Donald Trump & die Linkspartei. Oder: Warum die Herausforderung größer ist als man denkt

Hat Donald Trump die Linkspartei unterwandert? Das wäre eine „Internationale“ mal der ganz anderen Art. Allerdings hat die Linkspartei tatsächlich ein rechtes Problem. Sie konkurriert nicht nur mit der AfD um Wähler, um die Abgehängten, die „Wutbürger“ und die ostdeutschen Stammwähler, also die Zielgruppen, die eigentlich ihr traditionelles Wählerpotenzial ausmachen. Mittlerweile machen sich auch mehrere ehemalige „Genossen“ für die rechtspopulistische einstige „Professorenpartei“ stark – ein Phänomen, das Erik Peter in einem ausführlichen und recht informativen Artikel in der taz beschrieben hat.

Zwar gab es schon immer Leute, die von ganz links nach ganz rechts gewandert sind, man denke nur an den ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler oder die sog. „Querfront“ um den Ex-Konkret- und Junge-Welt-Journalisten Jürgen Elsässer. Allerdings geht es hier nicht um die ideologischen Kapriolen ehemaliger linker Alpha-Männer. Es geht um die Flüchtlingskrise und den Verdrängungsprozess am unteren Ende der Gesellschaft, den massive Zuwanderung mit sich bringt.

Dass sich Flüchtlinge und arme Deutsche gegenseitig Konkurrenz machen, wird zwar hin und wieder wieder erwähnt, aber irgendwer ist immer da, der das Ganze mit dem Standartvorwurf „Sozialneid“ wegwischt und eine ernsthafte Debatte damit gleich im Keim erstickt. Dabei ist der Verdrängungsprozess längst eingetreten. Solidarität mit Menschen, die im Krieg alles verloren haben, ist schwer, wenn man selbst dafür draufzahlen soll – und zwar von dem wenigen, was man noch hat – und wenn die eigenen Lebenschancen sich dadurch, dass es oberste Priorität hat, die „Neuen“ zu integrieren, empfindlich verringern – zumindest „gefühlt“.

Statt die Konkurrenz am unteren Rand abzufedern, hat man den Futterneid, den man so sehr gegeißelt hat, aber eher noch zusätzlich angeheizt: U. a. hat man die Leute geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass viele Flüchtlinge ein Smartphone besitzen. Ein Artikel in der Welt versucht, zu erklären, wie wichtig es gerade für junge Flüchtlinge sei, ständig online sein zu können. Für jemanden, der sich das aktuellste, angesagteste Gerät inklusive Internetflattrate problemlos leisten kann, wird das einsichtig sein. Ein Hartz-IV-Empfänger, der derartigen Technikschnickschnack allerdings nur im Schaufenster bewundern kann, wird allerdings v. a. den Teenager sehen, der sich Youtube-Videos reinziehen kann, wann immer er will. Das Schicksal des Jungen, der vielleicht tausende Kilometer auf sich allein gestellt unterwegs war, rückt dann unweigerlich in den Hintergrund, v. a. wenn angekündigt wird, dass der Teenie die so händerringend gesuchte „Fachkraft“ ist – zumindest in spe – und sich bald noch mehr wird leisten können, während der Hartz-IV-Empfänger zum „alten Eisen“ gehört und seine beruflichen Erfahrungen – Kenntnisse, die man ihm nicht erst noch beibringen müsste – niemanden interessieren.

Allerdings betrifft das Problem nicht nur Handwerker und Hilfarbeiter. Jenseits des Atlantiks, in den USA, traut man sich offenbar eher, das Problem beim Namen zu nennen: jung und ungebildet ist nicht zwangsläufig chancenloser als jung und hochqualifiziert. Derek Thompson hat im Mai letzten Jahres im „The Atlantic“ darauf aufmerksam gemacht, dass das Phänomen des „überqualifizierten Baristas“ – in den USA in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise offenbar ein Sinnbild des nach deutschen Maßstäben arbeitslosen Akademikers, der sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – noch lange nicht vorbei sei. Hochverschuldet, Eltern, die vielleicht ihr Eigenheim mit Hypotheken belastet haben, um dem Sohn oder der Tochter die teure College-Ausbildung finanzieren zu können, in der Hoffnung, das Kind würde es einmal besser haben. Und dann ist das hart erarbeitete Diplom nicht einmal mehr ein Garant für einen guten Job. Ein illegaler Hispanic hat fast ebenso gute Chancen darauf, weil es mehr Jobs für Ungelernte gibt als für Akademiker. Dass das frustrierend ist, liegt auf der Hand. Allerdings hat es vermutlich eher dem Demokraten Bernie Sanders Stimmen beschert als dem rechtspopulistischen Haudrauf-Multimilliardär Donald Trump.

