Endzeitvisionen – fehlen der Politik die Inhalte?

„Brave New World“ – Roman oder politische Vision?

Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ von 1932 kann man als apokalyptische Endzeitvision eines vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus betrachten: Während ein Teil der Menschheit, die „Alpha-Plus-Menschen“, Anführer und Oberschicht, Führungselite, die die Welt dominiert und sie – promisk, sinnenfroh und lebensbejahend – von ihrer Sonnenseite her erleben kann, fristet der andere Teil, die „Epsilon-Minus-Menschen“ – bewusst „minderwertig“, kleinwüchsig und schwachsinnig gezüchtet – ein freudloses Dasein als einfache Handlager und quasi organische Ergänzung der Maschinen.

Man kann „Brave New World“ als Höhepunkt und Untergang eines Kapitalismus‘ ansehen, der seine Grenzen so sehr ausgeschöpft hat, dass er sich schließlich selbst abschafft. Man kann darin auch eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. eine Vorwegname des Nationalsozialismus‘ sehen: eine moderne Massengesellschaft, die den jeweils idealen Menschentypus mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgt – um den Preis, andere, „nicht ideale“ Menschen um so rigider zu unterdrücken, im schlimmsten Falle sogar zu vernichten: Arbeitslager, Zwangsarbeit, sinnloses Massensterben an der Front und in den Gaskammern als Kehrseite von „Opera Nazionale Balilla“ (Jugendorganisation), „Opera Nazionale Dopolavoro“ (Freizeitorganisation) in Italien* und „Hitlerjugend“, „Kraft durch Freude“, „Volkswagen“ und „Volksempfänger“ in Deutschland.

Globalisierung & Rechtspopulismus – zwei ungleiche Geschwister?

Auf die heutige Zeit übertragen könnte man sagen: Die Globalisierung gebiert den Rechtspopulismus. Je aggressiver die Werbetrommel gerührt wird für heillos entfesselte Märkte – die durch das flexible Verschieben von Menschenmassen, Migrationsströmen, Produktionsstätten  und Lebenschancen optimale Bedingungen schaffen sollen, um Gewinne zu erwirtschaften – desto aggressiver fallen die faschistoiden Reflexe aus: Der Rückbezug aufs Nationale, die Heimat jetzt auch als linke Idee, ein absurder Antisemitismus, der sich in den sozialen Netzwerken breit macht, ein Kulturkampf gegen den Islam dort, wo eigentlich keine Muslimen leben, eine präpsychotische Ideenwelt als Gegenentwurf zu vermeintlichen „Sachzwängen“ und vermeintlicher „Alternativlosigkeit“.

politische Inhaltsleere von Macron bis Merkel

Es fällt auf, wie viele politische Bewegungen sich heutzutage inhaltlich nicht mehr festnageln lassen wollen: „Nicht links, nicht rechts!“ ist der Slogan mit dem der EU-freundliche französische Präsident Emmanuel Macron in den Wahlkampf zog. „Nicht links, nicht rechts! 100% Identität, 0% Rassismus!“ ist aber auch das Motto der rechtsextremen identitären Bewegung. „Sachzwang“ und „alternativlos“ sind dagegen die Lieblingswörter der deutschen Kanzlerin, eine Linke, die in ihren politischen Leitlinien viele Forderungen der Grünen aufgegriffen hat, aber dennoch der konservativen CDU angehört. Eine, zu deren Kabinett Politiker wie Wolfgang Schäuble gehören, der sich mit seinem rigiden Sparkurs, einer unerbittlichen Austeritätspolitik und der „schwarzen Null“, einen Namen gemacht hat. Vor allem in Südeuropa verhasst, lud er dennoch immer wieder großzügig Südländer und Osteuropäer ein, die deutsche Wirtschaft habe ihnen Jobs, Ausbildungen, glänzende Perspektiven zu bieten. Da ist der jugendlich-dynamische Matteo Renzi in Italien – eine blasse Figur, zwischenzeitig unterstützt offenbar durch McKinsey-Manager, wie man u. a. in der Welt lesen kann. Und last but not least die Querfront: „Querfront“ in Deutschland, „Gaucho-Lepénisme“ in Frankreich, eine Regierungskoalition der linkspopulistischen Syriza mit der rechtsextremen „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland: Die unheilvolle Allianz aus linker Sozialromantik und faschistischer Härte, eine „Götterdämmerung“, die sich auf konkrete Utopien aber paradoxerweise gar nicht erst einlassen will.

Revolution als „Brand“: von Farben & Blumen

Zu Recht ist verschiedentlich (hier z. B. auf Wikipedia) angemerkt worden, dass die links-revolutionären Bewegungen der 00er Jahre in Osteuropa und Nordafrika – Orangene Revolution, Rosenrevolution, Jasminrevolution –  alle ein bisschen wie aus einem Guss wirken: Farb- und Blumenrevolutionen, Revolution als „Brand“, als Marke**: Die Vorgehensweisen und Verhaltensregeln waren überall gleich. Auch die spanische „Indignados“-Bewegung benutzte z. B. solche Schildchen, um die Protestierenden darauf aufmerksam zu machen, wie diskutiert wird – eine Art Verkehrsschildchen: ein Männchen, das „Psst!“ mahnt, mit dem Zeigefinger vorm Mund: Man hört einander erst einmal zu.

Von hier aus kann man den Bogen zu „Nuit débout!“ in Frankreich und „Blockupy“ in Deutschland und den Vereinigten Staaten schlagen. Überall sah man die gleichen jungen, hippen Gesichter: Menschen, denen es eigentlich gar nicht so schlecht geht: Markenklamotten, nicht der demonstrative „Dagegen!“-Look früherer Jugend- und Protestbewegungen, dafür chice Smartphones, die Vernetzung über Internet, die so wichtig ist.

Interessanterweise war keine dieser Protestbewegungen langfristig wirklich erfolgreich, sieht man mal von Tunesien ab, wo ein gewisser Demokratisierungsprozess eingeleitet wurde, der aber noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt und zu sehr von Salafismus, Terrorismus und Nepotismus begleitet wird, um weitere Entwicklungen absehen zu können.

Anders als bei der 68-Revolte, die ebenfalls recht global verlief, wenn auch weitaus weniger gut vernetzt, werden zukünftige Generationen die Farb- und Blumenrevolutionen wohl nicht im Geschichtsunterricht diskutieren. Niemand wird sich über markige Statements ereifern. Es wird kein Pro- und Kontra geben, keine Kontroverse, keine Debatte über das Erbe der 00er Jahre. Dafür war das alles zu blass, zu angepasst, zu gefällig, zu sehr „Brand“.

Die rechte Internationale

Das Gleiche könnte man allerdings auch von der anderen Seite sagen: Ein heulender Wolf in der Türkei – gut, der ist schon sehr alt – das Wildschwein in Frankreich und die Schildkröte in Italien – Symbole neu-rechter Jugendbewegungen, zusammengefasst unter dem schwarzen Lambda auf grellgelbem Grund, dem Logo der „identitären Bewegung“ – „Identitäre Bewegung“ In Deutschland und Österreich, „Bloc identitaire“ in Frankreich und „Generazione identitaria“ in Italien. Wo „Blockupy“ noch für sich reklamierte, die „99%“ zu vertreten, trumpft die neue Rechte jetzt damit auf, dass „1%“ ihnen reiche.

„I love it!“: McDonalds macht vor, wie’s geht

Es ist ein bisschen wie bei McDonalds oder anderen internationalen Fastfoodketten: Natürlich ist alles ein bisschen an die jeweiligen Länder angepasst: Fast-Food-“Gazpacho“ in Spanien, kein Schweinefleisch in muslimisch geprägten Ländern, „Pasta“ als italienisches Fast-Food – aber man weiß eben doch überall auf der Welt, was einen erwartet: der gleiche Service, das gleiche Ambiente, überall die gleichen fettig-frittierten Pommes.

„United Colors!“: Alle Farben des Regenbogens

Man könnte auch an „United Colors of Benetton“ denken: junge, lachende Gesichter, blitzend-weiße Zähne, kerngesund und jung-dynamisch  – obwohl man um der kalkulierten Provokation willen auch mal einen Rollstuhlfahrer reinsetzen könnte – alle Farbschattierungen sind vertreten von rotbackig-sommersprossig Blassrosa über Beige-, Ocker-, Bronze- und Milchschokoladenbrauntöne bis hin zu einem tiefen, satten Dunkelbraun, fast schwarz, wie Ebenholz, was die Gesichter betrifft, Pastellgelb über Knallrot, Pink, Zartrosa, bis hin zu verschiedenen Türkis-, Blau- und Grüntönen, was die Pullover betrifft. Um zeitgemäß zu sein, könnte man noch einen Regenbogen für die sexuellen Orientierungen hinzufügen und etwas mehr in den Körpertypen variieren: eine Frau um die 1,80 m (was in Norddeutschland nicht so selten ist), neben einer zarten Italienerin, die vielleicht nur knapp über 1,50 m misst (was es in Italien öfter mal gibt und dort auch nicht als ungewöhnlich gilt. Werft ihr mir jetzt wieder Rassismus vor?), eine selbstbewusste Dicke neben einem sexy Blondchen mit markantem Push-Up-Bra, eine Transgenderfrau mit Bart, Baseball-Cap und grimmigem Gesichtsausdruck neben einer, die „selbsbewusst“ zu ihrer Weiblichkeit steht oder zumindest zu dem, was sie dafür hält.

Geeint im Kampf gegen Rechts?

Kaum jemand brachte das Selbstverständnis des neuen Deutschlands so treffsicher zum Ausdruck, wie Jan Böhmermann, der mit einem Video eine Persiflage auf die neue Rechte liefern wollte: von martialisch-düsteren Klängen à la Rammstein musikalisch unterlegt stürmt eine vergnügte, lebensfrohe Gruppe ins Bild. Alle Minderheiten sind gleichberechtigt vertreten: Die Burkaträgerin neben dem orthodoxen Juden mit Kippa und Schläfenlocken. Mittendrin erstrahlt mit einem breiten Lächeln die Transfrau. Alle halten sie fest zusammen, vereint im Kampf gegen einen unsichtbaren, aber dennoch nur allzu präsenten Gegner – bis am Ende alle Hüllen fallen und herauskommt, dass die gleichen Menschen dahinterstecken. Wohl wahr.

„Einfach weglachen!“ wollten mich dagegen die queeren Frauen. Dabei war ich gar nicht ihr Gegner, hatte nichts mit ihnen zu tun, suchte nicht ihre Nähe, war ihnen nicht im Weg. Ich begriff, dass das auch nicht der Punkt ist. Rollen werden heutzutage zugewiesen. Man muss nichts getan oder gesagt haben, um den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen. Es reicht, dass man einfach existiert und andere sich damit nicht wohlfühlen.

Auch das rechte Lager ist bunt!

Selbst die rechtspopulistische AfD trachtet mittlerweile danach, „bunter“ zu werden, wie man u. a. in der „Frankfurter Rundschau“ lesen kann. Alle haben sie eine Große, eine Dicke, einen Behinderten (um ganz sicher zu gehen zusätzlich noch jemanden mit Down-Syndrom – haben die Nazis nicht solche Menschen vergast? Da kann keiner mehr was sagen!), einen Menschen „of Color“ (der sich im Zweifelsfall gegen Rassismusvorwürfe ins Feld führen lässt), eine Kopftuchträgerin (um nicht als islamophob dazustehen), den obligatorischen Juden mit Kippa (damit man ihnen auch keinen Antisemitismus vorwerfen kann), ein Modepüppchen, das „seinen Mann steht“ (sie alle sind auch feministisch gesonnen!) und den bekennenden Homosexuellen (der bestätigen kann, dass rein gar nichts, was sie sagen, homophob ist) in ihrer Sammlung.

Alles nur Fassade?

