Terror! (Teil XVIII)

Wer den Anfang verpasst hat oder irgendwo quereinsteigen will: unter #TerrorTheStory finden sich alle Folgen.

Für die, die jetzt erst einsteigen, oder zufällig auf meinen Blog kommen: „Terror!“ ist eine Internetstory über Terrorismus.

Ingo Schneider & Thomas Haase, BKA Wiesbaden, polizeilicher Staatsschutz, Lagegespräch, Soko „Florenz“, 21. Oktober 1985, 16 Uhr

„Also, dieser Lutz Seiffert ist im Oktober vor fünf Jahren aus Berlin verschwunden.“ resümierte Ingo Schneider, was sie bislang wussten. „Seit Jahren im linksradikalen Milieu aktiv, allerdings erst seit ’79 regelmäßig, hielt sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und hatte dann um ’79/’80 wohl auch Kontakte zur Roten Armee Fraktion, steht aber auf keiner Fahndungsliste. Lutz Seiffert ist also bis auf seine extremistische Einstellung bis dato ein unbescholtener Bürger.“ „Zumindest für die Akte“ ließ sich Haase vernehmen.

„Ja,“ erwiderte Ingo Schneider „Gerüchte besagen, dass er bei einer Schießerei in Florenz im Sommer 1980 mitgemischt haben soll, am selben Tag, als das Attentat in Bologna war, 02. August. Dabei ist auch ein Deutscher umgekommen – der Nato-General Berthold Brennecke, eine dieser typischen RAF-Zielscheiben.“

„Mittlerweile ist es doch völlig wahllos bei denen.“ ereiferte sich Thomas Haase „Die haben doch jetzt sogar einen GI plattgemacht*, nur weil sie seine Papiere wollten. Irgend so’ne RAF-Tussi* hat sich an den rangeschmissen und wups, war er mausetot.“ Haase geriet in Rage. Er machte den Job bei den „Staatlichen“ mit Leidenschaft. Er verstand nicht, warum irregeleitete junge Leute aus gutem Hause, die es eigentlich doch so viel besser hatten als viele andere, Räuber und Gendarm mit dem Staat spielten und dabei bereits eine ganze Menge Leute abgemeuchelt hatten. Ein Ende war jedenfalls nicht abzusehen. Haase war der Meinung, dass kompromisslose Härte hier das einzige war, was helfen konnte. Seinen Kindern ließ er schließlich auch eine Menge durchgehen. Aber als sein Ältester beim Ladendiebstahl erwischt worden war, war ihm das nicht nur entsetzlich peinlich gewesen, er hatte auch gewusst, dass es zu Timos eigenem Besten war, wenn er nicht seine Beziehungen spielen ließ und alles wieder gerade bog, sondern seinen Sohn die Suppe, die er sich eingebrockt hatte, selbst auslöffeln ließ. Nur so formte sich schließlich der Charakter, das Empfinden dafür, was richtig und was falsch war. Timo war gerade in einer Phase, wo er den markigen Bürgerschreck gab. Als er sich die Haare grün gefärbt und bis auf einen Hahnenkamm alles abrasiert hatte, hatte Haase ihn zum Friseur geschickt. Nun trug der Sohn sein Haar militärisch kurz und hätte auch als Skinhead durchgehen können. Insgeheim waren Haase die schlicht, aber ordentlich gekleideten Nazis, die so aussahen, als ob sie jeden Morgen mühelos aus dem Bett kamen und zur Arbeit gingen und nur am Wochenende rebellierten, ein wenig lieber als die versifften Punks und Hausbesetzer, für die Timo sich begeisterte. Politisch lehnte er freilich beides ab, nur glaubte Haase nicht, dass sich junge Leute ernsthaft Gedanken um so etwas machten. Hatte die RAF-Frau, die den US-Soldaten in einen Hinterhalt gelockt und getötet hatte*, etwa eine politische Erklärung für das, was sie getan hatte? Würde Lutz Seiffert sich irgendwie rechtfertigen können?

