Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

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Die „Putinversteher“ – Querfront (V)

Man kennt sie noch vom Gymnasium, die Jungs, die eloquent und selbstsicher auftreten, einen mit Fakten bombardieren und am Ende einer Diskussion oft ziemlich dumm dastehen lassen. Wer ein Fach wie Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie oder Soziologie studiert hat, kennt sie auch aus dem Uni-Seminar. Geht es um etwas, von dem man selbst auch ein bisschen Ahnung hat, durchschaut man aber meistens schnell, dass gut gewählte Worte und ein scheinbar schier enzyklopädisches Wissen manchmal denselben Effekt haben, wie wenn jemand ein wildes Tänzchen vor einem aufführt, damit man nicht merkt, was sein Compagnon gerade macht.

Mir ging es beim Lesen von „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (erschienen 2014 im Westend Verlag, Frankfurt/Main) ein wenig so. „Klingt nicht schlecht“, dachte ich. Und dann: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“.

An Wladimir Putin scheiden sich die Geister: Politische Morde, die nie aufgeklärt wurden, Bomben in maroden Wohnblocks, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht am Ende der Staat gelegt hat, Geiselnahmen, die zwar erfolgreich beendet wurden, aber ohne jede Rücksicht auf das Leben der Geiseln und die dubiose Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin, die nie stattgefunden hat – Gründe, dem ehemaligen KGB-Agenten misstrauisch gegenüber zu stehen, gibt es genug.

Dass man trotzdem unweigerlich einen Schritt zurücktritt, sobald einer wie Putin in den Medien zum „bad guy“ aufgebaut werden soll, ist vielleicht ein Reflex aus den Zeiten des Kalten Krieges, als die Sowjetunion für den Westen noch das „Reich des Bösen“ war und „kritisch sein“ v. a. meinte, (oftmals zu Recht) kritisch gegenüber Amerika zu sein. Grundsätzlich gilt aber ja: Sollte man nicht immer erst einmal beide Seiten sehen, bevor man sich ein Urteil bildet?

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Bröckers und Schreyer, die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“, heben hervor, was Putin in Russland so beliebt macht: Er beendete den Raubtierkapitalismus der Ära Jelzin, als weite Teile der Bevölkerung verelendeten, aber zwielichtige Geschäftsleute quasi über Nacht problemlos zu Multimillionären werden konnten und er sorgte für ein neues nationales Selbstbewusstsein. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hatte man so viel Glück nicht. Kaum dass ein russlandfreundlicher Politiker die politische Bühne betrat, enstand eine Protestbewegung mit publicitywirksamer Symbolik – die Farbe Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien -, bei der – fast schon als Reminiszenz an alte Zeiten – amerikanische Think Tanks im Hintergrund die Strippen zogen.

Es sei jedoch weniger die Sorge um die Menschenrechte, so Bröckers und Schreyer, die den Westen dazu antreibe, sich immer wieder einzumischen, sondern die schnöde Gier nach Rohstoffen und natürlich spielten auch geostrategische Überlegungen eine Rolle.

Ganz abgesehen davon – In den Augen der „Putinversteher“ hat Russland in der Ukraine-Krise legitime Rechte verteidigt, z. B. den Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol auf der Krim, den es gegen rechte Milizen zu schützen galt, die sich – angestachelt vom Westen und von einem faschistoiden Radau-Nationalismus, so die Sichtweise – anschickten, gen Osten zu stürmen. Außerdem sei die Entscheidung des umstrittenen Referendums, dass die Krim zu Russland gehören solle, nachvollziehbar, da die überwältigende Mehrheit der dortigen Bevölkerung russischsprachig sei.

Die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“ schleifen ihre Leser durch eine historische Tour de Force, um um Verständnis für die russische Außenpolitik zu werben: von dem griechischen Historiker Thukydides, über Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli, Carl Schmitt und Stalin bis hin zu dem ukrainischen Faschisten Stepan Bandera werden eine Menge Namen aufgeboten und die Machenschaften transatlantischer Influencer, wie Zbigniew Brzezinski und Victoria Nuland, werden penibel analysiert.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sehr viel unerwähnt bleibt: Im Schlusskapitel wird die Minderheitenthematik z. B. nur kurz gestreift und dann gleich wieder abgebügelt: Die desolate Lage etwa von Homosexuellen in Ländern wie Russland rechtfertige es nicht, dass dafür Bürgerkriege angezettelt würden, so Bröckers und Schreyer. Dass Putin politische Bündnisse mit mehreren quasi-absolutistischen „Alleinherrschern“ und Diktatoren in der Region eingeht und von Putins Gnaden eingesetzte Lokaldespoten, wie z. B. der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, in dem Ruf stehen, auch vor Folter nicht zurückzuschrecken, scheint für die „Putinversteher“ gar nicht erst von Belang zu sein.

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Richtig gestolpert bin ich aber über den Namen Alexander Dugin, den Bröckers und Schreyer in der Einleitung als ideologischen „Gegenpol“ zur „globale(n) amerikanische(n) Bevormundung“ einführen. Später im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort wird ein bisschen herumgedruckst, dass es Dugin um ein „polyzentrische(s) Eurasien(…) der Traditionen, Religionen und Kulturen“ gehe, das durch einen „starken Staat“ „zusammengehalten“ werden solle. Zwar stufen Bröckers und Schreyer Dugin immerhin als „zutiefst konservativ(…)“ ein, aber sie heben hervor, dass sein Denken ein „Reflex auf den expansionistischen, universalistischen Alleinvertretungsanspruch des amerikanischen Globalismus“ (s. S. 171) sei.