In Deutschland liegen die Dinge ein wenig anders. Es ist zu sehr „Erbenrepublik“ als dass man von einer grassierenden Akademikerarbeitslosigkeit wie z. B. in Südeuropa sprechen könnte. Und wenn, dann ist sie nur bei einigen wenigen wirklich mit Armut verbunden. Zur Not lässt sich ja immer noch ein Start-Up gründen, vorrausgesetzt eben, man hat den entsprechenden finanziellen Background. Oder man realisiert eigene Projekte, macht sich einen Namen, damit die Leute, auf die es ankommt, auf einen aufmerksam werden. Man kann sich ehrenamtlich engagieren – Gutes tun und darüber reden – oder sich – wenn man eine Frau ist – über die Erziehung der Kinder selbst verwirklichen.

Dennoch, wenn Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linkspartei, im Interview in der taz die große Gegenfrage stellt – Wäre ohne Migration alles besser? Wäre Deutschland ein sozialeres Land? Oder müssten die Leute dann nicht ebenso Angst um ihre Zukunft haben, z. B. weil ihre Jobs ins Ausland ausgelagert werden? – dann ist das nur ein Teil der Antwort auf die AfD. Denn natürlich wäre der Druck ohne die vielen Flüchtlinge, die vielleicht z. T. tatsächlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als so mancher Langzeitarbeitslose, nicht so hoch.

Es ist vermutlich die größte Herausforderung der Linken im 21. Jahrhundert, die „soziale Frage“ kompetent anzugehen, ohne dabei offene Grenzen und Vielfalt preiszugeben und im schlimmsten Fall auf eine nationale Abschottungspolitik zu setzen wie etwa der rechte Front National in Frankreich.

Der umgekehrte Weg, sich v. a. an den jungen Hipstern zu orientieren, die in Berlin, London, Barcelona und anderen europäischen Metropolen einträchtig miteinander feiern, kiffen und „Lebenserfahrung sammeln“, wird allerdings langfristig nicht viel mehr einbringen. Auch wenn sich solche Menschen gut auf Hochglanzplakaten machen und viel dafür spricht, dass sie als zukünftige Elite für ein weltoffenes und tolerantes Europa eintreten werden (sofern es nach ihren Spielregeln geht) – im Grunde ist es eher die Wählerklientel der Grünen und man würde sich ganz links die Stammwähler, die sich soziale Lösungen erhoffen, zu sehr verprellen.

Aber vielleicht profitiert die Linke auch davon, dass ihre große Konkurrentin, die AfD gerade dabei ist, sich selbst zu zersetzen. So tat deren stellvertretender Parteivorsitzender Alexander Gauland unlängst kund, einen wie den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng – Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen – wolle man – auch wenn man ihn vielleicht als Fußballspieler gut fände – nicht zum Nachbarn. Das ging heute auf Twitter rund und u. a. Zeit Online berichtete darüber ausführlich. Für „Protestwähler“, denen es darum geht, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen, dürfte der Bogen damit endgültig überspannt und die AfD unwählbar geworden sein. Vielleicht ist das für’s Erste ganz gut so. Gelöst ist das Grundproblem damit aber nicht.

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Wieviel Berlin steckt in Bernie Sanders?

„Louisiana for Bernie“ – der Tweet fiel mir gestern in der Timeline zu den #USElections sofort auf. Ich habe nur „Bernie“und irgendwas mit „Pizza“ gelesen, Bernie Sanders offenbar, der linksaußen Shootingstar, der es bei den US-Demokraten mit Hillary Clinton aufnehmen will. Der Tweet sah ein bisschen nach Berlin aus: hellblau mit Wölkchen, eine kleine Gestalt, die sich auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt hat, gezeichnet und mit Schreibschrift, so betont handmade, der absolute Gegenentwurf zu unserer durchtechnisierten Welt. So etwas verbinde ich normalerweise mit alternativen Designermärkten und Upcycling, Orte, wo sich junge, hippe Leute ‚rumtreiben. Ist Sanders so ein Hipsterpolitiker? Der Sohn polnischer Einwanderer bringt ganz schön frischen Wind in die US-Politik: Gegen Studiengebühren, für – vielleicht – die Legalisierung von Hanf und eine Reichensteuer. Das jedenfalls spuckt einem Wikipedia zu Sanders aus.

Andererseits kommen mir Hipster oft eher konservativ vor: freie Drogen, freie Liebe, klar, aber auch sehr konservative Moralvorstellungen. Manchmal sind sie homophob, oft frauenfeindlich und manchmal erschreckend neoliberal, geradezu wirtschaftshörig. Wobei man aber sagen muss – es ist sehr schwer, Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden. Bedeutet Sharing Economy z. B., dass man aus allem, selbst aus dem Privatesten noch ein Business machen muss, wie Harald Staun es nahelegt, der sich als Feuilletonist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem recht aussagekräftigen Titel „Der Terror des Teilens“ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und macht Sharing Economy ehemals stolze Vollzeitberufe, mit denen man noch eine Familie ernähren konnte, zu bloßen Zuverdiensten, wie man es dem Fahrservice Uber nachgesagt hat? – Einen Artikel, der die Lage in Berlin resümiert, kann man u. a. bei der Berliner Zeitung nachlesen – Oder ist die Ökonomie des Teilens am Ende eine Art Selbsthilfe von Leuten, die etwas von der Welt sehen und face-to-face interagieren wollen, die aber wissen, dass sie irgendwie auch Geld verdienen müssen. Den geraden Weg über eine kaufmännische Ausbildung und/oder ein BWL-Studium sind die wenigsten von ihnen gegangen. Was machen kreative Köpfe also? Intelligente Menschen, die niemand praktisch angeleitet hat, denen man aber irgendwie zutraut, dass sie schon wissen, was sie tun?

