Terror! (Teil 25)

„Terror!“ ist eine Internetstory in bislang 25 Teilen. Wer den Anfang verpasst hat der irgendwo quereinsteigen will – unter #TerrorTheStory gibts alle Folgen.

Lutz, Groningen, Niederlande, 29. November 1985, ca. 19 Uhr

Lutz lachte leise in sich hinein. Swantje war vor einer guten Viertelstunde gekommen und jetzt warf sie sich ihm kichernd an den Hals, als wäre sie total bekifft. Aber Swantje hatte sich nur eine normale Zigarette gedreht. Sie hielt sie Lutz hin. Er grinste und schüttelte den Kopf, dabei fuhr er ihr zärtlich durchs Haar. Er fühlte sich eigentlich jedesmal total stoned, wenn Swantje da war, auch wenn sie nichts geraucht hatten und er genoss es. Sie küssten sich innig. Plötzlich klingelte es an der Tür.

Lutz fuhr herum. Einer Intuition folgend zögerte er einen Moment. „Politie!“ knurrte eine Stimme auf Niederländisch. Dann sagte jemand auf Deutsch: „Bundeskriminalamt, Herr Seiffert. Wir hätten da ein paar Fragen. Machen Sie bitte auf.“

Micha, Gießen, 20. Dezember 1985, gegen Mitternacht

Micha konnte nicht schlafen. Sigrid und Bernd stritten sich schon wieder. Sigrid hatte zu Bernd gesagt, dass er ihr auf die Nerven gehen würde. Bernd hatte geschnauzt: „Ach, aber gut von meinem Geld leben, das kannst du!“ „Als ob du der Märchenprinz bist, den ich erst heiraten musste, um glücklich zu sein.“ pampte Sigrid zurück. „Nein, glücklich bist du ja offensichtlich nicht …“ hatte Bernd leise erwidert. Was Sigrid gesagt hatte, hatte Micha nicht verstanden. Dann war Sigrid aufgestanden und in ihr Arbeitszimmer gegangen. Micha hörte, wie die Schreibmaschine leise tackerte. Das wiederum nervte jetzt Bernd. Micha nervte es auch, wenn sie ehrlich war. „Hör auf damit!“ verlangte Bernd. Sigrid sagte nichts, aber offensichtlich hatte sie die Tür zu ihrem Arbeitszimmer zugemacht, denn von dem Getackere war nichts mehr zu hören.

Micha zog die Knie unter der Bettdecke an ihre Brust und blieb eine Weile so liegen. Sie wusste nicht, was das noch geben würde. Eigentlich stritten Bernd und Sigrid nur nachts und taten ansonsten so, als wäre alles in Ordnung, aber ständig lag so eine Anspannung in der Luft. Warum konnte denn nicht einfach mal jemand sagen, was los war? Bei jeder Kleinigkeit hieß es: „Micha, das geht noch nicht in deinem Alter, dazu bist du noch zu jung.“ Als Micha mit ihrer besten Freundin Thekla zusammen Pfefferminzlikör probiert und danach total gekotzt hatte, hatte Sigrid ein Riesentrara gemacht, aber Micha tat sich wenigsten nicht mit Leuten zusammen, mit denen sie dann doch nicht klarkam. Sie fand Kevin Bacon* nicht schlecht. Thekla stand mehr auf George Michael*. Aber keine von ihnen würde auch nur in Erwägung ziehen, zum Beispiel Christian, den Klassenclown, zu heiraten. Nein, da würde Micha sich lieber einen Strick nehmen. Christian war einfach nur peinlich und kindisch und so sah er auch aus.

Allerdings fand sie Bernd so als sozialen Vater eigentlich ganz nett. Sonntagsabends nahm er sich oft die Zeit und erklärte ihr noch mal Mathe. Micha hoffte jedenfalls, dass sich alles wieder einrenken würde. Sie hatte allerdings ihre eigenen Probleme. Seit September war sie in der Theater-AG. Aus ihrer Klasse machte sonst nur Katja mit, die überall Supernoten hatte und der Liebling aller Lehrer war. Ein paar aus der Zehnten wollten ein Musical aufführen, was eigentlich alle gut fanden, sogar Markus und Sebastian, die einzigen Jungs. Micha hatte vorgeschlagen, etwas eigenes auf die Beine zu stellen, etwas wie „Flashdance“*, nur dass es in Gießen spielen sollte. Natürlich hatte sie, die ziemlich sportlich war und der man ein gutes Rhythmusgefühl nachsagte, sich heimlich schon als Tanzstar ihrer Schule gesehen, aber Markus wollte lieber etwas mit etwas mehr intellektuellem Tiefgang, „West Side Story“ oder „Hair“, auch wenn es nicht ihre eigene Idee war. Micha hatte genau gehört, wie er mit ein paar Leuten aus der Zehnten über sie gelästert hatte. Doch Katja fand die Idee gut und hatte einen Kompromiss vorgeschlagen: „West Side Story“ in Gießen mit fetziger Musik von heute. Das fanden viele gut, sogar Ellen aus der Zehnten. Nach den Weihnachtsferien wollten sie Frau Jäger, die die Theater-AG leitete, den Vorschlag unterbreiten. Bisher hatten sie immer nur Übungen gemacht und alle wollten jetzt endlich ein richtiges Stück. Micha hoffte, dass Frau Jäger sich erweichen lassen würde. Deren erklärter Liebling war allerdings Markus, weil der immer schleimte und sich damit großtat, wie viel Ahnung er von Theater und Literatur hatte. …

Micha streckte sich und gähnte. Im Haus war jetzt alles ruhig. Durch das Fenster fiel nur das fahlgelbe Licht des Mondes. Der wachte so freundlich und verlässlich über den tiefdunklen Nachthimmel, als wolle er Micha ins Gesicht lachen und ihr sagen, dass es absoluter Schwachsinn sei, sich von dieser ewigen Streiterei zwischen Sigrid und Bernd einschüchtern zu lassen. War ja schließlich deren Problem. Müde drehte sie sich zur Seite und schlief ein.

