Terror! (Teil 26)

Alle Folgen von „Terror!“, der Internetstory, finden sich unter #TerrorTheStory.

Swantje, Dangast bei Varel, Norddeutschland, 11. Januar 1986, ca. 15 Uhr

Sie verbrachte die Wochenenden jetzt wieder allein. Für den Markt in Groningen war es ihr zu kalt. Warum sollte sie sich alles abfrieren, wenn die Leute jetzt, so direkt nach Weihnachten, ohnehin nichts kaufen wollten? Fahl schien die Wintersonne in die großen Fenster ihres Ateliers. Es war zugig und vielleicht hätte sich jemand mal um die Isolierung kümmern müssen, aber Swantje hatte sich einfach einen dicken, ausgeleierten Wollpulli angezogen und darüber ihren alten Malerkittel gestülpt. Auf dem wackeligen Beistelltischchen stand eine Flasche billiger Chianti. Der würde auch von innen wärmen. Auf den Boden hatte Swantje zwei leere Weinflaschen gestellt, auf die sie Kerzen gesteckt hatte, die allerdings in dem zugigen Wind, der durch das Zimmer pfiff, ziemlich flackerten. Vor ihr lag die Leinwand, die sie schon gestern Abend grundiert hatte. Die alten Bodendielen knarrten, während Swantje die Farben holte. Sie nahm lieber Tempera als Öl und breite Pinsel, auch Spachtel. Swantje kaufte nicht nur im Künstler-, sondern auch im Handwerkerbedarf. Sie hatte nicht viel Geld, doch sie pflegte ihr Arbeitszeug gut. Gestern Abend hatte sie die Pinsel noch in Terpentin eingeweicht. Der eine, langborstige war allerdings an der Spitze trotzdem noch ein wenig hart. Swantje ging ins Bad und spülte die Pinsel in dem kleinen Keramikwaschbecken mit der gesprungenen Schüssel. Mit der Hand bog sie an der verhärteten Pinselspitze und versuchte, die eingetrocknete Farbe herauszureiben. Dann steckte sie alles in den blauen Putzeimer und ging zurück ins Atelier.

Sie füllte Wein in einen Einwegbecher aus Plastik und nahm einen Schluck. Dann mischte sie einen mittleren Grauton an, der sich nur leicht von der anthrazitfarbenen Grundierung abheben würde. Mit dem breiten Malerpinsel, der fast die Form eines kleinen Schrubbers hatte, strich sie Farbe auf die Leinwand. Sie strich immer hin- und her und achtete darauf, dass der Pinsel die Leinwand nur leicht berührte, so dass er nur ein paar rauhe Farbspuren hinterließ, die schnell eintrocknen würden. Dann nahm sie einen anderen Pinsel und verteilte mit schnellen Bewegungen Umbra auf dem Bild. Danach hockte sie sich vor die Leinwand und verwischte die Farbe mit einem Schwämmchen. Es war nicht einfach, quasi auf allen Vieren über der Leinwand zu hängen und Swantje verlor fast das Gleichgewicht, als sie am hinteren Bildteil angelangt war. Sie musste sich konzentrieren. Sie hatte sich die Haare zurückgebunden, doch eine Strähne löste sich trotzdem und wäre fast auf das Bild geklatscht. Swantje ließ sich davon nicht irritieren und machte weiter. Von der Kälte im Raum spürte sie jetzt nichts mehr. Sie schwitzte. Sie merkte, wie sich ihre Oberschenkelmuskulatur verkrampfte und ließ sich mit einem Ruck zurückfallen. Als sie aufstand, musste sie erst einmal ihre Glieder ausschütteln.