Aber hm, das führt jetzt alles ziemlich weit von Bernie Sanders weg. Ich habe eigentlich nichts Neoliberales von ihm gehört. Wobei ich zugeben muss, dass ich überhaupt nur hier und da im Internet mal in den US-Wahlkampf ‚reingezappt habe. Dabei stolperte ich u. a. über den Begriff „Bernie Bros“. Vox.com klärt über das Phänomen näher auf: junge, internetaffine Männer, die Bernie Sanders supporten und dafür im Netz schon mal Menschen zu nahe treten, besonders gern Frauen. Das Foto, das den Vox.com-Artikel ziert, löste sofort Antipathien bei mir aus: Der gleiche Typ Lambswoolpulli-tragender, vitaler Jungmannen, der in Berlin regelmäßig die Veranstaltungen verschiedener linker Parteien bevölkert und auch im linken Medienbereich dominiert. Allerdings – kann man wirklich vom Aussehen auf die Anliegen dieser jungen Männer schließen? Annehmen, dass sie sich nicht aufrichtig für die Armen und Schwachen einsetzen, weil sie eben selbst doch gebildeter sind, bessere Beziehungen haben, sich besser durchsetzen können und insgesamt weniger düstere Zukunftsaussichenten haben als andere? Manches, was in Berlin passiert, ist eine Farce und eher eine Pervertierung linker Grundgedanken. Aber das gilt lange nicht für alle, die sich in diesem Bereich engagieren. Auch nicht für alle jungen Männer. Vox.com klärt seine LeserInnen dann auch darüber auf, dass die Lambswoolpulli-Träger auf dem Foto vermutlich noch nie jemanden belästigt haben.

Ich weiß nicht, was ich über den Wahlkampf der us-amerikanischen Demokraten denken soll. Irgendwie hätte ich das nie im Leben gedacht, dass aus dem Mund eines US-Amerikaners mal das Wort „Sozialismus“ kommt, auch wenn es wohl eher wie in Italien gemeint ist, wo „Sozialismus“ „Sozialdemokratie“ meint und nicht so sehr im deutschen Sinne, wo man „Gulag“ darunter versteht. Krass! Und immerhin, wer auch immer in den USA regiert, wird eine Menge Druck auf Europa ausüben …

Allerdings ich hatte gestern auch noch ein anderes Bild in der Timeline: Die „Trump_Campaign“ (wer auch immer sich dahinter verbirgt) twitterte eine zweite Amrika-Phantasie: Ein künstlich-Blonder mit Zahnpasta-Werbung-Lächeln in einem Trupp bis an die Zähne bewaffneter Polizisten – jeder eine schussichere Weste und die Maschinenpistole im Anschlag. Donald Trump, der Kandidat der Republikaner. Aber wer weiß, Rechtspopulismus wird auch in Europa immer hipper. Vielleicht wird ja auch das demnächst „typisch Berlin“ sein: der Rambo, der hart durchgreift, egal, was die linken „Heulsusen“ sagen. Egal, bin erst mal gespannt, wie das in Amerika ausgeht.

Betrugskunst „made in Germany“?

Ausgerechnet VW ruiniert das Image der deutschen Wirtschaft, die Marke, die man jahrelang mit der Behäbigkeit und Unscheinbarkeit des Volkswagens „Käfer“ verband: Solide deutsche Wertarbeit – ja! Aber wer angeben wollte, fuhr S-Klasse – Mercedes – und wer Coolness zur Schau tragen wollte, hatte „deux chevaux“, eine „Ente“ – Citroen. Wer sparen wollte, kaufte einen Japaner und wer wirklich knapp dran war, beließ es bei dem minimalistischen Komfort eines Fiat Panda.

Schade, ich fand die „Think new“-Kampagne von Volkswagen, die vor Kurzem angelaufen ist, wirklich genial: Eine Farbenexplosion aus dem schwarzen Nichts heraus: Innovation und Technik, Kreativität, aber auch Weltoffenheit, Buntheit. Die Farbpartikel wirkten irgendwie erdig, ganz der Style eines Zeitalters, das die Abgehobenheit von Algorithmen und komplizierten Codes mit einer neuen Rückbesinnung auf Natur und Erdverbundenheit kombiniert.

