Dicht am Zeitgeist dran: blaue Bikini-Ärsche & erzkatholische Queerness

Sex-Appeal bei der AfD

Im Moment kann man gar nicht anders, als draufzugucken – sexy Frauenärsche in ultra-knappen Tangas knödeln einen von so ziemlich jedem Laternenmast an. „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis.“ heißt der Slogan, mit dem die AfD sich einen Ruf als freche und freiheitsliebende oder wenn nicht das, dann eben zumindest sexuell freizügige Partei geben will. Allerdings geht die sexuelle Libertinage eher in Richtung „Praline“. Man hat spontan eine Runde Männer mittleren Alters vor Augen, in irgendeiner verrauchten Eckkneipe, vielleicht auch im Dorfkrug und schon nicht mehr ganz nüchtern – mit glasigen Augen und verschwitzten Fettfingerchen gierig „Schmuddelbildchen“ abtastend und sich dabei gröhlend gegenseitig auf die Schultern klopfend – „Na, Karlheinz, nachher noch in den Puff? Merkt Deine Alte doch eh nich‘, wenn bisschen was vom Haushaltsgeld fehlt!“, „Nö, Günni, lass ma‘. Man wird ja nich‘ jünger, wa?!“ Har, har! Darauf noch ne Runde, har, har!

Das Freigeistige kommt jedenfalls nicht so ganz rüber. Vermutlich würde ein Zuviel an „locker“, sofern es droht, ins Antibürgerliche abzurutschen, aber auch die anvisierte Zielgruppe verprellen. Immerhin hat die AfD sich auf die Fahnen geschrieben, eine Partei der „kleinen Leute“ zu sein. Die Kunst besteht also darin, so weit „fortschrittlich“ zu sein, dass man Gegnern das Maul stopfen kann – „He, he zu verklemmt, was?!“ – und natürlich „erzkonservativ“ als das neue „fortschrittlich“ zu verkaufen.

Jung, hip und konservativ

Das dürfte gar nicht mal so sehr am Zeitgeist vorbeigehen. Immerhin bevorzugen junge Wähler dem Deutschlandfunk zufolge CDU und die, wie es heißt „pragmatische Politik Angela Merkels“. Gewiss, das meint nicht AfD. Aber konservativ irgendwie schon. Nix mehr mit „die Alten schocken“, eher schon „auch mal Verständnis haben“ für Typen wie Günni und Karlheinz aus der Eckkneipe.

Na ja, die CDU ist ja auch nicht mehr, was sie mal war und das könnte man aus einer linksliberalen Perspektive durchaus positiv anmerken. War es nicht Angela Merkel, die den Atomausstieg endlich durchgezogen hat? Oder die Flüchtlingspolitik. Dass „wir“ in Deutschland Migration jetzt ziemlich cool finden – alles CDU, tiefschwarze Politik.

Queerfeminismus à la CDU?

Dass „konservativ“ das neue „links“ ist, ist mir eigentlich erst gerade eben am Zeitungskiosk so richtig klargeworden. Ich ließ meinen Blick über diverse Hochglanzmagazine für „queere Frauen“ schweifen – „Missy Magazine“, „Straight“, „Libertine“: alle a… teuer und nicht nur deshalb geschrieben für Frauen, für die Geld keine Rolle spielt und die Zeit genug haben, sich durch sehr lange, sehr klein geschriebene Texte über andere starke, hippe Frauen zu lesen, die es zu etwas gebracht haben. Dass Lesben hier ruhig auch lange, blonde Haare haben dürfen, chice, feminine Klamotten, teure Dessous und vielleicht auch mit einem Bio-Mann liiert sein – versteht sich von selbst. Auch dass das kein Widerspruch ist. Es geht ja mehr so um das Lebensgefühl, dass frau ganz Frau ist, nicht so’ne bekloppte Sheryl Sandberg mit Karrierefimmel und TROTZDEM total erfolgreich – Ja, da guckste! Aber das ist halt „Mädelspower!“ -, dass frau – wenn auch selbst ultraschlankgehungert und -gesportet – parteiisch auf der Seite der Dicken ist – Fat Empowerment! – „of Color“ sowieso und „Transphobie“ kommt ja gar nicht erst in die Tüte. Sowas in der Richtung halt.

Ich stolpere über „Fräulein“ – noch so’n Mag für die queere Frau mit Geld, blättere hastig durch: Logo, ein Feature über Beth Ditto, dann ein politisches Statement von einer queeren Frau of Color: lange schwarze Haare, ein schief sitzendes Baseball-Käppi als Markenzeichen und ein unkompliziertes Lächeln: Feministin – sowieso!, für die Freigabe von Cannabis, für die Ehe für alle – Na ja, sie ist ja selbst queer! -, für Migration und Diversity auf allen Ebenen – ihre Mutter ist Filippina – und „Wir müssen die klügsten Transgenderpersonen im Land halten!“. Wirtschaftspolitisch sieht Diana Kinnert sich bei der FDP. Sie selbst ist aber in der CDU, Ende 20, Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung – offenbar studiert sie Politikwissenschaften an der Humbold-Universität – und the next big thing – die Wunderwaffe der Konservativen. Da soll noch mal einer sagen, dass die nicht auch „grün“ können! „Jamaika“ winkt ja ohnehin schon am Horizont und vielleicht geht es sogar auch ohne die Grünen, also ohne die Partei, wenn die Konservativen jetzt schon selbst so „grün“ sind …

„Leistungsträger“ & „unwerte Leben“* – der neue Liberalismus?

Irgendwie traue ich dem Braten nicht. Klar, dass erste, was mir durch den Kopf schoss, war ein kleiner, beleidigter und sehr persönlicher Gedanke: In Kinnerts Alter saß ich an meiner Magisterarbeit, die ich auch mit der Höchstnote zu Ende gebracht habe, so ganz ohne Stipendium (nur vom DAAD hatte ich mal ein kleines erhalten), dafür aber mit Nebenjobs, Engagement in einer multikulturellen Initiative, auch mal ein bisschen Asta und so. Irgendwie bin ich der Meinung, dass „Leistungselite“ mehr bringen muss, sorry. Die Dame erwärmt sich in diesem Punkt für die FDP. Für die FDP bin ich der letzte Dreck. Da ist was schief. Das ist immer das Erste, was ich in solchen Fällen denke.

Wer anderen Druck machen will oder noch schlimmer, sie für dumm verkaufen und möglichst für die Zukunft noch mit unter dem Mindestlohn abspeisen will (Manche Leute aus dem konservativen Lager sind genau deshalb und leider auch nur aus diesem einen Grund so sehr dafür, Migration zu fördern), muss eben wirklich besser sein, finde ich. Ich finde dieses Denken falsch – grundsätzlich! -, aber ich kann es ansonsten noch nicht einmal ernst nehmen. Privilegien muss man rechtfertigen können, v. a. dann, wenn man für andere nach Möglichkeit weniger will, als ihnen bislang bzw. früher zugestanden wurde. Da nützt auch dieses Minderheitending nicht, denn die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ müssen wir vielleicht nicht um jeden Preis umwerben und „im Land halten“ und auch nicht so tun, als sei es eben doch jemand, der (oder die) – ich zitiere hier mal die Leute, die ich ständig am Hals habe – „in einer ganz anderen Liga spielt.“ Irgendwie hat „Diversity“ hier einen trotzigen, ziemlich erpresserischen Touch – wie man doch noch „Überflieger“ sein kann, auch wenn man es eigentlich nicht ist, wie man sich doch eine gewisse Arroganz erlauben kann, auch wenn man an die Messleiste, die man an andere anlegt, selbst gar nicht heranreicht. „Alle gleich!“ wäre jedenfalls die bessere Losung. Darauf könnte nämlich dann auch mit Fug und Recht die „nicht ganz so kluge Transgenderperson“ pochen.

Erinnern wir uns noch mal kurz an Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Merin (FDP) und – ja! – auch Petra Hinz (SPD). Sogar im AfD-Lager gab es – laut B.Z. – schon hier und da Vorwürfe, jemand habe sich mit fremden Federn geschmückt, den eigenen Lebenslauf also ein bisschen getunt. Das mit dem „Leistungsträger“, das üben wir vielleicht noch mal. Oder einfach nicht so auf andere herabschauen. Aber nicht dass ich das Diana Kinnert jetzt vorwerfen wollte. Nein! Natürlich nicht – dafür gibt es auch keinerlei Anhaltspunkte, nur dass das konservativ-rechtsliberale Lager den Mund lieber nicht allzu voll nehmen sollte, so ganz generell – das meinte ich – und ich merke schon selbst, dass ich davon lieber wieder runterkommen sollte. Schleunigst!

Diana Kinnert: jung, queer, klug & sehr, sehr konservativ

Also googele ich kurz mal Diana Kinnert. Als ich im Debattenportal „The European“ auf sie stoße, sehe ich bestätigt, was ich vermutet habe: Das ist eher für Tweed Sakko-Träger, ältere Bildungsbürger, gediegen, ein bisschen wie Alexander Gauland, vielleicht, wenn er noch bei der CDU wäre – eben konservativ. Wirklich konservativ, nicht grün. Kinnert argumentiert mit der Spätantike, ruft dazu auf, christliche Werte zu stärken. Das ist nicht anrüchig – klar! -, aber es ist eben das, was meine Generation als das Denken (und Fühlen) der eigenen Großeltern identifiziert hätte (also, vielleicht stelle ich lieber klar: ein TEIL meiner Generation, einige, nicht wenige übrigens, der noch jungen, mittem im Leben Stehenden sind nämlich mittlerweile auch ein gutes Stück nach rechts gerutscht und andere standen immer schon dort, da will ich nichts beschönigen. Wir waren und sind keine „neuen 68“.).

Blau ist die Frau, also die Kinnert, auch nicht. Sie stellt sich klar gegen Dr. Nicolaus Fest (das „Dr.“ steht da so, also bei der Kinnert) und dessen Islamhass. Das kann man Diana Kinnert demnach wohl nicht vorwerfen, dass sie Rechtsdrall hätte. Dennoch – eine gewisse Furcht bleibt, die Angst, Sand in die Augen gestreut zu kriegen und verarscht zu werden – gerade mit diesen Minderheitendingen. Auch auf dem rechtsliberalen Blog „Tichy Einblick“ – der rein ideell dicht an dem, was Diana Kinnert sagt, dran sei dürfte, wohl auch an der Klientel, die sie ansprechen will – hatte man ja desöfteren gegen die AfD angeschrieben und sich bemüht, „konservativ“ klar und deutlich gegen „rechtspopulistisch“ abzugrenzen – z. B. Annabel Schunke – nach Selbstdarstellung Fotomodell und – wie Diana Kinnert- Studentin der Politikwissenschaften. Dann gingen plötzlich Fotos von Schunke zusammen mit Alice Weidel online. Die Tichy-Kolumnistin fiel mit Fäkalwörtern und Ausfällen gegen Muslime auf, ihr Facebookaccount wurde gesperrt und bei der AfD nahm man das junge Talent, das offiziell ihre gegnerin gewesen war, plötzlich in Schutz – Zensur sei das.

Ein etwas hipperer Site, wenn auch wohl weniger politisch als „The European“ und „Tichy’s Einblick“ – „refinery29.de“ – hat auch etwas zu Diana Kinnert zu sagen – „Mitte 20, queer und in der CDU“. Kinnerts katholisches Elternhaus reagierte offenbar sehr gelassen darauf, dass sie lesbisch ist. Konservativ und tolerant geht also wohl wirklich. Aber dann steht da in dem Artikel, der Vater habe gefragt: „Wer ist denn das Messer und wer ist die Gabel?”.

Trotzdem keine „Partei für alle“ – Sorry!

Na ja. Knödel. Har har. Mein Humor ist es nicht. Aber vielleicht kann man Begriffe wie „tolerant“, „freiheitlich“, „liberal“ und „links“ auch einfach mit unterschiedlichen Inhalten füllen. Vielleicht sollte man das so nebeneinander stehen lassen. Und einfach nicht CDU wählen, auch wenn die eigentlich schon alles abdecken, was cool und angesagt ist und moralisch richtig und so. AfD natürlich auch nicht, aber das war ja eh klar.

**… sagt Laila Phunk und die hat vor, am 24. September ungültig zu wählen.

*Laila Phunk ist in Berlin-Kreuzberg als „unwertes Leben“ bezeichnet worden – von Hipstern, die sich für Türken & queere Menschen stark machen und, wie es aussieht, bei der – grünen – Heinrich-Böll-Stiftung wohlgelitten sind. U. a. weil sie genau diese Leute nicht an dr Macht haben will, schreibt sie diesen Blog.

Hassverbrechen als Eigentor

Gewalt gegen Homosexuelle soll  in Berlin drastisch zugenommen haben, u. a. der RBB berichtete darüber. Warum sitzt die Faust jetzt plötzlich so locker, wenn ein schwules Pärchen des Weges kommt? Schlimm, wenn er nicht mit ihr, sondern mit ihm Händchen hält? Warum eigentlich? Allerdings – dass es in dem Artikel auch um „Transfeindlichkeit“ geht, machte mich dann doch gleich wieder ein wenig misstrauisch. Offiziel bin nämlich auch ich „transphob“. „Transfeindlich“ kann man, meiner Erfahrung nach, schon durch seine bloße Existenz sein.

Außerdem geht es dabei zu sehr um psychische Störungen – u. a. auch darum, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung um jeden Preis für sich wollen und zugleich hoffen, dass andere – RivalInnen im Buhlen um die Gunst der Menschheit! – wie Dreck behandelt werden. Da ist dann jedes nette Wort, das einem anderen Menschen zuteil wird, schon diskriminierend, eine Mikroaggression gegen den queeren Menschen, der diese Zuwendung seiner Meinung nach viel eher verdient hätte. Im ärgsten Fall greift mensch sogar selbst an, denunziert aber das Opfer und delektiert sich dann in einem perversen Vergnügen daran, dass letzteres für die eigenen Missetaten bestraft wird.

Nasty people!

„You have the right to be nasty!“ forderte die französische Queeraktivistin Céline Robinet einst (Video auf Youtube mittlerweile gelöscht oder nicht mehr auffindbar, ich habe aber schon mal darüber geschrieben, da war es noch online). Wirklich? Aber andere müssen nett sein und sich umherschubsen lassen?

Selbst hatte ich in einer der Kneipen der Berliner Subkultur unangenehme Erfahrungen mit Céline Robinet (so war die Frau seinerzeit vorgestellt worden) – gemacht. Ich erinnere mich noch, dass ich gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, als Robinet sich an mich heranpirschte, wie ein Hund an mir schnüffelte und laut ausrief „Ouaah! Elle pue!“ („Boah, die stinkt!“) – Gackern! Eine der vielen „Neckereien“, die ich mir gefallen lassen musste! So wollte man es zumindest in der queeren Szene verstanden wissen. Vielleicht hatte Robinet Glück, dass ich so perplex war, dass ich erst einmal gar nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Jemand anderes hätte vielleicht ausgeholt und zugeschlagen – mitten in die selbstgefällige Fresse des kleinen „Frechdachses“.

Was bilden die Leute sich eigentlich ein? Andere demütigen, zu glauben, dass gehöre auch noch zu ihren Menschenrechten und sich dann wundern, wenn andere ihnen keine positiven Gefühle entgegenbringen? Ist das dann „Hasskriminalität“?

Der Kampf um „Sichtbarkeit“: Nicht dass jemand den Blick verstellt!

