der Schwebe zu halten, die Öffentlichkeit zu schockieren, Beifall vom rechten Rand einzuheimsen, sich aber nicht wirklich etwas zu vergeben, scheint hier das Kernprinzip zu sein.

Sibylle Schmidt dagegen meint es offenbar ernst. Schmidt, das Kreuzberger Urgestein, die Anarcho-Punkerin und Szenegröße, die mit „Haschrebell“ Bommi Baumann befreundet gewesen ist, für die linksalternative Berliner taz gearbeitet hat und mit einem Peruaner verheiratet ist, kandidiert jetzt für die AfD und sagt zu Journalisten Sachen wie: „Verstehen Sie, ich hab‘ einfach keinen Bock, von solchen Unfruchtbaren regiert zu werden.“* Damit meint Sibylle Schmidt Monika Herrmann, die regierende Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, die grün ist und offen lesbisch lebt. Unverhohlener kann man (bzw. frau) eine homophobe Einstellung wohl nicht zur Schau stellen.

*zitiert nach: „Auf Kreuzzug in Kreuzberg“ v. Robert Pausch, in: Cicero v. 12. September 2016.

Vielleicht ist Sibylle Schmidt ein Phänomen, an dem sich die Medien jetzt abarbeiten. Auf dem etwas dubiosen und laut Wikipedia Putinfreundlichen Nachrichtenportal „Sputnik“ erhält die ehemalige Punkerin jedenfalls eher ein Forum, ihre politischen Beweggründe für den Wechsel zur AfD darzulegen. Die Fragen lassen sogar ein besonderes Interesse daran erkennen, Schmidts punkig-alternative Vergangenheit im Szene-Kiez scheint nicht so sehr im Mittelpunkt zu stehen.

*Quelle: „Toughe Leute, die es ernst meinen“ v. Armin Siebert, auf: „Sputnik“ v. 11. August 2016.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis, denn Armin Siebert, der das „Sputnik“-Interview mit Sibylle Schmidt geführt hat, ist nicht nur Journalist und Übersetzer, sondern auch ein in Insiderkreisen bekannter DJ, eine Berliner Größe auch er, jemand, der sogar dem Goethe-Institut als Mittler zwischen den Kulturen gilt*, kurz: ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der irgendwo zwischen Prekariat und internationalem Ruhm lebt, nicht rechts, aber auch nicht ganz dagegen, nicht mehr wirklich im linken, liberalen Lager, auch wenn es vielleicht nach außen hin nach wie vor so aussieht, sondern die Grauzone. Vielleicht ist das das eigentliche Problem.

*Quelle: „10 Fragen an Armin Siebert“, To4ka-Treff – „Das deutsch-russischsprachige Portal für Austausch und jungen Journalismus“ v. Juni 2011.

**Sollte unter dem Namen „MarkusWiedmann“ ein Twitterprofil existieren, dass zu einer gleichnamigen real existierenden Person gehört, die nicht in erster Linie hatet, möchte ich hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass das von mir besprochene Twitterprofil im Laufe des Jahres 2016 aktiv war (in verschiedenen Varianten, d. h. „MarkusWiedmann1 -…“) und tatsächlich immer wieder Frauen und Linke angegriffen hat (Beispiele: „Markuswiedmann6“ twitterte am 27. Juli 2016 als „Antwort“ an Timo Reinfrank (Amadeo Antonio Stiftung): „Gehirngewaschene Propagandafuzzies wie Du und Deine Stasi-Kumpanen WERDEN SCHEITERN!!!!111!!“, in einem weiteren Tweet forderte das Profil, Reinfrank solle in die Psychiatrie eingewiesen werden; Den nicht unbedingt linken, aber Putinkritischen Journalisten Golineh Atai (ARD) und Ingo Mannteufel (CDU/CSU, Deutsche Welle) twitterte „MarkusWiedmann5“ am 19. Juli 2016: „Halten Sie den Mund! Sie und Ihresgleichen in den ÖRR machen Goebbels und dem RPM Konkurrenz.“. Beliebte weitere Zielscheiben von „MarkusWiedmann“ scheinen u. a. die Journalistin Ines Pohl (taz, Deutsche Welle) und die Politikerin und Internetaktivistin Julia Schramm (Piratenpartei, Linkspartei) („markuswiedmann7“: „laber nich rum, Du bist eine prinzipienlose Möchtegern-Polit-Hure ohne eigene Überzeugung. FDP, Piraten, jetzt Linke – hau ab“ am 7. August 2016)  zu sein, Zugriffe jeweils am 17. September 2016. Als Beleg sollte das reichen). Hier soll allerdings nicht suggeriert werden, jemand, der zufällig den gleichen Namen hat, sich aber nichts hat zu Schulden kommen lassen, habe Hatespeech betrieben.

 

Sozialismus, Despotismus, Burka?

Hammamet, Tunesien: ein kleines Städtchen, von der Größe her etwa zwischen Neumünster und Ingolstadt, mir v. a. ein Begriff, weil der italienische Politiker Bettino Craxi (PSI, entspricht der deutschen SPD) hier seine letzten Lebenjahre im Exil verbrachte, natürlich nicht, ohne sich in der Heimat gut die Taschen gefüllt zu haben. In Hammamet findet, so erfahre ich über’s Internet, ein zeitgenössisches Tanzfestival statt: eine ästhetische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt athletische, männliche und weibliche Körper in knapp sitzenden Tanztrikots, kunstvoll zu einer quasi-geometrischen Figur drapiert.

Szenenwechsel: Berlin, vor einigen Jahren: ein kühler Herbstabend, im taz-Café im Zeitungsviertel ist es jedoch stickig-heiß. Die Veranstaltung, ein Polit-Talk, ist gut besucht. Ich sitze ganz hinten in einer Ecke mit Holzbänken und kleinen Tischen, vor mir kauern zwei junge Frauen. Sie tragen bunte, orientalische Gewänder und farblich darauf abgestimmte, mit Gold bestickte Kopftücher. Ich denke bei mir, dass das irgendwie ein bisschen too much ist. Es wirkt eher wie eine Verkleidung, obwohl es wahrscheinlich migrantisches Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen soll.

„Kulturbewusste“ Kleidung, genauer die Burka, wird im Moment heiß diskutiert. Es geht um terroristische Anschläge und Sicherheitsvorkehrungen, aber auch um Einwanderung und kulturelle Differenz. Wie viel fremde Kultur verträgt Deutschland? Und müssen wir uns Sorgen machen, nicht nur um Attentate sondern auch um eine neue Frauenfeindlichkeit? Müssen wir liebgewonnene und oftmals hart erkämpfte Freiheiten preisgeben, um „dem Anderen“, kulturell Differenten mehr Platz einzuräumen – etwas, das ihm, wenn man versucht, eine Perspektive einzunehmen, die beide Seiten berücksichtigt, vielleicht auch zusteht? Oder ist die Debatte am Ende eine Farce, der vielleicht andere, vielleicht sogar urdeutsche Interessen zu Grunde liegen?