Doof, dass nicht alles so gemeint war. Die Natur ist dem deutschen Automobilhersteller egal, hauptsache es sieht umweltbewusst aus. „Deutsche Ingenieurskunst“ dann schon eher: Ein Programm – wie in den Medien, u. a. im Spiegel berichtet wurde – das den Stickoxid-Ausstoß der Volkswagen-Diesel-Fahrzeuge im Test bei voller Leistung gut aussehen ließ, auf der Straße schossen die Werte dann aber offenbar bei gleicher Leistung in die Höhe. Also hat man kein umweltschonendes, leistungsfähiges Auto verkauft, sondern das Gefühl, man kaufe ein umweltschonendes, leistungsfähiges Auto. Die Leute wollten aber kein Gefühl, sondern was für die Umwelt tun.

Zur Sprache gebracht hat das Ganze offenbar eine us-amerikanische Umweltbehörde. Auch davon habe ich gelesen und auch das hat mich offen gestanden überrascht. Die Amis – so umweltbewusst?

Im Zusammenhang mit Volkwagen ist dieser Tage viel von „Vertrauen“ und „Image“ die Rede: Das Vertrauen des Verbrauchers bzw. Käufers, das der Automobilkonzern sich mit seiner Profitgier verprellt hat und das Image der deutschen Wirtschaft als solider, zuverlässiger Saubermann, das angeblich in Gefahr ist.

Ehrlich gesagt: Deutsche wissen, dass Deutsche nicht die besseren Menschen sind. Auch in der deutschen Wirtschaft geht es v. a. um Gewinnmaximierung. Das weiß sogar ich, obwohl ich beileibe keine Wirtschaftsexpertin bin, aber es ist ja auch eine Milchmädchenrechnung.

Eigentlich kann dem nur die Politik entgegenwirken. So gesehen könnte man auch das geplante Freihandelsabkommen TTIP in einem neuen Licht sehen. Sicher, niemand will Chlor-Hühnchen in der EU, aber schon vor geraumer Zeit erläuterte Harald Schumann, Redakteur beim Berliner Tagesspiegel im Interview mit Youtube-Journalist Tilo Jung seine Vision von einer deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit: Was wäre, wenn strenge us-amerikanische Standarts auf strenge deutsche bzw. europäische Standarts treffen würden? Nur das Beste für den Verbraucher!

Man glaubt es kaum, aber man will dem, was man kauft, eben auch wieder über den Weg trauen können …

Living Life on a Shoestring

Das Erwachsenenleben kann ganz schön öde sein. So sieht es jedenfalls aus der Perspektive eines Teenagers oder Twens aus: Jeden Tag der gleiche Trott, Nine-to-Five-Job, Essen, Schlafen, Arbeiten oder, wie man in Paris sagen würde: Boulot, Metro, Dodo. Banlieue oder Suburb, das Häuschen in einem Neubaugebiet am Stadtrand, Tag ein Tag aus monotones Getippe im Großraumbüro bis zur Rente und dann noch ein paar Jahre Butterfahrten und Mallorca als Entschädigung für ein Leben, das man irgendwie immer nur durchhalten musste. Na ja.

Aber wie ist es, wenn man alles ganz anders macht? Caroline O’Donovan hat auf BuzzFeed junge On-Demand-Worker in San Francisco portraitiert und ich fühlte mich beim Lesen an meine Studien- und Backpackerjahre erinnert. Ist die Sharing Economy, die in letzter Zeit so oft in der Debatte ist, ein neues Lebensgefühl für Menschen, die einfach nicht erwachsen werden können? Ist es typisch amerikanisch? Oder am Ende einfach nur ein Geschäftsprinzip, das alle diese Sehnsüchte bedienen will?

TECHNO MEETS BLUMENKINDER

Von Europa aus gesehen, stellen sich die Dinge etwa so dar – zumindest aus meiner Sicht: Nehmen wir die Placa Reial in Barcelona oder die Oberbaumbrücke in Berlin – Das ist eigentlich egal. Überall ist Musik. Der rhythmische, volle Sound einer Bongo-Trommel dringt an mein Ohr. Der Trommler ist noch sehr jung, Anfang oder Mitte 20 vielleicht, so ein typischer Hipster, der total lässig da sitzt: nackter, braungebrannter Oberkörper, gestreifte Pumphosen und ein paar Lederbändchen um’s Handgelenk. Irgendwie sehen sie alle so ein bisschen lässig-abgefuckt aus: Typen, die in Jesuslatschen oder Flip-Flops durch die Gegend schlurfen, manche mit Ziegenbärtchen oder einem guten alten Hippie-Vollbart, mit kahlrasiertem Schädel, obwohl sie eigentlich eher der „weiche“, „metrosexuelle“ Typ sind oder langen, verfilzten Dreadlocks. Auch wenn einige der Männer ein bisschen vergammelt wirken – die Frauen sind hübsch zurechtgemacht: alle ziemlich jung und langbeinig, so dass das mit den knappen Hotpants wirklich gut aussieht, fast wie aus dem Modekatalog. Manche haben sich Blumen ins Haar gesteckt und man weiß nicht, ob da eine verträumte Jugendstilschönheit Pate stand oder ein unschuldiges Hippiemädchen, das gerade seinen ersten Joint raucht. Hier und da springt jemand herum, der noch ausgeflippter ist als alle anderen: silberner Dress und Teufelshörnchen oder so etwas in der Richtung, frei nach dem Motto: Techno meets Blumenkinder. In manch einem der bunten, grob gewebten Stoffrucksäcke steckt bestimmt „On the Road“ von Jack Kerouac oder was von Hermann Hesse. Ich glaube, das stirbt nie aus – diese Sehnsucht danach, auszubrechen, die feste Überzeugung, dass es da noch mehr geben muss, als das eintönige, rundum-versicherte Spießerleben der Eltern. Ich höre viel Englisch: Manchmal amerikanisch-breit oder zumindest muttersprachlich, manchmal schwerfällig und mit einem starken Akzent durchsetzt. Für die meisten ist Berlin nur eine Station auf der Durchreise und die Oberbaumbrücke wurde in „Europe on a Shoestring“, im „Lonely Planet“ und all den anderen typischen Backpacker-Reiseführern wahrscheinlich als absoluter „Geheimtipp“ verkauft.