Dugins Wikipedia-Eintrag ist da schon deutlicher: Dort wird Dugin als „Neofaschist“ dargestellt (Version vom 20. Juli 2916), der sich u. a. auf den italienischen Faschisten und Esoteriker Julius Evola beruft. Evola ist in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter: Sein elitäres, metaphysisches Denken spricht rechte Jugendliche, die sich für etwas besseres halten, seit je her an, auch in Deutschland: Am rechten Rand der sog. „schwarzen Szene“, Grufties, Gothics und Mittelalterfreaks, hat man sich mit Evola auseinandergesetzt, ebenso wie in den Kreisen der europaweit agierenden „Identitären“, die hierzulande eng verbandelt sind mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der rechtspopulistischen AfD.

Hier schließt sich der Kreis, denn Putin hat mehrfach die Annäherung an europäische Rechtspopulisten gesucht: Laut Spiegel Online soll der französische Front National finanzielle Unterstützung von russischer Seite erhalten haben. Und der nationalkonservative AfD-Vordenker Alexander Gauland war bereits zum freundschaftlichen Gespräch in der russischen Botschaft in Berlin geladen, wie man z. B. ebenfalls auf Spiegel Online nachlesen kann.

Die Frage ist jedoch, wie das zu linken Spontis passt. Hat sich deren Antiamerikanismus seit dem Ende des Kalten Krieges derart potenziert, dass sie sich jetzt sogar, wenn auch vielleicht nur durch die Hintertür, mit Faschisten und Rechtspopulisten gemein machen, nur um „Uncle Sam“ eins auszuwischen?

Mathias Bröckers, einer der Autoren von „Wir sind die Guten“, schreibt u. a. für die linksalternative Berliner „Tageszeitung“. Er betreute offenbar auch den Internetauftritt der taz, engagiert sich für die Legalisierung von Cannabis und war mit dem Hanfaktivisten Wolfgang Neuss befreundet, wie sein Wikipedia-Eintrag einen informiert. Neuss erlangte mit dem Statement, er würde sogar den Strick, an dem man ihn sonst erhängen würde, rauchen, eine gewisse Berühmtheit in Hippie-Kreisen. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Ich selbst habe es von jemandem, der der taz nahesteht.

Kiffer, Ex-Hippies und „Gutmenschen“ also, die sich für autoritäre Regimes begeistern und mit dem rechten Rand paktieren? Das klingt ein bisschen, als sei da jemand auf dem falschen Trip hängen geblieben. Allerdings muss man sagen, dass Bröckers in der Berliner Linken einen Stein im Brett zu haben scheint. Außerdem hat er sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und fand auch nichts dabei, sich über zwei Stunden auf KenFM von Ken Jebsen interviewen zu lassen.

Die Querfront lässt grüßen. „Wir sind die Guten“ kann vielleicht zu einem ihrer politischen Standartwerke werden.

Fuck! Endstation Armut!

„Angst vor der Parallelgesellschaft. Kann Deutschland Integration?“ hat man sich gestern in der ZDF-Talkshow „Maybritt Illner“ gefragt. Sineb Al-Masrar, die marokkanischer Abstammung ist und bereits mehrere Bücher zu Thema verfasst hat, spricht in aller Deutlichkeit aus, was sich bislang viele nicht getraut haben, zu sagen – dass schlechtes Benehmen keine Religion ist. Es ist nicht „typisch“ für den Islam. Man kann noch einen draufsetzen und darauf bestehen, dass man „schlechtes Benehmen“, sprich: Frauenfeindlichkeit, Kriminalität, all das, wovor sich viele Menschen im Moment fürchten, weder entschuldigen muss, noch aber den Islam als solchen verteufeln oder auf allen herumhacken, die irgendwie damit zu tun haben. Gäbe es keine Muslimen in Deutschland, wäre das Problem nicht aus der Welt.

Aber das Problem gibt es eben auch mit Muslimen. Darauf hat die Polizeibeamtin Tania Kambouri hingewiesen. Eine unangenehme Fußnote ist vielleicht, dass Kambouri immer wieder gezwungen war, sich von politisch rechten Positionen abzugrenzen. Es zeigt, wie schwierig es geworden ist, differenzierte Diskussionen zu führen. Aber vielleicht sind Pauschalisierungen und Stimmungsmache einfach bequemer.

Als eine Frau aus Kaiserslautern in die Talkrunde geholt wird, merke ich auf. Vom „Asternweg“, einem sozialen Brennpunkt in der pfälzischen Stadt, die wohl ansonsten eher durch ihren Fussballclub ein Begriff ist, hatte ich bereits gehört. Es gab eine zweiteilige Doku im Fernsehen, die ich aber nicht gesehen habe. Katharina Dittrich-Welsh macht einen robusten Eindruck: lange rote Haare, die Arme von oben bis unten tätowiert, kein zartes Pflänzchen, eher eine Biker-Lady. Sie erzählt aus dem Ghetto, wo Menschen in Wohnungen ausharren müssen, die keine Heizung, kein Warmwasser, nicht einmal Duschen haben. Unvorstellbar, dass es so etwas im wohlhabenden Deutschland gibt! Selbst Problemviertel, die zu bundesweiter, meist trauriger Berühmtheit gelangt sind, wie Berlin-Neukölln, sind nicht derart heruntergekommen.