Swantje beschloss, eine Pause zu machen und stopfte sich eine Pfeife. Außerdem nahm sie noch einen Schluck Wein. Skeptisch begutachtete sie die Leinwand. Während sie rauchte, ging sie langsam um das Bild herum, versuchte, alles aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Langsam blies sie den Rauch aus. Er schien ihr fast eine leichte rosane Färbung zu haben. Aber das bildete sie sich nur ein. Es war der Kontrast zu dem blassgrauen Winterhimmel, den sie aus dem Fenster sah. Die Sonne schien wie ein glühender Feuerball auf die endlos flache, von Schneematsch bedeckte Landschaft. Dunkle, braune Furchen durchzogen die Erde wie brutale Einschnitte, als habe jemand eine ansonsten perfekte Oberfläche aufwühlen wollen. Hier und da wanden sich ein paar grünbraune Grasbüschel durch die schmutzigen Schneeflecken, die die Erde nur halbherzig bedeckten und vor sich hin schmolzen und vermatschten, sich aber trotzdem seit Weihnachten hartnäckig hielten. Alles bildete ein Muster, das in einem organischen Rhythmus zum Horizont hin zusammenfloss. Die tief stehende, glutrote Sonne war gewissermaßen der irritierende Kontrastpunkt, der der eintönigen, gleichförmigen Landschaft Kraft und Vitalität einhauchte. Swantje setzte sich auf den kleinen Bistrotstuhl vom Flohmarkt, der in einer Ecke stand, und zog ein Bein hoch. Nachdenklich hielt sie die Pfeife in der rechten Hand.

Dann hockte sie sich wieder vor die Leinwand und trug großzügig Zinnoberrot auf. Sie ließ die Farbe mit einer wippenden Bewegung auf die Leinwand tropfen. Als sie damit fertig war, nahm sie einen großen Pinsel und drückte ihn energisch auf die zinnoberroten Farbflecken. Sie spannte die Schultermuskulatur an und zog den Pinsel mit Schwung über die Leinwand. Dann setzte sie nochmal mit dem Pinsel an, tunkte ihn auf einen anderen zinnoberroten Flecken und zwang die Farbe wieder in einen Bogen, der ein Echo des ersten war. Und nochmal. Und nochmal. Swantje setzte mit dem Pinsel an und zog. Sie packte den Pinsel mit beiden Händen und zog, tropfte Farbe, in die sie jetzt ein wenig Purpur mischte, auf die Leinwand und zog. Die Farbe waberte und gluckerte wie Blut aus einer großen Wunde. Swantje zwang ihr ihren Rhythmus auf. Wieder und wieder. Sie packte den Pinsel, umkrampfte ihn mit ihren Händen und zog. Sie schwitzte. Sie spürte förmlich, wie es aus ihren Poren dampfte.

Dann ließ sie sich erschöpft auf den Stuhl fallen. Sie wusste, dass sich derartige Bilder nicht gut verkauften. Es war nichts genuin Kreatives, keine Idee und kein Konzept, sondern ein rein physischer Kraftakt. Es war nichts, was den Leuten den grauen Alltag verschönerte. Es war Selbstausdruck, Energie, ein quasi exorzistisches Ritual. So ähnlich hatte es auch Jackson Pollock* gesehen, ihr großes Vorbild, nach dessen künstlerischen Prinzipien sie Bilder einfach werden und wachsen ließ, und zwar in einem körperhaften, organischen Sinne. Das machte sie immer, wenn ihr der Sinn danach stand, wenn sie nicht für den Verkauf töpferte, was sie allerdings auch sehr gerne tat, oder hübsche Aquarelle anfertigte, von denen sie hoffte, dass die Leute sie irgendwie mögen und kaufen würden.

Ihr Freund Lutz saß gerade in Frankfurt in Untersuchungshaft. „Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ hieß es, aber das sollte wohl ein Witz sein. Sie hatte ja gewusst, dass Lutz, den sie in Groningen auf dem Markt kennengelernt hatte, kein Spießer war, aber er war kein gewalttätiger Typ, da war sie sich sicher, sonst hätte sie sich gar nicht erst auf ihn eingelassen. Nein, das konnte alles nicht wahr sein. Swantje traute ihrer Menschenkenntnis. Lutz war nicht diese Art aggressiver Cowboy, der sich etwas beweisen musste, indem er den Leuten mit einer Knarre vor der Nase herumfuchtelte oder sonstwie einschüchternd auftrat. Nächsten Freitag war die Verhandlung. Sie hatte ihn einmal besucht und auch mit Hans Brockmann, seinem Anwalt gesprochen. Den hatte ihm seine Ex-Frau besorgt. Sigrid. Die hatte Lutz allerdings auch an die Bullen verpetzt. Irgendsoeine Uni-Tussi war sie wohl, die früher absolut radikal gewesen war und jetzt einen auf bürgerlich machte. Swantje war misstrauisch, wenn Menschen sich so sehr wandelten, so sehr von einem Extrem ins andere fielen, dass man glatt davon ausgehen konnte, dass das eine wie das andere aufgesetzt war, eine Fassade, hinter der sich ein unsicherer und möglicherweise auch unberechenbarer Mensch versteckte.

