Terror! (Teil 23)

Terror! (Teil 23) ist eine Internetstory über Terrorismus. Alle im Folgenden beschriebenen Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Wer den Anfang verpasst hat, irgendwo quereinsteigen will oder noch mal ein Kapitel nachlesen: alle Folgen gibt es unter #TerrorTheStory.

**“Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“ Mao Tse-Tung.

**“Keinen richtigen politischen Standpunkt haben bedeutet, keine Seele haben.“ Mao Tse-Tung.

beide Mao-Zitate zitiert nach: zitate.eu.

Thomas Haase, BKA Wiesbaden, polizeilicher Staatsschutz, Verhörraum, 4. November 1985, 15 Uhr

„Sigrid Seiffert-Schumann, geborene Becker, geboren am 23. September 1948 in Siegen, richtig?“ Die Blonde, die etwas verloren am anderen Ende des Tisches saß, nickte. Von Make-Up hielt die Frau offenbar nicht viel. Er konnte mit bloßem Auge erkennen, dass sie ein paar Falten um die Augen hatte. Na ja, eher der natürliche Typ. So nannte man das ja wohl. Vor ein paar Jahren noch war sie wahrscheinlich eine echte Schönheit gewesen und hatte es, wie er anhand des Namenwirrwars erkennen konnte, offensichtlich auch weidlich ausgenutzt. Aber Thomas Haase verstand diese linken Weiber ohnehin nicht. Da musste man ja immer aufpassen, dass die nicht gleich eine Kalaschnikow aus der Handtasche zogen. Das allerdings hatte die Sicherheit in ihrem Fall jetzt ja überprüft.

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“ fuhr er fort. „Nein.“ Die Blonde wusste es nicht oder tat zumindest so. „Wir suchen Ihren Mann. Oder besser gesagt, Ihren Ex-Mann, wenn ich mich da nicht versehen habe …“ Haase zwang sich, nicht persönlich zu werden. Nicht einmal für das Kind hatte die Frau sich offenbar am Riemen reißen können. Der saubere Seiffert noch viel weniger. Von Verantwortungsgefühl keine Spur …. „Vielleicht sagen Sie mir einfach, was Sie von mir wollen.“ entgegnete die Blonde knapp.

„Wir suchen Lutz Seiffert, geboren am 11. April 1946 in Fürth bei Nürnberg, der, wie aus unseren Unterlagen hervorgeht, von Juni 1970 bis April 1979 mit Ihnen verheiratet war.“ „Weshalb?“ wollte die Blonde wissen. „Frau Seiffert. Frau Seiffert-Schumann, ich stelle hier die Fragen. Aber ich will es Ihnen gern sagen …“ Haase stieß nicht zum ersten Mal in seinem Leben bei einer Vernehmung auf Widerstand. Die Linken wurden gern patzig. Allerdings würde die Frau die Gelegenheit vermutlich nicht nutzen, um ihm eine ellenlange Erklärung ihrer Weltsicht darzulegen und warum er für sie das Bullenschwein war. Wenigstens etwas, dachte Haase. Bei Sigrid Seiffert-Schumann mussten sie nur ein bisschen auf den Busch klopfen. Anders ihr Mann bzw. Ex-Mann. „Lutz Seiffert steht im Verdacht, Mitglied der Roten Armee Fraktion zu sein und sich an diversen Anschlägen beteiligt zu haben. Wir vermuten unter anderem eine Beteiligung – in welcher Hinsicht auch immer – an dem Anschlag vor ein paar Wochen in Frankfurt*. Und dann gibt es noch ein ungeklärtes Dossier zu einem Attentat in Italien aus dem Jahr 1980. Unseren Angaben zufolge soll sich Lutz Seiffert zum Tatzeitpunkt in der Nähe aufgehalten haben. Sehr wahrscheinlich lebt er zur Zeit im Ausland. Wo werde ich Sie nicht fragen, obwohl ich Sie darauf aufmerksam machen muss, dass Sie sich in erhebliche Schwierigkeiten bringen werden, wenn Sie uns Dinge, die für unsere Ermittlungsarbeit von Bedeutung sind, verschweigen.“

Haase leierte das mehr oder weniger runter. Über ihre Rechte war die Frau ja bereits aufgeklärt worden und sie hatte der Vernehmung zugestimmt. Kluges Kind. Einfach alles verweigern machte sich schließlich nicht gut, weil man sonst den Eindruck haben könnte, sie hinge vielleicht mit drin und es gab eben schon so einiges, womit man die Seiffert-Schumann unter Druck setzen konnte. Außerdem reichte ein Anruf nach Karlsruhe und man könnte sie mit höchstrichterlichem Beschluss und großem Trara von der Uni wegholen, direkt aus dem Seminar, wenn es sein musste ….

