Total Psycho? Attentate im Netz

Die Angst geht um. Fast kein Tag vergeht, ohne dass irgendwo ein Gewaltakt verübt wird: Gestern in Rouen, in Frankreich der geköpfte Priester, nun aber auch in Deutschland: das Axtattentat in Würzburg, der Amoklauf in München, die Messerstecherei in Reutlingen, der Selbstmordanschlag in Ansbach.

Beklemmung, Furcht und Wut machen sich breit. Geht es jetzt so richtig los? Werden wir nur noch mit dem ständigen Begleiter Angst auf Konzerte gehen, in Züge, Busse und U-Bahnen steigen, im Straßencafé sitzen und all die anderen kleinen Freuden des Alltags erleben können?

Und warum hat man eigentlich die ganzen Flüchtlinge ins Land gelassen, fragen sich die einen. Warum hat man es zugelassen, unsere Gesellschaft so verletzbar zu machen für Gewalt? Hilfsbereitschaft – schön und gut – aber war es das wert?

Angst auch auf der anderen Seite: Wird, wenn das nächste Mal etwas passiert, ein wütender Mob auf alle südländisch aussehenden Personen losgehen? Werden E-Mailkorrespondenz, Chats, Handygespräche von Muslimen, Ausländern, „Verdächtigen“ und allen, die – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – gewisse „Key-Words“ verwenden, überwacht werden? Könnte eine rechtsextreme Terrororganisation wie der NSU eines Tages auf Verständnis und Sympathie in weiten Teilen der Bevölkerung hoffen?

Angst kann einem die Sicht auf die Dinge vernebeln. Angst wird aber auch bewusst geschürt. Als sich die Nachricht von der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum fast in Echtzeit auf Twitter verbreitete, waren sich einige sofort sicher: Das ist ein islamistisches Attentat. Und was ist, wenn es aber Nazis sind, war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich am Freitagabend gegen kurz nach sechs am Computer saß, in einem Internetcafé, und meinen Twitter-Account checkte. Würden Rechtsextreme so weit gehen? Würden sie ein Blutbad anrichten, um Hass auf Muslime zu schüren?

Durch die Twitter-Timeline rasten Bilder mit blutigen, am Boden liegenden Menschen, die wie Schlachtvieh aussahen. Filme machten die Runde, von Augenzeugen direkt am Tatort aufgenommen, das sollte zumindest suggeriert werden und vielleicht war es in einigen Fällen auch so. Ich fragte mich allerdings, warum Menschen sich nicht zuerst in Sicherheit bringen, anstatt ein Massaker live für die Nachwelt festzuhalten. Später stellte sich heraus, dass die Bilder mit den blutigen Menschen-Kadavern nicht aus München stammten. Sogar eine seriöse, überregionale Zeitung hatte zunächst etwas von 15 Toten getwittert. Auch das stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Zum Glück waren es weniger. Allerdings immer noch zu viel. Jede(r) Tote und jede(r) Verletzte ist ja eine(r) zu viel.

Später am Abend hörte ich im Radio, dass es auch für den Stachus in München einen Alarm gegeben hatte. Auch das stimmte nicht. Aber wer ist so grausam und behauptet so etwas? Wollen Menschen sich auf diese Weise wichtig machen? Geht es ihnen um das Gefühl, mal die Puppen tanzen zu lassen, ein Polizeigroßaufgebot herbeizubestellen, obwohl es gar nicht nötig ist? Nur weil sie es sagen? Oder wollen sich solche Leute an der Angst und Panik der Menschen weiden? Umherirrende, die sich draußen auf der Straße nicht mehr sicher fühlen, aber auch kein Café betreten mögen, aus Angst, jemand könnte hereinstürmen und alle totschießen. Menschen, die am Computer oder vor dem Fernseher sitzen oder zumindest das Radio eingeschaltet haben, und um Angehörige, Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn oder Wildfremde bangen.

Sind die Hetzer, Panikmacher und Falschinformierer die gleichen Leute, die wüste Kommentare im Internet und Hassmails verfassen? Hat Daesh die Zeichen der Zeit erkannt, dass man eine Gesellschaft möglicherweise auch ohne großen militärischen Aufwand in die Knie zwingen kann, wenn man die Gefühle der Menschen in die richtige Richtung manipuliert? Oder stecken Rechtsextreme dahinter: Menschen, die keine EU, keine Flüchtlinge, keine offenen Grenzen und auch keine Demokratie wollen. Gar nicht. Basta. Sind es Putintreue Trolle, die mitkämpfen wollen für eine neue eurasische Supermacht oder Frustrierte, die sich nur ein bisschen austoben? Man weiß es nicht. Vielleicht wäre es aber wichtig, es herauszufinden.

Die „Putinversteher“ – Querfront (V)

Man kennt sie noch vom Gymnasium, die Jungs, die eloquent und selbstsicher auftreten, einen mit Fakten bombardieren und am Ende einer Diskussion oft ziemlich dumm dastehen lassen. Wer ein Fach wie Geschichte, Politikwissenschaften, Philosophie oder Soziologie studiert hat, kennt sie auch aus dem Uni-Seminar. Geht es um etwas, von dem man selbst auch ein bisschen Ahnung hat, durchschaut man aber meistens schnell, dass gut gewählte Worte und ein scheinbar schier enzyklopädisches Wissen manchmal denselben Effekt haben, wie wenn jemand ein wildes Tänzchen vor einem aufführt, damit man nicht merkt, was sein Compagnon gerade macht.

Mir ging es beim Lesen von „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (erschienen 2014 im Westend Verlag, Frankfurt/Main) ein wenig so. „Klingt nicht schlecht“, dachte ich. Und dann: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“.

An Wladimir Putin scheiden sich die Geister: Politische Morde, die nie aufgeklärt wurden, Bomben in maroden Wohnblocks, bei denen man nicht weiß, ob sie nicht am Ende der Staat gelegt hat, Geiselnahmen, die zwar erfolgreich beendet wurden, aber ohne jede Rücksicht auf das Leben der Geiseln und die dubiose Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin, die nie stattgefunden hat – Gründe, dem ehemaligen KGB-Agenten misstrauisch gegenüber zu stehen, gibt es genug.