Unter der glatten Fassade mit dem verkrampft glücklichen „United Colors“-Lächeln werden die Brüche deutlich: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas“ – auf muslimisch-migrantischer Seite, auf deutscher Seite wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die ein direkter Aufgriff der nationalsozialistischen Hasstiraden der 1930er Jahre zu sein scheinen, nur eben an das Internetzeitalter angepasst, eine neue Arroganz des Geldes – man muss nicht mehr zu jedem freundlich sein! – , ein entspannter Umgang mit Gewalt gegen Frauen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, Intoleranz – allzuoft sogar unter dem Vorwand, ansonsten nicht tolerant sein zu können – Hater, Gruselclowns – das triebhafte, unkontrollierbare Unterbewusstsein, dass sich seine Bahn bricht gegen das aufgesetzt nette, neue falsche Selbst, das artig zu den Schwachen und Unterdrückten sein und selbstlos erscheinen möchte, in Wirklichkeit aber nur umso brutaler und rücksichtsloser die eigenen Interessen vertritt. „Brave New World“?

*Im italienischen Faschismus stand die massenweise Vernichtung von Menschen weniger im Vordergrund. Auch Rassismus und Antisemitismus spielten in erster Linie im Zuge der Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle. Gleichwohl ging man äußerst brutal gegen politische Gegner vor. Auch war der italienische Faschismus sozusagen „Vorreiter“, was die „Belohnung“ der sich konform verhaltenden Teile der Bevölkerung durch kostengünstige oder -freie Freizeitangebote anging – ein bisschen „Luxus für jedermann“ (und „jederfrau“) sozusagen. Genau darauf wollte ich hinaus …

**Was die Farb- und Blumenrevolutionen betrifft, kommt unangenehmerweise das verschwörungstheoretische, z. T. rechtslastige Milieu ins Spiel. Daher will ich mich hier auf Theorien zu Geheimdiensten oder gar zur „Rothschild-Bank“ oder zu George Soros nicht einlassen. Auch möchte ich die Revolutionen inhaltlich nicht bewerten. Meiner Meinung nach spricht wenig dagegen, sich gegen autoritäre Regimes aufzulehnen oder, wie in Frankreich, gegen Arbeitsmarkt“reformen“ zu protestieren, die einerseits nicht neu sind und andererseits prekär lebenden Menschen vermutlich auch wenig Besserung bringen werden. Hier sollen also nur generelle Beobachtungen festgehalten werden, die möglicherweise auch einfach mit dem Internetzeitalter zu tun haben …

Terror! (Teil III)

… Wer’s verpasst hat: hier zu Teil I und Teil II der Geschichte

Nanni, Prato bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Mit einem schwungvollen Krachen flog die Tür auf. Alè und Giò traten nacheinander ein. „Ist die Demo schon zu Ende?“ erkundigte sich Nanni. „Nein“ antwortete Alè „Aber wir sind nicht mehr auf die Piazza della Signoria+ gekommen. Es war schon zu voll.“ „Wir waren dann noch kurz auf der Piazza Santa Croce+.“ ergänzte Giò. „Da habe ich Maria vom Arbeiterzirkel aus Rifredi+ getroffen. Sie haben Volksküche gemacht. Na ja, nur lauwarme Pizza. Maria sagt, im kommenden akademischen Jahr wollen die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät die Uni besetzen. Ich denke, die politikwissenschaftliche Fakultät wird sich wohl anschließen…“

Maria’s linker Professor würde zumindest niemandem, der mitmachte, einen Strick daraus drehen und auch ihr Doktorandenjob wäre nicht in Gefahr, dachte Nanni. Aber Streiks, Demos, Unibesetzungen – ob das wirklich half? Am Ende standen sie ja doch nur als Faulpelze und Unruhestifter da und Cossigas++ Leute würden umso mehr versuchen, alles, was schief lief, auf die Linken zu schieben. Nanni seufzte. „Ist der Deutsche schon da?“ fragte Giò.

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, Abend des 01. August 1980:

Cristina hatte schon beim ersten schrillen Läuten gewusst, wer am Apparat sein würde. Widerwillig nahm sie den Hörer. „Cristina, Kindchen, ich brauche deine Hilfe.“ Das versprach nichts Gutes. „Tesoro, Schätzchen, du weißt doch, wie man Druck aufbaut. Ich habe ja nicht umsonst ein Heidengeld in dein Studium investiert …“ „Papá, Sie wissen, dass ich mit derlei Dingen nichts zu tun haben will.“ versuchte Cristina eine Entgegnung. „Es ist zum Wohle Italiens, Cristina. Da müssen sich andere Dinge unterordnen. Italien ist das Land der Familie, der christlichen Werte. Genau deshalb schwärmen deine deutschen Freundinnen doch so für die italienische Lebensart …“ Papà machte eine bedeutungsvolle Pause. „Meine Freunde und ich wollen, dass das auch so bleibt. Deshalb wirst du morgen zu dem Treffen mit dem Deutschen gehen und …“

Cristina nahm den Rest wie in Trance war. Sie hatte Psychologie studiert, weil sie Menschen wie Enrico helfen wollte. Ihr Bruder war derzeit wieder im Sanatorium oder „auf Kur“, wie Papá zu sagen pflegte. Bevor die Krankheit ausgebrochen war, als Teenager, hatten Cristina und Enrico einander nahe gestanden. Doch dann wurde aus dem sensiblen, künstlerisch veranlagten jungen Mann plötzlich jemand mit eigenartigen Ideen. Er nahm Drogen und wurde immer unberechenbarer. Auch Cristina verlor den Zugang zu ihm.

Manchmal fragte Cristina sich, ob sie selbst auch so enden würde. Sie hatte gelesen, dass psychische Krankheiten bei Frauen etwas später ausbrachen als bei Männern. War „es“ ein Vorbote? In Paris, an der Uni, hatte sie zwar gelernt, dass Homosexualität keine psychische Störung * war, aber sie wusste, dass einige italienische Experten anders darüber dachten.

„Ich war auch einmal jung, mein Täubchen. Dir fehlt einfach meine Erfahrung, glaube mir.“ Papás Stimme hatte einen öligen Ton angenommen.

Lutz & Micha, Prato, in der WG von Nanni, Giò & Alè, Abend des 01. August 1980:

Was bisher geschah: Lutz, der sich in West-Berlin politisch engagiert, hat einen Kontakt zu dem Italiener Giovanni „Nanni“ in Florenz aufgebaut und will zu ihm fahren. Seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter Michaela in einem Hausprojekt in Berlin-Kreuzberg lebt, kann er den wahren Grund seiner Reise nicht verraten, so dass Sigrid nur versteht, dass er in den Urlaub fahren will und ihn drängt, Micha mitzunehmen, was Lutz dann auch widerwillig tut. Am Abend des 01. August treffen sie in Nannis WG in Prato, einer kleinen, touristisch wenig reizvollen Stadt bei Florenz, deren Hauptwirtschaftsfaktor die Textilindustrie ist, ein.

Micha stopfte die dampfenden Spaghetti heißhungrig in sich rein. Lutz saß eher mit langen Zähnen vor den labberigen Nudeln, die Alè schnell aufgewärmt und mit etwas Fertigsoße verrührt hatte, aber er mochte nichts sagen. Sigrid hätte eher verschimmeltes Vollkornbrot gegessen, als sich so eine Chemiepampe aus Zucker, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen reinzuziehen.

„Schwanzträger pinkeln bei uns im Sitzen! Dass das mal klar ist!“ bellte Giò. „Giò ist es wichtig, dass du dich auf dem Klo hinsetzt“ übersetzte Nanni. Giò, die etwas üppigere, größere der beiden Frauen erinnerte Lutz an die frigiden Hexen, mit denen Sigrid immer herumhing. Seiner Meinung nach hatten diese Frauen einen guten Teil dazu beigetragen, dass seine Beziehung zu ihr in die Brüche gegangen war, aber gut … Optisch war diese Giò gar nicht mal so übel: dichtes, dunkelblondes Kraushaar, ein sommersprossiges Gesicht, das hätte freundlich wirken können, wäre da nicht diese barsche Art. Die andere, die scharf geschnittene Gesichstzüge, dunkle Ringe unter den Augen, einen olivfarbenen Teint und pechschwarze kurze Haare hatte, war nicht eben der Typ italienische Beauty, den Lutz immer im Kopf gehabt hatte, wenn er an Italien dachte. Lesbisch vermutete Lutz. Er hatte nicht gewusst, dass es das auch in Italien gab. Trotzdem wirkte Alè weitaus weniger eisig als Giò.

„Warum heißt du Nanni?“ wollte Micha wissen. „Das ist doch ein Mädchenname! Meine beste Freundin aus der Schule heißt auch so!“ „Ich heiße eigentlich Giovanni. Aber meine Freunde sagen Nanni“ erklärte Nanni. Micha hätte sich kringelig lachen können. Der redete ja wie die Türkenkinder! Aber Sigrid hatte ihr klargemacht, dass die Türkenkinder genauso über sie lachen würden, wenn sie Türkisch sprechen müsste. Deshalb kritisierte Micha Nanni nicht.

„Und ich habe auch einen Freund, der heißt Momo. Aber eigentlich Moritz. Der Papa von dem ist aus Ghana. Der Momo ist nämlich ein Nee-gärr!“ Micha walzte das letzte Wort genüsslich aus, wohl wissend, dass es Lutz auf die Palme bringen würde. Sie war müde.

Lutz hätte Micha am liebsten eine geklebt. Aber sie wollten Micha gewaltfrei erziehen. Darin waren er und Sigrid sich ausnahmsweise einmal einig. „Du weißt, was man sagt!“ erwiderte er knapp. „Aber Opa Rolf fragt auch immer ‚Na, wie isses denn bei euch in Berlin mit den ganzen Negern und dem Ivan vor der Haustür!’“ entgegnete Micha aufsässig. „Ach ja, Opa Rolf …“ Lutz wollte nicht näher darauf eingehen. Die besseren Menschen wohnten offenbar in Siegen. Typen, wie Sigrids Vater Rolf und seine sauberen Freunde vom Schützenverein. Der Adolf-Hitler-Devotionalienraum im Keller, der dem „Führer“, dem sie einst alle nachgelaufen waren, huldigen sollte, setzte dem ganzen die Krone auf. Lutz hatte immer bei sich gedacht, dass es vermutlich daran lag, dass Sigrid manchmal so komisch war.

„Cos’ha detto la bimba?“ („Was hat die Kleine gesagt?“) wollte Alè von Nanni wissen. „Siehste! Bimbo sagt man nämlich erst recht nicht! Hat Sigrid gesagt!“ bretterte Micha patzig in die Unterhaltung. Giò, die ein paar Brocken Deutsch in der Schule gelernt hatte, bot an, sie und Alè würden mit Micha noch ein Eis essen gehen. Das war Lutz und Nanni mehr als recht, denn sie hatten zu tun …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

+Piazza della Signoria, Piazza Santa Croce: Plätze in der historischen Innenstadt von Florenz, Rifredi: Arbeiterstadtteil von Florenz.

++Francesco Cossiga (1928 – 2010): Politiker der kosnervativen Democrazia Cristiana, hatte im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Ämter inne. U. a. war er 1979 – 80, zu dem Zeitpunkt, als unsere Geschichte spielt, Ministerpräsident Italiens, also Chef der italienischen Regierung. Die Position entspricht der des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin in Deutschland.

*Homosexualität wurde in Italien überraschend früh legalisiert: schon 1887. Auch betraf die strafrechtliche Verfolgung hauptsächlich Männer. Nähere Informationen hierzu u. a. auf Wikipedia (Italienisch). In Frankreich ist Homosexualität sogar seit 1791 nicht mehr strafbar, wie man ebenfalls auf Wikipedia (Deutsch) nachlesen kann. Dennoch ist „nicht strafbar“ nicht gleichbedeutend mit „akzeptiert“, wie man u. a. aus den Diskussionen um die Ehe für alle in Frankreich weiß, wo es heftige Gegenreaktionen von konservativer Seite gab. Bis in die 1970er Jahre galt Homosexualität vielfach als psychische Krankheit. Zum Teil wurde der Wegfall strafrechtlicher Verfolgung „humanitär“ begründet, da der Betroffene (Frauen standen weitaus weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses) nichts dafür könne. Um 1980 ist die Einschätzung von Homosexualität als einer normalen Variante des menschlichen Sexualverhaltens noch relativ neu.

