Terror! (Teil VIII)

Was bisher geschah: Nach dem Deutschen Herbst, dem Terrorjahr 1977, bei dem mehrere Vertreter aus Politik, Justiz und Wirtschaft den Tod gefunden hatten, holt die Gegenseite zum Schlag aus. Das zumindest glaubt Lutz aus Berlin, dessen Informationen zufolge der Staat zusammen mit dem CIA für den Herbst 1980 ein verheerendes Attentat geplant haben soll, mit dem Ziel, es den Linken in die Schuhe zu schieben. Dabei sollen viele Menschen ums Leben kommen, so dass der Zorn der Bevölkerung auf Linke, selbst auf gemäßigte Linke, wächst und schließlich der linksterroristischen Roten Armee Fraktion jegliche Sympathien entzogen werden, wie sie hier und da bei einigen Linksintellektuellen damals durchaus vorhanden waren – u. a. aufgrund der scharfen Haftbedingungen für RAF-Mitglieder, die auch „sanfte“ Foltermethoden („sensorische Deprivation“, Entzug von Sinnesreizen zum „Mürbemachen“) beinhalteten, wegen des mysteriösen Todes mehrerer inhaftierter RAF-Leute im Herbst 1977 – Damals bezweifelte man in linken Kreisen noch, dass es sich tatsächlich um Selbstmord handelte – und des rigorosen, z. T. unfairen Vorgehens auch gegen andere, friedliche Linke seitens des Staates, das sich u. a. in einem paranoiden Klima der ständigen Verdächtigungen, willkürlichen Hausdurchsuchungen bei linken Studenten und Intellektuellen und teilweisen Berufsverboten („Radikalenerlass“) ausdrückte.

Da die „Strategie der Spannung“ (der historische Hintergrund wird u. a. ausführlicher in Teil IV erläutert) zu dem Zeitpunkt, als Lutz sich damit befasst, in Italien schon länger Anwendung findet und es ein offenes Geheimnis ist, dass zahlreiche Anschläge mit vielen Toten, die angeblich Linke verübt haben, in Wirklichkeit auf das Konto von Faschisten gehen – mit Drahtziehern aus Regierungskreisen im Hintergrund -, nimmt Lutz Kontakt zu dem Florentiner Nanni auf, der dem Umfeld der linksterroristischen Brigate Rosse angehört. Lutz & Nanni haben Wind davon gekriegt, dass sich am Morgen des 02. August 1980 ein deutscher NATO-General – Berthold Brennecke* – in Florenz mit einflussreichen Italienern treffen will, um sich über die „Strategie der Spannung“ auszutauschen und sich Anregungen für das in Deutschland geplante Attentat zu holen. Lutz & Nanni wollen dieses Attentat um jeden Preis verhindern und planen einen Sprengstoffanschlag in dem Café, in dem sich Brennecke und die anderen Treffen wollen.

Nachdem der Sprengstoff deponiert ist, fährt Lutz mit seiner Tochter, die ihm seine Ex-Frau Sigrid in dem Glauben, Lutz mache in Italien Urlaub, aufgehalst hat, weiter ans Thyrrhenische Meer, um es so aussehen zu lassen, als seien sie tatsächlich harmlose Touristen aus Deutschland.

An dem Treffen mit Brennecke soll auf Geheiß ihres einflussreichen Vaters, der sich selbst im Hintergrund halten möchte, auch die junge Cristina teilnehmen. Cristina, die in Paris Psychologie studiert hat, interessiert sich eigentlich wenig für Politik und ist außerdem lesbisch, was sie aber in dem konservativen, katholischen Umfeld, in dem sie lebt, nicht offenbaren kann. Angewidert von den Plänen Brenneckes, die sie aus einer humanistisch-christlichen Haltung heraus ablehnt, aber auch um sich dem Einfluss ihrer Familie endgültig zu entziehen und einer arrangierten Ehe mit einem Geschäftsfreund ihres Vaters zu entgehen, beschließt Cristina, ebenfalls in den Lauf der Ereignisse einzugreifen.