„ON A SHOESTRING“ DIE WELT ERKUNDEN

So etwas ist natürlich schön und gut für eine Rucksack-Tour oder ein Time-Out-Year zwischen College-Abschluss und Berufsleben, bevor der „Ernst des Lebens“ so richtig anfängt – Aber was ist, wenn man auf dem Trip irgendwie hängen bleibt? Als Studentin bin ich auch gern mit dem Rucksack durch Europa gereist und ab und zu habe ich einen Ami, Aussi oder Kanadier getroffen, der länger bleiben wollte. „Kein Problem“ wurde mir dann immer mit einem netten Lächeln erklärt. „Mir ist zwar das Geld ausgegangen, aber …“ „Dafür jobbe ich jetzt hier in dem Hostel“ oder: „Ich gebe Englischunterricht.“ „Klar,“ dachte ich mit einem leichten Anflug von Neid: „Englisch-Muttersprachler müsste man sein. Englisch wollen die Leute ja überall auf der Welt lernen.“ Irgendwie gefiel mir diese „Kein Problem“-Mentalität. Eine Lösung fand sich immer und zur Not musste man eben ein bisschen arbeiten. Das klang so zupackend und selbstsicher. Ich selbst hätte mich das nie getraut. Vielleicht lag es an dem sprichwörtlichen deutschen Sicherheitsdenken – man sagt ja oft, dass z. B. Amerikaner da eine ganz andere Mentalität haben – oder ich war einfach ein bisschen spießiger als ich dachte. Ich weiß es nicht.

„ON-DEMAND“ ALS LEBENSSTIL

Mittlerweile machen Leute, die keine Lust auf den „Ernst des Lebens“ haben, einen ganzen Wirtschaftszweig aus. Die so genannte „On-demand“-Economy, die mit der Sharing Economy zusammenhängt, baut darauf, dass Leute Party machen und in den Tag hineinleben wollen bzw. sie baut vor allem darauf, dass diese Leute zwischendrin auch Geld verdienen müssen. Dreh- und Angelpunkt ist das Internet. So, wie man auf speziellen Plattformen Unterkunft und Auto teilen kann, kann man auch Arbeitsplätze „teilen“, d. h., genauer gesagt ist die Idee, die dahinter steht, dass Firmen manchmal kurzfristig zusätzliche Arbeitskräfte brauchen und manche Leute alle möglichen Jobs annehmen, so lange sie sich nicht wirklich festlegen müssen. Solche Gelegenheitsjobs fand man früher am schwarzen Brett vor der Mensa – wenn man einen Studentenjob suchte – oder man stellte sich als gewöhnlicher Tagelöhner morgens früh bei der städtischen Arbeitsvermittlung vor. Durch entsprechende Apps und Internetplattformen geht das heute alles schneller und bequemer. Ein paar Klicks mit dem Smartphone und man hat den Job. Vielleicht ist es deshalb ein richtiger Lebensstil geworden und nicht mehr nur eine Notlösung, weil man das Geld eben brauchte.

FOREVER YOUNG?

Wie sich so ein Leben zwischen Clubbing und moderner Tagelöhnerei anfühlt, wenn es um etwas Längerfristiges geht und nicht mehr nur um eine Reise, beschreibt Caroline O’Donovan auf BuzzFeed. Die Bilder, die den Artikel illustrieren, zeigen junge Amerikaner, die in der ehemaligen Hippiemetropole San Francisco leben, aber vom Typ her sind es die gleichen Menschen, die man auch auf der Placa Reial in Barcelona oder an der Oberbaumbrücke in Berlin treffen kann: echte Draufgänger, jung, gesund und unerschütterlich, voller Zuversicht und irgendwie ziemlich glücklich. So wie man nur ist, wenn man von den Schattenseiten des Lebens noch nicht allzu viel mitbekommen hat.