„Seiffert ist jedenfalls jetzt auf der ‚Achille Lauro’** gesehen worden.“ fuhr Ingo Schneider fort. „Wer sagt das?“ wollte Thomas Haase wissen. „Jemand, der es von jemandem hat, der es von den Genossen-Apparatschiks von ‚Horch und Guck’*** in Ostberlin hat. Die haben den Seiffert auch irgendwie im Visier, halten ihn aber, unserer Kontaktperson zufolge, für einen rechts angehauchten Agent Provocateur+ oder so etwas in der Richtung und vermuten, dass er auch mit dem Sprengstoffanschlag auf die US Air Base* zu tun hat. Das zumindest ist das, was man uns hat wissen lassen.“ erläuterte Schneider „Und es passt erst mal ganz gut. Immerhin kam das mit dem Oktoberfest von rechts** und hängt vielleicht mit der Sache in Bologna zusammen. Das mit Frankfurt* leiten wir weiter. Der Mann hätte dann ja einen guten Grund, in Richtung Naher Osten abzutauchen …“

„Aber wo kommen wir da ins Spiel?“ Haase blickte noch nicht so ganz durch. „Wir sollen im Wesentlichen gucken, was der Seiffert jetzt so macht und wenn möglich auf ‚Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung‘ gehen.“ erwiderte Ingo Schneider „Von denen sind ja einige unten irgendwo im Jemen oder im Irak oder im Libanon oder weiß die Hölle, wo und metzeln da jetzt für die Palästinenser. Muss nicht sein. Vater Staat will seine Landeskinder zurück und hier bei uns hinter Gittern sehen. Was Lutz Seiffert betrifft, sollen wir den Italienern in Florenz auf die Finger klopfen. Wir brauchen also alle Daten und Dossiers aus Florenz. Irgendjemand sollte auch nach ’nem gescheiten Übersetzer gucken. Sind ja sonst meistens nur so Ästhetik- und Literaturfuzzis, aber ich brauche wirklich jemanden, der Polizeivokabular drauf hat und gegebenenfalls den Jargon der Linksradikalen vor Ort dechiffrieren kann! Außerdem wäre natürlich die Passagierliste von der ‚Achille Lauro‘ ganz gut ….“ schloss Schneider und schlug mit den Handflächen leicht, aber entschlossen auf den Tisch. Das Lagegespräch war beendet. Haase sollte delegieren und sie würden weitersehen, wenn sie erste Fakten hatten.

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil XIX.

*Die RAF-Frau, die den US-Soldaten Edward Pimental in einen Hinterhalt gelockt hat, wo er dann erschossen wurde, ist Birgit Hogefeld. Wer genau den Mord begangen hat, ist bisheute nicht klar. Tatsächlich ist der Mann aber nur zu dem einzigen Zweck ermordet worden, um an seine Papiere zu gelangen. Damit konnte die RAF im August 1985 auf das Gelände der Rhein-Main US Air Base bei Frankfurt gelangen und dort Sprengstoff deponieren. Der Anschlag kostete zwei Menschen das Leben und forderte 23 Verletzte.

Da die RAF sich zuvor vor allem auf Anschläge gegen einflussreiche Menschen aus Politik, Wirtschaft und Justiz konzentriert hatte, von denen einige durchaus umstritten waren, etwa der 1977 ermordete Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wegen seiner SS-Vergangenheit, Edward Pimental jedoch als gewöhnlicher GI ohne jeden politischen oder gesellschaftlichen Einfluss in keinster Weise diesem Bild entsprach und der Mord an ihm ja auch nicht mehr als ein bloßes Mittel zum Zweck (nämlich einen Anschlag durchführen zu können), erntete die RAF selbst in Sympathisantenkreisen harsche Kritik. Ich muss darauf hinweisen, dass ich hier nicht suggerieren möchte, Morde oder politische Gewalt seien gerechtfertigt, sofern jemand einen gewissen gesellschaftlichen Rang innehat. Selbstverständlich nicht. Dennoch erscheint es mir wichtig, dass Denken und Handeln extremistischer, auch gewaltbereiter Kreise, durchsichtig zu machen und dabei auch nicht unerwähnt zu lassen, ab welchem Punkt selbst Hardliner zurückweichen. Weitere Informationen zum Thema finden sich auf Wikipedia.