Der zweite Punkt – und da schneiden die Leute sich ins eigene Fleisch -, ist die freie Wählbarkeit. Zwar gibt es ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, um Trans- und Bisexualität (alles, was man sich leicht andichten kann) wird in der Szene allerdings so sehr mit Zähnen und Klauen gekämpft, dass es einen aufhorchen lässt. Eigentlich geht es ja um Diskriminierung und da sollte man meinen, dass die Leute sich eher zurückhalten und froh sind, wenn nicht jeder sofort darauf kommt – (nebenbei bemerkt, war Diskriminierung auch der Grund, warum Lesben, Schwule und Bisexuelle bis weit in die 1990er Jahre damit zögerten, sich öffentlich zu outen. Unvergessen noch Ellen DeGeneres, die der Welt auf dem Cover der „Vanity Fair“ selbstbewusst ins gesicht sagte „Yep, I’m gay!“ („Yeah, ich bin homosexuell!“) – und danach aus ihrer Sitcom flog und – wie es für ein paar Jahre aussah – vollkommen verbrannt für das Filmbusiness war).

Nun, in Berlin ist es umgekehrt: „Sichtbarkeit!“ ist alles, wer sich irgendwie nicht normal fühlt, trägt es mit stolz geschwellter Brust vor sich her. Schließlich gibt es Minderheitenförderung dafür. Geisteswissenschaftler ohne feste Berufsidee, mittelprächtige Literaten, Künstler, Journalisten oder Filmemacher können sich plötzlich darauf berufen, dass man doch ihre Sicht der Dinge jetzt einmal hören will. Aus dem Weg also mit der „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht alles dominieren soll. Selbstverständlich trifft das nicht auf jedeN queeren KünstlerIn (SchrifstellerIn, …) zu. Einige sind wirklich einfach gut und hätten ihr Publikum auch als „Normalos“ begeistert, wären die Karriereleiter dann vielleicht sogar noch höher geklettert. Aber in ihrem Kielwasser schwimmen all jene, die irgendwie was mit Kultur und Medien machen wollen und nach denen ohne „Empowerment“ und „positive Diskriminierung“ kein Hahn gekräht hätte.

Die oben erwähnte Robinet entdeckte in ihren Mittdreißigerin (Sie/Er ist in etwa in meinem Alter), dass sie eigentlich ein Mann ist und nannte sich fortan Jayrôme. „Er“ – u. a. ein Darling und Förderkind Carolin Emckes – lebt offenbar immer noch in Berlin und produziert als französisch-deutscheR SchriftstellerIn Texte, die für eine Nicht-MuttersprachlerIn in der Tat beachtlich sind, an denen mensch aber wohl v. a. Freude hat, wenn mensch sehr feminine, auf eine eher altmodisch-poetische Art verfasste Literatur mag, die quasi als Stream of Consciousness in erster Linie das innere Erleben des/der AutorIn ausführlich schildert. Speziell der sehr weibliche Touch ist offenbar nicht nur mir aufgefallen. Kein „Männergehirn“ also, sorry, nicht „im falschen Körper geboren“.

Eigentlich nicht schlimm – wen stört’s, könnte man sich sagen, aber wenn man im Hinterkopf hat, dass die Leute sich darum prügeln, wie eine Meute Hunde um einen saftigen Knochen und sich ihre „Andersartigkeit“ auch entsprechend vergüten lassen und man quasi als Tüpfelchen auf dem i außerdem noch angehalten ist, sich ihnen gegenüber zu verhalten, als ob die Mutter gerade mit dem neugeborenen kleinen Geschwisterchen aus dem Krankenhaus gekommen sei, das jetzt ihre volle Aufmerksamkeit braucht, weshalb man selbst ruhig und pflegeleicht sein soll, keinen Ärger machen, sich das Pausenbrot gefälligst schmieren soll und – selbst wenn man das alles auch brav macht – andauernd angeherrscht wird, weil die Mutti so gestresst ist, weil der kleine Sonnenschein – „Kutschikutschi“ hier, „Kutschikutschi“ da – der ganze Stolz der Eltern! -, nicht durchschläft – Dann ist das zuviel. Wir reden hier ja über Erwachsene. Und man muss sich nicht wundern, wenn das Aggressionen provoziert.

Opfer oder Täter oder beides? Rechte Tendenzen im queeren Lager

In seinem Buch „Unter Weißen“ schreibt der Journalist Mohamed Amjahid, dass es Rassismus, Ausländer- und Islamfeindlichkeit auch in der LGBT-Szene gebe. Als er allerdings dazu recherchieren wollte, habe der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) empfindlich reagiert (vgl.: Amjahid, Mohamed: „Unter Weißen“, Berlin 2017, S. 113 ff.). Zu emsig ist offenbar an dem Bild der Freundschaft aller Minderheiten gebastelt worden, die fest zusammenhalten gegen die böse, böse Mehrheitsgesellschaft, als dass man sich das jetzt durch ein paar unschöne Details zerstören lassen wollte. Der wesentliche Affront scheint dabei zu sein, dass „sexuell Abweichende“ keine Heiligen sind – ebenso wenig wie MigrantInnen (oder natürlich „Mehrheitsmenschen“).

Das wirkt nicht nur autoritär und gebieterisch – es hätte sich auch niemand einen Zacken aus der Krone gebrochen, einfach mal Tacheles zu sprechen: Ja, es gibt MigrantInnen, die wirklich homophob (und auch transfeindlich) sind. Natürlich versteht man, dass Schwule sich nicht gern zusammenschlagen lassen, nur weil irgendjemandem ihr Anblick nicht schmeckt. Aber hier und da fragt man sich auch, was man eigentlich noch für bare Münze nehmen kann. Amjahid berichtet von Transsexuellen, die sich darüber beklagen, fast tagtäglich von Männern mit Migrationshintergrund angepöbelt, ja sogar angespuckt zu werden. Sicherlich gibt es solche traurigen Zwischenfälle und mensch hat, wie gesagt, auch alles Recht, sich darüber zu empören.

Aber auch ich gelte, wie eingangs erwähnt, als „transphob“, wäre wegen „transphober Hetze“ beinahe auch verklagt worden (zumindest ist es mir mehrfach angedroht worden). Nur dass ich den Leuten nichts getan habe, eigentlich nichts gegen sie habe. Ich mag es einfach nicht, wenn sie mich (zusammen mit den Adipositasfrauen) stalken (ich habe die Leute eben auch so ziemlich tagtäglich am Hals und das seit Jahren! Dabei habe ich im Übrigen nie beobachten önnen, dass jemand sie „angepöbelt“ hätte. So oft kommt das wohl doch nicht vor.), ich mag es nicht, wenn sie mich anstarren, und immer noch ein Bunch queerfeministischer Frauen in der Nähe ist, der beobachtet, wie ich mich verhalte (natürlich immer falsch! Offenbar soll ich ja auch der Transphobie „überführt“ werden). Was ist also hier wirklich transphob und wo geht es darum, dass die Leute einfach bloß ihre eigenen Ressentiments ungehemmt ausleben wollen? Und – sorry, aber die Frage muss leider wirklich erlaubt sein – wird nicht manchmal auch so lange provoziert und gestichelt, bis die Leute ärgerlich reagieren, DAMIT man einen „transphoben Übergriff“ denunzieren kann?

„Beißreflexe“ – noch nicht ausdiskutiert!

Die Empfindlichkeit der Menschen, die überall Diskriminierung und „Mikroaggressionen“ wittern, sich selbst aber oft brutal und demütigend verhalten, ist in den Diskussionen um das Buch „Beißreflexe“ beschrieben worden – in der „Zeit“ (wo die Debatte aktuell weitergeht), in der „Emma“ und anderswo. Unter dem Twitter-Hashtag #beissreflexe findet sich aber auch ein Foto, dass Menschen in pinken Niqabs zeigt, die Bajonette oder Schlagstöcke vor sich aufgepflanzt haben – kämpferische (Waffen!) Solidarität zwischen queeren Menschen (Pink!) und Muslims (Niqab!)! soll hier zum Ausdruck gebracht werden werden, der Post gehört zu den schärfsten auf Twitter geäußerten Kritiken an dem Buch „Beißreflexe“ (dessen AutorInnen sich übrigens selbst ebenfalls als „queer“ und „trans“ definieren).

Da fragt man sich wirklich, wann und wo der Realitätsbezug vollständig verloren gegangen ist. Vielleicht war auch das Attentat von Orlando (für das man sich im Übrigen vor einigen Wochen an mir „rächen“ wollte) ein „Versehen“ – eigentlich hat der Mann die „Mehrheitsgesellschaft“ treffen wollen, eben weil die Minderheiten sich untereinander so gut verstehen. Tut mir leid, aber das ist Humbug! Leider mag der IS, mögen rechtskonservative Muslime (das sind die, deren Frauen Burka und Niqab tragen) LGBT-Menschen wirklich nicht so. Der IS tötet sie sogar. Ausnahmen mögen die Regeln bestätigen und für die rechten, islamfeindlichen Queers ist es außerdem wichtig, zu wissen, dass LIBERALE Muslime NICHT der Feind sind. Sie dürften homo- und transphobe Aggressionen über den Daumen gepeilt ebenso häufig von sich geben, wie der – eher tolerante – Durchschnittsdeutsche: gibt’s sicher, gibt’s auch, dass jemand keine Homosexuellen mag, sich aber zurückhält, aber manche haben eben einfach nichts dagegen oder finden es sogar gut, dass sich auch LGBT-Menschen offen und selbstbewusst zeigen. Die können dann auch nichts dafür, wenn man ihnen das trotzdem unterstellt, dass sie homo-/transphob seien.

Empowerment oder Kampf gegen Diskriminierung?

Relativieren tut Not. Wer „nasty“ mit anderen sein will, darf auch nicht lamentieren, wenn die das dann umgekehrt auch ok finden, wenn man selbst mal ein paar Gemeinheiten abkriegt. Wer Aggressionen schürt, ist selbst Schuld. Man kann ja Leute, die man nicht leiden kann, auch einfach in Ruhe lassen.

Und dann sind da noch die Hipster und einige ältliche Uni-Frauen, die ihren Hintern zu lange auf Post-Doc-Stellen geparkt hatten, ohne dass eine reelle Karriere im akademischen Bereich drin gewesen wäre. Diesen leuten geht es doch eigentlich v. a. darum, sich bei Leuten, die im Kultur- und Medienbereich etwas zu sagen haben, – z. B. die bereits erwähnte Carolin Emcke, Ines Pohl (Deutsche Welle, Ex-Chefredakteurin, taz), Silvia Fehrmann (Haus der Kulturen der Welt, Freundin von Carolin Emcke), Miriam Meckel, Anne Will, Dunja Hayali, …. – lieb Kind zu machen und „Empowerment“ und „Affirmative Action“ für sich in Anspruch nehmen zu können.

(„Affirmative Action“ = „positive Diskriminierung“, die Leute sollen erst einmal eine Art Kredit kriegen, dass man voraussetzt, dass sie gut, begabt und kompetent sind und in guter Absicht handeln, auch wenn es erst einmal nicht so scheint. Ursprünglich war das dazu gedacht, böswilligen Unterstellungen – echter Diskriminierung! – etwas entgegenzusetzen – etwa der Annahme, Schwarze seien weniger intelligent (auch wenn sie offensichtlich intellektuelle Begabung erkennen lassen), dafür häufiger kriminell und gewalttätig, …. Da das im Umkehrschluss bedeutete, vorauszusetzen, dass Weiße intelligenter sind (und gesetzestreuer, friedfertiger, sozial kompetenter, auch wenn es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt), hielt man es für gerecht, den Spieß einfach umzudrehen. Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, warum viele Leute so erpicht auf die Minderheitenrechte sind …) – bloß diskriminiert man die nicht, wenn man sie „nur“ wie alle anderen behandelt. Immerhin sind es zumeist junge, hellhäutige Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die sozial ohnehin immer im Vorteil waren – sich häufig auch erst zu ihrer „Queerness“ bekannt haben, als es plötzlich hip war – und „Affermative Action“ ist so gesehen nichts anderes als das gute alte Privileg, grundsätzlich vorgezogen zu werden und zuerst dran zu kommen, das einem möglichst kein anderer streitig machen soll.

Gewalt und Hass sind immer schlimm, egal, wen sie treffen und von wem sie ausgehen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, das so zu sehen. Dennoch ist dies in den letzten Jahren immer wieder in Frage gestellt worden. Nicht nur, dass Aggressionen offiziell nie von Menschen ausgingen, die sich mit Queer identifizieren – Homophobie wurde, sofern sie jemandem entgegenschlug, den diese Leute nicht als „queer“ akzeptierten oder auch nur einfach nicht mochten, auch nicht als diskriminierend gewertet. In einigen Fällen kann man es tatsächlich so sehen, dass diese Menschen homophobe Reaktionen anderen gegenüber sogar bewusst provoziert haben, um sich dann ins Fäustchen lachen zu können – da macht es doch nichts!

All das hat dazu beigetragen, Homo- und Transphobie zu schüren oder zumidnest die Hemmschwelle zu senken. Eben weil vielen Leuten bewusst war, dass die Dinge in einigen Fällen bei Tageslicht betrachtet ganz anders liegen, als die „Opfer“ Glauben machen wollten. Will die queere Community ernst genommen werden, muss sie auch kritikfähig werden. Nur anprangern reicht nicht. Das hat der Bericht des RBB (siehe oben) ja recht eindrucksvoll gezeigt.

deutsche Absurditäten

untadelige Zähne – für ein Lächeln, für das man Sie vielleicht etwas lieber mag

„Jacob der Lügner“ – so, so. Offenbar war das, wie man auf der „Achse des Guten“ erfährt, „einer der wenigen sehenswerten DDR-Filme“. Schrieb zumindest ein gewisser Manfred Haferburg am 19. Juli. Alle wollen auf etwas hinaus und Haferburg wollte auf Jakob Augstein und die Krawalle anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg hinaus. Augstein könne sich des „Titel(s) des bestgekleidet(st)en Journalisten Deutschlands“ rühmen, führt der „achgut“-Autor weiter aus. Sicher, auch ein Augstein wäre not amused, wenn man mit Baseball-Schlägern auf seine Villa losgehen würde. Stimmt schon.

Für mich ist er trotzdem ein Held, wenn auch eher im Kleinen. Wenn ich an Augstein denke, denke ich automatisch an eine „Arbeitsvermittlerin“, die mich – schon ein paar Jahre her – etwas indigniert anschaute, als ich nach einem kleinen Intermezzo als Pralinenverkäuferin andeutete, in dem Bereich wolle ich mich weiter umhören, wenn sich sonst nichts ergäbe. „Ihre Zähne“ setzte die Frau zaghaft an, so als wolle sie mich ja nicht verletzen, aber … „Vielleicht sollten sie da mal was machen. Sie wissen schon, Kundenkontakt. Die Leute achten ja leider Gottes auf Äußerlichkeiten.“

Ich biss mir gerade noch rechtzeitig auf die Zunge und sagte nicht: „Müssen Sie gerade sagen!“ (So chic war die Frau leider selbst nicht, eher – ähem – so „semi-gepflegt“), sondern nickte artig und flötete „Professionelle Zahnreinigung meinen Sie?“. „Ja“ antwortete die Frau, und setzte, jetzt mutiger geworden, hinzu: „und vielleicht auch mal eine Zahnspange. Das kann man auch bei Erwachsenen machen. Wissen Sie, unbewusst nimmt man das eben doch war, dass ihre Zähne nicht so stehen, wie sie sollten. Bei Einstellungen zählt sowas!“ Reflexhaft schoss mir „dumme Pute!“ durch den Kopf, ich sagte jedoch: „Aber das sind keine Kassenleistungen! Das kann ich mir gar nicht leisten!“ und hoffte, dass mein Blick „treudoof“ wirken würde.