Alle Personen & Handlungen dieser Geschichte sind frei erfunden, außer natürlich, es geht um Querverweise zu historischen Persönlichkeiten & Ereignissen, die aber nur den Rahmen der Geschichte darstellen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Terror! (Teil II)

Wer’s verpassst hat: hier zu Teil I der Story

Signorina Cristina, Fiesole bei Florenz, später Nachmittag des 01. August 1980:

Cristina saß mit ihrer Freundin Elke in einer schattigen Ecke im Garten des kleinen Palazzos ihrer Familie. Sie verspürte keinen Drang, den brüllend heißen August in ihrem Stadthaus in Rom zu verbringen. Elke Lorenz war eine gute Freundin von ihr. Sie arbeitete am Kunsthistorischen Institut, wollte aber Ende September heiraten, eine jungen Rechtsanwalt und Compagnon ihres Vaters, der schon länger ein Auge auf sie geworfen hatte. Deshalb verbrachte die junge Frau eigentlich die meiste Zeit damit, ihre Hochzeit zu planen. Aber die Forschungsarbeit, sagte Elke, war ihr ohnehin immer ein bisschen zäh erschienen.

Cristina lächelte freundlich. „In Hamburg ist es wenigstens schön kühl, nicht wahr?“ „Ach ja, die Hitze!“ seufzte Elke. „Aber schau mal, was ich hier habe! Gestern gekauft!“ wisperte sie verschwörerisch und zog ein weißes, spitzenbedecktes Etwas aus einer Plastiktüte, ein Steckkissen für Babies. „Ja, ist es denn schon … Ich meine, du bist, ihr habt schon…?“ flüsterte Cristina. „Nein, natürlich nicht.“ wehrte Elke rasch ab und errötete. „Das wäre Vater auch sicher nicht recht, wenn er eine Tochter mit Bäuchlein als Brautvater zum Altar führen müsste.“ Sie lachte. Es klang etwas künstlich. „Aber ich möchte sehr bald Kinder haben. Du nicht? Überhaupt, was ist mit Pietro?“

Cristinas innerer Horizont überzog sich mit dicken schwarzen Wolken. Pietro war ihr Zukünftiger. Rechtsanwalt, wie Elkes Verlobter. Er arbeitete bei einer Zweigstelle der renomierten Privatbank Banca delle Tre Stelle in Paris und Papá war die Verbindung wichtig. Er hatte ihn für sie ausgesucht, aber gedacht, dass er ihr damit eine Freude machen würde, denn Cristina hatte in Paris studiert und dachte immer gern an die Zeit zurück. Die Diskussionen mit ihren Freunden aus Algerien über Sozialismus und Entwicklungsländer, die Abende im Café mit ihren französischen Freundinnen, die Freude darüber, die greise Simone de Beauvoir noch aus nächster Nähe gesehen zu haben. Bei ihrer Rückkehr, mit Pietro, würde Paris eine andere Stadt sein, ein goldener Käfig, wie Rom und Florenz. Aber Cristina dachte sich, dass es besser wäre, sich ihrer Freundin nicht zu weit zu öffnen und ihr von ihrem kleinen – nun ja – Problem zu erzählen. Cristina mochte keine Männer, jedenfalls nicht so, dass sie hätte Kinder mit ihnen haben wollen. Rasch setzte sie ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es herzlich wirkte, und strich andächtig über das weiße Satinkissen: „Wie schön!“ murmelte sie.

Piazza della Signoria, Florenz, Abend des 01. August 1980:

„Wollt ihr euch noch länger verarschen lassen?!“ Der Mann brüllte mit einer Entschiedenheit ins Mikrofon, als würde er den Leuten gerade erklären, dass die Erde rund ist und keine Scheibe. „Hat Moro* etwas geändert? Hat Andreotti* etwas geändert? Nein! Glaubt ihr etwa, Cossiga* ändert etwas? Man schießt uns Flugzeuge vom Himmel** und man könnte meinen, wir befänden uns im Krieg! In der Tat, wir befinden uns im Krieg! Man schiebt uns Verbrechen in die Schuhe, die in Wirklichkeit die Faschisten und die NATO begangen haben! Man will die italienische Bevölkerung gegen uns aufhetzen! Die Amerikaner wollen aus Italien ein zweites Chile** machen!“ „Cossiga Boia!“ (=“Cossiga Henker!“) erquoll wie auf ein unsichtbares Kommando hin ein einstimmiger Sprechchor aus der Menge, nur um dann überzugehen zu „Carter*** Boia!“ Um Michelangelos altehrwürdige David-Statue, die steinern und bleich in den Abendhimmel ragte, wehten rote und rot-schwarze Fahnen. Die Menge stimmte das Partisanenlied „Bella Ciao“ an. Ein altes Mütterchen reckte ihren Gehstock hoch: „Recht so! Dafür haben wir die Schwarzhemden+ nicht vertrieben! Jagt den Verbrecher aus dem Palazzo Chigi++“

Palazzo Pitti, Florenz, Abend des 01. August 1980:

Giancarlo Albanese legte auf. Er war ganz blass im Gesicht, als er sich seinem Kollegen Marcolini zuwandte. „Anruf aus Rom.“ sagte er knapp. „Höchste Sicherheitsstufe morgen für den Deutschen.“ „Dieser Nato-General, Brennecke?“ fragte Marconi. „Ja, aber wir sollen uns nicht darum kümmern. Die Amerikaner wollen die Leute aussuchen. Militär. Bonn+++ ist offenbar informiert.“ antwortete Albanese. „Ich weiß auch nichts genaues. Nur, dass nicht wir Carabinieri den Job machen sollen.“ setzte er hinzu, als er Marcolini fragenden Gesichtsausdurck sah. „Dafür braut sich gerade auf der Piazza della Signoria etwas zusammen.“ gab Marcolini zu bedenken. „Ach, wie vor drei Wochen! Wir schauen mal pro forma vorbei, aber unter uns: so Unrecht haben die Leute doch gar nicht. Weißt du, Florenz ist nicht Rom …“ Albanese ließ den Satz unvollendet. Marcolini wusste auch so, was er meinte: So lange der Palazzo Vecchio nicht in Flammen aufging, ließen die Leute, die in ihm tagten, um die Geschicke der Stadt zu bestimmen, die Linksradikalen machen …

… Wer neugierig ist, wie’s weitergeht – demnächst hier bei Laila Phunk!

*Aldo Moro, Giulio Andreotti und Francesco Cossiga (alle: Democrazia Cristiana, entspricht in etwa der deutschen CDU): italienische Regierungschefs, zur Zeit unserer Geschichte ist Cossiga im Amt (seit 1979). Er wird jedoch im September 1980 bereits zum Rücktritt gezwungen sein. Die kurze Amtszeit Cossigas, über den es einen aufschlussreichen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt, zeigt, wie sehr Italien damals politisch in der Krise steckte.

**gemeint ist der mysteriöse Absturz des Fluges 870 nördlich der italienischen Insel Ustica im Juni 1980, bei dem 81 Menschen ums Leben kamen, darunter 13 Kinder, wie man auf Wikipedia (italienisch) nachlesen kann. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt, aber es gibt immer wieder Gerüchte, das Passagierflugzeug auf dem Weg von Bologna nach Palermo sei von einem NATO-Kampfjet abgeschossen worden. Drohungen gegen Zeugen und Journalisten, sowie eine Reihe seltsamer Todesfälle scheinen eine Verwicklung internationaler Akteure zu bestätigen. Einen Überblick dazu gibt u. a. Italien-Korrespondent Michael Braun in der taz. Auch konservative deutschssprachige Medien beschreiben den Fall ähnlich. Allerdings kann ich hier nicht alle auflisten. Wer sich näher informieren will, googelt es halt einfach mal.

Vorkomnisse, wie der Flugzeugabsturz bei Ustica und eine Reihe blutiger terroristischer Anschläge mit vielen Toten, die zunächst linksextremistischen Terrororoganisationen in die Schuhe geschoben werden sollten, sich aber später z. T. als das Werk faschistischer Gruppierungen herausstellten, bilden den Hintergrund der Rede des Demo-Redners, der u. a. eine NATO-Beteiligung vermutet. Der fiktive Redner spielt u. a. auch auf die rechte Diktatur Augusto Pinochets in Chile (1973 – 1990) an, der durch einen Militärputsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende (1970 – 73 Präsident Chiles) unter Beihilfe des amerikanischen CIAs ins Amt gehieft wurde.

***Jimmy Carter, 39. Präsident der USA, Demokrat, von 1977 bis 1981 im Amt

+Schwarzhemden: italienische Faschisten

++Palazzo Chigi: Sitz der italienischen Regierung in Rom

+++Bonn: zur Zeit unserer Geschichte Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland, Bundeskanzler war damal Helmut Schmidt (SPD, 1974 – 1982 Kanzler, sozialliberale Koalition)

Wie schon in Teil I sind alle Persönlichkeiten, außer den historischen, die in dieser Geschichte auftreten, sowie ihre Handlungen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Auch der Nato-General Brennecke, der in dem Gespräch der beiden Carabinieri im Palazzo Pitti erwähnt wird, ist frei erfunden.

Die in dem Abschnitt über Signorina Cristina erwähnte Banca delle Tre Stelle ist ebenfalls ein Produkt meiner Fantasie.

Terror! (Teil I)

Erstveröffentlichung am 8. Dezember 2016. Die Fortsetzungsstory wurde wegen des furchtbaren Terroranschlags am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz (Kurfürstendamm) unterbrochen. Der Anschlag kostete 12 Menschen das Leben. 55 wurden z. T. schwer verletzt. Der Täter, Anis Amri, handelte im Auftrag des sog. „Islamischen Staates“. Er wurde am 23. Dezember in Mailand von einer Polizeistreife erschossen. Mittlerweile verdichten sich Hinweise darauf, dass Amri den deutschen Behörden als sog. „Gefährder“, d. h. als möglicher Attentäter bekannt war. Wikipedia berichtet, der marokkanische Geheimdienst habe BND und BKA bereits im September 2016 auf Amri aufmerksam gemacht. In Anris Heimat Tunesien haben radikale islamistische Gruppen hohen Zulauf, obgleich sich die tunesische Regierung mit allen erdenklichen Mitteln versucht, den Islamismus einzudämmen. Eine auffällige Parallele zum Islamismus ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien: Sie lag 2016 noch bei rund 35%. Mehr als ein Drittel der 15 – 24jährigen hat also keine Arbeit. Gewiss wäre es zu oberflächlich und bei näherer Betrachtung auch nicht haltbar, die Ursachen von Terrorismus prinzipiell monokausal in Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu sehen. Immerhin bringt nicht jedeR, der/die arm ist, massenweise Leute um. Auf der anderen Seite zog der Linksterrorismus in Westeuropa in den 1970er und 1980er Jahren v. a. junge Leute aus den gebildeten, eigentlich privilegierten Schichten an. Um dem Terrorismus als gewaltsamer Bankrotterklärung an die Dialogfähigkeit einer Gesellschaft etwas entgegensetzen zu können, muss man die Wurzeln analysieren. Was treibt Menschen dazu, Terroranschläge zu begehen? Aus welchen Gründen radikalisieren sich junge Leute? An welchen Alarmzeichen kann man erkennen, dass die Schwelle zur Gewalt bedrohlich gesunken ist? Die Internet-Story „Terror“ kann darauf sicherlich keine Antworten geben, die politisch bedeutsam wären. Zum Nachdenken anregen kann und möchte sie aber schon. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen! (Laila Phunk am 30. Mai 2017).