Es gäbe keinen sozialen Wohnungsbau in Kaiserslautern, berichtet Katharina Dittrich-Welsh, die sich ehrenamtlich im Asternweg engagiert. Für die Flüchtlinge habe man zwei Blocks geräumt und etwas besser ausgestattet. Von Sozialneid sei aber bei den Einheimischen nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil, man habe sich eher solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt. Darüber stolpere ich etwas. Nicht, weil ich es nicht toll finde, sondern weil es ein bisschen nach „Sommermärchen“ klingt, oder so, wie gestandene Linke die Welt gern sehen würden – zu schön, um wahr zu sein. Aber – ist das vielleicht nur mein Eindruck? Dittrich-Welsh sieht schon etwas nach Ex-Antifa aus. Dass sie sich sehr gewandt – unverkennbar akademisch – ausdrückt, fällt mir richtig auf.

Eine Studierte in der Obdachlosensiedlung? Eine, die nicht mault, sondern anpackt? Ich meine, man kann tief sinken. Ich habe ja auch studiert und lebe trotzdem unter der Armutsgrenze. Würde ich irgendwann auch gezwungen sein, in einem Viertel, wie dem Asternweg zu leben? Oder ganz auf der Straße? Wäre ich dann nicht neidisch, auf die Flüchtlinge, die doch den etwas besseren Standart kriegen? Ich gebe den Namen „Katharina Dittrich-Welsh“ schnell bei Google ein, stolpere auf einem Portal, das sich „Finanznachrichten“ nennt, über das Wörtchen „Diplomatentochter“, also eine, die so richtig tief gesunken ist? Drogen? Alkohol? Nein, da steht auch, dass Dittrich-Welsh doch in einem der besseren Viertel Kaiserslauterns lebt. Ich werde richtig neugierig. Dann lese ich was von CDU Kaiserslautern-Mitte. Also doch nicht Antifa. Oder es ist eine andere. Ich beschließe, dass das mit dem googlen keine gute Idee ist. Nicht alles, was im Internet steht, muss wahr sein und die Frau hat ja recht: anstatt auf die Flüchtlinge neidisch zu sein, ist es besser, sich dafür einzusetzen, dass sich die Lebenssituation aller Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, bessert – eine Position, der ich mich nur anschließen kann. Wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass man natürlich auch gleich ein Sozialer Wohnungsbau-Programm hätte anleiern können. Ein schaler Beigeschmack bleibt: dass man den Leuten halt doch nicht unbedingt immer über den Weg trauen kann. „Arm“, „arm“ und „engagiert für Arme“ ist nicht das Gleiche. Schwamm drüber. Irgendwie hatte ich es ja geahnt …

Brust raus gegen Rechts!

Um ein Haar hätte ich es retweetet. Auf Twitter landete vor ein paar Tagen ein Tweet in meiner Timeline, der sich über’s Brüstezeigen lustig machte. Genauer gesagt: über eine neue Form der Bigotterie: unter dem Hashtag #nippelstatthetze kursierte – wohl schon vor längerer Zeit, aber offenbar wieder hochgekocht – ein Foto im Netz, das einen angeranzten Tennissockenträger und eine nackte Schönheit mit XXL-Brüsten zeigt. Der Tennissockenträger, die Sorte Typ, die man bzw. frau normalerweise mit Begriffen wie „Mantafahrer“ und „Unterschichtenfernsehen“ assoziiert, hält ein Stück Pappkarton hoch, auf dem in ungelenker Schrift steht: „Kauft nicht bei Kanaken“. Rechts oben ist das Kleingedruckte zu lesen, in diesem Fall die Essenz der Botschaft: „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“. #nippelstatthetze also, Hipsterhumor, alles ironisch gemeint. Warum darf man keine Brüste zeigen, dafür aber fremdenfeindliche Hetze posten? Ganz abgesehen davon, dass Brüste, zumal richtig schön große, ja auch ein echter Hingucker sind und in diesem Fall nur der Sache dienen: dem Engegament gegen Rechts.

Der Tweet, den ich fast retweetet hätte, spottete – sinngemäß und soweit ich mich erinnere – dass die gleichen Leute, die sexistische Werbung im öffentlichen Raum verbieten wollen, jetzt offenbar begeistert sind, einen Frauenkörper, der einem Pornostar alle Ehre gemacht hätte, bis auf einen knappen schwarzen Slip unzensiert und für alle öffentlich zugänglich im Netz zirkulieren zu sehen. Ich hatte den Tweet als Retweet in meiner Timeline. Und – wie gesagt – meine spontane Reaktion war eigentlich: retweet, klack, Herzchen, Zustimmung, finish. Selten war ich mir so sicher. Genauso intuitiv habe ich es dann allerdings doch nicht getan. Und das hatte seine Gründe.

Ein paar Tage später stolperte ich per Zufall über einen Tweet der Netzfeministin Anne Wizorek, die über den anderen Tweet förmlich herfiel: „kann’s sein, dass hier jemand den unterschied subjekt vs. objekt nicht kennt?“ ätzte Wizorek am 11. April. Ich sah, dass der Ursprungstweet bereits gelöscht war. Wäre ich eine Comicfigur, hätte über meinem Kopf wohl eine Gedankenblase mit drei dicken Fragezeigen geschwebt. So schlimm war das doch wohl nicht?! Oder doch?!

