Terror! (Teil 22)

Wer den Einstieg verpasst hat – alle Folgen gibt’s unter #TerrorTheStory.

Am westfriesischen Strand, nahe Pieterburen, Provinz Groningen, Niederlande, 03. 11. 1985, ca. 16 Uhr:

Schrill keckerten die Möwen. Die großen, aggressiven Seevögel mit ihrem schmuddelig-weiß-grauen Gefieder schossen wie Starfighter durch den Himmel. Auf fast jedem Pfosten und jeder Erhebung hatte sich eines der Tiere gebieterisch postiert, so als sollten hier Claims abgesteckt werden. Er wusste, dass er ein Eindringling war. Menschen wirkten fremd in den kargen, sandigen Dünen und auf dem schmalen, schlammigen Streifen Strand, der sich bei Flut fast vollständig in Meeresboden verwandelte. Jetzt peitschten die Wellen wütend an die kleine Mauer. Vereinzelt schwappte braunes, brackige Wasser auf den Gehweg, der auf den Deich mündete und dann als Spazierweg ein gutes Stück die Küste entlang führte. In der Ferne, am Horizont hatte das Meer einen dunklen, satten Blaugrünton. Die offene See schien außerdem viel ruhiger zu sein und hier und da konnte er einen hellen Fleck ausmachen, der ein Schiff sein musste. Das vermutete er zumindest. Vielleicht bildete er es sich aber auch nur ein.

Scharf pfiff der Wind ihm um die Ohren. Er atmete die klare, salzige Luft in tiefen Zügen ein. Die Wolken hingen wie unheilvolle Boten aus einer obskuren, vormodernen Geisterwelt bleiern-grau am Himmel und die Luft war so feucht, dass man eigentlich nicht wusste, ob es nieselte oder nicht.

Swantje war am Wochenende in Varel geblieben, denn ihr Sohn Arne war krank, sodass der 9jährige nicht, wie üblich, zu seinem Vater nach Oldenburg konnte. Er hatte Swantje auf dem Markt in Groningen kennen gelernt, wo sie Samstags Töpferwaren und andere Kleinkunst verkaufte. Eigentlich war sie Lehrerin, wie er, für Kunst und Religion, doch Swantje hatte nichts für den Schulbetrieb übrig, der, wie sie sagte, Kinder viel zu früh in ein Korsett aus Regeln und Leistungsdruck presste. Deshalb war sie nach Dangast, in eine Künstlerkolonnie gezogen, wo sie mit Freunden einen Laden betrieb. Ihr unruhiger Geist ließ sie jedoch die ganze Region nach potenziellen Abnehmern ihrer Werke durchstreifen und der Markt in Groningen, den am Wochenende auch viele Deutsche besuchten, schien besonders viel abzuwerfen.

Er selbst brauchte keine Blumenvasen oder Milchkrüge, doch er war regelrecht über den Swantjes Stand gestolpert, als er neu war. Am dritten Samstag hatte er sie angesprochen. Noch zwei Samstage später waren sie in einer der lauschigen Kneipen in der Innenstadt ein Bier trinken gegangen. Mehr oder weniger seitdem waren sie ein Paar. Am Samstagabend saßen sie auf der Veranda des kleinen Häuschens, das er gemietet hatte, und rauchten Joints. Später liebten sie sich. Und am Sonntagnachmittag fuhr Swantje wieder zurück nach Deutschland. Er hatte ihr erzählt, dass auch er ein Kind hatte, eine Tochter, etwas älter als Swantjes Sohn. Jeden Monat ließ er durch seinen Kumpel Frank in Amsterdam, bei dem er eine Weile zur Untermiete gewohnt hatte, einen Betrag nach Deutschland überweisen. Unter der Woche unterrichtete Lutz Deutsch an einer Gesamtschule in Groningen.

Er war damals aus Deutschland weggegangen, weil einfach alles schief gegangen war. Er sich zum Mörder gemacht oder es zumindest versucht, er hatte es darauf ankommen lassen, und es hatte nichts gebracht. Dabei hatte er sich einst geschworen, dass nie Blut an seinen Händen kleben sollte. Er hatte es anders machen wollen als sein Vater, der als Soldat an der Ostfront gewesen war und als gebrochener Mann aus dem Krieg zurückgekehrt war. Lutz dagegen hatte die Wahl gehabt, als Nachgeborener hatte er die historische Chance gehabt, nie Gewalt erleben und sie nie ausüben zu müssen. Er hatte sie nicht genutzt. Er hatte die Dinge selbst in die Hand nehmen wollen und auf ein paar vage Tipps hin alles verschleudert. Hatte er sein neues Leben in den Niederlanden überhaupt verdient? War er dessen würdig? „Der Tod“ dachte Lutz bitter „ist ein Meister aus Deutschland“* Bilder von Konzentrationslagern kamen ihm in den Kopf, Leichenberge, herausgebrochenes Zahngold und die Leichen von Soldaten, sein Vater, der ihn prügelte und im Schlaf schrie, Lateinamerika, hungernde Kinder in Afrika, Rüstungsexporte, die Opfer von Terroranschlägen, Bologna, München …

Er war jetzt so weit auf dem Deich entlanggelaufen, dass die Ortschaft, von der aus er losgegangen war, nur noch als Anhäufung von ein paar schwarzen Flecken in weiter Ferne zu erkennen war. Um ihn herum war es menschenleer. Der Wind toste. Das Meer wütete und schäumte mit der Macht einer Naturgewalt. Es wurde langsam dunkel. Er beschloss umzukehren.