Prolog:

Sandrine: Paris, in der Nähe des Parc de la Villette, 19. Arrondissement, Februar 2014:

Lustlos setzte Sandrine sich an den Computer. Sie wollte sich zwingen, jeden Tag eine kleine Einheit von dem Selbstlernkurs im Internet zu machen. Vielleicht würde es ihr helfen, eine Arbeit zu finden, denn die Zeiten waren lange vorbei, als Sandrine noch eine strahlende Absolventin der Kommunikationswissenschaft war, die siegessicher und voller Selbstvertrauen in die Zukunft blickte Zwar hatte sie sehr gute Noten gehabt – sie hatte ja auch hart dafür gearbeitet – aber wer brauchte schon Kommunikationswissenschaftler? Davon gibt es doch mehr als genug, dachte Sandrine traurig. Und bestimmt sind sie alle gut…

Papa ging es früher genauso, erinnerte sich Sandrine. Gedankenverloren drehte sie sich auf ihrem Stuhl hin- und her. Damals hatte kaum jemand von den jungen Leuten Arbeit. Das hatte sie alle furchtbar zornig gemacht, hatte Papa erzählt, eine ganze Generation, die vor Wut nur so schäumte. Sandrines Vater war leider schon lange tot, aber sie erinnerte sich an sein freundliches, immer ein wenig zurückhaltendes Lachen, an Papas laute Freunde, die immer auf François Mitterrand* herummeckerten. Obwohl sie ihn eigentlich mochten. Sie hatten ihm ja auch viel zu verdanken…*

Sandrine entschloss sich, den Computerkurs sein zu lassen und ein bisschen in Papas altem Kästchen herumzuwühlen. Der Brief aus Deutschland, der alles verändert hatte… Ohne ihn hätte es Sandrine vielleicht gar nicht gegeben…

Daniela: Campo Azul, südlich von La Plata, Argentinien, Mai 1966:

„Lupo! Lupo!“ die zehnjährige Daniela schrie sich die Seele aus dem Leib. Wo war ihr kleiner Mischlingshund nur abgeblieben? Ein scharfer Wind bließ dem Mädchen um die Ohren. „Papa, Babbo! Lupo ist weg!“ Der gedrungene, gutmütige Señor Della Chiesa, der einen kleinen Laden im Ort betrieb, hatte sein Jagdgewehr im Anschlag. Er hatte mehr gesehen, als seine Tochter. Mit dem Zeigefinger deutete er auf das staubfarbene Pelzknäuel. Durch den Wind vernahm nun auch Daniela das bösartige Knurren. Es wirkte irre, nicht von dieser Welt. Was hatte Lupo dem anderen Hund denn bloß getan? Der graubraunen Bestie quoll der Schaum aus dem Mund, vermischt mit Blut. Señor Della Chiesa drückte Daniela das Jagdgewehr in die Hand. „Du musst es tun! Er wird sonst andere Tiere töten. Vielleicht auch uns.“ „Aber Babbo!“ erwiderte Daniela. „Lupo! Was ist, wenn ich ihn erwische?“. „Er wird sowieso sterben.“ murmelte Señor Della Chiesa. Daniela wurde klar, was das bedeutete. Sie weinte. „Schieß!“ drängte Señor Della Chiesa und Daniela drückte ab.

„Así me gustas! So gefällst du mir!“ Der stämmige Mann, der in diesem weiten kargen Land nie heimisch geworden war, versuchte eine unbeholfene, freundliche Geste. „El pequeño lobo….“ versuchte er, das weinende Mädchen zu trösten.

Lutz: Gries am Brenner/Brennero, Österreich, Grenzübergang nach Italien, Morgen des 01. August 1980:

Aussteigen, ja, bitte schön! Lutz verfluchte dieses chaotische Land schon, bevor er dessen Landesgrenze überhaupt überschritten hatte. Fahrzeugpapiere und Personalausweis reichten dem Grenzbeamten, der einen griesgrämigen österreichischen Dialekt sprach, offenbar nicht. Er hatte gestern schon den ganzen Tag in der Scheißkarre gesessen, sich auf der Transitautobahn von Westberlin nach Hof mit den Wonnen des real existierenden Sozialismus herumgeschlagen, die nölende Micha beschwichtigt, die Sigrid ihm aufgedrängt hatte, weil er den Fehler gemacht hatte, etwas von „Urlaub in Italien“, „Freunde in der Toscana besuchen“ zu schwafeln. Er könne seinen väterlichen Pflichten ja auch mal nachkommen, hatte Sigrid geschnauzt. Es reichte langsam!

Gestern Abend hatten sie immerhin noch eine der angenehmeren Begegnungen gemacht. Sie hatten auf einer gottverlassenen Wiese am Straßenrand neben einem knallbunt angemalten Bulli haltgemacht, der Stefan und Jo gehörte, 2 Hippies, die schon lange ausgestiegen waren, aus dem hirnverbrannten Trott der stockkonservativen Alpenrepublik. Den Joint, den die beiden später in gemütlicher Runde kreisen ließen, hatte Lutz schweren Herzens abgelehnt. Er wollte dem italienischen Zoll nicht mit knallroten Augen in die korrupten Arme laufen. Wegen Micha machte er sich keine Sorgen. Sie kannte das sicherlich aus dem Hausprojekt in Kreuzberg, in das Sigrid nach ihrer Trennung mit der gemeinsamen Tochter gezogen war. Er jedenfalls kannte Sigrid, die nie ein Kind von Traurigkeit gewesen war …

Micha: Gries am Brenner/Brennero:

„Guck mal, Papa!“ quiekte Micha „Auch Deutsche, die Ärger haben!“ Micha hatte den klapprigen Passat erblickt, vor allem das kleine Mädchen mit dem glatten, dunklen Pferdeschwanz und den schwarzen Lackschuhen, die süße kleine rosa Schleifchen vorne drauf hatten und Riemchen an den Gelenken. Solche Schuhe würde sie nie bekommen, dachte Micha voller Neid. Sigrid und Lutz ließen sie ja immer nur Bauernklamotten tragen mit denen sie aussah wie aus dem Mittelalter. Und immer bloß Birkenstock-Latschen, weil die ja sooo gesund sind. Pah!

Das Mädchen lächelte freundlich. „Lutz, LU, was ist das für ein Kennzeichen?“ wollte Micha wissen. „Ludwigshafen“ gab Lutz genervt zurück. „Ich bin übrigens Paola! Und du?“ unbemerkt hatte sich das Mädchen an Micha herangepirscht. „Micha. Aus Berlin und du?“ „Ludwigshafen.“ Das wusste Micha ja bereits. „Papa arbeitet bei der BASF und verdient viel Geld, damit wir uns bald ein eigenes Haus bauen können, a Casa, unten in der Basilicata. Obwohl es da sterbenslangweilig ist. Da fahren wir nämlich gerade hin und meine Cousine Ilaria würde alles dafür geben, um zu uns nach Deutschland zu kommen.“ plapperte das Mädchen fröhlich. „Und ihr, fahrt ihr in den Urlaub?“ wollte sie von Micha wissen. „Na ja, geht so. Zu Freunden von Lutz. Aber ich darf nicht drüber reden.“ druckste Micha. „Lutz?“ Paola guckte irritiert. „Mein Vater“ gab Micha gedehnt zurück. Paola war ja ganz nett, aber sie lebte doch wohl noch im vorigen Jahrhundert, dachte Micha sich. „Ist ja echt ein Schweinesystem hier mit dem Zoll!“ Micha ließ die coole Berliner Göre raushängen. „Ja!“ pflichtete Paola ihr unerwartet bei „Wir sollen erst mal all den Kram vom Rücksitz packen, wenn wir weiterfahren wollen. Aber das wird die Hölle auf Erden, wenn wir denen da unten keine Geschenke mitbringen. Die können doch nur die Hand aufhalten!“ pampte Paola abfällig.

Eine dicke Frau kam mit einem Kleinkind in einem Buggy hinter dem überladenen, bis an den Rand vollgepackten Passat hervor und ein Schwall fremder Worte ergoss sich über Paola. Es klang als meckerte die Fau sie ordentlich aus, wie Micha vermutete. Vielleicht war es doch besser, eine Mutti wie Sigrid zu haben. Mit der hatte man kaum Ärger, wenn man sie nicht nervte und sie immer schön ihre Nase in ihre Bücher stecken ließ. „So, wir müssen auch. Komm Micha, wir können weiterfahren!“ Lutz bugsierte Micha zum Auto zurück.

US-Militärdepot Camp Darby, bei Livorno, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Die brütende toskanische Sommerhitze machte Colonel Buchanan zu schaffen. Er schwitzte wie ein abgestochenes Schwein. Auch hier in der Offizierslounge, trotz des Ventilators an der Decke und des zusätzlichen Standventilators, den Buchanan neben sich, an seinen Tisch gestellt hatte. General Henderson hatte sich einen starken Espresso kommen lassen. „Auch einen, meine Herren? Wir haben eine lange Nacht vor uns!“. Buchanan winkte ab. Er bekam Magenkrämpfe von dem italienischen Kaffee. Colonel Steinberg ließ sich die mit Wasser verlängerte Plörre kommen, die sie hier „Americano“ nannten.

„Brennecke hat vor, diesen langhaarigen Bombenlegern in Deutschland Beine zu machen.“ Henderson grinste. „Er will von den Italienern ein paar Tipps, wie man das macht. Nachdem diese linken Schwachköpfe vor drei Jahren** gedacht haben, sie könnten den deutschen Autoritäten auf der Nase herumtanzen, soll jetzt wieder Ruhe einkehren.“ Henderson nickte bedächtig. „Hanns Martin Schleyer war ein persönlicher Freund von Brennecke. Ein guter Mann, sagt er …“ „Dass die Deutschen die Palästinenser eingeschaltet haben** wundert mich nicht.“ merkte Steinberg an. „Das steckt denen noch in den Knochen, dieser Hass auf Israel und die freie Welt.“ „Da hast du aber auch hier in Italien schnell Ärger**“ wandte Buchanan ein. „… sogar bei den Konservativen.“ „Ja, die haben Angst, dass die Araber ihnen sonst ihre schönen katholischen Kathetralen in die Luft jagen.“ knarrzte Henderson. „General Brennecke wird morgen früh in Florenz sein, wo wir uns mit einigen von den Italienern zusammensetzen und ein bisschen plaudern werden. Meine Herren. Ich erwarte dass Sie den Report bis heute Abend für mich bereit liegen haben!“ beendete er das Gespräch.

Nanni, Prato bei Florenz, Toskana, Italien, Nachmittag des 01. August 1980:

Nanni hustete. Die Smog-Glocke, die über Florenz lag, hatte seinen Lungen ihren Tribut abgefordert. Klatschnass geschwitzt stieg er von seinem Motorino und war froh, endlich zu Hause zu sein. Alè und Giò wollten heute Abend noch auf die Demo auf der Piazza della Signoria und Lutz müsste bald hier sein. Wenn er sich nicht verfahren hatte. Aber eigentlich war das baufällige Haus an der Ausfallstraße von Florenz aus nordwärts leicht zu finden.

An guten Tagen arbeitete Nanni im Tourist Office, nahe der berühmten Kirche Santa Maria Novella in Florenz. An schlechten Tagen verdiente er nichts und hatte genug Zeit zum Nachdenken. Trotzdem konnte er sich glücklich schätzen, den Job an Land gezogen zu haben. Dass er fließend Deutsch, Englisch und Französisch sprach und sein Studium mit Bestnoten abgeschlossen hatte, hatte seine mangelnden Beziehungen, seine geringe Herkunft und sein linkes Engagement wettgemacht. Aber eben nur für den schlechtbezahlten Tourist-Office-Job. Natürlich hätte Nanni sich etwas Besseres vorstellen können. Als 20jähriger Studienanfänger, der sich zäh durch die akademischen Jahre jobben sollte, hatte er davon geträumt, die Welt zu sehen. Viel reisen wollte er, aber auch italienischen Kindern aus armen Familien Fremdsprachen beibringen und den Kindern der illegalen Einwanderer Italienisch. Seine Träume zerschellten an der Wirklichkeit. Er war eben kein Kind der ehrenwerten Gesellschaft, das man sich hätte ausprobieren lassen, dachte Nanni bitter.

Seine Mitbewohnerin Alè arbeitete als Näherin in Prato, obwohl sie einen Abschluss in Philosophie hatte. Nur Alès Freundin Giò, die „etwas Besseres“ war, wie sie manchmal selbstironisch scherzte, konnte sich das Akademikerleben leisten. Giò promovierte in Politikwissenschaften. Sie hatte Glück, dass ihr Doktorvater ein Linker war. Er unterstützte Berlinguer** und ließ Giò freie Hand. Ein Assistenzjob sorgte dafür, dass sie sich finanziell keine Sorgen machen musste. Zusätzlich hatte sie noch ein liberales Elternhaus im Rücken. Nie im Leben hätte Giòs Mutter ihre Tochter etwa in eine Ehe gedrängt, nur um sie materiell versorgt zu wissen. Viele andere Italienerinnen hatten dieses Glück nicht. Aber es brodelte. Kaum eine hatte noch Lust, einen ewig nörgelnden Pascha zu umsorgen, der, wenn sie Pech hatten, auch noch arbeitlos war und den ganzen Tag nur herumsaß, erst in der Bar, die „Gazzetta dello Sport“ lesend, dann zu Hause, schließlich erschöpft vom Nichtstun und schlecht gelaunt, was dann die Ehefrau zu spüren bekam.