Unter der Headline „Eine nackte Frau zum Rasenmäher“ macht sich Heide Oestreich am 12. April in der taz Sorgen um Esstörungen. Das Verbot von sexistischer Werbung sei eher eine Art „Jugendschutz“ und keinesfalls „Zensur“, schreibt Oestreich. Junge Mädchen müssten begreifen, dass es nicht nur darum ginge, „Männern“ zu „gefallen“. Die weibliche Jugend kotzt sich also die Seele aus dem Leib, um mit dem sexy Busenwunder aus der Werbung mithalten zu können? Ist es wirklich so einfach? Sind junge Frauen so dumm und so sehr darauf fixiert, Nabelschau mit dem eigenen Körper zu betreiben, dass man (bzw. frau) sie gewissermaßen vor sich selbst schützen muss?

Anne Wizorek, die wohl mehr oder weniger eine Generation jünger ist als Heide Oestreich, hebt eher darauf ab, ob Frauen SELBST entscheiden, sich nackt zu zeigen oder nicht. Das erinnert an einen Feminismus à la Femen, wo junge Frauen vor ein paar Jahren damit Furore machten, öffentlich, zu wichtigen politischen Anlässen ihren Busen entblößten und damit eine Menge mediale Aufmerksamkeit einkassierten. Inhaltlich – politisch – genutzt hat es wohl eher wenig. Irgendwo habe ich damals außerdem mal gelesen, dass es seinen Sinn gehabt hätte, dass die Femen-Frauen alle jung und überaus attraktiv waren. Mit hässlichen Frauen wäre man weitaus brutaler umgesprungen …

Wenn man bedenkt, dass Femen in der Ukraine gegründet wurde (wie auch auf Wikipedia nachzulesen ist) ist es noch irgendwie nachvollziehbar, dass dieser Feminismus so sehr auf die Zurschaustellung nackter junger Frauenkörper abzielte. Man könnte darin eine Provokation sehen, gegen das Wiedererstarken der Kirchen und einer konservativen Sexualmoral, die das Heimchen am Herd, die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Gegenentwurf zu einem Sozialismus propagiert, der sich seinerseits durch falsche Heilsversprechungen und Doppelmoral diskreditiert hatte. Man könnte auch an eine Persiflage auf das Bild, das man in den Nullerjahren von osteuropäischen Frauen hatte, denken. All das ist aber im Sande verlaufen. Die Kirche ist in vielen osteuropäischen Ländern heute stärker denn je, ein kaum erträglicher Nationalismus, der teilweise bereits in faschistische Allüren übergegangen ist, hat sich fast überall breit gemacht und die Ukraine ist mehr denn je ein von Korruption, Krieg und Gewalt zerrüttetes Land ….

So viel bringt das Busen zeigen politisch also wohl nicht. Ist es letzten Endes doch nur ein modern gewordener weiblicher Narzissmus, ein krankhaft übersteigerter Drang danach, dass der eigene Körper gesehen – und möglichst auch bewundert – werden soll? Dazu darf er keine Makel haben, denn, wie auch bei Femen gilt: Es ist nicht so süß, wenn sich eine, die nicht mehr Anfang 20 ist, nicht gertenschlank und wohlgeformt, als Nacktstar in der Öffentlichkeit produziert. Dann wirkt es eher arm, als hätte es eine nötig, verzweifelt um die Aufmerksamkeit von Männern zu buhlen. So eine will keine sein. Dann doch lieber hungern und kotzen.

Es passt, dass die jungen Möchtegern-Barbies schnell dabei sind, wenn es darum geht, andere Frauen zu verhöhnen und runterzuputzen – Germany’s next Topmodel lässt grüßen! Und es passt, dass Frauen, die dem allgemeinen Schönheitsideal nicht so sehr entsprechen, noch viel aggressiver sind – Es ist wie die Reise nach Jerusalem, das alte Spiel, bei dem keiner derjenige sein will, der, wenn die Musik aufhört, keinen Stuhl zum Sitzen hat. Keine will die frustrierte, spaßfeindliche Zicke sein, die kein Mann will. Alle wollen begehrliche – gern auch neidische – Blicke auf sich spüren. Es passt, dass viele auch glauben, auch etwas mit Frauen anfangen zu können – eine neue Bühne, auf der der eigene Körper beklatscht werden kann. Obwohl das jetzt gemein ist, das so zu schreiben. Es sind ja auch nicht alle Frauen gemeint, die sich für Feminismus engagieren und es trifft auch nicht auf alle mit gleicher Härte zu. Klar. Trotzdem: wer meint, sich selbst enblößen zu müssen – und sei es nur unter dem Vorwand des „guten Zweckes“ – darf nicht jammern, wenn es andere auch tun – und wenn auch nur gegen Geld. That’s the Game. Ob Euro oder Aufmerksamkeit macht sich letztendlich nicht viel. Und gegen Esstörungen hilft letztendlich nur die Erkenntnis, auch dann gut, liebens- und begehrenswert zu sein, wenn die andere den schöneren Busen hat. Davon hat man bzw. frau dann auch noch etwas, wenn die ersten Fältchen kommen. Vielleicht hätte ich doch schneller auf das Retweet-Icon drücken sollen ….

