Edition F: Frauen zwischen Business-Etage & Latte macchiato

… MUSS JA NICHT UNBEDINGT ETWAS SCHLECHTES SEIN

She-Boss: Frauen und Business, ein heikles Thema, denn die moderne Frau von heute will nicht Heimchen am Herd sein und trotzdem ist „Karrierefeminismus“ à la Sheryl Sandberg out. Das zu betonen ist v. a. den zur Zeit so angesagten Queerfeministinnen wichtig und die geben immerhin was Frauenthemen betrifft, die Marschrichtung vor. In diesem Dilemma ein Online-Magazin für Frauen zu gründen, das seine Zielgruppe erreicht und den Schwerpunkt „Business“ dabei nicht aus den Augen verliert, ist zweifelsohne ein gewagtes Unterfangen. Dennoch, der Erfolg scheint Edition F recht zu geben, wie Nora Burgert-Arp das Magazin Ende 2014, nur kurz nach der Gründung, auf Meedia bereits euphorisch gelobt hat. Und es stimmt, selbst wenn frau sich kaum für Feminismus interessiert und keinerlei Anbindung an die hippe, großstädtische Frauenszene hat – Edition F kennt man irgendwie.

Allerdings ist das Stichwort Vernetzung gleich wieder ein Dämpfer: Vielleicht muss man nur ein bisschen hinter die Kulissen schauen und dann wirkt es eher so, als ob hier junge, hippe Frauen, wie – vielleicht – Nora Burgard-Arp, junge, hippe Magazine wie Edition F pushen, weil dahinter ebenfalls junge, hippe Frauen stehen und frau die Connection vielleicht noch einmal brauchen kann. Das klingt hart und missgünstig, aber es ist das, was der Kommentar von UserIn „Foska“ nahelegt, die Burgard-Arps Artikel als „unnötig einseitig“ kritisiert und darauf verweist, dass es „zahllose andere, ähnliche Initiativen“ gebe, die nur weitaus weniger mediale Aufmerksamkeit als Edition F erhielten. Das stimmt. Aber Nora-Burgard-Arp hat auch recht, wenn sie Edition F ein „Alleinstellungsmerkmal“ attestiert: Tatsächlich haben andere Business-Magazine von Frauen für Frauen andere Schwerpunkte: Jedes für sich genommen lohnt, gelesen zu werden – vorausgesetzt eben, einen interessiert die jeweilige Schwerpunktsetzung.

Auch bei Edition F macht’s die Mischung: Zu den Artikeln gibt’s eine regelmäßig aktualisierte Jobbörse mit handverlesenen Jobangeboten, alle aus dem Bereich Medien und Kreatives, und Webinare, also Online-Seminare, als berufliches Weiterbildungsangebot. Der Anspruch, nicht nur ein Magazin für Frauen mit beruflichen Ambitionen sein zu wollen, sondern auch eine Community, eventuell sogar ein Karrierenetzwerk für Frauen, ist gut umgesetzt: Die entsprechende Zielgruppe wird konsequent und zielstrebig angesprochen: Hauptsächlich, so der erste Eindruck, geht es um junge Akademikerinnen, zumeist Geisteswissenschaftlerinnen, die „was mit Schreiben“ machen wollen und irgendwie eine kreative Ader haben. Die ideale Leserin von Edition F ist vermutlich die typische „Prenzlauer-Berg“- oder auch „Latte-macchiato-Mutti“, die Germanistik, Pädagogik oder Kunstgeschichte studiert hat und, da es ihr in den hart umkämpften Wunschberufen Journalismus, PR, Öffentlichkeitsarbeit und Digitales zunächst nicht gelungen ist, beruflich Fuß zu fassen, jetzt für’s erste zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert.

Das spiegelt sich – im positiven Sinne! – auch in den Artikeln wieder: immer gut geschrieben und professionell für’s Web aufbereitet, dabei aber zwischen „Leser(in)artikel“ und klassischem Journalismus changierend, wird der Community-Gedanke glaubwürdig und gewissermaßen als „Corporate Identity“ vermittelt. Thematisch kommen z. B. „Mompreneurinnen“ zu Wort, Mütter, die nebenher ein kleines Start up am Laufen haben, z. B. einen Online-Shop, und junge Geisteswissenschaftlerinnen, die Zweifel, Sehnsüchte und Probleme in der Berufswelt offen ansprechen, über die wohl jede Frau aus diesem Bereich schon mal nachgegrübelt hat. Lena Lammers z. B. schreibt „Vieles spricht gegen meinen Berufswunsch – warum ich es trotzdem durchziehe“. Von da aus werden einem viele andere, für prekär lebende „brotlose Künstlerinnen“ mindestens ebenso interessante Artikel empfohlen und wie bei jedem guten Online-Magazin erlaubt es die Kommentarfunktion, miteinander ins Gespräch zu kommen, sofern man bzw. frau das will. Die Strategie von Edition F, von Frau zu Frau zu sprechen, geht jedenfalls auf. Lifestyle-Artikel mit aussagekräftigen Titeln, wie „Maxine: „Fast alle Ballettschülerinnen hatten eine Esstörung und die Lehrer wussten das““ (von Marcia Scharf) oder „Warum wir jetzt alle Yoga zu Hause machen wollen“ (von Edition F) sorgen außerdem dafür, dass es nicht beim trockenen „Business only“ bleibt und halten die ursprünglich vielleicht nur mäßig wirtschaftsaffine Community bei der Stange.

Allerdings – so toll der Community-Gedanke auch ist und so sehr er dem Zeitgeist entsprechen mag, wie Nora Burgard-Arp schon 2014 auf Meedia geschrieben hat – in der engen Zuspitzung der Zielgruppe liegt gleichzeitig auch eine Schwäche von Edition F bzw. es ist der Grund, weshalb es eben doch kein „richtiges“ Business-Magazin für Frauen ist und in dem Bereich wohl die anderen, kleineren, aber inhaltlich focussierteren Angebote, von denen UserIn „Foska“ gesprochen hat, die Nase vorn haben: Edition F ist eben wirklich für die „Prenzlauer-Berg-Mutti“ (auch wenn die in München-Schwabing oder Düsseldorf wohnt), sprich für junge, materiell angesicherte Frauen, denen es weniger ums Geld verdienen geht, als um berufliche Selbstverwirklichung und die Eitelkeit, nicht nur „Mutti“ oder „Ehefrau von …“ zu sein. Das ist nichts Falsches. Ganz im Gegenteil: Es ist ein wichtiger Motor und warum sollten Frauen denn auch nicht ihren Beitrag zum öffentlichen Leben leisten wollen? Nur kommt der Aspekt „Geld“, der ansonsten beim Thema „Business“ das A & O ist, bei Edition F eben trotzdem ein bisschen zu kurz.