Dass man trotzdem unweigerlich einen Schritt zurücktritt, sobald einer wie Putin in den Medien zum „bad guy“ aufgebaut werden soll, ist vielleicht ein Reflex aus den Zeiten des Kalten Krieges, als die Sowjetunion für den Westen noch das „Reich des Bösen“ war und „kritisch sein“ v. a. meinte, (oftmals zu Recht) kritisch gegenüber Amerika zu sein. Grundsätzlich gilt aber ja: Sollte man nicht immer erst einmal beide Seiten sehen, bevor man sich ein Urteil bildet?

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Bröckers und Schreyer, die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“, heben hervor, was Putin in Russland so beliebt macht: Er beendete den Raubtierkapitalismus der Ära Jelzin, als weite Teile der Bevölkerung verelendeten, aber zwielichtige Geschäftsleute quasi über Nacht problemlos zu Multimillionären werden konnten und er sorgte für ein neues nationales Selbstbewusstsein. In der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hatte man so viel Glück nicht. Kaum dass ein russlandfreundlicher Politiker die politische Bühne betrat, enstand eine Protestbewegung mit publicitywirksamer Symbolik – die Farbe Orange in der Ukraine, Rosen in Georgien -, bei der – fast schon als Reminiszenz an alte Zeiten – amerikanische Think Tanks im Hintergrund die Strippen zogen.

Es sei jedoch weniger die Sorge um die Menschenrechte, so Bröckers und Schreyer, die den Westen dazu antreibe, sich immer wieder einzumischen, sondern die schnöde Gier nach Rohstoffen und natürlich spielten auch geostrategische Überlegungen eine Rolle.

Ganz abgesehen davon – In den Augen der „Putinversteher“ hat Russland in der Ukraine-Krise legitime Rechte verteidigt, z. B. den Pachtvertrag über den Hafen Sewastopol auf der Krim, den es gegen rechte Milizen zu schützen galt, die sich – angestachelt vom Westen und von einem faschistoiden Radau-Nationalismus, so die Sichtweise – anschickten, gen Osten zu stürmen. Außerdem sei die Entscheidung des umstrittenen Referendums, dass die Krim zu Russland gehören solle, nachvollziehbar, da die überwältigende Mehrheit der dortigen Bevölkerung russischsprachig sei.

Die Autoren von „Ansichten eines Putinverstehers“ schleifen ihre Leser durch eine historische Tour de Force, um um Verständnis für die russische Außenpolitik zu werben: von dem griechischen Historiker Thukydides, über Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli, Carl Schmitt und Stalin bis hin zu dem ukrainischen Faschisten Stepan Bandera werden eine Menge Namen aufgeboten und die Machenschaften transatlantischer Influencer, wie Zbigniew Brzezinski und Victoria Nuland, werden penibel analysiert.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sehr viel unerwähnt bleibt: Im Schlusskapitel wird die Minderheitenthematik z. B. nur kurz gestreift und dann gleich wieder abgebügelt: Die desolate Lage etwa von Homosexuellen in Ländern wie Russland rechtfertige es nicht, dass dafür Bürgerkriege angezettelt würden, so Bröckers und Schreyer. Dass Putin politische Bündnisse mit mehreren quasi-absolutistischen „Alleinherrschern“ und Diktatoren in der Region eingeht und von Putins Gnaden eingesetzte Lokaldespoten, wie z. B. der Präsident der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, in dem Ruf stehen, auch vor Folter nicht zurückzuschrecken, scheint für die „Putinversteher“ gar nicht erst von Belang zu sein.

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Richtig gestolpert bin ich aber über den Namen Alexander Dugin, den Bröckers und Schreyer in der Einleitung als ideologischen „Gegenpol“ zur „globale(n) amerikanische(n) Bevormundung“ einführen. Später im Buch ist ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Dort wird ein bisschen herumgedruckst, dass es Dugin um ein „polyzentrische(s) Eurasien(…) der Traditionen, Religionen und Kulturen“ gehe, das durch einen „starken Staat“ „zusammengehalten“ werden solle. Zwar stufen Bröckers und Schreyer Dugin immerhin als „zutiefst konservativ(…)“ ein, aber sie heben hervor, dass sein Denken ein „Reflex auf den expansionistischen, universalistischen Alleinvertretungsanspruch des amerikanischen Globalismus“ (s. S. 171) sei.

Dugins Wikipedia-Eintrag ist da schon deutlicher: Dort wird Dugin als „Neofaschist“ dargestellt (Version vom 20. Juli 2916), der sich u. a. auf den italienischen Faschisten und Esoteriker Julius Evola beruft. Evola ist in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter: Sein elitäres, metaphysisches Denken spricht rechte Jugendliche, die sich für etwas besseres halten, seit je her an, auch in Deutschland: Am rechten Rand der sog. „schwarzen Szene“, Grufties, Gothics und Mittelalterfreaks, hat man sich mit Evola auseinandergesetzt, ebenso wie in den Kreisen der europaweit agierenden „Identitären“, die hierzulande eng verbandelt sind mit der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der rechtspopulistischen AfD.

Hier schließt sich der Kreis, denn Putin hat mehrfach die Annäherung an europäische Rechtspopulisten gesucht: Laut Spiegel Online soll der französische Front National finanzielle Unterstützung von russischer Seite erhalten haben. Und der nationalkonservative AfD-Vordenker Alexander Gauland war bereits zum freundschaftlichen Gespräch in der russischen Botschaft in Berlin geladen, wie man z. B. ebenfalls auf Spiegel Online nachlesen kann.

Die Frage ist jedoch, wie das zu linken Spontis passt. Hat sich deren Antiamerikanismus seit dem Ende des Kalten Krieges derart potenziert, dass sie sich jetzt sogar, wenn auch vielleicht nur durch die Hintertür, mit Faschisten und Rechtspopulisten gemein machen, nur um „Uncle Sam“ eins auszuwischen?