Helfershelfer der Rechtspopulisten? Anmerkungen zum 13. März

Vor ein paar Wochen machte eine Geschichte die Runde im Internet: Ein kränkelnder Flüchtling, ein junger Mann, soll auf dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Versorgung (LaGeSo) so lange angestanden haben, dass er schließlich an Entkräftung gestorben sei. Die Geschichte, die einer der ehrenamtlichen Helfer im Internet verbreitet hatte, hatte nur einen Haken – sie war frei erfunden. Kritisch zu dem Vorfall äußerte sich u. a. die linke Berliner Tageszeitung. Vielleicht wollte besagter Helfer mal in der Zeitung stehen. Oder es war – wie behauptet wurde – tatsächlich ein ungeschickter Versuch, auf die Missstände am LaGeSo aufmerksam zu machen. Aber – und diese Variante scheint mir mittlerweile gar nicht mehr so abwegig zu sein –vielleicht steckte auch ein heimlicher, gut versteckter Groll auf die Flüchtlinge dahinter. Kaum etwas ist besser geeignet, um die Leute zu diskreditieren, als eine herzzerreißende, gefühlige Geschichte, die sich letztendlich aber als falsch erweist. Im Sommer hatten sich Rechtsradikale mehrfach an solchen Hoaxen versucht, wie u. a. das Internetportal Meedia berichtete.

Oder die Ereignisse der Silvesternacht in Köln: Es gab tatsächlich Frauen, sogar einige, die sich als Feministinnen bezeichnen, die die Schuld bei den jungen Mädchen sehen wollen, die so ungeniert offenherzig gekleidet am Kölner Hauptbahnhof gefeiert hätten. Noch vor kurzem hörte ich eine Frau aus der Berliner queerfeministischen Szene pampen, dass die Männer ja wohl zum ersten Mal so leicht bekleidete Frauen gesehen hätten. Und überhaupt, es gebe doch wohl genug Sexismus in Deutschland. Vielleicht solle man sich erst einmal darum kümmern.

Natürlich stimmt es, dass auch deutsche Männer sich manchmal sexuell übergriffig verhalten. Aber wenn Frauen (oder Männer) für Flüchtlinge eine Art Akklimatisierungsbonus verlangen, dann sollten sie sich vielleicht erst einmal selbst zum Austoben zur Verfügung stellen. Niemand möchte sich aus „Verständnis“ für die „fremde Kultur“ vergewaltigen lassen. Nicht einmal Mutter Theresa, die albanische Nonne, die ihr Leben den Armen und Kranken dieser Welt gewidmet hatte, wäre so weit gegangen.

Allerdings ist es auch keine Lösung, wenn man, weil es Probleme mit einigen Flüchtlingen gab, dann gleich per se allen Hausverbot erteilt. Offenbar hatte man in einigen Diskotheken und Schwimmbädern so auf die Vorfälle in Köln reagiert. Das hat vermutlich zu einem ethnisch homogeneren Tanz- und Badespaß führt – falls man Wert darauf legt. Wirklich geholfen hat es gegen sexistische Übergriffe aber wahrscheinlich nicht. Trotzdem, auch der Freiburger Club White Rabbit, eine linke Institution, hat Flüchtlingen Hausverbot erteilt. Allerdings nur denen, die sich partout nicht damit anfreunden konnten, dass Grapschen nicht okay ist, so stand es z. B. auf jetzt.de und anderswo.

Na und? Wer Mist macht, der muss auch dafür geradestehen, ob Flüchtling oder nicht – oder?! Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart hatte sich in der Welt gegen einen „Bonus für Nationalität“ ausgesprochen und ihre Parteigenossin Claudia Roth – eigentlich eher als Hardlinerin in Sachen Multikulti bekannt – sagt in der Talkshow „Maybritt Illner„, dass man natürlich zwischen Flüchtlingen und Deutschen keinen Unterschied machen könne, wenn es um Kriminalität ginge. Nur, ergänzt Roth, sei es falsch, jemanden von vornherein zu verdächtigen, nur weil er oder sie Araber sei. Dem kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen …

Aber die Häme nervt, mit der gerade Konservative jetzt gern über Linke herfallen, sobald sich eine Gelegenheit dazu zu bieten scheint, sie als „flüchtlings-“ bzw. „ausländefeindlich“ oder gar „rassistisch“ vorzuführen. Kai Diekmann von der Bild hatte es mit dem linken Fussballclub Sankt Pauli versucht. Das Internet kam Sankt Pauli zu Hilfe, wie u. a. die deutschssprachige Ausgabe des Magazins Vice berichtete.

Und dann die Debatte über Sozialleistungen, die Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) entfacht hatte: Ja, ein bisschen hatte es so geklungen, als bräuchte man jetzt eine Tüte Bonbons, um die unartigen Kinder ruhig zu stellen, weil doch die ganze Energie für die kleinen Nesthäkchen draufgegangen ist. Andererseits – konservative Kritiker wie Jan Fleischhauer, der sich in seiner Spiegel Online-Kolumne über den vermeintlichen Neid des „White Trash“ auf die Flüchtlinge ausgelassen hatte, hocken manchmal verblüffend realitätsfern in ihrem journalistischen Elfenbeinturm: Natürlich kostet Integration Geld, was nicht heißt, dass man darauf verzichten könnte oder sollte. Aber die Frage, wer es eher Wert ist, mit viel Aufwand gefördert zu werden, um am Wohlstand dieser Gesellschaft teilhaben zu können, drängt sich auf. Handwerker, deren Job in den Nuller Jahren nach Pakistan oder Bangladesh ausgelagert wurde, werden sie anders beantworten, als junge Hipster, die sich, wenn sie sich irgendwo bewerben, v. a. darum sorgen, ob der neue Working Space auch ein Spa oder anderen Annehmlichkeiten zum Relaxen bereithält. Vielleicht sollte man es auch mal aus dieser Perspektive sehen.

