Terror! (Teil XIII)

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Ligurien, 02. August 1980, 21 Uhr 30

Irgendwo glaubte er, das Gluckern von Wasser zu hören. Tropfte da etwas? Am Ende des Tunnels wartete nur die Dunkelheit auf ihn. Er hoffte inständig, dass er auf dem richtigen Weg war, zwang sich dazu, fest daran zu glauben, denn er war erschöpft und musste all seine Energie zusammennehmen, um weiterzugehen. Als er an der Landstraße das Schild gesehen hatte – „Staatsgrenze 10 km“ – war er landeinwärts abgebogen. Er musste einen Umweg nehmen.

Eine Weile war er unter dem Viadukt durch den Morast gewatet, bis er auf eine kleine Trasse gestoßen war, die parallel zur Landstraße zu verlaufen schien, jedenfalls in die gleiche Richtung führte – War es eine stillgelegte Eisenbahntrasse? Oder ein Weg, den bei Tag Land- und Forstarbeiter nutzten? Er wusste es nicht. Die Dunkelheit bot ihm nur schemenhaft Orientierung. Unter seinen Füßen fühlte der Weg sich holperig an. Er verspürte einen Anflug von Klaustrophobie zwischen den rauhen Felsen, die ihn von beiden Seiten umschlossen. Sie schienen ihn stumm zu verhöhnen und bedrohlich immer näher zu rücken wie dunkle, steinerne Ungetüme, aber das bildete er sich nur ein.

Dann war da plötzlich wieder ein Stück Straße und an deren Ende der Tunnel, der noch aus der Mussolini-Zeit* stammen musste. Moos kroch an an dem in die Jahre gekommenen Gemäuer hoch. Es roch faulig. Alle paar Meter erhellte eine fahle Deckenlampe den Weg spärlich. Hier und da war eine ausgefallen und niemand hatte sie repariert. Er fröstelte ein wenig in seinem dünnen T-Shirt. Die modrige Feuchtigkeit und die Müdigkeit setzten ihm zu. Draußen, an der Landstraße in der warmen Sommernacht hatte er noch nichts davon bemerkt. Da war die Grenze aber auch noch abstrakt gewesen, eine Möglichkeit, die noch ein gutes Stück entfernt lag. Jetzt wurde es langsam ernst. Er hoffte, dass kein Auto kommen würde und zwang sich, weiterzugehen, setzte mechanisch immer einen Schritt vor den anderen. Seine Füße brannten in den mit Matsch bespritzten Stoffschuhen ….

Teniente Daniela, Florenz, Palazzo Pitti, 02. August 1980, 21 Uhr 30

„Erika!“ seufzte der eine Carabiniere theatral. „Auch wenn du Deutsche bist, in Deinem Pass steht doch ein schöner italienischer Name! Wenigstens ein bisschen Italienisch wirst Du doch wohl sprechen!“ „Na ja, schön, ich weiß nicht …“ kommentierte der andere Carabiniere. „Gastarbeiter!“ tat sich der erste mit einem harten, kehligen Wort groß, von dem Daniela nicht wusste, was es bedeutete. „… oder etwas anderes.“ fügte der andere hinzu. Sie schienen sich eher gegenseitig die Bälle zuzuspielen, als dass sie mit Daniela irgendwie weiterkamen.

Daniela schwieg. Es tat ihr leid, dass sie ihre Schwester Erika da mit hereingezogen hatte. Aber in dem gefälschten grünen deutschen Pass klebte ihr Foto. Niemand, der sie nicht näher kannte, würde darauf kommen, dass sie und Erika Schwestern waren. Erika war groß und blond, Daniela etwas kleiner und dünner und außerdem dunkelhaarig. Nur wer sie beide zusammen sah und genau darauf achtete, erkannte, dass sie die gleichen, etwas pausbackigen, rundlichen Gesichter hatten und die gleichen Grübchen in den Wangen, wenn sie lachten, die gleichen großen, bernsteinfarbenen Augen.

Aber nicht nur der Pass war gefälscht. Papà, der eigentlich aus Siena stammte, hatte seinen jetzigen Namen, den auch sie trug, erst in Argentinien angenommen. Wie er ursprünglich geheißen hatte, wusste sie nicht. Daniela fragte sich, ob wenigstens der Name ihrer Mutter – Muller – echt war. Beruhte am Ende ihre ganze Existenz auf einem Lügengebäude?