Dabei gehen die Macherinnen Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert selbst eigentlich ganz bodenständig damit um: Das Magazin kann jede gratis lesen, für die Webinare muss jedoch gezahlt werden und offenbar ist, wie Eva Fischer auf Meedia schreibt, auch ein kostenpflichtiger Premiumbereich geplant. Die Mischung Gratis-Basisangebot und Premium-Account mit allerlei Extras gegen Geld hat sich im Internet mittlerweile bewährt und ist den UserInnen gegenüber auch verhältnismäßig fair. Immerhin können alle partizipieren und ein bisschen Geld kommt trotzdem in die Kasse.

Dennoch: Edition F hat bereits mehrere Investitionsrunden hinter sich, wie Eva Fischer berichtet, und als jemand, der nicht in der Welt der Start ups zu Hause ist, stolpert man beim Lesen von Fischers Besprechung des Frauenmagazins unweigerlich über den Satz: „Die schwarzen Zahlen sind nicht mehr weit weg.“. Zwar ist das noch mal ein dickes ein Lob für Edition F, denn bekanntlich gelingt es jungen, ambitionierten Start ups gerade im journalistischen Bereich kaum, sich überhaupt nennenswert lange am Markt zu halten, aber nichtsdestoweniger ist damit auch gesagt: ohne mehrfache kräftige Finanzspritzen und ein solides finanzielles Backing der Macherinnen, vermutlich von privater Seite, wäre Edition F nicht möglich. Fazit: Zum Lesen wärmstens empfohlen, in punkto „Business“ jedoch, da hat KommentatorIn „Foska“ (siehe oben) recht, eher eine von vielen. Aber das muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein …

Quellen:

  • Art. „6 Gründe, warum alle Edition F lieben“ v. Nora Burgard-Arp, Meedia, 04. 12. 2014.
  • Art.: „Edition F: das Webmagazine für karrierebewusste Frauen macht selbst Karriere“ v. Eva Fischer, Meedia, 29. 09. 2016.

Bad Feelings

Jetzt ist es raus: Innenminister Thomas De Maizière will das Ausländerrecht drastisch verschärfen. Es sei eine Reaktion auf die Anschläge von Würzburg und Ansbach, hieß es in der Tagesschau. Konkret geht es u. a. um die doppelte Staatsbürgerschaft und ein mögliches Verbot der Burka. Außerdem soll die ärztliche Schweigepflicht – sofern ein Patient, der sich in psychologischer Behandlung befindet, verdächtige Äußerungen macht – „aufgeweicht“ werden können.

Das kommt überraschend. Noch vor wenigen Tagen wurde ja darauf bestanden, dass die meisten terroristischen Attentate auf das Konto psychisch gestörter Einzeltätern gingen. Außerdem seien es Europäer – Deutsche, Franzosen, Belgier. Flüchtlinge hätten damit nichts zu tun. Dass es eben doch auch Anhänger des IS waren, die mit dem Flüchtlingsstrom mit eingewandert sind und dass die psychisch gestörten „einsamen Wölfe“ z. T. Drahtzieher im Hintergrund hatten, die sehr gut wussten, was sie taten, war so mühsam unter dem Deckel zu halten, dass die Beschwichtigungsversuche von offizieller Seite wenig glaubwürdig wirkten. Dabei hat wohl nur eine kleine, rechtsradikale Minderheit die Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt und die Situation genutzt, um antimuslimische Ressentiments zu schüren, denn man muss ja schon ganz schön vorurteilsbeladen sein, um für die grausigen Taten einzelner ganze soziale Gruppen verantwortlich zu machen.

Ein bisschen ist es mit dieser Einwanderungspolitik so, wie mit einer Mutter, deren Kinder ein Eis haben wollen und sie kauft ihnen eins. Dann aber noch ein zweites und ein drittes. Auch das vierte Eis müssen die Kinder hinunterwürgen, obwohl ihnen schon längst speiübel ist. Irgendwann kotzen sie dann alles wieder aus. Der Mutter ist kein Vorwurf zu machen. Immerhin wären andere Kinder froh, sie hätten so großzügige Eltern – oder etwa nicht?

Ein ganzes Jahr lang sind die Flüchtlinge hochgejubelt worden. Man bat um Nachsicht, auch nach den sexuellen Belästigungen am Kölner Hauptbahnhof. Die Flüchtlinge seien vielleicht den Anblick halbnackter Frauen nicht so gewöhnt, hieß es. Man müsse Verständnis für die fremde Kultur haben. Sogar hartgesottene Feministinnen äußerten sich z. T. seltsam empathielos: „Das Fatale an der Situation ist, dass wir nur auf sexualisierte Übergriffe von Männern mit Migrationshintergrund gucken. (..) Wenn wir nur auf diese Gruppe schauen und sie als alleinige Täter identifizieren, ist das eine rassistische Annahme.“ wird etwa die Initiatorin des #Aufschrei, Anne Wizorek auf Meedia zitiert.

Eigentlich ging es nicht darum, dass sich nur Männer mit Migrationshintergrund sexuell übergriffig verhalten. Natürlich ist das Quatsch. Die Frage war jedoch, ob ein solches Verhalten mit einer fremden Kultur entschuldigt werden kann. Kann es nicht. Am Strand von Tunesien sonnen sich seit Jahrzehnten europäische Touristinnen im Bikini. In vielen nordafrikanischen Ländern hat es Zeiten gegeben, in denen Frauen selbstbewusst auftraten, berufstätig waren, sich westlich kleideten und über feministische Theorien nachdachten. Der verkitschte Burka-Diskurs, das „Schamgefühl“ exotischer Minderheiten, die man angeblich nicht brüskieren wollte, ist eigentlich eher ein Rückkopplungseffekt migrantischer Parallelgesellschaften in Europa. Allerdings sind auch die muslimischen Länder konservativer, religiöser und intoleranter geworden. Das kann man nicht leugnen. Nur ist es eben nicht so, dass die Leute nicht wussten, worauf sie sich einlassen.

„Es ist ein durchaus signifikanter Anteil der Bevölkerung, der zwar verstanden hat, dass ohne Einwanderung die demografischen Probleme gar nicht zu meistern sind. Der aber gleichzeitig nicht begreifen will, dass Einwanderung nur dann funktionieren kann, wenn die Mehrheitsgesellschaft bereit ist, sich mit und durch ihre Einwanderer auch zu verändern. Dass es also gar nicht funktionieren kann, wie von Pegida, aber auch Vertretern der AfD und manchen Unions-Politikern verlangt, dass auch weiterhin die christlich-abendländische weiße homogene Mehrheitsgesellschaft zum Standard erklärt wird.“ fasste Ines Pohl, damals Chefredakteurin der taz im Januar 2015 linke Einwanderungspolitik auf Deutschlandradio zusammen.

Genau das ist leider die Frage: Kann man Menschen zwingen, sich für Einwanderer zu verändern? Das wäre, als würde man Gäste zum Abendessen einladen. Natürlich kocht man nichts, von dem man genau weiß, dass die Leute es nicht mögen. Aber was wäre, wenn die Gäste plötzlich vorschlagen, man solle das alte Sofa rausschmeißen? Und außerdem solle die Gastgeberin rauf auf ihr Zimmer gehen, man wolle den Abend lieber mit dem Gastgeber allein verbringen? Das wäre zu viel, nicht wahr?

