Wie konservativ sind Kultur & Medien (IV): Polnisch für Anfänger

… Die Blenderei und Aufschneiderei der Leute war schon ein Problem. Mein letzter Schein war eine große Pflichtexkursion nach Tschechien und Polen mit Herrn N., den ich später ebenfalls „zufällig“ in Berlin wiedergetroffen habe. Eigentlich hatte ich auch meine Magisterarbeit bei Herrn N. schreiben wollen (über italienischen Faschismus, promoviert habe ich letztendlich nicht mehr), aber auf der Exkursion wurde schnell klar, dass ich nicht zum „inneren Zirkel“ gehörte, mit dem Herr N. abends essen ging, sondern zum Fußvolk, dass man notgedrungen mit durch die Exkursion schleifen musste. Ich beschloss, dass das keinen Sinn machte. Vielleicht hatte Herr N. insgeheim darauf gehofft, aber das weiß ich nicht.

Eine Frau, die zu den Lieblingen gehörte (die jeder Prof hatte, ich gehörte nirgends dazu, mal war das aber deutlicher zu spüren, mal war es ein ambivalenteres Gefühl, in Frauen- und Genderforschung wurde beispielsweise Wert darauf gelegt, dass ich die In-People moralisch unterstütze. Insofern, also in dieser Rolle war ich durchaus willkommen, aber eben nur in dieser Rolle.), einer der Lieblinge von Herrn N. also plusterte sich während der Exkursion mit ihren Polnischkenntnissen auf, also, sie erwähnte immer wieder, dass sie Polnisch spreche, sprechen hörte man sie es aber nie.

Eines Tages, in Polen, war mit dem Frühstück organisatorisch etwas durcheinandergegangen. Wir irrten durch ein Gebäude. Als wir schließlich jemanden zu fassen bekamen, mussten wir feststellen, dass die Leute weder Englisch noch Deutsch sprachen. Der Liebling hielt sich vornehm zurück. Genauer gesagt: Die Frau blieb stumm. Unserem Professor schien nichts einzufallen. Also ergriff ich die Initiative, obwohl ich gar kein Polnisch spreche (mich aber in einer Sprache verständlich machen kann, die – sagen wir mal – etwas ähnlich ist. Bin halt echt multikulti!): Ich erklärte, dass wir eine Gruppe von der Uni T. seien und man uns gesagt habe, dass wir hier unser Frühstück einnehmen könnten. Wir üssten aber nicht, wo das sei. Zehn Minuten später saßen wir an reich gedeckten Tischen. Ein Dankeschön an meine Person sparte man sich. Vielleicht, so vermutete ich, wollte man dem Liebling, der mit seinen Polnischkenntnissen geprahlt hatte, die Schmach ersparen. Ich legte keinen Wert darauf, mit der Frau zu konkurrieren. Immerhin spreche ich tatsächlich kein Polnisch. Das ließ ich also auf sich beruhen. Irgendwie war aber wohl etwas zu der Herberge, in der wir nächtigten durchgesickert. Der Mann von der Rezeption winkte mir eines Abends, ich solle mal herkommen. Wo der Professor sei, wollte der Mann wissen. „Inder Stadt“ sagte ich „er isst mit den anderen zu Abend.“. Der Rezeptionist sagte, da sei ein dringender Anruf für Herrn N.. Er bedeutete mir, ich könne mit Stift und Papier alles notieren. Genau genommen hielt er mir beides direkt vor die Nase. Schweißnass ergriff ich den Hörer. Nie im Leben würde ich eine längere Konversation auf  Polnisch bestreiten können. Wahrscheinlich würde ich nur jedes fünfte Wort verstehen und es wäre ein Fiasko. Nichts würde ich ausrichten können. Zu meiner Überraschung erklärte mir am Telefon eine freundliche Frauenstimme in fließendem Deutsch, dass sie bestellt worden sei, um ein paar Details mit Herrn N. abzuklären. Ich notierte und versprach erleichtert, alles weiterzuleiten. Den Zettel hinterlegte ich mit freundlichem Gruß an der Rezeption. Der Rezeptionist lächelte.

Mitten in der Nacht, so schien es mir, riss jemand polternd die Tür auf. Gleißendes Licht strömte in das Zimmer, das ich mir mit ein paar Kommilitoninnen teilte. „Ja, sag einmal, was für eine Frechheit!“ schrie eine Frauenstimme hysterisch auf Deutsch, nur um dann schneident fortzufahren: „Man. Hat. Uns. Aus-richten. Lassen …. Die will uns hier verarschen! Laila! Steh auf! Was hast du dir dabei gedacht?!“ Ich fühlte mich an die Gestapo erinnert, auch wenn das vielleicht nicht nett ist, das zu schreiben. In Wirklichkeit war es eine von N.’s Doktorandinnen, eine blonde, schlecht gekleidete Frau, damals vielleicht Ende 30? Jedenfalls promovierten sie und ihr Mann beide bei N.. Beide waren auch auf der Exkursion dabei und gehörten selbstverständlich zur In-Group. Das Paar hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es unter ihrer Würde war, sich mit mir abzugeben. Aber auf eine derartige Aggression war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte geglaubt, einen Gefallen zu tun. Wenn ich ehrlich war, hatte ich sogar ein kleines Lob erwartet. Es hätte nicht gerade überschwänglich sein müssen, ein schlichtes „Danke, dass Sie den Anruf entgegengenommen haben“ hätte gereicht. Und wo war überhaupt das Problem? Ich murmelte, dass ich schließlich nur weitergeleitet hätte, was man mir am Telefon ausgerichtet hatte. Die Tür fiel wieder zu. Ich schlief sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wuselte die Blonde, deren Namen ich vergessen habe, hektisch umher, immer mit abfälligen Blicken auf meine Person. Das, was ich ausgerichtet hatte, konnte offenbar nicht stimmen. Angeblich war alles ganz anders abgesprochen gewesen. „Hör zu. ich hab’s nur ausgerichtet. Ich kann nichts dafür, dass Herr N. nicht da war.“ machte ich dem ganzen einen Punkt. „Außerdem“ fügte ich hinzu „Haben sie sogar extra jemanden organisiert, der Deutsch kann.“ Herr N. hatte nicht viel dazu zu sagen. Noch während des Frühstücks stellte sich heraus, dass ich die richtigen Infos weitergeleitet hatte. Über die Sache wurde weiter kein Wort verloren. Allerdings auch keines der Entschuldigung in meine Richtung …

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