Nicht zuletzt deshalb ist es auch mehr als unglücklich, wenn dann auch noch verlangt wird, dass auch EU-Ausländer vom ersten Tag ihes Aufenthaltes in Deutschland an Hartz-IV und andere Sozialleistungen erhalten sollten, wofür sich u. a. Werner Hesse, der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, ausgesprochen hatte. Ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofes sieht eine solche Gleichstellung aller Bürger der EU zu den Deutschen nicht vor, wie u. a. die Deutsche Welle berichtet, die auch Hesse anführt. Außerdem sind solche Forderungen ziemlich unrealistisch, denn potentiell stünde damit ausnahmslos jedem (!) EU-Bürger zumindest potentiell Hartz-IV in Deutschland zu und zwar sofort, von der ersten Minute an. Das ist gar nicht leistbar, selbst für ein reiches Land wie Deutschland nicht. Dass die deutsche Austeritätspolitik v. a. in Südeuropa zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit und zum Abbau sozialer Sicherung geführt hat, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Die Frage ist nur, ob man das auf die sozial Schwachen der deutschen Gesellschaft abwälzen will und das – als wäre es damit nicht genug – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo von „Verdrängungsprozessen“ durch die Flüchtlinge die Rede ist. Muss man da die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch mehr zuspitzen?

Angela Merkel, die für ihre Flüchtlingspolitik im Moment überall gefeiert wird, ist übrigens gar nicht so sehr mit Maximalforderungen an die Bevölkerung getreten. Und auch viele Politiker klassisch Einwanderungsfreundlicher Parteien, wie der Grünen, haben sich weitaus zurückhaltender geäußert, als man es auf den ersten Blick vielleicht hätte erwarten können. Allerdings – wer wirklich an offenen Grenzen festhalten will, hat auch ein Interesse daran, Konzepte zu entwickeln, die umsetzbar sind und auch dann in der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen, wenn man nicht damit droht, ansonsten alle in die rechte Ecke zu stellen. Auch wenn man über Einzelfragen und moralische Ansprüche sicherlich diskutieren kann – Wer allzu radikal „pro refugee“ auftritt, will vielleicht vor allem eines: Der AfD am Wochenende kräftig Stimmen bescheren. Hoffentlich fällt darauf am Sonntag niemand herein!

Röhrende Hirsche on Speed – Oder wieviel gibt ein Grüner mit Tina her?

Grünen-Politiker mit Crystal Meth erwischt, ausgerechnet Berlin – Nollendorf-Platz -, also mitten im schwulen Partybezirk, passenderweiser Volker Beck. Auf Twitter wurde es gestern zum „Trend“, heute Schlagzeile Nummer 1 bei allen Boulevard-Blättern. Beck ist offenbar klug genug, einfach mal den Mund zu halten. Andere dagegen überschlagen sich, nachzuweisen, dass so ein bisschen Plastik-Kokain einem grünen Vorzeigepolitiker doch nichts anhaben könne – ganz im Gegenteil: Margarete Stokowski fragt sich auf Spiegel Online, warum Drogen in einer modernen, aufgeklärten Zeit unbedingt ein politisches Todesurteil bedeuten müssen und kommt zu dem Schluss, dass Beck einer ist, der – egal wie totgesagt – von den Toten noch einmal zurückkehren wird. Den Vogel aber schießt Deniz Yücel ab. Er verweist in der Welt auf Milton Friedmann, um Volker Beck zu rehabilitieren. Der US-Wirtschaftswissenschaftler war in Punkto Drogenpolitik in der Tat zeitlebens ausgesprochen liberal. Allerdings war er auch der Lehrmeister der sog. „Chicago-Boys“, die ihren aggressiven wirtschaftlichen Liberalismus unter der Ägide des Diktators Augusto Pinochet im Chile der 1970er Jahre ohne lästige Gewerkschafter und andere Sozialisten in die Tat umsetzen konnten. Wer’s nicht glaubt, kann’s ja auf Wikipedia nachlesen oder sonstwie im Internet googlen.

Vielleicht ist es ein Zufall, dass sowohl Stokowski als auch Yücel aus dem Stall der Berliner Tageszeitung stammen. Aber trotzdem ist es schon irgendwie kurios, den Bogen von Militärdikatur und Folter zu ökonomischer Extrem-„Schocktherapie“ und dem Label „links“ zu schlagen. „Liberal“ ist halt nicht immer gleich „liberal“. Und wenn jeder koksen darf, wie er will, macht das die Welt nicht unbedingt zu einer besseren.

Andererseits, natürlich traten links-alternative Politiker (fast) immer für eine liberale Drogenpolitik ein. Zum Teil ist das vielleicht ein bisschen ein Erbe von ’68 und eine Reminiszenz an die Blumenkinderzeit. So ein bisschen Kiffen für den Frieden eben. Crystal Meth ist allerdings eine Leistungsträgerdroge, mehr noch Nazi-Kram. Es sollte ursprünglich die Soldaten der Wehrmacht zu Herrenmenschen-Kämpfern machen. In jüngerer Zeit geriet die Droge jedoch eher dadurch in die Schlagzeilen, dass sie Menschen physisch binnen kürzester Zeit zu wahren Wracks macht. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen, wenn man will.