Dennoch ist es ausgesprochen schwierig, sich in der Flüchtlingsdebatte zu positionieren. Ines Pohl hat insofern recht, als dass auch das (deutsche) rechtskonservative Milieu im Grunde eine Rückkehr zu einer kulturellen „Reinheit“ fordert, die nicht nur nicht zeitgemäß, sondern genauso blödsinnig ist, wie zu behaupten, die Burka sei typisch für Nordafrika (ist sie nicht. Die Burka ist eine zentralasiatische Angelegenheit, manche behaupten sogar, sie sei vorislamisch.).

Man hat den Eindruck, dass es um eine Art Ethno-Disneyland geht, eine folkloristische, schematisch vereinfachte Repräsentation verschiedener Ethnien: Deutschland-Donald, Griechenland-Goofy und Marocco-Mickey, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen. „Europes biggest crisis“, erfährt man auf Politico.eu, ist aber nicht das Hadern mit kulturellen Identitäten, auch nicht Terrorismus oder Einwanderung, sondern „economic“. Junge Leute in Europa haben Angst vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Problemen. Dazu passt das Pochen darauf, wir bräuchten mehr Einwanderung, um unsere Renten zu sichern, nicht. Menschen wie ich zahlen nicht in die Sozialtöpfe ein, weil man an uns ja eben gerade die Sozialversicherungsbeiträge sparen wollte. Ich selbst habe bislang nur 1 Euro Rente zu erwarten und das auch nur durch einen Aushilfsjob. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Einwanderung wollen. Das Problem ist eher das schlechte Gefühl, der Druck den man uns macht. Man hat den Eindruck, dass es fast gewünscht ist, dass sozial schwache Leute mit Aggression und Neidgefühlen auf die Flüchtlinge blicken. Dabei ist mir persönlich noch kein einziger Flüchtling begegnet, der von mir verlangt hätte, die Burka zu tragen oder mir damit gedroht hätte, mir den Arbeitsplatz oder die Wohnung streitig zu machen. Vielleicht ist das mit dem Gegeneinander-Ausspielen eher ein deutsches Problem? Eine Frage, wie man das Thema Einwanderung handhabt und vermittelt?

U. a.  auf n-tv konnte man lesen, wie hoch die Erwartungen an die „übernormal gesund(en)“ „junge(n), dynamische(n) Männer“ waren, die aus dem Nahen und Mittleren Osten zu uns gekommen sind. Jetzt wundert man sich, dass so viele von ihnen psychisch schwer traumatisiert sind. Na ja, sie kommen aus dem Krieg, könnte man darauf lapidar antworten. Vielleicht war es ein Fehler, dass man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, als der Wohltäter der Welt dastehen und sich gleichzeitig junge, robuste Arbeitskräfte sichern wollte. Und nun hat man eben echte Asylbewerber bekommen. Es ist ganz normal, dass jemand, der Gewalt, Terror und Unterdrückung erlebt hat, darauf mit posttraumatischem psychischen Stress reagiert. Zynischerweise beweist es sogar, dass die Menschen mit gutem Recht bei uns Hilfe suchen. Das sollten wir nicht vergessen.

Ob aber eine „Aufweichung“ der ärztlichen Schweigepflicht, wie sie De Maizière gefordert hat, dazu beitragen kann, Terroranschläge zu vereiteln, ist fraglich. Ich glaube, wenn jemand z. B. bei der Beichte konkrete Mordpläne äußert, wäre sogar ein Priester von der Schweigepflicht entbunden. Aber wie will man diffuse „Anzeichen“ psychologisch „deuten“, zumal bei jemandem, der selbst Gewalt erlebt hat? Wäre es nicht wichtiger, den Betroffenen bei der Verarbeitung ihrer schlimmen Erlebnisse zu helfen?

Und will man in erster Linie Schutz bieten oder vor allem einen guten Grund dafür haben, das Projekt der Globalisierung voranzutreiben? Es wäre fahrlässig, die Warnzeichen zu ignorieren, den zunehmenden Rechtspopulismus oder das britische Votum für den Brexit. Man tut auch Einwanderern nichts Gutes, wenn man die Leute immer mehr gegeneinander aufhetzt. Ganz abgesehen davon, dass es durch massive Zuwanderung theoretisch sogar möglich wäre, von außen Einfluss auf politische Entwicklungen in Deutschland zu nehmen. Mir jedenfalls lief es eiskalt den Rücken hinunter, als ich davon hörte, dass auf der pro-Erdogan-Demo in Köln u. a. die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert wurde, zwar nur für die Türkei, aber immerhin: ein nicht geringer Teil der Demonstranden dürfte sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzen, könnte also auch hier „pro-türkisch“ wählen.

Eigentlich ist mir total egal, was in der Türkei ist. Ich kann zwar verstehen, dass Leute, die Angehörige in der Türkei haben, das anders sehen, aber irgendwie will ich nicht indirekt in türkische Angelegenheiten verwickelt werden. Zumal ich selbst auch nicht die Möglichkeit hätte, darauf Einfluss zu nehmen. Ich habe ja keinen türkischen Pass. Was wäre denn zum Beispiel, wenn wir eines Tages einen türkischsstämmigen Außenminister hätten? Das fände ich zwar im Prinzip gut, aber nur, wenn es ein Politiker wäre, der sich für das Wohl aller Bürger unseres Landes einsetzen würde. Was wäre, wenn der Mann aber gleichzeitig auch ein türkischer Politiker wäre, eben weil er auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt?

Viele Türken fühlen sich im Moment vor den Kopf gestoßen, weil viele von ihnen die doppelte Staatsbürgerschaft haben. Vielleicht ist die Frage aber nicht „entweder/oder“, sondern eher eine der Modifikation, z. B. wie schnell man einen zweiten, deutschen Pass erhalten kann, ob es möglich wäre Pässe zu „sammeln“ (weil man hier und da mal ein paar Jahre in einem Land gelebt hat), ob man verlangen könnte, dass Politiker, die höhere Ämter bekleiden, eine ausländische Staatsbürgerschaft aufgeben müssten, ob Kinder, deren Eltern beide (u. a. auch) deutsche Pässe besitzen, trotzdem einen Anspruch auf einen zusätzlichen ausländischen Pass geltend machen könnten, usw.. Vermutlich gäbe es vielerlei Möglichkeiten, die doppelte Staatsbürgerschaft den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Ein Kleinkrimineller, der in der dritten oder vierten Generation in Deutschland lebt und nur noch gebrochen türkisch spricht, ist eigentlich eher ein deutscher Kleinkrimineller. Man kann nicht jeden, der irgendwie Probleme macht, einfach abschieben, unter dem Vorwand, dass er (oder sie) nicht „rein deutsch“ sei. Allerdings muss man Staatsbürgerschaften auch nicht wie Sauerbier anbieten. Wer sich mit aller Kraft gegen diese Gesellschaft aufbäumt und eigentlich in erster Linie auf Abgrenzung bedacht ist, muss auch nach drei, vier Jahren Aufenthalt nicht unbedingt die Möglichkeit haben, die Geschicke des Landes mitzubestimmen.