Mathias Bröckers, einer der Autoren von „Wir sind die Guten“, schreibt u. a. für die linksalternative Berliner „Tageszeitung“. Er betreute offenbar auch den Internetauftritt der taz, engagiert sich für die Legalisierung von Cannabis und war mit dem Hanfaktivisten Wolfgang Neuss befreundet, wie sein Wikipedia-Eintrag einen informiert. Neuss erlangte mit dem Statement, er würde sogar den Strick, an dem man ihn sonst erhängen würde, rauchen, eine gewisse Berühmtheit in Hippie-Kreisen. Auch das kann man auf Wikipedia nachlesen. Ich selbst habe es von jemandem, der der taz nahesteht.

Kiffer, Ex-Hippies und „Gutmenschen“ also, die sich für autoritäre Regimes begeistern und mit dem rechten Rand paktieren? Das klingt ein bisschen, als sei da jemand auf dem falschen Trip hängen geblieben. Allerdings muss man sagen, dass Bröckers in der Berliner Linken einen Stein im Brett zu haben scheint. Außerdem hat er sich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und fand auch nichts dabei, sich über zwei Stunden auf KenFM von Ken Jebsen interviewen zu lassen.

Die Querfront lässt grüßen. „Wir sind die Guten“ kann vielleicht zu einem ihrer politischen Standartwerke werden.

Rote Karte für Hass: „Best practise“ 2: Nochmal #koelnhbf

„Was geschah wirklich?“ in der Silvesternacht in Köln, fragt ein Recherche-Projekt der „Zeit“. Die Ergebnisse wurden im „Zeit“-Magazin vom 23. 06. 2016 veröffentlicht und auch als Online-Story aufbereitet. Sehr gelungen, wie ich finde, denn die große Stärke des Projektes  ist, dass es versucht, dem Leser/der Leserin unterschiedliche Perspektiven nahe zu bringen. In einer Zeit, in der es – in der Politik wie in den Medien – vor allem darum geht, Stimmung zu machen, Flüchtlinge entweder als Sympathieträger „aufgebaut“ oder aber als Sündenböcke für alles, was schiefläuft hingestellt werden – je nachdem welches ideologische Lager gerade das Megaphon in der Hand hält, hebt sich das wohltuend vom Mainstream ab. Und es ist auch nötiger denn je. Viel zu viele Menschen sympathisieren mittlerweile mit einfachen Lösungen.

Einwanderung stoppen, sich aufs „Nationale“ zurückziehen und Kriminalität, soziale Probleme und sexuelle Übergriffe gehören der Vergangenheit an, behaupten die einen. Dass dem nicht so ist, kann man ebenfalls im Zeitmagazin, diesmal vom 30. Juni, nachlesen: Eine junge Frau berichtet darüber, wie sie im ICE von getrunkenen Fußballfans begrapscht wird. Und dass Hilfe nur sehr zögerlich kommt. Wenn man so etwas hört, fällt es schwer, zu glauben, dass der zunehmende Sexismus in unserer Gesellschaft in erster Linie ein Problem irgendwelcher fremden Macho-Kulturen sein soll, deren Angehörige sich hier angeblich breitmachen und den Einheimischen ihren Lebenssstil aufzwingen wollen.

Allerdings ist auch der Umkehrschluss nicht richtig: Dass Frauen in vielen arabischen Ländern nicht viel zu sagen haben und Homophobie verbreitet ist, ist eine Tatsache, keine „rassistische Unterstellung“. Ich füge quasi als Fußnote an, dass das nicht nur in der arabischen Welt so ist, dass es dort auch nicht immer und überall so war, nicht jede/-r so ist und es diesen „Trend“ u. a. auch in Osteuropa und in den USA gibt. Uff! Allerdings – mit Betonköpfen, die glauben, „Identität“ mache sich vor allem an der Zugehörigkeit zu sozialen Großgruppen fest („Kultur“, „Tradition“, „Vaterland“, meinetwegen auch „Geschlecht“, „Religion“, „sexuelle Orientierung“, „Hautfarbe“ usw.), kann man ohnehin nicht reden. Aber vielleicht kann (und sollte) man viel reden, damit die Gruppe der Betonköpfe nicht immer größer wird. Die „Zeit“-Reportage ist ein guter Beitrag dazu.

Wir lesen, wie sich Sabrina F. gefühlt hat, eines der Opfer der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, wir erfahren von Traumatisierungen, von der Angst und Befangenheit der jungen Frau, die vielleicht noch eine ganze Weile mit den Folgen zu kämpfen haben wird. Sabrina F. sagt aber auch, dass sie trotzdem keinen Hass auf Ausländer empfindet. Ähnlich haben sich auch andere junge Frauen, die in der Silvesternacht in Köln bedrängt, angetatscht und beklaut wurden, geäußert. Man fühlt sich ganz gut mit solchen Statements. Es sind irgendwie normale Reaktionen. Niemand möchte sich begrapschen oder vergewaltigen oder das Handy klauen lassen, aber es ist einem im Falle des Falles eigentlich egal, wer das macht.

Auch von Mounir, der mitgegrapscht hat und findet, dass die Deutschen sowieso „Muschis“ seien, wird berichtet und von Youssef, der Merkels „Willkommenskultur“ als Chance begriffen hat. Es geht um Alkohol und jede Menge Drogen, um junge Männer, denen eine Perspektive fehlt, etwas, das ihnen einen Halt im Leben bieten könnte. Aber es wird nicht auf die Tränendrüse gedrückt: Aus Problemfamilien stammten viele der jungen Marokkaner, die sich nach Deutschland aufgemacht hätten, heißt es, aus den Slums von Casablanca, da wo die leben, die ganz unten sind, kommen allerdings auch sie nicht.

