Terror! (Teil 24)

Wer den Einstieg verpasst hat – unter #TerrorTheStory gibt’s alle Folgen.

„Terror!“ ist eine Internetstory – alle Personen und ihre Handlungen sind daher frei erfunden, sofern es nicht um historische Persönlichkeiten und/oder Ereignisse geht. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Swantje, Bunde, Ostfriesland, Grenzübergang Deutschland/Niederlande, 10. November 1985, ca. 18 Uhr

Swantje schluckte. Plötzlich stand vor ihr ein Grenzposten und winkte sie an den Rand. Normalerweise ließen sie Autos mit Oldenburger Kennzeichen ohne großes Aufheben passieren und sie kannten sie ja mittlerweile. Trotzdem steuerte sie den kleinen VW-Bus vorsichtig, wie ihr geheißen, in eine Ecke, wo noch ein weiterer Grenzschützer mit einem Schäferhund auf sie wartete. Der erste Grenzschützer klopfte ungehalten an das Autofenster. Swantje ließ die Scheibe herunter. „Aussteigen und Papiere, bitte!“ forderte der Grenzschützer sie auf. Swantje kramte nach ihrem Führerschein. Gott sei Dank hatte sie auch ihren Personalausweis dabei. Dann stieg sie aus. Sofort sprang der Schäferhund an ihr hoch, schnüffelte aufgeregt und bellte. Swantje fühlte sich bedrängt. „Können Sie bitte den Hund wegnehmen?“ bat sie. „Unser Hasso hier interessiert sich für Sie und deshalb interessieren wir uns auch für sie.“ Der Grenzschützer grinste. Er hielt den Köter zwar an der Leine, dachte aber nicht daran, das Tier in irgendeiner Weise zurückzuhalten. „Kommen Sie bitte mit!“ Der andere wies mit einer etwas kantigen Geste in Richtung des Grenzhäuschens. Swantje wusste, dass sie jetzt ihren Bus durchsuchen würden, aber sie hatte sich nichts vorzuwerfen. In dem VW-Bulli waren nur Töpferwaren, Zeichnungen, Aquarelle und handgewebte Tücher, die sie Samstags auf dem Markt in Groningen verkaufte.

„Swantje Jansen.“ Der Grenzer sprach ihren Namen bedächtig aus. Er hatte sich in dem Grenzhäuschen an einen kleinen Tisch gesetzt und auch ihr bedeutet, Platz zu nehmen. „Sie verkaufen also jeden Samstag Kleinkunst auf dem Markt in Groningen?“ Swantje nickte. „Und fahren immer erst Sonntagabend zurück?“ Der Grenzer schaute sie mit festem Blick an. „Ja.“ sagte Swantje „Ist das verboten?“. „Nö, natürlich nicht.“ entgegnete der Grenzer „Wir sind nur neugierig. Ist ja unser Job.“

Eine halbe Stunde später war Swantje wieder auf der Landstraße. Sie hoffte, dass sie nicht schneller fuhr als erlaubt, denn sie wollte nicht zweimal an einem Abend Ärger mit der Polizei haben. Trotzdem wollte sie nicht zu spät in Oldenburg sein. Sie musste ihren Sohn, der das Wochenende bei seinem Vater verbracht hatte, abholen. Er wartete sicher schon.

Swantje wusste nicht, dass ihre Daten an die Kripo Oldenburg weiter geleitet wurden. Dort war Swantje Jansen nicht ganz unbekannt. Vor ein paar Jahren hatte sie mal zusammen mit ein paar anderen eine Kreuzung in der Innenstadt besetzt aus Protest gegen die Stationierung von Pershing-II-Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik*. Swantje war einfach sitzen geblieben, bis zwei Polizisten sie gepackt und sie gegen ihren Willen und unter heftigem Gestrampel weggetragen hatten. „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ nannte man so etwas. Swantje war das eigentlich egal.

In Bunde, an der Grenze hatte sie nur schnell weiter gewollt. Deshalb hatte sie auch nicht die neuen Fahndungsplakate bemerkt. Wahrscheinlich hätte sie gelacht, denn eines der Fotos unter dem fett gedruckten Schriftzug „Terroristen“ zeigte ihren Freund Lutz, der als Deutschlehrer in Groningen arbeitete. Swantje hätte wahrscheinlich angenommen, dass sie einen Flashback hat, irgendeine Nachwirkung der Joints, die Lutz und sie sich samstagabends zu Gemüte führten, bevor sie miteinander ins Bett gingen und dann glückselig Arm in Arm einschliefen. Sonntags, am späten Vormittag, wenn sie aufstanden, war die Wirkung längst vorbei, aber Swantje hätte ihrer Wahrnehmung wohl trotzdem nicht getraut, wenn sie gelesen hätte: „Vorsicht! Schusswaffengebrauch!“ So etwas im Zusammenhang mit Lutz? Nein, im Leben nicht.