Ein mittlerer Weg ist immer möglich. Fragt sich nur, ob man ihn gehen will.

 

Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

Flüchtlinge: Ja/Nein/Vielleicht?

Gerade entspinnt sich – print und online – eine recht spannende Debatte über die Flüchtlingskrise. Neu ist, dass sie ohne einen Vetreter der AfD auskommt. Bislang jedenfalls. In dem Beitrag „Riskante Wendemanöver“ auf Zeit Online kritisiert Adam Soboczynski, dass Linke mittlerweile eine „national-sozialdemokratisch konnotiert(e)“ Kapitalismuskritik bemühten, um die Flüchtlingspolitik Angela Merkels zu attackieren. Hat er Recht oder kann man seinen Beitrag getrost in die Ecke der „Wer unsere Flüchtlingspolitik nicht mitträgt, ist sowieso ein Fascho!“-Hysteriker packen?

Natürlich ist es einfach, alle, die monieren, massive Zuwanderung könne einen Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft auslösen, in die Nähe Marine Le Pens und des französischen Front National zu rücken, wie es verschiedentlich getan wurde. Allerdings fordert nicht jeder, der sich gegen ein „alles oder nichts“ in der Flüchtlingspolitik ausspricht, geschlossene Grenzen und – gewissermaßen – „Schutzzölle“ für einheimische Arbeitnehmer.

Die „Kaltherzigkeit“, die Soboczynski und andere beklagen, findet sich vermutlich eher als in der linken Kritik der Flüchtlingspolitik in dem rabiaten Neoliberalismus wieder, der in den 00er Jahren durch ganz Europa (und nicht nur da) wütete. Mit etwas Phantasie konnte natürlich, wer wollte, in der Auslagerung von Arbeitsplätzen und in der sog. „Bolkestein-Direktive“ „Chancen“ für die Menschen außerhalb Deutschlands (und vielleicht auch außerhalb der EU) sehen. Tatsächlich wurden damals aber auch die osteuropäischen Staaten von der vorherrschenden „Schocktherapie“-Mentalität überrollt. Profitieren konnte davon nur, wer, jung, gesund und gut ausgebildet war. Alle anderen blieben auf der Strecke, mussten sich „arrangieren“. Irland, das durch seine Flattax-Politik zunächst ein regelrechtes Jobwunder geschaffen hatte und das beste Beispiel für die Vorzüge der damaligen Wirtschaftspolitik zu sein schien, krachte im Zuge der Bankenkrise dann umso tiefer in die Rezession.

Eine ähnliche Rechnung wie damals scheint auch jetzt aufgemacht zu werden. Sicher, Krieg ist furchtbar und natürlich ist es ein Gebot der Stunde, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Eine Lösung mit humanitären Visa, die auch alten, schwachen, gesundheitlich angeschlagenen oder auch einfach nur nicht so finanzstarken Flüchtlinge zu einer Ausreise nach Deutschland verholfen hätte, ist zwar mehrfach angedacht worden, stand aber bislang nie ernsthaft zur Debatte. Zu uns darf, wer jung und gesund ist und wenn schon nicht gut ausgebildet, dann sollten wenigstens genügend Mittel da sein, um sich die teure Flucht nach Europa leisten zu können.

Man kann sich denken, dass wer vor Gewalt und Terror flieht, alles aufbietet, um dem Ganzen irgendwie zu entkommen. Allerdings ist der Diskurs, der in Deutschland über die Flüchtlinge geführt wird, nicht ganz ehrlich.

Angesichts der absehbaren Massen an Zuwanderern hätte man im letzten Jahr nicht auch noch zusätzlich mit dem demographischen Wandel und „besten Perspektiven“, dem Slogan, dass Deutschland dringend auf Einwanderung angewiesen sei, werben müssen. Dass das Hoffnungen geweckt hat, konnte man sich denken.

In der Folge wurde dann vorgerechnet, wie viele offene Stellen es derzeit gäbe und dass man die Flüchtlinge locker in den Arbeitsmarkt eingliedern könne. Ich habe die genaue Zahl nicht mehr im Kopf, aber es waren deutlich weniger Stellen als schon jetzt Flüchtlinge da sind. Und es wurde natürlich stillschweigend vorausgesetzt, dass diese Stellen auch nur für Flüchtlinge da seien.

Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit sind sicher ein hohes Gut, aber wer dann noch einen draufsetzt, und Deutschen, die unter der Armutsgrenze leben – ganz gleich, ob sie nun Migrationshintergrund oder nicht haben – schon mal präventiv „Sozialneid“ auf Flüchtlinge unterstellt, tut nicht gerade viel, um möglichen sozialen Sprengstoff zu entschärfen.

Im Herbst letzten Jahres, als klar wurde, dass die Flüchtlingskrise sich tatsächlich zu einer Krise ausweiten würde, wurde dann – als sei es nicht genug – auch noch gefordert, Hartz-IV ab sofort für jeden EU-Bürger einzuführen, unter anderem als Erleichterung für die Arbeitssuche. Auch hier wurde mit „Kaltherzigkeit“ argumentiert.

Alles in allem klingt das manchmal eben schon so, als gäbe es ein Bestreben, möglichst viele Menschen nach Deutschland zu locken und die Verteilungskämpfe am unteren Rand der Gesellschaft dadurch zuzuspitzen. „Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit“ klingt dann ein bisschen verlogen, so, als sei es nur ein Deckmäntelchen, für etwas anderes. Nur was könnte das sein?

Natürlich will ich hier nicht alles, was mit den Flüchtlingen zu tun hat, in den Dreck treten. So problematisch Angela Merkels abrupte Aussetzung des Dubliner Abkommens im Herbst 2015 war und so sehr die Kritiker des Türkei-Deals auch Recht haben – vielleicht muss man es erst einmal besser machen. In der Praxis ist es nun einmal oft so, dass man Abstriche machen muss. Man muss vor allem handeln. Und das hat Angela Merkel – zu deren Fans ich nicht gehöre – jedenfalls getan.

Es wäre moralisch auch kaum zu rechtfertigen gewesen, dass ein wohlhabendes Land wie Deutschland die – weitaus ärmeren und zum Teil auch gerade wegen der deutschen Austeritätspolitik sehr viel ärmeren – Länder an der Peripherie Europas mit den Flüchtlingen allein zu lassen. Mir geht es hier auch eher um die öffentliche Debatte. Was steckt hinter den markigen Forderungen vieler Medienleute und einiger Politiker? Warum sind es – neben einigen linken Publizisten – zum Teil gerade Konservative, die sich für eine radikale pro-refugee-Politik stark machen? Und warum war kein „mittlerer Kurs“ – Zuwanderung nicht unbedingt auch noch anheizen, Wirtschaftsmigration nicht auszuschließen, aber auf später vertagen, nicht allzusehr auf armer Bevölkerung herumtreten, usw. – möglich?