Sind solche Details wichtig? Ist eine kaputte Jugend weniger schlimm, wenn es genug Leute gibt, denen es noch viel schlechter geht? Mitgefühl ist ganz sicher keine Rechenaufgabe, bei der es darum geht, genau abzumessen, wem welche Portion zusteht. Aber es war falsch, junge Syrer mit teuren Handys als „arme Schlucker“ zu präsentieren und dabei gleich anzumerken, dass man keinen „Sozialneid“ in der deutschen Bevölkerung wolle. Dass die Leute vor Krieg und Terror fliehen, hätte reichen müssen, um Mitleid und Empathie hervorzurufen. Dass Menschen, die sich eine kostspielige Flucht leisten können, nicht vor „bitterer Armut“ fliehen, kann man sich denken. Dass Krieg ein sehr guter Grund ist, um zu flüchten, auch.

In den Monaten der „Willkommenskultur“ war alles einfach ein bisschen zu dick aufgetragen. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, die Dinge darzustellen, wie sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Das hat die „Zeit“-Reportage sehr gut realisiert. Ein Manko ist vielleicht, dass es ein wenig zu gefühlig ist, also Gefühle gewissermaßen gegen Gefühle gesetzt werden. Gerade wenn die Gemüter erhitzt sind, darf man auch sachliche Argumente nicht außen vor lassen. Und – wie viele journalistische Projekte, die – auch, wenn auch vielleicht nicht nur – fürs Internet konzipiert sind, muss man sich für „Was geschah wirklich?“ ein bisschen Zeit nehmen. Fazit: Taugt nicht für den schnellen Blick in die Zeitung, ist aber bestens geeignet für alle, die „Stimmung machen“ langsam satt haben!

 Quelle: Art.: „Was geschah wirklich?“, v. Mohamed Amjahid, Christian Fuchs, Vanessa Guinan-Bank, Anne Kunze, Stephan Lebert, Sebastian Mondial, Daniel Müller, Yassin Musharbash, Martin Nejezchleba und Samuel Rieth, (Printversion): Zeit- Magazin Nr. 27/2016 23. Juni 2016.

Rote Karte für Hass: „Best practise“ 1: Nochmal Orlando

Orlando zum soundsovielten Mal. Und ich hab’s mir trotzdem angesehen, das Video, das die 49 Menschen ehren soll, die durch das Shooting in dem queeren Club „Pulse“ am 12. Juni ums Leben gekommen sind. Abrufbar ist es auf Youtube unter dem Account „Human Rights Campaign“, auf Twitter verbreitet hatte es u. a. Ines Pohl, die Ex-Chefredakteurin der taz und jetzige US-Korrespondentin der Deutschen Welle. Der Name „Ines Pohl“ stand für mich für eine hippe, zeitgenössische Minderheitenpolitik, wie sie in Berlin überall im linken Lager vertreten wird. Mein Fall ist das eher nicht und Frauen wie ich sind damit ja auch nicht so gemeint. Daher setzt sich in meinem Hirn automatisch eine Art Schnellschaltung in Gang und produzierte vorab Bilder von weißen, übergewichtigen Frauen – echte „Machos“! – blasiert dreinblickenden Hipstern (m/w) und ihren ältlichen Muttis, die sich einen „zweiten Frühling“ auf Kosten junger „Homofrauen“ versprechen, Menschen, die total „angesagt“ sind und irgendwas mit Schreiben, Kunst und/oder Uni machen. Meine Gefühle sind widersprüchlich, mein Mitgefühl ist eher ein gemischtes Gefühl – natürlich verdient niemand den Tod, ganz gleich, ob man ihm oder ihr zu Lebzeiten hätte Sympathien entgegenbringen können oder nicht und natürlich schämt man sich, wenn man sich solche Gedanken macht. Davon abgesehen gehöre ich ja selbst auch zur LGBT-Community, auch wenn ich mich mit vielem, was als „queer“ verkauft wird, nicht so sehr identifizieren kann.

Manchmal birgt ein etwas missmutiger Klick allerdings echte Überraschungen: Nicht nur, dass kaum Weiße zu sehen sind (zumindest keine, die als „People of Color“ „ehrenhalber“ dargestellt würden) und es ausnahmsweise auch mal nicht um „Germany’s next Topmodel“ und die Folgen für junge Hipsterfrauen mit Essstörungen geht – das Video ist auch gar nicht darauf angelegt, „Stimmung“ für bestimmte Menschen, bestimmte Lifestyles und bestimmte Körpertypen zu machen. Ganz im Gegenteil: Die Opfer der Terrornacht werden nüchtern, in ein paar knappen Sätzen portraitiert. Schon nach den ersten Minuten wird klar, dass es sehr unterschiedliche Menschen waren: Klischeeschwule mit Geld und einem Sinn für die schönen Dinge des Lebens – ja – aber auch der Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs in Disneyworld über Wasser gehalten hat, Fashion Victims und Familienväter, denen das Wohl ihrer Kinder über alles ging, eine 18jährige aus Philadelphia, die sich als gute Schülerin und begabte Sportlerin im Herbst auf ein College-Stipendium hätte freuen können, ein junger Cubaner, der noch mit der englischen Sprache haderte und dessen Mutter jetzt ein humantitäres Visum erhalten hat, um in die USA einreisen und den Leichnam ihres Sohnes in Empfang nehmen zu können, professionelle Salsa-Tänzer, durchtrainierte junge Männer mit perfekten Luxuskörpern, aber auch eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die einfach tanzen und Spaß haben wollte, Homo- und Transsexuelle und Menschen, die vielleicht eher „queer“ ehrenhalber waren. Oder Heteros, die sich eine gute Party nicht hatten entgehen lassen wollen. Egal. In ihrer Angst und in ihrem Schmerz waren sie alle gleich, jedes einzelne Leben, das in der fatalen Nacht genommen wurde, hat eine Lücke in diese Welt gerissen, denn – und das bringt das Video sehr deutlich rüber: Wir sind alle Individuen und niemand ist mehr oder weniger wert als der/die andere.

Würdevoller hätte man der Opfer von Orlando nicht gedenken können.