*François Mitterrand (1916 – 1996): französischer Politiker (Parti socialiste) und Staatspräsident Frankreich (1981 – 1995). Mehr Infos zu ihm und seiner Bedeutung für diese Geschichte später…

**Henderson bezieht sich auf das Jahr 1977 als die Rote Armee Fraktion (RAF)  den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordete. Die Ereignisse um die Entführung und Ermordung Schleyers werden oft auch als „Deutscher Herbst 1977“ bezeichnet. Ein Wikipedia-Artikel bietet einen guten ersten Überblick.

Der „Deutsche Herbst 1977“ gipfelte in der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch ein palästinensisches Terrorkommando. Damit sollte die Freilassung inhaftierter Mitglieder der RAF erzwungen werden. Die „Landshut“ landete schließlich in somalischen Hauptstadt Mogadischu, wo sie von der deutschen Antiterroreinheit GSG 9 gestürmt wurde.

Kurz darauf wurden in der JVA Stuttgart-Stammheim die Leichen mehrerer prominenter Mitglieder der RAF aufgefunden. Immer wieder wurde bezweifelt, dass es sich dabei tatsächlich um Selbstmord handelte. Auch zur sog. „Todesnacht von Stammheim“ gibt es einen Wikipedia-Artikel, der eine Zusammenfassung verschiedener Haltungen, auch Verschwörungstheorien, bietet.

Möglicherweise will der (fiktive) General Henderson auch auf das „Oktoberfestattentat“ anspielen: Am 26. Oktober 1980 (also aus der Perspektive unserer Geschichte in der „Zukunft“) verübte ein Anhänger der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ein Attentat auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen starben und 211 Menschen z. T schwer verletzt wurden. Auch um das Oktoberfestattentat ranken sich viele Spekulationen und Verschwörungstheorien. Tatsächlich wurden 2014 die Ermittlungen aufgrund neuer Zeugenaussagen wieder aufgenommen, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.

Bis heute weiß man nicht, ob das „Oktoberfestattentat“ Teil einer sog. „Strategie der Spannung“ gewesen ist, bei der faschistische Terrororganisationen gezielt Anschläge begingen, um sie linksterroristischen Vereinigungen in die Schuhe zu schieben. Diese Strategie der Attentate „unter falscher Flagge“ sollte ein Klima der Angst und v. a. natürlich Hass auf Linke erzeugen und wurde v. a. in Italien über mehrere Jahrzehnte angewandt. Allerdings muss man vorsichtig sein. Der italienische Politiker Aldo Moro (1916 – 1978, Democrazia Cristiana, entspricht der deutschen CDU) wurde nach heutigen Erkenntnissen z. B. sehr wahrscheinlich wirklich von den linksextremen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet. Andere Anschläge lassen sich dagegen relativ eindeutig faschistischen Gruppierungen zuschreiben.

Camp Darby gibt es wirklich. Henderson, Buchanan, Steinberg und Brennecke sind, wie alle anderen Personen (außer den historischen Persönlichkeiten), die in dieser Geschichte auftreten, frei erfunden. Ebenso natürlich ihr Gespräch. Auch den Ort „Campo Azul“ in Argentinien gibt es nur in meiner Fantasie. Für die ganze Geschichte gilt, wie gesagt: Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

*** Enrico Berlinguer (1922 – 1984): italienischer Politiker des PCI (Partito Communista Italiano = kommunistische Partei), der den sog. „Eurokommunismus“, eine Abwendung der westeuropäischen kommunistischen Parteien von der Sowjetunion, vertrat. Auch er hat einen Wikipedia-Eintrag.

 

 

 

Aus Laila Phunks Bücherregal: Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte“

Als ich das Buch „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß in den Händen hielt, wusste ich gleich, dass ich es mit einem absoluten Page-Turner zu tun haben würde. Das Buch enttäuscht auf keiner Seite und liest sich in einem Rutsch, gut geschrieben und spannend bis zum Schluss. In dem Überblickswerk zu AfD, Pegida, Identitärer Bewegung und anderen Phänomenen des Rechtsrucks, der aktuell nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa und auch die USA heimsucht, arbeitet Weiß grundlegende Strukturen rechtskonservativen Denkens heraus.

Dabei folgt er der Neuen Rechten konsequent in ihrem Selbstbild. Das „natürliche Konservative“ gegen das „natürliche Liberale“ auszuspielen, ist u. a. der Leitgedanke des Manifestes der us-amerikanischen Alt-Right-Bewegung, das Milo Yiannopoulus und Allum Bokhari verfasst haben und das im März 2016 in dem neu-rechten Internetmagazin „Breitbart“ veröffentlicht wurde.

Was aber bedeutet „konservativ“ im Denken der Neuen Rechten? Volker Weiß, der vor allem die Entwicklungen in Deutschland beleuchtet, lässt gleich zu Beginn Karlheinz Weißmann, Autor der „Jungen Freiheit“ und Michael Stürzenberger von „Politically Incorrect“ aufeinanderprallen. Dreht sich bei „Politically Incorrect“, ähnlich wie auf anderen einschlägigen Internetseiten, wie z. B. der „Achse des Guten“ aus einer neokonservativen, zumeist pro-amerikanischen und pro-israelischen Haltung heraus noch alles um Islamfeindschaft und „Islamfaschismus“, so beharrt Weißmann darauf, dass der Islam mit seiner grundsätzlich wertkonservativen Ausrichtung keineswegs der Hauptfeind sei. Er gehöre nur nicht nach Europa.

Zugleich erklärt Weiß damit sehr anschaulich das Kernprinzip des sog. „Ethnopluralismus“, wie ihn die europaweit agierende „Identitäre Bewegung vertritt – jeder Ethnie, jeder Kultur den ihr angestammten Raum. Man versteht, warum die Leute sich nicht als Rassisten sehen wollen und trotzdem welche sind.

Desweiteren zieht Volker Weiß Carl Schmitt heran, der zwischen dem „wirklichen“ und dem „absoluten Feind“ trenne. Als den „wirklichen Feind“ betrachte die Neue Rechte, so Weiß, den Islam, der als Invasor und expansive Gegenmacht zur europäischen Zivilisation wahrgenommen werde. Der „absolute Feind“ dagegen seien der westliche Liberalismus und sein universalistisches Weltbild.

Allerdings gerät Volker Weiß dann selbst ein wenig ins Schlingern, als er auf Jack Donovan, Homosexualität und das Frauenbild der Neuen Rechten zu sprechen kommt. Zwar wird wohl niemand abstreiten, dass AfD, Pegida & Co. eine eher altmodische Auffassung der Geschlechterrollen vertreten, aber Weiß stellt z. B. Donovan mit Bezug auf Martin Lichtmesz als „Autor“ dar, der „selbst lange homosexuell gelebt habe“. Dabei war es Lichtmesz selbst, der die virile Homosexualität Donovan in der „Sezession“ pries. Auch wird in der Szene scharf zwischen homosexueller hypermaskuliner Attraktion und effeminisiertem, schwulen Begehren getrennt.

Beim Lesen drängt sich deshalb ein wenig der Verdacht auf, dass Volker Weiß es sich seinerseits auch ein wenig zurechtbiegen möchte. Indem er Homosexualität aber als Synonym für einen liberalen, weltoffenen Lebensstil auffasst (und sie nicht als zufällige, wertfreie Eigenschaft eines Menschen akzeptiert), tappt er in die Falle des gleichen einseitigen Schwarz-Weiß-Denkens, dessen sich die Populisten bedienen.

Insgesamt schwächelt „Die autoritäre Revolte“ ein bisschen daran, dass Weiß sich zu sehr auf den Kontrast „konservativ“ – „liberal“ konzentriert. Sub-, Quer- und Grenzmillieus, wie eben „Politically Incorrect“ oder auch die wertkonservative Linke, die z. T. aus der antirassistischen Arbeit kommend mit dem radikalen Islam sympathisiert, werden leider nur angerissen. Das ändert jedoch nichts daran, dass „Die autoritäre Revolte“ in den Medien zu Recht hoch gelobt worden ist als Standartwerk zum Thema – eine Einschätzung, der ich mich nur anschließen kann!

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2017.

„Beißhemmungen“ & Borderline-Wahrnehmungen: Die queere Szene & die Querfront

Links à la roumaine: Terror, Hunger & goldene Wasserhähne

Sprech- und Denkverbote, das großzügige Verteilen von Maulkörben, ist so alt wie die dogmatische Linke selbst. Dass das in Mord und Totschlag enden kann, hat der Stalinismus gezeigt. Dass es – jenseits aller Kalten-Kriegs-Rhetorik vom „roten Faschismus“ – auch tatsächlich faschistoide Züge tragen kann, führte der rumänische „Realsozialismus“ eindrucksvoll vor Augen. Getrieben von einem immer absurder werdenden Personenkult, ließ sich der zweite und letzte sozialistische Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu u. a. „Conducator“ nennen – „Führer“, wie Ion Antonescu, der in Rumänien in den 1940er Jahren mit Hilfe der faschistische „Eisernen Garde“ eine Militärdiktatur errichtet hatte. Ceausescu glänzte seinerseits mit einer Familienpolitik, bei der unter dem Verbot von Abtreibung und Verhütungsmitteln jede Familie mindestens 5 Kinder haben sollte. Ziel war die bevölkerungspolitische Errichtung „Großrumäniens“ („Romania Mare“. Interessanterweise wurde nach dem Sturz Ceausescus eine gleichnamige Partei gegründet, die im Westen als rechtsextrem eingestuft wurde, u. a. weil sie nationalistische und minderheitenfeindliche, insbesondere antisemitische Einstellungen vertrat, in Rumänien selbst aber als linksextrem galt, wie man auf Wikipedia nachlesen kann.). Wenn man bedenkt, dass Ceausescu in seinem Palast goldene Wasserhähne hatte, während die Mehrheit der Rumänen in einer selbst im Vergleich zu vielen anderen Warschauer Pakt Staaten extremen Armut lebte, lässt sich die ungeheure Wut nachvollziehen, die dazu führte, dass die Rumänische Revolution von 1989 sehr viel gewaltsamer verlief als anderswo und etwa 1000 Menschen den Tod fanden, wie auf Wikipedia nachzulesen ist. Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena wurden 1989 schließlich standrechtlich erschossen. Ein pikantes Detail ist vielleicht, dass ausgerechnet Ceausescu, der vielleicht blutigste „realsozialistisch“ Diktator, im Westen in den 1970er Jahren noch als Reformer galt …

Patsy L’Amours „Beißhemmungen“ – Sprechverbote in der queeren Szene

Fast 30 Jahre später sind Sprechverbote, um mit einem thematisch radikalen Wechsel auf das eingangs erwähnte Stichwort zurückzukommen, offenbar auch in der Berliner queeren Szene ein Thema. Dreh- und Angelpunkt ist offenbar der Begriff „Queer“.

„Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

schreibt die Berliner Queer-Aktivistin Patsy L’Amour LaLove, die mit „Beißhemmungen“ einen Sammelband zum Thema herausgegeben hat, im Berliner „Tagesspiegel“. Und:

„Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

Ist das Private politisch?

Weiter geht es um Antirassismus, „Critical Whiteness“ und „Political Correctness“ – alles Topoi, die derzeit auch in der Linken verhandelt werden. Spätestens hier sollte man aufmerken, wenn einem nicht schon aufgestoßen ist, dass „Schwule und Lesben“ plötzlich als „reaktionär“ gelten, obwohl es doch angeblich um Homosexualität bzw. um den Kampf gegen Homophobie geht. Was genau ist also mit „Queer“ gemeint? Eine politische Haltung oder eine sexuelle Orientierung? Der Schlachtruf des Second-Wave-Feminismus der 1970er Jahre, dass Private sei Politisch greift hier nicht. Damals war gemeint, dass Frauen gemeinsam gegen alltägliche Diskriminierungen ankämpfen sollten. Der gönnerhafte Klaps auf den Po, kein eigenes Konto eröffnen zu können, den Beruf spätestens dann aufgeben zu müssen, wenn Kinder da sind, und auch dann in einer Ehe verharren zu müssen, wenn der eigene Ehemann gewalttätig war oder sich längst mit einer Jüngeren vergnügte, weil die Ehe als Versorgungseinrichtung die eigene Existenz sicherte – all das waren Erfahrungen, die viele Frauen teilten.

