Terror! (Teil XII)

Content Warnung: enthält Schilderungen, die für Hochsensible nicht geeignet sind. Ungeeignet auch für Kinder und Jugendliche.

(„Terror!“ ist eine fiktive Fortsetzungsstory, die sich an realen historischen Ereignissen als Rahmenhandlung entlanghangelt.)

Wer den Anfang verpasst hat oder gern irgendwo quer in die Story einsteigen möchte, schaut einfach unter #TerrorTheStory.

Beppe, Vorplatz des Hauptbahnhofes von Bologna, 02. August 1980, 10 Uhr 40

Überall gellten Sirenen. Die Wagen der Notfallambulanz bahnten sich ihren Weg auf den Platz und verschwanden wieder. Menschen wuselten umher. Einige standen auch nur herum. Fassungslos. Wie gelähmt in ihrer Hilflosigkeit, irgendetwas tun zu wollen und nicht zu wissen, was sie tun könnten, was wirklich helfen würde.

Beppe schnaufte. Und er merkte, wie ihm klammheimlich eine kleine Träne aus seinem linken Auge kullerte. Er riss sich zusammen. Er durfte jetzt nicht anfangen zu heulen. Gleichzeitig schienen ihm seine Gefühle merkwürdig abstrakt zu sein. Er funktionierte wie auf Autopilot, sodass er seinen eigenen Schmerz, seine Trauer wie eine andere Person aus den Augenwinkeln wahrnahm.

Der Mensch, der auf der Trage lag, deren Griffe Beppe krampfhaft umklammerte, wimmerte. Er lebte also noch. Es musste ein Mann mittleren Alters sein, aber so genau sah man das nicht. Genau genommen war es nur ein Bündel Mensch, ein gequälter, bizarr gekrümmter Körper, mit einer Schicht aus grauem, körnigen Staub bedeckt, unter dem eine unförmige Stoffmasse erkennbar war. Hier und da ragten einzelne, bräunliche Haarfetzen heraus. Über die Schläfe sickerte Blut. Es sprudelte zunächst frisch, wie aus einer Quelle heraus, um dann zu einer klebrigen, rot-schwarzen Firniss zu werden, die sich mit dem Staub mischte und die Gesichtszüge des Opfers unkenntlich machte. Der Sanitäter, der die Trage am anderen Ende hielt, schritt zügig voran, so dass Beppe an sich halten musste, um mitzukommen.

Beppe betete, dass der Mann durchkommen würde. Er hatte Leichensäcke gesehen. Der Grieche, den er in seinem Taxi zum Bahnhof befördert hatte, machte sich ebenfalls nützlich. Die blaue Sporttasche, die sein Fahrgast bei sich gehabt hatte, hatte er in der Eile auf dem Beifahrersitz stehen lassen.

Es gab keinen Bahnhof mehr. Oder, besser gesagt, es gab nur noch den östlichen Gebäudeteil mit der Vorhalle, der wie eine Theaterattrappe aberwitzig in den Himmel ragte, um dann in der Mitte plötzlich abzubrechen. Rechts davon waren nur noch Geröll und umgestürzte Balkan. Aus der Ferne sahen die Menschen, die sich daran zu schaffen machten, wie vereinzelte, in Angesichts des Unglücks lächerlich hilflose Miniaturen aus. Einige wühlten mit bloßen Händen in den Trümmern, in der Hoffnung, doch noch Lebende bergen zu können, die mit etwas Glück auf der Intensivstation eines der umliegenden Krankenhäuser wieder zu Kräften kommen würden. Alle hofften, dass kein Gebälk nachträglich einbrechen und noch zusätzliche Tote fordern würde. Eine dunstige Staubwolke waberte wie ein Nachhall der Explosion über dem, was einmal der Wartesaal 2. Klasse und das Bahnhofscafé gewesen war. Hätte man darauf geachtet, wäre es einem fast zynisch vorgekommen, dass die Sonne nach wie vor ungerührt mit all ihrer Kraft vom strahlendblauen Augusthimmel strahlte. Später sollte ein Schweizer, der in dem Zug saß, der gegen 10 Uhr 25 von Chiasso kommend zur Weiterfahrt nach Ancona auf Gleis 1 einfuhr, berichten, wie Blut ans Zugfenster spritzte*.