Ein denkbares Szenario, wie sich Deutschland unter dem Eindruck sehr starker Zuwanderung weiter entwickeln könnte, wäre natürlich eines, das in die marixistische Richtung geht – und das wäre auch das, was man unter „links“ im eigentlichen Sinne verstehen würde: Wenn man einheimische Arbeitslose und Geringverdiener nicht gegen Flüchtlinge und Einwanderer ausspielen will, muss man Solidarität – auch materielle – stärker von denen einfordern, die gut verdienen. Selbst von dezidiert linken Publizisten wie Carolin Emcke oder Jakob Augstein habe ich bislang allerdings keine derartigen Vorschläge gehört. Begründungen waren immer eher moralischer Natur, dass man nicht „kaltherzig“ sein solle, so was. Im Kern ist es ja richtig, aber es führt eben nicht mehr weiter, trägt nicht dazu bei, die vorhandenen Probleme zu lösen.

Ein weiteres, vielleicht realistischeres Szenario wäre, die Stimmung so weit anzuheizen, die Leute richtig mit Zuwanderung zu triezen, bis dann die nächste Regierung schwarz-blau-gelb wäre. Dann wären die alten Kräfteverhältnisse wieder hergestellt. Die grün angehauchte CDU à la Merkel wäre passé und ein rauher, wirtschafstliberaler Wind könnte wieder ganz ungehindert wehen. Ist es das, was linke Fürsprecher der Flüchtlinge wollen?

Für die gut verdienenden Schichten, denen auch die meisten refugee-Aktivisten und Aktivistinnen angehören, würde sich gewiss nichts zum Schlechteren verändern. Pech hätten eben jene „Protestwähler“, die sich von der AfD ein Gegengewicht zur herrschenden Politik versprechen, sofern sie selbst nicht zu den gut situierten Kreisen gehören. Und natürlich die Flüchtlinge.

Vielleicht gibt es ja doch noch einen dritten Weg. Auch wenn eine Politik des Kompromisses dem einen oder anderen „kaltherzig“ vorkommen mag.

 

Wieviel Berlin steckt in Bernie Sanders?

„Louisiana for Bernie“ – der Tweet fiel mir gestern in der Timeline zu den #USElections sofort auf. Ich habe nur „Bernie“und irgendwas mit „Pizza“ gelesen, Bernie Sanders offenbar, der linksaußen Shootingstar, der es bei den US-Demokraten mit Hillary Clinton aufnehmen will. Der Tweet sah ein bisschen nach Berlin aus: hellblau mit Wölkchen, eine kleine Gestalt, die sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt hat, gezeichnet und mit Schreibschrift, so betont handmade, der absolute Gegenentwurf zu unserer durchtechnisierten Welt. So etwas verbinde ich normalerweise mit alternativen Designermärkten und Upcycling, Orte, wo sich junge, hippe Leute ‚rumtreiben. Ist Sanders so ein Hipsterpolitiker? Der Sohn polnischer Einwanderer bringt ganz schön frischen Wind in die US-Politik: Gegen Studiengebühren, für – vielleicht – die Legalisierung von Hanf und eine Reichensteuer. Das jedenfalls spuckt einem Wikipedia zu Sanders aus.

Andererseits kommen mir Hipster oft eher konservativ vor: freie Drogen, freie Liebe, klar, aber auch sehr konservative Moralvorstellungen. Manchmal sind sie homophob, oft frauenfeindlich und manchmal erschreckend neoliberal, geradezu wirtschaftshörig. Wobei man aber sagen muss – es ist sehr schwer, Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden. Bedeutet Sharing Economy z. B., dass man aus allem, selbst aus dem Privatesten noch ein Business machen muss, wie Harald Staun es nahelegt, der sich als Feuilletonist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem recht aussagekräftigen Titel „Der Terror des Teilens“ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und macht Sharing Economy ehemals stolze Vollzeitberufe, mit denen man noch eine Familie ernähren konnte, zu bloßen Zuverdiensten, wie man es dem Fahrservice Uber nachgesagt hat? – Einen Artikel, der die Lage in Berlin resümiert, kann man u. a. bei der Berliner Zeitung nachlesen – Oder ist die Ökonomie des Teilens am Ende eine Art Selbsthilfe von Leuten, die etwas von der Welt sehen und face-to-face interagieren wollen, die aber wissen, dass sie irgendwie auch Geld verdienen müssen. Den geraden Weg über eine kaufmännische Ausbildung und/oder ein BWL-Studium sind die wenigsten von ihnen gegangen. Was machen kreative Köpfe also? Intelligente Menschen, die niemand praktisch angeleitet hat, denen man aber irgendwie zutraut, dass sie schon wissen, was sie tun?

Aber hm, das führt jetzt alles ziemlich weit von Bernie Sanders weg. Ich habe eigentlich nichts Neoliberales von ihm gehört. Wobei ich zugeben muss, dass ich überhaupt nur hier und da im Internet mal in den US-Wahlkampf ‚reingezappt habe. Dabei stolperte ich u. a. über den Begriff „Bernie Bros“. Vox.com klärt über das Phänomen näher auf: junge, internetaffine Männer, die Bernie Sanders supporten und dafür im Netz schon mal Menschen zu nahe treten, besonders gern Frauen. Das Foto, das den Vox.com-Artikel ziert, löste sofort Antipathien bei mir aus: Der gleiche Typ Lambswoolpulli-tragender, vitaler Jungmannen, der in Berlin regelmäßig die Veranstaltungen verschiedener linker Parteien bevölkert und auch im linken Medienbereich dominiert. Allerdings – kann man wirklich vom Aussehen auf die Anliegen dieser jungen Männer schließen? Annehmen, dass sie sich nicht aufrichtig für die Armen und Schwachen einsetzen, weil sie eben selbst doch gebildeter sind, bessere Beziehungen haben, sich besser durchsetzen können und insgesamt weniger düstere Zukunftsaussichenten haben als andere? Manches, was in Berlin passiert, ist eine Farce und eher eine Pervertierung linker Grundgedanken. Aber das gilt lange nicht für alle, die sich in diesem Bereich engagieren. Auch nicht für alle jungen Männer. Vox.com klärt seine LeserInnen dann auch darüber auf, dass die Lambswoolpulli-Träger auf dem Foto vermutlich noch nie jemanden belästigt haben.

