Terror! (Teil XIV)

Wer nochmal ganz von vorn mit der Story anfangen will, kann das tun. Hier geht’s zu Teil I. Wer irgendwo quereinsteigen will, findet alle verffentlichten Kapitel von „Terror!“ unter #TerrorTheStory

Grenzgebiet zwischen Ventimiglia (Italien) & Menton (Frankreich), 03. August 1980, 3 Uhr

Er taumelte jetzt manchmal mehr als dass er ging. Doch immer wieder riss er sich zusammen und zwang sich, weiter zu gehen. Immer einen Schritt vor den anderen. Die Straße, an der er ging, war menschenleer. Er hoffte, dass kein Auto kommen würde, denn dann würde er als einsamer Spaziergänger mitten in der Nacht nur umso mehr auffallen. Kurz überlegte er, sich einfach an den Straßenrand zu legen und etwas zu schlafen.

Die Berge zu seiner Rechten waren etwas in die Ferne gerückt, die breite, saubere Straße umsäumt von leicht verdorrten Rasenflächen. Gelbe Straßenlaternen sendeten ein gedämpftes, seltsam friedliches Licht aus. Dann sah er ein flaches weißes Haus, vor dem etwas schlapp und angebräunt zwei Palmen standen. Er beschloss, dass es doch besser wäre, noch eine Weile weiter zu gehen. Außerdem wusste er nicht, ob er noch in Italien war oder schon in Frankreich. War er am Ende im Kreis gelaufen und immer noch in Ligurien? Bewegte er sich vielleicht sogar wieder landeinwärts?

Jetzt, tief in der Nacht, war es angenehm warm. Er hatte den Eindruck, dass alles um ihn herum ihm irgendwie wohlgesonnen sei, obwohl er sich dieses Gefühl logisch nicht erklären konnte. Der Himmel hatte ein sattes, warmes Samtblau und es war sternenklar. Als er viele Jahre später auf dem Sterbebett liegen sollte, würde er genau diese Szene noch einmal vor Augen haben: Frieden und das sichere Gefühl, dass er es schaffen würde. Vielleicht dachte er so, weil er jung war. Er konnte nicht ahnen, wie sehr diese Nacht seinem Leben eine entscheidende Wendung geben würde.

Obwohl er so sehr mit sich allein war, dachte er an nichts Bestimmtes. Er dachte nicht einmal darüber nach, wie er sich über die kommenden Tage retten sollte. Er würde es darauf ankommen lassen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Als er die pastellfarbenen Werbetafeln am Straßenrand sah, traute er seinen Augen zunächst nicht. Um sicher zu gehen, dass es sich nicht etwa um eine Fata Morgana handelte, ließ er seinen Blick noch einmal langsam über jeden einzelnen Buchstaben gleiten. Französisch! Er lächelte. Er konnte sein Glück kaum fassen. „Doch halt!“ mahnte er sich. Es konnte auch für den Grenztourismus sein, für Leute, die von der Côte Azur oder aus Monaco kamen, um eine Nachmittag in Ligurien zu verbringen. Er wollte sich nicht zu früh freuen.

Er genehmigte sich noch ein Quentchen Pessimismus, bis er an eine Kreuzung gelangte. Das Straßenschild zurück wies den Weg nach Vintimille (Italie), links ging es nach Menton. Vor ihm lag Frankreich, die Zukunft! Nanni jubelte. Wäre er nicht so müde gewesen und hätte er nicht doch immer noch ein bisschen Angst davor gehabt, er könne einem zufällig vorbeifahrenden Auto auffallen, dann wäre er jetzt aufgesprungen und hätte ein Freudentänzchen vollführt. So würde er es Jahre später seiner kleinen Tochter erzählen. Er würde es als Abenteuer junger Italiener darstellen, die hatten mitansehen müssen, wie der alte Geist des Faschismus in ihrer Heimat immer lebendiger wurde, wie soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Gewalt die Menschen gegeneinander aufwiegelten. Und dass ein deutscher Freund ihm erzählt hatte, dass es im wohlhabenden Deutschland nicht viel anders sei.