Identifikation als Identitätsstifter

Bei „Queer“ ist es genau umgekehrt: Die Diskriminierungserfahrungen anderer Menschen (Schwarzer oder der sog. „People of Color“, der auch im rechten Milieu derzeit hart umkämpften sog. „kleinen Leute“, Erfahrungen von Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, Erfahrungen Behinderter, Muslimer, Juden, z. T. auch Homosexueller, weil die sexuelle Orientierung und Identität als frei wählbar gelten. Einige Aktivistinnen wollten die freie Wählbarkeit sogar auf die Hautfarbe ausdehnen, wie man u. a. auf Twitter unter dem hashtag #wrongskin nachlesen kann) – all das wird gebündelt und zum Stifter der eigenen Identität überhöht. „Queer“ soll, mit anderen Worten, als Quintessenz des „Anderen“, Randständigen gelesen werden. Es ist kein Zufall, dass die zunehmende Relevanz der Frauen- und Genderforschung, der Queer und Black Studies in den Geisteswissenschaften zusammenfällt mit dem Aufstieg des Queerfeminismus. Damit einhergehend haben die meisten Menschen, die sich für „Queer“ engagieren, einen akademischen, meist kultur- oder sprachwissenschaftlichen Hintergrund.

Der Geist von 1968

Das kann man, gerade auch aus einer linken Perspektive, kritisieren. Die undogmatische westdeutsche Linke der Nachkriegszeit verfolgte ja ursprünglich einen emanzipatorischen Ansatz, der Menschen befähigen sollte, für ihre eigenen Interessen einzutreten – „Hilfe zur Selbsthilfe“ sozusagen. In der Realität wurde dieser Ansatz auch in der mittlerweile historisch gewordenen Linken von 1968 nicht konsequent durchgehalten. Tatsächlich waren es auch damals schon v. a. junge AkademikerInnen, die sich für andere einsetzten. Und es ist ja auch im Grunde nicht verwerflich, wenn sich Weiße mit Rassismus befassen, Männer über Sexismus in der Gesellschaft reflektieren und Menschen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum sich ihre eigenen Privilegien bewusst machen – ganz im Gegenteil.

Konkurrenzkampf unter Geisteswissenschaftlern – ein unterschätzter Motor?

Allerdings unterscheidet sich das heutige Engagement in zweierlei Hinsicht fundamental von dem der Alt-68er:

  1. Damals konnten nur Privilegierte studieren. Das bedeutet auch, dass diese Leute kaum Konkurrenz hatten. Auch mit einem zeitlich extrem weit ausgedehnten, wirklich mit Muße betriebenen Studium, dafür ohne den heute üblichen Parcours an Auslandsaufenthalten, Praktika und „Netzwerken“ konnten die 68er problemlos in Führungspositionen rutschen, während junge Akademiker, insbesondere Geisteswissenschaftler heute damit rechnen müssen, sich mit unbezahlten Langzeitpraktika und „Kontakte knüpfen“, also der Anbiederung an einflussreiche Leute, auf einem vielleicht nützlich sein könnten, nach dem Studium erst einen Platz in dieser Gesellschaft erkämpfen zu müssen, zumindest, sofern sie sich nicht schon im Studium die Gunst der Professoren errungen haben und entsprechend „nach oben empfohlen“ worden sind.
  2. Da liegt es – tut mir leid, das so offen sagen zu müssen – nahe, sich auf die Minderheitenpolitik zu stürzen. Ursprünglich dazu gedacht, all jene ein bisschen zu pushen, die aufgrund von Vorurteilen sehr viel schneller, oft noch in der Schule, an eine „gläserne Decke“ stoßen, als andere, ersetzte die Förderung von Minderheiten im Laufe der 00er Jahre zunehmend die herkömmliche Sozialpolitik. Die Finanzkrise, die von 2007 bis etwa 2011 zusammen mit EU-Osterweiterung den Zugang junger Geisteswissenschaftler zum Arbeitsmarkt erschwerte und den Konkurrenzdruck erhöhte, war sicherlich ein weiterer Katalysator. Selbst in der Position der diskriminierten Minderheit zu sein, den Unterdrückten stellvertretend eine Stimme zu geben, konnte daher gerade in prekären Berufszweigen, wie z. B. in der Kultur- und Medienbranche ein wertvoller Rettungsanker sein. Daher entbehrt es auch nicht einer gewissen Konsequenz, dass der Minderheitenstatus, insbesondere, was die sexuelle Orientierung und Identität betrifft, einerseits frei wählbar sein soll (Jede und jeder darf sich damit identifizieren. Begründet wurde dies, zu recht, mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung), andererseits aber vehement nach außen verteidigt wird (Es wird erbittert darum gekämpft, wer die „queere Identität“ nun hat und wer nicht, was von außen betrachtet oft lächerlich wirkt, da nur wenige Queer-Aktivisten wirklich homosexuell sind, kaum jemand wirklich „trans“ ist, und z. B. Bisexualität (die eigentlich auch sehr selten ist), nicht zwangsläufig sichtbar und damit als genuin „andersartig“ festzumachen ist.). Es geht also nicht so sehr um die selbst gemacht Erfahrung, anders und randständig zu sein, sondern in um die Identifikation damit, die sich am eigenen Körper manifestieren soll. Der weiderum wird dadurch zum Träger des Minderheitenstatus umfunktioniert: Übergewicht, Essstörungen, Die Zurichtung des weiblichen Körpers auf die Schönheitsideale der Modeindustrie, der sich im Übrigen überraschend viele Queerfeministinnen selbst unterwerfen – sind in der queeren Szene zentrale Themen, obwohl sie gar nichts mit Homosexualität im eigentlichen Sinne zu tun haben.

Borderline-Wahrnehmungen: Schwarz-Weiß-Denken als Politikum*

Auch Borderline, bzw. „sich ritzen“, ist ein Thema im Queerfeminismus. Das hat u. a. die taz- und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski immer wieder zum Thema ihrer Kolumnen gemacht. Aber geht es wirklich nur um Feminismus? Oder ist es nicht vielmehr die Borderline-Wahrnehmung die wichtig ist?

Die Psychologin Dunja Voos schreibt auf ihrer Homepage in einem durchaus wohlwollenden Artikel über Borderline:

„Typisch ist auch das Schwarz-Weiß-Denken, das so genannte Spalten. Die Betroffenen sehen andere oder sich selbst einmal als nur „böse“, ein anderes Mal als nur gut. Sie nehmen sich immer wieder anders wahr und haben ein sich schnell änderndes Selbstbild, was Psychologen als Identitätsdiffusion bezeichnen.“ (Dunja Voos, „Die Borderline-Störung – besser als ihr Ruf“, auf: „Medizin im Kontext“, 7. Juli 2016, aufgerufen am 15. Mai 2017.)

Ohne eine ganzen Subkultur unter den Generalverdacht einer psychischen Krankheit stellen zu wollen – Es wäre ganz sicher falsch, behaupten zu wollen, dass jedeR, der/die sich mit „Queer“ identifiziert, an Borderline leidet – Die Identitätsproblemtik und das Beharren auf „fluiden“ Identitätskonzepten, ebenso wie die oft plakative Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ legen es aber schon nahe, dass hier ein „Borderline-Lebensgefühl“ Pate steht. Erinnern wir uns an die Schwierigkeiten, die die queerfeministische, wie auch die linke Szene etwa mit der lesbisch lebenden AfD-Politikerin Alice Weidel hatte. Kann jemand mit einem so „progressiven Lebensstil“, wie es in den sozialen Netzwerken hieß, wirklich rechts sein? „Queer“ also = Minderheit = jedwede Art von Andersartigkeit = Symbol des „unterdrückt Werdens“ = links = gut? Eine Rechnung, die nicht nur nicht aufgeht, sondern so hahnebüchend naiv und simplizistisch ist, dass man sich fragt, wie ausgerechnet Frauen (und Männer), die „was mit Uni“ machen, auf einen solchen Schwachsinn kommen.

Queer- und Querfronten: Unheilvolle Allianzen

In politischer Hinsicht sollte man „Queer“ oder Queerfeminismus durchaus ernst nehmen. Einerseits sind Queerfeministinnen heutzutage von der Linkspartei über die Grünen bis hin zur SPD im gesamten linken und linksliberalen Spektrum vertreten. Das – berechtigte – Engagement für die Gleichstellung Homosexueller mischt sich mit „Queer“ als politisch aufgeladenem Lebensgefühl, Queerfeministinnen werden intensiv von den Grünen und der Linkspartei nahe stehenden Stiftungen wie dem Gunda-Werner-Institut (Heinrich-Böll-Stiftung) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Letztere setzt sich ausdrücklich auch für „Transfeminismus“ ein, also für Frauen, die sich aus feministischen Gründen als Transmänner oder Transgender definieren. Das kann man u. a. auf „Linksnet“ nachlesen, allerdings ist der Site nicht grundsätzlich frei zugänglich.

Zumindest für Berlin lässt sich leicht nachweisen, dass der Queerfeminismus neben seinem Einfluss auf das linke bürgerliche Parteienspektrum auch mit der Querfront eng verbandelt ist. Es gibt z. B. personelle Überschneidungen zwischen der queeren Szene und dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Welt“, das wiederum einen Draht zu Russia Today Deutsch und zu den umstrittenen Friedensmahnwachen hat. Über die Mahnwachen gibt es auf Wikipedia einen ausführlichen Artikel. Sie wurden aus queerfeministischer Sicht u. a. auch auf einschlägigen Blogs wie den „Störenfridas“ diskutiert. Was die queere Szene selbst betrifft, bestehen außerdem in mehrfacher Hinsicht Kontakte zu Kreisen, in denen sowohl Thilo Sarrazin als auch Ken Jebsen geschätzt werden.

Jebsen, der auf Youtube den Vlog KenFM betreibt, vertritt relativ erfolgreich politische Nischenansichten oder – je nach Perspektive – auch „alternative Meinungen“, die z. T. eigentlich sowohl in der radikalen Linken als auch in feministischen Kreisen auf Widerspruch stoßen müssten. U. a. soll er behauptet haben, der jüdische ungarisch-amerikanische Börsenspekulant und Philantrop George Soros stecke hinter dem „Womens March“, einer feministischen Protestbewegung gegen Donald Trump. Soros wolle Frauen zum Abtreiben animieren und mit dem Embryonenmaterial Geld verdienen. Das zumindest berichtete der Berliner „Tagesspiegel“.

Es klingt wie direkt abgekupfert von christlich-evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA. Der Ruf des Linksalternativen haftet denen bekanntlich kaum an. Allerdings sind sie nicht ganz einflusslos und traten zuletzt mit dem Mord an dem us-amerikanischen Abtreibungsarzt George Tiller „the Baby Killer“ und der Diffamierungskampagne um „Planned Parenthood“ politisch in Erscheinung. Darüber hat u. a. Tom Gogola auf „Salon.com“ geschrieben.

Personenkult & Antisemitismus – präpsychotische Wahrnehmungen?

Den Zusammenhang zu George Soros scheint Jebsen selbst hergestellt zu haben. Die fast wahnhafte Fixierung auf Soros und die jüdische Bankiersfamilie Rothschild scheint für das Querfrontmilieu, das sich übrigens selbst der Linken oder auch der radikalen Linken zuordnet, zentrale Bedeutung zu haben. Sicherlich wird niemand in Abrede stellen, dass Soros und die Rothschilds durchaus auch kritikwürdig sind. Allerdings geht es bei Jebsen und anderen Akteuren der Querfront darum, sich auf Sündenböcke einzuschießen. Eine generelle Kritik am Kapitalismus oder zumindest an dessen aggressivsten Auswüchsen würde nämlich auch andere Menschen und Institutionen – auch Nicht-Juden und nicht-jüdische Institutionen! – einbeziehen. AusbeuterInnen und gewissenlose Raubtiere gibt es schließlich überall auf der Welt und mit so ziemlich jedem religiösen Hintergrund.