Darüber hinaus hat sich eine international agierende lateinamerikanische Terrororoganisation eingeschaltet. Daniela, eine italienischstämmige Argentinierin, die ihren Mann im Zuge der Militärdiktatur Videlas verloren hat, soll im Auftrag der „Organisation“ weiteres Blutvergießen in Europa verhindern. Damit soll nicht zuletzt der Einfluss im Hintergrund operierender rechter Kräfte in Italien zurückgedrängt werden, die u. a. auch Videla in Argentinien unterstützen**.

Wer die Story von Anfang an lesen will – hier geht’s zu Teil I

Florenz, Toilette des Studentencafés der geisteswissenschaftlichen Fakultät, Via Cavour, 02. August 1980, 9 Uhr:

Letztendlich hatte sie sich doch für die Sig Sauer entschieden. Die Automatik erfreute sich großer Beliebtheit auch bei den deutschen Sicherheitskräften. Vermutlich stammte sie sogar von dort, aber das wusste sie nicht. Die Waffe war auf Umwegen zu ihr gelangt, so wie alles andere, und sie stellte keine Fragen. Behutsam hob sie die Maschinenpistole aus der Strandtasche, die sie mitgenommen hatte. Sie musste sich alle Details genauestens einprägen, denn sie würde nicht viel Zeit haben. Daran, dass etwas schief gehen könnte, wollte und konnte sie nicht denken. Es kam ihr vor, als sei sie selbst dabei, sich zu automatisieren – eine Frau, die dabei war, sich in eine Killerin zu verwandeln, mehr noch, in den Aufsatz und Abzug, der sie mit der Waffe verschmelzen lassen und aus der Sig Sauer ein totsicheres Mordinstrument machen würde. Was sie vorhatte, was riskant – Das wusste sie -, aber es würde unzählige Menschenleben retten. Wenn auch vielleicht nicht unbedingt ihres.

Aber gab es einen besseren Grund, zu sterben? Nur für den Fall, dass sie dabei drauf gehen würde – Die Alternative war, dass sie noch 20, 30 Jahre oder länger lebte und dann würde ihr Herz zu schwach sein, um ihren Körper mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Ein Atemzug wäre nicht mehr genug, um noch ausreichend Luft zu schöpfen. Ihre Erinnerung würde sie trügen, ihr Streiche spielen, bis sie nicht einmal mehr wissen würde, was sie wenige Minuten zuvor getan und gewollt hatte. Ihre Glieder würden ihr nicht mehr gehorchen, jeder Schritt eine Qual sein, die Sinne abstumpfen, bis sie nicht mehr ausreichten, um sich in der Welt zu orientieren …

Nein, sie musste nicht unbedingt warten, bis es soweit war. Sie war nicht todessehnsüchtig. Es war lediglich so, dass sie es darauf ankommen ließ. Eine höhere Macht würde entscheiden und es würde seinen Sinn haben. Liebevoll strich sie über den kalten Stahl der Sig Sauer. Aus dem Café drang New Wave♦. Dann ein abrupter Wechsel – Italo-Rock: „Cercherò mi sono sempre detta cercherò, troverai mi hanno sempre detto troverai …“ schrie eine tiefe, heisere Frauenstimme♦.