Sie selbst hatte nichts zu sagen, was Lutz in irgendeiner Weise würde belasten können und das hatte sie Brockmann auch klargemacht. Der schnauzbärtige Anwalt, dem das schüttere Haar bis auf die Schultern fiel und der in seinem abgewetzten grünen Cordsacko so gar nicht wie ein Paragraphenreiter ausgesehen hatte, schien schon ganz in Ordnung zu sein. Er hatte versucht, Swantje darauf vorzubereiten, dass auch unangenehme Fragen kommen könnten und dass sie sie würde beantworten müssen, dass sie nicht lügen dürfte, andererseits aber auch nicht gezwungen sei, mehr preiszugeben als unbedingt nötig war, um die jeweilige Frage zu beantworten.

Swantje würde das schon packen. Da war sie sich sicher. Allerdings war es auch für sie nicht ganz einfach. Sie hatte einen neunjährigen Sohn, Arne, der am Wochenende bei seinem Vater in Oldenburg war. Wenn sie unter der Woche wegmusste, musste sie eine Freundin bitten, auf Arne, der in Varel zur Schule ging, aufzupassen. Ideal war das nicht.

Lutz und sie hatten sich nicht viel zu sagen gehabt, als sie ihn im Knast besucht hatte. Sie wusste, dass das daran lag, dass sie sich nur in einem kleinen Raum und unter Aufsicht hatten treffen können. Aber was war, wenn das nicht alles war? Genau genommen hatte sie mit Lutz keine richtige Beziehung geführt. Natürlich würde sie zu ihm halten. Das war es nicht. So eine war sie nicht, die die Leute fallen ließ, nur weil sie irgendwo beim Establishment angeeckt waren. Also, selbst wenn er Bomben gelegt hätte – damit konnte sie klarkommen, das konnte sie in gewisser Weise verstehen. Sie fragte sich nur, ob sie ihn überhaupt wirklich kannte. Was, wenn er das Ganze mit ihr nur als einen lustigen Spaß betrachtet hatte, wenn es für ihn nur eine oberflächliche Affaire gewesen war und sie, Swantje, in seiner Erinnerung bereits verblasste, während er in Untersuchungshaft saß?

Swantje hatte sich bislang vom Leben treiben lassen. Jetzt war sie 29 und hatte das Gefühl, auf eine Sandback aufgelaufen zu sein. Definitiv. Sie steckte ganz einfach fest.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 27.

*Jackson Pollock (1912 – 1956): us-amerikanischer Maler, Vertreter des abstrakten Expressionismus, der in den späten 1940er und in den 1950er Jahren die Kunstwelt beschäftigte. Die Malereien sind vollkommen gegenstandslos und wirken auf den ersten Blick oft wirr und „gekleckst“, als hätten Kinder oder Menschen unter Drogeneinfluss in einem Anfall von Furor Farbe auf die Leinwand geklatscht. Bei näherer Betrachtung lassen sich oft ein spezieller Rhythmus und eine Dynamik von Farben und Formen ausmachen, die irritierend wirken, wenn man mit „guter Malerei“ einen handwerklich versierten Realismus oder aber zumindest die Schaffung einer gefälligen Ästhetik verbindet. Wenn man aber bereit ist, sich auf abstrakten Expressionismus einzulassen, dann wird sich einem eine energiegeladene, kreative Kunst im wahrsten Sinne des Wortes erschließen, nämlich etwas, das man im Alltag so nicht mit bloßen Augen erkennen kann und das daher seine ganz spezielle Magie entfaltet. Wer glaubt: „Das kann ja jeder!“, der versucht es vielleicht am besten mal selbst zu Hause … (gut lüften! Bei Acryl Atemmaske tragen!). Nähere Informationen speziell zu Jackson Pollock, dessen Malweise des Action Painting Swantje hier in der Internetstory nachahmt, gibt es auf Wikipedia (Englisch).

Alle Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Terror! (Teil 26)

  1. Pingback: Terror! (Teil 25)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.