Ein paar Wochen später guckte ich „Augstein und Blome“ und triumphierte – Der böse Jakob und ich hatten da eine Gemeinsamkeit: ein kleiner Zahn, der im Unterkiefer von den anderen aus der Reihe geschubst und nach hinten verdrängt worden war, leicht angebräunt, zumindest nicht blendendweiß, weil die Zahnbürste offenbar nicht richtig hinkam. Ich meine, vielleicht hatte ich ja einen Knick in der Optik, oder der hatte seine Veneers gerade nicht drauf, aber was der „bestgekleideste Journalist Deutschlands“ darf, darf ich auch – nämlich schiefe Zähne im Mund haben. Ich müsste, so dachte ich bei mir, einfach die Jobs machen, die Augstein macht. Da dürfte mein Äußeres dann ja wohl kein Problem sein.

Manche Leute haben einfach einen Haschmich. Selbst hatte ich als Teenie eine Bierflasche gegen die Frontzähne gekriegt, die mit voller Hebelwirkung rausgedrückt worden waren. Nie vergesse ich den Blick einer „Freundin“, die sich grinsend im Hintergrund hielt. Die Zähne waren hinüber, wuchsen, wie der nette Zahnarzt prophezeit hatte, aber wieder fest, nur dass sie nach und nach einen dunkelbraunen Farbton annahmen. Mir, die sich tatsächlich nicht so an Äußerlichkeiten festhält, war das gar nicht so aufgefallen. Später habe ich das dann aber doch überkronen lassen. Dass das nicht ganz so hübsch war, leuchtete mir ein. Aber dass man Leute angeblich nicht einstellen mag, weil ein kleiner Zahn im Unterkiefer nicht ganz in Reih und Glied steht???

Merkel in Südtirol – deutsches Aufbegehren gegen „mediterranes Modediktat“?

Dafür wurde Angela Merkel wegen ihres Urlaubs-Outfits gelobt – dass die Kanzlerin sich in Südtirol (sic!) „nicht dem mediterranen Modediktat“ (sic!) unterwerfe, sondern mit kariertem Hemd und Outdoor-Hose tapfer allen Versaces und Dolce-und-Gabbanas dieser Welt trotze, wurde offenbar dahingehend interpretiert, dass Merkel den Deutschen Mut machen wolle, im Urlaub – äh – „selbstbewusst“ zu „weißen Socken in Sandalen“ zu stehen, wie irgendein Twitter-Account namens „Niggi“ in die Welt hinauszwitscherte. (Mit den weißen Socken in Sandalen kann sich offenbar sogar der Grünen-Politiker Volker Beck identifizieren, aber dazu unten mehr ….)

Identitätspolitik – schön und gut. Eine ganze Menge Leute wollen ja mittlerweile „selbstbewusst zu sich stehen“. Meistens läuft das dann so ab, dass andere so lange drangsaliert werden, bis das Opfer sagen kann: „Und so herrlich verschüchtert und unterwürfig ist sie!“. Dann ist das Opfer „selbstbewusst“ und die Identitätspolitik hat mal wieder jemanden glücklich gemacht – und jemandem anderen das Leben zerstört. Aber ich will hier nicht polemisch werden. Halten wir fest:

  1. Südtirol ist nicht Ibiza oder die Copacabana, es liegt in den Alpen, also im Hochgebirge – nicht am Mittelmeer. Entsprechend läuft man dort auch nicht im Bikini und mit Flipflops rum, sondern Touristen (auch die italienischen Touristen), die dort zünftig wandern gehen wollen, tragen robustes Schuhwerk und bequeme Kleidung. Tja, wer hätte das gedacht … Karohemd und Outdoor-Hosen passen also durchaus und sind nicht etwa Ausdruck eines „neuen deutschen Selbstbewusstseins“.
  2. In Südtirol lebt eine deutschsprachige Minderheit, die in ihren Traditionen und Gebräuchen den (österreichischen) Tirolern ähnelt. Genau genommen SIND es Tiroler, nur eben Südtiroler – also nicht das mediterrane Dolce Vita, keine südliche Leichtlebigkeit und nicht das rassige Temperament, mit dem sich viele meiner Landsleute gern identifizieren möchten. Politisch gehört Südtirol zwar zu Italien, aber erst seit es ihm nach dem Ersten Weltkrieg zugeschlagen wurde – als „Dankeschön“ für Italiens Einsatz auf Seiten der Siegermächte, genau wie übrigens die östlich gelegenen Dolomiten, die allerdings von je her überwiegend von Italienern besiedelt waren. Dort lebt man übrigens auch, wie man in den Bergen eben so lebt: robuste, wetterfeste Kleidung, deftiges Essen, geduckte Häuser mit flach abfallenden Dächern gegen Schneemassen und Lawinengefahr. Auch wenn der westliche Teil des heutigen „Trentino-Alto-Adige“ – nämlich Alto Adige, italienisch für Südtirol, ursprünglich von den sog. „Ladinern“, einer rätoromanisch sprechenden und damit „romanischen“ Volksgruppe besiedelt war, so kann man festhalten: Was dem Kohl der – in Österreich gelegene Wolfgangssee war, ist der Merkel Südtirol.
  3. Im „italienischen“ Italien ist allerdings auch nicht alles so „mediterran“, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken mag – sprechen wir also vom Italien südlich der Stadttore von Bozen, oder besser vielleicht imaginiert da, wo der Comedian Gerhard Polt in „Man spricht Deutsch“ über die deutschen Touristen in Italien lästerte (als das noch für alle lustig war – Selbstironie – und kein Angriff auf deren bzw. die eigene Identität), also gesehen durch die Augen von Holterdipolter-Teutonen: am Meer, mit steinigen Stränden, überteuerten Strandbars und Kiosken, schleimigen „Luigis“ und „Marcos“ – „Italian Macho“ mit Goldkettchen an wucherndem Brusthaar und streng zurückgegeltem Haupthaar – beides natürlich pechschwarz und dann die Glutaugen! – über allem eine sengende Hitze. Aber jetzt mal ehrlich, wer hat sich nicht schon einmal gewundert, dass mediterrane Städte im Hochsommer wie ausgestorben erscheinen: menschenleere Straßen, die Häuserfronten verbarrikadiert mit schweren, hölzernen Fenstlerläden? Na ja, den Leuten ist halt auch heiß. Wer es sich leisten kann, flieht zu Merkel in die Berge und erholt sich in der – hier wortwörtlich zu nehmenden – Sommerfrische. Die anderen bleiben nach Möglichkeit im Haus, um sich keinen Hitzschlag zu holen. Ansonsten, wenn mensch doch vor Einbruch der Dunkelheit vor die Haustür muss, schützt leichte Kleidung, die Arme und Beine bedeckt, die Haut vor Verbrennungen. Das Trinkwasser wird rationiert, Mückenschwärme piesacken einen, hier und da wüten Waldbrände, aber man weiß nicht, ob da jemand ein bisschen nachgeholfen hat, um ein lästiges Naturschutzgebiet loszuwerden und eine Hotelanlage bauen zu können, und man selbst ist eigentlich schon gleich nach dem Aufstehen klatschnass geschwitzt: Was dem Deutschen der plötzliche Wintereinbruch mit glatten Straßen, Verkehrschaos, und eingefrorenen Leitungen ist, ist dem Südländer die Sommerzeit …

Übrigens gehöre ich nicht zu denen, die über knallrot gegrillte Teutonen lacht, die nicht schnallen, dass ein paar Starkbier gegen Ende eines sonnendurchfluteten Tages so richtig reinhauen. Selbst im norddeutschen Flachland zwischen Kuhweiden und im Dauerregen sozialisiert, bin ich auch schon einem (wenn auch glücklicherweise leichten) Hitzschlag zum Opfer gefallen. Genau wie alle anderen Deutschen hatte ich jeden Sonnenstrahl ausnutzen wollen – hat man ja zu Hause so selten! – und bei gnadenlosen 40 Grad habe ich meine körperliche Widerstandskraft gegen derartige Temperaturen dann einfach falsch eingeschätzt …

Etwas nicht-wissen ist gar nicht schlimm (sofern es einen nicht gerade den Kopf kostet). Passiert doch jedem mal. Der eine weiß nicht, dass Südtirol in den Alpen liegt, andere sind überfragt damit, was die Hauptstadt von Ecuador ist, oder beides. Je offener die Welt aber wird und je besser vernetzt – immerhin kann man sich heutzutage via Internet viel besser informieren, als noch in den 80er Jahren – desto mehr scheinen die Leute geneigt zu sein, die Dinge auf einfältige Klischees zu reduzieren. Viele machen sich nicht einmal mehr die Mühe, zu hinterfragen, ob das alles auch wirklich so ist.

Volker Beck und die Frage, was denn „deutsch“ ist

„Was ist deutsch?“ wollte der Grünen-Politiker Volker Beck auf Twitter wissen. Man kann es mal mit ein paar Schlagworten versuchen: Goethe, Hitler, Bratwurst, Pünktlichkeit, Adventszeit, …. Er habe Wurzeln in Österreich und Böhmen, sei auch entsprechend kulinarisch geprägt und unpünktlich (tjaha, der westslawische Schlendrian … Obwohl ich eher auf Sudentenland tippe, aber das weiß ich natürlich nicht so genau) ließ Beck wissen, was also „deutsch“ sei. Aber natürlich isst nicht jeder Deutsche gern Bratwurst, nicht jeder ist pünktlich, feiert den Advent oder vertieft sich allabendlich in die Werke von Goethe, Kant und Schiller, anstatt sich im Fernsehen einen us-amerikanischen Action-Film reinzuziehen.

Das Problem ist, dass Kulturen nicht statisch sind und es außerdem auch immer dann gefährlich wird, wenn sie als alleiniger (oder überwiegender) Identitätsstifter herhalten müssen. Denken wir mal an den Weihnachtsstollen, den allerlei leckere Würzmittel aus dem Orient erst den Geschmack geben, für den ihn deutsche Christen lieben. Das musste früher – ein Vorläufer der Globalisierung – mühselig von Handelskarawanen über Venedig (schon wieder Italien!) nach Mitteleuropa transportiert werden, wo sich die ortsansässigen Händler, Bäcker, Konditoren und Hausfrauen auf die exotischen Leckereien freuten. Oder Orangen, die früher auf jeden Christteller gehörten – sofern es sich die Leute leisten konnten – ein bisschen „Heiliges Land“-Feeling für den deutschen Gabentisch. Warum sich heute dann darüber lustig machen, wenn in deutschen Küchen Rucola geputzt und Ratatouille gekocht wird? Oder das Handy, das deutschtümelnde Puristen lieber „Mobiltelefon“ nennen. Goethe kannte es nicht und trotzdem gehört es zu unserer Kultur.

Deutsch-Sein ist wie Italienisch-Sein und Französisch-, Algerisch- (und/) oder Arabisch-Sein ein identitärer Nebel, eine Art Matrix, die alle, die in ihr leben, umwabert und beeinflusst, ohne dass sie aber vollständig darin aufgehen würden: Auch wenn das eine oder andere auf jeden, der im Land aufgewachsen ist, schon irgendwie zutrifft – der Deutsche als solcher ist nur ein Klischee – der Teutone, der zwingend Tennissocken in Sandalen haben muss, laut und ungehobelt ist, selbst auf „Malle“ sein Eisbein mit Sauerkraut braucht und Unmengen an Bier in sich hineinschüttet

Dann ging es bei Volker Beck auf Twitter um „universale Werte“ und ob die Muslimen die hätten (Letzteres bezweifelte eine Diskussionspartnerin bzw. Mittwitterin). Diktatoren in aller Welt berufen sich ja gern darauf, dass die Menschenrechte eine Erfindung des Westens seien und ihnen daher in quasi neokolonialer Manier aufgezwungen. In China sieht man es offenbar hier und da so. Auch Baschar al-Assad soll sich darauf berufen haben. Allerdings gaben auch die Nazis nicht viel auf Menschenrechte und die waren ja nun einmal Europäer, Deutsche genau genommen.

Ein anderer Account giftete zurück, dass die Juden ihre Söhne beschneiden ließen, dies aber kein universaler Wert sei. Überhaupt schien das Twitterprofil Aggressionen gegen Juden zu wittern – Beck habe soeben mal „3000 Jahre Judentum in die Tonne getreten“, schnappte es – ausgerechnet! Denn eigentlich ist Volker Beck als „Jude ehrenhalber“ bekannt, der jedoch – anders als viele erklärte Philosemiten, und das ist ihm hoch anzurechnen! – damit keinen Islamhass verbindet (Das sehen meines Wissens auch einige real existierende Juden so, allerdings laufen auch nicht alle Deutschen bei Pegida mit. Dafür tun es einige Franzosen (Mir folgte auf Twitter – bis ich es blockierte – ein französischsprachiges rechtspopulistisches Profil, das zu meiner Überraschung ganz gut nach Österreich vernetzt war) – Daher Vorsicht mit „das Judentum“, „die jüdische“ („deutsche“) Meinung“, usw. …!).

Ich loggte mich bei Twitter aus, zahlte im Internetcafé und ging nach Hause – vorbei an der Moschee, in der ich nicht beten muss, die aber trotzdem irgendwie zu Deutschland gehört. Na ja, sie steht ja da. Good night!

Jupiter-Menschen oder: warum Demokratie manchmal verletzend sein muss

Emmanuel Macron sei ein zweiter Jupiter, heißt es. Hm. Jupiter, die römische Version des griechischen Gottvaters und Himmelsherrschers Zeus – die oberste Gottheit im Olymp. Ziemlich hoch gegriffen für einen frisch gewählten Präsidenten. Ob der Mann bzw. seine Anhänger wissen, dass er für viele nur das kleinere Übel war, die Freude über seinen Sieg eher eine Art freudige Erleichterung, dass Le Pen einem noch mal erspart geblieben war? In etwa das gleiche Gefühl, wie wenn einem der Arzt sagt, dass der Tumor doch gutartig ist und kein Krebs …

Vielleicht wird Größenwahnsinn langsam zu einem neuen Herrschaftsgestus, ein leiser Abgesang auf die Demokratie, die hinter Sachzwängen und Technokraten hier, hinter einer stärker werdenden Sehnsucht nach neuer Größe dort in den letzten Jahren immer fadenscheiniger geworden ist. Donald Trump ist jedenfalls nicht der einzige. Es gibt auch Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Victor Orbán. Und eben Macron. Das ist wohl nicht nur mir aufgefallen.

Milo Yiannopoulos – ein Kind des linken Zeitgeistes?