+++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++

Gegen 10 Uhr 25 MEZ hat sich im Bahnhof von Bologna eine Explosion ereignet. Weite Teile des Bahnhofsgebäudes wurden zerstört. Es hat mehrere Tote und dutzende Verletzte gegeben. Der Zugverkehr von und nach Bologna ist vorübergehend ausgesetzt. Verkehrsteilnehmer, die im historischen Zentrum von Bologna unterwegs sind, werden gebeten, die Rettungsfahrzeuge nicht zu blockieren. Es werden dringend Blutspenden benötigt.**

+++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++ Eilmeldung! +++

Etwa zeitgleich zu dem furchtbaren Unglück in Bologna hat sich im historischen Zentrum von Florenz eine weitere, kleinere Explosion ereignet. Es gab mehrere Verletzte und eine Tote. Ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gibt, ist bislang noch unklar. Auch ist nichts über den Hintergrund bekannt.***

Gianni Bianchini, im Zug von Florenz nach Bologna, 02. August 1980, 10 Uhr 40

Gianni blätterte etwas lustlos im Politikteil der „Repubblica“. Er fühlte sich verpflichtet, sich selbst von Zeit zu Zeit über die aktuelle politische Lage ins Bild zu setzen. Dabei war es eigentlich egal. Er wusste zwar, wo er bei den nächsten Wahlen sein Kreuzchen machen würde – da, wo er es immer machte -, aber korrupt waren sie im Grunde alle. Das war die notorische, italienische Politikerkrankheit, die bislang noch niemand hatte ausrotten können. Sie machte Wahlen jede Legislaturperiode wieder zu einer Farce und ließ die erregten Debatten über Politik beim Morgenkaffee am Tresen der eigenen Lieblingsbar müßig erscheinen.

Ein abrupter Ruck riss Gianni aus seinen Gedanken. Irritiert blickte er sich um. Da kam auch schon ein Schaffner herbeigeeilt und zeterte hysterisch, dass sich in Bologna am Bahnhof ein furchtbares Unglück ereignet habe, dort könnten jetzt keine Züge mehr fahren. „Und was jetzt?“ fragte ein untersetzter Mann mit Halbglatze ungehalten. „Wir müssen warten.“ seufzte der Schaffner.

Gianni hatte gesehen, wie der Lockenkopf unter seinem olivefarbenen Hautton kreidebleich wurde. Ein krankhafter Schweiß stand dem jungen Mann, an dem alles geradezu schrie „Unruhestifter!“, auf der Stirn und seine Augen flackerten bedenklich. „Unglück“ dachte Gianni. „So, so.“ Terroristen half er nicht. Jungen Leuten, die unter Generalverdacht standen, schon. Der Schlacks mit dem hervorspringenden Adamsapfel war in Prato zugestiegen, wie sich Gianni erinnerte. Er konnte sich denken, dass der junge Mann sich Ärger einhandeln würde, ganz gleich, wie offensichtlich es war, dass er nichts mit dem „Unglück“ in Bologna, wie sie es nannten, zu tun haben konnte ….

Gianni holte tief Luft, was in seinem Fall in einem trockenen Hüsteln endete. Noch bevor er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte, war er bei dem jungen Mann. „Ein wenig frische Luft würde Ihnen genauso helfen wie mir, richtig?“ zischelte er ihm ins Ohr. Der Schlacks nickte kaum merklich, sodass Gianni sich genau genommen nicht sicher war. Dennoch wandte er sich an den Schaffner und verlangte autoritär: „Öffnen Sie die Tür! Der Junge hier muss an die frische Luft!“ Gianni wedelte mit seinem Arztköfferchen, das er für solche Fälle immer bei sich trug. „Ich bin Arzt. Ich werde in Bologna gebraucht, aber vorerst will ich den jungen Mann hier an einen Kollegen übergeben. Zur Sicherheit! Ansonsten kann ich das nicht verantworten!“.

Der Schaffner öffnete die Tür, obwohl ihm sichtlich unwohl dabei war. Gianni und Nanni stolperten ins Freie. „Tun Sie so, als müssten Sie sich auf mich stützen!“ raunte Gianni Nanni ins Ohr. Die nächste Ortschaft konnte nicht weit entfernt sein. Dem Schlacks würde er empfehlen, sich auf den Schock einen Grappa in der nächstbesten Bar zu Gemüte zu führen, denn er war sich sicher, dass die Beschwerden des jungen Mannes rein nervlicher Natur waren und er ansonsten kerngesund war, zumindest soweit Gianni das oberflächlich beurteilen konnte. Gianni selbst wollte sich ein Taxi nach Bologna nehmen, oder, wenn er keins fand, eben per Anhalter fahren. Es verstand sich von selbst, dass er die Kollegen dort unterstützen musste. Sie hatten keine Zeit zu verlieren ….