Krieg um Informationen? Ein Thriller aus dem Medienmilieu

Alle reden vom Leaken. Einer tut es und plötzlich ist es nicht gut. Als der taz-Journalist Sebastian Heiser dabei erwischt wurde, wie er einen Keylogger von einem Computer abzog, der nicht sein eigener war, nahm eine Reality-Crime-Story ihren Lauf, die unter dem Namen tazgate bekannt werden sollte und der Berliner Tageszeitung vermutlich eine Menge Ärger, aber immerhin auch ein gutes Quäntchen Aufmerksamkeit eingebracht hat.

Das war vor rund einem Jahr. Jetzt hat die taz den Fall noch einmal aufgerollt. Der in den sozialen Netzwerken eifrig gelikte und retweetete „long read“, wie es heißt, liest sich tatsächlich wie ein spannender Krimi aus dem Medienmilieu: Man nehme ein journalistisches Ausnahmetalent – begnadete Schreibe, eine echte Spürnase, ein Sinn für Recherche, der seinesgleichen sucht, schon ganz jung ganz groß und schließlich – wie sollte es anders sein? – bei der taz gelandet. Das garniere man mit hohem Konkurrenzdruck, persönlichen Rivalitäten, Animositäten – vielleicht auch ein bisschen überzogener Eitelkeit? Man füge einen Anspruch nach Basisnähe und lässig-links-alternativem Flair hinzu – die RedakteurInnen wohnen in WGs, die Türen stehen immer offen, vermutlich, so könnte man annehmen, kann über alles geredet werden (diese Atmosphäre beschreibt taz-Redakteur Jan Feddersen in einem Artikel zu tazgate) – etwas, das im knallharten Medienbusiness, wo es auf Schnelligkeit, optimale Selbstvermarktung und hohe Professionalität ankommt, nicht immer leicht zu realisieren sein dürfte – und voilà, das Setting für eine Intrige, wie man sie eigentlich eher im Politbereich oder in der Chefetage eines Großkonzerns erwarten würde, ist da.

Vielleicht liegt es an den neuen technischen Möglichkeiten oder einer dadurch bedingten neuen Einstellung zu den Dingen. Heiser, so liest man, habe auf Transparenz gesetzt. Wenn Whistleblower die Datenbanken dubioser Rechtsanwaltskanzleien leaken und man so – wie etwas im Falle der „PanamaPapers“ – „Briefkastenfirmen“ in Steueroasen auf die Spur zu kommt, ist das mit einem Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit verbunden. Und es übt Druck aus. Wer sich in den obersten Etagen der Finanzwelt in zwielichtige Machenschaften verwickeln lässt, muss mehr denn je damit rechnen, aufzufliegen. Das ist nicht nur eine Fundgrube für investigative Journalisten, deren Job es ist, Skandale ans Licht zu bringen, es ist auch eine neue, harte Konkurrenz für sie. „Geheimnisträger“ und Computerfreaks drängen jetzt – wenn auch eher indirekt, als anonyme „Hintermänner“ (und „-frauen“) – in den Medienbereich. Sie können mit Informationen aufwarten, an die man mit „journalistischem Handwerkszeug“ allein nicht herankommt. Und sie können sie der Öffentlichkeit auf entsprechenden Plattformen, wie zu. B. WikiLeaks, im Internet zur Verfügung stellen, damit u. U. sehr schnell weltweit ein Publikum erreichen.

Der Keylogger, der bei der taz für Aufruhr gesorgt hat, erfordert allerdings kein Spezialwissen in Sachen IT. Es handelt sich, wie man z. B. auf Wikipedia nachlesen kann, um ein kleines Gerät, das wie ein USB-Stick aussieht und alle Anschläge auf der Tastatur des Rechners, an dem er steckt, aufzeichnet. Mit einem Keylogger kann man also nachvollziehen, was jemand getippt hat. Passwörter lassen sich so herausfinden. Damit kann sich – logisch! – wer auch immer das Gerät auswertet, Zugang zu geschützten Benutzerkonten verschaffen.

So etwas ist ideal, um in Erfahrung zu bringen, an welcher Story hochkarätige Kollegen gerade arbeiten oder welche Strategien die Chefredaktion plant, um das Blatt am Markt zu halten – und die Infos dann gegen ein hübsches Sümmchen an die Konkurrenz zu verkaufen. Ein klarer Fall von Industriespionage. Auch der Mediensektor ist ja eine Industrie.

In Richtung „Spionage“ liefen auch die ersten Spekulationen über tazgate, damals, als alles noch ganz frisch war. U. a. könnte man als Beispiel dafür einen Artikel von Robin Alexander in der „Welt“ heranziehen. In ihrer aktuellen Nachbetrachtung, die in der taz von diesem Wochenende erschienen ist, legt die taz allerdings einen anderen Schluss nahe: Es seien v. a. Frauen, in erster Linie sogar Praktikantinnen betroffen gewesen, heißt es: vielversprechende Nachwuchstalente, aber keine Geheimnisträgerinnen, die auszuspionieren sich in finanzieller Hinsicht gelohnt hätte. Davon abgesehen sei es um Personen gegangen, mit denen Heiser in der Vergangenheit Differenzen gehabt habe, resümiert die taz.

War tazgate also ein persönlicher Racheakt? Kann man das daraus schließen? Im ersten Absatz des taz-Artikels von diesem Wochenende steht auch, dass man die Möglichkeit in Erwägung gezogen habe, Heiser sei vielleicht gar nicht der Urheber der Spionageaffaire gewesen, sondern habe eventuell seinerseits diskreditiert werden sollen. Das liest sich wie ein paranoider Psychothriller, aber ganz abwegig ist es in einer Welt, in der Teams Haifischbecken sind und sich jeder etwas davon verspricht, dem anderen ans Bein zu pinkeln, nicht. Ging es also darum, zukünftige Talente, die in ein paar Jahren zu einer ernsthaften Konkurrenz für etablierte Kollegen hätten werden können, gleich im Vorfeld „abzuschießen“? Wollte man ihre Konten missbrauchen oder eher ihre Gutgläubigkeit? Man bzw. ich weiß es nicht. All das sind Spekulationen. Vielleicht ist da überhaupt nichts dran. Und außerdem: hätte es den Aufwand gelohnt? Wie steht es mit der Kosten-Nutzenrechnung? Und was ist mit der moralischen Seite, dem Berufsethos? Darf Journalismus auch kriminell sein? Ist eine gute Story das wert? Oder eine private „Abrechnung“? Ein unfairer Konkurrenzkampf? Immerhin war das persönliche Risiko nicht ganz unerheblich und es ist ja auch schiefgegangen.