TOLERANZ – AUCH WENN ES SCHWERFÄLLT

Fairerweise muss man zunächst einmal festzuhalten, dass viele Deutsche sich ernsthaft bemühen, auf eine fremde Kultur zuzugehen – sieht man mal von ein paar „besorgten Bürgern“ ab, die aber glücklicherweise nach wie vor in der Minderheit sind. Die Mehrheit übt sich in Toleranz. Die Zeitungen sind voll mit engagierten Pro-Burka-Argumentationen. Im Berliner Tagesspiegel hieß es sogar fast schon polemisch, wer die Burka verbieten wolle, müsse auch weiße Socken in Sandalen verbieten. In der taz von gestern wurde fröhlich die Meinung des neuen Deutschlands hinausposaunt: Eine Frau schreibt, wenn sie eine verschleierte Frau sehe, sei sie zuerst einmal neugierig, wer sich hinter dem Schleier verbirgt. Dieses aufregende Neue macht Lust, es zu entdecken. Das klingt nach: Interesse statt Angst, lieber den Mut haben, die Frau, die so ganz anders ist als man selbst, kennenzulernen, statt sich hasenfüßig auf die eigene Scholle zurückzuziehen und sich vor einer Veränderung wegzuducken, die sowieso unaufhaltsam ist. Allerdings brachte der taz-Islamexperte Daniel Bax direkt daneben noch einen anderen Aspekt ein: den wirtschaftlichen, die Saudis.

Und richtig, ich erinnere mich: In Berlin sehe ich ab und zu Frauen, die den Niqab tragen, das schwarze Ganzkörpergewand, das nur einen schmalen Sehschlitz für die Augen freilässt. Es stammt aus Saudi-Arabien, wo der Wahhabitismus, eine besonders strenge Auslegung des Koran, Staatsreligion ist. Eine richtige Burka, die ihrerseits in Zentralasien beheimatet ist und bei der auch die Augen durch ein Netz bedeckt sind, habe ich auch einmal in Berlin gesehen. Und einmal in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Beide Male musste die Frau von einem männlichen Begleiter geführt werden. Sie tapste vorsichtig und kam nur mühsam voran. Dass eine Frau, die die Burka trägt, sich eigentlich hauptsächlich im Haus aufhält und nur wenn es gar nicht anders geht und sie unbedingt nach draußen muss, den Ganzkörperschleier anlegt – in erster Linie um sich vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen – sollte man wissen. Auch dass Frauen in Saudi-Arabien nicht einmal Autofahren dürfen.

BOSNIEN: EIN LAND ENTDECKT DEN SALAFISMUS

Bosnien-Herzegowina dagegen war einmal ein Land, in dem sich Freitags zum Gebet in der Moschee höchstens ein paar alte Männer einfanden. Die Frauen trugen Mini-Röcke und Pumps, die frecheren, vorwitzigeren auch westlich-leger T-Shirt und Jeans. Eine Macho-Kultur zwar, wie die benachbarten christlichen Länder auch, aber eine, in der Männer und Frauen zumindest formal gleiche Rechte haben. Eher Deutschland als Saudi-Arabien, Europa natürlich und eben trotzdem muslimisch. Leider ist Bosnien arm. In den Schaufenstern der Geschäfte locken westliche Markenklamotten, aber nur wenige können sie sich leisten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Vor Jahren gab es Gerüchte, dass es von den Wahhabiten ein Taschengeld gibt, wenn junge Mädchen Kopftuch tragen. Heute gilt Bosnien als europäische Hochburg der Salafisten, u. a. die Welt berichtete davon.

DER „ARABISCHE FRÜHLING“

Ein ähnliches Problem hat auch Tunesien, das Land, aus dem der Attentäter von Nizza stammte und in dem der sog. „Arabische Frühling“ seinen Ausgang nahm: Der tragische Anlass: Die dramatische Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers – ein Verzweiflungsakt, denn Mohammed Bouazizi wusste nicht mehr weiter: ein fehlendes Dokument, eine behördliche Spitzfindigkeit hatte die Existenzgrundlage des jungen Mannes vernichtet. Auf Wikipedia kann man seine Geschichte nachlesen. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien hoch. Christian Caryl schreibt auf Slate.fr, dass die offizielle Arbeitslosenrate bei 15% liege. Die Jugendarbeitslosigkeit müsse man, so Caryl, wohl etwa doppelt so hoch ansetzen. Demnach ist ein Drittel der jungen Leute ohne Arbeit. Ob der greise Staatspräsident Tunesiens etwas daran ändern wird, steht in den Sternen. Beji Caid Essebsi ist nicht unumstritten, der Typ Politiker, auf den man im Westen vermutlich zunächst einmal eher mit einem etwas angesäuerten Lächeln reagiert: Er, der aus der Ben-Ali-Clique stammt, gilt zwar als liberal und reformorientiert, wie ihm sein (deutschsprachiger) Wikipedia-Eintrag bescheinigt, aber es heißt auch, er sei der „neue starke Mann“ Tunesiens, unter dessen Führung in der Vergangenheit auch gefoltert worden sein soll, wie Christian Gehlen im Tagesspiegel schreibt. Nicht zuletzt deshalb kam es, noch bevor Essebsi als – wenn auch demokratisch gewählter Präsident – 2014 im Amt bestätigt worden war, zu ersten Unruhen – die Zeit und andere Medien berichteten davon.

Tunesien scheint ein Land in einer Pattsituation zu sein: Vielleicht ist es auf einen starken, in politischer Hinsicht laizistisch geprägten Politiker wie Essebsi angewiesen, um den islamistischen Terrorismus einzudämmen. Diese Deutung legt zumindest Christian Caryl nahe, der die Fortschritte Tunesiens im Demokratisierungsprozess hervorhebt, sich aber auch fragt, ob nicht vielleicht die harte laizistische Linie, die Tunesien nach der Unabhängigkeit 1956 nach dem Vorbild Mustafa Kemal Atatürks vertrat, den fatalen Prozess der Radikalisierung der Islamisten bereits in Gang gesetzt habe. Kann eine kleine Elite an Politikern, die allesamt aus der Oberschichte des Landes stammen und zumeist in Paris studiert haben, der großen Mehrheit einen westlich geprägten Lebensstil von oben aufzwingen? Provoziert nicht genau das vielleicht umso radikalere Gegenreaktionen? Und hätte es andere, bessere Wege gegeben, Länder wie Tunesien nach der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit zu führen und zu modernen Staaten zu machen, die sich im internationalen Mächtegeflecht behaupten können?

MODELL IRAN – WENN ES SCHIEF GEHT

Im Iran hat man gesehen, wie gründlich Modernisierungsversuche nach westlichem Vorbild schief gehen können und dass Reformer und Modernisierer, die Feinde von Terror und religiösem Fanatismus, nicht unbedingt die good guys sein müssen, genauso wenig, wie diejenigen, die gegen Diktatur und soziale Ungerechtigkeiten aufbegehren, zwangsläufig die bessere Option sind. Schah Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien, gegen den es 1967, bei seinem Besuch in West-Berlin, heftige Proteste gegeben hatte, wollte den Iran zu einem modernen Land auf Augenhöhe mit dem Westen machen. Allerdings lebten nicht nur weite Teile der Bevölkerung in Armut, während der Schah seinerseits einem märchenhaften Luxus frönte, auch offene Meinungsäußerungen waren unerwünscht und wurden im Zweifelsfall brutal verfolgt, wie man in einem kurzen, übersichtlich und informativ gestalteten Online-Artikel im Stern nachlesen kann. 1979 entlud sich die angestaute Wut in der Islamischen Revolution und mündete in dem Regime Ayatollah Khomeinis.

