Die Rassismuskeule. Heute: Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, die Rassistin. Also, jetzt haben wir mal wieder so einen Aufreger der Woche. Ein gewisser Thomas Seibert sagt im taz-Interview: „Rassismus liegt dort vor, wo Menschen nach entsprechenden Merkmalen selektiert werden: in solche, die hierhergehören, und solche, die hier nur geduldet sind und bald wieder wegsollen. Das denkt sie wirklich.“ (Interview mit Stefan Reinecke, in: die Tageszeitung vom 15. Oktober 2017). Deshalb, so Seibert, sei die Wagenknecht auch eine Rassistin, denn die Politikerin der Linkspartei hatte mehrfach Kritik an der Flüchtlingspolitik Angelas Merkels geübt.

Sorry Leute, aber ich lese so etwas vor dem Hintergrund der Minderheitenhysterie, die als Dogma in die Welt getragen hatte: Homosexuelle, erst recht Transsexuelle sind links. Egal, was die sagen und auch wenn die AfD wählen. Basta. „People of Color“ sind erst recht links und man sieht auch besser zu, dass man sich nicht deren Unmut zuzieht, denn ansonsten – wie gesagt: ist das dann halt rassistisch. „People of Color“ sind nicht nur Schwarze, nicht nur Menschen, die definitiv so aussähen, als lägen ihre Wurzeln nicht in Europa, sondern auch Spanier. Schlimmer noch: auch Polen. Sogar Deutsche, die sich eben so fühlen, dürfen sich damit identifizieren. Zur Not werden die flachsblonden Haare halt so lange coloriert bis ein Farbton erreicht ist, der mindestens so dunkelbraun ist wie mein Haar. Das dürfte mir dann ja das Maul stopfen. Aha. So, so. Einmal wieder.

In den letzten Jahren haben die Leute mir so ziemlich alles, was sich irgendwie verdrehen ließ, als „rechts“ gedeutet. Ich soll sogar Sachen gesagt haben, die ich gar nicht gesagt (und auch nicht gedacht) habe, sondern jemand anders. Aber die Leute wollten demonstrieren, dass sie diesen oder diese „jemand anders“ eben mögen. Vielleicht Götz Kubitschek? Neulich las ich in der Zeitung (ich weiß nicht mehr wo), wie ein engagierter linker Journalist ernsthaft darüber philosophierte, wie den jemand mit dem polnischen Nachnamen „Kubitschek“ rechts sein könne. Kubitschek-Frau Ellen Kositza heißt ja immerhin in Wirklichkeit Ellen Schenke. Aber muss man das hier jetzt auch so sehen, dass die sich halt so damit identifizieren, mit dem „Ausländischen“?

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Leute, dass eine wie Alice Weidel mit ihrem „progressiven Lebensstil“ (sogar eine dunkelhäutige Partnerin ha sie ja) in der AfD sein könne. Egal, wie agressiv die Weidel auf Youtube gegen Flüchtlinge hetzte – man ließ keine Gelegenheit aus, um mit einer bunten Homestory an die bundesdeutsche Öffentlichkeit durchsickern zu lassen: Die Weidel ist auch mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie befreundet. Die Weidel ist eine liebevolle Mutter zweier süßer Jungs, die mit zwei Müttern großwerden. Die Weidel geht in der Schweiz in den Kreisen linker Künstler und Journalisten ein- und aus. Ok.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle mal darüber aufklären, was Rassismus ist. Es ist nicht das, was Thomas Seibert dafür verkauft. Seibert meint eine flüchtlings- und zuwanderungsfeindliche Politik. Da kann man ja seiner Meinung sein, dass man so etwas moralisch nicht gut findet, aber Rassismus ist es nicht. Rassismus ist, wenn man Menschen ausgrenzt und/oder ihnen Eigenschaften zuschreibt, die man als „minderwertig“ erachtet, aufgrund äußerer, physiognomischer Merkmale, die als „fremd“ wahrgenommen werden. Also z. B. wenn jemand behauptet, Schwarze (oder auch Türken) seien nicht so intelligent. Das ist sozusagen die volle Ladung. Wenn ein Iraner sagt, Türken seien nicht so intelligent, ist das auch eine Variante von Rassismus, die zwar nicht in erster Linie auf den physiognomischen Unterschied abhebt, aber voraussetzt, Türken seien eine „fremde Rasse“ und hätten deshalb angeborene, andere Eigenschaften. Deshalb muss auch die mittlerweile salonfähige Form des latenten Rassismus, der darauf hinauswill, dass die Hautfarbe anderer Menschen, ihre physiognomischen Eigenschaften, zentral für ihre Identität seien und deshalb hervorgehoben werden müssten, Rassismus.

Ehrlich gesagt: Ich habe mir bei der Wagenknecht nie irgendwelche Fragen gestellt. Für mich war es einfach eine eher umstrittene ostdeutsche Politikerin. Ich dachte, bei der sei das mehr oder weniger so wie bei uns. Colorful Genes. Ausändische Wurzeln, aber eben Deutsche. Die Info, dass der Vater nun aus dem Iran stammt, ist ja eher jüngeren Datums. Trotzdem: der eher südländische Typ ist halt die Wagenknecht – nicht die strohblonden Queerfeministinnen, nicht meine flachsblonden ehemaligen Mitschülerinnen (obwohl, wer weiß, vielleicht haben denen die Eltern schon als 9jährige die Haare blondiert und die Haut gebleached), nicht die jetzt dunkel gefärbten Kunst- und Kultwissenschaftlerinnen, Literatinnen, Philologinnen, wer auch immer.

Wagenknecht selbst hat die Rassismuskeule übrigens zu keinem Zeitpunkt gezogen (anders als viele andere, wie man leider sagen muss!). Sie darf kritisiert werden und ich muss gestehen, dass ich auch nicht alles gut finde, was sie sagt. Aber ich finde das mit dem „Sie darf kritisiert werden“ gut. Man muss nicht ihrer Meinung sein. Man ist deshalb kein „Fascho“. Man wird deshalb nicht von aufgeklärten Deutschen gemieden, weil die sich nicht mit vermeintlich „braunem Dreck“ gemein machen wollen. Aber mit der Weidel, mit der haben sie sich durch die Hintertür gemein gemacht. Bleibt abzuwarten, bis es eine Homestory über das „polnische“ Pärchen Kubitschek/Kositza gibt und dass man die auch mal ernst nehmen müsse – haben ja sicher die eine oder andere gescheckte Ziege auf dem Hof. Immer schön bunt! So schlimm kann’s also bei denen nicht sein. Einstweilen wird die Wagenknecht dagegen die „Rassistin“ bleiben. Cheers!

… sagt Laila Phunk, die um ein Haar wirklich „Laila“ genannt worden wäre. Allerdings sollte es ausdrücklich die finnische Variante sein …

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