Sebastian Heiser, schreibt die taz, soll mittlerweile „in einem fernen Land“ leben, „das kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland hat“, irgendwo in einer „Großstadt in Südostasien“. Er soll als Suchmaschinen-Optimierer arbeiten. „Finanzielle Sorgen“ habe er wohl keine, da kurz vor seinem Weggang „in der Familie Erbschaftsangelegenheiten geregelt worden“ seien, wie die taz berichtet.

Das Ganze ist nach wie vor obskur und auch der aktuelle „long read“ – so spannend er sich auch liest – bringt kein Licht in die Sache. Für Außenstehende zumindest nicht. Zurück bleibt nur das wage Gefühl, das die Medienwelt eine sehr merkwürdige ist.

Quellen:

Alle wesentlichen Informationen & Zitate, sind, soweit nicht anders angegeben, aus dem eingangs genannten „long read“ in der taz von diesem Wochenende: Martin Kaul, Sebastian Erb, Art.: „Dateiname Log.txt“, taz v. 04./05. Juni 2016.

Zudem beziehe ich mich auf:

Robin Alexander, Art.:““tazgate“ – und worum es eigentlich geht“, Welt, v. 26. 02. 2015.

Jan Feddersen, Art.: „Der Vertrauensbruch“, taz v. 27. 02. 2015.

Sowie den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag „Keylogger“

Laila Phunk weist darauf hin, dass sie die taz ausschließlich von Veranstaltungen kennt.

#cutesolidarity oder: Wie braun darf Schokolade sein?

Eigentlich eine harmlose Idee, ein Marketingkonzept, das nicht einmal ungewöhnlich ist: Kinderbildchen von Fußballstars aus der Nationalelf auf der guten alten Kinderschokolade. Eine Pegida-Gruppe vom Bodensee störte sich offenbar daran, wie heute nachmittag unter dem Hashtag #Kinderschokolade auf Twitter zu lesen war. Stein des Anstoßes war, das auch die Gesichter von Spielern mit ausländischen Wurzeln abgebildet waren. Gündogan und Boateng sind also nicht süß genug, weil zu dunkel für deutsche Schokolade? Man glaubt es kaum, dass Leute so bescheuert sind.

Das fanden auch viele Twitter-User. Unter dem Hashtag #cutesolidarity, den der Journalist Mohamed Amjahid von der „Zeit“ ins Leben gerufen hatte, wurde gepostet, was das Zeug hielt: Kinderbildchen, so die Idee, ob nur von Leuten mit Migrationshintergrund, von Deutschen mit entfernterem Migrationshintergrund, von Deutschen mit sehr, sehr entferntem Migrationshintergrund oder von Deutschen ohne jeden familiären Bezug ins Ausland, war mir nicht ganz klar. Niedlich ist die Aktion – die im Moment noch andauert – allemal und die rege Beteiligung spricht dafür, dass das Konzept die Internet-Community erreicht hat.

Als Amjahid „Hahahaha auch die arische Familie macht mit bei #cutesolidarity“ postete, war das allerdings ein echter Dämpfer. Es sollte ein Foto mit einer blonden Familienidylle kommentieren, das ein User mit demonstrativ jüdisch klingendem Namen und einer ziemlich merkwürdigen Timeline gepostet hatte. Manchmal gelingt es mir nicht, auseinanderzuhalten, was „witzig“ sein soll und was vollkommen durchgeknallt ist. Das mit der „arische(n) Familie“ fand ich aber auch nicht so gut bzw. hätte Amjahid es wenigstens in Anführungszeichen gesetzt, wäre ich mir sicher gewesen, dass er so denkt wie ich. Zumindest in diesem einen Punkt: Antirassismus. Nicht Gegenrassismus.

Bei derartigen „historischen“ Anleihen muss ich unweigerlich an den Typen denken, der mir in Kreuzberg hinterhergerufen hat: „Na, die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“. Das war nach einer Lesung gewesen, wo man sich kritisch mit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ auseinandergesetzt hatte. Unglaublich! Denn es waren alles Leute, die nichts gegen Türken hatten.

Oder waren es vielleicht eher die so genannten „Türkenfreunde“? Menschen, die sich sicher sind, dass sie die Interessen ihrer ausländischen Mitbürger bestmöglich verteidigen müssen gegen alles, was deren Wohl im Wege steht? Deutsche „Musterschüler“ in Sachen Antifaschismus sozusagen, die sich im Grunde sogar selbst als Ausländer „ehrenhalber“ sehen?

Der mit dem „unwerten Leben“ war jedenfalls so blond, dass er schon hätte Albino sein müssen, um als „Südländer“ durchzugehen. Eine ebenso flachsblonde Freundin oder Bekannte von ihm hatte ich mal auf einer Veranstaltung der taz gesehen, später auch bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Keine Nazis also, keine Querfront, sondern Linke, „Gutmenschen“.

Hätte es etwas gebracht, wenn der Blonde einen türkische Freund vorgeschickt hätte, einen „Südländer“, der auch so aussieht? Oder besser noch jemanden aus Israel? Wäre „unwertes Leben“ dann okay gewesen?

Eine Türkin – eine richtige, waschechte – hatte ich zu der Zeit sogar auch am Hals. Die Frau schien bei der Heinrich-Böll-Stiftung nicht unbekannt zu sein. Zumindest sah es auf einer ihrer Veranstaltungen so aus. Sie, wohl, wie man annehmen darf, eines dieser lebenden Mahnmale gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, hatte sich eine Weile darin gefallen, mich als „Krüppel“, „Hinkebein“ und „Klumpfuß“ zu hänseln.