Genau das ist leider auch das Problem. Es ist eben nur eine Phase. Das kann man mal vorrübergehend machen, tagsüber Erdbeeren pflücken oder eine Waschmaschine installieren und die Nächte dann durchfeiern, aber es ist nichts, worauf man sich etwas aufbauen kann. Wenn man mit Mitte 30 oder Anfang 40 noch so lebt, ist man nicht mehr hip, sondern einfach nur abgewrackt. Vielleicht ist ein Tick Spießerleben dann gar nicht mal mehr so schlecht und es wäre gut, wenn die Internet-Economy das auch berücksichtigen könnte. Schließlich bleibt niemand ewig jung.

 

 

Grexit? Oder: wo soll’s hingehen, Europa?

QuoVadisEU

 

Das „Oxi!“, also „Nein!“, mit dem die Griechen sich gestern in einem Referendum gegen noch mehr Sparkurs entschieden haben, war irgendwie abzusehen. Wer stimmt schon – wenn er oder sie frei entscheiden kann – freiwillig für’s Gürtel enger schnallen? Ganz abgesehen davon, dass viele Griechen bereits am Limit leben: Die Bilder, wie Menschen in glühender Hitze vor Geldautomaten Schlange stehen, die sowieso nur 60 Euro pro Tag und Nase ausspucken – wenn überhaupt – gingen ja oft genug durch die Medien. Wenn aber die Bedingungen der Gläubiger, also der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, nicht erfüllt werden, gibt’s auch keine neuen Hilfspakete, d. h. die Kassen sind erst recht leer.

 „OXI!“ AUCH ZUR EUROPÄISCHEN UNION?

Ich kann verstehen, dass man entschieden „Nein!“ sagt, wenn man gefragt wird, ob man es in kauf nehmen würde, dass Renten gekürzt, Steuern erhöht und allgemein noch mehr gespart wird. So ähnlich sind die Reformen, die die Gläubiger von Griechenland verlangen, ja offenbar gedacht. Allerdings – wenn der griechische Staat pleite geht und seinen Angestellten, Beamten, Lehrern, Busfahrern usw. keine Gehälter mehr auszahlen kann – wie geht es dann weiter? Bedeutet das gestrige „Nein!“ zu den Forderungen der Gläubiger auch ein „Nein!“ zum Euro und – viel weiter reichend – ein „Nein!“ zur Europäischen Union? Steht zu befürchten, dass die Griechen sich am Ende hilfesuchend an die etwas unheimliche „gelenkte Demokratie“ Russland wenden? Wird ein neuer Machtblock entstehen, eine neues Gegengewicht zur westlichen Welt*, das diesmal dann nur ein wirtschaftliches wäre und nicht mehr ein ideologisches? Ich weiß es nicht. Das ist alles in den Medien durchdiskutiert worden und mir fehlt das nötige Hintergrundwissen, um beurteilen zu können, ob da etwas dran ist oder nicht.

*Vgl. hierzu u. a.: Art.: „Wie Tsipras die EU mit Russland erpresst“ v. Gerd Appenzeller: Tagesspiegel v. 24. Juni 2015.

 EINSCHUB: ITALIEN 2001

Für mich persönlich fühlt es sich an, als würde ein Film in rasantem Tempo zurückgespuhlt. Die Währungsunion, damals, wie alles anfing und aus D-Mark, Francs und Drachmen Euro wurden, habe ich allerdings nicht in Griechenland, sondern in Italien erlebt. Ich erinnere mich noch, wie ich im verregneten Herbst 2001 in der Küche eines kleinen Appartements im florentinischen Arbeiterstadtteil Rifredi saß. Meine Vermieterin, bei der ich zur Untermiete wohnte, war gerade zur Tür hereingekommen und versuchte, ein Gespräch anzufangen, was mit mir damals nur radebrechend möglich war, da ich als Austauschstudentin noch nicht so gut Italienisch sprach. „Bald werden wir die gleiche Währung haben.“ hatte meine Vermieterin gesagt. Es hatte leicht triumphierend geklungen, so als hätte die schwache Lira in einem anstrengenden Wettlauf endlich zur harten D-Mark aufgeschlossen. Eigentlich war es ja immer selbstverständlich gewesen, dass die D-Mark eine Spitzenposition unter den europäischen Währungen innegehabt hatte und vielleicht hatte diese Selbstverständlichkeit das deutsche Geldwesen in den Augen der anderen hochnäsig erscheinen lassen. Auch ich freute mich allerdings auf die Währungsunion, schon allein, weil das Umrechnen von Lire in D-Mark immer sehr kompliziert war. Meine Vermieterin erzählte von der in Italien allgegenwärtigen Korruption, schämte sich, merkte an, dass „es das aber ja auch in Deutschland gäbe“ – eine Anspielung auf die CDU-Schwarzgeldaffäre, die damals die Republik erschüttert hatte. Offenbar hatte man davon auch in Italien gehört und es hatte Deutschlands Ruf als „Saubermann“ Europas nachhaltig in Frage gestellt. Als ich besser Italienisch konnte, so gut, dass es sich endlich lohnte, in der „Bar“ öfter mal einen Blick in die Zeitung zu werfen, fiel es mir noch mehr auf: Hier ein politisches Problem, das ganz Europa betraf, aber erst durch Interventionen aus Rom, Athen oder Madrid gelöst worden war, dort ein Auftrumpfen, dass man „mal wieder sehen könne, dass Politik nicht nur in Berlin und Paris gemacht werde“ …

 DEN SÜDEN ABHÄNGEN ODER ENDLICH ERNST NEHMEN?