„Autoritär“ ist das neue „Rebellisch“ – sagt die neue Rechte. Umso mehr fühlt man sich wie vor den Kopf geschlagen, wenn einem dann im „Spiegel“ das Konterfei von Milo Yiannopoulos entgegenhöhnt: als neckisches Betthäschen inszeniert, mit aufgesetzter Unschuldsmiene kulleräugig an einem Lolli nuckelnd – Der Mann nennt sich ja nicht „Jupiter“, sondern „dangerous fag“ – „gefährliche Schwuchtel“. Und überhaupt ist er kein „böser weißer Mann“, sondern ein „anderer“: Vater Grieche, obwohl sein englischsprachiger Wikipedia-Eintrag über ihn berichtet, dass er eigentlich Hanrahan heißt – Das ist aber irisch. Nicht ganz so exotisch. Für den „Spiegel“ hat er eine deutsche Mutter, weiter hinten im Artikel steht, dass er mit seinem scharzen Freund in Miami wohnt. Ich habe auch schon irgendwo gelesen, dass er Jude sei – schwierig, denn wegen der Loblieder auf „Father Michael“, dank dessen pädophiler Neigungen der kleine Milo angeblich seine Homosexualität entdeckt hat, ist Yiannopoulos bei der rechtspopulistischen Medienplattform „Breitbart“ rausgeflogen. Aber vielleicht werden Rabbis ja in Großbritannien „Father“ – „Pater“ – genannt und ich habe das in meiner Engstirnigkeit mal wieder nicht geschnallt, dass das nicht unbedingt katholisch sein muss.

Spinner, die sich interessant machen wollen, gibt es genug, doch Yiannopopoulos setzte das Image des exotischen, marginalisierten – ja sogar „mehrfachdiskriminierten“ – Minderheitenvertreters Werbung gezielt für sich ein. Und ist dabei stramm rechts. Genau das soll ja offenbar gerade der Clou sein. Der abgebrochene Literaturstudent, der es dennoch in der Medienwelt zu etwas gebracht hat, kann sich nämlich etwas herausnehmen. Zum Beispiel „Gamergate“, wo Milo und ein paar andere Jungs Frauen plattmachten, die vorwitzig genug gewesen waren, der Männerwelt die angestammte Domaine der Computerspiele streitig zu machen – und zwar als Designerinnen und Programmiererinnen. Selbst Morddrohungen gingen bei Milo und Co. noch als launige Scherze durch. Oder über schwarze Frauen herziehen, gern auch gespickt mit ein paar deftigen, rassistischen Bemerkungen – da ist ja der schwarze Boy-Friend in Miami. Also bitte.

Sagen wir es ruhig offen: Es war im Grunde die Gegenseite, die Leute wie Milo Yiannopoulos stark gemacht hat. Der junge Schwule mit Migrationshintergrund, der Studienabbrecher und ambitionierte zukünftige Dichterfürst dürfte noch vor ein paar Jahren, als noch nicht allzu offensichtlich war, dass er mit „tolerant“ leider nichts anfangen kann, die Beschützerinstinkte der etablierten Linken geweckt haben – jener Leute, die Kontakte, Jobs und Chancen zu vergeben haben.

falsche „Sozialfälle“ oder wie setze ich mich unter Linken durch?

Die Lektion, dass nicht nur „Sex sells“ gilt, sondern eine möglichst exotische Sexualität in bestimmten Kreisen geradezu ein „must“ ist, das mit stolz geschwellter Brust vor sich hergetragen wird, lernte ich gleich zu Anfang meiner Zeit in Berlin. Damals machte ich in einem Kunstprojekt der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ in Kreuzberg mit und wunderte mich. Schon in meinen letzten Semestern an einer kleinen Uni in Südwestdeutschland hatte ich die Erfahrung gemacht, dass die Claims sofort abgesteckt werden: So ziemlich alle „angesagten“ und bei den Professoren beliebte Kommilitonen stammten offiziell aus „kleinen Verhältnissen“, auch wenn der Vater Galerist oder Museumsdirektor war, und es an Geld nie fehlte. Irgendwann gab es mal Krach, weil die vielen studentischen Kleinwagen der „sozialen Härtefälle“ (dabei ging es auch um Hiwi-Jobs!) auf dem Uni-Parkplatz keinen Platz mehr fanden. Mich, die mit dem Bus fuhr, betraf es nicht nicht, aber „Arbeiterkind“ übersetze ich mittlerweile automatisch im Kopf mit „aus besserem Hause“. Die eine hatte eine polnische Mutter (Vor- und Nachname waren dummerweise urdeutsch, nicht einmal der leiseste Hauch eines -skys oder -czyks, und die Kommilitonin sprach auch kein einziges Wort Polnisch, aber, hey, egal: Migrationshintergrund), in den Adern der anderen floss – wiederum von mütterlicher Seite – dänisches Blut (Tjaha, das skandinavische Element, das immer zu kurz kam. Auch ein Migrationshintergrund), usw..

Ich hätte locker mithalten können: Ich habe südeuropäische Vorfahren (doof, die sehen auch noch so richtig sonnig-südländisch aus!), Familie in Osteuropa (ja, die wohnen da auch wirklich und nein, es ist nicht die „deutsche Minderheit“, dafür sind sie aber ebenfalls „heimatvertrieben“ – nur so, falls das eine Rolle spielen sollte.). Alles in allem gibt es trotzdem nichts als „Migrationshintergrund“ her und das hatte ich auch nicht behauptet

(Ehrlich gesagt, irgendwie muss das „frisch“ sein, also erste, maximal zweite Generation, und dann muss mensch auch richtig zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sein, so mit zweisprachig, interkultureller Konflikt, usw. … idealerweise sieht man das „Ausländische“ bitte auch am Teint (wie gesagt: sonnig-südländisch, führt öfters mal zu unschönen Erfahrungen mit der Umwelt, sprich: Diskriminierung, daher sind Minderheitenrechte dann eher gerechtfertigt) und die Person stammt zudem aus eher ärmlichen Verhältnissen (Da „class“, was Jobs und sozialen Aufstieg betrifft, eine „gläserne Decke“ noch lange vor „race“ und „gender“ bedeutet, „class“ UND „race“ beides aber nahezu unmöglich machen, ist „Empowerment“ hier wirklich nötig – anders als bei jemandem mit blonder dänischer oder herbeiphantasierter polnischer Mutter …).

Übrigens macht nicht einmal das einen zum besseren Menschen. Auch im sonnigen Süden gibt es A… löcher. Genau genommen gibt es da sogar alles sowohl an menschlichen Schwächen, aber eben auch an Vorzügen, was es hier auch gibt. Dennoch irritierte es mich schon ein wenig, dass im „Spiegel“ dieser Woche eine italienische „Gastarbeiter“-Familie portraitiert wurde, deren Hamburger Restaurant bereits 1905 gegründet wurde. Na ja …).

„böser weißer Mann“ ehrenhalber

An der Uni zählte das auch tatsächlich nicht. Eher reagierten die Leute aggressiv. Besser nichts von „Vorfahren aus Südeuropa“ schwadronieren. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass es darum geht, dass ich den anderen das nicht wegnehmen soll, weil das ja irgendwie schon denen gehört. Jawoll. Nicht dass meine „Minderheiten“-KommilitonInnen deshalb netter zu „echten“ Ausländern gewesen wären, zumindest nicht, wenn sie der Ansicht waren, dass die vom „Stil“ her nicht zu ihnen passten. Dafür gab es mahnende Blicke in meine Richtung, wann immer von „Shoah“ die Rede war (ganz klar das Werk von Menschen wie mir, die anderen waren ja, wie gesagt, „Minderheit“. Als ob das den NS-Entscheider in der Ahnenreihe oder den SS-Opa wieder gutmachen würde – eine Art Tauschhandel: Leider die Katze überfahren, aber man klaut dem Nachbarskind den Stoffhund und überreicht ihn als „Schmerzensgeld“ und schon ist alles wieder gut, wobei der gestohlene Stoffhund der Minderheitenstatus ist, und die überfahrene Katze der Holocaust. Nicht, dass man das vergleichen könnte. In dem Fall sind Vergleiche immer makaber, aber meine Professorin liebte es nun einmal, über die „Shoah“ zu sprechen …) oder „Critical Whiteness“ (dito). Ich weiß nicht nicht, was ich davon halten soll: unverschämt oder einfach nur krank. Jedenfalls nicht „legitim“.

Irgendwie war ich damals der „böse weiße Mann“, obwohl ich eine Frau bin (ohne Zweifel, ich vermute, sowohl eine Genanalyse als auch eine medizinische Introspektion meines Körpers würden zu dem gleichen Ergebnis kommen). Aber meine feministische Professorin war der Meinung, dass man zuerst einmal feminine Frauen fördern müsse – die, die so aussehen, als ob sie jeden Morgen mindestens drei Stunden im Bad stehen, um so auszusehen, wie die Titelmädchen von „Glamour“ und „Jolie“ oder die jungen Frauen, die Heidi Klum regelmäßig und äußerst publikumswirksam vor laufender Kamera bei „Germany’s next Topmodel“ zusammenstaucht. Böse Zungen nennen solche Frauen „Mieze“, „Bratze“ oder „Modepüppchen“. Meine Professorin dagegen fand, dass sie am meisten unter männlicher Ignoranz zu leiden hätten – die wahren Opfer des Patriarchats. Die Intelligenz dieser Frauen würde übersehen, ihr Potenzial ginge verschütt.

Klar gibt es Frauen, die feminin wirken, sich für Mode interessieren, und auch intellektuell ziemlich fit sind. Aber muss man deshalb jedem Modepüppchen per se unterstellen, es sei ja im Grunde viel intelligenter als andere, nur dass es niemand erkannt habe, ein ungeborgener Schatz, den man erst in mühsamer Feinarbeit ans Tageslicht befördern müsse? Ist das nicht mehr oder weniger ein Blankoscheck fürs Diät halten und Lockenwicklertragen? Dass frau dann auch automatisch schlau ist und wer was anderes sagt, ist halt „FrauenhasserIn“, „MaskulinistIn“, „Patriarchat“ oder schlicht „DiskriminiererIn“, „Mehrheitsgesellschaft“?

Die Rolle des „Patriarchats“ hatte damals ich inne. Es sollte ja auch gezeigt werden, dass Feministinnen gar nicht so sehr gegen Männer sind, wie viele Leute immer denken – Ganz im Gegenteil, das war ein neuer, junger sexy-Feminismus, auch wenn meine Profesorin und viele feministisch gesonnene Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelbau natürlich nicht mehr ganz so jung waren. Wenn es also nicht gegen die Männer gehen sollte, wer blieb da noch zum Draufrumtreten übrig? Richtig.

„Anders“ als Massenphänomen

Die Erfahrung in Berlin, in der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ toppte das Ganze unerwarteterweise noch: Wir waren ein kleines Grüppchen wildfremder Menschen. Als es daran ging, einander kurz vorzustellen, sagte jeder seinen Namen und Beruf und dann sofort: „Lesbe, obwohl ich mal mit einem Mann verheiratet war“ oder „bisexuell“ oder „Ich glaube, ich war immer schon schwul.“. Eine Frau erzählte, dass sie auf Sadomasochismus stehe, am liebsten Fesselspiele. Trotz der bereitwillig gegebenen intimen Geständnisse hatte ich nicht das Gefühl, besser zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Die einzige Erkenntnis, die ich gewonnen hatte, war, dass hier jeder irgendwie „sexuell abweichend“ war. Vorsichtig merkte ich an, dass ich wohl in vielerlei Hinsicht „zwischen den Stühlen sitzen“ würde. Das sei wohl meine Position. Ich bin bisexuell. Gerade wegen des in dieser Hinsicht freieren Klimas war ich auch nach Berlin gekommen. Aber muss man das Leuten, die man gerade mal 5 Minuten kennt, auf die Nase binden? Ich meine, ich hatte einfach nicht, wie unter meinen Mitstudentinnen, als „hässliche Lesbe“ an einem Ring durch die Manege geführt werden wollen, aber damit war es auch schon gut. Einfach ok sein, wie man nun mal ist, reichte mir. Genau danach hatte ich gesucht. Allerdings habe ich in dieser Hinsicht, wie ich sagen muss, auch im weltoffenen Berlin nicht viel vorgefunden.#

Homophobie als „Schutzschild“

(Das mit der „hässlichen Lesbe“ war zu Unizeiten in meinem – eigentlich übrigens ziemlich konservativen Fachbereich – offenbar eine Art Kompromiss: Zwar ist sie eine Frau, aber jedenfalls keine, der der Feminismus zusteht, wenn frau es recht bedenkt sogar viel böser als die „bösen, weißen Männer“, … Später würde allerdings behauptet werden, ich hätte nur als „Schutzschild“ für andere Frauen gedient, die – „echte“ Lesben, wenn auch damals noch sehr wohl an Männern interessiert – sich einfach noch nicht aus dem Schrank getraut hätten – Na ja, kann man ja verstehen, dass IN DEM FALL sogar Homophobie ein Gebot der Stunde war (ich meine das sarkastisch) -, aber das wusste ich in meiner Anfangszeit in Berlin noch nicht.)

Irgendwer muss ja die „frigide Hexe“ sein

Später begriff ich, dass ich eigentlich auch nicht bisexuell bin – Da gäbe es „ganz andere“ hieß es – und leider – wie es der Zufall nun einmal wollte – hatten die alle was gegen mich. Genau genommen handelte es sich um einen Bunch stylischer, wahnsinnig angesagter, wenn auch eher nur mittel-attraktiver Frauen, die man mir bzw. ganz allgemein als „für Emanzipation und Freiheit kämpfende Lesben“ vorgestellt hatte. Allerdings konnten die Frauen offenbar auch mit Männern. Vielleicht auch NUR mit Männern, aber das kann ich im Einzelfall nicht sagen. Ich kenne diese Frauen ja wirklich nicht näher. Umgekehrt schien das merkwürdigerweise nicht so zu sein. Die wussten nämlich ganz genau, dass ich angeblich „einen kranken Hass auf Männer“ hätte, überhaupt, keiner wolle mich, die „frustrierte Zicke“. Manchmal grunzten mich auf der Straße in Kreuzberg Hipstermänner an und die Freundin im Schlepptau säuselte betont freundlich: „Lass! DIR hat sie doch jetzt nichts getan!“. Das war in etwa, wie wenn man nichtsahnend in ein Café geht und einen Kaffee ohne alles bestellt und die Bedienung ziemlich unwirsch ist, derart dass man tatsächlich geneigt ist, es persönlich zu nehmen, und dann ruft jemand von hinter der Theke: „Sei doch nicht so. Zwar ist sie mit dem Ufo hier gelandet und hat sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gefressen, aber zu UNS  jetzt war sie doch ganz passabel …“ Nennt man das „nett“ oder „total plemplem“ oder „Mobbing“? Ich weiß es nicht …

Zu allem Überfluss war ich dann plötzlich auch noch „rechts“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese queeren Frauen, die ich als ziemlich arrogant und überheblich in Erinnerung hatte, alle total links sind, dass sie auch ganz ernsthaft von verschiedenen linken Parteien und Stiftungen gefördert werden. Da hatte ich auch überall verschissen. Dafür wollte jedeR irgendetwas an mir „rächen“: ich hatte dickliche, betont jungenhaft zurechtgemachte Frauen – „Transmänner“ – am Hals, denen missfiel, dass ich zu breitbeinig in der U-Bahn saß – stand mir nicht zu -, ziemlich viele adipöse Menschen, die mich belauerten, hänselten, mal wollten sie nichts Geringeres als „meine Seele ermorden“ oder mir als ganzer Person „den Gar ausmachen“, mal hatte ich „damit“ (womit war unklar) „mein Todesurteil unterschrieben“, dann wieder sollte ich mich „richten“ für das, „was ich GETAN“ hätte. – Ich wusste nicht was. Ich kannte die Leute nicht, hatte ihnen nichts GETAN. Diffus erinnerte ich mich, dass meine Kommilitoninnen damals desöfteren beleibten Besuch aus Berlin über den Uni-Campus geführt hatten – zu mir waren diese Frauen ziemlich komisch gewesen, aber getan hatte ich ihnen nichts. Auch eine frühere Studienfreundin tauchte in meinem Gedächtnis auf – sie selbst war schlank und sportlich, litt jedoch an Bulimie und hatte eine stark übergewichtige Freundin, über die sie mal sehr bösartig lästerte und wollte, dass ich „einfach mal mit ihr solidarisch“ sein und auch mithelfen sollte, die andere in der Cafeteria zu schikanieren, obwohl ich die Frau gar nicht kannte und nicht wusste, was genau vorgefallen war (Deshalb hatte ich auch keine Lust, „solidarisch“ mit dieser Freundin zu sein, obwohl ich sie damals wirklich mochte. Vermutlich war ich eine „Rabenfreundin“ …), dann wieder waren die beiden ganz dicke miteinander, immer abwechselnd. Zu dem Zeitpunkt wäre es mir aber noch nicht in den Sinn gekommen, mir Gedanken über den KÖRPERTYP eines Menschen zu machen. Warum auch?