Zugegeben – ich habe leichte Plattfüße mit hohem Spann – eine etwas absurde Laune der Natur. Wenn ich in zu weit geschnittenen Schuhen gehen muss, sieht es nicht so elegant aus. Mit der Zeit sind die Füße dann auch ziemlich überlastet. Es geht auf die Hüftgelenke, auf die Knie, und so weiter. Schmale, aber eben auch nicht allzu flach geschnittene Schuhe sind rar und teuer. Pech, dass ich eine Weile so gut wie gar kein Geld hatte. Nicht einmal mit eisern Sparen wären „gute“ Schuhe drin gewesen und bei „Deichmann“ hätte ich wohl auf Pumps zurückgreifen müssen, aber selbst die wären in der Ferse extra-weit – eben (für andere Frauen) „tragbar“ – gewesen. Mittlerweile habe ich die „guten“ Schuhe an den Füßen und kann wieder ganz normal gehen.

Damals aber höhnte eine der ältlichen Frauen der Kreuzberger Szene, die „Naturvölker“ – so wollte man offenbar türkische und arabische Einwanderer im bio-deutschen Alternativ-Milieu sehen – lehnten „Krüppel“ nun einmal ab. Auch die dicklichen, dicken oder sich zumindest zu dick fühlenden essgestörten Frauen machten mit beim „Hinkebein“-Bashing. Vielleicht sind sie ja dick, so der Tenor, aber wenigstens „erbgesund“. Es ging, wie man mir immer wieder klar machte, um den „Stolz“ dieser Frauen „auf ihren Körper“ und vielleicht kann man bzw. frau auf so etwas auch stolz sein. Zumindest wenn man bzw. frau den geistigen Horizont einer Amöbe hat. Und außerdem fest davon überzeugt ist, dass der eigene dicke Hintern, an dem die Nazis im Übrigen nichts auszusetzen gehabt hätten, einen von der kollektiven Schuld am Holocaust befreit.

Wenn aber nicht die dicken deutschen Frauen die „Herrenrasse“ sind, sind es – so könnte man angesichts solcher Dumpfbacken denken – ja vielleicht die Türken und alles war ein historisches Missverständnis. Dann hätte Hitler sein Ding einfach ein bisschen weiter südöstlich aufziehen müssen. Ein Orthopäde würde dem – sofern es um körperliche „Überlegenheit“ geht – vermutlich eher nicht zustimmen. Aber der kennt Plattfüße jeglicher Couleur.

Auf der politischen Ebene fallen mir zu diesem „Ich bin so stolz, eine (setze das, was gerade passt, einfach ein) zu sein!“ am ehesten die „Grauen Wölfe“ ein, eine im Vergleich zu den deutschen Nationalsozialisten relativ harmlose Organisation (Allerdings: Wer wäre im Vergleich dazu nicht „harmlos“?), die auch in Deutschland vertreten ist und z. T. einen guten Draht zur CDU hat, wie u. a. die „Welt“ berichtete. Faschistisch sind die „Grauen Wölfe“ trotzdem bzw. vielleicht ein Art türkisches Pegida, nur schlagkräftiger, politisch viel einflussreicher.

Nur ist es so: Diese Rundumschläge funktionieren nicht. Nicht alle Deutschen laufen bei Pegida mit, nicht alle diffamieren andere als „unwertes Leben“ und die meisten haben auch nichts gegen Kinderbildchen von dunkelhäutigen Fußballstars auf Schokoladenpackungen. Genauso wenig sind alle Türken „Graue Wölfe“ und/oder mobben „Krüppel“. Andererseits sind Faschismus und Rechtsradikalismus aber eben auch keine Ausgeburten nord- und mitteleuropäischer Herrenmenschenphantasien. Ganz im Gegenteil: Anfällig dafür, sich anderen gnadenlos „überlegen“ zu fühlen, sind – unter entsprechenden sozialen Umständen und entsprechender Persönlichkeitsstruktur – Menschen rund um den Globus.

Ein bisschen Orient-Exotik mit faschistischem Appeal ist z. B. auch im Nahen Osten zu finden. Die deutschen Nationalsozialisten unterhielten u. a. freundschaftliche Kontakte zu palästinensischen Muslimen. Immerhin einte einen der Kampf gegen das „Weltjudentum“ – wie man es damals nannte. Das kann wer will u. a. im Internet bei Deutschlandradio nachlesen.

Zu der heuzutage des Öfteren beschworenen kulturellen Nähe zwischen Juden und Arabern passt diese historische Verbindung allerdings nicht so gut. Im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdebatte würde man es wohl lieber so sehen, dass der Umgang miteinander von Wohlwollen und interreligiöser Solidarität geprägt ist, da beide Gruppen eher ein bisschen mit den Deutschen fremdeln. Und so berichtet es auch z. B. der taz-Journalist Daniel Bax in seinem 2015 erschienen (und insgesamt sehr informativen) Buch „Angst ums Abendland“ aus Berlin-Neukölln.

Aber auch wenn die Debatte um Einwanderung, Muslime und fremde Kulturen im Moment z. T. stark verzerrt ist und aller historischen Bezüge zum Trotz – im Endeffekt hat Bax vermutlich genauso Recht wie die Leute, die vor Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit unter Migranten warnen. „Nobody’s perfect!“ könnte man lapidar sagen. Oder einfach daran erinnern, dass es nichts bringt, in Punkto Antirassismus über das Ziel hinauszuschießen und zu glauben, man hätte im „anderen“ den „besseren Menschen“ entdeckt.

An dieser Stelle könnte man sich eigentlich entspannt zurücklehnen – denn es ist gesagt worden, was zu sagen war. Irgendwie – so könnte man vielleicht als Schlußfolgerung ziehen – ist es doch beruhigend, dass Menschen im Grunde alle ähnlich ticken. Egal, woher sie kommen und was ihre Hautfarbe ist. Das gilt im Guten wie im Schlechten und gerade deshalb kann man ja auch ganz gut abschätzen, was auf einen zukommt.