Dottore Walter Martelli, Universitätsklinikum, Florenz, OP-Saal I, 02. August 1980, 13 Uhr 30

Jetzt hatte er sie endlich. Die kleine, fiese Patrone, die den Mann, den sie seit über einer Stunde operierten, vielleicht trotzdem letzten Endes das Leben kosten würde. Bauchschuss. Das war nicht irgendetwas! Abgesehen von etwas zu hohem Blutdruck und Übergewicht war der Deutsche jedoch für sein Alter erstaundlich gesund. Deshalb hatte Martelli ihm zunächst eine Überlebenschance von 50 zu 50 gegeben. Jetzt war er weit weniger optimistisch. Die Daten, die der Monitor zeigte, der an das Beatmungsgerät angeschlossen war, verschlechterten sich zusehends. Nachdem sie den Mann zunächst oberflächlich stabilisiert hatten – Er hatte leider relativ viel Blut verloren -, hatten sie viel zu lange gebraucht, um an die Patrone zu kommen, die Martelli jetzt in ein kleines Glasschälchen neben sich legte.

Der Mann hatte eine weitere Schussverletzung knapp über der Hüfte, mit sichtbar höherem Einschlagskrater als der Bauchschuss, der allerdings von vorn, aus nächster Nähe gekommen sein musste, wenn auch sehr wahrscheinlich ungezielt, denn er war schräg reingegangen. Näheres konnte Martelli dazu nicht sagen. Darum musste sich der Gerichtsmediziner kümmern. Der Schuss über der Hüfte war – so schätzte es Martelli ein, das heißt, er hoffte es inständig – nicht unmittelbar lebensgefährlich. Er würde erst den Bauch zu Ende machen und dann an die Hüfte gehen. Martelli bedeutete seinem OP-Assistenten, ihm Klemme und Schere zu reichen. Dottore Gentile, der zweite OP-Arzt, gab Daten an die Schwester durch, die ihm assistierte. Eine weitere OP-Schwester hielt sich im Hintergrund, so wie auch die Anästhesistin.

Pathologie, Universitätsklinikum, Florenz, 02. August 1980, 21 Uhr

Die junge Frau lag aufgebahrt in der Mitte des Raumes. Die Neonleuchte an der Decke ließ ihre Haut grauweiß mit einem leichten Grünstich erscheinen. Ein gräuliches Leintuch bedeckte ihren Rumpf. Irgendjemand hatte ihr aus Pietät die Augen zugedrückt. Ihr dunkles, welliges Haar floss ihr weich um das ovale, vollkommen reglose Gesicht mit der etwas zu spitzen, leicht gebogenen Nase. Zu Lebzeiten musste sie ein ewig sonnengebräunter, sportlicher Typ gewesen sein. Sie war schlank, eher groß und muskulös und sie hatte leichte X-Beine, von denen eines außerdem etwas verdreht in die Hüftpfanne eingehängt war, was ihr aber in ihrem Alter noch keine Probleme bereitet haben dürfte. Außer natürlich, beurteilte er sie in Gedanken fachkundig, sie hätte als Ballerina arbeiten wollen, aber dafür war sie wiederum zu gedrungen. Der Mund war leicht geöffnet. Sie würden ihr ohnehin noch Zahnabdrücke entnehmen müssen, auch wenn sie bereits identifiziert worden war. Morgen würde wahrscheinlich auch noch der Gerichtsmediziner einen Blick auf sie werfen wollen. Ja, so war das, dachte er bei sich.

Ein gut gezielter Kopfschuss hatte der Frau das Leben ausgehaucht. Leiden müssen hatte sie nicht, die kalte, tote Schönheit, denn nachdem die Kugel ihr die Schädeldecke durchschlagen hatte, musste sie innerhalb von wenigen Millisekunden tot gewesen sein. Die Leichenstarre war bereits seit einigen Stunden eingetreten.

Die junge Frau – sie war wohl Mitte oder Ende 20 -, war heute morgen mit einer Reihe von Verletzten von der Piazza della Repubblica reingekommen. Zwei Männer waren heute nachmittag operiert worden, einer davon war Ausländer, irgendein hohes Tier. Sein Zustand war kritisch. Man wusste nicht, ob er durchkommen würde. Der jüngere, ein italienischer Soldat, hatte weit bessere Chancen. Die anderen hatten nur leichte Verletzungen davon getragen und waren ambulant versorgt worden. Sie waren vermutlich schon wieder zu Hause.