Ich weiß nicht, was ich über den Wahlkampf der us-amerikanischen Demokraten denken soll. Irgendwie hätte ich das nie im Leben gedacht, dass aus dem Mund eines US-Amerikaners mal das Wort „Sozialismus“ kommt, auch wenn es wohl eher wie in Italien gemeint ist, wo „Sozialismus“ „Sozialdemokratie“ meint und nicht so sehr im deutschen Sinne, wo man „Gulag“ darunter versteht. Krass! Und immerhin, wer auch immer in den USA regiert, wird eine Menge Druck auf Europa ausüben …

Allerdings ich hatte gestern auch noch ein anderes Bild in der Timeline: Die „Trump_Campaign“ (wer auch immer sich dahinter verbirgt) twitterte eine zweite Amrika-Phantasie: Ein künstlich-Blonder mit Zahnpasta-Werbung-Lächeln in einem Trupp bis an die Zähne bewaffneter Polizisten – jeder eine schussichere Weste und die Maschinenpistole im Anschlag. Donald Trump, der Kandidat der Republikaner. Aber wer weiß, Rechtspopulismus wird auch in Europa immer hipper. Vielleicht wird ja auch das demnächst „typisch Berlin“ sein: der Rambo, der hart durchgreift, egal, was die linken „Heulsusen“ sagen. Egal, bin erst mal gespannt, wie das in Amerika ausgeht.

Schlagworte zum Montagabend

Schäuble, Wolfgang: CDU-Politik, der sich mit eisernen Sparkursen (Austerität) einen Namen gemacht hat. Positiv gesehen könnte man sagen: „der Maître der schwarzen Null“, was den Staatshaushalt betrifft. Negativ werten könnte man eine gwisse Rücksichtslosigkeit gegenüber sozial Schwachen. Schäubles Austeritätspolitik war – ganz allgemein gesprochen – nicht immer fair. Was hat zum Beispiel hat der griechische Durchschnittsrenter mit den Eskapaden reicher griechischer Reeder zu tun?

Die schwarze Null: So ganz kleinbürgerlich würde ich sagen: Schulden machen ist nie gut. Und wenn man zu sehr über seine Verhältnisse lebt, verliert man natürlich auch irgendwann vollends die Kontrolle über seine Finanzen. Aber mehr als eine Millionen Flüchtlinge zu integrieren kostet Geld. Das kann man da „einsparen“, wo es nötig gebraucht wird (sprich: auf dem Sozialsektor), wobei man sich dann natürlich fragen muss, ob weniger LehrerInnen, weniger KindergrärtnerInnen, weniger und teurere Kita-Plätze, eine weniger gute allgemeine medizinische Versorgung, weniger Hartz-IV und Arbeitslosengeld, weniger und schlechtere, oberflächlichere Integrationsmaßnahmen wirklich das sind, was hilft, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Man kann auch an einen „Flüchtlingssoli“ denken. Wahrscheinlich fänden dann weniger Leute „Willkommenskultur“ gut. Aber viele Leute würden wahrscheinlich auch mehr Bier trinken, wenn es nichts kosten würde. Oder man muss die Staatskassen halt doch belasten.

Sozialneid: Ist irgendwie an sich ein schäbiges Wort. Zumindest finde ich, dass es nicht von einem besonders ausgeprägten Sozialverhalten zeugt, Leuten, die nichts haben und auch auf absehbare Zeit nicht viel mehr haben werden, vor die Nase zu halten: „Guck mal, was die Flüchtlinge alle Smartphones haben! Und du nicht!“ Leider ist es dann auch nicht mehr nur naiv, sondern sogar richtig hirnverbrannt, wenn man sich dann wundert, dass die Leute rechten Rattenfängern hinterherrennen. Aber manche Leute legen es halt auch darauf an, andere „neidisch“ zu machen. Tja, wenn man sonst keinen Spaß am Leben hat. Besser wäre es aber schon, zu sagen: „Ja, er hat ein tolles Smartphone. Na und?! Das heißt doch nicht, dass du keines haben kannst!“

Ausländerfeindlichkeit: Rassisten, Islamophobe, Rechtsradikale und andere Überzeugungs- und Gesinnungstäter sind wohl eher nicht mit den Flüchtlingen überfordert. Auch wenn es manche nicht kapieren, aber sich ängstigen (vor der Zukunft, vor dem Verlust von Job und Wohnung, in manchen Fällen vielleicht auch wirklich vor zu vielen zu fremden Leuten) ist etwas ganz anderes – fundamental anderes! – als rechts zu sein und Leute von Grund auf ablehnen, weil sie woanders herkommen und/oder ein bisschen anders aussehen. Oder – anders ausgedrückt – wer zum Beispiel Angst vor Roma hat, weil er oder sie denkt, dass Roma klauen oder schon mal von ’nem Roma beklaut worden ist, der oder die muss nur mal die Erfahrung machen, dass Roma NICHTS klauen (und dass umgekehrt auch Deutsche bzw. Nicht-Roma lange Finger machen) und schon relativieren die Dinge sich. Wenn aber jemand Roma ablehnt, weil er oder sie Roma nun einmal ablehnt – schon aus Prinzip – dann ist da nichts mehr zu machen. Egal wie nett, wie vertrauenswürdig ein Roma auch wäre, egal wie ähnlich die Hobbys sind und/oder die Persönlichkeit ist, egal, wie gut man sich verstehen würde, wenn der oder die andere deutsch bzw. nicht-Roma wäre – DAS ist Rassismus!

Merkel, Angela: Ihres Zeichens Kanzlerin, versucht die Flüchtlingskrise zu managen, so gut es eben geht. Oder auch stur an einem bestimmten Kurs festzuhalten, da gehen die Meinungen auseinander.Das Problem mit der Obergrenze ist, dass man wirklich nicht sagen kann: „Soundso viele Syrer und dann Stopp“, denn es könnte ja tatsächlich jemand kommen, in dessen Land kein Krieg ist, der oder die aber trotzdem politisch verfolgt wird oder zum Beispiel wegen Homosexualität, jemand, der mit Folter oder vielleicht auch der Todesstrafe zu rechnen hätte. Es wäre ziemlich jämmerlich, solche Leute zurückzuschicken. Da ist es doch besser, man prüft erst mal jedes Asylersuchen im Einzelnen, auch wenn das dauert. Gute deutsche Gründlichkeit, die aber ja manchmal auch nicht das Verkehrteste ist.Klar kann man anderen Ländern in der EU nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Deutschland ist ja nicht der europäische Leithammel und muss sich vielleicht auch manchmal zurückhalten. Aber schade ist es doch und nicht so ganz fair, von den „anderen“, denn die Flüchtlingskrise ist ja ein europäisches Problem. Ob die Türkei die Flüchtlingskrise jetzt für „uns“ lösen kann und ob es okay ist, dafür in Sachen Kurden ein Auge zuzudrücken – das sei mal dahingestellt. Entweder die Flüchtlinge leben da ziemlich improvisiert, sprich: ziemlich ärmlich oder sie werden auf den türkischen Arbeitsmarkt losgelassen und damit wäre das Problem „Konkurrenz unter prekär Lebenden und Geringverdienern“ nur nach Südosten verlagert. Vermutlich haben türkische Niedriglöhner und Arbeitslose noch weniger zu lachen als Deutsche und dass es da zu Rivalitäten und „Sozialneid“ gar nicht erst kommt, ist wenig wahrscheinlich. Fluchtursachen bekämpfen, ja, schön und gut, den Krieg in Syrien, aber es sind ja nicht alle Flüchtlinge aus Syrien. Yep, wir wissen alle: wäre die Welt gerechter, gäbe es weniger Korruption, und so weiter, dann wären auch weniger Menschen auf der Flucht. Zwischen heeren Worten und pragmatischem „Weitermachen wie bisher“, also Nichtstun, kann es wahrscheinlich nur Mittelwege geben.