KEIN MÄRCHEN AUS TAUSEND & EINER NACHT

Auch nordafrikanische Staaten wie Tunesien haben eine Menge hinter sich: Kolonialherrschaft, sozialistische Experimente, viel Despotismus, in letzter Zeit immer mehr religiösen Fanatismus und Terror. Der Frage, was besser ist, ob man sich lieber an eine westliche, französisch geprägte Elite halten will, die das Geld mit vollen Händen ausgibt und lieber ihre Kinder auf europäische Internate schickt, als effiziente Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit zu lancieren oder ob man sich wirklich mit einem extremistischen Islam gemein machen will, der mehr oder weniger eine Rückkehr ins Mittelalter fordert und sich dem Kampf gegen die „Kuffar“ (die „Ungläubigen“) mit allen Mitteln, auch mit Terror und Gewalt, verschrieben hat, ist manchmal, als hätte man die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Und auch bei der Diskussion über das Burka-Verbot in Deutschland stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht: Sicherheitsbedenken, weil das Gesicht einer Burka-oder Niqab-Trägerin nicht sichtbar ist? Der Kampf gegen eine extreme, rechtskonservative Ausrichtung des Islam, die in engem Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus steht und dem man deshalb hierzulande keinen Raum geben will? Oder die Angst, die eigene Kultur könne aufgeweicht werden, nicht nur die des christlichen Abendlandes, wie vielleicht die Anhänger von Pegida und AfD fürchten, sondern auch demokratische Werte, wie z. B. die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen?

#koelnhbf – ALLES „RASSISTISCHE HETZE“?

Letzteres ist eine Befürchtigung, die durch die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silversternacht, die v. a. auf das Konto von junger Männer aus Nordafrika gingen, weiter angefacht wurde. Auch wenn viele sich zu Recht wunderten, wie viele konservative und rechtspopulistische Politiker plötzlich ihr Herz für die Frauenrechte entdeckten, wäre es falsch, alles als bloße Hysterie, Islamophobie und latenten Rassismus abzutun. Aklice Schwarzer, die grande Dame des deutschen Feminismus verlor keine Zeit und legte nur kurze Zeit nach den Vorfällen in Köln ein Buch vor, das zunächst wenig Aufsehen erregte, jetzt aber, vermutlich im Rahmen der Burka-Debatte, erneut im Gespräch ist: Der Sammelband „Der Schock. Die Silversternacht von Köln“ sei „eine rassistische Hassschrift“, tat die Netzfeministin Theresa Bücker heute auf Twitter kund und verlinkte auf einen Text im „Missy Magazine“, der das Buch sehr kritisch rezensiert, d. h. eigentlich zerreißt der Beitrag von Mithu Sanyal Schwarzers Sammlung feministischer, islamkritischer Texte in so kleine Fetzen, dass außer den Schlagworten „Faschismus“, „Rassismus“ und „rassistische Übergriffe“ nicht viel übrig bleibt.

DIE RECHTE VON MIRGANTEN GEGEN DIE VON FRAUEN

Sanyal, so wird schnell deutlich, geht es um die muslimischen Männer und die Vorurteile, die weiße Frauen und Islamhasser jeglicher Couleur ihnen entgegenbringen: „Doch hat diese Rhetorik bereits Wirkung, wie die Änderung des Sexualstrafrechts zeigt, in der nicht nur endlich eine „Nein heißt Nein“-Regelung integriert, sondern auch ein Passus eingeschoben wurde, nach dem „nun ein aufgedrängter Zungenkuss schon zu einer Abschiebung in Kriegsgebiete führen kann“, wie die Abgeordnete der Linken, Halina Wawzyniak, bei der Debatte im Bundestag warnte.“ schreibt sie.

Das klingt seltsam misogyn für eine Feministin. Wie würde man bzw. frau denn reagieren, wenn man gebeten würde, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst nicht in Deutschland bleiben könne? Sicher, Sexualstrafrecht und Asylrecht sollten getrennt bleiben. Aber die Argumentation ist schief. Man könnte dann ja von Frauen, wie Sanyal und Wawzyniak auch verlangen, im Zweifelsfall eine Vergelwaltigung nicht anzuzeigen, da der Täter sonst vielleicht ins Gefängnis muss, seine Frau sich von ihm trennt und der Job bei der Sparkasse (oder wo auch immer) futsch ist. Ein Vergewaltiger muss bestraft werden. Punkt. Einfach damit klar ist, dass eine Vergewaltigung kein „Kavaliersdelikt“ ist, bei dem man schon einmal ein Auge zudrücken kann. Übrigens bei niemandem, auch nicht, wenn der Täter Deutscher ist.

FEMINISMUS & KULTURELLE DIFFERENZ

An Netz- und Queerfeministinnen wie Bücker und Sanyal kommt man (bzw. frau) heutzutage nicht vorbei, wenn man bzw. frau sich nicht gerade ausdrücklich als konservativ oder rechts bezeichnet. Und erfahrungsgemäß kommen Vorwürfe aller Art (man bzw. frau sei „rassistisch“, „sexistisch“, „homophob“, betreibe „Orientalismus“, vergreife sich am Kulturgut fremder Kulturen, was einem nicht zustünde, usw.) aus dieser Ecke schneller, als man das Wort „Toleranz“ aussprechen kann. Der Eifer im Einsatz für Frauen, Homosexuelle und andere Kulturen wirkt nicht nur überzogen, sondern gelegentlich auch etwas aufgesetzt. Ein Blick auf Mithu Sanyals Homepage verdeutlichte mir, wie polar die Debatte um Feminismus und Migration offenbar mittlerweile ist. Die freie Journalistin, die eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat, ist, so sieht es zumindest aus, (zieht man mal die Fernsehsender ab) überall dort gern gesehen, wo ich, vielfach ohne in irgendeiner Weise auf mich aufmerksam gemacht zu haben, aggressiv angefeindet wurde. Lange Zeit hatte ich nicht die leiseste Ahnung, warum. Natürlich kann ich Sanyal (und auch Bücker) das nicht anlasten. Es geht wohl – wie gesagt – zu einem guten Teil um ideologische Fronten, derer ich mir nicht bewusst war. Davon abgesehen kenne ich weder die eine noch die andere. Dennoch: zumindest ein Teil der Frauen kämpft mit sehr harten Bandagen und wird dabei schnell unfair, manchmal bis an die Grenze der Verleumdung und z.T. auch darüber hinaus. Nicht, dass ich Alice Schwarzer in Schutz nehmen wollte – die kann es sicher mit gleicher Münze heimzahlen – aber die Deutungshoheit über die Dinge liegt eben auch nicht bei Frauen wie Mithu Sanyal und Theresa Bücker.