Gerade weil die Verschwörungstheorien, die Jebsen und andere spinnen, oft einen klar antisemitischen Einschlag haben, wundert man sich ein bisschen um den Personenkult, den linke Blogs, wie die „NachDenkSeiten“, „scharf links“, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der „Roten Fahne“ („rotefahne.eu“. Dieses Webportal soll, wie Robin Avram in dem Artikel „Wie die Neu-Rechte die Friedensbewegung unterwandert“ auf den Seiten des RBB erläutert, trotz des „marxistisch“ klingenden Namens sogar einen ziemlichen Rechtsdrall haben.) um Ken Jebsen treiben. Einiges, was sonst v. a. auf den beiden letzteren Portalen zu lesen ist, spricht auch dafür, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen, die dem Milieu gemacht werden, keineswegs um „Missverständnisse“ handelt. Zum Teil dreht sich einem ehrlich gesagt einfach der Magen um!

Alles macht sich am Körper fest. Auch die Widersprüche

Der grelle Philosemitismus, wie ihn einige Leute aus der queerfeministischen und der Transgenderszene vertreten, steht bizarrerweise in einem scharfen Kontrast dazu. Allerdings muss man dieses Milieu auch politisch als „fluid“ betrachten. Wie in jeder „Szene“ oder Subkultur setzen die Leute natürlich in ihren politischen Einstellungen unterschiedliche Akzente. Typisch sowohl für das queere Milieu als auch für die Querfront ist jedoch eine ideologische Inkonsequenz, die fast einem Yin-und-Yang-Prinzip gleicht. Man kann durchaus verbalradikal linksextrem und entschieden Kapitalismus kritisch auftreten und jedeN als VerräterIn geißeln, der oder die auch nur minimal vom eigenen Kurs abweicht, sich zugleich aber auch für den als knallharten Geschäftsmann bekannten amtierenden US-Präsidenten Donald Trump stark machen, wie es etwa Rainer Rupp getan hat. Mehr über den ehemaligen Stasi-Top-Spion erfährt man auf Wikipedia (Zugriff am 15. Mai 2017).

Vielleicht entspricht das dem Querfrontprinzip. Da zumindest einige der Queerfeministinnen aber ursprünglich aus einem gutbürgerlichen, apolitischen oder sogar eher konservativen Milieu stammen, könnte die politische Beliebigkeit, die sich offenbar hinter dem Label „linksalternativ“ versteckt, aber auch ein Reflex auf die seit den 00er Jahren zunehmend globalisierten, von harten Konkurrenzkämpfen geprägten Arbeitswelt sein. Dort sind Flexibilität und Angepasstheit immerhin Trumpf, was sich möglichst auch in einem stromlinienförmigen, auf Erfolg getrimmten Lebenslauf ausdrücken sollte.

Zudem macht sich bei „Queer“ fast alles am Körper fest, der einerseits als von der Norm „abweichender“ Körper aufgefasst wird – der dicke oder magere, bedenklich ausgemergelte Körper mit der berühmt-berüchtigten „Lücke zwischen den Schenkeln“, durch Hungerkuren, Fressanfälle und Kotzen malträtiert, ungewöhnlich groß oder klein oder gar behindert – andererseits aber der die Norm übererfüllende Körper sein soll, also der jugendliche, gesunde und belastbare, schöne, sexuell und auch sonst beneidenswert attraktive Körper. Marxistisch könnte man diese Widersprüchlichkeit auch damit auf den Punkt bringen, dass „queere“ Menschen die These und die Antithese zugleich sind – also die Synthese.

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass auch Thilo Sarrazin sich in seinem 2010 erschienen Buch „Deutschland schafft sich ab“ an der Biologie festbiss: Dort sollten es die Gene sein, die die gesellschaftliche Stellung eines Menschen festlegen.

Diese Parallele zeigt freilich eher einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auf, alsdass beide Geisteshaltungen nachweislich inhaltlich miteinander verzahnt wären: Was ein Individuum ausmacht, ist nicht mehr sein Denken und Handeln, gemachte Erfahrungen, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Talente und Interessen, der soziale Kontext oder – neoliberal gesprochen – auch die eigene Leistungsbereitschaft, sondern alles ist schon im Körper eines Menschen angelegt. Will sich der Mensch verändern, muss sich zu allererst der Körper verändern. Leider steckt darin nicht nur eine Verweigerung gegenüber dem monstruösen Leistungsdruck, den der entfesselte Neoliberalismus globaler Märkte aufgebaut hat, sondern auch eine Absage an die soziale Durchlässigkeit der sog. „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die einst als Idealbild der sozialen Marktwirtschaft gefeiert wurde.

Sputnik, die AfD & die „Reichsbürger“

Nicht ganz zufällig trifft man auf den oben erwähnten linken Blogs, die die Debatten im Querfrontmilieu widerspiegeln, einige alte „Bekannte“ wieder – die Alt-68er. Manchmal kann man sogar Artikel lesen, die aus der Feder renommierter taz-Journalisten wie Mathias Bröckers und Helmut Höge stammen.

Da auch der Name Uli Gellermann im Umfeld der queeren Szene einmal fiel, ging ich dem nach und stieß auf das deutschsprachige russische Nachrichtenportal „Sputnik“. „Sputnik“ ist, genau wie „Russia Today“, bekannt dafür, Gerüchte zu streuen und mit gezielten Desinformationskampagnen politisch, auch auf höherer Ebene, einzugreifen. Zuletzt traf es den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, wie u. a. die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Klickt man ein bisschen auf „Sputnik“ herum, fällt außerdem auf, wie viele Kommentatoren der rechtspopulistischen AfD nahe zu stehen scheinen. Irgendwann kommt man auch auf den Blog von dem „Franziskaner“, der sich mit Begriffen wie „BRD GmbH“ selbst in die Nähe der „Reichsbürger“ rückt. Zwar weist Sputnik darauf hin, dass in den Blogs nicht unbedingt die Meinung der Redaktion vertreten werde, aber es wird eben doch einem sehr breiten Meinungsbild Raum gegeben, dass auch „Alternativmeinungen“, Verschwörungstheorien und (potentiell) rechtsextremes Gedankengut umfasst.

Da auch dieses Milieu ideologisch so schwer fassbar ist und von schrägen, aber nicht unbedingt politisch extremen oder gefährlichen Meinungen bis hin zu extremistischen, auch offen faschistischen Einstellungen reicht, sollte sich jedeR selbst eine Meinung bilden. Mehr zu den „Reichsbürgern“ erfährt man auf Wikipedia.

Lockere Netzwerke statt politischer Fronten

Als eine Art Zwischenbilanz könnte man vielleicht festhalten, dass es weniger um politische Fronten geht, die aufeinanderprallen – links gegen rechts, weltoffen und liberal gegen faschistisch – und vermutlich auch keine umfassende Weltverschwörung einer neuen Rechten am Werk ist, die etwa versuchen würde, sich über „Queer“ und die Querfront ein linkes Antlitz zu geben, auch wenn es tatsächlich Versuche gibt, das Milieu von rechts zu infiltrieren. Vielmehr hat man es mit losen Netzwerken zu tun, die sich gleich einer Kette mit vielen Gliedern von links-alternativ bis rechtsextrem erstrecken und oberflächlich über bestimmte Fixpunkte, wie etwa das „Lebensgefühl“, der diffuse populistische Protest gegen die Auswüchse der Globalisierung und die Betonung des Körperhaften, zusammen gehalten werden. Dass das keineswegs konfliktfrei verläuft, machen die oben zitierten Äußerungen Patsy L’Amour LaLove deutlich. Einmal mehr in krassem Widerspruch zueinander stehen allerdings die erbitterten Grabenkämpfe um – von Außen besehen – Lappalien einerseits und die großzügige Toleranz gegenüber Rechten und Vertretern einer durchaus nicht zimperlichen Geschäftswelt, wie etwa Donald Trump, andererseits.

Pervers, psychotisch oder protofaschistisch?

Man mag mehr Selbstbewusstsein für die „Perversen und Anderen“ fordern, wie es Patsy L’Amour LaLove (siehe oben) getan hat. Allerdings drängt sich gerade auch im Hinblick auf den politisch sehr fragwürdigen Hintergrund schon die Frage auf – wie weit darf, muss dieses „Selbstbewusstsein“ gehen?

Selbst habe ich in den letzten Jahren sehr viele unangenehme Erfahrungen mit „queeren“ Menschen gemacht. „Gar nicht erst hochkommen“ lassen wollte man mich und ich sollte „sehen, dass mein schöner Körper und meine guten Noten“ mir „nichts nützen“. Den Lebenslauf wollte man mir „kaputt machen“, mal offenbar auch mich als ganzen Menschen. Ich wurde in den letzten Jahren fast permanent von adipösen und anderen „queeren“ Frauen (gelegentlich auch Männern) belauert und sexuell belästigt, gern auch auf öffentlichen Veranstaltungen oder auf der Straße verhöhnt, gehänselt und vorgeführt. Fast jede psychische Störung und menschliche Schwäche, die man bzw. frau so haben kann, wurde mir angelastet. Zum Teil wurde ich wohl auch deshalb ausgegrenzt. Mal sollte ich „mich richten“ für das, was ich angeblich „getan“ habe, mal sollte ich „meinen 40. Geburtstag nicht erleben“. Eine der Frauen wollte „meine Seele morden“, wie sie es formulierte. Ein paar mal bin ich auch physisch angegriffen und um ein Haar vergewaltigt worden – ein Mann, der endlich mal „der Macho“ sein wollte, es sich letztendlich aber glücklicherweise noch einmal anders überlegt hat. Die Frauen, obwohl angeblich so radikal feministisch, hatten dazu nur zu sagen: „Tja, wir sind halt voll pervers!“.

Auf einer sehr viel abstrakteren Ebene war man durchaus geneigt, sich mit mir gemein zu machen. Mal sollte ich den Linken und den Frauen der queerfeministische Szene, insbesondere offenbar auch den „Transmännern“ als „Inspirationsquelle“ herhalten, mal einfach „Identifikationsfigur“ für andere Frauen und „benachteiligte Menschen“ sein. Nur selbst sollte ich, wie es hieß, nichts davon haben. Natürlich fiel es mir da auf, wie häufig Äußerungen, die ich irgendwo gemacht, Thesen, die ich aufgestellt hatte, und die man mir als „neoliberal“ oder gleich „rechts“ ausgelegt hatte, plötzlich irgendwo anders wieder auftauchten – hochgelobt, natürlich als „links“ oder doch zumindest „progressiv“. Sogar der taz-Journalist, Hanf- und Querfront-Aktivist Mathias Bröckers ließ sich beispielsweise im Interview mit Ken Jebsen über die „Cosher Nostra“ und den jüdischen Mafiosi Meyer Lansky aus – Ich hatte einmal eine Ausstellung dazu im Jüdischen Museum Wien gesehen und im Hanf-Museum davon erzählt, während ich dort einen 1-Euro-50-Job machte.

So schlecht war das, was ich gesagt hatte, also wohl doch nicht. Nur sollten andere Körper offenbar die Träger dieser Gedanken und Erlebnisse sein, nur dann wwar man bereits, sie zu tolerieren, und es sollten andere Kontexte, die ich selbst im Übrigen nie im Leben unterstützt hätte, als ideeller Rahmen herhalten.

Vor ein paar Wochen wurde schließlich gehöhnt, nun solle ich „Identifikationsfigur für die Obdachlosen“ sein. Dass ich am besten „in der U-bahn betteln gehen“ solle, war mir schon zuvor von queeren Frauen an den Kopf geworfen worden. Für die Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung war ich die „Prolltussi“ und das „unwertes Leben“, für die queeren Frauen die „Fickmaus“, der „Samenklau“ und die „frustrierte Emanze“.