An solchen Äußerungen merkt man, dass die Europäische Union bereits mit einem deutlichen Ungleichgewicht gestartet ist – nicht nur was die Wirtschaft betrifft, sondern auch in politisch-moralischer Hinsicht. Vielleicht sollte man Athen endlich ernst nehmen und sich bewusst darüber werden, dass das griechische „Oxi!“ zu mehr Sparen für ganz Europa von Bedeutung ist.

UberPop und überhaupt

UberPopFist

… Am Taxistand vor dem Flughafen Paris-Charles de Gaulle jault ein Motor auf. In einer dramatisch aufwirbelnden Staubwolke verschwindet eine der Taxen. Irgendjemand muss den FBI-Agenten, der sich diskret in die American Airlines-Maschine geschlichen hatte, verpfiffen haben. Er hechtet in eine der wartenden Taxen. Wortlos fährt der schlecht rasierte, übellauning wirkende Fahrer, dem eine Gauloises aus dem Mundwinkel hängt, los. Eine nervenaufreibende Treibjagd durch Paris beginnt, vorbei am Eiffelturm und über die Champs Elysées, doch das Taxi, in dem der Gangster sitzt, scheint immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Schließlich kommt es in einer heruntergekommenen Sackgasse zum Showdown …

SMARTER TAXI FAHREN

Was ein Hollywood-Blockbuster oder Film Noir hätte sein können, wäre mit UberPop so nicht passiert bzw. es wäre auch gar nicht möglich gewesen. Dazu ist UberPop viel zu zeitgemäß, zu smart und zu sehr der New Economy verpflichtet. Über eine App können potentielle Fahrgäste mit dem Smartphone UberPop-Fahrzeuge in ihrer Nähe lokalisieren und eine Nachricht schicken, dass sie gerne mitgenommen werden möchten. Alles Weitere läuft dann sehr informell ab: Die UberPop-Fahrer sind keine ausgebildeten Taxifahrer, sondern ganz normale Leute, die eben gelegentlich mal jemanden mitnehmen, wenn sie gerade irgendwo in der Gegend sind. Da es Fremde sind, denen sie ihre Fahrdienste anbieten, nehmen sie Geld dafür – deutlich weniger als die Profis.

STREIK DER TAXIFAHRER IN FRANKREICH

Genau das ist auch der Stein des Anstoßes, der gestern in Frankreich zum Streik der Taxifahrer und zu z. T. gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt hat*. Schon seit längerer Zeit versuchen französische Fahrdienstgesellschaften UberPop zurückzudrängen*. Sie werfen dem Anbieter mit Stammsitz in den USA unlauteren Wettbewerb vor. Davon abgesehen stehen die Arbeitsplätze der professionellen Taxifahrer auf dem Spiel. Ein Verbot, das am 1. Januar diesen Jahres in Kraft getreten ist, hat nichts gefruchtet. UberPop hängt sich an Lappalien auf und lässt seine Fahrer unbeeindruckt weiter fahren*.

*Quellen:

Art.: „Le tribunal de commerce de Paris refuse d’interdire UberPop“ (ohne Angabe eines Autors), www.20minutes.fr, v. 12. Dezember 2014.

Art.: „UberPop se faufile entre la loi et la police“ v. Philippe Brochen, in: Libération v. 25. Januar 2015.

Zum Streik selbst vgl. z. B. Art.: „Hollande fordert Auflösung von UberPop“ (ohne Angabe eines Autors), Zeit-Online v. 26. Juni.

DO-IT-YOURSELF ALS GESCHÄFTSPRINZIP

Unternehmen wie UberPop wirken irgendwie wie versilberte Erinnerungen an Studententage. Unter Backpackern, jungen Rucksackreisenden, war es z. B. von je her üblich, sich gegenseitig Tipps zu geben, wo man gut untergekommen könnte, manchmal auch bei Privatleuten, die ein oder zwei Schlafplätze übrig hatten, vielleicht eine Unkostenbeteiligung dafür erwarteten oder auch nur einen spannenden Abend mit einem Fremden. Irgendwann gab es das dann auch in organisiert und mittlerweile ist es Teil der so genannten „Sharing Economy“.

UberPop hat das „per Anhalter Fahren“ zu Geld gemacht. Mit UberPop ist das weniger gefährlich, aber dafür zahlt man eben einen geringen Beitrag. Eigentlich ist das ja eine ganz gute Alternative. Viele Menschen können sich nun einmal kein teures Taxi leisten und im Zeitalter der Mini- und Midijobs, Langzeitpraktika, Projekte und Freelance-Tätigkeiten werden es immer mehr. Do-it-Yourself-Netzwerke sind längst nicht mehr nur für Studenten interessant.

NEBENJOB ODER JOBKILLER?