Nicht einmal „aus der Perspektive der fremden Kultur“ oder eben der der berühmt-berüchtigten „Anderen“ zu argumentieren, können sie streng genommen für sich in Anspruch nehmen: Bücker als (vermutlich) Bio-Deutsche schon gar nicht, aber auch nicht Sanyal, die zwar eine dunkle Haut, familiär aber keine Wurzeln in der islamischen bzw. arabischen Welt hat. Nicht einmal eine arabische Muslima könnte stellvertretend für alle ihre „Schwestern“ sprechen. Dazu ist der Islam zu facettenreich, die Geschichte arabischer Länder zu wechselhaft und last but not least sind alle Menschen Individuen, ganz gleich, aus welcher Kultur sie stammen. In einer demokratischen Gesellschaft sollte jedem und jeder die Möglichkeit zugestanden werden, ein Wörtchen mitzureden.

DIE BEFREIUNG DER MUSLIMISCHEN FRAU

Fest steht jedenfalls: Die Burka und auch der Niqab sind nicht „typisch“ für den Islam. Deshalb ist es auch falsch und scheinheilig, zu behaupten, man setze sich „für die Befreiung der muslimischen Frau“ – vom Joch der westlichen Bevormundung – ein. Von deutscher Seite, wie es bei der Burka-Debatte z. T. der Fall war, wirken solche Argumente besonders widersprüchlich: Eine fremde Kultur will „die Muslima als solche“ von der fremden Kultur befreien? Natürlich steht es uns ebenso wenig zu, „die muslimische Frau“ in die andere Richtung zu „befreien“ – von der Unterdrückung durch den Islam, den arabischen Mann oder was auch immer. Das müssen die Frauen schon selbst tun. Allerdings können wir durchaus miteinander reden. Gern auch über deutsche Männer und deutsche Gepflogenheiten.

MIT „KANONEN AUF SPATZEN SCHIEßEN“?

Aber zurück zum Burka-Verbot im Rahmen der inneren Sicherheit, als Schutz vor terroristischen Anschlägen. Der wesentliche Grund für das Burka-Verbot in Frankreich und auch in Ländern wie Tunesien war, dass die Person hinter dem Gesichtsschleier nicht identifizierbar ist. Viele Gegner des Burka-Verbotes halten dagegen, dass das Verbot die furchtbaren Anschläge von Paris und Nizzza nicht verhindert habe. Ganz von der Hand zu weisen ist das als Argument nicht. Und vielleicht ist es wirklich in gewisser Weise ein „mit Kanonen auf Spatzen“ schießen, wenn man den Kampf gegen den Terror in erster Linie an einem Bekleidungsstück für Frauen festmachen will.

DIE MUSLIMISCHEN COMMUNITIES UNTER DRUCK

Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Erlaubnis der Burka, mehr noch das entschiedene und sehr lebhafte Engagement der Deutschen gegen das Burka-Verbot, Konsequenzen für die hier lebenden muslimischen Communities haben kann, besonders für die Frauen. Als es zur Debatte stand, ob eine deutsche Lehrerin ein Kopftuch tragen darf, fiel es mir nicht schwer, mir eine Meinung zu bilden: Entweder sind religiöse Symbole an öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten – dann dürfte aber auch das Kruzifix nur an konfessionellen Privatschulen hängen, nur dort dürfte ein Kettchen mit Kreuzanhänger getragen werden – oder aber es ist das gute Recht einer muslimischen Lehrerin, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Sie beeinträchtigt ja niemanden damit. Nur wenn sie es tun würde, wenn sie Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, z. B. als „Schlampen“ vorführen würde, die sich nicht wundern dürften, wenn die Jungs sie respektlos behandeln – dann wäre das Kopftuch ein Problem. Allerdings darf auch ein Lehrer, der der AfD oder Pegida nahesteht, das seine Schüler nicht spüren lassen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Neutralität wahren. Das gilt für alle gleichermaßen.

Was Burka und Niqab betrifft, ist es allerdings nicht damit getan, darauf zu verweisen, dass Deutsche ja auch Krachtlederne und Dirndl tragen dürften. Der Haken ist die Freiwilligkeit. Nur sehr wenige Frauen würden sich wahrscheinlich auch dann vollständig verschleiern, wenn sie das Einverständnis ihrer Familien und/oder Ehemänner hätten, sich westlich zu kleiden oder „nur“ Kopftuch zu tragen. Umgekehrt würden es aber wohl auch nur wenige wagen, sich den Zorn der Eltern, Geschwister und Nachbarn zuzuziehen, vielleicht sogar den vollständigen Bruch mit der Familie zu riskieren, wenn sie den Schleier ablegen. Wäre die Burka verboten, gäbe es ein kleines Schlupfloch. Ist sie erlaubt und wird diese Erlaubnis vielleicht sogar von weiten Teilen der Gesellschaft ausdrücklich begrüßt, muss sie vermutlich da, wo Wert darauf gelegt wird, auch getragen werden. Konservativ-religiöse Kräfte würden innerhalb der muslimischen Communities mehr Gewicht erlangen.

BURKA-VERBOT = BURKINI-VERBOT?

Einen deutlich anderen Akzent hat das „Burkini“-Verbot, das im Moment in Frankreich diskutiert wird. Der „Burkini“ ist eine Badebekleidung für muslimische Frauen, die nicht allzu viel Haut zeigen wollen. Im Prinzip ist es wie eine Leggings mit einem langärmligen T-Shirt, darüber ein kurzes Spaghetti-Trägerkleidchen und oben herum ein Kopftuch. Ein ähnlicher Style war vor ein paar Jahren in Berlin in Mode, ohne Kopftuch auch unter nicht-muslimischen Frauen. Ein Sicherheitsrisiko kann man im „Burkini“ wohl nicht sehen. Und ob die Freiheiten der Frauen, die ihn tragen, eingeschränkt sind oder nicht, hängt nicht von dem Kleidungsstück ab, sondern vom sozialen Umfeld der „Burkini“-Trägerinnen. Vermutlich richtet sich das „Burkini“-Verbot daher tatsächlich eher gegen die öffentliche Sichtbarkeit eines Islam, der sich von europäischen Sitten abgrenzen will, als dass es die französische Gesellschaft besser vor Terrorismus schützen würde.

OFFENHEIT ALS PRINZIP

Dennoch: Der radikale Islam ist weder eine Naturgewalt, noch etwas, das typisch für die arabische Welt wäre. Dass immer mehr junge Leute Halt im Salafismus suchen und vielen von ihnen sich leicht manipulieren und für Terrorakte rekrutieren lassen, hat wohl in erster Linie soziale Ursachen. Vielleicht würde es sich lohnen, Debatten und Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Bosnien, Belgien, Tunesien und anderen Ländern zu beobachten, zu vergleichen und sich da, wo es möglich ist, miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen oder wenigstens aus den Fehlern der anderen zu lernen. In jedem Fall aber muss die öffentliche Debatte hierzulande offen bleiben, auch kritischen Stimmen zur Burka gegenüber. Das zumindest ist meine Meinung und ich bin noch nicht einmal für ein Verbot.