Von den Dicken wurde ich ständig angemacht, auch von eher dürren, ältlichen Frauen. Die wollten „es“ mir austreiben. Ein Hipster sprach von „Trockenlegen“. Gemeint war „die schönste Nebensache der Welt“ – Sex, über den sich in Berlin alle zu definieren schienen, interessanterweise gerade die, die man nicht gerade in erster Linie mit dem Wort „Sexbombe“ assoziieren würde. Mir wurde ein Tagebuch geklaut. Gerüchte besagen, dass es in diversen Szenekneipen öffentlich vorgelesen worden sein soll – als abendlicher Kneipengaudi. Offenbar wurde es in der queeren Szene herumgereicht, vielleicht auch unter Journalisten – Ich hatte damals ein paar Mal für größere Zeitungen Kunstkritiken geschrieben. Im rechten Lager höhnte jemand: „Dafür hat aber Anja Kofbinger (lesbische Berliner Politikerin der Grünen) das Tagebuch gehabt!“ Ob bzw. was davon stimmt, weiß ich nicht. Nachweisen kann ich niemandem etwas und ich bezweifle, dass die – kicher! kicher! – Andeutungen hier und da alle der Wahrheit entsprechen. Denn mir war schnell klar, dass die Leute sich einen Spaß daraus machten, mich in die Irre zu leiten und in meinen schlimmsten Befürchtungen zu bestärken – ohne dass deshalb zwingend etwas dran sein musste oder aber komplett Entwarnung hätte gegeben werden können. Am Ende – so hatten sie sich das wohl gedacht – könnten sie ja ihre Hände in Unschuld waschen und ich stünde als hysterische Bekloppte da, die sich wutendbrannt auf Leute stürzt, die ihr – ja, genau! – überhaupt nichts getan haben. Dafür haben andere „etwas getan“ und ich sollte nur weiter im Dunkeln tappen.

„Schutzschild“ (II): Prügel für die einen, Empowerment für die anderen

Als von einem Kinderporno (ein Porno, der, wie der Titel erahnen ließ, die Vergewaltigung eines arabischen Babys zum Inhalt hatte) aus zu meinem Blog verlinkt wurde, ging ich zur Polizei. Natürlich konnte ich niemanden ins Blaue hinein beschuldigen. Mehrfach wurde ich auch körperlich angegangen – zum Glück nicht wirklich schlimm, nur dass ich komischerweise im Nachhinein manchmal in irgendeinem Blättchen oder „Zine“ der lokalen queeren Szene las, dass eine ominöse andere – queere! – Frau oder „Person“ ja genau den gleichen Vorfall erlebt hatte. Sie hatte sogar genau gleich reagiert wie ich.

Obwohl die Leute mich angeblich so „rechts“ fanden, passierte es auch öfters, dass irgendjemand aus der queerfeministischen, linken Szene viel Beifall erhielt für ein Statement, das ich so ähnlich eine Weile zuvor gemacht hatte, und das da, also in meinem Fall, entweder als „dumm“, „neoliberal“ oder „fast schon Pegida!!!“ abgetan worden war. Offenbar ging es weniger um die Aussagen an sich, als um den KÖRPER, der sie aussendete – meiner war „böse“ – „rechts“ -, andere waren „gut“. Auf einer Veranstaltung bei der taz belehrte mich eine Frau über den Israel-Palästina-Konflikt, im Hintergrund hörte ich, wie eine andere das mit „Da kann sie ja froh sein, dass jetzt auch mal jemand mit ihr spricht!“ kommentierte. Das wiederholte sich fast wortwörtlich auf einer anderen linken Veranstaltung. Irgendwie hatte ich die Nase langsam voll. Für wen hielten sich die Leute eigentlich? Als ob man nur darauf brennen würde, irgendwie in Kontakt mit ihnen zu kommen, um an ihrer erhabenen Menschlichkeit teilhaben zu können. Eigentlich konnte man sich doch glücklich schätzen, wenn man nicht von denen behelligt wurde.

Auf einer taz-Veranstaltung, die im Sommer 2013 in den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand, äußerte sich dann eine Frau vor versammelter Mannschaft und für alle gut hörbar betont gönnerhaft: „Aber einen schönen Busen hat sie!“ Es hieß, ich würde die Frauen angeblich nicht ernst nehmen. Sie würden es mir ja nur „zurückgeben“. Die meisten kannte ich gar nicht. Einige „Transgender“ wollten mich wegen „transphober Hetze“ verklagen. Es wurde gehöhnt, ich müsse halt immer „nehmen, was andere Frauen übrig lassen.“, „Jetzt zu Monatsende sei Schmalhans wohl Küchenmeister“ und ich solle doch am besten „in der U-bahn betteln gehen.“, dann könne ich ja als „Identifikationfigur“ für die Obdachlosen herhalten – kicher! kicher! Schließlich wurde ich als „unwertes Leben“ beschimpft – von jungen Leuten, die offensichtlich der Heinrich-Böll-Stiftung nahe standen. Also keine rechten A… löcher. Oder etwa doch?

Eine ganze Reihe Frauen aus meiner Vergangenheit tauchten plötzlich in Berlin auf. Sie alle waren jetzt auch lesbisch oder transgender oder mit Transgender liiert und deshalb jetzt auch lesbisch oder zumindest war ihnen bewusst geworden, dass sie einen „ungewöhnlichen Körper“ hatten (sprich: ein paar Kilo zu viel auf den Rippen oder aber plötzlich abgemagert oder zumindest streng Diät haltend oder ein paar Zentimeter größer als das „süße, kleine Püppchen“, wobei das Gardemaß für „Püppchen“ flexibal gehandhabt und nach Bedarf angepasst werden kann, so dass frau ihm mal zu 100% entspricht (wenn es darauf ankommt, das „süße, kleine Püppchen“ zu sein) und mal dramatisch davon abweicht (wenn es darum geht, der „Freak“ zu sein)) – jedenfalls QUEER!

Emanzipation oder „Frauen zurück an den Herd!“?

Es hieß, ich sei ja immer so eifersüchtig. Carolin Emcke beschrieb  in ihrem Buch „Hass“ über die bittere Armut und das chancenlose, entbehrungsreiche Leben am Rande der Gesellschaft von Transmenschen. Tatsächlich haben, zumindest hier in Deutschland, auffällig viele von denen gute Jobs an der Uni (oder aber an einem der renommierten Berliner Theater). In der Huffington Post ließ sich ein Transmann (Mann, als Frau geboren) darüber aus, wie viel mehr er jetzt, nach der Transition, wo er keine Frau mehr sei, verdiene, und wie viel einfacher es sei, einen Job zu finden, falls man(n) dann doch mal keinen hätte. Stimmt schon, vielerorts auf der Welt müssen sich Transfrauen (Frauen, als Männer geboren) und männliche Transvestiten (Männer, die sich als Frauen verkleiden) ihren Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich verdienen, sofern sie nicht im Show-Biz unterkommen. Transmänner, also Männer, die als Frauen geboren sind, aber tatsächlich „männlich“ fühlen und sich (von Natur aus, ohne dass es eingeübt oder geschauspielert werden müsste) „männlich“ verhalten, gibt es nur sehr wenige. Hat irgendwie was mit Biologie und Hormonen zu tun. Offenbar läuft bei männlichen Föten sexuell öfters mal etwas aus dem Ruder. Lesben gibt es auch sehr viel weniger als Schwule. Zumindest echte Lesben, Bio-Lesben. Nicht Frauen, die das aus politischen (das berühmte Credo des Differenzfeminismus der wilden 70er: „Männer sind Schweine!“) oder anderen Gründen machen. Sich als „Transmann“ zu „definieren“ (Die meisten „Transmänner“ sind übrigens „schwul“ und möchten auch gern schwanger werden. Kinderkriegen geht ja jetzt auch für Männer.) ist aber auch „politisch“: „Transfeminismus“. Manchmal könnte man kotzen, wenn man in der taz oder anderswo mal wieder liest: „Als Frau hätte ich natürlich nicht … können, aber als Mann ja schon!“ oder „Frauen machen … ja nicht, aber als Mann kein Problem!“. Klar: Frauen gehören an den Herd und Männer (und „Transmänner“) gehen auf die Jagd. Glauben die diesen Schwachsinn wirklich? Und dass das Feminismus sein soll?

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen internen Logik, dass die queerfeministischen Frauen sich für sich selbst vorbehalten, auch Männer zu sein (Dann ist man bzw. frau gleichberechtigt bzw. ist man dann ja selbst ein „Mann“), aber aggressiv werden, wenn andere Frauen leider auch nicht die „Frauchen“ sein wollen. Ein bisschen ist es an dem gespiegelt, was meine alte feministische Professorin erreichen wollte: Gleichberechtigung soll bloß nicht für alle Frauen da sein – Gott bewahre! Es gibt immer welche, die Privilegien haben müssen (seien es nun die femininen „Modepüppchen“ oder die queerfeministischen „Transmänner“. Meistens sind es sogar DIE GLEICHEN FRAUEN) und andere, die frau zurückdrängen muss, damit sie den Privilegierten nicht ins Gehege kommen. Eigentlich ist es zynisch, dass ausgerechnet die Queerfeministinnen nicht müde werden, auf die Menschenrechte und auf das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu verweisen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt nämlich nicht das Recht ein, auch für andere zu bestimmen – über deren Sexualität, ihre Intelligenz, ihre Chancen im Berufsleben, was sie sich gefallen lassen und zu wem sie aufschauen müssen, usw.. Auch in den Menschenrechten steht nichts davon, außer eben, dass alle diese Dinge gerade nicht fremdbestimmt sein dürfen. Die „Transmänner“ aber jammern, es sei „Transphobie“, wenn eine Frau wie ich sie nicht in ihrer Rolle als Männer bestätigt oder auf Anmachen und überhebliches, selbstherrliches Verhalten sogar ungehalten reagiert, denn: – „Männer sind nun einmal so!“. Wirklich?

Menschenrechte & Grundgesetz – für alle da!

Eigentlich sind die Menschenrechte  bzw. das Grundgesetz gerade dann für einen da, wenn man bzw. frau das nicht so sieht. Da steht nämlich was von der „Gleichberechtigung von Mann und Frau“ (und nicht: „Mann und Transmann“). Aber vermutlich wird man auch nicht jeden eingefleischten Rechtspopulisten dazu bringen, dem zuzustimmen. Es ist nur so: in einer freien, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss man es aushalten, dass Menschen anders denken und anders leben möchten als man/frau/mensch selbst. Das geht in alle Richtungen und es bedeutet auch, dass mensch Leute in Ruhe lassen muss, die mensch doof findet, anstatt ihnen nachzulaufen und sie zu „erziehen“ bzw. ihnen mit Nachdruck, Psychoterror, sexuellen Übergriffen oder sogar köperlicher Gewalt die gewünschten Verhaltensweisen abzupressen. Ich bin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der queeren Szene gewesen. In Ruhe gelassen haben mich die Leute bis heute nicht.

„Beißreflexe“

Vor ein paar Monaten sorgte dann ein kleines, unscheinbares Büchlein in der queeren Szene für Aufruhr. Es trägt den Namen „Beißreflexe“ und wurde von „Polittunte“ Patsy l’Amour lalove herausgegeben. Das Buch, das den zunehmend autoritären Einschlag der Szene kritisiert, schlug ungeahnt hohe Wellen, sein Ruf scheint ihm jetzt sogar bis in die USA vorausgeeilt zu sein und das, obwohl es eigentlich nur in Micro-Auflage in einigen wenigen ausgewählten linken Szeneläden deutscher Groß- und Universitätsstädte zu haben ist. Für die einen ist „Beißreflexe“ eine Offenbarung – Da steht, dass auch andere bemerkt haben, was alles nicht in Ordnung war oder sogar total daneben. Auch ich begriff, dass ich nicht die einzige war, der mensch übel mitgespielt hatte (wenn auch die einzige, die nach einem kurzen Ausflug die queere Szene ziemlich schnell wieder verlassen hatte. Die meisten anderen Opfer dieser Leute kommen „von innen“, haben, sofern sie in Berlin waren oder sind, vielleicht auch mich mitgedisst. Traurig, das so schreiben zu müssen, aber leider wahr.) – ein paar Albernheiten der „Gender-Stasi“ hat Peter Rehberg in der „Zeit“ beschrieben. Zu meiner Überraschung war frau offenbar sogar in der „Emma“ reichlich indigniert. Dort fragte frau sich, was das noch mit Feminismus zu tun hat. Tja, das frage ich mich, wie gesagt, schon seit geraumer Zeit …

Jetzt hat das queerfeministische Lager in der „Zeit“ zum Gegenschlag ausgeholt und schießt dabei – wenn man bedenkt, dass es sich um eine subkulturelle Streitschrift handelt, die den meisten Leuten gar nichts sagen dürfte – mit Kanonen auf Spatzen. Die Berliner Soziologie-Professorin und Queerfeministin Sabine Hark hat Judith Butler, die us-amerikanische Begründerin der Queer-Theorie, als Verstärkung hinzugezogen und in einem längeren Artikel in der „Zeit“ ziehen beide gegen die Abtrünnigen aus der Szene zu Felde: von „Verleumdung“ ist die Rede, gleich im Titel, Kritik sei ja in Ordnung, aber bislang seien doch nur Aggression und Verletzungen gegen Queer hervorgebracht worden. Eine neue „Grammatik der Härte“ bringe das zum Ausdruck, es sei Hate Speech, infam, roh und einfach nur asozial klagen Hark und Butler.

Wo ist Eure Empathie?

Moment mal: „unwertes Leben“ ist ok, aber sich dagegen zu wehren, so bezeichnet zu werden, ist „infame, verletzende Hate Speech“? Nein, sorry – ohne jetzt die „Beißreflex“-Leute zu sehr in Schutz nehmen zu wollen – ich weiß, wie gesagt, auch nicht, ob der/die eine oder andere mich nicht auch kräftig mitgemobbt hat -, aber vielleicht wird eher ein Schuh draus, wenn man die Dinge einmal umdreht. Haben die Frauen bzw. die VerfechterInnen der Queer-Theorie sich schon einmal gefragt, wie viele Leute SIE verletzt haben?! Wie viele Leute sich elend gefühlt haben, mit ihren Hänseleien, Nachstellungen, Verhöhnungen, Demütigungen und Verleumdungen?! Wie es einem, mir zumindest, damit geht, mehr oder weniger mit einer Art feministischen „Fatwa“ (Ich fühle mich manchmal wie Salman Rushdie, aber christlicher gedacht können wir’s auch „Exkommunikation“ und „Bann“ nennen) belegt zu werden und überall die Tür vor der Nase zugeschlagen zu kriegen – UND DASS DAS AUCH NOCH FEMINISMUS SEIN SOLL?! Dass man immer angehalten ist, das nicht so zu nehmen bzw. gefälligst gar nicht erst etwas Böses zu unterstellten, nichts sagen darf, gute Miene zum bösen Spiel machen muss und sich idealerweise auch noch selbst schuldig – „falsch“ – fühlen soll?! NUR UM DIE FRAGILEN EGOS IRGENDWELCHER MIMOSEN NICHT ZU BRÜSKIEREN?!