Die Wahrheit verdrehen & übertreiben: hilft aber nicht. Ganz im Gegenteil: Tote erfinden, wie z. B. am Lageso, spielt den Rechten in die Hände, weil man dann letztendlich gar nicht mehr weiß, was man noch glauben soll. Zu viele zu dramatische herzzereißende Storys haben den gleichen Effekt, wenn dann herauskommt, dass mindestens eine nicht gestimmt hat – oder zumindest sehr stark ausgeschmückt war. Das Gleiche gilt, wenn man versucht Wirtschaftsmigranten bzw. Einwanderer mit als Kriegsflüchtlinge durchgehen zu lassen, perspektivlose Mittelschichtler als Hungerkinder verkauft, Menschen, die eigentlich als „Deutsche“ durchgehen müssten oder bei denen zumindest klar ist, dass sie nichts mit den Flüchtlingen zu tun haben, auch noch einen Happen abhaben wollen usw.. Das Motto: „Nur denen helfen, die es am nötigsten haben“ ist wohl immer schief, weil es immer jemanden gibt, der (oder die) es NOCH NÖTIGER hat. Andererseits kann man natürlich wirklich nicht allen helfen. Also kann man allen ein wenig helfen oder den einen ganz viel und den anderen ganz wenig oder überhaupt nicht. Das führt dann aber zu → Sozialneid. Also lieber nicht zu große Versprechungen machen und dafür jedem und jeder mal die Hand reichen. Zumindest ein bisschen. Das wäre doch auch am fairsten und es ist gut für → offene Grenzen.

Offene Grenzen: Ja, bitte! „Nationale Abschottung“ bringt’s doch nun wirklich nicht. Das zumindest würden eine Menge Berufspendler, die jeden Morgen von und nach Frankreich, Österreich, Schweiz, usw. pendeln, sicher sofort unterschreiben. Außerdem fand man das doch total toll, die ganzen Erasmus-Programme, mit denen man im Ausland studieren konnte, falls man studiert hat oder zumindest, dass man nicht irrelange an der Grenzstation in der Schlange warten muss, bis eine uniformierte, übellaunige Gestalt einen mit einer unwirschen Handbewegung auffordert, Reisepass (und eventuell Visum, Aufenthaltsgenehmigung, Einladung, korreketer Ausreisestempel, usw.) vorzuzeigen, Stempel rein, und dann völlig erschöpft weiter durch’s Niemandsland, am Duty-free-Shop vorbei, aus den Augenwinkeln wahrnehmen, dass andere beiseitegezogen werden, die Reise für sie wahrscheinlich hier zu Ende ist … Nein danke! Aber vermutlich muss man auf dem Teppich bleiben. Wenn man jedem, der kommt ein eigenes Haus und gutes Geld für gute Arbeit verspricht, muss man das auch einhalten und zwar allen gegenüber. Kann man nicht. Und das Eigenheim hat ja unsere Regierung auch niemandem versprochen. Eine gute Mischung aus Realismus und Offenheit wäre vielleicht erst einmal besser.

Multikulti: Bunt = gut. na ja, das gilt wahrscheinlich nicht immer, denn Probleme darf man auch nicht kleinreden. Andererseits: wenn man jetzt so ganz gegen Buntheit, Vielfalt und Verschiedenheit ist, muss man sich fragen, wo man die Grenzen setzt. Voneinander verschieden sind wir doch schließlich alle irgendwie und ein bisschen Platz für den Unterschied ist letztendlich angenehmer, als zu viel Gruppendruck und Konformität. Die Frage ist natürlich auch, ob das Ganze in  einer Art Folklore enden soll, weil man die Leute so „authentisch“ wie möglich haben will, oder ob man akzeptieren kann, dass es Coca Cola vermutlich auch im Atlas-Gebirge gibt. Trotzdem sind ja die kulturellen Unterschiede noch da und das Individuum an sich. So viel Identitätsproblematik kann einen verwirren oder man nimmt es relaxed, mit einer guten Protion gesundem Menschenverstand und der Fairness, die nötig ist, wenn es um Interessenskonflikte geht und Menschen, die einander nicht immer grün sind. Aber das ist ja alles nichts Neues, oder?!

Mensch, bin ich froh, dass ich nicht Politikerin bin 😉

#refugeeswelcome! Auf jeden Fall! Aber das „wie“ würde ich gern zur Diskussion stellen!

Leute mit dem Messer abstechen, nur weil einem ihre Meinung nicht passt – Das ist fast schon ein Rückfall in die Barbarei der politisch schwachen Weimarer Republik! Der arbeitslose Maler und Lackierer, der Medienberichten zufolge (vgl. u. a. die Berichterstattung des WDR) gestern in Köln mit dem Messer auf die für den Posten der Oberbürgermeisterin kandidierende Henriette Reker losgegangen ist, hat wohl kein Problem gesehen. Er wollte offenbar ein Zeichen setzen gegen die Flüchtlingspolitik, die Leute wie Reker in den letzten Wochen vertreten haben.

Entsetzlich, dass Leute versuchen, sich politisch Gehör zu verschaffen, indem sie Politiker attackieren! Reker soll zwar außer Lebensgefahr sein, aber meiner Meinung nach kann man das Attentat getrost als Mordversuch werten. Das Messer, das auf Bildern im Internet und in den Nachrichten zu sehen war, war groß und scharf, der Täter soll der Politikerin gezielt an die Gurgel gegangen sein, es hätte alles ganz anders ausgehen können. Geistig verwirrt war der Hartz-IV-Empfänger wohl nicht, wie es heißt. „Nur“ rechts. Was ist das für ein Land, in dem Leute glauben, es ginge auch mit roher Gewalt?!

Offen gestanden und so abscheulich der Angriff auf Henriette Reker ist – ich bin nicht rechts, ich attackiere keine Leute mit dem Messer und trotzdem finde ich es wichtig, dass man auch Kritik und Ängste äußern darf, hier und da ein Wörtchen mitreden kann, auch und nicht zuletzt, was die Flüchtlingspolitik betrifft. Mein Problem sind nicht die Flüchtlinge, es ist eher der Umgang mit dieser Krise, der mir Angst macht!

refugeeKlartext

So ganz aufrichtig wirkt die Begeisterung für die Flüchtlinge bei einigen Leuten außerdem nicht. Wenn ganz fix davon geredet wird, dass man den Mindestlohn aussetzen müsse, weil man die Leute so angeblich besser in Arbeit kriegt, dann fragt man sich schon: Soll das ein „Sachzwang“ sein? Weil wir den Leuten helfen müssen, weil in Syrien ja Krieg ist, bedeutet das, dass wir uns den Sozialstaat und gute Bedingungen für Arbeitnehmer nicht mehr leisten können? Ist das alles wirklich so unumgänglich?