Ihre Eltern waren einst mehr oder weniger aus den gleichen Gründen nach Argentinien ausgewandert – der Krieg in Europa, den die Deutschen angezettelt hatten. Danach waren Abuelo und Abuela Muller mit ihren Kindern – darunter Danielas Mutter Matilda – nach Lateinamerika gegangen. Abuelo Muller war in Deutschland Ingenieur gewesen. In Argentinien eröffnete er eine Autowerkstatt. Er war ein ernster, wortkarger, hart arbeitender Mann, der es in der Fremde schnell zu Wohlstand gebracht hatte. Es ging ihnen ziemlich gut. Über Deutschland sprachen sie nie. In Argentinien, in der neuen Welt hatten sie ein neues Leben begonnen, in dem für die Vergangenheit kein Platz mehr war. Nur an ihrem etwas stockenden Spanisch, an dem harten deutschen Akzent, den beide Großeltern nie losgeworden waren, merkte man, dass sie Ausländer waren. Außerdem backte Abuela Muller leckere, würzige Plätzchen zu Weihnachten, die sie unter der heißen, trockenen Wintersonne des Südens verzehrten. Danielas Großeltern feierten die Ankunft des Heiland schon Wochen vor dem großen Fest, zündeten jeden Sonntag eine Kerze an, hielten sich ansonsten aber mit ihrem Glauben zurück. Abuelo und Abuela Muller waren Protestanten, Daniela selbst gläubige Katholikin.

Ihre italienischen Großeltern kannte Daniela nicht, obwohl sie ganz passabel Italienisch sprach. Ihr Vater hatte es ihr und ihrer Schwester beigebracht. Er war nach Argentinien ausgewandert, weil er das Abenteuer suchte und sich in der endlosen Weite der südamerikanischen Steppe etwas Eigenes aufbauen wollte, wie er ihnen von Zeit zu Zeit erzählt hatte, aber er hatte wohl auch triftige Gründe gehabt, Italien zu verlassen. Als junger Mann war er dem Duce, dem italienischen Diktator, nach Salò** gefolgt – „Weil ich Italien nicht den Yankees überlassen wollte, Daniela! Es war doch meine Heimat!“ – hatte er gesagt. Aber die Yankees hatten gesiegt und es war Papà, der Unrecht getan hatte. Er hatte sich am christlichen Glauben, der Güte und Nächstenliebe gebot, versündigt, so wie jeder Faschist dem Glaubenden und Liebenden frech ins Gesicht lachte. Videla, Pinochet, Stroessner, Méndez*** – Sie alle waren im Grunde nicht mehr als die hämisch grinsende Fratze des Antichristen, der den Menschen die Hölle schon auf Erden bereiten wollte. Im Falle ihres Vater wie auch bei ihren deutschen Großeltern hatte Gott Milde walten lassen und es war gut gewesen. Doch Daniela wusste, dass Milde nicht immer das Mittel erster Wahl war.

In Italien war alles klein und sehr geschichtsträchtig. Daniela kam es so vor, als lebten die Menschen in Puppenhäusern, doch die engen Gassen und die alten Palazzi hatten sich über die Jahrhunderte auf eine fast organisch Weise zu großen Städten ausgewachsen. Sie sehnte sich nach Amerika, nach Buenos Aires mit seinem Trouble, mit den Prachtboulevards und 24-Stunden-Shops, Hochhäuser und Seitenstraßen mit kleinen, dunklen Cafés, die bevölkert wurden von lässigen, langmütigen und warmherzigen Menschen, die Diktatur, Korruption und Wirtschaftskrisen zäh und tapfer ertrugen. Etwas in Daniela sagte ihr, dass sie ihre Heimat nie wieder sehen würde.

Vor ihrem inneren Auge tauchte die argentinische Pampa auf. Sie sah wieder vor sich, wie sie mit ein paar anderen im Gleichschritt marschierte, Sturmgewehre im Anschlag, dann rannten sie, warfen sich auf Kommando auf den Boden und robbten durch die dürre Graslandschaft, während sie auf Pappkameraden feuerten. Die Organisation, der Daniela sich angeschlossen hatte, als ihr Mann Carlito verschwunden war und klar war, dass er nicht wiederkommen würde, hatte sie in der Pampa notdürftig militärisch ausgebildet. Sie hatten Waffen auseinandergenommen und wieder zusammen gesetzt, grundlegende Techniken der klandestinen Kommunikation erlernt und sich im Gefecht wie auch im Straßen- und Häuserkampf erprobt. Daniela wusste, wie man ein Bajonett benutzte und wie man eine Handgranate warf. Dabei hatte sie sich einst ein ganz anderes Leben erträumt, eines, in dem Carlito und ein Haufen fröhlicher Kinder die Hauptrolle gespielt hätten. Ihre Ehe war leider kinderlos geblieben. Die Diktatur hatte ihr zudem auch ihr kleines Eheglück zerstört. „Y el pueblo unido jamás será vencido!“+ sang es in Danielas Kopf, das chilenische Lied, das ihren Kampf in Worte fasste: „Sus políticas de corrupción, sus mentiras de destrucción. No nos asustan todas sus tropas, sus amenazas, sus metralletas! …“+