Über jeden Zweifel erhaben?

Nein, sorry – aber intelligent zu sein oder sich auch nur mit intellektuellen Inhalten zu beschäftigen, steht nicht nur bestimmten Menschen zu – nicht, weil es so feminine Frauen sind, von denen man das ja sonst nicht so denkt, nicht, weil sie umgekehrt eigentlich ja so „männlich“ wären und denken nun einmal „männlich“ (oder „Oberschicht“, die „besseren Gene“, Sarrazin und Co.) sei (gruselig, so etwas von Menschen zu hören, die sich für „feministisch“ halten und behaupten, „links“ zu sein!) und auch aus keinem anderen Grund!

Es gibt kein Recht darauf, dass andere sich klein, unzulänglich und wertlos fühlen und stets unterwürfig und dienstbar sein müssten, auf Dinge verzichten, die ihnen Freude breiten, dass sie ihre Talente nicht entfalten dürften – und sei es nur in Form eines Hobbys -, sich für ihre Körperlichkeit schämen müssten – Ja, ja, die adipösen Frauen wären ja auch lieber schlank, so wie die Frauen bei „Germany’s Next Topmodel“ und andere Frauen SIND schlank wie die Frauen bei „Germany’s next Topmodel“, nur dass sie an Esstörungen leiden und sich deshalb trotzdem nicht gut mit sich fühlen – ABER WAS ZUR HÖLLE KANN ICH DAFÜR?!,  dass man nicht lachen oder tanzen dürfte oder breitbeinig in der U-bahn sitzen, ganz zu schweigen von ener eigenen Meinung, dass andere gegängelt und kontrolliert werden müssen – NUR WEIL SICH IRGENDWELCHE NEUROTISCHEN ARSCHLÖCHER ANGEBLICH SONST „NICHT WOHL FÜHLEN“???

Man muss Menschen nicht mögen, weil sie „anders“ sind (auch nicht, weil sie NICHT „anders“ sind) und den grundlegenden Respekt, so von Mensch zu Mensch, den hat schließlich jedeR verdient. Alle Menschen sind GLEICH, im Sinne von „gleichwertig“. DAS steht in den Menschenrechten und nichts anderes. Punkt.

Man muss auch anderen nicht von vornherein einen Kredit für politische Einstellungen geben, die sie womöglich gar nicht haben und sich selbst in die rechte Ecke abdrängen lassen, obwohl man nicht rechts ist und auch nichts dafür spricht, dass man es je gewesen ist.

Tatsächlich sind übrigens einige der Transgender ganz schön rechts: Wer’s nicht glaubt, kann es nachlesen, z. B. in: Amjahdi, Mohamed „Unter Weißen“ (2017), S. 113 ff. oder – Surprise! – in der taz. Trotzdem geht es mir hier auch nicht darum, Transgender für alles Übel in der Welt verantwortlich zu machen – Das ist doch Quatsch! -, nur darum, in Frage zu stellen, ob es „Körper“ gibt, die per se, als solche „gut“ sind und „Körper“, die „schlecht“ sind, dass also die Definition als „queer“ einen nicht automatisch „links“ macht und schon gar nicht das Recht damit verbunden ist, jedeN, den/die mensch nicht leiden kann, dann eben umgekehrt als „rechts“ zu brandmarken. Nicht zuletzt ist das ja auch gegen die Meinungsfreiheit, die ebenfalls nicht nur „queeren“ Menschen zusteht.

Genauso müssten die Leute auch anderen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, auf das sie selbst so sehr pochen, zugestehen. Was wäre denn z. B., wenn sich jetzt alle Frauen plötzlich als „Transmänner“ definieren und von den „angestammten“ „Transmännern“ mit der gleichen Empfindlichkeit, die letztere immer vorgehen, verlangen, auch enstprechend in ihrer Rolle als „Männer“ bestätigt zu werden. Dann hätten wir zwar Gleichberechtigung – JedeR könnte sich selbstbewusst und stark fühlen – aber mit dieser Minderheitensache und der damit verbundenen Sonderförderung wäre es das gewesen.

Die „neue Härte“ – oder: Was hat Queer gebracht?

Hark und Butler schreiben von den neuen Freiheiten, für die sie kämpfen. Tut mir leid, aber davon habe ich nichts mitbekommen.

Last but not least waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler die sich die Henker der Toleranz selbst herangezogen haben: Milo Yiannopoulos – der dumme Junge, der arme Schwule, der Migrant – halb wenigstens – der eventuell-Jude und vielleicht-Lover eines Schwarzen, aber auch das Arschloch, das glaubt, Frauen wie Dreck behandeln zu können, der „Mein-Freund-ist-Person-of-Color-und-der-mag-dich-auch-nicht!“-Rassist, der sich einbildet, mit ein paar Lügengeschichten sei alles wieder hinzubiegen – es kommt ja nur darauf an, andere ins Unrecht zu setzen, nicht darauf, selbst im Recht zu sein -, Yiannopoulos, das Schwein, das für sozial Schwache nichts übrig hat, – aber man sollte nur ja nicht auf die Idee kommen, dass er als Studienabbrecher eines „Laberfaches“ vielleicht gar nicht so überzeugend in der Rolle des „Leistungsträgers“ ist, auf die Beine geholfen hat ihm ja immerhin der linke Zeitgeist, dem er weißgemacht hat, selbst der sozial Schwache zu sein. Nur was wäre, wenn man Milo Yiannopoulos mal so hängen lassen würde, wie er es für andere haben will? Wenn man keine Lust mehr auf die verlogene kleine Schwuchtel hat – Ja, „Schwuchtel“ ist in dem Fall okay, andere Schwule mag man, da sagt man das ja auch nicht. Sagen Leute wie er doch auch immer. Tja, was, wenn man eben auch mal homophob sein möchte und einem Yiannopoulos darüber hinaus gern mal sämtliche Steine in den Weg legen würde, über die seinesgleichen sonst so gern Migranten, Frauen und – ja! – Schwarze stolpern lässt – oder Leute, die nicht den richtigen sozialen Hintergrund haben. Was wäre dann noch übrig von einem wie Milo Yiannopoulos? Ist die Frage fies? Verletzend? Was ist dann Yiannopoulos selbst?

Tja, nur leider waren es Frauen wie Sabine Hark und Judith Butler, die sogar darauf bestanden haben, dass Frauen wie ich Typen wie Milo nicht im Weg sein sollten. Yiannopoulos ist ihr Baby. Oder, auf Berliner Verhältnisse übertragen, Menschen wie Gerwald „Faxe“ Brunner, der Piratenpolitiker, der Suizid beging, – u. a. der „Stern“ (Print) und die „Welt“ haben ausführlich über ihn berichtet – , und an dem, wie sich posthum herausstellte, so ziemlich alles frei erfunden war. „Faxe“, der in einem offenbar auf fast schon sektenhafte Weise rechtsextremen Elterhaus aufgewachsen war, gehörte selbst zu den „Anderen“, er hatte homosexuelle Neigungen – die waren wohl halbwegs echt an ihm, auch wenn er, wie es scheint, bisweilen auf eher eigenartige Weise liebte – einen Mann stalkte und ermordete er schließlich. Für Frauen dagegen hatte Faxe kaum mehr übrig als Milo Yiannopoulos, seine Verachtung für sie soll zu Lebzeiten sprichwörtlich gewesen sein. Trotzdem war Brunner (dessen politische Ansichten ansonsten, wie ich fairerweise hinzufügen muss, nicht denen der neuen Rechten entsprachen) ein Darling der Linken, kurioserweise auch der feministischen Frauen.

Selbst wenn man Yiannopoulos und Brunner als „Sonderfälle“ abtut – immerhin hatte die Gender- und Queerforschung in den letzten 15 Jahren vielerorts Machtpositionen inne und konnte Einfluss nehmen. Was hat sie erreicht? Die „Ehe für alle“ (nebenbei bemerkt ein längst überfälliges Gesetz zur Gleichstellung, von dem auch niemand einen Nachteil hat) ist erst nach viel Gedruckse und im Endeffekt vielleicht lediglich als „auf den letzten Drücker vor der Wahl noch mal Punkte machen“ gekommen. Dafür ist der Zeitgeist insgesamt viel konservativer geworden, die Rechte ist aus der Versenkung wieder aufgetaucht und Thilo Sarrazin und andere haben uns eine Reihe „Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen“-Bücher beschert, in denen es v. a. darum geht, dass Vorurteile gar nicht so schlimm sind und hier und da vielleicht sogar was dran ist. „Autoritär“ und „links“ schließen einander auch nicht mehr aus, wie nicht zuletzt „Beißreflexe“ deutlich gemacht hat.

Das alles kann man nicht nur kritisieren, man MUSS es sogar kritisieren. Und wenn das so „verletzend“ ist, dann bleibt nur zu sagen: Vielleicht muss Demokratie manchmal „verletzend“ sein. Zumindest um ihrer selbst willen.

Terror! (Teil IV)

Messerattacke im Supermarkt, Schießerei in der Disko, gewalttätige Ausschreitungen anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg und im Hintergrund eine sich neu formierende Rechte, die im Mittelmeer Flüchtlinge abfangen will und vereinzelt offenbar bereits westliche „Volunteers“ gegen den Imperialismus oder, etwas weniger blumig formuliert, „Söldner“ in die Ost-Ukraine entsendet hat …

Kehren Gewalt und Terror nach Europa zurück? Kommt die Gefahr nur von außen oder sind es nicht auch die Gesellschaften des Westens selbst, die immer aggressiver werden? Hierüber könnte man ganze Doktorarbeiten schreiben und käme einer Beantwortung solcher Fragen doch nur in kleinen Schritten näher. Versuchen wir es hier in (Kurz-)Romanform und kehren wir mental in die sog. „bleierene Zeit“ zurück, die – angelehnt an einen Film von Margarethe von Trotta – als „anni di piombo“ in Italien sogar zumOberbegriff für eine ganze Epoche wurde …

Wer’s verpasst hat – hier geht es zu Teil I, Teil II und Teil III der Geschichte

Content Warning / Parental Advisory: explizite Schilderung von Folter

an einem unbekannten Ort, März 1978:

„Na los, sag schon! Wen hat dein Mann alles mit nach Hause gebracht?“ Er ohrfeigte sie. Nicht zum ersten Mal während ihrer kleinen Unterhaltung. Er musste schwere Ringe an den Fingern haben, denn ihr knallte jedesmal etwas Hartes, Kaltes, Kantiges ins Gesicht. Die zarte Haut ihrer Wange links musste schon ganz aufgerissen sein. Sie fühlte sich wie betäubt an. Außerdem glaubte sie, den metallischen Geschmack von Blut im Mund zu haben. Vorsichtig fühlte sie mit der Zunge nach. Der linke Eckzahn schien sich gelockert zu haben, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein.

„Püppchen!“ der andere kam von hinten und betatschte sie. Sein fauliger Atem bließ ihr ins Gesicht. Sie konnte weder ihn noch den anderen sehen, denn sie hatten ihr die Augen verbunden. „Grillen wir sie*?“ fragte der, der sie geohrfeigt hatte. Er rauchte offenbar eine Zigarette. Der beißende Qualm brannte ihr in der Nase. „Nein“, sagte der andere. „Das ist nur eine kleine Verkäuferin“ Er umschlich den Stuhl, auf dem sie saß, die Hände auf den Rücken gebunden. „Die ist doch viel zu dumm!“ grunzte er.

Der, der sie geohrfeigt hatte, ging wieder näher an sie heran. Ein heißer, stechender Schmerz durchfuhr sie. Er hatte seine Zigarette auf ihrem Handrücken ausgedrückt. „Pass auf, dass ich das nicht auch mit deinem Gesicht mache! Dann will dich kein Mann mehr!“ drohte er. „Das ist vielleicht sowieso schon der Fall …“ kicherte der andere, der sie begrapscht hatte. „Wenn du so weiter machst, müssen wir sie halt doch entsorgen*.“ „Nein, nein.“ sagte der erste leise, denn das war nicht für ihre Ohren bestimmt „Die ist zu dumm. Die schüchtern wir noch ein bisschen ein und wenn sie rauskommt, wird sie den anderen ein mahnendes Beispiel sein, was passiert, wenn man uns frech kommt.“

Nanni & Lutz, Delle Tre Pietre, zwischen Prato und Florenz, Nacht vom 01. auf den 02. August 1980:

Was bisher geschah: Giovanni „Nanni“, der in der Nähe von Florenz lebt und sehr gut Deutsch spricht, hat nach dem Studium keinen Job gefunden. Wie viele junge Leute in der Gegend engagiert er sich politisch links. Allerdings macht Nanni mehr, als nur auf Demos zu gehen. Er hat einen Kontakt zu Lutz in West-Berlin hergestellt, der wichtige Informationen für Nanni und seine Freunde hat. Unvorsichtigerweise hat Lutz seiner Ex-Frau Sigrid, die mit der gemeinsamen Tochter, der neunjährigen Micha in einem Hausprojekt in Kreuzberg lebt, erzählt, dass er nach Italien fährt. Da Sigrid davon ausgeht, dass er dort Urlaub macht, drängt sie ihn, Micha mitzunehmen, was er dann auch tut. Nannis Mitbewohnerinnen Alessandra „Alè“, die als Näherin arbeitet, obwohl auch sie studiert hat, und die feministisch gesonnene Giovanna „Giò“, die manchmal über’s Ziel hinausschießt und gerade ihre Doktorarbeit schreibt, kümmern sich um Lutz‘ kleine Tochter. Obwohl auch die beiden Frauen politisch links stehen, wissen sie nicht genau, was Lutz und Nanni vorhaben.

Silbrig und kalt beschien der Vollmond die Hügel, die jetzt, ohne die brütende Sonne des Tages, modrig, fast schon feucht wirkten, obwohl das Gras braun und verbrannt war. Nanni stieß den Spaten in die feuchte Erde, die den alten, verdorrten Olivenbaum umgab.

Er und Lutz standen seit dem Frühjahr 1979 in Kontakt miteinander. Lutz hatte ihm von der Todesnacht in Stammheim** erzählt und dass viele Leute in der Bundesrepublik glaubten, dass der Staat da nachgeholfen habe. Immerhin hatten sie Ulrike Meinhof gefoltert**, bis sie nur noch ein psychisches Wrack war. Dass in einem Staat, der sich als „demokratisch“ bezeichnete, unverhohlen, praktisch vor den Augen der Öffentlichkeit, gefoltert werden konnte und Leute mit Auftrag von oben gekillt wurden, weil sie nicht genehm waren, machte Lutz Angst.