Ingo Schneider, BKA Wiesbaden, Deutschland, 04. November 1980, 11 Uhr 30:

Ingo Schneider hielt den Bericht über die „Organisation“ in Argentinien** in den Händen. In Europa interessierte sich eigentlich kaum jemand dafür. In den USA standen allerdings mehrere Mitglieder der südamerikanischen Guerilla-Gruppe auf der Fahndungsliste. Ein Kinderheim namens „El Salvador“ in San Diego stand in dem Verdacht, von der „Organisation“ finanziert zu werden, wie auch mehrere karitative Einrichtungen, die unter dem Namen „Los Hijos de los Angeles“ firmierten. Allerdings konnte das auch der Geldwäsche dienen. Drogenhandel war ein großes Problem. Die „Organisation“ wäre allerdings auch nicht die erste lateinamerikanische Terrorgruppe, die sich auf diese Weise finanzierte. Dennoch wusste man nicht, ob es bei den Latinos, die in den USA auf ungeklärte Weise ums Leben kamen, um die Handlanger konkurrierender Drogenbosse handelte, oder um Chilenen, Paraguayanos und anderen, die die „Organisation“ getötet hatte, weil sie sie für Agenten der Militärjunta oder des CIA hielt.

Gegründet worden war die „Organisation“ 1976 von Daniel Ortiz Parriba in Paraguay. Eine vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigte einen stämmigen jungen Mann, dessen breites Gesicht mit den hervortretenden Wangenknochen und den schmalen Augen verriet, dass in seinen Adern Indio-Blut floss. Parriba war jetzt sehr viel älter. Auf dem Foto saß er mit ausdrucksloser Miene auf einem Stuhl, ein junges Kätzchen auf dem Schoß, das er zu streicheln schien. Daher also wohl der Beiname „El Gatito“ – „Das Kätzchen“. Ein Lateinamerika-Experte von der Uni Frankfurt hatte angemerkt, dass es sich bei Parriba vermutlich auch um einen Nom de Guerre handelte. Niemand wusste, wie der Mann wirklich hieß und wer er war. Der Legende nach entstammte er einer Familie der oberen Mittelschicht und hatte einige Jahre beim paraguayanischen Militär gedient, bevor er sich dem Terrorismus zuwandte und erst nach Uruguay, dann nach Argentinien ging, um dort die „Organsisation“ aufzubauen. Die Sanftmut, die das alte Foto zeigte, und der verniedlichende Beiname täuschten: El Gatito war nicht zimperlich. Aber war das überhaupt jemand in Lateinamerika?

Auch in Argentinien hatte die „Organisation“ während der Militärdiktatur*** offenbar karitative Einrichtungen betrieben und so neue Mitstreiter rekrutiert. Der nach außen hin zur Schau gestellte Katholizismus verschleierte den Maoismus, dem sich El Gatito offenbar schon in jungen Jahren verschrieben hatte, obwohl Gesinnungsfragen in der „Organisation“ offenbar kein allzu großes Gewicht hatten, sofern die Mitglieder sich diffus links und vor allem „gegen den us-amerikanischen Imperialismus“ positionierten.

Nach dem Ende der Videla-Diktatur*** hatte sich die „Organisation“, deren Kerngebiet Argentinien gewesen war, zurückgezogen. Niemand wusste, ob und wo sie noch aktiv war und ob sie eines Tages irgendwo wieder auftauchen würde, wo man sie nicht vermuten würde, um erneut loszuschlagen.

Ingo Schneider fragte sich, ob Terrorismus nicht auch ein Selbstzweck sein konnte, eine Business, so, wie man für viel Geld Auftragskiller anheuern konnte, wenn man jemanden loswerden wollte. Carlos** schien seine Dienste jedem zur Verfügung zu stellen, der sie brauchen konnte und das nötige Kleingeld hatte. Würden Moskau und Ostberlin ihre Fühler auch nach Lateinamerika ausstrecken? Wäre El Gatito am Ende, wenn das Drogenbusiness sich als nicht ergiebig genug erwies, vielleicht sogar bereit, für die Gegenseite zu arbeiten? Eventuell sogar für die Mafia?

Schneider seufzte. Das war uferlos. Er fürchtete, sich immer mehr in Verschwörungstheorien und paranoide Vorstellungen zu verstricken.

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil 23.

*“Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“: wiederkehrende Zeile aus dem Gedicht „Die Todesfuge“ von Paul Celan (deutsche Erstveröffentlichung 1948 in dem Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“, A. Sexl, Wien 1948), Informationen nach Wikipedia). Das ganze Gedicht ist online auf lyrikline.org verfügbar.

**Die „Organisation“ ist frei erfunden. Sie ist jedoch vage angelehnt an den Terroristen Carlos und seine Terrorgruppe „Organisation des Révolutionnaires Internationalistes“, sowie an den Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“, Peru) und die „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (= FARC, zu deutsch etwa „revolutionäre Kampfeinheiten Kolumbiens“, Kolumbien).

***Militärdiktatur in Argentinien unter Jorge Rafael Videla: dauerte von 1976 bis 1983, unzählige Menschen „verschwanden“ („Desaparecidos“), wurden gefoltert oder getötet. Der erste demokratische Präsident Raúl Alfonsín, der Argentinien ab 1983 (bis 1989) regierte, nahm die Vergangensheitsbewältigung zwar unmittelbar in Angriff, sie ist aber bis heute nicht abgeschlossen.

Alle Personen in dieser Geschichte sind – bis auf die historischen Persönlichkeiten – frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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