Sie spürte das silberne Kreuz auf ihrem Brustbein aufliegen, das sie seit ihren Jugendtagen als Anhänger an einem dünnen Kettchen um den Hals trug. Jesus hatte den Bettlern die Füße gewaschen. Die Organisation half den Combatientes, den Guerillera-Kämpfern, die gegen die faschistischen Diktaturen und gegen die Yankees in Lateinamerika kämpften. Dafür zahlten sie ihr einen kleinen Sold. Im Gegenzug musste sie Aufträge annehmen, nicht nur in Argentinien, auch in anderen südamerikanischen Ländern, sogar in Europa.

Daniela schwieg weiter. Sie verzog keine Miene. Auch nicht, als sie sie wieder in ihre Zelle zurückbrachten.

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*Benito Mussolini: 1922 bis 1943 faschistischer Diktator („Duce“) Italiens. 1943 wurde Mussolini abgesetzt. König Vittorio Emmanuele III. übernahm wieder das Regiment über die italienischen Streitkräfte und der eher gemäßigte Marschall Pietro Badoglio wurde zum neuen Regierungschef ernannt. Da abzusehen war, dass eine Fortführung des Krieges und des „stählernen Paktes“ („Patto d’Acciaio“) mit dem nationalsozialistischen Deutschland für Italien äußerst verlustreich sein würden, versuchte Badoglio einen Seitenwechsel für Italien herbeizuführen. Im September 1943 wurde der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten, die im Sommer bereits auf Sizilien gelandet waren, unterzeichnet worden. Die Deutschen, die Norditalien kontrollierten, waren darauf vorbereitet und marschierten in Zentralitalien ein. Es gelang ihnen, Mussolini, der verhaftet worden war, zu befreien und ihm zur Flucht zu verhelfen. Zeitgleich zu dem Vorrücken der Alliierten kämpfte die italienische Resistenza, der Widerstand, dem nicht nur Kommunisten und Sozialisten, sondern zu diesem Zeitpunkt auch politisch gemäßigte Kräfte und Katholiken angehörten, in einem Partisanenkrieg die deutschen Besetzer. Im August 1944 wurde etwa die Toscana, in der Teile dieser Geschichte spielen, befreit. Erst Ende April 1945, kurz nachdem Benito Mussolini von einem kommunistischen Partisanen erschossen worden war, konnte jedoch eine bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien erreicht werden.

Dieser Seitenwechsel in letzter Minute führte u. a. dazu, dass die faschistische Vergangenheit Italiens lange Zeit nicht vollständig aufgearbeitet wurde und in der Nachkriegszeit bei der Bevölkerung kein Bewusstsein für die eigene (Mit-)Täterschaft existierte. Man identifizierte sich eher mit dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland, was vielen Italienern aber eigentlich nicht zustand. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass der italienische Faschismus im Vergleich zum Nationalsozialismus weitaus weniger bestialisch war und die Bevölkerung auch nach Einführung der Nürnberger Gesetze in Italien nur wenig Motivation erkennen ließ, etwa jüdische Nachbarn, Freunde oder Kollegen zu verraten. Dabei hatte Antisemitismus leider auch in Italien eine traurige Tradition, nur spielte Antisemitismus zum einen im italienischen Faschismus keine wesentliche Rolle und zum anderen herrschte in der italienischen Bevölkerung anders als in Deutschland zumeist ein gewisses grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politikern und staatlichen Stellen, sodass der Eifer, sich durch besoders engagierte Kooperation hervorzutun, sich in Grenzen hielt. Leider war der italienischen Faschismus trotzdem Faschismus  – mit allen Konsequenzen.