Micha, Gießen, 22. Dezember 1985, 8 Uhr

Micha wachte davon auf, dass etwas in der Küche polterte. Sie hatte jetzt Ferien, Sigrid musste nicht zur Uni und Bernd hatte seine Praxis geschlossen. Wer dringend zum Zahnarzt musste, musste eben zum Notdienst gehen. Sigrid und Bernd standen aber normalerweise früh auf und taten es deshalb auch jetzt in den Ferien. Micha konnte, wenn sie wollte, schlafen, so lange sie wollte, aber dann musste sie eben allein frühstücken.

Weihnachten war bei ihnen normalerweise ziemlich entspannt. Sigrid hatte keinen Bock zu feiern, weil die Bibel sowieso von Menschen geschrieben und Weihnachten ein reines Kommerzfest sei. Dafür konnte jeder lesen, auf dem Sofa rumhängen und Fernsehen gucken und abends kochten sie nett und hatten meistens irgendwelche Gäste, Leute, die Sigrid irgendwoher kannte und die auch keine Lust hatten, Weihnachten zu feiern oder sich einsam fühlten. Manchmal machten sie auch lange Spaziergänge durch den Wald oder brachten irgendeiner kirchlichen Organisation Sachen, die Micha nicht mehr brauchte.

Dieses Jahr hatten sie am zweiten Weihnachtsfeiertag eigentlich zu Opa Rolf und Oma Trudchen fahren wollen. Normalerweise vermied Sigrid das und dachte sich irgendwelche Ausreden aus, wenn Oma Trude sie anrief. Aber dieses Jahr hatte Sigrid ihren Eltern irgendwie beibringen wollte, dass sie wieder geheiratet hatte. Aber dann hatte sie angerufen und gesagt, dass sie alle mit der Magen-Darm-Grippe im Bett liegen würden und nicht kommen könnten, obwohl sie alle kerngesund waren.

Lustlos schlurfte Micha ins Bad, machte Katzenwäsche und zog sich das Sweatshirt und die Jeans von gestern an. Dann trottete sie runter in die Küche. Bernd hatte sich ein Brötchen geschmiert und las die Zeitung. Sigrid schlug ein paar Eier in die Pfanne.

Bernd und Sigrid schreckten hoch als Micha im Türrahmen stand. „Lutz ist im Knast, Micha. In Frankfurt.“ sagte Sigrid beiläufig. „Angeblich hat er bei ein paar Terroranschlägen von der RAF mitgemacht. Das behaupten jedenfalls die Bullen, aber es ist glatt gelogen.“ Sigrid zögerte „Leider steht es heute auch in der Zeitung.“

„Woher weißt du so genau, dass es nicht stimmt?“ fragte Bernd. „So ist er nicht.“ erwiderte Sigrid. „Aha.“ Bernd klang ein wenig spitz. Sigrid presste die Lippen zusammen. „Anfang Januar ist die Verhandlung.“ sagte sie und schob hinterher: „Ich geh die Wäsche machen.“ Sigrid verkrümelte sich. „Nein, lass doch. Das kann ich doch machen.“ rief Bernd, aber Sigrid war schon weg.

Sie hatte sich eine Art Gästebett in ihr Arbeitszimmer gestellt. Dort schlief sie nachts, während Bernd im Schlafzimmer blieb. Offenbar war das ganz gut, Weihnachten und Silvester verliefen jedenfalls ohne Probleme. Zu Silvester hatten sie sich sogar ein paar von ihren Öko-Freunden eingeladen und zogen sogar eine richtige Show ab, was Micha dann auch wieder verlogen fand. Aber sie machte sowieso mehr und mehr ihr eigenes Ding und kümmerte sich nicht groß um die Erwachsenen. Sie freute sich richtig darauf, dass die Schule wieder anfing, denn sie war gespannt, wie es mit der Theater-AG weiter gehen würde. Außerdem hatte sie gehört, dass Lutz jetzt mit einer Künstlerin zusammen war. Sie war neugierig auf sie. Und natürlich konnte Micha es kaum erwarten, Lutz im Gefängnis zu besuchen. Schließlich hatte sie ihn über fünf Jahre nicht gesehen. Sie fand das alles jedenfalls total aufregend, auch wenn Sigrid ihr eingeschärft hatte, in der Schule nichts davon zu erzählen, nicht einmal Thekla.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 26.

*Kevin Bacon: Star des Tanzfilms „Footloose“ (USA 1984). George Michael war damals Sänger der Boygroup Wham!. „Flashdance“ (USA 1983) ist ebenfalls ein Tanz- und Musikfilm. Vermutlich muss man 14 sein, um so etwas gut zu finden, wie Thekla und Micha in dieser Geschichte ….

♦Discographie: Bonnie Tyler: „Holding out for a Hero“, Release: 1984, Soundtrack „Footloose“ (siehe oben), Irene Cara: „What a Feeling“, Release: 1983, Soundtrack „Flashdance“ (siehe oben), Wham!: „Wake Me Up Before You Go-Go“, Lyrics: George Michael, Release: 1984. Tja, so waren sie … die 80er. Zumindest diesseits des Eisernen Vorhanges.

Alle Personen wie auch ihre Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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