**Entführung der Achille Lauro im Oktober 1985 & Anschlag auf das Oktoberfest in München im September 1980: Infos im Anhang von Teil XVII.

***„Horch und Guck“: umgangssprachlich für Staatssicherheit (DDR), nach der Wende auch Name einer Zeitschrift zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Eine kurze Übersicht dazu bietet Wikipedia.

+Agent Provocateur: Person, die versucht, politisch bereits radikalisierte Menschen zu immer extremeren Ansichten zu treiben und z. B. auf Demonstrationen auch zu Gewalttaten anstiftet. In den 1980er und 1990er wurde auf eigentlich friedlich geplanten Massendemonstrationen, etwa gegen Atomkraft oder gegen den Bau der Startbahn West auf dem Frankfurter Flughafen, häufig vor solchen Leuten gewarnt. Durch unverhältnismäßige Gewalt, etwa gegen Polizisten, oder sogar Mord (1987 wurden im Zuge einer Demonstration gegen die Startbahn West zwei Polizisten erschossen. Der genaue Zusammenhang ist bis heute unklar.) war es ein Leichtes, die Proteste zu diskreditieren und bei der Bevölkerung, die sich oft an Demonstrationen etwa gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf oder eben gegen die Startbahn West, später gegen die Atomproteste ins Wendland beteiligte bzw. gewisse Sympathien oder zumindest Verständnis für den „Bürgerprotest“ aufbrachte, ein Bild von aggressiven, gewalttätigen und daher gefährlichen, politisch verwirrten Linken zu zeichnen, dass gemäßigte Kräfte auf Distanz gehen ließ.

Da dieses Thema durch die Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg in diesem Jahr wieder sehr aktuell geworden ist, darf nicht unerwähnt bleiben, dass es innerhalb der radikalen Linken durchaus Menschen gibt, die sich möglicherweise nicht unbedingt an organisierten Attentaten beteiligen, sehr wohl aber Demonstrationen als willkommene Gelegenheit betrachten, um Gewalt auszuüben. Dennoch haben sich auch in Hamburg Neonazis unter die linken Demonstranden gemischt. So selbstverständlich es ist, gewalttätige Ausschreitungen und mutwillige Verletzungen von Menschen oder gar Mord abzulehnen, so sehr sollte man sich allerdings davor hüten, Menschen, die einfach von ihrem demokratischen Recht zu demonstrieren Gebrauch machen, pauschal als Gewalttäter zu verurteilen, nur weil andere Gewalt ausüben.

Meines Wissens haben in den 1980er Jahren weder ein Ingo Schneider noch ein Thomas Haase für das BKA gearbeitet. Beide Personen sind, wie auch Lutz Seiffert, der NATO-General Berthold Brennecke und alle anderen in der Story auftretenden Personen, außer den historischen Persönlichkeiten, frei erfunden. Ähnlichkeiten sind daher zufällig und nicht beabsichtigt. Im Gegensatz zu dem Anschlag von Bologna, dem Oktoberfestattentat und der Entführung der Achille Lauro gab es auch kein Attentat und keine Schießerei in Florenz. Dennoch hoffe ich, dass diese Internetstory dazu beiträgt, Interesse für Zeitgeschichte zu wecken. Immerhin ist ja alles dicht dran an unserer Gegenwart.

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3 Gedanken zu “Terror! (Teil XVIII)

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