 

Die „Putinversteher“ – Querfront (V)

Man kennt sie noch vom Gymnasium, die Jungs, die eloquent und selbstsicher auftreten, einen mit Fakten bombardieren und am Ende einer Diskussion oft ziemlich dumm dastehen lassen. Wer ein Fach wie Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie oder Soziologie studiert hat, kennt sie auch aus dem Uni-Seminar. Geht es um etwas, von dem man selbst auch ein bisschen Ahnung hat, durchschaut man aber meistens schnell, dass gut gewählte Worte und ein scheinbar schier enzyklopädisches Wissen manchmal denselben Effekt haben, wie wenn jemand ein wildes Tänzchen vor einem aufführt, damit man nicht merkt, was sein Compagnon gerade macht.

Mir ging es beim Lesen von „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (erschienen 2014 im Westend Verlag, Frankfurt/Main) ein wenig so. „Klingt nicht schlecht“, dachte ich. Und dann: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“.

An Wladimir Putin scheiden sich die Geister: Politische Morde, die nie aufgeklärt wurden, Bomben in maroden Wohnblocks, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht am Ende der Staat gelegt hat, Geiselnahmen, die zwar erfolgreich beendet wurden, aber ohne jede Rücksicht auf das Leben der Geiseln und die dubiose Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin, die nie stattgefunden hat – Gründe, dem ehemaligen KGB-Agenten misstrauisch gegenüber zu stehen, gibt es genug.

Dass man trotzdem unweigerlich einen Schritt zurücktritt, sobald einer wie Putin in den Medien zum „bad guy“ aufgebaut werden soll, ist vielleicht ein Reflex aus den Zeiten des Kalten Krieges, als die Sowjetunion für den Westen noch das „Reich des Bösen“ war und „kritisch sein“ v. a. meinte, (oftmals zu Recht) kritisch gegenüber Amerika zu sein. Grundsätzlich gilt aber ja: Sollte man nicht immer erst einmal beide Seiten sehen, bevor man sich ein Urteil bildet?

Putinversteher3

Bröckers und Schreyer, die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“, heben hervor, was Putin in Russland so beliebt macht: Er beendete den Raubtierkapitalismus der Ära Jelzin, als weite Teile der Bevölkerung verelendeten, aber zwielichtige Geschäftsleute quasi über Nacht problemlos zu Multimillionären werden konnten und er sorgte für ein neues nationales Selbstbewusstsein. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hatte man so viel Glück nicht. Kaum dass ein russlandfreundlicher Politiker die politische Bühne betrat, enstand eine Protestbewegung mit publicitywirksamer Symbolik – die Farbe Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien -, bei der – fast schon als Reminiszenz an alte Zeiten – amerikanische Think Tanks im Hintergrund die Strippen zogen.

Es sei jedoch weniger die Sorge um die Menschenrechte, so Bröckers und Schreyer, die den Westen dazu antreibe, sich immer wieder einzumischen, sondern die schnöde Gier nach Rohstoffen und natürlich spielten auch geostrategische Überlegungen eine Rolle.

Ganz abgesehen davon – In den Augen der „Putinversteher“ hat Russland in der Ukraine-Krise legitime Rechte verteidigt, z. B. den Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol auf der Krim, den es gegen rechte Milizen zu schützen galt, die sich – angestachelt vom Westen und von einem faschistoiden Radau-Nationalismus, so die Sichtweise – anschickten, gen Osten zu stürmen. Außerdem sei die Entscheidung des umstrittenen Referendums, dass die Krim zu Russland gehören solle, nachvollziehbar, da die überwältigende Mehrheit der dortigen Bevölkerung russischsprachig sei.

Die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“ schleifen ihre Leser durch eine historische Tour de Force, um um Verständnis für die russische Außenpolitik zu werben: von dem griechischen Historiker Thukydides, über Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli, Carl Schmitt und Stalin bis hin zu dem ukrainischen Faschisten Stepan Bandera werden eine Menge Namen aufgeboten und die Machenschaften transatlantischer Influencer, wie Zbigniew Brzezinski und Victoria Nuland, werden penibel analysiert.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sehr viel unerwähnt bleibt: Im Schlusskapitel wird die Minderheitenthematik z. B. nur kurz gestreift und dann gleich wieder abgebügelt: Die desolate Lage etwa von Homosexuellen in Ländern wie Russland rechtfertige es nicht, dass dafür Bürgerkriege angezettelt würden, so Bröckers und Schreyer. Dass Putin politische Bündnisse mit mehreren quasi-absolutistischen „Alleinherrschern“ und Diktatoren in der Region eingeht und von Putins Gnaden eingesetzte Lokaldespoten, wie z. B. der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, in dem Ruf stehen, auch vor Folter nicht zurückzuschrecken, scheint für die „Putinversteher“ gar nicht erst von Belang zu sein.

Putinversteher2

Richtig gestolpert bin ich aber über den Namen Alexander Dugin, den Bröckers und Schreyer in der Einleitung als ideologischen „Gegenpol“ zur „globale(n) amerikanische(n) Bevormundung“ einführen. Später im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort wird ein bisschen herumgedruckst, dass es Dugin um ein „polyzentrische(s) Eurasien(…) der Traditionen, Religionen und Kulturen“ gehe, das durch einen „starken Staat“ „zusammengehalten“ werden solle. Zwar stufen Bröckers und Schreyer Dugin immerhin als „zutiefst konservativ(…)“ ein, aber sie heben hervor, dass sein Denken ein „Reflex auf den expansionistischen, universalistischen Alleinvertretungsanspruch des amerikanischen Globalismus“ (s. S. 171) sei.

Dugins Wikipedia-Eintrag ist da schon deutlicher: Dort wird Dugin als „Neofaschist“ dargestellt (Version vom 20. Juli 2916), der sich u. a. auf den italienischen Faschisten und Esoteriker Julius Evola beruft. Evola ist in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter: Sein elitäres, metaphysisches Denken spricht rechte Jugendliche, die sich für etwas besseres halten, seit je her an, auch in Deutschland: Am rechten Rand der sog. „schwarzen Szene“, Grufties, Gothics und Mittelalterfreaks, hat man sich mit Evola auseinandergesetzt, ebenso wie in den Kreisen der europaweit agierenden „Identitären“, die hierzulande eng verbandelt sind mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der rechtspopulistischen AfD.

Hier schließt sich der Kreis, denn Putin hat mehrfach die Annäherung an europäische Rechtspopulisten gesucht: Laut Spiegel Online soll der französische Front National finanzielle Unterstützung von russischer Seite erhalten haben. Und der nationalkonservative AfD-Vordenker Alexander Gauland war bereits zum freundschaftlichen Gespräch in der russischen Botschaft in Berlin geladen, wie man z. B. ebenfalls auf Spiegel Online nachlesen kann.

Die Frage ist jedoch, wie das zu linken Spontis passt. Hat sich deren Antiamerikanismus seit dem Ende des Kalten Krieges derart potenziert, dass sie sich jetzt sogar, wenn auch vielleicht nur durch die Hintertür, mit Faschisten und Rechtspopulisten gemein machen, nur um „Uncle Sam“ eins auszuwischen?