Als Swantje Jansen knapp eine Woche später erneut nach Groningen fuhr, bemerkte sie auch den dunklen Opel Ascona nicht, der ihr unauffällig von Oldenburg aus gefolgt war.

Ingo Schneider, BKA Wiesbaden, polizeilicher Staatsschutz, Abteilung Linksterrorismus, auf der A3 Richtung Köln, 21. November 1985, ca. 17 Uhr

Ingo trommelte nervös mit den Fingern aufs Lenkrad. War ja klar, dass er pünktlich zum Feierabendverkehr im Großraum Köln-Leverkusen sein würde. Dabei wollte er heute Abend noch in den Niederlanden sein. Aber so, wie es aussah, würde er sich wohl noch ein wenig gedulden müssen.

Er konnte es kaum erwarten, den Mann, den sie für Lutz Seiffert hielten, zur Rede zu stellen. Eine Art Jagdfieber hatte ihn gepackt. Das liebte er an seinem Job. Es war zwar nicht wie im Krimi, aber immerhin musste er nicht die ganze Zeit an seinem Schreibtisch hocken.

Ingo Schneider hatte ursprünglich gar nicht daran gedacht, zur Kripo zu gehen und das BKA war, wie er wusste, ein stockkonservativer Verein. Er hatte sich zunächst einmal durch ein Jura-Studium gequält, weil sein Vater das so gewollt hatte und mehr oder weniger zur gleichen Zeit war er der SPD beigetreten. Die Jusos waren für ihn eine Art Anker, ein Ort, wo er er selbst sein konnte, der Ingo unter einem Haufen Kumpels. Seine Kommilitonen hatten dafür ihre Burschenschaften, aber das war Ingos Sache nicht.

Der Tipp, es mal beim BKA zu versuchen, kam dann überraschenderweise von einem seiner Mentoren in der Partei. Ingo sattelte also auf das erste Staatsexamen in Jura noch eine Ausbildung für den gehobenen Polizeidienst drauf und war trotz oder in seinem Fall eben gerade wegen seines Parteibuches schnell auf dem schon ganz ansehnlichen Pöstchen beim polizeilichen Staatsschutz gelandet.

Für manche beim BKA war SPD fast gleichbedeutend mit SED, da machte Ingo Schneider sich nichts vor. Er wollte allerdings gern noch ein Stückchen höher hinaus. Thomas Haase, seinen Team-Kollegen, würde er mitziehen, obwohl Haase tiefschwarz war, wie Ingo wusste. Aber Haase versuchte nicht, Ingos Autorität in Frage zu stellen oder gar gegen ihn zu intrigieren. Ganz im Gegenteil, sie waren ein eingespieltes Team und kamen auch privat ganz gut miteinander zurecht. Vor ein paar Tagen waren sie noch kurz auf ein Bier im „Weißen Henker“ gewesen. Haase war noch einmal auf Sigrid Seiffert-Schumann zu sprechen gekommen, Lutz Seifferts Ex-Frau, die zwar bereit gewesen war, mit ihnen zu sprechen, letztendlich aber nichts zu sagen gehabt hatte, was ihnen irgendwie hätte weiterhelfen können. Der entscheidende Tipp war dann von ganz anderer Seite gekommen.

Haase konnte dennoch nicht umhin, sich darüber auszulassen, ob die Ex-Frau nicht vielleicht doch auch mit drin hing. Beim zweiten Bier war er bei der „Kommune I“** angelangt. Haase hatte darüber, wie er sagte, mal was in der „Bild“ gelesen – „freie Liebe“ und so. Ingo prustete in sein Bier. So war das mit Haase. Er grinste und sagte: „Dann sollten wir also, was den Seiffert betrifft, bei der linken Damenwelt ansetzen?“. „Das hast jetzt aber du gesagt!“ gab Haase zurück.