Frauen als Opfer von Schießereien waren höchst selten und dann auch noch ein Kopfschuss! Ein junger, intakter Körper, der aber kalt und steif war, unwiderbringlich tot, so tot wie jede 100jährige, die an Altersschwäche dahingeschieden war. Bei ihr dagegen keine Spur von physischem Zerfall, keine Krankheiten, keine zerfetzten, heraushängenden Gedärme und keine zerschmetterten Glieder, wie oft bei Verkehrsunfällen, die ihnen in schöner Regelmäßigkeit jugendliche Neuzugänge bescherten.

Die hier war eine verstörend schöne Leiche! Fast eine präraffaelitische Ophelia! Nur dass Wasserleichen in Wirklichkeit so furchtbar aufgedunsen waren. Vor seinem Inneren entfaltete sich gleich einer machtvolle Explosion seiner Innenwelt eine prächtige Bilderfolge, die zwischen John Everett Millais‘ Gemälde der Ophelia und beängstigend wuchernden schwarzen Blumen vor einem erst blut- dann purpurroten Hintergrund pendelte. Er fühlte sich von sich selbst und seinen Gefühlen überwältigt und wusste, dass er an den Punkt gelangt war, an dem er gehen musste.

Vorsichtig schloss er die Tür und trat auf den dunklen Flur hinaus. Eine funzelige Notfallbeleuchtung tauchte das Kellerlabyrinth, in dem sich die Pathologie befand, in ein dämmeriges, diffuses Licht, das den Eindruck vermittelte, man befände sich in einer bedrückenden, fast geisterhaften Halbwelt, in der alles Schatten war, nichts konkret. Er würde später noch einmal wiederkommen. Morgen auch, wenn er es einrichten konnte und sich sicher sein konnte, dass er unbeobachtet blieb – so lange seine kalte, tote Schönheit auf ihrem Tisch ruhte ….

Er war so sehr mit sich selbst und seinem Nachsinnen über die tote Frau beschäftigt, dass er viel zu spät die leisen, schweren Schritte hinter sich bemerkte. Er spürte den massiven, warmen Körper in seinem Rücken. Dann hörte er, wie die Tür zu dem Raum, aus dem er gerade gekommen war, mit einem quietschenden Geräusch wieder geöffnet wurde. Aus den Augenwinkeln nahm er hinter sich einen gleißenden Lichtstrahl wahr, der den Flur plötzlich und brutal erhellte. Der Schatten, der ein konkreter, höchstlebendiger Körper war, verschwand in dem Raum, in dem die tote Cristina Nicosia aufgebahrt lag und auf ihre Untersuchung durch den Gerichtsmediziner wartete. Seine Handflächen waren feucht. Das einzige Gefühl, das er jetzt noch spürte, war Angst, nackte, kalte Angst ….

Neugierig, wie es weiter geht? Hier geht’s zu Teil XIII.

*Die Schilderung der Ereignisse in Bologna hier in der Geschichte ist frei erfunden, wie auch die **“Eilmeldung“. Leider ist der furchtbare Anschlag, der sich am 02. August 1980 im Bahnhof von Bologna ereignete, jedoch Wirklichkeit und Teil einer traurigen Geschichte blutiger Attentate in Italien in den 1970er und 1980er Jahren, den sog. „Anni di piombo“.

Die Sache mit dem Schweizer Touristen und dem Blut am Fenster wird in einem Beitrag zum Thema des Deutschlandfunks von 2005 eindrucksvoll beschrieben und ist diesem Artikel entnommen (Vgl.: Karl Hoffmann, Art.: „Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna“, Deutschlandfunk, 02. 08. 2005).

Der Anschlag in Bologna forderte insgesamt 85 Tote und 200 Verletzte. In der Story wird er noch mehrfach zur Sprache kommen. Deshalb will ich hier nicht vorgreifen.

Weitere wichtige Informationen, auf die ich mich gestützt habe, finden sich auf Wikipedia und einem Erfahrungsbericht von Alex Kriegelstein im Spiegel, der das Attentat als 16jähriger glücklicherweise um einen Tag verpasste (Vgl.: Alex Kriegelstein, Art.: „Anschlag in Bologna: beginn einer lebenslangen Suche, Spiegel, 04. 01. 2008).

***Die „Eilmeldung“, die Florenz betrifft, ist ebenfalls frei erfunden, wie auch die „kleinere Explosion“ auf der Piazza della Repubblica, die nur in dieser Geschichte stattgefunden hat. Das gleiche trifft auf die Handlungen im Krankenhaus und den erwähnten Zug nach Bologna zu, den es gegeben haben kann oder nicht. Hier jedenfalls ist alles, Krankenhaus und Zug, Fiktion. Alle Personen – außer den historischen Persönlichkeiten – sind ebenfalls frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind daher rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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