UberPop und andere haben das erkannt und auch auf den Wandel auf dem Arbeitsmarkt reagiert. Immerhin geht es bei ihnen um’s Dazuverdienen. Wer für UberPop fährt, kann ganz unkompliziert noch nebenher ein bisschen Geld machen. Das ist ideal, wenn man wenig verdient, magere Renten oder Arbeitslosenhilfe aufstocken will, auf den nächsten Urlaub spart oder den eigenen Kindern den einen oder anderen Wunschtraum erfüllen möchte.

Allerdings ist es auch eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. In Deutschland soll jeder dritte Taxifahrer so wenig verdienen, dass er oder sie noch zusätzlich mit Hartz IV aufstocken muss*. Was UberPop betrifft, ist die Lage offenbar ebenso nebulös wie in Frankreich*. Irgendwie ist UberPop verboten – heißt es – in Städten wie München oder Frankfurt sollen aber trotzdem UberPop-Fahrzeuge unterwegs sein*.

*Quelle:

Art.: „Taxi-Dienst UberPop in ganz Deutschland verboten“ v. Achim Sawall, www.golem.de v. 18. März 2015.

Na ja, sollte ich je wieder in Paris sein, sollte ich es mir leisten können, werde ich die U-Bahn nehmen – wie zu Studentenzeiten.

Aus Laila Phunks Bücherregal – Julia Friedrichs: „Wir Erben“

Wir Erben

 

„Reiche Erben“: Pubertär aussehende Jüngelchen am Lenkrad eines funkelnagelneuen Cabrios – mitten in Berlin. Junge, entspannte Menschen, die in den Tag hineinleben. Arbeiten, so richtig malochen oder sich im Büro die Bandscheiben durchsitzen, muss von denen eigentlich keiner. Es geht eher um’s „hip sein“: Im niedlichen, kleinen Künstlercafé um die Ecke bei einer „Latte“ vor dem Labtop sitzen, sich mit Freunden zum Brunch treffen und die Nächte durchfeiern – Mit anderen Worten: Das Leben in vollen Zügen genießen.

Deutschland wird so langsam aber sicher zur „Republik der Erben“. Es ging immer mal wieder durch die Medien, aber so richtig Lust, darüber zu reden, hat eigentlich keiner. Reich sein ohne je wirklich gearbeitet zu haben, passt nicht ins Bild. Man spricht lieber von „Leistungsträgern“, die sich alles hart erarbeitet haben und hält dagegen, dass es auch „Verlierertypen“ gibt – Hartz-IV-Empfänger, die es sich in der „sozialen Hängematte“ bequem machen wollen.

Doch dann kam Piketty. Die Thesen des französischen Ökonomen zur Ungleichheit von Wirtschaftswachstum und Kapitalanhäufung schlugen überall in der westlichen Welt ein wie eine Bombe. Damit lag es irgendwie in der Luft, aus sperrigen, abstrakten Theorien und der alltäglichen Beobachtung, dass die „soziale Schere“ immer weiter auseinanderklafft, ein Buch zu machen.

Die in Berlin lebende Journalistin Julia Friedrichs hat sich der Sache angenommen. Friedrichs, die sich 2008  mit „Gestatten: Elite“, einer Bestandsaufnahme der deutschen Eliteförderung, bereits einen Namen gemacht hat, ist sich selbst treu geblieben: Auch „Wir Erben“ ist vor allem eine spannend geschriebene Dokumentation einer auf einen längeren Zeitraum hin angelegten soziologischen Recherche. Die Autorin lässt den Protagonisten genügend Raum, um für sich selbst zu sprechen, blendet sich aber immer wieder mit eigenen Gedanken und Zwischenbilanzen ein. Der Leser erfährt, dass Geld nicht immer glücklich macht, dass es auch zum lästigen Ballast werden und Lebensenergie blockieren kann. Die meisten „Erben“, mit denen Julia Friedrichs gesprochen hat, scheinen aber dennoch ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu führen. Nicht alle gehören dem internationalen Jetset an, manche sind auch seltsam bürgerlich – Erben „zum Anfassen“ gewissermaßen.

Genau darin, im „greifbar machen“, in seiner Anschaulichkeit, liegt auch die Stärke des Buches. Julia Friedrichs liefert keine pointierten Analysen der Weltwirtschaftsordnung. Dafür versteht sie es, die Leser bei der Stange zu halten – „Wir Erben“ liest sich wirklich in einem Rutsch weg – was man angesichts des eigentlich eher trockenen Themas erst einmal nicht erwarten würde. Wer das Buch gelesen hat, glaubt, sich etwas besser in die Gedanken- und Gefühlswelt von Menschen hineinversetzen zu können, die von Beruf vor allem „Sohn“ oder „Tochter“ sind – und hat außerdem begriffen, dass sie nicht alle gleich sind.

*Julia Friedrichs: „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“, 2015 erschienen im Berlin Verlag.

Auch lesenswert ist das Buch „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“, das 2008 im Hoffmann und Campe Verlag erschienen ist.