Mathias Bröckers, einer der Autoren von „Wir sind die Guten“, schreibt u. a. für die linksalternative Berliner „Tageszeitung“. Er betreute offenbar auch den Internetauftritt der taz, engagiert sich für die Legalisierung von Cannabis und war mit dem Hanfaktivisten Wolfgang Neuss befreundet, wie sein Wikipedia-Eintrag einen informiert. Neuss erlangte mit dem Statement, er würde sogar den Strick, an dem man ihn sonst erhängen würde, rauchen, eine gewisse Berühmtheit in Hippie-Kreisen. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Ich selbst habe es von jemandem, der der taz nahesteht.

Kiffer, Ex-Hippies und „Gutmenschen“ also, die sich für autoritäre Regimes begeistern und mit dem rechten Rand paktieren? Das klingt ein bisschen, als sei da jemand auf dem falschen Trip hängen geblieben. Allerdings muss man sagen, dass Bröckers in der Berliner Linken einen Stein im Brett zu haben scheint. Außerdem hat er sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und fand auch nichts dabei, sich über zwei Stunden auf KenFM von Ken Jebsen interviewen zu lassen.

Die Querfront lässt grüßen. „Wir sind die Guten“ kann vielleicht zu einem ihrer politischen Standartwerke werden.

Noch mal Hass. Diesmal #Dallas

„Das lass ich mir doch von dir nicht bieten!“ brüllt eine Männerstimme*. Ganz plötzlich hängt eine Aggression in der Luft, die mich instinktiv alarmiert. Ich hatte etwas am Rande gestanden, war eine Zigarette rauchend meinen Gedanken nachgehangen. Zwei Männer im Streit, d. h. einer hat wohl auf der Bank gesessen und dann ist der andere gekommen, der mit dem lachsroten Hemd*, dessen Halsschlagader jetzt angeschwollen ist, das Gesicht wutverzerrt und passend zum Hemd knallrot angelaufen, zetert er weiter. Ich halte mir die Ohren zu, weil das nervt. Hier laufen so viele rum, bei denen man den Eindruck hat, dass da irgendwie eine Schraube locker ist. Zumindest kann ich nicht jedes Verhalten nachvollziehen. Allerdings weiß ich auch nicht, was der alltägliche Wahnsinn ist und was im klinischen Sinne „nicht normal“. Gründe, sich aufzuregen, gibt es in einer Millionenstadt wie Berlin schließlich genug. Zum Glück sind fast immer ein, zwei Leute zur Stelle, die eingreifen und die Situation entschärfen, so auch jetzt. Freundlich angesprochen zu werden, hat den im lachsroten Hemd verunsichert. Er dreht sich um, seine stahlblauen Augen flackern*. Er schreit: „Das lass ich mir aber nicht bieten! Nicht von dem!“ Was genau, ist nicht klar. Gefühlt 30 Sekunden später sagt der Mann mit einer wieder normal klingenden Stimme: „Ja, klar, stimmt. Das ist es gar nicht wert.“ Uff, denke ich. Nochmal gut gegangen.* Es soll schon welche gegeben haben, die plötzlich ein Messer in der Hand hatten ….

In Dallas ist vor ein paar Tagen ein Profi durchgedreht. Ein Sniper, ein Heckenschütze, der für die US-Army in Afghanistan war, tötete fünf Polizisten, die eine Black-Lives-Matter-Demo schützen sollten, wie die Medien berichteten. Spiegel Online und andere warten nun mit Details auf: Micah Johnson, so heißt der Mann, habe unter Wahnvorstellungen gelitten. Er habe „Polizisten dafür büßen lassen wollen, dass sie (…) Schwarze bestrafen.“, so der genaue Wortlaut in der auf SPON veröffentlichten Nachricht.

Allerdings – und auch wenn das Blutbad von Dallas einfach nur furchtbar ist und auch niemandem genützt hat, eher im Gegenteil – aber ganz so wahnhaft ist die Vorstellung, dass Polizisten Schwarze wie Menschen zweiter Klasse behandeln, eigentlich nicht. Sicher, der Einwand, auch Polizisten müssten sich schützen und in einer Gegend, wo (schwarze) Drogendealer an jeder Ecke herumlungern und Waffenbesitz kein Problem ist, bedeute das nun einmal, einem Verdächtigen, der irgendwo hingreifen will, die Dienstpistole vor die Nase zu halten, bevor der auf dumme Gedanken kommt, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nur ist die Liste der jungen schwarzen Männer, die in den USA aufgrund eines unverhältnismäßig brutalem Vorgehen seitens der Polizei zu Tode gekommen sind, zu lang. Freddy Gray aus Baltimore z. B. starb nicht durch eine Kugel, die sich in einer Überreaktion aus einem Polizeirevolver gelöst hat, sondern in einem Polizeiwagen, in dem er gefesselt und unangeschnallt hin- und hergeschleudert wurde, so dass er sich schließlich einen Genickbruch zuzog. Das kann man auf Spiegel Online und anderswo nachlesen. tagesschau.de berichtet, was so wütend macht: Zur Rechenschaft gezogen wurde keiner der Cops. Der Tod eines Schwarzen scheint nicht genug ins Gewicht zu fallen, als dass dafür Karrieren einen Knick erhalten müssten.

Und von vornherein „verdächtig“, so könnte man denken, ist ein schwarzer Mann sowieso. Die Vloggerin GloZell Green versuchte 2015, dem Ganzen in einem Youtuber-Interview mit Präsident Barack Obama einen humorigen Touch zu geben. Zwar ist die exaltierte Art der Komikerin mit dem giftgrünen Lippenstift zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber als sie im Video sagt, dass ihr Mann ihr böse sei, weil sie von all seinen Hoodies die Kapuzen abgeschnitten habe, ist sofort klar, worum es geht. Selbst ein Schwarzer aus der Mittelschicht könnte im lässigen Freizeitlook leicht zur lebenden Zielscheibe werden.

Obama versucht, die Youtube-Komikerin mit einem Maßnahmenkatalog zu beruhigen, der zur Besserung der Lage beitragen soll: eine Sensibilisierung für rassistische Vorurteile, Bodykameras, die das Verhalten von Polizisten besser dokumentieren sollen, eine Task Force, in der Polizei und AktivistInnen zusammenarbeiten. Das meiste davon ist umgesetzt worden. Geholfen hat es bislang nichts. Ist es nicht zynisch, dass der Rassismus gegen Schwarze sich ausgerechnet unter einem schwarzen Präsidenten wieder so unverhohlen seine Bahn bricht?

Allerdings ist auch Barack Obama kein Zauberer. Und es ist keine Hautfarbe, die regiert, sondern ein Politiker, der eine dunkle Hautfarbe hat und außerdem dem liberaleren Lager angehört. Dass so jemand Widerspruch provoziert, kann man sich denken. Ganz so einfach lassen sich rechtskonservative Kräfte im Allgemeinen nicht von der politischen Bühne verdrängen. Das weiße, tiefreligiöse und erzkonservative Amerika hat, wie nicht nur das Beispiel Donald Trump zeigt, nach wie vor etwas zu sagen und dass es als politischer Faktor auch immer noch mehr als präsent ist, hat u. a. der Journalist Tom Gogola in einem längeren, am 31. 12. 2015 veröffentlichten Artikel auf Salon.com anhand zahlreicher Beispiele nachgewiesen.