Nanni zwang sich, noch ein Stückchen weiter zu gehen. Als er ein geeignetes Plätzchen im Grünen fand, schlug er sich in die Büsche und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Seine erste Nacht in Frankreich. Nanni war in Sicherheit.

+++ News! +++ News! +++ News! +++ News! +++ News! +++ News!

Gestern Mittag wurde bei der Fortezza in Florenz eine der mutmaßlichen Attentäterinnen von der Piazza della Repubblica festgenommen. Die Deutsche mit italienischen Wurzeln hatte versucht, mit dem Mofa zu fliehen. Derzeit können die Ermittler einen terroristischen Hintergrund nicht ausschließen. Es wird überprüft, ob italienische Linksterroristen, insbesondere die Roten Brigaden, Kontakte nach Deutschland haben. Immer noch ist unklar, ob das Attentat in Florenz in Zusammenhang mit dem furchtbaren Unglück in Bologna* steht, der bislang 76 Menschen das Leben gekostet hat. Haben die Roten Brigaden gleich zweimal zugeschlagen? Oder war hier der Zufall am Werk, der Italien an einem Tag gleich zwei schwere Unfälle und eine Schießerei beschehrt hat? In Florenz kämpft ein deutsches Opfer immer noch um sein Leben. Ein schwerverletzter Italiener ist mittlerweile außer Lebensgefahr.

Luigi Marcolini, Florenz, Questura, Palazzo Pitti, 03. August 1980, 16 Uhr

„So langsam bin ich es leid.“ maulte Marcolini. „Nicht einmal das Wochenende gönnt man uns!“. Sie hatten am Vormittag beschlossen, am nächsten Tag, wenn die Behörden überall wieder ihre Türen öffnen würden, ein Fax nach Deutschland zu schicken, mit der Anfrage, nachzuprüfen, ob ein deutscher Reisepass auf eine Erika Müller ausgestellt worden war, geboren am 24. Juni 1959 in Buenos Aires, Argentinien. Es war Albaneses Idee gewesen. Der hatte am Morgen, als sie schnell auf einen Kaffee in die Bar gegangen waren, den Verdacht geäußert, die Frau, die sie festgenommen hatten, könnte eine falsche Identität angenommen haben. „Am Ende ist sie in Wirklichkeit Palästinenserin oder Libyerin.“ hatte Albanese Marcolini zugeraunt. „Nicht schlecht.“ hatte der etwas ältere Carabiniere, der vor einem Jahr aus Verona nach Florenz versetzt worden war, anerkennend gedacht. Vielleicht verstand die Frau, die sie gestern bis tief in die Abendstunden vergeblich zu vernehmen versucht hatten, wirklich kein Italienisch. Heute Nachmittag sollte aber ein deutscher Übersetzer kommen.

Sie wussten, dass die Rote Armee Fraktion in Deutschland enge Verbindungen zu der palästinensischen Fatah** hatte. Marcolini war nur das Motiv noch nicht ganz klar. Es musste sich um eine Kooperation zwischen der deutschen RAF und den italienischen Roten Brigaden handeln. Letztere hatten den Anschlag in Bologna zu verantworten. Das zumindest hatte man bei ihnen im Palazzo Pitti verbreitet. Offiziell wurde, was Bologna betraf, immer noch von „Unglück“ gesprochen. Die Schießerei in Florenz dagegen sollte den deutschen General treffen – diesmal für die RAF – und gleichzeitig Verwirrung um die Ereignisse in Bologna stiften. Das zumindest war jetzt erst einmal ihre Arbeitshypothese.

Allerdings war in Deutschland bislang noch kein Bekennerschreiben der RAF aufgetaucht. Marcolini wusste, dass die deutschen Terroristen in erster Linie versuchten, ihre inhatierten Mitstreiter freizupressen. So gesehen passte die Sache in Florenz nicht ins Bild, denn dann hätten sie den General erst entführen müssen, grübelte Marcolini. Oder wollten sie ihn entführen, die Explosion sollte ihnen Deckung geben und es war etwas schiefgegangen?  Marcolini spürte, dass da etwas faul war. Ihre Arbeitshypothese würde nicht funktionieren.