Mag ja sein, das Koksen zu Politik und Medienwelt gehört, wie die Beichte zur katholischen Kirche. Mag sein, dass Workaholics und Möchtegern-Überflieger sich damit zum „immer mehr“ motivieren. Dass Drogen aus dem schwulen Partymilieu harter Großstadtszenen wie Berlin und London nicht wegzudenken sind, ist auch nicht neu. Aber hat das alles wirklich so sehr mit der Person Volker Beck zu tun? Warum spricht man nicht, statt über Beck, über die Gefährlichkeit von Crystal Meth, dass das nicht „funky“ ist, wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört, dass man dann ganz schnell untergeht, genau, wie Heroin auch nur bei steinreichen „Pop-Stars“ „nur eine Phase im Leben“ ist. Otto-Normalbürger landen auf dem Straßenstrich. Warum spricht man nicht über Chemsex-Partys im Schwulenmilieu? Dass das nicht ganz ohne ist? Nicht, dass ich das alles Volker Beck andichten wollte. Ganz im Gegenteil: Ich finde, solche Diskurse sind für sich genommen wichtig. Das muss man nicht an seiner Person festmachen.

Und nicht zuletzt ist es ja richtig, dass Beck kein strammer CSU-Politiker ist, der sich, umgeben von röhrenden Hirschen und anderen Insignien spießbürgerlicher Behaglichkeit, einen Namen als „Saubermann“ gemacht hätte, am besten noch mit Kernfamilie und Christenheit als Maß aller Dinge. Nein, da kann man also nicht lachen und sich an der Bigotterie hochziehen. Beck ist nur einer von vielen, der mal einen Ausflug ins Halbweltmilieu gewagt hat. So what?

Der verbale Stinkefinger

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Ein paar knallige Äußerungen gemacht, sich missverständlich ausgedrückt oder tatsächlich mit dem rechten Rand kokettiert – Wer in der Öffentlichkeit steht, kann schnell in Misskredit geraten. Durch das Internet stehen mehr Leute als früher in der Öffentlichkeit, nicht mehr nur Politiker und Sachverständige, irgendwelche Wichtigtuer oder die üblichen Platzhirsche aus der Medienwelt. Durch das Internet verbreiten sich Neuigkeiten auch schneller und jeder, der gerade online ist und irgendwie Wind von einer Sache bekommen hat, kann seinen Senf dazugeben.

Insofern ist das Risiko heutzutage größer, öffentlich an die Wand gestellt zu werden, wenn man sich über irgendeine Sache ausgelassen und vielleicht etwas verfänglich ausgedrückt hat oder bewusst provozieren wollte.

Nicht immer trifft es die Richtigen. Manchmal trifft es Leute, die mit ihren Äußerungen tatsächlich Agressionen wecken und es geradezu herausfordern, dass andere zurückschießen. Bei der Welt-Autorin Ronja von Rönne, die behauptete, Feminismus sei etwas für „unterprivilegierte Frauen“ war es wohl so*. Man kann durchaus Kritik an der Nachwuchsjournalistin üben, sagen, dass das dumm ist, was sie geschrieben hat, nicht besonders durchdacht, ziemlich hochnäsig und natürlich einem erzkonservativen Weltbild verpflichtet.

Die von Rönne aber deshalb gleich als rechtsradikal abzustempeln, war dann doch zu viel. Theoretisch könnte man das Gleiche ja auch von Leuten wie Harald Martenstein, Matthias Mattusek und Jan Fleischhauer behaupten – allesamt mehr oder weniger Fürsprecher der neuen Konservativen, die den Mund gern voll nehmen und keine Gelegenheit auslassen, die Werte und Errungenschaften der Linken durch den Kakao zu ziehen. „Rechtsradikal“ sind sie deshalb aber trotzdem nicht. Das sind die Leute, die „Ausländer raus!“ brüllen und Asylbewerberheime anzünden. Da muss man schon differenzieren.

Auf Twitter äußerte jemand sinngemäß, man könne nur sachlich argumentieren, wenn auch die Gegenseite bereit sei, sachlich zu bleiben. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Natürlich hat niemand Lust, sich den Mund fusselig zu reden und den vertrottelten linken „Gutmenschen“ zu geben, während andere nur herumhöhnen und alles in Grund und Boden stampfen, was man sagt.

Aber muss man Leute wie die von Rönne deshalb gleich in die braune Ecke stellen? Bringt man damit nicht gerade diejenigen gegen sich auf, die einem insgeheim eigentlich zugestimmt haben? Die vielleicht bei einer wie Ronja von Rönne genervt die Augen verdrehen und froh sind, wenn sich jemand zu Wort meldet und dagegenhält?

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Die politisch den Grünen nahe stehende Berliner Tageszeitung hält gern dagegen und schießt dabei gelegentlich auch über das Ziel hinaus. Man hat ihr u. a. vorgeworfen, „Schweinejournalismus“* zu betreiben, über Gebühr zu polemisieren und sich dabei nicht immer an die Regeln zu halten. Manchmal könnte man tatsächlich den Eindruck haben: Da ist in einigen Artikeln dieser sich ereifernde Tonfall, Begriffe wie „Homolobby“ fallen, die rechtspopulistische Partei AfD durfte in der taz eine Anzeige schalten und der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der selbst mit markigen Statements auffiel, wurde wegen den Folgen eines Schlaganfalls gnadenlos verhöhnt*. Die taz gibt sich wurschtig und macht im Kino Werbung damit, dass sie nun einmal nicht jedem schmeckt. Schön und gut, aber trifft sie noch den Ton ihrer Leserinnen und Leser?