Damit man bei all dem Wahn und Wahnsinn, der uns umgibt, nicht in Verschwörungstheorien abdriftet, muss man sich allerdings am Riemen reißen: Es ist vermutlich kein politisches Programm, sondern ganz einfach Alltagsrassismus, das tief verwurzelte Denken, jungen Schwarzen gegenüber könnte man sich schon mal etwas rausnehmen, da käme es nicht so darauf an, das einige Polizisten in den USA immer wieder zu schnell zur Waffe greifen und zu brutal zuschlagen lässt. Die Opfer von Polizeigewalt und deren Angehörige haben jedoch ein Recht darauf, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb sollten, finde ich – bei aller Trauer um die getöteten Polizisten, die tatsächlich nur ihren Dienst versehen haben, ohne dabei jemanden etwas zuleide zu tun – die Rachegefühle und die psychotischen Gewaltfantasien einzelner auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt der Debatte gestellt werden. Schließlich geht es darum, dass Menschen die Sicherheit haben können, wie alle anderen behandelt zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. Bis dahin ist es vermutlich noch ein langer Weg.

*Ort, Umstände, Personenbeschreibungen geändert. Da ich solche Situationen schon ziemlich oft erlebt habe, ist es sowieso eher ein Prototyp. Rückschlüsse, die auf real existierende Personen gezogen weden, sind jedoch in jedem Fall falsch.

Unverhofft rechts: die Querfront (III)

Rechte sind dumpfe Stiefelnazis. Oder Biker, die man an ihren mit „eisernen Kreuzen“ dekorierten Kutten erkennt und natürlich daran, dass sie Nazi-Rock hören. Ja, mag sein. Also, die sind auf jeden Fall rechts, aber das bedeutet nicht, dass es andere weniger wären. Laila Phunk stellt 5 soziale Gruppen vor, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie mit rechtem Gedankengut etwas anfangen können:

CD1A

1. Intellektuell und stilsicher – Die Oberschichtsjugend 

„Stell Dich schon mal drauf ein …!“ und „Im Obdachlosenasyl kommst du jedenfalls nicht unter!“ – arrogante Bengel, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Dennoch: gut gekleidet, aus bestem Hause, wie man ganz eindeutig sieht. Sie gehen noch zur Schule oder machen was mit Jura, BWL, Medizin oder Technik. Wer „Arbeitslosigkeit“ studiert ist schließlich selbst schuld! Früher hätte man solche Jungs und ihre feschen Freundinnen der Jungen Union oder den Burschenschaften zugeschlagen. Ganz falsch ist die Richtung auch nicht. Allerdings hat die sog. „Identitäre Bewegung“ ihren Ursprung in Frankreich und ist mittlerweile in vielen Ländern Europas vertreten. Gegen Ausländer haben sie nichts, aber gegen „Überfremdung“. An den Nazi-Quatsch von Schädelvermessungen und Rassetheorie glauben sie nicht, dafür aber an „kulturelle Differenzen“, die im Zweifelsfall unüberwindlich sind. Deshalb soll auch besser jeder bei sich zu Hause bleiben oder zumindest sein eigenes Süppchen kochen. „Ethnopluralismus“ nennt man das und im Prinzip ist es nichts anderes als ein übersteigerter, pervertierter Multikulturalismus. Dennoch sind die „Identitären“ nicht „nur“ konservativ. Im Gegenteil – sie zeigen, dass Rechts Pop ist. Ihre Internetauftritte sind optisch aufwendig inszeniert und auf Stil wird ausdrücklich Wert gelegt. Allerdings wird auch auf eindeutig rechte Magazine, wie z. B. die „Blaue Narzisse“ verwiesen. Fazit: Hier ist ganz klar nur richtig, wer mit dem rechten Rand keinerlei Berührungsängste hat. Genauere Informationen dazu findet man auf den Webseiten der „Identitären“ oder in dem Wikipedia-Artikel zur „Identitären Bewegung“.

CD2

2. Sozial engagiert und basisnah – „Überläufer“ aus der Linkspartei

Eben noch ganz links, jetzt bei den Rechten – Das gab es immer schon – man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler – und leider gibt es das jetzt immer öfter: Die taz berichtete u. a. von Franziska Lorenz-Hoffmann, die in Berlin-Neukölln früher Bezirskvorstandmitglied der Linskpartei war und jetzt ebendort stellvertretende Vorsitzende der AfD ist. Auch der linke Liedermacher Dieter Dehm scheint bisweilen auf Kuschelkurs mit Vertretern der rechten Querfront, wie z. B. Ken Jebsen, zu gehen. Das kann man u. a. im Berliner Tagesspiegel nachlesen. Sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt Dehm einen gewissen „Kredit“ in der Linken, nämlich eine steile politische Karriere, die ihn von der SPD über die PDS bis zur Europäischen Linken geführt hat. Außerdem soll der Westdeutsche Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein, wobei aber bis heute nicht klar ist, ob Dehm tatsächlich aktiv für die Stasi tätig war. Doch woher kommt die neue Affinität mit dem rechten Rand? Antiimperialismus und eine harsche Israel“kritik“, wie sie etwa Jebsen vertritt, und der „Stallgeruch“, den einige der Apologeten der neuen Rechten, wie der frühere „Junge Welt“ und „konkret“-Journalist Jürgen Elsässer verströmen, haben die Querfront sicherlich attraktiv gemacht für die chronisch Unzufriedenen, die schon immer klare Feindbilder hatten und nie vergessen haben, sich scharf gegen „das Establishment“ und alle, die in dem Verdacht standen, dazuzugehören, abzugrenzen. Allerdings hat es hier und da vielleicht auch eine Rolle gespielt, dass die Linkspartei in einigen Regionen Ostdeutschland politisch zeitweise v. a. mit Parteien und Gruppierungen von Rechtsaußen konkurriert hat. Fazit: „Volk“ und „Volk“ können zwar je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, aber es ist eben doch ein und dasselbe Wort.

CD3

3. Friedensbewegt – „Überläufer“ aus dem Grünen-Milieu

Hm, ja, zeitweise fand ich auch, dass Grüne wie Boris Palmer recht damit hatten, Kritik an der Flüchtlingspolitik zu üben. Es klang vernünftig, was der Oberbürgermeister von Tübingen z. B. im Deutschlandfunk forderte: moderatere Tone anzuschlagen, praktische Überlegungen gegen moralische Ansprüche abzuwägen, sozial Schwächere nicht allzu sehr gegen die Flüchtlinge auszuspielen. Als Palmer auf Spiegel Online mit dem Satz zitiert wurde: „Spätestens seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln kommen selbst grüne Professoren zu mir, die sagen: Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen.“, fühlte es sich wie ein dumpfer Schlag in die Magengrube an. Trotzdem: Palmer ist irgendwie die Grenze zwischen sich ereifernden Moralaposteln, die nur zu gern Wasser predigen, selbst aber Wein trinken und Leuten, die zwar links sind, aber daraus keine Religion machen einerseits und schlammgrünen bis stark angebräunten Querfrontlern andererseits. Er selbst ist sicher nicht rechts.