♦Diskographie: The Cure, „A Forest“ (1980), Gianna Nannini, „America“ (1979, Übersetzung der Textzeile: „Ich werde suchen, habe ich mir immer gesagt, ich werde suchen, Du wirst finden, haben sie mir immer gesagt, Du wirst finden ….“. Übersetzung durch Laila Phunk, keine Gewähr)

Sie musste an das junge Paar denken, das direkt an dem schmalen Gang zur Toilette gesessen hatte. Beide waren ein paar Jahre jünger als sie selbst, hatten bis vor kurzem sicherlich noch die Schulbank gedrückt, das Mädchen mit der Lücke zwischen den Schneidezähnen und den großen quietschgelben Ohrringen, das über jeden zweiten Satz lachte, den der junge Mann von sich gab. Der Junge trug die Haare etwas länger. Eine mit Büchern und losen Blättersammlungen vollgestopfte Jutetasche hing über seinem Stuhl, wie sie sich erinnerte, obwohl jetzt, mitten im Sommer, sicher auch für die Studenten Ferien waren. Die beiden jungen Leute, deren Gesichter noch etwas Pausbackiges, Kindliches an sich hatten, strahlen, so kam es ihr vor, auf eine unschuldige, naive Art von innen. Eine große Zukunft lag vor ihnen, wie vor allen jungen Leuten in ihrem Alter, überall auf der Welt. Ihr Leben, zumindest ihr Erwachsenenleben, hatte ja gerade erst begonnen. Sie lächelte und ließ das Magazin einrasten. Die Spur würde letztendlich nach Deutschland führen. So viel war klar.

Davide, italienische Streitkräfte, Florenz, Piazza della Repubblica, 02. August 1980, 9 Uhr 30:

Der Gurt, an dem er die Maschinenpistole, die an seiner Hüfte baumelte, trug, saß ein wenig schief. Davide zurrte daran. Er nahm Haltung an, neben dem Army-Jeep, dachte an das Walkie-Talkie***, das sich in einer Hüfttasche auf der anderen Seite befand. Er lauerte auf jeden Mucks, den das Gerät eventuell von sich geben könnte. Das hier war keine Übung, so wie sie sonst durch den Schlamm am Strand bei Livorno robbten, um zu proben, was wäre, wenn ein paar Fallschirmspringer Mu’ammar Gheddafis+ vor der thyrrhenischen Küste landen würden, um sich in das Landesinnere, in die Toscana durchzukämpfen und Italien, unterstützt durch die Sowjets, militärisch in eine sozialistische Diktatur zu zwingen.

Davide hatte sich für eine Laufbahn bei der Armee entschieden und bereute es keinen Tag. Ansonsten hätte der gelernte Automechaniker, der aus einem Dorf bei Pisa stammte, allenfalls sein eigenes Motorino reparieren können oder wie sein Bruder von morgens früh bis Mitternacht in einem Kiosk stehen und den Touristen Zigaretten, Mineralwasser und Stadtpläne verkaufen können. Nein, danke! Der sportliche Davide hatte sich für das Abenteuer entschieden und dafür, Verantwortung für sein Land zu übernehmen.

Er war stolz, dass man ihn mit dieser Aufgabe betraut hatte. Davide hielt sich für einen guten Strategen und er legte Wert auf Disziplin. Seine Einheit hatte im Vergleich immer gut abgeschnitten. Eines Tages, so erlaubte sich Davide einen kurzen, eitlen Tagtraum, würde er Italien vielleicht bei der NATO vertreten. Wie oft waren sie mit dem Mannschaftsbus an Camp Darby, dem toskanischen NATO-Stützpunkt vorbeigefahren? Davide wusste, dass diese Mission ein erster Schritt war, wenn auch nur ein winzig-kleiner. Die Carabinieri sollten nicht eingebunden werden, denn man wollte nicht, dass das Treffen allzu große Wogen schlug. Daran war, soweit Davide gehört hatte, v. a. Bonn++ interessiert. Der Deutsche war ein ganz hohes Tier bei der NATO. In einer halben Stunde wollte er hier mit einigen Italienern zusammentreffen, die politisch einflussreich waren, sich aber für gewöhnlich im Hintergrund hielten, und informell ein paar Punkte zur europäischen Sicherheitslage durchsprechen. Einige wichtige Dokumente sollten übergeben werden. Auch die Amerikaner waren involviert. Es ging um die blutigen Terrorakte in Deutschland und Italien, mit denen die Sowjets versuchten, die westlichen Demokratien zu destabilisieren.