*Den Begriff „Schweinejournalismus“ soll der Grünen-Politiker Jürgen Trittin im Bezug auf die Tageszeitung gebraucht haben und die taz auch in die Nähe der Bild-Zeitung gerückt haben. Die näheren Umstände dazu kann man auf Wikipedia unter dem Eintrag über den Journalisten Deniz Yücel nachlesen, der von 2007 – 2015 für die Tageszeitung gearbeitet hat und mehrfach durch umstrittene Äußerungen und Kommentare in die Kritik geraten ist. Yücel wurde auch wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte Thilo Sarrazins verklagt.

Die Wahlwerbung der rechtspopulistischen AfD in der taz sorgte im Mai 2014 für Wirbel. Mehrere Artikel, die im Internet verfügbar sind, beschäftigen sich mit dem Thema, u. a.: „Taz-Redaktion zerstreitet sich über AfD-Anzeige“ (ohne Angabe eines Autors), in: Zeit v. 20. Mai 2014.

„Homo-Lobby“ ist eigentlich ein Begriff, den Rechtskonservative häufig verwenden, um ihren Ängste davor Ausdruck zu verleihen, dass homosexuelle Lebensweisen sich flächendeckend auch unter Heterosexuellen durchsetzen und traditionelle familiäre Bindungen zerstören könnten. Dabei wird suggeriert, Homosexuelle hätten – obwohl sie eine Minderheit sind – so viel Einfluss, dass sie gesamtgesellschaftliche, für alle verbindliche Veränderungen herbeiführen oder gar gegen den Willen anderer Menschen erzwingen könnten.

In der taz wird der Begriff „Homolobby“ ironisch verwendet.

Die taz-Leserinnen und Leser – so würde man jedenfalls erst einmal annehmen – sind der Inbegriff des linken „Gutmenschen“ oder – neutraler formuliert – Es sind Menschen, die zwar die linken Ideale ihrer Jugend nie wirklich aufgegeben haben, aber mittlerweile mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen. Solche Leute wollen Ergebnisse sehen. Lieber soll sich etwas im Kleinen zum Besseren ändern, als dass irgendwer lautstark Parolen brüllt und dahinter steckt dann doch nichts.

Wer die taz im Abo hat, glaubt im Normalfall nicht an die Existenz einer „Homolobby“. Man findet die AfD und Thilo Sarrazin fürchterlich, würde sich aber trotzdem nicht über die körperlichen Gebrechlichkeiten eines politischen Gegners lustig machen. Das gebietet schon der Anstand – und es lacht auch keiner darüber, der irgendwie halbwegs bei Verstand ist.

Die taz also – großmäulig, oberflächlich und gemein? Geht es um Aufmerksamkeit? Um den kalkulierten Skandal? Darum, die eigene Leserschaft mit Statements und Plattitüden einzuseifen, die ihnen die Rückversicherung geben sollen, dass ihre Ansichten und ihr Lebensstil gut und richtig sind? Will man beweisen, dass auch (gemäßigt-)linke Meinungen auf das Niveau eines launigen, vielleicht auch streitlustigen Gespräches im Biergarten heruntergebrochen werden können?

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Bei aller Kritik, die z. T. sicher angebracht ist* – muss man sich trotzdem fragen, ob das andere Lager wirklich besser ist. Konservative, die behaupten, eine Politik mit Augenmaß zu betreiben, Menschen, die meinen, sich vernünftig und sachlich mit den Dingen auseinanderzusetzen und sich zu Gute halten, dass sie immerhin realistische Ziele anstreben, die gleichen Leute, die die Unvernunft und jugendliche Naivität, die sie Linken oft unterstellen, angeblich nicht ernst nehmen können, lästern leidenschaftlich gern gegen alles, was ihnen nicht in den Kram passt. Das wesentliche Argument, das sie dabei auffahren, ist: „Das ist nun einmal so!“, nur um dann mit fettigem Altherrencharme zu lachen „Har, har!“

Ronja von Rönne hat auch irgendwie „Har, har“ über den Feminismus gelacht. Ich weiß nicht, ob das ‚was bringt, da zurückzulachen. Oder sich wie der streberhafte Klassenprimus aus Schulzeiten besserwisserisch zu Wort zu melden und der von Rönne haarklein auseinanderzusetzen, was an dem, was sie sagt, alles falsch ist.

Einfach links liegen lassen. Warum eigentlich nicht?! Und sich die Energie dafür aufsparen, andere, aufgeschlossenere Menschen für feministische Ideale zu begeistern.

*In diesem Blogbeitrag ging es nicht darum, taz-Bashing zu betreiben. Laila Phunk ist der Meinung, dass es von Vorteil ist, eine vielfältige Medienlandschaft zu haben und kann – sofern niemand einen ernsthaften Schaden von etwas hat – grundsätzlich damit leben, wenn andere anderer Meinung sind. Wichtig war Laila Phunk, auf eine Rhetorik aufmerksam zu machen, die v. a. auf Polemik und Provokation setzt. Diese Art, Inhalte an die Öffentlichkeit zu bringen, findet sich jedoch sowohl im (gemäßigt-)linken als auch im konservativen Lager.