Nanni hatte Lutz von der „Strategie der Spannung“*** berichtet, bei der ausländische Kräfte, allen voran der CIA, versuchten, die Bevölkerung zu verunsichern und gezielt gegen Linke aufzuhetzen. Seit 1969*** hatte es in Italien immer wieder blutige Anschläge mit vielen Toten und Verletzten gegeben. Zwar hatte man behauptet, dass linke Terroristen dahinter steckten, aber diese Behauptungen waren so absurd, dass es nur eine weiter Ohrfeige für Nanni und seine Freunde bedeutete. Moro, der 1978 ermordet wurde***, war in erster Linie seinem Parteikollegen Andreotti*** im Weg gewesen und jedermann wusste, dass Andreotti ein Schwein war, das auch über gute Kontakte zum organisierten Verbrechen verfügte***. Und warum auch hätten die Linken einen Mann umbringen sollen, der sich für eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten*** eingesetzt hatte? Oder das italienische Passagierflugzeug, das Ende Juni*** vor Sizilien von der NATO abgeschossen worden war. Die offizielle Lesart war, dass es angeblich einfach „vom Radar verschwunden“ sei, der außerdem zufällig gerade nicht eingeschaltet war, der Grund sei eine Explosion, ein technisches Versagen, bedauerlich, aber so etwas käme nun einmal vor. Für wie blöd hielt man sie? Nanni und seine Genossen verfolgten außerdem aufmerksam die Ereignisse in Lateinamerika*. Es war zu befürchten, dass man auch in Italien mit Hilfe der Amerikaner eine faschistische Diktatur errichten wollte.

Den Ausschlag für Lutz und Nannis Treffen hatte allerdings der deutsche NATO-Mann gegeben: Berthold Brennecke+. Lutz hatte Nanni berichtet, dass Brennecke, der früher bei der SS gewesen war, woran sich aber in Deutschland niemand störte, zu einem Kreis einflussreicher Leute gehörte, denen die konservative CDU zu lasch war. Es deutete einiges darauf hin, dass Brennecke und seinesgleichen versuchen wollten, in der Bundesrepublik ähnliche Verhältnisse wie in Italien zu schaffen. Eventuell war sogar ein größerer Anschlag gegen die Zivilbevölkerung geplant. Lutz und seine Kontaktperson in Bonn glaubten, dass es einen großen Bahnhof treffen könnte oder vielleicht eine belebte Straße in West-Berlin, vielleicht sogar die Berliner U-Bahn. Verdammt! Lutz tat das hier auch für Micha, denn er hatte wirklich Angst.

Sorgfältig befreite Nanni den Sprengstoff, den er ausgegraben hatte, von Erdresten, die sich an der Plastikfolie festgesetzt hatten. Sie würden den Sprengsatz noch heute Nacht zum „Zigeunerlager“ bringen, einem verfallenen Haus in der Nähe, in dem manchmal Roma campierten. Heute Nacht allerdings schliefen dort drei Spanier oder vielleicht waren es auch Lateinamerikaner – das wusste Nanni nicht so genau -, jedenfalls Genossen, denen sie vertrauen konnten. Morgen würden diese Leute als Geschäftsleute in Erscheinung treten und die Bar an der Piazza della Repubblica aufsuchen, in der sich Brennecke mit ein paar italienischen Faschisten und einem der Amerikaner treffen wollte. Brennecke war offenbar an der Geräuschkulisse gelegen und obwohl er sicherlich seine Gorillas mit Knopf im Ohr in der Nähe haben würde, würde niemand es bemerken, dass einer der drei Geschäftsleute, die nur an ihrem Kaffee nippen und dann rasch wieder gehen würden, sein Aktenköfferchen vergessen würde, das er hinter seinem Stuhl, zwischen sich, dem Garderobenständer und der Wand platziert haben würde. Der mit einer Zeitschaltuhr versehene Sprengsatz sollte kurze Zeit später detonieren.

Lutz würde noch in der Nacht weiterfahren in Richtung Thyrrenisches Meer. Er konnte auf irgendeinem Parkplatz ein kurzes Nickerchen machen und sollte dann Morgen auf einem Campingplatz an der Küste als normaler deutscher Tourist, der mit seiner Tochter ein paar Tage Urlaub machen wollte, einchecken. Nanni würde offiziell seine kranke Cousine in den Bergen pflegen. Tatsächlich würde er eine Weile bei Genossen in einem besetzten Haus in der Nähe von Bologna untertauchen, bis sich die Wogen geglättet hätten.

Etwas raschelte. Ein Tross Fledermäuse flatterte zwischen der Reihe Zypressen hervor, die die hügelige Landschaft säumten. Vielleicht hatte ein anderes Tier sie aufgescheucht. In der Ferne schrie ein Käuzchen. Zumindest hörte es sich für Lutz so an …

Wer wissen will, wie’s weiter geht – demnächst hier bei Laila Phunk!

Argentinien:

*Um herauszufinden, um wen es sich bei unserer im ersten Abschnitt geschilderten Persönlichkeit handelt, musst du Teil I – III lesen. Zieht es dich mehr zu den historischen Fakten, dann lies einfach weiter und sei gespannt, wie sich die Story entwickelt …

Von 1976 -1983 herrschte in Argentinien eine rechte Militärdiktatur unter General Jorge Rafael Videla. Der gegen Großbritannien verlorene Krieg um die Falklandinseln im Frühling 1982 war gewissermaßen der Gnadenstoß für die Diktatur, die das Land außerdem, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, in eine tiefe Wirtschaftskrise getrieben hatte.

Der staatliche Terror, der mit dem Kampf gegen kommunistische Gruppierungen begründet wurde, hatte in Argentinien Ausmaße angenommen, die hart an die Grenze des menschlichen Vorstellungsvermögen gehen. Die Gefangenen wurden verschleppt, geschlagen und misshandelt, auf Metalltische gespannt und mit Elektroschocks behandelt. Letzteres wurde sarkastisch als „grillen“ bezeichnet. Ein Artikel von Markus Deggerich im „Spiegel“ aus dem Jahr 2004 beschreibt dies sehr eindrucksvoll. Gefangene, derer man sich entledigen wollte, wurden betäubt, in Flugzeuge verfrachtet und bei lebendigem Leib über dem Atlantik abgeworfen. Mehr über das Los der „Verschwundenen“, der sog. „Desaparecidos“, kann man u. a. in einem Artikel von Jens Wiegmann, der 2012 in der „Welt“ erschien, nachlesen. Ebenfalls in der „Welt“ geht Miriam Hollstein in einem Artikel von 2014 dem Schicksal der jungen Deutschen Elisabeth Käsemann nach, die zu den Opfern der argentinischen Militärdiktatur gehört. Aus heutiger Sich erscheint  es schwer nachvollziehbar, dass man in der Bundesrepublik Deutschland eher geneigt war, Käsemann als linke Terroristin darzustellen, um die Beziehungen zu Argentinien nicht zu gefährden. Jedenfalls erhielt die junge Deutsche keine Hilfe vom Auswärtigen Amt und wurde 1977 schließlich zu Tode gefoltert.

Deutschland:

**Lutz meint mit der „Todesnacht von Stammheim“ die Suizide mehrere inhaftierter Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) im Herbst 1977. Bei der RAF handelte es sich um eine linksterroristischen Vereinigung, die in Deutschland zwischen 1970 und ihrer Selbstauflösung im Jahr 1998 insgesamt 33 Morde, vornehmlich an Führungskräften aus Politik und Wirtschaft, beging. Mehrfach wurde angezweifelt, dass es sich in Stammheim tatsächlich um Selbstmord handelte.

Ulrike Meinhof, die in den 1960er Jahren eine renommierte Journalistin war und zu den Gründungsmitgliedern der RAF gehörte, wurde nach ihrer Inhaftierung in Köln-Ossendorf der sog. „sensorischen Deprivation“ unterzogen, d. h. sie saß von den anderen Häftlingen streng isoliert in einer schalldichten, weiß gestrichenen Zelle ein, in der 24 Stunden am Tag Licht brannte. Durch den Entzug von Sinnesreizen sollte eine erhebliche psychische Destabilisierung Meinhofs erreicht werden, die sich dann auch tatsächlich einstellte. Näheres hierzu in einem „Spiegel“-Artikel von 2016 von Michael Sontheimer.

Auch wenn die „sensorische Deprivation“ im Vergleich zu den in Argentinien angewandten Foltermethoden (siehe oben) vergleichsweise „milde“ erscheint, handelt es sich um eine Form von Folter, da hat Lutz recht. Entsprechend viel internationale Kritik, u. a. auch seitens des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, handelten sich die deutschen Befürwroter einer harten Linie gegen die RAF-Häftlinge ein. Immerhin galt die Bundesrepublik Deutschland – anders als Argentinien – nicht als Diktatur, sondern als Demokratie westlicher Prägung.

Italien:

***Nanni erwähnt die sog. „Strategie der Spannung“ („Strategia della tensione“) mittels derer in Italien durch terroristische Anschläge ein Klima der Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung erzeugt werden sollte. Als Ausgangspunkt kann vermutlich das Bombenattentat auf der Piazza Fontana in Mailand 1969 gelten, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen.

Auch wenn diese Anschläge, wie sich später herausstellte, oft auf das Konto der faschistischen Terrororganisation „Ordine Nuovo“ gingen, standen zunächst linksextremistische Gruppierungen unter Verdacht.

Da der PCI (Partito Communista Italiano), die kommunistische Partei in Italien in den 1970er Jahren einerseits relativ stark war – nicht zuletzt aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der erheblichen wirtschaftlichen Probleme – und sich andererseits – wie andere süd- und wetseuropäische kommunistische Parteien – von einem orthodoxen Kommunismus stalinistischer bzw. sowjetischer Prägung ab- und dem sog. „Eurokommunismus“ zugewandt hatte, hatte der konservative italienische Politiker Aldo Moro eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten befürwortet, was später auf Seiten der Linken als sog. „historischer Kompromiss“ („Compromesso storico“) in die Geschichte eingehen sollte. Diese politische Linie sollte der Radikalisierung der italienischen Gesellschaft und einer damit verbundenen weiteren politischen Destabilisierung entgegenwirken.

Anders als Nanni behauptet, hatte Moro allerdings sowohl im linken Lager, wo man den „Verrat“ linker Ideale witterte, als auch in rechtskonservativen Kreisen, wo man eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten um jeden Preis verhindern wollte, Feinde. Dennoch spricht heute fast alles dafür, dass Aldo Moro 1978 von den linskterroristischen „Roten Brigaden“ („Brigate Rosse“) ermordet wurde.

Allerdings hat Nanni insofern nicht ganz Unrecht, als dass der christlich-konservative Politiker Giulio Andreotti (Democrazia Cristiana, wie Aldo Moro) tatsächlich ebenso wie rechtskonservative und faschistische Kräfte ein Interesse an der Ermordung Moros hatte. Andreotti, der im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Posten innehatte, verweigerte Moro dann auch seine Hilfe, als dieser von den „Brigate Rosse“ entführt wurde. Dafür höhlte Andreotti die Idee einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten so weit aus, dass diese schließlich politisch einflusslos blieben. Darüber hinaus wurden Andreotti immer wieder Verbindungen zur Mafia nachgesagt.

Bei dem abgeschossenen Flugzeug, das Nanni erwähnt, handelt es sich um den berüchtigten Flug 870, der im Juni 1980 kurz vor Sizilien auf mysteriöse Weise vom Radar „verschwand“. Verschiedene Theorien ranken sich um das verschwinden des Flugzeuges, das auf dem Weg von Bologna nach Palermo war und 81 Menschen an Bord hatte.

Demnach, was man heute weiß, haben sich sehr wahrscheinlich us-amerikanische und französische NATO-Flieger im italienischen Luftraum aufgehalten, die Jagd auf einen Kampfjet, der den damaligen lybischen Diktator Mu’ammar Ghedaffi an Bord haben sollte, machten. Möglicherweise wurde das italienische Passagierflugzeug der Fluglinie Itavia versehentlich abgeschossen.

Allerdings hat die italienische Regierung unter Ministerpräsident Francesco Cossiga (1979/80) alles Erdenkliche unternommen, um den Vorfall zu vertuschen. Einige Indizien sprechen dafür, dass der verheerende Unfall während einer Flugschau auf der deutschen US-Airbase Ramstein (bei Kaiserslautern) 1988, der insgesamt 70 Todesopfer forderte, möglicherweise in Zusammenhang mit den Versuchen, die Ereignisse um den Itavia-Flug von 1980 zu vertuschen, stand, da es die italienische Flugstaffel war, die das Unglück von Ramstein auslöste, und ein Pilot dabei ums Leben kam, der als Zeuge zu dem Verschwinden von Flug 870 aussagen wollte.

Den neuesten Stand zu Flug 870 bietet übersichtlich aufgearbeitet Michael Braun in einem taz-Artikel von 2013. Laila Phunk folgt seiner Darstellung der Dinge, die sich so ähnlich auch auf Wikipedia und in konservativen Medien wiederfindet, im Wesentlichen.

+Berthold Brennecke existiert nur in meiner Fantasie. Auch alle anderen Personen und ihre Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden, sofern es sich nicht um historische Persönlichkeiten und Gegebenheiten handelt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zudem muss ich, nicht zuletzt auch um Missverständnissen vorzubeugen, darauf hinweisen, dass mit der Beschreibung politischer Postionen und Handlungen kein Versuch, Verständnis zu wecken oder gar eine „Parteinahme“ meinerseits verbunden ist – für keine der beteiligten Seiten. Es geht lediglich darum, – in Form einer historischen Internetstory – Denken und Handeln der Menschen der sog. „Anni di Piombo“, also der „bleiernen Zeit“ – die 1970er und 1980er Jahre – grob nachzuskizzieren. Historische Ungenauigkeiten sind Ergebnis sowohl einiger künstlerischer Freiheiten, die ich mir genommen habe, als auch mangelhafter Recherchearbeit. Man möge mir dies verzeihen – Ich bin Freizeitbloggerin.

#Schorndorf. Oder: Laila platzt der Kragen!

Gibt man #Schorndorf bei Twitter ein, ploppt zuerst ein südwestdeutsches Kleinstadtidyll mit Fachwerkhäusern vor strahlendblauem Himmel entgegen. @cduschorndorf heißt der Account. Aha. Linke „Krawallmacher“ sind hier offenbar nicht zu Hause. Dafür wurde wieder einmal gegrapscht. Bis zu 1000 Jugendliche sollen sich im Rahmen der „Schorndorfer Woche“ – offenbar eine Art Volksfest – in einem Park versammelt, randaliert und Sexualdelikte begangen haben. Mal ist von „Abiturienten“ die Rede, mal waren es eben nur „Jugendliche“ – so ganz ohne festgelegten Bildungsgrad. Migranten, genauer Flüchtlinge, sollen aber in jedem Fall dabei gewesen sein.

Auf Twitter platzt einer gewissen Anabel Schunke wortwörtlich der Kragen. Ein mit viel sch*** und a*** dekorierter Text wird einem dargeboten, in dem sich die Autorin kopfschütteln fragt (so stellt man sich das jedenfalls vor, also dass sie sich kopfschüttelnd fragt), was in diesem sch***-Land eigentlich los sei. Flüchtlinge bekämen hier ja sogar Flirtkurse. Und jetzt ist wieder so etwas wie #koelnhbf passiert. Wieviel „kultursensiblen Zucker“ man den Leuten denn noch „in den Ar*** blasen“ wolle. Die Twitter-Gemeinde klatscht eifrig Beifall.