„Tut mir leid. Dazu kann ich nichts sagen. Wie Sie ja eben selbst gesagt haben, haben mein Ex-Mann und ich uns ’79 scheiden lassen.“ So etwas in der Richtung hatte er erwartet, aber Haase konnte auch anders. Er hatte den Polizeidienst von der Pike auf gelernt und einst auch die abgefeimtesten Taschendiebe und Kneipenschläger in den Griff gekriegt. Die Seiffert-Schumann hielt sich vermutlich für schlau, aber sie hatte die Routine nicht, mit der Gewohnheitsverbrecher sich herauszuwinden versuchten. Er hatte es im Gefühl, dass sie letztendlich leicht zu knacken sein würde. Das hatte er Schneider, seinem Vorgesetzten, voraus, denn Schneider kam von der Uni. Haase wusste, dass er außerdem bei den Sozen war. Ein Roter. Aber Haase mochte ihn trotzdem, so auf der menschlichen Ebene. Außerdem ließ sich mit Schneider gut zusammenarbeiten, denn der ließ ihm die lange Leine, wenn er wusste, dass er, Haase, mehr Erfahrung hatte, und spielte sich nicht auf.

„Aber es gibt ja doch so einiges, woran schon vorher abzusehen war, wie sich die politische Gesinnung ihres Mannes entwickeln würde.“ Jetzt zog Haase den Joker doch: „Auch bei Ihnen, Frau Seiffert-Schumann. Während Ihres Studiums, Soziologie an der Freien Universität Berlin, wenn ich recht informiert bin, sollen Sie mehrfach Sympathien mit verschiedenen Guerilla-Organisationen in Lateinamerika geäußert haben. Auch fiel auf, dass Sie des Öfteren Mao zitierten** und zur Solidarität mit den Gefangenen der RAF aufgerufen haben …“ Haase ließ das erst einmal wirken. Obwohl die Blonde unterkühlt wirkte, merkte er, dass er sie empfindlich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Schließlich rang sich Sigrid Seiffert-Schumann zu einer Antwort durch: „Tut mir leid, aber das muss eine Verwechslung sein. Sicher, mein Mann, mein Ex-Mann, meine ich, und ich, wir haben mit linken Ideen sympathisiert …“ „Und tun es immer noch …“ fügte Haase für sich in Gedanken hinzu. „… aber …“ fuhr die Seiffert-Schumann fort: „Wir waren in keiner K-Gruppe*** und in keinem Gefangenensolidaritätskommittee.“ Nein, aber sie kannten die Leute, da war Haase sich sicher. Jedenfalls hatte er die Frau aus der Fassung gebracht und genau das war schließlich sein Ziel gewesen. Jetzt konnte es ans Eingemachte gehen: „Gut, Frau Seiffert-Schumann. Allerdings wussten Sie sehr gut, dass Ihr Mann Anfang August 1980 nach Italien gefahren ist. Schließlich haben Sie ihn gebeten, ihre gemeinsame Tochter Michaela mitzunehmen. Sie sollen sie ihm sogar regelrecht aufgedrängt haben, wie sich Leute aus der Wohngemeinschaft, in der Sie damals lebten, erinnern.“ Die Miene der Blonden verfinsterte sich. Sie biss sich auf die Lippen. Dann sagte sie kalt: „Ja, weil er Urlaub machen wollte. Er hat sie auch wohlbehalten wieder zurückgebracht.“

Eins zu Null für Blondie. Trotzdem hakte er nach: „Sie hatten also auch nach Ihrer Scheidung immer noch genug Kontakt zu Ihrem Ex-Mann, dass Sie genau wussten, wann er in den Urlaub fuhr, aber Sie wissen nicht, wohin er ging, als er im Oktober 1980 aus Berlin verschwunden ist?“ Haase klang jetzt ein wenig onkelhaft, doch das schien bei Seiffert-Schumann nicht zu ziehen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid. Das weiß ich nicht.“

Bernd, Zahnarztpraxis Schumann, Gießen, 05. November 1980, 19 Uhr:

Bernd zog den Kittel aus. Sie hatten gerade noch einen Angstpatienten gehabt, einen jungen Türken, der an sich ein tadelloses Gebiss hatte, nur hatte irgendetwas dazu geführt, dass sein einer Schneidezahn abgebrochen war. Bernd und seine Mitarbeiterinnen konnten sich denken, dass er in eine Schlägerei geraten war, aber das ging sie nichts an und sie wussten ja auch nicht, was genau die Umstände gewesen waren. Sie mussten jedenfalls überkronen. Der junge Mann hatte zwar versucht, tapfer zu sein, aber der Schweiß hatte ihm buchstäblich auf der Stirn gestanden. Es hatte einiges an Überredungskünsten gebraucht, um den Teenager in den Zahnarztstuhl zu kriegen. Der junge Mann wäre um ein Haar lieber mit einer Zahnlücke herumgelaufen, als Bernd an sein Gebiss zu lassen. So wie es jetzt war, war es aber doch besser und der Teenie hatte mit angeschwollenem Gesicht schief gelächelt, als er gegangen war.

Elvira, seine Sprechstundenhilfe, Uschi, seine Assistentin und Karin, seine Auszubildende im 3. Lehrjahr waren schon gegangen. Im Wartezimmer und im Behandlungsraum war das Licht bereits ausgeknipst. Nur die Neonleuchte über dem Empfang war noch an. Bernd stöhnte und stützte sich mit dem Ellenbogen auf den Empfangstresen. Er musste noch einmal tief Luft holen, bevor er sich auf seinen Drahtesel setzen und nach Hause radeln konnte. Irgendetwas stimmte mit Sigrid nicht. Sie war gestern spät nach Hause gekommen. Micha schien keinen einzigen Gedanken an irgendetwas verschwendet zu haben und hatte Auflauf von Sonntagabend aufgewärmt. Sigrid hatte, als sie dann endlich kam, abgekämpft ausgesehen und es dabei belassen, mit nuscheliger Stimme zu erklären, dass sie an der Uni noch zu tun gehabt hätte. Abends, im Bett hatte sie sich dann gleich von ihm weggedreht. Er hatte aber gemerkt, dass sie gar nicht schlief, sondern nur so tat. Die Spannung, die von ihr ausging, war geradezu greifbar gewesen.

Heute morgen war dann alles wieder ganz normal, bis auf dass sie ziemliche Augenringe gehabt hatte. Aber sie hatte entspannt und gut gelaunt gewirkt. Bernd hoffte, dass sie heute Abend zu Hause sein würde, wenn er kam. Er fragte sich, ob sie Probleme an der Uni hatte. Er wusste, dass es ein paar Leute gab, die es ihr schwer machten. Aber es betrübte ihn, dass sie nicht darüber reden wollte. Vielleicht brütete sie aber auch irgendetwas aus, eine Grippe oder so. Er erinnerte sich, dass er auf dem Nachhauseweg noch kurz in den Supermarkt wollte und während er die Tür zu seiner Praxis abschloss, ging er im Kopf die Liste mit den Dingen durch, die sie noch brauchten. Dann stieg er auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause.

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 24.

*Anschlag in Frankfurt: terroristischer Anschlag auf die Rhein-Main US Air Base bei Frankfurt, nähere Informationen in Teil 18.

**Zitate von Mao Tse-Tung (1893 – 1976): Zitate siehe oben. Mao Tse-Tung (oder: Zedong) Führer der chinesischen Revolution und Begründer der Volksrepublik China (gegründet: 1. Oktober 1949), der China recht rüde und verlustreich zu einer modernen Industrienation machen wollte. Er zettelte auch die sog. „Kulturrevolution“ (1966 – 1976) an, die eine tiefgreifende Bewusstseinsänderung der chinesischen Intelligentsia zum Ziel hatte und etwa 400.000 Menschen das Leben kostete (verschiedene Schätzungen, keine genauen Angaben verfügbar). Zur Kulturrevolution gehörte „Das kleine rote Buch“ , auch: „Worte des Vorsitzenden Mao“, das in westdeutschen Studentenkreisen oft als „Mao-Bibel“ bezeichnet wurde. Die oben genannten Zitate stammen aus der Mao-Bibel.

***K-Gruppe: politische Studentengruppen in den 1970er Jahren, die oft sehr dogmatisch, marxistisch-leninistisch und oder maoistisch ausgelegt waren. U. a. der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann war während seiner Studienzeit Mitglied einer K-Gruppe.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Terror! (Teil 23)

  1. Pingback: Terror! (Teil 22)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.