… Aber nicht, so lange es Männer wie Davide gab! Sollten die roten Faschisten doch glauben, sie mordeten im Namen des Volkes. Davide war nämlich ein Mann des Volkes und er konnte für sich selbst sprechen: Er wollte keine Sowjetdiktatur. Er wollte eine Frau – verschämt dachte er an die Schmuddelbildchen, die er sich in seinen Spind gehängt hatte. Aber das machten schließlich alle! – und Geld – Im Haus seiner Eltern standen mehrere dringende Reparaturen an. Die kleine Olivenplantage warf nicht mehr genug zum Leben ab. Die Spanier produzierten billiger, wenn auch qualitativ lange nicht so hochwertig wie in der Toscana. Davide wollte ein Auto, eines Tages ein paar Kinder und in seinen kühnsten Träumen wollte er außerdem nach Brüssel+++. Er schalt sich für den Gedanken. Um ein Mann vom Formate Berthold Brenneckes zu werden, würde er noch lange Jahre an sich arbeiten müssen. Mit einer Mischung aus jungenhafter, glühender Bewunderung und ein wenig Neid dachte er an den deutschen NATO-General, den er heute schützen würde.

Davide rückte die verspiegelte Sonnenbrille, die auf seiner Nase saß, zurecht. Er schwitzte, denn schon jetzt brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel und natürlich waren Springerstiefel nicht die richtige Bekleidung, aber Davide war, wie gesagt, diszipliniert. Schwer hing die Maschinenpistole an seiner Schulter. Er horchte noch mal nach seinem Walkie-Talkie, obwohl es noch ein bisschen zu früh war für konkrete Anweisungen ….

Gespannt, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu Teil IX.

*Berthold Brennecke ist, wie alle Personen in dieser Geschichte (außer den historischen Persönlichkeiten) meiner Fantasie entsprungen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

**Die Militärdiktatur in Argentinien unter Jorge Rafael Videla (1925 – 2013, argentinischer Diktator von 1976 – 1981), sowie Videla selbst erhielten großzügige Unterstützung durch die ominöse italienische Loge P2 und deren „Großmeister“ Licio Gelli, der politisch dem Faschismus nahe stand. Auch war einer der führenden Köpfe der argentinischen Militärjunta, Admiral Emilio Massera, Mitglied bei P2 (genau wie auch, aber das sei hier nur am Rande vermerkt, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi Mitglied der Loge gewesen sein soll). Mehr dazu kann man auf Wikipedia nachlesen (allerdings auf Italienisch)

***Walkie-Talkie: Handfunkgerät. In den 1980er Jahren gab es noch keine Handys. U. a. im militärischen Bereich wurden aber Handfunkgeräte, sog. „Walkie-Talkies“ genutzt. Sie kommen auch heute noch zur Anwendung, z. B. in Gebieten ohne stabiles Mobilfunknetz.

+Mu’ammar Ghedaffi (vermutlich 1941 – 2011): Seit 1969 Staatsoberhaupt von Libyen, seit 1979 (bis zu seinem Tode 2011) „Revolutionsführer“.

++Bonn: bis 1990 Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland

+++Brüssel: seit 1967 NATO-Hauptquartier

Ob in Italien tatsächlich die Armee eingesetzt würde, um hochrangigen ausländischen Gäste – auch NATO-Generälen – Personenschutz zu geben, weiß ich nicht. Ich habe mir diese künstlerische Freiheit herausgenommen, um die Dinge etwas zu dramatisieren. Immerhin ist dies kein tatsachenbericht, sondern eine frei erfundene Geschichte. Viel Spaß mit dem nächsten Teil – demnächst hier auf Laila Phunk!

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3 Gedanken zu “Terror! (Teil VIII)

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