Ingo schaltete wieder auf Gegenwart um und versuchte, sich auf die Autobahn zu konzentrieren. Er gab gerne zu, dass er sich mit Lutz Seiffert auch ein wenig profilieren wollte. Er hatte, wie gesagt, was seine Karriere anging, noch so einiges vor. Vorerst aber stand er im Stau und kam nur im Schrittempo vorwärts. Ungeduldig ließ er seinen Blick über die Blechlawine schweifen, die sich vor ihm in Richtung Köln drängte. Im Radio lief jetzt „Life is Life“ von Opus, das zur Zeit auf allen Radiosendern rauf und runter gedudelt wurde. Das einpeitschende, hysterische Geklatschte und die halb gebrüllten, nicht sehr geistreichen Songzeilen zerrten noch zusätzlich an Ingos Nerven. Er versuchte, einen anderen Sender reinzubekommen. „Sugar Baby Love“ von den Rubettes – schon besser♦ ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 25.

Diskographie: Opus, „Live is life“, Release: 1984 und The Rubettes, „Sugar Baby Love“, Release: 1974.

*Pershing-II-Mittelstreckenraketen: Mit dem Nato-Doppelbeschluss von 1979 war das atomare Wettrüsten von us-amerikanischer („transatlantischer“) Seite besiegelt. Als „Antwort“ auf sowjetische Maßnahmen zur atomaren Aufrüsten sollten in Europa atomar bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und Cruise Missile Marschflugkörper stationiert werden. Speziell in Deutschland war der kleine Ort Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd (Baden Württemberg) als Raketenbasis ausersehen. Das atomare Wettrüsten war in den 1980er Jahren das wichtigste Thema der Friedensbewegung und begründet auch eine gewisse Amerika-Feindlichkeit im linken Lager, die sich aber ausschließlich gegen die Rüstungspolitik der Supermacht USA richtete und anders als heute in der neuen Rechten nicht kulturell begründet war. Mehr Informationen auf Wikipedia.

**Kommune I: linke Wohngemeinschaft in Berlin Ende der 1960er Jahre, in der u. a. Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann wohnten. Tatsächlich sollten neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden und das beinhaltete u. a. auch eine neue Sexualmoral. Man muss aber wissen, dass sich um die Kommune I viele Fantasien und Vorurteile gegenüber „langhaarigen Bombenlegern“ rankten, die nicht zuletzt natürlich auch sexueller Natur waren. Die meisten Leute, die sich der außerparlamentarischen Opposition und später der Friedensbewegung zugehörig fühlten, lebten ganz „spießig“ als Ehepaare und in Kleinfamilien, wie ursprünglich auch Lutz und Sigrid in dieser Geschichte. Zwar gab es seit 1960 die Pille als neues und sehr sicheres Verhütungsmittel für Frauen, die damit besser selbst über ihre Sexualität bestimmen konnten als zuvor und nicht mehr so sehr Angst z. B. vor ungewollten Schwangerschaften haben mussten, die sie zu früheren Zeiten – z. T. auch vor ihren eigenen Eltern – als „gefallene Mädchen“ gebrandmarkt oder es nötig gemacht hätten, illegal abzutrieben und so ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben zu riskieren. Nicht jede Frau vertrug allerdings die Pille, die damals noch sehr viel mehr Nebenwirkungen als heute hatte oder wollte sich der Disziplin und körperlichen Belastung einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme aussetzen. Unehelich geborene Kinder mussten bis weit in die 1980er Jahre hinein noch mit vielerlei Vorurteilen rechnen, „wilde Ehen“, also wenn ein Paar „einfach so“ zusammenlebte, ohne vorher geheiratet zu haben, konnten einen in den Augen von Nachbarn, Kollegen und Verwandten erheblich stigmatisieren und die soziale Absicherung war denkbar schlecht.

Da, wie eingangs erwähnt, Lutz Seiffert eine Kunstfigur dieser Geschichte ist, war er natürlich auch auf keinem RAF-Fahndungsplakat zu sehen. Die Plakate selbst hingen aber bis in die 1990er Jahre an jeder Tankstelle. In Behörden, bei der Polizei, usw. natürlich sowieso. Muss ich extra erwähnen, dass natürlich auch Ingo Schneider und Thomas Haase Produkte meiner Fantasie sind? das BKA gibt es natürlich wirklich und das war auch schon in den 1980er Jahren so, aber ich habe mir da schon ein paar künstlerische Freiheiten genommen (Seid mir dankbar, wäre überall haarklein beschrieben, wie die arbeiten, wären interessierte Kreise ja bestens informiert. Ich weiß es allerdings einfach nicht besser …).

 

 

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