Nebenbei und für alle, bei denen das In-die-rechte-Ecke-Abdrängen mittlerweile fast schon als Automatismus abläuft: Der DGB ist auch dagegen, den Mindestlohn auszusetzen und die sind nicht rechts. Trotzdem – wenn es um die Flüchtlinge geht, verlaufen die politischen Fronten mittlerweile quer durch alle Parteien: Wenn die Grünen-Politikerin Claudia Roth in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ (Sendung „Nationale Egotrips statt Flüchtlingshilfe: Zerbricht die EU?“ v. 8. Sept. 2015) davon spricht, dass nicht alle Flüchtlinge „verwertbar“ seien und Katrin Göring-Eckardt – ebenfalls von den Grünen – bei „Anne Will“ (Sendung „Solidarität Fehlanzeige: Scheitert Europa an der Flüchtlingsfrage?“ v. 16. Sept. 2015) anmerkt, dass „die Arbeitgeber (…) mit den Füßen scharren“ würden, in Erwartung auf die Flüchtlinge – ja, da muss man sich dann vielleicht nicht wundern, wenn das Hartz-IV-Empfängern und Geringverdienern – die im Übrigen oft auch einen Migrationshintergrund haben! – Angst macht.

ueberGeldreden

Mal ehrlich: so sehr „brauchen“ wir die Flüchtlinge nicht, also in dem Sinne, dass unsere Wirtschaft dringend auf sie angewiesen wäre. Ja, der demographische Wandel ist eine Tatsache, aber durch die Digitalisierung werden zukünftig eher mehr Stellen abgebaut werden und die Leute sind nicht so gut ausgebildet, wie behauptet – im Gegenteil: Da muss jetzt eine Menge Geld ‚reingesteckt werden, um sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Ich bin sehr dafür, dass man sich dafür engagiert, dass Menschen sich integrieren können, aber – wenn ich ehrlich bin und da muss man schon unterscheiden! – das Asylrecht ist nicht dazu da, dem Arbeitsmarkt frisches Blut zuzuführen oder Einheimische unter Druck zu setzen. Asyl meint wirklich nur Schutz vor politischer Verfolgung. Nichts anderes!

Häuserbauen

Dann die Wohnungsnot, die sich mehr als deutlich am Horizont abzeichnet: Vielleicht nehmen wohlhabende Menschen, die daran gewöhnt sind, zwischen verschiedenen Wohnsitzen in verschiedenen Städten zu pendeln (dass das evtl. auch auf die Grünen-Politikerin Claudia Roth zutreffen könnte, legt ihr Wikipedia-Eintrag nahe), das nicht so ernst. Es betrifft sie ja nicht. Diese Phantasielosigkeit, das Unvermögen, sich in andere hineinversetzen zu können, erschüttert mich immer wieder auf’s Neue. Klar, es wurde ja gesagt, dass jetzt in den sozialen Wohnungsbau investiert wird. Das ist sicher richtig – nur kann man Häuser und Mietblocks nicht über Nacht aus dem Boden stampfen. Der Winter steht jetzt vor der Tür. Da kann froh sein, wer nicht obdachlos ist, denn die Notunterkünfte sind ja auch alle durch die Flüchtlinge belegt. Die wiederrum müssen z. T. im Zelt ausharren – bei Minusgraden kaum auszuhalten!

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Ich war immer für offene Grenzen! Ich finde Einwanderung gut und kann auch verstehen, wenn sich Menschen nur deshalb nach Deutschland aufmachen, weil es ihnen um gute Jobs geht. Kein Problem! An meiner Meinung dazu hat sich nichts geändert. Darum geht es auch gar nicht! Der Punkt ist, dass es viel zu viele sind! Das kommt jetzt alles auf einen Schlag und wird sich aller Vorraussicht nach auch in den nächsten Jahren so fortsetzen. Wenn dann immer gesagt wird, dass es „keine Obergrenzen“ geben dürfe, dann fühlt es sich an, als würde einem die Pistole auf die Brust gesetzt. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) äußert sich bei „Frontal 21“ (Beitrag „Hilflos in der Flüchtlingskrise“ v. 14. Okt. 2015, Youtube)  dahingehend, dass man sich, wenn die Leute irgendwo „zusammengeschossen“ würden, darauf einstellen müsse, auch eine ganze Bevölkerung aufzunehmen. In Ordnung. Alle Menschen haben gleiche Rechte, allen steht das Gleiche zu. Sehe ich ja auch so. Aber dann muss man auch Nägel mit Köpfen machen: Mehr als 20 Mio Syrer hätten so gesehen ein Anrecht auf Aufenthalt, Wohnung und Arbeit in Deutschland. Aber es ist ja nicht nur in Syrien Krieg. Und man kann auch nicht verhindern, dass es in Zukunft irgendwo zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt. Zig Millionen Menschen – Das ist irgendwie zu fantastisch. Das kann man einfach nicht leisten! Eigentlich – und das sollte man sich mal ins Gedächtnis rufen! – waren das immer Drohszenarien, mit denen Rechte Politik gemacht haben – und zwar GEGEN Migration!

RefugeeEU

Man muss realistisch bleiben und sich vor Augen halten, dass Ressourcen endlich sind. Und wer humanitär argumentiert, kann auch nicht die hierzulande Ärmsten der Armen – Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger und Niedriglöhner – die Zeche zahlen lassen für eine vermeintlich großzügige Flüchtlingspolitik. Das ist mir nämlich leider auch aufgefallen, dass bislang noch kaum die Rede davon war, die Besserverdienenden finanziell mehr in die Verantwortung zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass man auch den Flüchtlingen nichts Gutes damit tut, wenn man sie in Größenordnungen von Millionen aufnimmt, denn damit lässt man sie sich ja gewissermaßen gegenseitig das Wasser abgraben oder – wie Tina Hildebrandt und Heinrich Wefing in ihrem Artikel „Die Grenzen des Guten“ in der „Zeit“ von dieser Woche – sinngemäß – schreiben: „Jeder Kuchen wird kleiner, wenn viele davon essen.“. Irgendwann sind dann nur noch Krümel übrig, von denen niemand mehr satt wird …

Es ist nicht so besonders großherzig, Menschen auf engstem Raum zusammenzupferchen oder in Zelten schlafen zu lassen – jetzt, wo die ersten Nachtfröste schon da sind. Vielleicht wäre es humaner, die Flüchtlinge bzw. zumindest einige von ihnen darum zu bitten, es auch in anderen europäischen Ländern zu versuchen. Das heißt ja nicht, dass sie nicht wiederkommen könnten – eines Tages, wenn sich alles wieder beruhigt hat – als stinknormale Einwanderer. Warum eigentlich nicht?