Vielleicht wollten die Palästinenser mit dem Anschlag engere Bande nach Deutschland knüpfen. Oder hatte Ghedaffi seine Hände im Spiel? Und wenn sie sich auf die Person des General konzentrierten – wem war der im Weg gewesen? Beabsichtigte man in Deutschland, in nächster Zeit irgendein unbequemes Gesetz durchzuknüppeln? Wollte die RAF die NATO treffen oder hatte der NATO-General etwas gewollt, das in seinen Kreisen nicht überall auf Gegenliebe stieß? Könnte Erika auch eine Auftragskillerin sein? Dann wäre es denkbar, dass die Explosion in dem Café suggerieren sollte, es handele sich um einen terroristischen Anschlag, und damit in Wirklichkeit ein Mord vertuscht werden sollte.

Sie hatten gesehen, dass Erika eine beachtliche Narbe auf der linken Wange hatte. Vermutlich war sie deshalb so stark geschminkt gewesen. In solchen Fällen glaubte man eher nicht an einen „Unfall“. Auch kein gewalttätiger Ehemann, tippte Marcolini, denn die Narbe sah nicht nach einem brutalen Schlag aus dem Affekt heraus aus. Es machte eher den Eindruck, als hätte jemand gezielt versucht, Erika Müller das Gesicht zu entstellen.

Folter – Das Wort bahnte sich seinen Weg aus Marcolinis Hinterkopf in sein Bewusstsein. Sie hatten Erika noch nicht medizinisch untersuchen lassen, aber er war gespannt, ob sie weitere Spuren von Misshandlungen entdecken würden. So etwas sprach für Palästina oder Libyen. Oder eben Argentinien, Lateinamerika. Aber das war etwas, wo Marcolini sich eigentlich nicht reinziehen lassen wollte. Und außerdem – welchen Sinn konnte es ergeben?

Vielleicht fingen sie mit Berthold Brennecke, dem NATO-General an, wenn sie schon aus Erika nichts herausbekamen. Und dann mussten sie abwarten, ob ein Bekennerschreiben der RAF oder der Roten Brigaden auftauchen würde.

Außerdem war da noch Cristina Nicosia, die Tote: Tochter eines römischen Geschäftmannes, der in Fiesole ein Sommerhaus besaß. Vincenzo Nicosia hatte seine Tochter gestern Abend identifiziert. Der Mann war untröstlich. Er hatte darum gebeten, ihn in den nächsten Tagen nicht zu kontaktieren. Er müsse irgendwie mit seiner Trauer fertig werden und wolle zu diesem Zwecke einen Geistlichen aufsuchen, der der Familie nahe stand. Dann müssten die notwendigen Vorbereitungen für die Beerdigung getroffen werden. Sobald die Obduktion abgeschlossen sein würde, sollte Cristinas Leichnahm nach Rom überführt werden. Nicosia wollte sich Mitte der kommenden Woche noch einmal melden, wenn er über den größten Schmerz hinweg war.

Der Übersetzer ließ auf sich warten und Marcolini war eher pessimistisch. Er glaubte Erika Müller nicht. Sie wirkte zu stur, zu erfahren mit Verhören ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil XV.

*Anschlag von Bologna: Hier „Unglück“, hat sich leider wirklich ereignet und insgesamt 85 Menschen das Leben gekostet. 200 Menschen wurden verletzt, z. T. schwer. Zunächst ging man aber von 76 Toten aus. Die „News“ sind frei erfunden.

**Fatah: politische Partei und Guerilla-Gruppe innerhalb der Palästinensichen Befreiungsorganisation (PLO). Mitglieder der RAF erhielten von der Fatah und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PLFP) eine militärische Grundausbildung in Jordanien, im Südjemen und im Libanon.

Alle Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Advertisements