Die Kinderbildchen der Nationalelf-Stars auf der Kinderschokolade werden ihr Ziel als Marketing- Strategie jedenfalls kaum verfehlen. Unzählige junge Fußballfans werden an der Supermarktkasse quengeln und ihre Mütter berarbeiten, damit sie eine Packung mit dem kindlichen Konterfei ihrer Lieblingsstars – Boateng oder Götze oder wer auch immer – kaufen. Lecker sind die milchschokoladebraunen Stäbchen mit der süßen, weißen Füllung ja auf alle Fälle. Das sage sogar ich, obwohl ich mich gar nicht so für Fußball interessiere.

Fuck! Endstation Armut!

„Angst vor der Parallelgesellschaft. Kann Deutschland Integration?“ hat man sich gestern in der ZDF-Talkshow „Maybritt Illner“ gefragt. Sineb Al-Masrar, die marokkanischer Abstammung ist und bereits mehrere Bücher zu Thema verfasst hat, spricht in aller Deutlichkeit aus, was sich bislang viele nicht getraut haben, zu sagen – dass schlechtes Benehmen keine Religion ist. Es ist nicht „typisch“ für den Islam. Man kann noch einen draufsetzen und darauf bestehen, dass man „schlechtes Benehmen“, sprich: Frauenfeindlichkeit, Kriminalität, all das, wovor sich viele Menschen im Moment fürchten, weder entschuldigen muss, noch aber den Islam als solchen verteufeln oder auf allen herumhacken, die irgendwie damit zu tun haben. Gäbe es keine Muslimen in Deutschland, wäre das Problem nicht aus der Welt.

Aber das Problem gibt es eben auch mit Muslimen. Darauf hat die Polizeibeamtin Tania Kambouri hingewiesen. Eine unangenehme Fußnote ist vielleicht, dass Kambouri immer wieder gezwungen war, sich von politisch rechten Positionen abzugrenzen. Es zeigt, wie schwierig es geworden ist, differenzierte Diskussionen zu führen. Aber vielleicht sind Pauschalisierungen und Stimmungsmache einfach bequemer.

Als eine Frau aus Kaiserslautern in die Talkrunde geholt wird, merke ich auf. Vom „Asternweg“, einem sozialen Brennpunkt in der pfälzischen Stadt, die wohl ansonsten eher durch ihren Fussballclub ein Begriff ist, hatte ich bereits gehört. Es gab eine zweiteilige Doku im Fernsehen, die ich aber nicht gesehen habe. Katharina Dittrich-Welsh macht einen robusten Eindruck: lange rote Haare, die Arme von oben bis unten tätowiert, kein zartes Pflänzchen, eher eine Biker-Lady. Sie erzählt aus dem Ghetto, wo Menschen in Wohnungen ausharren müssen, die keine Heizung, kein Warmwasser, nicht einmal Duschen haben. Unvorstellbar, dass es so etwas im wohlhabenden Deutschland gibt! Selbst Problemviertel, die zu bundesweiter, meist trauriger Berühmtheit gelangt sind, wie Berlin-Neukölln, sind nicht derart heruntergekommen.

Es gäbe keinen sozialen Wohnungsbau in Kaiserslautern, berichtet Katharina Dittrich-Welsh, die sich ehrenamtlich im Asternweg engagiert. Für die Flüchtlinge habe man zwei Blocks geräumt und etwas besser ausgestattet. Von Sozialneid sei aber bei den Einheimischen nichts zu spüren gewesen. Im Gegenteil, man habe sich eher solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt. Darüber stolpere ich etwas. Nicht, weil ich es nicht toll finde, sondern weil es ein bisschen nach „Sommermärchen“ klingt, oder so, wie gestandene Linke die Welt gern sehen würden – zu schön, um wahr zu sein. Aber – ist das vielleicht nur mein Eindruck? Dittrich-Welsh sieht schon etwas nach Ex-Antifa aus. Dass sie sich sehr gewandt – unverkennbar akademisch – ausdrückt, fällt mir richtig auf.

Eine Studierte in der Obdachlosensiedlung? Eine, die nicht mault, sondern anpackt? Ich meine, man kann tief sinken. Ich habe ja auch studiert und lebe trotzdem unter der Armutsgrenze. Würde ich irgendwann auch gezwungen sein, in einem Viertel, wie dem Asternweg zu leben? Oder ganz auf der Straße? Wäre ich dann nicht neidisch, auf die Flüchtlinge, die doch den etwas besseren Standart kriegen? Ich gebe den Namen „Katharina Dittrich-Welsh“ schnell bei Google ein, stolpere auf einem Portal, das sich „Finanznachrichten“ nennt, über das Wörtchen „Diplomatentochter“, also eine, die so richtig tief gesunken ist? Drogen? Alkohol? Nein, da steht auch, dass Dittrich-Welsh doch in einem der besseren Viertel Kaiserslauterns lebt. Ich werde richtig neugierig. Dann lese ich was von CDU Kaiserslautern-Mitte. Also doch nicht Antifa. Oder es ist eine andere. Ich beschließe, dass das mit dem googlen keine gute Idee ist. Nicht alles, was im Internet steht, muss wahr sein und die Frau hat ja recht: anstatt auf die Flüchtlinge neidisch zu sein, ist es besser, sich dafür einzusetzen, dass sich die Lebenssituation aller Menschen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, bessert – eine Position, der ich mich nur anschließen kann. Wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass man natürlich auch gleich ein Sozialer Wohnungsbau-Programm hätte anleiern können. Ein schaler Beigeschmack bleibt: dass man den Leuten halt doch nicht unbedingt immer über den Weg trauen kann. „Arm“, „arm“ und „engagiert für Arme“ ist nicht das Gleiche. Schwamm drüber. Irgendwie hatte ich es ja geahnt …