Dass sich im Grünen- und Ökomilieu vereinzelt aber auch Menschen bewegen, die möglicherweise anfällig für Blut-und-Bodentheorien sind, kann man sich denken: „Heimatschutz“, eine „neue Natürlichkeit“ in der Frauenfrage, ein hohes Gesundheitsbewusstsein – das rotbackige, blonde Mädchen vom NPD-Plakat spricht eben nicht nur Skinheads und ewig Gestrige an. Trotzdem hatte ich zunächst Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass Grüne, Friedensbewegte und „Spontis“ ins rechte Lager gewechselt sein sollten. Ein Beitrag aus dem Magazin „Report München“ des bayrischen Rundfunks belehrte mich eines Besseren: Da ist zum einen der, wie es heißt: „Urgrüne“ und ehemalige Kriegsdienstverweigerer Ludger Sauerborn, der jetzt die AfD unterstützt, aber auch Reiner Braun wird erwähnt, seines Zeichens Friedensaktivist, Journalist und Historiker, ein ehemaliger Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wie sein Wikipedia-Eintrag einen wissen lässt. Ein Intellektueller also, den Mahnwachen und sein Engagement für den Weltfrieden offenbar mit Leuten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer an einen Tisch gebracht haben. Die in mehreren deutschen Städten stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“ oder auch „Montagsmahnwachen“, an denen Braun und andere teilnahmen, wurden von Lars Mährholz organisiert – auch so eine zwielichtige Figur: ein „Unternehmer, Journalist und Berufsfallschirmspringer“, wie er auf Wikipedia bezeichnet wird. Mährholz selbst scheint sich als „unpolitischen Hippie“ zu sehen, der sich einfach ganz pragmatisch engagieren will. Das zumindest schreibt Stefan Lauer über die Selbstdarstellung des Mahnwachen Organisators in einer Vice-Kolumne. Allerdings steht dort auch, dass sehr viel dafür spricht, dass Mährholz eine Anbindung an das rechtsextreme Milieu hat.

CD4

4. Wertkonservativ und selbsbewusst – Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund schneiden sich eigentlich ins eigene Fleisch, wenn sie rechts wählen – könnte man denken. Nur blendet man dann auch aus, dass rechtskonservatives oder auch rechtsextremes Gedankengut nicht allein eine deutsche oder europäische Spezialität ist. Nicht alle Menschen wandern aus, weil sie neugierig auf eine fremde Kultur sind. Im Grunde tun das die wenigsten. Also wandert ihr Denken einfach mit, ganz gleich, ob es unpolitisch, links, liberal oder auch konservativ bis rechts ist. In Deutschland gibt es z. B. die „Grauen Wölfe“, türkische Nationalisten, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden – und z. T. offenbar gute Kontakte zur CDU haben, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Der Sprachwissenschaftler und Konferenzdometscher Achille Demagbo aus Benin in Westafrika dagegen ist in der AfD aktiv. Matthias Matussek hat ihm in der „Welt“ einen längeren Artikel gewidmet. Und die „Junge Alternative“, die Jugendbewegung der AfD kann mit The Hao Ha auch einen Asiaten in ihren Reihen verzeichnen. Von dem oberflächlichen und im Kern leider auch leicht rassistischen Denken, Ausländer könnten gar nicht rechts sein, weil sie Ausländer sind, wird man sich also wohl verabschieden müssen.

CD5

5. Liberal und leistungsorientiert – Lesben und Schwule

Über Homosexuelle, die AfD wählen, könnte man das Gleiche sagen wie über rechte Migranten, denn die AfD macht immer wieder mit homophoben Ausfällen von sich reden. Die „Kernfamilie“ aus Vater, Mutter, Kind gilt ihnen wie anderen rechtskonservativen Kräften als „Keimzelle der Gesellschaft“. Dennoch scheint der wirtschaftsliberal eingefärbte deutsche Rechtspopulismus im Homosexuellenmilieu durchaus Fuß fassen zu können. Es gibt sogar eine „Bundesinteressengemeinschaft Homosexueller in der AfD“ und mit Alice Weidel outete sich in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ auch eine AfD-Frau öffentlich als Lesbe. Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau ist Weidel außerdem noch, wie u. a. Malte Henk, der „auszog, um die AfD zu verstehen“, in der „Zeit“ berichtete. Weidel gehört wohl eher dem wirtschaftsliberalen Flügel der AfD an und hat vermutlich weniger mit dem deutlicher rechtslastigen um Männer wie Björn Höcke und André Poggenburg zu tun, wo auch schon mal offen rassistische Statements fallen dürfen, ohne dass sich jemand groß aufregt. Andererseits: Rassismus und Homosexualität schließen einander nicht prinzipiell aus. Und schwule Männer sind tatsächlich oft Opfer homophober Attacken seitens junger Männer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Dass dem einen oder anderen da irgendwann die Hutschnur platzt, mag man sich vielleicht irgendwie erklären können. Dennoch macht es nicht jeden ausländerfeindlich. Es gibt Homosexuelle, die wollen einfach nicht attackiert werden und solche, die gleichzeitig noch gern „die Moslems“ aus Deutschland rausschmeißen würden. Letztere dürften sich von der AfD verstanden fühlen – aller homophoben Hasstiraden zum Trotz.

CD6

Vielleicht, so könnte die Quintessenz dieser kurzen Übersicht über die neuen Rechten lauten, kann man letztendlich niemandem mehr trauen. Aber ich glaube, es geht nicht um Paranoia und Verschwörungstheorien. Und natürlich sollte man mit vorschnellen Bezichtigungen vorsichtig sein. Denn leider gibt es auch Linke, die ihre Rivalen und Rivalinnen nur zu gern als „rechte Schweine“ vorführen, obwohl das gar nicht stimmt. Neulich hörte ich ein ältliches Muttchen vom Theodor-Heuss-Platz höhnen: „Ach und die Kiffer sind auch so rechts oder was?!“. Nein, sind sie nicht. Aber sie sind auch nicht automatisch links, nur weil es vor 40 – 50 Jahren vielleicht mal in Mode war, dass linksintellektuelle Hippies kiffen. Und im Übrigen gibt es durchaus Leute aus dem Drogenmilieu, die Kontakte zur politischen Rechten haben. Sogar in der AfD gab es Strömungen, die für eine überraschend liberale Drogenpolitik eintraten, wie u. a. der Blogger Carsten Dobschat (mit einem entsprechenden Link zu einer gelakten Entwurfsfassung des Parteiprogramms) berichtet. Offenbar ist das aber mittlerweile relativiert worden, schreibt zumindest das Recherchenetzwerk Correctiv.

Trotzdem: das „Gute“ im Menschen macht sich halt nicht an seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten subkulturellen Gruppe, an seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung fest. Das „Böse“ allerdings auch nicht. Wer das verstanden hat und sich fernhält von Leuten, die einen triezen, unter Druck setzen und aufhetzen wollen, läuft wohl nicht so schnell Gefahr, in die Falle der Querfront zu tappen.