Mag sein, dass es immer Leute gibt, die sich darin gefallen, andere, schwächere mit den primitivsten Hänseleien in Grund und Boden zu stampfen. Aber so viele? So hemmungslos? So offenkundig frauenfeindlich, wohlstandschauvinistisch – rechts, zum Teil sogar faschistisch? Obwohl es doch als „links“ wahrgenommen werden soll?
Man fragt sich schon, was dahinter steckt. Geht es um die „Zupsitzung der Verhältnisse“, wie sie die Querfront (u. a. klang es bei Mathias Bröckers in einem Interview mit Ken Jebsen zu Donald Trump an) fordert? Übrigens hofft auch die neue Rechte darauf – Tabula Rasa, eine Stunde Null, um wie Phoenix aus der Asche aus den Annalen der Geschichte wieder aufzuerstehen. Vielleicht zeichnen die Entwicklungen im „Queer“- und Querfrontmilieu aber auch eher Orwells „Animal Farm“ nach – Das Umkippen eines an sich guten, gerechten Gedankens in sein Gegenteil.

„Mikroaggressionen“ & offener Psychoterror – der Ceausescu-Effekt:

Das wäre dann sozusagen der Ceausescu-Effekt: Etwas, das eigentlich mit dem Anspruch angetreten war, die bessere Gesellschaft formen und das Edelste im Menschen hervorbringen zu wollen, ein Reformer, der dialogbereit erschien und versprach, totalitären Auswüchsen entgegenzuwirken, schließlich eine der brutalsten Formen des sog. „Realsozialismus“ überhaupt, ein Beinahe-Faschismus.

Wenn Patsy L’Amour im Berliner „Tagesspiegel“ über Sprechverbote und „Mikroaggression“ berichtet:

„Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein.“ (Patsy L’Amour LaLove, Art.: „Sprechverbote in der Queer-Szene“, in: Tagesspiegel vom 01. April 2017)

… dann bringt das das Autoritäre, fast Totalitäre und die bizarre Hierarchisierung von „Opfer“ (oben) und „Aggressor“ (unten), denen die Szene offenbar anheim gefallen ist, treffend zum Ausdruck.

Mit zweierlei Maß messen – eine Frage der Fairness?

Nüchtern betrachtet finde ich nicht, dass Menschen, die Nachsicht für ihr Gemobbe und ihre Gehässigkeiten anderen gegenüber verlangen, das Recht haben, zu fordern, man solle auch nur ja vorsichtig sein, dass man ihnen nicht etwa irgendeine „Mikroaggression“ entgegenbringe. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Ist es schon eine unverzeihliche, unter gar keinen Umständen hinnehmbare „Verletzung“, wenn man die Leute nicht hoch genug auf ein Podest stellt? Wenn man sie nicht frenetisch genug beklatscht und in jedweder Lebensregung vorbehaltlos bestätigt? Darf man oder frau dann nicht mehr auf einer Welt mit ihnen leben, weil sie sich ansonsten eventuell „traumatisiert“ fühlen könnten?
Ist der Vorwurf der „Mikroaggressionen“, mit denen solche Leute angeblich malträtiert werden, in solchen Fällen nicht eher eine Drohgebärde, ein Mittel, das letztlich der Einschüchterung anderer Menschen dienen soll?

Ob man nun in „Queer“ ein Biotop für kreative Künstlertypen sieht, ein Labor für den Lebensstil der Zukunft oder ein paar schräge Vögel, von denen einige vermutlich ernsthafte Probleme haben – eigentlich ist es nur eine Subkultur, deren Angehörige zumeist sogar aus den höheren Gesellschaftschichten stammen. Das natürliche Lebensumfeld von „Queer“ ist jedenfalls die Uni oder der hippe Club im angentrifizierten Szene-Viertel. Am Hungertuch nagt in der queeren Szene kaum jemand.

Wenn ausgerechnet solche Leute „parteiisch“ bevorzugt werden sollen, dann ist das letztendlich nicht viel mehr als „Empowerment“ für das gehobene Bildungsbürgertum, inhaltlich, vom Anspruch her nicht mehr weit von den Forderungen Thilo Sarrazins entfernt. Und grundsätzlich ist die Frage ja auch, ob man Menschen unbedingt zu kleinen Diktatoren stilisieren muss, die anderen ihren Willen aufzwingen. Ist der Schritt in eine richtige Diktatur dann nicht irgendwann auch naheliegend? Zumindest dürfte es dazu führen, dass die Akzeptanz für autoritäre Verhaltensweisen, für Willkür und soziale Ungerechtigkeit wächst. Die Frage ist, ob es das wert ist.

Ein Lackmustest für die demokratische Gesellschaft

Der Lackmustest, mit dem man problemlos jedwede Forderung daraufhin abtesten kann, ob sie legitim ist, ist ja immer, die Verhältnisse einfach umzukehren. Oder, im Klartext, „Was ist, wenn ich es mit dir auch mal so mache?“ Was wäre, wenn man jetzt „queere“ Menschen in der U-Bahn betteln gehen oder schlicht verhungern lassen würde, weil es ja „bei denen ja nichts macht“? Wenn man sie pausenlos anmachen, verhöhnen und vorführen würde? Wenn sie, anstatt dass sie besonders zuvorkommend behandelt würden, überall verscheucht würden, weil man sich „mit ihnen nicht wohlfühlt“? Was wäre, wenn man „queere“ Menschen zu Sündenböcken für jede Laus, die jemand anderem über die Leber läuft, machen würde? Wenn man sie, anstatt dass man sie extra fördert, ausbeuten und gezielt in die Verelendung treiben würde? „Tja, andere haben sich das ja auch nicht so ausgesucht!“. Genau das sagt man ihnen dann eben auch.

Eine Demokratie lebt davon, dass es verbindliche Regeln gibt, an die sich jedeR gleichermaßen halten muss. Dafür sollen im Idealfall auch alle Menschen gleiche Chancen haben. Nicht umgekehrt. Sicherlich lässt sich für eine begrenzte Zeit das Maximum für sich selbst herausholen – ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich glaube nicht, dass nur mit Hass, Terror und Unterdrückung auf Dauer irgendein Staat zu machen ist. Die Lektion hat noch jeder Diktator irgendwann lernen müssen. Für Nicolae Ceausescu kam sie übrigens zu spät.

 

Was ist links? Eine Standortbestimmung

„Mit Liebe gegen Rechts“ – schreibt Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Kolumne auf Spiegel Online. Und: „Wenn vom Rechtsruck die Rede ist, dann findet unter Linken bisweilen ein Spektakel an Selbstbeschuldigung statt: Haben wir übertrieben mit unseren Forderungen nach gleichen Rechten für alle?“

Ich stolperte über das „wir“. Wer „wir“? Welche „gleichen Rechte für alle“? Mit „wir“ ist offenbar, wie Stokowski weiter präzisiert, gemeint: „in unserer linken, queeren Bubble mit Biokaffee“. Queerfeminismus offenbar als Synonym für links. De fakto, tut mir leid, sind das meiner Erfahrung nach zum Teil recht blasierte junge Frauen, alle, egal was sie behaupten, aus den höheren Gesellschaftsschichten, bestmöglich gefördert in akademischen Elitezirkeln und mit einem proper aufgepumpten Selbstbewusstsein. „Benachteiligt“ ist jedenfalls etwas anderes.

Dafür erinnere ich mich noch gut an das „Prolltussi!“, das auf einer taz-Veranstaltung fiel. Und: „Bei der ist das nicht schlimm! Die ist das doch schon so gewohnt!“. Damit war Arschglotzen gemeint, sexuelle Belästigung. Links, so wie ich es verstehe, bedeutet aber nicht, dass Frauen sexuell belästigt werden müssen, damit sich andere Frauen „wohl in ihrem Körper fühlen“ können. Links bedeutet nicht, dass man Frauen belauern und ausbeuten muss, damit sich andere Frauen einreden können, dass das mit Sarrazin, dass sie nun einmal die höherwertigen Gene hätten, dass das schon stimme, aber sie wollen halt mal nicht so sein. Gegen Türken haben sie nichts. Für mich blieb: „Aber die ist doch nun wirklich unwertes Leben!“. Leider waren das auch Hipster aus dem Umfeld der taz und der Heinrich-Böll-Stiftung. Nein! Sorry Leute, aber so nicht! Links ist auch nicht, wenn ich von Hipstern angeschnauzt werde: „Literatur! DAS ist nun einmal das, was WIR mögen.“ Kann sein. Habe ich ihnen ja auch nicht verboten.

Es ist nur so: Links bedeutet, dass Menschen zum Beispiel unterschiedliche Dinge mögen dürfen – ohne dass das mit einer Wertung verbunden wäre. Und dass man leider auch nicht gleich hysterisch „re-echts!“ kreischen kann, sofern irgendjemand nicht von Kindesbeinen an intellektuell mit Hochliteratur gefüttert und zum arroganten feinen Pinkel herangezogen worden ist.

Wenn von „gleiche Rechte für alle“ gesprochen wird, ist leider, so meine Erfahrung, allzuoft mit „alle“ gemeint: „Queerfeministinnen und ihre Freunde. Weil die ja das Sagen haben“. Links bedeutet aber, in seiner ursprünglichen Bedeutung, dass leider gerade NICHT einige wenige die BestimmerInnen sind und man-frau-mensch einfach jedeN lächerlich macht und öffentlich bloßstellt, der-die sich nicht in dem gewünschten Maße unterordnet. DAS ist nämlich leider rechts. Genau wie das mit dem „unwerten Leben“.

Man-frau-mensch kann andere halt nicht einfach so entmündigen. Auch nicht in der Liebe. Was ist, wenn man bestimmte Arten, von -äh- „Liebe“ nicht will, weil sie verletzend und demütigend sind, ganz gleich, wie sehr der-die-das andere auch beteuert, dass es aber „lieb gemeint“ sei. Einzusehen, dass andere Rechte und Gefühle haben, und dass man da nicht einfach so selbstherrlich darüber hinweggehen kann und dass man schon gar nicht vorsätzlich die Grenzen anderer verletzt, weil man-frau-mensch vielleicht zeigen will, dass man sie-ihn „doch in jedwede Richtung zwingen kann“ – Das einzusehen, ist gleichbedeutend mit dem, was man landläufig so unter „Empathie“ versteht. Das andere kann man eher mit Begriffen wie „Manipulation“ und „Missbrauch“ umschreiben.

Dass man zum Beispiel auch die Blogs von Leuten, die man nicht leiden kann, nicht einfach mit Kinderpornos verlinken kann, weil man nicht will, dass er-sie schreibt oder mit Kindern arbeitet oder ihn oder sie einfach nicht leiden kann oder aber als – ich zitiere mal wieder: „Schutzschild“ für andere will – dass das alles NICHT links ist, sondern kriminell, das einzusehen bedeutet, sich auf die Seite des Grundgesetzes und der Demokratie zu stellen. Beides ist nämlich eigentlich dahingehend gestaltet, dass gerade NICHT die einen willkürlich, nach ihrem eigenen Gutdünken und nach dem, was am besten für sie selbst ist, über die anderen bestimmen, dass man NICHT anderen „alles in die Schuhe schieben“ kann und ihnen auch nicht alles möglich andichten oder aber absprechen kann, weil man-frau-mensch vielleicht mehr Geld, die besseren Beziehungen, mehr Macht oder was auch immer hat. Das wäre dann tatsächlich Diktatur oder das, was das Querfrontmilieu dieser Tage gern als „Oligarchie“ bezeichnet.

Links bedeutet nicht, „BestimmerIn“, „Pascha“, „Männchen“ oder „Dyke“ zu sein, in dem sozialen Sinne, in dem es der z. B. sog. „Transfeminismus“ verstanden wissen will. Links bedeutet, dass das sexuelle Selbstbestimmungsrecht zum Beispiel jedem und jeder zusteht. Das heißt auch, dass niemand mit Adipositasfrauen „rummachen“ muss, weil es denen doch so gut tut und weil überhaupt, ich zitiere nochmal: „Jede Frau sich ihr gegenüber wie eine Sexgöttin fühlen soll!“. LINKS bedeutet, dass die Gefühle und Bedürfnisse der einen – seien sie nun dick, essgestört, queer, feminin, „Dyke“ oder nicht – nicht über denen anderer Menschen stehen, schon auch, weil DEMOKRATIE bedeutet, dass „unwertes Leben“, wie gesagt faschistisch ist, weil einfach alle gleich viel wert sind. Basta.