**Repubblica Sociale Italiana: (September 1943 bis April 1945) Nachdem Mussolini entmachtet worden war, gründete er mit einigen getreuen Gefolgsleuten und der Unterstzützung der deutschen Nationalsozialisten die „Repubblica Sociale Italiana“ (RSI), auch „Republik von Salò“ genannt. Das wesentliche politische Machtzentrum lag in Salò am Gardasee, der sich in Norditalien, etwa zwischen Trento, Brescia und Verona, befindet, obwohl als offzieller Regierungssitz Rom angestrebt war. Das Territorium der RSI umfasste im wesentlichen das von den Deutschen besetzte italienische Gebiet, darunter auch Südtirol, Triest und Teile Sloweniens einschließlich Ljubljana (italienisch: Lubiana). Das die RSI vollständig vom nationalsozialistischen Deutschland abhängig war, gilt sie als Marionettenstaat, der nur von einigen wenigen Ländern, zumeist Bündnispartner Deutschlands, anerkannt wurde. Je mehr die Deutschen in Italien zurückgeschlagen wurden, desto mehr verringerte sich demzufolge auch das „Staatsgebiet“ der RSI. Man muss hervorheben, dass unter den Gefolgsleuten Mussolinis, die die RSI mittrugen, überzeugte Nazis waren, die die Politik Hitlers aktiv unterstützten. Der Film „Salò oder die letzten 120 Tage von Sodom“ von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975 vermittelt einen Eindruck von der Widerlichkeit des Denkens, dass die „Repubblica di Salò“ von italienischer Seite künstlich am Leben erhielt, obwohl man betonen muss, dass es sich um reine Fiktion und daher um eine künstlerische Verarbeitung dieser Ausprägung des italienischen Faschismus handelt, die zudem stark auf den Ekeleffekt sexueller Perversion setzt. Der Film ist in vielen Ländern verboten. In Deutschland steht er auf dem Index. Ich selbst habe auch nur den ersten Teil ertragen können und denke, dass er für Jugendliche und psychisch labile Menschen ungeeignet ist. Vielleicht trifft das aber auch auf gewisse Formen von Politik (vgl. u. a. auch unten, d. h. lateinamerikanische Militärdiktaturen und ihr Umgang mit Andersdenkenden), aber das ist jetzt eine persönliche Meinung.

***Jorge Rafael Videla (Diktator von Argentinien 1976 – 1981, die Militärdiktatur selbst hielt sich noch 2 Jahre länger und wurde schließlich durch den Falklandkrieg 1982 in die Knie gezwungen), Augusto Pinochet (Diktator von Chile 1973 – 1990), Don Alfredo Stroessner (Diktator von Paraguay 1954 – 1989) und Aparicio Méndez (Diktator von Uruguay 1976 – 1981, die Militärdiktatur in Uruguay dauerte von 1973 – 1985). Alle genannten Regimes erhielten als erklärte Antikommunisten Unterstützung durch die USA und waren auch der Bundesrepublik Deutschland als Verhandlungs- und Wirtschaftspartner willkommen. Die Beschreibungen der Folterpraktiken einiger dieser Regimes, die auch sexuelle Misshandlungen von Frauen beinhalteten, sind derart entsetzlich, dass es den fiktionalen Gehalt und das Schockmoment von Filmen wie Pasolinis „Salò oder die letzten 120 Tage von Sodom“ (siehe oben) stark relativiert …

+Lied „El pueblo unido“, Musik: Sergio Ortega (lebte später im Exil in Frankreich), Text: Gruppe Quilapayún (Zum Zeitpunkt des Putsches 1973 in Chile war die Gruppe in Europa auf Tournee und konnte nicht zurückkehren), vgl. Wikipedia. Übersetzung der von mir im Text zitierten Zeilen: „Das Volk, vereint, wird niemals besiegt werden. Ihre korrupte Politik, ihre zerstörerischen Lügen. Sie schüchtern uns nicht ein mit all ihren Drohungen, ihren Maschinengewehren …“, Übersetzung durch Laila Phunk, ohne Gewähr, spanische Lyrics Google Play Music entnommen.

Lateinamerika-Fans und -Kenner(innen) werden die Darstellung der Ereignisse evtl. als ungenau oder die Wirklichkeit verzerrend auffassen. Tatsächlich handelt es sich bei der Geschichte um reine Fiktion. Die „Organisation“, der Teniente Daniela angehört, ist meiner Fantasie entsprungen und existierte (im Gegensatz zu den oben gegannten Militärdiktaturen) in Wirklichkeit nicht. Ich habe mir außerdem, u. a. auch was die Gegend zwischen Ventimiglia und Mentone in Ligurien und die Arbeit der Carabinieri in Florenz betrifft, einige künstlerische Freiheiten genommen. Alle im Text genannten Personen – außer den historischen Persönlichkeiten – sind außerdem frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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