Moment mal, Anabel wer? Ein paar Klicks ergeben, dass die Frau für das konservativ-liberale Internetmagazin „Tichy’s Einblick“ schreibt. Schunke – eine echte Posterschönheit: lange, blonde Haare, Traumfigur – modelt – klar! – und studiert Politikwissenschaften und Geschichte, wie einen ein Kurzprofil auf „Huffington Post“ informiert. Kein blondes Blödchen also. Eher eine, vor der sich andere wahrscheinlich klein fühlen. Fast fragt man sich, ob Anabel nicht im Real Life Karlheinz heißt und einen „Bier formte diesen Astralleib“-Schmerbauch vor sich herträgt, aber aus solchen Zeilen spricht vermutlich der pure Neid. Als ich lese, dass Schunke mehrfach Versuche unternommen hat, die AfD aus konservativer Sicht zu kritisieren, schäme ich mich auch gleich ein bisschen. Bin ich jetzt so ungnädig, nur weil es nicht meine Meinung ist? (Oder weil ich nicht ganz so hübsch bin? Ich kenne immerhin eine Menge Leute, denen das als Erstes dazu einfallen würde. Deshalb schreibe ich es jetzt auch.)

Doch ein paar Klicks weiter prangt ein Foto, dass die attraktive Blondierte mit einer etwas größeren Frau in einem weißen Polohemd zeigt. Beide scheinen in Partylaune zu sein. Die Große trägt ihr Haar streng zurückgebunden und ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor: Alice Weidel, AfD. „Mit der duftesten Frau der AfD“ steht unter dem Bild. Also wohl doch nicht so viel Abgrenzung.

Mittlerweile ist der Facebook-Account von Anabel Schunke offenbar gesperrt worden. Alice Weidel beschwert sich darüber entrüstet auf Facebook: „Zensur in Deutschland!“ und verlinkt sogleich zu einem Schunke-Text: „Ich muss keine fremde Kultur bedingungslos akzeptieren.“.

Nein, muss sie nicht. Sie muss sich auch nicht angrapschen lassen. Falls ihr das bereits passiert ist. Das täte mir leid. Für den Fall, dass es dunkelhäutige Täter waren, Menschen „südländischen Aussehens“, Muslime. Denn offenbar ist ja das das Problem.

Man muss relativieren. Natürlich begehen auch hellhäutige Menschen, Christen Sexualstraftaten. Ansonsten könnten sich die Frauen in Nordeuropa ja freuen. Es stimmt aber, dass das Frauenbild in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten ein anderes ist. Ein Grapscher an Po, Busen oder zwischen die Schenkel gilt oft eher als „Kavaliersdelikt“. Zumal wenn die Frau eine „Schlampe“ ist, also nicht keusch genug angezogen. Dann hat sie auch irgendwie selbst schuld.

Das stimmt also, da sind gewisse Vorbehalte nicht so ganz aus der Luft gegriffen – sieht man mal, wie gesagt, davon ab, dass ich solche Sätze auch schon aus biodeutschen Mündern gehört habe. In muslimischen Ländern ist es aber eben schlimmer. Dennoch stellen sexuelle Übergriffe auch in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten eine Aggression dar. Es ist ein bewusster Angriff auf die Würde, gewiss kein „normaler“ Umgang mit Frauen. Zumindest an den Stränden Tunesiens und Marokkos haben die Leute auch sehr wohl schon einmal leicht bekleidete Frauen gesehen – und sie haben sie NICHT begrapscht. Ältere erinnern sich sogar noch an die Zeiten, als die Burka im Maghreb noch mehr oder weniger unbekannt war und ein eher westlicher Lebensstil gepflegt wurde. Nicht einmal jeder muslimische Gelehrte ist Burka-Fan. So gut wie keine Frau in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten lässt sich „gern“ von wildfremden Typen angrabbeln.

Vielleicht sollte man diesbezüglich also besser auf dem Teppich bleiben. Ein anderes Frauenbild: ja, „von jeglicher Zivilisation unberührte, animalische Wilde, die nicht anders können“: nein. Wahrscheinlich würde es reichen, ein für alle mal klarzustellen, dass Grapschen und Vergewaltigen in Deutschland Straftaten sind und es auch wirklich strafrechtlich verfolgt wird. Und zwar ganz gleich, wer es macht.

Denn die Frage ist ja, ob Schunke und ihre Fans bei einem hellhäutigen Deutschen darüber hinwegsehen könnten, wenn der sie unsittlich berührt. Könnten sie es, dürfen sie sich auch nicht beschweren.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass es durchaus in der Zeitung stehen darf, wenn ein Täter dunkle Haare hatte oder eine Migrationshintergrund – Man kann ja ebenso schreiben, dass es eine Blondine war oder jemand, der Sommersprossen hatte oder ein Oberlippenbärtchen trug – Mir platzt jetzt auch so langsam mal der Kragen: Ja, unter den Flüchtlingen sind echte Schweine. Ja, es sind IS-Leute darunter. Ja, es sind Marokkaner unter ihnen, die glauben machen wollen, sie stammten aus Syrien. Ja, das ist Betrug. Ja, da geht es um Jobs. Ja, einige der „Schweine“ sind schwer traumatisiert, weil sie eben tatsächlich im Krieg waren und das macht es trotzdem nicht besser, wenn da dann jemand gewalttätig wird, Ja, überall ein Körnchen Wahrheit dran, so dass man im rechtskonservativen Lager auch laut auflachen kann, wenn jemand, der oder die nichts gegen Flüchtlinge hat, mal an so jemanden gerät. Gibt’s wirklich alles. UNTER ANDEREM AUCH. – ABER: Bei allem und jedem, wo irgendwie irgendeine Person involviert ist, auf die die Beschreibung: „Migrant“, „Flüchtling“, „dunkelhäutig“, „Muslim“ vage passt, wird laut aufgeschrien. Niemand auf Twitter hat sich über die biodeutschen Abiturienten in Schorndorf beschwert, die launig mitgegrapscht haben oder sogar die Idee dazu hatten. Wer die „Idee“ hatte, weiß man ja nicht. Aber es kam nicht mit einem Wort zur Sprache, dass da eine ganze Menge Nicht-Refugees waren, die sich ebenso sch*** benommen haben.

Stattdessen wird über „Flirtkurse für Flüchtlinge“ schadroniert. Na ja.

Unsere Verfassung will es so, dass vor dem Gesetz alle gleich sind – vielleicht die beste Idee seit langem … Muss man sich nur noch mal ins Gedächtnis rufen.

Das A-Wort und die Mitte Europas. In Sachen Soros …

Ein zähnefletschend grinsender Opa vor kühlem Royalblau – „Lassen wir nicht zu, dass es Soros ist, der am Ende lacht!“ ist fettgedruckt auf den Plakaten zu lesen, die überall in Ungarn prangen und seit ein paar Tagen auch in Deutschland für Furore sorgen. In Ungarn weiß man offenbar, wo der Feind steht, nämlich in den eigenen Reihen. Immerhin ist der US-Milliardär George Soros, der durch die Kampagne diskreditiert werden soll, gebürtiger Budapester. Sohn eines Esperanto-Schriftstellers, wie man auf Wikipedia nachlesen kann, geboren 1930. Seine Familie entging nur knapp den nationalsozialistischen Häschern, er selbst machte später in den USA mit Börsenspekulationen ein Vermögen. Und investiert, mit der „Open Society“ u. a. in die Demokratisierung Ungarns und anderer mittel- und osteuropäischer Länder.

politische Einflussnahme in Mittelosteuropa – kein Ein-Mann-Geschäft

Klar dass Soros, zumindest aus einer linken Perspektive, nicht gerade zur über jeden Zweifel erhabenen Lichtgestalt taugt. „Kasinokapitalismus“, eben jene außer Rand und Band geratenen Finanzmärkte, die Soros zum Milliardär gemacht haben, kann und sollte man ja kritisieren. Auch ist es sicherlich kritikwürdig, wenn Demokratisierungsprozesse ausgerechnet von Spekulanten angeschoben werden, zumal in den mittelosteuropäischen wirtschaftlichen Ruinen, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hat, und auf die sich in den 00er Jahren allerlei geldgierige Raubtiere – Investoren, windige Geschäftsleute und nicht minder fragwürdige „Influencer“ – gestürzt haben wie die Aasgeier auf ein verendendes Rind.

Nur – wenn nicht Soros die „Open Society“ gegründet hätte, dann hätte eben jemand anderes mehr Einfluss gehabt, vielleicht jemand mit weit weniger edlen Hintergedanken. Es ist ja gerade das Problem kritischer, vielleicht auch oppositioneller Gruppen in armen Ländern, dass sie auf ein finanzielles Backing von dritter, meist ausländischer Seite angewiesen sind, um sich eine gewisse politische Infrastruktur aufbauen zu können, zumindest, wenn sie nicht auf illegale Methoden zurückgreifen wollen, um an Geld zu kommen. Damit laufen sie natürlich theoretisch immer Gefahr, vor den Karren fremder Interessen gespannt zu werden, oder – wie Lenin es ausgedrückt hätte – als „nützliche Idioten“ herhalten zu müssen, die man gut für die eigene Sache vereinnahmen kann.

Fragt sich allerdings, wessen „nützlicher Idiot“ man lieber sein will – denn George Soros ist lange nicht der einzige auf dem Markt der politischen Einflussnahme in Mittel- und Osteuropa. Russland hat ein Interesse daran, die politische Linie Wladimir Putins möglichst breit durchzudrücken, es gibt andere „Gönner“, so ziemlich jede politische Stiftung und jedes Kulturinstitut sowie zahlreiche kleinere und größere NGOs sind bemüht, im Kampf um Köpfe und Multiplikatoren nicht das Nachsehen zu haben.

Kritik an Soros oder Antisemitismus?

Aber darum geht es wohl nicht, zumindest nicht in erster Linie. George Soros ist Jude – ein schwerreicher Jude, der sich als liberaler Philantrop und Demokratiebringer im Sinne Karl Poppers sieht. Offenbar löst das antisemitische Reflexe aus, auch hierzulande. So mutmaßt Ken Jebsen, der im linken friedensbewegten und palästinafreundlichen Milieu nicht irgendwer ist, dass Soros als ominöser Hintermann und Drahtzieher hinter dem „Womens March“ steckt, einer großen feministischen Protestdemonstration, die im Frühjahr gegen die Präsidentschaft Donald Trumps mobil gemacht hatte und international in den Medien viel wohlwollende Beachtung fand. Jebsen behauptet zudem, wie ihn der Berliner Tagesspiegel zitiert, dass Soros den Feminismus fördere, um Frauen zur Abtreibung zu verleiten und mit den toten Embryonen Geld zu verdienen.

Das ist noch eine Stufe härter als Viktor Orbán, der selbst zwar mit einem Stipendium der „Open Society“ in Oxford studieren durfte, nun aber überzeugt ist, dass Soros illegale Einwanderung fördere, um damit Geschäfte machen zu können.

Sicher, illegale Einwanderung ist ein Segen für Leute, die von Mindestlöhnen, Arbeitsschutz und Sozialversicherung nicht viel halten. Immerhin kostet das. Donald Trump wird nachgesagt, dass er bevorzugt illegale Lateinamerikaner auf seinen Baustellen arbeiten ließ. In Deutschland waren es v. a. konservative Politiker, die hofften, mit den Flüchtlingen den Mindestlohn unterlaufen zu können. Dadurch werden die Fluchtursachen – der Krieg in Syrien, die prekäre wirtschaftliche Lage in Afrika – jedoch nicht minder real. Sie sind nicht das Werk weder Donalds Trumps, noch des deutschen Arbeitgeberverbandes, des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder eben des „Open Society“-Gründers George Soros.

Unterstützung von israelischer Seite: Zur Not auch für Antisemiten

Schützehilfe erhalten die Kritiker des ungarischen Philantropen jetzt jedoch von unerwarteter Seite – nämlich aus Israel. Nachdem der israelische Botschafter in Ungarn, Yossi Amrani, die antisemitische Kampagne mit den königsblauen Plakaten scharf kritisiert hatte, pfiff ihn Benjamin Netanjahu sogleich zurück, wie man u. a. auf Spiegel-Online nachlesen kann. Soros dürfe man ruhig kritisieren, so der israelische Premierminister.

Na ja, sicher, wie gesagt … Aber muss es eine antisemitische Hetzkampagne, unter der dann eben die gesamte jüdische Bevölkerung Ungarns zu leiden hat? Ist das immer noch besser, als wenn sich „die Falschen“ in Mittelosteuropa zu sehr einbringen? Vermutlich interessiert sich Netanjahu nicht allzusehr für Soros‘ Heimat Ungarn. Die „Open Society“ soll allerdings mittlerweile auch in Israel aktiv sein und – ein pikantes Detail, dass der deutschen Linken sauer auftoßen dürfte – dort v. a. eine linksliberale Politik fördern, die Kritik an den jüdischen Siedlern übt und eine Aussöhnung mit den Palästinensern anstrebt. Genau das aber wollen die Leute um Ken Jebsen, die Friedensbewegung und das Querfront-Milieu um die DKP und Teile der Linkspartei in Deutschland ja eigentlich auch. Netanjahu dagegen bevorzugt, wie Allison Kaplan-Sommer unter dem Titel „Why Netanjahu hates George Soros so much“ vorige Woche auf Haretz ausgeführt hat, eher jemanden wie Sheldon Adelson – ein us-amerikanischer Milliardär, dessen Eltern aus Russland in die USA auswanderten, interessanterweise ist er fast im gleichen Alter wie Soros. Sheldon ist außerdem ein „Kasinokapitalist“ im wahrsten Sinne des Wortes: Immerhin ist er in Las Vegas mit Kasinos reich geworden. Anders als Soros‘ deutsche Feinde hat er auch kein Herz für Palästina sondern begrüßt und unterstützt jüdische Siedlungen im Westjordanland. Darüber hinaus steht der Milliardär politisch den Republikanern nahe und förderte sowohl George W. Bush als auch Donald Trump  – wie ihm sein Wikipedia-Eintrag bescheinigt.

Es geht noch viel schlimmer: Faschismus in der Slowakei

Doch kehren wir mental nach Europa zurück, reisen wir gedanklich mit dem Zug von Budapest nordostwärts, in Richtung ukrainische Grenze. Die Mitte Europas befindet sich, wie einmal jemand gesagt haben soll, geographisch gesehen angeblich auf dem Marktplatz von Banská Bystrica, einem kleinen Universitätsstädtchen in der Zentralslowakei. Hier marschiert gern jemand in einer martialisch-angsteinflößenden schwarzen Uniform herum, der rein äußerlich fast eine jüngere Ausgabe von George Soros sein könnte. Damit allerdings enden die Gemeinsamkeiten auch schon, denn Marian Kotleba, der klotzige, dickliche Slowake mit dem spärlichen, gepflegten Oberlippenbärtchen, dem u. a. die „Welt“ ein Portrait gewidmet hat, steht politisch ganz weit rechts, so weit, dass er es vermutlich nicht einmal entrüstet von sich weisen würde, wenn man ihn als Faschisten bezeichnet. Er ist nämlich einer: wettert gegen Roma und Juden, glorifiziert die faschistischen slowakischen Hlinka-Garden und Adolf Hitler. Globalisierungskritik formuliert Marian Kotleba kurz und griffig: „Yankees raus!“. 2013 wurde er zum Landeshauptmann der Zentralslowakei gewählt.

Vielleicht sollte man George Soros und der „Open Society“ doch noch mal eine Chance geben …